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„Lieber Besserkönner als Besserwisser – Sifu Victor Gutierrez“

Sifu Victor Gutierrez, 5. PG WT, Nationaltrainer für Spanien und Portugal, zur von Großmeister
Kernspecht angestoßenen Diskussion zum Stellenwert des Chi-Sao innerhalb des WingTsun ...

Das Imperium schlägt jetzt zurück

Ich war es schon seit langem leid, dass mich immer wieder Schüler nach irgendwelchen
abenteuerlichen Techniken oder unwichtigen Variationen von Chi-Sao-Sektion fragten, die sie im
Internet jemanden anders hatten machen sehen.
Nach den letzten turbulenten Jahren, mit den sich selbst überschätzenden Abspaltungen von
früheren Schülern und Kollegen, wurde ich das Gefühl nicht los, dass unsere EWTO in eine
gefährliche „Sektions-Falle“ geraten sei.
Auf der Suche nach möglichen Antworten reiste ich nach Deutschland und Italien, um mich bei
meinem Si-Fu über den letzten Wissenstand und über möglicherweise neue und eventuell
raffiniertere Chi-Sao-Sektionen schlau zu machen.
Ich stellte fest, dass viele Techniker, die vor Ort trainierten, die selben Verunsicherungen und
denselben Frust spürten wie ich. Diese ständigen sinnlosen Sektionsänderungen und
spitzfindigen Details brachten sie nur noch mehr durcheinander. Alle, mich eingeschlossen,
warteten auf das Machtwort des einzigen, der dem unrealistischen Spuk ein Ende bereiten
konnte. Aber zu diesem Zeitpunkt sah es so aus, als ob Si-Fu dem bösen Spiel einfach nur
zusah, alles beobachtete, aber nicht eingreifen wollte.

Meine Wut darüber, dass Menschen, die bis dahin unsere Kollegen gewesen waren, sich einfach
neue Bewegungen einfallen ließen, um sich damit von uns zu unterscheiden, sich eitel zu
profilieren und uns die Schüler zu verunsichern und abspenstig zu machen, wuchs mit jedem
Tag.
War es denn nicht so, dass alle, die WT in der Welt verbreitet hatten, wie ich Schüler von dem
selben Si-Fu gewesen sind? Die Meister, die im Namen unserer Organisation auf der ganzen
Welt WT verbreitet hatten, wurden auf einmal in Frage gestellt, und manche, die früher
respektvoll „Si-Fu“ zu ihm sagten, nannten ihn jetzt, aus der sicheren Ferne der Reichweite
seiner Arme, „Herr Kernspecht“.

Ich fühlte mich auf mich allein gestellt und begann mich an meine Anfänge zu erinnern, und
daran, dass unser aller Si-Fu immer gesagt hatte, dass WT nicht aus einzelnen,
aneinandergereihten „toten“ Techniken besteht, sondern ein geniales Konzept ist, wo
Feinfühligkeit und Anpassungsfähigkeit über Detailwissen herrscht. Si-Fu hatte mich zum Meister
ernannt, also wollte ich mich würdig erweisen und begann, in der Zeitschrift „Kampfkunst
International“ meines Freundes Alfredo Tucci Artikel zu schreiben über alle die Ideen und
Interpretationen des Grundprinzips, die mir aufgrund dieser Erinnerung an die Lehre meines Si-
Fus kamen.
Ich hoffte damit, die Schüler und uns Lehrer selbst aufzurütteln und aus der Lethargie und dem
Teufelskreis des Erfindens eigener Variationen von noch mehr „toten“ Techniken zu lösen und
wieder auf den bewährten, alten Weg der EWTO zu führen und uns aus der teuflischen Falle zu
befreien, die uns vorlügt, dass „Mehr mehr ist“.
Ich weiß, dass viele meiner Kollegen es so aufgefasst haben als ob ich vorgab, etwas Neues
erfunden hatte, als ich etwas von „Re-Evolution“ schrieb. Aber ich weiß, dass ich Si-Fu alles
verdanke und dass man im WingTsun nichts Neues erfindet, jeder kann das ewige Konzept des
WT nur neu oder anders interpretieren, je nach dem Grad seines Verständnisses oder
Unverständnisses.

Als Si-Fu dann endlich dieses Jahr zu mir nach Barcelona kam und mit jedem meiner Techniker-
Schüler im Chi-Sao und Lat-Sao „spielte“, jede Frage überzeugend und auch körperlich mit
größter Leichtigkeit beantwortete, ergriff mich wieder die alte Begeisterung. Kurz darauf reiste ich
zu Si-Fu nach Kiel und nahm zwei Tage lang Chi-Sao-Unterricht: Dieses Erlebnis war mehr als
überzeugend!
Zu meiner Verwunderung stellte ich dann fest, dass Si-Fu die Gesamtsituation mehr oder weniger
genau so einschätzte wie ich. Und dass Allerbeste ist, dass sein superweiches Chi-Sao sich
100%ig auf die oben genannten Grundsätze stützt. Es war ein Hochgenuss, von meinem alten
Si-Fu (damit meine ich nicht sein Lebensalter) zu lernen, der in absoluter körperlicher Hochform
und unglaublich motiviert und enthusiastisch das purste und technikloseste WingTsun
hervorbringt, das ich mir jemals erträumen könnte. Gefühlvoll, hinreißend, großmeisterlich, aber
völlig ohne Meisterallüren trainierte er mit mir jeden Mittag drei Stunden in der Sonne auf seinem
Balkon. Da gab es keine festen Bewegungsabläufe, die Bewegungen entstanden wie von selbst
oder genauer durch meine Impulse, wenn ich mich bemühte, seine fließenden Angriffe
abzuwehren, um mich damit nur noch mehr in Schwierigkeiten zu bringen ...
WT in Vollendung, Chi-Sao nicht als verspieltes Endziel, sondern endlich als Vorbereitung zum
realistischen Kampf.
Das ist genau mein Traum, an dieser aufregenden Entwicklung möchte ich mitwirken, als
Schüler, als EWTO-Meister und Nationaltrainer und als Herold und Vertreter der EWTO!

Ich hoffe, dass das gesamte Studiensemester der EWTO im Januar 2007 mit den bulgarischen
Professoren ihr auswärtiges WingTsun- und Sport-Studium auf Teneriffa durchführt, damit ich
meinen Kollegen die Schönheiten unserer Insel zeigen und mit ihnen unter meinem Si-Fu
trainieren kann.

Auf die Zukunft und eine starke gemeinsame EWTO!

Victor Gutierrez
6. Meistergrad WingTsun
Nationaltrainer Spanien und Portugal

Großmeister Keith R. Kernspecht zum Stellenwert des Chi-Sao innerhalb des WingTsun ...

Liebe Mitglieder, liebe Schüler, liebe Kollegen,

Auf meine letzten Editorials, deren Stoßrichtung ich fortsetzen werde, bis mein Ziel erreicht ist,
habe ich zahllose Rückmeldungen bekommen und ich möchte diese Feedbacks mit Euch teilen.
Wie Ihr Euch vielleicht erinnert, provozierte ich mit der Feststellung, dass mit der gewaltigen
Wissensvermehrung innerhalb der EWTO eine Verschlechterung der Kampffähigkeit des
Einzelnen zu beklagen ist.
Das dürfte keinen überraschen, der meinen persönlichen zwanzig Jahre alten kategorischen
Imperativ „Weniger ist mehr“ in Erinnerung hat. Kein Vorteil ohne Nachteil. So ist es eben.
Und ebenso natürlicherweise wird es zu dieser Entwicklung aufgrund meines Gegenlenkens eine
Antithese geben: die Überbetonung des heutzutage vergessenen und nahezu unbekannt
gewordenen Reaktionstrainings.
Dass die wertvollen Sektionen aber nun nicht vernachlässigt werden, dafür sorgen schon die
Prüfungsbestimmungen und die herrlichen Tutorials von meinem Si-Fu GGM Leung Ting, der
gerade im Schloss weilt und den Hochgraduierten die Arbeit an der Tripodalpuppe, die Chi-Gerk-
Sequenz und den nächsten Teil des Langstock-Programmes beibringt. Sein Wochenthema ist
übrigens bemerkenswerterweise: „Es gibt keine festen Reihenfolgen.“

Wer einen Missstand entdeckt hat und ihn, so es in seiner Macht steht, nicht ändert, macht sich
als Mittäter schuldig, das wusste schon Bertold Brecht, dessen Lyrik ich gerade mit Nutzen lese.
Chi-Sao war immer meine Stärke, sowie die daraus für die Selbstverteidigung genutzten
reflexartigen Reaktionen. Ich persönlich will mich schwerpunktmäßig das ganze nächste Jahr,
und wenn nötig, solange wie es dauert, dem sträflich vernachlässigten Einpflanzen von „WT-
Reflexen“ widmen. Und ich werde in diesem Sinne auch die TG-Prüfungen sehr gewissenhaft
durchführen. Vorbereitungszeit eingehalten zu haben und auswendig Gelerntes vorzutragen ist
Voraussetzung, aber nicht genug und nicht das Wesentliche!
Denn ohne schnelle Reaktion aufgrund taktiler Reize gibt es kein richtiges WT. WT ist Umsetzen
des kraftlosen taoistischen Prinzips des Nachgebens, aber nicht Abspulen choreographierter
Partnerformen, mögen sie auch noch so ausgeklügelt sein.
Ich will nicht tatenlos zusehen, wie aus WingTsun-Könnern mit der Zeit Sammler toter Techniken
und WingTsun-Besserwisser werden.

Der letzte Punkt meines EWTO-Prüfungszettels für TG- und Praktikergrade zeigt deutlich,
welchen Wert ich immer auf das Wichtigste im WT gelegt habe und was für mich stets
praktisches Prüfungsthema Nr.1 war und ist:
„Allgemeine Reaktion, Kampffähigkeit“!
Das war es, was ich immer vorzüglich prüfte, bei denen, die sich mir zur Prüfung vorstellten. Da
es nur ein gutes halbes Dutzend kampfrelevanter semireflexartiger Reaktionen gibt, mache ich
auf diesem Prüfungsgebiet, das es so nur bei mir in Europa gibt, tatsächlich „mit jedem
dasselbe“.
Allerdings passe ich mich dem Niveau des Kandidaten an. Das bedeutet aber auch, dass ich
einen Maßstab mit mir herumtrage, an dem sich die Reaktion des Betreffenden prüfen lassen
muss: sozusagen mein „Chi-Sao-Meter“:
Wenn ich langsam angreife, dann erwarte ich, dass der Kandidat nicht schneller abwehrt. Auch
seine Druckstärke soll meine nicht übertreffen. Muss er zur Abwehr mehr Schnelligkeit oder mehr
Kraft aufwenden als ich beim „Angriff“, dann zeigt mir das, dass er eben nicht den WT-Prinzipien
folgt.
Selbst, wenn er dann diesen Angriff – unter Aufbietung aller Kraft und Schnelligkeit – überstehen
würde, gibt ihm das bei mir keine gute Note, denn durch seinen Widerstand und durch seinen mir
übermittelten Impuls fällt er dem Folgeangriff zum Opfer.

