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II. Vom Begehren des Anderen....

Paarbildung in der stationären Suchttherapie:


Fortschritt oder Widerstand
Dr. Ulrich Kobbe

Einleitung

In der Einladung zu diesem Vortrag mit dem Thema 'Pairing' wurde in dieser Anfrage
inhaltlich darauf abgestellt, daß es sich hierbei um das Spannungsfeld zwischen
Fortschritt und Widerstand handele. In der Tat befinden sich Therapeuten angesichts
von Paarbeziehungen in der stationären Therapie häufig in der Situation, daß alle
therapeutischen Versuche, diese Beziehung mit den jeweiligen Partnern zu pro-
blematisieren. wenig erfolgreich sind. Speziell in sehr durchstrukturierten Be-
handlungsprogrammen erscheint ihnen der therapeutische Prozeß hinsichtlich des
'eigentlichen' Behandlungsziels grundsätzlich irifrage gestellt, wenngleich die Fä-
higkeit zur Beziehungsaufnahme andererseits als wünschenswerte Eigenschaft des
Patienten oder der Patientin bezeichnet wird. In einigen Behandlungseinrichtungen
werden stationäre Suchttherapien daher nur in geschlechtlich getrennten Thera-
piestationen durchgeführt. Andere Kliniken reagieren auf die Paarbeziehungen ihrer
Patienten konsequent mit disziplinarischen Maßnahmen. Angesichts dieser
Ausgangssituatiori habe ich denn meinen Beitrag in Abweichung vom im Programm
ausgedruckten Titel unter die Überschrift 'Vom Begehren des anderen ... Paarbil-
dungen in der stationären Suchttherapie: Fortschritt oder Widerstand?' gestellt.

'Entfesselung' des Denkens

Mit dieser Polarisierung Fortschritt versus Widerstand befinden wir uns allerdings in
einer Verstrickung, die sich als Dilemma jeder Behandlung erweist, die in irgendeiner
Weise sowohl Anteile der Hilfe wie des Zwangs oder der Kontrolle beinhaltet. Dieses
Entweder-Oder suggeriert scheinbare Alternativen - Fortschritt oder Widerstand -
und erzwingt in seiner Formulierung eine Parteinahme, mithin eine Wahl, die sich
allerdings als wenig zufriedenstellende und insofern unbrauchbare Wahlmöglichkeit
entpuppt, Mari könnte also durchaus sagen, daß polarisierendes Denken und die
Formulierung eines Dilemmas dazu führen, das Denken zu behindern und geradezu
hypnotisch auf die Auseinandersetzung mit diesen scheinbaren Alternativen zu fixieren.
Wenn dem Denken Fesseln angelegt werden, müsse es darum gehen, sich zu 'entfesseln',
beschreibt Boeckhorst (1996. S. 173) aus systemischer Sicht und verwendet hierfür
den Hinweis auf klassische Entfesselungskunst - Sie merken schon, es geht um die
Kunst des Umwegs:

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Vielen von Ihnen dürfte der Name Harry Houdinil ein Begriff sein: Er war ein Meister
der Entfesselung aus unmöglich erscheinenden Yerstrickungssituationen. Seine
Kunst bestand darin, sich aufgrund zweier besonderer Fertigkeiten aus Fesseln zu
befreien bzw. aus unausweichlich erscheinenden Situationen zu entweichen: Die eine
Fähigkeit bestand darin, den Atem anzuhalten, die zweite war seine Beweglichkeit.

Benutzen wir also Houdini als Hinweis und Metapher dafür, die angebotene Wahl -
Fortschritt oder Widerstand - nicht unreflektiert zu beantworten, sondern inne zu
halten, um ein - wie Boeckhorst sich ausdrückt - "bewegliches Bewußtsein" der di-
lemmatisch erscheinenden Situation zu erlangen und unterschiedliche Perspektiven
zu entwickeln. So werde ich mich im Folgenden zunächst vom Thema lösen und
Theoretisches zur psychischen Entwicklung und Persönlichkeitsbildung formulieren.
dann auf 'Sex ais Sucht' einzugehen, um anschließend mit einem Perspektivenwech-
sel zu versuchen, ein Verständnis der durch die Paarbeziehung veränderten ßehand-
lungssituation zu ermöglichen und hieraus im letzten Teil zu entwickeln suchen, wel-
che therapeutischen Umgangsweisen möglich und indiziert sein könnten.

Lust / Unlust - Lustprinzip / Realitätsprinzip

Zunächst also einige, sagen wir, entwicklungspsychologische Überlegungen aus tie-


fenpsychologischer Sicht: In seinen Ausarbeitungen zur Entwicklung des Subjekts hat
Freud das Begriffspaar Lust / Unlust eingeführt und hierbei seinen Begriff der Lust
interessantenveise aus dem der Unlust abgeleitet: Unlust entsteht - könnte man sehr
allgemein sagen - durch eine Steigerung von als unerwünscht - "uriliistvoll" - erlebten
Spannungen, denen sich das Subjekt ausgesetzt fühlt, und Lust beinhaltete demzu-
folge zunächst einmal nichts anderes als den psychischen Vorgang, der mit einer
Spannungsreduktion verbunden ist. Sie merken, in diesem energetischen Modell wird
der psychische Apparat durch das Vermeiden oder die Verminderung unlustvoller
Spannung reguliert. Die Motivation ist die aktuell erlebte Unlust, mitnichten die Aus-
sicht auf eine zu erreichende Lust, Dieser Lust als Entspannung des Subjekts steht
jedoch nicht nur der affektive Antagonist Unlust gegenüber, sondern noch ein zweites
Moment: das der äußeren Realität. Geht es einerseits darum, unlustvolle Spannung
zu vermeiden, muß das Subjekt in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt zu-
gleich darauf hinwirken, wesentliche und unaufschiebbare Bedürfnisse im Sinne ei-
ner Selbsterhaltung zu befriedigen. Das heißt, es muß eine unmittelbare und voll-
ständige Bedürfnisbefriedigung erlangen: Das kleine Kind will alles, sofort und ganz
gleich wie. Damit beinhaltet die unausweichliche Auseinandersetzung des Subjekts
mit seiner Umwelt einen Antagonismus von Realitäts- und Lustprinzip, der im Laufe
seiner Entwicklung mit Assimilations- und Akkomodationsprozessen der Verinnerli-
chung (vgl. Kobbe 1998) zu bewältigen versucht werden muß. Anders ausgedrückt,
werden mehr oder weniger ausgeprägte Ich-Fähigkeiten des Bedürfnisaufschubs und
der Impulskontrolle entwickelt, Fähigkeiten der Frustrationstoleranz, Angstoleranz
und Ambivalenztoleranz, der Sublimierungsfähigkeit wie der Beziehungsfähigkeit

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usw. ausgebildet und angewandt. In diesem Sinne wäre die Herausbildung eines in-
neren Realitätsprinzips durch Assimilation von Aspekten seiner Umwelt als Rei-
fungsschritt einer Integration zu betrachten. Soweit zunächst eine äußerst reduzierte
Skizze psychischer Entwicklung.

