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vom Kellerkind zum erwachsenen Ich


Bilder einer Katathym-imaginativen
Psychotherapie

Ulrich Kobbe

Im folgenden möchte ich Ihnen Verlauf und Bilder der Psychotherapie mit
einem 34jährigen Mann schildern, der nach jahrelangem Drogenkonsum und
mehreren Vorbehandlungen eine 19monatige therapeutische Beziehung
innerhalb einer Unterbringung in der forensischen Psychiatrie einging. Von
Interesse ist diese therapeutische Arbeit im hiesigen Kontext von Kunst und
Therapie - oder sollte ich auch sagen: Kunst der Therapie? - hinsichtlich der
im therapeutischen Prozeß entstandenen Bilder und der für den Patienten
charakteristischen symbolischen Thematik.
Zunächst zur gewählten therapeutischen Methode: Herr Hagen, so werde
ich ihn nennen, wurde von mir mit dem sogenannten Katathymen Bilderleben
behandelt (Leuner 1985). Dieses tiefenpsychologisch fundierte Verfahren
arbeitet mit vom Therapeuten angeregten und begleiteten Imaginationen, in
denen sich Antriebsimpulse, Abwehrstrukturen und Konfliktsituationen - wie
in Nachtträumen - in symbolisch verdichteter Form darstellen. Die auftauchen-
den inneren Bilder haben eine hohe emotionale Wirkung, weswegen Leuner
den Begriff „katathym" von griechisch„kata" = gemäß und,,thymos" = Seele,
sprich: Emotionalität, zur Charakterisierung der Abhängigkeit imaginativer
Vorgänge von Emotionen wählte (Wilke 1997, S. 13). Diese inneren Bilder des
Tagtraumgeschehens regen die Patienten zu weiterführenden Assoziationen
und innerer Auseinandersetzung an. Katathym-imaginative Psychotherapien
ermöglichen die Auseinandersetzung mit individuellen Themen der Biographie
und kreative Problemlösungen der aktuellen Situation, indem die imaginier-
ten Bilder des Tagtraumgeschehens in einem zweiten Schritt vom Patienten
gemalt oder gezeichnet und anschließend nachbesprochen werden. Dabei ist
die Arbeit mit den KB-Motiven auf der primärprozeßhaften Tagtraumebene
und der sekundärprozeßhaften Ebene kreativer und verbaler Nachbearbeitung
sozusagen „entlang" der Abwehren des Patienten anzulegen, denn: „Die
Deutung des Widerstandes geht der Deutung des Inhalts voraus" (Fenichel
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1941). Charakteristisch finden sich Aspekte der Klärung, der Symbolkonfron- Hauses und Zuhauses, der Steine, der Mauern, die in unterschiedlichster Be-
tation, der korrigierenden emotionalen Erfahrung, der punktuell dosierten deutung wiederholt spontan erscheinen und ein Leitmotiv seiner Psychothe-
Analyse von Übertragung und Widerstand. Behandlungsprinzipien sind rela- rapie werden.
Erstmals erscheint das Haus als Zuhause der Kindheit in der 3. Therapiestun-
tive therapeutische Toleranz und Flexibilität im Umgang mit den vom
Patienten im Kontext dekonstruierenden und rekonstruktiven Durcharbeiten de als vom Vater beherrschte Wohnung, an deren Tür der Junge die Schelle
bereits „wie einen Sprengkopf" erinnert. Wenn das Tagtraumbild dann in
modifizierten Motiven. unausweichlich-bedrohliche Qualitäten eines dunklen Kellers, eines Gefäng-
Zeigen werde ich Ihnen nun die hierbei entstandenen Bilder vom inneren
Bild des Patienten, die den therapeutischen Prozeß anschaulich nachvollziehen nisses der Kindheit umkippt, in das Herr Hagen bereits in seiner frühen Kind-
lassen. Bei Aufnahme in der Klinik befand sich der früher resigniert-therapie- heit eingesperrt wurde, wird eine innere Dramatik des Jungen von damals
ablehnende, langjährig drogenabhängige Patient angesichts erneuter Unter- deutlich: In seiner imaginativen Dramaturgie erinnert dieser Keller an die von
bringung und einer mittlerweile bekannt gewordenen HIV-Infektion in einer Piranesi 1742 radierten imaginären Gefängnisse (Miller 1981a), deren
neuen Situation, ja, Notlage. Hinter seiner manifesten Erwartungsangst und Ausweglosigkeit, Kerkervision und brutale Architektur geradezu erschrecken.
