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KO M M E R ZIALISIERUNG

DER WI SSENSCHAFT
Eine neo-institutionalistische Betrachtung

Dozent: Thomas Meyer, Dipl.-Soz.


Kurs: Organisationssoziologie

eingereicht von:
Sven Golob, B.A.
Masterstudiengang deutsch–französische Politikwissenschaft
Matrikel-Nr. 333 939

Eichstätt, den
8. März 2010
Inhalt
Heranführung"3

Neo-Institutionalismus"4
Mikroinstitutionalistischer Ansatz"4

Makro-institutionalistischer Ansatz"5

Isomorphie"5

Entkopplung"6

Die unternehmerische Universität"7


Das Triple-Helix-Mode#"8

Organisationsstruktur & Mitgliedscha$"10

Rationalitätsmythen"10

Entkopplung von Wissenscha$ und Anwendung" 12

Fazit"14
Gründe für die Ökonomisierung"14

Kommerzialisierung vs. Erkenntnisinteresse"15

Bibliographie"16
Heranführung
Neben der Patentierung, Lizenzierung und Forschungs-Joint-Ventures sind Ausgründun-
gen mittlerweile die wichtigste unternehmerische Tätigkeit von Universitäten. Es handelt
sich hierbei um einen wichtigen Mechanismus zur Kommerzialisierung produzierten
Wissens. In den vergangenen Jahren prägte eine signifikante Zunahme universitärer Aus-
gründungen die Forschungsaktivitäten an deutschen Universitäten. Aber auch die Dritt-
mittelvergabe richtet sich zunehmen nach Effizienz und Effektivitätsvorstellungen, so
zum Beispiel bei der so genannten Exzellenz-Initiative, die „Elite“-Universitäten mit zu-
sätzlichen finanziellen Mitteln ausstattet.

„[Eine] Umfrage unter den 2500 umsatzstärksten deutschen Unternehmen ergab,


dass knapp 57 Prozent von ihnen Wissenschaft finanziell unterstützen, zwei Jahre
zuvor waren es 50 Prozent. Unangefochtene Spitzenreiter bleiben zwar weiterhin
das Sport- (83 Prozent) und das Kultursponsoring (74 Prozent), den größten Bedeu-
tungszuwachs in der Zukunft sagen die Unternehmen jedoch dem Wissenschafts-
sponsoring voraus. Beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft in Essen,
der rund die Hälfte aller Stiftungsprofessuren in Deutschland betreut, gingen seit
Mitte der achtziger Jahre 225 Projekte über den Tisch. Hochgerechnet sind also in
den letzten 20 Jahren mehr als 400 Stiftungslehrstühle eingerichtet worden, 20
neue kommen jährlich dazu.“1

Festzustellen bleibt demnach eine zunehmende Ökonomisierung der Wissenschaft. Die


Alma Mater gilt als „Hauptmotor wirtschaftlichen Wachstums“ in der Wissensgesell-
schaft und daraus folgt im Umkehrschluss das Leitbild der unternehmerischen Universi-
tät. Es geht vor allem um den Versuch, generiertes Wissen „anwendungsorientiert zu
verwerten“. Die Probleme und Chancen, die sich daraus für den Forschungsbetrieb erge-
ben, sollen in der vorliegenden Arbeit anhand des Instrumentariums der neo-institutio-
nalistischen Organisationssoziologie analysiert und bewertet werden.

Hierzu wird zunächst ein Überblick über den organisationssoziologischen Neo-Instituti-


onalismus gegeben. Dann sollen in einer Makro-Perspektive die Universität und ihre
Umwelt im Fokus stehen, anschlißend in einer Mikro-Perspektive das Feld der universi-
tären Spin-Offs (Ausgründungen) beleuchtet werden, die beispielhaft für die Kommerzia-
lisierung der Wissenschaft stehen.

1 Vollmers 2008.

3
Neo-Institutionalismus
Die traditionelle Definition der Institution beschreibt sie als ein dauerhaftes System von
Regeln und Normen. Die Organisation ihrerseits gilt als ein rationelles und gewolltes Ob-
jekt.

