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Herausgegeben vom Bibelbund e.V.


August 2005

Inhalt:
Die bleibende theologische Herausforderung des „Liberalismus“ (B. Schwarz) 1

Die bleibende theologische Herausforderung des


„Liberalismus“
Vorbemerkungen verwendet, oftmals ohne definiert zu werden. Rein
pragmatisch geurteilt wird der Begriff im christli-
Im Rahmen dieses Beitrags 1 kann nicht die ganze chen Lager oft von eher konservativ eingestellten
Breite des Begriffsfeldes und der Bedeutung des Personen verwendet, um solche zu beschreiben, die
„Liberalismus“ bzw. der durch ihn geprägten „libe- in ihren Werten und Urteilen „offener“ gesinnt sind
ralen Theologie“ entfaltet, geschweige denn disku- als sie selbst (und – in deren Augen - als prinzipiell
tiert werden. Dennoch sollen wesentliche Kernge- gestattet werden sollte).
danken als biblisch-theologische Herausforderung Betrachten wir den religiösen bzw. den theologi-
für den christlichen Glauben skizziert werden, weil schen Liberalismus (und um den soll es hier ja pr i-
Christen der Gegenwart nach wie vor mit den Aus- mär gehen) so stellen wir schnell fest, dass dieser
wirkungen und Konsequenzen dieser Zeitgeistströ- sich in seiner klassischen Form ganz bestimmten
mung zu tun haben, nicht nur apologetisch, sondern theologischen und religiös-philosophischen Vorbe-
ganz praktisch in vielen Bereichen des (christlichen) dingungen und Grundsatzentscheidungen verschrie-
Alltags. ben hatte. Daraus resultierte als Konsequenz eine
Das Begriffsfeld „liberal“ oder „Liberalismus“ neue Art der „Religion“, die sich weitgehend zwa r
wird häufig verwendet und selten verstanden. So- des bewährten und althergebrachten christlich-
wohl im politischen und sozialen Umfeld, wie auch religiösen Vokabulars bediente (also weitgehend die
im intellektuellen und religiösen Bereich wird es gleiche Terminologie gelten ließ), diese aber radikal
mit neuen Inhalten gefüllt hat, so dass eine prinzi-
1
Es soll noch darauf hingewiesen werden, dass aus pielle Umprägung der Begriffe vollzogen wurde.
Platzgründen weitgehend auf Fußnoten und Literaturver- Dies gilt es im Nachfolgenden ansatzweise darzule-
weise in diesem Artikel verzichtet wird. Der ausführlichere gen und zu überprüfen, inwiefern diese Zeitgeist-
Artikel ist beim Autor.
strömung noch gegenwärtig die Theologie prägend Diese Bewegung wurde als „moderne Form des
beeinflusst. Heidentums“ bezeichnet.2
Liberalismus als ein theologisches System ent- Die Aufklärung hat eine Menge Errungenschaften
stand allerdings nicht aus heiterem Himmel. Und er hervorgebracht, die wir heutzutage als Teil des mo-
hatte keineswegs die Absicht, das historische Chris- dernen Selbstverständnisses kennen und (weitge-
tentum zu zerstören oder antichristliche Parolen zu hend) unhinterfragt gelten lassen. Dazu gehört bei-
propagieren. Er muss vielmehr in seinem histor i- spielsweise (a) der Beginn der Anwendung „moder-
schen und philosophischen Kontext verstanden wer- ner Methoden“ in der „Wissenschaft“, (b) die Ein-
den, in dem er einst entstand. Denn im Grunde woll- sicht, dass jede Wahrheit sich selbst beweisen muss
te der Liberalismus als theologisches System ange- vor dem Urteil der Vernunft, (c) die Vorgabe, dass
sichts der verheerenden Auswirkungen der atheisti- die Natur selbst die Hauptquelle zur Beantwortung
schen Aufklärungsideologien das vom Christentum der wesentlichen Fragen der menschlichen Existenz
bzw. das vom christlichen Glauben retten, was noch darstellt, (d) das Postulat, dass Freiheit zur mensch-
zu retten war, so paradox das aus heutiger Sicht auch lichen Selbstentfaltung und zum prinzipiellen Wohl-
klingen mag, in einer Zeit, wo der theologische Li- ergehen notwendig ist, (e) die Erkenntnis, dass histo-
beralismus zu einem der größten Rivalen und Geg- rische Kritik und Literarkritik notwendigerweise die
ner des biblischen Christentums geworden ist. Legitimation für Echtheit und Wahrheit bestimmen,
Das System des Liberalismus wurde von Men- (f) das Postulat, dass Moral und ethisches Verhalten
schen initiiert und „gestaltet“, die sehr wohl ihre unabhängig von Autorität, von Religion oder Theo-
eigene christliche Überzeugung bewahren und fest- logie zu bestimmen sein müssen, (g) die Erkenntnis,
halten wollten angesichts der Herausforderungen des dass rational-wissenschaftliche Methoden den Weg
Rationalismus und des institutionalisierten Ungla u- beschreiben, Wahrheit zu finden, (h) die Vorstel-
bens ihrer Zeitepoche. Diese ersten „liberalen Theo- lung, dass in religiösen Fragen die Toleranz das
logen“ wähnten sich in gewisser Weise machtlos höchste Gut sein muss und (i) die Entwicklung, dass
angesichts der Übermacht des intellektuell- das menschliche Selbst-Bewusstsein und der Gedan-
atheistischen Angriffs der Aufklärung auf das Chris- ke eines allgemeingültigen Humanismus (aus der
tentum. Ihr Anliegen war es daher, die Essenz, das Renaissance herkommend) primär erstrebenswerte ,
Wichtigste des christlichen Glaubens zu retten und kultur- und gesellschaftsübergreifende Lebensgestal-
zu bewahren, allerdings bei gleichzeitiger Preisgabe tungsparadigmen darstellen.