mißtrauischen Abwehrhaltung waren in den ersten Gesprächen eine Hilf- und Für Herrn Hagen leitet
Schutzlosigkeit wie vage Sehnsucht erkennbar, eigentlich müßte ich sagen: diese Keller- und Kerker-
erspürbar. Das heißt, trotz seines zunächst ebenso vorsichtig-defensiven wie erinnerung eine Auseinan-
resignativ-zynischen Verhaltens war ein allmählich verbindlicherer, atmosphä- dersetzung mit bösen Ob-
risch entspannter Dialog möglich, der die Entwicklung einer gemeinsamen jektanteilen - insbesonde-
suchenden Haltung gestattete. Das Angebot einer nichtinvasiven, ermutigend- re des brutal strafenden
interessierten therapeutischen Beziehung ermöglichte Herrn Hagen eine Vaters - wie eigener nicht
zunehmend vertrauensvollere Beziehung, in der insbesondere frühere angstbe- zugelassener Selbstanteile
setzte Erfahrungen mit veränderungsorientierten therapeutischen Ansätzen ein: Im Schutz der thera-
thematisiert werden konnten. Parallel hierzu erfolgte eine medizinische peutischen Beziehung und
Behandlung des ursprünglich schlechten Allgemeinzustands und der Immun- einer dialogisch begleite-
schwäche, was einerseits einer ermutigenden Begleitung bedurfte, anderer- ten, abgesicherten Regres-
seits ein Ansprechen und eine Klärung seiner diffusen Zukunftsängste sowie sion kann der Patient die
Abb. i: G. B. Piranesi: Carceri Gelegenheit wahrnehmen,
reziprok die Vermittlung von Hoffnung ermöglichte.
In der therapeutischen Beziehung wird sich Herr Hagen aber ein Mindest- affektiv bedrohliche Lebensabschnitte aufzusuchen: So wird in einer Alters-
maß an Kooperation und Eigenständigkeit bewahren, indem er den Thera- regression des Patienten die strafende, kastrierende Dynamik des Vater-Sohn-
peuten zwar idealisiert, ihn andererseits gewissermaßen auf Distanz hält und Konflikts und die abweisend-entemotionalisierte Mutter-Sohn-Beziehung
sich - vermutlich gerade wegen dieser nun beidseitig garantierten, schützen- durchlebt. Neben der Reaktivierung, dem Zulassen, Aushalten und Durchle-
ben des negativen Affekts ermöglichen diese Sequenzen auch eine aktive
den Distanz-identifizieren kann. Deutlich wird eine in der Gegenübertragung
manifeste Vaterübertragung des P.itienten: So charakterisiert Herr Hagen das Komponente der Nachbearbeitung.
Arbeitsbündnis zu Beginn der Psychotherapie mit dem werbenden Slogan So imaginiert er im Haus-KB der 5. Stunde das Wohnhaus der später
„Auf diese Steine können Sie bauen". Was er-wenn auch nicht bewußt-para- geschiedenen Mutter, ein enges, lieblos-unwohnliches Zuhause, aus dem er
phrasiert, ist ein Beziehung stiftendes, basales biblisches Motiv aus Matthäus, im Tagtraum auf einen Friedhof „mit einer Art Gedenkstätte", einer Ecke
„wie ein Versteck" - so beschreibt er es - flüchtet. Im Nachgespräch erinnert
Kap. 16, Vers 18: „Auf diesen Fels will ich bauen meine Gemeinde."