Das Präfix „neo“ steht dieser Spielart des Institutionalismus voran, weil anders als in der
klassischen soziologischen Theorie nicht das Individuum im Zentrum steht, sondern die
Organisation2. Der Neo-Institutionalismus wurde im Jahre 1977 durch John Meyer und
Brian Rowan begründet. Die Theorie wird als eine Gegenposition zur Rational-Choice
Theorie betrachtet.

Die formale Organisationsstruktur wird laut dem Neo-Institutionalismus auch und zu-
nehmend durch die gesellschaftliche Umwelt bestimmt:

„Organisationale Hand- lungen und Entscheidungen sind nicht das Ergebnis auto-
nomer Wahl. Sie sind ohne den Rekurs auf ihre gesellschaftliche Umwelt und die
dort vorherrschenden Regeln gar nicht denkbar. In diesem Sinne sind Organisatio-
nen – ebenso wie Individuen in der klassischen Institutionentheorie – eher als „ab-
hängige Variable“ der sie umgebenden Gesellschaft und ihrer Regeln zu verstehen.“ 3

Technisch–operative Rationalität ist der Theorie zufolge ein Mythos4. Organisationen


gelten als Institutionen, die einem Prozess der Anpassung an ein Umweltsystem unter-
worfen sind.

Institutionalisierung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass gesellschaftlich geteilte Vor-


stellungen darüber existieren, dass ein bestimmtes Element zu bestimmten Organisatio-
nen gehört. Diese Elemente werden nicht mehr hinterfragt, sondern als gegeben betrach-
tet.

M I K RO I N S T I T U T I O N A L I S T I S C H E R A N S AT Z

Auf der Mikro-Ebene kann man die Organisation selbst als Institution betrachten. Die
Organisation sind Quellen institutionalisierter Strukturelemente, die das Verhalten der

2 Hasse/Krücken 1999: 238.


3 Ebd. 239.
4 Meyer/Rowan 1977.

4
Akteure beeinflussen. Beständigkeit produziert die Organisation in Form von bestimm-
ten Verhaltensweisen, die von einer Generation an die nächste weitergeben werden. Die
Professionen, die man in ihnen vorfindet, gestalten die Organisationen nicht, sondern
Organisationen schaffen die Professionen, die sie benötigen.

M A K RO - I N S T I T U T I O N A L I S T I S C H E R A N S AT Z

Die Makroebene der Theorie bezieht sich auf institutionalisierte Erwartungen und Re-
geln, die in einer Gesellschaft bestehen. Hierbei gilt es zwei Arten von Umwelten für die
Organisation zu unterscheiden. Zum Einen die technische Umwelt, in denen Leistungen
durch den Markt bewertet werden. Zum Anderen die institutionelle Umwelt, in denen
Organisationen Konformität mit institutionalisierten Regeln zeigen müssen um von ihrer
Umwelt Legitimität zugesprochen zu bekommen.

Diese Institutionelle Umwelt ist nicht nur „da draußen“, sondern auch in den Köpfen der
Organisationsmitglieder. Alle Organisationen sind in technische und institutionelle Kon-
texte eingebunden.

Auf der globalen Ebene beobachtet man dann durch die Globalisierung von Politik, Öf-
fentlichkeit und vor allem der Ökonomie das Verfestigen einer so genannten „world poli-
ty“. Diese provoziert weit reichende Strukturangleichungen der Organisationen.
„Gegenstand der „world polity“-Forschung ist die weltweite Diffusion kultureller
Prinzipien der Moderne und hierauf bezogener Strukturformen, die „vormoderne“
kulturelle Orientierungen und Organisationsformen des Sozialen verdrängen. Zu
diesen Prinzipien zählen insbesondere Zweckrationalität, Fortschrittsglauben, uni-
versalistische Fairness- und Gerechtigkeitsnormen, Weltbürgertum sowie freiwillige
und selbstorganisierte Handlungsfähigkeit.“5

ISOMORPHIE

Diesen Prozess der gegenseitigen strukturellen Annährung von Organisationen nennt


man Isomorphie. Zu differenzieren sind hier drei Arten von Angleichung 6:

