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Himmel und Hölle – Polaritäten im Menschen.

Die Geistige Sonne Band 2 Kapitel 117 & 118 Jakob Lorber

[117,01] Man wird hier sagen: Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, daß die Sache am
Ende eine solche Wendung nimmt und jede dem Geiste versetzte Wunde in dessen absolutem
Zustande offenbar wird und reagiert. Aber nach der Grunderläuterung der Fundamentalhölle
sehen wir noch immer nicht ein, wie dergleichen Reminiszenzen auf dieser Welt beleidigter
Liebe sich dann im absoluten geistigen Zustande als Grundhölle beurkunden sollen. Denn es
gibt ja doch nicht leicht einen Menschen auf der Erde, der nicht ähnliche Kränkungen
entweder selbst erlitten hat oder Ursache derselben war. Nimmt man aber das an, daß sich im
absolut geistigen Zustande solche lebhafte Erinnerungen als grundhöllisch beurkunden, so
möchten wir im Ernste wissen, wieviel Menschen eines ganzen Jahrhunderts in den Himmel
gelangen?
[117,02] Wie kann solches dem Menschen auch zu einem so verdammlichen Gerichte
gereichen, wenn er sich in einem höchst passiven Zustande gegen eine göttliche Ordnung
versündigen muß, die in sich aufrecht zu halten ihm die dazu erforderliche Kraft vielfacher
Erfahrung gänzlich mangelt?!
[117,03] Gut, sage ich, wer mir solchen Einwurf macht, den ersuche ich, das Frühere
etwas gründlicher durchzugehen. Er wird da dargetan finden, wie ich durchaus nicht
darstellte, wer in die Hölle kommt und wie viele; sondern lediglich nur das jedermann
kundtue, was bei den Menschen rein Hölle in ihrer Erscheinlichkeit ist. Denn auf der ganzen
Erde gibt es keinen so vollkommenen Menschen, der nicht ebensogut die ganze Hölle vom
Grunde aus in sich trüge, als wie er in sich trägt den ganzen Himmel.
[117,04] Wie ich aber zuvor hinreichend dargetan habe, was im Menschen der
Himmel ist und wie dieser in ihm geschaffen und fortgepflanzt wird, ebenso muß ich ja auch
zeigen, wie im Menschen die Hölle geschaffen und fortgepflanzt wird.
[117,05] Es wäre traurig und höchst unbarmherzig, wenn ein Mensch aus dem
Grunde, weil er das vollkommen erscheinliche Bild der Hölle in sich trägt, auch schon ein
Bewohner derselben sein sollte. Wäre das der Fall, so müßten auch alle Engel höllische
Geister sein; denn auch sie tragen das vollkommene Bild der Hölle erscheinlich in sich. Wäre
das nicht der Fall, da wäre es keinem Engel möglich, je in diesen Ort einzudringen und da die
empörten Geister zur Ruhe zu bringen. Ich selbst könnte euch die Hölle nicht zeigen und
enthüllen, hätte ich sie nicht vollständig in mir. Zudem wäre das für die Bewohner des
Himmels auch sehr gefährlich, so sie nicht das entsprechende erscheinliche Bild der Hölle in
sich hätten, indem sie da nicht erschauen könnten, was die Hölle alles gegen sie unternimmt.
[117,06] So aber kann kein Geist in der ganzen Hölle irgend etwas unternehmen, was
wir nicht augenblicklich in uns zu erschauen vermögen.
[117,07] Zugleich verhalten sich Hölle und Himmel in den Menschen wie die zwei
entgegengesetzten Polaritäten, ohne die kein Ding existierbar gedacht werden kann.
[117,08] Und so dient das zu jedermanns Kenntnis, daß hier durchaus nicht davon die
Rede ist, wer in die Hölle kommt, denn das hieße die Menschheit auf der Erde richten,
sondern allein davon, was die Hölle in sich selbst ist.
[117,09] Daß aber dergleichen Liebeveruntreuungen in sich selbst rein Hölle sind,
kann ein jeder daraus ersehen, daß diese Veruntreuungen Eigenliebe und Herrschsucht zum
Fundamente haben.
