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ISSN 2409-028X

Ausgabe 4 | Oktober 2015

eu& infobrief international

Aus dem Inhalt

3. Griechenlandprogramm: Rezession

1

Bilanz Europäisches Semester 2015

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USA und Europa: Krisenbewältigung

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TTIP: Investor-Staat-Streitschlichtung 14 Regulierungskooperation

in TTIP und CETA

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Lobbying zu Regulierungsvorhaben bei hormonschädigenden Stoffen

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Lobbying-Kontrolle und VW-Skandal

23

Digitale Agenda Notwendige Reform der

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Unternehmensbesteuerung

Buchbesprechung

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Editorial

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Dass die EU bislang keinen kohären­ ten Ansatz für einen solidarischen und menschenwürdigen Umgang mit Flüchtlingen gefunden hat, führt die tiefe Krise der europäischen Integration derzeit besonders deutlich vor Augen. Auch in anderen Bereichen wird die Krise offensicht­ lich: Das dritte „Hilfsprogramm“ für Griechenland hilft in erster Linie den GläubigerInnen, wie der Beitrag von F. Ey zeigt. Die Ausrichtung des diesjährigen Europäischen Semes­ ters analysiert G. Feigl. M. Schnet­ zer vergleicht die unterschiedlichen Strategien der Krisenbewältigung in der EU und den USA. Die Handels­ und Investitionspolitik der EU sorgt weiter für Kontroversen, wie die Beiträge von E. Beer, É. Dessewffy und P. Barabas verdeutlichen. Vor dem Hintergrund des VW­ Skandals wird die Dominanz des Konzern­Lobbyings in der EU einmal mehr ersichtlich, wie A. Wagner herausarbeitet. Zudem werden die Pläne der EU­Kommission zum digitalen Binnenmarkt (W. Greif) und zur Unternehmensbesteue­ rung (M. Saringer) unter die Lupe genommen. Den Abschluss dieser Ausgabe bildet eine Buchrezension von S. Ederer.

Ihre Redaktion

Neue Vereinbarung mit den EU-Institutionen hilft hauptsächlich den GläubigerInnen

Drittes „Hilfsprogramm“ bringt Griechenland Rezession statt Konjunkturaufschwung

Eine Aussicht auf ein Ende der katastrophalen wirtschaft­ lichen und sozialen Krise in Griechenland ist weiterhin nicht in Sicht. Im Gegenteil: Das vereinbarte dritte „Hilfsprogramm“ mit einem Volumen von bis zu 86 Mrd. Euro ist an drastische

Kürzungs-, Steuererhöhungs- und Privatisierungsauflagen geknüpft. NutznießerInnen sind in erster Linie GläubigerInnen, die dadurch weiterhin in den Genuss von Zinszahlungen kommen sowie auslaufende Kredite ausgezahlt bekommen. Für die GriechInnen selbst bedeutet die neue Vereinbarung mit den EU­Institutionen nur noch mehr Belastungen statt einer Kurskorrektur. Und eine Änderung des Kurses wäre dringend notwendig gewesen, denn die Folgewirkungen der ersten beiden Programme waren alles

andere als erfolgreich.

Frank Ey

Griechenland 2010: Auch die helleni- sche Republik hat die globale Finanz- krise voll erfasst. Schon 2009 stand die Schuldenquote bei 129,3%, das Budgetdefizit lag bei 15,8%. Die Leis- tungsbilanz erreichte im selben Jahr ein schwindelerregendes Defizit von 14,3%. 1 Nachdem der neu gewählte sozialdemokratische Premierminister Giorgos Papandreou kurz nach Amts-

antritt bekannt gibt, dass die konser- vative Vorgängerregierung falsche Zahlen nach Brüssel gemeldet hat und das Haushaltsdefizit tatsächlich 12,7% des BIP beträgt (diese Zahl musste wenige Monate später weiter nach oben revidiert werden), setzt sich für Griechenland eine unheil- volle Spirale in Gang. Rasch stufen die Ratingagenturen die Kredit-

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Drittes Griechenland-„Hilfsprogramm“:

Rezession statt Konjunktur

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würdigkeit von Griechenland herab. Im März 2010 verschlimmert sich die Situation derart, dass die Eurogrup- pe Griechenland kurzfristig bilatera- le Kredite zusagt, der Internationale Währungsfonds beteiligt sich eben- falls. Im Mai 2010 folgt die Vereinba- rung der aus Europäischer Kommis- sion, Europäischer Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds bestehenden Troika mit Griechen- land über ein erstes Wirtschaftsan- passungsprogramm verbunden mit der Verschaffung der dringend not- wendigen Liquidität, die Griechen- land über die privaten Finanzmärkte nicht mehr aufstellen kann. Es folgt ein zweites Programm im Jahr 2012 und ein drittes „Hilfspaket“ im Au- gust 2015.

Dass Änderungen notwendig waren, um die Schieflage des öffentlichen Haushalts und der Leistungsbilanz wieder in den Griff zu bekommen, ist unbestritten. Tatsächlich haben es sowohl die konservativ als auch die sozialdemokratisch geführten Regie- rungen in Griechenland verabsäumt, in Zeiten hohen Wirtschaftswachs- tums Maßnahmen zu setzen, um sich mit makroökonomischen Ungleich- gewichten unter anderem in der Fis-

kalpolitik und der Leistungsbilanz zu befassen und diese zu beheben.

Bereits im ersten sogenannten Me- morandum of Understanding (MoU) verpflichtete die Troika Griechen- land zu umfangreichen Reformen und Sparauflagen. Maßnahmen ge- gen Steuerhinterziehung und für eine effizientere Steuereinhebung zu setzen, sind wie in jedem anderen EU-Mitgliedstaat auch ausdrücklich zu begrüßen. Aber führen Maßnah- men wie die Kürzung des Mindest- lohns auf 586 Euro, umfangreiche Einsparungen im Gesundheitssektor, die Kürzung des Arbeitslosengeldes auf etwas mehr als 300 Euro, die Streichung des Urlaubs- und Weih- nachtsgeldes und anderer Bezugs- kürzungen für PensionistInnen und StaatsbeamtInnen etc. tatsächlich zur Gesundung der hellenischen Fis- kal- und Wirtschaftspolitik?

Verheerende beschäftigungs- und sozialpolitische Auswirkun- gen der ersten beiden Sparpakete n Im Zuge der Umsetzung der Spar- vorgaben der Troika kürzte Griechen- land die Budgetausgaben zwischen 2010 und 2014 um mehr als 25%. In der Folge kam es auch zu einem Ein-

– 950.000 Beschäftigte in Griechenland in Millionen in den Jahren 2008 bis 2014 5,0 4,5
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in Millionen in den Jahren 2008 bis 2014
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Quelle: Europäische Kommission
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Die beiden Troika­ Pakete kosteten Griechenland bisher 800.000 Arbeitsplätze.

bruch der Wirtschaftsleistung Grie- chenlands: Das Bruttoinlandsprodukt sank um fast 21% bzw. von rund 300 auf 238 Milliarden Euro.

Welche dramatischen beschäfti- gungs- und sozialpolitischen Folgen der Sparkurs aus den ersten beiden Programmen hatte, zeigen auch ak- tuelle unter anderem sogar von der Kommission zur Verfügung gestellte Daten:

n Die Anzahl der Beschäftigten brach binnen fünf Jahren (2010-2014) um 800.000 auf 3,7 Millionen Per- sonen ein. Binnen kürzester Zeit gingen rund 17% aller Jobs ver- loren. Geht man vom Vorkrisenni- veau (2008) aus, wurden bis 2014 sogar rund 20% bzw. 950.000 Jobs vernichtet.

n Die Beschäftigungsquote sank zwi- schen 2008 und 2014 von 66,3 auf 53,3%. Zum Vergleich: Die durch- schnittliche EU-Beschäftigungsquo- te lag 2014 bei 69,2%.

n Die Arbeitslosigkeit schnellte auf 26,5% hinauf, bei Jugendlichen lag sie bei 52,4%. Die Kommission meint zu dieser Entwicklung lapi- dar, dass Griechenland rasch An- passungen am Arbeitsmarkt habe vornehmen müssen und damit die Arbeitsmarktflexibilität erhöht wur- de. 2

n Die Löhne sind um rund ein Fünftel gesunken;

n Rund die Hälfte der Bevölkerung hat keine Krankenversicherung mehr;

n Die ärmsten 10% der Haushalte verloren rund 86% ihres verfüg- baren Einkommens, zeigt eine von der Böckler-Stiftung herausgege- bene Studie. 3

Ausgabe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

eine von der Böckler-Stiftung herausgege - bene Studie. 3 Aus g abe 4 | Oktober 2015

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Drittes Griechenland-„Hilfsprogramm“:

Rezession statt Konjunktur

Anteil der Bevölkerung, der sich grundlegende Güter nicht mehr leisten kann, in % in den Jahren 2008 bis 2014

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Quelle: Europäische Kommission

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2008 bis 2014 20 Quelle: Europäische Kommission 15 10 5 0 2008 2009 2010 2011 2012

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bis 2014 20 Quelle: Europäische Kommission 15 10 5 0 2008 2009 2010 2011 2012 2013

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n Die Armut ist laut EU-Kommission drastisch angestiegen: Der Anteil der Bevölkerung, der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht ist, liegt bei 36%, der EU-Schnitt liegt bei 24,5%.

n Laut der von der Böckler-Stiftung herausgegebenen Studie ist die Anzahl von Selbstmorden in den letzten Jahren um 45% gestiegen.

n Die Kommission kennt auch einen eigenen Indikator zu schweren materiellen Entbehrungen. Diese Kennzahl bemisst sich aus neun grundlegenden Gütern, von denen sich die Betroffenen zumindest vier nicht mehr leisten können. Darun- ter fällt beispielsweise, dass Betrof- fene ihre Miete oder ihre Heizkos- ten nicht mehr bezahlen können, sich keine regelmäßigen Mahlzei- ten mehr leisten können oder kei- ne Waschmaschine oder kein Te - lefon mehr haben. Bei 21,5% der griechischen Bevölkerung ist diese Situation per 2014 gegeben, der EU-Schnitt beläuft sich auf 9,6%. Binnen fünf Jahren verdoppelte sich die Zahl der Personen, die sich

3 infobrief eu & international

Die Armut ist in Griechenland derzeit fast zehnmal so hoch wie in den Europa 2020­Zielen angestrebt.

in extremer Armut befindet, rund 2,4 Millionen Menschen sind davon betroffen. 4

n Es verwundert angesichts solcher Zahlen auch nicht, dass viele Grie- chInnen eine Beschäftigung in an- deren EU-Mitgliedsstaaten suchen und die Zahl der EinwohnerInnen Griechenlands um 150.000 Men- schen zurückgegangen ist.

Griechenland und die Europa 2020-Ziele n Völlig in Vergessen- heit geraten dürften bei den EU- Institutionen die Pläne der Europa 2020-Strategie sein: Noch im Jahr 2010 hat die Europäische Kommis- sion die Europa 2020-Ziele als den Weg in „eine neue Ära“ bezeichnet:

So soll bis 2020 unter anderem die Beschäftigung steigen sowie die Ar- beitslosigkeit und die Armut sinken.

Gerade was Beschäftigung und Armut betrifft, liegen viele Länder jedoch weiter von ihren nationalen Europa 2020-Zielen entfernt als noch zu Be- ginn der Initiative 2010. Besonders negativ betroffen ist Griechenland. Lag die Beschäftigungsquote 2010 in Griechenland noch bei 63,8%, so liegt sie nun bei 53,3% und verfehlt damit das für 2020 angepeilte Ziel von 70% bei weitem. Um nichts bes- ser sieht es bei der Armut aus: Für 2020 war auch eine Verringerung der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Personen auf 450.000 an- gepeilt. Ende 2014 war die Anzahl dieser Personen mit rund vier Millio- nen Menschen aber fast zehnmal so hoch. 5

Und nicht nur die Europa 2020-Ziele, sondern auch die EU-Grundrechte- Charta dürfte die Kommission nicht mehr besonders interessieren. So musste Griechenland auf Anordnung der Troika 2010 und 2012 tiefge- hende Eingriffe in das griechische Kollektivvertragssystem vorneh- men. 6 Das stellt sowohl laut einem Rechtsgutachten von Prof. Andreas Fischer-Lescano, welches im Auftrag der AK Wien in Kooperation mit dem ÖGB, dem Europäischen Gewerk- schaftsbund und dem Europäischen Gewerkschaftsinstitut durchgeführt wurde, als auch nach einer neuen Untersuchung von Florian Rödl und Raphaël Callsen vom Hugo Sinzhei- mer-Institut für Arbeitsrecht einen Verstoß gegen geltendes EU-Recht und die Menschenrechte bzw. ei- nen Widerspruch zu dem in Art. 28 der Grundrechte-Charta (EU-GRC) formulierten Recht auf Kollektiv- verhandlungen dar. 7 Laut Rödl und Callsen stelle die Mitwirkung der Kommission an den in den Memo- randa of Understanding erteilten Auflagen gleich in mehreren Fäl- len eine Einschränkung des Rechts auf Kollektivverhandlungen dar. Für die betroffenen Mitgliedstaaten und Kollektivvertragspartner sehen Rödl und Callsen die Möglichkeit ei-

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sehen Rödl und Callsen die Möglichkeit ei - Aus g abe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

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Drittes Griechenland-„Hilfsprogramm“:

Rezession statt Konjunktur

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ner Nichtigkeitsklage nach Art. 263 AEUV. Auch der Weg über ein Vor- abentscheidungsverfahren nach Art. 267 AEUV sei demnach möglich.

Troika schätzte die Folgewirkun- gen ihrer Maßnahmen wieder- holt falsch ein n Die Troika hat die Folgewirkungen der umfangreichen Sparmaßnahmen und Steuererhö- hungen völlig unterschätzt. Gingen die ExpertInnen der Kommission in ihren Einschätzungen 2010 bzw. 2012 8 noch von einer Arbeitslosen- quote von 14,8 bzw. 17,8% für 2013 aus, lag sie tatsächlich bei 27,8%. Abgesehen von dem großen Leid, das Arbeitslosigkeit verursacht, bedeutet diese fatale Fehleinschätzung der Kommission und ihrer Partner auch enorme Kosten für das griechische Budget: Geplante Lohnsteuereinnah- men und Konsumsteuern fallen weg, stattdessen entstehen ungeplante Mehrausgaben zur Unterstützung der Arbeitslosen.

Auf die Sparmaßnahmen zurückzu- führen ist auch, dass die Wirtschafts- entwicklung Griechenlands deutlich dramatischer ausfiel als von der Kommission prognostiziert. 9 Die Re- zession in der hellenischen Republik war wesentlich tiefer und hielt auch länger an, als von der Kommission in ihren Berichten von 2010 und 2012 vermutet worden war. Erst 2014 kehrte Griechenland der Rezession den Rücken.

Falsche Kommissions-Schätzung:

Statt 359 Milliarden Euro nur 317 Milliarden Euro Schulden n In der Folge lag die Staatsschulden- quote 2014 auch wesentlich höher, als von der EU-Kommission ange- nommen worden war: Statt 148,4 bzw. 162,1% (Kommissionsprognose 2010 bzw. 2012) lag sie bei 177,1%. An mangelndem Sparwillen der Grie- chInnen kann dieses Ergebnis jedoch nicht liegen. Wie bereits zu Beginn berichtet, kürzte Griechenland seine Budgetausgaben binnen fünf Jahren

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Entwicklung der Arbeitslosenquote im Vergleich zu den Kommissionsprognosen

in % in den Jahren 2009 bis 2014

30 Quelle: Europäische Kommission 25 20 15 10 5 0 2009 2010
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Quelle: Europäische Kommission
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Europäische Kommission 25 20 15 10 5 0 2009 2010 Prognosen 1. Paket der Troika 2011

Prognosen 1. Paket der Troika

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2011

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15 10 5 0 2009 2010 Prognosen 1. Paket der Troika 2011 2012 Prognosen 2. Paket

2012

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Prognosen 2. Paket der Troika

1. Paket der Troika 2011 2012 Prognosen 2. Paket der Troika 2013 2014 Tatsächlich laut Eurostat
1. Paket der Troika 2011 2012 Prognosen 2. Paket der Troika 2013 2014 Tatsächlich laut Eurostat
1. Paket der Troika 2011 2012 Prognosen 2. Paket der Troika 2013 2014 Tatsächlich laut Eurostat
1. Paket der Troika 2011 2012 Prognosen 2. Paket der Troika 2013 2014 Tatsächlich laut Eurostat
1. Paket der Troika 2011 2012 Prognosen 2. Paket der Troika 2013 2014 Tatsächlich laut Eurostat
1. Paket der Troika 2011 2012 Prognosen 2. Paket der Troika 2013 2014 Tatsächlich laut Eurostat

2013

der Troika 2011 2012 Prognosen 2. Paket der Troika 2013 2014 Tatsächlich laut Eurostat um 25%.
der Troika 2011 2012 Prognosen 2. Paket der Troika 2013 2014 Tatsächlich laut Eurostat um 25%.

2014

der Troika 2011 2012 Prognosen 2. Paket der Troika 2013 2014 Tatsächlich laut Eurostat um 25%.

Tatsächlich laut Eurostat

um 25%. Die absolute Verschuldung für 2014 schätzte die Kommission da- für fälschlicherweise wesentlich hö- her ein: 2010 glaubte die Kommissi- on noch, dass die Verschuldung 2014 einen Stand von 359 Milliarden Euro erreichen würde und 2012 lag die Vorhersage bei 335 Milliarden Euro. Tatsächlich waren es aber nur rund

Die EU­Kommission hat sich laufend verschätzt:

Statt einer Arbeitslosen­ quote von 17,8 % wies Griechenland 2013 eine Quote von 27,8 % auf.

317 Milliarden Euro, also um 42 bzw. 18 Milliarden Euro unter der Kommis- sionsprognose. Dass die Staatsschul- denquote 2014 trotz einer beeindru- ckenden Reduktion der absoluten Verschuldung anstieg, ist schlicht eine Folge des radikalen Sparkurses, der für einen Einbruch des Bruttoin- landsprodukts gesorgt hat.