Bei aller Vorliebe für „lebendiges“ Chi-Sao will ich jedoch mitnichten die (aus anderen Gründen)
nötigen und bewährten Sektionen (Zwei-Mann-Chi-Sao-Formen) abschaffen oder ersetzen. Und
schon gar nicht durch sog. „Freies Chi-Sao“.
Tatsächlich unterrichte ich nicht wirklich „freies Chi-Sao“. Auch das ist nicht die Lösung.
Stattdessen gehe ich mit klarem Plan und dezidiertem Programm vor, wenn ich die essentiellen
WT-Reaktionen „einpflanze“. Ich als „Reflexeinpflanzer“ muss dabei nachdenken, damit ich
meinen Schüler in die Lage versetzen kann, später im Kampf nicht mehr nachdenken zu müssen.
Von „freiem Chi-Sao“ oder genauer dem, wie es betrieben wird, halte ich weniger, weil man dabei
unsystematisch und nur unvollständig lernt. Man ist dann nur auf die wenigen Angriffe vorbereitet,
die die Spezialität des jeweiligen Si-Fus sind. Nur ein wissenschaftlich fundiertes und
systematisches Unterrichtskonzept bereitet auf a l l e möglichen Situationen vor. Aber das könnt
Ihr alles in GGM Leung Tings Werk „WingTsun Kuen“ nachlesen, dem ersten vollständigen Buch
über die Kampfkunst seines Si-Fus Yip Man. Es ist nach wie vor das beste WingTsun-Buch auf
dem Markt und maßgeblich und unverzichtbar!

Euer
Sifu Keith R. Kernspecht

Nun aber zu den Zuschriften:

Victor Gutierrez, 6. PG:

Das Imperium schlägt jetzt zurück

Ich war es schon seit langem leid, dass mich immer wieder Schüler nach irgendwelchen
abenteuerlichen Techniken oder unwichtigen Variationen von Chi-Sao-Sektion fragten, die sie im
Internet jemanden anders hatten machen sehen.
Nach den letzten turbulenten Jahren, mit den sich selbst überschätzenden Abspaltungen von
früheren Schülern und Kollegen, wurde ich das Gefühl nicht los, dass unsere EWTO in eine
gefährliche „Sektions-Falle“ geraten sei.
Auf der Suche nach möglichen Antworten reiste ich nach Deutschland und Italien, um mich bei
meinem Si-Fu über den letzten Wissenstand und über möglicherweise neue und eventuell
raffiniertere Chi-Sao-Sektionen schlau zu machen.
Ich stellte fest, dass viele Techniker, die vor Ort trainierten, die selben Verunsicherungen und
denselben Frust spürten wie ich. Diese ständigen sinnlosen Sektionsänderungen und
spitzfindigen Details brachten sie nur noch mehr durcheinander. Alle, mich eingeschlossen,
warteten auf das Machtwort des einzigen, der dem unrealistischen Spuk ein Ende bereiten
konnte. Aber zu diesem Zeitpunkt sah es so aus, als ob Si-Fu dem bösen Spiel einfach nur
zusah, alles beobachtete, aber nicht eingreifen wollte.

Meine Wut darüber, dass Menschen, die bis dahin unsere Kollegen gewesen waren, sich einfach
neue Bewegungen einfallen ließen, um sich damit von uns zu unterscheiden, sich eitel zu
profilieren und uns die Schüler zu verunsichern und abspenstig zu machen, wuchs mit jedem
Tag.
War es denn nicht so, dass alle, die WT in der Welt verbreitet hatten, wie ich Schüler von dem
selben Si-Fu gewesen sind? Die Meister, die im Namen unserer Organisation auf der ganzen
Welt WT verbreitet hatten, wurden auf einmal in Frage gestellt, und manche, die früher
respektvoll „Si-Fu“ zu ihm sagten, nannten ihn jetzt, aus der sicheren Ferne der Reichweite
seiner Arme, „Herr Kernspecht“.

Ich fühlte mich auf mich allein gestellt und begann mich an meine Anfänge zu erinnern, und
daran, dass unser aller Si-Fu immer gesagt hatte, dass WT nicht aus einzelnen,
aneinandergereihten „toten“ Techniken besteht, sondern ein geniales Konzept ist, wo
Feinfühligkeit und Anpassungsfähigkeit über Detailwissen herrscht. Si-Fu hatte mich zum Meister
ernannt, also wollte ich mich würdig erweisen und begann, in der Zeitschrift „Kampfkunst
International“ meines Freundes Alfredo Tucci Artikel zu schreiben über alle die Ideen und
Interpretationen des Grundprinzips, die mir aufgrund dieser Erinnerung an die Lehre meines Si-
Fus kamen.
Ich hoffte damit, die Schüler und uns Lehrer selbst aufzurütteln und aus der Lethargie und dem
Teufelskreis des Erfindens eigener Variationen von noch mehr „toten“ Techniken zu lösen und
wieder auf den bewährten, alten Weg der EWTO zu führen und uns aus der teuflischen Falle zu
befreien, die uns vorlügt, dass „Mehr mehr ist“.
Ich weiß, dass viele meiner Kollegen es so aufgefasst haben als ob ich vorgab, etwas Neues
erfunden hatte, als ich etwas von „Re-Evolution“ schrieb. Aber ich weiß, dass ich Si-Fu alles
verdanke und dass man im WingTsun nichts Neues erfindet, jeder kann das ewige Konzept des
WT nur neu oder anders interpretieren, je nach dem Grad seines Verständnisses oder
Unverständnisses.

Als Si-Fu dann endlich dieses Jahr zu mir nach Barcelona kam und mit jedem meiner Techniker-
Schüler im Chi-Sao und Lat-Sao „spielte“, jede Frage überzeugend und auch körperlich mit
größter Leichtigkeit beantwortete, ergriff mich wieder die alte Begeisterung. Kurz darauf reiste ich
zu Si-Fu nach Kiel und nahm zwei Tage lang Chi-Sao-Unterricht: Dieses Erlebnis war mehr als
überzeugend!
Zu meiner Verwunderung stellte ich dann fest, dass Si-Fu die Gesamtsituation mehr oder weniger
genau so einschätzte wie ich. Und dass Allerbeste ist, dass sein superweiches Chi-Sao sich
100%ig auf die oben genannten Grundsätze stützt. Es war ein Hochgenuss, von meinem alten
Si-Fu (damit meine ich nicht sein Lebensalter) zu lernen, der in absoluter körperlicher Hochform
und unglaublich motiviert und enthusiastisch das purste und technikloseste WingTsun
hervorbringt, das ich mir jemals erträumen könnte. Gefühlvoll, hinreißend, großmeisterlich, aber
völlig ohne Meisterallüren trainierte er mit mir jeden Mittag drei Stunden in der Sonne auf seinem
Balkon. Da gab es keine festen Bewegungsabläufe, die Bewegungen entstanden wie von selbst
oder genauer durch meine Impulse, wenn ich mich bemühte, seine fließenden Angriffe
abzuwehren, um mich damit nur noch mehr in Schwierigkeiten zu bringen ...
WT in Vollendung, Chi-Sao nicht als verspieltes Endziel, sondern endlich als Vorbereitung zum
realistischen Kampf.
Das ist genau mein Traum, an dieser aufregenden Entwicklung möchte ich mitwirken, als
Schüler, als EWTO-Meister und Nationaltrainer und als Herold und Vertreter der EWTO!

Ich hoffe, dass das gesamte Studiensemester der EWTO im Januar 2007 mit den bulgarischen
Professoren ihr auswärtiges WingTsun- und Sport-Studium auf Teneriffa durchführt, damit ich
meinen Kollegen die Schönheiten unserer Insel zeigen und mit ihnen unter meinem Si-Fu
trainieren kann.

Auf die Zukunft und eine starke gemeinsame EWTO!

Victor Gutierrez
6. Meistergrad WingTsun
Nationaltrainer Spanien und Portugal

Großmeister Keith R. Kernspecht zum Stellenwert des Chi-Sao innerhalb des WingTsun ...

Liebe Mitglieder, liebe Schüler, liebe Kollegen,

Auf meine letzten Editorials, deren Stoßrichtung ich fortsetzen werde, bis mein Ziel erreicht ist,
habe ich zahllose Rückmeldungen bekommen und ich möchte diese Feedbacks mit Euch teilen.
Wie Ihr Euch vielleicht erinnert, provozierte ich mit der Feststellung, dass mit der gewaltigen
Wissensvermehrung innerhalb der EWTO eine Verschlechterung der Kampffähigkeit des
Einzelnen zu beklagen ist.
Das dürfte keinen überraschen, der meinen persönlichen zwanzig Jahre alten kategorischen
Imperativ „Weniger ist mehr“ in Erinnerung hat. Kein Vorteil ohne Nachteil. So ist es eben.
Und ebenso natürlicherweise wird es zu dieser Entwicklung aufgrund meines Gegenlenkens eine
Antithese geben: die Überbetonung des heutzutage vergessenen und nahezu unbekannt
gewordenen Reaktionstrainings.
Dass die wertvollen Sektionen aber nun nicht vernachlässigt werden, dafür sorgen schon die
Prüfungsbestimmungen und die herrlichen Tutorials von meinem Si-Fu GGM Leung Ting, der
gerade im Schloss weilt und den Hochgraduierten die Arbeit an der Tripodalpuppe, die Chi-Gerk-
Sequenz und den nächsten Teil des Langstock-Programmes beibringt. Sein Wochenthema ist
übrigens bemerkenswerterweise: „Es gibt keine festen Reihenfolgen.“

Wer einen Missstand entdeckt hat und ihn, so es in seiner Macht steht, nicht ändert, macht sich
als Mittäter schuldig, das wusste schon Bertold Brecht, dessen Lyrik ich gerade mit Nutzen lese.
Chi-Sao war immer meine Stärke, sowie die daraus für die Selbstverteidigung genutzten
reflexartigen Reaktionen. Ich persönlich will mich schwerpunktmäßig das ganze nächste Jahr,
und wenn nötig, solange wie es dauert, dem sträflich vernachlässigten Einpflanzen von „WT-
Reflexen“ widmen. Und ich werde in diesem Sinne auch die TG-Prüfungen sehr gewissenhaft
durchführen. Vorbereitungszeit eingehalten zu haben und auswendig Gelerntes vorzutragen ist
Voraussetzung, aber nicht genug und nicht das Wesentliche!
Denn ohne schnelle Reaktion aufgrund taktiler Reize gibt es kein richtiges WT. WT ist Umsetzen
des kraftlosen taoistischen Prinzips des Nachgebens, aber nicht Abspulen choreographierter
Partnerformen, mögen sie auch noch so ausgeklügelt sein.
Ich will nicht tatenlos zusehen, wie aus WingTsun-Könnern mit der Zeit Sammler toter Techniken
und WingTsun-Besserwisser werden.

Der letzte Punkt meines EWTO-Prüfungszettels für TG- und Praktikergrade zeigt deutlich,
welchen Wert ich immer auf das Wichtigste im WT gelegt habe und was für mich stets
praktisches Prüfungsthema Nr.1 war und ist:
„Allgemeine Reaktion, Kampffähigkeit“!
Das war es, was ich immer vorzüglich prüfte, bei denen, die sich mir zur Prüfung vorstellten. Da
es nur ein gutes halbes Dutzend kampfrelevanter semireflexartiger Reaktionen gibt, mache ich
auf diesem Prüfungsgebiet, das es so nur bei mir in Europa gibt, tatsächlich „mit jedem
dasselbe“.
Allerdings passe ich mich dem Niveau des Kandidaten an. Das bedeutet aber auch, dass ich
einen Maßstab mit mir herumtrage, an dem sich die Reaktion des Betreffenden prüfen lassen
muss: sozusagen mein „Chi-Sao-Meter“:
Wenn ich langsam angreife, dann erwarte ich, dass der Kandidat nicht schneller abwehrt. Auch
seine Druckstärke soll meine nicht übertreffen. Muss er zur Abwehr mehr Schnelligkeit oder mehr
Kraft aufwenden als ich beim „Angriff“, dann zeigt mir das, dass er eben nicht den WT-Prinzipien
folgt.
Selbst, wenn er dann diesen Angriff – unter Aufbietung aller Kraft und Schnelligkeit – überstehen
würde, gibt ihm das bei mir keine gute Note, denn durch seinen Widerstand und durch seinen mir
übermittelten Impuls fällt er dem Folgeangriff zum Opfer.

