Sie sind auf Seite 1von 249

Die Unfehlbarkeit

und Irrtumslosigkeit
der Bibel

Stephan Holthaus
Karl-Heinz Vanheiden (Hg.)

EDITION BIBELBUND
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme:
Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei
der Deutschen Bibliothek erhältlich.

ISBN 3-933372-38-0 (VTR)


ISBN 3-935707-07-X (jota)

Umschlag: artwave design, Auerbach/E.


Satz: Bibelbund, K.-H. Vanheiden, Hammerbrücke
Druck: Satz- und Digtaldruckzentrum Auerbach/V.

2. Auflage
© 2002 Bibelbund-Verlag
D-08269 Hammerbrücke
Bestellung@bibelbund.de
http://www.Bibelbund.de
Bestellnummer: 0285

© 2002 VTR
Verlag für Theologie und Religionswissenschaft
Gogolstr. 33, 90475 Nürnberg
http://www.vtr-online.de
vtr@compuserve.com
Bestellnummer: 860.238

© 2002 jota Publikationen


D-08269 Hammerbrücke
Friedrichsgrüner Str. 83
http://www.jota-publikationen.de
info@jota-publikationen.de
Bestellnummer: 4495.07
Inhaltsverzeichnis
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6

Allgemeine Beiträge zum Schriftverständnis der Bibel . . . . . . . . . . . . . . . . 9


Licht an einem dunklen Ort (James I. Packer) . . . . . . . . . . . . 10
Was sagt die Bibel über sich selbst? (Manfred Schäller). . . . . . . 24
1 Die Haltung Jesu gegenüber dem AT . . . . . . . . . . . . . . 25
2 Das Selbstzeugnis des Alten Testaments . . . . . . . . . . . . 28
3 Schriftzeugnisse zur Inspiration,
Autorität und Kanonizität des NT . . . . . . . . . . . . . . . . 32
4 Erwägungen und Beobachtungen zum Inspirationsgeschehen . 37
5 Was folgt daraus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
Biblische Irrtumslosigkeit heute (Paul Wells) . . . . . . . . . . . . 41
1 Irrtumslosigkeit als eine Form biblischer Autorität . . . . . . . 41
2 Irrtumslosigkeit in der Beziehung zur christlichen Wahrheit . . 46
Das Schriftverständnis von Jesus (Heinrich von Siebenthal). . . . . 54
1 Entscheidendes steht auf dem Spiel . . . . . . . . . . . . . . . 55
2 Worauf sich der Glaube an die Bibel als Gottes Wort gründet . 57
Was ist biblische Irrtumslosigkeit? (Bernhard Kaiser) . . . . . . . . 65
1 Was ist ein Irrtum? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
2 Die theologische Begründung der biblischen Irrtumslosigkeit . 72
3 Irrtümer und Widersprüche in der Schrift? . . . . . . . . . . . 86
4 Der Sinn des Bekenntnisses zur Irrtumslosigkeit der Schrift . . 92
5 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94

Beiträge zu sogenannten Widersprüchen in der Bibel . . . . . . . . . . . . . . . . 97


Die sogenannten Widersprüche
im Alten Testament (Richard Schultz) . . . . . . . . . . . . . . . . 98
1 Einleitende Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
2 Grundlegende Einstellungen und methodische Prinzipien . . 104
3 Die exemplarische Behandlung von einigen sogenannten
Widersprüchen im Alten Testament . . . . . . . . . . . . . . 111
4 Sogenannte Widersprüche und die Bibeltreue . . . . . . . . . 120
5 Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
Die Glaubwürdigkeit der Bibel
und die Schöpfungsforschung (Reinhard Junker) . . . . . . . . . . 124
1 Problemstellung und Lage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
2 Schöpfungsforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
3 Worin besteht die apologetische Aufgabe der
Schöpfungsforschung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
4 Grenzen der Naturwissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . 128
5 Argumente für Schöpfung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
6 Die Evolutionsbeweise sind nicht stichhaltig . . . . . . . . . 132
7 Offene Fragen der Schöpfungsforschung . . . . . . . . . . . 134
8 Vom Umgang mit ungelösten Fragen . . . . . . . . . . . . . 137
Lukas als antiker Historiker (Armin D. Baum) . . . . . . . . . . . 141
1 Das Streben nach der historischen Wahrheit in der Antike . . 142
2 Die historische Methode in der Antike . . . . . . . . . . . . . 148
3 Das Streben des Lukas nach Wirklichkeitstreue . . . . . . . . 151
4 Die Bedeutung der historischen Faktentreue für Theophilus . 154
Widersprüche in den Auferstehungsberichten
der Evangelien? (Peter Mergler) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
1 Die Übereinstimmung der Osterereignisse im Detail . . . . . 156
2 Einzelfragen zum Gesamtablauf: . . . . . . . . . . . . . . . . 162
3 Zusammenfassung: Die Ereignisse am Ostermorgen
in ihrem Gesamtablauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164
4 Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165

Kirchengeschichtliche Beiträge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167


Die philosophischen Voraussetzungen der Behauptung einer
fehlerhaften Bibel (Norman L. Geisler) . . . . . . . . . . . . . . . 168
1 Philosophische Voraussetzungen aus Altertum und Mittelalter 169
2 Moderne philosophische Voraussetzungen, die die Lehre
von der Irrtumslosigkeit der Schrift untergraben . . . . . . . 174
3 Auf dem Weg zu einer bibeltreuen Antwort . . . . . . . . . . 207
Bibeltreue Theologie in Deutschland:
1800 bis 1914 (Stephan Holthaus) . . . . . . . . . . . . . . . . . 211
1 Die Entwicklung der Bibelkritik im 19. Jahrhundert . . . . . 212
2 Bibeltreue Theologen im 19. Jahrhundert . . . . . . . . . . . 216
3 Fazit: Bibeltreue Theologie im 19. Jahrhundert . . . . . . . . 227

Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
Die Chicago-Erklärung
zur Irrtumslosigkeit der Bibel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
1 Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
2 Zusammenfassende Erklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
3 Artikel des Bekennens und Verwerfens . . . . . . . . . . . . 234
4 Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239
Vorwort

enn dieses Buch nicht unfehlbar ist, wo sollen wir dann Un-

“W fehlbarkeit finden?” Diese Worte stammen vom “Fürsten


aller Prediger”, C.H. Spurgeon.1 Sie gehörten zu einem
Vortrag, den er als flammenden Appell und letztes Vermächtnis seinen
Schülern und Absolventen 1891 ins Stammbuch schrieb und der unter dem
Titel “Der größte Kampf in der Welt” anschließend in 30.000 Exemplaren
an alle Geistlichen Englands verschickt wurde. Wohl kaum hat es jemals
eine Predigt gegeben, in der so eindrücklich die Bedeutung der Bibel für das
Leben des Christen betont wurde, wie diese von Spurgeon. In unnachahmli-
cher Dringlichkeit forderte er seine Zuhörer auf, vorbehaltlos dem Wort der
Schrift zu vertrauen und alle Bibelkritik abzuweisen. “Das Heilige Wort hat
mehr Kritik erduldet, als irgendeine allgemein anerkannte Lehre der Philo-
sophie oder Wissenschaft, und es hat jede Feuerprobe überstanden”, so
Spurgeon.2 Die Glaubwürdigkeit der Bibel in Frage zu stellen, sei der Aus-
verkauf des christlichen Glaubens.
Die Debatten und Diskussionen um die Glaubwürdigkeit der biblischen
Bücher wurden noch in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts intensiv ge-
führt, sind aber in letzter Zeit stark abgeebbt. Eine gewisse Lethargie macht
sich allerorten breit. Manche Christen meinen, es gäbe heute wichtigere Fel-
der der Auseinandersetzung, als die Bibelfrage. Wieder andere meinen, dass
alle Argumente ausgetauscht seien und sich die Fragestellung totgelaufen
habe. Zudem beobachtet man generell eine Müdigkeit zur Auseinanderset-
zung um lehrmäßige Fragestellung. Das gesellschaftliche Harmoniestreben
und Sicherheitsbedürfnis scheint hier der größte Feind einer biblischen
Apologetik zu werden. So ist es nicht verwunderlich, dass in den letzten Jah-
ren wenige fundierte Beiträge zur Bibelfrage erschienen sind und auf der
Gemeindeebene das Thema kaum noch behandelt wird.
Andererseits muss festgestellt werden, dass selbst innerhalb der evange-
likalen Bewegung, die seit ihren Anfängen eigentlich eine klare Gegnerin
der Bibelkritik war, in der Bibelfrage manche Auflösungserscheinungen
sichtbar werden. Ehemals selbstverständliche Überzeugungen über die Un-

1
Zitiert nach C.H. Spurgeon, Es steht geschrieben: Die Bibel im Kampf des
Glaubens, 3. Aufl. Wuppertal: Oncken, 1986, S. 31.
2
Ebd., S. 16.
Vorwort 7
fehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Bibel sind heute nicht mehr selbstver-
ständlich. Eine gemäßigte Form der Bibelkritik hat auch evangelikale Kir-
chen und Freikirchen erreicht, ohne dass sich großer Protest geregt hätte.
Besonders im Bereich der Verfasserschaftsfragen biblischer Bücher gibt es
längst keinen Konsens mehr. Die Historizität biblischer Berichte wird als
unwesentlich abgetan, so als ob solche Fragen den Glauben nicht beeinflus-
sen würden. Einer in der Tradition der Kirche jahrhundertelang vertretenen
Verbalinspiration wird aufklärerischer Rationalismus vorgeworfen. Den
verbindlichen Aussagen der Bibel zu Fragen der Ethik und des Lebensstils
wird neuerdings auch in “frommen Kreisen” widersprochen. Man interpre-
tiert sie kurzerhand als zeitbedingt.
Deshalb ist es an der Zeit, wieder neu auf die Bedeutung der Bibelfrage
für Glauben und Leben hinzuweisen. Dieses Buch möchte einerseits gegen
diese Auflösungserscheinungen in Kirche und Gesellschaft protestieren und
andererseits die Überzeugung von der Glaubwürdigkeit der ganzen Bibel
stärken. Es enthält eine Sammlung von wichtigen Beiträgen bibeltreuer
Theologen zur Schriftfrage. Viele davon sind in einem der wohl wichtigsten
Organe bibeltreuer Theologie erschienen, der Zeitschrift “Bibel und Ge-
meinde”. Seit 1894 arbeiten dort Christen zusammen, um die Irrtumslosig-
keit der Bibel fundiert und sachlich zu begründen. Die meisten Autoren die-
ses Sammelbandes sind Mitglieder im Bibelbund.
Die gegenwärtige Situation der Bibelfrage darf nicht unwidersprochen
hingenommen werden. Lasst uns erneut für die Überzeugung von der Un-
fehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Bibel eintreten! Wir würden uns freuen,
wenn viele Leser sich ebenfalls dieser fundamentalen Auseinandersetzung
stellen würden, damit im neuen Jahrtausend die Heilige Schrift als Funda-
ment des Glaubens vermehrt Einfluss gewinnt.
Stephan Holthaus
Karl-Heinz Vanheiden
im Oktober 2001
Allgemeine Beiträge
zum Schriftverständnis
der Bibel
James I. Packer1

Licht an einem dunklen Ort


Eine Predigt2
ein Text steht in 2.Petrus 1,19-21. Der Apostel schreibt: “Und um

M so fester besitzen wir das prophetische Wort, und ihr tut gut da -
ran, darauf zu achten als auf ein Licht, das an einem dunklen Ort
leuchtet, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.
Vor allem sollt ihr verstehen, dass keine Prophetie in der Schrift aus der ei-
genen Deutung des Propheten kam. Denn niemals ist eine Prophetie aus
menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben vom Hei-
ligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet.”
Wenn Sie wie ich einmal die Mammutbaumparks im Norden von Kali-
fornien besichtigt haben, werden Sie vielleicht bemerkt haben, dass die Bäu-
me in diesen Reservaten sorgfältig abgesperrt sind. Vielleicht haben Sie sich
gefragt, warum. Die Antwort lautet, dass sie trotz ihrer gewaltigen Größe ein
sehr flaches Wurzelwerk haben. Und das ständige Trampeln der Besucher
würde ihre Wurzeln so freilegen, dass sie durch den Wind verletzt werden
könnten. Darum sind die Zäune aufgestellt: damit die Besucher ihnen nicht
zu nahe kommen und sie schwächen, so dass sie schließlich eingehen.
Das sagt mir etwas: Seit dreißig Jahren [1979] bin ich nun Christ. Ein
evangelikaler Christ, der die evangelikale Welt aufmerksam beobachtet.
Und ich bin zu der Ansicht gekommen, dass die Evangelikalen heutzutage
wie diese Mammutbäume sind. Ich habe unglaubliches Wachstum gesehen
in der Anglikanischen Kirche, meiner eigenen Mutterkirche. Ungefähr ein
Viertel der Pastoren in den Ortsgemeinden teilen entschieden evangelikale
Grundüberzeugungen. Das ist völlig anders als vor dreißig Jahren. Hier in
den USA bekennt etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung, wiedergeboren
1
Dr. James I. Packer war viele Jahre Professor für Systematische Theologie und
Theologiegeschichte am Regent College in Vancouver/ Kanada und ein profilier-
ter Autor und Redner der britischen Evangelikalen. „Eine Lampe an einem dunk-
len Ort“ wurde ursprünglich als Predigt auf dem ersten Kongreß des International
Council on Biblical Inerrancy gehalten und veröffentlicht in Can We Trust the Bi-
ble? Leading Theologians Speak Out on Biblical Inerrancy, Hg. Earl D. Radema-
cher, Wheaton: Tyndale House Publishers, 1979, S.15-32. Die freie Redeweise
wurde beibehalten.
2
Copyright: Paternoster Press, Carlisle, England, mit freundlicher Genehmigung.
Licht an einem dunklen Ort 11
zu sein. Auch das ist sicherlich neu. Ich habe gesehen, wie die christliche Li-
teratur sich entwickelt hat; wie sie gewachsen ist quantitativ wie qualitativ,
Fachliteratur ebenso wie allgemeinverständliche. Als meine christliche Pil-
gerfahrt begann, gab es so etwas wie die heutige christliche Literatur über-
haupt nicht! Ich habe auch große Aufbrüche von Evangelisation und Ge -
meindeerneuerung gesehen, die wirklich aufregend waren. Und ich habe die
Epoche der großen Kongresse in Berlin und dann in Lausanne miterlebt. Es
gab großes und wunderbares Wachstum!
Aber es scheint mir, es gab auch eine unverkennbare Seichtheit. Und wie
die Jahre vergangen sind und das Wachstum zugenommen hat, scheint es
mir, dass auch die Seichtheit noch zugenommen hat, anstatt mit dem fort-
schreitenden Wachstum allmählich zu verschwinden.
Vielleicht fragen Sie sich jetzt: “Was meint er bloß?” Ich meine dies: Ich
bin sicher, dass ich an der letzten Generation eine echte Schwächung in
Lehrfragen beobachtet habe zugunsten einer fast ausschließlichen Konzen-
tration auf Erfahrung. Wenn man richtig fühlt und mit Begeisterung handelt,
dann ist die Lehre egal. Ich habe Unsicherheit und Verwirrung in allen nur
denkbaren Bereichen gesehen in Bezug auf grundlegende Glaubensüber-
zeugungen; und besonders im Hinblick auf Wesen und Gebrauch der Bibel,
die Quelle all unserer Glaubensüberzeugungen. Und wenn hier Unsicherheit
besteht, kann man damit rechnen, sie auch in allen anderen Bereichen zu fin-
den. Ich habe gesehen, wie sich zu meinen Lebzeiten ganze Großkirchen
und Lehreinrichtungen von der Bibel entfernt haben. Das hat mich sehr be-
unruhigt.
Ich glaube, dass die Arbeit, die wir hier auf dieser Konferenz tun, eine
Menge bewirken könnte für das Wurzelwerk der Evangelikalen unserer
Zeit. Die Alternative zu einer Stärkung der Wurzeln ist, so befürchte ich,
dass wir immer seichter und seichter werden. Wo wird das hinführen? Ich
fürchte, dass wir dann schon bald am Ende sein werden. Es tut mir leid, dass
ich mit einer so düsteren Bemerkung beginne, aber so sehe ich die Dinge.
Wir wollen nach Wegen suchen, wie wir die Autorität des Wortes Gottes
im Leben der Christen und der Kirche stärken können, und ich glaube, solch
eine Erklärung zur Irrtumslosigkeit, wie wir sie samt ihren Erläuterungen er-
arbeiten möchten, ist da eine strategisch äußerst sinnvolle Maßnahme.
Wenn wir heute wirklich ins Herz der Bibelfrage vorstoßen wollen, müssen
wir beim Thema der Irrtumslosigkeit ansetzen. Das ist die zentrale Frage an-
gesichts der Diskussionslage moderner Theologie!
12 James I. Packer:
Vielleicht haben Sie die Geschichte von dem Doktor gehört, der zu ei-
nem Patienten mit akuten Bauchschmerzen gerufen wurde und ihm sofort
eine Pille gab. Eine Person, die nach ihm sah, sagte: “Doktor, wird ihm das
helfen?” Der Doktor sagte: “Nein, aber er wird einen Anfall bekommen, und
Anfälle kann ich behandeln!” Gott behüte, dass wir jemals die eigentlichen
Nöte der Kirche unserer Zeit so behandeln sollten! Wir müssen abzielen auf
den tatsächlichen Problembereich, nämlich unsere Einstellung zur Bibel.
Schauen Sie sich unseren Text an. Es sind Worte des Apostels Petrus,
der Schlüsselperson der frühen Kirche. Sie sind aus seinem zweiten Brief, in
dem er, so vermute ich, einen anderen Schreibsekretär hatte als Silvanus,
dessen Hilfe er sich im ersten Brief bediente. (Dies erklärt übrigens, warum
der Stil im zweiten Brief so anders ist als der im ersten Brief, und warum
diese Unterschiede kein Argument sind für die beliebten Zweifel an der
Verfasserschaft von Petrus.) Es ist Petrus, der – wie er glaubt – seine aller-
letzten Worte, sein Vermächtnis, seine letzte Unterweisung aufschreibt an
diejenigen, denen sein Dienst gegolten hatte; diejenigen, für die er hochge-
achtete pastorale Verantwortung getragen hat; diejenigen, denen er über
Jahre hinweg versucht hat, die göttlichen Dinge weiterzugeben.
Er weiß, dass sein Tod nahe bevorsteht. Davon spricht er in Kapitel 1,14:
“Ich weiß”, sagt er, “dass ich bald [das Zelt meines Körpers] hinweg tun
werde, wie es unser Herr Jesus Christus mir klargemacht hat.” Und so
schreibt er den zweiten Brief, um sie an die Dinge zu erinnern, die er sie
schon gelehrt hat, und sie darin zu bestärken. Er sagt in V.12: “Ich werde
euch immer an diese Dinge erinnern, auch wenn ihr sie schon wisst und fest
gegründet seid in der Wahrheit, die ihr nun habt.” Und wieder, in V.15: “Ich
werde alles tun, damit ihr nach meinem Weggang euch immer an diese Din-
ge erinnern könnt.”
Sie fragen sich nun vielleicht, was für Dinge das sein mögen. Die Ant-
wort ist klar: Es sind die Dinge, die die Erkenntnis des Herrn Jesus Christus
betreffen. “Jesus Christus, unser Herr und Heiland”, wie Petrus in V.2 sagt,
und dann auch in V.3 und V.8 desselben Kapitels. Es ist eine Lieblingswen-
dung in diesem Brief, die auch in den allerletzten Worten des Petrus wieder-
kehrt, nämlich in 3,18, wo er seine Leser auffordert, “in der Gnade und Er-
kenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus zu wachsen”. Dies war
schon immer sein Anliegen in seinem Dienst gewesen; und nun möchte er es
in seinem letzten Brief noch einmal bekräftigen, dass Jesus Christus der
Herr und Retter ist.
Licht an einem dunklen Ort 13
In dem Abschnitt, aus dem unser Text kommt, beschäftigt er sich mit der
“Macht und dem Kommen unseres Herrn Jesus Christus”. Diese Wendung
steht in V.16. In V.3 sprach Petrus von der Macht des Christus, durch die er
Leben gibt – wie seine Macht uns alles gegeben hat, was wir zum Leben und
zur Frömmigkeit brauchen. Und dann erwähnt er das Kommen unseres
Herrn Jesus Christus, diesen großen Zielpunkt der Geschichte der Mensch-
heit, in dessen Licht jeder im Volk Gottes leben soll, und auf den er sich je-
den Tag freuen soll.
In den Versen 16-18 spricht er von den Dingen, die er über Jesus Chris-
tus, den Sohn Gottes, gelehrt hat. Er bekräftigt ihre Wirklichkeit, ihre Wahr-
heit und Zuverlässigkeit, indem er auf die Verklärung verweist, dieses große
Ereignis, von dem er selbst Augenzeuge war. In V.16 sagt er: “Wir sind
nicht schlau ausgedachten Geschichten gefolgt”. (Nebenbei gesagt: das
Wort für “Geschichten” heißt “Mythen”; und dieses Wort “Mythen” meinte
im ersten Jahrhundert genau wie heute “eine Geschichte, die keine faktische
Basis hat, was auch immer ihre Bedeutung für jemanden sein mag.”) Darauf
kommt es Petrus hier an: “Wir sind nicht schlau ausgedachten Geschichten
gefolgt.” Das heißt: “Wir haben euch nicht mit Geschichten vollgestopft, die
keine Fakten als Grundlage haben als wir euch von der Macht und der Wie-
derkunft unseres Herrn Jesus Christus erzählten.” Nein, denn er sagt weiter:
“Wir waren Augenzeugen seiner Herrlichkeit. Wir sahen und hörten. Er
empfing Ehre und Herrlichkeit von Gott, dem Vater; eine Stimme kam zu
ihm von der erhabenen Herrlichkeit und sagte ‘Dies ist mein Sohn, den ich
liebe; an ihm habe ich mein Gefallen.’” “Wir sahen es, wir hörten es”, sagt
Petrus, “übernehmt es von mir!”
Und dann fährt er überraschenderweise in V.19 fort: “Nehmt es nicht nur
von mir. Nehmt es nicht einmal in erster Linie von mir! Wir haben eine
Quelle der Erkenntnis von Christus, die noch sicherer ist als das Zeugnis der
Augenzeugen. Wir haben etwas Festeres, Sichereres, Zuverlässigeres.” Be-
achten Sie, er sagt: “Wir haben”, schließt sich also selbst mit ein. “Etwas si-
chereres für mich”, meint Petrus also, “obwohl ich gesehen und gehört habe.
Und auch sicherer für euch, obwohl ich euch erzählt habe von dem, was ich
gehört und gesehen habe.”
Merken Sie, was er hier tut? Sein Gedankengang geht vollkommen in
die entgegengesetzte Richtung als die Art, wie wir so oft heute den Glauben
rühmen. Wir sagen: “Ja, es steht in der Bibel. Ich zeig es dir; lasst uns den
Text anschauen; lies es mit mir. Und mehr noch, es funktioniert! Ich werde
dir von meiner Erfahrung erzählen und dir zeigen, wie es funktioniert.” So
14 James I. Packer:
bewegen wir uns weg von der Bibel, hin zum persönlichen Zeugnis, zu per-
sönlicher Erfahrung, als ob das sicherer wäre und die wahre Grundlage, auf
der wir biblische Wahrheit rühmen. Aber Petrus tut hier genau das Gegen-
teil, denn er sagt: “Nun haben wir etwas Sichereres als das Zeugnis, das ihr
von mir hören könnt. Wir haben das Wort der Propheten, das ist sicherer.”
Ihnen wird auffallen, dass ich nicht sage “um so sicherer ist nun das pro-
phetische Wort geworden”, wie es moderne Übersetzungen und Kommen-
tare gewöhnlich tun. Sie denken, dass Petrus meint, die Stimme vom Him-
mel bei der Verklärung hätte das prophetische Wort vertrauenswürdiger ge-
macht, als es vorher schon war. Aber “geworden” steht nicht im Griechi-
schen, sondern dort heißt es: “Wir haben als sichereres das prophetische
Wort”. Es wäre anders ausgedrückt worden, wenn Petrus gemeint hätte, was
die modernen Theologen annehmen. Ich folge dem natürlichen Sinn des
Griechischen, wie es auch die King-James-Übersetzung tut.
Also nun zurück zum Text. “Das prophetische Wort,” so erklärt Petrus,
“ist sogar sicherer als was ich persönlich bezeugen kann, obwohl ich ein
Apostel bin, der die Verklärung miterlebt hat.” Sie sagen nun bestimmt:
“Das ist erstaunlich für Petrus. Warum sollte er von der Schrift sprechen als
‘noch sicherer als dieses’?” Eine Möglichkeit, seine Aussage zu verstehen,
wäre apostolische Bescheidenheit; sollen wir es vielleicht sogar als apostoli-
sche Unsicherheit verstehen? Wohl kaum. Petrus kommt es auf etwas ganz
anderes an.
Wenn er vom Wort der Propheten spricht, dem prophetischen Wort,
meint er – darin sind sich alle Kommentatoren einig – das gesamte Alte Tes-
tament. Alles wurde als prophetisch betrachtet. Mose war ein Prophet, die
Schreiber der Geschichtsbücher verstand man als Propheten, die Kleinen
Propheten, wie sie heißen; und alle Lehrer und Psalmisten und Verfasser der
Weisheitsliteratur im Alten Testament waren nach damaliger Auffassung
ebenfalls Propheten. Und das Wesen des prophetischen Wortes war, dass es
sich in Wahrheit um Gott handelte, der lehrte, predigte, sich an die Men -
schen wandte und sie unterwies, und zwar, um sicherzugehen, auf einem
möglichst direkten Weg, nämlich durch das Reden von menschlichen Ver-
tretern. Was sie redeten, war im eigentlichsten und prinzipiellsten Sinne sein
Wort und nicht ihr eigenes. “So spricht der Herr”, sagten die Propheten und
alarmierten damit alle, die ihnen zuhörten und später das Geschriebene lesen
würden, dass das, was nun präsentiert würde, nicht die persönlichen Gedan-
ken von Jeremia, Jesaja oder Hesekiel oder wem auch immer waren, son-
dern das Wort Gottes, des Herrn selbst, der direkt durch seine prophetischen
Licht an einem dunklen Ort 15
Sprecher redete. Und die Art, wie Jesus und die Verfasser des Neuen Testa-
ments Texte aus den Psalmen und der Weisheitsliteratur zitieren und auf -
nehmen, zeigt, dass sie sie im gleichen Sinne für prophetisch hielten, auch
wenn die prophetische Einleitungsformel nicht verwendet wird.
Der Punkt, auf den es Petrus hier ankommt, ist folgender: “Gott hat im
prophetischen Wort gesprochen. Und was ich sage und was die Stimme sag-
te, die ich vom Himmel hörte, kann nur richtig sein, wenn es in Einklang
steht mit diesem prophetischen Wort.” Das prophetische Wort bestätigt es.
Nicht andersherum. Das prophetische Wort bestätigt, dass die Erfahrung des
Petrus richtig ist; dass die Stimme vom Himmel, die er hörte, tatsächlich die
Stimme Gottes war. Dieses Wort ist sicherer, gewisser und zuverlässiger.
Dieses Wort bestätigt alle unsere jetzige Erfahrung. Das ist, worauf es Pe-
trus hier ankommt. Nehmt alles letztendlich, aus dem geschriebenen Wort,
das Gott uns gegeben hat, sagt er.

Hier drängen sich drei Fragen auf, über die ich mit Ihnen sprechen möch-
te. Erstens: Auf was bezieht sich die Aussage von Petrus?
Nun, wie ich schon gesagt habe, auf das ganze Alte Testament, denn zu
Petrus’ Zeiten verstand man alles im Alten Testament als prophetisch. Be-
rücksichtigen wir den gesamten zweiten Petrusbrief, müssen wir allerdings
feststellen, dass seine Aussage auch apostolische Schriften einbezieht. Denn
in 2Pt 3,15, wo er seine Leser implizit auffordert, die Schriften zu studieren,
spricht Petrus von dem, was “auch unser lieber Bruder Paulus schrieb mit
der Weisheit, die Gott ihm gegeben hat”. Er fährt dann fort: “Davon redet er
in allen seinen Briefen, in denen einige Dinge schwer zu verstehen sind ...” -
wie recht er hat! - “... welche die Unwissenden und Leichtfertigen verdre-
hen, wie auch die andern Schriften, zu ihrem eigenen Unheil”. Ist das nicht
verblüffend? Hier, im apostolischen Zeitalter, vergleicht Petrus schon die
Briefe seines Mitapostels Paulus mit “den anderen Schriften” und ordnet sie
damit selbst als Heilige Schrift ein.
Doch eigentlich ist das überhaupt nicht merkwürdig. Petrus wusste, was
apostolische Inspiration war. Er hatte sie schließlich selbst erlebt. Er begriff,
dass apostolische Inspiration im Neuen Bund der prophetischen Inspiration
im Alten Bund entsprach. Was im menschlichen Sprecher ablief, mag viel-
leicht etwas anders gewesen sein, aber das Ergebnis – dass Menschen das
Herz Gottes in Worte fassen, die Gott ihnen selbst gegeben hat – war in bei-
den Fällen identisch. Also können wir festhalten: Was Petrus über das pro-
phetische Wort sagt – dass es zuverlässig ist, zuverlässiger als alles, was
16 James I. Packer:
man hören, sehen oder erfahren kann, wirklich der Prüfstein für alle Erfah-
rung – können wir genauso auf das Neue Testament anwenden. Mit anderen
Worten, das prophetische Wort für uns umfasst alle kanonischen Schriften.

Zweitens stellt sich die Frage: Worauf beruht diese absolute Sicherheit
und Zuverlässigkeit des Wortes? Auch hier ist die Antwort klar: Auf seinem
göttlichen Ursprung; auf der Tatsache, dass es Gottes Wort ist. Es hat, wenn
Sie so wollen, eine doppelte Verfasserschaft. Die Menschen sind seine Mit-
autoren; Gott ist der Hauptverfasser. Petrus erklärt es nämlich selbst so in
den Versen 20 und 21: “Ihr müsst verstehen [das ist sehr wichtig], dass keine
Prophetie der Schrift aus der eigenen Interpretation der Propheten heraus
entstand ...” Dies war also nicht seine Privatmeinung oder dergleichen.
“Prophetie hatte niemals seinen Ursprung in dem Willen von Menschen,
sondern Menschen sprachen von Gott getrieben durch den Heiligen Geist”–
in der Weise getrieben, wie ein Schiff vom Wind getrieben wird. Das grie-
chische Verb würde man für ein Schiff mit dem Wind in den Segeln verwen-
den. Die Schrift ist zuverlässiger als jede andere Erkenntnisquelle, einfach
weil sie direkt und wesenhaft das Zeugnis und das Wort Gottes ist. Wenn
wir von Jeremia lesen, wie er Gottes Verheißung im ersten Kapitel seines
Buches mit den Worten empfängt, “ich habe meine Worte in deinen Mund
gelegt”, dann lernen wir hier mit Jeremia, was göttliche Inspiration meint.
In Apg 4,25, der ersten Schilderung einer christlichen Gebetsversamm-
lung, sehen wir, wie die Urgemeinde betet: “Allmächtiger Gott ... Durch den
Heiligen Geist hast du durch den Mund deines Dieners, unseres Vaters Da-
vid, gesprochen.” In Apg 28,25 sehen wir, wie Paulus zu den Juden in Rom
sagt: “Trefflich hat der Heilige Geist durch den Propheten Jesaja gespro-
chen.” Im Neuen Testament sehen wir, wie Christen anerkennen, dass Gott
sein Wort in den Mund dieser Männer des Alten Testaments legte. Wir se-
hen, dass der Schreiber des Hebräerbriefes das Alte Testament als unmittel-
bares Wort vom Vater, Sohn und Heiligen Geist zitiert. Und wir sehen, dass
unser Herr Jesus selbst in Markus 12,36 sagt: “David selbst hat durch den
heiligen Geist gesagt: ‘Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu
meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter meine Füße lege.’” Diese Stellen
im Neuen Testament zeigen, dass die Schrift in Wahrheit Gottes Wort in
Menschenmund ist.
Beachten Sie bitte, dass dieses Verständnis vom Wesen der Schrift kein
instrumentelles ist, wie es heutzutage so beliebt ist - das Verständnis, dass
die Schrift wesenhaft nichts weiter ist als ein menschliches Zeugnis von
Licht an einem dunklen Ort 17
Gott und seiner Gnade; aufrichtig, aber fehlbar. Diese Sicht erlaubt Ihnen,
Einzelheiten von dem zu streichen, was das biblische Zeugnis sagt. Das ist
nicht die Sicht, die Petrus unterstützt. Er setzt nicht bei der Menschlichkeit
der Bibel an, sondern bei ihrer Göttlichkeit. Und sein Verständnis vom We-
sen der Schrift ist nicht einfach instrumentell, als wäre sie ein menschliches
Zeugnis, das Gott trotz seiner Mängel benutzt. Man könnte es eher inkarna-
torisch nennen, denn für Petrus sind die Worte der Schrift bloß die menschli-
che Form – man könnte sagen, das menschliche Wesen – von Gottes Selbst-
zeugnis.
Petrus setzt an bei dem Gott, der sich selbst bezeugt. Und er nennt den
Grund dafür, dass Gott durch diese biblischen Schriften zu uns heute spricht:
weil er durch sie ein für allemal gesprochen hat, als er sie gegeben hat. Des-
halb sind sie der Maßstab für Gottes Weisung an uns heute; die zuverlässigs-
te Quelle geistlicher Erkenntnis, die wir haben. Das Verständnis von Inspi-
ration, das wir laut Petrus haben sollten, ist ein inkarnatorisches, und zwar in
diesem Sinne: So, wie wir in der Person von Jesus Christus den Sohn Gottes
sehen, der die menschliche Natur angenommen hat, während doch seine we-
senhafte Identität seine göttliche bleibt, so sehen wir in der Schrift die
menschliche Form, die Gottes Wort angenommen hat, während es seiner
wesenhaften Identität nach jedoch Gottes Wort ist – in keiner Weise durch
seine menschliche Verkörperung herabgesetzt.
Menschen sprachen von Gott, getrieben vom Heiligen Geist. Ihr Wort
war und ist das Wort Gottes, weil sein Ursprung göttlich ist. Und zwar ist es
das, bevor Gott es überhaupt benutzt, um mit uns heute zu kommunizieren.
Und weil es Gottes eigenes Wort ist, ist es von universaler Bedeutung, auch
wenn es eine bestimmte Form hat. Die Bibel ist eine Zusammenstellung von
bestimmten Schriften aus dem Altertum, genau wie Jesus ein bestimmter
Jude im ersten nachchristlichen Jahrhundert war. Aber so wie Jesus Christus
Gottes Sohn und Retter der Welt ist, so ist die Heilige Schrift Gottes Wort
und Weisheit für die Welt. Gott in seiner Universalität ist in dieser speziellen
Wirklichkeit. Weil die Bibel Gottes Wort ist, ist sie völlig vertrauenswürdig
und absolut verbindlich für unser Leben – nicht relativ gesehen, weil es die
beste Quelle ist, die wir haben, sondern absolut, weil sie Gottes reines Wort
ist, mit dem er sich an alle Menschen wendet und das in alle Ewigkeit be-
steht.

Meine dritte Frage ist: Was sagt uns all das hier und heute? Ich glaube,
dass Gott uns damit besonders ermutigen möchte, denn es zeigt, dass wir
18 James I. Packer:
hier richtig sind auf der Suche danach, wie wir gemeinsam diese Dinge an-
packen können. Unser Anliegen dreht sich rund um das Wort “Irrtumslosig-
keit”. Wir sagen, dass es der Autorität der Schrift an Substanz fehlt, solange
die Irrtumslosigkeit der Schrift nicht als ihre Grundlage bejaht wird. Man-
che Leute fragen sich heutzutage, ob das Wort “Irrtumslosigkeit” dabei hilf-
reich ist. Ich schätze es; und ich möchte Ihnen sagen, warum.
Es ist in Wirklichkeit, im biblischen Sinne des Wortes, ein “Schibbolet”,
das heißt ein Prüfstein, an dem Dinge erkennbar werden. Ich weiß, dass das
Wort “Schibbolet” negative Assoziationen weckt und heutzutage abgewer-
tet ist, aber erinnern Sie sich, wie das Wort ursprünglich zu seiner Verwen-
dung kam. In Richter 12 lesen wir, wie die Gileaditer und Jephtah von den
Furten des Jordans Besitz ergriffen hatten. Wenn einer von den Ephraimi-
ten, ihrer Feinde, vorbeikam, fragten sie ihn, ob er aus Ephraim sei. Nun,
natürlich sagte er “nein”. Aber dann forderten sie ihn auf, das Wort “Schib-
bolet” zu sagen. Falls er aus Ephraim war, konnte er es nicht aussprechen.
Dann wussten sie, wer er wirklich war, und behandelten ihn entsprechend.
Das Wort “Schibbolet”, das die Ephraimiter nicht aussprechen konnten,
wurde so zu einem Prüfstein der Identität. Nun möchte ich Ihnen nahebrin-
gen, dass dieses Wort “Irrtumslosigkeit” ebenso ein Prüfstein der Identität
ist. Die Reaktionen darauf zeigen uns nämlich, was die Leute wirklich mei-
nen, wenn sie von der Autorität der Bibel sprechen. Wenn die Irrtumslosig-
keit abgelehnt wird, wie es bei jenen Freunden zu sein scheint, die die Inspi-
ration der Schrift nur in instrumentellen Begriffen denken, dann ist das, was
für sie Autorität hat, nur eine persönlich bearbeitete Schrift, eine Schrift ab-
züglich der Stellen und Stückchen, die sie für falsch halten. Natürlich gibt es
keine höhere Instanz für sie als das, was sie denken; und was sie heute den-
ken, darüber ändern sie vielleicht morgen ihre Meinung. Und es muss ihnen
gesagt werden von ihren Freunden, weil die es deutlicher sehen als sie sel-
ber, dass, wenn sie erst einmal diese Richtung einschlagen, alle Gewissheit
verloren ist. So denke ich, weil ich es früher schon so erlebt habe.
Ich komme ja zu dieser Konferenz als ein Pastor der Anglikanischen
Kirche. In dieser Kirche gab es im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts eine
Gruppe von Leuten, die in der guten, alten evangelikalen Schule aufge-
wachsen waren. Sie fingen an, sich “Liberale Evangelikale” zu nennen,
weil sie sagten: “Wir können die absolute Wahrheit der Schrift und den Süh-
netod von Christus anzweifeln, ohne etwas von der Lebendigkeit evangeli-
kalen Glaubens zu verlieren. Wir können uns der modernen Theologie an-
passen und werden auf diese Weise größeren Einfluss gewinnen.” Zwei Ge-
Licht an einem dunklen Ort 19
nerationen weiter konnte man sehen, dass die ersten liberalen Evangelikalen
wirklich die Wurzel für alles gewesen waren. Als ich nämlich in den vierzi-
ger Jahren aufwachte und anfing, die geistliche Entwicklung wahrzuneh-
men, waren sie immer noch am Ruder und schienen alles weiter voranzu-
treiben, während die Evangelikalen vom alten Schlag eine sehr kleine Min-
derheit in der Anglikanischen Kirche mit einem sehr geringem öffentlichen
Ansehen waren.
In den siebziger Jahren hat sich die Situation jedoch ins Gegenteil ver-
kehrt. Die Kinder und Enkel der ersten Liberalen Evangelikalen haben größ-
tenteils aufgehört, sich überhaupt noch evangelikal zu nennen. Die meisten
finden sich im radikalen Lager all derer wieder, die die Gottheit und Aufers-
tehung Jesu anzweifeln, die Trinität in Frage stellen, keine persönliche Wie-
derkunft Jesu erwarten und keine Versöhnungslehre haben. Sie verstehen
unter Wiedergeburt nicht den Beginn eines neuen Lebens, sondern lediglich
eine neue Seite des Lebens. Der Naturalismus ist eingebrochen und hat sie
einfach verschluckt. So läuft das. Und wenn ich Francis Schaeffer höre, wie
er angesichts der heute umhergehenden aufgeweichten Sicht von biblischer
Autorität und biblischer Inspiration fragt: “Was wird das für unsere Enkel
bedeuten?”, dann sage ich: “Bruder, du stellst die richtige Frage! Meine Er-
fahrung in England erlaubt mir eine Antwort. Ich weiß, was das für unsere
Enkel bedeuten wird - falls es sich bis dahin nicht erledigt haben sollte.”
Petrus bricht eine Lanze für die ontologische Inspiration – eine Inspirati-
on vergleichbar zur Inkarnation von Christus selbst. Er ist der Sohn Gottes;
die Bibel ist das Wort Gottes. Deshalb betont Petrus, dass die ganze Schrift
autoritativ ist. Ihre Autorität ist die Autorität Gottes. Nun sagt er - und wir
beginnen sicherlich, etwas von dem Gewicht dessen zu sehen, was er jetzt
sagt: “Wir haben das, was völlig sicher ist, das biblische Wort, und ihr tut
gut daran, auf es zu achten, wie auf ein Licht, das an einem dunklen Ort
scheint.”
Ich denke, ich weiß, warum einige meiner Brüder die biblische Irrtums-
losigkeit aufgegeben haben. Zum Teil hat es sie getroffen, wie unglücklich
manchmal Verfechter der Irrtumslosigkeit in der Exegese vorgegangen
sind, und teilweise haben sie sich herumgeschlagen mit den kleinen Diskre-
panzen im Detail, die immer noch da sind, obwohl es, so möchte ich sagen,
nicht dieselben sind, mit denen sich unsere Väter und Großväter herumge-
schlagen haben. In der Beschäftigung mit den Diskrepanzen scheint es mir
ein allgemeines Gesetz zu geben: Das Problem der einen Generation wird
von der nächsten gelöst, während ein neuer Haufen von kleinen Problemen
20 James I. Packer:
entsteht für diese Generation, der wiederum auf die nächstfolgende Genera-
tion übergeht, und so geht das dann immer weiter. Sicher gibt es diese klei-
nen Diskrepanzen, aber es scheint Teil der Disziplin im Glaubensleben zu
sein, dass wir mit ihnen leben und anerkennen sollen, dass sie optische Illu-
sionen sein müssen. Einfach deswegen, weil die Bibel das Wort Gottes ist.
Wenn wir es jetzt nicht sehen können, sollen wir es glauben. Vielleicht wer-
den es unsere Kinder mal sehen, wenn die Erkenntnis zunimmt, so wie auch
wir in unseren Tagen erlebt haben, wie sich einige kleine Probleme erledigt
haben, mit denen sich unsere Väter herumgeschlagen haben (z.B. die ge-
naue Datierung der Könige Israels).
Zu diesem Thema der Diskrepanzen fällt mir etwas ein, das ich bei ei-
nem alten Puritaner aus dem siebzehnten Jahrhundert namens William Brid-
ge gelesen habe. In dem Abschnitt sagt er, dass es ein sehr schlechtes Herz
offenbart, wenn man auf den Unterschieden herumreitet, und spielt dann auf
2.Mose 2 an (ich zitiere es aus dem Gedächtnis): “Für den frommen Men-
schen sollte es sein wie für Mose. Wenn ein frommer Mensch sieht, dass die
Bibel nicht mit säkularen Erkenntnissen übereinstimmt, dann macht er es
wie Mose, als er einen Ägypter mit einem Israeliten kämpfen sah: Er tötet
den Ägypter; das heißt, er stellt das säkulare Zeugnis in Frage, weil er weiß,
dass Gottes Wort wahr ist. Aber,” sagt Bridge, “wenn er eine scheinbare Un-
gereimtheit entdeckt zwischen zwei Abschnitten der Schrift, dann macht er
es wie Mose, als er zwei Israeliten im Streit sah: Er versucht, sie zu versöh-
nen. Er sagt: 'Aha, dies sind Brüder. Ich muss Frieden stiften zwischen ih-
nen.’” Das ist etwas drollig, aber nett, und ich denke sehr wahr. Und mit sei-
nen dreihundert Jahren äußerst aktuell für uns!
Obwohl ich, wie schon gesagt, verstehe, wie es kommt, dass einige mei-
ner Brüder heute die Irrtumslosigkeit aufgegeben haben, halte ich es für eine
tragische Schwächung ihres Zeugnisses. Es bedeutet unvermeidlich, dass
die Bibel, die sie als ihre anerkannte Autorität bekennen, zu einer Gummi-
masse für sie wird. Sie können sie herumbiegen, wie sie wollen; es gibt für
sie keine Gewissheit mehr in dem, was sie sagt. Hier soll uns das Wort von
Petrus ermutigen, dass wir unsere Ansicht in Einklang bringen mit seinem
Zeugnis von der Göttlichkeit des geschriebenen Wortes Gottes.

Es gibt einen letzten Aspekt, über den ich mit Ihnen nachdenken möchte:
die Dunkelheit des “dunklen Ortes”. Petrus sagt: “Ihr tut gut daran, auf die
Schrift zu achten, auf das prophetische Wort, das Wort, das Männer von
Gott her sagten als sie getrieben wurden vom Heiligen Geist. Denn es ist ein
Licht an einem dunklen Ort 21
Licht, das an einem dunklen Ort scheint.” Das Wort “dunkel” wird im Grie-
chischen gebraucht für einen schmuddeligen Ort, wie ein Keller, ein
Kuhstall oder eine Grube. Sie können leicht nachvollziehen, welchen Ge-
danken Petrus hier aufgreift: Er ist parallel zu dem bekannten Vers in Psalm
119,105, wo der Psalmist sagt: “Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und
ein Licht auf meinem Weg.” In seinem Licht kann ich sehen, wo es lang -
geht. Ohne sein Licht wüsste ich niemals, wo es langgeht, sondern würde
mich zwangsläufig verlaufen.
Das ist die Aussage, die der Psalmist hier macht. Es ist ein Bild. Da ist er,
es ist dunkel, er muss eine Reise machen, und im Dunkeln kann er den Weg
nicht erkennen. Der Weg ist holprig, und wenn er versucht, im Dunkeln zu
reisen, wird er ausrutschen, stolpern, hinfallen und sich verletzen. Ein
freundlicher Mensch gibt ihm ein Licht. Und Sie wissen, was passiert, wenn
Sie ein Licht haben. Sie halten es hoch vor sich, Ihre Taschenlampe, Ihre
Leuchte, oder was es auch sein mag. Es ist nicht gleich so, als ob die Sonne
aufgeht, denn es vertreibt nicht alle Finsternis um Sie herum. Aber es ver-
treibt das bisschen Dunkelheit direkt vor Ihnen, so dass Sie den Weg erken-
nen können. Dazu ist eine Taschenlampe da. Ja, ich glaube, dass dies der
Gedanke ist, auf den es Petrus hier ankommt: Du tust gut daran, auf das
Wort zu achten wie auf “ein Licht, das an einem dunklen, schmuddeligen
Ort scheint.”
Der Ort, denke ich, ist eher drinnen als draußen. Obwohl das griechische
Wort es nicht absolut sicherstellt, meine ich, dass Petrus von unseren Herzen
spricht (wie er es ausdrücklich im nächsten Satz tut), eher als von unserer
Umwelt – obwohl die wohl nicht weniger dunkel und schmuddelig ist. Das
menschliche Herz ist normalerweise ein Ort, der wirklich schmutzig ist, wo
der Dreck und Unrat aufgedeckt werden muss, damit er beseitigt werden
kann. Es ist ein Ort voller Hindernisse für unser Wohlergehen wie Vorurtei-
le, Voreingenommenheiten, Komplexe, Zwänge und dergleichen. Hier
brauchen Sie das Licht, um nicht zu stolpern. Sie wissen sicher, wie es ist,
wenn Sie versuchen, sich in völliger Dunkelheit einen Weg durch einen ein-
gerichteten Raum zu bahnen. Sie wissen nicht, wo die Möbel stehen; Sie fal-
len drüber und stoßen sich die Beine; Sie können sich beträchtlich verletzen,
indem Sie in etwas hinein laufen. Ihr Herz braucht ein Licht, und Petrus sagt:
“Ihr tut gut daran, auf Gottes Wort zu achten. Gottes geschriebenes Wort ist
wie ein Licht, das an einem dunklen Ort scheint und euch befähigt, den Hin-
dernissen auszuweichen, euren Weg zu erkennen und vielleicht aufzuräu-
men und den Unrat zu entfernen.”
22 James I. Packer:
Vor drei Tagen war ich auf einer Versammlung von Studenten. Ein jun-
ger Mann sagte nachher zu mir: “Letzte Woche habe ich mit einem Freund
geredet und wusste nicht, was ich antworten sollte. Er drängte darauf, dass
es vollkommen in Ordnung sei, Pastor und gleichzeitig praktizierender Ho-
mosexueller zu sein. Was hätte ich sagen sollen?” Der Mann hatte nie darü-
ber nachgedacht, dass ihm mal solch eine Frage gestellt werden könnte. Er
war völlig sprachlos, als er sie hörte. Ich sagte: “Nun, würde er es in Ord-
nung finden, als Pastor Unzucht zu praktizieren?” Ich verfolgte mit ihm die-
se Linie, die ich für die biblische halte. Aber so etwas wird, wie wir wissen,
leider in der Kirche gesagt. Und tatsächlich handeln einige nach diesen
Grundsätzen. Die Welt ist dunkel. Die Kirche ist dunkel. Die Herzen der
Menschen sind dunkel, sogar von Christenmenschen. Kein Wunder. Die
Welt ist verwirrend. Wir brauchen Licht. Gott sei Dank haben wir im ge -
schriebenen Wort Gottes das Licht, das wir brauchen.
Wenn jemand zu mir oder Ihnen sagen sollte: “Bist du es, der Israel ins
Unglück stürzt (nach 1Kö 18,17), indem du Staub aufwirbelst und die Leute
dazu nötigst, über Irrtumslosigkeit zu streiten und zu diskutieren?”, dann
sollten wir antworten, was Elia antwortete, als man ihm ähnliches sagte:
“Nicht wir stürzen Israel ins Unglück, sondern das Unglück kommt durch
die, die Israel wegführen von der Wahrheit und Autorität von Gottes Wort.”
Wer macht das Licht aus? Und wer versucht, es anzumachen? Ich glaube,
über diesen Punkt brauchen wir nicht zu diskutieren, als ob es da irgendei-
nen Zweifel geben könnte.
Gott sei Dank für das Licht, das er uns gegeben hat auf unserer Reise
durch diese dunkle Welt. Die Heilige Schrift ist das Licht, das inspirierte
Wort der kanonischen Unterweisung über Gott und das ihm wohlgefällige
Leben, das wie ein Licht an diesem so dunklen Ort scheint. Lernen Sie es,
Gott zu danken für das Wort und für unser Verständnis von Inspiration zu
werben durch die Art, wie Sie mit ihm umgehen; wie Sie es hochschätzen:
lesen, Stellen anstreichen, lernen und umsetzen! Ich erinnere mich an eins
meiner Bücher, dessen Seite mit der Inhaltsangabe diesen kostbaren Druck-
fehler enthielt: “RSVP bedeutet Revised Standard Version”. Aber in Wirk-
lichkeit ist es “RSVP – Répondez s´il vous plaît – um Antwort wird gebe-
ten”, was Gott auf die erste Seite unserer Bibeln geschrieben hat. Wir sollen
das Wort in unseren Herzen ansammeln und im Glauben darauf reagieren,
wenn der Morgenstern geistlicher Erkenntnis in uns drinnen aufgeht. Gott
gebe uns Gnade dazu; um es mit Isaac Watts zu sagen:
Licht an einem dunklen Ort 23
My hiding place, my refuge, tower, and shield art thou, O Lord
I firmly anchor all my hope in thy unerring Word
(Mein Zufluchtsort, meine Burg, mein Turm und mein Schild bist du,

o Herr. Ich setze alle meine Hoffnung fest auf dein unfehlbares
Wort.)
Mögen wir uns in diesem Geiste dem Licht nähern, das Gott uns gegeben
hat, damit es an diesem dunklen Ort scheint; und durch Gottes Gnade wird
es uns gelingen!
Manfred Schäller3

Was sagt die Bibel über sich selbst?


m Zusammenhang der Fragen um Autorität, Inspiration und Offenba-

I rungscharakter der Heiligen Schrift stößt man öfter auf die These, zwi-
schen Offenbarung und Schrift sei ein prinzipieller Unterschied zu be-
achten. Offenbarung habe sich je und je ereignet, aber der Höhepunkt aller
Offenbarungen Gottes, ja die wesentliche und eigentliche Offenbarung sei
Jesus selbst. Die Schrift hingegen wäre nur die menschlich-zeugnishafte Be-
schreibung der Offenbarung. In keiner Weise unterschieden sich ihre Doku-
mente von anderen historischen Literaturdenkmälern. Daher müsse die Bi-
bel auch unter Anwendung der gleichen Kriterien erforscht und beurteilt
werden wie jedes andere Buch.
Dem Satz, dass Jesus Christus die Höhe aller Gottesoffenbarungen sei,
stimmen Christen freudig zu. So sagt Erich Sauer: “Die ganze Offenbarung
ist ein Kreis, und Jesus Christus ist der Mittelpunkt des Kreises. Er ist die
Sonne und von ihm aus wird der ganze Kreis licht.”
Dem weiteren Teil des Gedankens aber, dass die Schrift behandelt wer-
den müsse wie jedes andere Buch – die Kritik gewinnt aus diesem Ansatz
ihre Kriterien! – vermag sich nicht jeder anzuschließen. Vielmehr möchten
wir es auch hier mit der so oft empfohlenen Frage halten: “Was würde Jesus
dazu sagen?” Und da ein Vernehmen des Selbstzeugnisses der Schrift ohne-
hin nur dadurch ermöglicht wird, indem wir auf die Aussagen der Männer
der Bibel über andere biblische Autoren bzw. über ganze Bibelteile (NT
über AT) achten, soll auch hier bei Jesus Christus eingesetzt werden. Die
erste Frage ist also die nach der Schrifthaltung Jesu. Diese soll auch für un-
sere Schrifthaltung maßgeblich und bindend sein.

3
Manfred Schäller, Bibellehrer an den Bibelschulen Burgstädt und Wiedenest,
Reisedienst in den Brüder-Gemeinden, jetzt im Ruhestand. Der Aufsatz wurde
zuerst veröffentlicht im Informationsbrief “Biblisch Glauben, Denken, Leben”
der Jugendarbeit der Brüder-Gemeinden in der DDR (Nr. 1, Dezember 1986),
dann in “Bibel und Gemeinde” 2/1992 S. 99-110.
Die Bibel über sich selbst 25
1 Die Haltung Jesu gegenüber dem AT

1.1 Jesus verstand das AT als inspiriertes, autoritatives und völlig zuverläs-
siges Gotteswort

Mk 7,10-12: “Mose hat gesagt: ‘Ehre deinen Vater und deine Mutter!’ und:
‘Wer Vater oder Mutter flucht, soll des Todes sterben.’ ... ihr aber macht das
Wort Gottes ungültig ...”
Damit stehen wir bereits vor einer ersten Beobachtung: Für Jesus gilt of-
fenbar die Gleichung Mosewort = Gotteswort! Ein ähnlicher Sachverhalt
wird in Mk12,36 wahrgenommen. Jesus zitiert hier Ps. 110,1 mit den Wor-
ten: “David selbst hat im Heiligen Geist gesagt ...” Jesus nennt und versteht
hier also einen Psalm als ein vom Heiligen Geist durch David gegebenes
Wort. Dies ist ein äußerst schätzenswertes Zeugnis für die Inspiration der
Psalmen. Es entspricht übrigens dem Selbstverständnis Davids (2Sam
23,1-3):
Dies sind die letzten Worte Davids: Ausspruch Davids, des Sohnes
Isais, Ausspruch des Mannes, der hochgestellt ist, des Gesalbten des
Gottes Jakobs und des Lieblings in den Gesängen Israels: Der Geist
des HERRN hat durch mich geredet, und sein Wort war auf meiner
Zunge. Es hat gesprochen der Gott Israels, der Fels Israels hat zu mir
geredet ...
Ein entsprechender Sachverhalt findet sich in jener erregten Auseinander-
setzung mit den Juden in Joh 10,34: “Steht nicht in eurem Gesetz geschrie-
ben: ‘Ich habe gesagt: Ihr seid Götter?’” (vgl. Ps 82,6). “Ihr seid Götter!” –
wie anstößig für monotheistisch geschärfte Ohren! Diese Stelle mag den
schriftgelehrten Scharfsinn eher zu einer Konjektur herausgefordert haben.
Jesus gestattet sie nicht. V.35: “Wenn er jene Götter nannte, zu welchen das
Wort Gottes geschah – und die Schrift kann nicht aufgelöst werden ...”
Abermals die gleiche Schrifthaltung Jesu wird uns durch Mt 5,17-18 be-
zeugt:
Wähnt nicht, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten
aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.
Denn wahrlich, ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde verge-
hen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz ver-
gehen, bis alles geschehen ist.
26 Manfred Schäller:
Was immer auch dieses Wort sonst noch sagen mag, so viel sagt es allemal:
Für Jesus ist das AT eine göttliche Autorität – und zwar bis ins Detail des
einzelnen Wortes hinein.

1.2 Jesus versteht die messianischen Weissagungen des AT im Gegensatz


zum Kritizismus als echte, geistgewirkte Prophetie in bezug auf seine
Person

Auch dieser Satz soll durch zwei oder drei Schriftzeugnisse begründet wer-
den: Joh 5,39+46: “Ihr erforschet die Schriften ... und sie sind es, die von
mir zeugen.” “Denn wenn Ihr Mose glaubtet, so würdet ihr mir glauben,
denn er hat von mir geschrieben, Wenn ihr aber seinen Schriften nicht
glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?”
Die Emmausjünger schilt er mit den Worten (Lk 24,25): “O ihr Unver-
ständigen und trägen Herzens, zu glauben an alles, was die Propheten gere-
det haben!” Bei seinen Aposteln werden wir später die gleiche Grundhal-
tung zur Schrift wiederfinden.

1.3 Jesus steht für den Offenbarungscharakter aller drei Teile des alttesta-
mentlichen Kanons ein.

Lk 11,50-51: “... auf dass das Blut aller Propheten, welches von Grundle-
gung der Welt vergossen worden ist, von diesem Geschlecht gefordert wer-
de: Von dem Blute Abels bis zu dem Blute Zacharias’, welcher umkam zwi-
schen dem Altar und dem Tempel ...”
Mit der Erwähnung der beiden Sachverhalte um Abel und Zacharias
spielt Jesus sowohl an das erste wie an das letzte Buch des hebräischen Ka-
nons an (1Mose und 2Chr). Dies zeigt, dass zu seiner Zeit ein abgeschlosse-
ner, dreiteiliger Kanon vorlag, der von unserem Herrn als göttlich normative
Größe anerkannt und gebraucht wurde. Gelegentlich nennt er auch die drei
Teile des Kanons, z.B. in Lk 24,27+44: Gesetz, Propheten und Schriften.
Selbstverständlich ist nicht nur die Anerkennung, sondern auch der Ge-
brauch aller drei Teile des Kanons vielfach zu belegen (z.B. Mt 4,4/ 5Mose
8,3; Mk 7,6/Jes 29,13; Mt 4,6/Ps 91,11).
Die Bibel über sich selbst 27
1.4 Jesus tritt für die völlige Geschichtlichkeit alttestamentlicher Personen
und Ereignisse ein, deren Historizität vom Kritizismus geleugnet wird

Unbefangen spricht er von Adam und Eva, von Abraham, David, Isaak, Jo-
seph, Jesaja, Elia, Elisa, Jakob, Jona, Lot, Lots Frau, Mose, Naeman, der
Königin von Saba, Salomo, der Witwe von Zarpat, Noah und der Sintflut,
Sodom und Gomorrha; er spricht von der Schöpfung, vom brennenden
Dornbusch, von der ehernen Schlange, vom Essen der Schaubrote, von Jona
im Fisch, von der Umkehr der Niniviten. Diese Fülle der Belege zeigt, dass
Jesus in einem völligen Vertrauen zur historischen Wahrhaftigkeit des Alten
Testamentes stand.
Mit Notwendigkeit erhebt sich daher die Frage: Wie kann man eigent-
lich beides miteinander zusammen bekommen, Jesus einerseits seinen
Herrn zu nennen – und zwar in chalcedonensischer Bekenntnistreue: wahrer
Gott und wahrer Mensch! – und gleichzeitig die Geschichtlichkeit so vieler
alttestamentlicher Texte in Zweifel zu ziehen bzw. gänzlich zu leugnen?

1.5 Jesus vertritt die traditionelle Autorschaft alttestamentlicher Schriften,


die vom Kritizismus geleugnet wird

Dass für Jesus der Pentateuch von Mose stammt, wird auch von kritischen
Forschern bedenkenlos zugegeben.1
Die im Munde Jesu öfter begegnende Formulierung: “Mose hat ge-
schrieben ...”, bzw. “Mose hat gesagt ...” zeigt dies ganz deutlich (Mk 7,10;
10,5; Mt 8,4; 19,8; Joh 7,19: “Hat nicht Moses euch das Gesetz gegeben?”
Zur Frage nach der Authentizität prophetischer Bücher vgl. Joh 12,39 für Je-
saja; Joh 12,38 zum sogenannten “Deuterojesaja”; Lk 4,17 zum sogenann-
ten “Tritojesaja”; Lk 20,42 für die davidische Verfasserschaft von Ps 110;
Mk 13,14 für die Authentizität des Danielbuches.). Bei Jesus ist auch nicht
der leiseste Ansatz einer bibelkritischen Haltung gegenüber dem AT zu fin-
den. Zwar hat man dies wiederholt aus der Bergpredigt zu erweisen gesucht.
Jedoch vergeblich: Gerade in Mt 5,17 macht Jesus mit Nachdruck darauf
aufmerksam, dass er nicht gekommen sei um aufzulösen, sondern um zu er-
füllen. Die Verse 18-20 entfalten, was Jesus mit “nicht auflösen” meinte.
Sein vollmächtiges “Ich aber sage euch ...” wendet sich keineswegs gegen

1
Z.B. P. Feine: Theologie des NT, Berlin 1950, S. 20ff.
28 Manfred Schäller:
das AT, sondern gegen die zeitgenössische Auslegung des Alten Testa-
ments.
Die Stelle Mt 5,17 wird einmal im Babylonischen Talmud (Schab 116a)
zitiert. Dabei steht sie, wie der Zusammenhang außer Zweifel setzt, im Sin-
ne von “ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern hinzuzutun”. Was er
hinzutut, machen die Verse 21ff deutlich: “Zu den Alten ist gesagt, ich aber
sage euch!”
Hier tun sich heilsgeschichtliche Zusammenhänge auf, denn die stren -
gen alttestamentlichen Kanonisierungsformeln (z.B. 5Mose 4,2; 13,1; Spr.
30,5-6; vgl. Offb 22,18.19) verbieten gerade eben jegliches “Hinzufügen”,
es sei denn, man hätte von Gott einen Auftrag dazu (vgl. Jos 24,26; 1Sam
10,25). Jesus ist der “Prophet gleich Mose”; er bringt die endzeitliche
Neu-Offenbarung wie sie von gewissen Teilen des Judentums im Anschluss
an 5Mose 18,18ff mit Recht erwartet wurde. Er ist deshalb selbst die Offen-
barung Gottes, aber er bringt auch neue Offenbarungen Gottes, die “hinzu-
getan” werden. So gestattet uns gerade diese Stelle einen Blick zu tun in die
Zusammenhänge von Offenbarungsgeschichte, Offenbarungsfortschritt
und dem damit untrennbar verbundenen Wachstum des Kanons.2
In keinem Fall aber lässt sich aus dem “ich aber sage euch ...” eine kriti-
sche Haltung Jesu gegenüber dem AT ablesen.

2 Das Selbstzeugnis des Alten Testaments

Wenn entgegen der üblichen Gepflogenheit jetzt erst das Selbstzeugnis des
AT nachgeschaltet wird, so kann dies natürlich nicht den Sinn haben, die
Hauptautorität Jesu (und der Apostel!) noch mit Zusatzautorität zu stützen.
Es soll nur gezeigt werden, dass die neutestamentliche Überzeugung von
der Ganzinspiration des Alten Testaments – wie sie sich nicht nur in 2Tim
3,16; 2Petr 1,21 und 3,16 deutlich ausspricht, sondern vielmehr überall in
den Evv. und Briefen als das Selbstverständlichste vorausgesetzt ist – in die-
sem selbst seinen sachlichen Anlass hat. Vollständigkeit ist bei den nun fol-
genden Zeugnissen nicht angestrebt. Nur die wichtigsten Stellen sollen er-
wähnt werden.

2
Vgl. dazu Strack/Billerbeck Bd. 1, S. 241 ff und J. Jeremias, Neutestamentliche
Theologie, S. 88ff.
Die Bibel über sich selbst 29
2.1 Zum Selbstverständnis des mosaischen Gesetzes

5Mose 29,29: Das Verborgene ist des Herrn unseres Gottes; aber das
Geoffenbarte ist unser und unserer Kinder ewiglich, damit wir alle
Worte dieses Gesetzes tun.
2Mose 17,14: Und Jahwe sprach zu Mose: Schreibe dies in das Buch
...
5Mose 31,24-26: Und es geschah, als Mose geendigt hatte, die Worte
dieses Gesetzes in ein Buch zu schreiben bis zu ihrem Schlusse, da
gebot Mose den Leviten, welche die Lade des Bundes Jehovas tru-
gen, und sprach: Nehmet dieses Buch des Gesetzes und leget es zur
Seite der Lade des Bundes Jehovas, eures Gottes, daß es daselbst
zum Zeugen gegen dich sei.
Diesen drei Stellen möchten wir folgende Gedanken entnehmen:

1. Es gibt Geheimnisse, die nicht Gegenstand göttlicher Mitteilungen sind;


und es gibt Geoffenbartes, das uns in schriftlicher Form vorliegt. Man wird
dieses “Geoffenbarte” Offenbarung nennen – und auf Grund solcher Stellen
– von einem Offenbarungscharakter der Schrift sprechen dürfen. Die Offen-
barung ist nicht gegeben, ein metaphysisches Puzzlespiel zu ermöglichen.
Vielmehr zielt sie auf Gehorsam und einen praktischen Lebensvollzug im
Sinn Gottes (“... damit wir alle Worte des Gesetzes tun.”).

2. Das Selbstzeugnis des AT stützt die traditionelle Autorschaft Moses als


Verfasser des Pentateuch. Mose empfängt wiederholt göttliche Schreibbe-
fehle. Nach 2 Mose 17,14 soll er in “das Buch” schreiben. Demnach muss
ein bestimmtes Buch für Aufzeichnungen der Taten Jahwes in Israel vor-
handen gewesen sein. Die weiteren ausdrücklichen Erwähnungen von Mo-
ses Schreibtätigkeit in 2Mose 24,3.4 und 4Mose 33,2 zeigen, dass Moses
Aufzeichnungen sehr verschiedenartige Stoffe (Gattungen!) betrafen, so-
wohl gesetzlich-priesterliche als auch prosaisch-geschichtliche. Ferner zei-
gen Stellen wie 5Mose 31,24, dass – nach dem Selbstzeugnis des Pentateuch
– Mose nicht nur der Schreiber vereinzelter Mitteilungen da und dort ist.
Vielmehr wird er als Verfasser ganzer Bücher verstanden, denn er soll die
Worte des Gesetzes aufschreiben “bis zu ihrem Schlusse”.
30 Manfred Schäller:
Wenn man diese Belege vertrauensvoll aufnimmt, bündelt und noch das
Buch Josua hinzunimmt, das bereits das “Gesetzbuch Moses” erwähnt (Jos
1,8; vgl. 8,31), dann neigt sich das Gewicht der Gründe entschieden zu der
Ansicht: Mose ist der Verfasser – mindestens des übergroßen Teils des Pen-
tateuchs. Auch mit dem kulturhistorischen Kolorit der Mosezeit ist dieser
Befund in Harmonie: Nach dem Pharao gehört der Schreiber zu den am häu-
figsten dargestellten Personen altägyptischer Kulturdenkmäler.
Dass ein Mann wie Mose, der aus dem Hintergrund einer hochstehenden
Schreibkultur kam und gewürdigt war, mit Gott von “Mund zu Mund” zu
sprechen, beinahe nichts vom Pentateuch geschrieben haben soll, ist wohl
ein kritisches, aber kein historisches Urteil! Auch die Kritik würde sich die-
sen Folgerungen nicht widersetzen, stünde sie nicht schon den einzelnen
Selbstzeugnissen der Schrift kritisch gegenüber. Es ist ein hoffnungsloses
Unternehmen, bei gleichzeitiger vertrauensvoller Aufnahme des biblischen
Selbstzeugnisses zu Schlussfolgerungen im Sinne heute gängiger Kritik ge-
langen zu wollen. Ein Forscher wie W. F. Albright sagte einmal, er gehöre
zu denen, die mit kritischen Methoden zu konservativen Ergebnissen ge-
langten. Welche Kräfte mögen wohl in den Tiefen eines Denkens wirken,
das mit konservativen Methoden zu kritischen Ergebnissen gelangen möch-
te?

3. Gott befiehlt Mose: “Schreibe dies zum Gedächtnis in das Buch ...”
Mose wiederum befiehlt den Leviten: “Nehmt das Buch und legt es zur Seite
der Bundeslade, dass es daselbst zum Zeugen gegen dich sei.” Hier stehen
wir offenbar vor frühen Anfängen des Kanons. Gott hatte die Schriftform
befohlen, weil er nicht wollte, dass seine Offenbarungen alsbald wieder der
Vergessenheit erlägen. Im Blick auf unsere Themenstellung dürfen wir
schlussfolgern: Der Kanon ist gottgewollt. Er wurzelt in der Offenbarungs-
geschichte und trägt selbst Offenbarungscharakter. Die kanonischen Schrif-
ten besitzen gegenüber anderen zeitgenössischen Schreiberzeugnissen Son-
derqualitäten: Nur sie dürfen nach Gottes Willen zur Seite der Bundeslade
liegen.
In späterer Zeit können wir das weitere Wachstum des Kanons beobach-
ten: Josua schrieb in das “Buch des Gesetzes” (Jos 24,26). Samuel schreibt
in das Buch und legt es “vor dem Herrn nieder” (1Sam 10,25). In noch spä-
terer Zeit erhalten die Propheten Schreibbefehle, damit ihre Botschaft nicht
in Vergessenheit gerät (Jes 30,8; Jer 30,2).
Die Bibel über sich selbst 31
Ferner finden sich Zeugnisse, die die frühe Verbreitung kanonischer Bü-
cher durch Abschriften belegen. 5Mose 17,18: Der jeweilige König soll sich
eine Abschrift des Gesetzes machen. Josaphat lässt im Lande umherschi-
cken, um das Volk in der Tora zu unterweisen (2Chr 17,7-9; vgl. 14,3).
Bei den Propheten finden sich so viele Bezugnahmen auf die Tora, so
dass mit Notwendigkeit die weite Verbreitung und genaue Kenntnis des Ge-
setzes gefolgert werden muss. Franz Delitzsch bemerkt dazu in seinem Jesa-
ja-Kommentar (3. Aufl., S.1):
Mit Bezug auf die Pentateuchkritik bemerken wir absichtlich hier, an
augenfälligem Orte, dass die anerkannt jesajanischen Reden Paralle-
len zu allen Bestandteilen des Pentateuch aufweisen.
Die zeitlich späteren Propheten nehmen oft auf die Weissagungen der frühe-
ren Bezug. So kennt Joel den Obadja; Hosea kennt Amos; Jesaja im Süd-
reich kennt die Schriften des Joel und Amos im Nordreich; Nahum, Haba-
kuk und Zephanja kennen Jesaja usw. Jeremia verrät Belesenheit in nahezu
allen vorexilischen Schriften. Daniel hat während des babylonischen Exils
eine Sammlung von Prophetenschriften bei sich (Dan 9,2), der u.a. das Jere-
miabuch angehörte. Diese vielseitigen Zeugnisse sprechen eindeutig für die
kanonische Dignität (= Ansehen) biblischer Bücher in frühester Zeit, ja, oft
seit der Zeit ihrer erstmaligen Niederschrift.

2.2 Belege zum Selbstverständnis der Propheten

Neh 9,30: “Aber du verzogest mit ihnen viele Jahre und zeugtest wider sie
durch deinen Geist, durch deine Propheten.” In strengem Sinne ist diese
Stelle freilich noch kein Zeugnis für das Selbstverständnis der Propheten.
Doch wird recht deutlich zum Ausdruck gebracht, was in der ganzen Bibel
als Grundüberzeugung gilt: Propheten reden nicht zuerst aus ihrer eigenen
Geistigkeit, sondern “durch den Geist Gottes”. Sie sind Geist- und eben da-
mit Offenbarungsträger. Mi 3,8: “lch bin mit Kraft gefüllt durch den Geist
des Herrn, und mit Recht und Stärke, um Jakob seine Übertretung kundzu-
tun und Israel seine Sünde.” Jer 30,2: “So spricht der Herr, der Gott Israels
und sagt: Schreibe dir alle Worte, die ich zu dir geredet habe, in ein Buch.”
Hier wird ein interessanter Einblick in das Wesen der biblischen Inspira-
tion gewährt. Jeremia soll nicht einen Aufsatz über Gedanken schreiben, die
ihm gerade am Herzen liegen. Er soll vielmehr das Wort niederschreiben,
das Jahwe zu ihm geredet hat. Inspiration ist hier eindeutig als Wort-Inspira-
32 Manfred Schäller:
tion verstanden. Ebenso haben es später die Apostel gesehen: 2Petr 1,21:
“Denn die Weissagung wurde niemals durch den Willen des Menschen her-
vorgebracht, sondern heilige Männer Gottes redeten, getrieben vom Heili-
gen Geist.” Frage: Wie viele solcher Stellen müssen vorhanden sein, damit
das, was sie doch recht deutlich aussagen, Anerkennung findet?

2.3 Belege zum Selbstverständnis der Schriften

Hauptstück des dritten Kanonteils sind die 150 Psalmen. Für unsere Frage-
stellung ist 2Sam 23,1-3 sehr wichtig: “Es spricht David ... der Liebliche, in
den Gesängen Israels: Der Geist Jahwes hat durch mich geredet, und sein
Wort war auf meiner Zunge: Es hat gesprochen der Gott Jakobs, der Fels Is-
raels zu mir geredet.” Wieder begegnet der gleiche Gedanke: SEIN Wort
war auf Davids Zunge. Inspiration ist Wort-Inspiration!
Die Weisheitsliteratur ist vorwiegend mit dem Namen Salomos verbun-
den. Nach Meinung des AT geht seine Weisheit auf Gott zurück (vgl. 1Kön
4,29f; V.29: “Und Gott gab Salomo Weisheit und sehr große Einsicht...”;
V.32: “Und er redete 3000 Sprüche und seiner Lieder waren 1005...”).
Man sage nicht, in alttestamentlicher Zeit sei Weisheit überhaupt mit
dem Odium des Göttlichen verbunden; man wusste sehr wohl zu unterschei-
den: Ahitophels Rat wurde geschätzt, wie das Wort Gottes! (vgl. 2Sam
16,23) Übrigens: Diese 3000 Sprüche und 1005 Lieder waren selbstver-
ständlich niedergeschrieben, gezählt und katalogisiert: ein überaus schät-
zenswertes Zeugnis zur Kanonbildung in sehr früher Zeit.

3 Schriftzeugnisse zur Inspiration, Autorität und Kanonizität des NT

Hier stehen wir zunächst vor einer methodischen Schwierigkeit: Es gibt kein
“allerneuestes” Testament, das uns verbindliche Auskunft über das Neue
Testament brächte. Gleichwohl finden wir innerhalb des NT beachtliche
Zeugnisse, auf die wir hören sollten.

3.1 Die Schriften des NT werden wie die des AT als Heilige Schrift angesehen

2Petr 3,15-16: “... welche die Unwissenden und Unbefestigten verdrehen,


wie auch die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.” Diese Stelle
spricht von Paulusbriefen und den “übrigen Schriften”. Damit aber sind die
Die Bibel über sich selbst 33
Paulusbriefe, die auch schon als Sammlung vorliegen, auf die gleiche Ebene
gekommen, wie das AT. Die Sammlung der Paulusbriefe ist bereits
“Schrift”.
Sie werden verdreht zu “ihrem Verderben”, d.h. die Konsequenz der
strengen Kanonregeln wird auch für die Paulusbriefe angewandt: Wer etwas
dazutut oder weglässt, wird das Gericht Gottes über sich bringen.
Wenn in einer Zeit, in der das jüdische Schriftprinzip das Kanonbe-
wusstsein längst sehr deutlich ausgebildet hatte, neue Schriften neben die
“Schrift”, jüngst Geschriebenes neben das, was längst “geschrieben stand”
hinzugesetzt werden konnte, dann ist dies entweder eine grobe Versündi-
gung gegen den vorhandenen Kanon, oder aber – eine neue Offenbarungs-
zeit ist da, und der Kanon wächst weiter. Diese qualitative Gleichsetzung
neutestamentlicher Schriften mit dem AT begegnet uns mehrfach, z.B. in
2Petr 3,2: “...damit ihr gedenket der von den heiligen Propheten zuvor ge-
sprochenen Worte und des Gebotes des Herrn und Heilandes durch eure
Apostel.” Beachte: Apostel und Apostelworte gleichrangig neben Prophe-
ten und Prophetenworten! 1Tim 5,18: “Denn die Schrift sagt: ”Du sollst
dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden" und: “Der Arbeiter
ist seines Lohnes wert.” Abermals! NT völlig “gleichwertig” neben AT;
Mose-Wort neben einem Jesus-Wort; 5Mose 25,4 neben Mt 10,10 bzw.
Lk10,7. Beides eingeleitet mit der Zitationsformel: “Denn die Schrift sagt!”

3.2 Jesus schreibt seinen eigenen Worten göttliche Autorität zu

Jesus ist das “Wort Gottes” (Joh 1), aber er bringt auch Worte Gottes; er ist
die Offenbarung, aber er bringt auch Offenbarung. Mt 7,24: “Jeder nun, der
diese meine Worte hört und sie tut, den werde ich einem klugen Mann ver-
gleichen, der sein Haus auf den Felsen baute.” Ob unser Leben untergeht,
wie ein Haus auf Sand, oder für die Ewigkeit göttlich gegründet ist, ist ab-
hängig von unserer Haltung zu den Worten Jesu. Für unsere Fragestellung:
Den Worten Jesu eignet eine Qualität, die weit über alles Menschliche hin-
ausgeht. Das gilt sowohl in bezug auf die Wirkung, als auch in Bezug auf die
Dauer: Mk 13,31: “Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte
werden nicht vergehen.” Alles Menschliche ist vergänglich. Jesus aber
nimmt seine Worte aus dem allgemein-menschlichen Bereich heraus, wenn
er ihre Unvergänglichkeit betont. Ewigkeit ist Göttlichkeit! (vgl. Joh 5,24;
6,63) Jesus stellt auch klar, dass er Offenbarungsträger ist: Joh 8,26: “Vieles
34 Manfred Schäller:
habe ich über euch zu reden und zu richten, aber der mich gesandt hat, ist
wahrhaftig; und ich, was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt.”
Gerade vom Hintergrund des zeitgenössischen Judentums her muss man
feststellen, dass Jesus für seine Worte eine schier unerhörte Autorität bean-
sprucht: Seine Worte kommen vom Vater. Von ihnen hängt ewiges Leben
ab. Im Gegensatz zu Himmel und Erde sind sie unvergänglich. Das zeigt
sich übrigens schon in formaler Hinsicht. Denn der Prophet beruft sich für
seine Worte auf seine göttliche Sendung: So spricht der Herr! Der Rabbi be-
ruft sich auf seine Rabbinerväter: Rabbi Jehuda hat gesagt; Rabbi El’azar
hat gesagt; Rabbi A hat im Namen des Rabbi B gesagt usw. Jesus unter-
scheidet sich in markanter Weise von beiden, indem er spricht: “Ich aber
sage euch!”
Das musste entweder staunendes Fragen erwecken – “Wer ist denn die-
ser?” – oder aber als Lästerung empfunden werden. Dank der Gnade Gottes
dürfen wir diese Dinge besser verstehen: Jesus ist beides, wahrer Gott und
wahrer Mensch. Das gilt auch in bezug auf seine Worte: sie sind in das Ge-
fäß menschlicher Sprache beschlossenes Menschenwort und dennoch wah-
res Gotteswort.

