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VO KOMET / SoSe 2010 -1- ©Nicole Kolisch

Maximilian Gottschlich

KOMET
VO1, 8.3.2010

1.) Einführung / Begriffsbestimmung

Kommunikationsethik betrifft uns täglich. Wie sollen und können wir miteinander
umgehen?
Die Kommunikationswissenschaft bietet relativ wenig Einsichten in die Problematik an 
eher die Philosophie zuständig

Ethik = Zweig der praktischen Philosophie


An welchen Prinzipien orientieren wir unser kommunikatives Handeln?
In der KW ist hier in erster Linie der Bereich Medien- und Journalismusethik abgedeckt,
aber letztlich hat die KW nicht nur mit Massenmedien und mit Formen der medial-
vermittelten öffentlichen Kommunikation zu tun, sondern auch mit zwischenmenschlicher
Kommunikation.
 KW bietet (zu) wenig Raum für zwischenmenschliche Kommunikation, da man sich
hauptsächlich mit Massenkommunikationsforschung beschäftigt.

Kommunikationsethik = nicht nur Medienethik


Die Sozialwissenschaften gehen im Gegensatz zur Philosophie mit Fragen der Moral nur
sehr vorsichtig um. Sie beschäftigen sich vor allem mit deskriptiver Ethik, etwa mit der
„Berufsmoral von Journalisten“ – ein Thema, bei dem die vorhandene Moral beschrieben
wird.

Deskriptive Ethik
= beobachtet & beschreibt die vorhandene Moral

Im Gegensatz zu dieser deskriptiven Ethik steht die normative Ethik.

Normative Ethik
= die sittlichen Prinzipien, die hinter den Regeln stehen und der Versuch diese Regeln zu
begründen und zu rechtfertigen.

Normative Ethik wird in der Philosophie (genauer: Moralphilosophie) betrieben, nicht in


Sozialwissenschaften:

– Philosophie: theoretische Reflexion moralischer Regeln


– Kommunikationswissenschaft: Handlungsregeln – ja! Aber keine Refelexion
dahinterstehender Prinzipien.

Angewandte Ethik
= setzt sich mit konkreten moralischen Problemstellungen unseres täglichen Lebens
auseinander.

z.B. Diskussion um Sterbehilfe, Migration etc.

Angewandte Ethik verzichtet auf die Frage der „Letztbegründung“, der Rechtfertigung 
es ist jene Ethik, mit der sich die Sozialwissenschaften auseinandersetzen.
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Maximilian Gottschlich

Metaethik
= beschäftigt sich mit der Frage der moralischen Urteilsbildung.
Sie ist logisch der Ethik übergeordnet.

Bsp.: In welcher Sprache vermittelt sich Moral? Wie ist die Art und Weise unseres
moralischen Argumentierens?

2.) Wozu Kommunikationsethik?

Kommunikation & Ethik:

• Alles Leben ist Kommunikation. Existenz = kommunikative Existenz.


vgl. „existere“ bei Heidegger: heraustreten  Existenz beruht auf dem Bewusstsein
von Existenz. Es gibt kein Leben außerhalb von Kommunikation.
• Ethik als Theorie der Lebensführung

 Kommunikationsethik als Theorie der Art und Weise, wie wir miteinander
kommunizieren sollen.

Es geht um die ausgesprochenen und nicht-ausgesprochenen Prinzipien, die unser


kommunikatives Handeln steuern, um die Art und Weise, wie wir leben sollen & können,
wie wir miteinander in Beziehung treten, weil alles Leben Kommunikation ist.
Es steht also unser Handeln zur Disposition.

Aber natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Wissen und Handeln:


Ohne Unterstellung von Freiheit (sprich: Entscheidungsfreiheit, Handlungsfreiheit) wäre
die Diskussion über jegliches moralisches Verhalten überflüssig.

Wo begegnet uns KOMET?


z.B. aktuell: Barbara Rosenkranz Debatte - Soll man das Verbotsgesetz aufheben?
Wer Massenmedien konsumiert, wird mit KOMET konfrontiert:
Managergehälter, ökonomische Benachteiligung von Frauen etc. etc.

Eine der großen Aufgaben des modernen demokratischen Journalismus mit Blick auf
seine Kritik- und Kontrollfunktion wäre, diese Themen diskursfähig zu machen.

Aber auch im zwischenmeschlichen Bereich begegnet uns KOMET:


- „Das war nicht richtig, was und wie du mir gesagt hast“
- „Du hast ein Versprechen nicht gehalten“
- „Du hast mich vor anderen bloßgestellt“
 unsere zwischenmenschlichen Beziehungen sind getragen von Urteilen über das
kommunikative Verhalten anderer. Auseinandersetzung mit diesen Grundfragen ist daher
wichtig.

KOMET:
Versuch, vorhandene Kommunikationsregeln kritisch zu hinterfragen auf die
dahinterstehenden Handlungsprinzipien.
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Maximilian Gottschlich

3.) Organisatorisch:

Website: in Arbeit, Literaturliste darauf, Aufsätze zum Download, evtl. Skriptum (bzw.
Materialsammling)  rechtliche Fragen müssen diesbzgl. erst geklärt werden.