Bei aller Vorliebe für „lebendiges“ Chi-Sao will ich jedoch mitnichten die (aus anderen Gründen)
nötigen und bewährten Sektionen (Zwei-Mann-Chi-Sao-Formen) abschaffen oder ersetzen. Und
schon gar nicht durch sog. „Freies Chi-Sao“.
Tatsächlich unterrichte ich nicht wirklich „freies Chi-Sao“. Auch das ist nicht die Lösung.
Stattdessen gehe ich mit klarem Plan und dezidiertem Programm vor, wenn ich die essentiellen
WT-Reaktionen „einpflanze“. Ich als „Reflexeinpflanzer“ muss dabei nachdenken, damit ich
meinen Schüler in die Lage versetzen kann, später im Kampf nicht mehr nachdenken zu müssen.
Von „freiem Chi-Sao“ oder genauer dem, wie es betrieben wird, halte ich weniger, weil man dabei
unsystematisch und nur unvollständig lernt. Man ist dann nur auf die wenigen Angriffe vorbereitet,
die die Spezialität des jeweiligen Si-Fus sind. Nur ein wissenschaftlich fundiertes und
systematisches Unterrichtskonzept bereitet auf a l l e möglichen Situationen vor. Aber das könnt
Ihr alles in GGM Leung Tings Werk „WingTsun Kuen“ nachlesen, dem ersten vollständigen Buch
über die Kampfkunst seines Si-Fus Yip Man. Es ist nach wie vor das beste WingTsun-Buch auf
dem Markt und maßgeblich und unverzichtbar!

Euer
Sifu Keith R. Kernspecht

Nun aber zu den Zuschriften:

Victor Gutierrez, 6. PG:

Das Imperium schlägt jetzt zurück

Ich war es schon seit langem leid, dass mich immer wieder Schüler nach irgendwelchen
abenteuerlichen Techniken oder unwichtigen Variationen von Chi-Sao-Sektion fragten, die sie im
Internet jemanden anders hatten machen sehen.
Nach den letzten turbulenten Jahren, mit den sich selbst überschätzenden Abspaltungen von
früheren Schülern und Kollegen, wurde ich das Gefühl nicht los, dass unsere EWTO in eine
gefährliche „Sektions-Falle“ geraten sei.
Auf der Suche nach möglichen Antworten reiste ich nach Deutschland und Italien, um mich bei
meinem Si-Fu über den letzten Wissenstand und über möglicherweise neue und eventuell
raffiniertere Chi-Sao-Sektionen schlau zu machen.
Ich stellte fest, dass viele Techniker, die vor Ort trainierten, die selben Verunsicherungen und
denselben Frust spürten wie ich. Diese ständigen sinnlosen Sektionsänderungen und
spitzfindigen Details brachten sie nur noch mehr durcheinander. Alle, mich eingeschlossen,
warteten auf das Machtwort des einzigen, der dem unrealistischen Spuk ein Ende bereiten
konnte. Aber zu diesem Zeitpunkt sah es so aus, als ob Si-Fu dem bösen Spiel einfach nur
zusah, alles beobachtete, aber nicht eingreifen wollte.

Meine Wut darüber, dass Menschen, die bis dahin unsere Kollegen gewesen waren, sich einfach
neue Bewegungen einfallen ließen, um sich damit von uns zu unterscheiden, sich eitel zu
profilieren und uns die Schüler zu verunsichern und abspenstig zu machen, wuchs mit jedem
Tag.
War es denn nicht so, dass alle, die WT in der Welt verbreitet hatten, wie ich Schüler von dem
selben Si-Fu gewesen sind? Die Meister, die im Namen unserer Organisation auf der ganzen
Welt WT verbreitet hatten, wurden auf einmal in Frage gestellt, und manche, die früher
respektvoll „Si-Fu“ zu ihm sagten, nannten ihn jetzt, aus der sicheren Ferne der Reichweite
seiner Arme, „Herr Kernspecht“.

Ich fühlte mich auf mich allein gestellt und begann mich an meine Anfänge zu erinnern, und
daran, dass unser aller Si-Fu immer gesagt hatte, dass WT nicht aus einzelnen,
aneinandergereihten „toten“ Techniken besteht, sondern ein geniales Konzept ist, wo
Feinfühligkeit und Anpassungsfähigkeit über Detailwissen herrscht. Si-Fu hatte mich zum Meister
ernannt, also wollte ich mich würdig erweisen und begann, in der Zeitschrift „Kampfkunst
International“ meines Freundes Alfredo Tucci Artikel zu schreiben über alle die Ideen und
Interpretationen des Grundprinzips, die mir aufgrund dieser Erinnerung an die Lehre meines Si-
Fus kamen.
Ich hoffte damit, die Schüler und uns Lehrer selbst aufzurütteln und aus der Lethargie und dem
Teufelskreis des Erfindens eigener Variationen von noch mehr „toten“ Techniken zu lösen und
wieder auf den bewährten, alten Weg der EWTO zu führen und uns aus der teuflischen Falle zu
befreien, die uns vorlügt, dass „Mehr mehr ist“.
Ich weiß, dass viele meiner Kollegen es so aufgefasst haben als ob ich vorgab, etwas Neues
erfunden hatte, als ich etwas von „Re-Evolution“ schrieb. Aber ich weiß, dass ich Si-Fu alles
verdanke und dass man im WingTsun nichts Neues erfindet, jeder kann das ewige Konzept des
WT nur neu oder anders interpretieren, je nach dem Grad seines Verständnisses oder
Unverständnisses.

Als Si-Fu dann endlich dieses Jahr zu mir nach Barcelona kam und mit jedem meiner Techniker-
Schüler im Chi-Sao und Lat-Sao „spielte“, jede Frage überzeugend und auch körperlich mit
größter Leichtigkeit beantwortete, ergriff mich wieder die alte Begeisterung. Kurz darauf reiste ich
zu Si-Fu nach Kiel und nahm zwei Tage lang Chi-Sao-Unterricht: Dieses Erlebnis war mehr als
überzeugend!
Zu meiner Verwunderung stellte ich dann fest, dass Si-Fu die Gesamtsituation mehr oder weniger
genau so einschätzte wie ich. Und dass Allerbeste ist, dass sein superweiches Chi-Sao sich
100%ig auf die oben genannten Grundsätze stützt. Es war ein Hochgenuss, von meinem alten
Si-Fu (damit meine ich nicht sein Lebensalter) zu lernen, der in absoluter körperlicher Hochform
und unglaublich motiviert und enthusiastisch das purste und technikloseste WingTsun
hervorbringt, das ich mir jemals erträumen könnte. Gefühlvoll, hinreißend, großmeisterlich, aber
völlig ohne Meisterallüren trainierte er mit mir jeden Mittag drei Stunden in der Sonne auf seinem
Balkon. Da gab es keine festen Bewegungsabläufe, die Bewegungen entstanden wie von selbst
oder genauer durch meine Impulse, wenn ich mich bemühte, seine fließenden Angriffe
abzuwehren, um mich damit nur noch mehr in Schwierigkeiten zu bringen ...
WT in Vollendung, Chi-Sao nicht als verspieltes Endziel, sondern endlich als Vorbereitung zum
realistischen Kampf.
Das ist genau mein Traum, an dieser aufregenden Entwicklung möchte ich mitwirken, als
Schüler, als EWTO-Meister und Nationaltrainer und als Herold und Vertreter der EWTO!

Ich hoffe, dass das gesamte Studiensemester der EWTO im Januar 2007 mit den bulgarischen
Professoren ihr auswärtiges WingTsun- und Sport-Studium auf Teneriffa durchführt, damit ich
meinen Kollegen die Schönheiten unserer Insel zeigen und mit ihnen unter meinem Si-Fu
trainieren kann.

Auf die Zukunft und eine starke gemeinsame EWTO!

Victor Gutierrez
6. Meistergrad WingTsun
Nationaltrainer Spanien und Portugal

„Lieber Besserkönner als Besserwisser – Sifu Ernst Krause“


Sifu Ernst Krause, 4. TG, Nationaltrainer Belgien, zur von Großmeister Kernspecht angestoßenen
Diskussion zum Stellenwert des Chi-Sao innerhalb des WingTsun ...