und Aufgabe unterschiedlicher Aspekte des Gla u- Doch wenden wir uns zunächst einmal einer histo-
bens und des Christentums, die als nicht länger ver- rischen Einordnung des Liberalismus zu, um besser
teidigbar angesehen wurden angesichts der Infrage- zu verstehen, womit wir es zu tun haben, wie der
stellungen der „modernen Welt“. Der theologische Liberalismus zu dem wurde, wie er sich auch heute
Liberalismus zog gewissermaßen aus, dem aufkläre- noch – wenngleich hier und da modifiziert - präsen-
risch-rationalistischen Dammbruch, der das Chris- tiert.
tentum in die Bedeutungslosigkeit stürzen wollte,
wenigstens in zentralen Punkten Einhalt zu gebieten 1. Historische Wurzeln des Libera-
und die Plausibilität dieses Glaubens angesichts der lismus
rationalistischen Kritik zu behaupten. Doch der Preis
war hoch, den diese Vertreter zu zahlen bereit gewe- Während des Zeitalters der Aufklärung3 gab es nicht
sen waren, betrachtet man, was vom biblischen wenige Zeitgenossen, die meinten, mit Hilfe der
Glauben im wahrsten Sinne des Wortes gestrichen Vernunft ihren Weg zu Gott finden zu können (in
wurde, mit der Absicht wenigstens das Wesentliche gewisser Weise eine moderne Variante des Turm-
zu bewahren. baus zu Babel). Wir finden zu dieser Zeit auch eini-
Die Auswirkungen des Zeitalters der Aufklärung - ge Gelehrte, die als Pioniere der Bibelkritik gelten,
im Negativen wie im Positiven – dürfen auch zu die massiv die bis dahin als orthodox geltende Inspi-
Beginn des 21. Jahrhunderts nicht unterschätzt wer-
2
den. Die Aufklärung war eine intellektuelle Bewe- B. B. Warfield: The Latest Phase of Historical Ratio-
gung während des 18. Jahrhunderts, die den mensch- nalism, Studies in Theology, Grand Rapids: Baker, 1981,
lichen Verstand bzw. die Vernunft in den Stand des 591.
3
Die deutsche Aufklärung wird ca. von 1720-1785 an-
„Göttlichen“ erhob. Mit dieser Vernunft sah man gesehen. Doch der Übergang vom 17. zum 18. Jahrhun-
sich in der Lage, jede Art von Wahrheit zu unter- dert mit unterschiedlichen „Vorbereitungen“ der nachfol-
scheiden und zu erfassen, ohne dafür die besondere genden deutschen bzw. europäischen Aufklärung soll
Offenbarung Gottes in Anspruch nehmen zu müssen. dabei nicht übersehen werden: Descartes (1596-1650),
der englische Deismus (Lord Bolingbroke [1678-1751],
Matthew Tindale etc.).

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rationslehre der Heiligen Schrift attackierten. Zu- Kant verwarf beide Seiten der Wirklichkeitser-
sätzlich wurden die fundamentalen christlichen Leh- kenntnis. Stattdessen vertrat er die These, dass es
ren in Frage gestellt, wie beispielsweise die überna- zwei Wirklichkeitsbereiche gebe. Die eine kreatürli-
türliche Qualität des christlichen Glaubens, der che Wirklichkeit (phänomenale Wirklichkeit), in der
Dreieinigkeitsglaube, die Zweinaturenlehre bzw. v.a. Menschen leben und Erfahrungen machen können,
die Gottheit Jesu, die Versöhnung durch Jesu Kreu- und die andere, die spirituelle, metaphysische Wirk-
zestod, die Auferstehung, die Wunderberichte, die lichkeit. Nach Kants Vorstellung des Erkenntnis-
Jungfrauengeburt sowie die Existenz des Satans. vermögens müssen verschiedene Kategorien der
Eine andere Front gegen das biblische Christen- menschlichen Vernunft angenommen werden
tum manifestierte sich in Form des Deismus, einer (Quantität, Qualität, Relation und Modalität).5 Diese
Philosophie, die durchaus bestätigte, dass „Gott“ der Kategorien sind die einzigen Bereiche der Vernunft,
Ursprung aller Dinge und „Schöpfer“ sei. Dieser um wahrgenommene Daten zu interpretieren und
deistische Gott jedoch greife – nachdem alles wie einzuordnen. Bezeichnenderweise gibt es allerdings
ein einmal aufgezogenes Uhrwerk in Gang gesetzt in Kants System keine Kategorie, die es erlauben
wurde – nicht mehr in das Weltgeschehen ein. Statt- würde, direkte Erkenntnis von der spirituellen, me-
dessen regiere ein göttliches „Naturgesetz“, während taphysischen Welt zu erhalten. So ist der Mensch
Gott selbst unnahbar und unbeteiligt vom Weltge- letztlich ein Blinder, der das ihn umgebende Licht
schehen existiere. nicht wahrnehmen kann. Er glaubt, dass es so etwas
wie Licht gibt, hat aber kein Organ, an diesem Licht
2. Die „kopernikanische Wende“ Anteil zu erhalten oder es „anzuzapfen“. Weil also
durch Immanuel Kant der Mensch prinzipiell blind ist, kann er letztendlich
keine Aussage über die „Dinge und ihre Wirklic h-
Immanuel Kant (1724-1804) markiert die Grenze keit an und für sich“ treffen. Alles, was ein Mensch
zwischen Aufklärung und der beginnenden Roman- wissen und erkennen kann, sind die Dinge, die sei-
tik. In gewisser Weise ist Kant der letzte der Aufklä- ner Erfahrung zuzuordnen sein müssen.