Für das Verständnis der Therapie- und Bild i n halte sowie der Übertragungs- Herr Hagen ein Grabmal oder einen Grabstein, an dem er früher Drogen
und Interaktionsdynamik sollen nun die Abwehr- und Bewältigungsmechanis- konsumiert und sich „ins Grab gewünscht" habe. Waren Friedhof, Grabmal
men wie die Wandlungs- und Übergangsmotive des Patienten betrachtet und Drogenkonsum vormals Ausdruck emotionaler „Versteinerung" des
werden. Dabei wird in der Analyse der Bildinhalte deutlich, daß der Patient Patienten, des ihm damals einzig möglichen passiv-aggressiven Bewälti-
eigenständig über individuelle Motive verfügt, die er zum Teil transversal zu gungsversuchs, leistet Herr Hagen nunmehr aktive Trauerarbeit: Er verstrickt
den vorgeschlagenen KB-Motiven einsetzt und variiert: Es sind Motive des sich zunehmend weniger in selbstzerstörerische Auseinandersetzungen mit
den unerreichbaren Elternfiguren, sondern kommt aktuell zu einem Abschied.
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tions- und Rekonstruktionsbemühungen deutlich erkennen. Mit Hilfe von Kon-


In einem Nachttraum zwischen der 11. und 12. Stunde erscheint erneut der
kretisierung und Komplettierung versucht er eine Übersetzung ins graphisch
Keller als aktualisierte Konfrontation mit Mauern und vergitterten Fenstern:
Darstellbare, ins Sicht- und Be-Greifbare. Abgewehrt werden Selbstunsicher-
Die Situation der psychiatrischen Zwangsunterbringung erscheint als Wieder-
heit und existentielle Ängste, da bisher funktionierende Abwehren durch
holung früher traumatischer Erfahrung in Form von endlos erscheinender
Selbstkonfrontation innerhalb des psychotherapeutischen Prozesses in Frage
Einsperrung, in der das Kellergefängnis der Kindheit gegen ein Psychiatrie-
' gefängnis der Gegenwart eingetauscht gestellt sind.
scheint. Wie damals alternieren Furcht Für den therapeutischen Prozeß bleibt die spürbar nahe Distanz des
und Angst mit Begehren und Hoffnung. Therapeuten von eminenter Bedeutung, die Bartl (1989, S. 309) als „,Mauer'
Die Mauer ist hierbei auch als Symbo- des Primärobjektes" beschreibt, „die stabil steht, die da ist und nicht mehr
lisierung eines unselektiv nach innen argumentiert". Damit repräsentiere der Therapeut - schreibt Bartl (1989,
wie außen wirkenden, durch Drogen S. 311) weiter-eine Mauer, mit der der Patient „auch in Kontakt treten kann,
garantierten psychischen Reizschutzes wenn er nach Sicherheit sucht [...]. Sie soll Stabilität und Widerstand vermit-
vor der Reaktivierung traumatisch teln, auch wenn er sie nur auf Distanz sieht und weiß. Wichtig ist, daß sie si-
bedingter Ängste und Affekte sowie vor cher im Besitz erlebt wird. [...] Die Mauer bleibt als Urmauer stehen, auch wenn
Außenreizen und -Wahrnehmungen zu sie beschimpft wird, sie steht aber auch, wenn man Geborgenheit und Har-
verstehen. Parallel hierzu wiederholt monie sucht. Sie erfüllt gleichzeitig die Bedürfnisse als reifes Objekt sowie als
Herr Hagen das alternierende Motiv der Teilobjekt [...]. Verhalten, Klima und Atmosphäre zu ihr verschafft sich der Pa-
strukturierenden. Halt und Orientierung tient selbst, wenn es der Therapeut kontrollierend zuläßt." Dieses therapeu-
tische „Auf-diese-Steine-können-Sie-Bauen" greift Herr Hagen im Bach-KB der
, gebenden versus begrenzenden, ein-
32. Stunde wieder auf, wo sich im Bachbett „große und kleine Trittsteine" be-
Abb. 2: Motiv: kh-ldeal engenden, einsperrenden Mauern im
finden, auf denen er - analog zum Grabsteinmotiv der 5. Stunde - „wie auf
Labyrinth-Bild: In der 13. Stunde imaginiert er ein Labyrinth, gemauerte
fest verankerten Erinnerungen" im Wasserweg vorwärtsgehen kann (vgl. Kiess-
Wände, die sich zu Styroporwänden wandelten. mann & Eibach 1996, S. 65). Daß es sich dabei um eine Herrn Hagen belastende
Ein weiteres Mal erscheint die Mauer im KB der 27. Stunde: Die im Aus-
Thematik handelt, wird in dem Wechsel der Malmaterialien deutlich: Benutzte
klingen des Tagtraums „zurückrasenden Wolken" erweisen sich als durch Mau-
der Patient ursprünglich Bleistift und Buntstifte für seine Zeichnungen, setzt
ersteine strukturiert oder aber den Blick auf eine Mauer freigebend. Erneut
er nun Wachsmalstifte ein und kommentiert das Motiv auf der Rückseite mit
entsteht eine Kippfigur, die erst im Nachgespräch in ihrer individuellen
dem Hinweis „Auch stille Wasser sind naß".