Enthusiuasmus und Lust am WT wiedergefunden durch dein neues Reflextraining

Vor einigen Jahren hatte ich mehr oder weniger meinen Enthusiasmus und meine Lust am
WingTsun verloren. Warum? Nun, jedes Mal wenn ich zum Training aufs Schloss fuhr, hatte sich
etwas geändert, es gab neue Variationen und viele individuelle Interpretationen. Mein Wunsch
auf Standardisierung der Programme in Belgien, d.h. mir und meinen Schülern eine gewisse
Basis, Grundsicherheit und Orientierung zu geben, wurde durch diese Vielfältigkeit und stete
Neuheiten zunichte gemacht.
Ich war frustriert, und meine Schüler fingen an mir vorzuwerfen, dass mein WT eben nicht so sei,
wie es sein sollte, mein Wissensstand nicht dem Niveau der Ausbilder auf dem Schloss
entsprachen.
Glücklicherweise wurde aber doch sehr rasch eine Standardisierung eingeführt und darüber
hinaus traf ich einen alten Bekannten aus meinen WT-Anfangsjahren wieder. Damals hatte er,
genau wie ich den 4. TG, aber er war wesentlich fortgeschrittener (mittlerweile hat er den
5.Meistergrad).
Es gelang mir, mit ihm einen Trainingstermin zu vereinbaren, und ich muss eingestehen, ich
entdeckte meine Lust am Training wieder. Sihing Jörg gab mir wieder Motivation. Er zeigte mir
alles vorbehaltlos, war immer ehrlich und offen und scheute sich auch nicht zu sagen, wenn er
etwas nicht wusste. Vielen Dank Jörg!
Kurz darauf – vielleicht war es Schicksal oder einfach die logische Konsequenz – traf ich endlich
wieder meinen Si-Fu. Ihn direkt zu erreichen, blieb jedoch schwer, denn er hatte sich größtenteils
vom allgemeinen Unterricht zurückgezogen. Dennoch, ich suchte den Kontakt und hatte Glück:
Seit 2005 gewährt mir Si-Fu in regelmäßigen Abständen Privatunterricht.
Der erste Unterricht war durch eine hohe Technikorientierung geprägt, prinzipiell eine
Auffrischung und Wiederholung meines 4.TG. Während des Trainings erklärte mir Si-Fu die
Hintergründe seiner „zweijährigen Abstinenz“ – die Zeit, die nötig war, sein eigenes Chi-Sao zu
hinterfragen, zu analysieren und zu optimieren (wie er mir verriet). Und ich durfte die Feinheiten
durch Si-Fu erspüren – im wahrsten Sinne des Wortes.
Der Unterricht mit Si-Fu ist einmalig, denn Si-Fu lebt WingTsun pur. Seine harte Arbeit, sein
Enthusiasmus und sein Spaß am Unterrichten – der Funke springt über.
Sein Unterricht heute ist ANDERS ... Nein, streng genommen zeigt er nichts Neues, jedenfalls
nicht im Sinne von neuen Techniken, stattdessen zeigt er Chi-Sao wie es sein soll, in seiner
ureigenen Bedeutung.
Kein endloses Aneinanderreihen von Bewegungen, Techniken und Sektionen.
Si-Fu arbeitet mit den Prinzipien des WingTsun und den einfachsten und wichtigsten
Basisreflexen.
Sein kommendes Buch und die Art und Weise, wie Si-Fu unterrichtet, werden es zeigen. WT-Chi-
Sao wird wieder den Platz einnehmen, den es verdient.
Nicht mehr Schwerpunkt auf endlose Technikserien, wodurch wir uns nur auf gleiche Niveau mit
den meisten anderen Stilen bringen würden, die nur eine Ansammlung von einstudierten toten
Techniken ausüben.
Chi-Sao ist und bleibt nur ein Teil unseres Weges, aber es ist nur der Weg, nicht das Ziel. Bitte
nicht falsch verstehen: Sie Sektionen sind kostbar und Si-Fu will sie unverändert erhalten, aber
sie sollen sich nicht ständig ändern. Die Ein-Mann-Formen wie SNT und CK verändern sich ja
auch nicht ständig. Si-Fu will nichts von dem bisher Erworbenen aufgeben, aber er will den
Schwerpunkt anders setzen: auf Reaktion mittels Fühlen, nicht als Folge von auswendig
Gelerntem!
„Reaktionstraining“ und Einpflanzen von nie auslöschbaren „Reflexen“, darum geht es Si-Fu.
Die Privatstunden mit ihm und das Reaktionstraining haben mir folgendes gebracht:
1. Es hat mich näher zu meinem Si-Fu gebracht, mein Kontakt mit ihm ist besser und enger denn
je. Er ist hoch motiviert, hat viel Spaß am Unterricht und ich am Trainieren.
2. Das Reaktionstraining mit ihm bringt mich wieder zu dem, was Chi-Sao sein sollte: Keine
Anhäufung von Techniken, sondern wichtiges, praktisches Basis-Chi-Sao in vollendeter
Anwendung. Nicht die Sektionen und Variationen machen aus uns einen guten WT-Anwender,
sondern nur die richtige Reaktion, im richtigen Moment.
3. Meine Frustration über die sich ändernden Sektionen ist überwunden. Ich sehe jetzt vieles
klarer. Die Sektionen haben auf jeden Fall ihre Bedeutung, aber Sie sind neben den Ein-Mann-
Formen nur ein weiteres Hilfsmittel, nicht mehr und nicht weniger. Ich habe gelernt, dass in der
Praxis keine Sektion gemacht wird und ich weiß
jetzt mehr über die Bedeutung und den Platz der einzelnen Sektionen.
4. Das Reaktionstraining versuche ich jetzt, unter Begeleitung meines Si-Fu, einzutrainieren und
durch stetes Üben und Üben zu verfeinern.
5. Das Reaktionstraining hat meine Einsicht ins WT verändert. Es hat mir den Weg und die
Bedeutung des WingTsun zurück gegeben.
6. Ja, das Reaktionstraining hat mein WT jetzt schon um einiges verbessert, obwohl ich erst am
Anfang dieses Weg stehe. Es wird noch lange dauern, ehe ich es meisterhaft beherrsche. Aber
wichtig ist, dass ich nicht mehr abgeleitet werde, und mein Ziel genau vor Augen habe.
7. Aber auch im täglichen Leben hat das Reaktionstraining viel gebracht. Ich habe gelernt, mich
frei zu machen von unwichtigen Dingen, mein Energie nur dort einzusetzen, wo es sich lohnt, und
die Energie und Konzentration nicht zu verschwenden (genau wie im Chi-Sao).
Privatunterricht mit Si-Fu – es war immer etwas Besonderes, aber heutzutage ist es mehr. Der
Spaß und Ehrgeiz, den Si-Fu besitzt, uns besser zu machen, um ihn zu fordern, steckt einen an,
man kann nicht anders als den Unterricht mit ihm zu genießen. Es macht so viel Spaß und man
lernt so viel.
22 Jahre betreibe ich nun WT. Ich liebe das WingTsun, bin begeistert wie nie zuvor und freue
mich auf meinen nächsten Termin mit Si-Fu im Dezember.

Liebe Grüße aus Belgien


Ernst Krause 4. TG
Nationaaltrainer van de Vlaamse WingTsun Organisatie

„Lieber Besserkönner als Besserwisser – Sifu Bodo Seibold“


Sifu Bodo Seibold, 4. TG, zur von Großmeister Kernspecht angestoßenen Diskussion zum
Stellenwert des Chi-Sao innerhalb des WingTsun ...

Nur wenn meine Grundreflexe stimmen, kann ich sie richtig unterrichten

Lieber Si-Fu,
ich werde versuchen, meinen ersten Eindruck von der Kleingruppe heute bei Dir hier zu
beschreiben.
Das war harter Stoff, den Du uns heute da vorgesetzt hast. Ich werde lange brauchen, um das
Gesagte, Gesehene und Erfühlte zu verdauen. Mein Kopf ist voll mit Informationen und neuen
Gedanken.
Du hast viele nicht gestellte Fragen beantwortet und viele Gedanken und Fragen neu
aufgeworfen. Du hast mir den Unterschied zwischen Druck und Fühlen gezeigt, mir für mich
gänzlich neue WT-Theorien (z. B. Punkttheorie) erklärt und mir das Ziel im Chi-Sao-Training
gezeigt. Du hast mir die Basis in neuem Licht gezeigt, die Wichtigkeit des Poon-Saos, Du hast
mich in Taktik unterrichtet und vieles mehr. Dein WT ist ganz was anderes als das, was ich so
kenne. Du kannst etwas, was sonst so keiner kann. Und ich würde es gerne lernen.
Es fällt mir schwer, alles heute Aufgenommene in ein paar Worte zu fassen. Ich weiß nur, dass
dieser Unterricht mich, mein Denken und meine Vorstellung von WT wieder einmal verändert hat.
Ich trainiere wirklich viel Chi-Sao und werde mein Training überdenken und ändern müssen.
Zumindest muss ab sofort eine Komponente mehr dazu: richtiges Gefühlstraining.
Wobei Du gesagt hast, dass eigentlich nur Du diese Reflexe setzen kannst. Für mich bedeutet
dies ganz klar, dass ich auf meinem Weg zum WT-Meister Geld dafür sparen werde, um bei Dir
Privatunterricht zu nehmen, sofern ich überhaupt angenommen werde. Denn nur wenn meine
Grundreflexe stimmen, kann ich sie überhaupt erst richtig unterrichten.
Ich bin leidenschaftlicher WT-Lehrer und ich möchte einer der Besten sein, die richtiges WT
unterrichten.
Aber ich bin auch in vielem bestätigt worden; viel von meinem WT-Verständnis hat sich bestätigt
und gefestigt.
Vielen Dank für Deine Mühe und Deine Zeit.
Herzlichst

Bodo Seibold, 4. TG

„Lieber Besserkönner als Besserwisser – Markus Senft“


Markus Senft, Chefredakteur WT-Welt, zur von Großmeister Kernspecht angestoßenen
Diskussion zum Stellenwert des Chi-Sao innerhalb des WingTsun ...

Dein massives Gegensteuern wichtig für die Entwicklung unseres WT

Lieber Si-Fu,
Deine Editorials und der dazugehörige Unterricht sind unglaublich wichtig für die Entwicklung
unseres WT. Es ist zwar nicht so, dass Du oder Si-Gung jemals etwas anderes erzählt hättet,
aber offensichtlich entwickelt Systematisierung bzw. Schematisierung (die aus bekannten
Gründen natürlich notwendig ist) eine gefährliche Eigendynamik, die dazu führt, dass die
(Unterrichts-)Technik für das eigentliche Lernziel gehalten wird. Je mehr die
Unterrichtsprogramme standardisiert werden, desto stärker scheinbar die Tendenz.
Manchen Leute, die die Realität des Kämpfens ein wenig mehr als andere verinnerlicht haben,
wird das immer negativ auffallen.
Wie Du schon mehrfach sagtest: Viele WT-ler laufen Gefahr, die Fehler zu begehen, die sie
früher anderen Stilisten zum Vorwurf machten. Deswegen ist Dein massives Gegensteuern so
wichtig.

Markus Senft
Chefredakteur WT-Welt

„Lieber Besserkönner als Besserwisser – Sifu Thorsten de Vries“


Sifu Thorsten de Vries, 3.TG, zur von Großmeister Kernspecht angestoßenen Diskussion zum
Stellenwert des Chi-Sao innerhalb des WingTsun ...