3.3 Der Heilige Geist qualifiziert die Apostel zu treuen Trägern der Je-
sus-Überlieferung

Joh 17,8: “... denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gege-
ben, und sie haben sie angenommen.” Solche Texte sprechen von der Wei-
tergabe einer Überlieferung. Die neuere Forschung bemüht sich, die Auf -
merksamkeit stärker auf das jüdische Schul- und Traditionswesen zu richten
und dieses für die Auslegung des NT fruchtbar zu machen. Das gewaltige
Werk des Talmud zeugt für die erstaunliche Leistungsfähigkeit der jüdi-
schen Gedächtniskultur. Zweifellos spielte das Auswendiglernen auch für
die Jünger Jesu eine wichtige Rolle. Dennoch will Jesus seine Worte nicht
einfach nur einem guten Gedächtnis anvertrauen. In Joh 14,26 wird ihnen
der “traditionsbewahrende” Beistand des Heiligen Geistes verheißen: “Der
Sachwalter aber, der Heilige Geist, welchen der Vater senden wird in mei-
nem Namen, jener wird euch alles lehren und an alles erinnern, was ich euch
gesagt habe.” Aber nicht nur das Lehren und Erinnern wird der Heilige Geist
ihnen geben. Er schenkt ihnen zusätzlich auch noch neue Offenbarungen,
wie Jesus in Joh 16,13 versichert:
Die Bibel über sich selbst 35
Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch
in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht aus sich selbst reden,
sondern was irgend er hören wird, wird er reden, und das Kommende
wird er euch verkündigen.
Auf Grund solcher Texte dürfen wir die Apostel als inspirierte, geistunters-
tützte Tradenten der historischen Jesusworte und zugleich als Träger neuer
Offenbarungen, die der Erhöhte nach seiner Himmelfahrt noch gab (Mt
28,18ff; 2Petr 3,2), verstehen.
Nach Joh 20,31 scheint es, als nähme der Evangelist, der uns diese Jesus-
worte überliefert, den Beistand des Geistes auch für sein Buch recht deutlich
in Anspruch, denn “in dem ‘Geschriebenstehen’ klingt ein Terminus techni-
cus (= Fachausdruck) auf, den er selbst im Zusammenhang seiner AT-Zitate
wiederholt gebraucht (2,17; 6,31.45; 10,34; 12,14; 15,25).”3 Mit Recht sieht
Hans Windisch4 die “Parakletensprüche” als Beweis dafür, dass “der Wille
und die Überzeugung, ein normatives, fast kann man sagen, kanonisches,
Buch zu schreiben, ... seinem Evangelium unverkennbar aufgeprägt ist”.5

3.4 Die Apostel wollen auch als Offenbarungsträger und Empfänger des gött-
lichen Wortes verstanden werden

Gal 1,11-12: “Ich tue euch aber kund, Brüder, dass das Evangelium, wel-
ches von mir verkündigt worden, nicht nach Menschenart ist.6 Denn ich ha-
be es weder von einem Menschen empfangen, noch durch Unterricht er-
lernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi.”
Diese Stelle gestattet einen wichtigen Einblick in das Geheimnis der In-
spiration: Paulus empfing sein Evangelium direkt durch Offenbarung. Ob
wir uns vom Offenbarungsgeschehen selbst zutreffende Vorstellungen ma-
chen können, bleibt fraglich. Es ist aber ganz sicher, dass die Offenbarung
sich bis ins einzelne Wort hinein erstreckt; sie vermittelt, was sonst allenfalls
durch “Unterricht” erlernt wird. Dies ist ohne Zweifel eine Erfüllung von
Joh 14,26.
Eph 3,3+5: “Mir ist durch Offenbarung das Geheimnis kundgetan wor-
den, ... welches in anderen Geschlechtern den Söhnen der Menschen nicht
3
Bultmann, Ev. Johannes, S. 444.
4
Johannes und die Synoptiker, 1926, S. 149.
5
Strathmann, NTD Joh., 1954, S. 5.
6
Übersetzung nach Menge.
36 Manfred Schäller:
kundgetan worden, wie es jetzt geoffenbart worden ist seinen heiligen Apo-
steln und Propheten im Geiste” (vgl. Röm. 16,25!).
1Thes 4,2f: “Denn ihr wisset, welche Gebote wir euch gegeben haben
durch den Herrn Jesus. Denn dies ist Gottes Wille ...” Christliche Ethik muss
durch Hinweise und Gebote geregelt werden. Dahinter stehen aber nicht ir-
gendwelche Lieblingsgedanken der Apostel, vielmehr sind sie “durch den
Herrn Jesus” erlassen. D.h. aber, diese Weisungen sind inspiriert und kom-
men von Gott her.
Zu den klassischen Stellen neutestamentlicher Inspiration gehört 1Kor
2,9-13:
Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Men-
schen Herz gekommen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lie -
ben. Uns aber hat Gott es geoffenbart durch seinen Geist, denn der
Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes. Denn wer von den Men-
schen weiß, was in ihm ist, als nur der Geist des Menschen? Also
weiß auch niemand, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes. Wir aber
haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der
aus Gott ist, auf dass wir die Dinge kennen, die uns von Gott ge-
schenkt sind; welche wir auch verkündigen, nicht in Worten, gelehrt
durch menschliche Weisheit, sondern in Worten, gelehrt durch den
Geist, mitteilend geistliche Dinge durch geistliche Mittel.
Was besagt diese Stelle im Blick auf unsere Thematik? Die Apostel wissen
Dinge (V. 12), die nie im Herzen eines Menschen aufgestiegen sind. Wo-
her? Gott hat sie ihnen geoffenbart durch seinen Geist. Wie haben wir uns
diese Offenbarungen vorzustellen? Gab der Geist Gottes die Anstöße zu den
Grundeinsichten, die Themen und Ideen und überließ dann die Sache ihrer
eigenen Intelligenz? Dinge, Realia wurden ihnen gezeigt (V.12)! Von daher
dürfte man an Real-lnspiration denken. Aber! Mit den Dingen zugleich,
werden ihnen auch die Worte gegeben, die diese Dinge angemessen zur
Sprache bringen (V.13). Abermals beobachten wir die Erfüllung von Joh
14,26: Der Geist lehrt, offenbart, erinnert und leitet – und zwar bis ins ein-
zelne Wort hinein. Und dies ist auch nötig, denn die Worte geben den Sinn.
Andere Worte, anderer Sinn! Es ist ein erheblicher Unterschied zwischen:
“Du sollst nicht ehebrechen!” und: “Eigentlich sollte man nicht ehebre-
chen!”
1Thess 2,13: “Und danken wir auch Gott unablässig, dass ihr, als ihr von
uns das Wort der Kunde Gottes empfinget, es nicht als Menschenwort auf-
Die Bibel über sich selbst 37
nahmet, sondern, wie es auch wahrhaftig ist, als Gotteswort, das auch in
euch den Glaubenden wirkt.” 1 Petr 1,12: “... welchen es geoffenbart wurde,
dass sie nicht für sich selbst, sondern für euch die Dinge bedienten, die euch
jetzt verkündigt worden sind, durch die, welche euch das Evangelium ge-
predigt haben, durch den vom Himmel gesandten Heiligen Geist, in welche
Dinge Engel hineinzuschauen begehren.” Solche Stellen machen deutlich:
Die Lehre von der Inspiration ist keineswegs ein verzweifelter Versuch
nachträglicher theologischer Aufwertung des Kanons. Vielmehr hat sie in
der Bibel selbst ihren sachlichen Anlass. Allein vom Blick auf die große An-
zahl der Stellen darf man sagen: Die Lehre von der Inspiration der Schrift
steht nicht weniger gut begründet da, als irgend eine andere Lehre (Beispiel:
Trinität!); eher umgekehrt. Es ist viel zu wenig, zu sagen, die Apostel seien
nur menschliche Zeugen von der in Christus geschehenen Offenbarung.
Nein, sie selbst sind Zeugen und Offenbarungsträger. Sie sind sich dessen
bewusst, dass sie unter Leitung des Geistes sprechen und schreiben (Röm
16,25f).
Es ist daher völlig verständlich, wenn das neutestamentliche Wort “die
Wahrheit” genannt wird (Jak 1,18; Joh 17,17; 2Tim 1,13; 2,15; Offb 21,5;
22,6). Und da Wesen und Wirkung des Wortes untrennbar miteinander ver-
bunden sind, ist es abermals völlig einsichtig, wenn das NT bezeugt, dass
von unserer Haltung zum neutestamentlichen Wort Segen oder Fluch ab -
hängen (2Tim 3,16; Eph 5,26; Jak 1,21; Offb 1,3; Gal 1,8.9; 2Petr 3,16; Offb
22,18.19).
Mir ist tief aus dem Herzen gesprochen, wenn Hermann Ridderbos sagt:
“Schon aufgrund dieser Tatsache ist ersichtlich, welch unauflöslicher Zu-
sammenhang im NT zwischen dem zentralen Heilsgeschehen und seiner
Verkündigung und Überlieferung besteht. Die Mitteilung des Heils ist vom
Heilsgeschehen nicht zu trennen.”7

4 Erwägungen und Beobachtungen zum Inspirationsgeschehen

Erich Sauer definiert: “Biblische Inspiration ist die Tätigkeit des Heiligen
Geistes, durch die er den aktiven menschlichen Geist des biblischen Schrei-
bers geheimnisvoll erfüllt, lenkt und überwaltet, so dass eine untrügliche,

7
Heilsgeschichte und Heilige Schrift, S. 26.
38 Manfred Schäller:
geistdurchwirkte Niederschrift entsteht, eine heilige Urkunde, ein Buch
Gottes, mit dem sich der Geist Gottes auch weiterhin organisch verbindet.”8

4.1 An vielen Stellen der Schrift wird deutlich: Der Gottesgeist wirkt als
Sprachgeist. Er erweckt nicht nur den Rededrang, Denn dann wäre das Er-
gebnis lediglich ein Redeschwall. Er gibt vielmehr die Gedanken und mit
den Gedanken die Worte. Alles Denken vollzieht sich in der Form eines in-
neren Sprechens. Ein Gedanke ist erst dann zu Ende gedacht, wenn er auch
sprachlich ganz Gestalt gewonnen hat. In schöner Deutlichkeit finden wir
dies in 4Mose 11,25: “Und es geschah, sobald der Geist auf sie kam, weiss-
agten sie.” Ebenso in Lk 1,67: “Und Zacharias ... wurde mit Heiligem Geist
erfüllt und weissagte und sprach ...” Oder auch Apg 2,4: “Sie wurden alle
mit Heiligem Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu reden, wie
der Geist ihnen gab, auszusprechen.”

4.2 Dabei erfordert die Inspiration keinen besonders auffälligen Bewusst-


seinszustand wie Trance oder Ekstase. Johannes jedenfalls wollte das bei
vollem Bewusstsein ausgesprochene Wort des Kaiphas in Joh 11,50 als
Weissagung verstanden wissen. Es kommen hier also inspirative Vorgänge
in Sicht, die den aktiven Geisteszustand des Menschen in keiner Weise be-
einträchtigen. Ein inspirierender Beistand des Heiligen Geistes ist nach Mk
13,11 auch den Gläubigen in der Verfolgung verheißen: Sie müssen nicht in
Sorge sein, was sie vor den Richtern reden sollen. Es wird ihnen in jenem
Augenblick gegeben werden. Nicht sie sind die eigentlich Redenden, son-
dern der Heilige Geist. Das soll gewiss nicht heißen, sie würden vor Gericht
in Ekstase fallen. Die Richter werden von diesen Inspirationen nicht viel be-
merken.
Auch 2Mose 4,10ff darf man hier vergleichen: “Wer hat dem Menschen
den Mund gemacht? ... Nicht ich, Jahwe? Und nun gehe hin, und ich will mit
deinem Munde sein.” Gott selbst empfiehlt die Schlussfolgerung: Mose,
denke nicht zu gering von meinen Möglichkeiten! Diese Beobachtungen
nötigen m.E., manches vorschnelle Argument gegen die Schriftinspiration
erneut zu bedenken. Aus der offenbar historischen Arbeitsweise des Lukas
(Lk 1,1-3) folgt ebenso wenig ein Argument gegen die Inspiration, wie aus
den unterschiedlichsten Stoffen und Gattungen des AT, welches nach Mei-
nung des Apostels (2Tim 3,16) als Ganzes inspiriert ist.

8
Gott, Menschheit, Ewigkeit, S. 109.
Die Bibel über sich selbst 39

4.3 Dennoch ist die Inspiration – auch bei ständigen Geistträgern – nicht
identisch mit ihrer sonstigen persönlichen Geistestätigkeit. Es “denkt” nicht
nur in ihnen, sie können auch selbst noch denken; es wird nicht einfach über
sie verfügt, sie können auch selbst noch Beschlüsse fassen und Wünsche ha-
ben. So bittet der Geistträger Paulus, der Dorn im Fleisch möchte ihm ge-
nommen werden. Gottes Geist aber sagt ihm: “Lass dir an meiner Gnade ge-
nügen.” Nach Apg 16,6+7 wünscht er, in Asien zu predigen. Aber der Heili-
ge Geist erlaubt es nicht. Der Geistträger Johannes wollte in Offb 10,4 nie-
derschreiben, was die sieben Donner redeten. Aber der Herr, der ihm beim
Schreiben offenbar über die Schulter sieht, spricht: “... schreibe dieses
nicht.”
Es ist nicht das Anliegen der Heiligen Schrift, uns Aufschluss über das
“Wie” der Inspiration zu geben. Nach Hebr 1 hat Gott “vielfach und auf vie-
lerlei Weise” (poly-tropos) geredet. Doch wird uns die Inspiration und eben
damit der Offenbarungscharakter des Schriftganzen klar und deutlich be-
zeugt.

5 Was folgt daraus?

Wir leben heute in einer Zeit der kritischen Verunsicherung und der
Maßstabslosigkeit. War früher das Wort Gottes weitgehend die Norm für al-
les Nachdenken über “irdische und himmlische Dinge” (Joh 3,12), so haben
wir es heute vielerorts mit Auflösungs- und Liberalisierungstendenzen zu
tun. Zuweilen wird in der Seelsorge besonders schmerzlich wahrgenom-
men, dass bibelkritische Denkweise auch vor den Türen der Freikirchen und
pietistischen Gemeinschaften nicht Halt macht.
Die Ursachen dieser Entwicklung liegen zum Teil in der Attraktivität ei-
ner theologischen Methode, die nur auf das “was Christum treibet” abheben
möchte. In der Folge davon wird zwischen Rand und Kern, zwischen ewig
gültiger Wahrheit und zeitbedingten Irrtümern, zwischen Göttlichem und
Menschlichem unterschieden. Ein Ansatz, der in jedem Fall zu einer Reduk-
tion des uns von Gott anvertrauten Heils- und Erkenntnisgutes führt.
Für das Christentum der Gegenwart, insbesondere für ihre Theologie,
gibt es darum kaum etwas Wichtigeres als die Rückgewinnung des ‘sola
scriptura’ als eines Schriftprinzips, das mit dem des Herrn Jesus Christus
Selbst im Einklang steht. Doch mit der Wahrnehmung des Offenbarungs-
40 Manfred Schäller:
und Gotteswortcharakters des Schriftganzen ist allenfalls ein erster Schritt
getan.

Bei konsequenter Anlehnung an das apostolische Vorbild gilt es nicht nur,


“alles zu glauben, was geschrieben steht in dem Gesetz und in den Prophe-
ten” (Apg 24,14), sondern auch in Forschung, Unterweisung und Verkündi-
gung ernst zu machen mit dem “ganzen Ratschluss Gottes” (Apg 20,27).
Ohne entschlossene Hinwendung zur ganzen Schrift, als eines heilsge-
schichtlichen Entwurfs, beginnend mit der Urgeschichte von 1Mose 1-11
über die Mitte der Christusoffenbarung bis hin zu ihrem eschatologischen
Hoffnungsblick, lässt sich diese Aufgabe nicht verwirklichen. Sofern diese
Sätze einer von uns schon längst als richtig anerkannten und vollzogenen
Haltung entsprechen, wollen sie lediglich als Ermutigung, daran festzuhal-
ten und fortzufahren, verstanden werden.
Im anderen Falle wünschten sie sich die schriftgebundene theologische
Neubesinnung.
Paul Wells1

Biblische Irrtumslosigkeit heute

ie Frage der Irrtumslosigkeit hat in letzter Zeit zu mehr Debatten

D geführt als jedes andere Thema, das die biblische Lehre betrifft.
Dieser Artikel will weniger die aufgeworfenen Fragen aufzählen,
als vielmehr einige der Hauptrichtungen der Lehre beschreiben. Der Gegen-
stand wird in zwei Teilen behandelt:
1. Irrtumslosigkeit als eine Form biblischer Autorität
2. Irrtumslosigkeit in ihrer Beziehung zur christlichen Wahrheit

1 Irrtumslosigkeit als eine Form biblischer Autorität

Alle Schulen der modernen Theologie halten an irgendeiner Form der bibli-
schen Autorität fest. Nur die evangelikale Christenheit (sowie einige tradi-
tionelle Formen des Römischen Katholizismus) beanspruchen, dass die Au-
torität in der Irrtumslosigkeit der Schrift ihren Ausdruck findet und dass die
Schrift selbst diese Tatsache bezeugt. Aus diesem Grund ist die biblische
Irrtumslosigkeit für die Evangelikalen sehr wichtig und andererseits der Ge-
genstand von Angriffen und Missverständnissen ihrer Verleumder.

1.1 Eine Definition

Obwohl die Irrtumslosigkeit nicht die einzige Form biblischer Autorität ist,
ist sie die Form der biblischen Autorität, die sich speziell im lehrhaften (in-
formellen) Aspekt der Schrift ausdrückt.2 Die Lehre der Irrtumslosigkeit be-
1
Dr. Paul Wells lehrt Systematische Theologie am Reformierten Seminar in
Aix-en-Provence (Frankreich). Dieser Text ist die verkürzte Wiedergabe zweier
Vorträge der “Concern for Europe Study Conference”, gehalten an der “L’Abri
Fellowship” in der Schweiz im Oktober 1987. Mit freundlicher Genehmigung des
Verlages aus The Banner of Truth (Edinburgh) Nr. 306 (März 1989), S. 13-22
übersetzt von Martin Schweikert. Zuerst veröffentlicht in Bibel und Gemeinde Nr.
2/1996, S. 91-100.
2
Obwohl einige Formen des Fundamentalismus die Autorität der Bibel auf die Irr-
tumslosigkeit beschränken, beinhaltet eine breitere Sicht, dass andere Formen bi-
blischer Autorität Gebote, Weisheit, Poesie etc. eingeschlossen sind.
42 Paul Wells:
sagt, dass die Informationen der Schrift Autorität haben, weil sie richtig
sind.

a.) Daher ist die Irrtumslosigkeit das Ergebnis der göttlichen Inspiration der
Aussagen der Schrift, die einen wahren Bericht über die Offenbarung Gottes
an sein Volk wiedergeben, die in Jesus Christus gipfelt. Die mit der Irrtums-
losigkeit verbundene Autorität ist Autorität Gottes.

b.) Irrtumslosigkeit ist die Abwesenheit von Fehlern durch Irrtum oder Täu-
schung. Sie ist praktisch synonym zur Unfehlbarkeit, obwohl letztere Be-
griff viele Bedeutungsnuancen hat. Theoretisch können diese beiden Begrif-
fe unterschieden werden. “Unfehlbarkeit” besagt, dass in der Schrift kein
Fehler existieren kann (der Bereich des Möglichen), während die “Irrtums-
losigkeit” besagt, dass in der Schrift kein Fehler existiert (der Bereich des
Wirklichen).
Diese Unterscheidung erklärt, weshalb einige Evangelikale zwar über
die Unfehlbarkeit und Verlässlichkeit der Schrift sprechen, aber nicht auf
das Thema der Irrtumslosigkeit eingehen.

1.2 Warum nicht einfach von der Wahrheit der Schrift sprechen?

a.) Irrtumslosigkeit ist ein Wort, das für viele anstößig klingt. Aus diesem
Grund wurde vorgeschlagen, dass man lieber einfach von der “Wahrheit”
der Schrift sprechen sollte.

b.) An diesem Punkt anzuhalten, könnte aber ein Zugeständnis an den mo-
dernen Relativismus beinhalten - die Vorstellung, dass Wissen situationsbe-
dingt ist und nichts absolut wahr ist. Moderne Ansichten über die Wahrheit
könnten die Wahrheit der Schrift in gewisser Weise akzeptieren, ohne ihre
Wahrheit als unwandelbar anzusehen. Das ist nicht dasselbe, was die Evan-
gelikalen meinen, wenn sie von der Wahrheit der Schrift sprechen, insbe-
sondere, dass die Botschaft der Bibel die Wahrheit über Gott und den Men-
schen richtig wiedergibt und dass diese Wahrheit dauerhaften Charakter
trägt.

c.) Dies vorausgesetzt fragen wir: Inwiefern ist “irrtumslos” mehr als
“wahr”, wenn wir von der Bibel sprechen? Wir könnten sagen, dass die Irr-
tumslosigkeit die “Garantie” ist, die die Bibel begleitet und sicherstellt, dass
Biblische Irrtumslosigkeit heute 43
3
sie “richtig funktioniert”. Die Schrift ist wahr, so wie ein neu gekauftes Ra-
dio vollkommen in Ordnung ist. Ihre Irrtumslosigkeit ist die göttliche Ga-
rantie, die sie begleitet. Die Irrtumslosigkeit zeigt in Bezug auf das Wort
Gottes zweierlei:
1. Gott ist der “Hersteller” der Schrift
2. Die Schrift trägt ein “Warenzeichen” ihrer Natur, das unser Vertrau-
en weckt

1.3 Was hat es mit sogenannten Irrtümern in der Schrift auf sich?

a.) Ein Irrtum ist ein Fehler in der Beurteilung, der zwischen eine beob-
achtbare Tatsache und dem, was über diese gesagt wird, tritt. Irren ist Gehen
in die falsche Richtung. Um in unserem Bild zu bleiben. Wir sagen: Unser
Radio hat einen Fabrikationsfehler, wenn es nicht so funktioniert, wie der
Hersteller es zusagt.
b.) Im Fall der Schrift beinhaltet Irrtumslosigkeit, dass sie ganz allge-
mein frei ist von Irrtum - nicht nur, was Details anbelangt, sondern auch in
ihren breiteren Behauptungen. Dies würde die Abwesenheit von internen
Widersprüchen beinhalten, von irreführenden Aussagen über das Wesen
Gottes, des Menschen und der Errettung; aber auch die Abwesenheit von
Widersprüchen zu Wahrheiten, die wir aus anderen Quellen als der Bibel
kennen. Praktisch ist es so, dass ebenso wie ein Radio so funktioniert, wie
der Hersteller es zusichert, auch die Bibel hält, was sie verspricht.
c.) Eine weitere Definition bezüglich angenommener Widersprüche
könnte sein: Wir können dem Hersteller unseres Radios keinen Vorwurf
machen, dass es keine Kurzwelle empfängt, wenn es dafür gar nicht ausge-
legt ist. Genauso irrt die Bibel nicht, wenn sie nicht in jedem Fall unseren
Anforderungen an die Genauigkeit entspricht. Beim Irrtum kommt es auf
den Zusammenhang an. Ich kann zu meiner Frau sagen, ich habe 50 Francs
dabei, wenn wir einkaufen gehen, auch wenn ich nur 47,50 habe. Das ist
kein Irrtum. Es wäre einer, wenn ich dasselbe einem Kassierer bei einer
Bank erzählen würde. Manchmal verhindert zu große Genauigkeit die
Kommunikation, manchmal ist sie nötig.
d.) Der Hauptzweck der Schrift ist es, Glauben an Gott und an Christus
zu wecken (Joh 20,31) und ihre Sprache ist diesem Zweck angemessen. Je-
doch kann ihr Zweck nicht allein darauf reduziert werden, so als ob die
3
Paul Helm verwendet den Gedanken der Garantie im Zusammenhang mit der bi-
blischen Unfehlbarkeit in The Divine Revolution, 1982, S. 56-60.
44 Paul Wells:
Schrift nicht auch Aussagen über die Geschichte oder die natürliche Welt
machen könnte. Der Zusammenhang muss darüber entscheiden, wie die
Schrift ihren Zweck erfüllt.

1.4 Lehrt die Schrift wirklich ihre eigene Irrtumslosigkeit?

Die meisten Theologen würden diese Frage heute verneinend beantworten.


James Barr, der bestreitet, dass die Evangelikalen die Irrtumslosigkeit ver-
teidigen können, ist repräsentativ dafür. Doch es könnte viel bezüglich die-
ser Frage angeführt werden. Ein paar ausgewählte Ansätze:
a.) Im Alten Testament kamen das Volk Gottes und das Wort Gottes zur
gleichen Zeit ins Dasein und definieren einander (5Mose 27,9-11).
b.) Das geschriebene Wort des Gesetzes wird mit denselben Eigenschaf-
ten beschrieben wie Gott selbst (Ps 119,7.9.-11.86.129.130.137.142;
Jes 55,10ff).
c.) Jesus bestätigt in seinem Dienst die Geschichte des Alten Testa-
ments; er erfüllt die alttestamentlichen Prophetien; er bestätigt, dass
sich sein Volk dadurch auszeichnet, dass es sein Wort als wahr an-
nimmt (Joh 17,6.16-19); er benutzt das Alte Testament, um seine
Auferstehung zu interpretieren (Lk 24,25.44).
d.) Die Apostel bestätigen die Wahrheit ihrer Lehre (z.B. Gal 1, Eph
3,2-5).
Wenn die Schrift nirgends zusagt “Die Schrift ist irrtumsfrei”, dann ist die
Haltung Jesu und der Schreiber der Bibel sowohl in Hinsicht auf ihr eigenes
Schreiben als auch auf das anderer völlig inkonsistent zu dieser Tatsache.
Sie wäre unerklärlich, hätten sie die Schrift nicht für irrtumslos gehalten.

1.5 Wie die Irrtumslosigkeit wirkt

Wir können die Bibel keiner Irrtümer anklagen, weil sie nicht alle Fragen
beantwortet, auf die wir gerne eine Antwort hätten. Wenn sie uns nicht sagt,
wie man Auto fährt oder einen Computer bedient, heißt das nicht, dass sie
ungenügend ist. Genauso wenig können wir unsere Maßstäbe an sie anle-
gen.
Dieser Ansatz kann auf zwei Ebenen verfolgt werden:

a.) Wir sollten versuchen, die scheinbaren Widersprüche zu lösen, die wir in
der Bibel finden, zum Beispiel in den Geschlechtsregistern von Jesus, die
Biblische Irrtumslosigkeit heute 45
verschiedenen Berichte in den Evangelien über die Tempelreinigung oder
die alttestamentlichen Geschlechtsregister. Verschiedene Lösungswege
sind denkbar: Wir können nicht ausschließen, dass scheinbare Widersprü-
che in verschiedenen Berichten desselben Ereignisses auf verschiedene Ge-
fühle oder Absichten der Verfasser zurückzuführen sind; dass wir nicht im-
mer alle Einzelheiten kennen, um alles zu erklären; dass man die Lösung oft
durch genaueres Lesen des Textes findet, oder dass das Problem vielleicht
sogar mit einem sündhaften Mangel an Verständnis zusammenhängt.
Manchmal müssen wir jahrelang auf die Lösung eines Problems warten
oder auch akzeptieren, dass sich überhaupt keine Lösung abzuzeichnen
scheint.
Dies war bis kürzlich der Fall mit der Chronologie der Erscheinungen
des Auferstandenen bei den Synoptikern und bei Johannes. Sowohl Luther
als Calvin waren sich dieser Schwierigkeit bewusst, aber keiner von beiden
wollte dem Gedanken Raum geben, dass die Schrift irrt.

b.) In einem weiteren Sinn betrifft Irrtumslosigkeit die Lehren der Bibel be-
züglich der “größeren Dinge”. Vielleicht waren wir als Evangelikale zu re-
striktiv, die Debatte um die Irrtumslosigkeit auf Details zu beschränken. Die
Bibel sagt, Gott ist Liebe, Gott schuf aus dem Nichts, der Mensch fiel zu ei-
nem bestimmten Zeitpunkt in Sünde, Jesus tat Wunder, er erstand von den
Toten, er wohnt durch den Geist in den Gläubigen und er kommt wieder in
Herrlichkeit. Sind diese Aussagen wahr? Wenn wir sagen, dass dies irrtums-
freie Aussagen sind, dann nur deshalb, weil wir auf das Zeugnis der Schrift
vertrauen, denn verstandesmäßig sind sie nicht zu beweisen. Sie gehören
zum Glauben, nicht zum Schauen. Sie sind jedoch nicht unvernünftig. In ei-
nem christlichen Rahmen sind sie völlig vernünftig.

c.) Irrtumslosigkeit betrifft den Gegensatz zwischen christlicher Weltan-


schauung und anderen Weltanschauungen. Letztlich bezieht sie sich nicht
auf isolierte Tatsachen, sondern auf die Harmonie unterschiedlicher Aspek-
te der Wirklichkeit, die sind, was sie sind, durch den Bezug zu Gott, ihren
Urheber. Die Irrtumslosigkeit der Schrift drückt unsere Beziehung zu Gott
aus und die Tatsache, dass wir in ihr eine Beschreibung Gottes als Schöpfer
und Retter finden, die mit unseren Bedürfnissen und der Wirklichkeit über-
einstimmt. Sc gesehen ist sie die Auswahl eines Radios, eines verlässlichen
Gerätes, nicht einer Marke XY.
46 Paul Wells:
1.6 Eine Frage der geistlichen Intelligenz

Wenn die Frage der biblischen Irrtumslosigkeit gestellt wird, fragen wir
nicht nur nach der Bibel als Maßstab oder nach ihrer historisch-kulturellen
Situation, sondern auch nach uns selbst. Können wir das Radio bedienen?
Sind wir bibel-kompatibel?
Um mit der Bibel richtig umzugehen, bedarf es geistlicher Weisheit. Unsere
Intelligenz muss für uns geistlich “programmiert” werden, um die Wahrheit
der Schrift anzunehmen. Könnte es sein, dass das der Grund dafür ist, dass
so viele nicht über den ersten “Fehler” hinwegkommen, den sie in der
Schrift zu finden meinen? Könnte es nicht sein, dass Gott der Schrift genau
deshalb ihre komplizierte, geheimnisvolle Gestalt gegeben hat, um uns da-
ran zu erinnern, dass die Botschaft der Schrift geistlich und nicht natürlich
verstanden werden muss?4
Eph 4,7ff zeigt einen deutlichen Unterschied zwischen den Heiden ei-
nerseits, deren Denken nichtig ist, die unwissend und hartherzig sind, und
andererseits denen, die - weil sie Christus kennen - eine neue Geisteshaltung
und eine neue Natur haben, erschaffen von Gott in Gerechtigkeit und Wahr-
heit. In dieser Hinsicht ist das Ziel der Irrtumslosigkeit der Schrift die Um-
setzung der Harmonie, die sich in der Bibel findet, in unser Leben. Durch
den Geist Gottes durchdringt die Wahrheit der Schrift unser Leben und ge-
staltet es um in das Bild Christi.
Mit anderen Worten: wenn wir Radio hören, können wir die Melodie
mitsummen. Wenn die Wahrheit der Schrift unser Leben durchdringt, be-
ginnen wir, dem Rhythmus der Musik Gottes zu folgen.

2 Irrtumslosigkeit in der Beziehung zur christlichen Wahrheit

In letzter Zeit wurde die Lehre der Irrtumslosigkeit - häufig emotional - an-
gegriffen. Es wurde ihr vorgeworfen, rationalistisch zu sein, die lebendige
Beziehung zu Gott durch den toten Buchstaben zu ersetzen oder die unzeit-
gemäße Vorstellung einer schriftlichen Offenbarung zu sein. Die meisten
dieser Kritikpunkte konzentrieren sich auf die Vorstellung, dass die Unfehl-
barkeit der Schrift die letztendliche Autorität des lebendigen, persönlichen
Gottes durch die Autorität eines abstrakten, unpersönlichen Codes ersetzt.
4
Vorgeschlagen von John Frame vom Westminster Seminary, dem ich an einigen
Punkten Dank schulde.
Biblische Irrtumslosigkeit heute 47
Die moderne Theologie betrachtet die persönliche Autorität Gottes und die
Autorität einer geschriebenen Offenbarung als sich gegenseitig ausschlie-
ßend.
Die Lehre der Irrtumslosigkeit ist jedoch kein Bereich eines veralteten
Rationalismus; sie passt wie angegossen auf das Wesen des christlichen
Glaubens selbst. Ja, noch mehr - der christliche Glaube kann ohne sie “nicht
funktionieren”.

2.1 Der Glaube an die Irrtumslosigkeit widerspricht nicht der Natur des
Glaubens

Es wird oft gesagt, dass der Glaube an die Irrtumslosigkeit sich nicht mit all
den in der Bibel gebotenen Tatsachen in Übereinstimmung bringen lässt.5
Wenn das ganze biblische Zeugnis in Betracht gezogen wird, machen einige
Tatsachen “Probleme”. So erfordere das Vertreten der Irrtumslosigkeit ei-
nen Akt des “blinden Glaubens”, die Art von Glauben, der keinen entspre-
chenden Rückhalt hat. Gewisse Lehren der Schrift müssten a priori als für
die ganze Schrift gültig angenommen werden. Aus diesem Grunde haben ei-
nige Evangelikale eine Theorie der Irrtumslosigkeit vertreten, die auf die
zentralen Lehren der Schrift beschränkt ist.6 Was ist jedoch das Wesen des
Glaubens und wie wirkt er im christlichen Rahmen?

a.) Die obige Kritik könnte gegen jede christliche Lehre vorgebracht wer-
den. Jede christliche Lehre hat gewisse Probleme, die widersprüchlich er-
scheinen. Sie sind alle paradox. Können wir die göttliche und menschliche
Natur Christi vereinbaren, göttliche Erwählung und menschliche Willens-
freiheit, Gottes Liebe und Gerechtigkeit oder den Glauben als Gabe Gottes
und als menschliche Leistung?
Wir können nicht auf “alle nötigen Fakten” warten, bevor wir glauben.
Wir werden sie nie bekommen. Was wir von jeder maßgeblichen Lehre der
Schrift glauben, ist auf ihre klarsten Aussagen gegründet und dann auf das
Übrige angewandt, das aus zweitrangigen Faktoren besteht.

b.) Dasselbe gilt für die Irrtumslosigkeit. Wir glauben nicht daran, weil wir
alle nötigen Fakten kennen, sondern weil einige Schriftstellen sie klar lehren

5
Dewey Beagle ist ein gutes Beispiel.
6
G.C. Berkouwer spricht über den Gültigkeitsbereich der Schrift auf diese Weise.
48 Paul Wells:
und die, die problematisch sind, von zweitrangiger Art sind. Mit anderen
Worten: wir glauben, dass die ganze Schrift durch das Wirken des Geistes
hervorgebracht wurde und dass sie “nützlich zur Lehre, zur Überführung,
zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit” ist, auch wenn
wir nicht viel finden, das an den chronologischen Problemen in den Chro-
nikbüchern unmittelbar erbaulich ist.

c.) Darüber hinaus bedeutet christlicher Glaube, die Stimme Gottes zu hören
und ihr zu glauben, auch wenn dem einige Tatsachen entgegenzustehen
scheinen. Die Ereignisse in unserem Jahrhundert scheinen unvereinbar zu
sein mit dem Glauben, dass Gott die Geschichte lenkt. Glaube an Gott heißt
glauben gegen den Schein. Das ganze Kapitel 11 des Hebräerbriefs handelt
davon. Hätte Abraham sich auf die sichtbaren Tatsachen verlassen, hätte er
dann Ur überhaupt verlassen?
Der christliche Ansatz ist es, auf das zu hören, was Gott sagt und dann
die anderen Fakten von diesem Standpunkt aus zu betrachten, und nicht die
Fakten vom eigenen Standpunkt zu betrachten und daraufhin zu entschei-
den, ob das, was Gott sagt, wahr sein kann oder nicht. Was Gott sagt, ist ei-
ner der Fakten in der jeweiligen Situation, aber aufgrund des göttlichen
Zeugnisses ist es das wichtigste Faktum. Aus diesem Grund zwingt der An-
satz, den wir vorgeschlagen haben, einer Situation kein a priori7 auf.

Schlussfolgerung: Wir akzeptieren die Irrtumslosigkeit genauso, wie wir


andere christliche Lehren akzeptieren. Dies führt uns von der Betrachtung
des Glaubens zu der des Wissens.

2.2 Christliche Erkenntnis beinhaltet die Irrtumslosigkeit

Vertreter der Irrtumslosigkeit sagen, dass sie auf dem Zeugnis der Schrift
beruht – Sola Scriptura – und dass sie aus dem Wesen des göttlichen Zeug-
nisses folgt. Mit anderen Worten ist die Irrtumslosigkeit die Konsequenz aus
anderen biblischen Lehren. Kritiker werfen diesem Ansatz vor, deduktiv8 zu
sein und fordern, dass die richtige Methode induktiv9 sein müsse - nicht aus-

7
D.h. ohne Erfahrungsgrundlage, allein aus der Vernunft.
8
Vom allgemeinen zum Besonderen führend.
9
Vom Einzelfall zum Allgemeinen führend.
Biblische Irrtumslosigkeit heute 49
gehend von einer Lehre, sondern anhand aller möglichen Fakten soll unter-
sucht werden, ob die Bibel Fehler enthält oder nicht.

Eine deduktive Argumentation läuft folgendermaßen:


1. Gott kann nicht lügen (4Mose 23,19; Tit l,2);
2. Gott ist nicht unwissend (Ps 13ff; Hebr 4,13);
3. Die Schrift ist sein Wort (2Tim 3,16);
4. Folglich ist die Schrift wahr.

Ein neueres Beispiel einer Kritik des deduktiven Ansatzes ist J. Dunns An-
griff auf Warfields Lehre der Irrtumslosigkeit.

a.) Dunn argumentiert, dass keine der maßgeblichen Bibelstellen, auf die
Warfield sich bezieht, die Irrtumslosigkeit lehre, sie sei “angenommen” als
dogmatische Folgerung aus dem Gottesbild. Er fügt hinzu, dass die im Neu-
en Testament zitierten alttestamentlichen Stellen tendenziös gebraucht wür-
den und oft in einer Weise, die ihre ursprüngliche Bedeutung abwandelt.
Daraus schließt er, dass für die Schreiber des Neuen Testaments “das ver-
bindliche Wort Gottes weder die Schrift war, noch dass sie daraus unmittel-
bar selbst den Willen Gottes ersehen haben. Das verbindliche Wort Gottes
konnte durch das Zusammenspiel von beidem vernommen werden.”10 Da-
her ist die Irrtumslosigkeit keine notwendige Bedingung für die Autorität
der Schrift.

b.) Wie kommt Dunn zu seiner Schlussfolgerung? Er findet geänderte


Bedeutungen in der Schrift, schlägt vor, dass das Wort selbst nicht die Auto-
rität ist und schließt daraus, dass die Schrift nicht irrtumslos ist. Aber sicher-
lich können geänderte Bedeutungen aus sich selbst heraus nicht beweisen,
dass die Schrift irrt. Wieso nimmt Dunn das an? Tatsächlich zeigt sich, dass
das Argument Dunns eine versteckte Annahme enthält: dass Gott die Schrift
mit darin enthaltenen Fehlern hätte inspirieren können. Dies muss eine An-
nahme sein, denn die Schrift lehrt nirgends, dass Gott sein Wort fehlerhaft
inspiriert hätte. Das Ergebnis von Dunns Argumentation ist tatsächlich die
völlige Veränderung der Bedeutung der biblischen Inspiration.

10
J. Dunn, “The Authority of Scripture, according to Scripture”, in The Churchman
1982, S. 2-3.
50 Paul Wells:
c.) Was können wir daraus für eine christliche Erkenntnisweise schlie-
ßen?
Zunächst, dass unsere Voraussetzungen die Art und Weise beeinflussen,
wie wir die Dinge sehen, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Sau-
bere Voraussetzungen zum Verstehen der Bibel sind diejenigen, die die Bi-
bel selbst liefert.
Sodann ist der Fehler des induktiven Ansatzes - wie von Dunn gezeigt -
der Folgende: es sind nicht die biblischen Fakten selbst, die Aussagen über
die Schrift bedingen, sondern die menschlichen Bewertungen einiger bibli-
scher Fakten. Der Leser, der sagt: “Der biblische Autor irrte sich”, überla-
gert das Selbstzeugnis der Schrift mit einer menschlichen Vorstellung. Das
ist etwas anderes als das Zeugnis der Schrift, das im Fall der Irrtumslosigkeit
gegeben ist durch Psalm 12 “Die Worte des HERRN sind reine Worte” und
durch das Jesuswort: “Die Schrift kann nicht aufgelöst werden”.
Aus diesem Grunde ist das ziemlich grobe Urteil Klaas Runias, dass die
induktive Methode, konsequent angewandt, den Unglauben zum Ausgangs-
punkt macht, bedenkenswert.11
Dies ist grundlegend für eine christliche Erkenntnisweise. Auf keinem
Gebiet können wir bei einer Vorstellung beginnen, die die Offenbarung
nicht kennt und von dort zu einem Beweis der biblischen Wahrheit gelan-
gen. Wir können nicht die Schöpfung aus der Unzerstörbarkeit der Materie
und der Energie heraufbeschwören, die menschliche Natur aus einem evolu-
tionären Prozess, die Göttlichkeit Christi aus seinem Menschsein oder die
biblische Bekehrung aus einer Psychologie der Persönlichkeitsveränderung.
In allen Fällen und bei allen Fragen ist das Zeugnis der Schrift der Aus-
gangspunkt.
Die Irrtumslosigkeit ist eine Grundlage der christlichen Erkenntnis.
Könnte es ohne sie eine christliche Erkenntnis von irgend etwas geben?

2.3 Die Irrtumslosigkeit ist verträglich mit dem Wesen Gottes

In evangelikalen Kreisen wird oft gesagt, dass die Wahrheit eine Person sei,
Jesus Christus. Die Liberalen und Neo-Orthodoxen verwässern dies sogar
noch weiter: Die Wahrheit ist eine Person und nicht ein Text. Der Glaube
bezieht sich auf den lebendigen Gott oder auf den lebendigen Christus, nicht
11
K. Runia, Karl Barth’s Doctrine of Holy Scripture, 1992, S. 112. Runia erachtet
als die einzig sichere Methode die deduktive, die mit dem Zeugnis der Schrift be-
ginnt.
Biblische Irrtumslosigkeit heute 51
auf tote Buchstaben. Ein französischer neo-orthodoxer Theologe fasst es so
zusammen: “Es gilt keine biblischen Normen anzuwenden, sondern dem le-
bendigen Christus zu folgen.”
Die Biblische Irrtumslosigkeit ist jedoch vollständig verträglich mit ei-
nem persönlichen Gott, und zwar aus drei Gründen:
a.) Jesus selbst machte nie einen qualitativen Unterschied zwischen sei-
nem Ursprung und dem der Schrift. Seine Haltung offenbart eher die
gegenseitige Ergänzung als den Widerspruch zwischen “persönli-
cher Wahrheit” und “unpersönlichem Text”.12 Christus erfüllt die
Schrift; er erklärt sein Wort zum Richter am jüngsten Tag; er ist vom
Vater gekommen und bringt die Worte des Vaters. Wie er den Vater
kennt, so machen seine Worte den Vater bekannt. In Joh 17 sagt er
“Heilige sie durch die Wahrheit: dein Wort ist Wahrheit” und nicht
“heilige sie durch mich”.
b.) Wenn die Schrift ein unvollkommenes und unverlässliches mensch-
liches Zeugnis von Gottes Offenbarung ist, woher sollen wir dann
wissen, was die Absicht Christi war? Wenn es keine göttliche Offen-
barung ist, dann gibt es auch kein Wissen um das göttliche Heil. Im
Gegenteil, der persönliche Kontakt zwischen Gott und Mensch ver-
schwindet vollständig, denn wir haben ohne eine autoritative Schrift
keine Möglichkeit, Christus persönlich zu erkennen. Wenn das
Zeugnis von Christus rein menschlich ist, was kann es uns zur Gött-
lichkeit Christi sagen?
c.) Die moderne Theologie hat eine andere Sicht von Gott als der Evan-
gelikalismus. Sie glaubt, Gott ist transzendent, aber nicht auch imma-
nent. Gottes Anderssein schließt die Möglichkeit aus, ihn zu erken-
nen. Für einen Evangelikalen ist Gott tatsächlich erkennbar, weil sei-
ne Transzendenz seine Immanenz beinhaltet. Gott ist unendlich, der
einzig lebendige und wahre Gott, aber auch persönlich, sich selbst of-
fenbarend und kommunizierend.
Wieder einmal mehr kann die Irrtumslosigkeit der Schrift als in unserer
Sicht von Gott und Christus beinhaltet angesehen werden, und ohne sie kön-
nen wir keine wirkliche Erkenntnis Gottes haben. Keine Schrift, kein Chris-
tus. Dies leitet zum nächsten Punkt über, der das Wesen des Heils betrifft.

12
Das soll nicht heißen, dass Fleischwerdung und Schriftwerdung verwechselt wer-
den – ein Punkt zäher Auseinandersetzung zwischen Warfield und Packer, miss-
verstanden von Barr.
52 Paul Wells:
2.4 Irrtumslosigkeit und das Wesen des Heils

Die Bibel ist nicht ein Buch über ein Buch, sondern ein Buch über Gott und
sein Heil13. Demzufolge beinhaltet das Heil die Worte Gottes. Das Zeugnis
für diese Tatsache ist so vielfältig wie die Bibel selbst. Wie Warfield es aus-
drückt: Dieser Tatsache auszuweichen ist wie der Versuch, einer Steinlawi-
ne dadurch auszuweichen, indem man jedem Stein einzeln ausweicht. Das
Heil ist die Befreiung von Sünde, von der Gebundenheit des Unglaubens,
von Mythen. Ein ganz klares biblisches Beispiel findet man in 2Petr l. Es
gibt keinen Widerspruch zwischen dem Reden Gottes auf dem Berg der
Verklärung und im prophetischen Zeugnis. Beide weisen auf die göttliche
Offenbarung des Heils.
Darüber hinaus ist der Gehorsam gegen das gesprochene oder geschrie-
bene Wort eine notwendige Bedingung für die Jüngerschaft. Jesus besteht
wiederholt darauf.
Biblisches Heil setzt sicheres Wissen voraus, feste Gewissheit, Ver-
ständnis in Gehorsam und Jüngerschaft. Für all dies ist es notwendig, dass
die Schrift irrtumslos ist. Wo der Glaube an die Irrtumslosigkeit schwindet,
wird das christliche Heil durch einen Universalismus ersetzt, Gottes Gesetz
durch menschliche Gesetze, die kämpfende Gemeinde durch die soziologi-
sche Gemeinde und Evangelisation durch Aktivismus.

2.5 Irrtumslosigkeit und die Menschlichkeit des Menschen

Es wird oft gesagt, der Glaube an die Irrtumslosigkeit führe zu einem unper-
sönlichen Christsein. Der Mensch verlöre seine Freiheit gegenüber einem
geschriebenen Code. Irren sei menschlich und wahre Menschlichkeit erfor-
dere Freiheit. Menschlichkeit wird in enge Verbindung mit der zerbrechli-
chen Fehlbarkeit gebracht. So lautet das Argument.
Wenn moderne Theologen - seien es Barth, Küng oder Barr - von der
Menschlichkeit der Schrift sprechen, sprechen sie von ihren Fehlern, ihren
zeitlichen und kulturellen Beschränkungen. Dies ist jedoch eine völlig ab-
strakte Sicht der Menschlichkeit, die durch solche Einschränkungen nicht
definiert werden kann.
Wie also beinhaltet die Irrtumslosigkeit der Schrift die wirkliche
Menschlichkeit des Menschen? Der Mensch wurde von Gott geschaffen, die

13
Ein Ausdruck von John Frame.
Biblische Irrtumslosigkeit heute 53
Wahrheit zu kennen, sich an Gottes Plan der Geschichte zu freuen und die
Vielseitigkeit der kulturellen Entwicklung zu schätzen. Der Fall des Men-
schen ist die Wurzel des Irrtums und einer verkürzten Sicht der Menschlich-
keit. Gottes Erneuerung der Menschlichkeit beinhaltet, dass der Mensch
wieder zur Wahrheit kommt und Christus preist als das Haupt, in dem die
Fülle der Realität ihr Zentrum hat.
Die Irrtumslosigkeit der prophetischen Worte in der Schrift ist daher von
endzeitlicher Bedeutung. Sie steht als besonderer Fall in Beziehung zu Got-
tes Offenbarung der Wahrheit, die zeigt, was Gott tun kann, um die mensch-
liche Natur umzugestalten. Die Lehre von der Irrtumslosigkeit ist eine An-
deutung der Tatsache, dass die menschliche Rasse in Christus wieder zur
Wahrheit gebracht werden wird. Unsre Menschlichkeit wird eine neue
Menschlichkeit sein. Als ein Aspekt der Wirksamkeit des Heiligen Geistes
im Menschen weist die Irrtumslosigkeit in der Gegenwart auf einen Endzu-
stand der Wahrheit und der Gemeinschaft mit Gott hin. Um diesen Gedan-
ken negativ auszudrücken: Kann man sich eine neue Schöpfung vorstellen,
in der es lehrhaften Irrtum gibt? Wird es im Himmel mechanistische Evolu-
tionisten geben, Pelagianer, Antinomisten oder vor allem Sünder?
Irrtumslosigkeit ist ein Zeichen und ein Siegel dessen, was Gott in der
Zukunft tun wird; sie beinhaltet wahre Menschlichkeit. Wie notwendig ist
es für uns zu wissen, dass es in der Zukunft wahre Menschlichkeit geben
wird! Welch ein Ansporn zur Hoffnung in Christus die Irrtumslosigkeit
doch ist!
Die Menschlichkeit der Schrift im vollsten Sinn liegt in der Tatsache,
dass Gott uns durch sein Wort wahrhaft menschlich macht, denn es offen-
bart und besiegelt uns die neue Menschlichkeit, Jesus Christus.

Schlussfolgerung

Diese Betrachtungen sollten genügen, zu zeigen, dass die biblische Irrtums-


losigkeit dem Wesen des christlichen Glaubens nicht wesensfremd, sondern
aus einem Guss mit ihm ist. Wie der Glaube selbst, muss die Wahrheit der
Schrift alle Bereiche des Lebens berühren, so dass die Gnade Gottes alle er-
reicht.
Heinrich von Siebenthal14

Das Schriftverständnis von Jesus

Ps 1,1-3; 19,8-12; 119,1-4; Joh 17,6-19; 2Tim 3,10-17;


2Petr 1,16-21; 3,14-16
enn Menschen sich gegenseitig vorstellen, kommt man unwei-

W gerlich auch auf die Frage nach dem Beruf zu sprechen. Wenn
mich jemand nach meinem Beruf fragt und ich dann sage, dass
ich Dozent für Hebräisch, Griechisch und Aramäisch bin, ist mein Gegen-
über meist erstaunt. „Was in aller Welt hat Sie dazu bewogen, einen solch
ungewöhnlichen Beruf zu wählen? Warum Hebräisch, Griechisch und Ara-
mäisch?“ heißt es gewöhnlich. Mir bereitet es besondere Freude, auf diese
Frage zu antworten. Denn ohne Umwege komme ich dann auf ein Thema zu
sprechen, das für jeden Menschen lebenswichtig ist. Davon soll jetzt die
Rede sein.
Natürlich bin ich von dem Phänomen Sprache fasziniert, vom Umgang
mit Grammatik und Wortbedeutungen. Und das ist ein Grund, weshalb ich
mich mit Sprachwissenschaft beschäftige. Doch werde ich keine Vorlesung
über Grammatik halten. Die eigentliche Triebfeder nämlich, die mich dazu
bewegt, Lehrbücher und Grammatiken zu schreiben und jungen Menschen
beizubringen, von rechts nach links zu lesen und zu schreiben und sich Hun-
derte von schwierigen Wörtern und Formen einzuprägen, ist die Tatsache,
dass dies die Sprachen der Bibel sind, die Sprachen nicht nur einer interes-
santen Sammlung antiker Dokumente, was sie natürlich auch sind, sondern
vor allem die Sprachen dieses unvergleichlichen Buches, durch das der
Schöpfer und Erhalter des Weltalls selbst zu uns spricht.
Weil Hebräisch, Griechisch und Aramäisch die Sprachen des Urtextes
von Gottes Wort sind und ich durch sie direkten Zugang zu diesem habe und
mir das Vorrecht verliehen ist, anderen zu helfen, es richtig zu verstehen,
14
Die Predigt wurde am 9. Dezember 1990 in Pohlheim gehalten und erschien als
Aufsatz in „Bibel und Gemeinde“ Nr. 4/1991 unter dem Titel „Ist die Bibel Gottes
Wort?“
Dr. Heinrich von Siebenthal ist Dozent für Biblische Sprachen und Textforschung
an der Freien Theologischen Akademie Gießen. Er studierte Sprachwissenschaf-
ten an den Universitäten Zürich und Liverpool und lehrte an der Universität Li-
verpool und an der Freien Evangelisch-Theologischen Akademie (FETA) in
Basel.
Das Schriftverständnis von Jesus 55
auszulegen, zu verkünden und anzuwenden – zu Gottes Ehre und zum Wohl
seiner Gemeinde, deshalb habe ich diesen ungewöhnlichen Beruf gewählt.
Die Gewissheit, dass die Bibel Gottes Wort ist, gibt mir die Motivation,
mich diesen Sprachen zu widmen.
Nun ist es sicher vielen bewusst, dass es in unserer Zeit nur wenige Aus-
sagen gibt, die energischer in Frage gestellt, verspottet, gehasst, bekämpft
werden, als die Behauptung, dass die Bibel Gottes Wort im eigentlichen
Sinne des Wortes ist. Nicht nur offensichtliche Gegner des Christentums,
sondern auch eine große Anzahl christlicher Theologen möchten uns diesen
Sonntagsschulglauben – wie manche diesen spöttisch bezeichnen – ausre-
den, da er philosophisch, theologisch, geschichts- und naturwissenschaftlich
unhaltbar und, nur von engstirnigen, streitsüchtigen Fundamentalisten ver-
treten, auch politisch gefährlich sei.
So stellt sich natürlich immer wieder die Frage, was denn eigentlich rich-
tig sei. Ist der Glaube, dass die Bibel Gottes Wort ist, richtig oder falsch?
Entspricht diese Bibelhaltung, über die sich Christen seit frühkirchlicher
Zeit bis in die Neueste Zeit hinein stets einig gewesen waren, den Tatsachen
oder nicht? Worauf kann sich dieser Glaube stützen?
Das ist die Frage, unter welcher wir heute unser Thema behandeln wer-
den. Ich möchte Ihnen von dem berichten, was ich in meinem Leben als un-
erschütterliches Fundament für meinen Glauben an die Bibel als Gottes
Wort im vollen Sinne des Wortes kennen gelernt habe.
Selbstverständlich kann ich diese Frage nicht erschöpfend behandeln.
Zeugnishaft werde ich mich auf ein paar wesentliche Punkte konzentrieren.
Ich hoffe und bete, dass wir heute alle ermutigt werden, uns erneut oder zum
erstenmal bewusst der Bibel als dem voll maßgeblichen Gotteswort zu un-
terstellen und dass wir und andere durch uns so mit Strömen göttlichen Se-
gens überschüttet werden, da wir dadurch in wahren Kontakt mit dem leben-
digen Gott treten.

1 Entscheidendes steht auf dem Spiel

Unsere Frage lautet: Auf welcher Basis ruht der Glaube, dass die Bibel Got-
tes Wort ist? Gar leicht unterschätzen wir die Wichtigkeit dieser Frage. Füh-
ren wir uns daher kurz vor Augen, was hier auf dem Spiel steht.
Ist die Bibel tatsächlich Gottes Wort, so haben wir in ihr einen unver-
gleichlich kostbaren Schatz. Wenn das, was die Bibel sagt, das ist, was Gott
56 Heinrich von Siebenthal:
sagt, – da sie ohne wirkliche Konkurrenz dasteht –, enthält sie die wertvoll-
ste Information der Menschheitsgeschichte. Stellen wir uns einmal vor:
Vollkommen zuverlässige Information vom führenden Spezialisten nicht
nur in einem bestimmten Gebiet der heutigen Wissenschaft oder Technik,
sondern vom besten Fachmann jedes erdenkbaren Gebietes im ganzen Uni-
versum, sowohl der Vergangenheit, der Gegenwart als auch der Zukunft,
der nie lügt.
Nicht erschöpfend, aber zuverlässig, zeigt er uns in der Bibel, wenn sie
sein Wort ist, das, was wirklich wichtig ist, damit jeder Mensch in jedem
Zeitalter und jeder Kultur, ein sinnerfülltes und ethisch gesundes Leben füh-
ren kann; er offenbart uns alles, was wir über ihn und über uns wissen müs-
sen, darüber, woher wir kommen, wer wir sind, wohin wir gehen, wie wir als
Einzelmenschen und in der Gemeinschaft leben sollen, darüber, was mit der
Welt, wie sie jetzt ist, nicht in Ordnung ist und was getan werden muss und
kann – die schönste Lebensphilosophie, die besten Normen für unser Han-
deln für uns als Einzelmenschen, für Ehe und Familie, für das Alleinsein, für
die Arbeit, für Aufgaben in Industrie, Wirtschaft und Regierung, Forschung,
Kunst, und was auch immer uns Menschen beschäftigt. Ja noch mehr: In der
Bibel, wenn sie sein Wort ist, gibt er uns nicht nur einen Maßstab in die
Hand, der uns zeigt, was Gut und Böse ist, sondern er bringt uns auch in
Kontakt mit sich selbst, der die Quelle allen Lebens und allein fähig ist, uns
aus einer Welt des leeren Wunschdenkens in die Wirklichkeit eines neuen,
ewigen Lebens zu versetzen.
All dies gehört uns, wenn die Bibel Gottes Wort ist – ein unvergleichli-
cher Maßstab, mit dem wir uns und die Welt, die uns umgibt, beurteilen
können. Ist die Bibel nicht Gottes Wort, so sind wir ohne all dies. Ebenso,
wenn sie, wie viele so genannte positive Theologen meinen, nicht in vollem
Umfang Gottes Wort ist. Weshalb? Ist die Bibel nicht vollumfänglich Got-
tes Wort, so brauchen wir irgendeinen anderen Maßstab, der uns zeigt, was
in der Bibel annehmbar und was nicht annehmbar ist. Einen solchen
Maßstab gibt es aber nicht. Gewiss, da ist die menschliche Vernunft. Doch
dies ist keine feste Größe. Darüber, was vernünftig ist, gibt es oft so viele
Meinungen wie Menschen. Wir sind daher menschlichen Spekulationen
völlig ausgeliefert und stehen den wirklich wichtigen Fragen unseres Le-
bens hilflos gegenüber, wenn die Bibel nicht in vollem Umfang Gottes Wort
ist. Es steht also bei dieser Frage Entscheidendes auf dem Spiel.
Das Schriftverständnis von Jesus 57
2 Worauf sich der Glaube an die Bibel als Gottes Wort gründet

Was, wenn überhaupt etwas, berechtigt mich, zu glauben, dass die Bibel
Gottes Wort ist?

2.1 Mögliche Gründe

Es gibt eine ganze Anzahl möglicher Antworten, die manchmal in diesem


Zusammenhang geboten werden. Sie sind meiner Meinung nach alle nur
zum Teil zufriedenstellend.
Manche berufen sich auf Traditionen oder auf kirchliche Bekenntnisse.
„Die Bibel ist Gottes Wort, weil Christen das immer geglaubt haben. Das ist
das, was das Bekenntnis so und so sagt. Darum müssen wir es glauben.“ So
ungefähr wird argumentiert. Ich denke kaum, dass uns das weiterhilft. Na-
türlich sollte man Traditionen und Bekenntnisse nicht leichtfertig verwer-
fen. Doch können diese im Irrtum sein; sie müssen daher immer geprüft
werden.
Der philosophische Ansatz ist eine weitere Möglichkeit. Vergleicht man
z.B. die biblische Lehre mit anderen Systemen, so wird deutlich, dass es
nichts Umfassenderes, Sinnvolleres und in sich Stimmigeres gibt als das
Gedankensystem, das uns in der Bibel entgegentritt. Während dieser Ansatz
äußerst fruchtbar ist, erweist er sich doch, für sich genommen, als unzurei-
chend.
Eine weitere Möglichkeit bilden literaturwissenschaftliche Argumente.
Diese vermögen die besondere literarische Qualität des biblischen Kanons
und die Tatsache herauszustreichen, dass die Bibel unter den Schriften des
Altertums die bei weitem bestüberlieferte ist. Solche Hinweise lassen uns et-
was von der unvergleichlichen Qualität der Bibel erahnen. Doch dass die Bi-
bel Gottes Wort ist, lässt sich dadurch nicht beweisen.
Sehr beliebt sind auch Argumente, die sich auf die Geschichtswissen-
schaft bzw. die Archäologie stützen. Die historischen bzw. archäologischen
Forschungen der letzten anderthalb Jahrhunderte haben tatsächlich dazu ge-
führt, dass international anerkannte Spezialisten wie Albright, Millard und
andere behaupten können, dass man bisher keiner einzigen historischen
bzw. archäologischen Tatsache begegnet ist, durch die irgendwelche Aussa-
gen der Bibel als Irrtum erwiesen werden könnten. Das ist natürlich bemer-
kenswert und ermutigt uns, die Bibel als antike Geschichtsquelle ernst zu
58 Heinrich von Siebenthal:
nehmen; auch passt dies gut zur Behauptung, die Bibel sei Gottes Wort.
Doch ein Beweis dafür ist dies nicht.
Diese und viele andere Antworten leisten einen gewissen Beitrag. Doch
keine von ihnen erweist sich als völlig zufriedenstellend.

2.2 Jesus Christus das wahre Fundament

Es gibt aber einen Ansatz, der mir wirklich geholfen hat. Und ich bin über-
zeugt, er vermag auch anderen dazu verhelfen, in dieser Frage zur Ruhe zu
kommen. Die Antwort auf unsere Frage, wie letztendlich auf jede andere
Frage, der wir uns gegenüber sehen, ist ganz einfach Jesus Christus, der
Herr! Die Basis, auf der mein Glaube an die Bibel als Wort Gottes ruht, fin-
det sich in der Person unseres Herrn Jesus! Wie ist das gemeint?
1. Die Bibel führt mich zu Jesus Christus als der höchsten Autorität der
Menschheitsgeschichte.
2. Jesus Christus, die höchste Autorität, seinerseits führt mich zur Bibel
als Gottes Wort im vollen Sinne des Wortes.

2.3 Die Bibel führt zu Jesus Christus als höchster Autorität

Wie führt mich die Bibel zu Jesus Christus als der höchsten Autorität?
Die Bibel präsentiert uns Jesus Christus und behauptet, er sei der Sohn
Gottes, der Retter der Welt – sie stellt ihn als höchste Autorität der Mensch-
heitsgeschichte hin, sodass das, was er sagt, mehr Gewicht hat als irgend et-
was anderes, was wir von irgendeiner anderen Stimme vernehmen können.
S. z.B. Mt28,18; Phil 2,9-11; Kol 1,15-19.
Die entscheidende Frage, die sich natürlich aufdrängt ist: Hat die Bibel
mit ihrer Behauptung Recht? Wie lässt sie sich begründen?

Sie hat Recht. Ich habe eine ganze Palette von Beweisen dafür kennen ge-
lernt:
a) objektive Beweise, d.h. Dinge, die auf jeden Fall wahr sind, egal, ob
ich etwas fühle oder erlebe;
b) subjektive Beweise, d.h. Dinge, die mit meiner persönlichen Stellung
zu Jesus Christus zu tun haben und mir persönliche Gewissheit ver-
schaffen.
Das Schriftverständnis von Jesus 59
Welches sind die objektiven Beweise? Es gibt deren viele. Ich nenne nur ei-
nige, die besonders eindrücklich sind.
Egal, was ich fühle oder erlebe, gibt es z.B. das unvergleichbare Leben,
das Jesus Christus führte (bezeugt im Neuen Testament [Evangelien], nicht
bestritten durch die Tradition seiner jüdischen Gegner): Jesus behauptete,
die wichtigste Person zu sein, der Messias, der Sohn Gottes, der einzige
Weg zu Gott, die Wahrheit, das Leben, derjenige, an dem kein Mensch vor-
beikommt.
Nun war das entweder wahr oder unwahr. War es unwahr, so war er ent-
weder ein Betrüger oder ein Geistesgestörter. Dass er weder ein Betrüger
noch ein Geistesgestörter war, wird völlig klar, wenn wir uns seinen makel-
losen Charakter vor Augen führen, seine außergewöhnliche Gottverbunden-
heit, besonders auch seine Demut, seine Liebe und einzigartige Selbstlosig-
keit, mit denen er sein Leben dafür einsetzte, Menschen zu helfen, Männern
und Frauen, Knaben und Mädchen, Alten und Jungen, Armen und Reichen,
die von Übeln verschiedenster Art geplagt waren, bis er schließlich als stell-
vertretendes Sühneopfer an einem römischen Kreuz für die Sündenschuld
der ganzen Menschheit starb. All das wäre unvorstellbar bei einem Men-
schen, der entweder bewusst oder unbewusst andere mit Unwahrheiten sol-
cher Größenordnung täuschte. Die einzige annehmbare Alternative scheint,
dass Jesus Christus zu Recht von sich behauptete, er sei die wichtigste Per-
son.
Ein weiterer objektiver Beweis findet sich in der Tatsache, dass er echte
Wunder tat (bezeugt nicht nur im Neuen Testament, sondern auch in den tal-
mudischen Quellen seiner jüdischen Gegner): Krankheiten, körperliche und
geistige Gebrechen, dämonische Mächte, Sturm und Wellen, Nahrungs-
mangel, ja der Tod, sie alle gehorchten seinem Befehl. Da diese Wunder
zum wahren Gott hinführten, wird auch deutlich, dass er mit diesem Gott im
Bunde war und ihn auf seiner Seite hatte, sein Anspruch also göttlich bestä-
tigt war. Vgl. etwa Apg 10,36-38.
Das markanteste und am besten bezeugte Wunder ist seine eigene Auf-
erstehung am dritten Tag nach seiner Hinrichtung, eine Tatsache, die er da-
vor wiederholt angekündigt hatte. Diese einzigartige Tatsache zeigt einer-
seits, dass die Worte Jesu Christi zuverlässig, glaubwürdig sind, auch wenn
sie noch so unglaublich erscheinen. Andererseits bestätigte Gott, dadurch,
dass er ihn vom Tod erweckte, ganz nachdrücklich, dass das, was Jesus
Christus sagte und tat, ganz im Sinne Gottes und damit richtig war. Vgl.
etwa 1Kor 15,3ff.
60 Heinrich von Siebenthal:
Das sind ein paar der objektiven Beweise, Beweise, die gelten, egal, was
wir in Bezug auf sie fühlen, denken oder erleben. Sie zeigen, dass Jesus
Christus tatsächlich der Sohn Gottes und damit die höchste Autorität in der
Menschheitsgeschichte ist.
Neben diesen objektiven Beweisen gibt es auch die subjektiven. Sie ent-
stehen dann, wenn ich auf die Gute Nachricht von Jesus Christus im Neuen
Testament eingehe, wenn ich mich persönlich mit Jesus Christus einlasse:
Im Neuen Testament wird er uns als derjenige vorgestellt, der uns von
der Sündenschuld und Trennung von Gott und dem ewigen Leben befreit,
wenn wir uns in echter Reue ihm vertrauend an ihn wenden, der uns zu Glie-
dern der königlichen Familie Gottes macht, das sie daran merken und dessen
sie sich dadurch bewusst werden, dass der Heilige Geist Gottes in ihnen
wohnt. Siehe z.B. Joh 20,31; Apg 2,38.
Im Laufe der Jahrhunderte haben viele, auch ich und, wie ich annehmen
darf, die meisten von Ihnen, dieses Angebot angenommen. Und was ist pas-
siert? Wir haben erfahren, dass es echt ist, dass Jesus Christus wirklich lebt!
Er rettete uns wirklich und gab uns ein neues Leben; der Heilige Geist führte
uns zur Gewissheit, dass das alles mit dem Evangelium stimmt: Vor allem
dass Jesus Christus tatsächlich der Herr, die höchste Autorität ist, bei dem es
nichts anderes gibt, als sich ihm mit Freuden völlig in jeder Hinsicht zu un-
terwerfen.
Das sind also einige der objektiven und subjektiven Beweise, die mich
zu der festen Überzeugung geführt haben, dass Jesus Christus tatsächlich die
höchste Autorität ist, wie es das Neue Testament behauptet. Dabei ist zu be-
achten: Bisher sind wir nicht davon ausgegangen, dass das Neue Testament
Gottes Wort ist. Wir haben bei ihm lediglich eine durchschnittliche Glaub-
würdigkeit vorausgesetzt, wie wir sie normalerweise menschlichen Äuße-
rungen gegenüber annehmen. Dass es tatsächlich Teil des völlig zuverlässi-
gen Gotteswortes ist, soll später deutlich werden.

2.4 Jesus Christus führt zur Bibel als Gottes Wort

Wir haben gesehen, wie die Bibel uns zu Jesus Christus als der höchsten
Autorität führt. Nun wollen wir uns kurz vor Augen führen, wie uns Jesus
Christus als die höchste Autorität zur Bibel als Gottes Wort führt.
Hier müssen wir zwischen Altem und Neuem Testament unterscheiden,
und zwar aus einleuchtenden Gründen: Während der irdischen Wirksamkeit
Das Schriftverständnis von Jesus 61
unseres Herrn bestand die Bibel erst aus dem Alten Testament. Das Neue
Testament kam dann als direkte Folge der Wirksamkeit Jesu hinzu.
Wie führt mich Jesus Christus zum Alten Testament als Gottes Wort?
Vom Anfang bis zum Ende seiner Wirksamkeit war er von einem großen
Anliegen bestimmt, nämlich die Schrift, das Alte Testament, zu erfüllen.
Die Schrift zu erfüllen, war für ihn dasselbe, wie Gottes Willen zu tun. Für
ihn war das, was die Schrift sagte, das, was Gott sagte. Siehe z.B. Mt 4; Mt
26,54; Mt 5,17ff. Mit Nachdruck bestätigte er das, was das Alte Testament
über Gott und über unsere Lebensführung sagte. Er hob die eigentliche Ab-
sicht der alttestamentlichen Lehre im Gegensatz zu den gängigen Fehldeu-
tungen hervor. Siehe z.B. Mt 5,21ff. Er bestätigte ausdrücklich eine Reihe
anderer alttestamentlicher Aussagen, die in unserer Zeit besonders heftig
umstritten sind:
• Die Erschaffung des ersten menschlichen Paares, wie sie in 1Mose 1
und 2 beschrieben wird (Mt 19,4ff);
• die Sintflut (Mt 24,37ff);
• den Bericht über Jona und den Fisch (Mt 12,40);
• die davidische Verfasserschaft von Psalm 110 (Mt 22,43f).
Er war sich mit den jüdischen Führern seiner Zeit über den Umfang der
Schrift einig. Er widersprach ihren Fehldeutungen der Schrift, aber nicht ih-
rer Auffassung, was als Teil des Wortes Gottes zu betrachten war (Mt 15). –
Unabhängige Forschungen haben gezeigt, dass die Bibel, wie man sie zur
Zeit Jesu in Israel kannte, exakt die 39 Bücher unseres protestantischen Al-
ten Testaments umfasste1. – Es gibt keinen Zweifel: Für Jesus Christus war
das Alte Testament Gottes Wort, eine Tatsache, die selbst liberale Forscher
als erwiesen erachten. Die Frage ist nur: Sind wir bereit, uns Jesus Christus
anzuschließen und das Alte Testament ebenfalls als Gottes Wort zu akzep-
tieren. Wir haben allen Grund dazu.
Wenn wir uns dazu entschlossen haben, denjenigen zu folgen – unter ih-
nen leider auch viele Theologen –, die behaupten, Jesus habe sich in diesem
Punkt geirrt, sind wir auf einem gefährlichen Weg. Wir müssen unverzüg-
lich umkehren und darüber Buße tun, dass wir auf die Stimme des Versu-

1
Roger Beckwith, The Old Testament Canon of the New Testament Church, Lon -
don: SPCK, 1985. Siehe auch Gerhard Maier, “Kanon (AT)” in Das Große Bibell-
exikon, Band 2, Wuppertal: Brockhaus, 1988, ebenso “Der Abschluss des jüdischen
Kanons und das Lehrhaus von Jabne” in Gerhard Maier (Hrsg.), Der Kanon der Bi-
bel (Gießen: Brunnen, 1990), S. 1-24.
62 Heinrich von Siebenthal:
chers gehört haben, und uns erneut kindlich Jesus Christus und seiner Schrift
ausliefern. Das zum Alten Testament.

In welcher Weise bestätigt Jesus Christus das Neue Testament als Gottes
Wort? Ich möchte das kurz in sechs Punkten darstellen.

1. Er, der die höchste Autorität ist, macht deutlich, dass seine Lehre
Gottes Lehre war, wie das Alte Testament Gottes Wort war (Joh
14,24).
2. Wie er von seinem Vater bevollmächtigt war, bevollmächtigte er
eine Gruppe von Sonderbeauftragten, die Apostel, zunächst 12 Män-
ner (Joh 20,21), später ergänzt durch mindestens einen, den Apostel
Paulus, vielleicht auch durch einige weitere wie Jakobus, den Vorste-
her der Jerusalemer Gemeinde.
3. Er beauftragte diese Männer, seine Lehre vollständig an alle Völker
weiterzugeben (Mt 28,20). Gleichzeitig sagte er ihnen den besonde-
ren Beistand des Geistes Gottes zu, der sie an alles erinnern würde,
was er sie gelehrt hatte (Joh 14,26).
4. Von Anfang an wurde die Lehre der Apostel als die Lehre Christi
und daher Lehre Gottes angenommen (Apg 2,41f).
5. Die Apostel waren nicht in der Lage, die Lehre Jesu zu Lebzeiten
persönlich allen Völkern zu bringen. Ihr Herr führte sie, stell ich mir
vor, durch den Heiligen Geist, Vorkehrungen dafür zu treffen, dass
die Aufgabe durch Christen späterer Generationen vollendet würde.
Daher begannen die Apostel in Zusammenarbeit mit einer Anzahl
Männer, die zu ihrem Kreis gehörten und die offenbar durch sie auto-
risiert waren, unter der souveränen Führung ihres Herrn, die Lehre
Christi schriftlich festzuhalten. Es entstanden also die Bücher, die die
Christenheit dann als „Neues Testament unseres Heilandes Jesu
Christi“ als gottgeschenkte Fortsetzung zur Schrift des Alten Testa-
ments von gleicher Autorität annahmen.
6. Da es unter den Schriften der Antike keine wirklichen Konkurrenten
zum Neuen Testament gibt, die glaubhaft beanspruchen, dass sie die
Lehre Jesu enthalten, haben wir gute Gründe, das Neue Testament
als das gottgeschenkte Buch anzunehmen, das die Lehre vollständig
enthält, wie sie die Apostel nach dem Befehl Jesu an alle Völker wei-
tergeben sollten.
Das Schriftverständnis von Jesus 63
Da also Jesus Christus, die höchste Autorität, die Apostel beauftragte und
bevollmächtigte, seine göttliche Lehre als vollständig an alle Völker weiter-
zugeben, und da ich sie im Neuen Testament und sonst nirgends finde, habe
ich den Mut, das Neue Testament im Vertrauen auf Jesus Christus als Gottes
Wort zu akzeptieren.
Die Bibel führt mich also zu Jesus Christus, der höchsten Autorität, und
er seinerseits führt mich zur Bibel, sowohl zum Alten Testament als auch
zum Neuen Testament, als Gottes Wort.
Ich weiß: Damit sind nicht alle Fragen beantwortet, etwa Fragen nach
der richtigen Textform, der Geschichte des Kanons, der verschiedenen Aus-
legungsprobleme usw. Es gibt eine Reihe nützlicher Publikationen, die sich
mit solchen Fragen beschäftigen. Doch mit einer solch unvergleichlichen
Autorität hinter diesem Buch, nämlich Jesus Christus mit all seinen einzig-
artigen Qualifikationen sollten wir uns wegen der verschiedenen Probleme
nicht allzu viele Sorgen machen. In erster Linie ist hier Demut angebracht.
Wir brauchen nicht krampfhaft nach Lösungen von Bibelproblemen zu su-
chen. Wir sollten uns auch nicht durch Menschen in unserem Glauben er-
schüttern lassen, die uns mit angeblichen Widersprüchen oder Irrtümern in
der Bibel unter Druck setzen wollen. Unser Glaube an die Schrift als Gottes
Wort ruht nicht auf unserer Fähigkeit, zu jedem Bibelproblem eine allge-
mein akzeptable Lösung zu finden, sondern auf Jesus Christus, der die Ga-
rantie ist, dass kein wirkliches Problem da ist, obwohl im Augenblick – mit
mangelndem Informationsmaterial oder einem falschen Verständnis des
Textes – vielleicht eine Anzahl von Problemen unlösbar erscheint. Immer
wieder ist es während der Auslegungsgeschichte geschehen, dass man eines
Tages auf neue Tatsachen stieß, die ein unlösbar scheinendes Problem
plötzlich aus der Welt schafften.
Oft entstehen Schwierigkeiten deshalb, weil wir den Bibeltext missver-
standen haben. Es ist immer empfehlenswert, bei Schwierigkeiten noch ein-
mal gut hinzuschauen, was der fragliche Text im näheren oder weiteren Zu-
sammenhang tatsächlich sagt und bedeutet (Bildsprache ist als Bildsprache,
Dichtung als Dichtung; die Aussprüche der Freunde des Hiobs sind nicht
unbesehen als göttliche Lehre zu übernehmen [Gott verwirft ihre Reden
später]).
Viele Probleme werden unweigerlich bestehen bleiben, da unser
menschlicher Horizont im Vergleich zu Gottes unendlicher Sicht und
Kenntnis so erbärmlich eingeengt ist.
64 Heinrich von Siebenthal:
Ich möchte uns alle dazu ermutigen, in erster Linie Jesus Christus unser
Leben völlig auszuliefern und zu unterstellen und Tag für Tag eine enge Be-
ziehung zu ihm zu pflegen.
Als zweites, untrennbar mit dem ersten verbunden, mögen wir uns mit
unserer ganzen Person der Bibel als dem Wort Gottes im vollen Sinne des
Wortes unterstellen, auf sie mehr hören als auf irgendeine andere Stimme,
egal, wie eindrücklich, professionell, gewichtig, ja vielleicht geistlich diese
auch klingen mag. Ich beschwöre uns alle, eine enge Beziehung zu Jesus
Christus zu pflegen, viel Zeit mit ihm zu verbringen, wobei wir demütig und
betend unermüdlich sein Buch lesen und darin forschen, sein Buch, die Bi-
bel, fest entschlossen, uns ihm zu unterstellen, weil es Gottes Wort ist.
Wenn die Bibel sagt, dass Jesus, der gekreuzigte und auferstandene
Herr, der einzige Weg zu Gott ist ... Wenn sie sagt, die Erlösung sei eine völ-
lig unverdiente Gabe Gottes ... Wenn sie sagt, wir sollten nichts mit okkulten
Praktiken wie Astrologie, Wahrsagerei, Befragung der Verstorbenen zu tun
haben ... Wenn sie sagt, Sex gehöre ausschließlich in die Ehe ... Wenn sie
das Vergießen von unschuldigem Blut, auch vom unschuldigen Blut Unge-
borener als Verbrechen brandmarkt ... sagen wir ja, weil es Gottes Wort ist,
auch wenn alle sonst nein sagen.
Wenn die Bibel die Schöpfung, insbesondere die Erschaffung des Men-
schen im Bilde Gottes, den Sündenfall des ersten Menschenpaares, die Sint-
flut, die Geschehnisse um Jona und den Fisch usw. als wirkliche Ereignisse
bezeichnet ... nehmen wir es als Gottes Wort an, auch wenn wir von anderen
als mittelalterlich abgelehnt werden.