rungsphilosophen. Alle rdings desillusionierte dieser Die Aufklärer wollten Gott durch Vernunftgründe
Philosoph der Aufklärung seine philosophischen erfassen und somit zu ihm empor gelangen. Dieser
Mitstreiter durch seine programmatische Schrift Versuch ist in Kants Augen ein vergebliches Bemü-
„Kritik der reinen Vernunft“ (1781). Die Hybris der hen, da es ohne Erfolg bleiben muss. Gott gehört zur
Aufklärung, alle Erkenntnis alleine durch die „reine spirituellen Wirklichkeit, nimmt sie vollkommen
Vernunft“ gewinnen zu können, wird in Frage ge- ein. Doch diese Wirklichkeit kann vom Menschen
stellt. Auf diese Weise revolutionierte Kant gewis- nicht erfahren werden. Wiederum fällt auf – bei aller
sermaßen die Art und Weise, wie Menschen denken Klarheit der Einsichten Kants, die nach wie vor be-
und urteilen und zu Erkenntnissen über die Wirk- denkenswert sind – dass er nicht auf die Idee kommt
lichkeit gelangen. Wie Kopernikus die Auffassung oder die Möglichkeit einräumt, dass Gott selbst in
veränderte, wie Gelehrte das Sonnensystem zu sehen Raum und Zeit der menschlichen Wirklichkeitser-
haben, veränderte Kant die Einsicht über den Vor- fahrung einbricht und sich dort selbst dem blinden
gang, wie ein Mensch zur Wirklichkeitserkenntnis Menschen „offenbart“.
gelangt (Epistemologie4). Wir dürfen nicht meinen, dass Kant ein Atheist
Vor Kant war die philosophische Erkenntnislehre gewesen wäre. Er ging durchaus von der Existenz
von Idealisten und Empiristen geprägt, wobei die Gottes aus, lehnte aber jede Möglichkeit kognitiver
Idealisten die letzte Wirklichkeitserkenntnis in der Erkenntnis Gottes ab. Vielmehr sieht er im mensch-
Vernunft sahen, während die Empiristen die letztgül- lichen Gewissen den Ort, wo Gott sich gewisserma-
tige Wirklichkeit im physischen Universum annah- ßen „bezeugt“, im Bereich der Moral. In seinem
men, Erkenntnisse also von außen in das Gehirn Werk „Die Religion innerhalb der Grenzen der rei-
gelangten, beispielsweise über die fünf Sinneswahr- nen Vernunft“ (1793) beschreibt Kant, was er unter
nehmungen. Religion versteht: Religion wird nun reduziert auf
die Sphäre der Moral und des ethischen Humanis-
mus. Zusammenfassend bedeutet das für Kant, dass
4 das gesamte Leben durch „kategorische Imperative“
Epistemologie umschreibt i.d.R. die Erkenntnistheorie
als einen Zweig der Philosophie, der sich mit der Frage geprägt werde. Die se resultieren in den Maximen,
beschäftigt, wie Wissen, Erkenntnis und Wahrheit prinzi-
piell zu erlangen und zu nutzen sind und welche natürli-
5
chen Grenzen der Erkenntnis gesetzt sind. Mitunter wird Vgl. dazu u.a. Rudolf Eisler: Kant Lexikon. Olms Hil-
unter Erkenntnistheorie im umfassenden Sinne auch Wis- desheim u.a. 1984; Volker Gerhardt: Immanuel Kant.
senschaftstheorie verstanden. Vernunft und Leben. Reclam, Stuttgart 2002.

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dass jede Handlung des Menschen so reguliert wer- ganzen Jahrhunderts. Er unterstützte die Ansichten
den soll, dass die Menschheit davon profitiert, und eines progressiv ausgerichteten Fortschrittsoptimis-
somit dieses Verhalten den Status eines „morali- mus und den Gedanken der Vervollkommnung des
schen Gesetzes“ einnimmt. In gewisser Weise ist Menschengeschlechts.
Kants Anliegen die säkularisierte Variante der sog. Hegels Geschichts- und Religionsphilosophie
„Goldenen Regel“ aus Jesu Bergpredigt (Mt. 7,12) dominierte die Gedankenwelt bis zur Katastrophe
oder mehr lapidar formuliert: „Was du nicht willst, von 1914, dem 1. Weltkrieg, der jeder Art von Fort-
das man dir tut, das füg´ auch keinem andern zu“. schrittsoptimismus zunächst einmal den Garaus
Kant hat allerdings nirgendwo postuliert, ein Christ machte. Dennoch ist Hegels Konzeption weiterhin
zu sein. Es ist vielmehr anzunehmen, dass er dem oder erneut aktueller denn je, da seine Philosophie
Christentum in Königsberg fern und ablehnend ge- eine Philosophie des „Selbst-Bewusstseins“ sein will
genüber stand. Er blieb wohl eher seiner eigenen und ausgehend vom Liberalismus des 19. Jahrhun-
Maxime treu, wenn er betonte: „Aufklärung ist der derts die optimistische Mentalität prägt nach dem
Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschulde- Motto: „Jeden Tag werden wir besser und besser“.
ten Unmündigkeit “. Seine Geschichtsphilosophie hat den unterschiedli-
chen Schulen der Bibelkritik des 19. Jahrhunderts
3. Der Philosoph des 19. Jahrhun- eine Struktur gegeben, mit der sie auch die „evoluti-
derts: G. F. W. Hegel onären“ Phasen der biblischen Entstehung und der
biblisch-historischen Ereignisse einzuordnen ver-
Kommen wir noch zu einer weiteren wichtigen Fi- mochte.