Ein Budget-Primärüberschuss konn- te als Folge der Troika-Auflagen erst 2013 erreicht werden und lag 2014

bei 0,4% statt bei angenommenen 5,9% (2010) bzw. 4,5% (2012).

Nach dem Auslaufen des ersten und zweiten Programms ist festzustellen, dass die „Hilfspakete“ mit enormen Kosten aus sozialer, beschäftigungs-, wirtschafts- und fiskalpolitischer Sicht verbunden waren. Nach rationalen Gesichtspunkten wäre angesichts der beängstigenden negativen Folgewirkungen der Spar- programme ein radikaler Kurswech- sel der Troika zu erwarten gewesen. Tatsächlich sorgt das nunmehr dritte Anpassungsprogramm jedoch trotz immer stärker werdender Proteste aus der griechischen Bevölkerung für eine neuerliche Verschlechterung der sozialen und wirtschaftlichen Lage in Griechenland.

Das dritte Wirtschaftsanpas- sungsprogramm – Griechenland auf dem Weg in die nächste Re- zession n Auch das dritte Paket umfasst vor allem Hilfsmaßnahmen für die GläubigerInnen: Das neue Finanzpaket umfasst bis zu 86 Milli- arden Euro, davon erhalten die Gläu- bigerInnen Griechenlands knapp 54 Milliarden Euro bzw. zwei Drittel »

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Griechenlands knapp 54 Milliarden Euro bzw. zwei Drittel » Aus g abe 4 | Oktober 2015

Drittes Griechenland-„Hilfsprogramm“:

Rezession statt Konjunktur

Griechische Staatsverschuldung im Vergleich zu den Kommissionsprognosen 2010 und 2012

in Mrd. €, in den Jahren 2011 bis 2014

Quelle: Europäische Kommission

2011

Prognosen 1. Paket der Troika

Europäische Kommission 2011 Prognosen 1. Paket der Troika 2012 2013 2014 Prognosen 2. Paket der Troika

2012

2013

2014

Prognosen 2. Paket der Troika

der Troika 2012 2013 2014 Prognosen 2. Paket der Troika Tatsächlich laut EU-Kommission » dieser Gelder

Tatsächlich laut EU-Kommission

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dieser Gelder – zum Teil dienen sie Kreditrückzahlungen, zum Teil der Bezahlung von Zinsen. Fast 30% der Finanzmittel bzw. 25 Milliarden Euro sollen für die Rekapitalisierung der Banken Verwendung finden.

In einem eigenen Memorandum of Understanding (MoU) sind die mit den Finanzhilfen verknüpften Maß- nahmen und Ziele, die Griechenland verordnet werden, enthalten. Eines der wichtigsten Ziele stellt die Er- reichung eines Primärüberschusses dar. Bereits dieses Jahr soll trotz ei- nes von der Kommission prognosti- zierten Rückfalls Griechenlands in die Rezession das Primärdefizit des öffentlichen Haushalts auf 0,25% gedrückt werden, gefolgt von Pri- märüberschüssen von 0,5% 2016, 1,75% 2017 und 3,5% 2018. Leich- ter zu erreichen wäre dieses Ziel mit einem Wachstumskurs, der das Budget durch niedrigere Kosten für Arbeitslose und Arme und höhere Einnahmen aus Unternehmens- und Lohnsteuern entlasten würde. Die EU-Institutionen haben sich jedoch für einen Weg neuerlicher Belas- tungen entschieden – trotz der Er-

kenntnis, dass genau die gleichen Maßnahmen im ersten und zweiten Spar- und Belastungsprogramm dazu geführt haben, dass diese Ziele völlig verfehlt wurden.

Bisher nur 500 Millionen Euro aus dem EU-Strukturfonds für Sozial- und Strukturpolitik geflossen n Auch im neuen „Hilfspaket“, welches bis 2018 laufen soll, sind keine Gelder für Infrastruktur- und Konjunktur- belebungsmaßnahmen vorgesehen. Die Kommission wird jedoch nicht müde zu betonen, dass Griechenland aus dem Europäischen Struktur- und Investitionsfonds (Programmperiode 2014-2020) 35 Milliarden Euro zur Verfügung stehen. Was sie allerdings verschweigt: Diese Mittel wären für Griechenland auch ohne Krise vorge- sehen gewesen. Zudem sind 20 der 35 Milliarden Euro landwirtschaftli- chen Angelegenheiten und ländlicher Entwicklung gewidmet. Und in den ersten eineinhalb Jahren sind von den knapp 4,5 Milliarden Euro, die aus diesem Titel geflossen sind, fast 90% in den Agrarsektor gepumpt worden. Nur rund 500 Millionen Euro wurden in die Sozial- und Struktur-

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politik investiert. Zweitgrößter Pos- ten bei den seit 2014 ausbezahlten Mitteln: Maßnahmen aus dem Euro- päischen Sozialfonds, für die rund 100 Millionen Euro flossen. 10 Insbe- sondere verglichen mit den 54 Mil- liarden Euro, die die GläubigerInnen aus dem „Hilfspaket“ erhalten, und angesichts der äußerst hohen Ar- beitslosigkeit ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Weitere Belastungen für die ärmsten Haushalte n Die Mehr- wertsteuersätze für eine Reihe von Grundnahrungsmitteln wurden be- reits im Juli von 13 auf 23% erhöht. Davon erfasst sind u.a. Milchproduk- te, Fleisch, Fisch, Mehl, Zucker und Reis. Gerade diese Maßnahme trifft besonders die armen Haushalte. Nach 2010 und 2012 ordnen die EU- Institutionen nunmehr bereits die

Die Mehrwertsteuer für Grundnahrungsmittel wurde von 13 auf 23 % erhöht.

dritte Pensionsreform an. Die Pensi- onen werden über eine neue 6%ige Gesundheitsabgabe weiter gekürzt. Einsparungen von 0,25% des BIP dieses Jahr und 1% des BIP 2016 sollen beim Pensionsbudget erreicht werden. Insbesondere die Anzahl der Frühpensionierungen soll reduziert werden – ungeachtet der Tatsache, dass das effektive Pensionsalter der Griechen bereits bei 63 Jahren und bei Griechinnen bei 59 Jahren liegt. Eine Erhöhung des gesetzlichen Pen- sionsalters auf 67 Jahre muss bis 2022 voll umgesetzt sein, die Pen- sionen werden bis 2021 auf dem aktuellen Stand eingefroren. Auch die Sozial- und Wohlfahrtsausgaben sollen erneut reduziert werden - um 0,5% des BIP.

EU-Institutionen ohne soziales Gewissen n Obwohl infolge der ers- ten beiden „Wirtschaftsanpas-

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n Obwohl infolge der ers- ten beiden „Wirtschaftsanpas - Aus g abe 4 | Oktober 2015

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Drittes Griechenland-„Hilfsprogramm“:

Rezession statt Konjunktur

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sungsprogramme“ knapp die Hälfte der GriechInnen nicht mehr kran- kenversichert ist, kennen die EU-Ins- titutionen weiterhin keine Rücksicht:

So sollen Selbstbehalte für Medika- mente und Befunde weiter erhöht werden. Nachdem viele GriechInnen ohnehin schon am Existenzminimum leben, soll nun auch noch die Pfän- dungsschwelle herabgesetzt werden, damit unter anderem Rückstände bei Steuerzahlungen oder Gesund- heitsabgaben eingehoben werden können. Erneut planen die EU-Insti- tutionen Eingriffe in den Rechtsrah- men der Arbeitsmarktpolitik: Verein- barungen in Kollektivverträgen und Regelungen zu Massenentlassungen sollen überarbeitet werden. Davon, dass es sich um Maßnahmen zu- gunsten der griechischen Bevölke- rung handelt, ist nicht auszugehen.

Einzelne Maßnahmen aus dem neu- en Paket sind jedoch auch positiv zu bewerten: Erstmals sollen Steu- ererleichterungen für ReederInnen

und LandwirtInnen fallen. Positiv zu würdigen ist auch, dass Reformen im Finanzmanagement der Spitäler und beim Beschaffungswesen vorgesehen sind, die unter anderem die Effizienz der Krankenhäuser erhöhen und die Preise für Medikamente reduzieren sollen. Auch Aktionen gegen Steuer- hinterziehung, die Errichtung eines zentralen Beschaffungswesens, wie etwa im Gesundheitssektor, sind zu begrüßen. Einsparungen im Militär- haushalt in Höhe von 100 Millionen

Den Hauptteil der „Hilfsmittel“ erhalten die GläubigerInnen.

Euro noch heuer bzw. dauerhaft 400 Millionen Euro ab 2016 sind vertret- bar, weil sie kaum negative Effekte auf die Bevölkerung haben dürften. Das Vorhaben, bis März 2016 Pläne auszuarbeiten, um 50.000 Langzeit- arbeitslosen einen neuen Job zu ver- schaffen und 150.000 Personen Un- terstützung im Rahmen der aktiven

Arbeitsmarktpolitik zu geben, wiede- rum klingt zwar sehr engagiert. Mit- tel aus dem dritten „Hilfspaket“ sind dafür aber nicht vorgesehen.

Zu begrüßen – wenngleich nicht Teil des MoU – sind geplante erhebliche Erleichterungen für Griechenland, Gelder aus dem EU-Struktur- und Investitionsfonds abzurufen. Der Ko- finanzierungsbeitrag Griechenlands, um Mittel aus den EU-Fonds zu er- halten, wird bis Mitte 2016 auf 5% gesenkt, d.h. Projekte werden zu 95% aus EU-Mitteln finanziert. Für den Abruf von Geldern aus der al- ten Programmperiode ist sogar eine 100%ige Kofinanzierung aus EU-Gel- dern vorgesehen. Für Mittel aus dem Kohäsionsfonds ist eine zusätzliche 7%ige Vorfinanzierung seitens der Kommission vorgesehen.

Privatisierungen und die Kon- zeptlosigkeit der EU-Instituti- onen n Wie bereits beim letzten Hilfspaket sind Privatisierungen

wirtschaftspolitik – standpunkte 01|2011 wirtschaftspolitik wirtsc a – – standpunkte standpunkte 02|2011
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Position, Überzeugung. Was es
Position, Überzeugung. Was es
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Wirtschaftspolitik – Standpunkte. Meinung,
Wirtschaftspolitik – Standpunkte. Meinung,
Abteilung Wirtschaftspolitik in der Wie-
Abteilung Wirtschaftspolitik in der Wie-
damit auf sich hat? Wir – das ist die
damit auf sich hat? Wir – das ist die
an Aspekten der Standortpolitik,
an Aspekten der Standortpolitik,
ner Arbeiterkammer
ner Arbeiterkammer – arbeiten
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Der
neue
e Selbstbedienungsmarkt
Selbstbedienungsmarkt
schaftsrechts, der Regulierung diverser Branchen und
schaftsrechts, der Regulierung diverser Branchen und
an allgemeinen wirt-
an allgemeinen wirt-
für
SpekulantInnen?
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schaftspolitischen Fragestellungen. Dabei verfolgen wir das Ziel,
schaftspolitischen Fragestellungen. Dabei verfolgen wir das Ziel,
editorial
editorial
die Situation
die Situation
der Beschäftigten zu verbessern und
der Beschäftigten zu verbessern und
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wirtschaftspolitik
KonsumentInnenrechte durchzusetzen.
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Standpunkt, von dem aus wir uns
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schen Geschehen annähern und in
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die Zukunft des Euro steht, wird heftig
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auf der Homepage der Arbei-
04|2011
diskutiert. Die
finanzMarktreguLierung
seite
der
eurorauM
eine
an zukunft?
seite
04
Wirtschaftskrise mutierte zur Krise der öffentlichen Haushalte – ein willkom-
Kann alles beim
Alten bleiben?
terkammer Wien in den Verteiler aufnehmen lassen.
inhalt
mener Anlass
editorial
für manche,
neue Privatisierungswelle zu fordern.
eine
– europa Hat MeHr
seite
06
europeans for financiaL reforM
seite 06
wirtschaftspolitik
wird diese erste Ausgabe von
Helene Schuberth,
Eröffnet
die
in einem
Nach der Krise ist vor
FAlSCh
VERSTANDEN
der Krise
Der Eindruck
krisenbedingten Staatsverschuldung
verfestigt sich, wenn man
Eine Zwischenbilanz
Gastartikel den politischen Folgen der
nachgeht. Außerdem beschäftigen wir uns mit
aktuelle wirtschaftspolitische Debatte verfolgt.
Schulden-, Umwelt-, Arbeitsmarkt-
Dieser Umstand
die
bzw die globale
muss sich
poLarisierung
der
seite 02
Die Finanz-,Wirtschafts-,
wieder aufgeflammten
es nach den AutorInnen
der
dieser Ausgabe geht, die auch gleich
der
aufscHwung
koMMt
seite 08
07
ändern, wenn
einkoMMensVerteiLung
konkrete Lösungen mitliefern. „Too
Krise beschäftigt uns
um Spekulationen
nach
auf Nahrungsmittel
wie vor.
Und es scheint der Politik nicht
ak für
zu gelin-
priVatisierungsstopp
seite 06
Debatte
und
Öl und der
europäi-
(zunäcHst)
nur oben
big
to fail“
muss Geschichte
in einem absehbaren
sein. Das
STRUKTUREllE
URSAChE
DER KRISE
schen Finanzmarktregulierung. Aufhorchen
gen, Europa
– standpunkte
Zeitraum aus
dieser multiplen Krise heraus
ließ
die Wiener
Börse, indem
01|2012
zu führen. Folgt man den AutorInnen
etwa EBRD-Direktor Kurt
meint
dieser Ausgabe von Wirtschaftspolitik-
seinem Gastartikel. Er
Bayer in
fordert eine
neue pauscHaLierungsVerordnung
sie eine neue
große Privatisierungswelle
und gleich die
seite 07
merkliche Verkleinerung
forderte
passende
priVatisierungen
seite
des Finanzsektors und einen
Mechanismus, mit des-
Größere Agrarbetriebe
ezb iM dienste der banken,
inhalt
seite 03
Standpunkte, liegt das an verfehlten Konzepten und – vor allem bei der Neu-
dazu mitlieferte.
editorial
wir zudem die
werden
Studie
Erwähnenswert fanden
Umstruktu-
VERlUSTGESChäFT
sen Hilfe
Banken abgewickelt werden
EIN
nicHt der staaten
rierung der E-Control,
marode
die Realwirt-
und der Stabilisierung des
können, ohne
der Finanzmärkte
Euro – an mangelnder
reich beschenkt!
ordnung
die Bilanzoffenlegungsmoral der
gefährden. Nachdrücklich eingefordert
Unternehmen, die
vollständige Liberalisierung
schaft zu
Ökonom Engelbert
wird von
den AutorInnen
Ambition. Der
des Postmarktes, die
Stockhammer belegt, dass die gestiegene
jüngsten Entwicklungen
ideoLogiefrei?
seite
09
auch
die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen. Sie
steuerlichen Forschungsförderung
Vermögen ursächlich für
sollen Ge-
neue europäiscHe
ak studie
seite 06
in der
Ungleichverteilung von Einkommen und
Die Eskalation der Krise der Eurozone ist mittlerweile
und einiges mehr.
die Krise
scHuLdenbreMse in der Verfassung
seite 08
seite 02
investieren, Arbeitsplätze sichern und
winne
ausbauen. Dass
die Interessen
Die Beschäftigungswirkung von Innovationen
finanzarcHitektur – EINE GlEIChUNG MIT
verantwortlich war und
eine ausgewogene Verteilung nicht Luxus
sondern
BudgetpolitiSche SpielräuMe Schaffen
gelangt.Weil Moody’s Österreich und Standard & Poor’s der gesamten Eu-
ak studie:
seite
10
der GesellschafterInnen von
Unternehmen ultimativen Vorrang haben, ist ein
NOCh
(ZU) VIElEN
UNBEKANNTEN?
Voraussetzung für ein
rozone mit einem Downrating
unser Erstlingswerk und auf
ist.Andere AutorInnen wid-
Statt auSBreMSen!
In diesem
Sinne freuen wir uns
editorial
stabiles Wachstumsregime
inhalt
über
die vielen
AGRAREINKOMMEN IN ÖSTERREICh UND
gescheitertes Paradigma. Ebenso
Maßnahmen zur Stabilisierung
die Privatisierung von öffentlichem Eigentum,
men sich
den aktuellen
noch folgen
VorLäufiges ende
der
seite 09
Ausgaben, die
Stimmen der Regierungsparteien eine Schuldenbremse
werden.
IN DER
völlig ungeeignet
EUROPäISChEN UNION
die
zur Budgetsanierung
ist und
die Versorgungssicherheit
eins und eins ist
zwei
seite 08
Länderbericht und der Debatte um nachhaltiges Wirtschaften.
diskussion
„wage Moderation“
uM die
steuerLicHe
seite 04
strukturelles
der Bevölkerung gefährdet.
Von forscHung und
nicht geeignet ist, den Euro zu retten und wirtschaftspolitisch
Die Redaktion
förderung
die lohnpolitiSche oBSeSSion der eu
der nacHHaLtigkeitsscHMäH
Wirtschaftspolitik
wirtschaftspolitischen
seite 12
Alles dreht sich ums Sparen, zumindest wenn man den
die wäHrungsunion
Auch in spezifischeren
ist
seite 09
Politikbereichen hat
entwickLung
Fehler ist, beschreibt Georg
grünen arbeitspLätzen
momentane Auseinandersetzung
Mit den
Brisant ist auch die
Diskurs der vergangenen Monate verfolgt.Somit
hin und her wurde
den Verhandlungen um das neue Ökostromgesetz wurden die
die Novelle des Ökostromgesetzes
kommen auch wir nicht umhin,
reforMiert – IST SIE DAS?
die wirkungsweise steuerLicHer
argumentiert, dass die Überschussländer
seite 06
wie österreicH spart
seite 02
weltpolitik. Bei
in dieser Ausgabe wieder einen besonderen
Fokus auf die Folgen der Schul-
und ein neues
Telekommunikationsgesetz im Ministerrat verabschiedet. Die
offenLegungspfLicHt
forscHungsförderung
Von
seite
10
ne Lohnabschlüsse brauchen, die sich an der Benya-Formel orientieren. Er
ökostroMgesetz neu
reguLierung der finanzMärkte
seite 14
Interessensgegensätze
denhysterie zu legen. Christa Schlager nimmt das Österreichische Konsolidie-
der Beteiligten besonders
seite 11
Europäische Kommission legte ein Grünbuch zur
JaHresabscHLüssen
skizziert, welche Fehler dahingehend in
in den usa und der eu – AllES
NUR MIT
soziaLer fortscHritt statt
seite 04
KONSUMENTiNNEN
es eigentlich mit
rungspaket unter die Lupe und liefert gleich Prognosen über die gesamtwirt-
den „Green Jobs“ auf
um die Interessen der AktionärInnen dreht.
sich?
gelebte Unternehmenspraxis
PAlETTI?
das sich
vor allem
Theorie
und
gen werden. Um die Krisenanfälligkeit
Mifid und
Mad
seite 08
UND
NIChT
DEN GEGEN
deMontage des soziaLstaates
SIE
schaftlichen Auswirkungen desselben mit. Markus Marterbauer warnt vor der
und was uns die Beschäftigten im
Wien von all
dem hält
und MedieninHaberin:
SynonyMe für den auSWeg auS der
einzudämmen ist eine merkbare
Herausgeberin
KoMMentar von MarKuS MarterBauer
Eine spannende
EU-weiten Schrumpfkur im öffentlichen Sektor, die ein „verlorenes Jahrzehnt“
Lektüre wünscht
oecd LänderprüfbericHt
die neue
seite 13
über
ihre Arbeitszufriedenheit mitgeteilt haben, erfahren Sie hier.
finanzKriSe?
reguLierungsbeHörde
seite 11
Aktuelle Richtlinienvorschläge der Europäischen Kommission geben wenig
Kammer
für Arbeiter
niederLassungsfreiHeit
seite 15
mit sich bringen könnte und hält ein Plädoyer
für den sozialen Fortschritt. Dass
österreicH –
den stroM-
EINE KRITISChE WüRDIGUNG
und gasbereicH
Hoffnung, dass dies passieren wird, argumentieren
1040 Wien,
für
der unterneHMen:
die deutscHe scHuLdenbreMse
seite 05
Österreich bei seiner Schuldenbremse ausgerechnet das deutsche Modell als
Eine aufschlussreiche
Lektüre wünscht
eu-urHeberrecHt
seite 09
Judith Vorbach.
Maria Maltschnig
ein leuchtendeS vorBild für ÖSterreich und
WIll EINhEIT VON
redaktion:
EU-KOMMISSION
SATZUNGS-
Vorbild nimmt, sorgt für Kopfschütteln bei dem Düsseldorfer Ökonom Achim
nacHHaLtig wirtscHaften,
SchutzfriSten für MuSiKaufnahMen
seite 14
LiberaLisierung
der
seite
12
nun
UND VERWAlTUNGSSITZ KIPPEN
europa?
Truger, der in einem Gastartikel die ausgeprägten Schwächen dieses
Layout und satz:
Korsetts
aber wie?
Mit 1.1.2011
postdienste
doch verlängert
Auch strukturpolitisch hat sich in den letzten Monaten wieder einiges getan:
eindrucksvoll darlegt.
und HersteLLungsort:
VerLags-
Ein Rechtsgutachten für die Arbeiterkammer Wien bestätigt dieVerfassungs-
brandpunkt ratingagenturen
seite 07
bucHbesprecHung:
seite 17
ökostroMgesetz 2012
seite 16
erscHeinungsweise:
diVersität Muss pfLicHt sein!
seite 11
widrigkeit der
iM europäiSchen parlaMent Beginnt die
Auf EU
– POSTWAChSTUMSGESEllSChAFT
Ebene tat sich auch abseits des Spar-Wahns einiges. Die Macht der
kostenLose besteLLung unter:
tanksteLLen
seite 13
nahmen von Versorgungsunternehmen wurden erschwert und
http://wien.arbeiterkammer.at/newsletter
heiSSe phaSe
KONZEPTE FüR DIE ZUKUNFT
Ratingagenturen soll zurückgedrängt werden, es gibt neue Vergaberichtlinien
die
neue energieeffizienzricHtLinie
eine Preiserhöhung
pro Tag erlaubt
seite 17
Nur
scHutz Vor ÜbernaHMen fÜr
um Frauenquoten in Aufsichtsräten
seite 12
EIN VORSChlAG DER EU KOMMISSION
und die Art und Weise wie das Spanungsfeld zwischen
Daseinsvorsorge und
unterneHMen der sicHerHeits- und
voran. Besonders ans Herz legen möchten wir Ihnen den Artikel von Andre-
Beihilfenrecht gesehen wird, hat sich verändert.Außerdem ist
das Match um das
redaktion:
daseinsVorsorge
as Schibany, der eindrucksvoll argumentiert,
umstrittene „Anti-Piraterie-Abkommen“ ACTA noch lange nicht entschieden.
die scHeinaLternatiVe
seite 19
der
steuerlichen Forschungsförderung
strukturpolitik
„biokraftstoffe“
waruM gut Verdienende
Wirtschaftspolitik – Standpunkte. 01 | 2011. seite 1 von 14
seite 13
Wer sich in letzter Zeit in Wien um Mietwohnungen umgeschaut hat, dem ist
Landwirte/innen keine
Eine spannende Lektüre und erholsame Feiertage wünscht
ak frauen.
seite 08
die Lust auf einen Umzug ob der massiv gestiegenen
Preise gründlich vergangen.
bescHäftigt in
der
seite 21
einkoMMensteuer zaHLen
ManageMent.report 2012
Die ImmobilienbesitzerInnen schieben die Schuld auf hohe Gebühren, die AK
kostenLose besteLLung unter:
forscHung(sabteiLung) eines
unterneHMens – EIN BENEIDENSWERTER JOB?
frauen Sind SoWohl in den vorStänden alS
kommt zu einem anderen Schluss: Es sind schlicht
und einfach die Nettomieten,
die scHweLLenwerteVerordnung
seite 14
auch in den aufSichtSräten Weiterhin die
die die Wohnungskosten
in die
Höhe treiben, wie eine kürzlich erschienene
vergaBerecht alS vehiKel zur
auSnahMe
Studie belegt. Nach wie vor trist schaut es in den Führungsetagen
der großen
eu-grünbucH zu corporate
seite 22
goVernance – AK FORDERT VERBINDlIChEN
KonJunKturanKurBelung
Unternehmen für Frauen aus. Die Versprechungen seitens der
Industrie sich
neue strafbestiMMungen
seite 09
Wirtschaftspolitik – Standpunkte. 02 | 2011. seite 1 von 14
um einen höheren Frauenanteil im Management zu bemühen, sind offensichtlich
MASSNAhMENKATAlOG
zeigen wirkung
reine Lippenbekenntnisse.Wir fordern deshalb:
90% der groSSen KapitalgeSellSchaften
haBen 2011 friStgerecht den JahreSaBSchluSS
offengelegt
kostenLose besteLLung unter:
das
neue
seite
23
Her mit der Quote!
teLekoMMunikationsgesetz
Die Redaktion
acta
seite 10
uMStritteneS antipiraterie-aBKoMMen Mit
folgen?
impreSSum | offenlegung gem § 25 medieng
Wirtschaftspolitik – Standpunkte.
03 | 2011. seite 1 von
24
Herausgeberin und MedieninHaberin:
kostenLose besteLLung unter:
http://wien.arbeiterkammer.at/newsletter
priVatMieten steigen doppeLt so
stark wie einkoMMen und infLation
seite 12
Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien,
1040 Wien, Prinz Eugen Straße 20 – 22
redaktion:
Maria Maltschnig und Susanne Wixforth
wie VieL beiHiLfenrecHt
seite 13
Layout und satz:
Julia Kolda
Verträgt die daseinsVorsorge?
Wirtschaftspolitik – Standpunkte. 04 | 2011. seite 1 von 15
VerLags- und HersteLLungsort:
Wien
reVision der eu-VergaberegeLn
seite 15
erscHeinungsweise:
4 mal jährlich
kostenLose besteLLung unter:
http://wien.arbeiterkammer.at/newsletter
bLattLinie:
Die Meinungen der AutorInnen.
Wirtschaftspolitik – Standpunkte. 01 | 2012. seite 1 von 16