Wenn ich darüber hinaus zuvor von unlustvoller Spannung gesprochen habe, impli-
ziert dies gleichzeitig, daß es offensichtlich auch lustvolle Spannung gibt. Diese Form
von Lust 2 bezieht sich nunmehr nicht mehr auf die Abwendung von Unlust als adap-
tiver Verhaltensform der Selbsterhaltung, sondern bezieht sich auf einen Entwick-
lungsprozeß, in dem das Kleinkind anfangs zum Zweck der Spannungsreduktion am
Daumen lutscht und hierbei zugleich eine andere sinnliche - lustvolle - Erfahrung
macht. Davon ausgehend entwickelt das Kind die aktive Suche des Subjekts nach
einem Befriedigungserleben, das nicht nur auf reale Bedürfnisbefriedigung be-
schränkt bleibt, sondern auch Formen von Wunscherfüllung umfaßt, bei denen der
Wunsch in der Phantasie oder auch im Traum verwirklicht werden kann. Das heißt,
zunächst handelt es sich, wie am Beispiel des Daumenlutscheris ersichtlich, noch um
eine sinnlich-körperbezogene Aktivität. Während Autoerotik und primärer Narzißmus
diese anfänglichen Objektbeziehungen der Partialtriebe kennzeichnen, findet in der
weiteren Entwicklung ein Wechsel von der narzißtischen zur objektbezogenen Libido
statt, wird primäre Selbst-Zärtlichkeit durch ein Primat genitaler Sexualität abge-
löst3.

Abhängigkeit von ...

Wenden wir das oben genannte Entwicklungsmodell auf Patienten mit Abhängigkei-
ten an. so wird deutlich, daß die Kompromißbildungen des Realitätsprinzips nicht
oder nur unzureichend gelungen sind: Der Betreffende ist darauf angewiesen, sich
direkte Befriedigungen zu verschaffen. Insofern ist der Abhängige vielmehr durch
eine emotionale Unreife eingeschränkt als durch eine spezielle psychische Erkran-
kung: er bleibt von einem Lustprinzip, von dessen imperativen - und letztlich unreali-
stischen - Forderungen abhängig. In diesem Zusammenhang werden Trennungen von
Freunden oder Partnern insofern als zum Teil entsetzlicher narzißtischer Verlust er-
lebt, als der Betroffene das ihm Sicherheit gebende Objekt verliert. Anders ausge-
drückt, bedarf es der konkreten Anwesenheit eines anderen wie das Kind der Anwe-
senheit der Mutter bedarf, da dieser andere innerlich nicht hinreichend repräsentiert
ist. Abhängigkeit beinhaltet insofern ja nicht einfach nur Abhängigkeit von Suchtmit-
teln bzw. von dem durch diese verschafften Lustgefühl im Sinne eines Verschwiri-
dens unlustvoller Spannung, sondern viel grundlegender noch eine primäre Abhän-
gigkeit von Sicherheit gebenden, anwesenden Personen. Denn da es in der Kindheit
nicht gelungen ist, auf dem Wege der Identifikation und Verinnerlichung eine stabile
psychische Repräsentanz des anderen im Inneren zu schaffen, kann bei Abwesenheit
des anderen die Beziehung zu ihm auch nicht innerlich aufrechterhalten oder wieder-
hergestellt, sprich: nicht phantasiert werden.

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Das Selbe und das Andere

An dieser Stelle scheint mir wesentlich, auf die Interaktion des Subjekts mit den Per-
sonen seiner Umwelt, auf die Herausbildung von Subjekt- und Objektrepräsentanzen
näher einzugehen. Verschiedene Autoren führen aus, daß Selbstwahrnehmung letzt-
lich nur möglich ist. weil und indem wir uns in unserem Gegenüber spiegeln, uns in
seinen Reaktionen auf uns selbst wahrnehmen. Konsequent zu Ende gedacht bein-
haltet dies, daß man sich nicht selbst sondern immer nur im anderen wahrnehmen
kann. Hierbei geschieht etwas durchaus Komplexes: Einerseits ist dieser andere, mit
dem ich mich zwangsläufig teilidentifiziere, ein Selbes, und andererseits werde ich
mir meiner auch nur bewußt, indem ich meine Verschiedenheit von ihm wahrnehme.
Insofern geht es um miteinander verschränkte Prozesse von Identifikation und Ab-
grenzung, um das Erleben von Selbstähnlichkeit und Differenz. Denn am Anfang
steht ja keine kommunikationslose Selbstinstitution eines Ich, sondern ein Wir, eine
Beziehung, in der das Subjekt es idealerweise lernt, sich im anderen als Ich zu iden-
tifizieren, sich durch die Augen des anderen zu sehen, sich dann aber auch von ihm
zu differenzieren und Autonomie in der Beziehung zu ihm zu entwickeln (vgl. Laing et
al. 1971; Laing 1973).

Bedürfnisbefriedigung - Wunscherfüllung

Zugleich ist dieser andere auch Ort meines Wunsches und meiner Wunscherfüllung,
sodaß es im konkreten Einzelfall sehr darauf ankommt, welche Beziehungsmodi ich
zur Verfügung habe. Das heißt, ob ich zu gleichberechtigt-symmetrischen, wechsel-
seitigen Beziehungen in der Lage bin. bei denen ich mir des anderen und meiner glei-
chermaßen bewußt bin, basales Vertrauen entwickeln konnte und so auch zur kon-
trollierten Regression in der Beziehung in der Lage bin. Oder ob ich vielmehr einsei-
tige, asymmetrische, komplementäre und/oder ausbeuterische Beziehungsmuster
verwirkliche, bei denen manifeste oder latente Abhängigkeiten in wesentliche Rolle
spielen.

Das mit dieser Beziehungsproblematik zu sich selbst wie den anderen verbundene
Bedürfnis des Abhängigen entspricht einem Spannungszustand, wie er zuvor als Un-
lust beschrieben wurde. Dieses Bedürfnis bedarf einer Befriedigung, die auf der
Handlungsebene - nicht in der Phantasie oder in anderer symbolischer Form - er-
reicht werden muß und es gibt immer ein Objekt, das für diese Bedürfnisbefriedigung
unabdingbar erscheint. Dabei geht es nicht um das Objekt selbst, sondern darum,
einen früheren affektiven Zustand der Entspannung wieder zu erreichen. Deutlich
wird dies ja darin, daß das Suchtmittel selbst ohne Bedeutung ist, zum Teil ausge-
tauscht werden kann, und es im wesentlichen auf den verschafften Effekt ankommt,
In ähnlicher Weise erleben sich die Interaktionspartner häufig auch nur als Objekt
von Bedürfnisbefriedigung, indem eine persönliche Beziehung, ein authentisches In-
teresse nicht spürbar werden und ihre dauernde Anwesenheit oder beliebig er-
scheinde Verfügbarkeit eine wesentliche Rolle spielt, Dies ist wenig überraschend,

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denn wenn der Abhängige nicht über stabile innere Repräsentanzen seines Gegen-
über verfügt, kann er auch nicht wie andere hinreichend über diese phantasieren,
das heißt, eine sog. phantasmatische Beziehung zu ihnen entwickeln (vgl. Laing
1973. S. 15-31).