Der Herr wird uns ewig dafür segnen!2

2
Empfohlene allgemein verständliche Lektüre (Siehe auch Anm. 2): Alan Millard.
Schätze aus biblischer Zeit. Gießen: Brunnen, 1986 (allgemein verständliche, reich
bebilderte Darstellung wichtiger archäologischer Ergebnisse mit guten Hinweisen
zur historischen Glaubwürdigkeit und zur Zuverlässigkeit der Textüberlieferung
vor allem des Alten Testaments). Bruce Milne. Know the Truth: A Handbook of
Christian Belief. Leicester: Inter-Varsity, 1982 (gründliche Darstellung im Rah -
men einer bibeltreuen Dogmatik für Nichtspezialisten). John Stott. Die Autorität
der Bibel. Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 1977 (stellt knapp, aber treffend die we-
sentlichen Punkte der obigen Argumentation dar.) John W. Wenham. Jesus und die
Bibel: Autorität, Kanon und Text des Alten und neuen Testaments, Holzgerlingen:
Hänssler, 2000 (stellt die zentralen Punkte der obigen Argumentation detailliert dar
und geht sorgfältig auf alle wichtigen Fragen [auch solche des Kanons und der
Textüberlieferung] ein).
Bernhard Kaiser1

Was ist biblische Irrtumslosigkeit?

rren ist menschlich”, lautet der uns allen geläufige Spruch über den

“I Menschen. Weil wir diesen Sachverhalt aus vielfältiger Erfahrung


kennen, setzen wir oft unbewusst Menschlichkeit und Irrtumsfä-
higkeit gleich. Und in der Tat irren wir alle vielfältig. Der Irrtum ist nicht ge-
wollt; er geschieht zumeist unbewusst, und bisweilen ist er vom Gefühl der
Unsicherheit im Urteil begleitet. Nicht selten aber vertreten Menschen Irrtü-
mer im Brustton der Überzeugung. Ein bewusstes Irren allerdings wäre eine
Lüge, ein bewusstes, willentliches Sich-verschließen vor der Wahrheit oder
ein Verkehren derselben.
Bekanntlich ist die Bibel nicht als irrtumsloses Buch in perfektem He-
bräisch und Griechisch vom Himmel gefallen, sondern ist von Menschen
verfasst und niedergeschrieben worden. Deswegen wird sie vor allem seit
der Aufklärung mit der menschlichen Irrtumsfähigkeit in Verbindung ge-
bracht. Die damaligen Autoren hätten wohl in einer durchweg guten Absicht
geschrieben, aber die Irrtümer ihrer Zeit und ihrer subjektiven Sicht seien
deutlich erkennbar. Wie gehen wir mit diesem häufig aufgeworfenen Pro-
blem um?

Wir werden dazu die Frage stellen, was ein Irrtum überhaupt ist, um zu se-
hen, was man der Heiligen Schrift anlastet, wenn man ihre Irrtumslosigkeit
verneint. In einem weiteren Gedankenkreis begründen wir die biblische Irr-
tumslosigkeit. Der dritte Gedankenkreis setzt sich mit konkreten Aspekten
der Irrtumslosigkeit der Schrift auseinander, wobei wir auch nach dem bibli-
schen Verständnis von Wahrheit und Irrtum fragen müssen. In einem vier-
ten Kapitel bedenken wir schließlich den Sinn des Bekenntnisses zur Irr-
tumslosigkeit.

1
D. Th. Bernhard Kaiser war Theologischer Referent des Bibelbundes und Dozent
für Dogmengeschichte und Systematische Theologie an der Freien Theologi-
schen Akademie in Gießen. Seit dem Jahr 2000 ist er Rektor der ART in Marburg.
Der Beitrag wurde zuerst abgedruckt in “Bibel und Gemeinde” Nr. 2/1994, S.
96-119.
66 Bernhard Kaiser:
1 Was ist ein Irrtum?

Das Philosophische Wörterbuch definiert den Irrtum als


eine Vorstellung, ein Gedanke oder eine Gedankenfolge, die zwar
mit dem Bewusstsein bzw. der Gewissheit ihrer Richtigkeit erlebt
wird, aber der ‘Wahrheit’, den tatsächlichen Verhältnissen, dem Ge-
genstand nicht entspricht (materialer I[rrtum]) oder den logischen
Gesetzen widerspricht (formaler [Irrtum]). Quellen des I[rrtums]
können sein: Vorurteile, Mangel an Urteilskraft; Übereilung, Mangel
an Energie, an Konzentration oder Stetigkeit des Denkens; unzurei-
chendes Erkenntnismaterial; subjektive Stimmungen, Dispositionen,
Leidenschaften, unmethodisches Verfahren, Übersehen von Fehler-
quellen, vorschnelle Verallgemeinerungen u.a. ...Psychologisch ge-
sehen ist der I[rrtum] eine sehr subjektive oder mangelhafte Deutung
der sinnlich wahrnehmbaren Erscheinung, ein sehr subjektiver, feh-
lerhafter Schluss von der Erscheinung auf diejenige physikalische
Wirklichkeit, die in der Erscheinung von sich Kunde gibt.2
Wir nehmen in dieser Definition, die das ausspricht, was aus der Sicht der
Philosophie zum Thema zu sagen ist, zwei Elemente wahr, nämlich die
mangelhafte menschliche Erkenntnis als materialen Irrtum, sowie das Ele-
ment des logischen Widerspruchs als formalen Irrtum. Beide wollen wir
kurz bedenken.

1.1 Die menschliche Erkenntnisschwäche

Ein Irrtum basiert auf der allgemeinen menschlichen Erkenntnisschwäche.


Diese ist ihrerseits zu unterscheiden:
Es gibt eine formale Erkenntnisschwäche aufgrund der Begrenzung des
Menschen. Diese ist rein geschöpflichen Natur. Der Mensch ist seinem We-
sen als Geschöpf zufolge nicht allwissend. Sein Wissen ist begrenzt auf das,
was er aus Erfahrung weiß, was ihm zugetragen wird und was er sich aneig-
net. Unter dieser Begrenzung stehen auch die Sinnesorgane: der Mensch
nimmt nur einen Ausschnitt der ihm umgebenden Wirklichkeit wahr, er
sieht zum Beispiel das Licht nur in bestimmten Wellenbereichen, und ande-
2
Philosophisches Wörterbuch. 19. Aufl. neu bearb. von Prof. Georgi Schischkoff,
s.v. ‘Irrtum’; Stuttgart: Kröner, 1974, S. 307-308. In eckigen Klammern Hinzufü-
gungen des Verfassers.
Biblische Irrtumslosigkeit 67
re Formen des Lichtes, so z.B. das ultraviolette Licht, nimmt er mit bloßem
Auge nicht wahr. Gleiches gilt vom Gehör und den anderen Sinnesorganen.
Unter dieser Begrenzung leidet auch seine Interpretation der Sinnesdaten.
Wir nehmen an, dass dies auch ohne den Sündenfall so wäre. Begrenzte Er-
kenntnis ist aber keineswegs falsche oder irrende Erkenntnis. Es ist richtige
Erkenntnis in einem bestimmten Bereich, nur ist es keine erschöpfende oder
umfassende Erkenntnis, wie sie der Schöpfer hat.
Andererseits gibt es eine Erkenntnisschwäche, die offensichtlich ihren
Grund in der durch die Sünde bedingten Hinfälligkeit und Kurzsichtigkeit
des Menschen findet. Der Mensch kann etwas wahrnehmen, aber er ist ge-
neigt, diese Wahrnehmung falsch zu interpretieren, er versteht falsch. In der
Deutung dessen, was er wahrnimmt, ist er von philosophischen oder weltan-
schaulichen Prämissen oder subjektiven, gesellschaftlichen, kulturbeding-
ten oder ideologischen Interessen geleitet. Gerade darin aber werden jene
Kräfte wirksam, die der Erkenntnis Gottes, mithin also der Erkenntnis der
Wahrheit, widerstreben. Indem er etwa allgemein anerkannte, aber falsche
Prämissen teilt und mit diesen die ihn umgebende Wirklichkeit deutet, irrt
er. So irrten jene Wissenschaftler, die die einstmals allgemein anerkannte
und kirchlich sanktionierte Weltanschauung als Erkenntnisvoraussetzung
akzeptierten, die Erde sei eine Scheibe, umgeben von den Weltmeeren, da-
rüber wölbe sich der Himmel wie eine Käseglocke und darunter sei die Un-
terwelt, die Hölle. Wenn sie ein astronomisches Detail interpretierten, floss
ihre Weltanschauung in die Deutung ein. Gleicherweise können auch jene
Wissenschaftler irren, die die allgemein akzeptierte Evolutionstheorie als
Interpretationsrahmen verwenden, um ein geologisches Phänomen zu deu-
ten. Sie tun dies in aller Regel, weil sie bestimmte Denkvoraussetzungen für
selbstverständlich halten und nicht näher hinterfragen. Hinter ihrem Irrtum
steht subjektiv keine böse Absicht, im Gegenteil, sie wollen die Wirklichkeit
erkennen so wie sie ist.
Heute geht die Wissenschaftstheorie davon aus, dass auch der Wissen-
schaftler grundsätzlich irrt, ja dass eine Erkenntnis der Wahrheit nicht mög-
lich ist, sondern dass man sich der Wahrheit nur nähern kann (K.R. Popper).
Damit wird der Mensch gleichsam unumkehrbar mit dem Irrtum verbunden.
Doch auch diese Theorie könnte ja ein Irrtum sein ...
Irrtümer können “einfach so” geschehen, indem man ohne besondere in-
nere Beteiligung falsche Vorstellungen oder Aussagen für wahr hält und
sich entsprechend äußert. Ein Irrtum kann aber auch entstehen, weil Angst
68 Bernhard Kaiser:
vor negativen oder scheinbar negativen Folgen das Erkennen hindert. Hier
beginnt der Irrtum zur Lüge zu werden.
Die Hartnäckigkeit, mit der sich bisweilen Irrtümer halten, zeigt die Er-
kenntnisschwäche des Menschen. Er liebt die Wahrheit nicht, weil er es sich
mit dem Irrtum sozusagen gemütlich gemacht hat. Dies ist eine Folge des
Gerichtes über dem Menschen, der die Erkenntnis Gottes gering achtet und
der darum auch nicht der geschöpflichen Wirklichkeit ehrlich gegenübertre-
ten kann.
Das Problem, das sich uns stellt, ist nun, ob diese Kategorie von Irrtum
auch in der Heiligen Schrift zu finden ist. Es schließt die Frage ein, ob Jesus
und die Autoren der Schrift die Irrtümer ihrer Zeit geteilt haben und diese
folglich in die Schrift eingeflossen sind. Konkret könnten die Fragen lauten:
Hat Jesus das (vorwissenschaftliche, mythologische) Weltbild seiner Zeit
geteilt? Spiegeln nicht die Aussagen von Ps 7,10 (“denn du, gerechter Gott,
prüfst Herz und Nieren”) oder Ps 73,21 (“als es ... mich stach in meinen Nie-
ren”) eine vorwissenschaftliche und sachliche falsche Sicht der Nieren als
Sitz von Gefühlen und Empfindungen wider? Zeigen nicht Ps 19,5b-7 (“Er
hat der Sonne ein Zelt am Himmel gemacht; sie geht heraus wie ein Bräuti-
gam aus seiner Kammer und freut sich wie ein Held, zu laufen ihre Bahn.
Sie geht auf an einem Ende des Himmels und läuft um bis wieder an sein
Ende, und nichts bleibt vor ihrer Glut verborgen.”), wie der Autor das antike
Weltbild in seine Aussagen einfließen lässt? Dabei kann den Autoren der
Schrift problemlos zugestanden werden, dass sie es subjektiv ehrlich mein-
ten und dass sie die Leser zum richtigen Ziel führen wollten und auch tat-
sächlich führen, so dass die Schrift wohl unfehlbar sein kann, jedoch nicht
frei von sachlichen Irrtümern ist.

1.2 Der Widerspruch

Ein formaler Irrtum liegt dann vor, wenn zwei einander widersprüchliche
Aussagen gemacht werden. Ich darf das an einem Beispiel erläutern. Wäh-
rend ich diese Zeilen schreibe, sitze ich in meinen Studierzimmer in Reiskir-
chen. Würde jemand behaupten, dass ich derweil in Gießen wäre, bestünde
begründeter Zweifel an der Behauptung. Dies entspricht der von Aristoteles
formulierten Logik: Wenn Satz A wahr ist (nämlich, dass ich in Reiskirchen
bin), dann kann ein von A unterschiedener Satz B (dass ich derweil in Gie-
ßen bin) nicht auch gleichzeitig wahr sein. Allerdings kommt es bei einem
Satz und seiner Gültigkeit immer auch auf die Situation, in der er gespro-
Biblische Irrtumslosigkeit 69
chen wurde, und auf die Perspektive, aus der heraus er formuliert wurde, an.
Würde man sich zum Beispiel Ende 1994 in Bad Liebenzell über die Frage
unterhalten, ob ich diesen Aufsatz eventuell in Berlin geschrieben hätte,
weil dort ein Ort ist, an dem ich diesen Aufsatz in Ruhe schreiben könnte
und weil ich mich dort gelegentlich aufhalte, dann könnte der Liebenzeller
Beobachter aus seiner Perspektive mit Recht sagen, dass ich den Aufsatz
nicht in Berlin, sondern in Gießen geschrieben hätte, denn Reiskirchen liegt
bei Gießen und ist als Dorf bei weitem nicht so bekannt wie die mittelhessi-
sche Universitätsstadt.
Bekanntlich wird der Schrift unterstellt, sie enthalte solche Widersprü-
che. Exemplarisch seien zwei erwähnt:
“Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind,
dass ihn etwas gereue. Sollte er etwas sagen und nicht tun? Sollte er
etwas reden und nicht halten?” (4Mose 23,19)
“Bald rede ich über ein Volk und Königreich, dass ich es ausreißen,
einreißen und zerstören will; wenn es sich aber bekehrt von seiner
Bosheit, gegen die ich rede, so reut mich auch das Urteil, das ich ihm
gedachte zu tun. Und bald rede ich über ein Volk und Königreich,
dass ich es bauen und pflanzen will; wenn es aber tut, was mir miss-
fällt, dass es meiner Stimme nicht gehorcht, so reut mich auch das
Gute, das ich ihm verheißen hatte zu tun” (Jer 18,7-10)
Beide Aussagen widersprechen einander offensichtlich. Im erstgenannten
Vers wird die Reue Gottes offenbar kategorisch ausgeschlossen, wohinge-
gen Gottes Wort durch Jeremia sie ausdrücklich lehrt. Nach aristotelischer
Logik kann nicht beides zugleich wahr sein.
Gleiches gilt etwa von den folgenden neutestamentlichen Stellen:
“Da sprach er zu ihnen: Aber nun, wer einen Geldbeutel hat, der neh-
me ihn, desgleichen auch die Tasche, und wer’s nicht hat, verkaufe
seinen Mantel und kaufe ein Schwert.” (Lk 22,36)
“Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn
wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.” (Mt
26,52)
Jesus fordert kurz vor seiner Passion seine Jünger auf, ein Schwert zu kau-
fen. Bei der bald folgenden Gefangennahme Jesu greift Petrus bekanntlich
zum Schwert und wird von Jesus zurückgewiesen. Die Bemerkung Jesu kri-
tisiert offensichtlich den Gebrauch des Schwertes in kategorischer Form.
70 Bernhard Kaiser:
Die Frage liegt auf der Hand, wie sich das mit der erstgenannten Stelle ver-
einbaren lässt.
Wir können diese Linie noch weiter ausziehen: Indem die Alte Kirche
aufgrund der Heiligen Schrift erkannte und lehrte, dass Gott dreieinig ist,
konstatierte sie einen Sachverhalt, der nach aristotelischer Logik zutiefst wi-
dersprüchlich ist. Diesem zufolge müssten jene geirrt haben, die die volle
Gottheit des Sohnes und des Heiligen Geistes bekannten und zugleich an der
Einheit Gottes festhielten. Ebenso widersprüchlich erscheint das christolo-
gische Dogma, Jesus sei zugleich Gott und Mensch. Gesteht man Gott zu,
dass er allgegenwärtig, allmächtig und allwissend ist, dann kann er nicht zu-
gleich ein in seinem Wesen und Wissen begrenzter Mensch sein.
Wir werden diese als Beispiele genannten Probleme im Rahmen dieses
Aufsatzes nicht der Reihe nach in erschöpfender Form lösen. Wir werden
aber Überlegungen anstellen, wie solche formalen Widersprüche aus der
Sicht der Schrift zu bewerten sind.

1.3 Das Problem

1.3.1 Ein philosophischer Begriff von Irrtumslosigkeit


Wenn wir die klassische Logik als solche ansehen, stoßen wir auf das ei -
gentliche Problem: Es sind unsere menschlichen, mithin also die philosophi-
schen Kategorien, die uns Widersprüche in der Schrift konstatieren lassen.
Wir tragen diese Kategorien an die Schrift heran, ohne vorab zu klären, ob
dies überhaupt statthaft ist. Die Frage ist also, ob diese Kategorien geeignet
sind, Gott und sein Handeln zu beschreiben.

1.3.2 Die Bewertung der Schöpfung als Gefäß der Offenbarung Gottes.
War das soeben genannte Problem am formalen Irrtum orientiert, so hat das
zweite mit dem materialen Irrtum zu tun. Dabei ist nicht nur die Frage, ob
die Schrift materiale, also tatsächliche oder sachliche Irrtümer enthält, son-
dern auch, ob die geschöpflich-menschliche Sphäre immer solche Irrtümer
mit sich bringt und dass Gott dann, wenn er in der geschöpflichen Dimensi-
on redet, auch solche Irrtümer in Kauf nimmt oder nehmen muss. Hierin
liegt ein weithin unerkanntes Problem, das mit der Bewertung der Schöp-
fung als Gefäß der Offenbarung zu tun hat.
Wollten wir nun im Raster der philosophischen Fragestellungen untersu-
chen, ob die Schrift irrtumslos ist, dann würden wir nicht weit kommen. Bei
den formalen “Irrtümern” müssten wir sie daraufhin abklopfen, ob sie logi-
Biblische Irrtumslosigkeit 71
sche Widersprüche enthält, und dann versuchen, diese zu harmonisieren.
Blieben solche Widersprüche übrig, dann kämen wir zu dem Schluss, dass
Irrtümer vorliegen müssen. Und selbst wenn wir keine finden würden, hät-
ten wir nicht allzu viel gewonnen: Wir hätten dann die Heilige Schrift durch
das Sieb aristotelischer Logik laufen lassen und damit zu erkennen gegeben,
dass uns unsere gefallene Logik wichtiger ist als die Schrift selbst. Wir wür-
den einem rationalistischen Wahrheitsbegriff huldigen und Wahrheit im
Sinne von logischer Widerspruchsfreiheit verstehen. Mithin würden wir das
an sich geistliche Prädikat “irrtumslos” mit fleischlichen Mitteln gewinnen.
Ähnliches gilt für den materialen Irrtum. Auch hier wären es unsere be-
sonders auf Kant zurückgehenden Kategorien, mit denen wir Wahrheit defi-
nieren würden. Und dann würden wir die Schrift erneut abklopfen, ob sie
auch “die Wahrheit” sagt. Wieder wäre unsere gefallene Vernunft Maßstab
für die Schrift. Wir hätten ein naturalistisches, fleischliches Verständnis von
dem, was “wahr” ist, und wieder würden wir ein geistliches Prädikat mit
fleischlichen Mitteln gewinnen. Ganz abgesehen davon können wir bei die-
ser Operation die Wahrheit der Schrift überhaupt nicht durchgängig feststel-
len, denn wir müssten unter anderem beweisen, dass Gott seine Verheißun-
gen etwa im Blick auf das ewige Leben auch tatsächlich erfüllt. Aber diese
Beweisführung, die sich auf die jenseitige Welt bezieht, liegt ganz außerhalb
unserer Kompetenz. Darum wären wir inkonsequent in der Vergabe des
Prädikats “irrtumslos”: wir würden Irrtumslosigkeit für Dinge beanspru-
chen, die wir überhaupt nicht überprüfen können.
Wir müssen daher einen anderen Weg beschreiten, der dem Anspruch
der Schrift gerecht wird: wir begründen die biblische Irrtumslosigkeit von
der Schrift her. Das ergibt zwar formal - wie jedes andere Vorgehen auch -
einen Zirkelschluss, aber wir stehen dabei nicht in dem Verdacht, unsere
subjektiven Erkenntniskategorien zum Maßstab zu machen, denen man be-
rechtigterweise Relativität oder gar Absurdität vorwerfen kann. Wir wollen
vielmehr hören, was die Schrift selbst zu unserem Thema zu sagen hat und
Überlegungen anstellen, inwiefern dies sinnvoll ist. Wir gewinnen mit die-
sem Vorgehen die Freiheit von dem Zwang, sämtliche Aussagen der Schrift
über den Leisten der klassischen Logik zu schlagen, um sie als wahr aufzu-
weisen; wir sind frei vom Zwang, jeden auch nur scheinbaren Widerspruch
harmonisieren zu müssen, bevor wir von Irrtumslosigkeit sprechen. Das
heißt nicht, dass wir von dieser Arbeit dispensieren, wohl aber, dass wir sie
an der rechten Stelle tun.
72 Bernhard Kaiser:
Die Irrtumslosigkeit hat nämlich auch ihre raumzeitliche Gestalt. Uns
bleibt aber, sie dort zu erkennen, wo sie offenbar ist. Wo wir sie aber im kon-
kreten Fall nicht sehen, werden wir um Gottes willen an der Wahrhaftigkeit
der Schrift festhalten. Dieser Schritt ist kein Zwang, sondern ergibt sich aus
der Erkenntnis Gottes als eines wahrhaftigen Gottes. Es kann, wie wir unten
sehen werden, für den Glauben nicht egal sein, ob die Schrift als das Wort
Gottes Irrtümer enthält oder nicht.

2 Die theologische Begründung der biblischen Irrtumslosigkeit

Die theologische Begründung der biblischen Irrtumslosigkeit geschieht auf


zwei Wegen. Sie geht den induktiven Weg, indem sie die Selbstzeugnisse
der Schrift in Betracht zieht und von diesen zu einer allgemeingültigen Aus-
sage kommt, und geht den deduktiven Weg, indem sie von den allgemein-
gültigen Aussagen über die Eigenschaften Gottes Aussagen über die Eigen-
schaften der Schrift ableitet (deduziert).3
Das eigentlich theologische Problem ergibt sich auf dem letztgenannten
Weg, denn hier stellt sich die Frage, wie Gott in menschlicher Weise reden
kann und welche Folge dies für die Rede hat. Wir werden dem im einzelnen
nachgehen.
Selbstverständlich gehen wir bei unseren Überlegungen davon aus, dass
die Schrift das durch das theopneustische Wirken des Heiligen Geistes - ge-
meinhin Inspiration genannt - zustande gekommene Wort Gottes ist. Dies ist
eine wesentliche Voraussetzung für die weiter unten folgende deduzierende
Argumentation, denn nur dann, wenn erwiesen ist, dass die Schrift wirklich
das unmittelbare Wort Gottes ist, ist die Deduktion gültig- Die Besprechung
des theopneustischen Wirkens des Heiligen Geistes (der Inspiration) ist je-
doch nicht Sache dieses Aufsatzes und geschieht an anderer Stelle.

2.1 Das Selbstzeugnis der Schrift

“Nun, Herr HERR, du bist Gott, und deine Worte sind Wahrheit.” (2
Sam 7,28)
“Und die Frau sprach zu Elia: Nun erkenne ich, dass du ein Mann
Gottes bist, und des HERRN Wort in deinem Munde ist Wahrheit.”
3
Zum Problem der Methode vgl. Paul D. Feinberg, “The Meaning or Inerrancy” in;
Inerrancy. Hg. Norman L. Geisler, Grand Rapids: Zondervan, 1980,3.269-276.
Biblische Irrtumslosigkeit 73
(1Kön 17,24)
“Die Worte des HERRN sind lauter Silber, im Tiegel geschmolzen,
geläutert siebenmal.” (Ps 12,7)
“Die Rechte des HERRN sind Wahrheit, allesamt gerecht.” (Ps
19,10)
“Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du bist der
Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich.” (Ps 25,5)
“Deine Gerechtigkeit ist eine ewige Gerechtigkeit, und dein Gesetz
ist Wahrheit.” (Ps 119,142)
“HERR, du bist nahe, und alle deine Gebote sind Wahrheit.” (Ps
119,151)
“Dein Wort ist nichts als Wahrheit, alle Ordnungen deiner Gerech-
tigkeit währen ewiglich.” (Ps 119,160)
“... der das Wort seiner Knechte wahr macht und den Ratschluss voll-
führt, den seine Boten verkündigt haben ...”(Jes 44,26)
“Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird
nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Ge-
setz, bis es alles geschieht.” (Mt 5,18)
“Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit.” (Joh 17,17)
“Dies ist der Jünger, der dies alles bezeugt und aufgeschrieben hat,
und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.” (Joh 21,24)
“... ein Erzieher der Unverständigen, ein Lehrer der Unmündigen,
weil du im Gesetz die Richtschnur der Erkenntnis und Wahrheit
hast...” (Röm 2,20)
“In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt,
nämlich das Evangelium von eurer Seligkeit ... versiegelt worden mit
dem heiligen Geist ...” (Eph 1,13)
Mit diesen Aussagen ist die biblische Irrtumslosigkeit durchaus nicht wört-
lich ausgesprochen. Mehrfach aber ist von der Wahrheit des Wortes Gottes
die Rede. Dabei steht gerade seine geschriebene Form vor Augen, denn in
dieser Form lag und liegt es vor und von der geschriebenen Fassung her war
und ist es bekannt, etwa durch die Lesung im alt- oder neutestamentlichen
Gottesdienst. Aber vereinzelt tritt auch das mündliche Wort eines Propheten
oder Apostels ins Blickfeld.
Indem aber Gottes Wort als Wahrheit bezeichnet wird, als ein reines,
lauteres und zuverlässiges Wort, wird gesagt, dass es keine Aussagen ent-
hält, die keinen gegenständlichen Bezug haben. Sachlich werden damit Un-
74 Bernhard Kaiser:
zuverlässigkeit, Lüge und Irrtum ausgegrenzt. Wenn schließlich nicht ein
Jota des Gesetzes vergeht, dann ist selbst der einzelne Buchstabe des Geset-
zes vor Gott legitimiert. Welchen Sinn hätten diese Aussagen, wenn die
Schrift tatsächlich Irrtümer enthielte, wenn auch nur in peripheren Aussa-
gen, die sich vordergründig nicht auf das Heil des Menschen bezögen? Die
Konsequenz wäre, wie unten zu zeigen sein wird, fatal: der Mensch würde
nicht mehr aus Glauben allein an dem in der Schrift bezeugten Heil teilha-
ben, sondern er würde in seiner Ausschließlichkeit aufgebrochen und müss-
te durch menschliche Kritik gesichert werden. Es wird aber gerade in der In-
fragestellung des Glaubens durch gottwidrige Menschen und Mächte der
Trost des Glaubens darin erkennbar, dass Gott sich als ein solcher offenbart,
der nicht lügt oder in die Irre führt.
Es steht außer Zweifel, dass das Wort Gottes durch menschlichen Mund,
nämlich durch die Propheten und Apostel geredet wurde. Sie selbst schrie-
ben es auf oder ließen es aufschreiben, so dass es auch den künftigen Gene-
rationen bekannt war. Und als Wort Gottes ist es Wahrheit: Was es sagt, hat
einen gegenständlichen Bezug, sei es in der sichtbaren oder in der unsicht-
baren Welt, und es geht, sofern es Verheißung ist, leiblicherweise oder ge-
schöpflicherweise in Erfüllung. Auch auf diesen Aspekt, der das Verständ-
nis von Wahrheit berührt, müssen wir unten noch einmal zurückkommen.
Darin wird auch erkennbar, dass die Wahrheit der Schrift eben auch eine
weltliche Dimension hat, obwohl sie an sich eine geistliche Größe ist.
Zum induktiven Aufweis der Wahrheit der Schrift wäre es ferner not-
wendig, alle einzelnen Aussagen soweit es möglich ist, zu verifizieren. Man
müsste zum Beispiel den Sintflutbericht anhand der Geologie als zutreffend
erweisen, man müsste die geschichtlichen und chronologischen Angaben
der Schrift von der Archäologie und der Geschichtsschreibung her
verifizieren. Man könnte auch ihre Aussagen über den Menschen anhand
der vorfindlichen Wirklichkeit als wahr aufweisen. Besonders müssten aber
jene Schriftstellen, die des Irrtums verdächtigt werden, untersucht werden.
Dass dies alles im Rahmen dieses Aufsatzes nicht möglich ist, sondern nur
Gegenstand eingehender Detailstudien sein kann, ist jedem Leser einsichtig.
Wir verweisen auf entsprechende Veröffentlichungen (s. Literaturliste).
Biblische Irrtumslosigkeit 75
2.2 Die Wahrheit Gottes

Wir beschreiten nun den deduktiven Weg und setzen voraus, dass die Schrift
aufgrund des theopneutischen Wirkens des Heiligen Geistes die Eigen-
schaften ihres Autors teilt.
Die Schrift bezeugt, dass Gott - als Person und Schöpfer - die Schöpfung
durch und durch kennt (vgl. Ps 139,1-16). Auch das Innerste des Menschen
ist ihm offenbar. Für ihn gibt es die dem Menschen geschöpflicherweise ge-
setzten Grenzen der Erkenntnis nicht. Er ist allwissend. Er hat als Schöpfer
die nötigen Voraussetzungen für eine rechte, wirklichkeitskongruente Rede.
Diese schöpfungstheologisch begründete Voraussetzung ist ganz wesent-
lich für unser Thema. Schöpfung durch einen persönlichen Gott nämlich im-
pliziert, dass Gott als Person der Schöpfung interessiert gegenübersteht, sie
umgibt und erhält, und mit dem Menschen, den er in seinem Bilde geschaf-
fen hat, reden kann und redet. Der Gott der Bibel ist weder der Gott der
Deisten, der nach der Schöpfung die Welt sich selbst überlässt, noch eine
Chiffre für eine von der Schöpfung gelöste Geistigkeit.
Gott wird in der Schrift als der Wahrhaftige bezeichnet:
“Er ist ein Fels. Seine Werke sind vollkommen; denn alles, was er tut,
das ist recht. Treu ist Gott und kein Böses an ihm, gerecht und wahr-
haftig ist er.” (5Mose 32,4)
“Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich und wisst, woher
ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es
ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt.” (Joh
7,28)
Diese Wahrhaftigkeit Gottes besagt mehr als dass Gott der einzig wahre
Gott ist; sie beinhaltet auch, dass Gott in seinem Wesen und Werk und
selbstverständlich auch in seinem Wort lauter und rein ist. Dabei ist das Be-
kenntnis des Mose nicht ein Produkt seines religiösen Bewusstseins oder
seiner subjektiven Deutung bestimmter Ereignisse, sondern es entspringt
der raumzeitlichen Selbsterschließung Gottes, von der er Zeuge sein durfte
wie kaum ein anderer - man denke an die Vielzahl der Ereignisse rund um
den Auszug aus Ägypten, durch die eine Reihe von Zusagen Gottes in Erfül-
lung ging und in denen Gott sich als ein solcher erwies, der mit Macht zu sei-
nem Volk steht. Das gleiche gilt von der Sendung Jesu.
Gott ist Person, und die Begegnung mit ihm erfolgte und erfolgt nicht
jenseits geschöpflicher Kategorien, und sein Wille ist an solche gebunden,
76 Bernhard Kaiser:
wie die zehn Gebote deutlich zeigen. Auch seine Zusagen gehen in der ge-
schöpflichen Dimension in Erfüllung. In dieser Dimension macht er offen-
bar, dass er wahrhaftig ist: er erfüllt sein Wort. Als Beispiele wären vor al-
lem die Zusagen zu nennen, die er bestimmten Menschen und Völkern -
vornehmlich im Alten Testament - gegeben hat. Wir erwähnten die Verhei-
ßung von Nachkommenschaft an Abraham, die Landverheißungen an das
alttestamentliche Israel, die im Zusammenhang des Bundesschlusses am Si-
nai gemachten Verheißungen von Gericht und Gnade und deren Erfüllung
in der Geschichte Israels, die Verheißungen des Messias und der weltweiten
neutestamentlichen Gemeinde; sie zeigen in einer bisweilen frappierenden
Exaktheit, dass Gott sein Wort gegenständlich erfüllt.
Offenbar ist auch, dass Gott in Übereinstimmung mit der geschöpflichen
Wirklichkeit redet, wenn er den Menschen, die Welt und ihre Geschichte
beschreibt oder diesbezügliche Aussagen in anderen Zusammenhängen
macht. Er beschreibt den Menschen jenseits aller Idealisierung als einen
Sünder, der - gleich, ob hoch oder niedrig - der Gnade bedarf, um heil zu
werden. Er nennt Namen und Zahlen, die dem damaligen Leser bzw. Hörer
bekannt und zum Teil nachprüfbar waren und auch für den heutigen Leser
größtenteils nachvollziehbar sind.
Durch das Offenbarwerden der Wege Gottes in der Geschichte wird die
Wahrhaftigkeit Gottes ersichtlich. Sie wird in der Anbetung Gottes ausge-
sprochen: “HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine
Wahrheit, so weit die Wolken gehen.” (Ps 36,6)
Ausdrücklich wird an mehreren Stellen der Schrift die Lüge aus dem
Wort Gottes ausgeschlossen. Besonders dort, wo es auf den Glauben an-
kommt, wo der menschliche Glaube angesichts der Versuchung zum Un -
glauben herausgefordert ist, wird betont, dass Gott nicht trügt:
“Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind,
dass ihn etwas gereue. Sollte er etwas sagen und nicht tun? Sollte er
etwas reden und nicht halten?” (4Mose 23,19; vgl. 1Sam 15,29)
“Die Weissagung wird ja noch erfüllt werden zu ihrer Zeit und wird
endlich frei an den Tag kommen und nicht trügen. Wenn sie sich
auch hinzieht, so harre ihrer; sie wird gewiss kommen und nicht aus-
bleiben.” (Hab 2,3)
“So sollten wir durch zwei Zusagen, die nicht wanken - denn es ist
unmöglich, dass Gott lügt -, einen starken Trost haben, die wir unsre
Biblische Irrtumslosigkeit 77
Zuflucht dazu genommen habe, festzuhalten an der angebotenen
Hoffnung.” (Hebr 6,18)
Es ist also für die Schrift selbstverständlich, dass Gott gewissermaßen in der
Außenwelt, der gegenständlichen Welt, dem Menschen entgegentritt und
mit Bezug auf diese Welt mit dem Menschen redet.

2.3 Wandelt Gott sich, wenn er menschlich redet?

2.3.1 Das Problem


Indem wir diese Frage stellen, nahem wir uns dem unter 1.3. aufgewor-
fenen Problem der Bewertung von Schöpfung und Welt. Wir nehmen Be-
zug auf eine Vorstellung, die seit der Aufklärung gewissermaßen selbstver-
ständlich ist, im übrigen aber auf antike, griechische Vorstellungen zurück-
geht. Es geht um die Frage, ob die geschöpfliche Welt in der Lage ist, Gott
oder sein Wort so aufzunehmen, dass Gott darin ohne Veränderung oder
Entleerung seines Wesens vorhanden und zugänglich ist. Ist Gott dann,
wenn er eine menschliche Sprache spricht, immer noch wahr in seiner Rede,
oder muss er mit den “Macken” der menschlichen Sprache, dem Verste-
hens-Horizont und den kulturellen Gegebenheiten des Menschen Kompro-
misse schließen? Diese Fragen haben nicht nur Gottes Wahrhaftigkeit im
Blickfeld, sondern auch die Bewertung oder Einschätzung der geschöpfli-
chen Welt. Ist diese etwas Niederes, Materielles, dem gegenüber der Geist
des Menschen oder Gottes einen höheren Wert, ein höheres Sein besitzt?
Kann sie ein Gefäß sein für den Geist Gottes? Im Blick auf die Schrift lautet
die Frage: Redet Gott wirklich in, mit und unter dem äußeren, menschlichen
Wort der Heiligen Schrift zu uns, oder ist dieses Wort nur ein eigentliches,
vom Menschen und von Menschlichem überfremdetes Wort von Gott?
Kommt der Heilige Geist im Wort oder in einer religiösen oder moralischen
Bewegung neben dem Wort zum Menschen.
Die abendländische Philosophie hat sich im Rückgriff auf die griechi-
sche Antike für die Scheidung von Geist und Wort entschieden. Damit sind
die biblischen Aussagen über die Inkarnation (Fleischwerdung) des Sohnes
Gottes ebenso in Frage gestellt wie die der Inspiration. Die Verneinung der
biblischen Irrtumslosigkeit findet in der abwertenden Sicht des Geschöpfli-
chen ihre Wurzeln.4
4
Vgl. das Kapitel: Norman L. Geisler. “Die philosophischen Voraussetzungen der
Behauptung einer fehlerhaften Bibel” S. 168
78 Bernhard Kaiser:
Das Geschöpfliche wird demnach als unzureichend empfunden, das
Geistige oder Gott in hinreichender Form aufzunehmen, so dass eine ge-
schöpfliche Größe normativ sein kann. Es ist dem modernen Menschen
nicht einsichtig, warum Gott sich gerade in einen Menschen Jesus von Na-
zareth für alle Zeiten maßgeblich geoffenbart hat. Entsprechend kann er
nicht nachvollziehen, warum nur die Bibel normatives und irrtumsloses
Gottes Wort sein sollte, da es ja auch andere Bücher religiösen Inhalts und
vergleichbarer Wirkung gibt und die Wahrheit anscheinend nie nur auf einer
Seite zu finden ist. Mit der Abwertung des Geschöpflichen verbindet sich
die nicht hinterfragte Voraussetzung, dass alle Dinge, ja selbst alle Sätze, die
der menschliche Geist formulieren kann, relativ sind, weil alles das Antlitz
der Zeit trägt und von den Bedingungen, Anschauungen und der jeweils
subjektiven Sicht des Redenden geprägt ist.
Mit anderen Worten, das, was im “Morast” des Geschichtlichen steht -
und dazu gehört aus formalen Gründen auch die Bibel, muss erst auf trocke-
nen Boden gebracht werden, um Geltung zu beanspruchen. Der “Morast” ist
gleichsam das, was das Eigentliche überfremdet und die kritische Auseinan-
dersetzung, die Bibelkritik, oder ganz allgemein das kritische Lesen der
Schrift scheinbar rechtfertigt. Worin besteht nun der “Morast”?
Von Seiten derer, die die Identifikation von Heiliger Schrift und Wort
Gottes verneinen, wird die mögliche Überfremdung des Wortes Heiliger
Schrift in mehreren Dimensionen gesehen.5
(1) Da die Bibel von Menschen verfasst wurde, kann sie durch vorhan-
dene menschliche Religiosität überfremdet werden, indem sich die Bibel re-
ligiöser Kultformen und Anschauungen bedient, die etwa im alttestamentli-
chen Israel zu finden waren und für den modernen Menschen fremd und be-
deutungslos sind. Auch können subjektive religiöse Erlebnisse den Ge-
brauch eines Wortes bestimmen. Das Erleben der Kraft des Heiligen Geistes
durch Maria (bei der jungfräulichen Empfängnis) war zum Beispiel ganz
anders als bei den Visionen des Propheten Hesekiel. Daher ist die Rede von
der Kraft des Heiligen Geistes ganz von den jeweiligen Umständen abhän-
gig.
(2) Die Überfremdung kann ferner durch den philosophischen und welt-
anschaulich-kulturellen Denkhintergrund geschehen. Wenn das Neue Tes-
tament Jesus Christus als den beschreibt, der da “ist” und der da “war” (Offb
5
Vgl. hierzu auch Albrecht Grözinger, Die Sprache des Menschen - Ein Handbuch.
Grundwissen für Theologinnen und Theologen. München: Kaiser 1991, Kap. 10
und 11, S. 210-235.
Biblische Irrtumslosigkeit 79
1,4), dann sind dies im griechischen Grundtext Begriffe, mit denen sich
ganz bestimmte Vorstellungen von Sein und Wirklichkeit verbinden, näm-
lich der Annahme einer metaphysischen, d.h. über die sichtbare Welt hin-
ausgehenden eigentlichen und jenseitig-göttlichen Wirklichkeit. Eine sol-
che von metaphysischen Vorstellungen durchdrungene Sprache ist für den
modernen Menschen, der vom Denken der Aufklärung wie auch der Philo-
sophie Kants herkommt, unverständlich und für eine “wissenschaftliche”
Aussage nicht akzeptabel.
(3) Sprache ist immer im Wandel begriffen. Ein Wort, das vor vierhun-
dert Jahren gebraucht wurde, gewinnt im Laufe der Zeit eine andere Bedeu-
tung. So war zum Beispiel der Begriff “Weib” zur Bezeichnung der Frau
früher ein Ehrentitel, heute hat er praktisch durchgängig eine negative Be-
deutung. Auch die Begriffe der Schrift unterliegen dieser Wandelbarkeit, so
dass die Bedeutung eines Wortes heute durchaus anders sein kann als in frü-
heren Jahrhunderten. Dadurch kann eine richtige Aussage von damals zu ei-
ner irrigen Vorstellung von heute werden. Dieses verbiete die Annahme, die
Bibel sei das zeitlose Wort Gottes. Wir müssen fraglos die Wandelbarkeit
der Sprache anerkennen und uns durch sach- und zeitgemäße Übersetzun-
gen darauf einstellen. Allerdings berührt diese Wandelbarkeit der Sprache
nicht die Sache, von der die Schrift spricht.
(4) Schließlich sei die menschliche Sprache immer weltbezogen, und
dies disqualifiziere sie, als Wort Gottes zu dienen. Würde man sie verwen-
den, um Aussagen über Gott zu machen, entstünde ein Götze, denn dann
würden weltliche Kategorien und Vorstellungen auf Gott übertragen. Wenn
die Schrift etwa menschlich von Gott redet, von seiner rechten Hand, dem
Schnauben seiner Nase, von seinen Augen, die auf alle Lande sehen, ist das
dann nur eine uneigentliche, bildliche Redeweise, die menschliche Vorstel-
lungen aufnimmt, oder ist Gott wirklich so? Kann die an endlichen, ge-
schöpflichen Gegebenheiten gebildete Sprache wirklich den ewigen Gott
aussagen? Läuft der Mensch nicht Gefahr, sich in seiner irdischen Vorstel-
lungswelt ein Bild von Gott zu machen? Gott könnte auf diese Weise im
“Morast” der menschlichen Vorstellungen versinken.
Die neuere Theologie hat aus diesen Gründen, die freilich von Theologe
zu Theologe unterschiedlich gewichtet wurden, durchgehend versucht, Bi-
bel und Wort Gottes voneinander zu scheiden. Die Bibel ist für sie ein zwar
maßgeblicher, aber aufgrund seiner Menschlichkeit und Geschichtlichkeit
zufälliger und unscharfer Abdruck des hinter ihr stehenden, immer aktuellen
Wortes Gottes. In der klassischen Form hat dies Karl Barth entfaltet, wenn
80 Bernhard Kaiser:
der das eine Wort Gottes, Jesus Christus, in den vielen Wörtern der Schrift
gegeben sah, um dann in der Exegese die tatsächliche Aussage der Schrift
im Sinne einer monistischen, von Gnade und Allversöhnung geprägten
Schau auf den so verstandenen Christus zu beziehen. Im übrigen erwartete
er die Ereignung des Wortes Gottes als aktuelles Geschehen in der Predigt
des Evangeliums. Dieses Grundmuster der Scheidung von Heiligem Geist
und biblischem Wort, das sich durchweg in der Theologie des zwanzigsten
Jahrhunderts findet, führte geradezu zwangsläufig zur Verneinung der bibli-
schen Irrtumslosigkeit.
Wir wiederholen es noch einmal: Es geht bei diesen Überlegungen im
Grund um eine schöpfungstheologische Frage: Ist die Schöpfung in der
Lage, Gefäß der Offenbarung Gottes zu sein, oder bewirkt sie gleichsam au-
tomatisch eine Veränderung des Wesens Gottes, wenn er in sie eingeht oder
in ihrer Mitte redet? Ist Gott gezwungen, sich zu verwandeln, wenn er in die
Schöpfung eingeht? Oder ist die Schöpfung derart auf Gott bezogen, dass er
sich in seiner ganzen Fülle in ihr offenbaren kann? Ist etwa auch das
menschliche Wort als eine von Gott geschaffene Größe so auf Gott bezogen,
dass Gott ohne sich und sein Wesen verneinen zu müssen, menschlich reden
kann?
Die Antwort der Heiligen Schrift liegt auf der Hand: die Welt ist so sehr
Gottes Schöpfung, dass sein Sohn in sie eingehen kann und die ganze Fülle
der Gottheit in diesem einen, Jesus von Nazareth, wohnt (Kol 2,9). Gottes
Schöpfungswort ist ferner die Blaupause, nach der die Welt geschaffen wur-
de, und der Mensch ist von Gott dazu berufen, die Dinge dieser Welt zu be-
nennen. Und wenn Gottes Wort Fleisch werden kann, dann kann Gott auch
das Geringere: von Christus maßgeblich und autoritativ reden. Es ist also
keineswegs notwendig, einen künstlichen Abstand zwischen Gott und Welt
zu konstruieren, der ein Eingehen Gottes in die Welt verbietet. Es beinhaltet
dies immer eine gnostizierende Abwertung der Schöpfung als für die Offen-
barung ungeeignet.
Nun mögen diese Überlegungen in sich schlüssig sein, doch bei genaue-
rem Hinsehen geht Gott doch wirklich in die zufällige Denk- und Anschau-
ungswelt und in die zufälligen kulturellen Formen einer bestimmten Zeit
ein. Und diese sind objektiv unvollkommen. Ist nicht schon die menschliche
Sprache als solche von Irrtümern behaftet? Ist nicht etwa die Bedeutung ei-
nes Begriffes von vornherein eine Begrenzung des ewigen Wortes Gottes?
Und mehr noch: Ist nicht die Bedeutung eines Begriffes mit irrigen Vorstel-
lungen der jeweiligen Zeit verbunden? Verbinden sich nicht etwa mit den
Biblische Irrtumslosigkeit 81
griechischen Begriffen theos (Gott) oder dikaiosyne (Gerechtigkeit) Vor-
stellungen, die der alttestamentlichen Gottesoffenbarung und ihrem Ver-
ständnis von Gerechtigkeit widersprechen und infolgedessen falsch sind?
Würde man diesen Gedanken weiter ausziehen, dann käme man zu dem
Schluss, dass Sprache im Grunde ein ungeeignetes Kommunikationsmittel
für Gott wäre, weil die Sprache Gottes mit der Sprache der Menschen nicht
kompatibel wäre, weil Gott eine für den Menschen unverständliche Sprache
sprechen würde. Wir registrieren das als Problem, auf das wir noch einmal
zurückkommen müssen.

2.3.2 Der Vorwurf des Doketismus


Gegen die Lehre von der Irrtumslosigkeit ist ferner der Vorwurf des Do-
ketismus erhoben worden. Dieser hat in den ersten Jahrhunderten der christ-
lichen Kirche das wirkliche Eingehen des Sohnes Gottes ins Fleisch geleug-
net. Christus habe einen Scheinleib gehabt, der nicht leidensfähig gewesen
sei, und habe den Menschen Jesus von Nazareth vor der Passion verlassen.
Bei dieser Auffassung entzieht sich Christus der Greifbarkeit. Er ist weder in
der Fleischwerdung noch in der Auferstehung wirklich leibhaftig da, und
sein Heilswerk hat nichts mit dem zu tun, was er leiblicherweise tut und er-
leidet. Er ist ein Geistwesen, zu dem man sich geistigerweise in Beziehung
setzen muss.
Kritiker der Irrtumslosigkeit sind nun der Ansicht, dass die Lehre von
der Verbalinspiration, wie sie die altprotestantische Orthodoxie formulierte,
einen “Schriftdoketismus”6 vertrete. Mit der Lehre von der wörtlichen In-
spiration (und der daraus folgenden Irrtumslosigkeit) werde Gottes Wort
nicht wirklich Menschenwort. Ein solch irrtumsloses Wort sei im Grunde
ein Scheinwort, weil es in einer Vollkommenheit stünde, die für den Men-
schen unverständlich und beängstigend wäre.
Diese Argumentation ist aber schwer nachvollziehbar. Gerade die Lehre
von der wörtlichen Inspiration und der Irrtumslosigkeit der Schrift ist daran
interessiert, Gottes Wort wirklich im äußeren, menschlichen Wort der Bibel
zu haben, und das ist eine ganz und gar undoketische Sicht. Hier wird die Bi-
bel gerade in ihrer Äußerlichkeit ernst- beziehungsweise beim Wort genom-
men. Außerdem unterliegt der Argumentation der Kritiker die Prämisse,
Menschlichkeit müsse zugleich Irrtum und Widersprüchlichkeit in sich
schließen. Genau dies aber ist das Kennzeichen des echten Doketismus: er
6
Horst Georg Pöhlmann, Abriss der Dogmatik. Ein Kompendium. 4. Aufl., Güters-
loh: Mohn, 1985, S. 64.
82 Bernhard Kaiser:
nimmt an der äußeren, leiblichen Gestalt Anstoß und sucht das Eigentliche
oder das Göttliche hinter der äußeren Gestalt. Dementsprechend lehrt er von
der Schrift, dass das Wort Gottes nicht eigentlich in der Gestalt des äußeren
Wortes gegeben ist, sondern in einer Größe hinter dem biblischen Wort,
oder, barthianisch geredet, in dem an sich unaussprechlichen Wort in den bi-
blischen Wörtern. Der Vorwurf des Doketismus fällt also auf den Kritiker
zurück, denn er sucht Gottes Wort jenseits des biblischen Wortes in einer re-
ligiösen Bewegung, einem ethischen Ideal oder einer gesellschaftspolit-
schen Utopie.

2.3.3 Die biblische Sicht von Geschichte und Welt.


Wir verweisen zur Entgegnung auf diese Problematik auf die geschöpf-
lich-geschichtliche Dimension der Offenbarung. Weil die Welt Schöpfung
und der Mensch im Bilde Gottes geschaffen ist und im Urstand alles “sehr
gut” war, steht sie als eine Welt da, die von Anfang an auf Gott bezogen ist.
Theologiegeschichtlich müssten wir jetzt vom lutherischen capax sprechen.
Capax bedeutet so viel wie “aufnahmefähig” und besagt, dass geschöpfliche
Dinge Gefäße für Gottes Offenbarung sein können. Wir lassen an dieser
Stelle die philosophische Diskussion, ob ein Endliches das oder den Unend-
liche(n) aufnehmen kann, außen vor. Capax heißt für uns auch nicht, dass
der Mensch und die Welt strukturell auf Gott hin ausgerichtet wären und ge-
radezu darauf warteten, dass Gott in sie eingehe. Dieser Sicht widerspricht
die biblische Aussage von der Sünde des Menschen, die keinen spezifischen
Anknüpfungspunkt für das Handeln Gottes in der Welt zulässt. Doch die
Geschöpflichkeit der Welt bleibt auch im Fall erhalten und macht die
Schöpfung als ganze sowohl zum Ort der allgemeinen Offenbarung Gottes
als auch der Heilsoffenbarung. Die Sünde gehört aber nicht so zur Schöp-
fung, dass sie nicht durch einen speziellen Akt Gottes ausgeklammert wer-
den könnte. Das zeigt die Inkarnation des Sohnes Gottes, der wohl in einen
sterblichen Leib einging und unter den Folgen der Sünde litt, der aber
gleichwohl “ohne Sünde” war. In der geschöpflichen Dimension des Auf-
erstehungsleibes Christi sind auch die Folgen der Sünde ausgeklammert.
Dies bedeutet nun, dass Gott bei seinem Eingehen in die Schöpfung sich
nicht zwangsläufig verwandeln muss. Aus schöpfungstheologischer Sicht
sind Geschichte und Welt nicht eine derart gottferne Sphäre, dass Gott nicht
geschöpflicherweise dem Menschen begegnen könnte. Außerdem können
durch das theopneustische Wirken des Heiligen Geistes beim Aussprechen
und Schreiben des Wortes Gottes im menschlichen Wort die Folgen der
Biblische Irrtumslosigkeit 83
Sünde in dem Maße ausgeklammert werden, dass Gottes Wort auch irrtums-
freies Menschenwort ist. Wenn der Heilige Geist nach 1Petr 1,21 die Auto-
ren der Schrift “trägt”, dann werden sie so geleitet, dass auch die eingangs in
der Definition des Irrtums genannten Defizite, die zum Irrtum führen, aus-
geklammert werden. Geschöpflichkeit ist also kein Argument dagegen, dass
der unendliche Schöpfer in der endlichen Welt wahr redet.
Die Bibel musste nicht senkrecht vom Himmel fallen, sondern konnte
getrost im Zusammenhang der Offenbarungsgeschichte geschrieben wer-
den. Sie hat einen direkten Bezug zu geschichtlichen Ereignissen, durch die
Gott erkannt werden will, und sie ist von Menschen geschrieben worden, die
fraglos Sünder waren, doch eben auch im Bilde Gottes geschaffen waren
und Gefäße des theopneustischen Wirkens des Heiligen Geistes sein konn-
ten. Die Schrift geht ganz selbstverständlich davon aus, dass Gott zum Men-
schen redet und dass er sich dabei der Menschen und ihrer Sprache bedient:
Er erwählt Propheten und Apostel und redet durch sie verbindlich und ver-
ständlich. Sie treten mit dem Anspruch auf, mit der konkreten, auf äußere,
geschichtliche Ereignisse bezogenen Rede die Wahrheit zu sagen. Wir ver-
weisen als Beispiel auf 1Kön 22, wo die Auseinandersetzung des Propheten
Micha ben Jimla mit dem Falschpropheten Zedekia berichtet wird. Es ging
um den Kampf der Könige Josaphat von Juda und Ahab von Israel gegen die
Aramäer. Die große Mehrheit der Propheten prophezeite den Sieg, Micha
hingegen die Niederlage. Micha sprach zu Ahab: “Kommst du mit Frieden
wieder, so hat der Herr nicht durch mich geredet” (1Kön 22,28). Obwohl die
Wahrheit hier nur einen Vertreter hatte, war sie doch in seinem Munde und
erwies sich als Gottes Wort, denn bekanntlich fiel Ahab in der folgenden
Schlacht. Gottes Wort bezog sich also auf ganz konkrete, innerweltliche Er-
eignisse. Wir könnten die Reihe der Beispiele noch lange fortsetzen.
Die Rede Gottes hat ihren Bezug zur Welt. Seine Sprache ist nicht eine
himmlische, sondern eine irdische, die auch wir als Kinder dieser Erde ver-
stehen können. Die Ereignisse und die damit verbundenen Personen und
Gegenstände füllen die Sprache, sie normieren den Begriff und zugleich die
Sicht der Wirklichkeit oder, so könnte man sagen, die Weltanschauung.
Wenn wir ferner die Geschichte und die Zeitlichkeit als etwas Positives se-
hen, dann steht Gottes Wort nicht im Dunkel der Geschichte oder im Morast
der menschlichen Sprache oder Vorstellungen, sondern dann ist die Ge-
schichte die hellerleuchtete Bühne, auf der Gott in Jesus Christus auftritt und
auf der er in verständlichen Worten redet. Auf dieser Bühne wird zwar sonst
von den Menschen sehr viel Unrühmliches gespielt, aber Gott hält sich nicht
84 Bernhard Kaiser:
für zu fein und erhaben, auf dieser Bühne aufzutreten. Er stellt die Sprache
des Menschen in seinen Dienst. Und diese Sprache ist in ihrem Sinngehalt
normiert durch die Schrift als Ganze. Als Ganze ist sie der Zusammenhang,
in dem die einzelne Aussage ihre irrtumslose Bedeutung gewinnt.
In demselben Zusammenhang von Welt und Geschichte stehen auch
wir. Daher liegt die Frage nahe, wie und inwieweit diese Irrtumslosigkeit
auch für uns nachvollziehbar ist. Wir gebrauchen hier nicht den Begriff
“aufweisbar” oder gar “verifizierbar”, weil der sündige und unwissende
Mensch nicht die Kompetenz besitzt, Gott in seiner Rede als wahrhaftig zu
beweisen. Wohl aber ist die Lehre von der Irrtumslosigkeit nur dann sinn-
voll, wenn sowohl die Schrift im allgemeinen als auch ihre Irrtumslosigkeit
im besonderen vom Menschen erkannt werden können. Diese Erkenntnis
wird nicht erschöpfend und umfassend sein, wohl aber so, dass sie nicht ab-
surd und widersinnig erscheint, und bei aller Komplexität, von der wir noch
sprechen müssen, als eine sinnvolle und der Wirklichkeit gemäße Größe zu
stehen kommt. Gerade deswegen beschäftigen wir uns auch mit Fragen der
Zuverlässigkeit der Schrift in naturwissenschaftlichen und geschichtlichen
Fragen, und diese Beschäftigung dient dazu, die Wahrheit der Schrift als
eine solche zu sehen, die auch die raumzeitliche Sphäre betrifft. Und zuge-
gebenermaßen entstehen gerade im Blick auf die diesseitsbezogenen Aussa-
gen, die naturkundlichen und geschichtlichen Aussagen der Schrift, die ei-
gentlichen Fragen im Blick auf die Irrtumslosigkeit.

2.4 Die Komplexität Gottes

Wir wenden uns nun dem anderen Problem zu, das wir eingangs formulier-
ten, nämlich dem des Widerspruchs und der Rolle der klassischen Logik.
Gott offenbart sich in der Schrift als ein Gott, der nicht einlinig fassbar ist. Er
ist kein abstraktes, einlinig gutes Prinzip, von dem nur Heil und Gutes aus-
ginge. Auch als Person ist er nicht ein bloßes “summum bonum” (höchstes
Gut) im philosophischen Sinne, eine abstrakte Quelle alles Guten. Er ist
auch nicht eine stets wohlmeinende, heilschaffende Person. Er kann sowohl
Heil und Gnade schenken, als auch Gericht üben und als Strafe den zeitli-
chen und ewigen Tod vollstrecken; mithin schafft Gott Heil in der Ausein-
andersetzung mit der Sünde und dem Sünder. Er ist außerdem nicht eine ein-
same, souveräne, jenseits aller Beziehungen stehende Persönlichkeit, son-
dern er ist der dreieinige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, und doch ein
Gott. Das ist für die aristotelische Logik ein frappierender Widerspruch.
Biblische Irrtumslosigkeit 85
Nehmen wir nun die Bibel ernst, dann müssen wir anerkennen, dass die uns
bekannten Sätze der Logik angesichts der Komplexität Gottes versagen. Da-
mit aber ist Gott nicht zu einem unberechenbaren Ungeheuer geworden,
sondern er will gerade in dieser Komplexität erkannt und geehrt werden.
Und er hat dem seine Gnade, die Vergebung der Sünden und das ewige Le-
ben zugesagt, der an seinen Sohn, in dem er sich geoffenbart hat glaubt, je-
nem aber Zorn und Ungnade, der ihm den Glauben verweigert.
Die Komplexität im Handeln Gottes wird in folgenden Aussagen sicht-
bar, die häufig als Beispiel für einen Widerspruch in der Schrift zitiert wer-
den: “Und der Zorn des HERRN entbrannte abermals gegen Israel, und er
reizte David gegen das Volk und sprach: Geh hin, zähle Israel und Juda!”
(2Sam 24,1) “Und der Satan stellte sich gegen Israel und reizte David, dass
er Israel zählen ließe.” (1Chron 21,1.)
Dem Buchstaben nach liegt hier ein Widerspruch vor, weil einmal Gott,
das andere Mal der Satan als der genannt wird, der David zur Volkszählung
veranlasste. Doch können beide Aussagen richtig sein, weil Gott sich auch
des Satans bedienen kann, um die Heiligen zu erproben, vgl. auch Hiob 1
und 2. Es ist dies das Ineinander von Gottes Handeln und seinem Eingehen
in die geschöpfliche Sphäre, seinem Handeln durch Geschöpfe hindurch.
Gottes Handeln bedeutet nicht, dass das Handeln seiner Geschöpfe ausge-
schaltet wird. Dafür gibt es viele Beispiel in der Schrift.

2.5 Die Komplexität der geschöpflichen Wirklichkeit

Nicht nur Gott, sondern auch die geschöpfliche Wirklichkeit ist komplex.
Das ist in den unterschiedlichsten Bereichen zu sehen. Zum Beispiel ist “der
Mensch” sowohl die Menschheit als auch ein einzelner, individueller
Mensch. Das ist nicht eine zufällige Doppelbelegung des Begriffes
“Mensch”, sondern die Existenz des Menschen steht in der Dialektik von In-
dividualität und Kollektivität, so dass man auch von “dem” Menschen (Ein-
zahl) sprechen kann als einer Kollektivgröße, die eine Mehrzahl umfasst.
Die Stellung des Menschen in der Schöpfung ist insofern komplex, als er ei-
nerseits Teil der lebenden Schöpfung ist, andererseits aber über der Schöp-
fung steht und sie im Namen Gottes beherrschen sollte. Komplexität ist in
allem zu erkennen, was in der Dialektik von Einheit und Vielheit und Not-
wendigkeit (Vorherbestimmung) und Freiheit (Willensfreiheit bzw. Zufall)
existiert. Und das ist im Grunde alles in dieser Welt.
86 Bernhard Kaiser:
Komplexität wird ferner darin erkennbar, dass eine Sache oder ein Er-
eignis mehrere Seiten hat. Auch dies betrifft in der Regel alle Dinge. Dieser
Komplexität trägt auch die Tatsache Rechnung, dass wir vier Evangelien
haben, denn das Geschehen um die Person Christi bedarf der Bezeugung
durch mehrere Zeugen aus unterschiedlicher Perspektive. Verschiedene
Aspekte ein und desselben Jesus von Nazareth werden hier berichtet und
bilden so eine ausreichende Kunde von der personalen und raumzeitlichen
Offenbarung Gottes in seinem Sohn. Die vorhandenen Unterschiede aber
begründen noch keinen Widerspruch und damit einen Irrtum.
Dies gilt selbstverständlich auch für die verschiedenen Aussagen der
einzelnen Autoren der Schrift. Wenn Paulus andere Dinge sagt als Petrus,
dann berechtigt uns das nicht zu dem Schluss, wir hätten hier unterschiedli-
che oder gar widersprüchliche Theologien vorliegen. Vielmehr wird das
Evangelium in unterschiedlichen Worten bezeugt und auf verschiedene Pro-
bleme hin angewendet; mithin steht es in mehrerer Zeugen Mund, dient so
der Vergewisserung.
Komplexität ist übrigens auch in der physikalischen Welt zu beobach-
ten: die entsprechende Betrachtung des Lichtes lässt erkennen, dass es so-
wohl eine Wellenbewegung als auch eine Einstrahlung von Korpuskeln ist.
Beides scheint einander auszuschließen, doch trifft beides erwiesenermaßen
zu.

3 Irrtümer und Widersprüche in der Schrift?

3.1 Die Grenzen der aristotelischen Logik

Angesichts der Komplexität der Wirklichkeit und der menschlichen Rede


kann der aristotelischen Logik keine absolute Geltung zugebilligt werden.
Sie hat ohne Frage eine relative Berechtigung, und zwar auch in der Schrift,
insofern die Schrift antithetisch denkt und den Widerspruch gegen Gott und
sein Wort verneint. Doch wir erkennen ebenso, dass die Wirklichkeit über
das hinausgeht, was die klassische Logik zu fassen vermag. Sie fasst die
Wirklichkeit gewissermaßen flächig auf, obwohl diese dreidimensional ist.
Sie reduziert sie auf einen Satz oder ein Satzsystem, und muss zwangsläufig
bei einer solchen Reduktion Widersprüche ermitteln, die sich bei einer Be-
trachtung aus unterschiedlicher Perspektive scheinbar ergeben können.
Biblische Irrtumslosigkeit 87
Damit ist natürlich nicht bestritten, dass ein Geschehen, eine Person oder
eine Sache nicht in Sätzen beschrieben werden könnte. Die Wahrheit über
eine Person oder Sache ist aber nicht immer ein im aristotelischen Sinne wi-
derspruchsfreies System von Sätzen, sondern eine der Komplexität einer
Person oder Sache Rechnung tragende Beschreibung. Genau dies aber er -
kennen wir in der Heiligen Schrift. Wir können daher die klassische Logik
nicht zum absoluten Maßstab für Wahrheit und Irrtum machen. Maßstab für
Wahrheit und Irrtum kann nur die Schrift selbst sein.

3.2 Das Raster zur Definition von Wahrheit und Irrtum

Unsere bisherigen Ausführungen im allgemeinen und der Verweis auf die


Komplexität im besonderen widerlegen den Vorwurf, wir würden mit dem
Festhalten an der Irrtumslosigkeit ein rationalistisches Konzept von Wahr-
heit vertreten. Für den Rationalismus gibt es nur ein einlinig widerspruchs-
freies System, und die Wahrheit wird von diesem garantiert.
Es darf uns nicht wundem, wenn die Aussagen der Schrift bisweilen eine
Komplexität aufweisen, die im Sinne der klassischen Logik als Wider-
spruch erscheint, die aber gleichwohl der Sache gemäß ist. Das Beispiel der
Trinität zeigt dies in großer Klarheit. Wer aus solchen Gründen Widersprü-
che in der Bibel sieht, gibt zu erkennen, dass er in der aristotelischen Philo-
sophie gefangen ist.
Der alttestamentliche Begriff für Wahrheit ist aemeth/aemunah. Er be-
gegnet uns auch in dem Wörtchen Amen. Er ist grundlegend für das bibli-
sche Verständnis von Wahrheit, sogar für den griechischen, neutestamentli-
chen Begriff für Wahrheit, aletheia, dessen sich das neue Testament be-
dient. Roger Nicole hat in seinem aufschlussreichen Aufsatz mit der Über-
schrift “The Biblical Concept of Truth”7, das biblische Konzept von Wahr-
heit dargestellt und gut belegt. Er sieht darin folgende Elemente:
(1) Zuverlässigkeit, Redlichkeit (faith-fulness [reliability]). Diese Ei-
genschaft ist bei einer Person zu finden, die bestimmte Dinge zu tun ver -
sprochen hat und in die man Vertrauen setzt, weil sie ihre Versprechen hält.
Wenn in diesem Zusammenhang von der Wahrheit Gottes gesprochen wird,
ist seine Treue im Blickfeld (vgl. Ps 30,10; 111,7-8). Gott handelt gemäß
seiner Zusage; seine Zusage ist wahr, sie trifft gewiss ein. Deswegen kann

7
In: Scripture And Truth, Hg. D.A. Carson und J. Woodbridge (1983), Grand Ra-
pids: Baker, 1992, S. 287-29
88 Bernhard Kaiser:
der Mensch sein Vertrauen auf Gott setzen und wird darin nicht beschämt
werden.
(2) Wirklichkeitskongruenz (conformity to fact). Wahr bzw. Wahrheit
ist das, was der Wirklichkeit oder den Tatsachen entspricht vgl. 5Mose
13,15; 17,4; 22,20; Spr 8,7; Jes 43,9; Jer 9,5). In diesem Sinne soll ein
Mensch “die Wahrheit” sagen. Das Gegenteil ist die Lüge oder der Irrtum,
die falsche Vor- bzw. Darstellung der Wirklichkeit. Auch die Wahrheit Got-
tes hat ihre weltliche Dimension, indem Gott sein Wort in derselben wahr
werden lässt. Nicole beobachtet ferner anhand einer Reihe von Stellen, dass
aemeth auch das bezeichnet, was im rechtlichen Sinne ,recht’ ist. Wenn in
Ps 119,142.151.160 die Gebote Gottes als “wahrhaftig” bezeichnet werden,
dann ist darin angedeutet, dass sie nicht nur dem einen und wahrhaftigen
Gott gemäß sind, sondern auch der Weltwirklichkeit. Sie entsprechen der
vom Schöpfer sinnvoll geordneten Wirklichkeit. Wahrheit Gottes bedeutet
in diesem Zusammenhang, dass Gott in seinem Reden nichts Falsches sagt,
sondern zuverlässig wiedergibt, was wirklich ist. Auch Jesus redet in diesem
Sinne “die Wahrheit” (Joh 18,37).
(3) Vollkommenheit (completeness). Wahr ist das Vollkommene und
Vollständige. In diesem Sinne ist Jesus das wahre Licht (Joh 1,9), das wahre
Brot (Joh 6,32), der wahre Weinstock (Joh 15,1). Dieses Verständnis von
Wahrheit begegnet uns in dem abwertenden Satz, “Das ist auch nicht das
Wahre!”, wenn wir zum Ausdruck bringen wollen, dass etwas ungeeignet
oder unvollkommen ist.

Wir beobachten im biblischen Verständnis von Wahrheit einen starken ge-


genständlichen Bezug. Wahrheit ist nicht wie bei Platon definiert als eine
zeitlose, statische, immer mit sich selbst identische, jenseitige Größe, an der
der Mensch im Denken teilhat. Sie ist auch nicht ein im Sinne der aristoteli-
schen Logik widerspruchsfreies System von Sätzen über die Wirklichkeit.
Sie ist in erster Linie orientiert an der komplexen Wirklichkeit des persönli-
chen Gottes, der die geschöpfliche Wirklichkeit setzt und umfängt. Sein
Recht und seine Wahrheit sind (auch) auf die Schöpfung bezogen. Dieser
gegenständliche Bezug füllt den biblischen Wahrheitsbegriff. Entsprechend
ist auch die Schrift nicht ein in sich widerspruchsfreies System von abstrak-
ten Sätzen, sondern in ihr spiegelt sich die Vielgestaltigkeit und Vielschich-
tigkeit der sichtbaren und der unsichtbaren Welt wider.
Auch der Irrtum wird in der Schrift erwähnt. Das orientierungslose Irren
auf dem Weg, das häufig erwähnt wird, ist ein deutliches Bild für das Abir-
Biblische Irrtumslosigkeit 89
ren von den Wegen Gottes: der Mensch, der nicht auf Gottes Wort hört, irrt:
er verfehlt den rechten Weg, das von Gott verheißene Heil, ja er wird von
Gott verworfen (Ps 119,21.118). Der Irrtum wird durch die ganze Schrift
hindurch als ein Abirren von den Wegen Gottes verstanden, und zwar in der
für die Schrift charakteristischen Einheit vom Irrtum in der Lehre und dem
damit einhergehenden Abirren vom Gebot Gottes. Aus dem Abfall von Gott
kommt der falsche Umgang mit der Schöpfung. Der Irrtum kann auch ein
Gericht Gottes sein (Hiob 12,24-25; Ps 146,9; Röm 1,27). Auch das Irren im
Denken und Reden ist der Schrift bekannt. Hiob fragt sich, ob er geirrt hat
und bittet um rechte Unterweisung (Hiob 6,24). Schließlich bezeugt die
Schrift auch, dass Gott seinem Volk in Jesus den guten Hirten gegeben hat,
der das Verirrte sucht. So ist auch der Irrtum in der Schrift mehr als ein fal-
scher Satz: es ist die Loslösung von Gott und das Vollbringen gottwidriger
Handlungen, die auch der geschöpflichen Wirklichkeit zuwider sind. Dabei
ist im einzelnen zu erheben, welche Orientierung der Irrende hat.

3.3 Die Wirklichkeitskongruenz der Schrift

Es kann an dieser Stelle nicht unsere Aufgabe sein, alle Einzelaussagen der
Schrift hinsichtlich ihrer Übereinstimmung mit den Aussagen der Wissen-
schaft und anderen Erfahrungswahrheiten des Menschen darzustellen. Auch
können wir nicht alle die in diesem Zusammenhang sich ergebenden Proble-
me ansprechen. Wir stellen nur fest, dass die Schrift an vielen Stellen einen
klaren Bezug der uns bekannten Wirklichkeit aufweist. Wir können diesen
Bezug erkennen und die Aussagen der Schrift “nachvollziehen”, also im
nachhinein erkennen. Hier ist nun der Ort, an dem detailliert geforscht und
gefragt werden kann und darf, inwieweit sich die Aussagen der Schrift mit
den uns bekannten Fakten decken. Hier darf auch überlegt werden, auf wel-
che Weise sich scheinbar widersprechende Aussagen der Schrift zu harmo-
nisieren sind. Sollten wir aber nach wie vor Unstimmigkeiten feststellen,
werden wir aus Respekt vor dem begründeten Anspruch der Schrift, Wort
Gottes zu sein, und aus Mangel an Kompetenz keine Kritik an der Schrift
üben, sondern unsere eigene Erkenntnis- und Verfahrensweise nachzuprü-
fen haben. Es wird auch in entsprechenden Studien im einzelnen aufgewie-
sen, dass die Schrift sachlich richtige Aussagen macht, und zwar sowohl zu
den spezifisch theologischen Fragen als auch besonders zu naturkundlichen
und geschichtlichen Fragen. Wir verweisen wieder auf die Literaturliste.
90 Bernhard Kaiser:
Wir müssen aber bekennen, dass wir nicht in der Lage sind, die Mehr-
zahl der Aussagen der Schrift zu prüfen. Wir deuteten dies oben schon an.
Die eigentlich theologischen Aussagen entziehen sich ihrer Art nach der
Überprüfung: Wie kann man zum Beispiel beweisen, dass wir durch den
Glauben gerechtfertigt sind oder dass die Toten, die im Glauben gestorben
sind, beim Herrn sind? Für andere Aussagen gibt es keine Möglichkeit der
Verifikation mehr, weil keine anderen Quellen vorliegen, man denke hier an
die Details der Erzvätergeschichte. Wieder andere Aussagen können auf-
grund der Einmaligkeit und der theologischen Qualität ihres Gegenstandes -
hier denken wir an die Schöpfung, die Auferstehung oder die Himmelfahrt -
nicht als wahr bewiesen werden. Doch ändert dies nichts an der Wahrhaftig-
keit der Aussage. Es ist uns also nicht möglich, den Wirklichkeitsbezug ei-
nes jeden Wortes der Schrift vorzuführen; es wäre dies ja das Ende des
Glaubens und das Schauen der Vollendung, die uns jetzt noch nicht zugäng-
lich ist. Diese Aussagen aber begründen den Glauben an die unsichtbare
Wirklichkeit Gottes und seines Heils.

3.4 Irrtumslosigkeit im Sinne normaler menschlicher Rede

Einen weiteren Aspekt dürfen wir nicht übersehen. Er betrifft die Exaktheit
der menschlichen Sprache und zieht in Betracht, dass die Schrift normale
menschliche Sprache ist. Die Chicago-Erklärung zur biblischen Irrtumslo-
sigkeit betont in diesem Zusammenhang in Artikel XIII:
Wir bekennen, dass es angemessen ist, Irrtumslosigkeit als theolo-
gischen Begriff für die vollständige Zuverlässigkeit der Schrift zu
gebrauchen.
Wir verwerfen die Auffassung, dass es angemessen sei, die Schrift
anhand von Maßstäben für Wahrheit und Irrtum zu messen, die ih-
rem Gebrauch und ihrem Zweck fremd sind.
Wir verwerfen ferner, dass die Irrtumslosigkeit von biblischen
Phänomenen wie dem Fehlen moderner technischer Präzision, Unre-
gelmäßigkeiten der Grammatik oder der Orthographie, Beschrei-
bung der Natur nach der Beobachtung, Berichte über Unwahrheiten,
dem Gebrauch von Übertreibungen oder gerundeten Zahlen, thema-
tischer Anordnung des Stoffes, unterschiedlicher Auswahl des Mate-
Biblische Irrtumslosigkeit 91
rials in Parallelberichten oder der Verwendung freier Zitate in Frage
gestellt werde.8
Damit ist gesagt, dass die Maßstäbe, die heute an eine wissenschaftliche
Veröffentlichung hinsichtlich der begrifflichen Präzision der Sprache ge-
stellt werden, nicht an die Bibel herangetragen werden dürfen, denn es lag
nicht in der Absicht der biblischen Autoren, in einer solchen begrifflichen
Präzision zu reden. Menschliche Sprache hat selten diese Präzision, sie ist
vielmehr immer bis zu einem gewissen Grade inexakt. Doch darf man eine
solche Ungenauigkeit nicht als Irrtum verstehen.
Diese Inexaktheit ergibt sich zum Beispiel bei Ungefährangaben. Eine
solche könnte in den Zahlenangaben in 4Mose 25,9 vorliegen. Dort ist von
24.000 Israeliten die Rede, die im Gericht wegen des Götzendienstes mit
dem Baal-Peor umkamen. Paulus aber spricht in 1Kor 10,8 von 23.000.
Nimmt man an, dass schon die von Mose genannte Zahl ein Ungefährwert
ist, dann dürfte die größere Ungenauigkeit bei Paulus liegen. Ihn deswegen
des Irrtum zu bezichtigen, wäre aber nicht gerechtfertigt, zumal es ihm nicht
darum ging, einen Bericht über das alttestamentliche Ereignis zu reprodu-
zieren. Außerdem gibt er durchaus einen Näherungswert an. (Es gibt aller-
dings noch weitere Überlegungen, um diese unterschiedlichen Aufgaben
miteinander in Einklang zu bringen, aber wir halten die gegebene für wahr-
scheinlicher.)

3.5 Offene Fragen

Wir werden nicht sämtliche widersprüchlich erscheinenden Stellen harmo-


nisieren können. Vor allem lässt die biblische Chronologie manche Fragen
offen. Als Beispiel sei hier nur die Rede des Stephanus und die Chronologie
der Erzväterzeit genannt: Der Tod Terachs und der Zeitpunkt des Auszugs
aus Haran sowie die Länge der Gefangenschaft in Ägypten (in Verbindung
mit Gal 3,17). Unklar ist ferner, warum in Apg 7,16 Abraham und in 1Mose
33,18-19 Jakob als Käufer des Grabes von den Söhnen Hamors genannt
werden. – Unklar ist etwa auch das Jahr der Thronbesteigung Hiskias, wenn
man Jes 36,1 und 2Kg 16,1-2; 17,1; 2Kg 18,11-12.13 sowie die Regierungs-
zeiten der israelitischen und judäischen Könige, miteinander vergleicht.