wirtschaftspolitik

– standpunkte

Kostenlose Bestellung und alle Ausgaben nachlesen unter:

http://wien.arbeiterkammer.at/wp-standpunkte

Meinung, Position, Überzeugung. Der digitale Newsletter der Ab- teilung Wirtschaftspolitik in der Wiener Arbeiterkammer behandelt Aspekte der Standortpolitik, des Wirtschaftsrechts, der Regulierung diverser Branchen und allgemeine wirtschaftspolitische Fragestellun- gen aus der Perspektive von ArbeitnehmerInnen. Wirtschaftspolitik- Standpunkte erscheint 4-mal Jährlich und wird per Email versandt.

6 infobrief eu & international

Ausgabe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

wird per Email versandt. 6 infobrief eu & international Aus g abe 4 | Oktober 2015

»

Drittes Griechenland-„Hilfsprogramm“:

Rezession statt Konjunktur

»

öffentlichen Eigentums mit einem Volumen von 50 Milliarden Euro vor- gesehen. Zwar gibt es eine Liste von zu verkaufenden Objekten; wie die EU-EntscheidungsträgerInnen aber auf 50 Milliarden Euro an Gesamter- lösen kommen, wird nicht beschrie- ben. Es ist nicht verwunderlich, dass unter der von der konservativen Nea Demokratia geführten Regierung bis Ende 2014 nur rund vier Milliarden Euro statt der bis dahin anvisierten 35 Milliarden Euro erlöst wurden. Das Gesamtvolumen der erwarte- ten Erlöse liegt bei beinahe 20% des griechischen BIP, das in einem Zeit- raum erlöst werden sollte, in der sich die gesamte Eurozone die meiste Zeit in einer Rezession befand. Allei- ne bei griechischen Immobilienwer- ten kam es zu einem Werteverfall von 40%. Auch die Organisation von Privatisierungen in einem derartigen Ausmaß nimmt von der Planung bis zur Umsetzung viel Zeit in Anspruch. Von einer wohlüberlegten Forde- rung seitens der Troika kann daher nicht gesprochen werden. Schon gar nicht beachtet wurde, welche Aus- wirkungen Privatisierungen auf die griechische Bevölkerung haben wer-

den. Denn privatisiert werden sollten und sollen nach wie vor insbeson- dere auch Basisinfrastrukturdienst- leistungen wie die Wasserver- und Abwasserentsorgung oder Energie- dienstleister. Naturgemäß steht für PrivatunternehmerInnen die Gewinn- maximierung im Mittelpunkt des In-

Die Senkung der Pfändungsschwelle zeigt, dass es der Troika an sozialem Gewissen fehlt.

teresses, während für die öffentliche Hand die optimale Versorgung das erste Anliegen ist. Die Bevölkerung hat daher mit Preiserhöhungen und/ oder Qualitätsverschlechterungen, die Beschäftigten dieser Betriebe mit Verschlechterungen ihrer Arbeitsbe- dingungen zu rechnen.

Schließlich sind auch die Effekte auf die öffentlichen Haushalte miteinzu- kalkulieren: Privatisierungen bedeu- ten Einmalerlöse, belasten aber an- dererseits auf Dauer das griechische Budget, weil Erträge, die diese Un-

2

0

–2

–4

–6

–8

–10

„Wirtschaftswachstum“ in Griechenland

in %, in den Jahren 2010 bis 2016

2010

in Griechenland in %, in den Jahren 2010 bis 2016 2010 2011 2012 2013 2014 2015*

2011

2012

2013

in %, in den Jahren 2010 bis 2016 2010 2011 2012 2013 2014 2015* 2016* Quelle:
2014
2014

2015*

2016*

Jahren 2010 bis 2016 2010 2011 2012 2013 2014 2015* 2016* Quelle: Europäische Kommission bzw. *

Quelle: Europäische Kommission bzw. * Prognose der griechischen Behörden

7 infobrief eu & international

ternehmen erwirtschaften, nunmehr wegfallen. Ein aktuelles Beispiel ist die Privatisierung von 14 gewinn- bringenden Regionalflughäfen, die im Eilverfahren an die deutsche Fra- port (im Übrigen zu mehr als 50% im Besitz des Landes Hessen bzw. der Stadtwerke Frankfurt) verkauft wur- den. Proteste von griechischen Poli- tikerInnen, die auch die Übernahme der anderen Regionalflughäfen for- derten, die keine Gewinne abwerfen, blieben erfolglos. Negative Effekte auf die Leistungsbilanz werden von den EU-EntscheidungsträgerInnen bei den Privatisierungen ebenfalls völlig außer Acht gelassen: So wer- den die wegfallenden Gewinne der griechischen Regionalflughäfen die griechische Leistungsbilanz entspre- chend verschlechtern, während sich die deutsche Leistungsbilanz im glei- chen Ausmaß verbessert.

Völlig unverständlich ist, dass vor- erst kein Geld aus den Privati- sierungserlösen für Investitionen verwendet werden darf: Denn die EU-Institutionen ordnen an, dass die ersten 25 Milliarden Euro zur Gänze für die Rückzahlung der Auslagen aus der Bankenrekapitalisierung zu verwenden sind. Die anderen 25 Milliarden Euro wären zur Hälfte zur Schuldenrückzahlung und zur Hälfte für Investitionen bestimmt. Bis 2018 sind jedoch nur Erlöse in Höhe von rund 6,4 Milliarden Euro eingeplant. Das heißt, Mittel für Investitionen sind auf geraume Zeit nicht aus dem Privatisierungsbereich zu erwarten.

Auf kurze Erholung folgt die nächste Rezession n Die ersten Folgen zieht das neue Paket aus Be- lastungen und Steuererhöhungen bereits jetzt nach sich: Vor kurzem hat die griechische Regierung ihr Budget für 2016 samt den erwar- teten Zahlen für die Wirtschafts- entwicklung und die Arbeitslosigkeit vorgestellt. Griechenland, das 2014 das erste Mal seit vielen Jahren ein kleines Wirtschaftswachstum

Ausgabe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

erste Mal seit vielen Jahren ein kleines Wirtschaftswachstum Aus g abe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

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Drittes Griechenland-„Hilfsprogramm“:

Rezession statt Konjunktur

»

verzeichnen konnte, welches sich auch in den ersten beiden Quartalen 2015 fortsetzte, wird das Gesamt- jahr 2015 nun voraussichtlich mit einer Rückkehr in die Rezession von -2,3% abschließen. Für 2016 rech- net die griechische Regierung mit einem Rückgang der Wirtschaftsleis- tung von 1,6%. Die Arbeitslosigkeit, die 2014 erstmals seit vielen Jahren gesunken ist, soll 2015 noch weiter zurückgehen, 2016 aber wieder stei- gen. 11

Nachdem die griechische Regierung am 20. September in ihrem Amt be- stätigt worden ist, möchte Premi- erminister Tsipras nun einen neuen Anlauf nehmen, um die Troika davon zu überzeugen, zumindest einzelne Härten wie beispielsweise eine Mehr- wertsteuererhöhung im Schulwesen aus dem verordneten Sparpaket der EU-Institutionen herauszubekom- men. 12 Alexis Tsipras und der grie- chische Finanzminister Euklid Tsa- kalotos müssen seit Anfang Oktober einen Termin-Marathon absolvieren,

1) Europäische Kommission, The Se­ cond Economic Adjustment Program­ me for Greece. March 2012, Occa­ sional Papers 94, März 2012. 2) Europäische Kommission, Commission Staff Working Document: Assessment of the Social Impact of the new Sta­ bility Support Programme for Greece, 19.8.2015, SWD(2015) 162 final. 3) Tassos Giannitsis, Stavros Zografa­ kis, Greece: Solidarity and Adjust­ ment in Times of Crisis, März 2015. 4) Europäische Kommission, Commission Staff Working Document: Assessment of the Social Impact of the new Sta­ bility Support Programme for Greece, 19.8.2015, SWD(2015) 162 final. 5) Zu den Europa 2020­Zielen für Grie­ chenland siehe http://ec.europa.

(abgerufen am 25.9.2015).

8 infobrief eu & international

denn die Euro-FinanzministerInnen erwarten bereits wenige Wochen nach Abschluss des MoU erste Be- richte über den Beginn der Umset- zung der ersten 48 Reformpunkte.

Bisher wollte der IWF am dritten Griechenland­Paket nicht teilnehmen, weil er einen Schulden­ schnitt als unabding­ baren Schritt zur Sanierung bezeichnet.

Diese sind wiederum Voraussetzung für die Zahlung der nächsten Tranche aus dem „Hilfspaket“. Vielleicht er- gibt sich im Rahmen dieser Gesprä- che die Möglichkeit, einzelne Spar- auflagen zu überarbeiten und zu entschärfen.

Mit Spannung erwartet werden auch die Verhandlungen der EU-In- stitutionen mit dem Internationalen

6) Klaus Busch/ Christoph Hermann/ Karl Hinrichs/ Thorsten Schulten, Eu­ rokrise, Austeritatspolitik und das Europaische Sozialmodell, Berlin, Friedrich­Ebert­Stiftung, Internationale Politikanalyse, November 2012, 12 f. 7) Florian Rödl/ Raphaël Callsen, Kollekti­ ve soziale Rechte unter dem Druck der Währungsunion ­ Schutz durch Art. 28 EU­ Grundrechtecharta?, Frankfurt am Main, Hugo Sinzheimer Institut für Arbeitsrecht, HSI­Schriftenreihe, Band 13, 2015. 8) Europäische Kommission, The Econo­ mic Adjustment Programme for Greece, Occasional Papers 61, Mai 2010; und The Second Economic Adjustment Programme for Greece. March 2012, Occasional Papers 94, März 2012. 9) Siehe auch Philipp Heimberger, Das Scheitern der europäischen Krisenpolitik, infobrief eu & international 3/2015, 11­15.