5 Hasse/Krücken 1999: 243.


6 Vgl. DiMaggio/Powell 1983; Hasse/Krücken 1999: 240.

5
I. Isomorphie durch Zwang ensteht aufgrund der rechtlichen und kulturellen Erwartun-
gen der Gesellschaft, die auf die Organisation wirken;

II. Isomorphie durch normativen Druck wird insbesondere durch Professionen erzeugt. Sie
liefern ihren Angehörigen einen Orientierungsrahmen, der normative Bindungen
entfaltet;

III. Isomorphie als ein mimetischer Prozess ist eine Reaktion der betreffenden Organisation
auf Unsicherheit. Bei unklaren Zielen und unsicheren Umweltbedingungen imitieren
Organisationen die Strukturen anderer Organisationen.

E N T KO P P L U N G

Dieser Begriff bedeutet die Lösung des Konfliktes zwischen institutionalisierten Regeln
und technischer Effizienz. Die so genannte Entkopplung ermöglicht es der Organisation,
legitimierte formale Strukturen aufrechtzuerhalten, während die tatsächlichen Aktivitä-
ten als Reaktion auf aktuelle Erfordernisse variieren. Mit der Entkopplung erreicht die
Organisation es also, durch „Täuschung“ der Umwelt Legitimation zu erhalten, ohne in-
terne Abläufe tatsächlich den extern aufgezwungenen Regeln vollständig zu unterwerfen.

6
Die unternehmerische Universität
Organisationen sind im Neo-Institutionalismus nicht autark, sondern in „institutionellen
Umwelten, in denen gesellschaftliche Überzeugungen existieren, die festlegen, wie effek-
tive und effiziente Organisationen gestaltet sein sollten.“

Die betreffenden Organisationen inkorporieren diese „symbolisch-kulturellen Elemente“


zur Sicherung ihres eigenen Überlebens in ihrer Umwelt. Auf Universitäten bezogen be-
deutet dies, dass sie abhängig von der Zuweisung öffentlicher Gelder sind und daher
Konformität mit gesellschaftlichen Werten und Normen suchen um Legitimität und Un-
terstützung durch ihre Umwelt zu erzeugen.

„Gesellschaftliche Vorstellungen über die legitime Ausgestaltung von Universitäten


werden heute durch eher volks- und betriebswirtschaftlich orientierte Perspektiven
geprägt.“

Theoretische Parallelen sind hier insbesondere in der Wachstumstheorie (nach Schumpe-


ter), der wissensbasierten Ökonomie wie sie von der OECD propagiert und gefördert
wird und in der Theorie der Wissensgesellschaft (Stehr 1994) zu finden. Wissenschaft und
Technologie gelten in der Volkswirtschaftslehre als strategische Ressourcen und Wettbe-
werbsfaktoren. Das hat Auswirkungen auch und insbesondere auf die staatliche For-
schungspolitik.

Gegenwärtig befinden wir uns in einer Phase, in der die „Wissenschaft als Dienstleis-
tungsorgan“7 angesehen wird. Das „Ende des Gesellschaftsvertrages für die Wissenschaft
kam mit dem Beginn der 1990er Jahre“ (Maarsen und Weingart 2008.) Denn nun
entstand eine industriepolitische Motivation zur Vernetzung von Wissenschaft und Öko-
nomie, die im so genannten New Public Management kuminierte. Dies bedeutet die Ü-
bertragung betriebswirtschaftlicher Führungsgrundsätze auf den Öffentlichen Sektor;
bestes Beispiel hierfür die unter US-Präsident Reagan und Magaret Thatcher in Großbri-
tannien durchgeführte großflächige Privatisierung des Öffentlichen Dienstes mit dem
Ziel der Leistungssteigerung und Kosteneinsparung.

7 Braun 1997: 287.


„Diese Ideen beeinflussen auch die Hochschulpolitik, indem sie Effizienz und Ef-
fektivität, Wettbewerb, messbare Zielvorgaben, Überwachung und Evaluation be-
tonen (Meier/Schimank 2004, Schimank 2005.)“ 8

Das Leitbild des kreativen Intellektuellen in der universitären Forschung wird zuneh-
mend durch das eines unternehmerischen Selbst ersetzt, das seinen Output an maximaler
Eigenwertsteigerung orientieren soll. Der an der Ökonomie orientierte Transformations-
prozess der Universität kann am besten durch das Triple-Helix-Modell von Etzkowitz
dargestellt werden.

