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Aus Politik und Zeitgeschichte


9/2010 · 1. März 2010

Nahost-Konflikt
Alexandra Senfft
Wider die „Kultur des Konflikts“

Efraim Inbar
Herausforderungen für die Regierung Benjamin Netanjahus

David Kaye
Völkerrechtliche Implikationen des Goldstone-Berichts

Patrick Keller
Einsatz ohne Wirkung? Barack Obamas Nahost-Politik

Michael Bröning · Henrik Meyer


Zwischen Konfrontation und Evolution: Parteien in Palästina

Michaela Birk · Ahmed Badawi


Bedeutung und Wandel der Arabischen Friedensinitiative

Heike Kratt
Zivile Konfliktbearbeitung in Israel und Palästina

Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament


Editorial
Mit dem Amtsantritt des US-Präsidenten Barack Obama An-
fang des Jahres 2009 stiegen auch die Erwartungen und Hoff-
nungen auf Fortschritte im Nahost-Konflikt. Doch dessen
Komplexität setzte Obamas Engagement enge Grenzen. Eine
von allen Beteiligten akzeptierte Beilegung wird nur erreicht
werden können, wenn die Konfliktparteien ihre Interessen aus-
reichend gewahrt sehen. Es gilt, das Sicherheitsbedürfnis Israels
in Einklang zu bringen mit dem Bedürfnis der Palästinenser
nach dem Aufbau einer funktionierenden Staatlichkeit und na-
tionaler Identität.

Asymmetrische Machtverhältnisse und die gesellschaftliche


Polarisierung auf beiden Seiten erschweren eine Zwei-Staaten-
Lösung: Der innerpalästinensischen Fragmentierung in Fatah-
dominierte Westbank und Hamas-kontrollierten Gazastreifen
steht ein zunehmend konservativer Zeitgeist in Israel gegen-
über, der das „Friedenslager“ des Landes marginalisiert. Hinzu
kommt, dass der israelisch-palästinensische Kernkonflikt von
weiteren Konfliktdimensionen überlagert wird. Dazu zählen
Territorialdispute wie zwischen Syrien und Israel um die Go-
lanhöhen und Auseinandersetzungen zwischen Israel und wei-
teren nahöstlichen Akteuren wie der libanesischen Hisbollah
und dem Iran.

Sämtliche Konfliktstrukturen sind eng miteinander verknüpft


und werden sich nur lösen lassen, wenn der Konflikt in seiner ge-
samten Komplexität verstanden und bearbeitet wird. Ein wichti-
ger Ansatz könnte sein, Räume für die Begegnung und den Aus-
tausch zwischen Israelis und Palästinensern zu schaffen, um
dazu beizutragen, dass Vorurteile abgebaut und die Bedürfnisse
und Ängste des „Anderen“ erkannt und anerkannt werden.

Asiye Öztürk
Alexandra Senfft Gleichwohl gibt es wiederholt Spannun-
gen, aus denen sie bislang jedoch stets Aus-
wege fanden. An einem Punkt war die Bezie-
Wider die „Kultur hung während einer Arbeitssitzung in Ramal-
lah stark belastet: Es war der israelische

des Konflikts“: Gedenktag für die Gefallenen und Terrorop-


fer, und einige der israelischen Mitarbeiter be-
standen darauf, eine Schweigeminute einzule-
Palästinenser und gen. Ihre palästinensischen Kollegen fühlten
sich von diesem Wunsch vereinnahmt und

Israelis im Dialog mit ihren eigenen Bedürfnissen ignoriert – sei


die Besatzung denn nicht genug der Domi-
nierung, und wo bleibe das Andenken für die
palästinensischen Toten? Bevor die Situation
in einem Fiasko enden konnte, fand sich ein

A uch Worte können töten“ lautet das


Medien-Beobachtungsprojekt, das die
„Palästinensische Initiative zur Förderung
Kompromiss – die Palästinenser und Israelis
einigten sich darauf, der Opfer beider Seiten
zu gedenken und zwar fünfzehn Minuten vor
des Globalen Dialogs dem offiziellen Ereignis. „Wenn Vertrauen
und der Demokratie“ besteht, können wir diese durch Symbolik
Alexandra Senfft
(Miftah 1) und das und Rituale überfrachteten Hindernisse über-
M. A., geb. 1961; Publizistin
„Zentrum zum Schutz winden“, fasst Be’er das positive Schlüsseler-
und Mitherausgeberin von
der Demokratie in Is- lebnis zusammen, in dem einige entscheiden-
„Zwischen Antisemitismus und
rael“ (Keshev 2) durch- de Faktoren für einen konstruktiven Dialog
Islamophobie, Vorurteile
führen. Sie dokumen- zu erkennen sind: Offenheit, Gleichberechti-
und Projektionen in Europa
tieren die negative gung und gegenseitige Wahrnehmung.
und Nahost“.
Berichterstattung in
info@alexandra-senfft.de
Israel und den paläs- „Vernünftige Menschen finden immer
www.alexandra-senfft.de
tinensischen Gebieten leicht einen Kompromiss, wenn ihnen die
und arbeiten mit den wichtigsten Anliegen der anderen Seite be-
Redaktionen, um den verbreiteten Vorurtei- wusst sind“, sagt der palästinensische Philo-
len sowie der Diffamierung und Hetze im soph Sari Nusseibeh. 4 Folgt man diesem Pos-
Nahost-Konflikt entgegen zu wirken. Haben tulat, ist festzustellen, dass die Politiker der
die Medien doch einen starken Einfluss da- Region und ihre Wähler offenbar unvernünf-
rauf, ob die öffentliche Meinung auf Gewalt tig sind: Von Kompromissbereitschaft oder
oder Frieden eingestimmt ist. „Mit dem von Vertrauen kann keine Rede sein. Es ist gegen-
den Medien wiedergekäuten Slogan ,Auf pa- wärtig unwahrscheinlich, dass die Friedens-
lästinensischer Seite gibt es keinen Partner‘ verhandlungen wieder aufgenommen werden,
schafft man keine Voraussetzungen für Ver- ja, die Lage im Nahen Osten war noch nie so
handlungen“, so Keshevs Direktor Yizhar aussichtslos wie heute. So manche Skeptiker
Be’er. 3 halten das palästinensische Streben nach
Staatlichkeit mittlerweile für aussichtslos, die
Die Zusammenarbeit der beiden Nichtre- Pessimisten unter ihnen sehen gar das Ende
gierungsorganisationen klappt meist gut, ob- Israels nahen. Auch das Model des binationa-
gleich die von der israelischen Regierung ge- len Staats ist wieder im Gespräch.
baute Mauer die ohnehin schon existierende
Asymmetrie verstärkt: Die Israelis können Es mangelt der politischen Spitze an Visio-
ihre Partner bei Miftah in der Westbank besu- nen, Mut und Durchsetzungskraft für unpo-
chen, die Palästinenser ihre Kollegen bei puläre Veränderungen, und mit jedem Tag der
Keshev jedoch nicht, weil sie meist keinen
Passierschein von den israelischen Behörden 1 Vgl. www.miftah.org (28. 1. 2010).
besitzen, ohne den sie nicht nach Jerusalem
2 Vgl. www.keshev.org.il (28. 1. 2010).
3 Zit. in: Alexandra Senfft, Fremder Feind, so nah.
einreisen dürfen. Beharrlich leisten beide Sei- Begegnungen mit Palästinensern und Israelis, Ham-
ten jedoch Aufklärungsarbeit und lassen sich burg 2009, S. 168.
von den politischen Verhältnissen nicht beir- 4 Sari Nusseibeh, Es war einmal ein Land. Ein Leben

ren. in Palästina, München 2008, S. 309.

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Ratlosigkeit wächst die Gefahr, dass Waffen War es während des akuten Konflikts noch
statt Worte das Geschehen bestimmen. Der funktional, entwickele es sich zu einem
Gaza-Krieg Ende des Jahres 2008 war Aus- schädlichen Hindernis, wenn es darum gehe,
druck dieses gefährlichen Trends. den Konflikt zu beenden. Es sei eine „Kultur
des Konflikts“ entstanden. 6

Feindbilder bestimmen das Verhältnis Ähnliches haben der im Jahr 2008 verstor-
bene israelische Psychologe Dan Bar-On und
Das palästinensisch-israelische Verhältnis ist der palästinensische Soziologe Sami Adwan
im Allgemeinen geprägt von tiefem Misstrau- über nationale Identitäten herausgefunden:
en, Ängsten, Feindbildern, nicht vereinbaren „Unsicherheit auf beiden Seiten ist eines der
Narrativen und Perspektiven sowie tiefer grundsätzlichen sozio-psychologischen Cha-
Missachtung. „Vieles beruht auf Psycholo- rakteristika dieses Konflikts.“ 7
gie“, so Yizhar Be’er. Nach 26 Jahren aktiver
Friedensarbeit ist der ehemalige Journalist Zusammen mit palästinensischen und israe-
immer wieder erstaunt, wie sehr Gefühle in lischen Lehrerinnen und Lehrern haben sie
der politischen Auseinandersetzung eine im Jahr 2002 ein Geschichtsbuch für Schulen
Rolle spielen. entwickelt, in dem die historischen Kerner-
eignisse aus der Sicht beider separat neben-
Daniel Bar-Tal, Dozent an der Tel Aviv einander abgedruckt sind. 8 Bewogen hatte sie
Universität, sagt, dass Gesellschaften, die sich die Erkenntnis, dass die palästinensischen
in unlösbaren Konflikten befinden, ein Re- und israelischen Schulbücher durch Auslas-
pertoire an kollektiven Glaubenssätzen zur sungen, unterschiedliche Terminologien, ab-
Formierung, Festigung und Aufrechterhal- weichende Fakten und Zahlen eine „Kultur
tung ihrer Identität entwickeln, um mit den der Feindseligkeiten“ offenbaren. „Was auf-
alltäglichen Herausforderungen fertig zu wer- fällt, ist das vollkommene Verleugnen und
den. Es entstehe in der kollektiven Erinne- Desinteresse für die Geschichte des Ande-
rung eine Beschreibung der Vergangenheit, ren“, so Adwan. „Es gibt nicht einen einzigen
die nicht unbedingt wahr sein müsse, aber für Vorschlag, sich die Geschichte des anderen
die Gruppe nützlich sei. Diese Geschichte sei anzuhören oder zu erfahren, wie der andere
meist voller Vorurteile, selektiv und verzerrt, denkt. Außerdem kommt in keinem der bei-
sie vernachlässige Fakten und dichte andere den Curricula die Ära von Friede und
hinzu, verändere den Ablauf von Ereignissen Koexistenz vor, die es zwischen Palästinensern
und interpretiere diese absichtlich neu. Erin- und Juden einst gegeben hat. Sie beschränken
nerungen über alte und neue Ereignisse ver- sich darauf, die Kriege, Emigrationen, Auf-
mischten sich und „beeinflussen maßgeblich stände und Angriffe zu diskutieren.“ 9
aktuelle Haltungen, Wahrnehmungen und
Verhaltensweisen“ 5. Es sei wichtig gewesen, bereits beim Ent-
stehungsprozess des gemeinsamen Ge-
In einem Konflikt neigten Gruppen stark schichtsbuchs für die Narrative von Israelis
zu Selbstrechtfertigungen, Selbstglorifizie- und Palästinensern jeweils einen eigenen
rung und Selbstlob, so Bar-Tal, während sie Platz zu schaffen, so die beiden Initiatoren.
gleichzeitig ihre Gegner moralisch, politisch Erst dadurch konnten die teilnehmenden
und auch kulturell delegitimierten. Sie über- Lehrkräfte sicherer werden und sich mit der
höhen die eigene Sache, was letztendlich dazu oft vollkommen anderen Perspektive der
diene, Gewalt im Namen von Sicherheit und „Gegenseite“ auseinander setzen. Für ein ge-
Gerechtigkeit zu rechtfertigen. Auf die Dauer meinsames Narrativ, das die unterschiedli-
institutionalisiere sich dieses gesellschaftliche
Repertoire, so der Wissenschaftler in Bezug 6 Daniel Bar-Tal in einem Gespräch mit der Autorin in
auf Israel, und es dringe in die Politik, Me- Tel Aviv im August 2008.
dien, Kultur und das Bildungssystem ein. 7 Dan Bar-On/Sami Adwan, The Psychology of better

dialogue between two separate but interdependent


5 Daniel Bar-Tal/Gavriel Salomon, Israeli-Jewish nar- narratives, in: R. I. Rotberg (Anm. 5), S. 216.
ratives of the Israeli-Palestinian conflict. Evolution, 8 Vgl. Learning each others‘ Historical Narrative: Pa-

Contents, Functions, and Consequences, in: Robert I. lestinians and Israelis, Beit Jallah 2002/6.
Rotberg (ed.), Israeli and Palestinian Narratives of 9 Interview mit Sami Adwan, online: www.justvision.