8
Vgl. S. 238
92 Bernhard Kaiser:
Wir sehen aus diesen Beispielen, dass wir nicht jede Schwierigkeit lösen
können. Wir können verschiedene Überlegungen anstellen, die den Charak-
ter von Denkmöglichkeiten haben, aber in sich keine schlüssige Antwort
darstellen. Doch damit ist noch nicht bewiesen, dass die Schrift tatsächlich
irrt. In Anbetracht des zweitausendjährigen Abstandes, den wir von der
Schrift haben, ist es sinnvoll, Zurückhaltung zu üben und einzugestehen,
dass uns nicht alle Details bekannt sind, anstatt uns zur vorschnellen Annah-
me von Irrtümern zu versteigen.

4 Der Sinn des Bekenntnisses zur Irrtumslosigkeit der Schrift

Wir stehen in einer geschichtlichen Situation, in der das Bekenntnis zur Irr-
tumslosigkeit fraglos eine scheidende Funktion hat. Wer die Irrtumslosig-
keit leugnet, muss entweder Gott der Wandlung seines Wesens bezichtigen
oder hat ein doketisches Verständnis vom Wort Gottes. Nun könnte man sa-
gen, dass auch auf unserer Seite ein philosophischer Gottesbegriff vorliegt,
wenn wir von Gott Unwandelbarkeit aussagen. Doch nach der Schrift ist der
Wandel, dem sich Gott unterzieht, wenn er in seinem Sohn Fleisch wird
(vgl. Phil 2,6-8), ganz und gar ungriechisch oder unphilosophisch. Das Pro-
blem liegt tiefer: es liegt im eigenlichen Sinne in der gnostischen Abwertung
der leiblich-geschöpflichen Dimension. Diese Abwertung verbietet ein
wirkliches Eingehen Gottes in die geschöpfliche Welt.
Doch was wäre, wenn wir die Irrtumslosigkeit der Schrift verneinten?
Nehmen wir an, dass wir die Irrtümer nur für Randerscheinungen hielten,
die keinesfalls die sich auf das Heil beziehenden Aussagen beträfen. Es er-
gäben sich daraus folgende Sackgassen für unser Denken:

(1) Wir müssten zunächst untersuchen, ob unsere Kategorien zur Unter-


scheidung von Wahrheit und Irrtum geeignet sind. Das aber ist nur mit phi-
losophischen Prämissen möglich, etwa mit denen der klassischen Logik.
Wir gründeten uns damit auf unsere begrenzte Einsicht. Gegenüber diesen
Kategorien haben wir oben unsere Fragen angemeldet.

(2) Wir würden sagen, dass die Schrift am Rande nicht ganz vertrauenswür-
dig ist, aber in ihrer Mitte, im Evangelium, unser Vertrauen genießen dürfte.
Woher aber wissen wir, dass wir ihr dort vertrauen können? Im Grund ver-
trauen wir ihr nur so weit, wie wir es vor unserer Vernunft für möglich hal-
Biblische Irrtumslosigkeit 93
ten. Würden wir dieses Prinzip konsequent durchziehen, dann müssten wir
jede einzelne Aussage der Schrift vor das Forum unserer Vernunft ziehen
und über ihre Vertrauenswürdigkeit befinden. Auch dies könnte nur im
Rückgriff auf philosophische Kategorien geschehen. Eine kritische Sich-
tung der Schrift wäre ein notwendiges Werk vor dem Glauben. Der “Glau-
be” wird dann zu einem Produkt des kritischen Bewusstseins, damit nichts
anderes als Unglaube. Er wäre nicht mehr das freie Vertrauen auf das gege-
bene Wort.
Im evangelikalen Raum findet sich diese Inkonsequenz recht häufig;
man verneint die Irrtumslosigkeit der Schrift, aber ruft zum Glauben an das
Evangelium. Dieses aber liegt nur in der Schrift maßgeblich vor. Welche
Berechtigung hat dieser Zwiespalt? Es mag nun sein, dass ein solcher Christ
oder Theologe wirklich dem Evangelium glaubt und auch in Christus das
Heil hat, aber um den Preis der Inkonsequenz, dass er die Randpartien der
Schrift kritisiert, die Zentralpartien hingegen nicht, und weder diese Praxis
noch die Grenze zwischen peripheren und zentralen Aussagen begründen
kann.

(3) Ein solcher “Glaube” kann sich logischerweise nicht mit dem äußeren
Wort zufrieden geben. Er sucht zu seiner Vergewisserung die aktuelle Er-
eignung des Wortes Gottes bei sich in sakramentalen, existentialen, mysti-
schen, schwärmerischen oder charismatischen Erlebnissen; kurz, er sucht
das, was ihm unter die Haut geht. Er kann aber zu seiner Vergewisserung
nicht mehr die Schrift befragen. Der Rationalismus, der am Rand der Schrift
Irrtümer ausmachte, paart sich mit der Irrationalität im Blick auf das Zen-
trum der Schrift. Eine derart gespaltene Haltung ist der Schrift nicht ange-
messen, redet sie doch durchgängig im äußeren Wort zu uns und begründet
eine gesunde Rationalität, die aus dem Hören auf Gottes Wort kommt.

(4) Wir würden damit nicht notwendigerweise sagen, dass die Schrift von
Irrtümern voll wäre. Wir hätten aber nie die Gewissheit, dass die heilige
Schrift nicht noch mehr Irrtümer enthielte, als uns gerade bekannt ist. Wir
liefen also in unserem Vertrauen auf die Schrift Gefahr, einem von uns uner-
kannten Irrtum aufzuliegen. Das aber ist das Ende jeglichen echten und ge-
wissen Glaubens.

(5) Eine typisch moderne Konsequenz wäre die folgende: wir könnten unser
Interesse an der Irrtumslosigkeit der Schrift preisgeben. Dann könnten wir
94 Bernhard Kaiser:
problemlos mit den Irrtümern in der Schrift leben, denn es wäre uns gleich-
gültig, ob die Schrift Irrtümer enthielte oder nicht. Wir bedürften dann zur
Vergewisserung unserer Religiosität nur der unter (3) genannten Erlebnisse,
und entscheidend wäre, dass die Schrift dieselben bewirkt. Daneben könnte
aber der Koran oder eine andere religiöse Schrift die gleiche Funktion wahr-
nehmen.
Wir sehen, dass die biblische Irrtumslosigkeit dem Glauben korrespon-
diert: Wo keine Gewissheit von Wahrheit und Wahrhaftigkeit ist, ist auch
kein rechter Glaube; dort degeneriert der Glaube zur subjektiven Gläubig-
keit. Insofern schützt die Aussage der biblischen Irrtumslosigkeit den hohen
und heiligen und zugleich uns im äußeren Wort nahegebrachten Inhalt: das
Heil in Jesus Christus und die darin gegründete Gewissheit des Glaubens.

5 Zusammenfassung

Wir haben die Frage der Irrtumslosigkeit der Schrift aus unterschiedlichen
Perspektiven beleuchtet. Wir haben zunächst verdeutlicht, was aus philoso-
phischer Sicht ein Irrtum ist und gesehen, dass dabei im Bereich des forma-
len Irrtums philosophische Kategorien zur Definition von Wahrheit und Irr-
tum herangezogen werden.
Als ein wesentliches Problem haben wir die Bewertung der Schöpfung
als Gefäß der Offenbarung genannt. Von der Schrift her ist klar, das die ge-
schöpfliche Welt anfangs “sehr gut” war, dass der Mensch im Bilde Gottes
erschaffen wurde und daher ein Eingehen Gottes in die Schöpfung nicht zur
Verwandlung seines Wesens führen muss: Gott kann auch in geschöpflicher
Gestalt irrtumslos reden. Wir haben ferner von der Komplexität Gottes so-
wie der geschöpflichen Welt gesprochen und gesehen, dass Angesichts die-
ser Komplexität die klassische Logik ihre Dienste versagt, so dass aus dieser
Ecke kein wirksamer Angriff auf die Irrtumslosigkeit der Schrift geführt
werden kann.
Wir haben den biblischen Wahrheitsbegriff bedacht und einen starken
gegenständlichen Bezug von Wahrheit erkannt. Im Licht der genannten Ar-
gumente haben wir die Irrtumslosigkeit der Schrift bedacht und diese präzi-
siert. Schließlich diskutierten wir die Bedeutung der biblischen Irrtumslo-
sigkeit. Es ist unsere Hoffnung, mit diesem Aufsatz die Hintergründe der
Verneinung der Irrtumslosigkeit aufgedeckt und nicht ohne Grund hinter-
Biblische Irrtumslosigkeit 95
fragt zu haben. Ebenso hoffen wir, dass deutlich wurde, dass es genug Grün-
de gibt, an der biblischen Irrtumslosigkeit festzuhalten.
Gott gebe es uns, dass sein Wort selbst uns derart überführt, dass wir be-
kennen: Dein Wort ist nichts als Wahrheit!
Beiträge zu
sogenannten
Widersprüchen
in der Bibel
Richard Schultz1

Die sogenannten Widersprüche


im Alten Testament

ach Meinung von Gerhard Hörster stößt jeder aufmerksame Bibel-

N leser immer wieder auf Irrtümer und Widersprüche in der Bibel. So


schreibt er in seinem Buch Markenzeichen “bibeltreu”2: “Die Lehre
von der Irrtumslosigkeit der Bibel in allen ihren Aussagen ist als Schutz ge-
dacht, scheitert aber an der realen Gestalt der Bibel.”
Gerhard Maier drückt es in seiner Biblischen Hermeneutik (S. 118) ein
wenig anders aus: “Man stieß also durch das Bibelstudium auf eine Ver -
schiedenartigkeit der Schriftaussagen, die notwendig den Gedanken hervor-
riefen, ob nicht die eine durch die andere korrigiert werden müsse”.
Widerspricht die Bibel selbst der Behauptung der Irrtumslosigkeit der
Bibel, oder handelt es sich hier nur um sogenannte Widersprüche?

1 Einleitende Fragen

1.1 Definition: Was ist ein Widerspruch?

Nils Dahl behauptet in einem Aufsatz: “Die Bibel ist voller Widersprüche.”3
Aber was ist eigentlich ein Widerspruch? Nach Wahrigs Deutschem Wör-
terbuch ist ein ‘Widerspruch’ “eine einer früheren Aussage entgegengesetz-
te Äußerung; die Behauptung des Gegenteils; eine Unvereinbarkeit”; und
nach dem Duden “die fehlende Übereinstimmung oder das Sich-ausschlie-
ßen zweier oder mehrerer Aussagen”.

1
Dr. Richard Schultz war Dozent für Altes Testament an der Freien Theologischen
Akademie in Gießen und ist seit 1995 Professor für Altes Testament am Wheaton
College in den USA. Der Aufsatz geht auf ein Referat zurück, das am 16.4.1994
bei der Jubiläumskonferenz zum 100-jährigen Bestehen des Bibelbundes gehal-
ten wurde. Es erschien zuerst in “Bibel und Gemeinde” Nr. 4/1999 und 1/2000.
2
Brunnen, 1990, S. 43. Der Bibelbund hat das Buch in »Bibel und Gemeinde«
1991/1 S. 77ff gründlich besprochen.
3
“Contradictions in Scripture”, S. 159.
Die sogenannten Widersprüche 99
Hier muss man jedoch einwenden, dass unterschiedliche Aussagen noch
nicht ‘widersprüchlich’ sein müssen. In seiner Monographie über theologi-
sche Verschiedenheit im Alten Testament beschreibt John Goldingay vier
Formen des ‘Widerspruchs’ bei biblischen Aussagen: formelle, kontextuel-
le, substantielle (wesentliche) und grundlegende. Nur die letzte Art sieht er
als widersprüchlich im problematischen Sinn an, d.h. in keiner Weise mit-
einander zu vereinbaren (S. 15-25). Mit anderen Worten: Nicht jede Form
der ‘Widersprüchlichkeit’ stellt eine Infragestellung der Lehre von der Irr-
tumslosigkeit der Schrift dar.

1.2 Sogenannte Widersprüche und die Irrtumslosigkeit der Schrift:

Warum ist diese Fragestellung wichtig? Ist es wirklich notwendig, uns mit
behaupteten Widersprüchen im Alten Testament zu beschäftigen? Es gibt
evangelikale Theologen, denen die Zuverlässigkeit (und Vereinbarkeit) der
Aussagen der Evangelien über Jesus sehr wichtig sind, die aber die histori-
schen Aussagen im Alten Testament als zweitrangig ansehen, vielleicht weil
es dabei nicht um Jesus geht.4 Einerseits dürfen wir in unserer Schriftlehre
nicht in dieser Weise zwischen dem NT und dem AT unterscheiden. Ande-
rerseits dürfen wir auch nicht einfach behaupten, dass es hier lediglich um
‘sogenannte’ Widersprüche geht, so dass folglich die Spekulationen der Kri-
tiker uns nicht der Mühe wert sind.
Eigentlich hat der Umgang mit den sogenannten Widersprüchen im AT
zwei unterschiedliche Absichten: eine negative und eine positive. Beide
sind für die Exegese von Bedeutung.
Einerseits hat der Umgang mit sogenannten Widersprüchen eine apolo-
getische Absicht, um die Argumente der historisch-kritischen Forschung
bezüglich der göttlichen Herkunft der Schrift und der kompositionellen Ent-
wicklung der einzelnen Schriften zu widerlegen. Nach Gerhard Maier (S.
118): “Jeder Entwurf einer Inspirationslehre muss sich mit der Frage nach
eventuellen Fehlern in der Schrift auseinander setzen.” Wenn tatsächlich
Fehler, z.B. Widersprüche, in der Bibel festzustellen sind, dann muss unsere
Inspirationslehre entsprechend umformuliert werden, um solche zu erklä-
ren. Doch diese Fragestellung ist auch grundlegend für die Exegese.
Ein Hauptkriterium für die Literarkritik im Alten Testament, besonders
für die Quellenscheidung im Pentateuch, ist die Beobachtung von Wider-

4
Vgl. z.B. verschiedene Aussagen bei F.F. Bruce.
100 Richard Schultz:
sprüchen im Text. Steck schreibt in seinem exegetischen Handbuch (S.
52-53), dass bei der Frage nach der literarischen Integrität eines Textes,
Spannungen im Wortlaut (lexikalische, grammatische, syntaktische, termi-
nologische), insbesondere Widersprüche und Brüche im Textablauf, zu den
Hauptanzeichen literarischer Uneinheitlichkeit gehören. Nur wenn wir uns
intensiv mit den sogenannten Widersprüchen im AT beschäftigen, werden
wir in der Lage sein, die kritischen Anfragen anderer Theologen (und Laien
in den Gemeinden, die von ihnen überzeugt wurden) zu beantworten.
Anderseits gibt es tatsächlich Stellen in der Bibel, die scheinbar im Wi-
derspruch zueinander stehen, die der aufmerksame Bibelleser selbst beob-
achtet. Auch wenn er nicht sofort geneigt ist, dem Text einen Fehler zu un-
terstellen, sind wir ihm eine Antwort schuldig. Er möchte wissen, wie diese
Aussage im Kontext zu verstehen ist und welche Funktion gerade diese For-
mulierung hat. Also enthält der Umgang mit sogenannten Widersprüchen
auch eine positive, eher hermeneutische Absicht.

1.3 Der Ursprung der sogenannten Widersprüche:

Wie sind Widersprüche in Gottes unfehlbarem Wort entstanden?


Wenn wir deshalb induktiv (hergeleitet) von Problemstellen ausgehen,
gibt es also zwei Gründe, uns mit diesen Texten zu beschäftigen.
Wenn wir aber deduktiv (folgernd) von einem bibeltreuen Schriftver-
ständnis ausgehen, müssen wir erst eine andere Frage beantworten, nämlich:
Wie sind Widersprüche in Gottes unfehlbarem Wort entstanden? Dafür gibt
es sowohl textbezogene als auch leserbezogene Erklärungen.

1.3.1 Textbezogene Erklärungen:


a. Einige Probleme sind im Laufe der langen Textüberlieferung ent-
standen. Beim wiederholten Kopieren der Texte drangen manchmal Fehler
ein: durch Hörfehler (gleichlautende Worte), Sehfehler (man überspringt
gleichbeginnende oder gleichendende Sätze) und Kopierfehler (besonders
bei Zahlen). So können Widersprüche im Text entstanden sein, die nicht in
den Urtexten vorhanden waren.
b. Einige sogenannte Widersprüche stammen aus der langen Ge-
schichte der Entstehung des Alten Testamentes. Stellen Sie sich vor, Sie
lesen eine Geschichte des deutschen Volkes von 800 bis 1800 n.Chr., die
auch zwischen 800 und 1800 geschrieben wurde. Welche unterschiedlichen,
scheinbar widersprüchlichen Ausdrucksweisen, Erklärungen und Perspekti-
Die sogenannten Widersprüche 101
ven würden Sie von den verschiedenen beteiligten Autoren erwarten? So
auch in Bezug auf das Alte Testament.

1.3.2 Leserbezogene Erklärungen:


Die meisten Widersprüche stammen aus der chronologischen und kultu-
rellen Distanz zwischen uns und dem Text in seinem ursprünglichen Kon-
text:
a. Einerseits sind wir zu wenig vertraut mit der Sprache, den stilisti-
schen Mitteln, bildreichen Ausdrücken, kompositionellen Regeln, literari-
schen Gattungen und vorausgesetzten Sitten und Gebräuchen, um die bibli-
sche Literatur völlig zu verstehen.
b. Andererseits fordern wir unberechtigterweise von den biblischen
Texten einen eindeutig chronologischen oder logischen Aufbau, eine lü-
ckenlose Erzählung, eine naturwissenschaftliche Genauigkeit und eine his-
torische Vollständigkeit, die unseren Vorstellungen von Literatur bzw. von
Geschichtsschreibung entspricht. Manchmal können wir solche Fehlein-
schätzungen nicht vermeiden.
c. Weitere Widersprüche entstehen erst durch eine irreführende
Übersetzung und werden von dem Leser als solche verstanden, weil er auf
Übersetzungen angewiesen ist.
d. Doch leider müssen wir auch feststellen, dass viele sogenannte Wi-
dersprüche nicht festgestellt werden, weil man etwa zu oberflächlich oder
uninformiert die Bibel liest, sondern weil bewusst nach Unregelmäßigkeiten
im Text gesucht wird. Gooding schreibt bzgl. einer behaupteten Diskrepanz
zwischen 1Sam 16 und 17 (S. 56): “Mir scheint es, keiner hätte je gemeint,
es handele sich hier um einen Widerspruch, wäre er nicht aus anderen Grün-
den überzeugt, dass hier zwei widersprüchliche Geschichten vorlägen, und
folglich geneigt wäre, andere Beispiele von Widersprüchen zu finden.”

1.4 Kategorisierung der sogenannten Widersprüche (mit Beispielen):

Welche Arten von Widersprüchen werden nun behauptet?


Wenn Problemstellen die eben genannten Ursachen haben können,
überrascht es nicht, dass es dicke Bände gibt, die die sogenannten Wider-
sprüche in der Bibel besprechen.5 Da wir uns in den folgenden Beispielen
5
So zum Beispiel Archer, Geisler/Howe, Kaiser, Arndt und Gottwaldt. (Das sind
nur die Handbücher, die in diesem Jahrhundert veröffentlicht worden sind. Seit
der Zeit der ersten Rabbiner und Kirchenväter beschäftigten sich Bibelausleger
102 Richard Schultz:
auf einige wenige Texte beschränken müssen, ist es hilfreich, zuerst die ver-
schiedenen Arten von behaupteten Widersprüchen zu beschreiben:

1.4.1 Externe Widersprüche


Der Widerspruch wird zwischen einem biblischen Text und einer Infor-
mation außerhalb der Bibel behauptet.

a. Naturwissenschaftliche: Die phänomenale Sprache, die modernen na-


turwissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht. Meistens geht es hier um
poetische Ausdrücke, die beschreibend, aber nicht erklärend sind. Sprechen
wir nicht auch vom Sonnenaufgang und -untergang?
Es wäre ein ganz anderes Problem, wenn ein Text behaupten würde, die
Sonne kreise um die Erde und ein anderer Text das genaue Gegenteil.

b. Historische: Biblische Aussagen, denen durch archäologische Erkennt-


nisse oder außerbiblische Texte widersprochen wird. Zum Beispiel wird oft
behauptet, dass die biblische Darstellung der Eroberung in Josua nicht stim-
men kann, weil die Ausgrabungen der erwähnten Stätten dies nicht bestäti-
gen. Doch ist die Deutung solcher Ausgrabungen subjektiv. John Bimson6
schlägt vor, dass man eine ganze Ausgrabungsschicht (die durch die Ver-
gleichung der Keramikfunde datiert wird) ein Jahrhundert später datieren
sollte. In diesem Fall würden die biblischen Aussagen bestens mit den Er-
gebnissen der Archäologie zusammenpassen - außer bei Ai. Jedoch behaup-
tet David Livingston wiederum, dass man am falschen Ort nach Ai gegraben
habe7. Und hinsichtlich der außerbiblischen Texte ist bekannt, dass diese
häufig keinen Anspruch auf historische Zuverlässigkeit erheben können:
Die assyrischen Könige haben z.B. manchmal ihre Errungenschaften über-
trieben.
c. Prophetische: Zukunftsbezogene Aussagen, die nicht in Erfüllung gin-
gen. Hier geht es um die Frage, wie diese Texte zu deuten sind und welche
Art und welchen Zeitpunkt der Erfüllung vorausgesagt wurde.

d. Moralische: Biblisches Verhalten und göttliche Forderungen, die unse-


ren Vorstellungen der Gerechtigkeit und Güte Gottes widersprechen, z.B.
mit diesem Problem. Das erste Buch zum Thema, das Haley kennt, wurde von ei-
nem Julianus Pomerius im siebten Jahrhundert geschrieben.)
6
1978 und 1987, vgl. auch Waltke.
7
Vgl. auch Wood zu Jericho (siehe Bibel und Gemeinde 1995/1 S. 15ff d. Red.)
Die sogenannten Widersprüche 103
Jephtahs Opferung seiner Tochter, Gottes ähnliche Forderung bezüglich
Isaak. Diese werden besser als ‘moralische Schwierigkeiten’ kategorisiert.

e. Logische: Die biblischen Angaben bei Zahlen widersprechen scheinbar


der menschlichen Logik:
• dass Sara mit über 60 Jahren noch schön und begehrenswert war
• dass Abraham mit 318 Hausknechten vier Könige besiegen konnte
• vor allem, dass ein Volk von zirka zwei Millionen8 in der Wüste ver-
sorgt werden und sich durch die Wüste bewegen konnte. So erstaun-
lich hoch diese Zahlen sind, muss man aber doch erkennen, dass die
Zahlenangaben im Pentateuch miteinander übereinstimmend und
folglich ohne Widersprüche sind.9
Bei all diesen Kategorien geht es nicht nur um die Deutung des Textes, son-
dern auch um die Deutung von Information außerhalb des Textes.

1.4.2 Interne Widersprüche


Hier geht es um die Deutung von zwei oder mehreren biblischen Texten,
wobei eine Aussage einer ähnlichen Aussage in demselben oder in einem
anderen Buch widerspricht oder davon erheblich abweicht. Wenn dieser
Widerspruch innerhalb eines Buches vorkommt, schließt der Literarkritiker
daraus, dass der vorliegende Text zusammengesetzt wurde, d.h. aus ver-
schiedenen ursprünglich selbstständigen, fragmentarischen oder vollständi-
gen Texten, Traditionen oder Quellen und redaktionellen Zusätzen besteht.
Dabei kann man zwischen theologischen und geschichtlichen Widersprü-
chen unterscheiden.

a. Bei widersprüchlichen theologischen Aussagen über Gott und über den


Menschen in seiner Beschaffenheit und in seiner Beziehung zu Gott geht es
oft um die fortschreitende Offenbarung, aber auch um unterschiedliche Ak-
zentuierungen und Ausdrucksweisen.
Wenn ein Text z.B. sagt, dass niemand Gott je gesehen habe, ein anderer
jedoch, dass besondere Menschen Gott wiederholt gesehen haben (vgl. 2Mo
33,20 und Joh 1,18 mit 2Mo 24,9-11, Ri 13,22 und Jes 6,1.5), wird dies
manchmal als theologischer Widerspruch angesehen.

8
Gerechnet nach 603.000 kriegstüchtigen Männern bei den Volkszählungen in
4Mo 1 und 26.
9
Vgl. dazu besonders John Wenham.
104 Richard Schultz:
b. Bei geschichtlichen Widersprüchen handelt es sich um Details, die mit-
einander nicht zu vereinbaren sind. Wenn dies zwischen zwei parallelen Er-
zählungen wie zwischen Samuel oder Könige und Chronik auftritt, behaup-
tet man, dass ein Geschichtsschreiber historisch zuverlässiger sei als der an-
dere. Damit verwandt sind neutestamentliche Aussagen über die alttesta-
mentliche Geschichte, deren Aussagen letzteren widersprechen.
Nur diese zweite Kategorie von sogenannten Widersprüchen besteht ei-
gentlich aus Widersprüchen im Alten Testament; folglich werden wir nur
diese weiter besprechen.

2 Grundlegende Einstellungen und methodische Prinzipien

Wie sollen wir mit sogenannten Widersprüchen umgehen?


Wenn wir beim Bibellesen auf einen scheinbaren Widerspruch stoßen,
oder wenn jemand einen Text erwähnt, von dem er behauptet, dass darin ein
Widerspruch zu finden sei, wie sollen wir darauf reagieren, um dieses Pro-
blem zu lösen?

2.1 Grundlegende Einstellungen:

1. Solche Fragen dürfen wir nicht unterschlagen. Wenn sie unbeantwor-


tet bleiben, können sie unser Vertrauen in die Schrift untergraben. Wenn sie
gut beantwortet werden, unser Vertrauen jedoch stärken. Doch sollen wir
von der Annahme der Integrität (Einheitlichkeit) und der Kohärenz (Ver-
ständlichkeit) des Textes ausgehen, statt dem Text von vornherein Unge-
reimtheiten zu unterstellen.

2. Hier geht es um einen geistlichen Kampf und eine geistige Arbeit. Da


dem Feind des Glaubens daran liegt, das Schwert des Geistes stumpf zu ma-
chen, in dem die Schrift als unzuverlässig und folglich als unverbindlich be-
trachtet werden muss, sollte unsere intellektuelle Arbeit durch Gebet beglei-
tet werden. Doch müssen wir uns auch mit den Aussagen des Textes inten-
siv beschäftigen und soweit wie möglich zu den besten Büchern und Hilfs-
mitteln greifen. Alte Bücher sind nicht zu verachten. Da die Bibelwissen-
schaft sich jedoch immer weiter entwickelt, können auch die neusten exege-
tischen Methoden und Veröffentlichungen neue Antworten liefern.
Die sogenannten Widersprüche 105
3. Wir müssen ehrlich mit den Problemtexten umgehen. Es ist nicht ge-
nug, eine oder viele Lösungen vorzuschlagen, wenn sie alle gezwungen, ge-
künstelt und unwahrscheinlich wirken. Lindsell10 hat z.B. vorgeschlagen,
dass Petrus Jesus sechsmal verleugnet habe, um dadurch die voneinander
abweichenden Berichte in den Evangelien zu harmonisieren. So etwas
bringt die evangelikale Exegese in Verruf und überzeugt nur wenige. Wir
müssen auch demütig sein und es zugeben, wenn wir keine gute Lösung fin-
den können. Es kann sein, dass uns momentan die nötige Information fehlt,
das Problem zu lösen. Justin sagte dem Juden Tryphon schon im zweiten
Jahrhundert: “Ich bin schlechterdings überzeugt, dass keine Schriftstelle ei-
ner anderen widersprechen kann, und werde eher zugeben, dass ich das Ge-
sagte nicht begreife.”11

4. Es ist nicht notwendig, jeden sogenannten Widerspruch in der Bibel


zu erklären, um an die Irrtumslosigkeit der Schrift glauben zu können. Dass
es trotz ihrer Vielfalt an Formen und Autoren so wenige echte Problemstel-
len in der Bibel gibt, zeugt schon von ihrer göttlichen Herkunft. In den Wor-
ten der Chicago-Erklärung:
Wir bekennen die Einheit und innere Übereinstimmung der Schrift.
Wir verwerfen die Auffassung, dass angebliche Fehler und Wider-
sprüche, die bis jetzt noch nicht gelöst wurden, den Wahrheitsan-
spruch der Bibel hinfällig machen würden.12

2.2 Methodische Prinzipien

Es gibt einige methodische Prinzipien, die wir im Umgang mit einem


scheinbaren Widerspruch beachten sollen. Wir möchten diese auch durch
konkrete Beispiele verdeutlichen.

1. Versuchen Sie, beide betroffenen Texte unabhängig voneinander zu


verstehen, d.h. die Deutung ihrer Aussagen und ihre jeweilige Funktion im
Kontext. Nach 1Kö 7,13-14 war die Mutter von Hiram von Tyrus aus dem
Stamm Naphtali. Nach 2Chr 2,13-14 hieß er aber Hiram-Abi und seine Mut-
ter war eine Frau von den Töchtern Dan. Es ist möglich, dass Naphtali oder
10
S. 174-76.
11
Zitiert in Maier, S. 118
12
Artikel XIV, siehe S. 238.
106 Richard Schultz:
Dan den Wohnsitz statt die Stammeszugehörigkeit bezeichnen, oder dass
die zwei Eltern der Mutter jeweils einem der beiden Stämme angehört ha-
ben. Weshalb aber die unterschiedlichen Herkunftsangaben? Nach Ray-
mond Dillard13 will der Verfasser von Chronik Hiram-Abi und seine Aufga-
be beim Tempelbau mit Oholiab und seiner Aufgabe bei der Erstellung der
Stiftshütte vergleichen. Oholiab selbst stammt aus Dan; so betont Chronik,
dass auch Hiram-Abi aus Dan stammte.
Die unterschiedlichen Funktionen erklären die unterschiedlichen Perso-
nenangaben. Um beide betreffenden Texte samt ihrer Funktion zu verste-
hen, können folgende Schritte hilfreich bzw. nötig sein:

a. Vergleichen Sie verschiedene Übersetzungen oder, wenn möglich, le-


sen Sie den Urtext. Manche ‘Widersprüche’ verschwinden, wenn man den
eigentlichen Wortlaut erkennt.
Manchmal wird z.B. behauptet, dass 1Mo 1 und 2 zwei widersprüchli-
che Schöpfungsberichte darstellten. Doch übersetzt die New International
Version die Verben in 2,8.18 als vorzeitige Handlungen, d.h. “hatte ge-
pflanzt ... hatte geformt”. Auch bezeichnen die Ausdrücke “das Gesträuch
des Feldes ... das Kraut des Feldes” in 2,5 nicht die Pflanzen von 1,12, son-
dern evtl. die von 3,18 (“Dornen und Disteln ... Kraut des Feldes”). In jedem
Fall geht es hier nicht um eine zusätzliche Schöpfung im Garten oder um ei-
nen widersprüchlichen Schöpfungsbericht, sondern um eine detailliertere
Beschreibung des sechsten Schöpfungstages mit dem Menschen im Mittel-
punkt.

b. Seien Sie sicher, dass Sie die Bedeutung wichtiger Begriffe richtig ver-
stehen. In 1Sam 15 lesen wir in V. 11 und 35, dass Gott es reute, dass er Saul
zum König gemacht hatte. In V. 29 aber sagt Samuel von Gott: “Denn nicht
ein Mensch ist er, dass ihn etwas gereuen könnte.” Also ein ‘Widerspruch’
innerhalb eines Kapitels? Das Wort ‘Reue’14 aber umfasst zwei Aspekte:
1) gefühlsmäßig die Trauer, die jemand empfindet, wenn etwas auf-
grund menschlichen Versagens misslingt, eine Übertragung mensch-
licher Emotionen auf Gott und
2) willensmäßig, indem er etwas unternimmt, um die Situation zu än-
dern (vgl. zu 1Mo 6,6 und der Ursache der Sintflut).

13
Dillard, 1987, S. 4-5, 20-21
14
Im Hebräischen Niphal von nacham.
Die sogenannten Widersprüche 107
In V. 11 und 35 geht es um die Verwerfung Sauls als König, die Gott nach
V. 29 wegen des heuchlerischen Sündenbekenntnisses (V. 24) nicht rück -
gängig macht, denn er lässt sich nicht wie ein Mensch durch Gefühls-
schwankungen umstimmen.

c. Identifizieren Sie die literarische Form der betreffenden Texte und ma-
chen Sie sich vertraut mit den wichtigsten Eigenschaften dieser Form oder
Gattung. Oft wird behauptet, dass Sprüche 26,4-5 sich widersprechen:
“Antworte dem Toren nicht nach seiner Narrheit, damit nicht auch du ihm
gleich wirst! Antworte dem Toren nach seiner Narrheit, damit er nicht weise
bleibt in seinen Augen!” In der biblischen Weisheit gibt es Sprichwörter, die
in unterschiedlichen Situationen angewendet werden können und entspre-
chend Unterschiedliches aussagen. Der Weise weiß, wie man mit solchen
Sprüchen richtig umgeht, der Tor aber nicht, denn sie sind in seinem Mund
wie die schlaff hängenden Glieder eines Lahmen (V. 7). In dem Abschnitt
26,1-12 geht es um den richtigen Umgang mit einem Toren: Man soll den
Toren nicht ehren (V. 1-3 u. 8); man soll ihm keine wichtige Botschaft an-
vertrauen (V. 6-7, 9-10); man soll ihn als hoffnungslos aufgeben (V. 11-12).
So muss man entscheiden, wie ihm in einer spezifischen Situation zu ant-
worten ist (V. 4-5): “gemäß seiner Narrheit”, damit sein Mangel an Logik
bloßgestellt wird oder “nicht gemäß seiner Narrheit”, damit er sich nicht da-
rin bestätigt fühlt.

2. Stellen Sie fest, worin genau der ‘Widerspruch’ besteht. Entscheiden


Sie, um welche Art von Widerspruch es hier geht und überlegen Sie dessen
Tragweite. Beschränkt sich der ‘Widerspruch’ auf ein einziges Wort, oder
geht es um die unterschiedlichen Ausrichtungen der beiden Texte als Gan-
zes betrachtet? Die Antworten auf diese Fragen helfen uns zu entscheiden,
wo die Lösung zu suchen ist.

3. Überlegen Sie, ob die Unterschiede kontext- oder situationsbedingt


sind, oder ob sie sich durch die fortschreitende Offenbarung in der Bibel er-
klären lassen, wenn die betreffenden Texte keine historischen Berichte sind.
Einige vermeintliche Widersprüche in den Gesetzessammlungen sind da-
durch zu erklären, dass die Gesetzgebung in 2.-4Mo vorwiegend an das
Volk während der Wüstenzeit gerichtet ist, aber in 5Mo die Sesshaftigkeit
des Volkes im Lande vorausgesetzt wird (vgl. dazu 2Mo 20,24; 24,4; 3Mo
17,5; 5Mo 12).
108 Richard Schultz:
4. Bei historischen Texten lesen Sie den Text auch wie eine Erzählung
und nicht nur als einen historischen Bericht – besonders innerhalb eines bi-
blischen Buches, aber auch zwischen zwei Büchern. Manch ein für einen
historischen Bericht scheinbar unwichtiges Detail fügt der Entwicklung ei-
ner Erzählung aber etwas Wesentliches hinzu. Diese eher neue methodische
Ansicht bietet viel Hilfe bei der Erklärung textlicher Ungereimtheiten. Was
man früher als literarisches Ungeschick angesehen hat, erweist sich als
hochentwickeltes literarisches Mittel von fähigen Autoren.15
Nehmen wir wieder 1Mo 2 als Beispiel. Wie wir schon oben gesehen ha-
ben, sollte 1Mo 2 nicht als ein zweiter vom Kapitel 1 abweichender Schöp-
fungsbericht verstanden werden. 1Mo 2,5: “Gott, der HERR, hatte es noch
nicht auf die Erde regnen lassen, und noch gab es keinen Menschen, den Er-
boden zu bebauen”, enthält weder widersprüchliche Details über die Entste-
hung von Pflanzen noch solche, die nur für Klimatologen bzw. Agrarwis-
senschaftler von Interesse sind, sondern erklären, weshalb es trotz der Er -
schaffung der Pflanzenwelt am dritten Schöpfungstag noch kein Gesträuch
des Feldes oder Kraut des Feldes auf Erden gab, wie V. 5a berichtet. Sie wa-
ren auf Regen, bzw. Bebauung angewiesen. Dieser Hinweis auf die notwen-
dige Bebauung führt zu Gottes Auftrag an den Menschen (V. 15), den Gar-
ten zu bebauen und zu bewahren. Das wiederum führt evtl. zur notwendigen
Hilfe für den Mann, nämlich der Frau (V. 18). Kein Detail ist in diesem Be-
richt überflüssig.

5. Wenn es um abweichende Zahlenangaben geht (oder um ein einzelnes


Wort), bietet sich oft eine textkritische Lösung an. Auch wenn wir nicht si-
cher sind, wann ein alphanumerisches System16 eingeführt wurde, entstan-
den aus dem Kopieren von Zahlen viele textkritische Fehler. Nach 2Kö 24,8
war Jojachin achtzehn Jahre alt, als er König von Juda wurde. Nach 2Chr
36,9 war er nur acht Jahre alt. Wahrscheinlich ist das Zeichen für ‘zehn’ in
der Chronikstelle unscharf oder verwischt gewesen und wurde beim Kopie-
ren übersehen. Hier lesen auch einige hebräische und griechische Manu-
skripte ‘achtzehn’. Auch hinsichtlich des schwierigen Problems der Chro-
nologie des geteilten Königreichs gibt es eine Fülle an abweichenden he-
bräischen und griechischen Lesarten, die Teillösungen ermöglichen.

15
Vgl. dazu Klement.
16
Dass die Buchstaben bestimmte Zahlenbedeutung haben, Alef = 1, Beth = 2, usw.
Die sogenannten Widersprüche 109
Doch können nicht alle chronologischen Probleme textkritisch behoben
werden. Edwin Thiele konnte zeigen, dass die Annahme von Mitregenten-
schaften unter den Königen Israels und Judas viele weitere Probleme klärt.
So löst sich der scheinbare Widerspruch zwischen 2Kö 1,17: “Und Joram
[Sohn Ahabs] wurde König an Ahasjas Stelle im zweiten Jahr Jorams, des
Sohnes Joschafats, des Königs von Juda” und 2Kö 3,1 “Und Joram, der
Sohn Ahabs, wurde König über Israel in Samaria, im achtzehnten Jahr Jo-
schafats, des Königs von Juda”.

6. Wenn wir mit parallelen aber scheinbar voneinander abweichenden


Erzählungen (evtl. auch bei einzelnen parallelen Beschreibungen und Anga-
ben) zu tun haben, sollten wir versuchen, diese miteinander zu harmonisie-
ren. Entweder muss der Text nach guten textkritischen Prinzipien geändert
werden oder er muss so gedeutet oder verstanden werden, dass kein gedank-
licher Widerspruch mehr besteht. Dabei sollte man zunächst überlegen, ob
das Hauptproblem eher bei einer Textaussage liegt oder bei beiden gleich-
zeitig.
Wenn sich keine textkritische Lösung anbietet, muss versucht werden,
zwei scheinbar widersprüchliche Aussagen oder eine unwahrscheinliche
Aussage als historisch zuverlässig zu erweisen. So verfahren wir auch mit
widersprüchlichen Aussagen unserer Kinder, wenn wir überzeugt sind, dass
beide die Situation ehrlich und wahrheitsgemäß schildern! Wie bei einem
Kriminalroman suchen wir nach Hinweisen im Text für eine mögliche Er-
klärung.17
Die Neigung zum Harmonisieren fängt schon innerhalb des Alten Testa-
ments an.18 Zum Beispiel lesen wir in 1Sam 17, dass David den Goliath um-
gebracht hat. Doch in 2Sam 21,19 heißt es: “Und Elhanan, der Sohn des Jaa-
re-Oregim, der Bethlehemiter, erschlug Goliath, den Gatiter”. 1Chr 20,5
harmonisiert diesen scheinbaren Widerspruch: “Und Elhanan, der Sohn
Jairs, erschlug Lachmi, den Bruder Goliats, den Gatiter”. In der LXX (B)
und Peschitta von 1Chr 29,22 fehlt der Ausdruck “zum zweitenmal”, den
vermutlich ein Schreiber dem Masoretischen Text hinzugefügt hat, um den
Text mit 1Chr23,1 zu harmonisieren. Viele abweichende Lesearten spiegeln
den Versuch wider, Unstimmigkeiten im Text zu glätten bzw. zu harmoni-
sieren. Ähnliches findet man auch bei Josephus.
17
Die Ausführungen Blombergs und Dillards [1988] zum Thema sind besonders
hilfreich; vgl. auch Youngblood.
18
Vgl. dazu Fishbane.
110 Richard Schultz:
Beim Harmonisieren gibt es eine Reihe von Prinzipien, auf die zurück-
gegriffen werden kann: Unchronologische Anordnung der Begebenheiten,
unterschiedliche Namen oder Schreibarten, auf- oder abgerundete Zahlen,
unvollständige Beschreibungen, unterschiedliche Zitate aus der gleichen
Rede und voneinander abweichende Angaben können durchaus miteinan-
der vereinbar sein.
Keine Lehre von der Irrtumslosigkeit der Schrift bestimmt im Voraus,
wie eine Problemstelle zu lösen ist oder dass alle mit einer bestimmten Lö-
sung einverstanden sein werden, sondern allein, dass die Aussage des Tex-
tes in irgendeiner Weise als ‘wahr’ verstanden werden kann.
Nehmen wir ein Beispiel, um diesen Vorgang zu illustrieren. In 1Kor
10,8 lesen wir: “Auch lasst uns nicht Unzucht treiben, wie einige von ihnen
Unzucht trieben und es fielen an einem Tag 23.000!” In 4Mo 25,9 lesen wir
aber: “Und die Zahl der an der Plage Gestorbenen (wegen Baal-Peor) war
24.000.” Welche Möglichkeiten gibt es, diese beiden Angaben miteinander
zu vereinbaren?
a) Nach Calvin hat Mose aufgerundet und Paulus abgerundet.
b) Es gibt in 1Kor 10,8 eine abweichende Leseart “24.000”, die aber
spät und wahrscheinlich harmonisierend ist.
c) Leon Morris19 meint, dass Paulus die Zahl derer, die durch das
Schwert von Richtern getötet wurden (nach 4Mo 25,5), auslässt.
Doch sagt 4Mo 25 ausdrücklich, dass jene durch die Plage gestorben
seien (es sei denn, man versteht die Präposition b‘ temporal, d.h.
“während der Plage”).
d) Paulus zählt, wie viel “an einem Tag” starben, 4Mo aber wie viel ins-
gesamt durch die Plage starben.
e) 1Kor 10 bezieht sich nicht auf 4Mo 25, sondern auf 2Mo 32, wo nach
dem Vorfall mit dem goldenen Kalb 3.000 durch das Schwert getötet
wurden (V. 28) und eine ungenannte Zahl wahrscheinlich durch die
nachfolgende Plage gestorben sind (V. 35). Die Reihenfolge der his-
torischen Vorfälle in 1Kor 10 ist nicht unbedingt chronologisch und
V. 7 bezieht sich auf 2Mo 32. Es ist auch möglich, dass die ‘Belusti-
gung’ des Volks (2Mo 32,6) sexuelle Unzucht einschließt. Doch
scheint 1Kor 10 an vier verschiedene Vorfälle der Wüstenzeit zu
denken.

19
S. 143
Die sogenannten Widersprüche 111
7. Wenn wir mehr als eine Lösung für einen Problemtext gefunden haben,
müssen wir entscheiden, welche Lösung die wahrscheinlichste ist. Hier geht
es nicht um die kreativste oder sogar die ausgefallenste. Manche Lösungen
sind zu modern, setzen psychologische Überlegungen voraus, wirken ge-
zwungen. Unsere Devise kann ja nicht heißen: Hauptsache eine Lösung!
Bei der Entscheidung sollte man sich einige Fragen stellen:
1) Kann man weitere Beispiele in der Bibel finden, wo Ähnliches der
Fall ist? Zum Beispiel bzgl. der Frage der Stammeszugehörigkeit der
Mutter Hiram-Abis20 findet man eine ähnliche Situation bei Samuel:
1Sam 1,1 - Elkana ist ein Ephraimiter; 1Chr 6,22-28 - Elkana ist ein
Levit.
2) Welche Lösung ist die einfachste?
3) Welche Erklärung sowohl literarisch wie auch historisch passt am
besten in den biblischen Kontext? Bei dem eben behandelten Bei-
spiel scheint Calvins Vorschlag von auf- und abgerundeten Zahlen
noch die wahrscheinlichste Lösung zu sein. Doch muss man dabei
bedenken, dass man nicht die vollständige Harmonie aller Bibelstel-
len demonstrieren muss, ehe man diese für wahr halten kann.

3 Die exemplarische Behandlung von einigen sogenannten Wider-


sprüchen im Alten Testament

Jetzt möchten wir einige Beispiele von sogenannten Widersprüchen im Al-


ten Testament ausführlicher behandeln, um diese grundlegenden Perspekti-
ven, Prinzipien und Schritte zu illustrieren.

3.1 Die Bekanntheit des Gottesnamens ‘Jahwe’ vor der Zeit Moses.

Ein Schlüsseltext für die kritische Quellenscheidung im Pentateuch ist 2Mo


6,2-3. Dort lesen wir: “Und Gott redete zu Mose und sprach zu ihm: Ich bin
Jahwe. Ich bin Abraham, Isaak und Jakob erschienen als Gott, der Allmäch-
tige; aber mit meinem Namen Jahwe habe ich mich ihnen nicht zu erkennen
gegeben.” Das ‘widerspricht’ aber 1Mo 4,26, wonach man schon während
der Urgeschichte, zur Zeit des Enosch, anfing, “den Namen Jahwe anzuru-
fen”.

20
Siehe oben, unter 2.2. (1)
112 Richard Schultz:
Nach der Urkundenhypothese ist dieser ‘Widerspruch’ folgendermaßen
zu erklären. Die sog. jahwistische Quelle (J) benützt den Gottesnamen Jah-
we vom Anfang an in seiner Erzählung, die viel spätere priesterliche Quelle
(P) erst ab 2Mo 6. In 1Mo verwendet P die allgemeine Gottesbezeichnung
Elohim, mit den Ausnahmen von 1Mo 17,1 und 21,1b, wo auch P ‘Jahwe’ in
der Erzählung aber nicht im Dialog verwendet. Von daher gelten diese un-
terschiedlichen Gottesnamen in 1Mo 1 - 2Mo 6 in der Literarkritik als Krite-
rien für die Unterscheidung ursprünglich unabhängiger literarischer Quel-
len, die erst viel später zusammengeflochten wurden.
Gibt es eine andere Lösung? W.J. Martin21 und F.I. Andersen22 schlagen
aus syntaktischen bzw. diskursgrammatischen Gründen vor, die letzten
Worte in 2Mo 6,3 als negative rhetorische Frage zu übersetzen: “Und habe
ich nicht meinen Namen Jahwe ihnen kundgetan?”, die eine positive Ant-
wort erwartet. Das stimmt mit dem Beweismaterial von 1Mo überein, denn
dessen Verfasser verwendet den Namen ‘Jahwe’ immer wieder in den Vä-
tergeschichten. Doch eine nähere Untersuchung von 1Mo zeigt, dass der
Verfasser von 1Mo zurückhaltender ist, wenn es um die Verwendung dieses
Namens in direkter Rede geht. In den Vätergeschichten erscheint der Name
‘Jahwe’23 67 Mal in der Erzählung aber nur 34 Mal im Dialog, davon nur 4
Mal in Gottes Mund - in 1Mo 15,7; 18,14 und 19 (2x).
Der Inhalt dieser Aussagen ist auffallend:
15,7: “Ich bin Jahwe, der ich dich herausgeführt habe aus Ur der Chaldä-
er, um dir dieses Land zu geben, es in Besitz zu nehmen” - vielleicht wegen
der Parallele zum Auszug aus Ägypten;
18,4: “Sollte für Jahwe eine Sache zu wunderbar sein?” - Die Geburt des
Isaak, die zur Gründung des Gottesvolks führt;
18,19 “Denn ich habe ihn erkannt, damit er seinen Söhnen und seinem
Haus nach ihm befehle, dass sie den Weg Jahwes bewahren, Gerechtigkeit
und Recht zu üben, damit Jahwe auf Abraham kommen lasse, was er über
ihn geredet hat.” - die langfristige Erfüllung der Väterverheißungen.
Es ist wichtig zu beachten, dass der Name Jahwe vor der Zeit Moses in
außerbiblischen Quellen nicht eindeutig bezeugt ist. Vielleicht will Mose
darauf hindeuten, dass die Patriarchen den Namen ‘Jahwe’ überhaupt nicht
gekannt haben, oder dass ihnen mindestens andere Gottesbezeichnungen

21
Von Wenham erwähnt, S. 187
22
S. 101-102
23
Nach Wenham, S. 164
Die sogenannten Widersprüche 113
wie El-Shaddai oder El-Eljon geläufiger waren. Doch benützt er den Namen
Jahwe wiederholt in Erzählungen, seltener in Reden, um die Identifikation
deutlich zu machen (2Mo 3,15): “So sollst du zu den Söhnen Israel sagen:
Jahwe, der Gott euer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott
Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name in Ewigkeit.”
Aber es ist auch eine andere Lösung möglich. Nach einer ausführlichen
Untersuchung der Syntax und des Kontexts von 2Mo 6,3 schlägt Randall
Garr24 folgende Übertragung des Verses vor: “Ich bin Abraham, Isaak und
Jakob (in begrenzter Form) als El Shaddai erschienen (der Bundesverhei-
ßungen gibt). Doch war ich nicht das Objekt (vollständigen) Bundeser-
kenntnisses für sie, wie mein Name Jahwe (der Bundesverheißungen erfüllt)
zu verstehen gibt.” Schon die aramäische Übersetzung im Targum Pseu-
do-Jonathan betonte, dass an dieser Stelle mehr gemeint ist als die Bekannt-
heit einer bestimmten Gottesbezeichnung. Hier geht es eher um die persön-
liche25 Erfahrung einer Charaktereigenschaft, die durch den Namen Jahwe
(der Gott, der gegenwärtig und engagiert ist) ausgedrückt wird. Die Väter
mögen den Gottesnamen Jahwe gekannt haben, aber, wie 2Mo ausführli-
cher entfaltet, sie kannten ihn nicht als den erwählenden, rettenden, führen-
den, fürsorgenden Bundesgott. So existiert kein Widerspruch zwischen
2Mo 6,3 und der Verwendung von “Jahwe” in 1Mo.26

3.2 Sauls Kenntnisse über David

Auch in der Goliathgeschichte in 1Samuel finden viele Ausleger einen Wi-


derspruch, den sie nicht überwinden können. Nach ihnen enthält 1Sam 16
und 17,1-18,5 zwei unabhängige, widersprüchliche Traditionen über Da-
vids erste Begegnung mit Saul. Hertzberg27 schreibt: “Die Auslegung bietet
erhebliche Schwierigkeiten. Die Goliatherzählung negiert völlig das Kap.
16, und zwar beide Teile ...”
Nach Kap. 16 ist David schon von Samuel zum König gesalbt worden,
ein Mann des Krieges (V. 18), von Saul geliebt, der Saul als Musiker und
Waffenträger dient (V. 21). Nach Kap. 17 kommt David als unbekannter

24
S. 407-408
25
Das Hebräische jada‘ wird auch für sexuelle Intimität benützt.
26
Vgl. zur Stelle auch Moberly und Alexander.
27
S. 113
114 Richard Schultz:
Hirtenjunge an die Kriegsfront und begegnet Saul, weil er sich mutig bereit
erklärt, gegen Goliath zu kämpfen (V. 31-32). In den V. 55ff. lesen wir:
“Als aber Saul sah, wie David dem Philister entgegen ging, sagte er zu
Abner, dem Heerobersten: Wessen Sohn ist doch dieser junge Mann, Ab-
ner? Und Abner antwortete: So wahr du lebst, König, ich weiß es nicht! ...
Als David zurückkehrte, nachdem er den Philister erschlagen hatte, nahm
ihn Abner und brachte ihn vor Saul; und er hatte den Kopf des Philisters in
seiner Hand. Und Saul fragte ihn: Wessen Sohn bist du, junger Mann? Da-
vid antwortete: Der Sohn deines Knechtes Isai, des Bethlehemiters.”
Widerspricht Kap. 17 der Information in Kap. 16? Wie bei 1Kor 10,8
gibt es einige mögliche Erklärungen.

3.2.1 Logisch-psychologische Lösungen:


1. Saul möchte lediglich mehr über die Familie seines künftigen Schwie-
gersohnes erfahren, deshalb die dreifache Wiederholung: “Wessen Sohn ist
er?” Es geht nicht um Davids Person, sondern um seine Familie. Nach V. 25
soll der Bezwinger des Goliaths die Königstochter heiraten und seine Fami-
lie von Steuerabgaben befreit werden.
2. Saul erkundigt sich nach Davids Herkunft, da solche Informationen
seinen mutigen und erfolgreichen Auftritt gegen Goliath möglicherweise er-
klären könnten. Auch wenn David schon als Musiker gedient hätte, wäre vor
dem Kampf für Saul solche Information über Davids Familie unwichtig.
(Auch widerspricht Sauls Aussage in 17,33 über Davids Kampferfahrung
16,18 nicht.)
3. Da David nicht andauernd als Musiker von Saul benötigt wird, ist er
vielleicht inzwischen zu Hause gewesen, ist reifer geworden, hat sich im
Aussehen verändert.28 Saul kennt ihn wahrscheinlich nicht sehr gut, da er
sowieso jeden tapferen und kampffähigen Mann in seinen Dienst stellt
(14,52). Deshalb erkennt Saul ihn nicht. Nach Merrill29 dürfte David bei sei-
ner Salbung erst zwölf Jahre alt gewesen sein.
4. Saul ist nach Kap. 16 geistesgestört, deshalb erkennt er David nicht.
Aber trifft das auch auf Abner zu?

28
So Gunn, S. 79.
29
S. 211, N. 48
Die sogenannten Widersprüche 115
3.2.2 Textkritische Lösungen:
5. In der LXX-Vaticanushandschrift fehlen u.a. V. 12-31 und 55-58.30
Josephus scheint V. 55-58 auch nicht vor sich gehabt zu haben. Vielleicht
fehlten diese Abschnitte auch im ursprünglichen hebräischen Text, der eher
Vaticanus entsprach.31 Der jetzige hebräische Text (MT) stellt eine spätere
Erweiterung dar. Dann wäre das Problem auch erst später entstanden.

3.2.3 Literarische Lösungen:


6. Kaiser32 schlägt vor, dass die Anordnung der Abschnitte nicht chrono-
logisch ist, d.h. der Kampf gegen Goliath geschah vor den Ereignissen von
1Sam 16,13ff. Es gibt mehrere Beispiele von nicht chronologischer Anord-
nung in biblischer und außerbiblischer Geschichtsschreibung.33
7. 16,21 dient als vorwegnehmende redaktionelle Verbindung34 zwi-
schen 16,14-23 und Kap. 17ff. (vgl. dazu 18,2). Erst nach seinem Sieg über
Goliath wird David Sauls Waffenträger.

In der Gesamtentwicklung des Samuelbuches spielt dieser Abschnitt eine


wichtige Rolle35, ob in chronologischer oder nicht-chronologischer Reihen-
folge. Es gibt klare Parallelen zwischen Eli / Samuel und Saul / David: Ein
unwürdiger Leiter wird durch einen würdigeren und jüngeren ersetzt, der
früh von Gott als Nachfolger designiert wird und den der Herr sichtbar seg-
nete (“der HERR war mit ihm” 3,19; 16,18). Dieser Nachfolger wird zu -
nächst in die Nähe des Leiters gebracht (Samuel zum Haus Gottes als Hel-
fer, David zum königlichen Hof als Musiker), übertrifft aber diesen bald
(Samuel durch prophetische Worte, David durch den Sieg über Goliath).
Gott braucht einen König und David wird privat gesalbt, 16,1-13; Saul
braucht einen Tröster und David wird geholt, 16,14-23; Israel braucht einen
Kriegshelden und David wird geholt, 17,1-11. Bald wird David nicht nur
Musiker und Waffenträger, nicht nur Kriegsheld (wie früher Saul, 1Sam
11), sondern auch Sauls Schwiegersohn und Verbündeter seines Sohnes Jo-

30
Es fehlen weiterhin 17,41.48b.50, zwei Wörter aus 17,51 und 18,1-5; vgl. aber
LXX A u. verwandte Mss.
31
So McCarter, Caird, Stoebe, Hertzberg, Krinetzki, Klein - vgl. Klein, S. 174.
32
More Hard Sayings, S. 156.
33
Vgl. dazu Glatt.
34
So Willis.
35
Nach Gooding, S. 63-66.
116 Richard Schultz:
nathans. David rückt dem Thron immer näher. Diese Entwicklung der Ge-
schichte ist durchaus logisch und keineswegs widersprüchlich.

3.3 Davids Volkszählung

Wenn wir die zwei Berichte von Davids Volkszählung vergleichen (2Sam
24 und 1Chr 21), dann fallen vier Hauptunterschiede sofort auf:
1. Nach 2Samuel reizte vermutlich Jahwe David zum falschen Han-
deln; nach 1Chronik tat es Satan.
2. Nach 2Samuel wurden 800.000 Kriegsmänner in Israel gezählt und
500.000 in Juda, nach 1Chronik 1.110.000 in ganz Israel und
470.000 in Juda.
3. Nach 2Samuel sollte es sieben Jahre Hungersnot geben, nach 1Chro-
nik drei Jahre.
4. Nach 2Samuel betrug der Kaufpreis für die Tenne Araunas 50 Sche-
kel Silber, nach 1Chronik 600 Schekel Gold.
Viele Ausleger sehen darin schwerwiegende Widersprüche, die sie als wei-
teres Beweismaterial für die späte Entstehung, die Neigung zur Übertrei-
bung (evtl. um Gott dadurch zu verherrlichen) und die historische Unzuver-
lässigkeit von Chronik ansehen. Was können wir darauf antworten?

3.3.1 Jahwe oder Satan?


Die Chronik muss nicht unbedingt den Einfluss des persischen Dualis-
mus oder eine hochentwickelte Satansvorstellung widerspiegeln. Wenn
Hiob mit seiner Erwähnung des Satans in der Monarchiezeit datiert werden
kann (und vieles spricht dafür), hat diese Aussage nichts mit Datierung zu
tun. Eine zweifache Ursächlichkeit ist nicht grundsätzlich widersprüchlich.
Auch in Hiob bleibt Gott die letzte Ursache für das Leiden Hiobs, das durch
Satan verursacht wurde. Dass Satan das Gericht Gottes ausführen kann, be-
stätigt auch 1Kor 5,5. Aber die traditionelle Übersetzung ist nicht unbedingt
gesichert. 2Sam 24,2 kann unpersönlich übersetzt werden, “Und einer reizte
David gegen Israel auf” und 1Chr 21,1 “Und ein Widersacher (hebräisch:
Satan) stellte sich gegen Israel und reizte David”.36 In diesem Fall würde es
sich in beiden Texten um einen menschlichen Feind Israels handeln, der Da-

36
Das hebräische Wort wird ähnlich übersetzt in 1Sam 29,4; 1Kö 11,14. 23.25; evtl.
auch Ps 109,6b; vgl. dazu Sailhamer, S. 298-311
Die sogenannten Widersprüche 117
vid verführt. In keinem Fall müssen wir den Unterschied auf ein “radikales
Verständnis von Gottes Heiligkeit”37 in den Chronikbüchern zurückführen.

3.3.2 Widersprüchliche Truppenzahlen?


Die 500.000 aus Juda in 2Samuel ist eine aufgerundete Zahl, die der ge-
naueren Zahl 470.000 in 1Chronik entspricht. “Israel” in 2Samuel bezeich-
net allein das Nordreich, “ganz Israel” in 1Chronik das ganze Land. So sind
die zwei Summen 1.300.000 in 2Samuel aber 1.110.000 in 1Chronik. Das
hieße, dass Chronik untertreibt!38 Da 1Chr 21,6 ausdrücklich sagt, dass Joab
die Stämme Levi und Benjamin nicht gezählt habe, und 1Chr 27,24, dass er
die Volkszählung weder vollendet noch deren Gesamtzahl aufgeschrieben
habe, ist es durchaus berechtigt, die Gesamtzahl in Chronik um ungefähr
100.000 pro Stamm zu reduzieren. Dann verschwindet der Widerspruch
ohne Hinweis auf ‘höhere’ Mathematik.

3.3.3 Abweichende Zeitangaben?


Wenn Zahlen durch Buchstaben des hebräischen Alphabets dargestellt
wurden, wäre der Unterschied zwischen “sieben” und “drei”39 nicht erheb-
lich und diese könnte leicht verwechselt worden sein. Wenn dann “drei Jah-
re” in 2Samuel stehen würde, würde das nicht nur mit den anderen Zeitanga-
ben im Vers (d.h. drei Monate ... drei Tage), sondern auch mit der Zeitanga-
be in 2Sam 21,1 übereinstimmen. Letzteres wäre bedeutsam, denn der Ver-
fasser möchte, dass wir 2Sam 21,1-14 und Kap. 24 miteinander vergleichen
(vgl. 21,14 und 24,25).

3.3.4 Widersprüchliche Kaufpreise?


Wilhelm Rudolph meint, dass 1Chronik Davids Opferbereitschaft her-
vorheben möchte: Gold statt Silber; zwölffach so viele Schekel (= 50 pro
Stamm x 12 = 600)40. Doch in 2Samuel werden lediglich die kleine Tenne
und die Rinder für diesen Betrag gekauft (V. 24); in 1Chronik wird dafür der
ganze Platz41 gekauft, deshalb ein höherer Preis. Am Ende vom 2Samuel
37
So Willi, S. 155.
38
Nach der Untersuchung von Payne, enthält Chronik die kleineren Zahlen in einem
Drittel der Fälle, wenn die Zahlenangaben in Chronik von denen in Samuel/Köni-
ge abweichen.
39
D.h. zwischen den hebräischen Buchstaben zayin und gimel.
40
S. 147, in Anlehnung an Curtis-Madsen, The Books of Chronicles, ICC, 1910
41
Hebräisch: maqom, V. 25.
118 Richard Schultz:
wird Davids vorbildliches Verhalten in zwei Krisensituationen in Israel her-
vorgehoben (Kap. 21 und 24, das Wort “wieder” in 24,1 bezieht sich wahr-
scheinlich auf Kap. 21), um ihn dabei mit Saul zu kontrastieren (Saul ver-
schuldete die erste, David die zweite Krise). In 1Chronik hat diese Ge-
schichte eine ganz andere Funktion: Sie erklärt, wie David den ganzen Tem-
pelplatz erworben hat (2Chr 3,1). Das bildet die Grundlage für die darauf
folgenden Kapitel in 1Chr 22-29, die vor allem beschreiben, wie David den
Tempelbau und Tempeldienst vorbereitet hat. Aus Davids Sünde geht Gutes
hervor: eine Stätte, wo Gott angebetet wird! Eine weitere Lösungsmöglich-
keit wäre: Der Kaufpreis in 1Chronik wird den Inflationsraten der nachexili-
schen Zeit angeglichen (d.h. ein Preis von 50 Silberschekeln zur Zeit Davids
entspricht 600 Goldschekeln in der persischen Zeit).
Auch bei diesen Texten gibt es keine unlösbaren Widersprüche.

3.4 Die Landnahmeberichte in Josua und Richter.

Zum Schluss möchten wir die sogenannten ‘widersprüchlichen’ Landnah-


meberichte in Josua und Richter 1 behandeln. Schon Wellhausen42 sah in
Richter 1 nicht die Fortsetzung des Buches Josua, sondern eine Parallele
dazu, eine unabhängige und widersprüchliche Beschreibung der Eroberung
Palästinas, die im Vergleich mit Josua früher und folglich unermesslich his-
torischer war. Nach Josua war die Eroberung ein schneller und vollständiger
Vorgang. Nach Richter 1 war es jedoch ein längerer Vorgang, wobei die ein-
zelnen Stämme eine Mischung aus Erfolg und Niederlage erlebten. Neben
diesem allgemeinen Kontrast zwischen Josua und Richter 1 gibt es auch
eine Reihe von scheinbar widersprüchlichen Angaben bzgl. der Errungen-
schaften einzelner Stämme. Nach Martin Noth43 ist die Beschreibung der
Eroberung in Josua nur eine Sammlung von ätiologischen erfundenen Le-
genden. Haben Wellhausen und Noth recht? Ist die Beschreibung von der
Eroberung in Josua und Richter 1 miteinander zu vereinbaren?

1. Nach der biblischen Darstellung sind Josua und Richter nicht einfach in
einer chronologischen Aufeinanderfolge, trotz des Eingangsverses, Ri 1,1:
“Und es geschah nach dem Tod Josuas”. Josua und Ri 1,1-2,10 berichten ge-
meinsam von einigen Vorfällen, die zum Teil vor Josuas Tod (vgl. Jos.

42
S. 442-443
43
S. 11-13
Die sogenannten Widersprüche 119
24,28-30 mit Ri 2,6-9) und wahrscheinlich zum Teil nach seinem Tod statt-
fanden.44

2. Diese parallelen Aussagen besagen, dass die einzelnen Stämme nicht im-
mer erfolgreich die Ureinwohner vertrieben haben. Das stimmt auch mit Jos
13,1ff überein: “Da sprach der HERR zu Josua: Du bist alt geworden und
bist hochbetagt, und sehr viel Land ist noch über, das in Besitz genommen
werden muss, da die Urbewohner noch darin wohnen.” Das Buch Josua
setzt früher an und berichtet zuerst von dem anfänglichen Sieg über die Kö-
nige in Kanaan, der den Widerstand des Feindes grundsätzlich gebrochen
hat. Doch stellen beide Bücher fest, dass die einzelnen Stämme danach sehr
lange bemüht waren, ihr Erbteil in Besitz zu nehmen.

3. Es ist nicht widersprüchlich, wenn Jos 15,63 berichtet, dass die Söhne Ju-
das die Jebusiter aus Jerusalem nicht vertreiben konnten, Ri 1,21 dagegen,
dass die Benjaminer es nicht getan haben. Da Jerusalem an der Grenze zwi-
schen Benjamin und Juda lag, war es bestimmt in Judas Interesse, die Jebu-
siter zu vertreiben. Doch da Jerusalem eigentlich Benjamin zugeteilt wurde,
waren ihre Bemühungen ebenso verständlich.

4. Es ist auch kein Widerspruch, wenn Ri 1,8 berichtet, dass Juda Jerusalem
eingenommen hat. Nach dem Sprachgebrauch von Richter (und Josua) ist
“einnehmen” oder “schlagen” nicht mit “vertreiben” einer Völkergruppe
gleichzusetzen45. Bis die Urbewohner tatsächlich vertrieben und das Gebiet
von Israeliten besiedelt wurde, waren alle Eroberungserfolge vorläufiger
Natur. So wurde Jerusalem mehrmals “eingenommen”, bis David es end -
gültig nach 2Samuel 5 in Besitz genommen hat.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Josua und Richter nicht wider-
sprüchliche Beschreibungen der vormonarchischen Zeit enthalten, sondern
vielmehr übereinstimmende, zum Teil überschneidende und sich ergänzen-
de Berichte.46

44
vgl. Jos 15,13-19 mit Ri 1,10-15; 15,63 mit 1,21; 17,11-13 mit 1,27-28; 16,10 mit
1,29
45
Es wird durch drei verschiedene hebräische Verben ausgedrückt.
46
Vgl. dazu auch Younger.
120 Richard Schultz:
4 Sogenannte Widersprüche und die Bibeltreue

Es ist möglich, dass unsere vorgeschlagenen Lösungen nicht unbedingt die


richtigen sind. Doch dass es auf diese bekannten sogenannten Widersprüche
im Alten Testament logische, überzeugende und wahrscheinlich sogar meh-
rere Lösungen gibt, dass es sich bei den meisten vermeintlichen Widersprü-
chen nicht um Widersprüche im Text handelt und dass jene häufig bei nähe-
rer Untersuchung verschwinden, zeigt, dass sie eigentlich keine Bedrohung
für die Lehre von der Irrtumslosigkeit der Bibel darstellen.
Wie sollen wir dann darauf reagieren, wenn jemand behauptet, die Bibel
sei voller Widersprüche, und sogar meint, dass solche Widersprüche mit der
Bibeltreue vereinbar seien? Um den Propheten Samuel zu zitieren (1Samuel
15,19): “Auch lügt der nicht, der Israels Ruhm ist, und es gereut ihn nicht” -
auch dass er sich durch Menschenworte geoffenbart hat. Folglich kann seine
Offenbarung keine echten Widersprüche enthalten (auch nicht im histori-
schen Detail) und dennoch zuverlässig Gottes Wort bleiben. Gleason Ar-
cher47 schreibt: “Es gibt keinen unwichtigen Fehler in der Bibel.” Und wenn
wir demonstrieren können, dass es keine grundlegenden Widersprüche in
der Bibel gibt, dann räumen wir Hindernisse zum Glauben aus dem Weg
und helfen denjenigen, die durch sogenannte Widersprüche verwirrt wer-
den.

5 Bibliographie

5.1 Allgemeine Literatur:

Gleason L. Archer, Encyclopedia of Bible Difficulties, Grand Rapids:


Zondervan, 1982.
William Arndt, Bible Difficulties and Seeming Contradictions, St.
Louis: Concordia, 2. Auflage, 1987.
Norman Geisler u. Thomas Howe, When Critics Ask. A Popular Hand-
book on Bible Difficulties, Wheaton, IL: Victor Books, 1992.
Gerhard Hörster, Markenzeichen “bibeltreu”. Die Bibel richtig verste-
hen, auslegen, anwenden, Gießen: Brunnen, 1990.
Wilhelm Gottwaldt, Fehler in der Bibel? Bad Liebenzell: VLM, 1970.

47
S. 24.
Die sogenannten Widersprüche 121
John W. Haley, An Examination of the Alleged Discrepancies of the Bi-
ble, Grand Rapids: Baker, 1977 (1. Auflage 1874).
Walter C. Kaiser, Jr. Hard Sayings of the Old Testament, Downers Gro-
ve, IL: InterVarsity Press, 1988.
Walter C. Kaiser, Jr. More Hard Sayings of the Old Testament, Downers
Grove, IL: InterVarsity Press, 1992.
Harold Lindsell, The Battle for the Bible, Grand Rapids: Zondervan,
1976.
Gerhard Maier, Biblische Hermeneutik, Wuppertal: Brockhaus, 1990.

5.2 Spezifische Literatur:

T. Desmond Alexander, Abraham in the Negev. A source-critical inves-


tigation of Genesis 20:1-22:19, Carlisle: Paternoster, 1997.
F.I. Andersen, The Sentence in Biblical Hebrew, The Hague: Mouton,
1974.
John Bimson, “Redating the Exodus”, BAR (14, 1987), S. 40-52.
John Bimson, Redating the Exodus and Conquest, Sheffield: JSOT,
1978.
Craig Blomberg, “The Legitimacy and Limits of Harmonization” in:
Hermeneutics, Authority and Canon, D.A. Carson u. J.D. Woodbridge, Hg.,
Grand Rapids: Zondervan, 1986, S. 134-74.
F.F. Bruce, Israel and the Nations from the Exodus to the Fall of the Se-
cond Temple, Grand Rapids: Eerdmans, 1969.
Nils Dahl, Studies in Paul, Minneapolis: Augsburg, 1977 (Kap. IX:
“Contradictions in Scripture”).
Raymond B. Dillard, 2 Chronicles, WBC 15, Waco, TX: Word, 1987.
Raymond B. Dillard, “Harmonization. A Help and a Hindrance” in:
Inerrancy and Hermeneutic. A Tradition, A Challenge, A Debate, Harvey
M. Conn, Hg., Grand Rapids: Baker, 1988, S. 151-164.
Michael A. Fishbane, Biblical Interpretation in Ancient Israel, Oxford:
Clarendon Press, 1985.
W.R. Garr, “The Grammar and Interpretation of Exodus 6:3”, JBL 111
(1992), S. 385-408.
David Glatt, Chronological Displacement in Biblical and Related Lite-
ratures, SBLDS 139, Atlanta: Scholars Press, 1993.
John Goldingay, Theological Diversity and the Authority of the Old Tes-
tament, Grand Rapids: Eerdmans, 1987.
122 Richard Schultz:
D.W. Gooding in: The Story of David and Goliath. Textual and Literary
Criticism, Dominique Barthelemy, David W. Gooding, Johan Lust, Emanu-
el Tov, Hg., OBO 73, Göttingen: Vandenhoeck & Rupprecht, 1986.
David M. Gunn, The Fate of King Saul. An Interpretation of a Biblical
Story, JSOT 14, Sheffield: JSOT, 1980.
H.W. Hertzberg, Die Samuelbücher, ATD 10, Göttingen: Vandenhoeck
& Rupprecht, 1956.
Herbert H. Klement, “Beobachtungen zu literaturwissenschaflichen An-
sätzen in alttestamentlicher Exegese”, JETh 7 (1993), S. 7-28.
Ralph W. Klein, 1 Samuel, WBC 10, Waco: Word, 1983.
David Livingston, “The Location of Biblical Bethel and Ai Reconside-
red”, WThJ 33, 1970, S. 20-44.
Eugene H. Merrill, Kingdom of Priests. A History of Old Testament Isra-
el, Grand Rapids: Baker, 1987.
R.W.L. Moberly, The Old Testament of the Old Testament. Patriarchal
Narratives and Mosaic Yahwism, OBT, Minneapolis: Fortress, 1992.
Leon Morris, The First Epistle of Paul to the Corinthians, TNTC 7,
Grand Rapids: Eerdmans, 1958.
Martin Noth, Das Buch Josua, HAT 7, Tübingen: Mohr [Siebeck], 1953.
J.I. Packer, Wie Gott vorzeiten geredet hat...Inspiration und Irrtumslo-
sigkeit der Schrift, Bad Liebenzell: VLM, 1988.
J. Barton Payne, “The Validity of Numbers in Chronicles”, BibSac 136
(1979), S. 109-128, 206-220.
Wilhelm Rudolph, Chronikbücher, HAT 21, Tübingen: Mohr [Siebeck],
1955.
John H. Sailhamer, Introduction to Old Testament Theology. A Canoni-
cal Approach, Grand Rapids: Zondervan, 1995.
Odil Hannes Steck, Exegese des Alten Testaments. Leitfaden der Metho-
dik, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 12. Auflage, 1989.
Edwin Thiele, The Mysterious Numbers of the Hebrew Kings, Grand Ra-
pids: Zondervan, 1983.
Bruce K. Waltke, “The Date of the Conquest”, WThJ 52 (1990), S.
181-200.
Julius Wellhausen, Prolegomena to the History of Ancient Israel, Glou-
cester, MS: Peter Smith, 1973.
Gordon J. Wenham, “The Religion of the Patriarchs” in: Essays on the
Patriarchal Narratives, A.R. Millard u. D.J. Wiseman, Hg., Leicester: In-
ter-Varsity Press, 1983, S. 161-195.
Die sogenannten Widersprüche 123
John Wenham, “Large Numbers in the Old Testament” TynB 18 (1967),
S. 19-53.
Thomas Willi, Die Chronik als Auslegung, FRLANT 106, Göttingen:
Vandenhoeck & Rupprecht, 1972.
John T. Willis, “The Function of Comprehensive Anticipatory Redactio-
nal Joints in I Samuel 16-18” ZAW 85 (1973), S. 295-314.
Bryant G. Wood, “Did the Israelites Conquer Jericho? A New Look at
the Archaeological Evidence”, BAR 16 (1990), S. 44-58.
Ronald Youngblood, “From Tatian to Swanson, from Calvin to Benda-
vid: The Harmonization of Biblical History” JETS 25 (1982), S. 415-423.
K. Lawson Younger, Jr., “The Configuring of Judicial Preliminaries:
Judges 1.1-2.5 and its Dependence on the Book of Joshua”, JSOT 68
(1995), S. 75-92.
Reinhard Junker48

Die Glaubwürdigkeit der Bibel und die


Schöpfungsforschung

ohl kaum in einem anderen Bereich ist die Glaubwürdigkeit der

W biblischen Überlieferung mehr angefochten worden als in der


Frage der Schöpfung und der biblischen Urgeschichte. Der auf
die Bibel gründende Glaube wird damit an einer strategisch entscheidenden
Stelle angegriffen. Denn die Erschaffung der Welt ist der Ausgangspunkt
für die Geschichte Gottes mit dem Menschen. Dass der Schöpfungsbericht
am Anfang der Bibel steht, ist sicher kein Zufall, sondern unterstreicht des-
sen grundlegende Bedeutung für das Verständnis der ganzen Bibel.