Insofern geht es dem abhängigen Subjekt primär darum, sich auf den Ebenen des
Verhaltens, der Handlung und Interaktion zu entlasten, zu bestätigen. Da die narziß-
tischen Kompenenten des unreifen Selbst zumindest partiell gestört sind, sich damit
auch der Körper als wenig narzißtisch besetzt erweist, steht auch dieser im Dienste
des Bedürfnisses. Dies einerseits, indem der eigene Körper rein funktionalisiert ist,
beispielsweise vernachlässigt wird; dies andererseits aber auch, indem er der direk-
ten, so auch sexuellen Bedürfnisbefriedigung dient. Wenngleich Sexualität ja mehr
umfaßt als ausgelebte genitale Sexualität und die Abfuhr sexueller Triebe, werden
die imaginären, interaktionellen und situativen Dimensionen häufig nicht thematisiert
und kaum zur Kenntnis genommen, daß Sexualität oft und in sehr individueller Weise
ebenso der Angstabwehr und Konfliktlösung wie der Wunscherfüllung dienen kann.
Bezeichnenderweise wird in den Diskursen der suchttherapeutischen Einrichtungen
und Fachkreise für die Paarbildung der Patienten mit 'Pairins' ein Begriff gewählt,
der im Englischen ursprünglich das Paarungsverhalten der Ratten bezeichnet (sie!)
und diese Beziehungsebene insofern auf eine rein sexuelle reduziert.

Sexuelle Süchtigkeit

Im Kontext von Abhängigkeit und Sexualität liegt es nahe, das Thema sexueller
Süchtigkeit zumindest kurz zu streifen.

Denn: In der Tat gibt es im Deutschen ja sprachlich schon lange Begriffe wie "Eifer-
sucht" 1533 bei Hans Sachs, "Liebsucht" und "Lustsucht" 1572 bzw. 1577 bei
Fischart. "Hurensucht" 1680 bei Stieler, "Geilsucht" 1713 bei Kirsch, "Paarungssucht"
und "Liebesschwindsucht" 1899 bei Hofier und ab 1936 auch den Begriff "Sexsucht"
(vgl. Bornemann 1993, S. 8).

Bei Untersuchung der Begriffe und des Zusammenhangs ihrer Verwendung wird
deutlich, daß es sich mitnichten um diagnostische klinische Begriffe handelt, sondern
um moralische Wertungen, die aktuell allerdings zum Teil im Gewand klinischer Dia-
gnosen einherkommen. Insofern sind Konzepte der 'Anonymen Sexaholiker', die an
den Gruppen der '.Anonymen Alkoholiker' ausgerichtet sind, mit äußerster Skepsis zu
betrachten.

Andererseits aber gibt es in der Tat auch den Begriff der sog. "sexuellen Sücbtigkeit"
als ein Leitsymptom sexueller Perversionsbildung und wurde dieses diagnostische
Kriterium "anderer Formen nichtparaphiler sexueller Süchtigkeit" als Kennzeichen
nicht näher klassifizierbarer sexueller Störungen (DSM-III-R 302.90) in das Diagno-

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stische und Statistische Manual Psychischer Störungen aufgenommen. Nach Giese
(1960. S. 420-470) bestehen diese Leitsymptome aus
1. einem "Verfall an Sinnlichkeit", sprich zunehmend herabgesetzter Fähigkeit
sinnlichen Empfindens.
2. zunehmender Frequenz bei abnehmender Befriedigung,
3. Promiskuität und Anonymität,
4. einem Ausbau von Phantasie, Praktik und Raffinement,
5. einer Periodizität dranghafter Unruhe und eben
6. einem sog. "süchtigen Erleben", bei dem dem Subjekt keine tatsächliche ab-
schließende Befriedigung mehr möglich und jeder Versuch hierzu zwar jeweils
als Erregung wahrgenommen wird, jedoch immer nur zu weiteren, intensi-
vierteren Versuchen sexueller Bedürfnisbefriedigung bis hin zu Erschöpfung
und Besinnungslosigkeit führt.

Wie ersichtlich, hat dieser Termunis technicus durchaus etwas mit den hier behan-
delten Abhängigkeiten zu tun, so wie das spannungsregulierende Selbsterhal-
tungsprinzip des Suchtmittelkonsums und die situative Kompensation erlebter Un-
lust auf eine nicht erreichbare Lust verweist, die der Wunscherfüllung, der Angstab-
wehr und/oder der - sexuellen - Bedürfnisbefriedigung dient. Denn: Alkoholkonsum
und sexuelle Selbstbefriedigung sind hier auf derselben fiinktionellen Ebene der
Spannungreduktion angesiedelt und im Endeffekt gleichermaßen unbefriedigend.
Dies, weil der andere als Ort des Begehrens fehlt bzw. weil - analog zur sexuellen
Süchtigkeit - aufgrund seiner Reduzierung zum Funktionsobjekt eine phantasmati-
sche intersubjektive Beziehung zu ihm unmöglich ist... So schreibt Ben Jelloun:

"Niemals wird Masturbation als ein eigenständiges Vergnügen empfunden, sondern


als ein Ersatz von etwas anderem, als blasser Abglanz von etwas, das einem ent-
geht: kurz: als 'armselige, unglückliche kleine Sexualität des einsamen Mannes', [...l
Phantasie und Spiel mit verschiedenen Möglichkeiten verdoppelt beim isolierten,
vom Leben abgeschnittenen, in seiner Komplexität vergessenen und am eigenen
Körper exilierten Individuum das Tatsächliche, denn 'wir sind alle dazu verdammt,
einsam im Innern unserer Haut gefangen zu sein' (Genet). Masturbation braucht nicht
zwangsläufig Ausdruck eines Mangels zu sein; sie kann ein Fest für den Körper sein,
ein Spiel mit der Phantasie, der Vorstellung oder der Erinnerung. Aber wenn man
ständig ausgeschlossen ist, verkehrt sich die Lust am Spiel in Luxus. Wenn jemand
masturbiert, weil kein Partner da ist, kann man nicht von einem Spiel sprechen" (Ben
Jelloun 1986. S. 70-71).

Alkohol und deviante Sexualität

Um es in diesem Zusammenhang gleich auch zu erwähnen: Immer wieder finden sich


Studien, die den Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und sexuellen Risikokon-
takten bejaht haben, und andere, die ihn verneinen. Unter den neueren Veröffentli-
chungen ist eine 1997 publizierte Untersuchung von Niklowitz und Eich-Höchli (1997)

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an 64 HlV-infizierten Männern mit homosexuellem Verhalten interessant, bei der die
Autoren ereignistmspezifische und situationsspezifische Konzepte verwendeten. Im
Resultat konnten sie keinen signifikanten Zusammenhang von Alkoholkonsum und
sexuellem Risikoverhalten feststellen.