Prüfung: 8-10 offene fragen, betreffend Vorlesungsstoff & Literatur & eigenen
Denkprozess

4.) Dialektik der Kommunikationsgesellschaft

Richard Münch (Soziologe): Dialektik der Kommunikationsgesellschaft


Münch zeigt hier die Dynamik der Widersprüche der modernen Medien und der
Kommunikationsgesellschaft auf.

Massenkommunikation = Schnittmenge zwischen Kommunikation und Politikwissenschaft.


Medien stellen Transparenz über politische Entscheidungsprozesse her – und das in
zunehmendem Maße.
 Je deutlicher das Bewusstsein für politische Fehlleistungen wird, desto mehr reagiert
die Öffentlichkeit mit moralischer Wachsamkeit.
Das selbe gilt auch für die Medizin:
Je mehr Information angeboten wird, desto transparenter wird das System, das früher
intransparent war. Je transparenter das System, desto klarer die Leistungen und
Fehlleistungen, desto größer die Vorurteile des Patienten...

Es liegt im Wesen der modernen Demokratie, dass sich die Öffentlichkeit zunehmend
moralisiert  d.h. das System ist dem moralischen Urteil der RezipientInnen ausgesetzt.
Das positive daran: Das gesellschaftliche Moralbewusstsein wächst.
Das negative daran: Es interessiert einem mit der Zeit nicht mehr, man will nicht zu allem
und jedem Stellung nehmen.

Fazit: Moralisierung des demokratischen Bewusstsein wächst, aber die Rezipienten


ziehen sich zurück  Phänomen der Privatisierung aufgrund kognitiver Überforderung.

Die kognitiven Instrumentarien, um mit all diesen Informationen umgehen zu können,


werden nicht mitgeliefert.
Journalismus hat die Pflicht, die Welt verstehbar zu machen und zur moralischen
Urteilsbildung beizutragen. Verstanden ist ein Problem erst dann, wenn ich auch ein Urteil
geben kann.
 Journalisten müssen im Rahmen ihres journalistischen Handelns einen Beitrag zur
moralischen Urteilsbildung leisten.
[Das hieße: im Idealfall nicht nur die Informationen liefern, sondern eben auch die
benötigten kognitiven Instrumentarien zum Umgang mit diesen Informationen?? Halte ich
ggfs. für problematisch... – Anm. nk]

Bsp.: Aufzeigen: in wessen Interesse geschieht z.B. diese Pressekonferenz der


Pharmaindustrie?
Aufgabe: Interesse transparent machen, sich nicht instrumentalisieren lassen.
Steh ich auf Seite der PR (= der interessensgesteuerten Kommunikation) – oder diene ich
dem Prinzip der Wahrheit (zumindest hypothetisch) „interessensfrei“?
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5.) Schwerpunkte der Vorlesung:

1. Philosophische Dimension / Grenzgängerschaft zur Sozialwissenschaft

SOWI hat mit dem Gegebenen zu tun  „positive Wissenschaft“: Wissenschaft, die auf
Erfahrungen zurückgreift, die man machen kann  methodengesteuert
(Exkurs: diverse methodologische Probleme der Sozialwissenschaften)

Philosophie: geht nicht vom Gegebenem aus, fragt nicht nach dem Vorkommen, sondern
fragt z.B. was ist das Gute im kommunikativen Handeln?
Wir oszillieren zwischen philosophischer Reflexion, die nach den nicht empirischen
Bedingungen des empirischen fragt – und der SOWI, die nach dem Empirischen fragt.

1.1 Begriff „Anerkennung“


Ist Anerkennung des anderen ein moralisches Fundamentalprinzip der Kommunikation?

1.2. Dialogethik
ich & du (am Beispiel Martin Buber)

weiterführend: Emmanuel Levinas  Vertreter einer radikalen Ethik


Unterschied:
Buber: Kommunikation auf Augenhöhe. Alles Leben ist Begegnung.
Levinas: Unterwerfung unter das nackte Antlitz des Anderen. Es geht nicht um das
Gesagte, sondern um das Sagen. Du bist selbst das Sagen für den Anderen. Du musst in
deinem ganzen Sein zum Wort werden.

1.3. Verstehensbegriff
Verstehen als moralischer Schlüsselbegriff

2. Angewandte Ethik

2.1. Medienethik
Verstehen von komplexer Wirklichkeit / Frage nach politischer Verständigung /
Maßstäbe & Probleme politischer Verständigung

2.2 Diskursethik von Habermas

2.3 Medizinethik
Prinzipien empathischer Kommunikation am Beispiel der Arzt-Patienten-Kommunikation.
Worin läge das Gelingen der Kommunikation?
Verständnis von Kommunikation als Therapie  therapeutische Kommunikation 
Kommunikation wird zum Überlebensprogramm

Kommunikation besteht nicht bloß im Austausch von Worten, sondern wird zum vitalen
Überlebensprogramm (beispielsweise für Krebspatienten)
Hier wird klar, dass Kommunikation und Existenz unabdingbar zusammengehören
Zitat Werner Vogt: „Medizin ist Kommunikationswissenschaft“