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Widerstand bedarf Bewusstsein

Doğan İSYAN

"Wenn die Jugend


sich organisiert, kann
sie sich von den Fallen
des Systems schützen,
seine wahre Identität
finden und zu einem
freien und würdevollen
Mitglied eines freien
Volks werden"

Ohne ein Bewusstsein für die negativen Einflüsse des kapitalistischen Systems auf
das menscheliche Leben wird eine korrekte Kritik und Gegenhaltung nicht möglich
sein. Die Degeneration von moralischen Werten, die Verbreitung der Konsumkultur,
ideologische Manipulationen, der Marken- und Etikettenirsinn sowie eine
Lebensweise, die in zwischenmenschlichen Beziehungen auf Eigeninteresse beruht,
sind nicht von diesem System wegzudenken. Zunächst sollten wir kurz auf die
Bedeutung des Begriffs Kapitalismus eingehen, der im Türkischen auch "Anamalcilik"
und "Sermayecilik" genannt wird (Anamal, sermaye = Kapital). Sowohl die Freie
Unternehmenswirtschaft sind Versionen des kapitalistischen Systems. Der
Kapitalismus kann auch folgendermaßen definiert werden: Eine wirtschaftliche
Organisationsform, in der das Kapital sich in privaten Händen (als Privateigentum)
befindet und menschliche sowie natürliche Strukturen für persönlichen Profit benutzt
werden. Generell handelt es sich um das wirtschaftliche System, dass seit dem
Zusammenbruch des feudalen Systems in Europa im 16. Jahrhundert herrschend ist.
Natürlich kann dieses System heutzutage nicht nur auf Europa begrenzt werden. Die
Haupteigenschaft der kapitalistischen Wirtschaft ist der Fakt, dass der Großteil der
Produktionsmittel sich in privaten Händen bzw. in den Händen einer kleinen elitären
Klasse befindet und die Funktionsweise des Marktes zum größten Teil bestimmt, wie
die Einnahmen aus dieser Produktion und des Marktes, die sich in privaten Händen
der Kapitalbesitzer und nicht der Gesellschaft befinden, sowie Ort und Art dieser wird
von den Kapitalbesitzern gesprochen. Die Besitzer von Privatkapital benutzen das
Kapital entsprechend ihrer eigenen Interessen an Ort und auf Weise, die ihnen
zusprechen...
Diese Situation hat dazu geführt, dass die ungleichmäßige Produktions- und
Konsumkultur zu einem Teil des gesellschaftlichen Lebens geworden ist. Darüber
hinaus sind einige populäre Philosophiesträmungen geschaffen worden, durch die mit
Unterstützung von Medien kulturelle, künstlerische, sportliche u.ä. Bereiche zu den
größten Ausbeutungsbereichen verwandelt wurden. Beispielsweise taucht jeden Tag
ein neuer Sportler oder Künstler in Fernsehreklamen auf, um für irgendeine
Shampoo-Marke zu werben. Es heißt dann immer wieder "Wenn Sie dieses Shampoo
nutzen, werden Ihre Haare glänzender, werden Sie anziehender, werden Sie Frauen
oder Männern besser gefallen" oder etwa "Dieses Kleid, diese Hose sind das
Markenzeichen der Jugend" usw. Mit diesen und ähnlichen Beispielen wird die
Lebensweise der Gesellschaft, vor allem aber der Jugend vom System bestimmt.

Kapitalismus erlebt seinem Höhepunkt

Das System, dass sich auf Ausbeutung und Profit stützt, bringt seine Produkte stets
mit einem anderen Bild, einer Manipulation auf den Markt. Um seine Produkte
loszuwerden wird eine Menschenmasse geschaffen, die sei es vom Denken her, sei es
vom Lebensstil her passen ist. Während auf der einen Seite Egoismus emporgehoben
wird, macht das System die Medien zu seinem Monopol und versucht zusammen mit
seines Nylonwerten eine Kultur des Konsums und der Degeneration aufzuerlegen.
Alles wird als Ware gesehen und dementsprechend mit einem Preis besiegelt. Alles
wird zu Profitobjekten, die mit Geld zu erwerben sind. Den Menschen wird unter dem
Begriff der "Realität" anstatt ihres Verstands und Gefühlen ihre nackte Logik zu
benutzen. Indem die Menschen jeden Tag aufs Neue mit dieser degenerierenden
Kultur bombardiert werden, sollen sie entwertet werden. All diese Vorgänge, auf die
hier nur kurz eingegangen werden kann, zeigen sich in Europa als Ort, in dem der
Kapitalismus auf seinem Höhepunkt erlebt wird, auf sehr konkrete Weise. Dabei stellt
die Jugend die Gruppe dar, die am meisten erzielt wird. Da es versucht, seine
Zukunft, also seine (Konsum-/ Ausbeutungs-) Kultur unter Garantie zu setzen, und die
Jugend eine Zeit ausmacht, in der sich der Mensch noch formt, versucht das System
zu verhindern, dass die Jugend zu einer oppositionellen Kraft gegen das System wird.
Deshalb richtet sich das System an die Jugend und versucht diese entsprechend
seiner eigenen Interessen zu formen. Wie und womit muss nun die kurdische Jugend
in Europa gegen dieses System geschützt werden? Die oben erwähnten Einflüsse
betreffen auch die kurdische Jugend. Denn die kurdische Jugend geht wie alle
anderen Jugendlichen auch durch die selben Formierungsstufen.