Wem dies bezüglich der Untersuchungsgruppe HlV-infizierter Homosexueller nicht


generalisierbar erscheint, der findet allgemeingültigere Aussagen in einer Studie von
Roth (1992) zur sexuellen Süchtigkeit bei Alkoholmißbrauch und -abhängigkeit: Von
den 11 untersuchten Alkoholikern, die ihren Umgang mit der Sexualität als süchtig
und selbstschädigend einstuften, waren mehr als 80 % mehrfachabhängig und gaben
zwei Drittel der Patienten an, ihre sexuelle Süchtigkeit habe bereits vor dem Alkoho-
lismus bzw. den anderen Abhängigkeiten bestanden. Die Störung sei - schreibt der
Autor - als "nosologisch unspezifisch auf dem Boden von Neurose und Persönlich-
keitsstörung" zu bewerten und tiefenpsychologisch festzustellen, daß hier "süchtige
und perverse Abwehrformen im Dienst der narzißtischen Restitution kombiniert''
auftreten. In dieser Studie finden sich auch Angaben dazu, was denn unter als süch-
tig (selbst)attribuierter Sexualität zu verstehen ist: Diese bestand bei Untersu-
chungsgruppe von 10 Männern und l Frau vor allem in exzessiver Selbstbefriedigung
und zwanghaft-sexuellem Phantasieren, zumeist unter Verwendung von pornogra-
phischem Material. Promiskuität, Prostituiertenkontakte und exzessive sexuelle
Wünsche wurden weniger häufig benannt. Als Auslöser wurden unbewältigte Gefühle
und ungelöste sexuelle Konflikte genannt^.

Paarbildung
Nun zurück zum Thema des Paarbildung in der stationären Suchttherapie. Betrachtet
man diese Beziehungen unter psychodynamischen sozialpsychologischen Gesichts-
punkten, so lassen sich in Anlehnung an Lindenmeyer (1991; 1994) folgende theore-
tische Überlegungen anstellen: Zunächst ist - verkürzt ausgedrückt - "Paarbildung"
nicht gleich "Paarbildung", da sich hinsichtlich der Liebes- und Beziehungsform drei
verschiedene Komponenten unterscheiden lassen:
Bei der Form der "Intimität" handelt es sich um Gefühle von Nähe. Ge- oder Verbun-
denheit5.
Demgegenüber ist "Leidenschaft" als Zustand intensiven Begehrens nach Vereini-
gung mit dem Partner definiert und beinhalte die dritte Komponente der "Bindung"
eine Entscheidung für einen Partner mit der Absicht, die Beziehung aufrecht zu er-
halten.

Sozialpsychologie der Paarbildung

Bezieht man verschiedene sozialpsychologische Studien zur Entstehung interperso-


naler Attraktivität mit ein, finden sich Menschen in mit stationären Behandlungsfor-
men vergleichbaren Wohn- und Lebenskontexten, so Studentenwohnheimen, dann

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gegenseitig attraktiv, wenn sie beim Kennenlernen Ähnlichkeiten in ihrer Haltung
sich selbst und ihren Mitbewohnern gegenüber feststellten. Mit zunehmender Ver-
trautheit kam dabei eine Art Ausbalancierungsprozeß in Gang, bei dem der Konsens
des Paares in seinen Einstellungen sich selbst und anderen Mitbewohnern gegenüber
anstieg und parallel die gegenseitige Anziehung zunahm. Diese Mechanismen sozia-
ler Attraktivität erweisen sich insbesondere als wirksam
• bei unsicheren Menschen, die gedanklich mit Fragen ihrer Sympathie befaßt sind
• in Gruppen, deren primäre Funktion in der Befriedigung sozial-emotionaler Be-
dürfnisse besteht, sowie
« in Lebenssituationen, in denen für die Betroffenen zuvor starke Dissonanzen bzw.
Konflikte mit ihrer Umwelt bestanden.

Wie ersichtlich handelt es sich um Bedingungen, die auf die Patienten innerhalb sta-
tionärer Suchttherapien in besonderem Maße zutreffen.

Auf der Ebene individueller Konflikte bzw. Beziehungsdispositionen ist unter sozi-
alpsychologischen Aspekten auf Befunde hinzuweisen, nach denen die Fähigkeiten
der Partner zur Konflikllösung für die Stabilität einer Ehe maßgeblich ist. Dabei ge-
lingt insbesondere Paaren mit geringer Konfliktfähigkeit nicht, sich wieder aus nega-
tiven Konflikteskalationen zu lösen, sodaß die einmal negativ gefärbte Atmosphäre
mit großer Wahrscheinlichkeit über einen längeren Zeitraum so bleibt und die Part-
nerschaft unter eine automatisch stärker werdende aversive Kontrolle gerät, Dies
schafft grundsätzliche Beziehungsoffenheiten für andere, attraktiver erscheinende
Partner. Berücksichtigt man die erhöhten Partnerschaftsprobleme bei Patienten
gleich welcher Störungsgruppe, schafft dies wesentliche Voraussetzungen rar neue
zwischenmenschliche Bindungen von Patienten in der stationären Therapie,

Institutionelle Bedingungen

Als institutioneller Faktor stellt die Klinik darüber hinaus auch ein latent regressives
Setting dar: Patienten fühlen sind nunmehr nicht durch eine als feindlich oder stig-
matisierend erlebte Umwelt infrage gestellt, sondern von ihren Mitpatienten prinzipi-
ell anerkannt und verstanden. Insofern beinhaltet die stationäre Behandlung Aspekte
einer "Urlaubssituation", in der die Alltagsbelastung durch Familie und/oder Beruf
wegfällt, Menschen mit ähnlichen Problemen ebenfalls ohne Partner da sind und viel
Zeit für persönliche Gespräche, zum Teil auch private Unternehmungen bleibt.

Insofern wäre es wirklichkeitsfremd zu erwarten, daß zwischen Patienten in der sta-


tionären Suchttherapie keine Sympathien bis hin zu Liebesgefühlen und Bindungen
entstehen. Verstärkt wird dies unter Umständen zudem durch das destabilisierende
Erleben der stationären Behandlung als Veränderungsschock: Zum einen ist der Be-
troffene mit einer Patientenrolle konfrontiert, die diverse Reglementierungen und
Verpflichtungen beinhaltet; zum anderen muß er sich mit ängstigenden oder irritie-

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renden Fragen und Veränderungsvorschlägen von seilen der Behandler auseinander-
setzen.

Zieht man dabei in Betracht, daß die Patienten vor Beginn der Maßnahme einem oft
nicht unbeträchtlichen Außendruck ausgesetzt waren und immer eine mehr oder we-
niger ausgeprägte Unfreiwilligkeit der Behandlung besteht, ist nur zu verständlich,
daß vor dem Hintergrund objektiv schwieriger Anpassungsprozesse die Beziehungen
mit den Mitpatienten als konfliktfreier erlebt w:erden und im Einzelfall eben deutlich
attraktiver sind, als die Beziehung zu den Therapeuten. In einer Untersuchung von
Mentzel (1981) wird die Trennung von allen Verwandten, Freunden und Bekannten
als "Isolierungsschock" bezeichnet, den der Betroffene durch eine klinikinteme Be-
ziehung zu überwinden suche. Der Paarbildurig komme eine Schutzfunktion innerhalb
einer geballten Vielzahl an Begegnungen und Auseinandersetzungen im Klinikalltag
zu, da sie für einzelne ein Überwinden von Versagens- oder Einsamkeitsgefühlen,
aber auch für andere einen Schutz vor Kränkung und Verletzung durch Mitpatienten
bedeuten könne. In diesen Fällen werde zwischen den Partnern eine Art zeitbefri-
steter Vertrag geschlossen, für die Dauer der stationären Behandlung ständig mit-
einander zu sein und alle Ereignisse miteinander zu teilen.

