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Robert Lindner

Entwicklungspolitische Positionen zu Afghanistan 12. März 2010

Von London nach Kabul: Auf dem Weg zu einer neuen Afghanistan-Strategie?
Auf der internationalen Afghanistan-Konferenz in London am 28.01.2010 haben sich
internationale Regierungen, die Vereinten Nationen und die afghanische Regierung auf
Elemente einer neuen Afghanistanpolitik verständigt. Im Vordergrund standen neue
Initiativen zur Reintegration von Widerstandskämpfern und zum weiteren Ausbau der
afghanischen Sicherheitskräfte. Außerdem wurde für die nächsten 12 bis 18 Monate
verstärkter militärischer Druck auf die Aufständischen angekündigt. Die im Vorfeld
angekündigten detaillierten Pläne für eine Verstärkung des zivilen Aufbaus ("civilian surge")
wurden jedoch auf eine Folgekonferenz in Kabul ca. im Mai oder Juni dieses Jahres
verschoben. Internationale Hilfsorganisationen wie Oxfam fordern im Hinblick auf diese
Konferenz die Bundesregierung und die internationale Gemeinschaft auf, ihr künftiges ziviles
Engagement in Afghanistan konsequent auf die Bekämpfung der Armut, und den
Militäreinsatz auf den Schutz der Zivilbevölkerung auszurichten. Die angekündigte neue
internationale Strategie für den zivilen Aufbau muss überprüfbare Ziele und Messgrößen und
transparente Überprüfungsmechanismen enthalten. Zivile und militärische Aktivitäten
müssen vollständig voneinander getrennt werden.

1) Entwicklungshilfe bedarfsgerecht einsetzen


Entwicklungshilfe muss in Afghanistan dort eingesetzt werden, wo sie am nötigsten ist und
darf nicht politischen oder militärischen Interessen untergeordnet werden. Deutschland und
andere Geberstaaten konzentrieren ihr ziviles Engagement jedoch zu sehr auf jene
Regionen, in denen ihre eigenen Truppen eingesetzt sind. Entsprechend konzentriert sich
die deutsche Hilfe Entwicklungshilfe zu rund 80 Prozent auf den eigenen
Verantwortungsbereich in Nord-Afghanistan. Ärmere, aber friedlichere Landesteile werden
dagegen vernachlässigt. Das zentralafghanische Daikundi ist zum Beispiel eine der ärmsten
Gegenden des Landes, aber relativ sicher. Es gibt dort keine befestigten Straßen, und
weniger als Prozent der Schulen sind in festen Gebäuden untergebracht. Dennoch erhält
Daikundi wesentlich weniger internationale Hilfe als stärker umkämpfte Provinzen mit
ausländischer Truppenpräsenz.

2) Wirksamkeit der Hilfe erhöhen


Deutschland und andere Geberstaaten, die gleichzeitig auch Truppenkontingente stellen,
setzten Entwicklungshilfe in Afghanistan zu häufig dafür ein, um kleinteilige, aber schnell
vorzeigbare Aufbauprojekte zu realisieren. Damit soll die Sympathie ("Hearts and Minds“) der
lokalen Bevölkerung für die eigenen Truppen erhöht werden. Solche maßgeblich vom Militär
gesteuerten "Quick-Impact"-Projekte sind jedoch in der Regel unzureichend mit anderen
zivilen Vorhaben abgestimmt. Sie weisen zudem häufig Mängel in Planung und Ausführung
auf, haben keine lange Lebensdauer und schaden in manchen Fällen mehr als sie nützen.
Zum Beispiel errichtete ein US-amerikanisches zivil-militärisches "Regionales
Wiederaufbauteam" (PRT) in der Provinz Kapisa eine Schule, deren Latrinen in einen Fluss
abgeleitet wurden, aus dem Anwohner ihr Trinkwasser gewannen.1 Entwicklungshilfe muss
sorgfältig geplant werden und langfristig wirksam sein. Deshalb müssen die Menschen, die
erreicht werden sollen, umfassend in die Planung und Umsetzung von Projekten einbezogen
werden. Entsprechende erfolgreiche Programme wie z. B. das "National Solidarity
Programme" (NSP) sollten stärker als bisher gefördert werden.

-1-
3) Keine Militarisierung von Entwicklungshilfe
Militärs dürfen nur in genau definierten Ausnahmefällen selbst Nothilfe durchführen oder sich
selbst in der Entwicklungshilfehilfe engagieren2. Sie dürfen außerdem keinen Druck auf
unabhängige Hilfsorganisationen ausüben, mit dem Militär zu kooperieren. Die Erfahrung
unabhängiger Hilfsorganisationen in Afghanistan zeigt: Sobald Entwicklungshilfe nicht mehr
als unparteilich, sondern als Teil einer Militärstrategie wahrgenommen wird, werden
Einheimische und Helfer leicht zum Ziel bewaffneter Angriffe. Die innerhalb des ISAF-
Einsatzes gängige Vermischung von militärischem und zivilem Mandat verstößt nicht nur
gegen die anerkannten humanitären Prinzipien, sondern auch gegen eigene NATO-
Richtlinien, wonach humanitärer Hilfe nicht dazu eingesetzt werden darf, um politische Ziele
zu erreichen oder um "hearts and minds" zu werben3 Im krassen Gegensatz dazu wird
jedoch in einem aktuellen Handbuch der US-Armee Hilfe als "nicht-tödliche Waffe" bei der
Aufstandsbekämpfung bezeichnet4. Ein Angestellter der Provinzregierung in Daikundi
äußerte in einem Gespräch mit den Autoren der von Oxfam, Care und weiteren NRO
herausgegebenen aktuellen Studie "Quick Impact, Quick Collapse. The Dangers of
Militarized Aid in Afghanistan": "Wir sind zwar äußerst arm und wir benötigen dringend
Entwicklungsprojekte, aber wir wissen, dass überall dort, wo internationale Truppen
hingehen, ihnen die Taliban folgen."5
Die 2008 von UN, ISAF, ANA und in Afghanistan tätigen NRO im August 2008
beschlossenen "Guidelines for the Interaction and Coordination of Humanitarian Actors and
Military Actors in Afghanistan"6 regeln klar das Verhältnis von militärischen und zivilen
Akteuren, wurden bislang aber von Seiten des Militärs noch nicht ausreichend umgesetzt.
Deutschland sollte sich dafür einsetzen, dass dies unverzüglich geschieht. Entsprechend
sollten auch die "Regionalen Wiederaufbauteams" (PRT) auf ihr ursprüngliches Mandat
beschränkt werden, ein sicheres Umfeld für den zivilen Aufbau zu schaffen und die
afghanischen Sicherheitskräfte auszubilden. Im Gegensatz zur aktuellen Praxis sollten PRTs
keine zivilen Aufbauprojekte selbst durchführen, finanzieren oder koordinieren und sie
müssen stets die Unabhängigkeit und Unparteilichkeit von Hilfsorganisationen respektieren.