Währungsfonds in den kommenden Wochen. Bisher wollte der IWF am dritten Griechenland-Paket nicht teilnehmen, weil er einen Schulden- schnitt bzw. Schuldenerleichterun- gen als unabdingbaren Schritt zur Sanierung Griechenlands bezeichnet. Die EU-Institutionen lehnten dies in der Vergangenheit strikt ab. Diese Haltung dürfte sich nun aber ändern:

Laut Eurogruppenchef Jeroen Dijs- selbloem hat sich die Eurozone da- rauf verständigt, dass der Schulden- dienst Griechenlands auf 15% des Bruttoinlandsprodukts beschränkt werden soll. 13 In welcher Form diese Vereinbarung umgesetzt wird und ob es dadurch zu einen Schuldenschnitt für Griechenland kommt, bleibt noch offen. Für Diskussionen rund um das finanz- und wirtschaftspolitische Schicksal Griechenlands ist also auch in den kommenden Monaten gesorgt.

Frank Ey n AK Wien frank.ey@akwien.at

10) Europäische Kommission, Commission Staff Working Document: Assessment of the Social Impact of the new Sta­ bility Support Programme for Greece, 19.8.2015, SWD(2015) 162 final. 11) Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 6.10. 2015, http://www.faz.net/ agenturmeldungen/adhoc/roundup­ griechischer­haushaltsentwurf­weist­

html (abgerufen am 6.10.2015). 12) Der Standard v. 5.10.2015, http://

versucht­Nachbesserungen­beim­Spar­ katalog (abgerufen am 6.10.2015). 13) Reuters v. 9.10.2015, http://www.

Ausgabe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

idUSKCN0S233820151008 (ab­ gerufen am 9.10.2015). Aus g abe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

Bilanz des Europäischen Semesters 2015

Bilanz des Europäischen Semesters 2015

Widerspruch zwischen verstärkter Regelbindung und flexiblem Handlungsspielraum spitzt sich zu

Im Sommer wurde das erste Europäische Semester der neuen Juncker­Kommission abgeschlossen, in dem die Prozesse für eine koordinierte Wirtschaftspolitik gebündelt werden sollen. Mit der Rückkehr des Wirtschaftswachstums wurde auch der budgetpolitische Druck auf die Mitgliedstaaten reduziert.

Georg Feigl

Eine der Lehren aus der Krise war, dass die europäische Wirtschaftspo- litik bisher auf verschiedene Prozes- se und Zeitpunkte aufgeteilt war und daher nur wenig effektiv sein kann. Das sollte sich 2011 ändern, als im Rahmen des Six-Packs die Zeitabläufe und wirtschaftsrelevanten Beschlüsse zu einem kohärenten Prozess zusam- mengeführt wurden, dem sogenann- ten Europäischen Semester. Dieses wird seither mit dem Jahreswachs- tumsbericht der Kommission ein- geleitet und mit dem Beschluss der länderspezifischen Empfehlungen im Europäischen Rat im Juli beendet. Der Prozess dazwischen ist einerseits von der Diskussion über die Gesamtaus- richtung, andererseits von der Über- wachung der nationalstaatlichen Bud- getpolitiken bzw. länderspezifischen makroökonomischen Ungleichge- wichte geprägt.

Das neue Europäische Semester zeigt indirekt noch deutlicher, dass es für die europäische Wirtschafts- politik praktisch keine demokratische Legitimierung gibt. Parlamente – al- len voran das Europäische Parlament – bleiben außen vor. Auch sonst be- müht man sich höchstens um forma- le Einbindung vorwiegend nationaler wirtschaftspolitischer AkteurInnen in Form verstärkter bilateraler Treffen, nicht aber um ihre echte Beteiligung im Sinne eines ergebnisoffenen po- litischen Prozesses. Während auf nationaler Ebene die organisierten Wirtschaftssubjekte in Form von Ar- beitnehmerInnen- und Unterneh-

mensvertretungen eine wichtige Rolle spielen, kommen diese im Eu- ropäischen Semester praktisch nicht vor. Und selbst die Entscheidungsho- heit des Rates ist im neuen Prozess eingeschränkt und zunehmend auf die möglichst reibungslose Annahme der Empfehlungen der Kommission beschränkt.

Das neue Europäische Semester zeigt, dass es für die europäische Wirtschaftspolitik prak­ tisch keine demokrati­ sche Legitimierung gibt.

In den letzten Jahren unterlag der neue Steuerungsprozess einer stän- digen operativen Weiterentwicklung im Detail, wobei insbesondere die wachsende Zahl länger werdender Berichte hervorsticht: Jahreswachs- tumsbericht, Länderanalyseberich- te, Tiefenanalysen im Rahmen der Überwachung makroökonomischer Ungleichgewichte etc. Dem steht der Wunsch vieler Beteiligter gegenüber, sich wieder verstärkt auf das für die kommenden Quartale Wesentliche zu fokussieren, anstatt einen politisch wenig relevanten Dokumentenfried- hof zu produzieren.

Neue wirtschaftliche Prioritäten? n Das Europäische Semester 2015 war das vierte seiner Art und das ers- te der neuen Juncker-Kommission. Gleich zu Beginn zeigte sich, dass die neue Kommission einerseits zwar am

bisherigen wirtschaftspolitischen Kurs grundsätzlich festhalten, andererseits aber auch neue Akzente setzen will. Dies kam zunächst in der Neuformu- lierung der wirtschaftspolitischen Pri- oritäten für das laufende Jahr im Jah- reswachstumsbericht letzten Herbst zum Ausdruck. Nachdem die Priori- täten – mit allgemeiner Budgetkon- solidierung an oberster Stelle – drei Jahre lang praktisch unverändert blie- ben, steht nun die Förderung privater Investitionen – in erster Linie durch den neuen EFSI, dem Europäischen Fonds für strategische Investitionen 1 – voran. An zweiter Stelle steht nun ein erneutes Engagement für Struk- turreformen, unter dem ein Großteil der bisherigen Prioritäten (Vollendung des Binnenmarkts mit Blick auf digi- talen Handel und Dienstleistungen, Verwaltungsreform, Einschränkung von ArbeitnehmerInnenrechten, Ver- schlechterungen im Pensionssystem etc.) zusammengefasst wurde. Drit- tens und letztens bleibt eine „ver- antwortungsvolle“ Budgetpolitik ein Bestandteil der EU-Prioritäten. Zu- sammen überhöhte die Kommission diese drei Prioritäten zum „virtuosen Dreieck“, mit dem die wirtschaftliche Krise endgültig gelöst werden sollte.

Dass sich seither die wirtschaftliche Entwicklung stabilisiert hat, ist aller- dings weniger auf dieses Dreieck zu- rückzuführen, sondern vielmehr auf den stark gesunkenen Ölpreis sowie die expansive Geldpolitik der EZB, die noch niedrigere Zinsen und einen schwächeren Euro ermöglichte.

9 infobrief eu & international

Ausgabe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

Euro ermöglichte. 9 infobrief eu & international Aus g abe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at »

»

Bilanz des Europäischen Semesters 2015

»

Auf operativer Ebene wurde mit der Vorverlegung der – noch detaillier- teren – Länderanalyse versucht, die Grundlage für die länderspezifischen Empfehlungen nachvollziehbarer und politikrelevanter zu gestalten. Die Kommission verabsäumte es jedoch, Einwände aus den Vorjahren einzu- beziehen. Damit wurde aber auch der darauf folgende Konsultations- prozess zur Farce, bei dem es wohl nur bedingt um eine Mitsprachemög- lichkeit gehen soll, sondern vielmehr Widerstände der nationalen Sta- keholder zur wirtschaftspolitischen Agenda der Kommission überwun- den werden sollen.

Ambivalente budgetpolitische Ausrichtung n Wichtigster Beitrag der EU-Kommission ist die schlei- chende Neuinterpretation einer verantwortungsvollen Fiskalpolitik. Während in der Vergangenheit stets die Konsolidierungsnotwendigkeit im Mittelpunkt stand, so wurde heuer verstärkt die Wachstums- und In- vestitionswirkung betont. So wurde gleich zu Beginn des Europäischen Semesters im Rahmen des Jahres- wachstumsberichts festgehalten, dass das damals bereits prognosti- zierte weitgehende Ende der Auste- ritätspolitik bedeuten würde, „dass die Fiskalpolitik nicht weiter auf dem Wachstum lasten wird.“ 2 Auch wur- de explizit erwähnt, dass Länder mit Spielraum gemäß den europäi- schen Fiskalregeln – also vor allem Deutschland – auf einen expansiven Kurs umschwenken sollten.

Diese differenziertere Fiskalpolitik blieb allerdings ambivalent. Nur we- nig später forderte die EU-Kommis- sion einige Länder – darunter Ös- terreich – bei der Überprüfung der Budgetpläne zu Nachbesserungen auf, damit die Fiskalregeln 2015 nicht verletzt werden würden. Immer wenn es jedoch wirklich um die Sanktionie- rung von Regelabweichungen ging (die stets nur im Nachhinein möglich ist), verhielt sich die EU-Kommission

10 infobrief eu & international

zurückhaltend. Anstatt etwa Frank- reich für die Nicht-Einhaltung der 3%-Grenze zu strafen, verlängerte man die Korrekturfrist einfach auf 2017. Diese Verlängerung ist zwar ökonomisch gut begründet, ist aber mit den aus wirtschaftswissenschaft- licher Sicht zum Teil widersinnigen europäischen Fiskalregeln nicht kom- patibel. Ähnlich verhielt es sich mit Belgien, wo die neuerliche Verletzung sowohl der 3%-Grenze als auch des Anpassungspfads zum mittelfristigen Haushaltsziel 2014 keine Konsequen- zen hatte. Auch im Falle Spaniens oder Italiens nutzte die Kommission den in den Fiskalregeln angelegten Interpretationsspielraum aus. Gleich- zeitig bleibt allerdings die Androhung von künftigen Sanktionen bereits bei kleinen Abweichungen aufrecht. Un- nachgiebig war der Umgang nur mit Griechenland, das allerdings für die Dauer der „Hilfsprogramme“ nicht am Europäischen Semester teilnimmt.

Für die Eurozone insgesamt scheint die EU-Kommission nun gewillt, die Fiskalregeln auszudehnen, um fiskal- politische Fehler der Vergangenheit, die 2012/13 eine neuerliche Rezessi- on und Rekordarbeitslosigkeit brach- ten, zu vermeiden. Gleichzeitig ist sie aber kaum bereit, die naheliegendere Konsequenz zu ziehen, nämlich den zu restriktiven Rahmen der Fiskal- politik zu verändern. Dazu wäre es erstens notwendig, die Fiskalregeln zu vereinfachen und zu flexibilisieren, wie das im Rahmen des Berichts 3 der fünf Präsidenten über die Vollendung der Wirtschafts- und Währungsunion bereits ansatzweise angekündigt wur- de. Zweitens sollten die bestehenden Ansätze einer goldenen Investitions- regel 4 weiter ausgebaut werden.

Drittens ist ein Weg zu finden, wie restriktive Fiskalpolitiken verhindert werden können, die gesamteuropä- isch kontraproduktive Wirkung ent- falten. Als Pendant zum „Excessive Deficit Procedure“ könnte etwa ein „Insufficient Fiscal Stimulus Procedu-

Während in der Vergangenheit budgetpolitisch stets die Konsolidierungsnot­ wendigkeit im Mittel­ punkt stand, so wurde heuer verstärkt die Wachstums­ und Inves­ titionswirkung betont.

re“ eingeführt werden, also ein Ver- fahren gegen Regierungen, die eine Budgetpolitik betreiben, die Beschäf- tigung und Wachstum in der Eurozo- ne unnötig schwächt. Die deutsche Regierung wäre derzeit eine Kan- didatin für ein solches Verfahren:

Obwohl gemäß den europäischen Fiskalregeln Spielraum bestünde, um die anhaltende Nachfrageschwä- che in der Eurozone und den inner- deutschen Investitionsrückstand zu lindern, setzt sie lieber selbst das noch deutlich restriktivere Ziel einer „schwarzen Null“ um.

Alles Reformen oder was? n Die seit 2013 erkennbare Strategie „we- niger Austerität, dafür mehr Struk- turreformen“ trat 2015 noch deutli- cher zum Vorschein – bei gleichzeitig noch stärkerer Verwässerung des Reformbegriffs. 5 Somit ist es auf all- gemeiner Ebene möglich, alle Mit- gliedstaaten zu verstärkten Anstren- gungen bei den Strukturreformen aufzurufen und sich gleichzeitig ge- gen Kritik zu immunisieren. In dem Ausmaß, in dem die EU-Kommission klar macht, dass es in erster Linie um Lohnzurückhaltung und den Ab- bau von ArbeitnehmerInnenrechten zwecks Flexibilisierung der Arbeits- kräfte geht, wird sie aber angreifba- rer. Dies betrifft etwa auch die von der EU-Kommission ausgeblendete offensichtliche Doppelrolle der Löhne, die einerseits Produktionskosten und andererseits Einkommen, die für den Konsum verwendet werden, darstel- len. Und obwohl selbst in exportab- hängigen Ländern wie Deutschland und Österreich die Inlandsnachfrage (die vor allem von den Löhnen de- terminiert wird) größer ist als die Ex- portnachfrage, stellt die Kommission nach wie vor nur auf die internati-

Ausgabe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

stellt die Kommission nach wie vor nur auf die internati- Aus g abe 4 | Oktober

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Bilanz des Europäischen Semesters 2015

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onale Wettbewerbsfähigkeit ab. 6 Dabei dürfte die preisliche Wettbe- werbsfähigkeit in Form der Lohn- stückkostenentwicklung selbst nach Kommissionsmaßstab für praktisch alle Länder kein Problem mehr dar- stellen, nachdem die kumulierten Zuwächse seit der Euro-Einführung unter dem verteilungs- und preissta- bilen Zielpfad liegen. 7 Trotzdem fo- kussiert die EU-Kommission in ihren länderspezifischen Empfehlungen bzw. im Rahmen der Überprüfung zur Eröffnung eines Verfahrens bei mak- roökonomischen Ungleichgewichten (MIP) auf einen angeblichen weite- ren Anpassungsbedarf nach unten auf Kosten der ArbeitnehmerInnen.

Gleichzeitig bleibt sie allerdings auch hier widersprüchlich, weil sie bislang kein einziges derartiges Verfahren eingeleitet hat. Stattdessen wur- den mehrere Zwischenstufen des politischen Drucks eingeführt (die- se bestehen in der Definition von mehr oder weniger exzessiven Un- gleichgewichten, der unterschied- lich genauen Beobachtung von Un- gleichgewichten und verschiedenen Graden der Entschlossenheit bei den verordneten Korrekturmaßnahmen), wohl auch weil diese Stufen weniger begründet werden müssen als eine Verfahrenseröffnung. Den größten Handlungsbedarf innerhalb der Eu- rozone sah die Kommission 2015 in Frankreich, Italien und Portugal – und damit in Ländern, die gemäß dem einzig quantitativ-vergleichba- ren Instrument – dem sogenannten Scoreboard mit Indikatoren bezüg- lich makroökonomischer Ungleich- gewichte – eigentlich wenig auffällig sind. Dass im „Fünf-Präsidenten-Be-

Obwohl die Lohnent­ wicklung selbst hinter dem Maßstab der Kommission zurück­ bleibt, sieht diese weiterhin einen Anpas­ sungsbedarf nach unten.

11 infobrief eu & international

richt“ gefordert wird, ausgerechnet das MIP auszubauen, ist vor dem gelebten Hintergrund einigermaßen absurd.

Der zweite Arm der Durchsetzung von Strukturreformen sind die soge- nannten länderspezifischen Empfeh- lungen, die sich über die Jahre vom lockereren Instrument der politischen Top-down-Koordinierung zu einem mittlerweile recht dezidierten, demo- kratisch bestenfalls nur sehr indirekt legitimierten wirtschaftspolitischen Forderungskatalog der Kommissi- on entwickelt haben. Abweichungen von der „Empfehlung“ werden seit dem Six-Pack nur mehr dann tole- riert, wenn sie begründet werden und eine qualifizierte Mehrheit im Rat finden. Im Falle Österreichs hat- te das zur Folge, dass die politische Forderung nach einer automatischen Anpassung des gesetzlichen Pensi- onsantrittsalters aufgestellt wurde, obwohl u.a. AK-ExpertInnen bereits in der Vergangenheit aufgezeigt ha- ben, dass diese sachlich bestenfalls unzureichend fundiert ist. 8

Nun möchte die – mehrheitlich kon- servativ besetzte – Kommission weitergehen und auch Länder mit anderen politischen Mehrheiten zur Umsetzung ihrer wirtschaftspoliti- schen Forderungen verpflichten. In einem ersten Schritt soll ab heuer durch stärkere Überwachung der Um- setzung sowie Kommunikation der Ergebnisse der Druck erhöht wer- den. Damit das leichter möglich ist, wurden im Frühjahr die bisherigen länderspezifischen Empfehlungen verdichtet (z. B. für Österreich: vier Empfehlungen bzw. 13 Zeilen im Ver- gleich zu fünf Empfehlungen bzw. 31 Zeilen im Vorjahr) sowie zu Lasten der mittelfristigen Europa 2020-Stra- tegie kurzfristiger ausgerichtet. In einem weiteren Schritt soll (gemäß dem Vorschlag des Berichts der fünf Präsidenten) dieses Instrument zur Festlegung und verpflichtenden Um- setzung gemeinsamer strenger Stan-

dards z.B. in Bezug auf Arbeitsmärkte und Wettbewerbsfähigkeit eingesetzt werden.

Fazit n Das erste Europäische Se- mester der neuen Kommission be- gann zwar mit neuem Elan, brachte letztlich allerdings wenig Neuerung, weder inhaltlich noch bei der Durch- setzung der alten und neuen Steue- rungselemente. Letzteres dürfte vor allem daran liegen, dass die Kommis- sion wenig Lust auf eine verschärfte Konfrontation mit einzelnen Mitglied- staaten hat – auch weil das nicht zum derzeit vermittelten Bild passen würde, die Krise in der Eurozone sei (zumindest jenseits von Griechen- land) spätestens dann überwunden, wenn der Juncker-Investitionsplan in die Umsetzungsphase kommt. Der Widerspruch zwischen Rückkehr zur Normalität und harten, regelgebun- denen budget- und makroökonomi- schen Vorgaben wurde im heurigen Europäischen Semester jedenfalls noch deutlicher. Es wird sich zeigen, ob er auch im bereits im November startenden Prozess für das Jahr 2016 weiter aufrechterhalten werden kann.