[117,10] Denn was ist die Eifersucht anderes als die Erweckung der Eigenliebe, der
Selbst- und Herrschsucht? Der Eifersüchtige ist nicht darum eifersüchtig, weil etwa sein
erwählter Gegenstand zu wenig Liebe hätte, sondern nur darum, weil er selbst in seiner
Forderung verkürzt wird und seinen Wert zu gering angesetzt findet in demjenigen
Gegenstande, von dem er eben die höchste Achtung erwartete.
[117,11] Frage: Ist das nicht der ganz entgegengesetzte Pol von dem Zustand, wo man
seiner selbst aus Liebe zu seinem Nächsten was immer für eines Geschlechtes gänzlich
vergessen soll, um sich ganz zum Wohle seines Nächsten bereit zu halten?
[117,12] Wie aber kann ein jeder Mensch diese Grundhölle in sich unterjochen, sie
nicht aktiv, sondern rein passiv machen?
[117,13] Das ist überaus leicht. Man vergebe dem beleidigten wie dem beleidigenden
Teile von ganzem Herzen im Namen des Herrn und segne den Beleidigten wie die
Beleidigenden ebenfalls im Namen des Herrn (es versteht sich von selbst, daß solches alles
vollernstlich geschehen muß) – und die ganze Hölle ist im Menschen schon unterjocht!
[117,14] Ich sage euch, fürwahr, ein reumütiger Blick zum guten Vater genügt, um der
Hölle für alle Ewigkeit zu entrinnen! – Sehet an den Missetäter am Kreuz, er war ein Räuber
und Mörder; aber da blickte er zum Herrn empor und sprach mit großer, schmerzlicher
Zerknirschung seines Herzens: „O Herr! Wenn Du in Dein Reich kommst und wider uns
große Missetäter zu Gerichte ziehen wirst, da gedenke meiner und strafe mich nicht zu hart
für meine großen Missetaten, die ich verübt habe!“
[117,15] Und sehet, der große, allmächtige Richter sprach zu ihm: „Wahrlich, heute
noch sollst du bei Mir im Paradiese sein!“
[117,16] Aus diesem wahrhaftigen Begebnisse kann doch hoffentlich ein jeder nur
einigermaßen gläubige Christ entnehmen, wie überaus wenig es im Grunde bedarf, um die
ganze allerunterste, mächtigste Hölle auf ewig zu unterjochen.
[117,17] Das Beispiel des samaritischen Weibes am Jakobsbrunnen, das mit sieben
Männern gebuhlt hatte, ist obigem Beispiele gleich, wo der Herr zu ihm spricht: „Weib, gib
Mir zu trinken!“ Und wieder: „Wenn du wüßtest, wer Der ist, der zu dir spricht: Weib, gib
Mir zu trinken, so würdest du zu Ihm sagen, daß Er dir vom lebendigen Wasser zu trinken
gebe, auf daß dich ewig nimmer dürste!“ Also lauten die Worte getreu, wie sie an Ort und
Stelle gewechselt wurden.
[117,18] Wer aber sieht hier nicht, welchen geringen Ersatz der Herr von dieser
Sünderin für die Hingabe des Himmelreiches verlangt – bloß einen Trunk Wassers! Also ist
auch einem jeden nur einigermaßen in der Schrift bewanderten Christen das Begebnis mit der
Ehebrecherin und das Leben der Maria Magdalena bekannt. Der ersteren Schuld schreibt der
Herr zweimal in den Sand und Magdalena durfte Ihm die Füße salben und war diejenige, zu
der der Herr nach Seiner Auferstehung zuerst kam! Ebenso zeigt der Herr auch beim
verlornen Sohne und im Suchen des hundertsten verlornen Schafes, wie wenig Er von dem
Sünder zur Erlangung der Gnade und Erbarmung verlangt!
[117,19] Darum wollen wir hier auch nicht kundtun, wer in die Hölle kommt, sondern
nur, wie die Hölle in sich selbst beschaffen ist. –

118. Kapitel – Himmlische und höllische Prinzipien.

[118,01] Ich habe schon wieder einen, wie ihr zu sagen pflegt, auf der Mücke, der da
spricht: Es ist alles recht; die Anschauung des Erscheinlichen der Hölle kann von manchem
Nutzen sein, aber nicht eher, als bis man weiß, wann die im Menschen oder in einer ganzen
menschlichen Gesellschaft erscheinliche Hölle so positiv auftritt, daß sie zur Hauptpolarität
wird, und diejenigen, bei denen sie sich also äußert, wirklich der Hölle angehören. Kurz
gesagt, wer in die Hölle kommt, wie und wann man in sie kommt, muß man erst genau
wissen, sonst nützt einem jede noch so genaue Kenntnis des Erschaulichen der Hölle nichts.