Etiketten und Markenirrsinn

Vor kurzem habe ich an einer Jugendveranstaltung teilgenommen. Dort sind mir zwei
Dinge aufgefallen. Im Speiseraum habe ich zufällig einer unterhaltung zwischen
Jugendlichen am Nebentisch zugehört. Zunächst wurde darüber diskutiert, wessen
Auto das schönste und qualitätsvolle Auto sei. Einer lachte seinen Freund aus, indem
er sagte "Die Felgen von einem Rad von mir kosten soviel wie dein Auto insgesamt".
Danach wurde darüber diskutiert, wessen Handy besser aussähe und mehr koste. In
dem Moment habe ich mich plötzlich wie auf dem Markplatz in Amed, zwischen all
den Obst- und Gemüseverkäufern gefühlt: "Meine Tomaten kommen aus soundso, sie
sind soundso rot, soundso vitaminvoll". "Meine Tomaten sind roter und
vitaminvoller". So versuchen sie sich gegenseitig zu übertreffen und die Kunden für
sich zu gewinnen. Vielleicht erscheint dies komisch, aber letzendlich stellte die Szene
im Speiseraum eine Situation dar, in der der Etiketten und Markenirrsinn sich vor
Augen führt. Damit die Konsumkultur genährt werden kann, werden die produzierten
Produkte zum Teil des Lebens gemacht. Es scheint, als würden die Besitzer durch
diese Produkte an Respekt gewinnen. Es wird ein Image geschaffen, das sich auf
materielle Dinge stützt. Die Jugend von heute lässt sich insoweit täuschen, als sie
glaubt, ein besseres Leben sei durch den Besitz von luxuriösen Dingen und teuren
Artikeln möglich. Dabei sind sie sich nicht darüber bewusst, dass es sich hierbei um
eine Falle des Systems handelt und den Menschen von moralischen Maßstäben
entfernt und ihn eigentlich hässlich werden lässt. Wenn die Lebensmaßstäbe und der
Weg, sich innerhalb der Gesellschaft zu Ausdruck zu bringen, vom System auf diese
Weise festgelegt wird, dann beginnt aufgrund dieser Falle ein Wettkampf zwischen
Jugendlichen. Dann geht es darum, dass jemand anderes ein Auto mit besseren
Felgen hat und die eigenen doch besser sein müssen, dass irgendjemand soundso
viel Geld hat, ein anderer an soundso einem Ort Urlaub macht, aber man selbst nicht
dorthin kann und als Ergebnis das eigene Leben als schlecht bewertet wird. Das
wiederum führt zu einer Art Suche. Man sollte nicht vergessen, dass viele kurdische
Jugendliche in europäischen Gefängnissen in diese Falle geraten sind; dass sie
dachten, mit mehr Geld sei ein besseres Leben möglich und als Opfer des Systems
nun in solch einer Lage sind. Derartige Menschen übertreffen sogar Napoleon, indem
sie nicht drei, sondern viermal "Geld, Geld, Geld, Geld" sagen und für ein "schöneres"
Leben jegliche moralische Werte hinter sich lassen. Und jetzt verbringen sie alle 5-7
Jahre Jugend, die als schönste Zeit des Lebens bezeichnet wird, im Gefängnis.