1 Problemstellung und Lage

In einer Kultur, in welcher der biblische Schöpfungsglaube keine Tradi-


tion (mehr) hat, ist ohne das Zeugnis der Schöpfung auch das Evangelium
nicht zu vermitteln. Dies wird deutlich an der berühmten Areopagrede des
Paulus, die im 17. Kapitel der Apostelgeschichte überliefert ist. Paulus geht
in seiner Verkündigung buchstäblich bis auf Adam zurück: Gott “hat aus ei-
nem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen” (Apg
17,26a). An den “unbekannten Gott” der Athener anknüpfend beginnt Pau-
lus mit Gott als Schöpfer: “Gott, der die Welt erschaffen hat und alles in ihr
..., er, der allen Leben und Atem und alles gibt” (V. 24f.). Erst von der Tatsa-
che der Schöpfung her kommend kann Paulus seinen heidnischen Hörern
die Umkehr predigen (V. 30). Gott gehört alles, weil er der Schöpfer ist. Da-
her hat er auch Anspruch auf sein Geschöpf und ist berechtigt, Gericht zu
halten (Apg. 17,31). Nur vor diesem Kontext macht die Gute Nachricht,
dass Jesus für uns stellvertretend das Gericht auf sich genommen hat und
dass daher Bekehrung zu Jesus notwendig ist, einen Sinn. Der Angriff auf
den biblischen Schöpfungsglauben erweist sich somit letztlich als Angriff
auf das Evangelium.
48
Dr. Reinhard Junker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Studiengemeinschaft
Wort + Wissen und profilierter Autor im Bereich Glaube - Naturwissenschaften.
Bibel und Schöpfungsforschung 125
Bemerkenswert ist in Paulus’ Rede auch, dass er den Bogen von der
Schöpfung zur Auferstehung schlägt. Auch das ist nur folgerichtig, denn nur
ein Gott, der Leben erschaffen kann, kann auch ein Gott sein, der zu neuem
Leben auferweckt. Auch für die Botschaft der Auferstehung braucht Paulus
den Rückgriff auf die Schöpfung.
Bei der Pfingstpredigt von Petrus war das anders, denn das Publikum be-
saß dort einen ganz anderen religiösen Hintergrund. Für die in Jerusalem le-
benden Juden war es keine Frage, dass Gott der Schöpfer des Himmels und
der Erde ist. Entsprechend setzt Petrus z. T. ganz andere Schwerpunkte, um
zum selben Ziel zu gelangen: die Hinwendung der Hörer zu Jesus Christus.
Wir leben heute in Europa in einer weitgehend entchristlichten Gesell-
schaft, in der die Schöpfungsfrage sozusagen “abgehakt” ist. Die maßgebli-
chen Bildungseinrichtungen und die Massenmedien lassen unisono und nur
selten unter Duldung von Widerspruch “verkünden”, dass die Wissenschaft
die Herkunftsfrage gelöst hat, ohne ein schöpferisches Wirken Gottes an-
nehmen zu müssen. In der Schule lernen die Schüler in der Regel, dass man
im Prinzip verstanden habe, wie Leben “von alleine” entstanden sei. An ei-
ner daran anknüpfenden evolutionären Geschichte des Lebens wird ebenso
meist kein Zweifel gelassen. Auch hier scheinen die wesentlichen Fragen
geklärt zu sein – ein Schöpfer wird nicht benötigt (wenn auch die Existenz
Gottes nicht unbedingt bestritten wird). Der Mensch ist demnach ein umge-
wandeltes Tier, sein Verhalten hat sich in einem Überlebenskampf heraus-
kristallisiert, ebenso seine geistigen Fähigkeiten und seine ethischen und re-
ligiösen Vorstellungen. Vor diesem Hintergrund kann das Evangelium von
Jesus Christus nicht verstanden werden. Da das Evolutionskonzept mit dem
biblischen Zeugnis nicht versöhnt werden kann1, ist eine kritische Ausein-
andersetzung mit den Behauptungen der Evolutionslehre unumgänglich,
wenn dem Evangelium die Tür in unsere Gesellschaft geöffnet bzw. offen-
gehalten werden soll.
Nicht nur Gottes souveränes Schöpfungshandeln durch sein Wort wird
bestritten, sondern auch die weiteren Schritte der Menschheit, wie sie in der
biblischen Urgeschichte geschildert werden. Dies ist nur konsequent, denn
in einer evolutionären Menschheitsgeschichte hat ein Sündenfall, durch den
1
Diese Thematik wird ausführlich behandelt in: R. Junker, Leben durch Sterben?
Neuhausen-Stuttgart 1994. Mit der Thematik befasst sich auch W. Gitt in “Schuf
Gott durch Evolution?”(Neuhausen-Stuttgart, 6. Aufl. 1998). Im September 2001
erscheint dazu die populär geschriebene Broschüre “Jesus, Darwin und die
Schöpfung” (von R. Junker, erscheint im Hänssler-Verlag, Holzgerlingen).
126 Reinhard Junker:
der Tod in die ganze Schöpfung kommt (Röm 5,12-19; Röm 8,19-22; vgl.
1Mose 1,29-30), keinen Platz, ebensowenig eine weltweite Sintflut.2 Da
enge Beziehungen zwischen diesen einschneidenden Ereignissen der
Menschheit und dem Kommen und Wirken Jesu bestehen (vgl. z.B. Röm
5,12ff, 1Kor 15,20ff.; Mt 24,37-39 u.v.a.3), wird nochmals deutlich, dass die
Ursprungsfrage von vitaler Bedeutung für das christliche Zeugnis und die
Verkündigung ist.4

2 Schöpfungsforschung

Daher ist auch Schöpfungsforschung eine Aufgabe für die Christenheit. Un-
ter “Schöpfungsforschung” werden hier die Bemühungen verstanden, das
naturkundliche Wissen (empirische Daten) mit dem biblischen Gesamt-
zeugnis zusammenzubringen, so dass die biblischen Schilderungen über
Gottes Handeln in der Welt Vorrang haben. Den biblischen Berichten fol-
gend geht Schöpfungsforschung davon aus, dass die Arten fertig erschaffen
wurden – nicht in der heutigen Ausprägung, sondern als genetisch vielseiti-
ge (polyvalente) Stammformen, die als “Grundtypen” bezeichnet werden.5
Die Geschichte des Lebens startet demnach mit fertigen Grundtypen, von
denen ausgehend nur begrenzte Veränderungen erfolgten (im Sinne von
Spezialisierung und Sonderanpassungen an verschiedene Umwelten, jedoch
ohne Höherentwicklung6). Vom Einschnitt des Sündenfalls7 und von der
2
Eine weltweite Sintflut hat im Evolutionsmodell keinen Platz, da man in diesem
Rahmen annehmen müsste, dass die Sintflut sehr spät in der (evolutionstheoreti-
schen) Menschheitsgeschichte ablief. Zu diesem Zeitpunkt wären längst die heu-
tigen hohen Gebirge vorhanden, die dann nicht mehr global überschwemmt
worden sein könnten.
3
Man beachte dazu beispielsweise folgende Bibelstellen und die damit verbunde-
nen Zusammenhänge: “Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu
retten, was verloren ist” (Lk 19,10). Warum gibt es Verlorene, die Jesus retten
will? – Jesus ist das “Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinweg nimmt” (Joh
1,29). Jesus sagt von sich selber, dass er “sein Leben als Lösegeld hingibt für vie-
le” (Mt 20,28). Weshalb gibt es Sünde? Weshalb gibt Jesus sein Leben hin für an-
dere? Was steckt dahinter? Wen gibt es da zu “lösen” und von was und warum?
Hat Gott den Menschen als Sünder, als Verlorenen geschaffen – erlösungsbedürf-
tig? Weshalb ist der Mensch so, wie er ist?
4
Vgl. das Plädoyer, sich von christlicher Seite der Ursprungsfrage anzunehmen, in:
R. Junker: Jesus, Darwin und die Schöpfung. Warum die Ursprungsfrage für
Christen wichtig ist. Holzgerlingen 2001.
Bibel und Schöpfungsforschung 127
8
weltweiten Sintflut war die gesamte Schöpfung mehr oder weniger stark
betroffen – auch darauf nimmt Schöpfungsforschung Bezug. Schöpfungs-
forschung versteht sich also als zur Evolutionslehre alternative Biologie und
versucht auch eine alternative Erdgeschichte zu schreiben, die von Katastro-
phen, vor allem (aber nicht nur) durch die Sintflut, geprägt ist. Selbstver-
ständlich ist das Handeln Gottes nicht Gegenstand der Schöpfungsfor-
schung, vielmehr wird dieses Handeln vorausgesetzt, so wie es die Heilige
Schrift bezeugt, und auf dieser Basis werden die Beobachtungsdaten aus
Biologie, Chemie, Geowissenschaften, Astronomie, Archäologie usw. zu
deuten versucht.9

3 Worin besteht die apologetische Aufgabe der Schöpfungsfor-


schung?

Was kann eine der Bibel verpflichtete Schöpfungsforschung leisten, was ist
ihre Aufgabe? Da sich das souveräne Handeln Gottes in der Schöpfung, aber
auch in seinen Gerichten (Folgen des Sündenfalls und der Sintflut) teilweise
der menschlichen Erfahrung entzieht, kann eine bibeltreue Naturwissen-
schaft nur bedingt die Wahrheit der Bibel aufweisen bzw. bestätigen. Das
liegt ganz einfach an den methodischen Grenzen naturwissenschaftlichen
Arbeitens. Der Aufforderung “Beweise mir die Schöpfung” oder “Zeige mir
Belege für die Sintflut” kann daher schon aus methodischen Gründen nur
sehr bedingt Folge geleistet werden. Vielfach ist es nur möglich, Angriffe
gegen die biblische Wahrheit abzuwehren und zu zeigen, dass die Glaubens-
inhalte nicht gegen das (naturwissenschaftliche) Wissen stehen. Die Arbeit
der Schöpfungsforschung dient daher nicht primär der Vergewisserung der
5
Das Grundtypkonzept wird ausführlich erläutert in: S. Scherer (Hg.) Typen des
Lebens. Berlin, 1993. Außerdem in: R. Junker & S. Scherer, Evolution – ein kriti-
sches Lehrbuch, Gießen 2001; Kapitel II.3 und VII.17; sowie populär in: R. Jun-
ker, Wie das Zebra seine Streifen bekam. Neuhausen-Stuttgart 1998.
6
Mit “Höherentwicklung” ist im Sinne von “Makroevolution” (s. u.) die Entste-
hung neuer Konstruktionen gemeint.
7
Näheres dazu in: R. Junker, Sündenfall und Biologie. Schönheit und Schrecken
der Schöpfung. Holzgerlingen, 4. Aufl. 2001.
8
Siehe dazu: M. Stephan & T. Fritzsche, Sintflut und Geologie. Holzgerlingen,
2000.
9
Zum Selbstverständnis von “Schöpfungsforschung siehe: SG Wort und Wissen,
Schöpfung (o)der Evolution? Holzgerlingen, 3. Aufl 2001.
128 Reinhard Junker:
biblischen Botschaft, sondern ihrem Schutz gegen Angriffe. Plakativ ge-
sagt: Wenn behauptet wird, die Bibel sei unglaubwürdig, weil die Wissen-
schaft bewiesen habe, dass schon die ersten Seiten falsch seien, so kann die-
se Behauptung mit vernünftigen Argumenten zurückgewiesen werden. Es
ist aber nicht möglich, die Wahrheit der ersten Seiten der Bibel mit natur-
wissenschaftlichen Befunden zu demonstrieren. In diesem Sinne versteht
sich Schöpfungsforschung als Denkdiakonie: Sie soll Hilfen bieten, um
Glaubenshindernisse ausräumen zu können.
Schöpfungsforschung sollte aber nicht nur apologetisch gesehen wer-
den. Zweifellos ist es eine schöne Aufgabe – die zur Ehre Gottes geschehen
kann – die Werke der Schöpfung zu erforschen und das Beobachtete vor
dem Hintergrund des biblischen Zeugnisses zu verstehen versuchen. Doch
wer dies tut, gerät unausweichlich in die Konfrontation: Die weltliche Wis-
senschaft widerspricht aufs Deutlichste – hierzulande immer noch meistens
durch Ignorieren. So gesehen hat Schöpfungsforschung immer eine apolo-
getische Seite.
Es muss an dieser Stelle auch angemerkt werden, dass selbst bei redu-
ziertem Anspruch die Schöpfungsforschung ihre Ziele nur teilweise erreicht
hat und insbesondere auf dem Gebiet der Erdgeschichte zahlreiche Fragen
schmerzlich offen bleiben. Wir kommen darauf noch zu sprechen.

4 Grenzen der Naturwissenschaft

Eine grundlegende Aufgabe der Schöpfungsforschung ist es, die Grenzen


der naturwissenschaftlichen Erkenntnismethode anzusprechen und zu ver-
deutlichen. Die Grenzen der Naturwissenschaft werden insbesondere in po-
pulären und vereinfachenden Darstellungen in den Massenmedien zu welt-
anschaulichen Aussagen hin überschritten, ohne dies kenntlich zu machen.
Der Laie ist schnell überfordert, dieses Vorgehen zu durchschauen, bei wel-
chem “Weltanschauung” als “Wissenschaft” angeboten wird. Es ist an die-
ser Stelle zweifellos eine wichtige Aufgabe, wissenschaftliche Beobach-
tungsdaten, Theorien und weltanschauliche Vorgaben zu unterscheiden und
diese verschiedenen Ebenen offenzulegen.
Die Entstehung und Geschichte des Lebens kann nicht durch Beobach-
tung und Experiment erforscht werden. Niemand war dabei, als das Leben
entstand oder als der Mensch zum ersten Mal auftrat, gleichgültig wie die
Entstehung abgelaufen ist. Die Geschichte des Lebens kann nicht nachge-
Bibel und Schöpfungsforschung 129
macht werden; sie ist einmalige Vergangenheit. Daher kann ein naturwis-
senschaftlicher Beweis dafür, dass es eine Makroevolution gab, prinzipiell
nicht erbracht werden. Aus demselben Grund ist auch Schöpfung nicht na-
turwissenschaftlich beweisbar oder widerlegbar.

5 Argumente für Schöpfung

Auch wenn Schöpfung nicht bewiesen werden kann, gibt es doch eine Reihe
von Plausibilitätsargumenten, die zu ihren Gunsten genannt werden können
und die zu einer evolutionstheoretischen Deutung der Geschichte des Le-
bens nicht oder nicht gut passen. In manchen (nicht allen!) Fragen haben
Evolutions- und Schöpfungsmodelle entgegengesetzte Erwartungen an die
Realität. In diesen Fällen (und nur diesen!) gilt, dass Argumente gegen Evo-
lution zugleich Argumente für Schöpfung sind – und umgekehrt. Nachfol-
gend seien einige Gebiete genannt, in denen die Schöpfungslehre plausible
Deutungen vorweisen kann.10

5.1 Die Entstehung des Lebens ist ungeklärt

Die Entstehung von Leben aus leblosen Stoffen (z.B. in hypothetischen Ur-
suppen auf einer gedachten frühen Erde) ist ungeklärt. Es ist zwar gelungen,
in unterschiedlichsten Versuchsansätzen einen Teil der einfachsten Baustei-
ne lebenswichtiger Moleküle herzustellen, z.B. einige Aminosäuren als
Bausteine der Proteine (Eiweiße) im sog. “Miller-Versuch”. Bei diesen Ver-
suchsansätzen entstehen aber immer zahlreiche andere chemische Verbin-
dungen, die weitere Schritte hin zu lebenswichtigen Stoffen verhindern. Da-
her ist es nicht gelungen, unter Ursuppenbedingungen Proteine, Nuklein-
säuren (Erbsubstanz) oder Zellmembranen zu synthetisieren. Selbst wenn
dies gelungen wäre (wovon man weit entfernt ist), wären diese Produkte
noch kein Leben. Dazu müssten sie in höchst komplizierte Wechselwirkun-
gen zueinander gebracht werden. Wie das ohne Zielvorgabe und Steuerung
abgelaufen sein könnte, ist unbekannt. Auch in jüngster Zeit formulierte al-
ternative Modelle hinterlassen viele ungelöste Detailprobleme. Schließlich
müsste auf dem Weg zum Leben neben vielen anderen Voraussetzungen
auch der genetische Code entstehen. Wieder ist unbekannt, wie ein Code,
10
Eine detaillierte Argumentation zu diesen Gebieten bietet R. Junker & S. Scherer,
Evolution – ein kritisches Lehrbuch. Gießen, 5., aktualisierte Auflage 2001.
130 Reinhard Junker:
also eine Zuordnungsvorschrift für die Übersetzung der DNS-Abfolge in
Proteine, von alleine entstanden sein könnte.

5.2 Die Entstehung neuer Konstruktionen ist ungeklärt

Die bekannten Evolutionsmechanismen Mutation (sprunghafte Änderun-


gen des Erbguts), Selektion (Auslese) und andere Faktoren reichen nicht
aus, um die Entstehung neuer Konstruktionen (= Makroevolution) zu erklä-
ren. Lebende Konstruktionen wie z.B. Organe oder sonstige komplizierte
Strukturen (z.B. Federn) funktionieren nur, wenn viele Bauteile gleichzeitig
intakt sind und darüber hinaus die zeitliche Abfolge ihres Zusammenbaus
stimmt. Es ist ungeklärt, wie die bekannten kleinschrittigen Veränderungen
die notwendige gleichzeitige Entstehung der erforderlichen Bauteile ermög-
lichen könnten. Damit ist die zentrale Frage der Ursachenforschung für evo-
lutionäre Veränderungen unbeantwortet. Umgekehrt können komplexe
Konstruktionen als “Design-Signale” interpretiert werden, d.h. als deutliche
Hinweise auf einen Urheber.
Zwar sind zahlreiche Mechanismen bekannt, die zu Veränderungen der
Lebewesen führen, doch ermöglichen sie nur Variationen und Spezialisie-
rungen (= Mikroevolution) bereits vorhandener Konstruktionen innerhalb
von Grundtypen. Grundtypen sind die Schöpfungseinheiten des Lebens
(“geschaffene Arten”). Ein Beispiel ist die Familie der Pferdeartigen mit
Pferden, Eseln und Zebras. Die Variationsfähigkeit der Lebewesen macht
man sich in der Züchtungsforschung zu Nutze. Zwischen Mikroevolution
und Makroevolution bestehen grundlegende qualitative Unterschiede. Em-
pirische Daten erklären nur Grundtyp-Variation, nicht aber Makroevolution.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang: Die üblichen Lehrbuchbeispiele
für das beobachtbare Wirken von Evolutionsprozessen (durch Mutation, Se-
lektion usw.) sind ausschließlich Beispiele für Mikroevolution (z.B. Darwin-
finken, dunkle Form des Birkenspanners, Giftresistenzen, Züchtung usw.).

Grundtypenbiologie. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch,


dass zahlreiche Studien gezeigt haben, dass Grundtypen von Lebewesen
(Schöpfungseinheiten des Lebens) nach konkreten Kriterien klar voneinan-
der abgegrenzt werden können. Der biblische Bericht, dass “jedes nach sei-
ner Art” (= Grundtyp) geschaffen wurde, lässt sich gut mit den Beobach-
tungsdaten zusammenbringen.11
Bibel und Schöpfungsforschung 131
5.3 Das systematische Fehlen von Übergangsformen in der Paläontologie ist
ungeklärt

Nachdem inzwischen ca. 250.000 Arten fossil (als Versteinerungen, Abdrü-


cke usw.) bekannt sind, besteht wie schon zu Darwins Zeit das Problem feh-
lender passender Bindeglieder. Größere Gruppen von Lebewesen kommen
von Beginn ihres Auftretens in der Erdgeschichte plötzlich in zahlreichen
unterschiedlichsten Formen vor, die nur ausnahmsweise durch einigerma-
ßen passende Übergänge überbrückt sind. Zwischen den größeren Gruppen
von Lebewesen fehlen also regelmäßig evolutionäre Übergangsformen, so-
wohl in der heutigen Welt als auch unter den fossil erhaltenen Organismen.
Das gilt bis hinunter zur Grundtyp-Ebene. Die Stammbäume sehen daher
nicht baumartig, sondern ausgeprägt strauchartig aus; dabei fehlen die unte-
ren Zweige und Äste (an denen sich die Gabelungen befinden müssten).
Einzelne umstrittene Zwischenformen wie der “Urvogel” Archaeopteryx
belegen ebenfalls keine graduelle Höherentwicklung und können alternativ
auch als eigenständige Grundtypen interpretiert werden.
Beim Thema “Fossilien” muss darauf hingewiesen werden, dass die
Grobreihenfolge der Fossilablagerungen den Erwartungen des Evolutions-
modells entspricht und dass dafür im Rahmen der Schöpfungslehre derzeit
keine befriedigenden Erklärungen vorliegen. (s.u.). Im Schulunterricht, in
den Museen usw. wird in der Regel nur auf diesen Aspekt hingewiesen, wo-
durch allerdings ein ganz verzerrtes Bild entsteht.

5.4 Lebewesen erscheinen nach einem Baukastensystem konstruiert

Viele Merkmale der Lebewesen sind so unsystematisch verteilt, dass es


schwierig ist, Stammbäume zu rekonstruieren und dies häufig nicht in ein-
deutiger Weise möglich ist. Häufig erscheinen die Merkmale wie nach ei-
nem Baukastensystem in verschiedenen Grundtypen zusammengesetzt.
Dies zeigt sich auch zunehmend in der Organisation des Erbguts der Lebe-
wesen. Ein Baukastensystem ist im Rahmen eines Schöpfungsmodells
leicht interpretierbar, da ein Schöpfer frei ist, Merkmale beliebig zu kombi-
nieren.

11
Vgl. dazu die in Anm. 6 genannte Literatur.
132 Reinhard Junker:
5.5 Kritik an der Urknall-Hypothese

Auch die Entstehung des Weltalls kann nicht als geklärt gelten. Zum einen
sind die Beobachtungsdaten zu mager, um sichere Aussagen über fernste
Vergangenheiten zu treffen, zum anderen passen zahlreiche Befunde nicht
in ein Urknall-Szenario.12

6 Die Evolutionsbeweise sind nicht stichhaltig

Die oben aufgelisteten unbeantworteten Fragen der Evolutionslehre sollen


nicht den Eindruck erwecken, als ob es gar keine Indizien für Makroevoluti-
on gebe. Tatsächlich können zahlreiche Befunde durch Evolution erklärt
werden. Hier hat die Schöpfungsforschung die Aufgabe, zu zeigen, dass die-
se Befunde zum einen keine stichhaltigen Belege für Evolution darstellen,
sondern nur Deutungsmöglichkeiten bieten, zum anderen alternative Deu-
tungen aufzuzeigen.In der Lehrbuchliteratur wird häufig von “Evolutions-
beweisen” gesprochen. Es zeigt sich jedoch, dass diese “Beweise” häufig
auf einseitige Deutungen wissenschaftlicher Ergebnisse hinauslaufen, d.h.
es wird gewöhnlich gar nicht über Alternativen nachgedacht. Beispielswei-
se werden die Ähnlichkeiten der Lebewesen – z.B. zwischen Menschen und
Affen – als Indizien für deren gemeinsame Abstammung gewertet. Ähnlich-
keiten lassen sich aber ebenso gut auf denselben Urheber zurückführen –
also durch Schöpfung erklären (s.u.).
Im folgenden sollen vier Arten von “Evolutionsbeweisen”, die einem
immer wieder in der Literatur oder in den Medien begegnen, kurz erläutert
und kritisch beleuchtet werden.

1. Empirische Belege. Häufig wird behauptet, Evolution sei durch direkte


Beobachtung im Freiland oder im Labor belegt, also empirisch (durch Er-
fahrung) begründet. Doch es besteht allgemein kaum Zweifel, dass damit
nur mikroevolutive Veränderungen (s.o.) erfasst werden. Solche Verände-
rungen gehören aber auch zu den Vorhersagen bzw. Erwartungen des
Grundtypmodells, sind mithin also keine exklusiven Belege für Evolution
und können schon gar nicht als Indizien für Makroevolution gelten. Es wur-
12
Eine Zusammenfassung der Daten, die nicht zu einem Urknallszenario passen,
bietet: N. Pailer, Geheimnisvolles Weltall. Neuhausen-Stuttgart, 3. aktualisierte
Auflage 1999.
Bibel und Schöpfungsforschung 133
de schon darauf hingewiesen, dass ein großer Teil der üblichen Lehrbuchbe-
lege für Evolution in diese Rubrik gehört.

2. Analogieschlüsse. Hierbei handelt es sich häufig um Schlussfolgerungen


vom Kleinen aufs Große oder allgemeiner von Bekanntem auf Unbekann-
tes. Beispielsweise kann Ähnlichkeit durch Abstammung bedingt sein. Das
ist auch beobachtbar: Man kann die Elterngeneration mit den nachfolgenden
Generationen vergleichen, Ähnlichkeiten feststellen und diese auf Verer-
bung zurückführen. Dieses Argument wird nun auch auf nicht beobachtbare
Dimensionen ausgeweitet, wenn man z.B. die Ähnlichkeiten zwischen
Menschen und Affen genauso auf Abstammung und Vererbung zurück-
führt. “Ähnlichkeit durch Abstammung” ist jedoch nur beobachtbar inner-
halb von Grundtypen (weil dort Kreuzungen und unmittelbarer Vergleich
der Generationen möglich sind). Wird dieser Rahmen verlassen (wie bei
Mensch und Affe), verliert das Argument die empirische Basis und wird
zum Analogieschluss: Was innerhalb von Grundtypen gilt, soll auch darü-
ber hinaus gelten. Doch dies ist nicht durch Beobachtung gestützt, sondern
nur eine gedankliche Ausweitung. Ob diese Ausweitung der Realität ent-
spricht, kann nicht mehr direkt geprüft werden.
Man kann auch Analogieschlüsse ziehen, die im Sinne von Schöpfung
eingesetzt werden. Beispielsweise wird im Alltag von Ähnlichkeiten häufig
auf gemeinsame Urheber geschlossen (z.B. bei Ähnlichkeiten von techni-
schen Geräten, von Computerprogrammen usw.). In diesem Sinne kann
man durch einen Analogieschluss auch die Ähnlichkeiten der Lebewesen
auf gleiche Urheberschaft, sprich Schöpfung zurückführen. Analogie-
schlüsse haben keinerlei Beweiskraft.
Ein weiteres Beispiel eines Analogieschlusses ist die Deutung des Über-
einanders von Fossilien in einer Schichtenabfolge durch ein Voneinan-
der-Abstammen. Das Übereinander ist beobachtbar, nicht aber eine Folge
von Abstammungen. Das Übereinander könnte andere, z.B. ökologische
Ursachen haben.

3. Theoretische Szenarien. Eine dritte “Beweisform” für Evolution sind


theoretische Szenarien. Gemeint sind damit Gedankenmodelle dazu, wie
Übergänge zu neuen Strukturen bzw. Lebensräumen abgelaufen sein könn-
ten. Beispielsweise gibt es Szenarien, wie aus Fischen landlebende Vierbei-
ner entstanden sein könnten, welche äußeren Umstände die Eroberung des
Landes begünstigt haben könnten, welche Selektionsdrücke dabei ge-
134 Reinhard Junker:
herrscht haben könnten usw. Niemand war jedoch dabei, und die empiri-
schen Belege (hier Fossilfunde) geben zu wenig Hinweise. Solche theoreti-
schen Szenarien wirken oft suggestiv und plausibel, sollten aber nicht darü-
ber hinwegtäuschen, dass hier meistens sehr viel Phantasie im Spiel ist.

4. Theologische Argumente. Ein ganz bemerkenswerter Beweistyp nimmt


Bezug auf Vorstellungen über das Handeln Gottes, ist also theologischer
Art. Wer sich näher mit der Evolutionsfrage befasst hat, dürfte z.B. das Ar-
gument kennen, ein Schöpfer würde doch keine nutzlosen (rudimentären)
Organe erschaffen. Da man aber solche Organe finde, sprächen sie gegen
Schöpfung und folglich für Evolution. Abgesehen davon, dass offene Fra-
gen der Schöpfungsforschung nicht zwingend Belege für Evolution abge-
ben, fließen in diese Argumentationsweise Vorstellungen über das Wesen
und das Handeln Gottes ein (“Gott erschafft keine nutzlosen Organe”).
Zweifellos ist es aus biblischer Sicht wichtig, sich mit diesem Argument
theologisch zu befassen (was hier aus Platzgründen nicht geschehen soll13),
doch als theologisches Argument kann es im Rahmen einer naturwissen-
schaftlichen Argumentation keine Rolle spielen. Theologische Argumente
dieser Art tauchen in verschiedenen Ausprägungen erstaunlich häufig auf,
sogar an prominenter Stelle in einschlägigen evolutionstheoretischen Lehr-
büchern.14 Sie können nicht als naturkundliche Belege für Evolution gelten.

Fazit. Alle genannten “Evolutionsbeweise” sind nicht stichhaltig für Ma-


kroevolution, da sie entweder auch im Rahmen von Schöpfungslehren ge-
deutet werden können, von weltanschaulichen oder theologischen Vorga-
ben abhängen oder bloße Analogieschlüsse darstellen.

7 Offene Fragen der Schöpfungsforschung

Eine Bestandsaufnahme zum Thema “Glaubwürdigkeit der Bibel und die


Schöpfungsforschung” muss ehrlicherweise auch Problembereiche anspre-
chen. Zahlreiche schwerwiegende Daten können zur Zeit nicht oder nicht
befriedigend im Schöpfungsmodell gedeutet werden, und teilweise sind
auch keine Lösungen in Sicht. Vor allem die weltweit korrelierbare ähnliche

13
Einiges findet sich dazu in der in Anm.2 und Anm. 8 genannten Literatur.
14
Z.B. in: D. Futuyma, Evolutionsbiologie. Basel, 1998.
Bibel und Schöpfungsforschung 135
Abfolge verschiedener Lebensgemeinschaften in der Fossilüberlieferung
bereitet im Rahmen des Schöpfungsmodells erhebliche Probleme, da nach
dem Schöpfungsbericht alle Lebewesen schon geschaffen waren, bevor
auch nur ein einziges Tier in einer Katastrophe umkam und fossilisiert wur-
de. Alle Grundtypen des Lebens (“geschaffene Arten”) waren bereits da, als
die ersten Fossilien gebildet wurden. Als Zeugnisse des Todes müssen in bi-
blischer Sicht alle Fossilien in die Welt nach dem Sündenfall des Menschen
zugeordnet werden, denn der Tod gehört nicht zur “sehr guten” Schöpfung
(s.o.). Warum aber sind in den tieferen und damit in der Regel älteren fossil-
führenden Schichten keine Landlebewesen zu finden? Und wenn etwa ab
dem Karbon Landtiere auftreten, und zwar nur Amphibien, weshalb wurden
in diesen Schichten bislang keine Säugetiere gefunden? Wo waren zu dieser
Zeit die Säugetiere oder Vögel?
Die Lösungsvorschläge zu diesem gut begründeten Befund sollen an
dieser Stelle nicht diskutiert, sondern nur als Beispiel einer ungelösten Frage
genannt werden. Die Problematik wird ausführlich in “Sintflut und Geolo-
gie”15 dargestellt. Es handelt sich um eine der Fragen, die sich einem stellen,
sobald nicht nur Evolutionskritik geübt werden soll, sondern auch Überle-
gungen über biblisch-urgeschichtliche Alternativen zur Evolutionslehre an-
gestellt werden.

Die zwei Bereiche “Evolutionskritik” und “Biblische Naturgeschichte”.


Dadurch, dass effektiv Evolutionskritik betrieben werden kann, werden
nicht automatisch Bausteine für eine biblisch orientierte Erd- und Mensch-
heitsgeschichte gewonnen. Letztere bedeutet eine eigene Aufgabe, die nicht
nur mit Kritik am Evolutionskonzept erledigt werden kann. Hier stellen sich
beispielsweise Fragen folgender Art:
• Wo liegen Beginn und Ende der Sintflut in der geologischen Überlie-
ferung?
• Wie können die gewaltigen geologischen Prozesse wie etwa die Plat-
tentektonik (Kontinentaldrift) oder die Abkühlung riesiger Magma-
massen im biblischen Kurzzeitrahmen erklärt werden?
• Wie können die radiometrischen Daten zur Altersbestimmung im
sehr engen Kurzzeitrahmen der Bibel gedeutet werden?16 Die Lang-
15
Siehe Anm. 9.
16
Den Stand der Dinge bieten in empfehlenswerter Form: L. Vardiman u. a.: Ra-
dioisotopes and the age of the earth. St. Joseph 2000. Eine deutsche Übersetzung
ist in Vorbereitung.
136 Reinhard Junker:
zeitdeutungen sind zwar kritisierbar, aber damit haben wir nicht
automatisch Argumente für den biblisch begründeten
Kurzzeitrahmen.
• Wie erfolgte die Bildung der Gebirge während oder nach der
Sintflut?
• Wie verlief die Bildung der Menschenrassen und die
nachsintflutliche kulturelle Entfaltung der Menschheit und ihre
Ausbreitung und wie können diese Vorgänge mit den
archäologischen Befunden gedeutet werden?
• Wie könnte eine zur Urknallkosmologie alternative Kurzzeitkosmo-
logie aussehen?

In der weltweiten Schöpfungsforschung der letzten 30 bis 40 Jahre hat sich


deutlich herauskristallisiert, dass die Erarbeitung einer eigenen biblisch-ur-
geschichtlichen Naturgeschichte durchaus ähnlich große Probleme bereitet
wie die schon viel längere Zeit laufenden Bemühungen, die Geschichte des
Lebens und des Weltalls ohne Gottes Wirken schlüssig verstehen zu wollen.
Die Komplexität der Welt und ihrer Naturgeschichte scheint sich auch unter
biblischen Vorzeichen einer Durchschaubarkeit zu entziehen. Die Bibel ist
in ihren diesbezüglichen Hinweisen sehr sparsam bzw. sehr allgemein. Und
die wissenschaftlichen Daten – so zahlreich sie auch sein mögen – erlauben
nach Ansicht auch weltanschaulich unterschiedlich eingestellter Wissen-
schaftler doch nur ein Kratzen an der Oberfläche.
Ein Großteil der ungelösten Fragen hängt mit der Erd- und Kosmosge-
schichte zusammen und betrifft Datierungsfragen oder die Frage der Ge-
schwindigkeit geologischer Prozesse. Man muss sich vor Augen halten,
dass der in der Geologie allgemein vorausgesetzte Zeitrahmen von ca. 4,5
Milliarden Jahren Erdgeschichte in biblischer Perspektive in die Größenord-
nung von ca. 10.000 Jahren “übersetzt” werden muss.
Vor diesem Hintergrund ist es durchaus nicht schwer, schöpfungstheo-
retisch orientierte wissenschaftliche Modelle zu hinterfragen. In der Ausein-
andersetzung um die Schöpfungs- und Evolutionsthematik haben wir als
Christen nicht immer die besseren Sachargumente. Wie gehen wir mit die-
ser Situation um?
Bibel und Schöpfungsforschung 137
8 Vom Umgang mit ungelösten Fragen

Scheinbares Alter? Da zahlreiche scheinbar Zeit raubende geologische


Phänomene (z.B. die Plattentektonik) mit der Überlieferung von Fossilien
und folglich mit dem Tod in der Schöpfung gekoppelt sind, können sie nicht
mit dem Argument eines “scheinbaren Alters” als Folge des Schöpfungs-
handelns in die Schöpfungswoche verlegt werden. Damit ist Folgendes ge-
meint: In manchen Fällen mag man argumentieren können, dass eine fertige
Schöpfung den Anschein eines Alters erweckt, das gar nicht existiert. Bei-
spielsweise sah der geschaffene Adam sicher wie ein Erwachsener aus.
Auch Gesteine oder Erscheinungen im Weltall könnten einen Altersan-
schein erwecken. Diese Argumentation ist aber zum Beispiel dann nicht
möglich, wenn die betreffenden Phänomene mit Fossilien gekoppelt sind
(z.B. Schichtgesteine, die Fossilien bergen). Denn Fossilien (Überreste von
Lebewesen) zeigen Tod in der Schöpfung; der Tod aber hat in der Schöp-
fungswoche keinen Platz, sondern ist Folge der Sünde des Menschen (s.o.).
Gesteine, die Fossilien enthalten, können daher nicht durch “scheinbare Al-
ter” aufgrund des Schöpfungshandelns Gottes erklärt werden. Die Kritik der
hohen Alter muss anders begründet werden.
Davon abgesehen ist die Argumentation mit dem scheinbaren Alter oft
fragwürdig, dann nämlich, wenn sie darauf hinausläuft, dass Gott den for-
schenden Menschen “an der Nase herumführen” würde. Das würde ein sehr
fragwürdiges Gottesbild bedeuten, und Wissenschaft wäre in diesen Fällen
nicht möglich.

Bibelauslegung anpassen? Unter dem Druck der scheinbar überwältigen-


den Last der Indizien für eine alte Erde und einem Evolutionskosmos wurde
und wird nicht selten versucht, biblische Aussagen dem modernen Weltbild
anzupassen. So wurde etwa schon behauptet, der Evolutionsgedanke finde
sich im Schöpfungsbericht (G. Lanzenberger17) oder die moderne Naturwis-
senschaft sei als Offenbarung Gottes neben die Bibel zu stellen (H. Ross18).
Bei näherem Betrachten erweist sich ein solches Vorgehen als Anpassung
der Auslegung der biblischen Texte an heutige naturkundliche und -histori-
sche Vorstellungen oder als ein Hineinlesen heutiger Theorien in die bibli-
schen Texte.19 Da ein solcher Weg die Bibeltexte zurechtbiegt, ist er für bi-
17
So z. B.: G. Lanzenberger, Schöpfung ist Evolution. Karlsruhe 1988; vgl. dazu die
Buchbesprechung in W+W-Info Nr. 11, Dez. 1990.
18
H. Ross, Creation and Time, Colorado Springs, 1994.
138 Reinhard Junker:
beltreue Christen nicht gangbar. Er würde bedeuten, die Vorrangstellung
des Wortes Gottes vor dem Wissen des Menschen aufzugeben. Diese Kon-
sequenz aus den scheinbar vorhandenen Widersprüchen zwischen der Bibel
und Naturwissenschaft scheidet aus. Wie können wir statt dessen mit dieser
Situation umgehen?

1. Spannungen zwischen Bibel und Wissenschaft stehen lassen. Fakten,


die widersprüchlich zu biblischen Aussagen zu sein scheinen, brauchen we-
der totgeschwiegen noch beschönigt zu werden. Es ist nicht nötig, der bibli-
schen Wahrheit durch Beschönigungen “nachzuhelfen”; ja, wir dürfen das
auch nicht tun. Wenn wir als Christen zu zahlreichen Fragen keine Antwor-
ten wissen, ist das zwar oft schmerzlich, doch sind wir dafür nicht verant-
wortlich (mindestens wenn wir tun, was in unserer Macht liegt und unserer
Beauftragung entspricht). Es liegt nicht in unserer Verantwortung, wenn
Menschen mit dem Hinweis auf Widersprüche den christlichen Glauben ab-
lehnen. Die damit verbundenen Anfechtungen – für Christen ist das kein
Fremdwort! – gilt es auszuhalten. Unsere Verantwortung ist es, Zeugnis von
Jesus Christus gemäß der Bibel zu geben und im Sinne von 1Petr 3,15 und
Kol 4,6 soweit es uns möglich ist, Rede und Antwort auf kritische Fragen zu
stehen.

2. Keine oberflächlichen Lösungen. Es wäre unglaubwürdig, durch ober-


flächliche Kritik mit willkürlich herausgegriffenen Einzelbefunden eine un-
gelöste Frage klären zu wollen. Beispielsweise werden häufig unpassende
Datierungen angeführt, um Datierungsmethoden generell ad absurdum zu
führen. Ein solches Vorgehen geht an der komplexen Situation in den Geo-
wissenschaften vorbei. Zwar sind die Altersangaben hinterfragbar, doch
muss dies systematisch und unter Beachtung des gesamten Kenntnisstandes
erfolgen. Das erfordert heutzutage für jede einzelne Datierungsmethode
eine nicht zu unterschätzende Mammutaufgabe.20

3. Theorien sind keine ehernen Tatsachen. Wenn Forscher behaupten,


ihre Vorstellungen zur Erdgeschichte seien naturwissenschaftlich begrün-
det, so ist das Grund genug, sie als vorläufig und revidierbar anzusehen.
19
M. Van Bebber & P. S. Taylor, Creation and Time. A report on the Progressive
Creationist Book by Hugh Ross. Meza, Arizona, 1994.
20
Ein Beispiel zeigt die Aufsatzfolge von Uwe Zerbst über die Radiokarbon- und
Baumringmethode in Studium Integrale Journal (Ausgaben 1/98 – 2/99).
Bibel und Schöpfungsforschung 139
Denn naturwissenschaftliche, d.h. auf Empirie (Erfahrung) beruhende
Theorien können jederzeit durch neue Daten in Frage gestellt werden. Wo
das nicht mehr erlaubt ist, wird Wissenschaft zur Ideologie.

4. Unsere Kenntnisse über die tatsächlichen Daten in den Naturwissen-


schaften sind grundsätzlich sehr begrenzt. Von der Erdgeschichte besit-
zen wir nur Momentaufnahmen. Außerdem sind wir mangels anderer Mög-
lichkeiten darauf angewiesen, heutige Vorgänge in die Vergangenheit zu
“verlängern”. Ob damit die tatsächlichen Abläufe erfasst werden, kann be-
zweifelt werden. Wird beispielsweise im Zusammenhang mit der Sintflut
(und auch mit dem Sündenfall!) ein besonderes Eingreifen Gottes angenom-
men, können nicht alle Ereignisse mit heute ablaufenden Prozessen verstan-
den werden. Allerdings bedeutet eine solche Annahme an den betreffenden
Stellen (nicht generell!) eine Schranke für wissenschaftliches Arbeiten; das
muss eingeräumt werden, und das werden Andersdenkende anstößig finden
(genauso wie sie den Schöpfungsgedanken ablehnen, weil auch “Schöp-
fung” eine Grenze für Wissenschaft bedeutet). Für die Schöpfungsfor-
schung heißt das dennoch: Forschen, soweit es geht, aber mit dem Wissen
um mögliche Grenzen, die das Handeln Gottes setzt, und mit der damit ver-
bundenen Demut.

5. Die Kenntnisse und die Anzahl der Schöpfungsforscher sind be-


grenzt.Es hat sich immer wieder gezeigt, dass durch ein tieferes Eindringen
in die Materie Schwachstellen von Theorien offengelegt werden können,
die zuvor festgefügt und kaum angreifbar erschienen. Das Lehrbuchwissen
vermittelt in der Regel kaum Angriffspunkte für Kritik, da Problematisches
dort zu kurz kommt. Es ist daher notwendig, die Primärliteratur aufzuarbei-
ten, was sehr zeitaufwändig ist. Aber auch in der Primärliteratur werden
nicht unbedingt die Rohdaten, sondern bereits gedeutete und evtl. ausge-
wählte Daten präsentiert (und zwar nicht aus bösem Willen, sondern weil
man sich auf einen bestimmten Deutungsrahmen verständigt hat, der nicht
mehr zur Disposition gestellt wird). Das heißt aber: Es wäre vielfach not-
wendig, in eigenen Labors und durch eigene Feldstudien Primärdaten selber
zu gewinnen. Wichtig wäre es z.B., selber Datierungen systematisch durch-
führen zu können. Doch dafür fehlen bei weitem die finanziellen und perso-
nellen Möglichkeiten.
140 Reinhard Junker:
6. Den Spieß umdrehen. Ungelöste Fragen der Schöpfungslehre sind keine
Argumente für Evolution. Die Auflistung von Problemen der Schöpfungs-
forschung könnte von den grundlegenden ungelösten Fragen der Evolu-
tionsforschung ablenken. Um hier keinen einseitigen Eindruck aufkommen
zu lassen, ist es notwendig, auch bei der konkurrierenden evolutionären Ur-
sprungsvorstellung auf die Probleme hinzuweisen.

Paulus sagt im 1. Kapitel des Römerbriefes (Verse 19ff), dass man an den
Werken der Schöpfung Gottes Macht und Größe deutlich erkennen kann. In
der Tat gibt es dazu aus vielen Wissensgebieten unzählige Hinweise, auch in
der von Sünde und Tod gezeichneten Schöpfung, die den Menschen oft
nach dem “Warum?” fragen lässt. Die Bibel sagt aber nichts Vergleichbares,
wenn es um die Erdgeschichte geht, im Gegenteil: Manche ihrer Aussagen
stellen die Begrenztheit menschlichen Wissens in den Vordergrund. So fragt
Gott den mit seinem Geschick hadernden Hiob: “Wo warst du, als ich die
Erde baute? Sprich es aus, wenn du Bescheid weißt” (Hiob 38,4). Und durch
den Propheten Jeremia spricht der Herr: “So wenig der Himmel droben aus-
gemessen und die Grundfesten der Erde drunten ausgespäht werden können,
so wenig will ich auch die gesamte Nachkommenschaft Israels verwerfen
wegen alles dessen, was sie begangen haben” (Jer 31,37). Unter diesem
Vorbehalt geschieht Schöpfungsforschung und dürfen auch ihre ungelösten
Fragen gesehen werden.
Armin Daniel Baum1

Lukas als antiker Historiker

as Thema, mit dem sich dieser Aufsatz beschäftigt, begann mich

D zum ersten Mal in meiner Zeit als Gymnasiast zu interessieren. Im


Religionsunterricht bei einem historisch-kritisch orientierten Leh-
rer versuchte ich gelegentlich, mich in Diskussionen auf Aussagen der
Evangelien zu beziehen. Des öfteren bekam ich darauf vom Lehrer als Ant-
wort zu hören, dass ein solcher (naiver) Umgang mit den Synoptikern unan-
gemessen sei, da man in der Antike und also auch im ersten Jahrhundert
nach Christus ein ganz anderes Wahrheitsverständnis gehabt habe als wir
modernen Menschen heute. Im Altertum habe man im allgemeinen noch
nicht scharf zwischen historischen Fakten und fiktiven Aussagen unter-
schieden. Daher dürfe man in den Evangelien auch nicht einfach glaubwür-
dige Berichte über das Leben Jesu suchen. Mit diesem Argument wurden
die Evangelien als Gesprächsgrundlage im Religionsunterricht praktisch
ausgeschaltet.
Nach diesen Erfahrungen als Schüler ergab sich im Laufe meiner theolo-
gischen Ausbildung die Gelegenheit, der Frage nach dem Wahrheitsver-
ständnis antiker Autoren und vor allem Historiker einmal etwas gründlicher
nachzugehen. Den Ansatzpunkt stellte dabei die Beschäftigung mit dem Lu-
kasevangelium dar. Lukas behauptet im Prolog seines Evangeliums (Lk
1,1-4), dieses aufgrund gründlicher historischer Forschungstätigkeit ge-
schrieben zu haben. Er will dem Theophilus als Ergebnis seiner Recherchen
einen exakten Bericht über die historischen Tatsachen des Lebens Jesu vor-
legen. Sind diese Aussagen mit unserem modernen Verständnis von Ge-
schichtsschreibung kompatibel? Oder lebte und arbeitete Lukas in einer
Zeit, in der man zwischen geschichtlicher Wahrheit und Unwahrheit noch
nicht sauber unterscheiden konnte oder wollte? Wenn Lukas als Kind einer
solchen Zeit angesehen werden müsste, dann hätten alle seine Aussagen
über Jesus natürlich nur einen sehr relativen Wert.

1
Dr. Armin D. Baum ist Dozent für Neues Testament an der Freien Theologischen
Akademie in Gießen. Der Aufsatz wurde zuerst in Bibel und Gemeinde Nr.
4/1992 veröffentlicht.
142 Armin Daniel Baum:
1 Das Streben nach der historischen Wahrheit in der Antike

1.1 Urteile von Theologen

Wenn man sich etwas in die theologische Fachliteratur zum Thema vertieft,
scheint es zunächst, als wäre mein damaliger Religionslehrer uneinge-
schränkt im Recht gewesen. Zu Beginn unseres Jahrhunderts schrieb der
Theologe Otto Pfleiderer in seiner zweibändigen Studie über das Urchris-
tentum:
“Das Altertum hat eben noch nicht so wie wir zwischen geschichtli-
cher Wirklichkeit und poetischer Wahrheit unterschieden, darum
sind wir auch bei der Beurteilung der alten Historiker nicht befugt,
unsere heutigen Ansprüche an realistische Richtigkeit als Maßstab
anzulegen ... Lukas hat also ... allerdings zwar Geschichte berichten
wollen und hat zu diesem Zweck die besten Quellen eifrig benützt,
aber er hat die Aufgabe des Geschichtsschreibers im Sinn seiner und
nicht unserer Zeit verstanden. Sein Absehen ging nicht sowohl auf
objektive Darstellung des wirklich Geschehenen, als vielmehr auf
eine schöne, Gemüt und Geschmack des Lesers wohltuend anspre-
chende, religiös erbauliche Darstellung der idealen Wahrheit, die
ihm, wie dem ganzen Altertum, unendlich viel höher stand als die ob-
jektive reale Wirklichkeit. Darum bediente er sich in der Verarbei-
tung seiner Stoffe eines Maßes subjektiver Freiheit, wie wir es einem
Historiker nie würden zugestehen.”2
Ähnlich äußerte sich Mitte des Jahrhunderts der einflussreiche Exeget Ernst
Haenchen. Er meinte,
“dass Lukas kein Historiker in dem Sinne war und sein wollte, in
dem wir diesen Begriff fassen, und dass deshalb die Komposition als
das freie ... Entwerfen von Szenen in der Apg eine Rolle spielt, wie
wir sie heute nur in geschichtlichen Romanen zulassen”.
Der Bibelausleger Haenchen empfand, dass der Umgang des Lukas mit der
Geschichte “für unser vom Historismus geplagtes Denken” in hohem Maße

2
Das Urchristentum: Seine Schriften und Lehren in geschichtlichem Zusammen-
hang. 2. Aufl. (Berlin, 1902), II, 542-543.
Lukas als antiker Historiker 143
3
“ungewöhnlich und beunruhigend” ist.
“Lukas liegt... also nicht daran ... und darin unterscheidet er sich von
dem modernen Historiker –, den Lauf eines Geschehens so, wie er
erfolgt ist, mit aller Genauigkeit zu ermitteln und seinen Lesern mit-
zuteilen. Diese dokumentarische Genauigkeit ist ihm gleichgültig.”4
In jüngster Zeit hat Erhardt Güttgemanns in einem längeren Artikel erneut
pointiert die Behauptung aufgestellt, Lukas sei “in der Tat kein ‘Fakten-His-
toriker’, sondern ein ‘Fiktions-Historiker’”, um dann fortzufahren:
“Lukas mag damit durchaus unserem modernen Ideal von Historie
widersprechen, aber er verhält sich durchaus konform zum antiken
Denken. Es wäre ein Anachronismus, wenn er sich anders verhiel-
te.”5

1.2 Zurück zu den Quellen!

Diese Aussagen lassen natürlich die Frage aufkommen, inwieweit sie sich
mit antiken Belegstellen untermauern lassen. Und bei einer Durchsicht der
relevanten Aussagen einer Reihe antiker Autoren zeigt sich recht schnell,
dass von einem Unvermögen, zwischen Faktum und Fiktion zu unterschei-
den, durchaus keine Rede sein kann. Der römische Rhetoriklehrer Quintili-
an z. B., in etwa ein Zeitgenosse des Lukas (ca. 35-100 n.Chr.), traf in aller
Deutlichkeit eine auch bei vielen anderen Schriftstellern nachweisbare Un-
terscheidung. Ihm zufolge gibt es
“nach der gewöhnlichen Einteilung drei Arten von Erzählung ...: den
Mythos (fabulam), der in Tragödie und Gedicht erscheint – nicht nur
im Inhalt, sondern auch in der Form der historischen Wirklichkeit
fern –, die Handlung, die die Komödien bieten – zwar erfunden, aber
wirklichkeitsnah –, die Geschichtserzählung (historiam), in der ge-
schichtliche Ereignisse dargestellt werden” (Inst. II 4,2).

3
Tradition und Komposition in der Apostelgeschichte, Zeitschrift für Theologie
und Kirche, 52 (1955), 210.
4
Haenchen, Tradition, 217.
5
In welchem Sinne ist Lukas ‘Historiker’? Die Beziehung von Luk 1,1-4 und Papi-
as zur antiken Rhetorik, LingBibl, 54 (1983), 20. Beachte aber die Reaktion von F.
Siegert, Lukas – ein Historiker, d. h. ein Rhetor? Freundschaftliche Entgegnung
auf Erhardt Güttgemanns, LingBibl, 55 (1984), 57-60.
144 Armin Daniel Baum:
Der fabulöse Mythos und das am geschichtlichen Ereignis orientierte Ge-
schichtswerk waren zwei Kategorien, die man durchaus auseinanderhalten
konnte.

1.3 Geschichte und Illusion

In ähnlicher Weise war man sich dessen bewusst, dass die Geschichtsschrei-
bung von tragisierenden Zügen freizuhalten sei. Der hellenistische Histori-
ker Polybius (geb. um 200 v.Chr.) etwa kritisierte in aller Schärfe das Werk
seines Historikerkollegen Phylarch, der der “tragischen Geschichtsschrei-
bung” zugerechnet wird, “damit nicht durch unser Versäumnis die Lüge in
den Geschichtswerken die gleiche Geltung behauptet wie die Wahrheit” (II
56,2). Er erhob die ganz grundsätzliche Forderung (II 56,7-12):
“Der Historiker soll seine Leser nicht durch Schauergeschichten in
Erschütterung versetzen, keine schönen Reden einlegen, die viel-
leicht so hätten gehalten werden können, nicht das Geschehen mit
Nebenzügen und Begleitumständen ausschmücken, wie es die Tra -
gödiendichter tun, sondern einzig und allein das wirklich Getane und
Gesagte berichten, auch wenn es nur ganz schlichte Dinge sind.
Denn das Ziel der Geschichte und der Tragödie ist nicht dasselbe,
sondern ein entgegengesetztes. Dort nämlich gilt es, durch die ein -
drucksvollsten Worte die Hörer für den Augenblick zu fesseln und zu
erschüttern, hier dagegen durch die wirklichen Taten und Reden die
Wissbegierigen auf die Dauer zu belehren und zu einer richtigen Ein-
sicht zu führen, da für die Tragödie das Eindrucksvolle Maßstab ist,
auch wenn es unwahr ist – denn es geht um die Illusion der Zuschauer
–, in der Historie dagegen die Wahrheit, denn ihr Ziel ist der Nutzen für
die Leser, die aus ihr zu lernen suchen.”
Polybius lehnte die tragische Geschichtsschreibung ab, nicht eigentlich des-
halb, weil sie eine Seelenerschütterung beim Leser hervorrufen will, son -
dern weil die emotionalen Effekte nicht aufgrund der getreuen Wiedergabe
der historischen Wirklichkeit erzielt werden.

1.4 Wahrheit und Dichtung

Eine weitere zentrale Aussage zum Charakter der Geschichtsschreibung fin-


det sich bei dem berühmten Platonschüler Aristoteles (384-322 v.Chr.). Die-
Lukas als antiker Historiker 145
ser hat in einem kurzen Paragraphen seiner Poetik (1451a36-1451b11) an-
hand der Werke von Herodot und Homer grundsätzliche Erwägungen über
das (bis heute diskutierte) Verhältnis von Historie und Poesie angestellt. Er
gelangt nach einigen Ausführungen zum Wesen der Poesie zu der Feststel-
lung,
“dass es nicht die Aufgabe des Dichters ist zu berichten, was gesche-
hen ist, sondern vielmehr, was geschehen könnte und was möglich
wäre nach Angemessenheit oder Notwendigkeit. Denn der Ge-
schichtsschreiber und der Dichter unterscheiden sich nicht dadurch,
dass der eine Verse schreibt und der andere nicht (denn man könnte
ja die Geschichte Herodots in Verse setzen, und doch bliebe es gleich
gute Geschichte, mit oder ohne Verse), sie unterscheiden sich viel-
mehr darin, dass der eine erzählt, was geschehen ist, der andere, was
geschehen könnte”.
Die bisherigen Ausführungen legen folgende Schlussfolgerung nahe: Wer
in der Antike als Historiker ernstgenommen werden wollte, musste sorgsam
darauf bedacht sein, poetisch-fiktive Elemente aus seinem Werk fernzuhal-
ten und sich streng auf die Darstellung der historischen Fakten zu konzen-
trieren.

1.5 Lizenz zum Lügen?

Als Gegenargument hat man gelegentlich eine Stelle im Werk Ciceros ange-
führt: Brutus 426. Dort heißt es von dem mit Cicero einen Dialog führenden
Atticus: “‘Ganz, wie du willst’, entgegnete er lachend (ridens). ‘Steht doch
6
Siehe z.B. H. Liers, Die Theorie der Geschichtschreibung bei Dionys von Hali-
karnass (Waidenburg, 1886), 7: “Cicero sagt im Brutus §42 concessum est rheto-
ribus ementiri in historiis ... und von dieser ‘Erlaubnis’ macht Dionys in
reichlichem Maße Gebrauch.” Ähnlich F. Halbfas, Theorie und Praxis in der Ge-
schichtsschreibung bei Dionys von Halikarnass, (Diss. Münster, 1910), 9: “ln vie-
len Fällen hatte der Inhalt die Kosten für die glänzende Aufmachung zu tragen:
man scheute nicht vor Fälschungen jeder Art zurück, wenn das Werk äußerlich
dadurch gewann, und dass darin System lag, verrät uns Cicero, wenn er Brut. 42
sagt, dass einer blitzenden Pointe wegen die historische Wahrheit geopfert wer-
den dürfe.” Erleichtert fügt Halbfas hinzu: “Ein gutes Geschick hat uns vor dem
zweifelhaften Geschenk einer von Cicero geschriebenen römischen Geschichte
bewahrt.” Vgl. zur Auseinandersetzung mit einer ähnlichen Position u.a. A.D.
Leeman, Antieke en moderne geschiedschrijving: een misleidende Cicero-inter-
pretatie, Hermeneus, 61 (1989), 235-241.
146 Armin Daniel Baum:
den Rhetoren die Freiheit zu, historische Fakten zurechtzurücken, um poin-
tierter formulieren zu können.’” Allerdings wird die genannte Interpretation
durch den ironischen Charakter der Aussage (ridens)7 und durch den Kon-
text äußerst fragwürdig. Cicero hatte eine historische Behauptung vertreten,
die sein Gesprächspartner Atticus unter Berufung u.a. auf die Aussagen des
Thucydides widerlegte. Cicero akzeptierte diese Korrektur, da er die histori-
sche Fachkenntnis des Atticus über die römische Geschichte anerkannte. Er
hatte die historischen Tatsachen nicht bewusst verfälschen wollen, sondern
war schlecht über sie informiert. So stellt also die Äußerung des Atticus
durchaus keine ernsthafte Legitimation für eine tragisierende Geschichts-
klitterung dar, sondern sie wollte Cicero lediglich ironisch darauf hinwei-
sen, dass er sich im Blick auf den historischen Sachverhalt geirrt hat.
Es gibt allerdings Aussagen antiker Autoren, in denen eine Erlaubnis
zum Lügen ausdrücklich erteilt wird. Beim Philosophen Plato (427-347
v.Chr.) kann man folgende Sätze lesen (R. 459c-d): “Es scheint, dass unsere
Herrscher allerlei Täuschungen und Betrug werden anwenden müssen zum
Nutzen der Beherrschten.” Das bewusste Sprechen der Unwahrheit wird
hier klar und deutlich für legitim erklärt. Und bei dieser Erklärung handelt es
sich nicht um eine ironische oder spielerische Aussage. Es sind jedoch der
Kontext und die Motivation dieser Äußerung zu beachten. Erlaubt wird die
freiwillige Lüge ausdrücklich nur dem Herrscher. Es findet keine allgemei-
ne Legitimierung des Lügens statt, als hätte jeder beliebige Bürger das
Recht, im öffentlichen Leben wissentlich zu täuschen und zu betrügen. Die-
se enge Begrenzung des Bereiches, in dem die absichtliche Lüge als legitim
gelten kann, zeigt sich gerade auch daran, dass bei Plato der bewusste Be-
trug in allen übrigen Fällen aufs schärfste verurteilt wird (Lg.730c; R.535e).
Es würde eine starke Belastung des gesellschaftlichen Lebens mit sich brin-
gen, wenn Täuschung und Betrug uneingeschränkt jedermann erlaubt wä-
ren. Beachtenswert ist weiterhin, dass die Motivation einer absichtlichen
Lüge genau bestimmt ist. Sie hat eine feste Gebrauchsbedingung: den Nut-
zen für die Hörer bzw. Untergebenen. Nur der Herrscher darf sich der be -
wussten Lüge bedienen, und er darf dies wiederum nur, wenn er damit be-
stimmte Auflagen erfüllt, die der Wahrheitsverpflichtung (ausnahmsweise)
übergeordnet sind.

7
A.D. Leeman, Orationis Ratio: The Stylistic Theories and Practice of the Roman
Orators, Historians and Philosophers (Amsterdam, 1963), I, 171, bezeichnet die
fragliche Aussage als “ironische Bemerkung”.
Lukas als antiker Historiker 147
1.6 “wie es eigentlich gewesen”

Für die Geschichtsschreibung dürfte sich eine vergleichbare Rechtfertigung


der Unwahrheit jedoch kaum nachweisen lassen. Hier gilt die Regel: “Der
Historiker hat nur eine Aufgabe: nämlich zu melden, wie ein Ereignis ver-
laufen ist” (Lucian, Hist. conscr. 39). Diese und ähnliche Aussagen aber las-
sen sich kaum von den Prinzipien unterscheiden, die der heutigen Ge-
schichtsschreibung zugrunde liegen. Die wohl bekannteste Äußerung Leo-
pold von Rankes, der als Begründer der modernen Geschichtsschreibung
gilt, lautet zum Thema im Zusammenhang: “Man hat der Historie das Amt,
die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu
belehren, beigemessen: so hoher Ämter unterwindet sich gegenwärtiger
Versuch nicht: er will bloß zeigen [1. Aufl.: sagen], wie es eigentlich gewe-
sen.”8 K. Repgen hat mit guten Gründen die Vermutung untermauert, dass
die Wendung “wie es eigentlich gewesen” mit recht großer Wahrscheinlich-
keit ein direktes Zitat aus dem Werk des Thucydides (II 48,3) ist.9 Thucydi-
des (ca. 460-400 v.Chr.), den man als ersten kritischen griechischen Histori-
ker bezeichnet hat, schreibt dort: “Ich will nur schildern, wie es war.” Wei-
terhin findet sich bei Ranke die Aussage: “Strenge Darstellung der Thatsa-
che, wie bedingt und unschön sie auch sei, ist ohne Zweifel das oberste Ge-
setz.”10 Zum Verwechseln ähnlich ist diesen Worten die schon zitierte For-
derung des Polybius (II 56,10): “Der Historiker soll... einzig und allein das
wirklich Getane und Gesagte berichten, auch wenn es nur ganz schlichte
Dinge sind.” Ganz offensichtlich ist das moderne Interesse daran, “wie es ei-
gentlich gewesen”, d.h. an den tatsächlichen Ereignissen der Vergangenheit,
alles andere als eine erst neuzeitliche Fragestellung. Das historiographische
Programm Rankes, das in erster Linie darauf abzielt, die historischen Ereig-
nisse wirklichkeitsgetreu darzustellen, ist ein Erbe der antiken Historiogra-
phie.

8
Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494 bis 1514. 2.
Aufl. (Leipzig, 1874), vii.
9
Über Rankes Diktum von 1824: ‘Bloß sagen wie es eigentlich gewesen’, Histori-
sches Jahrbuch, 102 (1982), 439-449.
10
Ranke, Geschichten, vii.
148 Armin Daniel Baum:
1.7 Tatsachentreue als Norm

Zusammenfassend können wir also bisher festhalten, dass es natürlich in der


Antike eine ganze Reihe von Historikern gegeben hat, die in ihren Werken
aus den verschiedensten Gründen die Verpflichtung zur absoluten Tatsa-
chentreue missachtet haben. Dennoch aber war man im Altertum durchaus
in der Lage, zwischen Fakten und Fiktion zu unterscheiden. Und nicht weni-
ge Geschichtsschreiber haben ihre Werke mit dem Ziel verfasst zu zeigen,
“wie es eigentlich gewesen”. Einen qualitativen Unterschied zwischen dem
historischen Wahrheitsbegriff der Antike und dem der Neuzeit wird man
kaum nachweisen können.

2 Die historische Methode in der Antike

2.1 Subjektiv statt objektiv?

Nun erhebt sich allerdings sofort die Frage, ob denn ein antiker Historiker
auch in der Lage war, sein historiographisches Wahrheitsstreben metho-
disch sauber in die Praxis umzusetzen. War er überhaupt mit den nötigen
Grundprinzipien vertraut, die ihn befähigten, bei der Arbeit mit seinen Quel-
len zu begründeten Ergebnissen zu gelangen? In jüngster Zeit ist auch von
evangelikaler Seite behauptet worden, dass dies nicht oder nur in einge-
schränktem Maße der Fall gewesen sei. In seiner gründlichen Studie zur
Historizität der Apostelgeschichte bemerkt Colin J. Hemer über die heuristi-
schen Prinzipien der Antike: “Um es einfach zu sagen, in der antiken Histo-
riographie sind die Rollen von Objektivität und Subjektivität beinahe ver-
tauscht, indem schriftliche Dokumente (einschließlich der Archive) mündli-
cher Tradition und Augenzeugenberichten nachgeordnet werden.”11

2.2 Auge und Ohr

Dass diese Einschätzung ohne weiteres zutrifft, muss allerdings bezweifelt


werden. Polybius schreibt im zwölften Buch seines Geschichtswerkes, in
dem er ausführlich über die von ihm befolgte Methode reflektiert (XII
11
The Book of Acts in the Setting of Hellenistic History (Tübingen, 1989), 67. Vgl.
Seite 411-412: Die Ansicht, “welche Art von Quellen die vertrauenswürdigsten
waren, stimmt nicht mit unserer überein”.
Lukas als antiker Historiker 149
27,1–8), unter anderem über die “beiden Sinnesorgane, durch die wir alles
erfahren und erforschen, Gehör und Gesicht, und von denen das letztere
nach einem Wort Heraklits bedeutend zuverlässiger ist – die Augen, so sagt
er, sind genauere Zeugen als die Ohren”.12 Aus diesem Grund ist die beste
Quelle des Historikers seine eigene Anschauung (Autopsie). Polybius
schreibt (XII 28a,6):
“Ich wenigstens bin der Ansicht, dass kein so großer Unterschied be-
steht zwischen wirklichen Bauwerken und Kulissenmalerei ..., wie
bei der Geschichtsschreibung zwischen dem Bericht auf Grund eige-
ner Beteiligung an dem betreffenden Vorgang und einem solchen aus
zweiter oder dritter Hand, der auf Hörensagen beruht.”
Jedoch war Polybius so realistisch zuzugestehen, dass diese idealen Voraus-
setzungen der persönlichen Autopsie für das Abfassen eines Geschichtswer-
kes nur in den seltensten Fällen gegeben sind. Das ergibt sich allein schon
aus der ungeheuren Komplexität alles historischen Geschehens, die u.a. in
der chronologischen Parallelität und der geographischen Streuung der Ein-
zelereignisse ihren Grund hat (XII 4c,4-5). Die wichtigsten Quellen des His-
torikers sind somit die vielen Augenzeugen der verschiedenen Ausschnitte
des historischen Geschehens. Darum ist rein praktisch gesehen “die Aufga-
be der Befragung von Gewährsmännern ... die wichtigste Pflicht des Histo-
rikers” (XII 4c,3). Diese Befragung wird dann aber keineswegs unkritisch
vorgenommen. Polybius war entschlossen, “nur den zuverlässigsten Ge-
währsleuten zu glauben und die Berichte, die man erhält, einer scharfen Kri-
tik zu unterziehen” (XII 4c,5).

2.3 Schriftliche Quellen

Drittens zog Polybius dann aber auch schriftliche Quellen zu Rate. Als er im
Verlaufe seiner Schilderung eine Schlacht in allen Einzelheiten beschrieb,
veranlasste ihn das zu der folgenden Notiz über die Quelle seiner Detail-
kenntnisse (III 33,17-18):

12
Vgl. Herodot I 8,2: “den Ohren glauben ja die Menschen weniger als den Augen”;
Philo, Conf. 57: “da sie sich auf das zuverlässigere Zeugnis des Auges lieber ver-
lassen als auf das Ohr”; Seneca, Ep. VI 5: “an Ort und Stelle musst Du Dich bege-
ben, erstens, weil die Menschen mehr den Augen als den Ohren trauen”.
150 Armin Daniel Baum:
“Man soll sich übrigens über die Genauigkeit dieser Angaben nicht
verwundern, wenn wir über die Anordnungen Hannibals in Iberien
so ins einzelne gehend berichten, wie es kaum jemand vermöchte,
der selbst die Führung der Geschäfte in der Hand gehabt hat, und uns
nicht voreilig verurteilen, wenn wir es ebenso gemacht zu haben
scheinen wie die Geschichtsschreiber, die auf eine Vertrauen erwe-
ckende Weise lügen. Wir haben dieses Verzeichnis nämlich auf einer
Erztafel in Lacinium gefunden, die Hannibal zu der Zeit gesetzt hat,
als er sich in Italien aufhielt, und da wir sie in bezug auf diese Anga-
ben für absolut glaubwürdig hielten, haben wir uns entschlossen, die-
sem Verzeichnis zu folgen.”
Bei Polybius findet sich keine grundsätzliche Abwertung der schriftlichen
gegenüber den mündlichen Quellen. Die schriftlichen Quellen sind nicht als
solche minderwertig oder aufgrund ihrer Schriftlichkeit weniger vertrauens-
würdig. Vielmehr ging es Polybius um eine Unterscheidung zwischen pri-
mären und sekundären Informationen, die der modernen Differenzierung
zwischen Primär- und Sekundärquellen aufs engste verwandt ist, ja deren
Ursprung darstellt.13 Der Historiker muss dem, was er sieht (seinen eigenen
Augen), mehr Vertrauen schenken, als den Berichten, die ihn erreichen (sei-
nen Ohren). Und er muss wiederum den Berichten von Augenzeugen mehr
Vertrauen schenken als den Berichten derer, die ihre Informationen selbst
aus den Schilderungen von Zeugen des Geschehens geschöpft haben. Die
Qualität einer Quelle wurde nicht nach ihrem “Aggregatzustand”, sondern
nach ihrer Nähe zum historischen Geschehen und nach ihrer allgemeinen
Vertrauenswürdigkeit bestimmt.

13
Siehe E. Bernheim, Lehrbuch der historischen Methode und der Geschichtsphilo-
sophie. 4. Aufl. (Leipzig, 1903), 451: “Auf die durch Nacherzählung veranlaßten
Entstellungen der ursprünglichen Wahrnehmungen und Mitteilungen gründet
sich der fundamental wichtige Unterschied zwischen unmittelbaren und vermit-
telten Berichten oder Urquellen und abgeleiteten Quellen.” Vgl. A. von Brandt,
Werkzeug des Historikers: Eine Einführung in die historischen Hilfswissenschaf-
ten. 10. Aufl. (Stuttgart, 1983), 51: “Ceteris paribus, d.h. bei im übrigen gleichen
Gegebenheiten ..., wird die Aussage eines Augenzeugen oder Mithandelnden vor
dem Zeugnis aus ‘zweiter Hand’ bevorzugt, ein gleichzeitiger Bericht vor einem
späteren usw. Auf dieser Erwägung beruht die Unterscheidung von Primär- und
Sekundärquellen.”
Lukas als antiker Historiker 151
2.4 Aus erster und zweiter Hand

So schrieb denn auch der Historiker Johann Gustav Droysen (1808-84) in


seinem klassischen Werk, der Historik: “So wichtig der Unterschied der
mündlichen und der schriftlichen Überlieferung ist, an sich prinzipieller Na-
tur ist er nicht.”14 Nach diesem Grundsatz behandelte man das verfügbare
Quellenmaterial bereits in der Antike. Und in diesem Sinne beruft sich im
19. Jahrhundert Leopold von Ranke in Vorlesungen zu zeitgeschichtlichen
Themen ausdrücklich auf Augenzeugenberichte: “Ich will die Geschichte
erzählen, wie ich sie von Augenzeugen gehört habe.” Oder auch: “Dies weiß
ich von Mitgliedern der Commission selbst.”15
Es hat sich somit gezeigt, dass in der antiken Geschichtsschreibung die
grundlegende methodische Einsicht in die unterschiedliche Vertrauenswür-
digkeit von Primär-und Sekundärquellen durchaus vorhanden war. Die An-
sicht, dass die Quellen grundsätzlich nach anderen Maßstäben bewertet
wurden, als dies in der modernen Geschichtsschreibung der Fall ist, hat sich
nicht bestätigt. Das wird denjenigen allerdings kaum überraschen, der mit
dem Historiker E. Bernheim davon ausgeht, “dass die Grundsätze der [his-
torischen] Methodik wesentlich psychologische Erfahrungssätze” sind16,
die sich auch dem antiken Menschen ohne weiteres erschlossen haben dürf-
ten.

3 Das Streben des Lukas nach Wirklichkeitstreue

3.1 Wirklichkeitskongruenz

Nach diesen (zum Teil recht holzschnittartigen) Ausführungen zum Wahr-


heitsverständnis und zur Methodik der antiken Historiographie kommen wir
nun auf die Ausgangsfrage nach der Vertrauenswürdigkeit des Lukasevan-
geliums zurück. Lukas hat sein Selbstverständnis als Historiker im Prolog
(Lk 1,1-4) zu seinem Evangelium zum Ausdruck gebracht. Besonders wich-
tig in unserem Zusammenhang ist seine Aussage in Lk 1,3: “Es hat mir gut
14
Historik: Vorlesung über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte. 3.
Aufl. (Darmstadt, 1958), 64.
15
Zitiert nach G. Berg, Leopold von Ranke als akademischer Lehrer: Studien zu sei-
nen Vorlesungen und seinem Geschichtsdenken (Göttingen, 1968), 191
16
Lehrbuch, 295.
152 Armin Daniel Baum:
geschienen, nachdem ich alles bis auf die ersten Anfänge nachgeforscht hat-
te, es genau und der Reihe nach für dich aufzuschreiben.” Lukas nennt in
Vers 3b als Qualität, die sein Werk auszeichnen soll, neben der Chronologie
die Exaktheit (akribós).
D.S. Kurz hat in seiner philologischen Untersuchung zum Ideal der Ex-
aktheit bei den Griechen herausgearbeitet, dass mit dem auch von Lukas
verwendeten Wort akribeia “eine irgendwie geartete ‘Kongruenz’ oder
‘Deckungsgleichheit’ der Darstellung mit dem Dargestellten” zum Aus-
druck gebracht wird. “Diese Seite des Begriffs ... kann unmissverständlich
als ‘Wirklichkeitstreue’ wiedergegeben werden.” Dies machen die ver-
schiedenen Verwendungsformen des Wortes deutlich, für die Kurz auch
eine gewisse historische Entwicklung nachzeichnet. Das Wort akribeia fin-
det zunächst im handwerklichen Bereich Verwendung.17 Neben dem exak-
ten Messen und Wiegen ist dann aber auch häufig von einem exakten Wis-
sen und Kennen die Rede. Kurz vermutet, dass das Konzept des exakten
Wissens “zuerst bei der Ermittlung des Sachverhaltes in einem Prozess hei-
misch geworden ist” (15).
Von hier aus führt dann ein mehr oder weniger direkter Weg zum Metho-
denkapitel des Thucydides (I 20-22), in welchem sich dieser in klassischer und
für die Zukunft maßgebender Weise zu seiner historischen Methodik geäußert
hat. Denn “Thucydides hat den Begriff und mit ihm die Vorstellung über seine
Verwirklichung aus der Gerichtspraxis auf seine historische Forschung übertra-
gen. So sucht er die geschichtlichen Fakten zu ermitteln wie ein Richter den
Sachverhalt” (48). Er verwendet den Begriff der Exaktheit zur Charakterisie-
rung seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges (I 22,2): “Die Taten...,
das Getane im Kriege, hielt ich für richtig zu beschreiben nicht beim ersten be-
sten mich erkundigend noch wie es mir gut schien, sondern einerseits (Bege-
benheiten), bei denen ich selbst zugegen war, und nachdem ich andererseits
über ein jedes von anderen (Berichtete) soweit möglich mit Genauigkeit (akri-
beia) nachgeforscht hatte.” So bedeutet akribeia bei Thucydides “das, was sich
mit den Tatsachen deckt; die vollständige und ungetrübte Wahrheit” (161).

17
Vgl. z. B. Plato ,Phlb. 56b: “Die Baukunst aber, glaube ich, welche sich der meis-
ten Maße und Werkzeuge bedient, wird durch das, was ihr so viel Genauigkeit
(akribeian) sichert, auch kunstreicher als die meisten anderen.” Siehe auch Jos.,
Bell. VI.410: “die genaue Übereinstimmung (akribeian) der Fugen”.
Lukas als antiker Historiker 153
3.2 Lukas und Ranke

Ähnlich wie Thucydides in seinem Methodenkapitel18 gebraucht dann ganz


offensichtlich auch Lukas den Begriff der akribeia bei der Beschreibung der
Methode, die er bei der Abfassung seines Geschichtswerkes befolgt hat.
Dass Lukas mit diesem Begriff direkt auf das Methodenkapitel des Thucy-
dides anspielt, lässt sich aber wohl nicht beweisen, da er inzwischen unter
Historikern recht gebräuchlich geworden war. Dennoch ist diese Möglich-
keit auch nicht auszuschließen, wenn man bedenkt, dass im selben Vers des
Prologs auch der Ausdruck “der Reihe nach” einen Anklang an eine Aussa-
ge des Thucydides (II 1; v 26,1) darzustellen scheint.19 So ergibt sich als Re-
sultat unserer bisherigen Überlegungen: Lukas kann, nachdem er gründliche
Nachforschungen angestellt hatte (Vers 3a), die auch die Befragung von
Augenzeugen (Vers 2) einschlössen, nun in seinem Evangelienprolog (Vers
3b) dem Theophilus ankündigen, dass er ihm im folgenden eine wirklich-
keitsgetreue Darstellung des Lebens Jesu geben wird, die mit der von ihm
beschriebenen historischen Wirklichkeit kongruent bzw. deckungsgleich
ist. Lukas hat seinen eigenen Angaben nach Jesu Erdenleben ausdrücklich
so beschrieben, “wie es eigentlich gewesen” ist (Leopold von Ranke).20 Und
nach dem, was wir oben in den Abschnitten 2 und 3 festgestellt haben, darf
sein Streben nach Tatsachentreue oder Wirklichkeitskongruenz nicht von
vornherein als schwächer oder unschärfer als das eines modernen Histori-
kers eingestuft werden. Sein historischer Wahrheitsbegriff und seine histo-
riographische Methode waren mit unserer neuzeitlichen im Prinzip durch-
aus kompatibel. Es besteht kein Anlass zu der Annahme, dass Lukas bei der
Abfassung seines Evangeliums aufgrund seiner Zeitgebundenheit weniger
exakte Ergebnisse erzielt hat, als wir es heute von einem Historiker erwarten
würden. Ob Lukas dem in seinem Prolog formulierten Anspruch dann auch
gerecht geworden ist, ist eine andere Frage, auf die hier nicht näher einge-
gangen werden kann.

18
Vgl. W. Grimm, Das Proömium des Lucasevangeliums, JDTh, 16 (1871), 49:
“Nach der gewöhnlichen und richtigen Erklärung entspricht die [lukanische] Re-
densart in dar Sache genau dem” Ausdruck bei Thucydides I 22,2.
19
Vgl. É. Delebecque, Études grecques sur l’Évangile de Luc (Paris, 1976), 3.
20
Ganz anders H. Conzelmann und A. Lindemann, Arbeitsbuch zum Neuen Testa-
ment. 6. Aufl. (Tübingen, 1982), 338: “Die Evangelien ... sind an dem, was man
heute ,die Frage nach dem historischen Jesus’ nennt, gar nicht interessiert.”
154 Armin Daniel Baum:
4 Die Bedeutung der historischen Faktentreue für Theophilus

4.1 Eine Basis für die Predigt

Zum Abschluss möchte ich noch kurz auf die Bedeutung eingehen, die Lu-
kas der Wirklichkeitstreue seines Evangelienbuches im Blick auf seine Le-
ser beimisst. Im letzten Vers seines Prologs nennt er als dessen Zweck: “da-
mit du die Sicherheit der Worte, über die du informiert worden bist, er-
kennst” (Vers 4). Mit den “Worten” dürften die christlichen Lehrsätze, “ die
spezifisch christlichen Lehrstücke”21 gemeint sein. Theophilus soll erken-
nen, dass das, was er über das Leben und Heilswirken Jesu erfahren hat, zu-
verlässig verbürgt ist und ein festes historisches Fundament hat. Die theolo-
gischen Lehraussagen der urchristlichen Gemeinde können nur darum einen
plausiblen Wahrheitsanspruch erheben, weil sie fest in der Historie veran-
kert sind. In dieser Überzeugung schreibt Lukas sein Evangelium.

