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T U E S D A Y ,

M A R C H

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Wir Deutschen sind für unsere Gründlichkeit bekannt. Wie jeder aus dem Alltag weiß, kann Gründlichkeit allerdings leicht in Absonderlichkeit umschlagen, in skurriles Verhalten. Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es auch hier nur einen Schritt; wer eben noch bewundert wurde, der kann schnell zum allgemeinen Gespött werden.

Zum allgemeinen Gespött ist Deutschland mit seinem Öko-Wahn vielleicht noch nicht geworden, aber die ersten Spötter haben uns doch schon im Visier. In dem britischen Blog Bishop Hill fand sich gestern der folgende Eintrag:

A German aristocrat of my acquaintance has figured out that the price he will be paid for the output of a solar panel is so high compared with the price he will pay for his input of normal electricity, that he is thinking of rigging up powerful arc lamps to shine on solar panels on his extensive roof.

Ein deutscher Adliger, mit dem ich bekannt bin, hat ausgerechnet, dass der Preis, den er für die Einspeisung von Strom aus seiner Solaranlage bekommt, so weit über dem Preis liegt, den er für normalen Netzstrom zahlt, dass er daran denkt, starke Halogenstrahler anzubringen, welche die Solarpaneele auf seinem ausgedehnten Dach bestrahlen.

Se non e vero e ben trovato. Dem britischen Humor traue ich es zu, diesen deutschen Adligen ersonnen zu haben. Aber wer weiß, vielleicht existiert er wirklich; und vielleicht ist der Witz ja längst Realität, oder jedenfalls realisierbar.

Jener gedachte oder real existierende deutsche Adlige kauft Strom, wandelt ihn zunächst in Lichtenergie und dann wieder in Strom um und verkauft diesen zu einem höheren Preis, als er für den gekauften Strom gezahlt hatte. Seine Anlage ist zwar eine Stromvernichtungsmaschine (der Wirkungsgrad von Photozellen liegt typischerweise bei ungefähr 20 Prozent), aber zugleich eine Gelddruckmaschine.

Besser kann man den ökonomischen Wahnwitz der Förderung der Solarenergie (siehe Das gigantische Geschäft mit dem Solarstrom; ZR vom 4. 3. 2010) kaum illustrieren. Für den

Wahnwitz der Förderung der sogenannten erneuerbaren Energie überhaupt gibt es aber noch ein absurderes Beispiel: die Windenergie.

Man kann es in der aktuellen Ausgabe des gedruckten "Spiegel" lesen ("Spiegel" 10/2010 vom 8. 3. 2010; S. 84 - 85), unter dem schönen Titel "Windiges Minus". (In "Spiegel- Online" habe ich nichts dazu gefunden, obwohl es doch eigentlich eine Knüller-Meldung ist). Der "Spiegel" berichtet, daß nicht selten Stromkunden nicht nur Strom umsonst bekommen, sondern daß der Stromerzeuger sie sogar dafür bezahlt, daß sie ihm Strom zum Nulltarif abnehmen.

Wie das? Die Erklärung ist einfach. Wie Kritiker der "erneuerbaren Energien" seit Jahrzehnten schreiben, haben sowohl der Solarstrom als auch der Strom aus Windrädern den massiven Nachteil, daß sie nicht nach Bedarf produziert werden können. Solarstrom wird in dem Maß erzeugt, in dem die Sonne scheint. Windenergie entsteht nun einmal dann und genau dann, wenn der Wind weht.

Alle klassischen Formen der Stromerzeugung wurden vernünftigerweise so entwickelt, daß die jeweils erzeugte Strommenge dem Bedarf angepaßt werden kann; wenn auch unterschiedlich schnell. Aus Talsperren kann viel oder wenig Wasser über die Turbinen fließen; Gaskraftwerke können ebenfalls schnell gedrosselt oder hochgefahren werden. Bei Kohle- und Kernkraftwerken ist das Herunter- und Hochfahren etwas langsamer, aber es funktioniert und findet auch statt.

Aber der Wind weht bekanntlich, wann er will; und die Sonne scheint mal mehr, mal weniger und manchmal gar nicht.