gur, die den theologischen Liberalismus vorzuberei-
ten half, zu Georg F. W. Hegel (1770-1831). Er gilt 4. Der Vater des theologischen Li-
als ein ausgesprochener Geschic hts- und Religions- beralismus: Friedrich D. E. Schlei-
philosoph. Er vertrat die Auffassung, dass jede Art
der Wirklichkeit eine Manifestation des „Geistes“ ermacher
sei. Geschichte und die jeweiligen historischen Pro- Doch dieser genannten Auswahl an prägenden phi-
zesse seien „Auswirkungen des Geistes“. Daraus losophischen Vorläufern des theologischen Libera-
folgt für Hegel, dass Geschichte sic h progressiv lismus folgt nun die entscheidende und weichenstel-
aufwärts weiterentwickelt, ja, weiter entwickeln lende Persönlichkeit, Friedrich D. E. Schleiermacher
müsse. Geschichte ist das Erleben einer kontinuierli- (1768-1834). Schleiermacher wird als Vater der
chen, kulturellen und rationalen (noch nicht einer modernen (liberalen) Theologie bezeichnet und –
biologischen) Evolution, die eine Kultur zum höchs- was natürlich bestritten werden kann und auch
ten Ziel hin treibt durch das Mittel der Dialektik, bestritten werden sollte – als der größte The ologe
d.h. in etwa, mittels der Pendelbewegungen inner- zwischen Calvin und Karl Barth angesehen. Er lebte
halb des geschichtlichen Prozesses zwischen These in einer Zeit, in der der philosophische Bodensatz
und Antithese, die schließlich zur Synthese führt. Die der Aufklärung und der Kantschen Kritik die Gesell-
Synthese wiederum wird zur neuen These, die den schaft, die Intelligenz und auch die Theologie präg-
Prozess erneut in Gang setzt, um vorwärts und auf- ten. Zugleich wurde er im Geist des Pietismus erzo-
wärts zu ziehen. Stand innerhalb der Weltanschau- gen, mit dem Schwerpunkt auf religiöse Erfahrun-
ungen bis dahin das Konzept des Seins im Vorder- gen, Gemeinschaft und der Hinwendung zur tradit i-
grund, so tritt mit Hegel das Konzept des Werdens onell Lutherischen Lehre. Doch die Kenntnis unter-
ins Rampenlicht. Menschliche Erkenntnis reflektiert schiedlicher aufgeklärter Literatur, die gegen die
das Denken des „absoluten Geistes“ mittels der lutherische Orthodoxie gerichtet war, ließ ihn Ab-
menschlichen Vernunft im Prozess des Werdens. stand nehmen vom Pietismus und Luthertum seiner
Um dieses Hegelsche Konzept noch verständli- Kindheitstage. Während seines Studiums in Halle
cher werden zu lassen, hier ein Beispiel: Ge- lernte er zusätzlich die Bewegung der Romantik 6
schichtsphilosophisch wurden die frühen menschli- kennen, die als eine Gegenreaktion gegen den steri-
chen Kulturen oft vom Despotismus geprägt (These). len und analytischen Rationalismus dieser Tage
Die Demokratiebemühungen des alten Griechenland anzusehen ist. Die Romantik betonte die intuitive
stellten dazu die Antithese dar. Die höher entwickel- und synthetische Natur der Erkenntnisgewinnung,
te Synthese dieser geschichtlichen Entwicklung stell- die hervorhob, dass Wahrheit vom Ganzen her er-
te die Aristokratie dar, die wiederum zur neuen The-
se wurde und durch die Monarchie in Frage gestellt
wurde. Und so weiter und so fort. Hegel prägte mit 6
Die Romantik ist eine literarische, kunsthistorische
dieser Anschauung das Denken und Urteilen eines und philosophische Epoche zwischen ca. 1795 und 1848.

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griffen werde müsse, anstatt lediglich die Einzelteile Erlösung durch die Erfahrung Christi für die Kirche
derselben analytisch zu sezieren. der Weg zur Rettung, manifestiert in einer „mysti-
Schleiermachers theologisches Programm umfasst schen“ Vereinigung des Gläubigen mit dem Men-
im Wesentlichen drei prägende Einflüsse: schen Jesus Christus, der das vollkommene, unge-
1. Die Akzeptanz der rationalistischen Kritik brochene Gottes-Bewusstsein besaß und in sich ver-
der Aufklärung an der protestantischen Orthodoxie. körperte. Daher war Jesus Christus für Schleierma-
2. Der romantische Idealismus als Mutterbo- cher durchaus einmalig. Nicht dass er ihn zugleich
den für den christlichen Glauben statt des moralisie- als „wahren Gott und wahren Menschen“ angesehen
renden Rationalismus der Aufklärung. hätte, das nicht, sondern dass dieser Jesus vollkom-
3. Die Überzeugung, dass christlicher Glaube men durch sein Leben demonstrierte, wie ein unge-
im Licht des romantischen Idealismus interpretiert brochenes Gottes-Bewusstsein auszusehen hat. Und
werden kann, um dem Menschen dadurch zu ermög- genau dieser Sachverhalt wird nun als Versöhnung
lichen, beides zugleich zu sein, ein Christ und ein angesehen, die Jesus vollbrachte und der Menschheit
„aufgeklärter Zeitgenosse“, wobei diese Haltung als zugänglich machte. Dabei versteht Schleiermacher
intellektuell aufrichtig und ehrlich verstanden wird, das Kreuz nicht mehr als einen Ort des Sühneopfers
weil er nicht Dinge für wahr halten oder „blind“ für die Sünden der Menschheit, sondern vielmehr als
glauben muss, die der kritischen Vernunft nicht ein Beispiel Jesu, sich willentlich dem Mitleiden
standhalten. unter den Elenden zu unterwerfen. Erlösung und
Schleiermacher – in der Zustimmung von Kants Versöhnung verkörpern daher in seiner Vorstellung
Postulat, dass keine rationale Erkenntnis Gottes eine innere Art der Gesinnungsänderung im Einze l-
möglich ist – findet – geprägt durch die Romantik – nen, weg von der Gott-Vergessenheit hinein in den
einen neuen „Sitz im Leben“ für den Glauben bzw. Zustand des Gottes-Bewusstseins. Somit war Schle i-
die Religion, die nicht von der aufgeklärten Kritik ermachers Theologie irgendwie schon „christozent-
berührt werden kann, das Gefühl. Dabei geht es risch“, indem das Beispiel Jesu das perfekte Gottes-
nicht einfach um Emotionen, sondern die tiefe inne- Bewusstsein vorstellte.