4) Geberstaaten müssen ihre Hilfe besser koordinieren


Die internationalen Geber stimmen bisher ihre Hilfe ungenügend miteinander und mit der
afghanischen Regierung ab. Ein großer Teil ihrer Projekte wird an den zentralen
afghanischen Regierungsstellen vorbeigeleitet und direkt in den jeweiligen regionalen
Verantwortungsbereichen umgesetzt. Das zur besseren Geberkoordinierung eingerichtete
"Joint Coordination Monitoring Board" (JCMB) wird zuwenig genutzt. In den Londoner
Beschlüssen vom 28. Januar werden lediglich allgemeine Maßnahmen zur Verbesserung
des JCMB empfohlen. Nötig wäre, mehr Geberaktivitäten im JCMB abzustimmen und es
konkret mit mehr Mitteln und Personal auszustatten, damit es seiner Aufgabe besser gerecht
werden kann.

5) Umfassende Rechenschaft über die geleistete Hilfe ablegen


Die internationale Gemeinschaft muss sich bei ihren zivilen Aufbauleistungen auf realistische
Ziele, klare Messgrößen und transparente Überprüfungsmechanismen verpflichten. Dies
muss spätestens bei der nächsten Afghanistan-Konferenz in Kabul geschehen. Die
Menschen in Afghanistan und in den Geberländern haben ein Recht darauf, dass das
eingesetzte Geld nachhaltige Erfolge bei der Verringerung der Armut hervorbringt.

-2-
6) Militäreinsatz konsequent auf den Schutz der Zivilbevölkerung ausrichten
Die ISAF-Schutztruppe muss sich ausschließlich auf ihr UN-Mandat beschränken und tun,
was Soldaten am besten können: für die Sicherheit der Bevölkerung sorgen, ein sicheres
Umfeld für den zivilen Aufbau schaffen und das afghanische Militär ausbilden (siehe auch
Position 3 zu PRTs).

7) Friedensgespräche nur auf Grundlage von Recht und Gerechtigkeit


Die angekündigte Initiative für eine Wiedereingliederung von ehemaligen Aufständischen
darf nicht auf Kosten der Opfer von Gewalttaten und der in der afghanischen Verfassung
garantierten Rechte gehen. Der scheidende Leiter der UN-Mission in Afghanistan, Kai Eide,
forderte, dass der geplante Reintegrationsfonds mit einem Versöhnungsprozess
einhergehen müsse7. Afghanische Frauenvertreterinnen forderten bei der Londoner
Konferenz, bei entsprechenden Friedensgesprächen aktiv mit einbezogen zu werden. In
jedem Fall muss sichergestellt werden, dass die in der afghanischen Verfassung verbrieften
Menschenrechte, insbesondere die Frauenrechte, respektiert werden.8

8) Einheitliche Entschädigungsregeln für die zivilen Opfer von Militärschlägen


Militäroperationen internationaler und afghanischen Truppen fordern nach wie vor zahlreiche
unschuldige zivile Opfer. Schwerverletzte und Angehörige von Opfern geraten schnell in
Armut, wenn es keine angemessene Entschädigung gibt. Selbst innerhalb der ISAF-Staaten
sind die Unterschiede bezüglich Höhe und Zügigkeit von Entschädigungen enorm.
Deutschland sollte sich deshalb für die unverzügliche Ausarbeitung von NATO-einheitlichen
und ausreichenden Bestimmungen einsetzen und sie entsprechend umsetzen.

-3-
1
vgl. Afghanaid, Care, Oxfam u.a.: "Quick Impact, Quick Collapse - The Dangers of Militarized Aid in Afghanistan", Januar 2010, S. 2,
http://www.oxfam.de/download/20091127_QuickImpactQuickCollapse_158kb.pdf
2
"Guidelines for the Interaction and Coordination of Humanitarian Actors and Military Actors in Afghanistan",
http://www.afgana.org/showart.php?id=323&rubrica=223
3
PRT Executive Steering Committee, PRT Policy Note 3 vom 22.02.2007, http://www.unamagroups.org/kabulprtworking group
4
vgl. Quick Impact, Quick Collapse…", S. 1/2
5
vgl. "Quick Impact, Quick Collapse…", S. 4
6
siehe Anmerkung 2
7
Bei einer Rede beim NATO-Verteidigungsministertreffen in Istanbul vom 5.2.2010
8
Afghan Women's Network: Reaction from Afghan Women Civil Society Leaders to the Communiqué of the London Confererence on
Afghanistan, 29.01.2010