Gangster-Rapper Kultur und Jugend

Eine andere Sache, die mir auf der Jugendveranstaltung aufgefallen ist, ist die
Nachahmung der "Gangster-Rap" Kultur. Diese Neigung begrenzt sich nicht nur auf
die Kleidung, sondern wirkt sich auf die Art zu Reden, die Bewegungen und die
Betrachtungsweise von anderen Menschen aus. Wenn von "Gangster-Rap" die Rede
ist, denkt man zunächst an Gewalt, Drogen, die Bewertung und Behandlung von
Frauen als Ware, Raudies und Banden. Natürlich macht das System diese "Gangster-
Rapper" täglich mit Hilfe von Medien zu einer nachzuahmenden Gruppe und
degeneriert die Jugend auf diese Weise. Und es mag doch wundern, dass all diese
Gangster-Rapper auf gleiche Weise aufgewachsen sind und das Gleiche machen. Alle
trinken sie Red-Bull, gehen McDonald's, tragen Nike-Schuhe, besitzen alle neu
erschienenen Artikel zuerst, reden alle mit dem gleichen "Slang" und bewegen sich
alle gleich. Wer es nicht besser wüsste, würde denken, es handelt sich bei allen um
Brüder. Eben diese Art von Typen (Künstler, Sportler), die vom System am stärksten
benutzt werden, üben Einfluss auf die Jugend aus und bestimmen oder beeinflussen
alles. Wenn wir eine Reihe von Tatsachen und Ereinigsse zusammenbringen, sehen
wir doch sehr deutlich, wie versucht wird, die Jugend Identitätslos zu machen, von
moralischen Werten zu entfremden und zu standardisieren. Indem das System eine
Jugend kreiert, die nicht denkt und nicht hinterfragt, auf diese Weise die Energie der
Jugend in derartige Dinge kanalisiert, stellt es sich selbst unter Garantie. Wir könnten
noch endlos lang Beispiele geben, aber dies ist nicht notwendig.

Wie soll die kurdische Jugend sich nun hiergegen schützen?

Zunächst einmal ist es notwendig, dass die Jugend dieses System gut versteht und es
analysiert. Erst dann kann sie eine Haltung gegen das System einnehmen. Nur indem
die Jugend sich organisiert, wird sie an einen Punkt gelangen können, an dem sie
hinterfragt, diskutiert und mit ihrem eigenen Willen handelt. Und eine Jugend, die
diskutiert und hinterfragt, stellt aufgrund ihrer eigenen Natur den gesellschaftlichen
Teil dar, der am stärksten für Veränderung empfänglich ist. Jedoch darf die Jugend
nicht den Fehler machen, es bei Diskussionen zu belassen. Den Worten müssen
Taten folgen. Konkret heißt dies, dass sie sich organisiert und als Ausdruck dessen
überall ihre eigenen Komitees gründet sowie sich zu einer Willenskraft macht. In
diesem Sinne sollte jeder kurdische Jugendliche in Europa im Sinne des Spruchs "Jung
haben wir begonnen, jung werden wir es schaffen" zu Teil der sich in Europa
organisierenden kurdischen Jugend werden, Jugendräte gründen und in diesen
teilnehmen. Während diese Jugendräte einerseits die Aufgabe haben, die kurdische
Jugend überall gegen Degeneration und Identitätsschwund zu schützen, müssen sie
auf der anderen Seite die Energie der Jugend in den Bereich des Kampfes
kanalisieren und auf diese Weise zu einer entscheidenden Kraft bei der Befreiung des
kurdischen Volkes und der Lösung seiner Hauptprobleme werden. Allein eine
organisierte Jugend kann eine Jugend sein, die sich um Probleme kümmert, sich
aktiviert und Lösungen herbeiführt. Ansonsten wird sie in eine Position fallen, in der
sie nur diskutiert, sich beschwert, weint und innerhalb der Ausweglosigkeit, in die sie
verfällt, Degenerierung akzeptiert. Die Jugendräte müssen zu einer Struktur
gelangen, in der sich jeder ausdrücken und entgegen der Probleme von Jugendlichen
eine Lösungskraft darstellen kann. Die Jugendräte müssen zu einem
Anziehungspunkt werden, der alle jugendlichen Teile - StudentInnen, SchülerInnen,
junge ArbeiterInnen und Arbeitslose - anspricht. Die Energie der Jugend muss in
Aktivitäten und Aktionen fließen, die die Schaffung einer freien Zukunft erzielen.
Dazu gehören auch künstlerische, kulturelle, sportliche und forscherische Aktivitäten.
Allein wenn die Jugend sich organisiert kann sie sich von den Fallen des Systems
schützen, seine wahre Identität finden und zu einem freien und würdevollen Mitglied
eines freien Volks werden.

Quelle:
Stêrka Ciwan (Stern der Jugend), Adar (März) 2010