re Ahnung (die schlechthinnige Abhängigkeit), die
spürt, dass er in einer Beziehung der absoluten Ab- 5. Theologischer Agnostizismus7
hängigkeit von Gott existiert. Das ist für ihn das nach Albrecht Ritschl
„Gottes-Bewusstsein“, das Zentrum der Religiosität
und Frömmigkeit. Davon lassen sich folglich alle Neben Schleiermacher gehörte Albrecht Ritschl
ekklesiologischen und individuell-religiösen „Gla u- (1822-1889) zu den prägenden Figuren des klassi-
benslehren“ ableiten. schen Liberalismus. Ritschl greift wieder stärker auf
Indem Schleiermacher diesen Weg einschlägt, Kant zurück, indem er Religion mehr als Moral ver-
stellt er die traditionelle theologische Sichtweise auf steht bzw. die menschlichen Bemühungen betont,
den Kopf. Theologie beginnt nun nicht mehr obje k- das „Königreich Gottes“ (ein ethisch-moralisches
tiv mit der allgemeinen Offenbarung (revelatio ge- Königreich) auf Erden zu etablieren. Das Christen-
neralis) oder gar mit der speziellen Offenbarung tum ist für Ritschl eine monotheistische, vollkom-
(revelation specialis), sondern mit der subjektiven men spirituelle und humanistisch-moralische Relig i-
Erfahrung. Die subjektive Erfahrung führt nun hin on. Die objektive Wahrheit wird ersetzt durch einen
zur Glaubensle hre, nicht mehr umgekehrt, dass die subjektiv-persönlichen Theismus, der sich Jesus
objektive, von Gott offenbarte Lehre zur Glaubens- Christus als Vorbild nimmt, der Gott und sein Kö-
erfahrung führt. Theologische Aussagen sind folg- nigreich offenbarte, in Anerkennung seiner ethisch-
lich nicht mehr Beschreibungen einer objektiven, moralischen Prinzipien.
offenbarten Wirklichkeit, sondern Reflexionen des Auch Ritschl kennt keine „objektive Wahrheit“
Abhängigkeitsgefühls in Beziehung zu Gott. So wird mehr, sondern nur Wahrheit in der je indviduell-
die Erfahrung zur absoluten Autorität im Bereich des subjektiven Erfahrung, die er „Werturteile“ nennt.
Religiösen, nicht mehr objektive Offenbarungen, Diese „Werturteile“ sind anderer Natur als „wissen-
inspiriert und aufbewahrt mittels einer inspirierten schaftliche Erkenntnisse“. Nicht objektive Wahrheit,
und irrtumslosen Schrift. sondern subjektive Wertschätzung für den Einzelnen
Trotz des generellen „schlechthinnigen Abhän-
gigkeitsgefühls“ in der Beziehung zu Gott verliert 7
Definition: Agnostizismus bezeichnet die philosophi-
sich – nach Schleiermacher - der Mensch in der sche und theologische Ansicht, dass die Existenz oder
„Gott-Vergessenheit“, aus der der Mensch nicht Nichtexistenz eines Höheren Wesens (bzw. eines Gottes
mehr alleine herauskommen kann, er sich also nicht oder mehrerer Götter) entweder unbekannt oder grund-
sätzlich unerkennbar ist (das heißt, weder beweisbar noch
mehr selbst herausretten kann. Daher ist nun die widerlegbar).

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steht im Vordergrund. Beispiel: Die Existenz Gottes ten Elemente in eine monotheistische Struktur integ-
ist für den Menschen rational nicht erfassbar, aber riert worden seien. So seien beispielsweise die my-
weil der Mensch Gott braucht, existiert er. Alle r- thologischen Erzählungen der Schöpfung und der
dings kann man nichts Genaues über sein Wesen, Sintflut der Babylonischen Genesis bzw. dem Gil-
seine Eigenschaften und sein Verhältnis zur Welt gamesch-Epos entnommen und erst daraufhin durch
aussagen. Jesus Christus mag der Gott für die Chris- Ergänzungen der eigenen Überlieferungsgeschichte
ten sein; er kann aber auch einen anderen Gott anru- „redaktionell“ verarbeitet worden. Erneut wurde ein
fen (Agnostizismus). Die religiöse Erkenntnis Gottes weiterer Baustein in das Gerüst des Liberalismus
wird zu einer subjektiv unterschiedlich erfahrbaren eingefügt, der eine göttliche Offenbarung in Raum
Erfahrung (vgl. die Dimensionen des religiösen Po- und Zeit und die historische Glaubwürdigkeit bibli-
sitivismus 8). Ritschl und seine Schule prägten die scher Berichte in Frage stellte.