4.2 Glaube ohne Fakten?


Der Widerspruch gegen diesen lukanischen Standpunkt hat in der deutschen
Geistes- und Theologiegeschichte einen festen Platz. So behauptete schon
Hermann Samuel Reimarus (1694-1768), einer der Väter der modernen Bi-
belkritik: “Der Mensch ist nicht für eine Religion geschaffen, die auf Facta,
und zwar solche, die in einem Winkel des Erdbodens geschehen sein sollen,
gegründet sind” (Apologie, I 171). Und der Religionsphilosoph F.W.J. Schel-
ling äußerte 1802 die Überzeugung, die biblischen Dokumente seien “Urkun-
den, deren bloß die Geschichtsforschung, nicht aber der Glaube bedarf”.22
Und er fügte hinzu:
“Hinwiederum ob diese Bücher ächt oder unächt, die darin enthaltenen
Erzählungen wirklich unentstellte Facta sind ... oder nicht, kann an der
Realität derselben [d. i. der Idee des Christentums] nichts ändern, da sie
nicht von dieser Einzelheit abhängig, sondern allgemein und absolut
ist.”23

21
B. Weiss, Die Evangelien des Markus und des Lukas. 9. Aufl. (Göttingen, 1901),
267.
22
Vorlesung über die Methode des akademischen Studiums, Schriften zur Identi-
tätsphilosophie 1803-1806. Schellings Werke III (München, 1927), 323.
23
Ebd., 325.
Lukas als antiker Historiker 155
Ganz ähnlich meinte auch G.W.F. Hegel (1770-1831), der bedeutendste
Philosoph des Idealismus:
“Der wahrhafte christliche Glaubensinhalt ist zu rechtfertigen durch
die Philosophie, nicht durch die Geschichte. Was der Geist thut, ist
keine Historie, es ist ihm nur um das zu thun, was an und für sich ist,
nicht Vergangenes, sondern schlechthin Präsentes.”24

4.3 Fundamente des Glaubens

Für denjenigen aber, der die biblischen Aussagen grundsätzlich als maßge-
bend für sein Leben als Christ anerkennt, stellt die Verankerung der von ihm
geglaubten Inhalte in der Historie die unverzichtbare Basis seines Glaubens
dar. Und daher ist es nicht ohne Bedeutung, dass Lukas in einer Weise histo-
rische Forschung betrieben hat, die auch dem Wahrheitsanspruch des heuti-
gen, kritisch denkenden Menschen gerecht wird. Um es abschließend mit ei-
nem prägnanten Wort Luthers zu sagen: “Aus der Historie muss der Glaube
aufgebaut werden.”

24
Vorlesungen über die Philosophie der Religion 2. Sämtliche Werke XVI (Stutt-
gart, 1928), 328.
Peter Mergler25

Widersprüche in den Auferstehungsberichten


der Evangelien?

ie Geschichtlichkeit der Osterereignisse war auch 1996 erneut Ge-

D genstand der Kritik. Am Ostersonntag verkündete beispielsweise


die BBC (London) ihren Fernsehzuschauern, man habe nun endlich
die Särge Jesu und seiner Familie gefunden. Jesus sei daher wie jeder andere
Mensch gestorben. Dabei wird immer wieder auf vermutete ‘Widersprüche’
zwischen den vier Evangelientexten hingewiesen, die angeblich auf den ‘le-
gendären’ Charakter der Osterereignisse weisen. Vorliegender Artikel
möchte jedoch modellhaft aufzeigen, dass eine Harmonisierung sowie eine
Koordination der Geschehnisse um die Auferstehung Jesu durchaus mög-
lich ist.

1 Die Übereinstimmung der Osterereignisse im Detail

Im Kanon der Heiligen Schrift finden sich vier ausführliche Berichte über
den Ostermorgen:
Mt 28,1-15, Mk 16,1-8, Lk 24,1-12 (-35) und Joh 20,1-18. Jeder Evan-
gelist schrieb seine Ausführungen unter Leitung des Heiligen Geistes aus ei-
ner besonderen Perspektive und mit einer eigenen Betonung bzw. Absicht
nieder. Es entstanden einige Unterschiede, die uns zu folgenden Fragen ver-
anlassen:

1.1 Wie viel Frauen gingen zum Grab?

In den Berichten gibt es zunächst eine unterschiedliche Anzahl von


Frauen (Mt, zwei; Mk, drei; Lk, mindestens fünf; Joh, mehr als eine [‘Wir’
in 20,2]). Dies legt nahe, dass die Evangelisten mit unvollständigen Perso-

25
Peter Mergler studierte von 1992-1996 an der Freien Theologischen Akademie
Gießen und ist Pastor einer Freien evangelischen Gemeinde. Der Aufsatz erschien
zuerst in “Bibel und Gemeinde” Nr. 4/1996.
Widersprüche in den Auferstehungsberichten 157
nenangaben arbeiten. Wahrscheinlich existierten mehrere überlieferte Na-
menslisten, was etwa anhand der dehnbaren Formulierung ‘und die Übrigen
mit ihnen’ in Lk 24,10 offensichtlich wird. Während Maria Magdalena als
wohl allgemein bekannte Zeugin der Auferstehung in allen Aufzählungen
enthalten ist, stimmen die Synoptiker zudem darin überein, dass Maria, die
Mutter des Jakobus, ebenfalls zu den ersten Zeugen des leeren Grabes ge-
hörte. Die weitere Nennung von Salome bei Mk und Johanna bei Lk könnte
einer hörerspezifischen Auswahl entsprechen. So kann man annehmen, dass
Johannas Ehemann das öffentliche Amt eines Finanzministers oder eines
staatlichen Verwalters bekleidete1. Vielleicht war sie daher dem Adressaten
Theophilus (Lk 1,3) sogar bekannt. Zumindest dürfte wohl Johanna als Frau
eines Staatsdieners für Theophilus mehr Glaubwürdigkeit besitzen, als man
dies einer weiblichen Person damals im Allgemeinen zugestand. Denn das
Zeugnis einer Frau besaß nach Josephus2 vor Gericht grundsätzlich keine
Gültigkeit. Um so erstaunlicher und glaubwürdiger ist die Tatsache, dass
Frauen als erste Zeugen des leeren Grabes überhaupt so selbstverständlich
aufgeführt werden. Den Unterschied der abweichenden Aufzählung als not-
wendig widersprüchlich zu erklären, ist folglich nicht haltbar.

1.2 Warum gingen die Frauen zum Grab?

Was die Motive der Frauen angeht, scheint Mt im Widerspruch zu den bei-
den übrigen Synoptikern zu stehen: Bei Mt kommen die Frauen, ‘um das
Grab zu besehen’ (Mt 28,1), wohingegen sie bei Mk und Lk mit ‘Aromata’
zum Grab gingen. Wir haben zuvor gesehen, dass es zumindest fünf Perso-
nen waren, die sich an jenem Morgen auf den Weg machten. Das Problem
unterschiedlicher Motive wird jedoch nur dann unlösbar, wenn wir allen Be-
teiligten die gleiche Absicht zwingend abverlangen würden. Wahrscheinli-
cher ist jedoch, die Quellen des Mt ernst zu nehmen: So gab es im Judentum
durchaus die Sitte, die Toten noch bis zu drei Tage an der Begräbnisstätte zu
besuchen, um somit unter anderem einen Scheintot auszuschließen3.
Hinsichtlich der Salbung meint zum Beispiel H. Grass: “Dass die Frauen
noch am dritten Tage die Absicht gehabt haben sollen, den Leichnam zu sal-
ben, ist bei der im Morgenland rasch voranschreitenden Verwesung unmög-

1
Vgl. Lk 8,3; J. Wenham, Easter Enigma, 1992, S.145.
2
Ant 4,219 u.a.
3
Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch, Bd.I, 1987, S.1048
158 Peter Mergler:
lich.” (Ostergeschehen und Osterberichte, 1962, S.20). Diese Behauptung
verkennt aber mehrere Aspekte. Zum einen erstreckt sich die Bedeutungs-
breite des griechischen Begriffs ‘Aromata’ nicht nur auf Spezereien, mit de-
nen ein Leichnam eingesalbt wurde, sondern weist ebenfalls auf wohlrie-
chende Öle hin. Diese goss man nach gängiger Sitte zur Verehrung einfach
über den Toten aus. Wie Johannes erkennen lässt, wurde der Leichnam Jesu
außerdem schon kurz nach der Kreuzigung gesalbt (Joh 19,40f). Weil das
Grab zudem nicht weit von Jerusalem entfernt war (Joh 20,40), bestand die
Möglichkeit, die Spezereien noch am Freitag einzukaufen. Sogar bis in den
Sabbat hinein bestand somit Gelegenheit, den Leichnam zu waschen und
entsprechende Spezereien gründlich anzuwenden, denn man durfte am Sab-
bat alles tun, was an einem Toten nötig ist4. Folglich wollten die Frauen ih-
ren ‘toten Rabbi’ weder komplett noch ergänzend salben.
Andererseits war es in dieser Jahreszeit noch nicht so warm (Lk 22,55f
par) und Jesus lag in einem relativ kühlen Felsengrab, was den Verwesungs-
prozess zusätzlich zu den Spezereien aufhielt. Was sollte also die Frauen
aufgrund dieser Tatsachen abgehalten haben, nach etwa 39 Stunden ihre Öle
als Ehrerbietung über ihren geliebten Rabbi auszugießen?

1.3 Wann erreichten die Frauen das Grab?

Das Zeitproblem, welches besonders im Vergleich zwischen Joh und den


Synoptikern auftritt (Mt, in der Dämmerung; Mk: sehr früh, bei Sonnenauf-
gang; Lk: ganz in der Frühe; Joh: als es noch finster war), wird gelöst, wenn
man bedenkt, dass das griechische Verb ‘erchomai’ in der Bedeutung von
‘ankommen’ oder mit ‘losgehen’ übersetzt werden kann: Beim Loslaufen
zum Grab war es daher wahrscheinlich noch finster (Joh), während bei der
Ankunft am Grab gerade die Sonne aufging (Mt; Mk; Lk). Typisch er-
scheint die doppelte Zeitangabe bei Mk. Rasch wird bei ihm der Leser vom
Kauf der Spezereien (16,1) über den Beginn des Fußmarschs vor Sonnen-
aufgang (16,2a) zur Ankunft am Grab bei Sonnenaufgang (16,2b) geführt.

1.4 War der Stein ein Problem?

Die Tatsache, dass der Stein vor dem Eingang der Gruft bei Mk ein Problem
darstellt (Mt: kein Problem, Engel wälzt Stein weg; Lk/Joh: kein Problem,
4
Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch, Bd.II, 1987,
S.52f.
Widersprüche in den Auferstehungsberichten 159
Stein bereits weg) und die Frauen dies auf dem Weg dorthin diskutieren, be-
zeichnet Campenhausen “als erträgliches Maß an Gedankenlosigkeit” so-
wie als eine “primitive Erzählkunst” (Der Ablauf der Osterereignisse und
das leere Grab, 1958, S.24). Jedoch ist den Pilgern diese Frage nicht erst un-
terwegs eingefallen. Indem Mk die Ratlosigkeit gerade hier anspricht, deutet
er nämlich an, dass das Problem noch aktuell schien und die Frauen auf ih-
rem Weg zum Grab stets nach geeigneten Helfern Ausschau hielten. Der
Leser kann daraus schließen: Den Aposteln war der Gang zum Grab ver -
mutlich zu gefährlich, weshalb sie als Helfer ausfielen. Bei einem Vergleich
mit Mt fällt außerdem auf: Die Nachfolgerinnen Jesu konnten bei ihrem
Gang zur Gruft auch nicht mit der Unterstützung der Wachen rechnen, da
diese dort erst ab der zweiten Nacht stationiert waren (Mt 27,62). Die Frauen
waren daher nicht über eine Bewachung des Grabes informiert, zumal der
Beschluss offenbar erst am Sabbat zustande kam. Unter den genannten Um-
ständen erscheint die spezifische Frage nach Hilfe somit keinesfalls gedan-
kenlos, sondern konsequent.

1.5 Gab es Wachen vor dem Grab?

Nur Matthäus bietet die Tradition über die Wächter vor dem Grab Jesu. Dies
hat bei vielen Auslegern große Skepsis ausgelöst. So erklärt beispielsweise
Gerd Lüdemann im Hinblick auf Mt 27,62-66: “Daher ist folgende Tradi-
tionsgeschichte denkbar: Juden behaupteten den Diebstahl des Leichnams
Jesu durch die Jünger. Die Christen reagierten darauf mit einer Geschichte
von der Bestechung von Grabwächtern...”5. Die Tatsache jedoch, dass die
jüdischen Führer Jesus nicht einfach durch Lynchjustiz beiseite schaffen
wollten, sondern mit einer offiziellen Kreuzigung Jesu bewusst auf die Ver-
ächtlichmachung seiner Lehre zielten (vgl. 5Mo 21,22-23; Gal 3,13), zeigt,
wie einflussreich sie die Worte des Rabbi einschätzten. Da zudem stichhalti-
ge Argumente vorliegen, die Todesankündigungen Jesu entgegen mancher
Kritik vor die Osterereignisse zu datieren6, ist es äußerst gewagt anzuneh-
men, für die Juden sei auf diesem Hintergrund der Fall Jesu mit der Kreuzi-
gung völlig abgeschlossen gewesen. Sie mussten vielmehr darum bemüht
sein, eventuellen Auferstehungshoffnungen der Jünger entgegenzuwirken,
damit neue Erwartungen erst gar nicht entstehen konnten (Mt 27,54).
5
Die Auferstehung, 1994, S.156.
6
Vgl. H.F. Bayer, Jesus’ Predictions of Vindication and Resurrection, 1986,
S.214ff.
160 Peter Mergler:
Bei einer näheren Analyse von Mt 24,4ff fällt weiterhin eine Reihe von
Wörtern auf, die eindeutig nicht matthäischen Ursprungs sind (epaurion,
parakeue, planos/plane, koustodia, asphalizo usw.). Das heißt: Mt schöpft
aus bereits vorhandenem schriftlichen oder mündlichen Traditionsgut.
Demnach verwendet der Evangelist auch an dieser Stelle solches Material,
das seinem generellen Interesse in Bezug auf die jüdischen Führer ent-
spricht.

1.6 Wieviel Engel gab es eigentlich?

Dass Lk auf die Existenz von zwei Männern verweist (Mt: ein Engel; Mk:
ein Jüngling; Joh: zwei Engel), resultiert offensichtlich aus seinem Bemü-
hen um historische Zuverlässigkeit. Nach jüdischem Brauch galt nämlich
eine Aussage erst dann als juristisch zuverlässig, wenn sie von zwei bis drei
Zeugen belegt wurde (vgl. 5.Mo 19,15). Das Phänomen einer Doppelzeu-
genschaft kommt allerdings nicht in solcher Häufigkeit vor, dass man da-
raus ableiten könnte, eine Tendenz in der Überlieferung habe darin bestan-
den, Charaktere zu diesem Zweck hinzuzufügen. Eher der umgekehrte Fall
ist denkbar:
Eine der Figuren spielte jeweils eine nur untergeordnete Rolle, da der an-
dere sozusagen als Sprecher auftrat. Somit wurde die passivere Person in
manchen Erzählungen unter Umständen ausgelassen. Da die zwei Engel bei
Joh weder explizit Zeugen der Auferstehung sind (vgl. Mt), noch einen be-
stimmten Auftrag Jesu an die Jünger bezeugen (vgl. Mk), kann man dem
Autor von vornherein erst recht keine Erfindung des zweiten Boten Gottes
zur Steigerung der Glaubwürdigkeit unterstellen.

1.7 Wo befanden sich die Engel?

Bezüglich der Thematik, wo sich die Engel bei den Osterereignissen im Ein-
zelnen befanden, werden zumindest zwei Fragen berührt:
Waren die Frauen beim Beben der Erde sowie bei der Reaktion der
Wächter zugegen? Und: Wo erhielten sie die Botschaft der Engel? Zunächst
zeigt die Abfolge der Personengruppen in Mt 28,1-8 gemäß dem Schema
Frauen (A) - Engel (B) - Wachen (C) - Engel (B’) - Frauen (A’), dass Mt sein
Material auch an dieser Stelle nach literarischen Gesichtspunkten gliedert.
Dabei muss jedoch der Leser offensichtlich einen Ortswechsel im Lesepro-
Widersprüche in den Auferstehungsberichten 161
zess nachvollziehen. Um bei den Frauen nicht den gleichen Effekt wie bei
den Wachen zu erzeugen, liegt es nämlich nahe, dass der Engel sich aus der
schon von Weitem gut ersichtlichen Position auf dem Stein entfernt. Da die
übrigen Evangelisten einstimmig von einer Botschaft im Grab reden, hat der
Bote Gottes daraufhin wahrscheinlich die Gruft betreten. Aus diesem örtli-
chen Wechsel folgert konsequenterweise ebenfalls eine zeitliche Lücke vor
Vers 5. Man kann also annehmen: Die Frauen haben weder das Erdbeben
noch das Herabkommen des Engels beobachtet, sondern kamen erst danach zur
Gruft. Dabei widerspricht der griechische Ausruf ‘deute idete’ von Seiten des
Engels dieser These nicht, da er keine Aufforderung beinhaltet, erst noch nahe
genug an die Gruft heranzukommen, um sich von der Auferstehung tatsächlich
überzeugen zu können. ‘Deute’ mit folgendem Imperativ muss zweifellos als
Ermunterungspartikel interpretiert werden, der vermutlich im Grab geäußert
wurde: “Auf, seht euch die Stelle an, wo er lag”.

1.8 Wie lautete der Auftrag der Engel?

Die Spannungen zwischen den Worten der Engel bei Lk bzw. Joh und den
anderen Evangelisten haben unter den Exegeten zu den verschiedensten
Diskussionen geführt. So deutet beispielsweise Campenhausen das Fehlen
des Galiläahinweises bei Lk sowie Joh als “Bestrebungen, ... die ersten Er-
scheinungen am offenen Grabe selbst auftreten zu lassen und sie dann
schließlich ganz nach Jerusalem zu verlegen” (a.a.O., S.43). Als erstes muss
jedoch festgehalten werden: Lk wusste sowohl von der Tradition der Er-
scheinungen in Jerusalem (Lk 24,36ff) als auch von Jesu Auftreten in Gali-
läa (Apg 1,11; 13,31). Der eigentliche Grund für die Konzentration der Ge-
schehnisse in und um Jerusalem liegt bei ihm offensichtlich in der Betonung
dieser Stadt als Zentrum des Kultus und der ausgehenden Mission (Apg
1-8). Lk war bestrebt, durch das Auslassen der Reise nach Galiläa und zu-
rück nach Jerusalem (Mt 28,16; Joh 21,1) eine stilistische Erzähleinheit mit
der daran anknüpfenden Apostelgeschichte zu bilden. Die Äußerung des
Engels bei Johannes erfolgte wahrscheinlich zu einem späteren Zeitpunkt,
was noch zu zeigen ist.

1.9 Wie reagierten die Frauen?

Wie ist der Mk-Schluss in Kapitel 16,8 zu deuten, in dem es provozierend


heißt: ‘Und sie sagten niemand etwas, denn sie fürchteten sich’7 Wollte
162 Peter Mergler:
Markus durch das Schweigen der Frauen die Selbständigkeit der apostoli-
schen Zeugen bewahren oder etwa eine verzögerte Verkündigung des Auf-
erstandenen erklären? Eine gute Lösung schlug in diesem Zusammenhang
Robert Smith vor7. Smith weist darauf hin, dass Vers 8 einen deutlichen Par-
allelismus enthält. Wörtlich heißt es dort: “(A) Und hinausgehend flohen sie
von der Gruft, (B) ergriffen nämlich hatte sie Zittern und Bestürzung, (A’)
und niemand sagten sie etwas, (B’) sie fürchteten sich nämlich.” Daraus
lässt sich zweierlei ableiten: l. Das Verhalten der Frauen in B’ entspricht
nicht einer Feigheit, auf Grund derer sie lange Zeit über die Vorkommnisse
geschwiegen hätten. Vielmehr ist hier analog zu B eine natürliche Reaktion
auf göttliche Offenbarung zu sehen. 2. Aus der Zeitgleichheit der Teile B
und B’ folgt ein analoger Sachverhalt für die Begebenheiten in A und A’.
Daher gilt das Schweigen nur auf dem Weg zu den Jüngern, nicht jedoch da-
rüber hinaus. Dieser Beobachtung Smiths ist sicherlich zuzustimmen. Er-
gänzend sei aber noch auf die spezielle Leserkompetenz hinzuweisen, die
im Mk-Evangelium vorliegt. Der implizite Leser ist nämlich bereits mit dem
Schweigemotiv wohl vertraut. Dass nicht alle Aufforderungen Jesu zum
Schweigen eingehalten wurden, wird sowohl in Mk 1,45 als auch in Mk
7,36 überliefert. Im Zusammenspiel mit der Einführung des Evangeliums
(Mk 1,1), wird der Leser die Aussage in A’ wahrscheinlich von vornherein
zeitlich eingeschränkt zu verstehen wissen.

2 Einzelfragen zum Gesamtablauf:

Um eine Vorstellung über den Gesamtablauf der Osterereignisse zu bekom-


men, gilt es, insbesondere den Bericht des Johannes mit den Synoptikern in
Einklang zu bringen. Dabei ist vor allem die Frage nach einer Koordination
der verschiedenen Gruppen von Interesse: Wer näherte sich wann der Gruft?

2.1 Handelt es sich bei der Erscheinung vor Maria Magdalena um die glei-
che wie bei den anderen Frauen?

Während einige Exegeten nur eine Erscheinung vor den Frauen in Betracht
ziehen, sind andere der Meinung, Jesus habe sich zweimal gezeigt. Tatsache

7
Easter Gospels, 1983, S.41.
Widersprüche in den Auferstehungsberichten 163
ist: Ein grober Vergleich von Johannes mit den Synoptikern zeigt tatsäch-
lich deutliche Differenzen in den Details:
l. Bei Johannes werden die Jünger von der Auferstehung informiert,
bevor Maria Magdalena die Engel in der Gruft sieht und bevor ihr Je-
sus selbst erscheint. Gemäß den Synoptikern werden die Jünger erst
informiert, nachdem die Frauen im Grab waren, nach der Engeler-
scheinung und nach der Erscheinung Jesu.
2. Johannes berichtet von einer kurzen Frage des Engels an Maria Mag-
dalena, während die Frauen bei den Synoptikern eine ausführliche
Botschaft vernehmen.
3. Bei Johannes erscheint Jesus der Maria Magdalena am Grab.

Die Synoptiker stimmen jedoch darin überein, dass Jesus den Frauen erst
auf dem Weg zu den Jüngern erschienen ist. Diese und ähnliche Unterschie-
de legen nahe, eine zweimalige Erscheinung Jesu sowie der Engel anzuneh-
men, nämlich eine vor Maria Magdalena und eine zweite vor den Frauen:
Maria Magdalena verließ sofort die Gruft, nachdem sie den Eingang geöff-
net sah (Joh 20, Ib) und erzählte davon den Jüngern. Währenddessen er-
schienen die Engel den übrigen Frauen und sie begegneten Jesus selbst (Mt).
Gegen diese Meinung wird häufig Mt zitiert, der erwähnt, wie nur zwei
Frauen, nämlich Maria Magdalena und die andere Maria (Mt 28,1), zum
Grab pilgerten. Daraufhin sprach der Engel zu ‘den Frauen’ (Plural in Mt
28,5!). Daraus schließen manche, Maria Magdalena müsste auch noch bei
der Engelerscheinung in der Gruft dabei gewesen sein. Wir haben jedoch
bereits gesehen, dass die Evangelisten mit unvollständigen Personenanga-
ben arbeiten. Die Schreiber der Evangelien besaßen wahrscheinlich von
vornherein gar nicht die Absicht, stets alle Personen aufzuzählen, die sie in
Wirklichkeit nennen konnten. Sie hatten dagegen redaktionelle und hörer-
spezifische Motive. So wollte Matthäus möglicherweise nur zeigen, wie
sich einige Zeugen der Grablegung Jesu, nämlich Maria Magdalena und die
‘andere Maria’ (Mt 27,61), auch in derjenigen Gruppe befanden, die sich am
Ostermorgen auf den Weg zur Gruft machte (Mt 28,1). Diese Auswahl sei-
nes Materials besitzt apologetische Tendenz. Matthäus geht es folglich nicht
darum, eine vollständige Aufzählung derjenigen Frauen aufzuweisen, wel-
che die Engelsbotschaft in der Gruft vernahmen. Vielmehr liegt sein
Schwerpunkt auf der Tatsache, dass die Gruft keinesfalls verwechselt wur-
de. Maria Magdalena hat sich daher auch bei Matthäus vom Grab entfernt,
bevor die anderen Frauen in die Gruft traten.
164 Peter Mergler:
Auch Lk 24,12 wird als Hindernis zur vorgeschlagenen Abfolge der Os-
terereignisse betrachtet. Hier scheint es, Petrus sei erst nach der Berichter-
stattung aller Frauen und nicht nur aufgrund der Einzelaussagen von Maria
Magdalena zur Gruft gelaufen. Diese Spannung wurde möglicherweise
schon früh entdeckt, denn besonders westliche Handschriften lassen den
Vers ganz aus. Man sollte jedoch die Stellung von Lk 24,11 vor Lk 24,12
unbedingt beachten, denn eine zeitliche Verbindung von Lk 24,12 mit Lk
24,10 wäre nur bei unmittelbarer Aufeinanderfolge gerechtfertigt. Die Er-
wähnung, Petrus sei zur Gruft gelaufen, ist daher als Kontrast zum Verhal-
ten der übrigen Jünger zu verstehen und schließt keine zeitliche Verknüp-
fung zum Vorhergehenden mit ein. Zudem erzählt Lk die Erscheinung vor
den Frauen extra nicht ausführlich, um so mit den Emmausjüngern und de-
ren übereinstimmenden Erfahrungsaustausch im Jerusalemer Jüngerkreis
einen erzählerischen Höhepunkt zu erreichen.

2.2 Warum sind sich die verschiedenen Gruppen unterwegs nicht begegnet7

Ein plausibler Grund, der die Tatsache erklärt, warum die Dreiergruppe Jo-
hannes, Petrus und Maria Magdalena nicht auf die restlichen Frauen getrof-
fen sind, als letztere zum Jüngerkreis zurückkehren wollten, liegt vermutlich
in den unterschiedlichen Eingängen zur Stadt: Beide Gruppen benutzten
möglicherweise verschiedene Wege, um zur Gruft zu gelangen. Darüber
hinaus sind verschiedene Sicherheitsmaßnahmen der Jünger aus Angst vor
den Juden durchaus denkbar, auf Grund derer sie eventuell nicht einfach den
kürzesten oder einen häufig begangenen Weg zur Gruft benutzten.

3 Zusammenfassung: Die Ereignisse am Ostermorgen in ihrem Ge-


samtablauf

Aus den vorangegangenen Untersuchungen ergibt sich unter der Berück-


sichtigung des Johannes-Evangeliums folgendes Modell für den Gesamtab-
lauf der Osterereignisse:
Am Ostermorgen geschieht ein Erdbeben, das die Auferstehung Jesu
sichtbar begleitet. Ein Engel erscheint, wälzt den Stein vor der Gruft beiseite
und setzt sich darauf. Die Wächter erschrecken fürchterlich und suchen das
Weite. Daraufhin entweicht der Engel vom Stein und erscheint zusammen
mit einem zweiten später in der Gruft. Mindestens fünf Frauen machen sich
Widersprüche in den Auferstehungsberichten 165
bei der Morgendämmerung auf, um das Grab Jesu zu besuchen und den
Leichnam Jesu nach dem jüdischen Brauch mit duftenden Ölen Ehre zu er-
weisen. Verblüfft stellen sie fest, dass der Eingang des Grabes offen ist. Ma-
ria Magdalena schließt sofort auf eine Verlegung des Leichnams Jesu (Joh
20,2b) und läuft aufgeregt zu den anderen Jüngern, um es ihnen zu berich-
ten. Petrus und Johannes eilen daraufhin zur Gruft. Währenddessen gehen
die übrigen Frauen in das Grab und erhalten die Botschaft der beiden Engel,
die Jünger sollen nach Galiläa ziehen, um dort Jesus selbst zu begegnen.
Teils ängstlich, teils mit Freude wollen sie zu den Jüngern zurückkehren, da
erscheint ihnen plötzlich Jesus. In der Zwischenzeit ist Johannes am Grab
angekommen, riskiert aber nur einen Blick ins Innere und sieht die Leinen-
tücher. Petrus kommt etwas später an (Joh 20,4) und betritt das Grab ohne
Zögern (Joh 20,6b). Erst jetzt geht auch Johannes hinein (Joh.20,8). Beide
Jünger kehren auf einem sicheren Weg wieder nach Hause zurück (Joh
20,10). Maria Magdalena ist den beiden Jüngern zur Gruft gefolgt, verweilt
aber noch länger als jene am Grab. Sie rechnet weiterhin mit der Verlegung
des Leichnams (Joh 20,15). Hilflos fängt sie an zu weinen, schaut ins Grab
und sieht zwei Engel (Joh 20,12). Sie bemerkt hinter sich eine Person und
wendet sich zunächst nur kurz um (Joh20,14a), weil sie glaubt, es sei der
Gärtner (Joh 20,15b). Erst nachdem Jesus Maria mit Namen anspricht, wen-
det sie sich ihm ganz zu und erkennt den Auferstandenen (Joh 20,16). Auch
sie geht danach zu den Jüngern und erzählt ergänzend zu den anderen Frau-
en ihr Erlebnis.

4 Ergebnis

Obwohl die Ereignisse am Ostermorgen im Vergleich der einzelnen Evan-


gelisten untereinander auf den ersten Blick Schwierigkeiten hinsichtlich der
Details sowie des Gesamtablaufs bereiten, ist ein Harmonisierungsversuch
durchaus erfolgreich. Um zu einer widerspruchsfreien Darstellung zu gelan-
gen, ist dabei ohne Zweifel die grundsätzliche Bereitschaft, Lösungsmög-
lichkeiten finden zu wollen, unerlässlich.
Kirchengeschichtliche
Beiträge
Norman L. Geisler

Die philosophischen Voraussetzungen der


Behauptung einer fehlerhaften Bibel8
Es wurde von anderen bereits gut belegt, dass Jesus mit seiner Lehre genau-
so wie die Schreiber der biblischen Bücher und durch die Jahrhunderte na-
hezu alle Kirchenväter an der vollen Inspiration und Irrtumslosigkeit der
Heiligen Schrift festhielten. Darum gehen wir in diesem Kapitel der Frage
nach: “Wo und wie sind weite Teile der modernen Kirche von diesem Weg
abgekommen?”. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass einer der mo-
dernen Verfechter einer fehlerhaften Bibel, Stephen T. Davis, den entschei-
denden Einfluss auf den Punkt gebracht hat:
Was sie, abgesehen von kulturellen und persönlichen Einflüssen,
zum Liberalismus führt, ist ihre Bereitschaft bestimmte philosophi-
sche und wissenschaftliche Vorentscheidungen zu akzeptieren, die
sich nicht mit evangelikaler Theologie vertragen. Es sind zum Bei-
spiel diese und ähnliche Vorentscheidungen: etwas muss “dem mo-
dernen Menschen glaubhaft”, “in Übereinstimmung mit moderner
Wissenschaft”, “akzeptabel für die Gelehrten des 20. Jahrhunderts”
sein.9
Dabei scheint Davis gar nicht zu bemerken, dass er selber “bestimmten phi-
losophischen und wissenschaftlichen Vorentscheidungen” zum Opfer ge-
fallen ist, “die sich nicht mit evangelikaler Theologie vertragen”. Der Grund
dafür ist in der Warnung des Apostels Paulus angesprochen: “Seht zu, dass
niemand euch einfange durch die Philosophie und leeren Betrug nach der
8
Dieses Kapitel ist eine Übersetzung des Artikels “Philosophical Presuppositions
of Biblical Errancy”, Inerrancy, ed. Norman L. Geisler, Grand Rapids (MI): Zon-
dervan, 1980. S. 306-334. Die Zitate wurden – soweit möglich – gängigen deut-
schen Übersetzungen entnommen. Alle Angaben in eckigen Klammer, außer den
Auslassungszeichen ([...]) in Zitaten, sind Ergänzungen des Übersetzers.
Dr. phil. Norman Geisler war viele Jahre Professor für Systematische Theologie
und Apologetik an verschiedenen theologischen Seminaren in den USA. Die
freundliche Erlaubnis zum Abdruck erteilte der Verfasser selbst zuerst für Bibel
und Gemeinde 4/84 und 1/85. Für diese Ausgabe neu übersetzt und mit Fußnoten
versehen von Thomas Jeising.
9
Stephen T. Davis, The Debate About the Bible, Philadelphia: Westminster, 1977.
S. 139.
Philosophische Voraussetzungen 169
Überlieferung der Menschen” (Kol 2,8). Die Philosophie ist eine stark
Besitz ergreifende Disziplin und meist ist es von größerer Tragweite auf
welchen Grundlagen wir unsere Gedanken bilden als worüber wir uns Ge-
danken machen. Die philosophischen Voraussetzungen werden oft unbe-
wusst mit dem Studium anderer Disziplinen aufgenommen. Nach meiner
Erfahrung in evangelikalen Kreisen haben gottesfürchtige Wissenschaftler
– in Unkenntnis der Natur und der Grundlagen ihrer Forschungsrichtung –
manchmal solche philosophischen Voraussetzungen in ihr Denken aufge-
nommen, die der alten christlichen Position in der Schriftfrage widerspre-
chen. Die Folgen dieser Akzeptanz unchristlicher Annahmen zeigen sich in
ihren eigenen Schriften meist nur am Rande. Sie werden nicht selten erst
von Studenten und noch später von Kollegen entdeckt. Tragischerweise ist
die Person, die sich die Voraussetzungen ungewollt eingehandelt hatte, oft
die letzte, die bereit ist, das zu erkennen. Und wenn dann die Tatsache zu
Bewusstsein kommt, ist da noch die dauernde und schwer zu widerstehende
Verlockung, die Dogmengeschichte so umzuschreiben, dass sie zu den eige-
nen neuen Ansichten über die Heilige Schrift passt. Es wäre weit ehrenhaf-
ter einfach einzugestehen, dass die historische christliche Position immer
die der Irrtumslosigkeit der Schrift war und dass viele dies erst in jüngerer
Zeit nicht mehr glauben wollen. Aber das gelingt nur einigen der ganz libe-
ralen Wissenschaftler. Weil sich nicht alle Verfechter einer fehlerhaften Bi-
bel in der Lage sehen, ebenso offen und ehrlich zu sein, ist es unsere Pflicht
die Voraussetzungen, die die volle Autorität der Heiligen Schrift untergra-
ben, offenzulegen “und jeden Gedanken gefangen zu nehmen unter den Ge-
horsam Christi” (2Kor 10,5).

1 Philosophische Voraussetzungen aus Altertum und Mittelalter

Die beiden dominierenden philosophischen Richtungen des alten Griechen-


land sind der Aristotelismus und der Platonismus. Beide Philosophien leh-
ren viele Grundlagen, die ein evangelikaler Christ nicht übernehmen kann.
Aristoteles [384-322 v. Chr.] meinte, dass Stoff und Form ewig seien, der
menschliche Körper aber sterblich. Die Gottheit, als das vollkommenste
Wesen, könne die Welt nicht lieben. Das steht offensichtlich im Gegensatz
zur Heiligen Schrift. Plato [427-347 v. Chr.] lehrte ebenfalls die Ewigkeit
der Materie, die Unsterblichkeit der Seele und eine Erlösung der Seele als
170 Norman L. Geisler:
Befreiung vom Leiblichen durch menschlich intellektuelle Anstrengung.
Schon damit stehen beide Philosophen im Widerspruch zum Christentum.

1.1 Der angeblich aristotelische Hintergrund der Lehre von der Irrtumslosig-
keit der Bibel

Jack Rogers behauptet nun, dass die aristotelische Überbetonung von


menschlicher Vernunft und logischem Denken von bestimmten Theologen
nach der Reformation – er nennt z.B. François Turrettini [1623-87] – aufge-
nommen worden seien. Dadurch sei ein orthodoxes Christentum mit einer
scholastischen Neigung zur Aufstellung und Ableitung genauer Dogmen
entstanden, was erst zur Lehre von der Irrtumslosigkeit der Bibel geführt
habe. Dieser Lehrsatz, so Rogers weiter, sei dann später von den Prince-
ton-Gelehrten Charles Hodge [1797-1878] und Benjamin B. Warfield
[1851-1921] in den Kanon christlicher Lehre aufgenommen worden. Ro-
gers wörtlich:
Die alte Princeton Tradition hat ihre Wurzeln in der Scholastik von
Turrettini und Thomas von Aquin. Diese Tradition ist eine Gegenre-
aktion, die entwickelt wurde, um Angriffe der wissenschaftlichen Bi-
belkritik abzuwehren. Das Verlangen danach, Vernunftgründe für
die Autorität der Bibel zu haben, statt sie einfach zu glauben, scheint
sich mit einer starken Bindung an die aristotelische Philosophie ver-
einigt zu haben1.
Rogers‘ Behauptung stimmt in mehrfacher Hinsicht nicht mit den Fakten
überein. Erstens hat der “aristotelische” Turrettini nicht die Lehre von der
Irrtumslosigkeit der Bibel erfunden. Mehr als ein Jahrtausend vor Turrettini
hielt der “platonische” Augustinus [354-430], in dessen Adern kaum ein
Tropfen aristotelisches Blut floss, an der Irrtumslosigkeit fest. Augustinus
schrieb an Hieronymus [340/50-420]: “Ich habe gelernt solchen Respekt
und Ehre allein den kanonischen Büchern der Schrift zu geben: von diesen
allein glaube ich fest, daß ihre Autoren völlig frei von Irrtümern waren”.
Was machte Augustinus mit den scheinbaren Widersprüchen in der Bibel?
Auf die Frage antwortet er so: “Ich zweifele nicht daran, daß dann entweder
diese Abschrift fehlerhaft ist oder der Übersetzer die Bedeutung des Ausge-
sagten nicht verstanden hat oder daß ich selber in meinem Verständnis fehl-

1
Jack Rogers, Biblical Authority, Waco: Word, 1977. S.45.
Philosophische Voraussetzungen 171
2
gehe” . An anderer Stelle schrieb Augustinus: “Es scheint mir, daß
schlimmste Konsequenzen daraus entstehen müssen, wenn wir meinen, es
wäre irgend etwas Falsches in den heiligen Bücher zu finden” und fügt hin-
zu, “Wenn du auch nur eine falsche Aussage in diesem Heiligtum des Höch-
sten annehmen willst, [...] wird keine einzige Aussage dieser Bücher beste-
hen bleiben, [...] die nicht jemand, wenn sie ihm in der Praxis zu anstrengend
oder zu glauben zu schwer erscheint, mit dieser verhängnisvollen Regel für
ungültig erklärt”3.
Zweitens, Augustinus, in dessen Tradition Rogers selbst steht, war nicht
der Fideist4, den Rogers aus ihm machen will. Rogers lehnt Turrettini ab,
weil der “Vernunft über Glaube” gesetzt habe. Wenn Rogers damit meint,
dass man den Satz vom Widerspruch5 nicht anwenden dürfe, um die Stim-
migkeit einer angeblichen Offenbarung zu prüfen, dann steht er damit gegen
Augustinus und die Heilige Schrift. Paulus warnt Timotheus (1Tim 6,20) er
solle “Widersprüche” vermeiden und benutzt dabei das starke Wort avnti-
qe,seij (antitheseis). Wenn der Satz vom Widerspruch nicht auf Offenbarun-
gen anwendbar ist, wie könnte man der biblischen Aufforderung nachkom-
men, “die Geister zu prüfen” mit dem Ziel den Geist der Wahrheit vom
Geist des Irrtums zu unterscheiden (1Joh 4,1-3)? Genauso unmöglich wäre
es, ohne die Anwendung des Satzes vom Widerspruch einen falschen Pro-
pheten oder falschen Messias vom wahren zu unterscheiden (Mt 24,24).
Wenn eine Aussage zur gleichen Zeit in demselben Sinne wahr und falsch
sein kann (was der Satz vom Widerspruch gerade ausschließt), dann gibt es
keine Möglichkeit Wahrheit von Falschem zu differenzieren.
Drittens, Rogers redet so, als ob Aristoteles den Satz vom Widerspruch
erfunden hätte. Bestenfalls könnte man sagen, Aristoteles habe als erster
Philosoph des Abendlandes diesen Satz systematisch dargelegt. Solange es
2
Augustinus, Epistulae, LXXXII,3. [Lat. CSEL Bde 34.44.57.58]
3
Ebd., XXVIII,3.
4
[Als “Fideismus” hat man eine Form des Traditionalismus bezeichnet, die im 19.
Jhdt. aufkam und der fehlbaren Vernunft jede Autorität absprach. Unfehlbarkeit
müsse immer ohne Beweise bleiben und könne nur geglaubt werden. N. Geisler
benutzt hier nur den Begriff, um eine Haltung zu benennen, die jedes Vernunftar-
gument als Ausdruck des Unglaubens ablehnt.]
5
[Die aristotelische Logik beruht auf einer Reihe von Prinzipien, die zu richtigen
Schlüssen führen sollen. Das oberste Prinzip ist der Satz vom Widerspruch, der
besagt: „Es ist ausgeschlossen, daß ein und dasselbe Prädikat einem und demsel-
ben Subjekte zugleich und in derselben Beziehung zukomme und auch nicht zu-
komme“ (Aristoteles, Metaphysik, II)]
172 Norman L. Geisler:
überhaupt denkende Menschen gibt, war auch der Satz vom Widerspruch in
Gebrauch. Widerspruchsfreiheit spiegelt die Folgerichtigkeit der Gedanken
Gottes wider. Insofern der Mensch als Gottes Ebenbild geschaffen wurde,
sollte es auch nicht befremden, dass Widerspruchsfreiheit ein Grundprinzip
menschlichen Denkens ist.
Viertens benutzen auch Rogers und andere Verfechter einer fehlerhaften
Bibel den Satz vom Widerspruch als Stütze ihrer Auffassung. Der eigentli-
che Grund, warum sie Verfechter einer fehlerhaften Bibel sind, ist doch ihr
Glaube, die Bibel enthalte Irrtümer oder Widersprüche. Wie könnten sie er-
kennen, dass irgendwo Widersprüche bestehen, wenn sie nicht den Satz
vom Widerspruch anwenden? In diesem Sinn müssen Rogers und alle, die
von einer fehlerhaften Bibel ausgehen, selber vom Prinzip “Vernunftgründe
über Glauben” Gebrauch machen. Sie selber akzeptieren nicht “durch Glau-
ben” alles, was die Schrift aussagt. Im Gegenteil, sie argumentieren (unter
Benutzung des Satzes vom Widerspruch), dass zwei sich widersprechende
Aussagen nicht zugleich wahr sein können und jede Aussage, die im Gegen-
satz zu den Fakten steht, falsch sein muss.
Auf die gleiche Weise haben Hodge, Warfield und andere die grundle-
genden und unausweichlichen Gesetze menschlicher Logik angewandt, um
die Lehre von der Irrtumslosigkeit aus der Heiligen Schrift zu gewinnen.
Die Lehre von der Irrtumslosigkeit ist der einzig zulässige Schluss aus zwei
Wahrheiten, die die Bibel unzweifelhaft lehrt: (1) die Bibel ist die entschei-
dende Äußerung Gottes; (2) was immer Gott aussagt, ist völlig wahr und
ohne Irrtümer. Jeder, der die einfachsten Gesetze des Schlussfolgerns kennt,
wird sofort sehen, dass sich eine und nur eine Folgerung aus diesen beiden
biblischen Prämissen ergibt: was immer die Bibel aussagt, muss völlig wahr
und ohne Irrtum sein.
Schließlich waren es nicht Thomas von Aquin oder François Turrettini,
die zuerst die Logik auf Gottes Offenbarung anwandten. Die biblischen
Schreiber fordern vielmehr selbst die Gläubigen auf, Widersprüche zu ver-
meiden und warnen vor allem, was im Gegensatz zur gesunden Lehre steht
(1Tim 6,20; 1,10). Selbst Tertullian, der unter den Kirchenvätern vielleicht
die stärkste Tendenz hatte, Vernunftgründe gegenüber dem Glauben abzu-
werten6, sagte: “Alle Eigenschaften Gottes sollten, weil sie natürlich sind,
6
[Er schrieb z.B.: “Man hüte sich vor solchen, die ein stoisches, platonisches und
dialektisches [aristotelisches] Christentum erfunden haben! Wir bedürfen seit
Christus Jesus des Forschens nicht länger, noch des Untersuchens, seit wir das
Evangelium besitzen. So wir glauben, verlangen wir über den Glauben hinaus
Philosophische Voraussetzungen 173
auch der Vernunft einsichtig sein. Ich verlange Gründe für die Güte Gottes,
denn es kann nichts anderes zu recht gut genannt werden, als was auch der
Vernunft gut erscheint; noch viel weniger kann Güte selbst zur Unvernunft
verkehrt werden”7. Selbst der Vater des modernen Existentialismus, Sören
Kierkegaard, bekräftigte, dass man nicht glauben soll, was absurd oder wi-
dersprüchlich sei8 und ging so weit, zu sagen, dass “die ewige wesentliche
Wahrheit selbst keineswegs das Paradox” ist9. Wenn Rogers wirklich ver-
neinen will, dass die Gesetze der Logik bei Gott oder seiner Offenbarung
Anwendung finden dürfen, dann geht er - so unglaublich das scheinen mag -
noch hinter Tertullian und Kierkegaard in einen irrationalen Fideismus zu-
rück.

1.2 Platonische Voraussetzungen

Eine weitere Ironie in Rogers‘ Position ist seine Annahme, die platonischen
Voraussetzungen, die die Diskussion um die Irrtumslosigkeit der Schrift be-
einflussen, seien relativ harmlos. Während Rogers bewusst den “aristoteli-
schen Rationalismus” eines Turrettini verwirft, übernimmt er selber unbe-
wusst eine Art von “platonischen Spiritualismus”. Plato lehrte, dass die
Welt, die unsere Sinne wahrnimmt, nicht die reale Welt sei. Real sei nur die
Welt der Ideen, die der Substanz ihre Form gebe. Darum ist für Plato, Wahr-
heit nur in der geistigen Welt der Ideen zu finden. Die materiale Welt, die
Welt von Raum und Zeit also, ist bestenfalls ein Schattenbild der realen
Welt der Ideen. In späteren gnostischen Formen des Platonismus ist die kör-
perliche, materiale Welt sogar wesentlich böse.

nichts mehr. Denn das ist unser oberster Glaubensartikel: daß da nichts sei, was
wir über den Glauben hinaus noch zu glauben hätten” (De praescriptione haereti-
corum 7,11-13). Zu dem eigenartigen Miteinander von Ablehnung der Philoso-
phie im Kampf gegen die Gnosis und einer beinahe rationalistischen
Argumentation in bezug auf das Wesen Gottes siehe Bengt Hägglund, Geschichte
der Theologie: ein Abriß, München: Kaiser, 1990. S. 40-44.]
7
Tertullian, Contra Marcion, I,23.
8
Sören Kierkegaard, Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift zu den Philo-
sophischen Brocken. Gesammelte Werke, Abt. 16,2, Köln: Diederichs,
1951-1966, S. 280. [„Nonsens kann er daher nicht gegen den Verstand glauben,
was vielleicht einer befürchten mag; denn der Verstand wird es gerade durch -
schauen, daß es Unsinn ist“.]
9
Ebd. Abt. 16,1, S. 196.
174 Norman L. Geisler:
Rogers nimmt offenbar nicht wahr, dass diese dualistische Trennung
zwischen einer materialen und einer geistigen Welt eine der philosophi-
schen Voraussetzungen darstellt, die das Wurzelwerk der Behauptung einer
fehlerhaften Bibel bilden. Warum sonst lehnen einige mit der Irrtumslosig-
keit der Heiligen Schrift auch die leibliche Auferstehung Jesu ab und be-
haupten eine geistige Auferstehung? Wir sollten uns daran erinnern, wie die
griechischen Philosophen reagierten, als Paulus von der leiblichen Auferste-
hung Jesu sprach: sie spotteten (Apg 17,32). Warum? Weil nach der Lehre
Platos und anderer griechischer Philosophen, das Materiale vom Geistigen
geschieden werden müsse und ihm gegenüber minderwertig sei. Kurz ge -
sagt: Auf die Materie kommt es nicht an! (Matter doesn‘t really matter!)
oder: Kümmere dich um nichts außer um den Geist und das Geistige! (Ne-
ver mind anything except mind and the spiritual!) Könnte das der Grund da-
für sein, warum einige unserer Brüder, die eine fehlerhafte Bibel verfechten,
so bereitwillig bestimmte Aussagen der Bibel über die materiale Welt auf-
geben, um dann die “geistigen” Wahrheiten als wesentlich hervorzuheben
und nur diese für unfehlbar zu halten?
Historisch gesehen ist es kaum fraglich, dass die platonische Philosophie
die allegorische Schriftauslegung beeinflusst hat, die dann den buchstäbli-
chen Sinn der Schrift verdrehte oder sogar ablehnte. Dieser unzweifelhaft
platonische Einfluss steht im Gegensatz zu der Position, die die Aussagen
der Bibel deswegen in ihrem buchstäblichen und historischen verstanden
wissen will, weil genau das von Gott und den menschlichen Autoren der
Schrift beabsichtigt war. Von daher ist es schon interessant, dass die ur-
sprünglich platonische Philosophie, die Rogers gegenüber Aristoteles be-
vorzugt, zum antiken Vorläufer der modernen Bestreitung der Irrtumslosig-
keit der Bibel geworden ist.

2 Moderne philosophische Voraussetzungen, die die Lehre von der


Irrtumslosigkeit der Schrift untergraben

Es würde Bücher füllen, die verschiedenen Philosophien sorgfältig dazu-


stellen, die zu einer Ablehnung der Irrtumslosigkeit der Bibel geführt haben.
Der Platz an dieser Stelle erlaubt es nur die zu erwähnen, die für das moder-
ne Denken besonders prägend waren. Die Saat zur Ablehnung der Irrtums-
losigkeit war schon im späten Mittelalter und in der Reformationszeit vor-
handen. Roger Bacons [ca. 1214 - ca. 1292] Forderung für alle Erkenntnis
Philosophische Voraussetzungen 175
auf unmittelbare, experimentelle Erfahrung zurückzugehen und William
von Ockhams [ca. 1285 - 1349] Skepsis in bezug auf den Zusammenhang
von Denken und Wirklichkeit und Sprache und Wirklichkeit sind zwei sol-
che Saatkörner. Allerdings wurde die traditionelle Lehre von der Schrift
durch diese Einflüsse nicht ernsthaft und schon gar nicht öffentlich beschä-
digt. Das geschah erst nach der Reformation. Der bedeutendste Ausbruch
begann im 17. Jahrhundert, auf das wir jetzt unsere Aufmerksamkeit richten.

2.1 Francis Bacon und der Empirismus

Rund hundert Jahre nach der Reformation veröffentlichte Francis Bacon


[1561-1626] sein berühmtes Novum Organum (1620), mit dem er eine Stati-
on auf dem Weg zum modernen Bibelkritizismus und der Verwerfung der
vollen Autorität und Irrtumslosigkeit der Bibel zurücklegt. Die Irrtumslosig-
keit wird in diesem Werk mit verschiedenen Behauptungen untergraben.

2.1.1 Wahrheit muss auf induktivem Weg erforscht werden


Nachdem Bacon die alten “Idole” [Trugbilder, Götzenbilder] der deduk-
tiven Methode zur Erforschung der Wahrheit beseitigt hat, argumentiert er:
“Das bei weitem beste Beweismittel ist die Erfahrung, wenn sie bei dem
Versuche selbst stehen bleibt”10. Die induktive Methode, sagt Bacon, ist der
einzig wahre Weg zur Interpretation der Natur11. Man kann nachvollziehen,
inwiefern Bacon seine induktive Logik als geeignete Methode für die Natur-
wissenschaften ansieht, aber er geht weit über jedes vernünftige Maß hinaus
und behauptet eine universelle Anwendbarkeit. Er schreibt:
Man wird auch, wenn nicht als Einwand, doch als Zweifel hinstellen,
ob ich hier bloß von der Naturphilosophie spreche, oder auch von
den übrigen Wissenschaften, und ob auch die Logik, die Ethik, die
Politik auf dem von mir verlangten Wege vollendet werden solle. Al-
lerdings soll das von mir Gesagte für Alles gelten. So wie schon die
10
Francis Bacon, Novum Organon, Buch 1,70. [Die hier wiedergegebenen Zitate
entsprechen der Übersetzung von J. H. von Kirchmann in der Philosophischen Bi-
bliothek Berlin: L. Heimann, 1870. Die neueste Ausgabe ist jetzt: Francis Bacon,
Novum Organon, Lat.-dt. 2 Tle. Hg. W. Krohn. Hamburg: Meiner, 1990.]
11
[“Die wahre Methode der Erfahrung zündet zunächst das Licht an und zeigt dann
mit Hilfe des Lichtes den Weg; sie geht von wohlgeordneter und verdauter, nicht
stümperhafter und verworrener Erfahrung aus, leitet aus ihr Axiome ab und geht
von den anerkannten Axiomen zu neuen Experimenten weiter”(Ebd.1,82).]
176 Norman L. Geisler:
gewöhnliche Logik, welche durch den Syllogismus regiert, nicht
bloß auf die Natur-Wissenschaft, sondern auf alle sich erstreckt, so
umfasst auch die meinige, welche durch die Induktion vorschreitet,
sie alle12.

2.1.2 Naturwissenschaft entwirft das wirkliche Abbild der Welt


In Kenntnis seiner Begeisterung für die induktive Methode und ihre uni-
verselle Ausdehnung, ist es nicht überraschend Bacon sagen zu hören: “Ich
bin dabei dem menschlichen Verstehen ein wahres Abbild der Welt zu
schaffen”. Dieses neue und “wahre” Abbild, so traut sich Bacon zu behaup-
ten, werde “des Schöpfers eigene Handschrift in seiner Schöpfung” offen-
baren. Er geht sogar soweit, seine Methode mit “den Ideen des Göttlichen”13
gleichzusetzen.

2.1.3 Wahrheit wird pragmatisch erkannt


Bacon sah nun deutlich, dass diese Methode auch einen pragmatischen
Test für die Wahrheit mit sich brachte, in der Art: Wenn etwas funktioniert,
ist es wahr. “Deshalb sind gerade die Dinge selbst die Wahrheit und der Nut-
zen”14. Wahrheit und Nutzen sind also gleichbedeutend. Denn “von den An-
zeichen ist keines sicherer und bedeutender wie das von den Früchten ent-
lehnte. Denn die Früchte und Entdeckungen sind gleichsam die Bürgen,
welche für die Wahrheit einer Philosophie einstehen”15. Kurz gesagt: Alle
Wahrheit wird durch ihre Resultate geprüft. Hier sehen wir den sogenannten
Pragmatismus vor uns, rund 300 Jahre vor seinen Begründern William
James [1842-1910] und John Dewey [1859-1952].

2.1.4 Die Trennung von Wissenschaft und Bibel


Manche haben fälschlicherweise behauptet, dass Thomas von Aquin für
die Trennung von Glaube und Vernunft verantwortlich sei. Diese Sicht wird
aber historisch nicht gestützt. Thomas vollzog zwar eine formale Unter-
scheidung beider Gebiete, aber keine wirkliche Trennung. Für Thomas war
menschliche Vernunft bestenfalls begrenzt und fehlbar, aber nicht in der

12
Ebd. 1,127.
13
Ebd. 1,124.
14
Ebd.
15
Ebd. 1,73.
Philosophische Voraussetzungen 177
16
Lage, die Inhalte des christlichen Glaubens hervorzubringen . Vernunft-
gründe seien nur Diener des Theologen, Werkzeuge zur Erforschung und
Formulierung des Glaubens17. Was aber Thomas nicht tat, das taten später
Leute wie Bacon. Er trennte den Bereich der Vernunft und Wissenschaft
völlig vom Bereich des Glaubens und der Religion ab. Er schrieb: “Diese
Eitelkeit ist umsomehr zu hindern und ihr entgegenzutreten, da aus der un-
gesunden Vermischung des Göttlichen und Menschlichen nicht bloß eine
phantastische Philosophie, sondern auch eine ketzerische Religion heraus-
kommt. Es ist deshalb sehr heilsam, wenn mit nüchternem Verstande dem
Glauben nur gegeben wird, was des Glaubens ist”18. Aus diesem Grund
“muß man die heilige Theologie allein aus den Worten und Offenbarungen
Gottes quellen lassen, nicht aber aus dem Licht der Natur oder aus den Ge-
boten der Vernunft”. Bacon ging so weit, zu sagen: “Wir sind verpflichtet
das Wort Gottes zu glauben, obwohl unsere Vernunft dadurch erschüttert
wird”. Und darum “je unsinniger und unglaublicher irgend ein göttliches
Geheimnis ist, desto größere Ehre erweisen wir Gott, wenn wir daran glau-
ben; und der Sieg des Glaubens wird umso edler sein”19.

2.1.5 Wissenschaft und die Bücher Genesis und Hiob haben nichts miteinander zu
tun
In Kenntnis der völligen Trennung von Glaube und Wissenschaft bei
Bacon, ist man nicht mehr erschreckt zu hören, dass er jede Hermeneutik
entzaubern will, die die biblischen Aussagen in der Genesis oder bei Hiob
für faktisch richtig hält. Bacon sagt: “Dieser Eitelkeit haben aber einige
Neuere mit großem Leichtsinn sich überlassen, so daß sie ihre Naturphiloso-
phie auf das erste Kapitel des ersten Buchs Mosis und auf das Buch Hiob
und andere heilige Bücher zu gründen versucht haben. Sie haben das Leben-
dige unter dem Toten gesucht.”20. Sicher, es ist eine Sache moderne natur-
wissenschaftliche Theorien in die antike Poesie hineinzulesen21, aber eine
16
Thomas von Aquin, Summa contra Gentiles, I,4,3-5.
17
Ders., Summa Theologica, II,II,2,10.
18
Bacon, Novum Organum, 1,65.
19
Ebd. Buch 4.
20
Ebd. 1,65.
21
Harry Rimmer erkennt die moderne Wellentheorie des Lichtes in Hiob 38,7 wie-
der, wo in einigen englischen Bibelübersetzungen von “singenden” Sternen die
Rede ist. The Harmony of Science and Scripture, Grand Rapids: Eerdmans, 1952.
S.127. [Auch in Deutschland wurden ähnliche Gedanken veröffentlicht, z.B. in
178 Norman L. Geisler:
ganz andere sämtliche raum-zeitlichen Aussagen aus einem Buch ausschei-
den zu wollen, das seine Autorität von dem Schöpfer des physischen Uni-
versums erhalten hat. Damit geht Bacon mit Sicherheit zu weit.
Es ist nicht schwer zu erkennen, dass Bacon hier eine Grundlage für eine
Ansicht gelegt hat, die der Bibel solange Unfehlbarkeit zugesteht, wie sie
von “geistlichen Dingen” spricht. Aber bei den historischen und wissen-
schaftlichen Dingen spreche sie nicht irrtumslos. Wenn wir also der Wissen-
schaft alles zuordnen, was ihr zugehört (d.h. in Bacons System alle Wahr-
heit), was bleibt dann für die Religion über? Für Bacon und noch klarer für
den späteren Thomas Hobbes, hat die Bibel allein religiöse und evokative22
Funktion. Sie führe uns damit zwar zu Ehrerbietung und Gehorsam Gott ge-
genüber, habe aber weder einen erkenntnistheoretischen Wahrheitsan-
spruch in bezug auf Gott noch mache sie Aussagen über das physische Uni-
versum.

2.2 Thomas Hobbes und der Materialismus

Thomas Hobbes [1588-1679] scheint, wie Bacon, auf den ersten Blick ein
Christ zu sein. Aber mit Rücksicht auf das Fehlen religiöser Toleranz zu sei-
ner Zeit und die daraus folgende natürliche Angst, die man haben musste,
offen gegen das Christentum zu reden, ist es wahrscheinlich besser, Hobbes
als Scheinchristen zu verstehen, der seine Zunge in Zaum halten konnte. Er
wird im Allgemeinen als der Vater des modernen Materialismus angesehen.
Auf vielfache Weise untergraben auch Hobbes‘ Ansichten die überlieferte
Lehre von der Autorität der Heiligen Schrift.

2.2.1 Die materialistische Betonung der sinnlichen Erfahrung


Hobbes glaubte als Vorläufer von David Humes [1711-76] skeptischen
Empirismus, dass sich alle menschlichen Ideen auf sinnliche Erfahrung zu-
rückführen ließen. “Der Ursprung von dem allen heißt Sinn. Denn wir kön-
nen uns nichts denken, wenn es nicht zuvor ganz oder zum Teil in einem un-
serer Sinne erzeugt war. Von diesen ersten Eindrücken aber hängen alle

dem Buch von K. Clays, Die Bibel lehrt die modernen Naturwissenschaften.]
22
[Evokativ = lat. hervorrufen; Vorstellungen und Erlebnisse erweckend; hier: sinn-
gebend; religiöse Vorstellungen und Gefühle hervorrufend.]
Philosophische Voraussetzungen 179
23
nachherigen ab” . Hobbes vertritt einen eindeutigen Materialismus. Er er-
klärt:
Denn da das Universum die Summe aller Körper ist, gibt es weder ei-
nen realen Teil davon, der nicht auch Körper ist, noch irgendeinen
Körper im eigentlichen Sinne, der nicht auch ein Teil (dieser Summe
aller Dinge) des Universums ist.24

2.2.2 Die Rede von Gott ist evokativ, aber nicht beschreibend
Hobbes behauptete: “Von dem, was wir unendlich nennen, kann also
keine Vorstellung und kein Gedanke ausgehen. [...] Deshalb ist Gottes
Name nicht dazu unter uns, daß wir ihn durchschauen (denn er ist unbegreif-
lich, und seine Größe und Macht ist über allen Begriffen erhaben), sondern,
daß wir ihn ehren sollen”25. Damit ist Hobbes ein Vorläufer der logischen
Positivisten und der analytischen Sprachphilosophie, die Erkenntnisse aus
offenbarter Sprache für unmöglich hält. Ganz wie später A. J. Ayer behaup-
tete, dass alle Rede von Gott buchstäblicher Unsinn sei26. Wenn es keine
sinnvoll beschreibende Rede von Gott gibt, dann ist selbstverständlich auch
keine der beschreibenden Aussagen der Bibel über Gott sinnvoll. Unnötig
zu sagen: wenn Hobbes recht hätte, müsste das verheerende Auswirkungen
auf die gesamte göttlich inspirierte Offenbarung haben, die uns doch über
Gott informieren will.

2.2.3 Wunder werden in Frage gestellt


Hobbes diskreditierte den Glauben der Naturreligionen, indem er be-
hauptete, sie seien nur auf Meinungen über Geister, Unwissenheit und
Angst gegründet27. Übernatürliche Religion basiere auf Wundern. Aber die

23
Thomas Hobbes, Leviathan, aus d. Lat. übers. v. Jacob P. Mayer, Stuttgart: Re-
clam, 1970. Teil 1, Kap 1, S. 11. [Es gibt verschiedene deutsche Ausgaben des Le-
viathan, die von verschiedenen Originalen ausgehen. Den ersten Text verfasste
Hobbes auf Latein, die späteren englischen weichen z.T. stark davon ab. N. Geis-
ler benutzte auch verschiedene Ausgaben, die nicht durchweg mit den Originalen
der deutschen Übersetzungen übereinstimmen.]
24
Thomas Hobbes, Leviathan, aus d. Engl. übertr. v. Jutta Schlösser. Hamburg:
Meiner, 1996. Teil 3, Kap 34, S. 332.
25
Hobbes, Leviathan, lat. Kap 3, S. 26-27.
26
A. J. Ayer, Language, Truth and Logic, New York: Dover Publ. [um 1978], Kap.
1.
27
Hobbes, Leviathan, engl. Teil 1, Kap 12, S.96-99.
180 Norman L. Geisler:
Glaubwürdigkeit dieser Wunder sei außerordentlich schwach, denn es gebe
gefälschte Wunderberichte, Widersprüche und eine Kirche, die zwar ihre
Wahrheit behaupte, aber selber ungerecht sei. Also würden Wunder den
Glauben letztlich schwächen, denn “wo also Wunder schwanden, schwand
auch der Glaube”28. Hobbes scheint den Wundern ihre Glaubwürdigkeit da-
durch nehmen zu wollen, dass er sie in ein schlechtes Licht stellte. Damit
öffnet er den späteren Deisten und Naturalisten Tür und Tor, alles Wunder-
hafte zu verwerfen. Offensichtlich könnte die Bibel keine übernatürliche
Offenbarung Gottes sein, wenn Hobbes mit seinen Annahmen recht hätte
und es keine Wunder gäbe.

2.2.4 Die Bibel enthält Absurditäten, die man in blindem Glauben akzeptieren muss
Manche halten fälschlicherweise Kierkegaard für denjenigen, der ge-
lehrt habe, wir müssten blind einen Glaubenssprung in den Bereich des ra-
tional Unsinnigen machen. Was Kierkegaard tatsächlich nicht lehrte, das
lehrte Hobbes. Unsere “natürliche Vernunft” sei das unzweifelhafte “Wort
Gottes”29, sie müsse “nicht ausgewickelt werden aus der Verpackung eines
impliziten Glaubens”. Und weiter behauptete er, dass “viele Dinge in Gottes
Wort die Vernunft übersteigen, d.h. sie können durch die natürliche Ver-
nunft nicht bewiesen werden noch widerlegt”. Sie seien “nicht verstehbar”,
so dass wir mit dem “Willen zum Gehorsam” leben müssen und “mit Wi-
dersprüchen nachsichtig; wenn wir so antworten, dann als ob wir (von der
gesetzmäßigen Autorität) befehligt werden [...] und wir schenken Glauben,
dem der gesprochen hat, obwohl der Verstand in keiner Weise von all den
gesprochenen Worten erreicht wurde”. An anderer Stelle spricht Hobbes
von der Gottheit Christi und der Dreieinigkeit als von unübersetzbaren “Ab-
surditäten”30. Nähme man seine Worte ernst, stellten sie eine unübertroffen
unverhohlene Form von blindem Fideismus dar. Für unsere Studie ist be -
sonders die radikale Trennung von Glaube und Vernunft wichtig und der of-
fensichtliche Verweis der Glaubensdinge in einen nicht überprüfbaren para-
doxen Bereich des Absurden und Widersprüchlichen.

28
Ebd. S.100.
29
Ebd. lat. Teil 2, Kap. 31, S. 296-297.
30
Ebd. Teil 3. [Dieser Wortlaut konnte nicht aufgefunden werden; Teil 1, Kap. 7, S.
62 lautet aber ähnlich: „Denn nicht allein die Christen, sondern alle Menschen
glauben so an Gott, daß sie alles für wahr annehmen, was er gesagt hat oder sagen
wird; sie mögen es mit ihrem Verstande begreifen oder nicht. Einen höheren Grad
des Glaubens gibt es nicht.“]
Philosophische Voraussetzungen 181
2.2.5 Die Bibelkritik
Hobbes war einer der ersten modernen Autoren, die ausdrücklich eine
Bibelkritik befürworteten. In einem Abschnitt des Leviathan unterstellt er:
“Unter dem Geiste Gottes versteht die Heilige Schrift oft den Geist des
Menschen, der im Dienste Gottes ist”31. Nachdem er behauptet hat, die Ge-
schichte von der Heilung eines Besessenen durch Jesus sei nur ein “Gleich-
nis”, stellt Hobbes fest: “Es sind folglich dergleichen Schriftstellen nicht im-
mer im strengen Wortsinn zu nehmen, und es läßt sich aus denselben nicht
überzeugend dartun, daß die Besessenen keine Verrückten, Rasende oder
sonst Wahnsinnige gewesen wären”32. Die Wunder der Evangelien müssten
geistlich oder gleichnishaft verstanden werden, nicht aber historisch.

2.2.6 Die völlige Trennung von Religion und Wissenschaft


In Kenntnis dieser Art von hermeneutischer Reinigung der Schrift von
allem Übernatürlichen, wundert es wenig, dass Hobbes behaupten kann:
“Die Schriften der Propheten und Apostel sollen die Menschen nicht Philo-
sophie, welche Gott zur Betrachtung und Untersuchung als eine Übung ihrer
Verstandeskräfte ihnen überlassen hat, sondern Gottesfurcht und den Weg
zur ewigen Seligkeit lehren”33. Kurz gesagt: er setzt eine völlige Trennung
von göttlicher Offenbarung und menschlicher Vernunft voraus. Darin hat
die letzte das Monopol auf die kognitive Wahrheit, während die erste nur
blinden Gehorsam ihren “geistlichen” Wahrheiten gegenüber verlangt. In
dieser Hinsicht geht Hobbes Sören Kierkegaard [1813-1855] und Karl Barth
[1886-1968] nicht nur voran, er geht über sie hinaus.

2.3 Benedictus de Spinoza und der Rationalismus

In dem jüdischen Pantheisten, Baruch Despinoza [1632-77; später nannte er


sich latinisiert Benedictus de Spinoza] trieb die Bibelkritik ihre erste Blüte.
Einen streng deduktiven Rationalismus anwendend, entwickelte Spinoza
ein System der Bibelkritik, das die folgenden Prinzipien umfasste:

31
Ebd. lat. Teil 1, Kap. 8, S. 73.
32
Ebd. S. 76.
33
Ebd. S. 75
182 Norman L. Geisler:
2.3.1 Alle Wahrheit soll auf mathematischem Wege erkannt werden
Spinoza reduzierte Wahrheit auf selbstevidente Ideen und daraus abge-
leitete Aussagen. Er behauptete, dass alle Wahrheit - auch die religiöse - auf
mathematischem Wege erkannt werde34. Alles was sich seinem deduktiv
geometrischen Vernunftprinzip nicht unterordnen ließ, wurde verworfen.

2.3.2 Die Bibel enthält Widersprüche


Es ist nicht überraschend, dass Spinoza Widersprüche in der Bibel fest-
stellte. Samuel streitet ab, dass Gott jemals etwas bereut hat (1Sam 15,29),
während Jeremia erklärt, Gott reue etwas (Jer 18,8-10). “Widersprechen
sich nicht diese Stellen ganz geradezu?”, so fragt Spinoza. “Beide Stellen
sind allgemeingültig und die eine ist der anderen entgegengesetzt; was die
eine geradezu bejaht, verneint die andere geradezu”35.

2.3.3 Die Bibel enthält nur das Wort Gottes


Jahrhunderte bevor sie zum Inbegriff der modernen Theologie wurde,
formulierte Spinoza die Idee, dass die Bibel zwar Gottes Wort enthalte, es
aber nicht sei. Von der Heiligen Schrift schreibt er, “daß sie, sofern sie das
Wort Gottes enthält, unverderbt auf uns gekommen ist”. Nicht unähnlich
späteren Liberalen behauptet Spinoza sodann: “Wer dies nur im Auge hat,
wird in dem oben Gesagten nichts finden, das mit dem Wort Gottes oder der
wahren Religion und mit dem Glauben in Widerstreit wäre oder das ihn
schwächen könnte; vielmehr wird er finden, daß ich im Gegenteil den Glau-
ben stärke”36. Mit solchen “Verteidigern” auf seiner Seite braucht das Chris-
tentum keine Feinde mehr!

34
Benedictus (Baruch) de Spinoza, Theologisch-politischer Traktat. Auf d. Grundl.
d. Übers. v. Carl Gebhardt neubearb., eingel. u. hrsg. v. Günter Gawlick. 3.,
durchges. Aufl. Hamburg: Meiner,1994.[“Da das Dasein Gottes nicht an sich be-
kannt ist, muß es notwendig aus Begriffen erschlossen werden, deren Wahrheit so
fest und unerschütterlich ist, daß es keine Macht geben und keine gedacht werden
kann, die diese Begriffe zu ändern imstande wäre” (S. 97). In seiner Ethik drückt
sich Spinoza noch klarer aus, wenn er sagt, dass jede adäquate Idee, sich allein aus
ihren Eigenschaften und Merkmalen als wahr erweisen muss und dass Wahrheit
nur durch sie selbst gezeigt werden kann. Benedictus (Baruch) de Spinoza, Ethik
in geometrischer Ordnung dargestellt. Lat.-Dt. neu übers., hrsg. u. einl. v. Wolf-
gang Bartuschat. Hamburg: Meiner, 1999. Eth II, Def IV und Eth. II,43,Schol.]
35
Spinoza, Tractatus, S. 225.
36
Ebd. S.195-196.
Philosophische Voraussetzungen 183
2.3.4 Die Bibel ist keine vorgegebene Offenbarung
Jahrhunderte vor Emil Brunner37 [1889-1966] leugnete Spinoza eine
vorgegebene Offenbarung und griff als Scheinargument die Theorie vom
“Papiernen Papst” an. Er behauptete fest, er werde zeigen, “was das Wort
Gottes in Wahrheit ist und daß es nicht in einer bestimmten Anzahl von Bü-
chern besteht”38. Sollte irgend jemand dagegen einwenden wollen: “Das
göttliche Gesetz mag immerhin den Herzen eingeschrieben sein, so ist doch
die Schrift nichtsdestoweniger das Wort Gottes”, so antwortet Spinoza: “Ich
fürchte aber im Gegenteil, daß man zu heilig sein will und dabei die Religion
in Aberglauben verwandelt, ja daß man anfängt, Zeichen und Bilder, näm-
lich das Papier und die Tinte, statt Gottes Wort zu verehren”39.

2.3.4 Die Bibel ist nur in religiösen Dingen maßgebend


Ähnlich wie Bacon und Hobbes vor ihm, begrenzte Spinoza die Autori-
tät der Bibel auf rein religiöse Fragen. Er behauptete: “Denn danach wird je-
der leicht urteilen können, daß ich nichts gegen Gottes Wort gesagt und der
Gottlosigkeit keinen Raum gewährt habe”. Wie das? “Heilig und göttlich
nennt man das, was zur Übung der Frömmigkeit und Religion bestimmt ist,
und nur solange wird es heilig sein, als die Menschen es in religiösem Sinne
gebrauchen. Hören sie auf fromm zu sein, so hört es damit auch auf, heilig
zu sein”40. Das heißt doch, nur solange die Bibel religiösen Zwecken dient,
ist sie ein heiliges Buch. Klar, dass für Spinoza die Heilige Schrift aus-
schließlich religiöse Ziele verfolgt, denn Glaube und Vernunft sind für ihn
zwei völlig getrennte Bereiche. Auf die Frage “ob der Sinn der Schrift der
Vernunft oder aber die Vernunft der Schrift angepaßt werden muß”, antwor-
tet Spinoza: “Daß jedoch die einen wie die anderen ganz und gar im Irrtum
37
[Emil Brunner, Wahrheit als Begegnung: sechs Vorlesungen über das christl.
Wahrheitsverständnis. Berlin: Furche, 1938. “Man hat [in der Orthodoxie] das
Gotteswort; im Kampf mit dem katholischen Traditionsprinzip auf der einen, dem
schwarmgeistigen Geistprinzip und dem neuaufkommenden Vernunftprinzip auf
der Seite hat man der Versuchung nicht wiederstehen können, sich seinerseits ein
System der Sicherung zu schaffen: das Bekenntnisdogma und das im Sinn der
Verbalinspiration und der geoffenbarten Lehre verstandene Bibelbuch. Der ‘pa -
pierne Papst’ tritt dem Papst in Rom gegenüber, ganz unvermerkt schiebt sich an
die Stelle der Gebundenheit an Gottes Wort die Berufung auf die reine Lehre, die
mit Gottes Wort in eins gesetzt wird” (S.23).]
38
Spinoza, Tractatus, S. 197.
39
Ebd. S. 196.
40
Ebd. S. 197.
184 Norman L. Geisler:
sind, geht aus dem Gesagten hervor. Denn ob wir der einen oder der anderen
Ansicht folgen, entweder wir müssen die Vernunft oder die Schrift verfäl-
schen”. Die Schlussfolgerung ist deutlich: “Ich habe gezeigt, daß die Schrift
nichts Philosophisches, sondern allein die Frömmigkeit lehrt und daß ihr
ganzer Inhalt der Fassungskraft und den vorgefaßten Meinungen des Volkes
angepaßt ist”41. Mit anderen Worten: Die Bibel hat der Vernunft nichts zu
sagen. Sie stellt eine Anpassung (Akkommodation42) an die falschen An-
sichten der Menschen dar, die mehr ihre Sinne als ihren Verstand zum Den-
ken benutzen. Philosophie ist aber nur für diejenigen, die vernünftig denken
(d.h. wohl in geometrischer Ordnung und pantheistisch). Die wahre Wissen-
schaft ist der Bereich des Intellekts, die Religion der Bereich des gehorsa-
men Willens.

2.3.5 Moralische Maßstäbe bestimmen die Wahrheit der Bibel


Wenn Spinoza über die Authentizität des Liebesgebotes in den Evange-
lien (Mat 22,36-40 parr) nachdenkt, kommt er zuversichtlich zu dem
Schluss:
Das kann aber nicht verfälscht sein noch von einer übereilten und ir-
renden Feder herrühren. Denn hätte die Schrift jemals etwas anderes
gelehrt, so hätte sie notwendig auch alles andere anders lehren müs-
sen, weil dies die Grundlage der ganzen Religion ist, mit deren Weg-

41
Ebd. S. 221.
42
[Der Begriff der „Akkommodation“ Gottes im Hinblick auf die Heilige Schrift
findet sich zuerst bei Johannes Calvin, der darin einen gnädigen Akt Gottes sah,
dass der unserer Schwerfälligkeit entgegenkommt. Calvin benutzte die Lehre al-
lerdings nie als hermeneutischen Schlüssel, mit dem er einen höheren oder tiefe-
ren Sinn auffinden wollte. Das Gegenteil ist der Fall: „Und doch ist das ganz und
gar unzulässig, daß wir Gott deshalb zuwenig Ehre gönnen, weil er sich dazu he-
rabläßt, mit uns nach unserer Schwerfälligkeit zu reden. Wenn Gott also in der
Schrift derb und volkstümlich spricht, sollen wir wissen, daß es unseretwegen ge-
schieht. Jeder, der angibt, er stoße sich an solcher Schlichtheit, so daß er sich dem
Worte Gottes nicht unterwerfen könne, lügt. Wer nämlich Gott, wenn er ihm nahe
ist, nicht umfaßt und hält, wird noch viel weniger sich zu seiner überirdischen
Höhe aufschwingen. [...] Obwohl die ganze Verkündigung Christi vom Himmel
stammte, sprach er doch so schlicht und vertraut, daß die Redeweise selbst gewis-
sermaßen irdisch scheinen konnte“. Johannes Calvin, Auslegung der Heiligen
Schrift: Johannesevangelium, Neukirchen, Neukirchener Verl., 1964: zu Kap
3,12; weitere Aussagen Calvins zur Sache Institutio. I,17,13; II,11,13; II,16,2;
III,18,9.]
Philosophische Voraussetzungen 185
43
nahme das ganze Gebäude mit einem Male zusammenfällt .
Spinoza wendet das gleiche moralische Kriterium auf die Frage nach der
Authentizität der ganzen Schrift an. Er meint:
Dementsprechend sind auch wir der Schrift, d.h. eben den Propheten
nur wegen ihrer durch Zeichen bestätigten Lehre Glauben schuldig.
Da wir nämlich sehen, daß die Propheten Liebe und Gerechtigkeit
über alles empfehlen und nichts anderes im Auge haben, so können
wir daraus schließen, daß sie nicht mit böser Absicht, sondern mit
aufrichtigem Herzen gelehrt haben44.
Kurz gesagt: lehrt ein Abschnitt Liebe und Gerechtigkeit, so ist er echt,
wenn nicht, ist er nicht authentisch. Spinoza bemerkt seinen Zirkelschluss
nicht, so festgelegt ist sein Denken. Wie sollten wir denn erkennen, dass das
Wichtigste der biblischen Lehre Liebe und Gerechtigkeit ist, wenn es nicht
aus der authentischen Heiligen Schrift hervorginge?

