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Beuys und die Soziale Plastik Wir sind alle Künstler! 10 10 von Caroline Brendel |

Beuys und die Soziale Plastik

Wir sind alle Künstler!

Beuys und die Soziale Plastik Wir sind alle Künstler! 10 10 von Caroline Brendel | Redaktion
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13.02.2014

Hätte man Beuys die Frage nach seinem persönlichen Meisterwerk gestellt, wäre die Antwort sicherlich „die Soziale Plastik“ gewesen. Doch seit Beuys' vor 28 Jahren ist sie ein Meisterwerk ohne Meister. Dennoch ist sie auch für heutige Gesellschaft und unser Kunstverständnis relevant, meint Beuys' Wegbegleiter Rainer Rappmann. Im Rahmen der Vortragsreihe „Meisterwerk ohne Meister“ stellt er vergangene Woche die Entwicklung und Relevanz des Begriffs vor.

„Ich musste alles auf neue Begriffe bringen.“

Der junge Joseph Beuys war hin- und hergerissen und konnte sich zunächst n entscheiden, welchen Weg er im Leben einschlagen wollte. Mal wollte er Kinderarzt werden, dann besuchte er naturwissenschaftliche Vorlesungen. Er arbeitete sogar als Assistent von Tierfilmer Heinz Sielmann. Warum er sich le Endes doch für die Kunst entschied? „Es war die Angst, am Ende im Labor zu stehen und Fliegenbeine zu zählen“, erklärt der Gründer des FIU-Verlags Rain Rappmann. „Das wollte Beuys auf gar keinen Fall. Er war an Gesamtzusammenhängen der Natur interessiert. Dahingehend wollte er Erkenntnisse gewinnen und vor allem Einfluss nehmen.“

Dahingehend wollte er Erkenntnisse gewinnen und vor allem Einfluss nehmen.“ SCHULTERBLICK TIEFENBOHRUNG ZU|RUF
Im Rahmen eines SPIEGEL-Gesprächs über Anthroposophie und die Zukunft der Menschheit sagte Beuys: „Jeder Mensch

Im Rahmen eines SPIEGEL-Gesprächs über Anthroposophie und die Zukunft der Menschheit sagte Beuys: „Jeder Mensch ist ein Träger von Fähigkeiten, ein sich se bestimmendes Wesen, der Souverän schlechthin in unserer Zeit. Er ist ein Künstle er nun bei der Müllabfuhr ist, Krankenpfleger, Arzt, Ingenieur oder Landwirt. “

Anfang der 1950er Jahre wird Beuys' Schüler bei Ewald Mataré. Doch auch di damalige Kunst ist ihm zu eng. Er will naturwissenschaftliche und philosophi Erkenntnisse in seine Arbeit einbeziehen, experimentiert mit Materialien wie und Fett. Auch die menschliche Gestalt und die Figur des Hirschs interessiere Der Beuys, wie wir ihn heute kennen, entsteht allerdings erst nach seiner gro Krise. Aus der geht der Künstler mit einem neuen Verständnis von Kunst und Plastik hervor. Beuys' Begriff von der Erweiterten Kunst meint eine Art Anti-K die nicht auf die Institution Kunst und den musealen Raum beschränkt ist, son alle Belange des menschlichen Lebens mit aufnimmt.

„Der größte Komponist der Gegenwart ist das Contergankin

„Es geht Beuys also nicht darum, einen neuen –ismus zu erfinden“, wie Karen den Berg in der Diskussion nach dem Vortrag vergangene Woche feststellt, „sondern darum, die Gesellschaft umzustülpen. Er möchte keine neuen Muse sondern eine anderes, freieres gesellschaftliches System und er war größenwahnsinnig genug, das zu denken.“ Die Plastik ist die Partitur für seine spätere Kunst, die direkt auf den Menschen anwendbar ist. Sie besteht aus zw Polen, dem Gestaltungspol und dem Formpol. Die Möglichkeit der Plastik, sich durch Wärme auszudehnen, wird als Gestaltungsmoment gedacht. „Beuys we einen bildhauerischen Begriff für die Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse und zeigt, dass wir als Mensch unser Denken selbst bestimmen können“, führ den Berg aus. Der Begriff der Sozialen Plastik deutet darauf hin, dass es um e plastisches Gestalten in allen sozialen, wenn auch unsichtbaren Bereichen ge das jeder Mensch mit seinem persönlichen kreativen Potential eingreifen kan diesem Sinne ist jeder Mensch ein Künstler.

Eurasia, 32. Satz der sibirischen Symphonie (1963). Die Vereinigung von Europa un Asien. „Meine Kunst

Eurasia, 32. Satz der sibirischen Symphonie (1963). Die Vereinigung von Europa un Asien.