DAS TRIPLE-HELIX-MODELL
Die oben beschriebene unternehmerische Universität gilt als neuer Organisationstyp; es
entsteht eine intensivere Dreiecks-Beziehung zwischen Universität, Staat und Wirts-
chaft9 . Zwangsläufig führt dies zu einer Metamorphose der universitären Werte und
Strukturen. Es steht die Forderung nach größerer Innovationsfähigkeit der Universitäten
im Zentrum und eine gleichberechtigte akademische Mission als ökonomischer Akteur
etabliert sich. Der Organisatiostheoretiker Etzkowitz bezeichnet dies als „capitalisation of
knowledge“10.

Allerdings liegt die tatsächliche Neuerung weniger in der neuen Rolle als vielmehr in der
Ausfüllung dieser Rolle als ökonomischer Akteur. Es gibt keine intermediäre Rolle mehr
zwischen Endverbraucher und Universität als Produzent / Unternehmer.

Etzkowitz Triple-Helix-Modell zeigt den strukturellen Wandel in der Forschung: Es do-


miniert nicht mehr die rein universitäre Forschung, sondern Kooperationen mit Firmen
und staatlichen Akteuren. In den USA und Europa gibt es mittlerweile fast flächende-
ckend Gesetze um Anreize für die Kommerzialisierung von Forschungsergebnissen zu
bieten. Ergänzt werden diese Incentives um weitere Initiativen aus der Politik um die un-
ternehmerische Tätigkeit und Ausbildung an Universitäten zu fördern. Es entsteht ein
direkter Transfer von universitärer Forschung in die Wirtschaft, außerdem existiert ein

8 Baumeler 2009: 69.


9 Vgl. Baumeler 2009: 70.
10 Etzkowitz 1998: 833.

8
indirekter Transfer in die umgekehrte Richtung durch die verstärkte Ausbildung in un-
ternehmerischen Werten.

Seitens der Forschungspolitik gilt die Direktive, dass direkte und indirekte Mechanismen
einander ergänzen sollten und vom jeweiligen Leitbild der Forschungs-Einrichtung ge-
lenkt werden.

Seit 1999 gilt in Deutschland die Verpflichtung des Arbeitnehmers (Professors), Erfin-
dungen der Universität zu melden – die Universität gilt als Arbeitgeber als rechtmäßige
Besitzerin der Rechte. Um dem steigenden Verawaltungsaufwand an deutschen Universi-
täten durch diese rechtlichen Bestimmungen gerecht zu werden, wurden an deutschen
Universitäten bisher 22 Patentverwertungsagenturen gegründet.

Im Bereich der interdisziplinäre Ausbildung wurden die ersten Entrepreneurship-


Lehrstühle in Deutschland 1998 gegründet. 2007 existierten in bereits 54 solcher Lehr-
stühle.

Ein weiteres Indiz für den Wertewandel im Zuge der Kommerzialisierung hat eine Erhe-
bung ergeben, dass 40 von 49 untersuchten Universitäten den Wissens- und Technologie-
transfer im Sinne von Kommerzialisierung in ihrem Leitbild als wichtige Aufgabe nennen.
15 dieser 49 zählten darüber hinaus explizit unternehmerische Tätigkeiten/Existenzgrün-
dung zu ihrem Profil.

9
O RG A N I S AT I O N S S T RU KT U R & M I T G L I E D S C H A F T
Auch an der Organisationsstruktur im Bereich personellen und institutionellen Ausge-
staltung lässt sich eine Anpassung an die ökonomischen Vorgaben ablesen. Die Forscher-
gruppen agieren als Quasifirmen, die sich in Konkurrenz um Drittmittel befinden. Zwei
wichtige Maßgaben an die Struktur von Organisationen, die der Isomorphie in Richtung
der Ökonomie unterworfen sind, sind die Inter- und die Transdisziplinarität.

Die Interdisziplinarität bezieht sich auf die interne Zusammensetzung der Forscherteams,
d.h. das Zusammenwirken von Forschern aus unterschiedlichen Fachbereichen.

