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Geist und Feinstofflichkeit

Das Zusammenspiel des materiellen Körpers mit den Regungen des Geistes gestaltet sich anhand der subtilen Kräfte – der energetischen Funktionalität. Diese subtile Energie ist ein Wirken von Spannung und Entspannung im Körper. Einerseits werden diese Spannungsverhältnisse durch die grundlegenden Stoffwechselvorgänge im Körper bestimmt. Nahrungsaufnahme und –verarbeitung, Ruhe- und Entspannungsphasen, Körperhaltungen gestalten den Fluss der inneren Winde. Durch bestimmte Körperhaltungen werden die feinen Kanäle beeinflusst. Dadurch fließen die inneren Winde in bestimmte Zentren und haben entsprechende Auswirkungen auf die Bewegungen des Geistes. Andererseits bewegt sich der Geist mit seiner Ausrichtungsfähigkeit – der Aufmerksamkeit. Richtet sich die Aufmerksamkeit auf das Andere und folgt diesem, dann ruht der Geist nicht. Das Verarbeiten der aufgenommenen Reize bewegt den Geist. Auch auf diese Weise fokussiert sich Aufmerksamkeit. Im subtilen Wechselspiel von Materie und Geist folgt der Geist den Winden in den Kanälen und sammelt sich in bestimmten Zentren. Bedeutsam für das Verständnis dieses Wechselspiels ist die Kenntnis von drei Hauptkanälen, ein paar Zentren entlang dieser Hauptkanäle und einigen Fokuspunkten. Weiters bilden sich drei Wahrnehmungsbereiche bzw. Kayas (skrt. Körper, Bereich, Modus) aus. Diese entsprechen den grobstofflichen, den subtil-feinstofflichen und den sehr subtilen Bereichen – vergleichbar materieller Körper, Energie (funktionales Wirken) und Geist. So wie wir auf der groben, stofflichen Ebene von jedem Element ausgeprägt über einen Zentralkanal verfügen, gibt es auch einen subtilen, geistigen Zentralkanal. Auf der materiellen Ebene haben wir mit dem Skelettsystem das Feste, welches durch das Element Erde geformt wird. Von Mund bis Anus haben wir den Zentralkanal für den Stoffwechsel, der vom Element Wasser (Verdauungssäfte) bestimmt ist. Mit dem Pfortadersystem zeigt sich der Hauptkanal für das Blut und Kreislaufsystem, das vom Element Feuer bestimmt wird. Der Zentralkanal, welcher vom Element Wind maßgeblich gestaltet wird, ist im Nervensystem der Wirbelsäule. Der Raum erlebende Zentralkanal – durch das Element Raum gestaltet – ist unser Rumpf. In diesen verschiedenen Ausprägungen eines Zentralkanals wirken die Elemente auf unseren Erfahrungshaushalt ein. Durch die Kraft der Geistigkeit – hier durch die Visualisation – können wir in unserer Leibesmitte vom Scheitel bis unterhalb unseres Nabels bzw. sogar weiter bis in unsere Geschlechtsorgane einen feinstofflichen Kanal gewahr werden. In der tibetischen Yoga-Tradition wie auch in verschiedenen Dharma-Schulen von China wird mit diesem Zentralkanal gearbeitet. Zusätzlich zu diesem Hauptkanal befinden sich links und rechts davon zwei Seitenkanäle. Diese drei Kanäle sind für unsere Wahrnehmung und unser Welterleben von wesentlicher Bedeutung, da in ihnen die Grundbewegungen des Geistes stattfinden. Genauso wie die elementaren Kanäle bilden sich diese drei subtilen Kanäle im Laufe des embryonalen Werdens heraus. Im Weltbild des buddhistischen Tantra entwickeln sich entlang des zentralen Kanals mehrere Energiezentren. Diese werden Chakra (skrt. Rad) genannt, da sie von oben betrachtet einem Rad mit Nabe und Speichen ähnlich sehen. Die Nabe des Rades ist der Zentralkanal und die Speichen sind die Nadis - die feinstofflichen Energiekanäle, die von den zirkulierenden Winden gebildet werden. Je nach Meditationssystem werden drei, vier, fünf oder gar sechs Hauptzentren für die Visualisation und Energiearbeit herangezogen. Häufig ist allerdings der Gebrauch von fünf Energiezentren, da fünf Arten von Winden je ein Chakra ausformt und dann bis zur Auflösung beim Sterbeprozess dort verweilt. Wichtig für die Unterscheidung zwischen dem buddhistisch-tantrischen System und dem Yoga- System der Hindus ist der Ansatz der Ausformung. Im Yoga-System der Hindus ist die Kundalini die entscheidende Kraft. Diese ruht im Muladhara-Chakra (Wurzel) und steigt über den zentralen Kanal – Sushumna – bis zum Scheitel-Chakra auf. In diesem Ansatz wird das Aufsteigen als Entwicklungsweg und das Halten eines höchsten Zustandes der Ekstase als Ziel gesehen. Anders ist die Sicht im buddhistischen Tantra. Die Ausbildung des Zentralkanals erfolgt vom Herz-Zentrum aus nach oben und nach unten gleichermaßen. Dies geschieht durch das Auseinanderstreben der beiden – roten und weißen – Tropfen von Mutter und Vater. Der unfassliche Bewusstseinswind ruht weiterhin im Herz- Zentrum und wird erst nach erfolgter Auflösung beim Sterben daraus befreit. Durch entsprechende yogische Praktiken lässt sich eine Erfahrung dessen und Befreiung schon zu Lebzeiten erlangen. In diesem buddhistisch-tantrischen System wird das Halten eines höchsten Zustandes von Ekstase nicht als erstrebenswertes Ziel gesehen, sondern erst die vollständige Befreiung aus dem wiederkehrenden

Kreislauf von Auf- und Absteigen. Etwas dauerhaft zu halten ist eben keine Freiheit, sondern noch immer eine Fixierung. Durch die verschiedenen symbolischen Handlungen und Rituale im Rahmen einer tantrischen Ermächtigung werden die ausgeprägten Kayas, die Zentren und die dazugehörigen Winde gereinigt. Bestimmte Praktiken der Visualisation dienen im Rahmen einer buddhistisch-tantrischen Praxis dann dazu, die Vorgänge von Werden, Bestehen und Vergehen essentiell zu begreifen. Im Anuttara-Tantra – dem sog. unübertroffenen Tantra – werden alle diese existenziellen Vorgänge in der Visualisation geübt. Dazugehörige Körper- und Atemübungen dienen dazu, dass die Energiezentren leiblich wahrgenommen und durchlässig gemacht werden. Auf diese Weise wird das Strömen der subtilen Winde (innerkörperliche Energien) geschmeidig gemacht. Das Ziel dabei ist, dass diese subtilen Energien in den feinstofflichen Zentralkanal eintreten und dort auflösen. Das bewirkt eine ähnliche Erfahrung von Klar-Licht-Leerheit wie beim Sterbeprozess.