Auffassungen in der evangelischen Theologie bis Adolf von Harnack (1851-1930) kann wohl als
zum Beginn des 20. Jahrhunderts.9 der bedeutendste Historiker und (protestantischen)
Dogmengeschichtler des Christentums dieser Epo-
6. Vergleichende Religionskritik che angesehen werden. Er prägte mit seinen For-
und die Religionsgeschichtliche schungsergebnissen die gelehrte Theologie des ge-
samten 20. Jahrhunderts. Er wirkte vollständig in
Schule dem vorgegebenen Rahmen des damaligen theologi-
Ein weiterer Baustein des Liberalismus stellen die schen Liberalismus, der die Evangelien schon wäh-
Bemühungen der vergleichenden Religionskritik dar. rend ihrer Entstehungszeit als verfälscht und kor-
Aus dem bisher Gesagten lässt sich leicht verstehen, rumpiert ansah, die eine Veränderung von der „Reli-
dass Menschen, v.a. Gelehrte und Gebildete, mehr gion Jesu“ zur „Religion über Jesus“ zur (für Har-
und mehr danach fragten, welche anderen Erfahrun- nack verhängnisvollen) Folge hatte. Im Laufe der
gen und subjektiven Erlebnisse Menschen machten, Geschichte sei das Christentum noch weiter korrum-
abgesehen vom traditionellen Christentum. Die um- piert worden, indem die jüdischen Wurzeln des E-
fangreichen neuen Erfahrungen und Entdeckungen vangeliums durch hellenistische Philosophie verdor-
im Zuge der Kolonialisierung der Kontinente liefer- ben worden seien. Seine aus den Quellen destillierte
ten zusätzlich neue Erkenntnisse bezüglich der un- Vorstellung, was das ursprüngliche Christentum
terschiedlichen Weltreligionen. Dazu kamen For- denn eigentlich gewesen ist und sein sollte, definiert
schungsergebnisse und Erkenntnisse auf allen Ge- drei Prinzipien: die Vaterschaft Gottes, die Bruder-
bieten der Naturwissenschaften damaliger Zeit. Der schaft der Me nschen und den unendlichen Wert des
Schritt, alle Religionen als Bestandteil zu sehen, auf menschlichen Lebens, der menschlichen Seele, das
dem Weg zu der einen Wahrheit (= Gott) zu sein, Christentum, quasi eine Sache des Herzens.11
war nicht mehr in allzu weiter Ferne.
Die deutsche Variante dieser weitverbreiteten An- 7. Die Theologischen Anschauun-
schauung bildete im deutschsprachigen theologi- gen des Liberalismus zusammen-
schen Bereich die sog. „Religionsgeschichtliche
Schule“. 10 Einige Ergebnisses dieser Schulrichtung
gefasst
umfassten beispielsweise die Überzeugung, dass das Schauen wir uns einmal an, welche Art von Theolo-
nationale Israel wesentliche Elemente von seinen gie der (auch heute noch gültige und wirksame) Li-
(heidnischen) Nachbarn entlehnt und sich teilweise beralismus zustande gebracht hat, können wir – so-
aus den heidnischen Religionen Vorderasiens heraus fern wir markante Aspekte, nicht aber Einzelme i-
evolutionär weiterentwickelt habe (vom Polytheis- nungen betonen – folgende Aussagen zusammenfas-
mus zum Monotheismus etc.), indem diese entlehn- send präsentieren – quasi als eine Art „Glaubensbe-
kenntnis des klassischen (und noch gegenwärtig
8
Definition: Der Positivismus im philosophisch- modifiziert „geglaubten“) Liberalismus“:
theologischen Sinne versteht sich als humanistischen „Gott ist der weltzugewandte, liebende Vater, der in
Religionsersatz ohne transzendente Instanzen (also ohne ständiger Verbindung mit seiner Schöpfung steht und in
Gott[-heiten]). Die Menschheit nimmt hier die Position ihr wirkt, um sie zur Vervollkommnung zu bringen. Gott
Gottes ein, die Fakten über sich selbst sammelt und aus- erzieht seine Kinder, ist aber kein Gott der Vergeltung und
wertet. des Strafgerichts. Wunder gelten als Beschreibungen
9
Die sog. „Ritschlianer“, darunter u.a. Wilhelm Her- eines „Ereignisses“, so dass selbst die banalsten Ereig-
mann (1846-1922) und Adolf von Harnack (1851-1930).
10
Ihr Kreis bestand u.a. aus Albert Eichhorn (1886),
Hermann Gunkel (1888), Johannes Weiß (1888), Wilhelm
11
Bousset (1890), Alfred Rahlfs (1891), Ernst Troeltsch A.v. Harnack: Das Wesen des Christentums, Leipzig
(1891) 1900.

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nisse „Wunder“ genannt werden können, sofern eine reli-
giöse Deutung möglich ist. 8. Theologische Schlussfolgerun-
Der Mensch wird nicht mehr prinzipiell als Sünder gen
verstanden, der radikal verdorben und dem Gericht Gottes
anheim gestellt ist und deshalb Erlösung nötig hat. Viel- Theologischer Liberalismus ist eine ernst zu neh-
mehr existiert jeder Mensch prinzipiell in einer Art Ge- mende Realität, die vor frommen Gemeinden, theo-
meinschaft mit Gott, die es im Laufe der Lebenszeit ggfs.
zu verbessern gilt. Die Betonung wird nachdrücklich auf logischen Ausbildungsstätten, christlichen Werken
die Freiheit und die Fähigkeit des Menschen gelegt, das und Institution nicht halt macht und sehr geschickt
zu tun, was Gott will. Die Ewigkeit wird eher als eine ir- (oft als Wolf im Schafspelz getarnt) theologische
gendwie geartete geistliche Existenz verstanden, über- Anschauungen von Einzelpersonen, Gemeinden und
haupt nicht mehr als eine wörtliche Auferstehung des
Leibes mit doppeltem Ausgang im Gericht Gottes.