2.3.6 Kategorische Ablehnung alles Wunderhaften


Spinoza ist in der Geschichte der Philosophie einer der Autoren, die jeden
Supranaturalismus aufs Schärfste ablehnen. Der Hauptsatz seiner pantheis-
tischen Religion geht davon aus, dass Gott und Natur wesentlich gleich
sind45. Er besteht darauf, dass der Glaube an Wunder auf Ignoranz basiere
und von religiösen Autoritäten als Mittel benutzt werde, um den Glauben zu
bewahren. Spinoza findet harte Worte für diejenigen, die trotzdem an Wun-
der glauben:
Daher kommt es, daß, wer die wahren Ursachen des Wunderbaren
aufsucht und wer bestrebt ist, die natürlichen Dinge als Wissender zu
verstehen, statt als Einfältiger sie anzustaunen, oft für einen Ketzer
und schlechten Menschen gehalten und verschrieen wird von denen,
welche das Volk als die Dolmetscher der Natur und der Götter ver-
ehrt. Denn sie wissen, daß mit der Unwissenheit auch das Anstaunen,
das einzige Mittel, womit sie ihre Lehren beweisen und ihr Ansehen
behaupten, dahinschwindet46.

43
Ebd. S. 203.
44
Ebd. S. 228-229.
45
Spinoza, Eth I,14+15.
46
Ebd. Eth I, Coll.
186 Norman L. Geisler:
Spinoza war derart dogmatisch in seinem Naturalismus, dass er voller Stolz
verkündete: “Wir können also daraus unbedingt den Schluß ziehen, daß alle
wirklichen Geschehnisse, von denen die Schrift berichtet, sich wie über-
haupt alles notwendig nach den Naturgesetzen zugetragen haben”47. Warum
kann man eine derart absolute Aussage überhaupt machen? Spinoza antwor-
tet:
Es geschieht also in der Natur nichts, was ihren allgemeinen Geset-
zen widerstreitet, aber ebensowenig etwas, das mit ihnen nicht über-
einstimmt oder nicht aus ihnen folgt. Denn alles, was geschieht, ge-
schieht nach dem Willen und dem ewigen Ratschluß Gottes, d.h., wie
gesagt, alles was geschieht, geschieht nach Gesetzen und Regeln, die
ewige Notwendigkeit und Wahrheit in sich schließen48.
Spinoza beruft sich sogar auf die Bibel, um seine unverbesserlich naturalis-
tischen Voraussetzungen zu beweisen: “Von der Natur im allgemeinen ver-
sichert die Schrift an einigen Stellen, daß sie eine feste und unveränderliche
Ordnung einhalte”49. Spinoza nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er auf
die Wunder zu sprechen kommt. Er erklärt platt: “Ich kann daraus von neu-
em den Schluß ziehen, daß sowohl ein widernatürliches als auch ein überna-
türliches Wunder der reine Unsinn ist”50.

2.3.7 Systematisch aufgebaute Bibelkritik


In Kenntnis dieser radikal antisupranaturalistischen Befangenheit Spi-
nozas ist man nicht überrascht ihn als Vater weiter Teile der modernen Bi-
belkritik zu finden. Sein Tractatus war eines der Bücher, das im Europa des
späten 17. Jahrhunderts, heiß und kontrovers diskutiert wurde und das zahl-
reiche pseudonyme Auflagen erlebte51.
47
Spinoza, Tractatus, S. 106.
48
Ebd. S. 95.
49
Ebd. S.110.
50
Ebd. S.100.
51
[Der Verleger sah sich wegen eines Veröffentlichungsverbots nach der ersten
pseudonymen Auflage zu verschiedenen Verschleierungsversuchen veranlasst,
weil er weitere Auflagen drucken wollte. Zur Geschichte des Tractatus siehe die
Einleitung von Günter Gawlick in der hier zitierten Ausgabe. Zu seinen Lebzeiten
wurden Spinozas Ansichten überwiegend abgelehnt. Erst 100 Jahre nach seinem
frühen Tod entdeckten ihn J. G. Herder, G. E. Lessing. F.D. Schleiermacher und
andere wieder. Schleiermacher drückte seine Verehrung 1799 in den Reden über
die Religion so aus: “Opfert mit mir ehrerbietig eine Locke den Manen des heili-
Philosophische Voraussetzungen 187
Seine Bibelkritik begann Spinoza mit dem Pentateuch. Aufgrund be-
stimmter Namen, Ortsbeschreibungen und den Berichten von Mose in der
dritten Person schloss er, dass jemand nach der Lebenszeit von Mose der
Autor der 5 Bücher Mose gewesen sein musste. “Und da sich endlich meh-
rere Stellen im Pentateuch finden, die von Mose nicht geschrieben sein kön-
nen, so folgt, daß die Annahme, Mose sei der Verfasser des Pentateuch, der
Grundlage entbehrt, ja völlig der Vernunft widerspricht”52. Wer schrieb es
dann? Die gleiche Person, die auch den Rest des Alten Testamentes verfass-
te, Esra53.
Die Bibelkritik blieb aber nicht auf die 5 Bücher Mose beschränkt. “Ich
gehe nun weiter zu dem Büchern der Propheten”, schreibt Spinoza. “Bei
aufmerksamer Prüfung bemerke ich, daß die in ihnen enthaltenen Prophe-
zeiungen aus anderen Büchern gesammelt, [...] welche da und dort gefunden
werden konnten. Darum sind diese Bücher nichts weiter als die Fragmente
der Propheten”54. Daniel schrieb nicht das ganze Buch Daniel, sondern nur
den Teil von Kapitel 8 bis zum Schluß55. Der Kanon des Alten Testaments
wurde von den Pharisäern festgelegt56. Die Propheten redeten im allgemei-
nen nicht aufgrund einer “Offenbarung”. “Die Art der Rede und der Darle-
gung in den Briefen der Apostel zeigt daher ganz klar, daß sie nicht auf
Grund einer Offenbarung oder eines göttlichen Befehls geschrieben sind,
sondern bloß auf Grund ihres natürlichen Urteils”57.
Im Blick auf die Evangelien fragt Spinoza zweifelnd: “Wer wird aber
glauben, daß Gott viermal die Geschichte Christi habe erzählen und den
Menschen schriftlich mitteilen wollen?”58. Die christliche Zentrallehre der
Auferstehung Jesu scheidet er aus der Predigt der Apostel aus. Sie hätten die

gen verstoßenen Spinoza! Ihn durchdrang der hohe Weltgeist, das Unendliche
war sein Anfang und Ende, das Universum seine einzige und ewige Liebe, in hei-
liger Unschuld und tiefer Demut spiegelt er sich in der ewigen Welt und sah zu,
wie auch er ihr liebenswürdigster Spiegel war; voller Religion war er und voll hei-
ligen Geistes, ...” (ÜdR 54-55).]
52
Spinoza, Tractatus, S. 146.
53
Ebd. S. 150.
54
Ebd. S. 172-173.
55
Ebd. S. 176.
56
Ebd. S. 182-183.
57
Ebd. S. 188.
58
Ebd. S. 202.
188 Norman L. Geisler:
Religion “als allgemeines Gesetz und bloß kraft des Leidens Christi allen
Menschen gepredigt”59.
Damit ist deutlich geworden, dass Spinoza bereits ein Jahrhundert vor
Johann Salomo Semler [1725-1791] und zwei Jahrhunderte vor Julius Well-
hausen [1844-1918] eine systematische, antisupranaturalistische Bibelkritik
aufbaute. Tatsächlich finden sich praktisch alle zentralen Aussagen des mo-
dernen Liberalismus bereits bei Spinoza: angefangen bei der Aussage “Die
Bibel enthalte nur Gottes Wort”, über eine Akkommodationstheorie [die
Aussagen der Bibel seien dem Weltbild der damaligen Menschen ange-
passt], den Rationalismus, den Naturalismus, der Behauptung, die Bibel sei
nur für den Bereich der Religion relevant, das moralische Kriterium für die
Suche nach dem Kanon im Kanon und sogar eine Form von allegorischer
Schriftauslegung [S. 107].

2.4 David Hume und der skeptische Empirismus

Einer der herausragenden Philosophen zwischen Spinoza und Kant mit


weitreichenden, negativen Folgen auf die Anerkennung der Autorität der
Bibel war der schottische Skeptiker David Hume [1711-1776]. Es sind zwei
philosophische Grundvoraussetzungen, die von Hume abstammen und die
Lehre von der Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel untergraben: der
radikale Empirismus und der Antisupranaturalismus.

2.4.1 Humes empirischer Atomismus


Wie Hobbes, glaubte auch Hume, dass alle Ideen des Denkens auf einer
oder mehreren Sinneswahrnehmungen beruhen. Die Folge dieser Annahme
war Hume ganz klar: es existieren nur zwei Arten von Aussagen, die einen
Sinn haben, die definitorischen und die faktischen. Die heute berühmten
letzten Zeilen von Humes Inquiry Concerning Human Unterstanding lau-
ten:
Wenn man, von solchen Grundsätzen erfüllt, die Bibliotheken durch-
sieht, welche Verwüstung müsste man darin anrichten? Nimmt man
z.B. ein theologisches oder streng metaphysisches Werk in die Hand,
so darf man nur fragen: Enthält es eine dem reinen Denken entstam-
mende Untersuchung über Größe und Zahl? Nein. Enthält es eine
auf Erfahrung sich stützende Untersuchung über Tatsachen und Da-
59
Ebd. S. 200.
Philosophische Voraussetzungen 189
sein? Nein. Nun, so werfe man es ins Feuer; denn es kann nur Spitz-
findigkeiten und Blendwerk enthalten60.
Die Auswirkungen der Position Humes spiegeln sich in dem Buch Langua-
ge, Truth and Logic von A. J. Ayer treffend wider. Im ersten Kapitel “The
Elimination of Metaphysics” entwickelt Ayer auf der Basis der zwei Arten
von Prämissen Humes sein Prinzip der empirischen Verifizierbarkeit. Ge-
mäß diesem Prinzip kann eine Behauptung nur dann sinnvoll sein, wenn sie
entweder eine Definition darstellt (z.B. “Alle Dreiecke haben drei Seiten.”)
oder sich mit einem oder mehreren der fünf Sinne überprüfen läßt. Dieses
Prinzip hat sich natürlich als zu eng erwiesen, denn es schließt auch einige
wissenschaftliche Aussagen aus und musste revidiert werden. Die Folge-
rung aber, dass alle Rede von Gott sinnlos sei, ist geblieben und wird von
Ayer und anderen semantischen Atheisten vertreten61. Aussagen wie “Gott
liebt die Welt” und sogar “Gott existiert” sind weder rein definitorisch noch
können sie vom Glaubenden empirisch geprüft werden. Wenn sie aber nicht
mit den Sinnen verifiziert werden können, dann seien sie buchstäblich sinn-
los. “Zu sagen ‘Gott existier’ heißt eine metaphysische Äußerung zu ma-
chen, die weder wahr noch falsch sein kann”62. Metaphysische und theologi-
sche Aussagen können weder wahr noch falsch sein, weil sie überhaupt
sinnlos sind. Sie sind keine wirklichen Aussagen über die Realität, sondern
höchstens ein Ausdruck der Gefühlswelt des Aussagenden. Als solches,
“bietet moralische und religiöse ‘Wahrheit’ einzig Material für den Psycho-
analytiker”63. Dieses Schicksal trifft ebenso die biblische Offenbarung,
wenn sie in die Hände des Logischen Positivismus gerät, der aus der empiri-
schen Philosophie David Humes entstanden ist.
Aufbauend auf Humes radikalen Empirismus stellt Paul van Buren fest:
“Der Empiriker in uns sieht den Kern des Problems nicht in den Aussagen,
die über Gott gemacht werden, sondern dass überhaupt von Gott gesprochen
wird. Wir wissen nicht ‘was’ Gott ist und können somit nicht verstehen wie

60
David Hume, Untersuchung in Betreff des menschlichen Verstandes, Übersetzt,
erläutert und mit einer Lebensbeschreibung versehen von J. H. von Kirchmann.
Berlin: L. Heimann, 1869. S. 153.
61
Zum Beispiel von Paul van Buren, Reden von Gott in der Sprache der Welt: z. sä-
kularen Bedeutung des Evangeliums, übers. v. K. Huber. Zürich: Zwingli, 1965.
62
A. J. Ayer, Language, Truth and Logic, S. 115.
63
Ebd. S. 120.
190 Norman L. Geisler:
64
das Wort ‘Gott’ gebraucht wird” . Er fügt hinzu: “Wir können heute nicht
einmal verstehen, wenn die Anhänger Nietzsches rufen ‘Gott ist tot!’, denn
wenn es so wäre, wie könnten wir es wissen? Nein, das heutige Problem ist,
dass das Wort ‘Gott’ tot ist”65. Kurz gesagt, die extreme Folge von Humes
Empirismus ist ein semantischer Atheismus. Die Auswirkungen auf die
Überzeugung von einer vorgegebenen Offenbarung sind schwerwiegend.
Keine Aussage der Bibel könnte kognitiv wahr sein. Gleicherweise könnte
keine biblische Feststellung über Gott eine wirkliche Information über ihn
enthalten. Die biblische Sprache wäre in dieser Hinsicht bestenfalls ein Aus-
druck einer religiösen Verpflichtung, schlimmstenfalls nur ein emotionaler
Ausdruck für die religiösen Gefühle der menschlichen Schreiber.

2.4.2 Humes Antisupranaturalismus


Vordergründig richten sich Humes Argumente gegen Wunder nicht wie
bei Spinoza gegen die Möglichkeit von Wundern, sondern gegen ihre
Glaubwürdigkeit. Die Argumentation kann wie folgt zusammengefasst
werden:

1. Jedes Naturgesetz ist auf dem höchsten Grad von Wahrscheinlichkeit


begründet, weil es eine Regel darstellt.
2. Jedes Wunder basiert aber auf dem niedrigsten Grad von Wahr-
scheinlichkeit, weil es eine Ausnahme ist.
3. Ein kluger Mensch muß seine Überzeugungen auf dem höchsten
Grad von Wahrscheinlichkeit aufbauen.
4. Darum wird ein kluger Mensch niemals daran glauben, dass es Wun-
der gegeben hat.66

Trotz der offensichtlichen Einschränkung, dass ein kluger Mensch die Tat-
sache eines nur einmal auftretenden Ereignisses, sagen wir der Auferste-
hung Christi, nicht völlig ausschließen soll, nur weil alle anderen Menschen
im Grab bleiben, überschreitet Hume selber seine empirische Basis, wenn er
gegen Wunder argumentiert. Nur einige Seiten nach dem oben zitierten Ab-
schnitt schreibt er:

64
Van Buren, Reden von Gott, S. 80.
65
Ebd. S. 99.
66
Hume, Untersuchung, X, Abschnitt I, S. 100ff.
Philosophische Voraussetzungen 191
Ein Wunder ist eine Verletzung der Naturgesetze. Da nun eine feste
und unveränderliche Erscheinung diesen Gesetzen zu Grunde liegt,
so ist der Beweis gegen das Wunder aus der bloßen Natur der Tatsa-
che so stark, wie irgend ein der Erfahrung entnommener Beweis, nur
gedacht werden kann.
Und nur wenige Zeilen später fügt er hinzu:
Nichts gilt als Wunder, was im gewöhnlichen Lauf der Dinge ge-
schieht. Es ist kein Wunder, wenn ein anscheinend gesunder Mann
plötzlich stirbt, weil eine solche Todesart zwar seltener als andere ist,
aber doch oft beobachtet worden ist. Aber es wäre ein Wunder, wenn
ein toter Mensch wieder lebendig würde, weil dies zu keiner Zeit und
in keinem Lande vorgekommen ist. Es muß deshalb eine allgemeine
Erfahrung jedem Wunder entgegenstehen, sonst würde das Ereignis
nicht diesen Namen verdienen67.
Der letzte Satz zeigt, dass Humes Argument in Wahrheit a priori besteht
und damit eine Voraussetzung darstellt. Er weicht einer Antwort aus, weil er
sich für einen Antisupranaturalismus entschieden hat, der allem, was in der
Welt geschieht, weil es in der Welt geschieht, eine natürliche Ursache unter-
stellt. Überflüssig zu sagen, dass wenn Hume seine antisupranaturalisti-
schen Voraussetzungen für selbstverständlich hält, die Bibel für ihn keine
übernatürliche Offenbarung Gottes sein kann. Ebensowenig kann irgendein
anderes Ereignis - einschließlich der Auferstehung Christi - ein Wunder
sein. Kurz gesagt: Wer Humes empirischen Atomismus und Naturalismus
teilt, muss Gottes übernatürliches Wort verwerfen.

2.5 Immanuel Kant und der Agnostizismus

Viele halten Immanuel Kant [1724-1804] für den Wegbereiter der moder-
nen Philosophie. Vor Kant war der Hauptstrom der europäischen Philoso-
phie rationalistisch (Descartes, Spinoza, Leibniz) und empiristisch (Locke,
Berkeley, Hume). Die Rationalisten hoben die Vernunft hervor und unter-
strichen die a priori68 Anteile des Wissens. Die Empiristen hoben die Sinne
hervor und das a posteriori. Kant begann als Rationalist, aber das Lesen von
67
Ebd. S. 105.
68
[A priori = lat. vom Früheren her: von der Erfahrung oder Wahrnehmung unab-
hängig; aus der Vernunft durch logisches Schließen gewonnen.
192 Norman L. Geisler:
David Hume war, “was mir vor vielen Jahren zuerst den dogmatischen
Schlummer unterbrach”69. In der Folge schrieb Kant seine berühmte Kritik
der reinen Vernunft, in der er eine Synthese von Rationalismus und Empiris-
mus unternahm und bei einem Agnostizismus70 ankam. Kant stellt fest, dass
der Empirist zu Recht unterstreicht, dass der Inhalt alles Wissens von den
Sinneswahrnehmungen herrührt. Aber der Rationalist hat darin Recht, wenn
er erklärt, dass alles Wissen letztlich durch Kategorien geformt wird, die a
priori im Bewusstsein vorhanden sind. Das bedeutet, das Material wird
zwar durch die Sinneswahrnehmungen geliefert, aber die Struktur ent-
stammt dem Denken. Als Ergebnis steht fest, dass nicht das Wissen unser
Bild von der Realität bestimmt, sondern dass das Wissen als Sammlung
wahrer Annahmen buchstäblich von den im Denken a priori vorhandenen
Kategorien konstruiert wird.

2.5.1 Der Agnostizismus in bezug auf Gott als Folge der reinen Vernunft
Das Resultat von Kants kreativer Synthese war ein Agnostizismus in be-
zug auf die Realität. Das Denken erkennt etwas nicht vor, sondern erst nach-
dem es sich ein Bild davon gemacht hat. Dann aber kann ich das “Ding an
sich” nicht kennen, sondern nur das Ding, wie es mir erscheint. Man kann
nur wissen, wie einem etwas erscheint, aber nicht, wie es wirklich ist. Das
erste nennt Kant phaenomena, das letzte noumena71. Zwischen Erscheinung
und Wirklichkeit liegt aber ein unüberwindbarer Graben, der im Prozess der
Erkenntnis begründet liegt.
Nach Kant gibt es einen weiteren Grund, warum wir für immer in Un-
wissenheit über das wahre Sein der Dinge bleiben. Es ist einfach dies: wann
immer jemand versuchte, die vorlaufenden Kategorien seines Denken (wie
Einheit oder Kausalität) auf die realen Dinge (noumena) anzuwenden, ver-
strickte er sich hoffnungslos in Widersprüchen und Gegensätzen. Zum Bei-
69
Kant, Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, Werke Bd. 5, A 13.
70
[Der Agnostizismus bestreitet die Möglichkeit des Wissens über das wahre Sein.
Man sagt dann z.B., über Gott, wie er wirklich ist, könne man prinzipiell nichts
wissen.]
71
[“Schon von den ältesten Zeiten der Philosophie her haben sich die Forscher der
reinen Vernunft, außer den Sinnenwesen oder Erscheinungen (phaenomena), die
die Sinnenwelt ausmachen, noch besondere Verstandeswesen (noumena), welche
eine Verstandeswelt ausmachen sollten, gedacht, und, da sie (welches einem noch
unausgebildeten Zeitalter wohl zu verzeihen war) Erscheinung und Schein vor ei-
nerlei hielten, den Verstandeswesen allein Wirklichkeit zugestanden”. Kant, Pro-
legomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, § 32, Werke Bd. 5, S. 183]
Philosophische Voraussetzungen 193
spiel endet das Prinzip der Kausalität im Gegensatz zweier Aussagen. The-
se: Alles muss eine Ursache haben. Also muss es eine erste Ursache geben,
die die Kausalkette in Gang setzte. Antithese: Wenn alles eine Ursache ha-
ben muss, dann auch die erste Ursache und die Ursache der ersten Ursache
und immer so weiter, so dass es gar keine erste Ursache gibt, sondern nur
eine unendliche Wiederkehr von Ursachen. Darum endeten wir in Wider-
sprüchen oder Antithesen, wenn wir das Prinzip der Kausalität auf den nou-
menalen Bereich der Realität anwendeten. Das sei der Beweis dafür, dass
die reine Vernunft nicht auf die Realität angewendet werden solle72.

2.5.2 Die Tatsache-Bedeutung-Dichotomie


Eine der Konsequenzen aus Kants Philosophie ist ein Auseinanderfallen
von Tatsache und Bedeutung (Dichotomie). Die “objektive” Welt der Fak-
ten ist die phänomenale Welt unserer Erfahrung. Sie kann durch unser Den-
ken erkannt werden. Die “subjektive” Welt des Willens, kann durch die
“reine Vernunft” sowieso nicht erkannt werden, sondern nur durch die von
Kant so bezeichnete “praktische Vernunft”. Er meint damit, dass alle mora-
lischen Feststellungen ein Akt des Willens seien. In seiner zweiten Kritik,
der Kritik der praktischen Vernunft, hält Kant fest, dass moralische Aussa-
gen im Sinne eines kategorischen Imperativ dadurch Sinn erhalten, dass wir
sowohl Gott als auch die Unsterblichkeit voraussetzen. Die Argumentation
kann folgendermaßen zusammengefasst werden:

1. Glückseligkeit ist, was alle Menschen wünschen.


2. Moralische Pflichten sind, was alle Menschen tun sollten.
3. Die Einheit von beidem, das summum bonum (das höchste Gut) soll-
te erstrebt werden.
4. Nun ist die Einheit der beiden dem endlichen Menschen in seinem
Leben nicht möglich.
5. Die moralische Notwendigkeit (Pflicht) etwas zu tun, beinhaltet auch
die Möglichkeit etwas zu tun; sollen beinhaltet können.
6. Darum ist es für den Menschen moralisch notwendig zwei Dinge zu
postulieren:
72
Kant verwechselt hier das Prinzip des zureichenden Grundes [aus der aristoteli-
schen Logik], das beinhaltet, dass alles einen Grund oder eine Ursache haben
muß, und das Prinzip der Kausalität (wie es von Thomas von Aquin herstammt),
das beinhaltet, dass nur endliche, sich ändernde Dinge eine Ursache brauchen.
Das erste führt zum Widerspruch, das zweite aber nicht.
194 Norman L. Geisler:
a) einen Gott, der die Einheit ermöglichen kann (d.h. die Kraft gibt,
sie zu verwirklichen), und
b) die Unsterblichkeit um die Einheit zu erreichen (d.h. Zeit und Ort,
wo sie erreicht wird).
Kant konstruiert also mit “Gott” und einem “zukünftigen Leben” zwei Pos-
tulate, die untrennbar mit der Pflicht verbunden und nur aus diesem Grund
erforderlich sind.
Kant legt großen Wert darauf, dass dies kein theoretisches Argument für
die Existenz Gottes ist, sondern ein rein praktisches Postulat73. Obwohl man
mit der reinen Vernunft nicht denken kann, dass Gott existiert, muss man
doch so leben, als ob er existierte. Kant selber hat unzweifelhaft geglaubt,
dass Gott existiert, war sich aber sicher, dass es keinen rationalen, sondern
nur einen moralischen Beweis für seine Existenz gebe. An diesem Zug in
Kants Denken kann man die entscheidende Verschiebung des modernen
Denken vom Rationalen zum Moralischen erkennen.
Seit Kant haben westliche Denker weithin die Suche nach rationalen Be-
weisen für die Realität aufgegeben, um sich mit so etwas wie moralischen
Voraussetzungen zufrieden zu geben. Die Verschiebung ging vom Bereich
des Verstandes über zum Willen, vom Objektiven zum Subjektiven, von der
Tatsache zur Bedeutung. Kant gibt in Der einzig mögliche Beweisgrund zu
einer Demonstration des Daseyns Gottes zum Ausdruck, dass es nur subjek-
tive moralische74 Notwendigkeit geben kann. Das heißt, es gibt einen sub-

73
[“Folglich bekommt der Begriff von Gott nur durch die Beziehung auf das Objekt
unserer Pflicht, als Bedingung der Möglichkeit, den Endzweck derselben zu errei-
chen, den Vorzug, in unserm Fürwahrhalten als Glaubenssache zu gelten; dage-
gen eben derselbe Begriff doch sein Objekt nicht als Tatsache geltend machen
kann: weil, obzwar die Notwendigkeit der Pflicht für die praktische Vernunft
wohl klar ist, doch die Erreichung des Endzwecks derselben, sofern er nicht ganz
in unserer Gewalt ist, nur zum Behuf des praktischen Gebrauchs der Vernunft an-
genommen, also nicht so, wie die Pflicht selbst, praktisch notwendig ist.” Kant,
Kritik der Urteilskraft, Werke Bd. 10, S. 438.]
74
[Kant hat seine eigene Definition von “moralisch”: “Ich nenne diejenige Abhän-
gigkeit eines Dinges von Gott, da er ein Grund desselben durch seinen Willen ist,
moralisch, alle übrige aber ist unmoralisch. Wenn ich demnach behaupte: Gott
enthalte den letzten Grund selbst der innern Möglichkeit der Dinge, so wird ein je-
der leicht verstehen, daß diese Abhängigkeit nur unmoralisch sein kann; denn der
Wille macht nichts möglich, sondern beschließt nur, was als möglich schon vor-
aus gesetzt ist. In so ferne Gott den Grund von dem Dasein der Dinge enthält, so
gestehe ich, daß diese Abhängigkeit jederzeit moralisch sei, das ist, daß sie darum
existieren, weil er gewollt hat daß sie sein sollten.” Werke Bd. 2, S. 663]
Philosophische Voraussetzungen 195
jektiven in sich notwendigen Willen, weil es keine Notwendigkeit für die
Annahme der Existenz eines objektiven Dings gibt75. Man kann dann genau
genommen nicht sagen “Es ist moralisch notwendig, dass ...” sondern müss-
te formulieren “Ich bin mir moralisch sicher, dass ...” Die Tragödie dabei ist,
dass die beiden Bereiche völlig unverbunden bleiben. Das Denken kann den
Bereich der Werte nicht erkennen, es kann ihn nur wollen. Soweit Gott im
noumenalen Bereich der Werte ist, kann die Vernunft ihn nicht finden. Der
Wille muss sich für Gott entscheiden. (Damit ist der Weg für Kierkegaard
schon freigemacht!)
Die Tatsache-Bedeutung-Dichotomie ist eine der Wurzeln der Leugnung
der Irrtumslosigkeit der Bibel. Viele, die daran festhalten wollen, dass die
Bibel in religiösen Dingen und soweit es um die Erlösung geht, unfehlbar
sei, aber nicht notwendig auch dort, wo sie andere Tatsachenaussagen
macht, vollziehen damit die gleiche Art kantischer Spaltung. Dabei gehen

75
[Die von Geisler beigegebene englische Übersetzung eines Kantzitats ist eine
stark vereinfachende Paraphrasierung, die wohl auf die folgende Passage zurück-
geht: “Alle Beweise, die sonsten von den Wirkungen dieses Wesens auf sein, als
einer Ursach Dasein geführt werden möchten, gesetzt daß sie auch so strenge be-
weisen möchten, als sie es nicht tun, können doch niemals die Natur dieser Not-
wendigkeit begreiflich machen. Bloß daraus, daß etwas schlechterdings
notwendig existiert, ist es möglich, daß etwas eine erste Ursach von andern sei,
aber daraus, daß etwas eine erste, das ist, unabhängige Ursach ist, folgt nur, daß,
wenn die Wirkungen da sind, sie auch existieren müsse, nicht aber, daß sie
schlechterdings notwendiger Weise da sei.
Weil nun ferner aus dem angepriesnen Beweisgrunde erhellet, daß alle Wesen an-
derer Dinge und das Reale aller Möglichkeit in diesem einigen Wesen gegründet
sei, in welchem die größte Grade des Verstandes und eines Willens, der der grö-
ßest mögliche Grund ist, anzutreffen, und weil in einem solchen alles in der äu -
ßerst möglichen Übereinstimmung sein muß, so wird daraus schon zum voraus
abzunehmen sein, daß, da ein Wille jederzeit die innere Möglichkeit der Sache
selbst voraussetzt, der Grund der Möglichkeit, das ist, das Wesen Gottes mit sei-
nen Willen in der größesten Zusammenstimmung sein werde, nicht als wenn Gott
durch seinen Willen der Grund der inneren Möglichkeit wäre, sondern weil eben
dieselbe unendliche Natur, die die Beziehung eines Grundes auf alle Wesen der
Dinge hat, zugleich die Beziehung der höchsten Begierde auf die dadurch gegebe-
ne größeste Folgen hat, und die letztere nur durch die Voraussetzung der erstern
fruchtbar sein kann. Demnach werden die Möglichkeiten der Dinge selbst, die
durch die göttliche Natur gegeben sind, mit seiner großen Begierde zusammen-
stimmen. In dieser Zusammenstimmung aber besteht das Gute und die Vollkom-
menheit. Und weil sie mit einem übereinstimmen, so wird selbst in den
Möglichkeiten der Dinge Einheit, Harmonie und Ordnung anzutreffen sein.”
Werke Bd. 2, S. 653-654]
196 Norman L. Geisler:
sie von der Annahme aus, die Inspiration und Irrtumslosigkeit umfasse nur
den Bereich der religiösen “Bedeutung” (In diesem sei die Schrift unfehl-
bar.), aber nicht den Bereich der nebensächlichen und nicht notwendigen
“Tatsachen” (In diesem könne die Schrift irren.).

2.5.3 Moralität als die Substanz der wahren Religion


In gewisser Hinsicht ist Kants Werk Die Religion innerhalb der Grenzen
der bloßen Vernunft ein deistischer Klassiker. In ihm beschreibt Kant die
“moralische Ursache” als Grundlage für den Maßstab, der festlegt, was an
der wahren Religion unverzichtbar sei. (Das wirft schon einen Schatten auf
Friedrich D. Schleiermacher voraus76.) Die praktische Vernunft verlange
die moralische Interpretation der Bibel.
Diese Auslegung mag uns selbst in Ansehung des Texts (der Offen-
barung) oft gezwungen scheinen, oft es auch wirklich sein, und doch
muß sie, wenn es nur möglich ist, daß dieser sie annimmt, einer sol-
chen buchstäblichen vorgezogen werden, die entweder schlechter-
dings nichts für die Moralität in sich enthält, oder dieser ihren Trieb-
federn wohl gar entgegen wirkt77.
Über den kirchlichen und biblischen Glauben sagt Kant:
“Dieser Ausdruck kann (wenn man das Geheimnisvolle, über alle
Grenzen möglicher Erfahrung Hinausreichende, bloß zur heiligen
Geschichte der Menschheit Gehörige, uns also praktisch nichts An-
gehende, bei Seite setzt) so verstanden werden, daß der Geschichts-
glaube, der, als Kirchenglaube, ein heiliges Buch zum Leitbande der
Menschen bedarf, aber eben dadurch die Einheit und Allgemeinheit
der Kirche verhindert, selbst aufhören, und in einen reinen, für alle
Welt gleich einleuchtenden Religionsglauben übergehen werde; wo-

76
[Rudolf Malter fasst zusammen: “Indirekt aber wohl am folgenreichsten für die
Geschichte der evangelischen Theologie in der frühen Periode der Kantrezeption
ist die intensive Auseinandersetzung des jungen Schleiermacher mit Kant gewor-
den. Wenn Schleiermachers Entwurf einer eigenständigen Theologie auch mit ei-
ner bewußten Abwendung von Kant (unter Fichtes Einfluß) einhergeht, so wirken
in ihr insgeheim Kantische Denkkategorien stärker nach, als es ihre explizite Aus-
gestaltung erkennen läßt.” Kant/Neukantismus I, TRE, 17: 579.]
77
Immanuel Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Hrsg.
v. Karl Vorländer. Einl. v. Hermann Noack. 9. Aufl. Hamburg: Meiner, 1990.
[Seitenangaben nach der Leitausgabe von 1794] S. 158.
Philosophische Voraussetzungen 197
hin wir dann jetzt, durch anhaltende Entwickelung der reinen Ver-
nunftreligion aus jener gegenwärtig noch nicht entbehrlichen Hülle,
fleißig arbeiten sollen. Nicht daß er aufhöre (denn vielleicht mag er
als Vehikel immer nützlich und nötig sein), sondern aufhören könne;
womit nur die innere Festigkeit des reinen moralischen Glaubens ge-
meint ist”78.
Ihre Moralität macht die Bibel zum Wort Gottes und das sollte nichts enthal-
ten, “was die Annahme derselben als unmittelbarer göttlichen Offenbarung
unmöglich machte; welches hinreichend sein würde, um diejenigen, welche
in dieser Idee besondere Stärkung ihres moralischen Glaubens zu finden
meinen [...] daran nicht zu hindern”79. Das Wesen dieser “Religion ist ‘der
Geist Gottes, der uns in alle Wahrheit leitet’. Dieser aber ist derjenige, der,
indem er uns belehrt, auch zugleich mit Grundsätzen zu Handlungen belebt,
und er bezieht alles, was die Schrift für den historischen Glauben noch ent-
halten mag, gänzlich auf die Regeln und Triebfedern des reinen moralischen
Glaubens”80. Allein mit diesem subjektiven inneren Zeugnis will Kant den
Maßstab dafür festlegen, was an irgendeiner Religion wahr sei und ebenso
was in der Bibel akzeptiert werden kann.
In Kants Fußtapfen betrieb auch Rudolf Otto [1869-1937] seine Bibel-
kritik auf der subjektiven Basis des Zeugnisses des Geistes. Otto sah gar
kein Problem darin, dass die Berichte über Jesu Leben nur fragmentarisch
seien und viele Unsicherheiten enthielten und dass sie mit legendären oder
hellenistischen Elementen überlagert seien. Der Geist werde schon erken-
nen, was vom Geist stamme81.

2.5.4 Das moralische Prinzip beseitigt die Notwendigkeit der Wunder


Mit dem moralischen Maßstab in der Hand misst Kant die religiöse
Wahrheit und stellt fest, dass Wunder noch eine angemessene Hinführung
sein können, aber für eine moralische Religion wie das Christentum nicht
wirklich notwendig82. “Wenn eine moralische Religion [...] gegründet wer-
den soll, so müssen alle Wunder, die die Geschichte mit ihrer Einführung
78
Ebd. S. 181-182 Anmerkung.
79
Ebd. S. 163.
80
Ebd. S. 161-162.
81
Rudolf Otto, Das Heilige: über d. Irrationale in d. Idee d. Göttlichen u. sein Ver-
hältnis z. Rationalen. [1.Aufl. 1917] Beck, 1987.
82
Kant, Religion, S. 77-78 und S. 116.
198 Norman L. Geisler:
verknüpft, den Glauben an Wunder überhaupt endlich selbst entbehrlich
machen”83. Den Glauben, der Wunder als irgendeine Hilfe für die Besse-
rung der Moralität ansieht, bezeichnet Kant als “sinnlosen Einfall(e)”84.
Kant gibt im Blick auf Jesus zu: “Es mag also sein, daß die Person des Leh-
rers der alleinigen für alle Welten gültigen Religion ein Geheimnis, daß sei-
ne Erscheinung auf Erden, so wie seine Entrückung von derselben, daß sein
tatenvolles Leben und Leiden lauter Wunder, ja gar, daß die Geschichte,
welche die Erzählung aller jener Wunder beglaubigen soll, selbst auch ein
Wunder (übernatürliche Offenbarung) sei”. Er warnt aber sofort davor, dass
man “es nicht zum Religionsstücke machen, daß das Wissen, Glauben und
Bekennen derselben für sich etwas sei, wodurch wir uns Gott wohlgefällig
machen können”85.
“Der Begriff eines übernatürlichen Beitritts zu unserem moralischen,
obzwar mangelhaften Vermögen und selbst zu unserer nicht völlig gereinig-
ten, wenigstens schwachen Gesinnung, aller unserer Pflicht ein Genüge zu
tun, ist transzendent und eine bloße Idee, von deren Realität uns keine Erfah-
rung versichern kann”86. Eines aber kann man wissen: wenn ein Wunder
“als von Gott in einer unmittelbaren Erscheinung desselben geboten vorge-
stellt wird, das doch geradezu der Moralität widerstreitet, bei allem An-
schein eines göttlichen Wunders, es doch nicht ein solches sein könne (z.B.
wenn einem Vater befohlen würde, er solle seinen, so viel er weiß, ganz un-
schuldigen Sohn töten)”87. Es scheint so, als habe Kant auf moralischem
Weg entschieden, dass wir die Geschichte von Abraham und Isaak verwer-
fen müssten! Diese Bibelkritik mit Hilfe von persönlichen moralischen Kri-
terien ist nicht unähnlich der moderner Bibelkritiker, die es ablehnen, dass
Gott Israel den Befehl zur Tötung der Kanaaniter gegeben haben könne,
weil “sie es einfach schwierig finden zu glauben, daß so etwas Gottes Wille
sein kann”88. Kant argumentiert weiter, “über diese Grenzen aber hinaus zu
83
Ebd. S. 116.
84
Ebd. S. 122.
85
Ebd. S. 117-118.
86
Ebd. S. 296-297.
87
Ebd. S. 120.
88
Davis, Debate About the Bible, S. 97. [B. Rothen bestätigt, dass „es also im heuti-
gen Studienbetrieb gang und gäbe geworden ist, ethische Argumente unmittelbar
zur Entscheidung dogmatischer Streitpunkte heranzuziehen und gelten zu las-
sen“. Die Klarheit der Schrift: Teil 2: Karl Barth. Eine Kritik. Göttingen: Van -
denhoeck & Ruprecht, 1990. S. 98.]
Philosophische Voraussetzungen 199
gehen, ist Vermessenheit und Unbescheidenheit in Ansprüchen; wiewohl
man mehrenteils in der Behauptung der Wunder eine demütigende sich
selbst entäußernde Denkungsart zu beweisen vorgibt”89. Das eigentliche
Ziel Kants für seine subtilen Angriffe auf die Wunder liegt darin, dass die
“praktische Vernunft” von uns verlangen soll, den Schluss zu ziehen, dass
Wunder niemals geschehen seien. Die folgende Passage offenbart das:
Hier ist nichts für uns aus der Kenntnis des Objekts Bestimmbares
(denn das ist unserm eignen Geständnisse nach für uns überschweng-
lich), sondern nur aus den notwendigen Maximen des Gebrauchs un-
serer Vernunft: entweder sie als täglich (obzwar unter dem Anschei-
ne natürlicher Vorfälle versteckt), oder niemals zuzulassen, und im
letztern Falle sie weder unsern Vernunfterklärungen noch den Maß-
regeln unserer Handlungen zum Grunde zu legen; und da das erstere
sich mit der Vernunft gar nicht verträgt, so bleibt nichts übrig, als die
letztere Maxime anzunehmen; denn nur Maxime der Beurteilung,
nicht theoretische Behauptung bleibt dieser Grundsatz immer90.
Kurz gesagt meint Kant, die Vernunft verlange von uns, zu dem Schluss zu
kommen, es könne keine Wunder geben. In Kenntnis dieses subtilen, aber
deutlichen Naturalismus, sind wir nicht überrascht zu sehen, dass Kant die
Auferstehung, wie sie am Ende der Evangelien berichtet wird, verwirft:
Mit welchem [dem Tod Christi] sich die öffentliche Geschichte des-
selben (die daher auch allgemein zum Beispiel der Nachfolge dienen
konnte) endigt. Die als Anhang hinzugefügte geheimere, bloß vor
den Augen seiner Vertrauten vorgegangene Geschichte seiner Auf-
erstehung und Himmelfahrt (die, wenn man sie bloß als Vernunft-
ideen nimmt, den Anfang eines andern Lebens und Eingang in den
Sitz der Seligkeit, d.i. in die Gemeinschaft mit allen Guten, bedeuten
würden) kann, ihrer historischen Würdigung unbeschadet, zur Reli-
gion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft nicht benutzt wer-
den. Nicht etwa deswegen, weil sie Geschichtserzählung ist (denn
das ist auch die vorhergehende), sondern weil sie, buchstäblich ge-
nommen, einen Begriff, der zwar der sinnlichen Vorstellungsart der
Menschen sehr angemessen, der Vernunft aber in ihrem Glauben an

89
Kant, Religion, S. 124.
90
Ebd.
200 Norman L. Geisler:
91
die Zukunft sehr lästig ist .

2.6 Sören Kierkegaard und der Existentialismus

Der Existentialismus von Sören Aabye Kierkegaard92 [1813-1855], der der


sogenannten Neo-Orthodoxie und weiten Teilen des Neo-Evangelikalismus
Auftrieb gab, erwuchs aus dem Wurzelboden von Kants Agnostizismus.
Kant hatte das Noumenale [d.h. die wahre Wirklichkeit] als für die Vernunft
nicht erkennbar erklärt. Kierkegaard erklärte nun Gott zu dem “ganz ande-
ren”, zum “Paradox” für den menschlichen Verstand (obwohl er in sich
selbst nicht paradox sei). Kant ebnete einen Weg zu moralischer Realität
durch einen subjektiven Akt des Willens. Kierkegaard nannte seinen ähnli-
chen Weg “Sprung” des Glaubens. Kant schied streng den Bereich der Tat-
sachen vom Bereich der Bedeutung und auch Kierkegaard meinte, dass dem
Faktischen und Historischen als solchem keine religiöse Bedeutung zukom-
me.

2.6.1 Die Wahrheit ist die Subjektivität


Kierkegaard lehrte nicht etwa, dass die Wahrheit subjektiv sei oder dass
es keine objektive Wahrheit gebe. Auch behauptete er nicht, man solle das
glauben, was irrational oder widersprüchlich ist93. Er tat aber die Objektivi-
tät als den Weg ab, auf dem man letztgültige oder religiöse Wahrheit erken-
nen kann, denn “der Weg der objektiven Reflexion führt nun zu abstraktem
91
Ebd. S. 191-192 Anmerkung.
92
[Kierkegaard hat nur in seinen letzten Jahren einzelne Reden und die Zeitschrift
Der Augenblick unter seinem eigenen Namen veröffentlicht, eine Deckungs-
gleichheit zwischen seiner eigenen Position und der seiner Pseudonyme aber im-
mer abgelehnt. Das wird auch schnell verständlich, wenn man bedenkt, dass in
Furcht und Zittern Johannes de Silentio den Glauben Abrahams beschreibt, aber
selbst sagt, er tue das als Ungläubiger; oder Johannes Climacus, der in den Philo-
sophischen Brocken und der Unwissenschaftlichen Nachschrift vernünftig philo-
sophisch begründet, warum man nicht auf vernünftigem oder philosophischen
Wege zum wahren Glauben kommen kann und die Haltung von Johannes de Si-
lentio kritisiert. Es ist aber schwierig, wenn nicht unmöglich eine genaue Grenzli-
nie zwischen Kierkegaards eigener Position und der seiner Schriften zu
bestimmen. In seiner späteren Wirkung ist Kierkegaard jedenfalls der Vater des
Existentialismus, auf den sich viele Philosophen und auch Theologen wie Karl
Barth (1886-1968) und Rudolf Bultmann (1884-1976) ausdrücklich berufen.]
93
Kierkegaard, Abschließende unwissenschaftl. Nachschrift, Werke Abt. 16,2, S.
280.
Philosophische Voraussetzungen 201
Denken, zu Mathematik, zu historischem Wissen verschiedener Art; er führt
beständig fort vom Subjekt, dessen Dasein oder Nicht-Dasein, objektiv ganz
richtig, unendlich gleichgültig wird”94. Nichtsdestotrotz kann Kierkegaard
sagen: “Hier ist eine solche Definition der Wahrheit: Die objektive Unge-
wißheit, in der Aneignung der leidenschaftlichsten Innerlichkeit festgehal-
ten, ist die Wahrheit, und zwar die höchste Wahrheit, die es für einen Exis-
tierenden gibt.”95. Das ist der Grund, warum Wahrheit “paradox” ist. “Das
Paradox ist die objektive Ungewißheit, die der Ausdruck für die Leiden-
schaft der Innerlichkeit ist, in der gerade die Wahrheit besteht”96. Wenn aber
Kierkegaard aussagte, religiöse Wahrheit sei “paradox”, so meinte er nicht
etwa sie sei in sich paradox, sondern sie erscheine dem endlichen Menschen
so. Er schrieb: “Sokratisch gesehen ist die ewige wesentliche Wahrheit
selbst keineswegs das Paradox, sondern sie ist es (nur) dadurch, daß sie sich
zu einem Existierenden verhält”97. Wahrheit besteht in einer subjektiven
Begegnung mit Gott, für die man keine guten Gründe haben kann, sondern
sie sich in einem leidenschaftlichen Sprung des Glaubens aneignen muß98.

2.6.2 Objektive Wahrheit ist für das Christensein nicht wesentlich


Kierkegaard hat niemals abgestritten, dass das Christentum objektiv und
historisch wahr ist. Er schrieb: “Wenn jemand die historische Frage nach der
Wahrheit des Christentum aufbringt oder was christliche Wahrheit ist und
nicht ist, dann bietet sich ihm die Heilige Schrift sofort als Dokument von
maßgeblicher Bedeutung an”99. Er selber glaubte an die Historizität der Bi-
bel, Jesu Christi und ebenso der Auferstehung. In Der Augenblick ging er so
weit zu schreiben: “An der Historizität der Erlösung muß im gleichen Sinn
festgehalten werden wie an jeder anderen historischen Tatsache, aber auch
nicht mehr als das, denn sonst würden unterschiedliche Bereiche ver-
mischt”100.
94
Ebd. Abt. 16,1, S. 184.
95
Ebd. S. 194.
96
Ebd. S. 196.
97
Ebd.
98
Kierkegaard, Philosophische Brocken. Werke Abt. 10,S. 41. [Siehe auch die Dis-
kussion des Sprungs über Lessings “garstigen Graben” der Geschichte, S. 86-97.]
99
Kierkegaard, Abschließende unwissenschaftl. Nachschrift, Werke Abt. 16,1 S.
20.
100
Kierkegaard, Der Augenblick, Werke Abt. 34. [Das Zitat konnte nicht verifiziert
werden.]
202 Norman L. Geisler:
Trotz diesem Eingeständnis hält Kierkegaard an der Historizität der
Aussagen der Evangelien als wesentlich für das Christsein fest.
Selbst wenn die gleichzeitige Generation nichts anderes hinterlassen
hätte als die Worte: “Wir haben geglaubt, daß der Gott anno so und
so sich gezeigt hat in der geringen Gestalt eines Knechts, unter uns
gelebt und gelehrt hat und alsdann gestorben ist”, - das ist mehr als
genug. Das gleichzeitige Geschlecht hat getan, was nötig war; denn
diese kleine Anzeige, dieses weltgeschichtliche N.B. reicht zu, Ver-
anlassung zu werden für den Späteren; und der umständlichste Be-
richt kann doch in alle Ewigkeit kein mehr für den Späteren wer-
den101.
Das, was historisch wirklich wesentlich ist, sei nur, dass es eine Person im
ersten Jahrhundert gab, die gestorben ist und von der seine Zeitgenossen
glaubten, in ihm Gott gefunden zu haben. Es ist bemerkenswert, dass Kier-
kegaard nicht einmal den Glauben an die Auferstehung - nicht zu reden von
der Tatsache - in sein Skelett historischer Verbindlichkeiten einschließt. Ist
es zufällig, dass das was Kierkegaard, der Vater des Existenzialismus, als
historische Minimalforderung des Christentums aufstellte, exakt dasselbe
ist, was Rudolf Bultmann als Ergebnis seiner Entmythologisierung fest-
hielt?

2.6.3 Bibelkritik betrifft das Christentum nicht


Soweit ich sehe, hat Kierkegaard selbst niemals praktisch Bibelkritik auf
biblische Texte angewandt. Er meinte allerdings, dass selbst die destruk-
tivsten Formen der Bibelkritik dem wahren Christentum nicht gefährlich
werden können. In einem sehr erhellenden Abschnitt schrieb er, er nehme
einmal an,
daß es den Feinden gelungen sei, von der Schrift zu beweisen, was
sie nur wünschen können und zwar so gewiß, daß es den heftigsten
Wunsch des grimmigsten Feindes übertrifft - was ist damit gesche-
hen? Hat der Feind damit das Christentum abgeschafft? Keineswegs.
Hat er dem Gläubigen geschadet? Keineswegs, nicht das allergering-
ste. [...] Weil nämlich diese Bücher nicht von diesen Verfassern
stammen, nicht authentisch, nicht vollständig und integer, nicht in-
spiriert sind (letzteres kann ja doch nicht widerlegt werden, da es Ge-
101
Kierkegaard, Philosophische Brocken, Werke Abt. 10, 101.
Philosophische Voraussetzungen 203
genstand des Glaubens ist), daraus folgt ja nicht, daß diese Verfasser
nicht existiert hatten, und vor allem nicht, daß Christus nicht existiert
habe.102
Weder Christentum noch christlicher Glaube seien also bedroht, wenn der
Ursprung und die Authentizität der Heiligen Schrift widerlegt würde. Damit
schlug Kierkegaard einen Fluchtweg in die Mauern der historischen christli-
chen Kirche, über den die moderne Bibelkritik zerstörerisch eindringen
konnte103.

2.6.4 Die Inspiration der Bibel ist eine subjektive Glaubenssache


So weit ich sehe, hat Kierkegaard niemals die Inspiration und Autorität
der Schrift geleugnet. Er griff sogar die Idee an, jedermann bekomme seine
private Offenbarung direkt von Christus104, hielt aber fest: “Das Christen-
tum ist ja auch eine Offenbarung.” Und die Kirche ist “selber auf eine Offen-
barung gebaut”105. In sein Tagebuch schreibt er:
Es ist kein Widerspruch in sich selbst, wenn man einen Teil der Bibel
als Gottes Wort und das Christentum als göttliche Lehre akzeptiert
und dann, wenn man mit etwas konfrontiert ist, das man mit seinem
Denken und Fühlen nicht in Übereinstimmung bringen kann, zu sa-
gen Gott sei widersprüchlich. Obwohl, eigentlich bist du selbst wi -
dersprüchlich, denn du müsstest entweder diese göttliche Lehre völ-
lig ablehnen oder sie nehmen wie sie ist106.
So scheint es, dass Kierkegaard die Bibel persönlich als offenbartes Wort
Gottes annahm und über Offenbarungen sagen konnte: “Entweder hat Adler
eine Offenbarung gehabt, dann muß er fest dabei stehen und aus ihr und in-

102
Kierkegaard, Abschließende unwissenschaftl. Nachschrift, Werke Abt. 16,1, S.
26.
103
[Der Philosoph Wilhelm Weischedel formuliert noch radikaler: „Er erscheint als
der große Zertrümmerer, [...] der die Axt an die Wurzel eines zweitausendjähri-
gen Gebäudes legt.“ Kleine Geschichte der Philosophie, Frankfurt: Fischer, 1987,
S. 522.
104
[In Das Buch über Adler, Werke Abt. 36, das sich mit der Entlassung eines Pfar-
rers beschäftigt, der behauptet hatte, eine “Offenbarung des Erlösers” empfangen
zu haben.]
105
Ebd.. S. 84 und S. 92.
106
Tagebücher I-V. [Das Zitat konnte nicht aufgefunden werden.]
204 Norman L. Geisler:
kraft ihrer folgerichtig handeln oder er hat keine Offenbarung gehabt”107.
Ungeachtet seiner persönlichen Überzeugungen über die Inspiration und
Autorität der Bibel, hat es Kierkegaard an anderer Stelle abgelehnt, dass der
Glaube an die Inspiration der Bibel eine objektive Basis hat. Die Basis für
einen Inspirationsglauben liege rein im subjektiven Bereich des Glaubens.
“Ich nehme also an, daß es gelungen sei, von der Bibel zu beweisen,
was jemals ein gelehrter Theologe in seinem glücklichsten Augen-
blick von der Bibel zu beweisen hat wünschen können: Diese Bücher
gehören zum Kanon, keine anderen, sie sind authentisch, sind voll-
ständig und die Verfasser glaubwürdig – man kann gut sagen, es ist
als ob jeder Buchstabe inspiriert wäre (mehr kann man jedoch nicht
sagen, denn die Inspiration (selbst) ist ja Gegenstand des Glaubens
...)108.
Die Lehre von der Inspiration erscheint ihm aber so sehr eine reine Glau-
benssache, dass Kierkegaard die lehrmäßigen Bemühungen um eine Vertei-
digung der Inspiration und Authentizität der Schrift ausdrücklich missbil-
ligt:
Was für Zeit, welch Fleiß, welche herrliche Gaben, welche ausge-
zeichneten Kenntnisse sind hierbei von Generation zu Generation
aufgewendet worden. Und doch kann plötzlich ein kleiner dialekti-
scher Zweifel, der an den Voraussetzungen rührt, das Ganze auf lan-
ge Zeit hinaus stören, kann den unterirdischen Weg zum Christentum
zerstören, den man objektiv und wissenschaftlich hat anlegen wol-
len, anstatt das Problem zu dem werden zu lassen, was es ist, nämlich
subjektiv109.
Aus der weiteren Diskussion geht hervor, dass Kierkegaard die Lehre von
der Inspiration für nicht widerlegbar hält, einfach weil sie völlig eine Sache
des Glaubens sei. Keine entdeckte Tatsache könne sie bestätigen oder als
falsch erweisen. Die Bibelkritik könne sie nicht widerlegen, weil sie im Be-
reich des Subjektiven liege und nicht im Bereich des Objektiven. Tatsäch-
lich erkennen wir bei Kierkegaard die kantische Dichotomie von Tatsache

107
Das Buch über Adler, Werke Abt. 36, S.138.
108
Kierkegaard, Abschließende unwissenschaftl. Nachschrift, Werke Abt. 16,1, S.
24.
109
Ebd. S. 21.
Philosophische Voraussetzungen 205
und Bedeutung. Keine Tatsache kann dann jemals den Bereich der religiö-
sen Bedeutung unglaubwürdig machen, weil der für immer ausschließlich
dem Glauben offensteht.

2.6.5 Das Lehrmäßige ist dem Persönlichen untergeordnet


Im Einklang mit der Tatsache-Bedeutung-Dichotomie, vollzieht Kierke-
gaard eine weitere Trennung: die zwischen dem Lehrmäßigen und dem Per-
sönlichen. Er leugnete nie, dass die Bibel in gewissem Sinn eine lehrmäßige
Offenbarung darstellt. Er bekräftigte, dass es eine objektive Dimension der
Wahrheit gebe. Er glaubte auch an die grundlegenden christlichen Lehren.
Trotzdem stellt er engagiert fest: “Wäre es wirklich Gottes Wille, dass das
Christentum allein Lehre wäre, eine Sammlung von dogmatischen Sätzen,
dann wäre das Neue Testament ein merkwürdiges Buch”110. Worum es
Kierkegaard ging, das ist uns Evangelikalen auch ein wichtiges Anliegen:
wir brauchen mehr als tote, orthodoxe Akzeptanz von Glaubensaussagen
über Christus. Was wir brauchen, ist eine tiefe Herzensbindung an Christus,
den wir aber nur durch die Aussagen der Heiligen Schrift kennen.
Kierkegaard ging aber weit über die Grenzen rechter Lehre hinaus, in-
dem er das Persönliche über das Lehrmäßige erhob111. Die Geschichte von
Isaaks Opferung durch Abraham in der Schrift Furcht und Zittern ist ein
Beispiel dafür112. Die Offenbarung Gottes lehrte “Du sollst nicht töten!”.
Aber der persönliche Gott offenbart sich Abraham und befiehlt: “Opfere
deinen Sohn Isaak!”. Nach Kierkegaards Verständnis musste Abraham jetzt
den Bereich des vernünftigen Verständnisses dessen, was er über Gott wuss-
te, verlassen und in einem unvernünftigen Glaubensakt [“die Augen schlie-
ßen” und sich “voller Vertrauen in das Absurde stürzen”113 und dabei] das
Persönliche über das Lehrmäßige stellen. Das heißt, in dem Konflikt zwi-
110
Kierkegaard, Der Augenblick, Werke Abt. 34. [Das Zitat konnte hier nicht gefun-
den werden. Kierkegaard nennt das Neue Testament zwar eine „historische Merk-
würdigkeit“, wenn man es als Teil der “christlichen” Welt voller Namenschristen
ansieht, aber auch das „Handbuch der [wirklichen] Christen“ (ebd. S.127-128).
Dem Sinne nach äußert sich Kierkegaard aber ähnlich S. 203-213.]
111
[“Die Subjektivität, zu der es, wie ich glaube, in Bezug auf die Kirche kommen
muß - da sich gegen jede neue Norm, die sich über die Kirche stellen will, das
gleiche einwenden läßt, was man richtig gegen die Bibel eingewandt hat -, liegt
bereits vorbildlich darin, daß das Allerobjektivste, das Glaubensbekenntnis, fol-
gendermaßen beginnt: Ich glaube” Tagebücher I, S. 45.]
112
Kierkegaard, Furcht und Zittern, Gesammelte Werke Abt 4.
113
Ebd. S. 31
206 Norman L. Geisler:
schen dem Gesetz und dem Gesetzgeber, müsse man die Person Gottes über
das offenbarte Wissen über Gott stellen.
Kierkegaard war offenbar nicht in der Lage, zu erkennen, dass er hier
eine ebenso falsche Trennung zwischen Persönlichem und Lehrmäßigem
vollzog wie schon zwischen Tatsache und Bedeutung. Er erkannte nicht,
dass die vorgegebene Offenbarung sehr wohl persönlich sein kann. Die Bi-
bel ist der persönliche Liebesbrief des persönlichen Gottes an die Personen
seiner Liebe. In der Heiligen Schrift werden wir nicht vor die Wahl zwi -
schen Gottes Offenbarung und dem Gott der Offenbarung gestellt. Alles,
was wir von Gott wissen, erhalten wir durch seine Offenbarung. Es gibt si-
cher Situationen, in denen ein Beziehungsgebot Gottes mit einem anderen
kollidiert (z.B Gott mehr zu gehorchen als den Eltern; Mt 10,37), aber es
gibt niemals eine Situation, wo wir gefordert wären, uns über die vorgegebe-
ne Offenbarung hinwegzusetzen. Es gibt keine Möglichkeit zu wissen, ob
ein Gebot von Gott gegeben ist, wenn wir kein offenbartes Wissen darüber
haben, wer der Gott ist, der uns gebietet.

2.6.6 Gott ist der “ganz Andere”


Nach Kierkegaards Sicht erscheint uns Gott nicht irrational zu sein, son-
dern suprarational. Menschliche Vernunft kann ihn nicht beweisen und ihn
nicht erkennen. Über die Gottesbeweise schreibt er: “Um wessentwillen
wird eigentlich der Beweis geführt? Der Glaube bedarf seiner nicht, ja er
muss ihn sogar als seinem Feind ansehen”. Nur “wenn der Glaube anfängt,
die Leidenschaft zu verlieren, wenn also der Glaube anfängt aufzuhören
Glaube zu sein, dann wird der Beweis notwendig, um bürgerliche Achtung
beim Unglauben zu genießen”114. Gott aber ist “dies Unbekannte, an dem
der Verstand in seiner paradoxen Leidenschaft sich stößt, und das dem Men-
schen sogar seine Selbsterkenntnis stört”. Was ist das Unbekannte, das wir
Gott nennen? Kierkegaard antwortet: “Es ist bloß ein Name, den wir ihm da-
mit geben”. Die bloße Idee, beweisen zu wollen, dass ein Gott existiert, ist
schon lächerlich. “Wofern nämlich der Gott nicht da ist, so ist es ja eine Un-
möglichkeit es beweisen zu wollen, aber ist er da, so ist es ja eine Torheit es
beweisen zu wollen”115.

114
Kierkegaard, Abschließende unwissenschaftl. Nachschrift, Werke Abt. 16,1 S.
26.
115
Kierkegaard, Philosophische Brocken, Werke Abt. 10, S. 37.
Philosophische Voraussetzungen 207
Kierkegaard wandte sich derart gegen die Idee, der Mensch könne Mit-
hilfe seines Verstandes Gott erkennen, dass er darauf bestand, Gott sei sogar
in seiner Offenbarung der “ganz Andere”. Die Worte der Bibel seien keine
erkenntnismäßige Beschreibung Gottes. Sie seien bloß Zeichen oder Hin -
weise. Sie seien wie Pfeile, die in Richtung Gottes abgeschossen würden,
aber weit vor dem Ziel zur Erde fallen. Die Schrift als erkenntnismäßige Be-
schreibung Gottes anzusehen, habe den Effekt einen “Papiernen Papst” auf-
zurichten. So schrieb Kierkegaard in sein Tagebuch: “Im Grunde hätte eine
Reformation, die die Bibel beiseite schaffte, jetzt ebensoviel Gültigkeit wie
Luthers Abschaffung des Papstes.” Und in diesem Zusammenhang, heißt es
weiter: “Die Bibelgesellschaften haben einen unwiederbringlichen Schaden
angerichtet. Das Christentum hat seit langem das Bedürfnis nach einem religiösen
Heros, der in Frucht und Zittern vor Gott den Mut hätte, den Leuten zu verbieten die
Bibel zu lesen”116.

3 Auf dem Weg zu einer bibeltreuen Antwort

Es war nicht unsere Absicht, hier alle die Voraussetzungen zu widerlegen,


die zur Leugnung der ganzen Inspiration und Irrtumslosigkeit der Schrift ge-
führt haben. Sie sollten nur dargestellt werden, und das ist geschehen. Es
gibt aber noch ein paar wichtige Schlussfolgerungen, die ich aus dieser Stu-
die ziehen möchte.

3.1 Die bloße Behauptung ein Verteidiger des wahren Christentums zu sein,
ist zu wenig

Beinahe jeder, sogar die radikalsten Kritiker der historischen Position zur
Autorität der Schrift, behaupten die wahren Verteidiger des Wortes Gottes
und des Wesen des Christentums zu sein. Francis Bacon erkannte die Bibel
als Wort Gottes an, “das beste Mittel gegen den Aberglauben und das er -
probteste Stärkungsmittel für den Glauben”. Er hat sogar eine Art Irrtumslo-
sigkeit für die Schrift behauptet, als er sagte: “Denn Jener sprach die Wahr-
heit, der da sagte: ‘Ihr irrt, weil ihr die Schriften und die Macht Gottes nicht

116
Kierkegaard, Tagebücher, III, S.115-116.
208 Norman L. Geisler:
117
kennt.’” Paradoxerweise scheint sogar Thomas Hobbes für die Fehlerfrei-
heit der Bibel zu argumentieren: “Denn obwohl viele Dinge im Wort Gottes
die Vernunft übersteigen [...] besteht doch kein Widerspruch zu ihr; und
wenn es so scheint, dann liegt der Fehler in unserer kunstvollen Interpretati-
on oder irrigen Schlussfolgerung”118. Obwohl Benedictus de Spinoza be-
hauptet hatte, Wunder seien unmöglich und eine umfassende Bibelkritik be-
trieb, behauptete er ebenso emphatisch: “Das eine weiß ich, daß ich nichts
gesagt habe, daß der Schrift oder des Wortes Gottes nicht würdig wäre”119.
Trotzdem er glaubte, dass es viele Fehler und Widersprüche in der Bibel
gebe, leugnete er vehement, das Vertrauen in die Schrift zu untergraben:
Vielleicht findet man aber, ich untergrübe auf diese Weise die Schrift
überhaupt, denn nun könnte sie jedermann für durch und durch feh-
lerhaft halten. Ich habe aber im Gegenteil gezeigt, daß ich auf diese
Weise dafür sorge, daß die klaren Schriftstellen nicht den fehlerhaf-
ten angepaßt und verderbt werden. Auch darf man, weil einige Stel-
en verderbt sind, darum noch nicht alle verdächtigen. Es hat noch
niemals ein Buch ohne Fehler gegeben120.
Diese Sätze haben einen vertrauten Klang. Einer der modernen Verteidiger
einer unfehlbaren Bibel im Gegensatz zu einer irrtumslosen, meinte kürz-
lich, wenn wir nicht kleinere Fehler in der Bibel zugeben, “können wir nie-
mals wieder die Werkzeuge der Bibelkritik benutzen, um eine Umdeutung
eines liberalen Kritikers zu überprüfen [...] und wir alle stimmen dabei zu,
daß die Bibel nichtsdestoweniger, völlig vertrauenswürdig ist und unfehlbar
in allem was sie lehrt”121. Sogar Clark Pinnock, der ein “Verteidiger” der Irr-
tumslosigkeit sein will, klingt eigenartig ähnlich wie Spinoza, wenn er
schreibt: “Gott gebrauchte alle Zeit fehlbare Sprecher, um sein Wort zu ver-
künden, und daraus folgt nicht, daß es mit der Bibel anders sein muß”122.

117
Bacon, Novum Organon, I,89. [Das vollständige Zitat macht deutlich, dass die na-
türliche Vernunft für Bacon auf mindestens der gleichen Ebene wie die Bibel
steht.]
118
Hobbes, Leviathan, engl. Teil 3, Kap 33.
119
Spinoza, Tractatus, S. 196.
120
Ebd. S. 182.
121
William LaSor, Theological News and Notes, Fuller Theological Seminary, 1976,
S. 7.
122
Clark Pinnock, Biblical Authority, Waco: Word, 1977, S. 64.
Philosophische Voraussetzungen 209
Was lernen wir daraus? Einige der Männer, deren Denken für die Lehre
von der Irrtumslosigkeit höchst zerstörerisch wirkte, meinten, sie täten dem
“wahren” Christentum einen Dienst. Darum sollten wir bei ihren modernen
Nachfolgern wachsam sein, die denken, sie erkämpften dem Christentum
einen großen Sieg, indem sie “kleine” Wahrheiten der Schrift preisgeben.

3.2 Voraussetzungen sind keine bewiesenen Tatsachen

Die Geschichte der philosophischen Einflüsse, die zur Leugnung der vollen
Autorität der Heiligen Schrift geführt haben, zeigt unzweideutig, dass es im
wesentlichen nicht neue Tatsachen, sondern alte Philosophien waren, die
die Evangelikalen in die Irre führten. Evangelikale Lehrer haben – meist
nicht absichtlich – philosophische Voraussetzungen übernommen, die der
historischen evangelikalen Sicht über die Schrift entgegenstehen. Nicht
etwa neue Entdeckungen in der Wissenschaft oder Archäologie erfordern
diese Abweichung von der rechten Lehre über die Schrift. Tatsächlich spre-
chen die Tatsachen so klar für die Irrtumslosigkeit der Schrift, wie wahr -
scheinlich noch nie zuvor. Das wirkliche Problem ist keines der Tatsachen,
sondern eines der Philosophie. Es ist die meist unkritische Akzeptanz philo-
sophischer Prämissen – wie des Empirismus, Naturalismus, Rationalismus
oder Existentialismus –, die mit der Lehre von der ganzen Inspiration der
Schrift unvereinbar sind.
Darüber hinaus gibt es keinen zwingenden Grund, warum ein Evangeli-
kaler diese Philosophien akzeptieren sollte, die weit davon entfernt sind, be-
wiesen zu sein. Nicht einmal für ihre nichtchristlichen Gegner erscheint eine
der oben beschriebenen philosophischen Positionen bewiesen123. Und wenn
Nichtchristen von den Argumenten keiner einzigen dieser Sichtweisen
überzeugt wurden, dann gibt es gar keinen Grund, warum Christen über-
zeugt sein sollten. Insbesondere deswegen, weil diese Positionen im Wider-
spruch zur rechten Lehre über die Schrift stehen, die doch die Grundlage un-
sere Glaubens bildet. “Vorsicht mit der Philosophie!”
Außerdem stellen die philosophischen Voraussetzungen, die das christ-
liche Vertrauen in die Schrift untergraben, oft Zirkelschlüsse dar oder sie
123
[Einen guten Überblick sowohl über die meisten in diesem Artikel erwähnten Phi-
losophen als auch über kritische Anfragen an ihre Positionen aus nichtchristlicher
Sicht bieten Emerich Coreth und Harald Schöndorf, Philosophie des 17. und 18.
Jahrhunderts, Grundkurs Philosophie; 8, 2. durchges. Aufl., Stuttgart: Kohlham-
mer, 1990.]
210 Norman L. Geisler:
widerlegen sich selbst. Zum Beispiel setzt der Antisupranaturalist die Wahr-
heit des Naturalismus einfach voraus, um gegen Wunder zu argumentieren
und behauptet: “Was immer in der Welt geschieht ist, weil es in der Welt ge-
schieht, ein Naturereignis.” Der semantische Atheist verwickelt sich in sich
selbst widersprechenden Behauptungen wie z.B. “Keine Rede von Gott
kann erkenntnistheoretisch bedeutungsvoll sein” - eine Aussage, die wenn
sie einen Sinn haben soll, selber eine erkenntnistheoretisch bedeutungsvolle
Aussage über Gott sein müsste. Für christliche Philosophen ist es darum
auch eine Aufgabe, antichristliche Argumente zu widerlegen, indem sie ein-
fach aufzeigen, inwiefern die sich selbst widersprechen.

3.3 Philosophie in Übereinstimmung mit biblischen Offenbarung

Nicht alle Evangelikalen haben den gleichen philosophischen Ansatz, noch


kommen sie alle zu den gleichen philosophischen Ergebnissen. Das muss
noch nicht schlecht sein. Wir sollten jedoch genau darauf achten, dass unser
philosophischer Ansatz auch mit der Bibel und dem was sie voraussetzt, zu-
sammenpasst. Die Bibel lehrt unter anderem die Existenz Gottes und setzt
einen Supranaturalismus voraus. Es scheint mir, dass sie auch von einer Art
metaphysischem Realismus ausgeht und dem erkenntnistheoretischen
Agnostizismus völlig entgegensteht. Innerhalb dieser Parameter können wir
unseren inneren Dialog führen. Gehen wir darüber hinaus, gehen wir das Ri-
siko ein, uns in ein philosophisch selbstzerstörerisches und theologisch ero-
sives Unternehmen zu investieren. Sicher aber gibt es keinen biblisch oder
philosophisch gerechtfertigten Grund, Voraussetzungen zu übernehmen,
die mit der Lehre von der Heiligen Schrift, wie sie von der rechtgläubigen
Kirche durch die Jahrhunderte festgehalten wurde, unvereinbar sind. Wir
möchten noch hinzufügen: es gibt viele gute Gründe, sie nicht zu akzeptie-
ren und keineswegs der letzte unter ihnen ist, dass sie unvereinbar sind mit
der göttlichen Autorität und Irrtumslosigkeit, wie sie die Bibel von sich
selbst behauptet.
Stephan Holthaus1

Bibeltreue Theologie in Deutschland:


1800 bis 1914

achfolgende Untersuchung möchte einige “Väter des Glaubens”

N vorstellen, die an der Irrtumslosigkeit der Bibel festhielten. Denn


bibeltreue Theologie wurde lange vor unserer Zeit entwickelt und
erfolgreich betrieben. Dabei beschränkt sich unsere historische Untersu-
chung auf das so vielfältige und gegensätzliche 19. Jahrhundert, in dem in
gewisser Weise die Grundlagen einer bibeltreuen Wissenschaft gelegt wor-
den sind.
Dabei wollen wir uns darüber im Klaren sein, dass es hier nur um Streif-
lichter zu unserem Thema gehen kann. Der Greifswalder Theologe Her-
mann Cremer hat schon 1901 über das 19. Jahrhundert geurteilt, dass “kaum
eine dogmatische Frage so zahlreich behandelt worden ist und wird” wie die
Frage nach der Inspiration der Bibel.2 Im 19. Jahrhundert zählte man allein
ca. 300 Veröffentlichungen, die sich direkt mit der Frage nach Inspiration
und Bibelkritik auseinander setzen. Ernst von Dobschütz urteilte: “In kei-
nem Jahrhundert war die Bibel so verbreitet, in keinem war sie so ver-
kannt.”3 Heinrich Karpp formulierte: “Im ganzen 19. Jahrhundert kam die
Frage nicht zur Ruhe, was angesichts des modernen Denkens und neuer gro-
ßer Lebensaufgaben die Bibel noch bedeuten könne.”4 Unter dieser Prämis-
se können wir natürlich nur einige wenige Schneisen ins Dickicht der Mei-
nungen schlagen. In erster Linie interessiert uns die Frage, welche Theolo-

1
Dr. Stephan Holthaus ist Dekan und Dozent für Neuere Kirchengeschichte und
Ethik an der Freien Theologischen Akademie in Gießen. Umgearbeiteter Vortrag
auf der Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten am 18.11.1993 in Lemgo-Bra-
ke. Zuerst erschienen im Jahrbuch für evangelikale Theologie (1994), S. 69-84.
2
Hermann Cremer, “Inspiration”, Reallexikon für protestantische Theologie und
Kirche, Hg. A. Hauck, Bd. 9, Leipzig: J.C. Hinrichs’sche Buchhandlung, 19013,
S. 183-203.
3
Ernst von Dobschütz, Die Bibel im Leben der Völker, Hg. Alfred Adam, Witten:
Luther Verlag, 19523 (1934).
4
Heinrich Karpp, “Biblizismus,” Theologische Realenzyklopädie, Hg. G. Krau -
se/G. Müller, Bd. 6, Berlin: de Gruyter, 1980, S. 478-84.
212 Stephan Holthaus:
gen in dieser Zeit von der Unfehlbarkeit und Glaubwürdigkeit der Bibel aus-
gegangen sind.

1 Die Entwicklung der Bibelkritik im 19. Jahrhundert

Zunächst müssen wir im Überblick die Entwicklung der Bibelkritik im 19.


Jahrhundert nachzeichnen. Dabei darf nicht übersehen werden, dass der In-
spirationsanspruch der Schrift schon im 17. und 18. Jahrhundert bestritten
wurde.5 Auf reformierter Seite verwarf z.B. der junge Jean A.Turrnetini
(1671-1737) die Verbalinspiration, die sein Vater Francois Turrentini
(1623-1687) noch so grundlegend in seinen “Loci” verteidigt hatte.6 Die
Aufklärung mit ihrem cartesianischen Prinzip des Zweifels zeigte bald auch
in der Theologie des 18. Jahrhunderts ihre Früchte. Zu erinnern seien an Spi-
noza, Reimarus und den Pariser Priester Simon. Der holländische Jude Spi-
noza sprach 1670 in seiner Schrift Tractatus theologico-politicus von einer
Überarbeitung großer Teile des Alten Testamentes durch Esra. Jede überna-
türliche Inspiration lehnte er ab. Nur in den religiösen Kernfragen sei die Bi-
bel autoritativ, nicht in ihren menschlichen Zusätzen.7 Hermann Samuel
Reimarus setzte sich in den Fragmenten eines Ungenannten für ein “ver -
nünftiges Christentum” ein. Die Bibel war für ihn ein Buch voller Wider-
sprüche.8
Johann Salomo Semlers Werk Abhandlung von freier Untersuchung des
Canons erschien 1771 bis 1775.9 Es enthielt nicht nur eine Kritik am Kanon
der Schrift, sondern distanzierte sich auch von der Verbalinspiration und
5
Zur Geschichte der Bibelkritik vgl. Klaus Scholder, Ursprünge und Probleme der
Bibelkritik im 17. Jahrhundert: Ein Beitrag zur Entstehung der historisch-kriti-
schen Theologie, Forschungen zur Geschichte und Lehre des Protestantismus,
Hg. Ernst Wolf, Bd. 33, München: Chr. Kaiser, 1966.
6
1688 erschien diese Dogmatik von Francois Turretini d.Ä. Vgl. den Nachdruck,
herausgegeben von John W. Beardslee, Grand Rapids: Baker, 1981.
7
Baruch Spinoza, Der Theologisch-politische Traktat, Leipzig: Reclam, o.J.
(1670).
8
Hermann S. Reimarus, Die vornehmsten Wahrheiten der natürlichen Religion, 2
Bde., Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1985.
9
Zu Semlers Schriftverständnis vgl. Gottfried Hornig, Die Anfänge der histo-
risch-kritischen Theologie: Johann Salomo Semlers Schriftverständnis und seine
Stellung zu Luther, Forschungen zur Systematischen Theologie und Religions-
philosophie, Bd. 8, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1961.
Bibeltreue Theologie in Deutschland 213
legte die Grundlage für die Historisch-kritische Methode der Schriftausle-
gung. Grundsätzlich unterschied er zwischen Schrift und Offenbarung, zwi-
schen Bibel und Wort Gottes. Inspiration wurde allein auf die Heilswahrhei-
ten der Schrift bezogen. Schließlich war bei den Rationalisten, Neologen
und Deisten nur noch das inspiriert, was mit der natürlichen Vernunft über-
einstimmte. Ihre Unterscheidung zwischen unfehlbaren Heilswahrheiten
und widersprüchlichen menschlichen Einkleidungen in der Bibel hat sich
bis in unsere Gegenwart hinein gehalten.
Auch der Supranaturalismus Ende des 18. Jahrhunderts konnte den Ra-
tionalismus nicht vollständig überwinden, denn seine Vertreter begründeten
die Glaubwürdigkeit der Bibel mit der Heiligkeit der Schreiber, nicht mit der
Inspiration der Worte. Sie unterschieden ebenfalls zwischen inspirierten und
nicht-inspirierten Stellen der Bibel. Keiner wollte zurück zur Inspirations-
lehre der Orthodoxie, die mit Gerhard, Quenstedt, Hollaz und Calov im 17.
Jahrhundert den Grundstein für die Lehre von der Verbalinspiration gelegt
hatte.
Trotz der gerade genannten Vorläufer begann aber erst mit dem 19. Jahr-
hundert die eigentliche Diskussion um die Schriftfrage. In diesem Jahrhun-
dert kam es zur Formulierung der großen theologischen Systeme der Einlei-
tungswissenschaften und der Literarkritik. Auch die Gegnerschaft zur Bi -
belkritik ist erst ab dem 19. Jahrhundert erwähnenswert, vorher gab es nur
vereinzelte Entwürfe und Widerlegungen.10 Deshalb beschränken wir uns
auf die Jahre zwischen 1800 und 1914.