Conflict, Bloomington 2006, S. 23. org/en/profile/prof_sami_adwan/interview (28. 1. 2010).

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chen Sichtweisen integriert, sei die Zeit noch mühungen – Sprache und Terminologie spielen
nicht reif, es bedürfe zunächst einer politi- dabei eine große Rolle. Sie verhärten Klischees
schen Lösung, erwiderten die beiden Kolle- und tragen zur Asymmetrie der Kontrahenten
gen und Freunde ihren Kritikern, die gerne bei. Sprechen etwa die Israelis vom „Unabhän-
einen einzigen Schulbuchtext gesehen hät- gigkeitskrieg“ im Jahr 1948, ist dasselbe Ereig-
ten. 10 nis für die Palästinenser die Naqba, „die
Katastrophe“ der Vertreibung. Ob die jüdi-
schen Kämpfer aus der Zeit vor der israeli-
Eigene Identität und die schen Staatsgründung oder die PLO-Aktivi-
Sichtweise des „Feindes“ sten vor den Oslo-Vereinbarungen Wider-
standskämpfer oder Terroristen waren, wird je
Zu einem dauerhaften Konflikt gehört die Un- nach Standpunkt anders beurteilt und benannt.
fähigkeit, sich auf die Sichtweise der „Ande- Für Israelis heißt das Land „Eretz Israel“ –
ren“ einzulassen. Denn dies wird mit der „Palästina“ für die Palästinenser. Wenn Israelis
Angst verbunden, die eigene Identität zu ver- die Palästinenser, vor allem diejenigen mit is-
lieren und somit den moralischen Anspruch, raelischem Pass, „Araber“ nennen, klingt das
„Recht“ zu haben. Im palästinensisch-israeli- für letztere nach einer Negierung und Herab-
schen Kontext heißt das: Setze ich mich ins setzung, denn es ist eine Anspielung auf die
Unrecht, wenn ich als Israeli eingestehe, dass Behauptung, eine palästinensische Nation
die Palästinenser im Jahr 1948 fliehen mussten habe nie existiert, folglich könne es auch keine
und vertrieben wurden, damit mein Staat ge- Palästinenser geben; viele Israelis nutzen den
gründet werden und wachsen konnte, und Ausdruck Araber zudem als Schimpfwort.
muss ich dessen Existenzrecht infolgedessen
in Frage stellen? Oder als Palästinenser: Habe Verallgemeinerungen, Abwertungen sowie
ich noch ein Recht auf Selbstbestimmung, Abgrenzungsversuche gibt es freilich auch
wenn ich das, was den Juden von den Natio- auf palästinensischer Seite, wo zwischen
nalsozialisten angetan wurde, in meinen Dis- Juden und Israelis oft nicht unterschieden
kurs integriere und zur Kenntnis nehme, dass wird: „al-Yahud“, „der Jude“, wird dabei
es weiterhin Antisemitismus gibt und Juden zum undifferenzierten Oberbegriff und fließt
deshalb ein starkes Sicherheitsbedürfnis in die Hetzreden islamistischer Aufwiegler
haben? ein. „Die Helden der einen, sind die Monster
der anderen“, so Bar-On und Adwan. 12
Es ist eine Schwäche der eigenen Identität,
die zu dem Trugschluss führt, sich der Sicht- Wer Täter und wer Opfer ist, ist im Nah-
weise des „Feindes“ zu öffnen führe unwei- ost-Konflikt – anders als beim deutsch-jüdi-
gerlich zur Aufgabe des eigenen Standpunk- schen Verhältnis – vollkommen ungeklärt. Is-
tes. Jegliche Annäherung wird folglich als be- raelis und Palästinenser ringen deshalb um
drohlich wahrgenommen, und es scheint die Rolle des Opfers, geradezu so, als habe
einfacher, das Gegenüber zu verleugnen, zu das Opfer immer Recht. Der Täter ist stets
stigmatisieren und zu bekämpfen, anstatt der „Andere“. Mit dieser Haltung lässt es
einen Dialog mit ihm zu beginnen. Ein Dia- sich vermeiden, die Verantwortung für die ei-
log wäre bereits erfolgreich, wenn er zur Er- genen Taten, für die eigene Mitläuferschaft
kenntnis führte, dass es in diesem Konflikt oder Ignoranz zu übernehmen.
nicht ein Narrativ sondern zwei gleichbe-
rechtigte Narrative gibt. Es geht nicht darum, So beklagt Larry Derfner: „Heute Israeli
dem Anderen die eigene Perspektive zu ok- zu sein, bedeutet dagegen zu sein. Gegen
troyieren, sondern darum, dessen Sicht über- Palästinenser. Gegen Leute, die kritisieren,
haupt wahrzunehmen: „Anerkennung ist wie wir mit den Palästinensern umgehen.
nicht gleichbedeutend mit Legitimierung“, Gegen Muslime im Allgemeinen. So ist das.
sagt Adwan. 11 So ist es Israeli zu sein, seit die Intifada vor
einem Jahrzehnt begann und wir daraus
An der Unvereinbarkeit der historischen schlossen, den Arabern sei nicht zu trauen.
Sichtweisen scheiterten schon viele Dialogbe- Das ist alles, wofür Israel mit Ausnahme
seines High-Tech-Images noch steht – gegen
10 Vgl. D. Bar-On/S. Adwan (Anm. 7).
11 Vgl. S. Adwan (Anm. 9). 12 Vgl. D. Bar-On/S. Adwan (Anm. 7), S. 207.

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diesen, gegen jenen und auch gegen jeden, Der ehemalige Vertreter der PLO in den
der nicht gegen diese ist. Heute Israeli zu USA und Russland Afif Safieh drückte es so
sein, bedeutet, das Denken um den Feind aus: „Wäre ich ein Jude, Sinti oder Roma,
herum zu organisieren. Ohne den Feind wäre der Holocaust für mich das schreck-
kannst du die Welt und deinen Platz darin lichste Ereignis in der Geschichte. Wäre ich
nicht verstehen. Ohne den Feind weißt du ein Schwarzafrikaner, wären es die Sklaverei
gar nicht, was du willst.“ 13 und Apartheid. Wäre ich ein Ureinwohner
Amerikas, wäre es die Entdeckung der
neuen Welt durch europäische Forscher und
Psychologische Ebene des Konflikts Siedler, was fast zur völligen Auslöschung
geführt hat. Wäre ich Armenier, wäre es das
Um die tieferen Schichten der palästinen- osmanisch-türkische Massaker. Und wenn
sisch-israelischen Auseinandersetzung zu be- ich ein Palästinenser wäre, wäre es die
greifen, ist es notwendig, auch die psycholo- Naqba, die Katastrophe der Vertreibung.
gische Ebene zu erfassen. Shoah und Naqba Niemand hat das Monopol über menschli-
stellen für beide Bevölkerungsgruppen unauf- ches Leiden. Es ist nicht ratsam, eine Hier-
gearbeitete Traumata dar, die, über Genera- archie des Leides zu schaffen. Die Mensch-
tionen weitergereicht, bis heute wirken: „Wir heit sollte all das oben genannte als mora-
haben eine dominante Haltung gegenüber lisch abstoßend und politisch unakzeptabel
den Palästinensern, die Machtverhältnisse betrachten.“ 17
sind asymmetrisch (. . .) Zugleich haben wir
aber auch Angst, dass die Palästinenser die Viele Dialogversuche scheitern, weil
Nachfolger derer sein könnten, die uns in Eu- Palästinenser sich im Angesicht von Erzäh-
ropa verfolgt haben. Es bestehen zwei gegen- lungen über die Shoah mit ihrer eigenen
sätzliche Ungleichheiten: das physische Un- Geschichte an den Rand gedrängt und über-
gleichgewicht am Ort, unsere Kontrolle über wältigt fühlen. Ist ihre eigene Geschichte
die Palästinenser; und das zweite Ungleichge- angesichts dieses Leids noch „gut genug“,
wicht, unserer Angst vor ihnen. Wenn man um erzählt zu werden? Ihre Ohnmacht pro-
diese beiden Missverhältnisse nicht begreift, voziert sie dann nicht selten dazu, israeli-
kann man auch nicht verstehen, warum dieser sche Soldaten mit Nazis zu vergleichen, was
Konflikt kein Ende nimmt“, unterstrich Dan wiederum die israelischen Gesprächspartner
Bar-On. 14 Der ehemalige Knesset-Sprecher zutiefst verletzt und zum Kontaktabbruch
und Vorsitzende der Jewish Agency Avraham treibt.
Burg glaubt sogar: „(. . .) dass wenn wir die
Araber von der Nazi-Rolle befreien, die wir „Politik der Isolation“
ihnen zugewiesen haben, es wesentlich einfa-
cher sein wird, mit ihnen zu reden und unsere Hass, Ablehnung und Angst, ja sogar Rassis-
beiden existenziellen Probleme zu lösen.“ 15 mus beeinflussen die palästinensisch-israeli-
schen Beziehungen latent oder offen. Das ak-
Oft geraten Begegnungen zwischen Paläs- tuelle Klima in Israel ist jedoch auch von
tinensern und Israelis zu einem Schlagab- Desinteresse geprägt, wie diverse Autoren zu
tausch darüber, wer mehr gelitten hat. Lei- Beginn dieses Jahres erschrocken bemerkten.
den ist objektiv jedoch nicht messbar. „Des- „Heutzutage sind die meisten Israelis von
halb ist es unsinnig, sich mit Vergleichen zu dem Konflikt mit den Palästinensern abge-
beschäftigen. Relevant ist indes, darüber zu schnitten und ohne Kontakt zu ihnen. Für sie
sprechen, was uns an Vergangenem heute sind die Palästinenser verschwommene Figu-
bedrückt und wie sich das auf die aktuellen ren aus den Fernsehnachrichten: Mahmud
Ereignisse auswirkt.“ 16 Abbas und Ismail Haniyeh lassen etwas ver-
lauten, von Kopf bis Fuß verhüllte Frauen
13 Larry Derfner in: The Jerusalem Post vom 13. 1.
trauern vor ihrem Zelt, Männer laufen mit
Tragbahren zu einem Krankenwagen, andere
2010.
14 Vgl. A. Senfft (Anm. 3), S. 15. verbergen ihr Gesicht, während sie Raketen
15 Avraham Burg, Hitler besiegen. Warum Israel sich abfeuern. Israelis haben keinerlei Interesse,
endlich vom Holocaust lösen muss, Frankfurt/M.
2009, S. 98. 17 Afif Safieh, On Palestinian Diplomacy, Washington
16 So Dan Bar-On, zit. in: A. Senfft (Anm. 3), S. 178. D.C. 2006, S. 24 f.