Wer da nicht weiß, wo er in die Hände des Feindes geraten kann, wie und wann, der ist schon
verloren; denn wo er sich am sichersten wähnen wird, eben da wird er von seinem Feinde
überfallen werden, und er ist sicher ohne Rettung verloren. Daher fragt es sich: Wann kommt
ein wie immer gearteter Sünder in die Hölle und wann nicht?
[118,02] Diese Frage kann man füglich stellen, weil man in der hl. Schrift so viele
Beispiele hat, wo ganz gleiche Sünder in die Hölle gekommen sind und ganz gleiche wurden
gerettet. – Ich Johannes aber sage: Diese Frage klingt wohl, als hätte sie irgendeinen weisen
Grund; aber dennoch ist hier nichts weniger als das der Fall. So ich die Erscheinlichkeit der
Hölle dartue, so tue ich auch indirekt das dar, wem so ganz eigentlich die Hölle zukommt.
Man wird sich doch hoffentlich bei dieser Darstellung unter dem Begriffe Hölle keinen
positiv kerkerlichen Ort denken, in welchen man kommen kann, sondern nur einen Zustand,
in welchen sich ein freies Wesen durch seine Liebeart, durch seine Handlung, versetzen kann.
Ein jeder Mensch, der nur einigermaßen reif zu denken imstande ist, wird hier doch leicht mit
den Händen greifen, daß ein Mensch so lang der Hölle angehört, solange er nach ihren
Prinzipien handelt. Ihre Prinzipien aber sind Herrschsucht, Eigenliebe und Selbstsucht. Diese
drei sind den himmlischen Prinzipien gerade entgegen, welche da sind Demut, Liebe zu Gott
und Liebe zum Nächsten.
[118,03] Wie leicht ist das voneinander zu unterscheiden, ja leichter, als man die
Nacht vom Tage unterscheidet. Wer bei sich klar erfahren will, ob er der Hölle oder dem
Himmel angehört, der frage sorgfältig sein inneres Gemüt. Sagt dieses nacheinander nach der
Grundneigung und Liebe: Das ist mein und jenes ist auch mein, und das möchte ich und jenes
möchte ich auch, dieser Fisch ist mein und den andern will ich fangen, gebt mir alles, denn
ich möchte, ja ich will alles. – Wo das Gemüt sich also hören läßt, da ist noch die Hölle der
positive Pol.
[118,04] Wenn aber das Gemüt sagt: Nichts ist mein, weder dieses noch jenes, alles ist
des Einen und ich bin des geringsten nicht wert, und so ich etwas habe oder hätte, soll es nicht
mein, sondern meiner Brüder sein – wenn das die innere Antwort des Gemütes ist, so ist der
Himmel der positive Pol.
[118,05] Wenn sonach jemand eine Maid erwählt hat, und ein anderer erwählt sie
auch, und der erste ist dann sobald voll gröbster Eifersucht, wenn der zweite auch Zutritt
erhält, so ist bei ihm schon der Pol der Hölle vorherrschend. Spricht aber der erste: Meine
Liebe, du allein bist deines Herzens Gebieterin. Ich liebe dich wahrhaft, darum will ich kein
Opfer von dir, wohl aber bin ich bereit, dir jedes Opfer zu deinem Besten zu bringen; darum
bist du von mir aus vollkommen frei. Tue demnach, was du willst und wie es dir gut dünkt;
meine aufrichtige Liebe und Freundschaft wirst du darum nie verlieren. Denn zwänge ich
dich, mir deine Hand zu reichen, da würde ich nur mich in dir lieben und möchte dich zu einer
Sklavin machen. Ich aber liebe nicht mich in dir, sondern dich allein in mir. Daher hast du
von mir aus auch die vollkommene Freiheit, alles zu ergreifen, was du zu deinem Glücke für
am meisten tauglich hältst.