Transdisziplinarität meint die Vernetzung mit Gruppen außerhalb der Universität, die also
zusätzliche, externe Expertise einbringen sollen.

Forschung, die sowohl Inter– als auch Transdisziplinarität vorweisen sollen, forschen zu-
nehmend in Anwendungskontexten 11; Der direkte Beweis der Nützlichkeit von For-
schung muss erbracht werden, es gilt, konkrete Problemstellungen zu finden.

Die Mitgliedschaft in solchen anwendungsorientierten Forscherteams bietet bisher un-


terrepräsentierten Berufsgruppen neuen Aufwind im universitären Kontext. Insbesonde-
re Design und Marketing stellen einen wichtigen Anteil an der Forschungsaktivität und
-Vermarktung.

Das Erkenntnisinteresse in der Forschung erfährt eine Verschiebung von reputationsbe-


zogener und an Forschergemeinde adressierter Forschung hin zu extrinsischen Motivati-
onsfaktoren: soziale Probleme und industrielle Verwertbarkeit der universitären Wis-
sensproduktion stehen zunehmend im Vordergrund.

R AT I O N A L I T Ä T S M Y T H E N
Im Kontext der unternehmerischen Universität kommt es – aus der Perspektive des Neo-
Institutionalismus – aber dann auf der Mikro-Ebene zu einigen Paradoxa. Denn gleich-
wohl die Ökonomisierung der Hochschulen und des Forschungsbetriebs zunimmt, so

11 Vgl. Baumeler 2009: 68.


bleiben doch einige interne Strukturen erhalten, die der externen Erwartung an die Effi-
zienz der Forschung diametral gegenüber stehen.

Für viele der beteiligten Forscher, die ihre wissenschaftliche Karriere in der „klassischen“,
vom Bild des kreativen Intellektuellen geprägten Forschung begannen, steht auch weiter-
hin die Produktion von Publikationen an oberster Stelle. Die Erstellung tatsächlich ver-
wert– und vermarktbarer Güter wird von vielen nicht als genuin wissenschaftliche Arbeit
betrachtet. Jedoch stellen sie solche Vorgaben, die an die Drittmittelvergabe oft gekop-
pelt sind, nicht weiter in Frage 12. Der Fokus richtet sich auf die Legitimitätserzeugung
durch die Übernahme des Organisationstypus „unternehmerische Universität“. Dies ver-
weist auf einen Rationalitätsmythos 13.

Hasse und Krücken zeigen so zum Beispiel auf, „warum universitäre Technologietrans-
ferstellen in Universitäten nur eine sehr begrenzte Rolle spielen […].“

„Es handelt sich hierbei um spezialisierte Einrichtungen, die den Transfer von Wis-
sen und Technologien zwischen Universitäten und Unternehmen beschleunigen
sollten. Mit Hilfe von Interviews […] ließ sich zeigen, dass universitäre Transferstel-
len ein klassisches Beispiel für eine nach außen sichtbare Formalstruktur der Orga-
nisation sind, die mit der Aktivitätsstruktur nur sehr lose verbunden ist. Die Grün-
dung der Transferstellen erfolgte […] nicht aufgrund des Versuchs, die Transferpro-
zesse selbst und die darauf bezogenen universitären Entscheidungsstrukturen zu
verbessern. Vielmehr ging der Impuls eindeutig von der Umwelt der Universitäten
aus. Fast alle Befragten betonten, dass es das Wissenschaftsministerium war, das
von den Universitäten mehr Aktivitäten in dem Bereich einforderte. Universitäten
reagierten darauf, indem sie diese nach außen, d.h. vor allem für das Ministerium
sichtbaren Formalstrukturen etablierten. Auf der Ebene der Aktivitätsstruktur
konnte solchermaßen „business as usual“ stattfinden, und zwar in zweierlei Hin-
sicht: Erstens gaben die meisten Universitätsleitungen keine Aufwertung des Trans-
fergedankens für die Gesamtorganisation zu erkennen. Zweitens umgehen trans-
ferorientierte Professoren in der Regel die Transferstellen und setzen nach wie vor
auf persönliche und zumeist dyadische Beziehungen zu Unternehmen. Damit
schützt die Formalstruktur „Transferstelle“ nicht nur das eher geringe Interesse auf