Die Folge ist, daß es ein hohes Angebot beispielsweise an Windenergie just dann geben kann, wenn es nicht benötigt wird. Zum Beispiel über Weihnachten, wo wegen der Feiertage wenig Energie verbraucht wird. Und was dann passieren kann, schildert der "Spiegel"-Artikel für den ersten Weihnachtsfeiertag 2009 so:

Über der Nordsee hatte sich ein gewaltiges Sturmtief zusammengebraut. Orkanartige Böen jagten über die Küstenlandschaft, entwurzelten Bäume und deckten Dächer ab. Selbst im Flachland verzeichneten die Meteorologen noch Windgeschwindigkeiten von bis zu 90 Stundenkilometern.

Nicht nur das Wetter schlug Kapriolen. An der deutschen Strombörse in Leipzig registrierten Händler und Kunden zeitgleich ein Phänomen, das lange eine eher

theoretische Rolle gespielt hatte. Innerhalb weniger Stunden drehte der Strompreis am Spotmarkt in den negativen Bereich. Wer sich in dieser Zeit eindeckte, erhielt nicht nur den Strom umsonst, sondern obendrauf noch eine Prämie für die Abnahme. Und zwar nicht zu knapp; allein an jenem ersten Weihnachts-Feiertag wurden 14 Millionen Euro an Prämien gezahlt.

Das war kein Einzelfall. Seit Anfang September vergangenen Jahres ist es an 29 Tagen passiert, daß Abnehmer für Strom nicht zahlen mußten, sondern noch etwas dazubekamen, nur damit sie den Windstrom abnahmen.

Ja, aber was machen sie denn mit dem geschenkten und auch noch bonifizierten Strom, wenn doch kein Bedarf besteht? Ganz einfach: Dieser vom deutschen Stromkunden mit hohen Stromkosten subventionierte Strom wird ins Ausland verschenkt, wo man ihn nutzen kann.

Das Alpenland Österreich beispielsweise hat, durch seine Geographie bedingt, die Möglichkeit, Stromenergie durch eine Umwandlung in potentielle Energie zu speichern. Wird Strom verschenkt, dann nutzt man ihn, um Wasser in die Höhe zu pumpen, das dann, wenn Strom benötigt wird, Turbinen betreibt. Der "Spiegel":

Für die Betreiber solcher Pumpspeicherkraftwerke, weiß man bei der Deutschen

Energieagentur, ist das ein todsicheres Geschäft. Für die deutschen Verbraucher hingegen

ein massives Ärgernis. (

werde so immer öfter als "Graustrom" ins Ausland "verschenkt". Die Deutschen sind eben gründlich. Auch wenn wir uns damit nicht nur zum Gespött, sondern auch pekuniär zum Deppen des Auslands machen.

)

Aufwendig produzierter CO2-freier Ökostrom aus Deutschland

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Verkehrte Welt an der Energiebörse:Dort rutschen die Preiseimmer wieder ins Minus. Käufer bekommen Geld, wenn sie Strom abnehmen'

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entstanden in ganz Deutschland gewal- tige Windparks. Auf rund z6 Gigawatt ist die installierte Leistuns inzwischen angewachsen.Das entspriiht knapp ei- nem FünJtel der gesamten Kraffwerks- leistung. Wenn der Wind kräftig weht, werden gewaltigeMengen Okostrom in die Netze

eingespeist.Und genau hier liegt das Pro- blem.Denn den Ausbau der notwendigen Idrastruktur hat die Bundesregierung hoE ihrer ambitionierten Förderpro$am- mestark vernachlässigt. Esfehlen Leitun- gen,intelligente Netzschaltungen und vor allen-Anlagen, die in der Lage wären, den Okostrom in windstarken Zeiten zu speichem.um ihn bei Bedarl späterwie- derins Netz einzuspeisen. Die fatalen Folgen zeigen sich, wenn, wie an Weihnachten, eine schwache Stromnachfrageauf hohe Windstrom- mengentrifft. Dam nämlich müssten die Energieversorger eigentlich ihre großen Kohle- oder Atomkraftwerke vom Netz

sehmen.Doch

die Prozedur des An- und

ist langwierig und auch teuer.

nur wenigenStarkwindstunden,heißt bei den Betreibem laoidar. lohne sich Aufwand oft nicht. Die Konsequenz diesesVerhaltens; Die steigt in kürzester Zeit ra-

an. Netze werden instabil. die Preise

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Bezahlen müssen den Irrsinn

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Im - Gegenteil:

von den negativen

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in

Deutschlandeine gesetzlichfestgeschrie- bene Sonderstellung.So erhalten Wind- stromanbieter eintArt Mindestvereu- tunB,die dezeit noch deutlich über d-en jeweiligen Börsenpreisenliegt. Die Differenz bezahlendie Stromkun- den - auchwenn der Ökostrom gar nicht in DeutschlandverbmuchtrÄ/ird,sondem möglicherweise sogar ins benachbarte Ausland fließt.