Bedeutung für den Patienten geklärt werden kann: Erweist sich die grenzen-
In einer zweiten Therapiesequenz ab der 36. Stunde setzt Herr Hagen die
lose Freiheit jenseits der Wolken als trügerisch, ist der Horizont zugemauert,
Arbeit an diesem Leitmotiv fort, indem er die Behandlung nun fast floskel-
die Perspektive scheinbar versperrt: So berichtet der Patient, die Wiese habe
haft-ironisch mit der Bemerkung „Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause"
kommentiert. So klingt das oben skizzierte Thema der Tritt- und Erinnerungs-
die er sonst „um "sich habe. steine auch in der 37. Stunde im Nachgespräch zum spontan gemalten Selbst-
Mit diesen Perspektiven, bild an, wenn er formuliert, er müsse noch bzw. wieder „Boden unter die Füße"
wie sie in den Wandlungs- bekommen.
motiven des Labyrinths (vgl. Im erneut eingestellten Hausmotiv der 45. Stunde erscheint zunächst aber-
Kiessmann 1997, S. 136) mals der Keller der Kindheit, doch werden ängstigende Dunkelheit und
und im Wiesenbild enthal- Gefühle der Hilflosigkeit nunmehr als Erinnerung und in der Vergangen-
ten sind, setzt Herr Hagen heitsform beschrieben: Herr Hagen „untersucht" den Keller und betrachtet
innerhalb der Nachbearbei- verwundert das „matte, satte Glitzern der fettigen Kohle". Nach Öffnen der
tung vermehrt Kindheit Kellertür tritt er in einen im fahlen Licht unfreundlich wirkenden, schmutzi-
und Erwachsensein zuein- gen Flur und geht eine Treppe „aus unangenehm rauhen Betonsteinen"
ander in Beziehung: In den hinauf. Im Erdgeschoß angekommen, tritt er aus dem Haus heraus in eine
Zeichnungen lassen sich die ,..,„,.,, „„._,._..,„. freundliche Atmosphäre, sieht wieder den Friedhof der 5. Stunde, aber auch
biographischen Konstruk- Ahb. 3: Motiv: wiese
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- ein „neu gedecktes Dachstübchen". Verlaufsdiagnostisch würde man


einen Kinderspielplatz, auf dem er den Tagtraum ausklingen läßt. In der Nach- vermutlich von gewonnener Ich-Stabilität und Realitätsorientierung sprechen.