1.1 Schleiermachers Personalinspiration

Anfang des 19. Jahrhunderts sollte die Bibliologie Friedrich Daniel Ernst
Schleiermachers einen Neuanfang darstellen. In gewisser Anlehung an den
Supranaturalismus trennte er die Offenbarung vom Bibelbuchstaben und
verband sie mit der Persönlichkeit des Schreibers. Inspiration war bei
Schleiermacher Personal- und nicht mehr Verbalinspiration. War Religion
bei ihm eine “Bestimmtheit des inneren Selbstbewusstseins”, ein “Gefühl
10
Zur Diskussion um die Schriftfrage im 19. Jahrhundert vgl. die Arbeit von P.
Gennrich, Der Kampf um die Schrift in der Deutsch-evangelischen Kirche des
neunzehnten Jahrhunderts, Berlin: Reuther & Reichard, 1898. Leider hatte Genn-
rich keine Sympathien für die bibeltreue Theologie, wenn seine Arbeit auch viele
hilfreiche Hinweise gibt. Vgl. außerdem meine Arbeit Fundamentalismus in
Deutschland: Der Kampf um die Bibel im Protestantismus des 19. und 20. Jahr-
hunderts, Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft, 1993.
214 Stephan Holthaus:
der schlechthinnigen Abhängigkeit”, so galt auch die Offenbarung Gottes
als eine Wirkung auf das Selbstbewusstsein der Autoren. Im Kreis um Jesu
Jünger war nach Schleiermacher dieser Gemeingeist der Religion tatsäch-
lich am ausgeprägtesten vorhanden gewesen. Aus dieser Nähe zu Christus
konnte er die Bücher des Neuen Testaments sogar als “inspiriert” bezeich-
nen. Damit wollte Schleiermacher die Bibel dem Urteil der kritischen Ver-
nunft entziehen. Hintergrund dieses Versuchs war auch die Trennung von
Offenbarung und Schrift.
Inspiration sei nach Schleiermacher auf die gesamte Wirksamkeit der
Apostel bezogen gewesen, nicht allein auf ihre Abfassung der Schriften.
Durch die Gleichsetzung des Heiligen Geistes mit dem Gemeingeist der
Kirche wollte Schleiermacher auch nicht von einer besonderen “Theop-
neustie” der Bibel sprechen. Das Alte Testament hatte für ihn kaum noch
Bedeutung, weil es nicht aus dem christlichen Gemeingeist abgeleitet wer-
den könnte. Die Abkehr von der Verbalinspiration führte dazu, dass Schlei-
ermacher auch ungehemmt in seinen Untersuchungen von Widersprüchen
und Fehlern in der Bibel reden konnte.11 Seine Trennung zwischen Offenba-
rung und Schrift sollte sich in der Folgezeit in der Theologiegeschichte fest-
setzen. Auch wenn seine philosophische Auffassung von der Religion als
bloßem Gemütszustand später stark kritisiert wurde, sind die Ergebnisse sei-
ner Bibliologie nach ihm kaum mehr hinterfragt worden. Eine sichere
Grundlage des Glaubens war durch die Verlagerung der Inspiration auf die
Autoren und die Kirche verlorengegangen.
Im Gefolge von Schleiermacher müssen wir David Friedrich Strauss er-
wähnen, dessen Leben Jesu – erstmals 1835 erschienen – ungeheuren Staub
aufwirbelte.12 Seine Radikalkritik an den Evangelien degradierte sie zu my-
thologischen Berichten über einen Jesus, dessen wahre Gestalt wir heute
nicht mehr kennen würden. Sein Lehrer F.C. Baur in Tübingen korrigierte
Strauss zwar in Einzelheiten, vertiefte jedoch den Graben der Bibelkritik
durch seine hegelianische Geschichtsbetrachtung. Eine Flut von Gegen-
schriften zu Strauss erschien in der Folgezeit. Sie machten deutlich, dass die
Schriftfrage das beherrschende Thema des 19. Jahrhunderts werden sollte.

11
Vgl. seine bibelkritischen Äußerungen in Hermeneutik und Kritik, Hg. Manfred
Frank, Frankfurt: Suhrkamp, 1977 (1838).
12
David Friedrich Strauß, Das Leben Jesu für das deutsche Volk bearbeitet, Leip-
zig: F.A. Brockhaus, 18642 (1835). Strauss hat sich später völlig vom christlichen
Glauben abgewandt. Vgl. David Friedrich Strauss, Der alte und der neue Glaube:
Ein Bekenntnis, Stuttgart: Emil Strauss Verlag, o.J. (1872).
Bibeltreue Theologie in Deutschland 215
1.2 Wellhausens Quellenscheidung

Die Ergebnisse der Bibelkritik zeigten sich im 19. Jahrhundert besonders


scharf im Bereich des Alten Testaments. Hans-Joachim Kraus hat diese Ent-
wicklung in seinem Buch Geschichte der historisch-kritischen Erforschung
des Alten Testaments13 kenntnisreich nachgezeichnet. Die Geschichte der
Quellenscheidung im Pentateuch braucht hier nicht ausführlich wiederholt
zu werden. Mitte des 18. Jahrhunderts hatte Jean Astruc die Urkundenhypo-
these eingeführt, die sich jedoch erst 100 Jahre später durch Graf und Well-
hausen allgemein gegen die Fragmenten- und Ergänzungshypothese durch-
setzen konnte.14 Sie unterschied vier Hauptquellen im Pentateuch (J,E,D,P)
und widersprach der einheitlichen Autorschaft durch Mose. Ähnliche Kon-
zepte postulierte man später für das Buch Jesaja und die Evangelien. Auf die
Kritik an diesem Ansatz werden wir noch ausführlicher zu sprechen kom-
men. Ende des 19. Jahrhunderts gab es jedoch kaum einen Universitätstheo-
logen, der nicht von der Quellenscheidung überzeugt gewesen wäre.

1.3 Harnacks Angriff auf das Apostolikum

Einen gewissen Höhepunkt in der Auseinandersetzung um die Schriftfrage


brachten die 90er Jahre des 19. Jahrhunderts. Die Wellen der Auseinander-
setzung waren bis in die Gemeinden zu spüren. Ein gewisser Auslöser war
Adolf von Harnacks Artikel über das Apostolicum im Jahre 1892, in dem er
für eine Revision des alten Glaubensbekenntnisses eintrat.15 Voraufgegan-
gen war die Maßregelung des jungen württembergischen Geistlichen Chris-
toph Schrempf, der provokativ eine Taufe ohne Verlesung des Apostoli-
cums vollzogen hatte. An diesem Tatbestand entzündete sich der “Apostoli-
cumsstreit” der 90er Jahre. Es wäre einmal eine eigene Arbeit wert, die vie-
len Widerlegungen und Schmähschriften gegen Harnack auszuwerten. Har-
nacks spätere Vorträge über das Wesen des Christentums verstärkten nur die

13
Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 19823 (1956).
14
Vgl. die beiden wegweisenden Werke von Julius Wellhausen: Die Composition
des Hexateuchs und der historischen Bücher des Alten Testaments, Berlin: Georg
Reimer, 18993; Prolegomena zur Geschichte Israels, Berlin: Walter de Gruyter,
19276 (1877).
15
Adolf von Harnack, Das Apostolische Glaubensbekenntnis, Berlin: A. Haack,
1892.
216 Stephan Holthaus:
konservativen Reaktionen und zeigten, wie weit die Bibelkritik gehen konn-
te.16
In dieser Periode muss auch der Vortrag von Friedrich Delitzsch über
Babel und Bibel erwähnt werden.17 Anhand der Ausgrabungen im Nahen
Osten versuchte Delitzsch seinem Publikum zu vermitteln, dass das Alte
Testament seine Einzigartigkeit und Autorität verloren habe. Die biblischen
Berichte müsse man mit der Brille der Archäologie lesen, auch wenn da-
durch manche Passagen als unwahr gestrichen werden müssten. Nicht um-
sonst hieß sein Buch “Babel und Bibel”, nicht “Bibel und Babel”. In bibel-
treuen Zeitschriften wurde dagegen noch Jahre später scharf geurteilt, sah
man doch darin einen weiteren Puzzlestein in der Abwertung der Autorität
der Schrift. Leider sind die Ergebnisse von Delitzsch und der ganzen “Reli-
gionsgeschichtlichen Schule” erst Jahre später auch von der kritischen
Theologie relativiert worden.
Die Entwicklung der Bibelkritik verlief im 19. Jahrhundert in Deutsch-
land stetig und kontinuierlich. Sie vollzog sich in erster Linie an den theolo-
gischen Fakultäten. Erst in den 90er Jahren erreichte sie auf breiter Front
auch die Gemeindekreise und löste dort einen breiten Protest aus.

2 Bibeltreue Theologen im 19. Jahrhundert

Wo war nun eine “bibeltreue” Theologie im deutschsprachigen Raum zu


finden? Auch hier ist zunächst festzustellen, dass es zu einer ernsthaften
Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der Bibelkritik erst im 19. Jahr -
hundert gekommen ist. Zwar rangen schon einige namhafte Pietisten mit
den Aufklärern und ihrer rationalistischen Theologie, aber zu einer ge-
schlossen Front der Bibeltreuen und zu denkerisch überzeugenden Konzep-
ten ist es erst wesentlich später gekommen. Bibeltreue Theologen fanden
sich im 19. Jahrhundert im Konfessionalismus und innerhalb der verschie-
denen Erweckungsbewegungen.

16
Adolf von Harnack, Das Wesen des Christentums, München: Siebenstern Ta-
schenbuch, 1964 (1900).
17
Friedrich Delitzsch, Babel und Bibel: Ein Vortrag, Leipzig: J.C. Hinrichs’sche
Buchhandlung, 1902.
Bibeltreue Theologie in Deutschland 217
2.1 … im Konfessionalismus

2.1.1 Der lutherische Konfessionalismus


Die Gegnerschaft der Liberalen kam im 19. Jahrhundert in erster Linie
aus dem Lager der lutherischen Konfessionellen. Ihre Kritik an der Union
verband sich mit der Kritik an der Bibelkritik. Die Auflösung der Bekennt-
nisse war nach ihrer Meinung ein Ergebnis des hemmungslosen Rationalis-
mus, der sich nun auch der theologischen Fakultäten und der Fürstenhäuser
bemächtigt hatte. Ekklesiologie und Bibliologie waren somit untrennbar
miteinander verbunden.
Ein erster überzeugter Konfessionalist, Anhänger der Verbalinspiration
und Sammler der späteren lutherischen Exilanten nach Amerika wurde An-
dreas Gottlob Rudelbach18, Superintendent von Glauchau. In der von ihm
ins Leben gerufenen Muldentaler Pastoralkonferenz initiierte er seit 1831
einen Kreis von strengen Lutheranern, die sich gegen die preußische Union
und zugleich gegen die Bibelkritik wandten. Zu ihnen gehörten der Alttesta-
mentler Franz Delitzsch19 und C.F.W. Walther20, der Vater der Missou-
ri-Lutheraner in Amerika. Rudelbach hat sich mehrfach qualifiziert gegen
die Personalinspiration Schleiermachers ausgesprochen und an der Irrtums-
losigkeit der Schrift festgehalten. Das spätere Eintreten der freikirchlichen
Lutheraner für die Unfehlbarkeit der Bibel findet hier ihren Ausgangspunkt.
Vielleicht der bekannteste Gegner der Bibelkritik im 19. Jahrhundert
wurde Ernst Wilhelm Hengstenberg21 (1802-69), Theologieprofessor an der
Berliner Fakultät und Herausgeber der einflussreichen Evangelischen Kir-
chenzeitung. Spätere kritische Theologen haben Hengstenberg gerne zum
18
Zu seiner Biographie vgl. C.R. Kaiser, Andreas Gottlob Rudelbach: ein Zeuge der
lutherischen Kirche im 19. Jahrhundert, Leipzig: Justus Neumann, 1982.
19
Über Franz Delitzsch und seine schwankende Stellung zur Bibelkritik vgl. die
ausführliche und einfühlsame Biographie von Siegfried Wagner, Franz De-
litzsch: Leben und Werk, Giessen: Brunnen Verlag, 19912 (1978). Am Ende sei-
nes Lebens stellte er sich in einer Art Vermächtnis gegen die Bibelkritik: Der tiefe
Graben zwischen alter und moderner Theologie: Ein Bekenntnis, Leipzig: Aka-
demische Buchhandlung (W. Faber), 18902 (1888).
20
Walther galt als scharfer und gelehrter Kritiker der Bibelkritik. Vgl. z.B. sein
Buch Was lehren die neueren orthodox sein wollenden Theologen von der Inspi-
ration? Dresden: Justus Naumann, o.J. (ca. 1871).
21
Biographische Informationen gibt Johannes Bachmann, Ernst Wilhelm Hengsten-
berg: Sein Leben und Wirken nach gedruckten und ungedruckten Quellen, 3 Bde.,
Gütersloh: C. Bertelsmann, 1876-92. Der dritte Band wurde von Th. Schmalen-
bach vollendet.
218 Stephan Holthaus:
“Buhmann” der alttestamentlichen Theologie gemacht. Flückiger verbindet
seine Vorgehensweise sogar mit “Terror”, Kraus spottet in seiner schon ge-
nannten Geschichte über Hengstenbergs Allegorien und Mystizismen.22
Zwar konnte Hengstenberg in manchmal liebloser Weise seine Gegner ab-
kanzeln und scheute auch vor Intrigen in Fakultät und am Hofe (Friedrich
Wilhelm IV.) nicht zurück, aber seine wissenschaftlichen Arbeiten gegen
die Bibelkritik waren vorbildlich und sind später bzgl. ihrer Tiefe kaum
noch erreicht worden. Die Verteidigung des Alten Testamentes gegen die
aufkommende Bibelkritik wurde zu seinem eigentlichen Lebenswerk.
In zwei Bänden verteidigte Hengstenberg 1836 und 1839 z.B. die Au-
thentie des Pentateuchs23. Damals mußte er noch gegen die Auffassung
kämpfen, dass Mose sicher nicht des Schreibens mächtig gewesen wäre!
Die zweiteilige Geschichte des Reiches Gottes24 und die dreibändige Chris-
tologie des Alten Testamentes25 zusammen mit dem vierbändigen Psalmen-
kommentar26 führten die bibeltreue Linie Hengstenbergs weiter. In seiner
Evangelischen Kirchenzeitung wehrte er sich gegen Schleiermacher,
Strauss, Renan und Hegel. Über seinen Vertrauten von Gerlach griff er aller-
dings auch die Hallenser Fakultät an, weil nach seiner Meinung dort bibel-
kritische Ansichten kursierten. Eine Aufarbeitung des Lebenswerkes von
Hengstenberg für evangelikale Theologie des Alten Testamentes steht bis
heute noch aus und wäre sicher lohnenswert.27

22
Felix Flückiger, Die protestantische Theologie des 19. Jahrhunderts, Die Kirche
in ihrer Geschichte: Ein Handbuch, Hg. B. Moeller, Lf. P, Göttingen: Vandenho-
eck & Ruprecht, 1975, S. 68; Kraus, a.a.O., S. 222-26.
23
Berlin: Ludwig Oehmigke, 1836-39.
24
Berlin: Gustav Schlawitz, 1869-71.
25
Berlin: Ludwig Oehmigke, 1829-35.
26
Berlin: Ludwig Oehmigke, 1849-52.
27
Ausgewogene Hinweise über Hengstenberg geben folgende Dissertationen: Hans
Wulfmeyer, Ernst Wilhelm Hengstenberg als Konfessionalist, Diss. phil. Erlan-
gen, 1970; A. Kriege, Geschichte der Evangelischen Kirchenzeitung unter der
Redaktion Ernst-Wilhelm Hengstenbergs vom 1. Juli 1827 bis zum 1. Juni 1869:
Ein Beitrag zur Kirchengeschichte des 19. Jahrhunderts, Diss. theol. Bonn, 1958;
Daniel Clair Davis, The Hermeneutics of Ernst Wilhelm Hengstenberg: Edifying
Value as Exegetical Standard, Diss. theol. Göttingen, 1960; Wolfgang Kramer,
Ernst Wilhelm Hengstenberg, die Evangelische Kirchenzeitung und der theologi-
sche Rationalismus, Diss. phil. Erlangen, 1972. Gerade Kramers Arbeit zeigt mit
aller Deutlichkeit, wie differenziert Hengstenbergs Kritik an den Liberalen war.
Bibeltreue Theologie in Deutschland 219
Nicht vergessen werden darf ein anderer scharfer Gegner der Union wie
auch Bibelkritik, Friedrich Christian Vilmar28 in Hessen. In seiner Dogma-
tik sprach er von der Irrtumslosigkeit und Theopneustie der ganzen Heiligen
Schrift.29 Sein bekanntestes Werk, die Theologie der Tatsachen von 185630,
war eine Radikalkritik an der liberalen Theologie und der universitären Aus-
bildung. Ähnlich wie vor ihm Spener forderte er eine Revision des Universi-
tätsstudiums und eine Rückkehr zum Glauben an die Unfehlbarkeit der Bi-
bel in ihren Originalmanuskripten. Vilmar war ein starker Gegner der Union
in Preußen und wurde dadurch weithin bekannt. Sein bibeltreuer Ansatz in
der Bibliologie trat dahinter etwas zurück, prägte aber sein gesamtes Den-
ken und war Grundlage der Unionskritik.
Die Liste bibeltreuer lutherischer Konfessionalisten könnte ohne
Schwierigkeit verlängert werden. Zu nenen sind noch Friedrich Adolf Phi-
lippi31, Theodor Kliefoth32, dann auch Wilhelm Löhe und die Vertreter der
lutherischen Freikirchen: Scheibel, Huschke, Wöhling und vor allen Dingen
Wilhelm Rohnert, dessen bibeltreue Dogmatik33 bis in die Gemeinschafts-
bewegung hineinreichte. Zwar war hier der Rückgriff auf die Orthodoxie in-
spiriert durch ein übersteigertes Luthertum und eine eigentümliche Repristi-
28
Biographische Hinweise finden sich bei Anom. [Rudolf Grebe], August Fr.Chr.
Vilmar: Ein Gedenkblatt bei der 100. Wiederkehr seines Geburtstages seinen
Verehrern gewidmet von einem Zeitgenossen, Cassel: Carl Vietor, 1900.
29
A.F.C. Vilmar, Dogmatik: Akademische Vorlesungen, Hg. K.W. Piderit, Bd. 1,
Gütersloh: C. Bertelsmann, 1874, S. 91-103. Diese Vorlesungsmitschriften wur-
den nach seinem Tode herausgegeben.
30
A.F.C. Vilmar, Die Theologie der Tatsachen wider die Theologie der Rhetorik:
Bekenntnis und Abwehr, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1984
(18563).
31
Professor in Dorpat und Rostock, der bekannteste Gegner der Versöhnungslehre
von J.Chr.K. von Hofmann in Erlangen. Zu seiner Bibliologie vgl. F.A. Philippi,
Kirchliche Glaubenslehre, Bd. 1: Grundgedanken oder Prolegomena, Stuttgart:
Samuel Gottlieb Liesching, 1854, S. 222ff.
32
Bekannt wurde seine Kritik an der Schrifthaltung von J.Chr.K. von Hofmann:
“Der Schriftbeweis des Dr. J.Chr.K.v. Hofmann,” Kirchliche Zeitschrift, 6(1859),
129-80, 193-320, 493-657, 661-747, 748-800.
33
W. Rohnert, Die Dogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche, Braunschweig:
Wollermann, 1902. Rohnerts wichtigste Bücher zur Schriftfrage waren: Die In -
spiration der heiligen Schrift und ihre Bestreiter: Eine biblisch-dogmatische Stu-
die, Leipzig: Georg Böhme, 1889; ders., Was lehrt Luther von der Inspiration der
Heiligen Schrift? Leipzig: Georg Böhme, 1890; ders., Was lehren die derzeitigen
deutschen Professoren der evang. Theologie über die h. Schrift und deren Inspi-
ration? Leipzig: E. Ungleich, 1892.
220 Stephan Holthaus:
nation der Orthodoxie. Trotzdem gelten ihre Überlegungen zum Thema In-
spiration zu dem Besten, was bibeltreue Theologie bis heute hervorgebracht
hat.
Aus dem Kreise von lutherischen Pfarrern kamen auch die ersten Mit-
glieder des Bibelbundes, der seit 1894 einen entscheidenden Beitrag für den
Kampf um die Bibel führte. Er wurde eine Art Sammelbecken für die An-
hänger der Irrtumslosigkeit der Bibel. In mehreren Schriften und vor allen
Dingen in dem Organ Nach dem Gesetz und Zeugnis (später Bibel und Ge-
meinde) haben sich diese Pfarrer und Theologen um eine bibeltreue Theolo-
gie gemüht. Wichtige Mitglieder des frühen Bibelbundes waren: die Profes-
soren Theodor Beyer und Johann Friedrich Hashagen, der Seminardirektor
der Leipziger Mission Julius Greve, Superintendent Wilhelm Kölling, der
Alttestamentler Eduard Rupprecht. Dann der Evangelist General Georg von
Viebahn, die Bibelschullehrer Johannes Warns und Erich Sauer, in späteren
Jahren Fritz Rienecker und Samuel Külling.
Wilhelm Kölling schrieb das wohl gelehrteste Werk über die Verbalin-
spiration unter dem Titel Lehre von der Theopneustie34 – dieses Buch ist
heute bei bibeltreuen Theologen leider vergessen. In einem ersten Teil geht
es ihm um die exegetische Grundlage der Verbalinspiration, ein ausführli-
cher zweiter Teil erweist die Theopneustie in ihrer dogmengeschichtlichen
Entwicklung. Die eigenständige Quellenarbeit Köllings ist dabei ganz ers-
taunlich und wurde auch von seinen zahlreichen Gegnern anerkannt. Eduard
Rupprecht verfasste als Schüler von C.F. Keil sein umfangreiches Wissen-
schaftliches Handbuch der Einleitung in das Alte Testament35 und mehrere
andere Werke gegen die alttestamentliche Bibelkritik.36 Auch diese Bücher
zeichnen sich durch Sachlichkeit und Detailkenntnisse aus und fanden ihre
dankbaren Abnehmer in Theologie und Gemeinde.

34
Wilhelm Koelling, Die Lehre von der Theopneustie, Breslau: Carl Dülfer, 1890.
Schon kurz vorher erschien sein Buch Prolegomena zur Lehre von der Theop -
neustie, Breslau: Carl Dülfer, 1890.
35
Eduard Rupprecht, Wissenschaftliches Handbuch der Einleitung in das Alte Tes-
tament, Gütersloh: C. Bertelsmann, 1898.
36
Vgl. Eduard Rupprecht, Das Rätsel des Fünfbuches Mose und seine falsche Lö-
sung, Gütersloh: C. Bertelsmann, 1894; ders., Der Pseudodaniel und Pseudojesa-
ja der modernen Kritik, Erlangen: A. Deichert’sche Verlagsbuchhandlung, 1894;
ders., Des Rätsels Lösung oder Beiträge zur richtigen Lösung des Pentateuchrät-
sels für den christlichen Glauben und die Wissenschaft, 2 Bde., Gütersloh: C. Ber-
telsmann, 1895-97.
Bibeltreue Theologie in Deutschland 221
Der wichtigste Theologe des Bibelbundes wurde ein weiterer Alttesta-
mentler, nämlich Wilhelm Möller. Nach einer steilen akademischen Karrie-
re innerhalb der alttestamentlichen Wissenschaft distanzierte Möller sich
immer mehr von der Bibelkritik, insbesondere von der Quellenscheidung im
Pentateuch. In einigen umfangreichen Werken hat er sich mit der kritischen
Theologie auseinander gesetzt.37 Ab den 20er Jahren ging es ihm um eine
tragfähige Alternative aus bibeltreuer Sicht.38 Sein literarischer Ertrag be-
läuft sich auf über 2.000 Seiten und wartet bis heute noch auf eine Auswer-
tung und Würdigung. Ähnlich wie vor ihm vielleicht nur Hengstenberg,
Rupprecht und Keil verband Möller wissenschaftliche Detailarbeit mit der
Liebe zum Alten Testament als Gottes unfehlbare Offenbarung.

2.1.2 Der reformierte Konfessionalismus


Reformierter Konfessionalismus ist in Deutschland mit den Namen von
Hermann Friedrich Kohlbrügge, Johannes Wichelhaus und Adolf Zahn ver-
knüpft. Zu nennen sind auch die ausländischen reformierten Theologen
Kuyper in Amsterdam, Böhl in Wien und Gaussen in Genf. Das amerikani-
sche Zentrum des reformierten Fundamentalismus wurde die theologische
Fakultät in Princeton unter Charles Hodge, Benjamin Warfield und Gres-
ham Machen.
Kohlbrügge39, Prediger an der Niederländisch-reformierten Gemeinde
in Wuppertal, konnte offen Namen von liberalen Theologen nennen, die wi-

37
Wilhelm Möller, Historisch-kritische Bedenken gegen die Graf-Wellhausensche
Hypothese von einem früheren Anhänger, Gütersloh: C. Bertelsmann, 1899;
ders., Die Entwicklung der Alttestamentlichen Gottesidee in vorexilischer Zeit:
Bedenken gegen moderne Auffassungen, Gütersloh: C. Bertelsmann, 1903; ders.,
Die messianische Erwartung der vorexilischen Propheten, zugleich ein Protest
gegen moderne Textzersplitterung, Gütersloh: C. Bertelsmann, 1906; ders., Wi-
der den Bann der Quellenscheidung: Anleitung zu einer neuen Erfassung des
Pentateuch-Problems, Gütersloh: C. Bertelsmann, 1912.
38
Wilhelm Möller, Rückbeziehungen des 5. Buches Mosis auf die vier ersten Bü -
cher, Lütjenburg: Bibelbund, 1925; ders., Die Einheit und Echtheit der 5 Bücher
Mosis, Bad Salzuflen: Bibelbund, 1931; ders., Grundriß für alttestamentliche
Einleitung, Berlin: Ev. Verlagsanstalt, 1958; ders./Hans Möller, Biblische Theo-
logie des Alten Testaments in heilsgeschichtlicher Entwicklung, Zwickau: Joh.
Herrmann, 1938.
39
Zu Kohlbrügge und seiner Bibliologie vgl. die immer noch wertvolle Arbeit von
Hermann Klugkist Hesse, Hermann Friedrich Kohlbrügge, Barmen: Emil Mül -
ler, 1935.
222 Stephan Holthaus:
40
der die Schrift auftraten. Ebenso Paul Geyser , Pastor der reformierten Ge-
meinde in Wuppertal. Die Schüler Kohlbrügges, Johannes Wichelhaus und
Eduard Böhl, waren als Universitätsprofessoren auch wissenschaftlich in
der Lage, dem Liberalismus einen bibeltreuen Ansatz entgegenzusetzen.
Wichelhaus vertrat die Irrtumslosigkeit der ganzen Schrift – eine Position,
für die sein Kollege Tholuck an der Fakultät in Halle nichts übrig hatte.41
Der streitbarste unter den reformierten bibeltreuen Theologen war sicher
Adolf Zahn, Vetter von Adolf Schlatter und des bekannten Neutestament-
lers Theodor Zahn. In Anlehnung an Hengstenberg, Hävernick und Keil
verteidigte Zahn z.B. in seinem 1894 erschienenen Werk Ernste Blicke in
den Wahn der modernen Kritik des Alten Testamentes42 die Einheit und
Echtheit des Pentateuch. Grundsätzlich plädierte er auch in anderen Werken
für eine Verbalinspiration und die Unfehlbarkeit der Bibel.
Insgesamt hatten die reformierten Konfessionellen guten Kontakt zum
theologischen Seminar in Princeton in New Jersey, das in gewisser Weise
die intellektuelle Kaderschmiede des amerikanischen Fundamentalismus
war. Die wichtigsten Werke des dortigen Alttestamentlers William Henry
Green, einem Verteidiger der Einheit des Pentateuch, wurden damals auch
in die deutsche Sprache übersetzt. Ich erinnere nur an sein 700-Seiten-Werk
Die Einheit der Genesis43 und an sein Buch Die höhere Kritik des Penta-
teuch44 aus dem Jahre 1897. Beide Werke erschienen wie so viele bibeltreue
Literatur beim Bertelsmann-Verlag in Gütersloh.
Die reformierten Konfessionellen haben an der Unfehlbarkeit der Bibel
genauso festgehalten wie ihre lutherischen Kollegen. Obwohl sich beide

40
Geyser hatte sich auf einer Amerikareise bekehrt und studierte anschließend
Theologie in Basel. Er galt als Kenner der alten Sprachen und war ein beliebter
Prediger im Wuppertal. Vgl. seine Einstellung zur Bibelkritik in Prüfet die Geis-
ter, Wuppertal: Evangelische Gesellschaft, 1964.
41
Zu Wichelhaus vgl. Die Lehre der heiligen Schrift vom Worte Gottes, vom Wesen
und Werken Gottes, vom Menschen und Gesetz Gottes, Hg. A. Zahn, Stuttgart:
Steinkopf, 1874. Zu Böhl vgl. sein Buch Zum Gesetz und Zeugniss: Eine Abwehr
wider die neu-kritische Schriftforschung im Alten Testament, Wien: Brumüller,
1883.
42
Gütersloh: C. Bertelsmann, 1894.
43
Gütersloh: C. Bertelsmann, 1903.
44
Gütersloh: C. Bertelsmann, 1897. Zu nennen sind außerdem: W.H. Green, Die
Feste der Hebräer in ihrer Beziehung auf die modernen kritischen Hypothesen
über den Pentateuch, Gütersloh: C. Bertelsmann, 1894; ders., Einleitung in das
Alte Testament: Der Kanon, Suttgart: Max Kielmann, 1906.
Bibeltreue Theologie in Deutschland 223
Die führenden Vertreter der ersten Erweckung waren Männer wie Hein-
rich Jung-Stilling, Ludwig Harms, Gottfried Menken, Ernst von Kottwitz,
Johann Gerhard Oncken, Ludwig Hofacker, Aloys Henhöfer, Martin Boos,
Johannes Goßner, Gottfried Daniel Krummacher, Johann Heinrich Volke-
ning u.a. Nach meinen Forschungen vertraten alle der Genannten eine Bi-
bliologie, die im bewussten Gegensatz zum Rationalismus die Unfehlbar-
keit und Verbalinspiration der Heiligen Schrift betonte. Zwar darf man nicht
übersehen, dass die Erweckungsbewegung keine formulierte Theologie her-
vorbrachte und von daher die Gegnerschaft zur Kritik und die eigene Biblio-
logie nur selten systematisch dargestellt wurden.45 Und doch waren erweck-
liche Verkündigung und bibeltreue Theologie in diesen Kreisen de-
ckungsgleich.46
Manche Impulse wurden von den Erweckten aus dem Ausland aufge-
nommen. Das Buch von Robert Samuel Louis Gaussen, Erweckungspredi-
ger in Genf, über die Theopneustie47 ist in Deutschland stark rezipiert wor-
den. Darin argumentierte er gegen die Personalinspirationslehre Schleier-
machers. Ein anderes Werk von ihm erschien damals im Oncken-Verlag in
Hamburg.48 Dann ist Robert Haldane zu erwähnen, Vertreter der Verbalin-
spiration und eigentlicher Inspirator des Genfer Reveil. Sein Buch Beweis
für die Echtheit und wörtliche Eingebung der heiligen Schrift erschien 1840
bei Steinkopf in Stuttgart.49 Auch andere Erweckungsprediger des Auslan-
des wie Cesar Malan, Adolph Monod, Charles Finney und Thomas Chal-
mers haben mit ihrer strengen Inspirationslehre auf die deutschen Erweck-
ten prägend gewirkt. Ebenso der Schweizer Theologie Frédéric Godet.

45
Und gerade der vielleicht begabteste Theologe der Erweckung, Friedrich August
Gotttreu Tholuck, ging an diesem Punkt andere Wege. War er noch 1835 als vehe-
menter Gegner von David Friedrich Strauss aufgetreten, so konnte er später ge-
nauso heftig die Verbalinspirationslehre verdammen.
46
Überhaupt sollte einmal untersucht werden, welche Korrelation es zwischen bi-
beltreuer Schrifthaltung und Erweckung gegeben hat.
47
R.S.L. Gaussen, Theopneustie ou inspiration plénière des saintes écritures, Paris:
L.-R. Delay, 1840. Dieses Buch erlebte seit 1842 in Amerika mehrere englisch-
sprachige Ausgaben.
48
L. Gaussen, Die Aechtheit der Heiligen Schrift vom Standpunkt der Geschichte
und des Glaubens, 2 Bde., Hamburg: J.G. Oncken, 18702.
49
Vgl. auch die biographischen Hinweise in Alexander Haldane, The Lives of Ro-
bert and James Haldane, Edinburgh: The Banner of Truth Trust, 1990 (1852). Für
Deutschland wurde außerdem wichtig: Robert Haldane, Die Wahrheit und Aucto-
rität der göttlichen Offenbarung, Hamburg: J.G. Oncken, 1864.
224 Stephan Holthaus:
Bekannt für seine Kritik am Rationalismus wurde Gottfried Menken, Er-
weckungsprediger Bremens, der sich mehrfach für die Verbalinspiration
und gegen die Bibelkritik aussprach.50 Gottfried Daniel Krummacher war
gegen den Rationalismus von der Verbalinspiration überzeugt.51 Ebenso
Tillmann
Siebel52, Erwecker des Siegerlandes, Carl Brockhaus53, der Vater der deut-
schen Brüderbewegung, Hermann Heinrich Grafe54 in seinen Tagebüchern,
Johann Gerhard Oncken55 in Briefen und Aufsätzen. Ludwig Hofackers
Predigterfolge sind ohne seine Liebe zum Wort Gottes nicht zu verstehen.56
Wer zeigt mir einen Erweckungsprediger, der im Bibelverständnis nicht an
der Unfehlbarkeit der Bibel festgehalten hat?

2.2.2 Die zweite Erweckungsbewegung Ende des 19. Jahrhunderts


Ähnliches beobachten wir in der zweiten Erweckungsbewegung Ende
des 19. Jahrhunderts. Schon die Wurzeln dieser Frömmigkeit waren von der
Liebe zur Schrift geprägt, man denke nur an Robert Pearsall Smith, Theodor

50
Vgl. Gottfried Menken, Versuch einer Anleitung zum eignen Unterricht in den
Wahrheiten der heiligen Schrift, Bremen: Wilhelm Kaiser, 1805. Zu seiner Bio-
graphie vgl. C.H. Gildemeister, Leben und Wirken des Dr. Gottfried Menken, 2
Bde., Bremen: C.Ed. Müller, 1860-61.
51
Friedrich-Wilhelm Krummacher, Gottfried Daniel Krummacher und die nieder-
rheinische Erweckungsbewegung zu Anfang des 19. Jahrhunderts, Berlin: de
Gruyter, 1935.
52
Über seine Bibliologie gibt Auskunft: Walther A. Siebel, Tillmann Siebel: Der
Vater des christlichen Lebens im Siegerland, Wuppertal-Barmen: Rheinische
Mission, 1947.
53
Unter Brockhaus entstand mit Hilfe des Engländers J.N. Darby die sogenannte El-
berfelder Bibel, die sich um eine wortgetreue Übersetzung mühte und von einer
Verbalinspiration der Schrift ausging.
54
Seine Tagebücher liegen leider nur unveröffentlicht vor. Ich beziehe mich auf Bd.
2 aus dem Jahr 1853, in dem er sich scharfsinnig mit der Bibelkritik auseinanders-
etzte.
55
Onckens Position zur Schriftfrage ist bis heute nicht aufgearbeitet worden. Hin-
weise geben die Herausgabe der Bücher von Gaussen und Haldane in seinem Ver-
lag und manche Äußerungen in Briefen und Predigten, z.B. in Licht und Recht:
Eine Sammlung von Predigten und Reden gehalten von J.G. Oncken, Hg. Her -
mann Windolf, Cassel: J.G. Oncken Nachf., 1901, S. 109f.
56
Hinweise bei Erich Beyreuther, Ludwig Hofacker, Wuppertal: R. Brockhaus,
1988, S. 56f.
Bibeltreue Theologie in Deutschland 225
57
Jellinghaus oder Carl Heinrich Rappard. Jellinghaus sprach bzgl. der Bibel
von einem “unter dem Einfluß des heiligen Geistes geschriebenen, zuverläs-
sigen Urkundenbuch”58. Elias Schrenk hielt sich in den Auseinandersetzun-
gen mit der Bibelkritik zurück, war aber ebenfalls von der Glaubwürdigkeit
der ganzen Bibel überzeugt.59 Otto Stockmayer konnte auch aus seiner eige-
nen Biographie heraus heftig gegen jede Bibelkritik vorgehen. Er hatte sie
während seines Theologiestudiums in Tübingen aus erster Quelle kennen-
gelernt.60 Von Verbalinspiration sprach Theodor Haarbeck, Leiter des Jo-
hanneums.61 Vorsichtiger formulierte wiederum Theodor Christlieb in
Bonn.62 Auch sonst herrschte bei den bekannten Prediger und Lehrern dieser
Zeit – Rektor Dietrich, Eduard von Pückler, Johannes Seitz, H.W. Rinck,
Johannes Röschmann, Johannes Rubanowitsch, Julius Dammann, Theodor
Krawielitzki, Ernst Modersohn – die Überzeugung von der Unfehlbarkeit
der Bibel und eine deutliche Verwerfung der Bibelkritik vor. Vorsichtiger
waren neben Schrenk und Christlieb allein Samuel Keller und Johannes
Lepsius mit ihrer Eisenacher Konferenz, ohne dass sie Anhänger der Bibel-
kritik gewesen seien.
Auch die damals entstandenen Glaubensmissionen gingen von einem
unfehlbaren Gotteswort aus. Hier scheint der Einfluss von Hudson Taylor

57
Zu Rappards Inspirationsverständnis vgl. Dora Rappard, Carl Heinrich Rappard:
Ein Lebensbild, Gießen: Brunnen Verlag, 1910, S. 320.
58
Theodor Jellinghaus, Das völlig, gegenwärtige Heil in Christus, Basel: P. Kober,
18984 (1880), S. 61
59
Vgl. die Hinweise bei Hermann Klemm, Elias Schrenk: Der Weg eines Evange-
listen, Wuppertal: R. Brockhaus, 19862 (1961), S. 381-85. Auch aus den Schriften
von Schrenk geht seine Überzeugung von der Unfehlbarkeit der Bibel deutlich
hervor.
60
Vgl. zu Stockmayer und seiner Bibliologie die Biographie von Alfred Roth, Otto
Stockmayer: Ein Zeuge und Nachfolger Jesu Christi, Geisweid: Deutsche Zelt -
mission, 1925. Wie bei Schrenk bestätigen auch seine vielen Schriften und Kom-
mentare die Überzeugung von der Unfehlbarkeit der Bibel.
61
So in den frühen Auflagen seiner Kurzgefaßten biblischen Glaubenslehre für
nachdenkende Christen, Elberfeld: Evangelische Gesellschaft, 19217 (1902). In
späteren Auflagen wurden seine deutlichen Aussagen zur Verbalinspiration und
Irrtumslosigkeit von den Redaktoren verändert.
62
Zu Christliebs Bibliologie vgl. die Disssertation von Thomas Schirrmacher,
Theodor Christlieb und seine Missionstheologie, Wuppertal: Evangelische Ge -
sellschaft, 1985.
226 Stephan Holthaus:
63
und von Grattan Guinness eine Rolle gespielt zu haben. Heinrich Coerper
von Liebenzell und Carl Polnick von der Allianz-China-Mission standen
ganz hinter der Lehre von der Verbalinspiration. Zu erwähnen ist hier auch
der Blankenburger Zweig der Evangelischen Allianz um Anna von Weling,
Friedrich Wilhelm Baedeker, Ernst Gebhardt und Ernst Modersohn. Auf
den Blankenburger Konferenzen der Allianzvertreter wurde mehrfach dezi-
diert gegen die Bibelkritik Stellung genommen, teilweise sogar recht kämp-
ferisch.64
Wir halten also fest: beide großen Erweckungsbewegungen waren getra-
gen durch das unbedingte Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Heiligen
Schrift. Die Unfehlbarkeit der Bibel war die Ausgangsbasis für jede erweck-
liche Verkündigung im In- und Ausland. Die Überzeugung von einem Ruf
in die Entscheidung für Christus wurde von der Bibel abgeleitet. Überhaupt
wollten die Erweckten alle Lehre und Frömmigkeit biblisch legitimiert se-
hen. Die ungeheuren Anstrengungen der Mission und der Bibelverbreitung
sind nur von der Bibliologie dieser frühen “Evangelikalen” zu verstehen.

3 Fazit: Bibeltreue Theologie im 19. Jahrhundert

Chronologisch lassen sich also zwei Phasen in der Auseinandersetzung um


die Bibel im 19. Jahrhundert unterscheiden: Die erste Phase beschäftigte
sich noch mit den Ergebnissen des Rationalismus, gegen die sich insbeson-
dere die erste Erweckungsbewegung und der Konfessionalismus wandten.
Hier hinein gehört auch die Auseinandersetzung um die Personalinspiration
Schleiermachers und um die Radikalkritik eines David Friedrich Strauss.
Wichtige Vertreter eines bibeltreuen Schriftverständnisses waren damals
Menken, Gaussen, Haldane, Kohlbrügge und Hengstenberg. Die wesentlich
heftiger geführte zweite Phase lag in den 90er Jahren des vorigen Jahrhun-
derts. Hier schaltete sich auch die Gemeindebasis in den Kampf ein. Inner-
halb des lutherischen Konfessionalismus kam es zu einer Repristination der
altprotestantischen Orthodoxie und zu Kirchenspaltungen. Ein Sammelbe-
cken der bibeltreuen Theologen innerhalb des Luthertums wurde der Bibel-
63
Zum Einfluss von Hudson Taylor auf die deutschsprachigen Glaubensmissionen
vgl. Andreas Franz, Mission ohne Grenzen: Hudson Taylor und die deutschspra-
chigen Glaubensmissionen, Giessen: Brunnen Verlag, 1993.
64
Man denke nur an die Kontroverse um Johannes Lepsius, vgl. Holthaus, a.a.O., S.
234-36.
Bibeltreue Theologie in Deutschland 227
bund mit seiner Forderung der Irrtumslosigkeit der Schrift. Wichtige Theo-
logen in dieser Auseinandersetzung waren Rupprecht, Koelling und Roh-
nert.
Bibeltreue Theologie ist im 19. Jahrhundert in erster Linie von den luthe-
rischen und reformierten Konfessionellen und von den Vertretern der Erwe-
ckungsbewegungen vertreten worden. Damit trafen sich zwei recht gegen-
sätzliche theologische Strömungen: hier eine orthodoxe Theologie mit lan-
ger Tradition, dort eine erweckliche Evangelisationsbewegung mit Beto-
nung der Frömmigkeit und Heiligung des Einzelnen. Hier streng lutheri-
schen Landeskirchler, dort Vertreter von Freikirchen und Gemeinschafts-
kreisen. Gründlich ausgebildete Theologen standen einfachen Predigern ge-
genüber. Konservative Traditionalisten auf der einen Seite, progressiv an-
mutende Pragmatiker auf der anderen Seite. Diese scheinbar so ungleichen
Voraussetzungen lassen aber nicht übersehen, dass sich in der Bibliologie
Erweckung und Konfessionalismus sehr nahe standen und sich deshalb im
19. Jahrhundert kein klarer Trennstrich zwischen beiden Bewegungen zie-
hen läßt. Ludwig Harms, Wilhelm Löhe, Hermann Friedrich Kohlbrügge
waren Konfessionalisten und Erweckungsprediger zugleich. Und die starke
Allianzgesinnung der Erweckten auf der anderen Seite ließ eine Offenheit
für hochkirchliche Lutheraner nicht unmöglich erscheinen.
Trotzdem kam es in Deutschland nicht zu einer geschlossenen Front von
“Fundamentalisten”, wie wir sie Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA
beobachten konnte. Insgesamt fehlte es den Bibeltreuen im 19. Jahrhundert
an einer klaren Führung und Struktur. Die Bemühungen des Bibelbundes
um ein gemeinsames Dach kamen zu spät. Die Lehrstühle an den Universi-
täten hatte man ohne großen Widerstand den Bibelkritikern überlassen. Die
Erweckten forcierten zu bestimmten Zeiten einseitig die Evangelisierung
der Welt, ohne an die lehrmäßige und damit bibeltreue Unterweisung der
Neubekehrten zu denken. Die entstehenden Freikirchen wurden zudem von
den Landeskirchen lange Zeit in die Sektiererecke gestellt und konnte somit
ihre bibeltreue Tradition nicht wirksam ausbreiten. Die Zusammenarbeit
zwischen Konfessionalismus und freikirchlichen Erweckten hatte ihre
Grenzen: Von Hengstenberg ist bekannt, dass er anläßlich der Welttagung
der Evangelischen Allianz 1857 in Berlin lieber die Stadt verließ, als diese
kurze Zeit mit Baptisten in einer Stadt zusammenleben zu müssen. Trotz der
lehrmäßigen Parallelen trennte am Ende doch die Kirchenfrage und die un-
terschiedlichen Zielsetzungen die beiden Traditionsstränge.
228 Stephan Holthaus:
Trotz der Anstrengungen der Bibeltreuen schon im 19. Jahrhundert
spielt heute die Fragestellung der Inspiration der Bibel an den theologischen
Fakultäten der Universitäten nur eine periphäre Rolle. Ist es in diesem Sinne
nicht symptomatisch, dass die Theologische Realenzyklopädie überhaupt
keinen eigenen Artikel zur “Inspiration” mehr enthält? Ohne Übertreibung
muss man feststellen, dass der Kampf um die Bibel im 19. und wohl auch im
20. Jahrhundert im großen und ganzen ohne greifbare Ergebnisse geblieben
ist. Die bibeltreuen Prediger und Theologen der Vergangenheit haben es
lange Zeit versäumt, die theologische Ausbildungsituation zu verändern.
Parallelstrukturen standen außerhalb ihres Gesichtsfeldes. Sicher waren da-
für auch eine zeitweilige Theologie- und Verstandesfeindlichkeit und eine
einseitige Konzentration auf Evangelisation und Mission ausschlaggebend.
Erst in neuerer Zeit wurde erkannt, dass Parallelstrukturen in der Ausbil-
dung hilfreich und notwendig sind, um dem eigenen Schriftverständnis zum
Durchbruch zu verhelfen.
Erstaunlich bleibt die Tatsache, dass man den Vätern der bibeltreuen
Theologie im 19. Jahrhundert bis heute kein Denkmal gesetzt hat. In evan-
gelikalen Kreisen sind die Werke und Abhandlungen der “Positiven Theo-
logen” wie Kähler, Schlatter und Cremer wesentlich besser bekannt, als die
Bücher der genannten bibeltreuen Autoren, die an der Unfehlbarkeit der
ganzen Bibel festhielten. Sicher bringt die Moderne andere Fragestellungen
mit sich, so dass die Werke von Hengstenberg, Rupprecht, Green, Möller
oder Kölling nicht einfach übernommen werden können. Aber Einzelergeb-
nisse und grundsätzliche Linien sind auch für heutige evangelikale Theolo-
gen bedenkenswert und inspirierend. Wo finden sich bibeltreue Theologen,
die diese Werke einmal kritisch sichten und für heute fruchtbar machen?
Einige selbstkritisches Abschlussworte: Bibeltreue Theologie im 19.
Jahrhundert war nicht immer frei von Einseitigkeiten und Fehlverhalten.
Relativ häufig war konservative Bibliologie verbunden mit Polemik, Lieb-
losigkeit und geistlichem Hochmut. Scharfe Worte gegen Abtrünnige in den
eigenen Reihen waren besonders im Konfessionalismus zu hören. Die Aus-
wahl der Waffen stand nicht immer im Verhältnis zum Anlass des Kampfes.
Sicher muss bedacht werden, dass jeder Angriff auf die Bibel ein Angriff auf
die Grundlage der Bibeltreuen war und deshalb vehement abgewehrt wer-
den musste. Die Lautstärke des Argumentierenden stand jedoch manchmal
mehr im Vordergrund als der Sachgehalt der Argumente.
Trotzdem darf nicht übersehen werden, dass gerade die sachlichen Ar-
beiten von Männern wie Kölling, Keil und Rupprecht den Stil auch der heu-
Bibeltreue Theologie in Deutschland 229
tigen Auseinandersetzung vorbildhaft geebnet haben. In diesem Sinne darf
man auch die evangelikale Forschergeneration von heute auffordern, die ei-
genen Väter nicht zu vergessen.
Anhang
Die Chicago-Erklärung
zur Irrtumslosigkeit der Bibel
1 Vorwort

ie Autorität der Schrift ist für die christliche Kirche in unserer wie

D in jeder Zeit eine Schlüsselfrage. Wer sich zum Glauben an Jesus


Christus als Herrn und Retter bekennt, ist aufgerufen, die Wirklich-
keit seiner Jüngerschaft durch demütigen und treuen Gehorsam gegenüber
Gottes geschriebenem Wort zu erweisen. In Glauben oder Leben von der
Schrift abzuirren, ist Untreue unserem Herrn gegenüber. Die Anerkennung
der völligen Wahrheit und Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift ist für ein
völliges Erfassen und angemessenes Bekenntnis ihrer Autorität unerläss-
lich.
Die folgende Erklärung bekennt1 erneut diese Irrtumslosigkeit der Schrift,
indem sie unser Verständnis davon und unsere Warnung vor ihrer Verwer-
fung deutlich macht. Wir sind davon überzeugt, dass ihre Verwerfung be-
deutet, dass man das Zeugnis Jesu Christi und des Heiligen Geistes übergeht
und die Unterwerfung unter die Forderungen von Gottes eigenem Wort ver-
weigert, die doch Kennzeichen wahren christlichen Glaubens sind. Wir se-
hen es als unsere zeitgemäße Pflicht an, dieses Bekenntnis angesichts des
gegenwärtigen Abfalls von der Wahrheit der Irrtumslosigkeit unter unseren
Mitchristen und der Missverständnisse dieser Lehre in der Welt als Ganzes
abzugeben.
Die Erklärung2 besteht aus drei Teilen: einer zusammenfassenden Erklä-
rung, den Artikeln des Bekennens und des Verwerfens und aus einer beige-
fügten Auslegung. Sie wurde im Rahmen einer dreitägigen Beratung in Chi-
cago erarbeitet. Diejenigen, die die zusammenfassende Erklärung und die
Artikel unterschrieben haben, möchten ihre eigene Überzeugung von der
Irrtumslosigkeit der Schrift bekennen und sich gegenseitig und alle Christen
zu wachsender Annahme und wachsendem Verständnis dieser Lehre ermu-
tigen und herausfordern. Wir wissen um die Grenzen eines Dokuments, das

1
Wörtlich: bekräftigt, bestätigt. “to affirm” wird entsprechend dem historischen
Gebrauch in deutschen Bekenntnistexten in dieser Übersetzung immer mit “be -
kennen” wiedergegeben.
2
Gemeint ist nur die erste der drei Chicago-Erklärungen. Abgedruckt sind davon
die ersten beiden Teile.
Die Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit 233
in einer kurzen, intensiven Konferenz erarbeitet wurde und beantragen
nicht, ihm das Gewicht eines Glaubensbekenntnisses zu verleihen. Dennoch
freuen wir uns darüber, dass sich durch unsere gemeinsamen Diskussionen
unsere Überzeugungen vertieft haben und wir beten, dass die Erklärung, die
wir unterzeichnet haben, zur Verherrlichung unseres Gottes für eine neue
Reformation der Kirche in ihrem Glauben, ihrem Leben und ihrer Mission
gebraucht werden möge.
Wir legen diese Erklärung nicht in einem streitsüchtigen Geist vor, sondern
in einem Geist der Demut und Liebe, den wir in allen zukünftigen Gesprä-
chen, die aus dem, was wir geäußert haben, entstehen, durch Gottes Gnade
beibehalten möchten. Wir anerkennen erfreut, dass viele, die die Irrtumslo-
sigkeit der Schrift verwerfen, die Konsequenzen dieser Verwerfung in ih-
rem übrigen Glauben und Leben nicht entfalten, und wir sind uns bewusst,
dass wir, die wir uns zu dieser Lehre bekennen, sie in unserem Leben oft
verwerfen, indem wir darin versagen, unsere Gedanken und Taten, unsere
Traditionen und Gewohnheiten in wahre Unterordnung unter das göttliche
Wort zu bringen.
Wir laden jeden ein, auf diese Erklärung zu reagieren, der im Lichte der
Schrift Gründe dafür sieht, die Bekenntnisse dieser Erklärung über die
Schrift zu berichtigen, unter deren unfehlbarer Autorität wir stehen, wäh-
rend wir unser Bekenntnis niederlegen. Wir nehmen für das Zeugnis, das
wir weitergeben, keine persönliche Unfehlbarkeit in Anspruch und sind für
jeden Beistand dankbar, der uns dazu verhilft, dieses Zeugnis über das Wort
Gottes zu stärken.

2 Zusammenfassende Erklärung

1. Gott, der selbst die Wahrheit ist und nur die Wahrheit spricht, hat die
Heilige Schrift inspiriert, um sich damit selbst der verlorenen
Menschheit durch Jesus Christus als Schöpfer und Herr, Erlöser und
Richter zu offenbaren. Die Heilige Schrift ist Gottes Zeugnis von sei-
ner eigenen Person.

2. Die Heilige Schrift hat als Gottes eigenes Wort, das von Menschen
geschrieben wurde, die vom Heiligen Geist zugerüstet und geleitet
wurden, in allen Fragen, die sie anspricht, unfehlbare göttliche Auto-
rität: Ihr muss als Gottes Unterweisung in allem geglaubt werden,
234 Anhang:
was sie bekennt; ihr muss als Gottes Gebot gehorcht werden, in al-
lem, was sie fordert; sie muss als Gottes Unterpfand in allem ergrif-
fen werden, was sie verheißt.

3. Der Heilige Geist, der göttliche Autor der Schrift, beglaubigt sie so-
wohl durch sein inneres Zeugnis, als auch, indem er unseren Ver-
stand erleuchtet, um ihre Botschaft zu verstehen.

4. Da die Schrift vollständig und wörtlich von Gott gegeben wurde, ist
sie in allem, was sie lehrt, ohne Irrtum oder Fehler. Dies gilt nicht we-
niger für das, was sie über Gottes Handeln in der Schöpfung, über die
Ereignisse der Weltgeschichte und über ihre eigene literarische Her-
kunft unter Gott aussagt, als für ihr Zeugnis von Gottes rettender
Gnade im Leben einzelner.

5. Die Autorität der Schrift wird unausweichlich beeinträchtigt, wenn


diese völlige göttliche Inspiration in irgendeiner Weise begrenzt
oder missachtet oder durch eine Sicht der Wahrheit, die der Sicht der
Bibel von sich selbst widerspricht, relativiert wird. Solche Abwei-
chungen führen zu ernsthaften Verlusten sowohl für den Einzelnen,
wie auch für die Kirche.

3 Artikel des Bekennens und Verwerfens

Artikel I

Wir bekennen, dass die Heilige Schrift als das autoritative Wort Gottes an-
zunehmen ist.
Wir verwerfen die Auffassung, dass die Schrift ihre Autorität von der Kir-
che, der Tradition oder irgendeiner anderen menschlichen Quelle erhielte.

Artikel II

Wir bekennen, dass die Schrift die höchste schriftliche Norm ist, durch die
Gott das Gewissen bindet, und dass die Autorität der Kirche derjenigen der
Schrift untergeordnet ist.
Die Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit 235
Wir verwerfen die Auffassung, dass kirchliche Bekenntnisse, Konzilien
oder Erklärungen eine höhere oder gleichrangige Autorität gegenüber der
Autorität der Bibel hätten.

Artikel III

Wir bekennen, dass das geschriebene Wort in seiner Gesamtheit von Gott
gegebene Offenbarung ist.
Wir verwerfen die Auffassung, dass die Bibel lediglich ein Zeugnis von der
Offenbarung sei oder nur durch die Begegnung mit ihr Offenbarung werde
oder dass sie in ihrer Gültigkeit von einer Antwort des Menschen abhängig
sei.

Artikel IV

Wir bekennen, dass Gott, der die Menschheit in seinem Bild geschaffen
hat, die Sprache als Mittel seiner Offenbarung benutzt hat.
Wir verwerfen die Auffassung, dass die menschliche Sprache durch unsere
Kreatürlichkeit so begrenzt sei, dass sie als Träger göttlicher Offenbarung
ungeeignet sei.
Wir verwerfen ferner die Auffassung, dass die Verdorbenheit der mensch-
lichen Kultur und Sprache durch Sünde Gottes Werk der Inspiration verei-
telt habe.

Artikel V

Wir bekennen, dass Gottes Offenbarung in der Heiligen Schrift eine fort-
schreitende Offenbarung war.
Wir verwerfen die Auffassung, dass eine spätere Offenbarung, die eine frü-
here Offenbarung erfüllen mag, diese jemals korrigiere oder ihr widersprä-
che.
Wir verwerfen ferner die Auffassung, dass irgendeine normative Offenba-
rung seit dem Abschluss des neutestamentlichen Kanons gegeben worden
sei.
236 Anhang:
Artikel VI

Wir bekennen, dass die Schrift als Ganzes und alle ihre Teile bis zu den
Worten des Urtextes von Gott durch göttliche Inspiration gegeben wurden.
Wir verwerfen die Auffassung, dass die Inspiration der Schrift in ihrer
Ganzheit ohne ihre Teile oder in einigen Teilen ohne ihre Ganzheit recht be-
kannt werden könne.

Artikel VII

Wir bekennen, dass die Inspiration jenes Werk war, in dem Gott uns durch
seinen Geist durch menschliche Schreiber sein Wort gab. Der Ursprung der
Schrift ist Gott selbst. Die Art und Weise der göttlichen Inspiration bleibt
zum größten Teil ein Geheimnis für uns.
Wir verwerfen die Auffassung, dass Inspiration auf menschliche Einsicht
oder einen höheren Bewusstseinszustand irgendeiner Art reduziert werden
könne.

Artikel VIII

Wir bekennen, dass Gott in seinem Werk der Inspiration die charakteristi-
schen Persönlichkeiten und literarischen Stile der Schreiber, die er ausge-
wählt und zugerüstet hatte, benutzte.
Wir verwerfen die Auffassung, dass Gott die Persönlichkeit dieser Schrei-
ber ausgeschaltet habe, als er sie dazu veranlasste, genau die Worte zu ge-
brauchen, die er ausgewählt hatte.

Artikel IX

Wir bekennen, dass die Inspiration zwar keine Allwissenheit verlieh, aber
wahre und zuverlässige Aussagen über alle Dinge, über welche die bibli-
schen Autoren auf Gottes Veranlassung hin sprachen und schrieben, garan-
tierte.
Wir verwerfen die Auffassung, dass die Begrenztheit oder das Gefallen-
sein dieser Schreiber notwendigerweise oder auf andere Weise Verzerrun-
gen oder Fehler in Gottes Wort eingeführt habe.
Die Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit 237
Artikel X

Wir bekennen, dass die Inspiration streng genommen nur auf den autogra-
phischen Text der Schrift zutrifft, der aber durch die Vorsehung Gottes an-
hand der zur Verfügung stehenden Handschriften mit großer Genauigkeit
ermittelt werden kann.
Wir bekennen ferner, dass Abschriften und Übersetzungen der Schrift so-
weit Gottes Wort sind, als sie das Original getreu wiedergeben.
Wir verwerfen die Auffassung, dass irgendein wesentlicher Bestandteil des
christlichen Glaubens von dem Fehlen von Autographen betroffen sei. Wir
verwerfen ferner die Ansicht, dass ihr Fehlen die Verteidigung der bibli-
schen Irrtumslosigkeit nichtig oder unerheblich mache.

Artikel XI

Wir bekennen, dass die Schrift unfehlbar ist, da sie durch göttliche Inspira-
tion vermittelt wurde, so dass sie, da sie weit davon entfernt ist, uns irrezu-
führen, wahr und zuverlässig in allen von ihr angesprochenen Fragen ist.
Wir verwerfen die Auffassung, dass es möglich sei, dass die Bibel zur glei-
chen Zeit unfehlbar ist und sich in ihren Aussagen irrt. Unfehlbarkeit und
Irrtumslosigkeit dürfen unterschieden, nicht aber voneinander getrennt wer-
den.

Artikel XII

Wir bekennen, dass die Schrift in ihrer Gesamtheit irrtumslos und damit
frei von Fehlern, Fälschungen oder Täuschungen ist.
Wir verwerfen die Auffassung, dass sich die biblische Unfehlbarkeit und
Irrtumslosigkeit auf geistliche, religiöse oder die Erlösung betreffende The-
men beschränke und Aussagen im Bereich der Geschichte und Naturwis-
senschaft davon ausgenommen seien.
Wir verwerfen ferner die Ansicht, dass wissenschaftliche Hypothesen
über die Erdgeschichte mit Recht dazu benutzt werden dürften, die Lehre
der Schrift über Schöpfung und Sintflut umzustoßen.
238 Anhang:
Artikel XIII

Wir bekennen, dass es angemessen ist, Irrtumslosigkeit als theologischen


Begriff für die vollständige Zuverlässigkeit der Schrift zu gebrauchen.
Wir verwerfen die Auffassung, dass es angemessen sei, die Schrift anhand
von Maßstäben für Wahrheit und Irrtum zu messen, die ihrem Gebrauch und
ihrem Zweck fremd sind.
Wir verwerfen ferner, dass die Irrtumslosigkeit von biblischen Phänome-
nen wie dem Fehlen moderner technischer Präzision, Unregelmäßigkeiten
der Grammatik oder der Orthographie, Beschreibung der Natur nach der
Beobachtung, Berichte über Unwahrheiten, dem Gebrauch von Übertrei-
bungen oder gerundeten Zahlen, thematischer Anordnung des Stoffes, un-
terschiedlicher Auswahl des Materials in Parallelberichten oder der Ver-
wendung freier Zitate in Frage gestellt werde.

Artikel XIV

Wir bekennen die Einheit und innere Übereinstimmung der Schrift.


Wir verwerfen die Auffassung, dass angebliche Fehler und Widersprüche,
die bis jetzt noch nicht gelöst wurden, den Wahrheitsanspruch der Bibel hin-
fällig machen würden.

Artikel XV

Wir bekennen, dass die Lehre von der Irrtumslosigkeit in der Lehre der Bi-
bel über die Inspiration gegründet ist.
Wir verwerfen die Auffassung, dass man die Lehre Jesu über die Schrift
mit dem Hinweis auf eine Anpassung [an die Hörer] oder auf irgendeine na-
türliche Begrenztheit seines Menschseins abtun könne.

Artikel XVI

Wir bekennen, dass die Lehre von der Irrtumslosigkeit ein integraler Be-
standteil des Glaubens der Kirche in ihrer Geschichte war.
Wir verwerfen die Auffassung, dass die Irrtumslosigkeit eine Lehre sei, die
der scholastische Protestantismus erfand oder eine reaktionäre Position sei,
die als Reaktion auf die negative Bibelkritik postuliert wurde.
Die Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit 239
Artikel XVII

Wir bekennen, dass der Heilige Geist Zeugnis für die Schrift ablegt und
den Gläubigen die Zuverlässigkeit des geschriebenen Wortes Gottes versi-
chert.
Wir verwerfen die Auffassung, dass dieses Zeugnis des Heiligen Geistes
von der Schrift isoliert sei oder gegen die Schrift wirke.

Artikel XVIII

Wir bekennen, dass der Text der Schrift durch grammatisch-historische


Exegese auszulegen ist, die die literarischen Formen und Wendungen be-
rücksichtigt, und dass die Schrift die Schrift auslegt.
Wir verwerfen die Berechtigung jeder Behandlung des Textes und jeder
Suche nach hinter dem Text liegenden Quellen, die dazu führen, dass seine
Lehren relativiert, für ungeschichtlich gehalten oder verworfen oder seine
Angaben zur Autorschaft abgelehnt werden.

Artikel XIX

Wir bekennen, dass ein Bekenntnis der völligen Autorität, Unfehlbarkeit


und Irrtumslosigkeit der Schrift für ein gesundes Verständnis des ganzen
christlichen Glaubens lebenswichtig ist. Wir bekennen ferner, dass solch ein
Bekenntnis dazu führen sollte, dass wir dem Bild Christi immer ähnlicher
werden.
Wir verwerfen die Auffassung, dass ein solches Bekenntnis zum Heil not-
wendig sei.
Wir verwerfen jedoch darüber hinaus auch die Auffassung, dass die Irr-
tumslosigkeit ohne schwerwiegende Konsequenzen für den Einzelnen und
die Kirche verworfen werden könne.
240 Anhang:
4 Weiterführende Literatur

Nachfolgende Titel beschäftigen sich mit der Inspiration und Hermeneutik der
Heiligen Schrift. Alle angeführten Autoren vertreten die Überzeugung von der
Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Bibel.

Stephan Holthaus, Thomas Schirrmacher (Hg.). Der Kampf um die Bi-


bel: 100 Jahre Bibelbund (1894- 1994). Biblia et symbiotica 6. VKW:
Bonn, 1994. 168 S. [zugleich Bibel und Gemeinde 94 (1994) 2]
Robert M. Horn. Ein Buch spricht für sich selbst. Verlag der Liebenzel-
ler Mission: Bad Liebenzell, 1979
Armin Sierszyn. Die Bibel im Griff? Historisch-kritische Denkweise und
biblische Theologie. R. Brockhaus: Wuppertal, 1978
Friedrich Heitmüller. “’Das Wort sie sollen lassen stahn’ oder: Und
dennoch - Verbalinspiration”. Das feste prophetische Wort 2 (1952): 4
(April): 73-88
Francis A. Schaeffer. Die große Anpassung: Der Zeitgeist und die Evan-
gelikalen. Schulte + Gerth: Asslar, 1988 [Engl. The Great Evangelical Dis-
aster. Crossway Books: Westchester (IL), 1984]
David S. Dockery. Christian Scripture: An Evangelical Perspective on
Inspiration, Authority and Interpretation. Broadman & Holman: Nashville
(TN), 1995
R. Laird Harris. Inspiration and Canonicity of the Scripture. A Press:
Greenville (SC), 1996
John R. W. Stott. Understanding the Bible. Scripture Union: London,
1972 & Regal Books: Glendale (CA), 19721; Zondervan: Grand Rapids
(MI), 1979 (seitengleich); 1999. 2. Aufl.
Edward J. Young. Thy Word is Truth. Wm. B. Eerdmans: Grand Rapids
(MI), 1984 (Nachdruck von 1957)
Harold Lindsell. The Battle for the Bible. Zondervan: Grand Rapids
(MI), 1978. 2. Aufl.
Carl F. H. Henry. God Who Speaks and Shows. God, Revelation and
Authority Bd. 4. Word: Waco (TX), 1979
Wayne Grudem. Systematic Theology. IVP: Leicester (GB) & Zonder-
van: Grand Rapids (MI), 1994. S. 21-140
Gordon R. Lewis, Bruce A. Demarest. Integrative Theology: Historical -
Biblical - Systematic - Practical. Zondervan: Grand Rapids (MI), 1996. S.
93-171
Die Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit 241
Gleason L. Archer. Encyclopedia of Bible Difficulties. Grand Rapids:
Zondervan, 1982.
Bibeltreue in der Offensive: Die Drei Chicago-Erklärungen zur bibli-
schen Irrtumslosigkeit, Hermeneutik und Anwendung. Hg. Thomas Schirr-
macher. Biblia et Symbiotica. Bd. 2. Bonn: Verlag für Kultur und Wissen-
schaft, 1993.
Biblical Errancy: Its Philosophical Roots. Hg. Norman L. Geisler.
Grand Rapids: Zondervan, 1981.
Can we trust the Bible? Leading Theologians Speak out on Biblical Iner-
rancy. Hg. Earl Radmacher. Wheaton: Tyndale, 1978.
Challenges to Inerrancy. Hg. Gordon Lewis/ Bruce Demarest. Chicago:
Moody, 1984.
Die Unfehlbarkeit der Bibel. Hg. James M. Boice. Asslar: Schulte &
Gerth, Riehen (CH): Immanuel, 1987 (amerik.: 1978).
Evangelicals and Inerrancy. Hg. Ronald Youngblood. Nashville: Tho-
mas Nelson, 1984.
Gordon D. Fee/ Douglas Stuart. Effektives Bibelstudium. Asslar: ICI,
1990.
L. Gaussen.Theopneustie ou inspiration plénière des saintes écritures.
Paris / Londres: L.-R. Delay / Sam. Bagster, 18422 (1840) (amerik. The In-
spiration of the Holy Scriptures, Grand Rapids: Kregel, 1971).
Laird R. Harris.Inspiration and Canonicity of the Bible. Grand Rapids:
Zondervan, 1983 (1957).
Carl F.H. Henry. God, Revelation and Authority. Vol. IV.: God who
Speaks and Shows. Waco: Word, 1979.
Hermeneutics, Authority and Canon. Hg. D.A. Carson / John D. Wood-
bridge. Leicester: Inter-Varsity, 1986.
Hermeneutics, Inerrancy, and the Bible. Hg. Earl Radmacher/ Robert
Preus. Grand Rapids: Zondervan, 1984.
Holthaus, Stephan. Fundamentalismus in Deutschland: Der Kampf um
die Bibel im Protestantismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Biblia et Sym-
biotica. Bd. 1. Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft, 1993.
Inerrancy and Hermeneutic: A Tradition, A Challenge, A Debate. Hg.
Harvie M. Conn. Grand Rapids: Baker, 1988.
Inerrancy and the Church. Hg. John D. Hannah. Chicago: Moody, 1984.
Inerrancy. Hg. Norman Geisler. Grand Rapids: Zondervan, 1980.
Koelling, Wilhelm. Die Lehre von der Theopneustie. Breslau: Carl Dül-
fer, 1891.
242 Anhang:
René Pache. Inspiration und Autorität der Bibel. 3. Aufl. Wuppertal: R.
Brockhaus, 1985 (1967).
J.I. Packer.Fundamentalism and the Word of God. 11. Aufl. Grand Ra-
pids: Eerdmans, 1988 (1958).
James I. Packer. Wie Gott vorzeiten geredet hat: Inspiration und Irr-
tumslosigkeit der Schrift. Bad Liebenzell: Verlag der Liebenzeller Mission,
1988.
Bernhard Ramm. Biblische Hermeneutik. Asslar: ICI, 1991.
Eckhard Schnabel. Inspiration und Offenbarung: Die Lehre vom Ur-
sprung und Wesen der Bibel. 2. Aufl. Wuppertal: R. Brockhaus, 1997..
Scripture and Truth. Hg. D.A. Carson / J.D. Woodbridge. Grand Rapids:
Zondervan, 1983.
Helge Stadelmann. Grundlinien eines bibeltreuen Schriftverständnisses.
Wuppertal: R. Brockhaus, 1985.
The Bible: The Living Word of Revelation. Hg. Merrill C. Tenney. 8.
Aufl. Grand Rapids: Zondervan, 1976 (1968).
Benjamin Breckinridge.Warfield. The Inspiration and Authority of the
Bible. Hg. Samuel G. Craig. Phillipsburg: Presbyterian and Reformed,
1948. 446 Seiten.
Bibel und
Gemeinde
Die Zeitschrift
des Bibelbundes
• Fortlaufende Schriftaus-
legungen
• Lehrmäßige Darstellun-
gen biblischer Themen
• Fundierte Auseinander-
setzungen mit bibelkri-
tischen Positionen
• Stellungnahmen zu geis-
tigen Strömungen der Ge-
genwart
• Regelmäßige Beiträge
zur Schöpfungsforschung

• Kommentare zu aktuellen Ereignissen in Kirche und Welt


• Darstellung unterschiedlicher Positionen in Einzelfragen
• Buchbesprechungen

Bibel und Gemeinde bietet vierteljährlich ein breites Spektrum


von Aufsätzen zur Heiligen Schrift und ihrem Bezug zur Gemein-
de.

© Bibelbund-Verlag
D-08269 Hammerbrücke
Bestellung@bibelbund.de
Bibelbund e.V. Büro Christburger Straße 14.
D-10405 Berlin
http://www.Bibelbund.de

Abonnement pro Jahr (einschließlich Versand): 14,00 EUR


Steht Jesus dem
Glauben im Weg?

Glaube und intellektuelle


Redlichkeit

Thomas Mayer
Karl-Heinz Vanheiden (Hg.)

In seiner Ausgabe Nr. 50 vom


Dezember 1999 veröffentlichte
der SPIEGEL ein Interview mit
dem renommierten evangeli-
schen Neutestamentler Andreas
Lindemann über die Widersprü-
che zwischen der Leben-Jesu-
Forschung und der kirchlichen
Lehre über Jesus. Anlass für die-
ses Interview war das neu bearbeitete Buch »Jesus Menschensohn« von Ru-
dolf Augstein.
In der Zeitschrift »Bibel und Gemeinde« nahm Gottfried Schröter dazu
Stellung, worauf ein Disput zwischen Andreas Lindemann und Armin
Baum folgte.
Der Leser hat hier nicht nur die Möglichkeit die jeweils kritischen Argu-
mente zu überprüfen, sondern kann auch verfolgen, wie Theologen, die von
völlig unterschiedlichen Ansätzen ausgehen zu unterschiedlichen Ergebnis-
sen kommen.

Edition Bibelbund. Bestellnummer 0286 Prof. Dr. Andreas Lindemann ist Pro-
ISBN 3-933372-3 1-3 (VTR) fessor für Neues Testament an der
ISBN 3-935707-06-1 (JOTA) Kirchlichen Hochschule Bethel.
EUR 7,95 Dr. Armin D, Baum ist Dozent für
Neues Testament an der .Freien
Bestellung@bibelbund.de Theologischen Akademie in Gießen.
Bibelbund e.V. Büro Prof. Dr. Gottfried Schröter ist Direk-
Christburger Straße 14 D-10405 Berlin tor a.D. des Instituts für Pädagogik
http://www.Bibelbund.de der Universität Kiel.
Neue Deutsche
Übersetzung
Das Gleichnis von den
Winzern
Matthäus 21, 33-46 (Leseprobe)
33 »Hört ein weiteres Gleichnis: Ein Gutsbe-
sitzer pflanzte einen Weinberg, umgab ihn
mit einem Zaun, hob darin eine Grube für
eine Weinpresse aus und baute einen Wacht-
turm. Dann verpachtete er den Weinberg an
Winzer und verreiste. 34 Als die Erntezeit
gekommen war, schickte er seine Sklaven zu
den Winzern, um seinen Ertrag in Empfang
zu nehmen. 35 Die Winzer aber packten sei-
ne Sklaven; sie verprügelten den einen, töte-
ten den anderen und steinigten den dritten.
36 Wieder schickte er Sklaven, andere und
mehr als beim ersten Mal, aber sie behandelten diese genauso. 37 Zuletzt schickte er
seinen Sohn zu ihnen, weil er dachte: ›Vor meinem Sohn werden sie Respekt haben!‹
38 Aber als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: ›Das ist der Erbe.
Kommt, wir wollen ihn töten und sein Erbe antreten!‹ 39 Da packten sie ihn, warfen ihn
zum Weinberg hinaus und töteten ihn. 40 Wenn nun der Weinbergbesitzer kommt, was
wird er mit jenen Winzern tun?« 41 Sie sagten zu ihm: »Er wird diesen Übeltätern ein
böses Ende bereiten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm den Er-
trag jeweils zur Erntezeit abliefern.« 42 Jesus sagte zu ihnen: »Habt ihr nie in der Schrift
gelesen: ‘Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Eckstein gewor-
den. Das ist vom Herrn aus geschehen, und es ist erstaunlich in unseren Augen.’ 43
Deshalb sage ich euch: Das Königreich Gottes wird euch weggenommen und einer Na-
tion gegeben werden, die dessen Ertrag hervorbringen wird. 44 Und wer auf diesen
Stein fällt, wird zerschmettert werden; auf wen er aber fällt, den wird er zu Staub zer-
malmen.« 45 Nachdem die Hohenpriester und Pharisäer seine Gleichnisse gehört hat-
ten, merkten sie, daß er von ihnen redete. 46 Sie wollten ihn festnehmen, fürchteten
aber die Leute, weil die ihn für einen Propheten hielten.

Das Bemühen um sprachliche Genauigkeit einerseits und Verständlichkeit anderer-


seits sind das Kennzeichen der Neuen Deutschen Übersetzung, die es dem Leser er-
möglicht, den biblischen Text
sprachlich problemlos zu verste-
hen. Pb., ca. 400 S., ca. EUR 5,00 / sFr 9,80
Als Übersetzungsgrundlage dient Best.-Nr. 860.240, ISBN 3-933372-40-2
der griechische Mehrheitstext, der VTR Gogolstr. 33 90475 Nürnberg
auch weitgehend der Lutherüber- Tel. 0911-831169 Fax 0911-831196
setzung und deren älteren Revi- vtr@compuserve.com
sionen zugrunde liegt. http://www.vtr-online.de
Irrtumslosigkeit
der Schrift oder
Hermeneutik
der Demut?

Ein Gespräch unter


solchen, die mit Ernst
Bibeltreue sein wollen

Thomas Schirrmacher

Mit Vorworten von


Helge Stadelmann und
Heinzpeter Hempelmann

Der »Studienführer 1999/ 2001« der CTL-Seminare [Chrischo-


na-Tabor-Liebenzell] löste eine Öffentliche Diskussion über die
Frage aus, ob und inwiefern sich das Liebenzeller Seminar weiter-
hin als bibeltreu versteht. Inzwischen liegt ein vom Direktor des
Liebenzeller Theologischen Seminars geschriebenes Buch zur ak-
tuellen Bibelhaltung Liebenzells vor: »Nicht auf der Schrift, son-
dern unter ihr«.

Die Antwort von Thomas Schirrmacher stellt einen Beitrag zur


Diskussion über dieses Buch dar und trägt zur Versachlichung der
Debatte bei.

Pb., ca. 100 S., sFr 19,80 / EUR 9,95


Best.-Nr. 860.241, ISBN 3-933372-41-0
VTR Gogolstr. 33 90475 Nürnberg
Tel. 0911-831169 Fax 0911-831196
vtr@compuserve.com http://www.vtr-online.de
Chronik
des Lebens Jesu

Karl-Heinz Vanheiden

Wie hat Jesus gelebt? In


dieser “Chronik des Lebens
Jesu” werden die vier Zeu-
genberichte über sein Leben
zu einer Biografie zusam-
mengefasst. Verbunden mit
den Ereignissen seiner Zeit
entsteht daraus ein packender
und authentischer Bericht
über sein Leben auf dieser
Erde.
Es ist spannend, die Berichte der Evangelien über die öffent-
lichen Wirkungsjahre Jesu in einem historischen Zusammen-
hang zu lesen und dadurch den Ablauf der Ereignisse besser zu
verstehen.
Die wertvollen historischen Anmerkungen zu den einzelnen
Evangelientexten muss man sich in Kommentarwerken sonst
mühsam zusammen suchen - hier sind sie bei jedem Ereignis
chronologisch eingeordnet und abrufbar.
Die moderne Bibelübersetzung macht dem Leser die Lektüre
leicht.

Pb., 290 S. EUR 14,95.


Best.-Nr. 449.505 ISBN 3-395707-05-3
Jota, Friedrichsgrüner Str. 83, D-08269 Hammerbrücke
buch@jota-publikationen.de
www.jota-publikationen.de
Israel
in der Sicht der
Gemeinde

Rinaldo Diprose

Der Autor unternimmt eine


gründliche Untersuchung
des Verhältnisses von
Christen und Juden aus bi-
blischer und historischer
Sicht. Dabei geht es ihm
darum, wie das Verhältnis
zu Israel sich in den unter-
schiedlichsten Sichtweisen
von Christen spiegelt. Er
nimmt Stellung zu der dop -
pelten “Enteignung” Israels heute: Einmal wird Israel - von Sei-
ten der Theologie - der alttestamentlichen Verheißungen und
damit einer eigenen Zukunft beraubt. Zum anderen wird Israel -
und dies ist noch gravierender - von einer sich israelfreundlich
gebenden christlichen Kirche das Messiaszeugnis vorenthalten.
Das Buch ist ein klärendes Wort in eine hochaktuelle Auseinan-
dersetzung hinein.

Pb. 450 S. EUR 17,95


Best.-Nr. 449.504, ISBN 3-935707-04-5
Jota-Publikationen, Friedrichsgrüner Str. 83
D-08269 Hammerbrücke
Tel. 037465-4440, Fax 037465-44422
buch@jota-publikationen.de, www.jota-publikationen.de