Genau das scheint in srößerem Aus- maß seit einigenMonaten zu geschehen. So verfügen Nachbarländer wie Öster- reich über gewaltige Pumpspeicherwerke. Und deren Betreiber haben sich eaDzof- fenbar auf die wirren Marktverhälhisse in Deutschlandeingestellt. lst viel Windstrom im Netz und der Strompreisniedrig oder gar negativ,wer- den große elektrische Pumpen angewor- fen, mit denen gewaltige Wassermengen

Rund 14000 MegawattstundenStrom wurden in der kurzen Spanne gehandelt, genug,um etwa 35ooHaushalteübereinen Zeitmum von einem Jahr zu versoüaen. Unter normalenUmständenhattedie-Me- gawattstunde im Duchschnitt der vergan-

genen Wochen bei etwa 40 Euro gelegen. Doch ein Ende der verkehrten Verhält- nisse ist nicht in Sicht. Denn nicht nur ungenügendeSpeicheqmoniert der auf Windkraft spezialisierte ökonom und Professorvon der Hochschule RheinMain in Wiesbaden,Lorenz Jarass,trügen zu der ,,grotesken Situation" bei. Fatal wirke sich auch die vor einigen Monaten von der BundesregierungverabschiedeteAn- derung desEEG aus. Bis dahin nämlich waren Stadtwerke und Energieversorgerwie E.on oder RWE gezwungen,den Okostrom zu bezahlen und ihn auch an die eigenenKunden zu Iiefern. Notfalls mussten sie ihre Produk- tion drosseln und Kraftwerke abschalten, Nach der Änderung des EEG reicht es jedoch aus,wenn siedie Windstrommen- genbezahlenund anschließendkomplett an der Börse anbieten. Für die Verbraucher und den Umwelt- schutz,glaubtJarass,seidas ,,die schlech-

teste aller Lösungen". Denn der Druck auf die Energieversorger,ihren

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die Windstrommengen in den nächsten Monaten und Jahren noch \Meiterrapide anwachsen würden. Doch in Berlin tut man sich schwer. Zwar hat die zuständige Bundesnetzagen- tur vor wenigen Tagen eine Verordnung erlassen,mit der bei ganz krassenPreis- ausbrüchenLimits beim Preis gesetzt wer- den können. Doch solche Eingriffe sollen nur in wenigenbegründetenEinzelfällen Dassierenund auch nur lür eine Uber- gangsphasevon knapp einem Jahr. Mittel und langfristig,glaubendie Be- amten, werde sich die Stromwirtschaft auf die neue Situation einstellenund Lö- sungen erarbeiten. Bis dahin will man ab- warten und den Martl weiter beobachten. Die Verbraucher dürften dafür nicht son- derlich viel Verständnishaben.

in höhergelegeneSeengepumpt werden. Ist Strom in Deutschland knapp, wird das Wasser durch steile Röhren in Turbinen gejagt. Der auf diese Weise erzeugte Strom wird dann zu Höchstoreisenwie- derverkauft. Für die Betreiber solcherPumpspeicher- kraftwerke, weiß man bei der Deutschen Eneryieagentur, ist das ein todsicheresGe- schäft. Für die deutschenVerbraucher hin- gegen ein massivesArgernis. Denn die Zuständeam zweiten Weih- nachtstagsind längst kein Einzelfall mehr. An mehr als zehn Tagensind die Preise allein seit Dezember in den nesativen Be- reich gerauscht.Aur vergangenin Montag konnten sich Käufer zwischen Mitter- nacht und sechsUhr morgensbis zu t9o Euro pro Megawattstunde als Bonus gut- scfueibenlassen.

FRANK DoriMlN,

WoI-FGANe

REUTER

DER

SPIEGEL

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