besprechung fokussiert der Patient das sinnliche Erleben der „schmutzigen, In der Farbgebung tauchen frühere Farbwahlen von Rot und Blau wieder
trüben Mauer". Wie belastend diese Thematik ist, wird aus der äußerst krea- auf: Der lila changierende Baukörper dieser „Haus-Persönlichkeit" kann als Ver-
tiven wie eigenwilligen Be- und Verarbeitung der Thematik und der ihr inne- such und Fähigkeit zum Kompromiß, zur Integration ohne vollständige
wohnenden Abwehr deutlich: Erneut wechselt Herr Hagen das Material und Aufgabe des einen oder des anderen verstanden werden. Zugleich ist die
bringt für dieses Keller- und Gruftthema nun Kohlen- und Mörtelstaub mit Farbwahl im Zusammenhang mit den „Sonnenreflexen" der Fensterscheiben
Tusche auf, denn: Ein Abschütteln sei nicht möglich. Es gehe um ein Funda- ein Versuch, das Zuhause der Zukunft mit Leben zu füllen und das HlV-induzier-
ment, um die Grundmauern und den „Staub der Vergangenheit", den er mit te Schicksal als „Totenhaus" abzuwenden, abzuwehren. Dabei fungieren
sich „herumschleppe". Reflexe hier auch als Vitalzeichen, als unmittelbare Antwort eines Lebewesens
In einer Fortsetzung des Hausmotivs inspiziert er erneut den nunmehr auf einen Reiz, als Bestätigung des Lebendigseins schlechthin. Einerseits, so
„gruftartig" wirkenden Keller, um anschließend wieder auf den Spielplatz Herr Hagen, ermöglichten die relativ großen Fenster, von innen „das Leben
zurückzukehren. Die Nachbesprechung ergibt, daß die „windgeschützte" Bank zu beobachten", wie es hell und dunkel werde; andererseits seien die inneren
auf dem Spielpatz in der Realität auf dem Friedhof stand, daß dieser wieder- Anteile nicht sofort sichtbar. Wenn die Fenster auch „blind" wirken, verweisen
um mit dem ursprünglich traumatisch erlebten Keller und einem ähnlich
sie im Kontext der halb geöffneten Tür sowohl auf Fähigkeiten zur Abgren-
bedrohlichen Erlebnis mit seinem Vater in einer Leichenhalle assoziiert ist. Im zung wie auf ein Schutzbedürfnis. Nicht jeder solle und dürfe Einblick erhalten,
gezeichneten Bild finden sich ein perspektivisch ebenso einsehbarer wie doch stehe die Tür grundsätzlich „zu meinen Bedingungen" zum Eintritt offen.
versperrter Keller, gemauerte Wände und eine Projektion aus der Gruft der Die offenstehende Tür dieser „Haus-Persönlichkeit" drücke - beschreiben Kies-
Vergangenheit auf die bläulich-rötliche Silhouette des - erwachsenen - smann und Eibach (1993, S. 70) - „die (offene) Beziehung zum Therapeuten
Patienten: Es gehe um das „Kellergefängnis" und „Grab der Kindheit", um aus, der seiner Zukunft ein ,Zuhause' in Aussicht stellte".
einen Abschied und ein „solides Fundament" für einen Neuanfang, beschreibt Wie an den roten Steinen im gemauerten Sturz über derTür ersichtlich, hat
Herr Hagen, beides symbolisiert im Grundriß des Baukörpers und eigenen der Patient tragende Steine in den Baukörper integriert. Dies macht zugleich
Körpers. die Anerkennung von Schwächen möglich: Grundsätzlich benötige er eine
Das letzte Haus-KB ergibt die Imagination eines Hauses mit rotem Dach, stabile Außenfassade als Abschirmungsmauer gegen äußere Bedrohungen,
blauer Fassade und einigen Mauersteinen, mit leicht offenstehender Tür, mit doch benennt Herr Hagen das defekte Mauerstück mit abgeplatztem Putz und
sonnenbeschienenen und im Bild zugleich „blinden" Fenstern. freigelegten Mauersteinen als „lebendig" und als „Schwachstelle". Dies sei
'"•"•-•- i Er gehe davon aus, daß
Versinnbildlichung seines Immundefekts, der damit verbundenen Ängste wie
er das sei, leitet Herr Hagen
Notwendigkeiten selbstbehauptender Aktivität. „Hier gestaltete sich",
fast lakonisch die Nachbe-
schreiben Kiessmann und Eibach (1993, S. 70), „- scheinbar paradox - der
sprechung des Bildes ein.