[118,06] Sehet, aus dieser Sprache leuchtet schon der Bürger des Himmels, denn so
spricht man im Himmel. Und wer so vom Grunde seines Herzens sprechen kann, in dem ist
schon kein positiver Tropfen einer Hölle mehr vorhanden.
[118,07] Wer sich bei diesem am meisten kitzligen Punkte also verleugnen kann, der
wird sich in den anderen weniger kitzligen Punkten um so leichter verleugnen. Wer aber da
eifersüchtig wird, und sogleich mit seiner Geliebten die Liebe bricht, sie in seinem Herzen
durch Verachtung, Groll und Zorn verwünscht und ebenso seinem Nebenbuhler begegnet, der
handelt schon aus der Hölle, die bei ihm ganz klar den positiven Pol bildet.
[118,08] Die Regel für den himmlischen Menschen ist diese: Wer bei was immer
sieht, daß damit auch die Liebe seines Nächsten beschäftigt ist, der soll sich sogleich
zurückziehen und seinem Nächsten gegen die Verwirklichung seiner Liebe keine Schranken
setzen; denn es ist besser, bei jeder Gelegenheit in der Welt leer auszugehen, als durch
irgendeinen wenn auch ganz unbedeutenden Kampf etwas zu gewinnen.
[118,09] Denn je mehr einer hier opfert, desto mehr wird er jenseits finden. Wer hier
einen härenen Rock opfert, wird dort einen goldenen finden, wer zwei opfert, der wird dort
zehn finden, und wer hier eine gewählte Jungfrau opfert, dem werden dort hundert
unsterbliche entgegenkommen. Wer hier einem auch nur ein mageres Stück Land abtritt, dem
wird dort eine ganze Welt gegeben. Wer hier einem geholfen hat, gegen den werden jenseits
hundert ihre Arme ausstrecken und ihm helfen ins ewige Leben! – Und so wird niemand
etwas verlieren, was er hier opfert. Wer reichlich sät, der wird auch reichlich ernten, wer aber
sparsam sät, der wird auch sparsam ernten.
[118,10] Ich meine nun, das dürfte wohl hinreichen, um jedermann ziemlich
handgreiflich zu machen, wann bei ihm die Hölle oder wann der Himmel zum positiven Pole
wird. Und so wird wohl niemand mehr vonnöten haben, mit der lächerlichen Frage zum
Vorscheine zu kommen: Wer kommt in die Hölle oder in den Himmel und wie und wann
kommt man in dieselben? – Denn niemand kommt weder in die Hölle noch in den Himmel,
sondern ein jeder trägt beides in sich.
[118,11] Ist die Hölle positiv, so macht der ganze Mensch schon die Hölle aus, wie er
leibt und lebt; ist aber der Himmel positiv, so ist eben auch schon der ganze Mensch der
Himmel selbst, wie er leibt und lebt. Und so braucht auch niemand zu fragen: Wie sieht es im
Himmel und wie in der Hölle aus, sondern ein jeder betrachte die eigene Polarität, und er wird
es genau sehen, wie es entweder in der Hölle oder im Himmel aussieht.
[118,12] Denn es gibt nirgends einen Ort, der Himmel oder Hölle heißt, sondern alles
das ist ein jeder Mensch selbst; und niemand wird je in einen andern Himmel oder in eine
andere Hölle gelangen, als die er in sich trägt. –
[118,13] Ihr habt euch hinreichend überzeugt, wie wir uns in jener Zentralsonne
befanden und haben dort Wunderdinge geschaut. Wo war diese Sonne? In euch! Wo sind wir
jetzt? Der Erscheinlichkeit nach zwar auf der geistigen Sonne, aber der Wirklichkeit nach in
euch selbst.
[118,14] Wie solches möglich ist, zeigt euch ein jeder Traum, davon ihr schon die
triftigsten Abhandlungen erhalten habt, und gerade so verhält es sich (nur mit der Ausnahme
vom Traume, wo das Dasein ein unentschiedenes ist) mit der größten, klarsten
Entschiedenheit im absoluten geistigen Zustande. – Um das aber noch gründlicher zu
verstehen, wollen wir nächstens einige Beispiele betrachten. –

Quelle: http://www.scribd.com/doc/13415605/Die-Geistige-Sonne-2-jakob-lorber