Georg Feigl n AK Wien georg.feigl@akwien.at

Ausgabe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

wien/PDF/studien/EPC_­_1000bn_Eu­ ros_at_stake_11­2012.pdf . Aus g abe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

USA und Europa: Krisenbewältigung im Vergleich

Krisenbewältigung im Vergleich

Ziehen die USA Europa davon?

Aktuelle Daten sprechen eine klare Sprache: Die Vereinigten Staaten stemmen sich erfolgreich gegen den globalen Abschwung, während sich die Wirtschaftsindikatoren in der Europäischen Union kaum erholen. Warum weist die Wirtschaft in den USA eine

spürbar stärkere Dynamik auf als in der EU? Und spiegelt sich das

in der sozialen Lage der Menschen wider?

Matthias Schnetzer

„Allein unter Verlierern“ titelte „Die Zeit“ in einer September-Ausgabe und bescheinigte der US-Ökonomie einen Erfolgskurs in einem krisen- haften Umfeld. Tatsächlich sieht Europa in einem direkten Vergleich wichtiger ökonomischer Kennzahlen blass aus. Das Wirtschaftswachs- tum hat sich in den USA nach dem Krisenjahr 2009 relativ rasch sta- bilisiert, während diesseits des At- lantiks 2012 und 2013 noch einmal sieben aufeinanderfolgende Quar- tale sinkender Wirtschaftsleistung folgten. Laut Eurostat wuchs die US- Wirtschaft im ersten Quartal 2015 um 2,9% und im zweiten Quartal um 2,7% gegenüber den Vorjahreszeit- räumen. In den 28 EU-Staaten war die Wachstumsdynamik mit 1,7% und 1,9% deutlich geringer.

Das schlägt auch auf den Arbeits- markt durch. Während die Arbeits- losigkeit in den USA seit Ende 2009 stetig zurückging, fand sie in Euro- pa erst 2013 ihren Höhepunkt und stagniert seither auf hohem Niveau. Die US-Arbeitslosenrate war 2014 mit 6,2% weit unter dem EU-28- Wert von 10,2%. Natürlich muss bei einem Vergleich zwischen den USA und der EU berücksichtigt werden, dass die Entwicklungen innerhalb der beiden Wirtschaftsblöcke sehr unterschiedlich verlaufen. Denn in den EU-Mitgliedsländern variiert die Arbeitslosigkeit aktuell zwischen rund 5 (Deutschland) und 25% (Griechenland). Deutlich kleiner sind die Unterschiede in den US-Bundes-

staaten, wo die Arbeitslosenrate in etwa zwischen 3 und 8% liegt.

Soziale Probleme nicht gelöst n Ein Blick auf die soziale Lage zeigt, dass die Erholung der US-Wirtschaft hier keine Entspannung mit sich brachte. Seit 2007 die Zwangsräu- mungen überschuldeter Haushalte begannen, hat die Obdachlosigkeit rasant zugenommen und Zeltstäd- te mittlerweile zu einem vertrauten Bild werden lassen. Laut einem Be- richt des „National Center on Family Homelessness“ sind aktuell fast 2,5 Millionen Kinder in den USA obdach- los – ein historischer Höchstwert.

Die EU­Austeritäts­ politik muss ihr Versagen eingestehen

Das öffentliche Sozial- und Gesund- heitswesen ist im Vergleich zu Euro- pa rudimentär. Vor der umstrittenen Gesundheitsreform, die als „Obama- care“ bezeichnet wurde, waren rund 40 Millionen US-AmerikanerInnen nicht krankenversichert. 45 Millionen Menschen lebten 2013 unter der Ar- mutsschwelle, bei der Kinderarmut liegen die USA im OECD-Vergleich an viertletzter Stelle.

Europa wird hingegen mit einem Bekenntnis zum Wohlfahrtsstaat, einem funktionierenden sozialen Netz und koordinierter Lohn- und Arbeitsmarktpolitik assoziiert. Dabei weisen die einzelnen Staaten sehr unterschiedlich ausgeprägte wohl-

12 infobrief eu & international

fahrtsstaatliche Institutionen und Traditionen auf. Länder wie Groß- britannien und Irland setzen dabei eher auf Armutsvermeidung und Bedarfsprüfung („poor services for the poor“), die nordischen Länder weisen im Gegensatz dazu hohe So- zialschutzniveaus und eine großzü- gig ausgebaute soziale Infrastruktur auf. Österreich hat stets einen „so- zialpolitischen Mittelweg“ bestritten, wobei der öffentliche bzw. geförder- te Wohnbau und das Modell der So- zialpartnerschaft als Best Practice in Europa gesehen werden. Gerade die jüngsten Erfahrungen haben gezeigt, dass die Länder mit den höchsten sozialstaatlichen Standards am bes- ten durch die Krise gekommen sind.

Das Scheitern der Sparpolitik n Die Krise hat sowohl in den USA als auch in vielen Teilen Europas ihre Spuren in den Lebensbedin- gungen breiter Bevölkerungsteile hinterlassen. Warum aber sind die USA der Krise deutlich schneller entflohen? Der Schlüssel liegt in der Wirtschaftspolitik und kann an den Austeritätsmaßnahmen fest- gemacht werden. In Brüssel domi- niert die Ansicht, dass Stabilität und langfristiges Wachstum nur mittels Sparpolitik, Lohnzurückhaltung und dem Abbau sozialer Standards zu- rückgewonnen werden können. Die Hoffnungen basieren auf einem Zu- wachs der bisher ökonomisch wenig bedeutenden außereuropäischen Nachfrage, während der Konsum der heimischen Haushalte gedämpft wird. Die Wirtschaftspolitik in den USA schlug einen anderen Weg ein und die staatlichen Impulse wa- ren deutlich expansiver. So betrug das US-Konjunkturpaket 2009 etwa 1,7% der Wirtschaftsleistung, die realen Staatsausgaben stiegen zwi- schen 2007 und 2010 um 17%.

Ausgabe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

realen Staatsausgaben stiegen zwi- schen 2007 und 2010 um 17%. Aus g abe 4 | Oktober

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USA und Europa: Krisenbewältigung im Vergleich

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Der politische Wille, den Konjunktur- motor durch öffentliche Investitionen wieder in Bewegung zu setzen, war in den USA wesentlich ausgeprägter.

Die Austeritätspolitik muss bei nähe- rer Betrachtung ihr Versagen einge- stehen: Nach sieben Jahren tiefster Wirtschaftskrise droht der EU im- mer noch die Stagnation, während die öffentlichen Schuldenstände kri- senbedingt immer weiter steigen. Es werden Stimmen lauter, die eine Abkehr von den strengen Auflagen des Stabilitäts- und Wachstumspakts fordern. So spricht sich der Euro- päische Wirtschafts- und Sozialaus- schuss (EWSA) für eine „Goldene Regel“ für öffentliche Zukunftsinves- titionen aus. Das Argument: Öffentli- che Infrastrukturinvestitionen sollten nicht durch die engen fiskalischen Spielräume der EU-Vorgaben ver- unmöglicht werden. Hier ist aktuell der größte Handlungsbedarf der EU- Wirtschaftspolitik gegeben.

Symptombekämpfung statt Wur- zelbehandlung n Bei all den Un- terschieden gibt es auch Gemein-

samkeiten der Wirtschaftspolitik auf beiden Seiten des Atlantiks. Die Maßnahmen zur Krisenbewältigung sind in erster Linie Symptombe-

Kommission reagiert auf Krisen mit noch lauteren Rufen nach strukturellen Reformen

kämpfung, während die Wurzeln der Krise nur zaghaft angepackt werden. Als Ursachen der Wirtschafts- und Finanzkrise werden oft die drei U’s genannt: zunehmende Ungleich- heit, unterregulierte Finanzmärkte, internationale Ungleichgewichte. Die steigende Ungleichheit bei Ein- kommen und Vermögen wird immer noch stiefmütterlich behandelt. Da- bei bergen die immensen Vermö- gen der Superreichen gemeinsam mit lax regulierten Finanzmärkten die Basis für spekulative Blasen und Instabilität, die sich schnell auf die Realwirtschaft durchschlagen kann. In Sachen Finanzmarktregulierung hat sich in den USA und in Europa seit der Krise zwar einiges bewegt,

aber immer noch zu wenig und zu langsam. Schließlich werden die eu- ropäischen Leistungsbilanzungleich- gewichte lediglich einseitig gesehen und die ehemaligen Defizitländer getadelt, ohne dass die aggressi- ve Lohnzurückhaltung in den Über- schussländern kritisiert wird.

Solange diese miteinander verfloch- tenen Ursachen der Krise von der Wirtschaftspolitik nicht nachhaltig adressiert werden, droht weiterhin eine langfristige Krisengefahr in den USA und Europa. Eine jahrelange Wirtschaftsflaute würde die ohnehin angespannte soziale Lage breiter Be- völkerungsteile weiter verschärfen. Während die USA das Konjunktur- Duell gewinnen, und Europa die Nase bei den Sozialindikatoren noch vorne hat, können beide Wirtschaftsblöcke bei der nachhaltigen Krisenbewälti- gung nicht punkten.

Matthias Schnetzer n AK Wien matthias.schnetzer@akwien.at

Eine Version dieses Artikels erschien in der Österreichischen Gemeindezeitung 10/2015.

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eine kritische Übersicht einschlägiger Publikationen. 1) http://www.spiegel.de/wirtschaft/wolfgang­ Aus g abe 4

1) http://www.spiegel.de/wirtschaft/wolfgang­

Ausgabe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

Aus g abe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at Ausgabe 3 | Juni 2011 Aus dem Inhalt
Ausgabe 3 | Juni 2011 Aus dem Inhalt Freihandel mit Indien Economic Governance rechtswidrig? 33
Ausgabe 3 | Juni 2011
Aus dem Inhalt
Freihandel
mit
Indien
Economic
Governance
rechtswidrig? 33 28 22 13 30 20 15 24 19 7 1
EU-Wirtschaftsregierung
Verfassungsreform
Ungarn
Financial
Transaction
in Tax
Finanzmärkte
Rohstoffbörsen
in und
Sparpakete
Europa
Revidierte
OECD-Leitsätze
infobrief
Legale
Zuwanderung
eu&
Grünbuch
EU-Vergabepolitik
international
Ausgabe 2 | Mai 2015
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Editorial
Freihandelsverhandlungen
Ausgabe 3
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Mitgliedstaaten und
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Leser!
Konzernlobbies
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infobrief
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1040 Wien, Prinz
Norbert Templ, Alice Wagner •
Satz:
• Verlags-
Wagner, Valentin Wedl •
• Erschei-
Lukas Oberndorfer,
Herausgeber und Medieninhaber: Kammer für Arbeiter Julia Stern
und Herstellungsort: Wien
nungsweise: 5 mal jährlich • Kostenlose Bestellung
Layout und Oliver Prausmüller, Norbert Templ, Alice
unter: http://wien.arbeiterkammer.at/euinfobrief
Redaktion: Elisabeth Beer, Éva Dessewffy, Lukas Oberndorfer,
2409-028XISSN

13 infobrief eu & international

Investor-Staat-Streitschlichtung in TTIP

Investor-Staat-Streitschlichtung in TTIP

ICS anstatt ISDS in TTIP – Was ist vom neuen Kürzel zu halten?

Die Europäische Kommission stellt ihren Vorschlag zum Investitionsschutz und zur Streitschlichtung zwischen Investoren und Staaten für die TTIP­Verhandlungen zur Diskussion. 1 Dieser beinhaltet das neue Modell eines Investitionsgerichts mit den USA. Was ist an diesem Konzept – außer dem neuen Kürzel ICS statt ISDS – dran? Und die Kommission gibt vor,

das staatliche Regulierungsrecht vor Investorenklagen abzusichern. Hält sie ein, was sie vollmundig

verspricht?

Die Sache mit der Transparenz …

n Vorweg ein (Teil-)Erfolg in Sachen Transparenz auf dem mühsamen und langen Weg des zivilgesellschaftli- chen Widerstands gegen Sonderkla- gerechte von Konzernen: Die Kom- mission hat ihren lang erwarteten Vorschlag zu Investitionsschutz und

Investor-Staat-Streitschlichtungs-

verfahren für die TTIP-Verhandlun- gen selbst im Netz veröffentlicht und nicht erst darauf gewartet, dass das Dokument geleakt wird. Dies dürf- te wohl auch der Grund dafür sein, dass die Medien der jetzt wieder auf- genommenen Diskussion über Son- derklagerechte von Konzernen in TTIP wenig Aufmerksamkeit schen- ken. Um das neue Modell eines In- vestitionsgerichts ist es schnell still geworden. Eine kritische Ausein- andersetzung bleibt aus. Geleakte Dokumente sind offensichtlich für die Medien spannender als zur all- gemeinen Diskussion präsentierte Entwürfe der Kommission. Bei Sach- verhalten, die der Öffentlichkeit vor- enthalten werden sollen und über Leaks allgemein zugänglich werden, werden BefürworterInnen und Geg- nerInnen ausführlicher befragt und kommentiert. Die fehlende Diskus- sion tut der Transparenz aber einen Abbruch, denn die notwendigen In- formationen für eine inhaltliche De- batte gelangen nicht in die interes- sierte Öffentlichkeit.

14 infobrief eu & international

Ein neues Investitionsgerichts- system (ICS) soll das in Misskre- dit geratene ISDS ersetzen – um wieviel besser ist ICS? n Ist der neue Vorschlag zur Investitions- streitbeilegung in TTIP reine Kosme- tik und Etikettenschwindel, weil das Modell lediglich einen neuen Namen trägt? Oder steckt da auch etwas da- hinter? Die Kommission hat in ihrem Modell eines Investitionsgerichts- systems (Investment Court System, ICS) wesentliche Kritikpunkte an

Um das neue Modell eines Investitions­ gerichts ist es schnell still geworden – eine kritische Auseinander­ setzung bleibt aus.

der gängigen Praxis von privaten Ad-hoc-Schiedsgerichten oder ISDS aufgegriffen und entkräftet. So soll ein ständiges Investitionsgericht mit PräsidentIn, VizepräsidentIn und fünfzehn RichterInnen bzw. Juris- tInnen (jeweils fünf aus den USA, der EU und Drittstaaten) eingerich- tet werden, wobei in Streitfällen die drei im jeweiligen Tribunal tätig wer- denden RichterInnen im Rotations- verfahren von PräsidentIn und Vi- zepräsidentIn ernannt werden. Eine Berufungsinstanz mit sechs fixen RichterInnen (auch aus den USA, der

Elisabeth Beer

EU und Drittstaaten) kann zur Über- prüfung von Schiedsurteilen angeru- fen werden. Die für maximal zwölf Jahre fix nominierten RichterInnen haben Qualifikationsanforderungen zu erfüllen und ein Verhaltenskodex untersagt parallele anwaltliche Tä- tigkeiten. Auch Transparenzregeln, klare Zeitabläufe und die Festlegung der Rechte von dritten Parteien ver- bessern das Schiedsverfahren, was rechtsstaatliche Grundsätze gewähr- leisten soll.

Doch mehrere schwerwiegende Kri- tikpunkte wie etwa Interessenskol- lisionen von SchiedsrichterInnen 2 , enorm hohe Streitwerte sowie die Zweiklassen-Justiz und die Sonder- gerichtsbarkeit, die durch die Inves- tor-Staat-Streitschlichtung geschaf- fen wurden, hat die Kommission nicht aus dem Weg geräumt. Nach wie vor richten sich die Tagessätze und der Spesenersatz der Schiedsrichte- rInnen nach dem Streitwert, womit ein materielles Interesse der Rich- terInnen an hohen Schadenersatz- forderungen weiterhin besteht. Das einseitige Klagerecht der Investoren erzeugt grundsätzlich einen großen Bias für die RichterInnen, im Inter- esse der Investoren zu handeln, um Streitfälle attraktiv zu machen. Eine Amtsenthebung ist nicht vorgesehen, womit der Verhaltenskodex, der an- waltliche Tätigkeiten untersagt,

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Ausgabe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

der Verhaltenskodex, der an - waltliche Tätigkeiten untersagt, » Aus g abe 4 | Oktober 2015

Investor-Staat-Streitschlichtung in TTIP

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zahnlos wird. Die Qualifikationsan- forderungen an die RichterInnen sind so gestaltet, dass wiederum nur jene ExpertInnen in Frage kommen, die bereits heute in den privaten Ad- hoc-Schiedsgerichten tätig sind und daher die Entwicklung der Klagefälle und Schiedssprüche, die zu so gro- ßer Empörung in der Öffentlichkeit geführt hat, zu verantworten haben. In Summe ist damit auch die Unab- hängigkeit der RichterInnen nach wie vor nicht gewährleistet.

Grundsätzlich bleibt die Kernkritik am Investitionsschutzregime – auch wenn es Berufungs- und Prüfungs- möglichkeiten bei eklatanten Fehl- urteilen gibt – unberührt: Es wird eine Zweiklassen-Justiz geschaffen und ausländische Investoren können mit den Sonderklagerechten natio- nale Gerichte umgehen und Staa- ten direkt klagen, was andere in der Gesellschaft nicht können. Darüber hinaus werden US-amerikanische Investoren bessergestellt als inlän- dische Unternehmen, die u.a. bei sog. „indirekter Enteignung“ keine Schadensersatzklagen auch für ent- gangene künftige Gewinne erstrei- ten können. Auch sind die Schieds- richterInnen nach wie vor nicht dem öffentlichen Interesse verpflichtet, sondern haben nur die Bestimmun- gen des Abkommens auszulegen, die ausschließlich dem Investorenschutz, nicht aber dem Schutz des Gemein- wohls oder aber der Menschenrechte dienen.

Es wird eine Zweiklas­ sen­Justiz geschaffen:

Ausländische Investoren können mit den Sonder­ klagerechten nationale Gerichte umgehen und Staaten direkt klagen.

Zu bedenken ist auch, dass Sonder- gerichte eine eigene Rechtsprechung entwickeln, die auf die ihnen zuge- wiesene Aufgabe fokussiert ist. Im

15 infobrief eu & international

vorliegenden Fall ist diese der In- vestorenschutz, womit keine Gewähr gegeben ist, dass die Schiedsurteile in einem Investitionsgericht weniger investorenfreundlich ausfallen wür- den als im herkömmlichen ISDS.

