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Der Geist, Schöpfer seiner eigenen Welt

Die geistige Sonne Band 2 Kapitel 119 Jakob Lorber

[119,01] Ein guter Landschaftsmaler und zugleich ein großer Freund schöner
Landpartien kommt von einer Landpartie nach Hause. Die Gegend, die er bei dieser
Landpartie gesehen hat, gefällt ihm so überaus, daß er sich für immer in derselben aufhalten
möchte. Seine Geschäfte aber lassen solches nicht zu. Was bleibt ihm daher übrig, um sich
wenigstens dem Scheine nach in dieser für ihn so herrlichen Gegend zu befinden? Er malt
diese Gegend mit großer Kunstfertigkeit auf zwei leere, große Wände seines Wohnzimmers
so vortrefflich, daß ein jeder Besucher sich hoch verwundernd augenblicklich die herrliche,
allgemein bekannte Gegend erkennt.
[119,02] Frage: Wo hat denn unser Maler das Vorbild für diese Gegend
hergenommen? Hat er etwa Kupferstiche vor sich gehabt? Oder hat er selbst an Ort und Stelle
früher die Gegend konturmäßig aufgenommen? Nein, weder eins noch das andere, sondern er
hat die lebendige Kontur der Gegend in seiner Phantasie festgehalten und sie hier auf der
Wand getreu wiedergegeben.
[119,03] Das ist richtig, und ein jeder Mensch sieht davon die Möglichkeit ein, aber
sicher sieht es nicht ein jeder Mensch ein, auf welche Weise unser Maler die schöne Gegend
in seiner Phantasie auf die Wand gebracht hat. Hier fragt es sich also: Wie und auf welche
Weise hat dieser Maler die Gegend in seiner Phantasie auf die Wand gebracht? Sehet, das ist
ein wichtiger Lebensprozeß und besagt gar viel; daher wollen wir ihn auch ein wenig näher
beleuchten. Wir haben bei der Gelegenheit der Beschauung unserer Zentralsonne so klar als
möglich kennen und einsehen gelernt, was alles in dem Geiste des Menschen vorhanden ist.
Wäre es nicht in dem menschlichen Geiste vorhanden, woher wohl könnte er von dem je eine
Idee fassen und sich irgendeine Vorstellung machen, was noch nie ein sterbliches Auge
geschaut hat?
[119,04] Nun aber kann der Mensch in sich selbst zu unbegreiflich hohen und
übersinnlich geistigen Anschauungen gelangen, und so muß er ja alles das in sich haben, was
je eine Phantasie hervorbringen kann.
[119,05] Die Phantasie eines Menschen aber kann rein und unrein sein. Rein ist sie
dann, wenn, freilich selteneren Falles, der unsterbliche Geist des Menschen in seinem Leibe
schon so absolut dasteht, daß seine reinen Bilder durch die Bilder der Außenwelt nicht getrübt
und verunreinigt werden. So kann auch die Phantasie durch Auffassung bloß äußerer Bilder
rein sein, wenn sie durch die Kraft der Seele die geschauten Bilder festhält und sie dann bei
Gelegenheit naturgetreu wiedergibt. Unrein aber ist die Phantasie, wenn sich der Geist noch
zu sehr passiv in seinem Leibe sowohl zu seinen inneren Bildern wie zu denen der Außenwelt
verhält, wo sich dann alles durcheinandermengt, Geistiges und Naturmäßiges, und niemand
daraus klug werden kann, wenn er ein Phantasiebild aufstellt, was es so ganz eigentlich
vorstellt, ob Geistiges oder Naturmäßiges. Zu dieser Klasse unreiner Phantasiebilder gehören
alle jene mittelalterlichen mystischen Obszönitäten (Unanständigkeiten), laut welcher der
Himmel seine wunderliche Gestalt erhalten hatte, die Hölle und das sogenannte Fegfeuer zu
einem Bratofen wurde und dergleichen Torheiten mehr.