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mehr zu erfahren. Nablus und Ramallah sind kooperative. 20 Yavin, der seit seinem kriti-
ungefähr 40 Minuten Fahrzeit von Tel Aviv schen Dokumentarfilm The Land of the Sett-
entfernt, doch für die Tel Aviver sind das lers über die jüdische Siedlerbewegung in Is-
Orte auf einem anderen Planeten. New York, rael als Linker gilt, sprach sich im selben
London und Thailand sind viel näher“, so Atemzug gegen Koedukation und das Wohn-
Aluf Benn. 18 Er erinnert daran, dass Israels projekt Neve Shalom aus und konnte sich le-
Wirtschaft früher auf palästinensische Tage- diglich für die Friedenserziehung von palästi-
löhner angewiesen war, was heute nicht mehr nensischen und israelischen Kindern erwär-
der Fall ist – „nur noch die älteren Israelis men. Er vertrat damit eine in Israel weit
können sich an sie in den Restaurants, auf verbreitete Einstellung.
den Baustellen und an den Tankstellen erin-
nern“. 19 Diese „Politik der Isolation“ sei das Die Folge der Mauer ist jedoch, dass die
wahre Erbe von Ariel Scharon, der den Ablehnung der Palästinenser gegen Israelis
Trennzaun in der Westbank gebaut, den Ga- zugenommen hat, da der bedrückende, graue
zastreifen verlassen und die Palästinenser Koloss sie ihrer Bewegungsfreiheit beraubt
vom israelischen Arbeitsmarkt vertrieben und ihre Gebiete zergliedert. Neve Gordon,
habe. Dozent an der Ben Gurion Universität und
Aktivist von Ta’ayush (Arab-Jewish Partner-
Tatsächlich geht diese Politik jedoch bis zu ship), fragte deshalb: „Können schlechte
den Oslo-Verhandlungen 1993/94 auf Minis- Zäune gute Nachbarn schaffen? Israels
terpräsident Yitzhak Rabin zurück. Mit der Trennmauer wird dazu genutzt, Gebiete zu
Vision von der Zwei-Staaten-Lösung und annektieren.“ 21 Hüben wie drüben wächst
wegen der palästinensischen Selbstmordat- eine Generation heran, die vom Nachbarn
tentate war der Politiker der Arbeitspartei zu immer weniger weiß.
dem Schluss gekommen, dass die Region nur
befriedet werden könne, wenn man die ver-
feindeten Bevölkerungsgruppen physisch Neue Zerrbilder und Stereotypen
trenne. Unter seiner Regierung wurden die
Zugänge zu den palästinensischen Gebieten Bekanntlich steigern sich Ängste und Rassis-
immer häufiger geschlossen und die Mehrzahl men umso mehr, je weniger man den Anderen
der palästinensischen Arbeiter in Israel all- kennt und propagandistische Zerrbilder daher
mählich durch Gastarbeiter aus Osteuropa nicht als solche entlarven kann. Die Phantasie
und Asien ersetzt, was zu weiterer Armut in hat mitunter mächtigere und destruktivere
den palästinensischen Gebieten führte. Folgen als menschlicher Kontakt, der das eine
oder andere Vorurteil wieder ausräumen kann.
Der Bau des „Sicherheitszauns“, wie er im Gab es früher noch zufällige und „ganz nor-
israelischen Jargon heißt, in den Augen der male“ Begegnungen zwischen Palästinensern
Palästinenser aber als „Apartheidmauer“ gilt und Israelis in Zivil, z. B. auf Märkten oder bei
– auch dies eine Frage des Standorts – trennte der Arbeit, so gibt es heute das alltägliche Auf-
die Konfliktparteien ab dem Jahr 2002. Bis zu einandertreffen fast nur noch zwischen Besat-
acht Meter hohe Betonmauern, Stacheldraht zern und Besetzten. Doch selbst dies nimmt
und breite Militärstraßen sollen langfristig ab, weil die Aufgaben der israelischen Solda-
auf 700 Kilometern „Grenze“ für Ruhe sor- ten zunehmend von militärischem Sicher-
gen (rund 60 Prozent der Sperranlage sind be- heitsgerät erledigt werden. 22
reits fertig gestellt). „Die israelischen Verteidigungskräfte, die
Generationen von Israelis in die Gebiete
„Hohe Mauern schaffen gute Nachbarn“, entsandten, haben dafür gesorgt, dass ihre
sagte der ehemalige Anchorman des israeli-
schen Staatsfernsehens, Haim Yavin, ausge- 20 Tagung des deutschen Vereins Freunde von Neve

rechnet auf einer Tagung der deutschen Shalom-Wahat al-Salam, Königswinter vom 30. 10. bis
Freunde von Neve Shalom-Wahat al-Salam, 1. 11. 2009.
21 The Guardian vom 29. 5. 2003 sowie online:
der Friedensoase von Palästinensern und
www.taayush.org/new/mazmuriah-neve-article.html
Juden, einer im Jahr 1972 gegründeten Dorf-
(28. 1. 2010).
22 Vgl. Who profits? Exposing the Israeli Occupation
18 Aluf Benn in: Haaretz vom 13. 1. 2010. Industry, unter: www.whoprofits.org/Involvements.
19 Ebd. php?id=grp_inv_population (28. 1. 2010).

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Soldaten immer weniger Kontakt mit Paläs- sich auf beiden Seiten weiter für ein friedli-
tinensern haben“, so Aluf Benn. „Immer ches Zusammenleben. Sie glauben an den di-
weniger leisten ihren Reservedienst und rekten Kontakt miteinander und sind täglich
noch weniger davon in der Westbank. Die dafür aktiv; ja, sie sind sogar, wie die jungen
reguläre Armee hat die Aktivitäten ihrer israelischen Wehrdienstverweigerer, bereit,
Einheiten in den (palästinensischen) Gebie- für ihre Haltung ins Gefängnis zu gehen.
ten reduziert und viele der Polizeiaufgaben Sie engagieren sich gegen die Mauer aus
in der Westbank an ihre Kfir Brigade 23 ab- Beton und vor allem gegen die Mauern in
gegeben. Die Luftwaffenmannschaften, die den Köpfen. Es gibt so viele Aktivitäten
im Gazastreifen kämpfen müssen, sehen Pa- und diese sind so vielseitig und kreativ, dass
lästinenser nur noch als stille Punkte auf sie eines weiteren Aufsatzes bedürften, um
ihren Bildschirmen“, so der Journalist nie- sie auch nur annähernd vorzustellen. 27
dergeschlagen. 24 Die Israelis hätten die
palästinensischen Gebiete schon lange abge- Diese Menschen, die sich weiter für Frie-
schrieben. den einsetzen, vertreten zwar nur eine Min-
derheit, und leider konnten sie die öffentliche
Doch all dies hat das Leben der Israelis Meinung bislang nur minimal beeinflussen
höchstens an der Oberfläche einfacher ge- oder gar die Politiker von ihrem Ansatz über-
macht: „Hier gibt es nur noch wenig Sauer- zeugen – zu stark ist die „Kultur des Kon-
stoff“, so Larry Derfner. „Jeder atmet die flikts“. Doch sie sind ein leuchtendes Vorbild
Luft ein, die alle anderen ausgeatmet haben. in einer Zeit physischer und verbaler Gewalt.
Dieses Land stagniert seit einem Jahrzehnt.
Und wir waren uns nie so einig.“ 25 Der „Wenn wir die Hoffnung verlieren, verlie-
Haaretz Reporter Gideon Levy stellte vor ei- ren wir alles“, 28 sagt der Palästinenser Khaled
nigen Jahren fest, dass es eine Zeit gegeben Abu Awwad, der durch israelische Soldaten
habe, in der man, wenn man einen Israeli seinen Bruder und fast sogar seinen Sohn ver-
nach seiner Meinung fragte, drei Antworten lor und dennoch die palästinensische Gruppe
bekam. Heute hingegen bekomme man nur des „Elternzirkel – Familienforum“ 29 im is-
noch eine. 26 raelisch-palästinensischen Forum für trauern-
de Eltern gründete. Sein Freund, der Israeli
Auch die Mehrzahl der Palästinenser Rami Elhanan, dessen junge Tochter durch
glaubt nicht mehr an Friedensverhandlungen ein palästinensiches Bombenattentat starb,
und viele boykottieren die Zusammenarbeit und der ebenfalls zum Elternzirkel gehört, ist
mit Israelis: Jeglicher Kontakt käme einer der Meinung: „Wenn wir, die wir den höchs-
Normalisierung der Beziehungen gleich, ten Preis gezahlt haben, einen Dialog führen
womit die Besatzung indirekt gefördert können, dann kann das auch jeder andere.“ 30
werde – so eine häufig vertretene Meinung.
Dass man auch hier nicht mehr ans Mitein- Für Außenstehende, gerade in Deutsch-
andersprechen glaubt, zeigten unter anderem land, könnte die Botschaft lauten, selbst nicht
die Raketen, die Hamas-Aktivisten aus dem zu stigmatisieren oder zu polarisieren, um
Gaza auf israelische Städte abfeuern. Im pa- nicht unwillentlich zum Konflikt beizutra-
lästinensischen und israelischen Friedensla- gen. Vielmehr kommt es darauf an, die Wahr-
ger haben sich Resignation, Depression und nehmung für alle Seiten zu schärfen – auch
mitunter auch Verbitterung breit gemacht. für die eigene.

Resigniert das Friedenslager?


Doch freilich gibt es hier ebenfalls noch
eine weitere Sichtweise. Zahlreiche Perso-
nen, Organisationen und Initiativen mühen 27 Viele dieser Initiativen werden vorgestellt bei A.

Senfft (Anm. 3).


23 Ein Infanterie-Korps der israelischen Verteidi- 28 Zit. in: ebd., S. 71.
gungskräfte. 29 Vgl. www.theparentscircle.org (1. 2. 2010).
24 A. Benn (Anm. 18). 30 Zit. in: A. Senfft (Anm. 3), S. 81.
25 L. Derfner (Anm. 13).
26 Haaretz vom 10. 6. 2001.

8 APuZ 9/2010
APuZ 9/2010 9
Efraim Inbar Nach der Kairoer Rede des US-Präsidenten
Barack Obama am 4. Juni 2009 sah sich
Ministerpräsident Netanjahu in der Pflicht,
Herausforde- sowohl auf die Rede des US-Präsidenten zu
reagieren als auch zur israelischen Gesell-
schaft zu sprechen. In seiner darauf folgenden
rungen für die Rede im Begin-Sadat (BESA) Zentrum für
strategische Studien am 14. Juni 2009 konnte

Regierung
er erfolgreich einen neuen israelischen Kon-
sens definieren und sich als Politiker der
Mitte präsentieren. 71 Prozent der Israelis

Benjamin stimmten Netanjahus Ausführungen zu – ein


regelrechtes Kunststück für einen israelischen
Ministerpräsidenten. 1 Netanjahu unterstrich

Netanjahus in seiner Rede das historische Recht des jüdi-


schen Volkes auf das Land Israel (Palästina)
und lehnte Obamas Interpretation, wonach
der Holocaust die Legitimation des jüdischen

A m 10. Februar 2009 wurde in Israel ein


neues Parlament gewählt. Das bemer-
kenswerteste Ergebnis ist die Entstehung
Staates sei, ab. Er betonte, dass die Existenz
eines jüdischen Staates als Zufluchtsstätte für
die von den Nazis verfolgten Juden den Ho-
einer neuen politi- locaust verhindert hätte.
Efraim Inbar schen Landschaft: Die
Prof., Ph.D.; geb. 1947; Direktor drei größten Parteien
Trotz des historischen Anspruchs auf das
des Begin-Sadat (BESA) Zen- in der Knesset sind
Land ist Netanjahu, wie auch die Mehrheit der
trums für strategische Studien der Likud mit 27 Sit-
Israelis, zu einem territorialen Kompromiss
an der Bar-Ilan Universität, zen und zwei seiner
mit den Palästinensern (Zwei-Staaten-Lösung)
Ramat-Gan/Israel 52900. Ableger, die Zen- bereit. Doch ist Netanjahus Bereitschaft zur
inbare@mail.biu.ac.il trumspartei Kadima
Anerkennung eines palästinensischen Staates
mit 28 und Israel Bei- an Bedingungen geknüpft. Seine Forderung
tenu („Unser Haus Is- nach einem entmilitarisierten Staat spiegelt die
rael“) mit 15 Sitzen. Somit wurde eine klare tiefsitzenden Ängste der Israelis vor ihren
Mehrheit von 70 Sitzen (von insgesamt 120) Nachbarn wider. Er fordert die längst überfäl-
mit Konservativen besetzt. Dies machte Be- lige Anerkennung Israels als jüdischen Natio-
njamin Netanjahu (Likud) zum Wahlsieger nalstaat, beharrt im Einklang mit der in Israel
und neuen Ministerpräsidenten. Die Arbeits- herrschenden Meinung auf Jerusalem als unge-
partei wurde mit 13 Sitzen nur viertgrößte teilte Hauptstadt und lehnt einen kompletten
Partei. Die links von der Arbeitspartei ste- Baustopp der Siedlungen ab.
hende Meretz dagegen erhielt nur drei Sitze.
Diese Wahlen verdeutlichen, wie sehr das so- Mit dieser Rede traf Netanjahu den Nerv
genannte „Friedenslager“ in der israelischen der politischen Mitte Israels: Die im Land
Gesellschaft marginalisiert und wie eindeutig herrschende Meinung – so auch unter den
konservativ der Zeitgeist in Israel gegenwär- Falken in Netanjahus Partei – schwankt zwi-
tig ist. schen der Bereitschaft, territoriale Zugeständ-
nisse zu machen, und enormer Skepsis gegen-
Netanjahu gelang eine Koalition aus über der palästinensischen Fähigkeit, einen
Likud, Israel Beitenu, Schas (11 Sitze) und Kompromiss mit der zionistischen Bewegung
Arbeitspartei. Obwohl letztere unter dem schließen und umsetzen zu können. Die
Vorsitz Ehud Baraks, dem derzeitigen Vertei-
digungsminister, relativ schwach und gespal-
ten ist, ist sie ein wichtiger Partner in der Re- Übersetzung aus dem Englischen von Bar s, Ceyhan,
gierungskoalition. Denn ihre Beteiligung Bonn.
Ich danke Diana Grosz, Praktikantin des Legacy
trägt dazu bei, das Bild einer Regierung der Heritage Funds am Begin-Sadat (BESA) Zentrum für
nationalen Einheit zu vermitteln. Netanjahu strategische Studien, für ihre Unterstützung bei der
bemüht sich daher, die Koalition mit der Ar- Recherche für diesen Beitrag.
beitspartei aufrechtzuerhalten. 1 Vgl. Haaretz vom 16. 6. 2009.