Die Kosten des ICS als ständige Ein- richtung belaufen sich auf 3 Millionen Euro im Jahr, wobei die veranschlag- ten 1,5 Millionen Euro, die bei TTIP die EU aufbringen müsste, aus dem EU-Budget kommen würden.

Staatliche Regulierungsrechte keineswegs abgesichert n Im Vor- schlag der Kommission soll erstmalig das staatliche Regulierungsrecht in einem Investitionsabkommen abge- sichert werden. Doch die vollmün- digen Ankündigungen halten nicht, was sie versprechen. Zwar soll es in TTIP nach den Vorstellungen der Kommission eine eigene Bestimmung zum Regulierungsrecht geben, in der auch sensible Bereiche des Allge- meinwohls wie Gesundheit, Soziales, Umwelt- und KonsumentInnenschutz und ähnliches angesprochen werden, doch bei näherer Prüfung sind dies leere Versprechen. Nach wie vor ste- hen Regulierungsmaßnahmen auch in sensiblen Politikbereichen im Span- nungsverhältnis zwischen Allgemein- wohlinteressen und wirtschaftlichen Eigeninteressen der ausländischen Investoren. Die Schiedsgerichte ha- ben von Fall zu Fall zu prüfen, ob neue Gesetze und sonstige Regulie- rungen, die die Profiterwartungen von ausländischen Unternehmen schmälern, im legitimen Interesse der Allgemeinheit sind und darüber hinaus auch notwendig sind und ver- hältnismäßig durchgesetzt werden. Die Beweislast liegt ausschließlich beim Staat, der das Schiedsgericht überzeugen muss. Und selbst wenn die Maßnahme als legitim, verhält- nismäßig und notwendig erachtet wird, kann das Schiedsgericht Ent- schädigungsansprüche festgelegen, weil die Erwartungen des Investors frustriert wurden.

Zum Weiterlesen

 

Das umfassende Positions- papier der Arbeiterkammer ist zu finden unter:

Hinzu kommt, dass die neue Bestim- mung so vage gehalten ist, dass die SchiedsrichterInnen den Interpreta- tionsspielraum haben, von Fall zu Fall zu entscheiden, ob sie die Bestim- mung als allgemeine Richtlinie oder aber als eine Ausnahme von Inves- titionsschutzansprüchen verwenden. Damit bleibt wiedermal alles wie ge- habt: Widersprüchliche Auslegungen ermuntern Investoren zu Klagen und erzeugen Rechtsunsicherheit, was wiederum Staaten von notwendigen Regulierungen abhält, um das Risiko von Klagen einzuschränken.

ICS ist weitgehend Kosmetik: eine Unabhängigkeit der SchiedsrichterInnen ist nicht gewährleistet.

Kommission nimmt Verhandlun- gen zu Investitionsschutz und ISDS bzw. ICS in TTIP wieder auf n Die Kommission will bereits im November den Verhandlungstext zu Investitionsschutz und Investor- Staat-Streitbeilegungsverfahren den USA vorlegen und macht enormen Zeitdruck. Nur ein knappes Monat soll der neue Vorschlag zu ICS im Rat und im Europäischen Parlament diskutiert werden, wobei die Kom- mission nicht vorhat, einen formellen Beschluss für die Verhandlungen ein- zuholen. Eine öffentliche Beteiligung an der eingeleiteten Diskussion ist nicht vorgesehen. Die Kommission hofft offensichtlich, durch ihren zeit- lichen Druck die breite Widerstands- bewegung gegen ISDS in TTIP

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Druck die breite Widerstands - bewegung gegen ISDS in TTIP » Aus g abe 4 |

Investor-Staat-Streitschlichtung in TTIP

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mundtot zu machen und ihre Pläne ohne weitere öffentliche Debatten durchziehen zu können. Kritische Stimmen aus dem Europäischen Parlament, aber auch aus nationa- len Parlamenten haben sich nur un- mittelbar nach der Präsentation des neuen Vorschlags durch Kommissa- rin Malmström Mitte September zu Wort gemeldet. Danach ist jegliche Diskussion verstummt. Daher ist zu befürchten, dass das Kalkül der Kommission aufgehen könnte.

Die Reaktionen der Wirtschaft und deren durchsetzungsstarke Lobbys verheißen nichts Gutes. Die US- Handelskammer hat ICS schlicht als indiskutabel abgetan und will statt- dessen das bisher übliche, noch in- vestorenfreundlichere ISDS in TTIP durchsetzen. Der europäische Wirt- schaftsdachverband Business Euro- pe hat ICS für zu investorenfeindlich kritisiert und entsprechende Anpas- sungen in Richtung des herkömmli- chen ISDS gefordert. 3 Nur die WKÖ hat eine pragmatische Haltung ein- genommen, indem sie die geplanten Neuerungen des Streitschlichtungs- verfahrens als eine offensichtliche Notwendigkeit hingenommen hat, um die Verhandlungen zu Investi- tionsschutz wieder aufnehmen zu können. 4 Anerkennung für ihren Vor- schlag hat die Kommission nur von S&D-Abgeordnetem Bernd Lange, der Berichterstatter für die TTIP- Resolution des Europäischen Parla- ments war, bekommen. Er sprach

1) Europäische Kommission, Commis­ sion draft text TTIP – Investment, 16.9.2015, http://trade.ec.europa.

doc_153807.pdf (05.10.2015). 2) Auch wenn die Kommission von RichterIn­ nen spricht, sind die in Schiedstribunalen tätigen Personen nicht unbedingt Richte­ rInnen in dem Sinn, dass sie ein Richter­ amt bekleiden, sondern Personen, die in

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vom „einzig richtige[n] Weg vor- wärts in der Handelspolitik“ 5 .

Was ist zu tun! n Die Kommission will Investitionsschutzbestimmun- gen mit den USA verhandeln, die nach wie vor Konzernen ermöglichen würden, gegen Regulierungen im In- teresse der Allgemeinheit vorzuge- hen. Die vorgelegten Vorschläge sind jedenfalls nicht ausreichend, um die Gefahren zu entschärfen, die vom Investitionsschutz ausgehen, denn

n nach wie vor sollen sich die Staaten dazu verpflichten, hohe Schadens- ersatzzahlungen zu leisten, wenn sich Investoren durch neue Re- gulierungen ungerecht behandelt sehen. Das selbstverständliche Re- gulierungsrecht von Staaten kann ungemindert durch Klagen bedroht und auch ausgehöhlt werden.

n Das Ergebnis der öffentlichen Kon- sultation zu ISDS in TTIP war ein- deutig: Keine – und daher auch nicht verschönerte – Sonder- klagerechte für Konzerne, denn US-amerikanische Unternehmen sollen in der EU nicht besser be- handelt werden als alle anderen in der Gesellschaft.

No2ISDS heißt auch No2ICS:

keine Sonderklage­ rechte für Konzerne in TTIP.

men. Es besteht in dieser Frage jedoch nach wie vor ein erhebli- cher Diskussionsbedarf sowie ins- besondere die Notwendigkeit, die Entscheidungsfindung in der EU in einer fairen und demokrati- schen Weise zu gestalten. Die ak- tive „No2ISDS“-Bewegung und die breite Unterstützung der selbstor- ganisierten BürgerInneninitiative gegen TTIP sind ein hinreichendes Zeugnis davon, dass ISDS oder ICS – wie auch immer es zukünftig heißen soll – auf große Ablehnung bei den europäischen BürgerInnen stößt. Daher sind jegliche Ver- handlungen darüber mit den USA nicht nur weiterhin auszusetzen, sondern vollständig abzublasen.

Elisabeth Beer n AK Wien elisabeth.beer@akwien.at

n Mit dem Vorschlag zu einem neu- en Streitschlichtungssystem für Investorenklagen will die Kom- mission die bis jetzt ausgesetzten Verhandlungen mit den USA zu Investitionsschutz wieder aufneh-

ihrem Hauptberuf Rechtsgelehrte, Profes­ sorInnen aber auch AnwältInnen sind und die Qualifikationsvoraussetzung zu einem Richteramt befähigt zu sein, erfüllen. 3) Siehe hierzu: http://91.238.32.185/

DLS/2015­00668­E.pdf (05.10.2015). 4) Siehe hierzu: http://www.ots.at/presse­

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(05.10.2015). aussendung/OTS_20150916_OTS0233/ Aus g abe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

TTIP und CETA – Wollen wir das?

Studienpräsentation

Die Regulierungskooperation in TTIP und CETA – Wollen wir das?

Die Regulierungszusammenarbeit ist ein Kernelement der EU­Freihandelsabkommen mit Kanada (CETA) und den USA (TTIP). Dabei stellt sich die Frage, ob im Rahmen dieser Zusammenarbeit die Interessen der ArbeitnehmerInnen, der VerbraucherInnen und der Umwelt ausreichend gewährleistet werden. Deshalb hat die AK ein Rechtsgutachten dazu beauftragt.

Bei einer Studienpräsentation wurden die Ergebnisse des Gutachtens vorgestellt und mit ExpertInnen

diskutiert.

Éva Dessewffy

Die Diskussionen um die Folgen von CETA und TTIP reißen nicht ab. Nicht nur das kürzlich noch ISDS (Inves- tor-State Dispute Settlement) und inzwischen ICS (Investment Court System) genannte Investor-Staat- Streitbeilegungsverfahren bringt die Gemüter zum Wallen. Auch die Diskussion über die umstrittene Re- gulierungskooperation in den neuen Handels- und Investitionsabkommen der EU wird je nach Interessenlage kontrovers geführt. Am 16. Septem- ber lud die AK Wien in ihrer Bibliothek zur Präsentation des Rechtsgutach- tens über die geplante Regulierungs- kooperation in CETA und TTIP ein. In dem Rechtsgutachten bestätigen die Göttinger Wirtschaftsvölkerrechtler Peter-Tobias Stoll, Till Patrick Hol- terhus und Henner Gött viele Sor- gen der BürgerInnen in Verbindung mit der Regulierungskooperation. Im Folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse des Rechtsgutachtens zu- sammengefasst:

n Der Anwendungsbereich ist extrem weit. Die Reichweite der Regulie- rungszusammenarbeit ist erheb- lich. Sie umfasst fast jede gegen- wärtige und künftige Regulierung der EU oder ihrer Mitgliedstaaten, die einen Bezug zum Handel mit Waren oder Dienstleistungen auf- weisen. Darunter fallen auch sol- che, die dem Schutz der Arbeitneh-

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merInnen, der VerbraucherInnen und der Umwelt dienen und es wer- den Bereiche berührt, die in den Kompetenzbereich der Mitglied- staaten fallen.

n Fragwürdige Methoden der Regu- lierung: Der Abbau von Handels- hemmnissen wird durch ein Früh- informationssystem über geplante Gesetzesvorhaben sowie Harmoni- sierung und gegenseitige Anerken- nung von Standards angestrebt. Darüber hinaus ist in TTIP auch eine sogenannte „Vereinfachung“ von Regulierungen vorgesehen.

n Schutzstandards werden nicht ge- währleistet, das Vorsorgeprinzip nicht erwähnt. Die Entwurfstexte von CETA und TTIP betonen das Bestreben, möglichst hohe Schutz- standards zu gewährleisten. Al- lerdings sind die verwendeten Formulierungen in den Entwürfen vergleichsweise schwach. Beson- ders bedenklich ist, dass das Vor- sorgeprinzip als ein Kernelement der europäischen Regulierungspo- litik in beiden Entwürfen gar nicht vorkommt. Diesem Grundsatz zu- folge können in der EU auch bei feh- lender endgültiger wissenschaftli- cher Gewissheit über das Ausmaß der Risiken präventive Maßnahmen zum Schutz von Menschen, Tieren und Umwelt gesetzt werden. So

wird etwa das Vorsorgeprinzip in der EU für die Zulassung von gen- technisch veränderten Lebensmit- teln angewandt.

n Es besteht ein Demokratiedefizit. Unklar ist, ob und in welchen Fällen eine Zustimmung zu den Ergebnis- sen aus der Regulierungszusam- menarbeit seitens des EU-Minister- rats, des EU-Parlaments oder der entsprechenden Organe der Mit- gliedstaaten (z.B. der nationalen Parlamente) erforderlich sind.

n Unklarheiten über Einflussmög- lichkeiten: Völlig offen bleibt auch, welche Einflussmöglichkeiten wel- chen Interessengruppen zuge- standen werden sollen. Bis dato ist ungewiss, welche Interessenver- treterInnen in den Gremien ver- treten sein werden und ob sich die Einbindung zivilgesellschaftlicher Organisationen auch hinreichend auswirken kann.

n Auswirkungen auf die Zukunft: Die Regulierungszusammenarbeit er- fasst auch in Vorbereitung befindli- che und zukünftige Regulierungen. Aufgrund einer Informationspflicht können daher auch Regulierungs- vorhaben in einzelnen Mitgliedstaa- ten bereits frühzeitig Gegenstand der Zusammenarbeit werden und auch völkerrechtlich verbindli- »

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Zusammenarbeit werden und auch völkerrechtlich verbindli - » Aus g abe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

TTIP und CETA – Wollen wir das?

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che Beschlüsse können dazu in den transatlantischen Gremien gefasst werden.

Im Anschluss an die Präsentation durch Studienautor Prof. Peter-To- bias Stoll diskutierten Heidemarie Porstner (Global 2000), Igor Sekar- di (Industriellenvereinigung, IV) und Éva Dessewffy (AK Wien) über das Für und Wider der Kommissionsvor- schläge.

Global 2000: Standards wer- den nicht erhalten, die Umwelt nicht geschützt und Gentechnik kommt n Heidi Porstner von Glo- bal 2000 wies auf die unterschied-

„Wenn ich jemandem meinen Gebraucht­ wagen verkaufen will, dann werde ich im Internet nicht meinen niedrigsten Verkaufs­ preis angeben. Dann wird mir der Käufer keinen Cent zusätzlich geben, wenn er ein guter Verhandler ist.“

Igor Sekardi (IV) zu Transparez

lichen Systeme bei der Bewertung der Sicherheit von Nahrungsmitteln, Chemikalien oder Saatgut hin. Wäh- rend in der EU das Vorsorgeprinzip vorherrsche, werde in den USA sei- tens der Industrie ein auf sogenann- ter solider Wissenschaft beruhender Ansatz eingefordert. Hier bestünde großer Handlungsbedarf. Weder in CETA noch in TTIP werde auch nur erwähnt, dass bestehende Standards erhalten werden müssen. Im Gegen- teil: Heidi Porstner befürchtet, dass diese Standards ausgehebelt werden und hält die diesbezüglichen Beteu- erungen der Kommission für reine Lippenbekenntnisse.

Wenn der Marktzugang die oberste Prämisse bei der Regulierungszu-

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der Regulierungszu- 18 infobrief eu & international Im Bild v. l. n. r.: Peter­Tobias Stoll

Im Bild v. l. n. r.: Peter­Tobias Stoll (Georg­August­Universität Göttingen), Heidemarie Porstner (Global 2000), Igor Sekardi (IV), Éva Dessewffy (AK Wien), Ulla Ebner (Ö1, Moderation).

sammenarbeit ist, dann stehe die Frage im Mittelpunkt, was der Zu- lassung eines Produktes auf dem je- weils anderen Markt entgegensteht. Dann wären es nicht nur bürokrati- sche Hürden, die es abzubauen gilt, sondern die sehr großen Unterschie- de bei Bewertungsmethoden. So werde in Kanada und den USA mas- siv Gentechnik eingesetzt, in der EU gebe es einen großen Widerstand dagegen. Die Kommission hätte bis heute keine Antwort darauf gegeben, wie Handelsbarrieren gesenkt, sprich Zulassungen beschleunigt bzw. ver- einfacht werden sollen und gleichzei- tig die hohen Sicherheitsstandards und Prüfanforderungen an die neu zuzulassenden Produkte in der EU erhalten werden sollen. Man kenne die Aussagen der Industrie und der Agrarlobby, was Gentechnik betrifft. Wenn die Gentechnik nicht zu einem gut verankerten Thema in TTIP wird, dann werde es seitens der landwirt- schaftlichen Verbände einen hohen Druck auf die Kommission geben, um gentechnikfreundliche Regelun- gen durchzusetzen.

Heidi Porstner führt exemplarisch ei- nen sehr kurzen, aber aufschlussrei- chen Absatz zu Gentechnik in CETA mit dem Titel Biotechnologie an: Das Ziel sei es demnach, der Gentechnik

durch eine effektive wissenschaftli- che Bewertung beim Anbau und bei Futtermitteln zum Durchbruch zu verhelfen. Dies soll nicht nur in der EU und in Kanada, sondern auch auf Ebene der Mitgliedstaaten gelten. Es stelle sich die Frage, ob wir das woll- ten.

IV: Hohen Standards droht kei- ne Gefahr, es geht nur um Infor- mationsaustausch n Igor Sekardi meinte, er respektiere die Auslegung durch das präsentierte Rechtsgut- achten von Prof. Stoll. Allerdings sei es eine unter vielen, die Kommission sehe die Sachlage anders. TTIP sei ein Handelsabkommen, dessen Ziel es sei, den Handel zu liberalisieren,

Wenn die Gentechnik nicht zu einem gut verankerten Thema in TTIP wird, dann wird es seitens der landwirt­ schaftlichen Verbände einen hohen Druck auf die Kommission geben, um gentechnik­ freundliche Regelungen durchzusetzen.“

Heidemarie Porstner (Global 2000) zur Gentechnik

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durchzusetzen.“ Heidemarie Porstner (Global 2000) zur Gentechnik Aus g abe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

TTIP und CETA – Wollen wir das?

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Exporte und das Wirtschaftswachs- tum zu steigern und Arbeitsplätze zu schaffen. Zwei Drittel des öster- reichischen Wohlstands – und damit letztendlich Arbeitsplätze – seien durch den Export gesichert. TTIP gehe sehr weit, weil es auch um den Schutz von Standards ginge. Dies sei der Industriellenvereinigung wich- tig. Sie sei gegen die Absenkung von Standards in der industriellen Pro- duktion, denn hohe Standards seien der Garant für den Erfolg der öster- reichischen Exportwirtschaft.