[119,06] Daraus aber geht hervor, daß im Geiste, der das ganze Leben seiner Seele
wie seines Leibes ausmacht, vorerst schon alles vorhanden sein muß, vom Kleinsten bis zum
Größten, was die ganze Unendlichkeit faßt, also Himmel und Hölle, und zwischen diesen
beiden Extremen die ganze naturmäßige Welt. Und dieses endlos lebendigreiche Vermögen
des Geistes ist das, was ihr im allgemeinen Sinne die „Phantasie“ nennet.
[119,07] Wenn dann jemand, aus dieser reichen Kammer etwas hervorholen will, so
darf er nur seine Liebe erwecken. Je stärker die Liebe wird, desto heftiger ihre Flamme und
desto heftiger ihre Wärme und ihr Licht.
[119,08] Durch diese Eigenschaft der Liebe wird das von ihr erfaßte Bild selbst
lebendig, prägt sich durch das Licht der Liebe immer deutlicher aus, bis es endlich wie die
Gegend unseres Malers die Vollreife erlangt hat. Und dieses durch die Eigenschaft der Liebe
ausgereifte Bild im Menschen selbst ist die eigentliche innere Welt des Geistes.
[119,09] Nun wissen wir, woher der Maler das Bild genommen hat. Allein das ist das
geringere, wir wissen noch etwas mehr, und das besteht darin, daß der Geist auf diese Weise
der Schöpfer seiner eigenen Welt ist. –
[119,10] Wir wissen aber auch, daß jedes Ding in der Welt entsprechend gut oder
schlecht sein kann, und dazu wird es von der Liebe gemacht. Ist die Liebe nach der Ordnung
Gottes, so wird durch sie alles gut; ist diese gegen die Ordnung Gottes, so wird durch sie alles
schlecht. – Auf diese Weise entwickelt dann ein jeder Mensch in sich entweder den Himmel
oder die Hölle.
[119,11] Eine jede Tat und Handlung muß eine Ortsunterlage und an und für sich
selbst eine gewisse Form oder besser Zeremonie haben, unter welcher sie geschieht.
[119,12] Wie kommt euch aber eine Gegend auf der Erde vor, in welcher ihr
Denkmäler vieler Greueltaten findet? Sicher wird euch bei ihrem Anblicke ein geheimer
Schauder befallen. Sehet, das ist schon die Form des Höllischen; denn im Geiste bildet sich
hernach ebenfalls eine solche Welt aus, die voll Denkmäler von Greueltaten ist. In dieser Welt
erschaut der Geist unendliche Tiefen zurück und in ihnen sein unverbesserliches böses
Verhalten. Aber ganz anders verhält es sich, wenn ihr in eine Gegend kommt, in der von jeher
edle Menschen gewohnt haben, die viel Gutes und Edles taten. Gar anheimelnd wird es euch
da vorkommen, und es wird euch ein verklärendes Gefühl überkommen, als befändet ihr euch
etwa im Schoße Abrahams. Das ist ein Vorgefühl des Himmels. – Im absolut geistigen
Zustande prägt sich dann eben dieses Gefühl samt der Form auf das Lebendigste aus. Diese
Form ist des Himmels geistige Örtlichkeit und ist, wie ihr leicht einsehet, ebenfalls ein Werk
des Geistes.
[119,13] Aus dem aber geht dann klar hervor, daß ein jeder Mensch durch die Art
seiner Liebe der Schöpfer seiner eigenen inneren Welt wird, und daß er nie in irgendeinen
Himmel oder in irgendeine Hölle kommen kann, sondern nur in das Werk seiner Liebe.
Darum heißt es auch: „Und eure Werke folgen euch.“ – Und auf eben diese Weise, wie wir
jetzt die Erscheinlichkeit der Hölle durchgemacht haben, machen es unsere bekannten
Sonnenschüler durch. Was aber mit ihnen hernach geschieht, wollen wir nächstens betrachten.

Quelle: http://www.scribd.com/doc/13415605/Die-Geistige-Sonne-2-jakob-lorber