10 APuZ 9/2010
größte Sorge der Israelis ist, inwiefern die Pa- ton zeugt vom Wunsch nach politischer Ab-
lästinenser israelischen Sicherheitsbedürfnis- sprache und Koordinierung, um Spannungen
sen Rechnung tragen. Selbst die Falken inner- mit dem großen Freund des jüdischen Staates
halb des konservativen Likuds unterstützen zu vermeiden.
den zehnmonatigen Baustopp in den Siedlun-
gen in Judäa und Samaria, der am 25. Novem- Doch die enge Aufeinanderfolge der ameri-
ber 2009 verkündet wurde – vermutlich in kanischen und israelischen Wahlen erschwerte
der Annahme, durch den Baustopp ein Zer- die Koordinierung der politischen Strategien
würfnis mit dem Schlüsselverbündeten USA zunächst. US-Präsident Obama wurde im
zu vermeiden. November 2008 gewählt und übernahm die
Präsidentschaft im Januar 2009, während Ne-
Durch seine Positionierung innerhalb der tanjahu die Wahlen im Februar 2009 gewann,
politischen Mitte stabilisierte Netanjahu die sein Kabinett aber erst im April vorstellte. Bis
amtierende Koalition und bewahrte sich dahin waren die Eckpunkte der amerikani-
gleichzeitig sowohl die politische Flexibilität, schen Nahost-Politik festgelegt: Ein optimis-
Chancen im Friedensprozess aufzugreifen, als tisches Washington wollte einen Neuanfang
auch die nötige Größe, um Israel durch die- mit der muslimischen Welt, befürwortete den
sen langwierigen Konflikt zu führen. Dialog mit Gegnern wie dem Iran und Syrien
und glaubte, es könne den israelisch-palästi-
Netanjahus Kurs der Mitte erhöht auch die nensischen Konflikt in kurzer Zeit durch grö-
Wahrscheinlichkeit, mögliche Spannungen ßeres diplomatisches Engagement und mehr
mit Washington zu überstehen. Denn aus der Druck auf die Konfliktparteien lösen.
Warte Jerusalems wirkt US-Präsident Obama
wie ein politischer Neuling mit wenig Ver- Die nahöstlichen Prioritäten der USA waren
ständnis für weltpolitische Zusammenhänge, unvereinbar mit denen Israels: Jerusalem stand
während Netanjahu in Israel mehr und mehr der Annäherung an die muslimische Welt und
als verantwortungsvoller Ministerpräsident insbesondere dem Engagement gegenüber
wahrgenommen wird. Im Falle einer Ausein- dem Iran kritisch gegenüber. Es bevorzugte
andersetzung würde sich die Mehrheit der Is- eine härtere Gangart gegenüber Teheran. Dar-
raelis wohl eher für den populären Netanjahu über hinaus wiederholte die Obama-Regie-
aussprechen als für Obama. Im Vergleich zu rung Forderungen nach einem sofortigen Sied-
seiner ersten Amtszeit als Ministerpräsident lungsstopp in den Gebieten in der Westbank
(1996–99) zeigt Netanjahu heute mehr politi- und in Jerusalem, was von Israel als kurzsichti-
schen Scharfsinn. Er ist allgemein umsichti- ge Fokussierung auf ein einzelnes Problem
ger, weniger ruppig gegenüber politischen wahrgenommen wurde, die nur die unnachgie-
Gegnern und flexibler gegenüber Partnern. bige palästinensische Position stärke.
Auch im Umgang mit den Medien zeigt er
sich geduldiger und weniger impulsiv. Dieses Netanjahu versuchte, eine Krise in den
reifere Verhalten hilft ihm, seine Koalition amerikanisch-israelischen Beziehungen zu
zusammenzuhalten. verhindern. Erstens sah er mehrfach davon
ab, die bilateralen Beziehungen als ange-
spannt zu bezeichnen oder Präsident Obama
Beziehungen zu den USA persönlich zu kritisieren; stattdessen betonte
er stets die große Freundschaft zwischen bei-
Gute Beziehungen zu den USA, dem Schlüs- den Ländern. Zudem stimmte er in seiner
selverbündeten Israels, sind seit den späten Rede im Juni 2009 der Zwei-Staaten-Lösung
1960er Jahren ein Gebot für alle israelischen zu. Dabei handelte Netanjahu nach seiner
Regierungen – so auch für Netanjahu. 2 Er ist Überzeugung eines „wirtschaftlichen Frie-
wie kaum ein anderer innerhalb der politi- dens“ und ließ zahlreiche Checkpoints in den
schen Elite Israels mit den Besonderheiten Gebieten in der Westbank entfernen, um
des politischen Systems der USA vertraut. wirtschaftlichen Austausch und Wachstum zu
Sein bisheriges Verhalten gegenüber Washing- ermöglichen. Diese Schritte sollten auch wei-
2 Vgl. Efraim Inbar, US-Israel Relations in the Post
tere amerikanische Bedenken ausräumen.
Cold War Era: The View From Jerusalem, in: Eytan
Gilboa/Efraim Inbar (eds.), US-Israeli Relations in a Im Gegenzug forderte Israel von den USA,
New Era, London 2009, S. 35 ff. Gesten des guten Willens von den arabischen

APuZ 9/2010 11
Staaten, wie Überflugrechte für die nationale rangigen iranischen Regierungsvertretern
Fluggesellschaft El-Al, zu erwirken. Obama dürfen nicht als Rhetorik abgetan werden; sie
scheiterte daran und gab sich daraufhin mit spiegeln ihre politischen Präferenzen wider.
einer „Einschränkung“ des Siedlungsbaus der Zudem kommen strategische Überlegungen
Israelis zufrieden, woraufhin die israelische in Jerusalem zum Ergebnis, dass von den nu-
Regierung eine zehnmonatige Baupause in klearen Ambitionen des Iran auch eine Ge-
der Westbank beschloss, die von Washington fahr für die internationale Gemeinschaft aus-
als positiver Schritt begrüßt wurde. 3 Für geht.
viele Mitglieder des israelischen Kabinetts
war diese Entscheidung ein notwendiger Der Iran hat sich jeglichen diplomatischen
Schritt, um weitere Spannungen in den bilate- Drucks zur Einstellung seines Atompro-
ralen Beziehungen zu vermeiden. gramms widersetzt und scheint die Absicht
zu haben, hoch angereichertes Uran zum Bau
Zwar lehnt die israelische Regierung die der Atombombe herzustellen. Atomwaffen
Position der USA, wonach es einen Zusam- gelten als Sicherheitsgarantie für das iranische
menhang zwischen dem iranischen Atompro- Regime, was die Entschlossenheit der Islami-
gramm und der Palästina-Frage gibt, ab. Den- schen Republik erklärt, atomare Kapazitäten
noch ging sie auf die diplomatisch-politischen zu erlangen. Durch den Bau der Atombombe
Initiativen Washingtons mit Blick auf den is- möchte sich der Iran eine regionale Vor-
raelisch-arabischen Konflikt ein, damit sich machtstellung sichern. Darauf deutet auch
die US-Diplomatie auf den Iran – einer der das große Arsenal an Langstreckenraketen
größten Sicherheitsbedrohungen für Israel – (mit über 1500 Kilometer Reichweite), die
konzentrieren konnte. Netanjahu scheint auf bereits heute den Nahen Osten, Zentralasien,
seinem ersten Treffen mit Obama im Mai den indischen Subkontinent und Osteuropa
2009 sogar eine vage Zusage zur Neugestal- erreichen könnten. Ein atomar bewaffneter
tung der amerikanischen Iran-Politik bis Iran würde auch zu einer Kettenreaktion in
Ende des Jahres 2009 erhalten zu haben. 4 der Region führen: Staaten wie die Türkei,
Obwohl die israelische Regierung das Ange- Ägypten, Saudi-Arabien und Irak würden
bot der USA an Teheran, im Ausland Uran versuchen, dem iranischen Einfluss durch
anreichern zu dürfen, ablehnte, verhielt sie ähnliche Atomprogramme zu begegnen. Die
sich zurückhaltend, um die Bemühungen um Folge wäre ein multipolarer atomar gerüste-
einen Ausweg aus der diplomatischen Sack- ter Naher Osten, was ein strategischer Alp-
gasse nicht zu gefährden. Sie war schließlich traum wäre.
erleichtert, als der Iran auch den darauf fol-
genden Kompromissvorschlag – er hätte Te- Ein atomar bestückter Iran könnte auch
heran erlaubt, einen Teil seines Urans im eige- seine Rolle am Persischen Golf und in der
nen Land anzureichern – ablehnte. Israel Kaspischen Region – den beiden Subregionen
hofft, dass Präsident Obama aus seinen Feh- der „Energieellipse“, die einen Großteil der
lern lernt und eine realistischere Außenpoli- weltweit bekannten Energiereserven beher-
tik verfolgt. bergen – stärken und die ölproduzierenden
Länder am Persischen Golf „finnlandisieren“
Nukleare Herausforderung mit der Folge, dass die Politiken dieser Län-
der unter dem starken Einfluss Teherans stün-
durch den Iran den. Solch ein Iran könnte auch versuchen,
Einfluss auf Aserbaidschan und Turkme-
Wie die Vorgängerregierung auch, sieht Ne- nistan auszuüben – beides sind muslimische
tanjahu den Iran als Sicherheitsbedrohung. Länder mit großen Energieressourcen. Mit
Dazu trug vor allem der seit dem Jahr 2005 der wachsenden politischen Macht könnte
amtierende Präsident Mahmud Ahmadined- der Iran eine dominierende Stellung auf dem
schad bei, indem er das Existenzrecht Israels Energiemarkt erringen. Dies würde die Ein-
offen in Frage stellte und den Holocaust leug- dämmung des Landes erschweren und welt-
nete. Verlautbarungen dieser Art von hoch- weit radikale Islamisten ermutigen, da Tehe-
3 Vgl. Erklärung der US-Außenministerin Hillary
ran terroristische Organisationen, wie die
Clinton vom 25. 11. 2009, online: www.state.gov/se- Hisbollah, die palästinensische Hamas und
cretary/rm/2009a/11/132434.htm (18. 1. 2010). den Islamischen Jihad, unterstützt. Hinzu
4 Vgl. Haaretz vom 18. 5. 2009. kommt Teherans Unterstützung für radikal-