Die IV vertraue der Kommission voll und ganz. So fürchtet der IV-Vertre- ter weder um die demokratischen Strukturen noch dass es verpflich- tende Beschlüsse im Wege der Regu- lierungszusammenarbeit geben soll. Vielmehr sei lediglich ein Gremium zum Informationsaustausch geplant.

Für Igor Sekardi ist TTIP das bis dato transparenteste Abkommen über- haupt. Trotz der vielen Materialien zu TTIP, die es jetzt online gibt, scheint ihm das Interesse in der Bevölkerung daran doch nicht so groß zu sein. Ein bestimmter Grad an Intransparenz sei jedoch notwendig, wenn man das Beste herausholen wolle. „Wenn ich jemandem meinen Gebrauchtwagen verkaufen will, dann werde ich im In- ternet nicht meinen niedrigsten Ver- kaufspreis angeben. Dann wird mir der Käufer keinen Cent zusätzlich geben, wenn er ein guter Verhand- ler ist.“ Das gelte auch für TTIP, um für Europa das Beste herausholen zu können.

AK: EU-Schutzstandards für Kon- sumentInnen und Arbeitneh- merInnen unter Druck n Für die AK als Vertreterin von über drei Mil- lionen ArbeitnehmerInnen sei Trans- parenz besonders wichtig, führte Éva Dessewffy aus. Um rechtlich kom- plexe Abkommen analysieren und beurteilen zu können, sei Expertise von notwendig. Die AK könne ihrem Auftrag, die Interessen der österrei-

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chischen ArbeitnehmerInnen zu ver- treten, nur dann in der gebotenen Se- riosität nachkommen, wenn auf der Basis offen zugänglicher Dokumente die Möglichkeit bestünde, Rechtsmei- nungen einzuholen. Beim aktuellen Rechtsgutachten waren die Autoren auf das geleakte Regulierungskapitel von TTIP angewiesen. Die Geheim- haltung der TTIP-Texte könne nicht im Allgemeininteresse liegen.

80% der geschätzten Wachstums- effekte von TTIP sollen laut Studi- en auf den Abbau von nichttarifären Handelshemmnisse zurückzuführen sein. Unter nichttarifären Handels- hemmnissen werden jede Art von Regulierungen, technischen Han- delshemmnissen, Quoten oder Le- bensmittelbestimmungen in den Vereinbarungen zu sogenannten sa- nitären und phytosanitären Maßnah- men verstanden. Es sei daher davon auszugehen, dass viel Energie in den Abbau von nichttarifären Handels- hemmnissen fließen wird. Deshalb sei der Anwendungsbereich auch so extrem weit.

Das Vorsorgeprinzip sei zudem für den KonsumentInnenschutz sehr wichtig. Die Kommission beteuert zwar die Beibehaltung dieses europä- ischen Grundsatzes. Allerdings werde es in CETA und TTIP mit keinem Wort erwähnt. Stattdessen beziehe man sich auf das WTO-Abkommen über sanitäre und phytosanitäre Maßnah- men, in dem das Vorsorgeprinzip nur temporär anwendbar ist. Das wäre das Ende des Vorsorgeprinzips. Darüber hinaus bestehe auch kein Absenkungsverbot von bestehenden Standards, das die AK gern in CETA und TTIP verankert hätte.

Darüber hinaus seien die Rechte der ArbeitnehmerInnen in den USA und der EU sehr unterschiedlich. Bei- spielsweise sei die durchschnittliche Arbeitszeit in der EU auf 48 Stun- den beschränkt, so Éva Dessewffy. Das Pendent zur Arbeitszeitrichtlinie

„Die durchschnittli­ che Arbeitszeit in der EU ist auf 48 Stunden beschränkt. Der Fair Standards Act in den USA beschränkt we­ der die Arbeitszeit und bestimmt auch keine Urlaubs­ und Ruhezeiten für ArbeitnehmerInnen über 16 Jahren.“

Éva Dessewffy (AK Wien) zu Arbeitsrechten

der EU sei der Fair Standards Act in den USA. Dieser beschränke weder die Arbeitszeit und bestimme auch keine Urlaubs- und Ruhezeiten für ArbeitnehmerInnen über 16 Jahren. Auch die Bestimmungen über die Karenzurlaube oder Ruhezeiten für LKW-FahrerInnen seien in den USA ungünstiger.

Die TTIP-Verhandlungen scheinen sich zu verzögern. Die EU-Kommis- sion hat kürzlich bekanntgegeben, dass sie die Verhandlungen erst mit Ende 2016 abschließen wolle. Die AK wird die Verhandlungen und die Diskussionen weiterhin aufmerksam verfolgen, die Öffentlichkeit darüber informieren und die Anliegen der Ar- beitnehmerInnen und KonsumentIn- nen mit Nachdruck vertreten.

Éva Dessewffy n AK Wien eva.dessewffy@akwien.at

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service/veranstaltungen/rueckbli­ cke/index.html Aus g abe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

Lobbying zu Regulierungsvorhaben zu hormonschädigenden Stoffen

Lobbying zu Regulierungsvorhaben zu hormonschädigenden Stoffen

Bereits vor TTIP-Abschluss zeigt sich Druck auf die europäische Gesetzgebung

Die Frage der Regulierung von hormonschädigenden Stoffen in der EU steht zur Debatte. HandelsvertreterInnen

und die US­Handelskammer warnen vor Milliardenverlusten und

der Gefährdung der laufenden TTIP­Verhandlungen.

Patrick Barabas

Eine bisher wenig bekannte Gruppe von Stoffen sorgt derzeit für heiße wissenschaftliche und politische Dis- kussionen innerhalb und auch außer- halb der EU. Sogenannte endokrine Disruptoren stören das menschli- che Hormonsystem und sind für schwere gesundheitliche Störungen verantwortlich. Wie genau ihre re- gulatorische Definition lauten soll, steht seit Jahren zur Debatte. Die europäischen Gesetzestexte geben keine eindeutigen Antworten. Vor allem die Pestizidverordnung ist ein heiß umkämpftes Feld zwischen den Interessen von Wirtschaftsvertre- terInnen und Allgemeininteressen. Derzeit erhebt sich ein Trumpf für die Industrie: die aktuell laufenden TTIP-Verhandlungen. Die US-Han- delskammer und verschiedene ande- re Industrieverbände üben bewusst mit TTIP Druck auf die Europäische Kommission aus. Sie warnen davor, dass die laufenden Verhandlungen gefährdet seien, sollten strenge Re- gulierungen in Bezug auf endokrine Disruptoren vorgenommen werden. Man erhofft sich auch einen grundle-

Endokrine Disruptoren sind eine bunt durchge­ mischte und nicht klar definierte Gruppe von Stoffen. Sie ähneln sich nur in ihrer Wirkung, Hormone negativ zu beeinträchtigen.

genden regulatorischen Schwenk in- nerhalb der EU zu erwirken. Gemeint ist eine Abkehr vom Vorsorgeprinzip, hin zum risikoreicheren sogenann- ten wissenschaftsbasierten Ansatz im Chemikalienbereich.

Was sind endokrine Disrupto- ren? n Hormone sind Botenstoffe, die von Hormondrüsen abgegeben werden und das Wachstum, die Ent- wicklung, die Fortpflanzung, den Stoffwechsel, den Schlaf und das Verhalten von Menschen und Tieren steuern. Als endokrine Disruptoren werden jene Substanzen bezeich- net, die das Hormonsystem negativ beeinflussen. Dies können Substan- zen natürlichen oder künstlichen Ursprunges sein. Manche senken die Produktion von Hormonen in den Hormondrüsen, andere imitie- ren ihre natürliche Wirkung im Kör- per und einige blockieren die Wir- kung von Hormonen gar ganz.

Laut der Weltgesundheitsorganisa- tion WHO gibt es weltweit rund 800 bekannte endokrine Disruptoren. Darunter befinden sich sowohl er- laubte als auch in der Europäischen Union bereits verbotene Stoffe. Vie- le davon gelten als krebserregend. Außerdem stehen sie im Verdacht, zu Frühgeburten, Frühreife, Über- gewicht und Diabetes zu führen. Ein bekannter Stoff ist Bisphenol A. Ein- gesetzt wird Bisphenol A als Haupt- bestandteil in der Kunststoffherstel-

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lung. Ein weiteres Beispiel für einen endokrinen Disruptor ist Ethinylest- radiol, welches ein Bestandteil der Anti-Babypille ist. Auch sogenannte Phtalate sind chemische Substan- zen, die als Weichmacher in der Kunststoffherstellung eingesetzt werden und hormonschädigende Ei- genschaften besitzen. Die Frage der Definition von endokrinen Disrupto- ren im regulatorischen Sinn ist der- zeit Teil einer großen wissenschaft- lichen und politischen Diskussion.

Was wurde bisher von der EU- Kommission unternommen? n Zwischen 1996 und 2000 kam es zur Schaffung einer sogenannten Gemeinschaftsstrategie. Kurzfris- tig kamen die als am gefährlichsten geltenden Stoffe auf eine Verbots- liste und 435 Substanzen mit unsi- cheren Daten wurden untersucht. Mittelfristig sollte eine einheitliche europäische Teststrategie für hor- monschädigende Stoffe entstehen. Das langfristige Ziel war eine umfas- sende Legislaturanpassung. Sowohl die Biozidverordnung (EU 528/2012) als auch die Pestzidverordnung (EG 1107/2009) sehen vor, dass es zur Schaffung von Kriterien zur Identifi- zierung von endokrinen Disruptoren kommt. Es sollten Kriterien entwi- ckelt werden, auf deren Basis künf- tige regulatorische Entscheidungen zu endokrinen Disruptoren getroffen werden können. Dies hat den Grund, dass endokrine Disruptoren bis heu- te keine formalen Kriterien in den zentralen europäischen Chemikali- engesetzen besitzen. Im rechtlichen wie im wissenschaftlichen Sinne gibt es also keine allgemein gültige Defi- nition. Darum sollte die EU-Kom-

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allgemein gültige Defi - nition. Darum sollte die EU-Kom - Aus g abe 4 | Oktober

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Lobbying zu Regulierungsvorhaben zu hormonschädigenden Stoffen

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mission bis 2013 eine klare Definition in Bezug auf endokrine Disruptoren festlegen und sowohl auf die Biozid- als auch die Pestizidverordnung über- tragen. Als Übergangslösung wurden die als am gefährlichsten eingestuf- ten Stoffe, die im Verdacht stehen hormonschädigend zu sein, durch beide Verordnungen vorerst verbo- ten. Hier kann man also von einer vorsorgebasierten Maßnahme spre- chen. Nur wenn die Gefahr vernach- lässigbar ist oder eine Nichtzulassung gemessen an den Risiken für Mensch und Umwelt zu großen negativen Auswirkungen für die Gesellschaft führen würde, kann eine Zulassung bei Pestiziden und Bioziden erfolgen.

Zur Entwicklung einer einheitli- chen europäischen Rechtsvorschrift brauchte man also eine wissen- schaftliche Grundlage. 1 Die Gene- raldirektion Umwelt (DG ENVI) der EU-Kommission übernahm 2009 die Führungsrolle und setzte sich zum Ziel, eine Studie vorzulegen, die klare wissenschaftliche Kriterien zur Identifizierung endokriner Disrupto- ren vorweisen konnte. Die Ergebnis- se sollten der besagten Überprüfung und Überarbeitung der zentralen

Chemikalienrechtsakte in der EU die- nen. Maßgeblich beteiligt an dieser Studie war auch der bekannte deut- sche Endokrinologe Andreas Korten- kamp.

Lobbyingattacken n 2012 wurde die Studie von der DG ENVI veröffentlicht und empfahl die Schaffung einer eige- nen regulatorischen Klasse für endo- krine Disruptoren sowie die vorsorgli- che Regulierung einer breiten Palette von Stoffen. 2 Dies könnte auch bisher erlaubte Stoffe im Pestizidbereich be- treffen, was die Industrieverbände in Alarmbereitschaft versetzte. Bis 2013 hätte die Kommission laut eigenem Zeitplan eine Entscheidung treffen sollen, was endokrine Disruptoren im regulatorischen Sinn sind. Vermutlich wegen des aufkeimenden Drucks der europäischen sowie US-amerikani- schen Pharma- und Pestizidkonzerne sowie der US-Handelskammer unter- nahm die damalige Generaldirekti- on Gesundheit und Verbraucher (DG Sanco) der EU-Kommission ebenfalls den Versuch, eine wissenschaftli- che Einschätzung abzuliefern. Die EFSA (Europäische Behörde für Le- bensmittelsicherheit) wurde mit der Durchführung einer Untersuchung zu

Mit einer Entscheidung zur Legislaturanpassung in Bezug auf endokrine Disruptoren ist wohl erst mit 2016 zu rechnen.

endokrinen Disruptoren beauftragt. Hierbei zeigte der Druck, der durch die US-Handelskammer und Indus- trieverbände entstanden war, erste negative Folgen: acht der 18 Mitglie- der des Untersuchungsteams konnten Kontakte zur Industrie nachgewiesen werden. Nur vier hatten schon einmal zum Thema endokrine Disruptoren gearbeitet. 3 Die EFSA empfahl, dass die meisten endokrinen Disruptoren wie normale Stoffe behandelt werden können und ein Risikobewertungsan- satz bei künftigen Regulierungsent- scheidungen wohl am zuverlässigsten sei. 4 Die Empfehlung stand im kras- sen Gegensatz zu den Erkenntnissen der Generaldirektion Umwelt und der WHO. Letztere bezeichnete nämlich zur selben Zeit endokrine Disrupto- ren als globale Bedrohung. 5 Um den Entscheidungsprozess weiter zu ver- zögern, begannen Industrievertrete- rInnen von nun an, BeamtInnen der EU-Kommission zu kontaktieren. 6 Man forderte eine sogenannte Fol- genabschätzung 7 über das Vorhaben zur Definition von endokrinen

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Veranstaltungsankündigung

Ende Juni präsentierten die Präsiden- ten der Europäischen Kommission, des Europäischen Rates, der Europäischen Zentralbank, der Eurogruppe und des Europäischen Parlaments ihre Vorschlä- ge zur Vertiefung der Wirtschafts- und

Währungsunion. Wir laden zur Veran- staltung zur Zukunft der WWU, auf der ExpertInnen zum Präsidentenbericht Stellung nehmen und über notwendige Schritte zum Umbau der WWU diskutie- ren werden.

Montag, 14. Dezember 2015 9 bis 13 Uhr

Bildungszentrum der AK Wien Großer Saal Theresianumgasse 16–18 1040 Wien

Wissenschaftliche Inputs: Sonja Puntscher-Riekmann (Centre of European Union Studies Salzburg) und Engelbert Stockhammer (Kingston University London).

Veranstaltung von AK Wien und ÖGB in Kooperation mit der Wiener Zeitung

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mit der Wiener Zeitung 21 infobrief eu & international Aus g abe 4 | Oktober 2015

Lobbying zu Regulierungsvorhaben zu hormonschädigenden Stoffen

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Disruptoren und die damit verbunde- ne Legislaturanpassung und warnte vor den großen wirtschaftlichen Ver- lusten, sollten im Pestizidbereich wei- tere Stoffe verboten werden. 8

Auseinandersetzungen im Rah- men von TTIP n Bis heute gibt es noch immer keine Einigung über ein- heitliche Kriterien zur Identifizierung von endokrinen Disruptoren und eine damit einhergehende Legislaturan- passung durch die EU- Kommission. Einerseits durch mangelnde wissen- schaftliche sowie rechtliche Einigkeit, was endokrine Disruptoren sind, und andererseits durch die Verzöge- rungstaktik seitens der Chemiein- dustrie. Durch die Initiierung einer sogenannten Folgenabschätzung, bei der die Kommission bei Regulie- rungsvorhaben die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Folgen abschätzt und Stakeholder miteinbe- zieht, wird gezielt Zeit geschunden. Mit einer Entscheidung zur Legisla- turanpassung in Bezug auf endokrine Disruptoren ist wohl erst mit 2016 zu rechnen.

Das Freihandelsabkommen TTIP zielt auf einen Abbau der nichttarifären Handelshemmnisse zwischen der EU und den USA ab. Die Legislaturan- passung zu endokrinen Disruptoren in der Europäischen Union könnte je-

1) http://www.efsa.europa.eu/de/to­ pics/topic/eas (9.10.2015) 2) State of the Art Assessment of Endo­ crine Disrupters – Final Report Andreas Kortenkamp u.a. http://ec.europa.eu/ environment/chemicals/endocrine/pdf/ sota_edc_final_report.pdf (12.10.2015) 3) http://www.spiegel.de/media/me­ dia­36630.pdf (11.11.2015) 4) EFSA Journal 2013;11(3):3132: Scien­ tific Opinion on the hazard assessment of endocrine disruptors Efsa (European Food Safety Authority) Scientific Com­ mittee http://www.efsa.europa.eu/ sites/default/files/scientific_output/files/

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doch verschärfte Regulierungen und Verbote im Chemikalienbereich mit sich bringen. Über den Verhandlungs- druck bei TTIP versuchen US-Han- delskammer sowie Industrieverbän- de, eine Regulierungsentscheidung in Bezug auf endokrine Disruptoren zu ihren Gunsten ausfallen zu lassen. Die US-Handelskammer warnt davor, dass die geplanten Regulierungsvor- haben die TTIP-Gespräche ernsthaft gefährden könnten. 9 Alleine diese Drohung sorgt bereits für Angst bei Teilen der Europäischen Kommission und dem EU-Parlament.