Formen der Paarbeziehung

Soweit einige Faktoren sozialpsychologischer und institutioneller Art. Wie ersichtlich


können Paarbildungen in der stationären Therapie äußerst unterschiedliche Entste-
hungsbedingungen haben, zugleich aber können sie sehr verschiedene Formen oder
Ausprägungen annehmen, die Lindenmeyer klischeeartig als "Kurschatten-
Beziehung", "Glückliche Liebe" und "Umsteiger" charakterisiert.

Kurschatten-Beziehung
Im ersten Fall, der klassischen Kurschatten-Beziehung, handelt es sich um die vielen
bekannten, zeitbegrenzten Paarbildungen. die zumeist auf die Dauer des stationären
Aufenthaltes begrenzt sind. Dabei beinhaltet das Schattendasein dieser Beziehung
insofern eine Problematik, als diese als 'Seitensprung' oder 'Affaire' zu begreifende
Beziehung einerseits oft verheimlicht und hinsichtlich ihrer Bedeutung herunterge-
spielt wird, andererseits zu illusionärem Beziehungserieben führt, da es keine tat-
sächliche Auseinandersetzung zwischen den Partnern gibt.

Glückliche Liebe
Im Fall 'Glückliche Liebe' handelt es sich um die unumstößliche Überzeugung, in dem
Mitpatienten, der Mitpatientin endlich den Partner fürs Leben gefunden zu haben.
Wie vorstellbar ist, wertet dies die jeweiligen Personen ungemein auf. stärkt es ihr
Selbstbewußtsein und die Überzeugung ihrer Selbstwirksamkeit. Problematisch ist
bzw. kann sein, daß die sonst bestehenden Kontakt- und Kommunikationsprobleme
nun nicht mehr hinreichend wahrgenommen werden, doch verändert eine positive
zwischenmenschliche Beziehung mitsamt der Durchbrechung bisheriger sozialer

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Isolation das Selbsterleben des einzelnen unter Umständen auch derart, daß ihm
nun die Nutzung von Ressourcen und somit auch weitere Veränderungen außerhalb
der Paarbeziehung möglich sind. So weist Lindenmeyer (1994. S. 945) im übrigen
auch darauf hin, daß eine feste Paarbeziehung im Gegensatz zu sozialer Isolation
grundsätzlich einen positiven prognostischen Indikator bei der Behandlung psychi-
scher Störungen darstelle.

Umsteiger
Mit der dritten Bezeichnung 'Umsteiger' kennzeichnet er die Patienten, die innerhalb
der stationätren Behandlung ihre bisherigen Partner oder Familien aufgrund einer
neuen Paarbeziehung zu einem Mitpatienten bzw. zu einer Mitpatientin verlassen
möchten. Problematisch ist, daß diese Entschlüsse unter den eher künstlichen und
zeitlich bis dahin nur kurzdauernden Bedingungen einer Paarbildung im Gruppenset-
ting gefaßt werden, insofern bezüglich ihrer Tragfähigkeit nicht überprüfbar sind und
darüberhinaus eine Reihe von abwesenden, am Prozeß nicht beteiligten, jedoch un-
mittelbar involvierten Personen betreffen.

Therapeutische Bewertungen

Betrachtet man die Bewertung dieser Paarbeziehungen, so lassen sich hinsichtlich


der Überlegungen von therapeutischer Seite mehrere Aspekte herausarbeiten. Als
Widerstand begriffen, fokussieren Psychotherapeuten den Faktor, daß diese sozusa-
gen außerhalb der Therapie eingegangene Beziehung die Übertragungsbeziehung auf
den Therapeuten stört bis behindert, da die emotionalen Ressourcen des Patienten
anderweitig gebunden sind. Da die Partner sich darüber hinaus attraktiv finden, weil
sie so - und nicht anders - sind, untergrabe diese Beziehung jede Veränderungsmoti-
vation oder -notwendigkeit bzw. diene sie dazu, so bleiben zu können wie man ist.
Geht man darüber hinaus davon aus, daß Partnerwahlen nicht rein zufällig erfolgen,
sondern von unbewußten Bedürfnissen bestimmt sind, so erfüllen sich komplemen-
täre Partnerwahlen (vgl. Laing 1973, S. 83-91) nicht nur ihre gegenseitigen Bedürf-
nisse nach Stabilisierung, Anerkennung, Kompensation, sondern blockieren sich bei-
de damit gegenseitig hinsichtlich jedweder Veränderungsmöglichkeit. Dies beinhaltet
auch, daß speziell im Kontext von Suchtbehandlungen Beziehungsformen gelebt
werde, die im Konzept der Co-Abhängigkeiten verstanden werden können, bei denen
also auch das Abhängigverhalten fortgesetzt werden kann, indem Bestätigung aus-
schließlich in der Partnerbeziehung gesucht und erlebt wird und eine hinreichende
Abgrenzung vom im Übermaß versorgten Partner und adäquate Selbstsorge nicht
mehr gelingen (vgl. Laing 1973. S. 114-132). Wenn daneben mit Verliebtheit häufig
Selbstüberschätzung und Idealisierung einhergehen, kann die Fähigkeit zu Reali-
tätsprüfung und Selbstkritik in erheblicher Weise herabgesetzt sein. In diesen Se-
quenzen hat das Wort des Therapeuten vergleichsweise weniger Gewicht als in der
exklusiven therapeutischen Zweibeziehung ohne weiteren Partner außerhalb.

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Versteht man das Gruppensetting der Klinik als therapeutischen Faktor, so be- oder
verhindert die Paarbildung zwangsläufig auch sonst mögliche und wünschenswerte
Beziehungen zu allen Mitpatienten der Gruppe. Innerhalb von Gruppentherapien be-
steht darüber hinaus die Gefahr, daß kritische Inhalte beim Partner nicht wahrge-
nommen oder aus Solidarität nicht benannt werden und bei Zugehörigkeit zu ver-
schiedenen Therapiegruppen zudem die Schweigepflicht nicht gewahrt wird.

Ein weiterer Aspekt der Paarbildung ist die Tatsache, daß hierdurch die Autonomie-
möglichkeiten von Frauen unter Umständen erneut massiv beschnitten werden:
Wenn Therapieeinrichtungen ohnehin strukturell von männlichen Normen und The-
men dominiert seien, komme Frauen in dieser Hinsicht auch die Aufgabe zu, das the-
rapeutische Klima zu verbessern und mit ihrem Einfühlungsvermögen den therapeu-
tischen Prozeß günstig zu beeinflussen. Unter diesen Prämissen sei das Eingehen auf
eine Beziehung als Erfüllung eines unausgesprochenen normativen Drucks zu verste-
hen und stehe dies einer persönlichen Entwicklung und geschlechtsspe- zifischen
Identitätsbildung entgegen. Das heißt, die Frau leiste innerhalb der Paarbeziehung
"frauentypische Produktionsarbeit als Geliebte, Helferin, Mutter oder Sexualobjekt"
(Bernhard & Lambrecht 1991).