Institutionen infiltriert. Konkret lassen sich solche
Der liberale Protestantismus hat primär die Infiltrationen und negativ-gedanklichen Penetratio-
Menschheit Jesu ins Blickfeld gerückt, einen theologi- nen folgendermaßen beschreiben:
schen Aspekt, der in den Generationen zuvor unterbelich- Der theologische Liberalismus zeigt eine starke
tet geblieben war. Doch die ontologische Gottheit Jesu Hinwendung zur Innerweltlichkeit, zur Immanenz,
wurde zugleich radikal verworfen. Jesus wird zum Vorbild
des perfekten Menschen, in dem Gott sich entfaltet. Daher bei gleichzeitigem Verlust der Transzendenz (= die
gibt es keinerlei qualitative Unterscheidung zwischen Sphäre Gottes und des Ewigen). Dabei wird zugleich
Jesus und der übrigen Menschheit. Die Unterscheidung oft auch die Personhaftigkeit Gottes ignoriert, seine
liegt im Bereich der Quantität, dass Jesus mehr erfüllt sei Eigenschaften der Allmacht, der Allgegenwart und
von Gott als andere Menschen, denen er zum Vorbild
gesetzt ist.
der Heiligkeit verworfen und gegen einen unpersön-
Die verbindliche Autorität für Christen, die traditio- lichen „Geist-Gott“ ausgetauscht. Tendenzen und
nell in der inspirierten Bibel gesehen wurde, verliert ihren Überschneidungen zum synkretistischen Pantheis-
objektiven Status zu Gunsten der Subjektivität und der mus sind unverkennbar. Die Unterscheidung zw i-
spirituellen Erfahrung. Bibel, Kirche oder Überlieferung schen einem allmächtigem Schöpfer und seiner
spielen keine verbindliche Rolle mehr. Das individuelle
Bewusstsein, das Gewissen, die persönliche Intuition Schöpfung wird mitunter fließend oder sogar völlig
werden zum Maßstab und zur Beurteilungsrichtlinie. Die aufgehoben.
Bibel wird lediglich noch als ein Buch angesehen, das die Dieser Erkenntnis gegenüber gilt es, erneut die
Entwicklung beschreibt, wie ein Mensch religiöse Fort- vollständige biblische Gotteslehre zu predigen und
schritte erzielen kann. In gewissem Sinne als verbindlich zu lehren, die Dreieinigkeit Gottes und seine Eigen-
werden letztlich nur die Worte Jesu im Neuen Testament
angesehen, der Rest fällt der „liberal-theologischen“ Zäsur schaften ebenso wie die Zwei-Naturenlehre (vere
zum Opfer und hat keinen verbindlichen Wert mehr. Deus/ vere homo) im Blick auf Jesus Christus. Dabei
Die Erlösung (Soteriologie) schrumpft auf die Auf- ist zugleich erneut die Verlorenheit aller unversöhn-
fassung zusammen, dass durch das Vorbild und die Lehre ten Menschen zu betonen. Denn obwohl alle Men-
Jesu das Leben vorgezeichnet wird, das ein Mensch an-
streben soll. Wer dies erkennt, wurde „erlöst“ von der schen Geschöpfe Gottes sind, sind doch längst nicht
„Gott-Vergessenheit“ und zum „Gottes-Bewusstsein“ be- alle versöhnt mit Gott, sondern befinden sich im
freit. Daneben spielt die Vorstellung eine große Rolle, status corruptionis, dem Zustand der Verlorenheit
dass das „Königreich Gottes“ in den Herzen aufgerichtet und der Verdammnis.
werden soll, das zu einer humanen Gesellschaft führen In diesem Zusammenhang fällt natürlich auch so-
müsse, in der Gerechtigkeit und Humanität, selbst die
politischen Strukturen, durchdringen.“
12 fort die liberale Sündenlehre ins Auge. Ist erst ein-
Eine nordamerikanische Spielart des protestanti- mal die transzendente Gotteslehre über Bord gegan-
schen Liberalismus ist der sog. „Modernismus“. gen, wird auch nicht mehr die verheerende Trennung
Doch kann aus Platzgründen die Kontroverse zwi- des Menschen von Gott als dauerhafter, unumgehba-
schen Fundamentalismus und Modernismus im 1. rer „Ist-Zustand“ des natürlichen, unversöhnten
Drittel des 20. Jahrhunderts nicht erörtert werden.13 Menschen anerkennt. Die Wirklichkeit der zerstöre-
rischen Macht der Sünde wird mitunter als Kava-
liersdelikt unter den Teppich gekehrt, psychothera-
peutisch kleingeredet (Unfreiheit, Angst etc.) und im
12
Vgl. auch die Paradigmen des amerikanischen “So- Grunde nicht mehr ernst genommen. Daraus resul-
cial Gospel“, Walter Rauschenbusch (1861-1918) etc. tiert die weitverbreitete liberale Auffassung, dass
13
Als Modernismus bezeichnet man in der Theologie eine Bekehrung zu Gott, Buße und Glaube nicht
eine (nordamerikanische) Strömung des 19. und 20. Jahr-
hunderts (dem theologischen Liberalismus bzw. der libera- mehr in das Repertoire von Kirche gehören. Es gehe
len Theologie nicht ganz unähnlich), die das historische mehr um die moralisch-humanistische Veränderung
Christentum mit den Erkenntnissen der modernen Wis- der Gesellschaft (aber nach welchen Maßstäben?),
senschaft und Philosophie zu verbinden suchte. Als Reak- zu der jeder einzelne aufgerufen werden solle, nicht
tion darauf bildete sich beispielsweise die Bewegung des
christlichen Fundamentalismus und auch einzelne Grup- mehr um „Bekehrung von den Götzen zu Gott“,
pierungen der evangelikalen Bewegung.