Beim Chi-Sao mit Dir fühle ich kaum was – außer den Treffern

Lieber Si-Gung,
schade, dass der letzte Privatunterrichtstermin ausfallen musste. Ich hoffe, Du hast bald einen
Ersatztermin.
Aber auch an den Termin davor kann ich mich noch sehr gut erinnern. Abgesehen mal davon,
dass das Chi-Sao Training mit Dir jedes Mal erneut frustrierend ist, so ist es auch jedes Mal eine
Bereicherung und Inspiration. Ich habe das Gefühl, dass mich der Privatunterricht bei Dir
schneller voran bringt, aber nicht nur durch das Üben mit Dir, sondern auch durch den Versuch,
zu verstehen, warum Deine Bewegungen so unendlich viel schneller als meine zu sein scheinen.
Mein Ziel ist es, das WingTsun auch irgendwann so zu beherrschen wie Du. Je näher ich diesem
Ziel jedoch komme, desto mehr habe ich das Gefühl, dass die Schritte und damit der Fortschritt
immer kleiner werden. Dabei stelle ich mir immer wieder die Frage, ob das, was wir beide Chi-
Sao nennen, überhaupt das Gleiche ist. Ich meine, eine für mich neuartige Form von Chi-Sao zu
erkennen. Mir fällt es mir schwer, zu verstehen, was ich können sollte und was nicht zu meinem
Programm gehört. Wenn ich denke, dass ich 90 % meines Programmes beherrsche, können das
20 % von Deinem Können sein, aber es könnten auch nur 2 % sein. Am meisten daran frustriert
die Unsicherheit, nicht zu wissen, ob der Weg auf dem ich mich befinde, auch der richtige Weg
ist.
Auf dem Lehrgang in Kiel war mein Erlebnis mit Dir tiefgreifend, da ich der Meinung war, richtig
reagiert zu haben. Aber was bedeutet schon richtig oder falsch. Das war für mich der Punkt, an
dem ich anfing, mich noch intensiver mit der Übung auseinander zu setzen. Ich hätte auf den
Druck elastisch reagieren müssen, weil es die Übung war. Stattdessen hatte ich aber die Arme
starr gehalten und mit der Gewichtsverlagerung gearbeitet. Oder ich hatte den Angriff antizipiert
und nicht mit Chi-Sao-Reflexen, sondern über die Augen reagiert.
Seitdem habe ich viel über diese Erlebnisse nachgedacht und die Übungen mit meinen
Ausbildern ausprobiert. Dabei sind mir viele Dinge durch den Kopf gegangen. Einen Teil davon
habe ich mal versucht nachfolgend näher darzustellen.
Während wir im BlitzDefence über die Augen die Entscheidung des Angreifers, sich zu bewegen
erkennen lernen, verlassen wir uns beim Chi-Sao auf das, was wir taktil wahrnehmen. Doch beim
Chi-Sao mit Dir fühle ich kaum etwas, außer den Treffern.
Würde ich einen Druck fühlen, wäre es mein eigener und damit kann ich nicht auf Deinen Druck
reagieren, der mir entgegen kommt. Ich erinnere mich, als Du mir Dein Stop-Chi-Sao unterrichtet
hattest. Das Thema hat mich nachhaltig beschäftigt. Sollte es tatsächlich so sein, dass an jedem
Punkt eines Bewegungsablaufes die Richtung einer Bewegung geändert werden kann, bedeutet
dies einen überlegenen Vorteil demjenigen gegenüber, der diese Punkte nicht kennt. In meiner
Dimension bedeutet dies, dass ich statt mit Bong-Wu wie im Schülerprogramm mit einer
Gewichtsverlagerung und Jam-Sao aus dem Holzpuppenprogramm reagieren kann. Für mich ist
dies nur ein Punkt. Aber wie viele dieser Punkte kennst Du? Und wie viele Variationen davon mit
deren Abwehren gibt es zusätzlich noch?
Ich frage mich, ob Chi-Sao gar nicht das Kleben der Arme ist, sondern eher das sich wieder lösen
können? Mich dann zu lösen, wenn ich es möchte, an einem x-beliebigen Punkt. Es gibt viel
mehr offene Fragen als Antworten. Vielleicht ist auch die Reaktion auf den Druck schon zu spät,
die Reaktion auf den Kontakt noch nicht früh genug? Ist davor schon die Kontraktion der
Muskulatur zu spüren, wäre das eine taktile Wahrnehmung eines Reizes, auf den ich nicht direkt
reagiere, sondern diesen stattdessen antizipiere und eine ganz andere Aktion folgen lasse.
Sozusagen also eine taktile Antizipation.
Wenn Du mich unterrichtest, bin ich nur damit beschäftigt zu reagieren. Wer agiert, braucht nicht
zu reagieren.
Beim Unterrichten der neuen Programme, gerade der vom letzten Lehrgang, haben viele Schüler
und auch Ausbilder ein Verständnisproblem mit der Positionierung der Arme. Sie sehen weder,
dass die Position mit beiden Armen vorne eigentlich nichts anderes ist als Man-Sao Wu-Sao mit
doppeltem Man-Sao. Der für den Angreifer vermeintlich ungeschützte Bereich im Zentrum wird
ihn verleiten, dort anzugreifen. Aber noch weniger verstehen Sie die Art der
Gewichtsverlagerung, wie auch, wenn diese aus dem LDBK-Programm stammt.
Trotz umfangreicher Versuche, meinen Ausbildern das zu erläutern und zu demonstrieren scheint
es für diese, als wäre es nicht mehr das WT, wie es vorher war. Sie scheuen sich, den breiteren
Keil mit Tan oder Fook zu benutzen. Aber wie kann man auch was erklären, von dem man selbst
nur eine kleine Idee hat. Für mich selbst jedoch wird das Programm immer deutlicher.
Wenn der optische Reiz, also die Antizipation der Entscheidung anzugreifen ist, dann ist die
nächste darauf folgende Stufe die taktile Antizipation oder sogar Intuition. Du sagtest mal, allein
schon der Gedanke ist strafbar. Erst danach erfolgt die herkömmliche Chi-Sao-Reaktion auf den
Druck.
Da der Übergang von der freien Phase in die Kontaktphase so etwas wie einen Schock erzeugt,
ist es sehr schwierig, darauf spontan elastisch zu reagieren. Das ist so ähnlich wie mit dem
Wasser, aus nächster Nähe gibt es nach und bei starker Beschleunigung kann es hart wie Beton
sein. So ähnlich reagieren unsere Arme beim Auftreffen des gegnerischen Armes. Dazu kommen
natürlich noch die Auswirkungen des Adrenalins, also Anspannung der Muskulatur und der
Tunnelblick.
Für mich dürfte hierin ein Schlüssel für das Verständnis des Holzpuppenprogrammes liegen.
Denn dieser ermöglicht mir trotz erstarrter Arme, um die gegnerischen Arme herumzugehen, um
so dem Angriff aus dem Weg zu gehen, bzw. selbst anzugreifen. So hattest Du es zumindest auf
einem der TR4-Seminare erklärt, zumindest habe ich es so verstanden.
Ich persönlich finde die Chi-Sao Sektionen nach wie vor sehr wichtig, weil diese für mich immer
der rote Faden sind, an dem ich mich beim Unterrichten orientieren kann. Ich denke, wenn man
die Reflexe isoliert unterrichten würde, die Selbstverteidigungsfähigkeit sich sicherlich teilweise
verbessern würde. Ich bin jedoch der Meinung, dass ohne diese Zweimannspiele das WingTsun
darunter leiden würde. Musik oder Sprache sind halt auch nicht auf wenige oft geübte Phrasen
oder Melodien begrenzt.
Ich hoffe, dass Du meinen Gedanken ein wenig folgen konntest. Ich hätte sicherlich einiges noch
ausführlicher schreiben können, jedoch ist bis zum Monatsanfang nicht mehr soviel Zeit.
Vielleicht hast Du ja beim nächsten Unterricht ein paar Antworten für mich oder korrigierst die
eine oder andere falsche Idee.

Sifu Thorsten de Vries, 3.Lehrergrad

„Lieber Besserkönner als Besserwisser – Sifu Stephan Bollen“


Sifu Stephan Bollen, 2. TG WT, 3. TG E, zur von Großmeister Kernspecht angestoßenen
Diskussion zum Stellenwert des Chi-Sao innerhalb des WingTsun ...

Wie heißt es doch so schön: Weniger ist mehr

Lieber Si-Fu,
ich habe das Glück, dass ich keinen direkten Lehrer vor Ort habe, der mir bei Fragen und
Problemen zur Seite steht. Ich betrachte dies als Glück, da ich somit gezwungen bin, die
Techniken und Trainingsmethoden selbst zu hinterfragen und zu analysieren. Würde ich immer
eine vorgegebene Antwort meines Lehrers erhalten, würde dies dazu führen, dass ich mir keine
oder nur wenige eigenen Gedanken dazu machen müsste. Ich habe zudem das große Glück,
einen guten Trainingspartner zu haben, mit dem ich hervorragend über die Techniken, Abläufe,
etc. diskutieren kann, da er ebenso kritisch ist. Natürlich komme ich nicht ohne den Unterricht von
Dir oder anderen hochrangigen Lehrern im Rahmen von Lehrgängen, Kleingruppen oder
Privattraining aus. Dadurch bekomme ich immer wieder wichtige neue Impulse und Ideen.

Jetzt möchte ich ausführen, inwieweit Deine aktuellen neuen Impulse über das Verständnis des
Chi-Saos mein Chi-Sao, bzw. dessen Umsetzung mit Schülern verändert. Erst einmal möchte ich
sagen, dass mir die Reduzierung der Bewegungen zurück auf das Wesentliche sehr
entgegenkommt. Natürlich könnte ich die Abläufe schneller und dynamischer ausführen, um
Fortschritte im Training zu erzielen. Meinem Erachten nach führt dies allerdings dazu, dass mein
Trainingsschwerpunkt auf den Techniken liegt. Ein Ziel sollte es ja eigentlich sein, sich von dem
Diktat der Technik zu befreien und eine Umsetzung der Konzepte zu erwirken. Es geht als nicht
darum, WAS ich mache, sondern WIE, bzw. WARUM ich es mache. Wenn ich in den Techniken
gefangen bin, kann ich nicht adäquat auf Veränderungen der Kampfsituation reagieren und mich
den Geschehnissen anpassen. Diese Betrachtungsweise der Dinge habe ich auch dem Escrima-
Training zu verdanken. Auch dort lernt man am Anfang Techniken, bzw. Formen (ich sehe die
Chi-Sao-Sektionen auch als Formen), allerdings befreit man sich im Laufe der
Trainingsentwicklung von diesen starren Formen, um im Kampf frei agieren zu können. Somit
stellt sich die Frage, ob das Sammeln von Sektionen und deren verschiedenen Variationen
wirklich zu dem Erfolg führt, den man gerne haben möchte. Ich denke nicht. Wie heißt es doch so
schön: Weniger ist mehr.

Ich bin der Meinung, dass die Variationen der Sektionen dazu führen, dass der Schüler immer
mehr verwirrt wird. Er ist so stark mit den Abläufen beschäftigt, dass er nicht mehr dazu kommt,
den eigentlichen Grund der Bewegung zu erkennen. Und auf dem nächsten Lehrgang ist die
Sektion wieder etwas anders. Begründet werden diese Variationen mit Neuerungen oder
Aussagen wie „das ist die alte Sektion“. Darüber hinaus wird aber oft vergessen, den Schülern
darauf hinzuweisen, warum diese Bewegung nun so ausgeführt wird. In der Regel ist ja nur der
Druck des Angriffes ein wenig anders, so dass der Bewegungsablauf nun angepasst werden
muss. Der Schüler denkt nun, dass die alte Bewegung falsch ist und trainiert nur die neue. Er
beraubt sich der Möglichkeit, beide Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, je nachdem wie der
Druck des Angreifers ist.

Ein anderer Punkt im Chi-Sao, den ich immer mehr bei Dir beobachte, ist der Einsatz des
Körpers. Ich bin der Meinung, ich lasse mich aber auch gerne korrigieren, dass im Chi-Sao nicht
die Arme, sondern der Körper dem Druck nachgeben. Die Arme verformen sich nur. Im Frühjahr
auf dem verschobenen Osterlehrgang aber auch in Bulgarien habe ich festgestellt, dass Deine
Arme Dich permanent decken und Du Dich mit Deinem Körper hinter Deinen Arme in Sicherheit
bringst. Diese Beweglichkeit des Körpers in Verbindung mit koordinierten Bewegungsabläufen
der Arme ist auf jeden Fall ein Ziel, welches ich zur Zeit anstrebe. Auch hier hilft mir das
Verständnis vom Escrima weiter. Dort wird bei den Aktionen der ganze Körper als Einheit
bewegt, um auf kurze Distanz ein Maximum an Kraft zu erzielen aber auch, um die Deckung nicht
aufzugeben. Das WT-Training ist am Anfang sehr armlastig. Somit fällt es dem Schüler schwer,
eine Verbindung zwischen Körper und Arme herzustellen.

Diese beiden Schwerpunkte (frühzeitiges richtiges Reagieren und Gesamtkörperkoordination)


haben mein Chi-Sao in den letzten Monaten sehr verbessert. Noch Anfang des Jahres war ich
mit meinem Chi-Sao und der Kontrolle über meine fortgeschrittenen Schüler sehr unzufrieden.
Dieses bessert sich jetzt immer mehr. Ich schaue erwartungsvoll in die Zukunft und freue mich
auf die Erkenntnisse, die noch kommen werden.

Liebe Grüße

Dein To-Dai

Stephan Bollen, 2. TG WT, 3. TG E

„Lieber Besserkönner als Besserwisser – Sifu Kasper Lund Nielsen“


Sifu Kasper Lund Nielsen, 4. TG WT, Nationaltrainer für Dänemark, zur von Großmeister
Kernspecht angestoßenen Diskussion zum Stellenwert des Chi-Sao innerhalb des WingTsun ...

WingTsun: Nicht bloß Kampf-Sport, sondern Kampf-Kunst!