„Meine Kunst ist, Rede und Antwort stehen.“

Obwohl zum Beispiel seine Werke „Eurasia“ und „I like America and America l me“ bereits politisch motiviert sind, möchte Beuys die Ideen der Sozialen Plas der Realpolitik umsetzen. Auch die Idee der Dreigliederung nach Rudolf Stein bei der die Ideale der französischen Revolution auf drei gesellschaftliche Kraftfelder angewendet werden, soll verwirklicht werden: Freiheit für die Kul Gleichheit in der Demokratie und – „man höre und staune“, schmunzelt Rapp – Brüderlichkeit in der Wirtschaft. Aus diesem Grund eröffnet er nicht nur sei Büro für direkte Demokratie 1972 auf der Dokumenta 5 in Kassel, in dem er 1 Tage mit den Besuchern über wichtige Gestaltungsfragen im politischen Feld diskutiert, sondern wird Gründungsmitglied der Grünen Partei. Ein großer Sc für den Mann, der auch die Abschaffung der Parteiendiktatur gefordert hat. „D gelebte Widerspruch konnte auf die Dauer nicht funktionieren“, so sieht es Rappmann in der Retrospektive, „wenn man eine Partei gründet, wird man au eine. Das kann man den Grünen nicht vorwerfen, dennoch konnte Beuys nicht damit umgehen, dass Machtspielchen und Personalfragen statt die Verwirklic der Sozialen Plastik im Mittepunkt standen.“ Also raus aus der Partei und zur zur Dokumenta.

Eva und Franco Mattes animierten im virtuellen Raum „Second Life“ bedeutende Performances der Kunstgeschichte wieder

Eva und Franco Mattes animierten im virtuellen Raum „Second Life“ bedeutende Performances der Kunstgeschichte wieder im Leben. so auch Joseph Beuys „7000 Eichen“. Genau 25 Jahre nach Beuys „7000 Eichen“ pflanzten die beiden Künstler d ersten Baum in Second Life und riefen alle SL-Bewohner dazu auf, sich an dem On Kunstwerk zu beteiligen.

1982 stellte Beuys sein letztes großes Landschaftskunstwerk „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ in Kassel der Öffentlichkeit vor. 7000 Eichen wollte er im Raum Kassel pflanzen. Die Umsetzung des Projekts gesta sich schwierig, verzweifelt versucht Beuys Mittel für das Projekt zusammenzutrommeln. 1985, ein Jahr vor seinem Tod, tritt er vollends aus d Kunst aus. Was bleibt?

„Ich denke sowieso nur mit dem Knie.“

War Beuys am Ende überhaupt noch ein Künstler, ein letztes Genie? Und wen einer war, war er ein vor Idealismus und Tatendrang überschäumender, hoffnungslos romantischer Künstler, der am Ende einsehen musste, dass er seinem irrationalen Engagement gescheitert war? Der sich mit Dingen auseinandersetzte, die er nicht verstand? Für Rappmann war Beuys im Kern jeden Fall ein Künstler: „Alles, was er tat, das WIE, zeugte von seiner künstlerischen Tätigkeit. Er war der Meister der Sozialen Plastik, obwohl er d Gestaltungsmöglichkeiten jedem zuschrieb und sich so mit dem Rest der Gesellschaft auf eine Stufe stellt.“ Seine starke Präsenz lebt in seinen Werken weiter, die immer anregen, sich mit dem von ihm aufgeworfenen Fragen zu beschäftigen.

In Neapel fand Beuys den Spruch „La revoluzione siamo noi“. „Du bist die Revolutio sagte

In Neapel fand Beuys den Spruch „La revoluzione siamo noi“. „Du bist die Revolutio sagte Beuys nun, du hast die Kraft zur Selbst-, Mit- und Weltgestaltung.

Obwohl der Begriff der Sozialen Plastik heutzutage meist nur von Beuys' Anhängern verwendet wird, ist der Ansatz bei vielen zeitgenössischen Künstl beispielsweise bei den Relational Aesthetics oder auch bei dem 2010 verstor Theater- und Filmregisseur Christoph Schlingensief, enthalten. Teilweise ist e stark in die Wirklichkeit eingedrungen, dass er gar nicht mehr als Kunst erka wird, sei es beim Urban Gardening oder anderen Themen rund um Nachhaltig „Wie wollen wir leben und unser Leben gestalten“, ist eine immer noch aktuel Frage. Lasst uns Künstler sein!

Titelbild: hsing_nice / flick Bilder im Text: Robert Agthe / flickr.com, Valentina Tanni / flick acb / flickr.com, Rainer Rapp

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