Dem stimmt zwar Konitzer-Feddersen grundsätzlich zu: Die Beziehungen von Män-
nern und Frauen in der Klinik entsprächen genau den Beziehungen zwischen Män-
nern und Frauen außerhalb der Klinik, in denen Sucht eine Rolle spiele. Gerade des-
halb aber müsse man sich dieser Beziehungsformen stellen. Sie schreibt:

"Wenn wir versuchen, sie aus unserem Gesichtskreis zu verbannen, führt dies nach
meiner Erfahrung in der Regel dazu, daß nicht nur die Beziehungen verheimlicht
werden und insbesondere wieder die Patientinnen unter den Zwang geraten, solche
Beziehungen zu decken und zu verteidigen, sondern fast der gesamte Bereich Sexua-
lität und Partnerschaft in der Therapie tabuisiert ist und somit auch die Gewalt, weil
man sich ja verraten könnte. Das bedeutet für Frauen, daß sie mit den oben geschil-
derten Situationen alleingelassen werden, und für die Männer, daß sie ihr gewohntes
Verhalten in der Therapie fortsetzen können." Und das bedeute weiter: "In diesem für
Abstinenz und Rückfall so entscheidenden Bereich verzichten wir auf die Möglichkeit,
zu konfrontieren und Einstellungs- und Verhaltensänderungen zu erproben" (Konit-
zer-Feddersen 1991. S. 10-11).

Ganz offensichtlich gibt es als äußerst unterschiedliche Bewertungen der Auswirkung


oder Bedeutung von Paarbildung in bezug auf die im oh ierten Frauen: So beschrei-
ben Bernhard und Lambrecht (1991) den Wunsch nach sexuellem Abenteuer einiger
Patienten als den Versuch, Psychotherapie "als organisierte und bezahlte Form sexu-
eller Befriedigung" zu mißbrauchen. Dem gegenüber macht Mentzel darauf aufmerk-
sam, das der oben zitierte Vertrag zwischen den Partnern gerade für Frauen in
männlich dominierten Einrichtungen einen wirksamen Schutz gegen die "Anmache"
wie gegen Übergriffe von seilen männlicher Mitpatienten darstellen könne.

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Probleme der Therapeuten

Therapeuten befinden sich gegenüber den neuen Paarbeziehungen häufig in mehrerer


Weise in problematischen Situationen: Einerseits ist es Bestandteil jeder stationären
Therapie, Patienten neue oder korrigierende emotionale Erfahrungen inner- und au-
ßerhalb des einzeltherapeuthischen Settings zu ermöglichen und stellt die Partnerbe-
ziehung insofern auch einen potentiellen Therapiefortschritt dar. Andererseits behin-
dert die Konzentration der Patienten auf ihre neue Beziehung den therapeutischen
Prozeß wie oben bereits dargestellt oder ergeben sich Behandlungsthemen, die hin-
sichtlich der intendierten Suchttherapie unter Umständen nur schwer in das institu-
tionelle Behandlungskonzept zu integrieren sind. So ist gerade im Umgang mit der
Paarbildung vom Typ 'Glückliche Liebe' indiziert, mit den betroffenen Patienten an
einer realistischen und zukunftsweisenden Sicht zu arbeiten.

Dies betrifft beispielsweise


« die Entwicklung einer gemeinsamen Interaktions- und Kommunikationsebene,
» die Erarbeitung einer hinreichenden Balance zwischen Gemeinsamkeit und Selb-
ständigkeit innerhalb der Partnerschaft wie innerhalb der Patientengruppe,
• das Einüben adäquater Konfliktlösungsstrategien,
» die Besprechung und ggf. Bearbeitung sexueller Probleme,
• das Offenbaren und den Umgang mit problematischer Vergangenheit, sprich:
Straftaten, Schulden usw.,
• die Erörterung konkreter Zukunftsschritte wie Wohnungs- oder Arbeitssuche,
• die Information von und Auseinandersetzung mit Angehörigen.
• die Antizipation mit Enttäuschungen. Rückschlägen wie Rückfällen sowie
• den Umgang mit vorübergehender Trennung aufgrund unterschiedlicher Entlas-
sungszeitpunkte oder anderer äußerer Umstände.

Soweit zum ja eher seltenen Fall 'Glückliche Liebe'. Wesentlich problematischer stellt
sich der Umgang mit den sogenannten 'Kurschatten- Beziehungen' dar, wenn von
diesem Seitensprang Lebenspartner oder Angehöriger der Patienten betroffen sind,
die auch sonst in die Therapie einbezogen werden. Hier ergeben sich sich Loyalitäts-
fragen des Therapeuten. für die es keine fertigen Lösungen geben kann. Ähnlich ver-
hält es sich bei den sogenannten 'Umsteigern', dies insbesondere dann, wenn die
bisherigen Partner oder Angehörige um therapeutische Hilfe oder Rat bitten.In bei-
den Paarbeziehungsformen ergeben sich darüber hinaus bei den Betroffenen unter
Umständen psychische Probleme durch Ängste, Schuldgefühle und Zweifel, Vorwürfe
bzw. Unverständnis von Angehörigen oder Bekannten, finanzielle Auswirkungen und
andere resultierende familiäre Probleme. Damit komme ich zu den therapeutischen
Möglichkeiten bzw. Unmöglichkeiten.

19
Möglichkeiten der Therapeuten

Negieren
Grundsätzlich wird die therapeutische Beziehung durch jede der oben skizzierten
Paarbeziehungsformen von Patienten in stationären Therapien beeinflußt. Mithin
bleibt wohl kaum die Möglichkeit, diese Paarbeziehung des Patienten als Privatbe-
reich zu betrachten, sich herauszuhalten, sprich: das Ganze zu negieren. Darüber-
hinaus wäre es der Versuch, die Verleugnungstendenzen des Patienten mitzumachen,
also mitzuagieren.

Problems tisieren
Als alternative Möglichkeit des Theapeutenverhaltens scheint sich zunächst anzu-
bieten, die Beziehung der Patienten zu problematisieren, das heißt Bedenken und
Zweifel zum Thema zu machen und sich hiervon zu erhoffen, das Geschehen kon-
struktiv beeinflussen zu können. Wie Sie sicher bereits ahnen bzw. aus eigener Er-
fahrung wissen, führt eine solche therapeutische Strategie oft in fruchtlose Ausein-
andersetzungen und Argumentationen, verstärkt dies den Widerstand, wenn es sich
denn um einen handelt, bzw. induziert ihn durch die Konfrontation. Erfahrungsgemäß
zementieren konfrontative therapeutische Strategien die Bindung der Partner, und
kommt es darüber hinaus zu einer manifesten Krise der therapeutischen Beziehung.

Andererseits beeinflussen Paarbeziehungen in der stationären Therapie das thera-


peutische Settirig und Geschehen der Gesamtinstitution nicht unwesentlich, ist doch
die Institution selbst bereits als eine um Gruppenprozesse mit wechselndem Strulc-
turierungsgrad organisierte soziale Struktur zu begreifen, die den Patienten mit der
Teilnahme an einem experimentellen Setting konfrontiert, das in unterschiedlichem
Ausmaß die Aktivierung primitiver Objektbeziehungen verstärkt. Insofern beinhaltet
eine latente Sexualisierung der Institution jederzeit die Gefahr eines sexuellen Agie-
rens einzelner, was jedoch nicht spezifisch für abhängige Patienten ist. sondern auf
jeden strukturell beziehungsgestörten Menschen zutrifft.

