Sie sind auf Seite 1von 3

Garten-Lesung – Samstag, 27. Juni 2015 – Terrasse GZ Riesbach – Zürich

«Man soll seinen Garten pflegen.» Unter dieses Zitat von Voltaire, stellten die Veranstalter diesen Anlass. Voltaire lebte vor der Französischen Revolution. Als Aufklärer würde er entspre- chende Sorge heute auch für den öffentlichen Raum fordern.

Abschied von der Linde

Was sind das für Zeiten, wo Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

Die berühmten Verszeilen richtet Bertold Brecht 1937 aus dem Schwedi- schen Exil an Kollegen, die sich in finsteren Zeiten in Naturlyrik ergehen. Diese Lesart ist heute kein bisschen weniger aktuell. Was Brecht aber nicht voraussehen konnte: dass eine Zeit kommen würde, in der das Schweigen über Bäume so viele Untaten an diesen selbst einschliessen würde.

Mit der Neugestaltung der Bahnhofstrasse wollte die Behörde nach eige- nem Bekunden zur hohen Lebensqualität und zum guten Ruf der Stadt beitragen. Für Aufenthaltsqualität, Funktionalität, Sinnlichkeit und Ästhetik werde gesorgt, versicherte man die Bevölkerung und griff zur Kettensäge:

72 der 177 Linden müssten der Neugestaltung weichen. Eine kurze Irrita- tion ging durch die Medien. Und als beim Nachzählen hinterher nicht 72, sondern 119 Bäume fehlten, war das kaum mehr eine Randnotiz. Eine Erklärung für den Frevel wurde weder abgegeben, noch gefordert. Was sind das für Zeiten, wo 47 Linden mehr oder weniger im Herzen der Stadt keine Rolle mehr spielen! Ihr Duft, der zwischen Bahnhof und See stets zuverlässig und auf betörende Weise den Sommer ankündet, bleibt heuer erstmals aus.

Doppelt folgenschwer wiegt, dass der grösste Teil der gefällten Bäume älter als vierzig Jahre war, noch jugendliche Linden zwar, aber mit bereits so weit ausgreifenden Wurzeln, dass sie die Streusalzexzesse teilweise überstehen konnten. Jungbäume schaffen dies meist nicht; ihre Wurzeln bleiben in der Salzkruste stecken. Bäume sind nicht nur die langlebigsten Wesen auf unserem Planeten, sie sind auch ausgedehnte und dicht be- völkerte Lebensräume für eine Vielfalt von Insekten und anderen Kleintie-

Garten-Lesung – Samstag, 27. Juni 2015 – Terrasse GZ Riesbach – Zürich

ren, Vögeln und Pilzen, allerdings nur dort, wo sie heimisch sind. Und je älter der Baum, umso reichhaltiger ist er als Lebensraum.

Wenn Strassenbäume behördlichem Ordnungs- und Gestaltungseifer zum Opfer fallen, werden sie routinemässig zuvor krankgeschrieben. Meist zu unrecht, denn Hunger und Durst sind keine Krankheiten. Beim Menschen nicht und nicht bei Bäumen. Wenn diese dahin siechen, dann weil das Streusalz ihnen die Wasser- und Nahrungsaufnahme abwürgt. Bei Glatteis schützt Sand auf Trottoirs und wenig befahrenen Strassen der Ebene am besten. Streusalzeinsätze auf der Bahnhofstrasse sind plan- mässige Giftanschläge auf die Linden. Bei den wenigen Eisglätten pro Winter würden die Bäume notfalls auch mit Salz fertig, wenn es denn da- bei bliebe. Indessen werden Winter für Winter hunderte von Tonnen Salz über die Stadt verteilt, heute durchschnittlich dreimal mehr als noch in den 90er-Jahren, und dies um frisch gefallenen Schnee zu schmelzen, anders gesagt, um vereisenden Schneematsch zu produzieren. In einigen Wo- chen werden die Spuren an Linden, Kastanien und Ahorn sichtbar: Ihre Blätter verdorren vom Rand her und fallen vorzeitig ab. Das versickernde Salz verbleibt teilweise im Boden und schädigt das vielfältige unterirdische Leben, mit dem der Baum auf Gedeih und Verderb verbunden ist.

Die Linde war in unserer Gegend über Jahrhunderte Inbegriff des Stadt- baums. Im alemannischen und germanischen Kulturkreis war sie ein sym- bolisch hochaufgeladenes Gewächs. Als Dorflinde, als Tanzlinde oder als tausendjährige Gerichtslinde ist sie eine wahrhaftige Geschichtsträgerin. Nun droht sie aus dem Strassenbild der Städte zu verschwinden. Der frei- heitsliebende Baum lässt sich nicht in ein vergiftetes und verbackenes Korsett zwängen.

Die vertrauten Alleebäume werden aus dem Verkehr gezogen und durch salztolerantere Gattungen ersetzt. So ist Celtis, der Südliche Zürgelbaum im Kommen und Gleditsia, der Lederhülsenbaum, beides bei uns ökolo- gisch bedeutungslose Gewächse. Dasselbe lässt sich von Ginkgo, dem Chinesischen Tempelbaum sagen, ebenso von Alianthus, dem Götter- baum, einem wanderfreudigen Gewächs, wie die Robinie, auch sie ein Exot auf der Alpennordseite, der nicht mehr vorgestellt zu werden braucht, der anspruchslose und durchaus attraktive Schmetterlingsblütler dominiert das Stadtbild bereits weitgehend, und längst nicht nur dieses; die Wächter über der Reinheit der einheimischen Vegetation sind alarmiert wegen sei- ner Einwanderung in die Wälder und Trockenrasen. Man schätzt seine

Garten-Lesung – Samstag, 27. Juni 2015 – Terrasse GZ Riesbach – Zürich

Dienste als Staubfänger an der Strasse, aber bitte keine Verbreitung im Grünen! Dort kann sie dann immerhin– wie letzte Woche auf der Allmend – von Magistraten und Chefbeamtinnen medienwirsam wieder eingesam- melt werden.

Wenn wir den eingeschlagenen Weg weiter gehen wollten, wäre etwa an die Tamariske zu denken, die zwar keinen richtigen Schatten spendet, aber dafür einen Hauch Biarritz oder San Remo in unsere Städte zaubern würde. Oder wir holen uns gleich die noch genügsamere Schwester aus dem Negev, die Manna-Tamariske in unsere innenstädtischen Salzwüs- ten. Ihr Name verrät es: vom Himmel, beziehungsweise aus ihren Zwei- gen fiele uns Manna zu. Der Haken dabei: Wahrscheinlich würde der himmlische Slowfood in der Geschäftswelt nicht angemessen geschätzt, denn der süsse, von einer Schildlaus ausgeschiedene Honigtau tropft na- türlich genauso wie auf den Wüstensand auch auf frisch polierte Kühler- hauben. Bereits das "Manna", das von unseren heimischen Linden fällt – auch hier das Werk der Schildlaus – sorgt bei Parkierern für Verdruss. Bienen, Hummeln und Schwebfliegen ihrerseits wüssten das Manna – egal ob nahöstliches oder heimisches - als Treibstoff zu schätzen.

Für seine ökologischen Funktionen, macht es den ganzen Unterschied, ob der Lebensraum Baum eine einsame Insel, oder Teil eines Archipels Stadtnatur ist. Je öder und je spärlicher die Inseln, desto eher verhungert und erstickt die Kreatur in der Asphaltwüste.