12 APuZ 9/2010
schiitische Elemente im Irak, eine islamische ten. Obschon Israel sein eigenes Raketenab-
Republik zu errichten und der Versuch, wehrsystem entwickelte, ist kein Abwehrsys-
durch seine Partnerschaft mit Syrien, einen tem vollkommen sicher oder hat eine hun-
regionalen Korridor bis an das Mittelmeer zu dertprozentige Abfangrate.
schaffen, der es dem Iran erleichtern würde,
seine Macht bis zum Balkan und nach Südeu- Aus diesem Grund zieht Israel ernsthaft
ropa auszudehnen. militärische Maßnahmen in Betracht, um Te-
herans Atomprogramm zu stoppen. Falls sich
Israel ist von der schwachen Reaktion der die Obama-Regierung entscheiden sollte,
internationalen Gemeinschaft auf das irani- nichts gegen das iranische Atomprogramm zu
sche Atomprogramm irritiert. Unglückli- unternehmen, wird sich die Netanjahu-Re-
cherweise hat der Westen keine starken An- gierung gezwungen sehen, unilateral zu han-
reize, um die Ayatollahs von der atomaren deln. Zwar ist die israelische Armee schlech-
Aufrüstung abzuhalten – er verhängte bereits ter ausgerüstet als die amerikanische. Den-
wirtschaftliche Sanktionen. Aber auch wenn noch wäre sie in der Lage, die iranischen
von allen Mitgliedern der internationalen Atomanlagen zu zerstören. Klar ist, dass re-
Staatengemeinschaft härtere Sanktionen aus- solutes Handeln Risiken birgt, Untätigkeit
geübt würden, ist die Wirksamkeit solcher aber schwerwiegendere Folgen hätte.
Maßnahmen fraglich, wenn ein Regime be-
reit ist, für seine Politik einen hohen Preis Israelisch-palästinensische
zu zahlen. Zurzeit hofft Washington auf den
Erfolg seines Dialogansatzes und droht mit Verhandlungen
einer Verschärfung der wirtschaftlichen
Sanktionen. Dieses Vorgehen kommt dem Ein breites gesellschaftliches und politisches
iranischen Interesse entgegen, da es eine Bündnis unterstützt eine Zwei-Staaten-Lö-
Strategie des „talk and build“ verfolgt. Es sung. Das Problem ist allerdings, dass Israel
scheint als könne nur die Anwendung von mit zwei palästinensischen Akteuren kon-
Gewalt, wie eine Seeblockade oder ein Mili- frontiert ist: zum einen mit der Hamas im
tärschlag gegen die Atomanlagen, die Aya- Gazastreifen, die eine totale Zerstörung des
tollahs von der Durchführung des nuklearen jüdischen Staats fordert und ein Verbündeter
Projekts abhalten. Daher wird Obamas des Iran ist; zum anderen mit der von Mah-
Politik der „ausgestreckten Hand“ in Jeru- mud Abbas geführten, aber schwachen Paläs-
salem als großer Fehler betrachtet. tinensischen Autonomiebehörde (PA) in der
Westbank. Auch die von der PA kontrollier-
Es gibt Stimmen, die in Anlehnung an die ten Medien, das Bildungssystem und die Mo-
Beziehungen zwischen den beiden Super- scheen fördern Antisemitismus.
mächten während des Kalten Krieges, Visio-
nen eines stabilen „Gleichgewichts des In Kairo ermahnte US-Präsident Obama
Schreckens“ zwischen Israel und dem Iran die muslimische Welt zwar zu mehr Pragma-
äußern. Doch Abschreckung funktioniert tismus, da die Existenz Israels ein fait accom-
nicht automatisch und konnte auch bei den pli ist. In der Vergangenheit zeigte sich aber
USA und der Sowjetunion nicht vorausge- mehrmals, dass die führenden Akteure auf
setzt werden. Leider ist die Situation im Seiten der Palästinenser nicht immer pragma-
Nahen Osten wesentlich instabiler. Zwar tisch handelten: So boten bereits zwei israeli-
kann argumentiert werden, dass auch die po- sche Ministerpräsidenten die Aufgabe nahezu
litischen Führer im Nahen Osten rational aller Gebiete an, die in Kriegen besetzt wur-
handelnde Akteure sind. Jedoch ist dies allein den. Die Angebote von Ehud Barak 5 und
kein Garant für den Schutz der Menschen- Ehud Olmert 6 wurden von Jassir Arafat aus-
würde und Respekt vor dem Menschen. Das geschlagen und von seinem Nachfolger im
provokante Handeln und Äußerungen einer Amt des Präsidenten der palästinensischen
Reihe wichtiger Entscheidungsträger in Tehe- Autonomiebehörde Abbas ignoriert. Die
ran nähren Befürchtungen von einer irani- Scharon-Regierung zog sich aus dem Gaza
schen Strategie zur Vernichtung Israels. Dies 5 Vgl. Dennis Ross, The Missing Peace, New York
wirft auch die Frage auf, wie wirksam Israels 2004.
militärische Kapazitäten Gegner abschrecken 6 Vgl. Greg Sheridan, Ehud Olmert still dreams of

oder einen atomaren Angriff abwehren könn- peace, in: The Australian vom 28. 11. 2009.

APuZ 9/2010 13
zurück mit der Folge, dass der Gazastreifen radigma des Zwei-Staaten-Modells immer un-
zur „Abschussrampe“ für verstärkte Rake- wahrscheinlicher. 7 Allein in Gaza operieren
tenangriffe der Hamas wurde. mehrere unterschiedliche bewaffnete Milizen,
wie die Hamas, Islamischer Jihad, Al-Qaida
Trotz der schwierigen Lage ist Netanjahu und bewaffnete Clans. Es werden daher neue
der Überzeugung, dass Fortschritte im Frie- Ideen gebraucht, die den Kurs ablösen, der
densprozess durch den Aufbau von Institutio- zwar zu einer Teilung des Landes Israel führte
nen und wirtschaftliches Wachstum erreicht (wie Israels Rückzug aus Teilen der Westbank
werden können. Deshalb beseitigte die Regie- und des Gazastreifens, die anschließend der
rung Straßensperren und förderte wirtschaftli- Autorität der PA unterstellt wurden), nicht
chen Austausch. Doch bislang lehnten die Pa- aber zu einer friedlichen Koexistenz.
lästinenser Verhandlungen mit der Netanjahu-
Regierung ab, weil sie hofften, die USA wür- Es sollte ein regionaler Ansatz verfolgt
den Israel zur Annahme palästinensischer Be- werden, der arabische Akteure in die Lösung
dingungen zwingen. Sogar der zehnmonatige des Konfliktes miteinbezieht, da sie ebenfalls
Baustopp (ein beispielloses Zugeständnis Is- betroffen sind. 8 So könnte eine Rückkehr
raels) wurde von der PA abgelehnt. Jordaniens in die Westbank und Ägyptens
nach Gaza diskutiert werden. Beide haben
Amerikanischer Druck könnte zwar beide ein Friedensabkommen mit Israel und die Pa-
Konfliktparteien an den Verhandlungstisch lästinenser in der Vergangenheit bereits er-
zurück bringen. Aber Obamas Vision von folgreich regiert. Eine andere Option wäre
einem Friedensabkommen binnen zweier eine jordanisch-palästinensische Föderation:
Jahre ist nicht realistisch. Denn externe Nach dem Vorbild der USA wären Jordanien,
Mächte, wie die USA, haben nur begrenzten die Westbank und Gaza drei „Bundesstaa-
Einfluss auf das Verhalten der nahöstlichen ten“, die außen- und verteidigungspolitische
Akteure: So wies Arafat im Jahr 2000 die Vor- Angelegenheiten in Amman bündeln.
schläge des US-Präsidenten Clinton zur Re-
gelung des Konflikts zurück; auch die Mul- Während solch ein Ansatz bei der Netanja-
lahs in Teheran lehnen seit Jahren jegliche hu-Regierung Anklang fände, kann sie aber
westlichen Vorschläge und Kompromissver- derlei internationale diplomatische Vorstöße
suche zum iranischen Atomprogramm ab. nicht proaktiv betreiben. Denn ein neues Pa-
radigma werden die Araber nur akzeptieren,
Klar muss sein, dass ein Friedensabkommen wenn es von der EU oder USA lanciert wird.
nur dann erreicht werden kann, wenn die re- Damit wird die Suche nach einem neuen Pa-
gionalen Akteure reif für ein solches Ergebnis radigma für die Lösung des Konflikts auch zu
sind. Dies war der Fall im Jahr 1977, als sich einer Herausforderung für den Westen.
der ägyptische Präsident Anwar Sadat – entge-
gen des Rates von US-Präsident Jimmy Carter,
auf eine internationale Konferenz in Genf zu Internationales Ansehen Israels
reisen – dazu entschied, den damaligen israeli-
schen Ministerpräsidenten Menachem Begin Vize-Außenminister Danny Ayalon sagte im
in Jerusalem zu treffen und vor der Knesset zu November 2009, dass „wenn heute für oder
sprechen. Damit ebnete er den Weg zu einem gegen den Beitritt Israels zu den Vereinten
israelisch-ägyptischen Friedensabkommen. Nationen gestimmt würde“, kein Zweifel be-
Dieses Beispiel macht deutlich, dass eine dau- stünde, „dass wir nicht aufgenommen wür-
erhafte Einigung zwischen Israelis und Palästi- den“ 9. Ayalon merkte an, dass im Jahr 1949,
nensern nicht auf bloßen Druck der USA oder dem Jahr des Beitritts Israels zur UN, zwei
EU hin erzielt werden kann. Drittel der UN-Mitglieder demokratisch re-
giert wurden, wohingegen heute ein Großteil
Aufgrund der zunehmenden Radikalisierung Diktaturen seien, die Menschenrechte miss-
der palästinensischen Gesellschaft und den achteten. Die UN, ein Hauptforum für An-
Schwierigkeiten bei der Gründung eines paläs- 7 Vgl. Efraim Inbar, The Rise and Demise of the Two-
tinensischen Staates unter Beachtung der Prä-
State Paradigm, in: Orbis, 3 (2009), S. 265–283.
misse Max Webers (wonach ausschließlich dem 8 Vgl. Giora Eiland, Regional Alternatives to the Two-
Staat das „Monopol physischer Gewaltsam- State Solution, BESA Memorandum, 4 (2009) 12.
keit“ (Gewaltmonopol) zukommt) wird das Pa- 9 The Jerusalem Post vom 27. 11. 2009.

14 APuZ 9/2010
griffe auf das internationale Ansehen und die leben in einer anderen „Zeitzone“, in der die
Legitimität des jüdischen Staats, steht derzeit Anwendung von Gewalt zu den regionalen
unter dem Einfluss von islamischen und Spielregeln gehört. Des Weiteren missachten
blockfreien Staaten, die konsequent jede anti- Terroristen im Nahen Osten das Völkerrecht:
israelische Resolution unterstützen, entbeh- Immer wieder nutzen sie zivile Orte, wie
ren sie auch jeglicher Grundlage. Krankenhäuser, Schulen und Moscheen, die
eigentlich militärische Tabuzonen sind, als
Zwar ist Israel-Bashing nicht neu, aber die Aufenthaltsorte. Ihre Strategie ist es, sich hin-
Tatsache, dass die Existenz des Staates noch ter zivilen Schutzschildern zu verstecken, um
immer hinterfragt wird, ist Besorgnis erregend. mit Bildern, auf denen bombardierte Kran-
So sind die Äußerungen des iranischen Präsi- kenhäuser, heilige Orte und Schulen oder
denten keine Seltenheit. Das Existenzrecht Is- auch Angriffe auf Zivilisten zu sehen sind,
raels wird auch unter den Palästinensern in weltweite Verurteilung und Mitgefühl für
Frage gestellt. Auch in Nichtregierungsorgani- ihre Sache hervorzurufen.
sationen und internationalen Foren, wie der
UN, wo arabische Staaten Mehrheiten generie- Der „Goldstone-Bericht“, der Israel
ren können, werden regelmäßig die Legitimität Kriegsverbrechen vorwirft, ist ein Beispiel für
Israels hinterfragt und das internationale An- diese Art der zynischen Betrachtungsweise.
sehen des Landes beschädigt. 10 Vergleiche mit Der Bericht wurde vom UN-Menschen-
Nazi-Deutschland oder dem Apartheid-Re- rechtsrat trotz des Widerstands westlicher
gime in Südafrika sind übliche Motive der anti- Staaten, dafür mit Unterstützung von Russ-
israelischen Propaganda. land, China, der arabisch-islamischen Welt
und Entwicklungsländern in Auftrag gege-
Die palästinensische Perspektive auf den ben, um den israelischen Kampfeinsatz in
Konflikt wird immer häufiger in den Medien Gaza im Jahr 2009 zu untersuchen. Der
sowie den politischen und intellektuellen Zir- „Goldstone-Bericht“ erklärt Israel zum Ag-
keln des Westens eingenommen. Für viele ist gressor, obwohl der Angriff auf die Hamas
Israel zum „Täter“ geworden, wodurch auch als Reaktion auf den jahrelangen Beschuss is-
die Ratio der Gründung eines jüdischen Staa- raelischer Zivilisten mit Raketen aus dem Ga-
tes in Frage gestellt wird. In den meisten zastreifen zu sehen war. 11
westlichen Ländern hat sich die öffentliche
Meinung in den vergangenen Jahrzehnten zu Goldstones ärgerlichste Schlussfolgerung
einer eher Israel-kritischen und Palästinenser- ist, dass das Hauptmotiv des israelischen Mi-
freundlichen Haltung entwickelt (die USA litärschlags nicht die Verteidigung der eigenen
sind eine klare Ausnahme). Hier besteht lang- Bürger, sondern die kollektive Bestrafung der
fristig die Gefahr, dass sich ein internationaler palästinensischen Zivilisten gewesen sei. Die
Konsens entwickeln könnte, der an der Legi- Goldstone-Kommission ließ Beweise außer
timität Israels zweifelt. Doch für einen klei- Acht, die dokumentierten, dass die israeli-
nen Staat wie Israel, der für sein Wohlergehen schen Streitkräfte alles ihnen Mögliche unter-
auf die Launen der internationalen Gemein- nommen hatten, um zivile Opfer zu vermei-
schaft angewiesen ist, ist es besonders proble- den. Israels präzise ausgeführten Operationen
matisch, wenn er zum Pariastaat wird. zielten auf Terroristen, die sich zwar in zivi-
len Räumen aufhielten. Aber es wurden alle
Ein Bereich, in dem Israel regelmäßig mit möglichen Sicherheitsvorkehrungen getrof-
Unverständnis konfrontiert wird, ist die An- fen, um Zivilisten zu schützen, wie Warnan-
wendung von Gewalt. So haben Europäer, die rufe über Mobiltelefone oder Handzettel zur
seit dem Ende des Kalten Krieges in einem Warnung und Evakuierung der Bewohner.
friedlichen Umfeld leben, eine andere strate- Mit der Annahme des Berichts ignorierte der
gische Kultur und betrachten die Anwendung Rat die Aussage des ehemaligen Komman-
von Gewalt als anachronistisch und unzivili- deurs der britischen Streitkräfte in Afghanis-
siert. So schwierig es zu begreifen sein mag, tan, Oberst Richard Kemp, der sagte, dass die
der Nahe Osten und andere Teile der Welt
11 Vgl. Bericht des Jerusalem Center for Public Af-
10 Vgl. Gerald Steinberg, Soft Powers Play Hardball: fairs, The UN Gaza Report: A Substantive Critique,
NGOs Wage War against Israel, in: Efraim Inbar (ed.), November 2009, online: www.jcpa.org/text/Gold-
Israel’s Strategic Agenda, London 2007, S. 135–155. Goldstone-5nov09.pdf (18. 1. 2010).