Lieber Si-Fu,

während die Werbung bereits seit einigen Jahren Kunden mit Sprüchen wie „Back to Basics“ oder
„Reduce to the Max“ offenbar mit großem Erfolg anzusprechen vermag, und Ratgeber, die dem
Leser dabei behilflich sein sollen, sein zu kompliziert gewordenes Leben zu vereinfachen, wie
warme Brötchen über die Tische der Buchhandlungen gehen, entwickelt sich - dank Deiner
aktuellen Bemühungen, und vor allem im Zusammenhang mit Deiner Fokussierung auf das
„Einpflanzen von Reflexen“ im Chi-Sao - auch unsere Kampfkunst in Richtung einer Optimierung
durch Besinnung auf die eigenen Wurzeln. Diese Entwicklung freut mich als Purist ganz
besonders. Im Leben entwickelt sich alles, verändert sich stetig. Manchmal gilt es diesen Lauf
freizugeben. Manchmal aber, muss auch auf die Bremse getreten werden. Oder mit einem Bild
gesprochen: damit ein Heißluftballon steigen kann, muss er zuerst seine Gewichte ablassen.

Meine eigenen Gedanken zum Chi-Sao- und Formen-Training hatte ich vor einigen Jahren in
meiner Arbeit zur Erlangung des 3. Technikergrades WingTsun ausführlich dargelegt.
Nachfolgend ein kurzer Ausschnitt aus dieser Arbeit:

„Für das Erlernen des WingTsun zentral ist die Bildung und Festigung von Bewegungsentwürfen
auf neuronaler Ebene. Diese vorprogrammierten Bewegungsprogramme erlauben es uns
einerseits, unseren Arbeitsspeicher mit anderen Informationen und Gedanken zu speisen;
daneben können die Bewegungen automatisch (...) starten, was bei der vom WingTsun in
gewissen Situationen geforderten Schnelligkeit von besonderer Bedeutung ist. Die Stabilität
solcher Schemata kann nur durch die Unveränderlichkeit einer beschränkten Anzahl von
Grundelementen gewährleistet sein. In diesem Sinne sind unsere Formen zu verstehen, sie
bilden zusammen die Grammatik unserer Kampfkunst und jede der in ihnen enthaltenen
Bewegung ist ein Begriff unserer gemeinsamen Sprachbasis (...) Die wichtigste Leistung für uns
ist die Begriffsbildung. Im klassischen Unterricht setzt dies ein Lehrer folgendermaßen um: er
zeigt dem Schüler eine Bewegung oder die Abfolge mehrerer Bewegungen, er beantwortet
dessen mögliche Fragen und lässt ihn das Gesehene üben. Ich habe beschrieben, dass
mechanisches Lernen sinnlos ist, ein Schüler, welcher nur „nachäfft“, lernt nichts Neues.
Vielmehr muss er – ausgehend vom motorischem und psychischem Vorzustand seines Körpers –
den Lernstoff (...) mit vorhandenem Vorwissen verknüpfen. Genau dieser Punkt zeichnet das
WingTsun aus: Jeder Mensch kann es lernen, denn wir bauen auf den psychomotorischen
Fähigkeiten und Fertigkeiten normaler Menschen auf. Im Verlauf des Studiums unserer
Kampfkunst verändert sich dieses Vorwissen von den üblichen Fertigkeiten des Körpers und des
Verstandes zu mehr und mehr raffiniertem Können, die Formen schulen uns nach und nach, und
sie bauen aufeinander auf. Der zweite wichtige Aspekt, den ich angesprochen habe, ist die
Fähigkeit, konkrete Probleme lösen zu können, denn eine wunderbar ausgeführte Biu-Tze-Form
alleine macht uns noch nicht zu einem guten Kämpfer. Erstens ist es unsere eigene Erfahrung,
die uns lehrt, wie wir uns in möglichen Kampfsituationen zu verhalten haben, wobei es natürlich
nicht sinnvoll ist, regelmäßig handgreiflichen Streit zu suchen, um sich diese Erfahrung
anzueignen. Zuerst lernen wir bestimmte Verhaltensweisen durch Rollenspiele im Training, aber
noch viel wichtiger ist die Tatsache, dass das gesamte System des WingTsun auf „Erfahrung“
basiert. Ich erfahre durch das Üben meiner Formen und deren Anwendungen in einem abstrakten
Rahmen meinen Körper UND den Körper, die Bewegungen, die Gedanken sowie die Absichten
meines Partners kennen“. (Kasper Lund Nielsen, Auszug aus der Arbeit zur Erlangung des 3.
Technikergrades WingTsun, eingereicht am 10.10.2002)

Eine kurze Bemerkung zum Schluss: WingTsun ist - meiner Ansicht nach - nicht ein Kampf-Sport,
es ist eine Kampf-Kunst. Und Kunst besteht aus mehr als einigen mehr oder weniger subtilen und
perfektionierten Techniken. Das „gewisse Etwas“ ist es, was das Besondere, das Faszinierende,
einer Kunst ausmacht, in unserem Fall das Fühlen und Handeln auf mentaler ebenso wie auf
körperlicher Ebene. In diesem Sinne danke ich Dir dafür, lieber Si-Fu, dass Du unsere Kunst, ihre
Kraft und ihre Schönheit, durch Dein unermüdliches Engagement zu einem Erlebnis und zu einer
Freude werden lässt.

Herzliche Grüsse!

To-Dai Kasper Lund Nielsen

„Lieber Besserkönner als Besserwisser – Sifu Andreas Tomczak“


Sifu Andreas Tomczak, 4. TG WT, zur von Großmeister Kernspecht angestoßenen Diskussion
zum Stellenwert des Chi-Sao innerhalb des WingTsun ...

Meine Kampffähigkeit hat zugenommen

Hallo Si-Fu,
ich war ja sowohl schon einige Male mit meinen fortgeschrittenen Schülern bei Dir zum Unterricht
innerhalb einer Kleingruppe als auch im Privatunterricht. Der Unterricht war immer „saugut“.
Speziell gut gefallen hat mir Deine „neue“ Unterrichtsmethode, das Chi-Sao effektiver
einzusetzen und auch für die Selbstverteidigung, speziell die Ritualkampfsituation, brauchbarer
zu machen. Die Impulse und Denkanstöße die Du mir vermittelt hast, haben mich dazu
veranlasst, mein eigenes Training zu überdenken, umzugestalten und damit für mich persönlich
effektiver zu machen.
Ich hatte mich, teilweise auch bedingt durch die Unterrichtstätigkeit, zu ausschließlich mit den
Sektionen beschäftigt. Aber die Art und Weise, wie Du mir Deine Ideen und Dein Wissen nahe
gebracht hast, haben diese verkrusteten Strukturen aufgebrochen und mich dazu gebracht, mich
wieder mehr mit dem Wesentlichen im WT zu beschäftigen, nämlich der praktischen
Anwendbarkeit und der Selbstverteidigung. Aus dem Feedback meiner Schüler kann ich
entnehmen, dass aus ihrer Sicht meine Kampffähigkeit in kurzer Zeit zugenommen hat. Meine
Schüler sind der Meinung, dass es daran liegt, weil ich sog. „höhere“ Techniken zur Verfügung
habe und diese auch einsetze. Aber das stimmt nicht! Ich benutze fast alles nur einfache
Techniken aber die konsequent. Vielen Dank für den Unterricht und ich freue mich schon auf das
nächste Mal.
Mich persönlich hat Dein Unterricht wieder stärker motiviert. Ich konnte wieder alle Fragen
stellen, die mir unklar waren, egal aus welchem Programm und Du hast sie mir alle beantwortet.
Das war allerdings schon immer so und hat sich nicht geändert. Auch das sollte mal gesagt
werden.

Mit freundlichem Gruß


Andreas Tomczak

„Lieber Besserkönner als Besserwisser – Christoph Bürk“


Christoph Bürk, 3. TG WT, zur von Großmeister Kernspecht angestoßenen Diskussion zum
Stellenwert des Chi-Sao innerhalb des WingTsun ...