12 Vgl. Baumeler 2009: 80.


13 Vgl. Meyer/Rowan 1977: 356.

11
Seiten der Universitätsleitungen, sondern auch die tatsächlichen Transferaktivitäten
vor der externen Beobachtung und Kontrolle.14

E N T KO P P L U N G VON WISSENSCHAFT UND A N W E N-


DUNG
Schließlich stellen wir eine Entkopplung in der unternehmerischen Universität fest.
Denn es findet eine organisationale Trennung von Formalstruktur und Aktivität (Au)au
und Handeln) statt. Das führt zu einer Zweiteilung von Organisationen mit

1) einer Außenansicht der Organisation, die ein beschönigtes und den von der organisati-
onalen Umwelt gestellten Anforderungen geprägtes Bild darstellt und

2) einer Innenansicht mit einer aufgrund dieser Erwartungen problematischen Alltags-


welt.

Entkopplung bedeutet nun, aufgabenbezogenen den institutionellen Anforderungen ge-


recht zu werden 15. Dazu integriert die Organisation lediglich symbolisch die geänderten
Anforderungen, trotz der nach außen kommunizierten Änderung; Innen findet „business
as usual“ (s.o.) statt. Die erwartete Rationalität ist simuliert.

Die institutionalisierten Regeln der Inter- und Transdisziplinarität und die Suche nach
einem ökonomischen Nutzen der Forschung bleiben aber nicht ein bloßes Lippenbe-
kenntnis, sondern haben tatsächlich direkte Auswirkungen auf die Aktivitätsstruktur der
Forscher–Organisationen.

Die Produktion interner und externer Legitimität erfordert Arbeit, die Ressourcen bin-
det. Insbesondere das zusätzliche Personal, das die Erweiterung der Forscherteams not-
wendig macht, bindet auch Finanzmittel, was das Budget der Forscher einschränkt16.

Der Legitimationsdruck durch das Leitbild der unternehmerischen Universität verur-


sacht auch Verwerfungen, in Form von einem paradoxalen Abweichen von Effizienz und
Innovations-Potential durch die Bindung von Ressourcen (personell, finanziell). Wo von

14 Hasse/Krücken 1999: 241.


15 Vgl. Meyer/Rowan 1977: 341; Baumeler 2009: 81.
16 Vgl. Baumeler 2009: 82.

12
außen gleichermaßen Effizienz und Interdisziplinarität der Teams gefordert und geför-
dert wird, entstehen durch erhöhten finanziellen und aber vor allem kommunikationellen
Aufwand Kosten, die die Effizienz widerum einschränken.

Problematisch wird der externe Legitimationsdruck vor allem dann, wenn das Ziel trans-
disziplinärer Forschung zwar nach außen kommuniziert wird, aber nicht das Scheitern
des Projektes, um die „Wirksamkeit des Rationalitätsmythos nach außen“ aufrecht zu
erhalten 17. Dann findet auch keine Problematisierung der Anwendungsorientierung statt
und es kommt potentiell zu einer Nachahmung, d.h. zu einer fortschreitenden „mimeti-
sche Isomorphie“18 ähnlicher, vermeintlich konkurrierender Organisationen. Der Trend
zu unternehmerischen Universität setzt an eben jenem Punkt ein.

17 Vgl. Baumeler 2009: 82.


18 Vgl. DiMaggio/Powell 1983.

13
Fazit
Die neo–institutionalistische Theorie macht es möglich, die internen und externen Phä-
nomene, die durch die zunehmende Ökonomisierung von Lehre und Forschung entste-
hen, zu analysieren. Insbesondere die Unterscheidung in Makro– und Mikro-Ebene ver-
deutlicht die Unterschiede zwischen den umweltbedingten Erwartungen und deren Aus-
wirkungen auf die Organisationen. Jedoch, dies beweist ein perspektivischer Wechsel in
die Mikro-Ebene, bleiben die extrinsischen Faktoren nicht ohne interne Effekte und
Ambiguitäten.