APuZ 9/2010 15
israelischen Streitkräfte mehr zur Sicherung David Kaye
der Zivilisten in einer Kampfzone unternom-
men haben, als jede andere Armee in der Ge-
schichte der Kriegsführung zuvor. 12 Völkerrechtliche
Dieser Bericht wird zweifelsohne zu einer
„politischen Keule“ gegen Israel werden. Er
hat aber auch weiter reichende Auswirkun-
Implikationen
gen: Er verschleiert die Tatsache, dass für Is-
rael, wie auch für die USA und andere des Goldstone-
NATO-Verbündete, das Töten von Zivilisten
während eines Krieges eine unbeabsichtigte
Tragödie ist, die es zu verhindern gilt; für die
Berichts
Hamas, die Hisbollah oder Al-Qaida ist es
aber ein Triumph für ihren modus operandi.
Diesen Unterschied zu verwischen, zeugt von
moralischer Blindheit und ist ein politisches O bwohl nur wenige ihn wirklich gelesen
haben, dürfte der „Goldstone-Bericht“
inzwischen der bekannteste und kontrover-
Manöver zur Entwaffnung des Westens.
seste Menschenrechts-
Die Regierung Netanjahus sieht Israels bericht sein, der jemals
Kampf um Legitimität und sein Recht auf veröffentlicht wurde. David Kaye
Selbstverteidigung als Teil des westlichen Be- Richard Goldstone J.D.; geschäftsführender Direk-
strebens, höhere moralische Werte zu verteidi- legte ihn vor, der sich tor des International Human
gen. Netanjahu selbst hat die intellektuellen sowohl als Richter am Rights Program an der Universi-
und kommunikativen Fähigkeiten, sich gegen Obersten Gericht Süd- ty of California, School of Law
jegliche Anschuldigungen zu wehren; es bleibt afrikas (und das als er- (UCLA), Los Angeles/USA.
abzuwarten, wie sehr er von der aufgeklärten klärter Gegner der kaye@law.ucla.edu
Welt unterstützt werden wird. Bis jetzt über- Apartheid) als auch als
stand die Regierung etliche diplomatische An- Chefankläger am Internationalen Strafge-
griffe in einer Koalition mit westlichen Freun- richtshof für das ehemalige Jugoslawien einen
den – aber der Kampf ist nicht vorbei. Namen gemacht hat. Bei dem Bericht handelt
es sich um den 575 Seiten starken Abschluss-
Fazit bericht der Untersuchungskommission der
Vereinten Nationen für den Gaza-Konflikt
Die erste Herausforderung konnte Netanjahu (United Nations Fact Finding Mission on the
meistern: an der Macht zu bleiben und eine Gaza Conflict), der am 15. September 2009
stabile Koalition aufzubauen. Auch das Ver- dem UN-Menschenrechtsrat vorgelegt wur-
hältnis zu den USA blieb trotz der Spannun- de. 1
gen stabil. Das Atomprogramm des Iran bleibt
von der internationalen Gemeinschaft zwar Der Goldstone-Bericht, der den von Ende
unangetastet. Sollte sich Israel aber allein ge- Dezember 2008 bis Mitte Januar 2009 dau-
lassen fühlen, kann davon ausgegangen wer- ernden Gaza-Krieg untersuchte, kritisiert so-
den, dass es militärische Optionen in Betracht wohl die Hamas als auch Israel. Dass die
zieht. In der israelisch-palästinensischen Hamas, deren Taktik Verletzungen des huma-
Frage ist die Anteilnahme der internationalen nitären Völkerrechts seit langem in Kauf
Gemeinschaft größer – es scheint aber am Ver-
Übersetzung aus dem Englischen von Dr. Daniel
ständnis für die Komplexität des Problems zu Kiecol, Köln.
fehlen. Es bleibt zu hoffen, dass die arabischen Der Beitrag ist die Neufassung eines Artikels aus ASIL
Staaten in Zukunft größere Verantwortung für Insight, einer Zeitschrift der American Society of In-
das palästinensische Problem übernehmen. ternational Law, vom 1. Oktober 2009.
1 Vgl. UN Human Rights Council, Human Rights in

Palestine and Other Occupied Arab Territories. Report


of the United Nations Fact Finding Mission on the
12 Zit. in: UN Watch, online: http://blog.unwatch.org/ Gaza Conflict, A/HRC/12/48, 15. 9. 2009, („Gold-
?p=488 (18. 1. 2010). stone-Bericht“) online: www2.ohchr.org/english/bod
ies/hrcouncil/specialsession/9/docs/UNFFMGC_Rep
ort.pdf (26. 1. 2010).

16 APuZ 9/2010
nimmt, sich durch den Bericht würde beein- Überblicks über seine Ergebnisse und bietet
flussen lassen, war nicht zu erwarten. 2 Je- einige Bemerkungen dazu, worin zweifellos
doch zeigte sich in den auf die Veröffentli- der Hauptgrund für Israels Kritik am Be-
chung des Berichts folgenden Monaten, dass richt liegt: zur Ablehnung seines Systems
er auch in Israel nicht dazu führte, den eige- der militärischen Justiz und dem Appell
nen Umgang mit bewaffneten Gruppen in nach einer von anderen Staaten sowie dem
größtenteils von Zivilisten bewohnten Ge- Internationalen Strafgerichtshof durchge-
genden des Gazastreifens selbstkritisch zu führten Untersuchung gegen Israelis, die
hinterfragen. Die Hamas sah ihre Aktionen Verbrechen begangen haben sollen. Schließ-
durch den Bericht nachträglich gerechtfertigt, lich sollen auch einige Anmerkungen zum
während Israel in seiner Antwort die im Be- möglichen weiteren Vorgehen Israels ge-
richt genannten Fakten ebenso in Zweifel macht werden (soweit sich das Ende des
zog, wie die sich daraus ergebenden Schluss- Jahres 2009 abzeichnet), was die Umsetzung
folgerungen – eine Haltung, der sich die USA einer der wichtigsten Empfehlungen des
anschlossen. 3 Goldstone-Berichts betrifft: die Schaffung
eines innerstaatlichen unabhängigen Kon-
In den Monaten nach der Veröffentli- trollmechanismus zur Untersuchung der
chung haben Israel und seine Freunde – Gaza-Operation.
selbst solche aus der politischen Mitte und
links davon – Goldstones Methode und
Schlussfolgerungen immer wieder kritisiert. 4 Hintergrund der Mission
Diese Kritik ist bis heute nicht schwächer
geworden, doch scheinen die israelischen Anfang Januar 2009, während des Gaza-
Regierungsvertreter zu erkennen, dass ihre Kriegs, verabschiedete der UN-Menschen-
unerschütterliche Haltung ihrem Land vor rechtsrat eine Resolution zur Einsetzung einer
dem „Gericht“ der internationalen öffentli- Kommission mit der Aufgabe, „jede Verlet-
chen Meinung nicht geholfen hat – und zung der internationalen Menschenrechtsnor-
trotz anderslautender Bekenntnisse hierzu men und des humanitären Völkerrechts durch
liegt Israel durchaus etwas am Urteil der in- die Besatzungsmacht Israel gegen das palästi-
ternationalen Gemeinschaft. nensische Volk in allen besetzten Palästinenser-
gebieten, besonders im Gazastreifen, im Zuge
Dieser Artikel gibt nicht vor, die Befunde der laufenden Kampfhandlung zu ermitteln“ 5.
des Berichts im Lichte der israelischen Ein-
wände zu bewerten, und auch um die Auf- Da dieses Mandat von vielen als sehr ein-
listung der Stärken und Schwächen des Re- seitig angesehen wurde, nahm Richter Gold-
ports kann es nicht gehen. Vielmehr unter- stone am 3. April die Aufgabe zur Führung
nimmt er den Versuch eines allgemeinen der Untersuchung nur unter der Vorausset-
zung an, dass der UN-Menschenrechtsrat
das ursprüngliche Mandat in eine unvorein-
2 So fordert z. B. Human Rights Watch seit langem,
genommenere Fassung umformulierte, die
dass die Hamas ihre Strategie der Angriffe auf Zivilis-
vorsieht, „alle Verletzungen der internationa-
ten ändern müsse; vgl. Human Rights Watch, Rockets
from Gaza: Harm to Civilians from Palestinian Armed len Menschenrechtsnormen und des humani-
Groups’ Rocket Attacks, vom 6. 8. 2009, online: tären Völkerrechts zu untersuchen, die zu ir-
www.hrw. org/en/reports/2009/08/06/rockets-gaza-0 gendeiner Zeit im Zusammenhang mit den
(26. 1. 2010). Kampfhandlungen im Gazastreifen vom 27.
3 Vgl. Israeli Ministry of Foreign Affairs, Initial Re-
Dezember 2008 bis zum 18. Januar 2009 be-
sponse to Report of the Fact Finding Mission on Gaza
gangen wurden, unabhängig davon, ob vor,
Established Pursuant to Resolution S-9/1 of the Hu-
man Rights Council, 24. 9. 2009, online: www.mfa.gov. während oder nach der militärischen Opera-
il/NR/rdonlyres/FC985702–61C4– 41C9–8B72-E387 tion im eigentlichen Sinne“. 6 Goldstone ging
6FEF0ACA/0/GoldstoneReportInitialResponse24090
9.pdf (26. 1. 2010); Response to the Report of the Uni- 5 Human Rights Council, Report of the Human

ted Nations Fact-Finding Mission on the Gaza Con- Rights Council on ist ninth special session, A/HRC/S-
flict, Statement of Michael Posner, Assistant Secretary 9/L.1, 12. 1. 2009, online: www2.ohchr.org/english/
of State for Democracy, Human Rights and Labor, vom bod ies/hrcouncil/specialsession/9/docs/A-HRC-S-9–
29. 9. 2009, online: http://geneva.usmission.gov/news/ 2.doc (26. 1. 2010), S. 3.
2009/09/29/gaza-conflict/ (26. 1. 2010). 6 Vgl. Goldstone-Bericht (Anm. 1), Paragraph 131,
4 Vgl. The New Republic vom 6. 11. 2009. S. 39.