Neuschwanstein auf dem Hühnerei

Lieber Si-Fu,
im Laufe des gestrigen Privatunterrichts hast Du uns, Sifu Xaver Hörmann 5.PG, Sifu Bodo
Seibold4.TG und mir ausführlich erläutert, dass die Ausbildung der vier sog. „Semi-Reflexen“ im
Leung Ting WingTsun eine bedeutendere Rolle spielt, als weitläufig angenommen. Würde ein
WT-Praktizierender über die Fähigkeit verfügen, diese vier Passiv-Bewegungen tatsächlich taktil
und reflexartig ausführen zu können, wäre er zweifelsfrei in der Lage, sich den aggressiven
Berührungen im Sinne der meisten geläufigen Angriffe vollständig zu entziehen.
Dabei geht es hauptsächlich darum, aus der Krafteinwirkung einer fremden Person gänzlich zu
verschwinden, die fremde Kraft 100%ig los zu werden. Die Kraft des Gegners aufzunehmen bzw.
die Kraft des Gegners gegen ihn selbst zu richten steht an zweiter oder nachfolgender Stelle.
Doch wie erlernt man die geniale Fähigkeit, genau diese Bewegungen (Bong-Sao, Taan-Sao,
Jum-Sao, Kao-Sao) an jedwedem Punkt und dazu noch „semi-reflex-taktil“ anzuwenden. Dieser
Kampf um Gelenkpositionen, Winkel, Spannungszuständen der eigenen und fremden Muskulatur
und um die Besetzung der Zentrallinie zeigt sofort die persönlichen Grenzen auf und stellt den
WT-ler vor eine scheinbar unlösbare Aufgabe. Doch offensichtlich gibt es auch für dieses
Problem eine entsprechende Lösung, denn es existieren Personen, welche über dieses
besondere Können verfügen, welche vielleicht in jedem Gelenk ein Bewusstsein besitzen, das sie
in die Lage versetzt genau zum richtigen Zeitpunkt, genau die passende Gelenkposition
einzunehmen mit der präzisen Koordination, kombiniert mit einer souveränen Leichtigkeit um die
Kraft des Gegners vollständig zu absorbieren.
Doch liegt meiner Meinung nach wie immer der Fluch in erster Linie im Ego der eigenen
Persönlichkeit, doch vielleicht auch im WingTsun-System selbst. Wenn ich von mir selbst
ausgehe, ertappe ich mich immer wieder, dass ich mich mehr für die „hohen“ WT-Programme
interessiere und deutlich mehr an der Holzpuppe trainiere, als dass ich mich auf den Kern, die
Basis der Sache konzentriere. Offensichtlich spielt dabei Enthusiasmus und sicherlich auch
Fanatismus eine große Rolle, doch sollte man sich stets etwas bremsen und nicht den toten
Techniken blindlings hinterher rennen und dem „Sektionen-Tanz“, der „2-Mann-Form“ zu viel
Bedeutung zukommen lassen. Ich möchte in keinster Weise am WT selbst, an den Formen, am
Chi-Sao oder gar an der Unterrichtsmethodik Kritik üben, doch habe ich WingTsun stets als
Prinzip, als Mittel des Ausdrucks erlebt und nicht als die Summe toter Techniken (ob ich das
genauso mache, lass ich mal dahingestellt, davon bin ich meilenweit entfernt).
Immer wieder höre ich von Schwarzgurt- und hohen Dan-Trägern persönlich, dass sie „auf der
Strasse nichts anwenden konnten“. Das Problem liegt allerdings meines Erachtens darin, dass
der Schüler zu Beginn seiner Kampfkunst(-sport)-Laufbahn den Weg über die „tote“ Technik
gehen muss. Wie soll er denn auch fremde Bewegungsabläufe und neuartige
Koordinationsmuster erlernen, wenn nicht auf dem Weg der Imitation und des Kopierens des
Lehrers?
Im WingTsun geschieht dies genauso. Der Schüler lernt dadurch, dass er vom Lehrer
„Grundtechniken“ imitiert, welche er im Unterricht vorgesetzt bekommt, bzw. welche er glaubt
erkannt zu haben. Diese Methode geschieht dabei in den niedrigeren Schülerprogrammen bis
zum Unterricht in Technikersektionen und Biu-Tze oder Holzpuppenformen.
Doch dabei schaufelt sich der Lehrer sprichwörtlich sein eigenes Grab, denn wer „nur“ Techniken
unterrichtet, wird von seinen eigenen Schülern logischerweise nach diesen Techniken beurteilt
und gewertet. Ich höre meistens von Seiten der Schüler, dass derjenige Lehrer der Beste ist,
welcher die meisten Techniken unterrichtet, dass der Lehrgang der Beste war, an dem sie die
meisten Techniken gelernt haben oder, dass der Unterricht der „Tollste“ war, weil sie besonders
viele Techniken, Variationen, Ornamente oder sonstigen „Schnick-Schnack“ gelernt – gesehen
haben. Anders herum möchte auch der Lehrer für seine Schüler ein guter Lehrer sein und
unterrichtet deshalb viele Techniken und noch mehr Variationen um die dadurch entstandene
„Gier“ nach noch mehr Techniken zu stillen oder sein Ego zu streicheln oder nur um seine
Schüler bei der Stange zu halten und damit auch seine Schule voll zu bekommen. Auch das ist
eine Kehrseite des Berufes „WT-Lehrer“, wenn der Enthusiasmus der monetären Zwangslage
weichen muss.
Doch was nützen mir die „tollsten Techniken“, wenn ich sie nicht anwenden kann? Ich persönlich
halte die Basis einer Kampfkunst (jap. Kihon), den Kern der Sache für das Allerwichtigste. Ich
hoffe für mich, dass ich irgendwann in ferner Zukunft vielleicht auch den Punkt erreiche, an dem
ich alle „Techniken“ vergessen und über Bord werfen kann, um nur noch den „Kern der Sache“
auszudrücken. Nur dann zeigt sich, ob es sich jahrelanges Training und Studium gelohnt haben.
„Wenn ihr das physische Training abgeschlossen habt, wendet euren Blick nach innen und seht,
welchen Schaden eure Psyche, eure Seele und euer Herz genommen hat!“ (Stephen K. Hayes).
Ich halte es für außerordentlich wichtig, in der Kampfkunst für überlebensnotwendig, die Basis zu
schulen und seine Konzentration gänzlich auf die Mitte zu richten. Meines Erachtens ist, im
Gegensatz zur obigen Erläuterung des „guten Lehrers“, derjenige Lehrer am geeignetsten, wer
Qualität in Quantität verbergen kann, das bedeutet, der Schüler bekommt einen Einblick in die
Quantität des WingTsun (ob das überhaupt möglich ist, sei an diesem Punkt dahingestellt) und
übt ohne sich darüber bewusst zu sein den Kern, die Qualität des Systems. Dies ist auf der einen
Seite bedauerlich, andererseits allerdings sehr gefährlich.
Bedauerlich deshalb, denn es ist eine Eigenheit der westlichen Gesellschaft, nach Sensation und
actiongeladenen Situationen zu gieren. Von den Schülern wollen die meisten sofort ans
„Eingemachte“, Sparring, Anwendungen, Kombinationen, etc.
Gefährlich wird es dann, wenn wir den Schwerpunkt nach diesen Bedürfnissen ausrichten und
nur noch skurrilen Technikvariationen und wilden Anwendungstaktiken nachjagen. Wenn unsere
Schüler ihre „Techniksammlungen“ vergleichen um ihren Rang innerhalb der Gruppe darzustellen
und ihre Lehrer danach beurteilen, wie viele verschiedenen Techniken sie beherrschen und
unterrichten, haben wir den Gipfel des Qualitätsverlustes erreicht (dann geht's nur noch abwärts).
Die vier „Kernbewegungen des WingTsun“ (Bong-Sao, Taan-Sao, Jum-Sao, Kao-Sao) auf eine
Art und Weise zu trainieren, dass diese ähnlich eines Reflexes zustande kommen bzw. gebildet
werden können, ist für jemanden, der actiongeladene Akrobatik sucht, nicht geeignet. Der Kampf
um Winkel und Positionen, um die Besetzung der Zentrallinie und ihre Räume um sie herum, ist
nur mit langsamster Geschwindigkeit und unter voller Konzentration auf Koordination und
Bewusstsein möglich.
Dadurch wird dieses Trainingsmethode für den Schüler nicht besonders attraktiv, denn ein
Verständnis für den Ansatz einer Bewegung bildet sich erst nach Jahren des Trainings.
Die meisten Schüler, die ich kenne trainieren lieber Lat-Sao-Sparring als einarmiges Chi-Sao
(was allerdings abhängig ist von der Motivation seitens des Lehrers).
Es wäre meiner Meinung auch fahrlässig unseren Schülern die Illusion zu vermitteln, sie kämen
mit dem typischen Straßenschläger zurecht, würden wir ihnen ausschließlich Chi-Sao vermitteln.
Dadurch wird ansatzweise deutlich, dass auch der Unterricht diverser Techniken seine
Berechtigung aufweist.
Die Laufbahn eines WingTsun-lers ist geprägt von verschiedenen Phasen: Härte, Weichheit,
Kraft, Schnelligkeit, Elastizität, Stabilität, Sensibilität, Spannung, usw. Erst, wenn man alle
Phasen trainiert und erlebt hat, bildet sich ein in sich geschlossener Kreis (oder eine
mehrdimensionale Kugel). Allein die geometrische Eigenheit einer Kugel verdeutlicht, dass es
jederzeit und schnellstens möglich ist, den Kern zu erreichen. Genauso, wie ein WT´ler in Lage
sein sollte, seine vier Semi-Reflexe taktil jederzeit und an jedem Punkt der jeweiligen Situation
anpassen zu können.
WingTsun zu erlernen lässt sich vielleicht mit dem Erbauen eines Palastes oder einer Burg
vergleichen. Jede Technik, jede Schrittarbeit, jede Form ist ein Stein, ein Fenster oder ein Turm
unseres persönlichen WT-Schlosses.
Doch sollten wir uns davor in Acht nehmen, zu viele Türmchen, Fenster, Gauben und besonders
auffällig ausladende Gebäudeteile anzubauen und dabei das Fundament außer Acht zu lassen.
Kein Schloss steht besonders stabil und lange auf einem Hühnerei. Dieser Text beinhaltet zum
Teil meine eigene Meinung und meine persönliche Sicht bezüglich diverser Problematiken und
Situationen. Ich entschuldige mich im voraus, sollte sich jemand dadurch beleidigt, oder auf den
Schlips getreten fühlen. Gerne bin ich bereit zu den oben angeführten Punkten persönlich
Stellung zu nehmen.
„Wahre Worte sind nicht schön – schöne Worte sind nicht wahr“ (Lao Tse)

Viele Grüße aus dem herbstlichen Allgäu,


Dein To-Dai
Christoph Bürk, 3. TG WT

„Lieber Besserkönner als Besserwisser – David Silvester“


David Silvester, 1. TG WT, zur von Großmeister Kernspecht angestoßenen Diskussion zum
Stellenwert des Chi-Sao innerhalb des WingTsun ...

Jetzt nicht ins andere Extrem fallen!

Eine Lehre aus den Privatstunden ist: Einzelheiten sind wichtig. Weniger ist mehr. Und das
Wenige muss man intensiv üben. Daher bringt es einem nichts, wenn man mal Privatunterricht
nimmt und meint, danach wäre die Pflicht getan oder im Sinne von „jetzt habe ich die Unterschrift
auf dem Laufzettel und gut“. Der Lehrer kann den Weg immer nur zeigen, der Schüler muss ihn
gehen. Ich bin heute der Meinung, dass erst das intensive Üben des Kerns des WingTsun, sprich
der Grundtechniken in Verbindung mit dem regulären Training und dem Privatunterricht, ein
gutes Paket ergeben. Daher beschäftigt sich meine Arbeit für den 2. TG mit dem Thema des
richtigen „Selbsttrainings“, sprich den Übungen, die man alleine, außerhalb des Unterrichts oder
den Privatstunden, in relativ kurzer Zeit absolvieren kann. Ich hoffe, in den nächsten 2 bis 3
Monaten fertig zu sein. Durch das ständige Wechseln von meinen Ideen und Vorstellungen,
bedingt durch die Privatstunden, hat sich von Januar bis heute so viel an der Arbeit verändert und
wird sich vielleicht noch verändern. Ich hätte es nie für möglich gehalten, wie schwer es doch ist,
einen entsprechenden Plan zu entwerfen.
Etwas Interessantes habe ich bei den Privatstunden mit Dir allerdings entdeckt, kann mich aber
natürlich irren: Manchmal kommt es mir so vor, als wenn wir Schüler Dir Ideen geben oder Dir
durch unsere Fehler Dinge verdeutlichen. Kann es sein, dass auch Du aus den Privatstunden
(etwas für Dich mitnimmst? Da Zeit wertvoller ist als Geld, würde ich es Dir zumindest wünschen.
Ansonsten wäre es schade, wenn z.B. ich Deine Zeit verschwenden würde).
Die Frage, ob der Preis, den man für Privatstunden bezahlt angemessen ist, muss ein jeder für
sich selbst beurteilen und entscheiden. Ich bin zumindest immer dankbar dafür, dass ich
unterrichtet werde, und werde es genießen, solange ich es darf und kann.
Vielleicht noch eine Bitte: Um einen Weg der Mitte zu gehen, würde ich mir bei Lehrgängen
wünschen, dass Du in einer Einheit Anwendungen und in der anderen Einheit Chi-Sao-Sektionen
unterrichtest. Ich sehe sonst die Gefahr, dass Chi-Sao-Sektionen in Zukunft zu kurz kommen und
wir uns von einem in ein anderes Extrem bewegen.

Liebe Gruesse
Dein To-Dai David, 1. TG WT

„Lieber Besserkönner als Besserwisser – Pavan“


Pavan, 1. TG WT, zur von Großmeister Kernspecht angestoßenen Diskussion zum Stellenwert
des Chi-Sao innerhalb des WingTsun ...

Ein Resumee

Lieber Si-Fu,

viel „Trübes“ ist „klar“ geworden während diesem äußerst aufschlussreichem Wochenende. Jahre
der Frustration, des blindem Herumtastens und des Verzweifelns, ob der Unkenntnis dessen, um
was es beim Chi-Sao ging, gehören der Vergangenheit an und nun weiß ich endlich woher dieses
un-gute Gefühl herkam, das mich sooft beim Chi-Sao Training bzw. Unterricht plagte.
Umso deutlicher zeigt sich die Bedeutsamkeit eines Lehrers, der wirklich weiß, was er macht und
auch bereit ist, seine Fähigkeiten an seine Schüler zu vermitteln.
Denn auch wenn es Großmeister Kernspecht gelingen sollte, den WT-Lehrern zu lehren wie man
„fühlt“, so bleibt noch abzusehen, ob diese dann auch offenen Herzens das Gelernte bereit sind
weiterzugeben.
Hier spricht ein „gebranntes Kind“, denn es war damals die intuitiv erspürte „Lebendigkeit“ beim
Chi-Sao mit Sifu Fries, die mich und Andere derart „in den Bann“ zog, dass die Stimme der
Vernunft ausgeschaltet wurde.
In Wirklichkeit sehe ich persönlich es nicht als die Aufgabe Großmeister Kernspechts an, dafür
„Sorge zu tragen“ bzw. sich gar „verrückt zu machen“, falls die Essenz des Chi-Sao's nicht von
denen weitergegeben wird, die es bei ihm erlernen bzw. erfahren durften.