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nicht mehr um Umkehr aus dem Reich der Finsternis Bewahrung der Schöpfung“. 16 Die unterschiedlichen
ins Licht Christi. Agenden der religiös-humanistischen Gesellschafts-
Der gravierende Mangel in der Weltanschauung veränderungsbemühungen vergessen fast alle die
des theologischen Liberalismus, nämlich, dass die persönliche Glaubensbeziehung des Einze lnen vor
Bibel nicht mehr als autoritative Instanz angesehen Gott. Sie legen keinen Wert auf persönliche Fröm-
und akzeptiert wird, schlägt sich in allen Bereichen migkeit und gelebten Glauben in der Heiligung ge-
der christlichen Lehre und des christlichen Lebens mäß den Vorgaben des Wortes Gottes.
nieder (aufgrund des Verlustes des sola et tota scrip-
tura-Prinzips). Die Bibelkritik fördert nach wie vor 9. Fazit
diese Grundhaltung und bleibt weiterhin bemüht, die
liberal-theologischen Paradigmen unters (Kirchen- Aus diesem kurzen und deshalb teilweise holz-
)Volk zu bringen. In keiner einzigen Frage des schnittartigen Überblick über den theologischen
Glaubens kann nun mehr definitiv ausgesagt oder Liberalismus bzw. die Auswirkungen der „liberalen
bekannt werden, dass dieses oder jenes allgemein- Theologie“ lässt sich abschließend folgendes deut-
gültiger Wille Gottes sei, dieses oder jenes verbind- lich betonen [weitere, intensivere Studien und aus-
liche Lehre oder ethische Anweisung seien. Die führlichere Belege würden diese These letztlich nur
Gewissheit des Gla ubens an Jesus Christus und eines bestätigen und untermauern]:
Lebens im Glauben wird dadurch auf vielfältige Die liberale Theologie ist eine breite theologische
Weise angegriffen und zerstört, und zwar im Namen Strömung im weltweiten Christentum, mit dem An-
einer „wissenschaftlichen Redlichkeit“ mit höchst satz, die Theologie einzig aufgrund von
zweifelhaftem Ruf. humanistischen und geisteswissenschaftlichen
Christus verliert dadurch im Bekenntnis der Kir- Grundlagen zu betreiben, und dadurch unabhängig
che seinen offenbarten Anspruch, Erlöser, Gott mit von Dogmen, kirchlichen Traditionen und
uns, Menschensohn, Gottessohn, Gott selbst, Kyrios Glaubensinhalten zu sein.
und Retter zu sein. Die Frage nach dem „histor i- Theologischer Liberalismus ist folglich kein aner-
schen Jesus“ bemüht sich nach wie vor mit Vehe- kennenswerter Ausdruck des christlichen Glaubens,
menz, die alleinige Menschheit Jesus zu betonen und keine christliche Variante in Form eines konfessio-
seine ihm entgegengebrachte Huldigung als Gott nell anerkennenswerten Bekenntnisses, sondern in
und Erlöser ins Reich der Fantasie und der Mythen seinen Inhalten und Weichenstellungen weitgehend
zu verbannen. Gewiss, seit F. Strauß das NT auf geprägt durch Irrlehren [Häresien]. Er verkörpert
vielfältige Weise attackierte, sind einige Jahrzehnte gewissermaßen den Ausdruck heidnischer Religios i-
unterschiedlicher theologischer Uminterpretationen tät im christlichen Gewand.
ins Land gegangen, so manche Modifikation mag Während biblisches Christentum in der übernatür-
vollzogen worden sein. Doch im Grunde blieb alles lichen Offenbarung der Wahrheit verwurzelt ist, ist
beim Alten, die liberale Jesus-Interpretation ist weit- der Liberalismus im Naturalismus verwurzelt. Die
gehend doch noch immer dieselbe geblieben. Wir Auffassung ist sicherlich nicht zu weit hergeholt,
finden heutzutage im theologischen Liberalismus wenn man den Vergleich wagt, dass wie die Gnosis
weitverbreitet und weitgehend unwidersprochen die zu einer bestimmten Zeit die größte Bedrohung und
Irrlehre des dynamischen Monarchianismus 14 des Herausforderung des Christentums geworden ist, so
Paul von Samosata 15 vor, die u.a. auch von Harnack ist der theologische Liberalismus und mit ihm die
zu seiner Zeit wiederbelebt hatte. liberale Theologie zum potentiell gefährlichsten
Dazu kommen dann noch die Bemühungen, die Feind und zur größten Bedrohung des Christentums
Gesellschaft moralisch verändern zu wollen (doch der Gegenwart geworden, da es fast in jedem einze l-
nach welcher Definition von Moral?), ganz nach nen Lehr- und Glaubenspunkt in Opposition zum
dem liberal-theologischen Slogan der 80iger Jahre traditionell-biblischen christlichen Glauben steht
des 20. Jahrhunderts „Gerechtigkeit, Frieden und und dennoch weitverbreitet in Kirchen „propagiert“
wird.
14
Strikte Ablehnung der Trinität und der Zwei- Berthold Schwarz
Naturenlehre Christi. Der dynamische Monarchianismus schwarz@bibelbund.de
wird auch als Adoptianismus bezeichnet. Es geht dabei
um die Lehre, dass der normale Mensch Jesus von Naza-
reth bei der Taufe zum „Sohn“ adoptiert worden sei, aber
keineswegs Gott gewesen sei. 16
15
Bischof von Antiochien von 260 bis 268 n. Chr. Sei- Slogan des sog. „Konziliaren Prozesses“, einer pro-
ne Irrlehre umfasste die Auffassung, dass er Jesus Chris- grammatischen Initiative vieler Kirchen innerhalb des
tus für einen normalen Menschen ansah, ohne göttlich zu ÖRK, die sich seit den 1980er Jahren den Überlebensfra-
sein gen der Menschheit, auch theologisch stellen wollte.

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