Der europäische Verband European Crop Protection Association oder die US-Chemikalienverbände SOCMA (Society of Chemical Manufacturers and Affiliates) und CropLife treten allesamt für das Anliegen ein, dass künftig nicht zu viele Stoffe als endo- krine Disruptoren gewertet werden. Außerdem warnen sie davor, dass unter den zu strengen Regulierungs- vorschlägen der Studie der General- direktion Umwelt die gemeinsamen Ziele von TTIP nicht erreicht wer- den können. 10 Gemeint ist damit der Abbau der nichttarifären Handels- hemmnisse. Höchstens die bekann- testen und gefährlichsten Stoffe, die als endokrine Disruptoren gelten, ist man bereit aufzugeben. Vor allem ist es der Industrie aber wichtig, dass

main_documents/3132.pdf (12.10.2015) 5) State of the Science of Endocrine Dis­ rupting Chemicals – 2012 WHO, UNEP (S.7­17) http://www.unep.org/chemi­

report%20vii­xvii.pdf (11.10.2015) 6) http://www.spiegel.de/media/me­ dia­36634.pdf (12.10.2015) Schreiben von Bayer an Marianne Klingbeil (Gene­ raldirektorin des Regulierungsausschusses der EU­Kommission): http://de.scribd. com/doc/240837970/Bayer (10.10.2015) 7) Definition Folgenabschätzung EU:

Eine Umkehr zum regulatorischen Risiko­ ansatz wird in Bezug auf endokrine Disruptoren von Handelsverbänden im Chemikalienbereich gefordert.

das europäische Vorsorgeprinzip in der Entscheidung zu endokrinen Dis- ruptoren bei Pestiziden und Bioziden nicht zur Anwendung kommt und es in der EU eine Umkehr zum Risikoan- satz gibt. 11

Mittlerweile wurde der Umweltdirek- tion das Mandat entzogen und die Generaldirektion Gesundheit und Le- bensmittelsicherheit besitzt nun die Führungsrolle bei der laufenden Fol- genabschätzung zu endokrinen Dis- ruptoren. Die Erfahrung zeigt, dass solche Bewertungen meist zuguns- ten der Industrie ausfallen, während diese unerlässlich mit Milliardenver- lusten droht. Im Endeffekt bleiben die hohen Kosten am Gesundheits- system und an den SteuerzahlerIn- nen hängen. Es ist erschreckend, wie offensichtlich TTIP bereits während der Verhandlungen das europäische Vorsorgeprinzip und die Gesetzge- bung im EU-Chemikalienbereich ne- gativ beeinflusst.

Patrick Barabas n Student des Wirtschaftsrechts und der Politikwissenschaft an der WU Wien und der Universität Wien patrick.barabas@gmx.at

jsp?catId=760&langId=de (3.10.2015) 8) Mailverkehr zwischen Johnston Duncan (SG) und CropLifeAmerica:

6%20US%20INDUSTRY.pdf (12.10.2015) 9) http://www.spiegel.de/media/me­ dia­36636.pdf (10.10.2015) 10) Siehe Fußnote 8. 11) Position Paper CropLife International http://croplife.org/wp­content/up­

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Position­on­EDs­ICCM4.pdf (12.10.2015) Aus g abe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

Lobbying-Kontrolle und VW-Skandal

Lobbying in der EU

VW-Skandal zeigt einmal mehr die Lücken der Lobbying-Kontrolle in der EU auf

Der im September ans Licht gekommene VW­Skandal um die Manipulation von Abgas­ werte­Messungen macht auch einmal mehr die Dominanz des Lobbyings großer Konzerne in Brüssel ersichtlich. Schärfere Regelungen zur Kontrolle der Abgaswerte hat die europäische Automobilindustrie über Jahrzehnte verhindert, verwässert und verzögert. Anhand des Anlassfalls VW

lässt sich klar aufzeigen, warum die bisher gesetzten Maßnahmen, Lobbying zu kontrollieren, zu kurz greifen bzw. verfehlt sind. Auch bei einer aktuellen AK­Veranstaltung in Brüssel (siehe Box auf der folgenden Seite) wurde das Thema Lobby­Transparenz zwischen VertreterInnen der EU­Institutionen

und NGOs facettenreich diskutiert.

Mit den Konzernen am Tisch – für die EU-Kommission ganz normal n In Österreich wäre dies wohl un- denkbar: Im Vorfeld jedes neuen Gesetzesvorschlags versammelt das zuständige Ministerium die betrof- fenen Konzerne an einem Tisch und lädt sie ein aufgrund ihrer Expertise einen Vorschlag vorzulegen oder in einem Bericht die aktuelle Problem- stellung aufzubereiten. Klingt ab- surd, in Brüssel jedoch vollkommen normal: 812 ExpertInnengruppen mit insgesamt 27.491 ExpertInnen beraten aktuell die Kommission. 1 Die Verteilung der Interessen könn- te dabei ungleicher nicht sein: In Schlüsselgeneraldirektionen haben WirtschaftsvertreterInnen in diesen Beratungsgremien einen Anteil von 60 bis 80%, Arbeitnehmervertrete- rInnen kommen nur auf 1%. 2 Volks-

Volkswagen sitzt nach wie vor in fünf ExpertInnengruppen der Kommission, in welchen auch andere Marken des Volkswagenkonzerns wie Seat oder Scania vertreten sind.

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wagen etwa sitzt nach wie vor in fünf ExpertInnengruppen, die die Kom- mission derzeit beraten. 3 Auch ande- re Marken des Volkswagenkonzerns wie Seat oder Scania 4 sind in den ExpertInnengruppen vertreten. Die NGO Corporate Europe Observatory konnte nachweisen, dass die Auto- mobilindustrie seit den 90er Jahren strengere Abgaswerte und strengere Kontrollsysteme verhindert, verwäs- sert und verzögert – unter Zuhilfe- nahme genau des Systems der Ex- pertInnengruppen der Kommission. 5

Alice Wagner

Wäre es angesichts der Ausmaße des Skandals rund um den Konzern nicht ein logischer (erster) Schritt gewe- sen den VW-Konzern mit sofortiger Wirkung aus allen ExpertInnengrup- pen zu entlassen? Die Kommission hat keinen derartigen Schritt gesetzt. Vielmehr wiederholt sich ein Muster, welches schon aus dem Bereich der Finanzmarkt(de)regulierung bekannt ist. Hier waren schon in den 90er Jahren die zuständigen ExpertIn- nengruppen der GD Binnenmarkt zu 80 bis 100 % mit VertreterIn-

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Verhältnis Arbeit – Wirtschaft laut den Einträgen im EU-Transparenzregister

73

Gewerkschaften

:

1 :

:

1

 

2.061

Gewerbe- und

Wirtschafts-

verbände

 

1.364

Unternehmen &

 

Unternehmens-

 

961

gruppen

Beratungs-

 

383

firmen/Anwalts-

Berufsverbände

kanzleien/

     

selbst. Berater

 

52

65

Quelle: EU-Transparenzregister, Abfrage am 26. August 2015, eigene Darstellung

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Abfrage am 26. August 2015, eigene Darstellung Aus g abe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

Lobbying in der EU

Lobbying in der EU Diskussionsveranstaltung in Brüssel mit ExpertInnen der Institutionen und NGOs. Im Bild v.

für Lizenzverträge ausgeben müs- sen. Auch welches Agenda Setting das neue ExpertInnennetzwerk der Kommission zu Schiefergas betrei- ben wird – in welchem 70 % der Ver- treterInnen eine direkte Verbindung zur Frackingindustrie haben 8 – ist wohl schon vorab vorhersehbar.

Mangelnde Kontrolle des Trans- parenzregisters – eine bewusste Entscheidung der Kommission n Im Eintrag von Volkswagen im EU-

Transparenzregister finden sich Eck- daten zu den Lobbyaktivitäten des Konzerns. Laut Eigenangaben sind 43 Personen (Vollzeitäquivalent: 18) mit Lobbyingaktivitäten beschäftigt, 4 vier Personen haben eine Zugangs- karte zum Europäischen Parlament. Als Gesamtkosten für Lobbying gibt der Konzern 3,3 Millionen Euro so- wie zusätzliche 625.959 Euro für die Mitgliedschaften in europäischen Dachverbänden wie der European Automobile Manufacturer's As-

AK Veranstaltung

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nen der Finanzindustrie besetzt. 6 Es folgte die Finanzkrise, ein Umdenken der Kommission jedoch nicht. Die Fi- nanzwirtschaft, die die Kommission zuvor schon (schlecht) beraten hat- te, wurde nun wieder an den Tisch gebeten, um eben die europäischen Lösungsvorschläge für die Finanzkri- se zu entwerfen. 7

Technische Details oder hochpo- litisches Thema? n Die EU-Kom- mission argumentiert die Notwen- digkeit der ExpertInnengruppen mit dem Bedarf nach externer Expertise aufgrund der eigenen geringen Per- sonalressourcen. Oftmals werden

Tatsächlich definieren ExpertInnengruppen oftmals, bei welchen Themen politischer Handlungsbedarf besteht oder was als zu regulierendes Problem angesehen wird.

somit jedoch hochpolitische Frage- stellungen als solche technischer Art verdreht. Tatsächlich definieren ExpertInnengruppen oftmals, bei welchen Themen politischer Hand- lungsbedarf besteht oder was als zu regulierendes Problem angesehen wird: Sie betreiben somit Agenda Setting. Julia Reda, Abgeordnete des Europäischen Parlaments (Piraten- partei/Grüne Fraktion) stellt dieses Phänomen bei der AK-Veranstaltung in Brüssel plakativ dar: Wird eine ExpertInnengruppe zu den Urhe- berrechten eingesetzt und diese vorrangig mit Unternehmensvertre- terInnen besetzt, kann man davon ausgehen, dass dieser ExpertInnen- kreis eine Verschärfung des Urheber- rechts fordern wird. Würde dieselbe ExpertInnengruppe stattdessen mit Universitäts-VertreterInnen besetzt, würde diese wohl auf das Problem aufmerksam machen, das Universi- täten immer größere Budgetanteile

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größere Budgetanteile 24 infobrief eu & international Aus g abe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at »

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Lobbying in der EU

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sociation (ACEA) oder BusinessEuro- pe an. 9 Keine unbedeutenden Sum- men. Gemäß der Online-Datenbank Lobbyfacts.eu geben die Automobil- konzerne und ihre Verbände insge- samt mehr als 18 Millionen Euro für Lobbying aus, wobei VW die weitaus höchsten Lobbyausgaben verbucht. 10 Wie die deutsche NGO LobbyCon- trol betont, wird der Konzern zudem auch von den deutschen Verbänden VDA und BDI mitvertreten, welche ebenfalls Millionen Euro Beträge für Lobbying einsetzen. 11

Ob diese Eigenangaben auch den Tatsachen entsprechen oder die tat- sächlichen Werte noch viel höher sind, ist aber nicht erwiesen. Es gibt bis dato keine systematische Über- prüfung der Register-Einträge sowie keine abschreckenden Sanktionen bei Falschangaben. Kommission und Parlament haben für die Kontrolle der Register-Einträge sowie für die Behandlung von Beschwerden le- diglich zwei Vollzeitäquivalente an Personal vorgesehen. Im viel klei- neren Wirtschaftsraum Kanada wird eine vergleichbare Aufgabe von 30 Personen wahrgenommen, so EU- Abgeordnete Reda im Rahmen der AK-Veranstaltung. Auf dieses Miss- verhältnis angesprochen, erkennt Martin Kröger, der für das Transpa- renzregister in der EU-Kommission zuständige Abteilungsleiter, jedoch keinen Handlungsbedarf und hält eine ausreichende personelle Aus- stattung für illusorisch.

Auch weitere Schwächen des Trans- parenzregisters lassen sich am Ein- trag von Volkswagen verdeutlichen:

Prinzipiell ist jede Mitgliedschaft in einer hochrangigen Gruppe der Kommission oder einer Sachverstän- digengruppe im Register genau an- zugeben. Der VW-Konzern tut das nicht, sondern begnügt sich mit ei- nem Link zur Kommissionswebsite. In welchen Gruppen der Konzern derzeit konkret mitarbeitet, kann daher nur indirekt und nicht ab-

25 infobrief eu & international

schließend nachrecherchiert werden. Wenig ins Detail gehen die Angaben zu den EU-Initiativen und Rechtset- zungsvorhaben, zu denen der Kon- zern derzeit lobbyiert, und gar keine Angaben macht das Unternehmen zu seinen Strategien, Projekten, Veran-

abschreckender Sanktionen. Zuletzt hat das Europabüro von Transpa- rency International 4.253 Einzelbe- schwerden zum Transparenzregister eingebracht, 12 das heißt, dass mehr als die Hälfte aller Einträge als feh- lerhaft eingeschätzt wurden.

Dass die personelle Ausstattung des EU­Transparenzregisters einem internationalen Vergleich keinesfalls standhalten kann, lässt bei der EU­Kom­ mission dennoch keinen Handlungsbedarf entstehen.

staltungen und Veröffentlichungen. Um von den Unternehmen tatsäch- lich aussagekräftige Informationen zu erhalten, bräuchte es somit ein- mal mehr eine systematische Kont- rolle der Einträge durch das Regis- tersekretariat und die Einführung

Transparenzregister: Verhältnis Arbeit – Wirtschaft 1:65 n Selbst verbesserte Transparenz kann aber ein grundlegendes Problem nicht be- seitigen: Ein dramatisches Ungleich- gewicht zeigt sich nicht nur durch einen Blick auf die ExpertInnen- gruppen der Kommission, sondern spiegelt auch die aktuelle Datenla- ge im EU-Transparenzregister wider. Wenn man sich auf einen direkten Vergleich der in Brüssel vertrete- nen Gewerkschaften mit den ihnen gegenüberstehenden Unternehmen und Unternehmensverbänden be- schränkt, kommt man bereits auf ein Verhältnis von mehr als 1:50. Be- zieht man in diese Berechnung auch noch Beratungsfirmen, Anwaltskanz- leien und professionelle Lobby-

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http://wien.arbeiterkammer.at/service/broschueren/eu_index.html Aus g abe 4 | Oktober 2015 wien.arbeiterkammer.at

Lobbying in der EU

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istInnen ein, wird das Missverhält- nis noch eklatanter, das Verhältnis beträgt dann sogar mehr als 1:65! Hinzuzurechnen wären zudem noch bewusste Nicht-Einträge von Unter- nehmen, Unternehmensverbänden und Think Tanks – welche oftmals versteckt für Unternehmen lobbyie- ren – sowie die der Wirtschaftsseite zur Verfügung stehenden, weitaus höheren Kapitalmittel.

Anstehende Reformen: Register und ExpertInnengruppen n Nach dem zuletzt auch die Europäische Bürgerbeauftragte Emily O’Reilly die Dominanz von Wirtschaft und

Transparenz ist kein Selbstzweck:

Insbesondere wird es darum gehen, das dahinterstehende Problem der extremen Dominanz der Wirt­ schaft in der euro­ päischen Gesetzgebung zu bekämpfen.

1) Register der ExpertInnengruppen der Eu­ ropäischen Kommission: http://ec.europa. eu/transparency/regexpert/index. cfm?do=search.result (7. Oktober 2015). 2) Vgl. AK EUROPA, ÖGB Europabüro und ALTER­EU, A Year of Broken Promises, 3, online abrufbar: http://alter­eu.org/ sites/default/files/documents/Broken_Pro­ mises_web.pdf (7. Oktober 2015). 3) http://ec.europa.eu/transparency/reg­ expert/index.cfm?do=search.resultNew (Register­Abfrage am 7. Oktober 2015). 4) http://ec.europa.eu/transparency/ regexpert/index.cfm?do=groupDetail.

earch=1&NewSearch=1. (Register­ Abfrage am 7. Oktober 2015). 5) CEO, Power of car industry lobby makes scandal inevitable, Septem­ ber 2015, http://corporateeurope.

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Finanz in den ExpertInnengruppen der Kommission kritisiert hatte, 13 hat die Kommission für Anfang 2016 eine Reform angekündigt. Darüber hinaus laufen die Vorbereitungen für ein Abkommen zwischen den EU-Institutionen über ein verpflich- tendes Lobbyregister. Bei genannter AK-Veranstaltung hat Martin Kröger, der zuständige Abteilungsleiter, auch den weiteren Fahrplan der Kommis- sion dazu festgehalten: Noch im Herbst soll es eine neuerliche Kon- sultation zum Transparenzregister geben, ebenfalls Anfang 2016 dann den gemeinsamen Vorschlag der In- stitutionen.

Der VW-Skandal hat einmal mehr gezeigt, welche Auswirkung das Lobbying von Konzernen auf den Gesetzgebungsprozess haben kann. Vor diesem Hintergrund ist die For- derung nach mehr Transparenz wich- tig, jedoch kein Selbstzweck. Durch ein verpflichtendes Transparenzre- gister mit entsprechendem Kontroll- und Sanktionsmechanismus könnten genauere Einblicke in die Lobbyak-

tivitäten der Konzerne gewonnen werden. Insbesondere wird es aber darum gehen, das dahinterstehen- de Problem der extremen Dominanz der Wirtschaft in der europäischen Gesetzgebung zu bekämpfen. Dafür bietet insbesondere die anstehen- de Reform der ExpertInnengruppen eine wichtige Gelegenheit. Es bedarf einer grundsätzlichen Überarbeitung des derzeitigen Systems, eine aus- gewogene Besetzung muss gewähr- leistet werden. Eine Quotenregelung nach Stakeholder-Gruppen, ein Ver- kleinerung und insgesamt eine star- ke Reduktion der Gruppen könnten einige Lösungsansätze für die anste- hende Debatte sein.

Alice Wagner n AK Wien alice.wagner@akwien.at

car­industry­lobby­makes­scandal­ inevitable (7. Oktober 2015). 6) Vgl. dazu sowie auch zahlreiche weitere Beispiele in anderen Generaldirektionen:

Yiorgos Vassalos, European Commission’s expert groups: Damocles‘ sword over

democracy, juridikum 1/2013, 87 (91). 7) CEO, Would you bank on them?, Fe­ bruar 2009, http://corporateeurope.

10) Max Bank, Die Macht der deutschen Autolobby in Brüssel, September 2015,

die­macht­der­deutschen­autolobby­ in­bruessel/ (7. Oktober 2015). 11) Ebd. 12) Transparency International EU Office, 4253 Complaints against lobbyists:

Has it been a wake­up call?, Oktober 2015, http://www.transparencyin­

laints­against­lobbyists­has­it­been­ a­wake­up­call (7. Oktober 2015). 13) Alice Wagner, ExpertInnengruppen der Kommission: A Never Ending Story?, infobrief eu & international 3/2015, 21­23, http://media.ar­ beiterkammer.at/wien/EU_Infob­ rief_2015_3.pdf (7.Oktober 2015).