APuZ 9/2010 17
davon aus, dass dieses neu formulierte Man- kommenden Fälle von Verletzungen des hu-
dat geeignet sei, Israel in die Arbeit der manitären Völkerrechts oder Menschenrechte
Kommission mit einzubinden. Doch trotz vor, während und nach der Gaza-Operation
Überzeugungsarbeit gelang es nicht, Israel zu untersuchen, sondern beschränkte sich dar-
zur Teilnahme und Kooperation zu bewe- auf, einige „illustrative“ Beispiele aufzufüh-
gen. 7 Schlussendlich gab es keinen israeli- ren. Am Ende nennt der Bericht einige an die
schen Beamten, der mit dem Untersuchungs- beiden beteiligten Parteien und Akteure der
team zusammenarbeitete, wodurch es letzte- internationalen Gemeinschaft gerichtete
rem erschwert wurde, sich ein vollständiges Handlungsempfehlungen.
Bild zu machen.
Der Report weist der Hamas und anderen
Obwohl die Hamas ihrerseits eine Koope- bewaffneten Gruppen im Gazastreifen die
ration anbot, stieß die Kommission auch in Verantwortung für folgende Rechtsverlet-
Gaza auf Hindernisse. So schildert der Be- zungen zu: fehlende Vorkehrungen zum
richt, dass Palästinenser oft „nur zögerlich Schutz von Zivilpersonen (Kapitel VIII), die
über die Präsenz von palästinensischen be- anhaltende Internierung des israelischen Sol-
waffneten Gruppen und über deren Verhalten daten Gilad Shalit (Kapitel XVIII), Übergrif-
bei Kampfhandlungen sprachen“, möglicher- fe auf Angehörige der Fatah von Seiten der
weise „aus Angst vor Repressalien“. 8 Da die Hamas (Kapitel XIX) sowie gezielte Angrif-
Aussagen von Dutzenden Einwohnern des fe auf Zivilisten im Süden Israels (Kapitel
Gazastreifens sehr überzeugend und glaub- XXIV). Die fehlende Zusammenarbeit Israels
würdig erscheinen, erweckt der Bericht den bei der Faktenfindung machte es dem Unter-
Eindruck, dass die Verantwortung der Hamas suchungsteam schwer, die israelischen Argu-
(oder anderer Gruppen) für zivile Opfer in mente zur Verantwortung der bewaffneten
bestimmten Vorfällen schwer nachzuweisen palästinensischen Gruppen einer Prüfung zu
sei und dies unabhängig von der fehlenden unterziehen. Konsequenterweise beschränkt
Kooperation Israels bei der Faktenfindung. sich der Report deshalb gelegentlich darauf
einen Satz zu variieren, der in etwa lautet:
„Dem Untersuchungsteam ist es nicht mög-
Rechtliche Schlussfolgerungen lich, ein abschließendes Urteil hinsichtlich
der Beschuldigungen gegen die Hamas und
Von den 21 Kapiteln, die im Zentrum des andere Gruppen zu treffen.“ 10 Der Bericht
Dokuments stehen, behandeln 16 das Verhal- empfiehlt deshalb, dass die Hamas und ande-
ten Israels, vier beschäftigen sich mit Über- re Gruppen „fortan die Regeln des humani-
griffen von Seiten „bewaffneter Gruppen in tären Völkerrechts respektieren sollen, insbe-
Gaza“ und eines widmet sich Anschuldigun- sondere durch den Verzicht auf Angriffe auf
gen gegen die palästinensische Autonomiebe- israelische Zivilpersonen und zivile Objekte,
hörde. Richter Goldstone erklärte dieses Un- sowie alle machbaren Vorkehrungen zum
gleichgewicht damit, dass die Verantwortung Schutz palästinensischer Zivilpersonen wäh-
der Hamas für Raketen- und Mörserangriffe rend militärischer Auseinandersetzungen
auf das südliche Israel kaum in Frage stehe, treffen sollen“. 11 Der Bericht fordert auch
wohingegen die Verantwortung Israels „etwas die Freilassung des entführten israelischen
sehr viel Komplizierteres sei“. 9 Das Untersu- Soldaten Gilad Shalit aus „humanitären
chungsteam versuchte nicht, alle in Betracht Gründen“ oder zumindest seine Anerken-
nung als Kriegsgefangener. Außerdem mahnt
7 Vgl. ebd., Annex II „Correspondence between the
er die palästinensische Autonomiebehörde
United Nations Fact Finding Mission on the Gaza
zur strikten Einhaltung internationaler Men-
Conflict and the Government of Israel regarding Ac-
cess and Cooperation“. schenrechtsnormen. 12
8 Vgl. ebd., Paragraph 438, S. 134. Der Bericht fährt

mit der Feststellung fort, dass „die Mission um ein Der Report kritisiert Israel für eine Reihe
Treffen mit Vertretern bewaffneter Gruppen [er- von Handlungen, angefangen mit miss-
suchte]. Zu einem solchen fanden sich diese jedoch bräuchlichen Inhaftierungen (Kapitel XIV,
nicht bereit.“ Ebd.
9 Interview mit Richard Goldstone, in: The News-

Hour with Jim Lehrer vom 15. 9. 2009, online: 10 Goldstone Report (Anm. 1), Paragraph 463, S. 142.
www.pbs.org/newshour/bb/middle_east/july-dec09/ 11 Ebd., Paragraph 1770, S. 551.
gaza_09–15.html (26. 1. 2010). 12 Vgl. ebd., Paragraph 1771.

18 APuZ 9/2010
XV und XXI) bis zur Unterdrückung ab- lungen zu ermitteln, als gegeben angese-
weichender Meinungen (Kapitel XXV). Im hen. 18 Dagegen treffen die Teile des Berichts,
Mittelpunkt stehen jedoch 36 Vorfälle, die die sich mit der Verantwortlichkeit der Be-
zum allergrößten Teil auf Anschuldigungen teiligten befassen (Kapitel XXVI-XXIX), Is-
gegen Israel wegen Angriffen auf Zivilperso- rael angesichts seiner langen Tradition der
nen zurückgehen, sei es durch willkürliche Militärjustiz am härtesten. Es ist offensicht-
oder unverhältnismäßige Gewaltanwendung lich, dass die Forderung zur Übernahme der
oder durch gezielte Angriffe auf nicht-mili- Verantwortlichkeit für die leitenden Stellen
tärische Ziele. Der Bericht enthält auch eini- auf Seiten Israels viel politischen Sprengstoff
ge Beschuldigungen bezüglich des Ge- birgt (auch wenn dieser Appell sich an Israel
brauchs von Palästinensern als „menschliche und die palästinensischen Behörden in glei-
Schutzschilde“ und bemerkt, dass diese Pra- chem Maße richtet). Was aus israelischer
xis nicht nur der Vierten Genfer Konvention Sicht sogar noch unerfreulicher sein muss, ist
widerspreche, sondern auch vom Obersten der fast kategorische Vorwurf, dass Israel aus
Gericht Israels und der israelischen Militär- eigener Kraft nicht imstande sei, Verletzun-
polizei verboten worden sei. 13 Viele dieser gen des humanitären Völkerrechts nachzuge-
Untersuchungsergebnisse werden vom Be- hen, womit sein gesamtes System der Mili-
richt schließlich als Verletzungen des huma- tärjustiz als unzulänglich beurteilt wird. 19
nitären Völkerrechts benannt; auch Tatbe- Sodann wendet sich der Bericht Alternativen
stände des Kriegsverbrechens könnten mög- zur einheimischen Justiz zu, darunter die fol-
licherweise erfüllt sein. 14 genden:

Was aus israelischer Perspektive am Be- Kontrolle durch den UN-Sicherheitsrat:


stürzendsten sein dürfte, ist jedoch nicht die Der Bericht empfiehlt, dass der UN-Sicher-
Bewertung einzelner Untersuchungsergeb- heitsrat „ein unabhängiges Experten-Gre-
nisse, sondern der allumfassende Vorwurf, mium einsetzt (. . .), um jedwede rechtlichen
dass die Operation „Gegossenes Blei“ sich oder sonstigen Handlungen Israels zu beob-
gegen „die Bevölkerung des Gazastreifens als achten und zu begutachten“, 20 damit ermes-
Ganzes“ gerichtet habe, als Teil einer „allge- sen werden kann, ob Israel seiner Verant-
meinen Politik, die auf die Bestrafung der wortlichkeit gerecht wird.
Bevölkerung des Gazastreifens für deren
ausdauernden Widerstand und ihre vorgebli- Untersuchung durch den Internationalen
che Unterstützung der Hamas abzielt“. 15 Strafgerichtshof (IStGH): Sollte der UN-Si-
Die Gaza-Operation, so der Report, bestand cherheitsrat feststellen, dass die geforderten
also nicht aus einer Reihe von einzelnen Vor- Untersuchungen nicht stattgefunden haben,
fällen strafbaren Verhaltens, sondern war empfiehlt der Report, dass dies dem Chefan-
vielmehr das Ergebnis einer Regierungspoli- kläger am Internationalen Strafgerichtshof
tik, die auf eine „massive und vorsätzliche vorgetragen wird (wie im Falle Darfurs, Su-
Zerstörung“ hinauslief. 16 Beschlossen wird dan). 21 Des Weiteren weist der Bericht darauf
dieser Teil des Berichts von einer Reihe von hin, dass „die Regierung Palästinas“ am 21.
Empfehlungen zur Neuausrichtung der israe- Januar 2009 dem IStGH eine Erklärung vor-
lischen Politik. 17 gelegt habe, in der diese die Gerichtsbarkeit
und Zuständigkeit des IStGH für „Vergehen,
die auf dem Gebiet Palästinas nach dem 1.
Verantwortlichkeit Juli 2002 begangen wurden“, anerkenne. 22

Kapitel XXVII (Proceedings by Palestinian 18 Vgl. ebd., Paragraph 1639, S. 509–513, Paragraph
Authorities) erweckt den Eindruck, als werde
1761, S. 544.
der fehlende Wille der palästinensischen Be- 19 Vgl. ebd., Paragraph 1629, S. 508, Paragraph 1620,
hörden, die Schuldigen für strafbare Hand- S. 506: „dass es Israel auch im Zeitraum von sechs
Monaten nicht gelungen ist, schnelle, unabhängige und
13 Vgl. ebd., Paragraphen 1094–1097, S. 296–298. unparteiliche Strafermittlungen einzuleiten, bedeutet
14 Vgl. ebd., Paragraph 934, S. 260. eine Verletzung seiner Pflicht, Hinweisen auf Kriegs-
15 Ebd., Paragraphen 1680–1681, S. 523. verbrechen ernsthaft nachzugehen“.
16 Ebd., Paragraph 1190, S. 329, Paragraph 1692, 20 Ebd., Paragraph 1766, S. 546 f.