Trennung
Angesichts der strukturellen Infragestellung der Klinik als therapeutische Institution
entschließen sich meines Wissens die meisten Kliniken dazu, den Patienten unmiß-
verständlich zu verdeutlichen, daß und warum die Beziehung nicht toleriert oder ak-
zeptiert werden kann. Daß heißt, die Patienten werden direkt aufgefordert, ihre Be-
ziehung zu beenden, da die aktuelle und unmittelbare Trennung eine Grundvoraus-
setzung für die Weiterführung ihrer Therapie ist. Wenngleich dies einerseits die
Strukturierung des therapeutischen Raums bewirkt, muß der Therapeut als Aggres-
sor erlebt werden, zu dem eine vertrauensvolle Beziehung im Sinne eines tragfähigen
therapeutischen Arbeitsbündnisses zunächst wohl kaum möglich sein dürfte. Inso-
fern stellt das Konzept Trennung vom Effekt her unter Umständen eine Variante des
Konzepts Problematisieren dar und ist dieser Klärungsversuch häufig genug ebenfalls
nicht konstruktiv nutzbar. Hingewiesen w:erden muß auf die Indikationen, die eine

20
solche Verantwortungsübernahme des Therapeuten durch Trennung erforderlich ma-
chen: Hierzu gehören
• drohende körperliche bzw. sexuelle Gewalttätigkeiten.
• drohende psychische Dekompensation, akute Suicidalität und Rückfälligkeit auf-
grund von Spannungen innerhalb der Paarbeziehung,
« einseitige Ausbeutung eines abhängigen Partners und/oder
• gemeinsame schwerwiegende Regelüberschreitungen der Hausordnung.

Soweit zu den Ausnahmen. Was also bleibt zu tun, um in möglichst konstruktiver,


zukunftweisender Art mit den Paarbeziehungen der Patienten umzugehen?

Institutionelle Psychotherapie
Wesentlich schein mir hierfür zunächst die Klärung der eigenen therapeutischen Po-
sition und Haltung. Denn es stellt sich die Frage, ob ich einen sehr eindeutig verän-
derungsorientierten, strategischen Behandlungsansatz wähle oder ob ich Suchtmit-
telkonsum als Teil und Symptom einer Reimngs- und Beziehungsstörung auffasse.
was ein eher entwickiungsbezogenes therapeutisches Vorgehen nahelegt. Hierbei
müßte auch diskutiert und geklärt werden, in weicher Form sich die Institution selbst
als therapeutisch wirksame Institution begreift und insofern institutionelle Psycho-
therapieö möglich würde (vgl. Kobbe 1985; 1994). Letzteres würde auch beinhalten,
die jeweiligen Patienten nicht zu entverantworten, sondern ihre Paarbildung als -
möglicherweise sexualisierten - Bewältigungsmodus einer neuen Herausforderung
durch ebenso das irritierende wie fordernde instutionelle Setting zu betrachten und
insofern die Paarbeziehung als therapeutische Chance zur Klärung, Weiterentwick-
lung und Veränderung nutzen zu suchen.

Beziehungsaufgabe
Hinsichtlich der hieraus ergebenden ideal(istisch)en therapeutischen Strategie werde
ich mich eng an Lindenmeyer (1994, S. 947-948) anlehnen, der ein Konzept derßc-
ziehungsaufgabe vorschlägt?. Hierbei ist Beziehungaufgabe bewußt doppeldeutig zu
verstehen: Der Therapeut entscheidet sich, den beiden Patienten eine Aufgabe zu
steilen, die der Verbesserung bzw. weiteren Ausgestaltung ihrer Beziehung dienen
soll. Unter Umständen, aber eben nicht unbedingt beabsichtigt, ermöglicht diese
spezifische Intervention im Therapieprozeß, daß die Beziehung auch aufgegeben wird
oder werden kann. Zumindest aber eröffnet diese Interventionsrichtung die Möglich-
keit, aktiv und durchaus im Sinne der Patienten auf deren Partnerbeziehung einzuge-
hen, sie ernst zu nehmen und an die Realität dieser gemeinsamen Situation heran-
zuführen.

Lindenmeyer macht ausdrücklich darauf aufmerksam, für das Gelingen dieser durch-
aus als paradox zu bezeichnenden Intervention sei unabdingbar, daß der Therapeut
die Paarbildung zunächst ausdrücklich anerkenne und würdige, denn die Patienten
erwarten Einmischung in private Angelegenheiten, Kritik, moralische Verurteilung
usw.. befinden sich also in einer potentiell defensiven Haltung. Insofern bedarf es
seiner Art therapeutischer Versicherung , daß der Therapeut auch angesichts dieser

21
neuen Situation und des Themas Partnerschaft eine wohlwollende und unvoreinge-
nommene Haltung einnimmt. Konkret schlägt Lindenmeyer vor, der Therapeut- könne
das Gespräch wie folgt beginnen:

"Ich habe Sie heute zusammen zu einem Gespräch eingeladen, weil zwischen Ihnen
eine engere Freundschaft entstanden ist. Nun, wie mir scheint, geht es Ihnen beiden
dabei sehr gut, und das freut mich für Sie. Ich mlchte mich nun heut gerne darüber
unterhalten, wie wir dieser neuen Situation in Ihrer weiteren Therapie Rechnung tra-
genkönnen."

Wie immer bei derartig absichtlich-unabsichtlichem therapeutischem Vorgehen dür-


fen die Äußerungen keinerlei indirekte Kritik oder unabsichtliche Wertung enthalten.
So macht der Autor darauf aufmerksam, daß bereits die Formulierung 'Ich möchte
heute mit Ihnen über Ihre Beziehung sprechen, weil das nach unseren Erfahrungen
immer auch Auswirkungen auf die weitere Therapie hat", eine kritische Bewertung
enthält, die beim Gegenüber ungewollt Widerstand hervorrufen kann. Es erübrigt
sich darauf hinzuweisen, daß diese wertneutrale Position des Therapeuten im weite-
ren Verlauf noch mehrfach angetestet werden wird. Als Gesprächsthemen schlägt
Lindenmeyer vor, die Patienten durch Fragen zur Reflektion ihrer Situation anzure-
gen, um mögliche Schwierigkeiten zu erkennen und in ihrem Urteil und Verhalten
gegeenseitig mutiger bzw. unabhängiger zu werden. Fragen könnten beispielsweise
sein:

"Wie haben Sie sich denn kennengelernt?"


"Von wem ging die Initiative aus?"
"Was gefällt Ihnen aneinander besonders gut?"
"Wie verbringen Sie gemeinsam die Zeit?"
"Haben Sie schon irgendwelche Zukunftspläne?"
"Gibt es auch Dinge, in denen Sie nicht übereinstimmen?"
"Wer von Ihren ^gehörigen weiß wieviel?"
"Was wüerden Sie Ihrem Partner für seine Therapie wünschen?"
"Wie können Sie sich gegenseitig helfen?"
"Gibt es jemanden, der gegen Ihre Beziehung ist?1
"Wie stark hat es Sie beide denn 'envischt'?'