Beim Theorie-Seminar am Freitag Abend ließ Großmeister Kernspecht verkünden:


„Der wahre Zweck des WingTsun liegt in der Selbstverteidigung.“
Sicherlich erlaubt diese Feststellung eine notwendige Radikalkur der kopflastig gewordenen
EWTO-Gemeinde; was den Schreiber interessiert ist, ob diese Aussage die wirkliche Auffassung
Großmeister Kernspechts darstellt oder ob es sich dabei lediglich um einen „Köder“ handelt, der
dazu dient, so manchen WT-ler wieder auf die richtige Fährte zu leiten.

Pavan
(vormals bekannt als Michael Ulrich)
„Lieber Besserkönner als Besserwisser – Sifu Oliver Hofmann“
Sifu Oliver Hofmann, 3. TG WT, zur von Großmeister Kernspecht angestoßenen Diskussion zum
Stellenwert des Chi-Sao innerhalb des WingTsun ...

Mit „Sektionstänzen“ keine Chance in einer realistischen Situation

Hallo Si-Gung,

lese jeden Tag in der WT-Online die Meinungen von WTlern zu diesem Thema. Wenn man den
Bezug zur Realität nicht verloren hat, muss doch jedem klar sein, dass man mit solchen
„Sektionstänzen“ in einer realistischen Situation nicht den Hauch einer Chance hat. Jeder
fortgeschrittene WT-ler sollte sich auch immer vor Augen halten wie wichtig die Grundtechniken
sind. Wenn ich beim ersten Kontakt meine Sache nicht richtig mache, kann es „PENG“ machen
und das war es dann. Trotzdem sollte jeder WTler den Ablauf der einzelnen Sektionen kennen
und können, aber den Bezug zur Realität nicht verlieren.

Sifu Oliver Hofmann, 3. TG WT

„Lieber Besserkönner als Besserwisser – Sifu Michael König“


Sifu Michael König, 4. TG WT, zur von Großmeister Kernspecht angestoßenen Diskussion zum
Stellenwert des Chi-Sao innerhalb des WingTsun ...

Ich war nur ein Sektionsjäger

Hallo Si-Fu,
seitdem ich bei Dir Privatunterricht bekomme (was ich schon immer wollte, aber so fern war, dass
ich es nie für möglich hielt), beschäftige ich mich damit, wie man das Erlebte zu Papier bringen
könnte.
In Deinem Editorial bringst Du es auf den Punkt: Als ich mit dem Privattraining bei Dir anfing, war
mein wichtigster Gedanke das Erlernen von Sektionen.
Mit Beginn der 1. Stunde bei Dir als frischgebackener 4. TG, hast Du mich aber schon in die
Richtung gelenkt, dass es die Sektion als feste Bewegungsfolge eigentlich nie gegeben hat und
sie daher von der Wichtigkeit überschätzt wird.
Zugegebenerweise fiel es mir schwer, Deine vorgegebene Richtung, nämlich freies Chi-Sao zu
üben, zu folgen. Im Grunde genommen war ich ein Sektionsjäger. ich fand es schön, die
Sektionen und Varianten der gleichen zu erlernen und mehr zu wissen als andere.
Es ist meiner Meinung nach auch immer noch, zwar von viel geringerer und anderer (!)
Bedeutung wichtig, eine ggf. standardisierte Sektion zu üben, da der Schüler eine gewisse feste
Grundlage braucht.
Problematisch ist der Standard jedoch, da sich jeder Mensch anders anfühlt und daher anders
angreift. In sofern wird und kann es nie eine 100prozentig gleiche Sektion geben. Schon gar nicht
in jeder Schule, da jeder Lehrer ein anderes Verständnis oder Wissen über die Sektion hat.
Da ich seit Jahren das gute Schlosstraining bei Sifu Thomas Schrön genieße, habe ich ein
relatives Wissen über die jeweilige Sektion. Vielleicht kann ich daher auch das freie Training mit
Dir besser beurteilen.
Wenn ich die Sektion, wie Du es sagst, als Zweimannform bezeichne, macht sie vom Üben her
Sinn. Problematisch ist es jedoch trotzdem, da jeder Mensch sich anders anfühlt, angreift,
körperliche Kraft- und Größenunterschiede hat. Das hat zur Folge, dass ich eben nicht den
Standard aufstülpen kann. WT war schon immer rebellisch und unangepasst und deshalb für sich
erfolgreich.
Vielleicht würde eine Standardisierung von Bewegungsabläufen einen Stillstand bzw. Rückschritt
zur Folge haben, da der Standard alleine starr und tot ist.
Mein Motto ist, freie Geister können sich nur bei freien Möglichkeiten entwickeln.
Wie gesagt, alles, was ich hier so niederschreibe, habe ich Dir und Deinem Unterricht zu
verdanken. Ich wäre von alleine nie darauf gekommen. Insofern haben sich meine Gedanken und
das Verständnis über Chi-Sao (also WT) durch Deinen Chi-Sao-Unterricht wahnsinnig verändert.
Seit Jahren besuche ich Lehrgänge von Dir. Eine ganze, komplette Sektion hast Du bislang
selten unterrichtet. Ich verstand damals nie so richtig warum, kann mich aber, auch heute noch,
an viele Details Deiner Lehrgänge erinnern. Selbst an Lehrgänge, die schon 10 (!) Jahre her sind.
Manche Sektionsvariante allerdings vergaß ich schon nach kurzer Zeit. was natürlich auch daran
lag, dass man für höhere Sektionen oftmals keinen Trainingspartner hat.
Doch alleine der Gedanke eine Sektionsvariante zu vergessen, schaffte bei mir ein Gefühl der
Unsicherheit, wobei Unsicherheit ein Gefühl ist, was ich bei Selbstverteidigung nicht gebrauchen
kann. Sicherheit schafft Selbstvertrauen. Daher sollte und muss jeder, schon der 1. SG,
Sicherheit empfinden.
Da ich zur Zeit monatlich mindestens einmal (manchmal sogar zweimal) eine doppelte Stunde mit
Dir genießen (!) kann, habe ich einen offenen Geist behalten oder wieder bekommen. Bei jeder
Stunde mit Dir stehe ich vor Dir und versuche mittlerweile nichts zu erwarten, sondern
entsprechend dem Angriff zu reagieren, da ich die Abwehr nie hinbekomme, analysierst Du mit
mir den Angriff und die resultierende Abwehr. Alleine diese Analyse und die dabei von Dir
geäußerten Gedanken (denn Du denkst laut zum Mitdenken!) bringen mich unglaublich voran.
Die Vielfältigkeit eines Angriffs und die entsprechende Vielfalt der Abwehr lassen für mich nur
den Schluss zu, dass eine bewusst gedankliche Abwehr zeitlich nicht möglich ist. Lediglich durch
das Körpergefühl wäre eine angepasste Abwehr möglich.
Bei einem Deiner Unterrichte wog ich gut 98 kg. Ich muss dazu sagen, dass ich mindestens 3-4
Mal in der Woche Krafttraining mache und vielleicht nicht der Schwächste bin. Du allerdings hast
bei einer Stunde 69 kg gewogen. Trotzdem hast Du mich meterweise durch den Raum geworfen.
Klar hatte mich das frustriert. Dies aber positiv!
Bei der langen Heimfahrt (die dauert!) dachte ich mir, wie kann das sein? Weder Zauber, noch
sonst mysteriöse Dinge können das bewirken. Unser WT ist schließlich wissenschaftlich und
daher analysierbar.
Jede Privatstunde schrieb ich mir später auf. Das neu Erlernte floss umgehend in den Unterricht
ein. Ich kann sagen, das Wissen hatte und hat einen ungeheueren Einfluss auf meine Gedanken
und daraus resultierend auf meinen eigenen Unterricht als Lehrer.
Neues Wissen kann man nicht verbergen, da es einen verändert.
Bei dem Unterschied von fast 30 (!) kg + unserem Altersabstand müsste jedem Außenstehenden
klar sein, dass die Kraft (vielleicht aus der Sichtweise, wie wir sie interpretieren, nämlich sportlich
und meist jung) im WT keine Bedeutung hat, sondern eher ein Nachteil ist.
Ich habe beim Schreiben dieser Zeilen natürlich einen großen Nachteil, denn ich kann das
Körpergefühl und die Gedanken, die mir kommen, seit ich bei Dir lerne, nicht alle transparent
rüberbringen.
Das ist ein großer Nachteil für mich, da es für mich nicht möglich, vielleicht auch mit Worten
unbeschreiblich ist.
Vielleicht kann ich es anhand von Unterrichtserfahrungen mit Schülern verständlicher machen:
Ich habe Privatschüler vom 11. SG bis hin zum 3. TG. Bislang hatten wir immer und mit viel Spaß
standardisierte Sequenzen geübt.
Durch Deinen Unterricht und Deine ausgesprochenen Gedanken veränderte sich jedoch auch
meine Unterrichtsmethode (nicht nur beim Privattraining).
Einigen schülern fiel es schwer, dass sie nicht Sektionsvariante xyz mit mir trainieren konnten.
Andere wiederum waren von den freien Übungen sofort begeistert. Da ich am freien Üben
festhielt, mussten alle ähnlich mit mir trainieren, so wie ich mit Dir.
Für mich war es erstaunlich, dass ich mit fast dem gleichen Angriff, Schüler von 11. SG bis 3. TG
angreifen konnte und kein Angriff abgewehrt wurde.
Ähnlich wie Du es in Deinem letzten Editorial beschriebst (laut Zeugenaussage), griff ich fast alle
gleich an und keiner konnte abwehren.
Zum Thema Überlegenheit kann ich hier nur eins sagen: ziemliche Überlegenheitssteigerung.
Dies sollte und muss zu denken geben. Denn nur die Effektivität der Kampfkunst sollte uns von
Bedeutung sein.
Im Taoismus wird davon ausgegangen, dass wenn man ein oder zwei Blätter eines Baums
betrachtet, die übrigen Blätter bedeutungslos sind. Doch der ganze Baum ist von Schönheit und
Bedeutung. Betrachtet man nur ein oder zwei Blätter, fehlt der Sinn für die restlichen Blätter.
Auch taoistisch ist, wenn Du tausend Arme hast, aber nur zwei nutzt. Wozu sind dann die
anderen von Bedeutung?
Das muss auch im WT weiterhin so bleiben. Das Ziel ist, zu überleben im Kampf. Sonst nichts.
Ich finde Deinen Unterricht befreiend, da nicht tote Bewegungsfolgen im Vordergrund stehen.
sondern das Ziel.
Formen, Schritte, Drills, Lat-Sao und Chi-Sao sind Mittel, aber nicht das Ziel. das Ziel ist der Sieg.
Der Angreifer kann der größte Primitivling sein und trotzdem siegen.
Diesen Gegner gilt es zu besiegen.

Michael König
4. TG WT