Zerfall einer Fassade, der abbröckelnde Putz, als Beginn einer inneren Stabili-
Dabei fällt auf, daß das
sierung der .Hauspersönlichkeit'". Denn in der Tat kennzeichnet der Patient
Gebäude erstmals das ge-
diese Stelle zudem als „Zukunftslöcher", die auch seine „Sehnsucht" aus-
samte Blatt ausfüllt, das
drückten.
heißt, daß einerseits neben
Damit komme ich zum Schluß: Der Patient bleibt hier deutlich hinter seinen
dem die Zukunft behau-
zeichnerischen Fähigkeiten zurück und malt ein von den Proportionen her
senden Gebäude weder
unausgewogenes Seelenhaus. Nicht mehr graphisch-perspektivische
intrapsychisch Leere noch
Rekonstruktion, sondern Authentizität individueller Form- und Farbgebung
Platz ist, andererseits das
bestimmt den Bewältigungsmodus. Das bedeutet, nach einer längeren Durch-
Haus am äußeren Rahmen
arbeitung versteinerter früher Erfahrung führen Übergangsmotive des Tritt-
Abb. 4: Motiv: Haus der vorfindbaren Wirklich-
steins, Grabsteins, Gedenksteins von den Kerkermauern des Kellergefängnisses
keit orientiert oder angelehnt ist. Die durch Säulen getragene Struktur des der Kindheit (vgl. Miller 1981a; b), des Strafvollzugs und der forensischen
Hauses sei, so der Patient, als Ausdruck von Stabilität und der Tatsache zu Psychiatrie zu einem neuen Hauskörper, der auf dem Fundament früherer
verstehen, daß er auf beiden Beinen stehe. Es gebe auch -wie er sich ausdrückt
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Keller aufbaut. Ein Zuhause der Zukunft, dessen Äußeres strukturierend wirkt.
Halt, Schutz und Zukunft garantiert, Kontakt und Kommunikation ebenso
eröffnet wie begrenzt und in seinem charakteristischen Defekt unverwech-
selbare Identität repräsentiert.

Literatur
Bartl, G.: Die Auswirkungen körperlicher Berührungen auf Beziehung und Deutung. In: Reinelt,
T.; Datler, W. (Hrsg.): Beziehung und Deutung im psychotherapeutischen Prozeß. Springer,
Berlin/Heideiberg/New York 1989, S. 307-312
Fenichel, 0.: Problems of psychoanalytic technique. In: Psychoanalytic Quarterly 1941
Kiessmann, E.: Wege und Irrwege in der Katathym-imaginativen Psychotherapie. In: Kottje-
Birnbacher, L. et al. 1997 a.a.O., S. 135-140
Kiessmann, E. & Eibach, H.: Wo die Seele wohnt. Das imaginäre Haus als Spiegel menschlicher
Erfahrungen und Entwicklungen. Huber, Bern/GöttingenfToronto/Seattle 1993
Kiessmann, E. & Eibach, H.: Traumpfade. Weg-Erfahrungen in der Imagination. Huber, Bern/
Göttingen/Toronto/Seattle 1996
Kottje-Birnbacher, L. & Sachsse, U. & Wilke, E. (Hrsg.): Imagination in der Psychotherapie. Huber,
Bern/Göttingen/Toronto/Seattle 1997
Leuner, H.: Lehrbuch des Katathymen Bilderlebens. Huber, Bern/Stuttgarr/Toronto 1985
Miller, N.: Die imaginären Gefängnisse. „Invencioni capric ... di carceri". In: Miller, N.: Archäologie
des Traums. Versuch über Giovanni Battista Piranesi. Ullstein, München (1981a), S. 76-100
Miller, N.: Die Phantasie der Kerker. »Carceroni d'lnvenzione«. In: Miller, N.: Archäologie des
Traums. Versuch über Giovanni Battista Piranesi. Ullstein, München (1981b), S. 193-220
Wilke, E.: Zur Entwicklung und Definition der Katathym-imaginativen Psychotherapie (KiP). In:
Kottje-Birnbacher, L. et al. 1997 a.a.O., S. 13-15