Klassischerweise wird sich ein Therapeut nach dieser ersten Stunde für die Offenheit
und Koorperation der Patienten bedanken, wird er um Zeit zum Nachdenken über
das Gehörte bitten und die Patienten dann zu einem zweiten Termin einzuladen, in
dem er ihnen seinen Vorschlag für die weitere Therapie unterbreiten will. Ein Ziel
oder Ziele könnten beispielsweise sein,
• beiden Patienten mehr Selbständigkeit innerhalb der Beziehung zu ermöglichen,
• ihre gemeinsamen Konfliktlösungsmöglichkeiten zu verbessern.
• einen offeneren Umgang mit 'Leichen im Keller' zu erleichtern,
• sie bei eventuellen Aussprachen mit anderen Angehörigen zu unterstützen,

22
• gemeinsame Präventions- und Reaktionsstrategien für Krisen oder Rückfall zu
entwickeln,
• das Ende der Behandlung und das evtuelle Ende der Partnerbeziehung vorzube-
reiten.

Auch hierfür macht Lindenmeyer noch einmal sehr konkrete Vorschläge zur die
Paarbeziehung positiv konnotierenden Intervention und formuliert als Beispiel fol-
gendes:

"In unserem letzten Gespräch konnte ich feststellen, daß Sie offensichtlich sehr in
einander verliebt sind. Andererseits weiß ich, daß Sie beide in der Vergangenheit da-
zu neigten, Ärger und Konflikte herunter zu schlucken. In diesem Punkt könnten Sie
sich gegenseitig dabei helfen, nichtige Therapiefortschritte zu machen. Ich möchte
Ihnen daher vorschlagen, daß Sie in weiteren gemeinsamen Therapiesitzungen den
gegenseitigen Umgang mit Ärger und Kritik in Ihrer Partnerschaft üben. Was halten
Sie davon?1'

Soweit ein Entwurf, den eventuellen Konflikt zu deeskalieren und die Paarbeziehung
therapeutisch zu nutzen. Hierbei sollte nicht verkannt werden, daß es sich insgesamt
um eine emotional hochbesetzte Interaktion handelt, die zu einseitigen Parteinah-
men, Bewertungen und Überidentifikationen verführt. Insofern bedarf es einer inten-
siven Supenision aller beteiligten Therapeuten, um die beschriebenen Interventions-
richtungen der Trennung oder der Beziehungsaufgabe entwickeln und die Erzeugung
eines interaktioneilen Widerstandes der Patienten durch unbeabsichtigte Bewertung
oder Kritik der Paarbeziehung vermeiden zu können.

Schluß

Wahrscheinlich werden viele von Ihnen sagen, dieses Konzept gehe nicht auf, und es
gibt sicher x Argumente, warum dies oder das nicht Wappen kann, gerade in Ihrer
Institution, mit Ihrem Klientel, in dieser aktuellen Situation, mit diesen Mitarbeitern,
wegen dieses Kostenträgers usw. nicht möglich sein soll (sie) ... Andererseits haben
Sie mich sicherlich nicht eingeladen, damit ich die Praxis der disziplinarischen Reak-
tion vortrage, die ja theoretisch und praktisch keiner intensiven Erörterung bedarf.
Mir ist es darum gegangen, das institutionell oft- durch Regeln hypnotisierte Denken
zu 'entfesseln' und deutlich zu machen, daß und inwiefern es sich bei Paarbildungen
in der stationären Therapie um ein interaktionelles Geschehen handelt, bei dem es
entgegen dem ersten Arischein unter umständen nur sekundär um Sexualität geht,
unter Umständen aber auch um die Sexualisierung sonst nicht möglicher Beziehun-
gen.

23
Fußnoten

1. Harn* Houdini [eigentl. Ehrich Weiss oder Erik Weisz], geb. 24.03.1874 in Buda-
pest, gest. 22.10.1926 in Montreal, war einer der bekanntesten und kreativsten
Illusionisten. Zauber- und Entfesselungskünster der ersten Hälfte des 20. Jahr-
hunderts. Weitere Informationen im Internet unter
http://www.magicusa/houdinimagic.html bzw. bei Gresham (1973), Brandon
(1993) und Silverman (1996).
2. Bedauerlicherweise macht die deutsche Wortwahl eine Unterscheidung dieser
beiden Lust-Begriffe nicht möglich: im Französischen hingegen finden sich statt-
dessen die differenzierenden Termini «plaisir» (= Lust i.S. von Freude, Vergnü-
gen) und «jouissance» (Lust i.S. von Genießen, Rausch).
3. Zur Theorie und zum Konzept der Zärtlichkeit vgl. Hainz (1987).
4. Angaben zu sexuellen Störungen suchtkranker Männer finden sich u.a. bei Brun-
ner (1991), zur Sexualität suchtkranker Frauen bei Richter-Appelt et al. (1991).
5. Eine differenzierte Arbeit über Intimität - oder "Innigkeit" - finden sich bei Van
Usse! (1979).
6. Konzept und Praxis institutioneller Psychotherapie beziehen die gesellschaftliche
Verwurzelung der psychiatrischen Institution kritisch reflektierend "und die sym-
bolträchtige institutionelle Grammatik bewußt machend" in die therapeutische
Auseinandersetzung ein (Krüger 1979, S. 9). Diese Auffassung institutioneller
Psychotherapie "betrachtet die Institution vornehmlich vom Platz des Subjektes
aus" (Hofmann 1983. S. 34), das als 'Sub-jekt - sprich: als einem System 'Unter-
worfenes' - nicht passives Objekt ist, sondern "aktives Element einer Struktur
des Austauschs" (Hofmann 1983, S. 30). Individualität wird als Ergebnis dieser
Interaktionsdynamik verstanden, sodaß eine hierauf hinorientierte Institution
nicht "reibungs-, konflikt- und wunschlos funktionieren" darf, da das Individuum
in einem technischen Apparat "keinen Platz" fände. Vielmehr bedürfe es - so
Hofmann (1983. S. 35) - institutioneller Möglichkeiten, d. h. institutioneller
"Leerstellen", die das Individuum einnehmen oder sich schaffen kann. Die thera-
peutische Arbeit besteht hierbei in einer gemeinsamen Auseinandersetzung von
Patient und Therapeut "mit dieser symbolträchtigen institutionellen Grammatik,
in ihrer Bewußtwerdung und solidarischen humanisierenden Veränderung, so-
weit dies unter den gegebenen Bedingungen möglich ist" (Wulff 1971. S. 215).
Deswegen darf die Konzeption nicht statisch, die Institution nicht starr sein und
nach einem vorgegebenen Schema ablaufen: Vielmehr muß sie in Frage gestellt
und umgestaltet werden können (vgl. Kobbe 1994). Da jede Gruppe Gefahr läuft,
den Austausch mit anderen Gruppen einzuschränken und sich selbst zu "unifor-
mieren", strebt die institutionelle Psychotherapie eine kollektive Therapie an: Sie
ist auf das Kollektiv der Patienten und Mitarbeiter hin orientiert, das ein Netz
von Beziehungen durch offenen, transparenten und umfassenden Austausch un-
terhält, der "nicht limitiert und versteckt" funktioniert (Hofmann 1983, S. 36).

24
7. Vorausgesetzt wird, daß es sich um erwachsene Partner handelt, da die Ent-
wicklungs- und Reifungschancen wie - erfordernisse bei abhängigen Jugendliche
andere therapeutische Strategien indizieren.

Literatur

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25
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und sexuellem Risikoverhalten? Eine Diskussion konzeptioneller Aspekte am Beispiel
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