GRÜNDE FÜR DIE Ö KO N O M I S I E RU N G


Was der Neo–Institutionalismus aber selbst nicht leisten kann, ist, die Ursachen für die
zunehmnde Ökonomisierung der Wissenschaft aufzuzeigen. Sicher folgt der Trend, ein-
mal in Gang gesetzt, einem Muster, dass sich dank mimetischer Isomorphie fortsetzt und
somit ein gesamtes System von Organisationen zu infiltrieren vermag. Aber der Stein des
Anstoßes liegt nicht im Bereich der Organisation selbst, sondern in einer Ebene, die dem
Einwirken der Organisation Wissenschaft entzogen ist. Diese Supra-Ebene ist die Post-
–industrielle Gesellschaft, die in zunehmenden Maße auf den Tertiären Sektor, den der
Dienstleistungen, konzentriert ist. Information und Innovation ist in dieser Gesell-
schaftsstufe ein entscheidender Standortvorteil. Auftragsforschung im Bereich High–
Tech insbesondere oder etwa gestiftete Lehrstühle sind somit kein wohltätiges Agieren
von ökonomischen Playern, sondern sehr wohl rationale Investition in den eigenen
Marktwert. Die Wissenschaft, die sich auf diese Kooperation einlässt, wird einem stei-
genden Legitimitäts– und Ökonomisierungsdruck ausgesetzt. Gleichzeitig, das darf nicht
unerwähnt bleiben, eröffnen sich für die universitäre Forschung und vor allem auch so
genannte Orchideenfächer trotz aller Gefahren einer Kommerzialisierung neue Finanzie-
rungsmöglichkeiten. Die Vermischung der ökonomischen mit der universitären Sphäre
kann sich, kritisch begleitet durch die Sozial- und Geisteswissenschaften, zu einer Win-
Win-Situation entwickeln.
KOMMERZIALISIERUNG VS . E R K E N N T N I S I N T E R E S-
SE
Wichtigstes Gegenargument und Schluss meiner Ausführungen ist allerdings der unge-
brochene Widerspruch, der sich im Erkenntnisinteresse der Forschung findet. Auftrags-
forschung zielt nicht auf die Erkenntnis, sondern auf die Vermarktung der selbigen. Die
kommerzielle Ausrichtung von unternehmerisch agierender Forschung und Lehre – das
Credo von der Nützlichkeit – geht mit dem Gebot von der kritischen und objektiven
Forschung nicht zusammen. Egal ob staatliche oder kommerzielle Auftragsforschung, ob
Stiftungslehrstuhl oder Forschungspreis, immer begibt sich die Wissenschaft ins Fahr-
wasser gesonderter Interessen und muss sich dessen bewusst sein.

15
Bibliographie

Baumeler, Carmen: Entkopplung von Wissenschaft und Anwendung. Eine neo-institu-


tionelle Analyse der unternehmerischen Universität. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 38
Heft 1, 02/2009, S. 68-84.
Braun, Dietmar: Die politische Steuerung der Wissenschaft. Ein Beitrag zum „koopera-
tiven Staat". Frankfurt/Main, 1997
DiMaggio, P.J.; Powell, W.W.: The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and
Collective Rationality in Organization Fields. American Sociological Review 48, 1983:
147-160.
Günther, Jutta; Wagner, Kerstin: Getting out of the Ivory Tower - New Perspectives on
the Entrpreneurial University. Discussion Papers on Entrepreneurship and Innovation,
02/2007.
Hasse, Raimund; Krücken, Georg: Neo-institutionalistische Theorie. In: Dies.: Neo-In-
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Kieser, Alfred (Hg.), Organisationstheorien. Stuttgart, 2006.
Meyer, John; Rowan, Brian: Institutionalized Organizations. Formal Structures as Myth
and Ceremony. In: American Journal of Sociology 83, 1977, S.340-363.
Miebach, Bernhard: Organisationstheorie – Problemstellung, Modelle, Entwicklung.
Wiesbaden, 2007.
Vollmers, Florian: Professoren von Unternehmers Gnaden. FAZ vom 11.07.2008.
http://www.faz.net/s/Rub1A09F6EF89FE4FD19B3755342A3F509A/Doc~E41CD8C33F320
4FAF934891CBD9687604~ATpl~Ecommon~Scontent.html ; 24.2.2010.

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