S. 526. 21 Vgl. ebd.


17 Vgl. ebd., Paragraph 1769, S. 549–551. 22 Vgl. ebd., Paragraph 1630, S. 508–509.

APuZ 9/2010 19
Nachdem der hierfür relevante Artikel des Staaten die Handlungen seiner höheren Mili-
Rom-Statuts dargelegt wird (Artikel 12), tärs und politischen Beamten gerichtlich un-
schließt der Report, dass der Chefankläger tersuchen, doch erscheint diese Drohung auf-
selbst ohne Überweisung durch den UN-Si- grund der zum Report gehörenden Doku-
cherheitsrat auf Grundlage des Artikels 12 (3) mentation und der darin vertretenen
des Rom-Statuts eine Untersuchung der Vor- Behauptung, dass die Operation jeglicher ge-
gänge einleiten könne. 23 setzlicher Grundlage entbehre, um einiges
ernst zu nehmender. Eine nicht zu widerle-
Weltrechtsprinzip (Prinzip, dass das natio- gende Tatsache ist, dass eine sehr hohe Zahl
nale Strafrecht auch auf Sachverhalte an- von Zivilisten ums Leben gekommen ist oder
wendbar sein sollte, die keinen spezifischen verletzt wurde, sowie dass zivile Infrastruk-
Bezug zum Inland haben): Der Report nimmt tur beschädigt oder zerstört wurde. 27 Unab-
den „wachsenden Widerwillen seitens Israel, hängig davon, ob Israel damit Recht hat, dass
strafrechtliche Ermittlungen einzuleiten“ der überwiegende Teil dieser Opfer auf vom
zum Anlass, „auf das Weltrechtsprinzip zu Gesetz gedeckte Gewaltanwendung zurück-
vertrauen, um den Staaten einen Weg zu er- zuführen sei und dass die Hamas die Verant-
öffnen“, grobe Verstöße gegen die Genfer wortung dafür trage, dass bewaffnete Grup-
Konventionen verfolgen zu können. 24 pen inmitten der Zivilbevölkerung operier-
ten, brachte sich Israel mit seiner Weigerung,
Die erste Reaktion Israels bestand aus dem mit dem Untersuchungsteam kooperieren,
Hinweis, dass sein System der Strafermittlung um ein wichtiges Forum, die eigene Sicht der
und -verfolgung internationalen Standards Dinge vorzutragen. Zugleich wird dadurch
genüge und dass der Report die verschiede- riskiert, dass nun zahlreiche Strafverfolger,
nen Ebenen unabhängiger Untersuchungen vor allem aus Europa, den Report als Grund-
innerhalb des israelischen Systems nicht be- lage für die Eröffnung von Strafverfahren
rücksichtige und deshalb nichts zu den lau- nach den jeweiligen eigenen Gesetzen gemäß
fenden Untersuchungen sagen könne. 25 Aus- der Norm der universellen Juridisktion
führlich werden die bereits abgeschlossenen (Weltrechtsprinzip) benutzen. Es war ausge-
und noch laufenden Untersuchungen ge- rechnet ein Verbündeter Israels, Großbritan-
nannt. 26 nien, das diese Drohung bereits in die Tat
umsetzte. 28
Die Empfehlungen des Berichts in Bezug
auf die Verantwortlichkeiten werfen für Israel Die Empfehlung an den UN-Sicherheits-
und die internationale Gemeinschaft ernst- rat, ein unabhängiges Experten-Gremium
hafte Probleme auf. Israel sieht sich seit lan- einzuberufen, um die israelischen Bemühun-
gem dem Risiko ausgesetzt, dass ausländische gen zu beobachten, Gesetzesbrecher zur Re-
chenschaft zu ziehen, ist etwas völlig Neues –
und fast mit Gewissheit ein Blindgänger. Vor-
23 Vgl. ebd., Paragraph 1632, S. 509. Artikel 12 (3) des
stellbar wäre zwar, dass der UN-Menschen-
Rom-Statuts sieht vor: „Ist nach Absatz 2 die Aner- rechtsrat ein solches Monitoring-System in-
kennung der Gerichtsbarkeit durch einen Staat er-
itiiert, doch würde es mit den gleichen
forderlich [damit die Jurisdiktion des Strafgerichtshofs
Anwendung finden kann], der nicht Vertragspartei Bedenken zu kämpfen haben wie die Gold-
dieses Statuts ist, so kann dieser Staat durch Hinter- stone-Mission.
legung einer Erklärung beim Kanzler die Ausübung
der Gerichtsbarkeit durch den Gerichtshof in Bezug
auf das fragliche Verbrechen anerkennen“; siehe Arti-
kel 12 (3), Römisches Statut des Internationalen Straf-
gerichtshofs, online: www.un.org/Depts/german/in- 27 Vgl. Ministry of Foreign Affairs (Anm. 26);

terna trecht/roemstat1.html. (26. 1. 2010). B’tselem, B’Tselem’s investigation of fatalities in Ope-


24 Goldstone-Bericht (Anm. 1), Paragraph 1654, ration Cast Lead, 9. 9. 2009, online: www.btselem.org/
S. 515. English/Press_Releases/20090909.asp (26. 1. 2010).
25 Vgl. Israel’s Initial Response (Anm. 3), S. 20–22. 28 Vgl. The Economist vom 17. 12. 2009, online:
26 Vgl. ebd., S. 21 f., Fußnote 23. Siehe auch Ministry www.economist.com/ world/middleeast-africa/ Printe
of Foreign Affairs, The Operation in Gaza, 27 De- rFriendly.cfm?story_id=15136684&CFID=103271027
cember 2008 – 18 January 2009: Factual and Legal &CFTOKEN=10060530 (26. 1. 2010). Darin eine
Aspects, Juli 2009, online: www.mfa.gov.il/NR/rdon Darstellung der „Beinahe-Festnahme“ der ehemaligen
lyres/E89E699D-A435–491B-B2D0–017675DAFEF israelischen Außenministerin Tzipi Livni durch eng-
7/0/GazaOpera tionwLinks.pdf. (26. 1. 2010). lische Beamte.

20 APuZ 9/2010
Die Empfehlung an den UN-Sicherheits- Figur innerhalb der Justiz und des politischen
rat, das Verfahren an den IStGH zu überwei- Lebens, den Generalstaatsanwalt aufgefordert
sen, dürfte zum Scheitern verurteilt sein, da habe, eine Art regierungsamtliche Untersu-
es nicht vorstellbar ist, dass die USA zulassen chung in die Wege zu leiten, um den im Gold-
würden, Israel vor den Internationalen Straf- stone-Bericht vorgebrachten Beschuldigungen
gerichtshof zu bringen. Ähnlich überraschend nachzugehen. 31 Verteidigungsminister Ehud
(und auch sehr kontrovers) wäre, wenn der Barak soll seinerseits jede Art einer solchen
IStGH den Status Palästinas als Staat im Untersuchung ablehnen, 32 doch könnte der
Sinne der eigenen Rechtsprechung bestätigen Einfluss eines altgedienten und angesehenen
würde. 29 Mannes, wie dem ehemaligen Präsidenten des
Obersten Gerichts, mittelfristig zu einer Neu-
Umdenken in Israel? ausrichtung der Staatsräson führen.

Die größte Bedrohung, die für Israel vom Auch innerhalb des Militärs gibt es einige
Goldstone-Bericht ausgeht, abgesehen vom Anzeichen, die auf einen Meinungsumschwung
Rückschlag für die angestrebte Imageaufbes- deuten. Kurz nach Neujahr 2010 gab der Stabs-
serung als Verfechter des humanitären Völ- chef der israelischen Armee eine Verfügung her-
kerrechts, ist die Forderung nach internatio- aus, die eine rechtliche Beratung nicht nur in die
naler Rechenschaftspflicht. In den Wochen Planung militärischer Operationen integriert –
und Monaten nach der Veröffentlichung des was bereits seit einiger Zeit Usus ist –, sondern
Reports machten die Vertreter der israeli- auch vorsieht, dass diese im Verlauf bewaffneter
schen Regierung keinen Hehl aus ihrer Ab- Konflikte in Anspruch genommen werden
lehnung des Goldstone-Berichts und auch soll. 33 Möglicherweise in Kenntnis, dass es
viele andere Meinungsführer im Land wiesen auch im Zuge der Operation „Gegossenes Blei“
die im Bericht gezogenen Schlussfolgerungen zu Verletzungen des humanitären Völkerrechts
zurück. Und doch vermochte dieser Ansatz gekommen war, planen die israelischen Streit-
Israels – also die Herausgabe von Erklärun- kräfte, in ihren Ausbildungsprogrammen grö-
gen und Berichten, mit denen den Anschuldi- ßeren Wert auf die Vermittlung internationalen
gungen des Berichts entgegengetreten werden Rechts zu legen (die aber eigentlich schon seit
sollte – augenscheinlich nicht, der Flut neuer einiger Zeit Bestandteil des militärischen Trai-
Untersuchungen Einhalt zu gebieten. Im nings in Israel ist). 34 Ob diese Schritte zu einem
Laufe der Zeit wurde klar, dass eine unabhän- substanziellen Politikwechsel und zur Einset-
gige, aber von Israel selbst durchgeführte Un- zung einer unabhängigen Untersuchungskom-
tersuchung wohl am besten geeignet wäre, mission führen werden, bleibt abzuwarten.
um die Art von Schutz zu bieten, die sich die
israelische Regierung erhofft – eine Option,
die von der Regierung selbst jedoch bereits Fazit
zu einem frühen Zeitpunkt ausgeschlossen
worden war. 30 Der Goldstone-Bericht hat Israel tief getrof-
fen, wenn auch wohl in erster Linie nicht in
Dennoch mehren sich die Anzeichen dafür, der Weise, wie Goldstone oder andere es er-
dass sich in dieser Frage etwas bewegt – deuten wartet hätten. Die erste Reaktion zementierte
doch einige von höchster Ebene ausgehende – vor allem dadurch, dass sie über Parteigren-
Andeutungen vom Januar 2010 darauf hin, zen hinweg so einhellig ausfiel – die traditio-
dass Israel eine Art unabhängigen Prozess auf nelle Rückzugsposition israelischer Politik,
den Weg bringen will. So wird berichtet, dass die von Zurückweisung der und Isolierung
Aharon Barak, ehemaliger Präsident des Ober- von den UN-Institutionen gekennzeichnet
sten Gerichts des Landes und einflussreiche ist, wenn es um die Sicherheit Israels geht. So
genügt es, sich die Jahre 2004 und 2005 in Er-
29 Vgl. Kevin Jon Heller, Would Moreno-Ocampo innerung zu rufen, als der Internationale
Actually Investigate Only an Israeli Officer?, online:
http://opiniojuris.org/2009/09/21/would-moreno-oca 31 Vgl. Haaretz vom 19. 1. 2010, online: www.haaretz.

mpo-be-dumb-enough-to-investigate-an-israeli-office com/hasen/spages/1143282.html (26. 1. 2010).


r/ (26. 1. 2010). 32 Ebd.
30 Vgl. The New York Times vom 16. 9. 2009, online: 33 Vgl. Haaretz vom 6. 1. 2010, online: www.haaretz.

www.nytimes.com/2009/09/17/world/middleeast/17g com/hasen/spages/1140292.html (26. 1. 2010).


aza.html (26. 1. 2010). 34 Ebd.

APuZ 9/2010 21
Strafgerichtshof die israelischen Sperranlagen nach dem Ende der Kampfhandlungen veröf-
an der Grenze zum Westjordanland ablehnte, fentlicht wurde, gab es keine ernsthafte De-
um sich bewusst zu machen, dass die Position batte über die Operation. Es war der Gold-
Israels innerhalb der UN – insbesondere in stone-Bericht, der eine Änderung dieser Hal-
der Vollversammlung und im UN-Menschen- tung in Gang brachte. Es mag sein, dass
rechtsrat – alles andere als komfortabel ist. dieses öffentlich vorgetragene Umdenken
„nur Schau“ ist, wie es ein bekannter Ana-
Das Gefühl der Isolation entsprang dabei lyst ausdrückte. 35 Doch was immer die Mo-
nicht zur Gänze einer Paranoia; in der Tat fiel tivation für die Forderung Aharon Baraks
die im Goldstone-Bericht geäußerte Kritik an nach einer Untersuchung sowie neuen Re-
Israel harsch aus. Der Vorwurf, dass Israel die geln für die Einbindung rechtlicher Berater
palästinensische Zivilbevölkerung gezielt ins in militärische Operationen gewesen sein
Visier genommen habe und die Forderungen, mag, könnte der öffentliche Charakter seiner
Israel dem Weltrechtsprinzip zu unterwerfen Äußerungen dafür sorgen, dass eine ganz
und eine Untersuchung des Internationalen neue, ernsthafte und nicht zuletzt öffentlich
Strafgerichtshofs einzuleiten, drängte das geführte Debatte über die israelische Militär-
Land in eine Ecke, aus der heraus es ihm politik im Gazastreifen und im Westjordan-
schwer fiel, sich versöhnlich zu zeigen. Viele land in Gang gebracht wird.
Israelis, wahrscheinlich sogar eine Mehrheit
von ihnen, glauben, dass der Goldstone-Be- Richter Goldstone selbst nannte die Unter-
richt die Raketenangriffe durch die Hamas suchung der Verantwortlichkeit und Straf-
und deren Strategie, aus der Deckung mündigkeit beider Konfliktparteien als sein
menschlicher Schutzschilde zu operieren, vorrangiges Ziel. 36 Wie wirkt sich vor diesem
nicht ausreichend berücksichtigt habe. Die is- Hintergrund sein Bericht auf die weltweite
raelische Regierung ihrerseits war nicht in der Bewegung gegen Straffreiheit aus? Sicher ist,
Lage, über den rauen Ton des Berichts hin- dass es ein riskanter Zug war. Sein Appell zu-
wegzusehen, so dass es bis zum Beginn des gunsten eines Weltrechtsprinzips führte zu
Jahres 2010 dauerte, bis sich auch in Israel einer Entfremdung Israels und der USA und
erstmals nennenswerte Stimmen zu Wort die Bemühungen eines britischen Strafverfol-
meldeten, die sich ernsthaft mit den Schluss- gers, sich diesen Appell zu eigen zu machen,
folgerungen des Reports auseinandersetzten; unterminierten die Anstrengungen zu einer
wobei auch jetzt noch lange nicht ausgemacht Stärkung des Weltrechtsprinzips innerhalb
ist, in welche Richtung sich die Debatte be- Großbritanniens. Auch die Forderung nach
wegen wird. Zudem sind auch aus den USA einer Zuständigkeit des Internationalen Straf-
keine Stimmen zu vernehmen – zumindest gerichtshofs muss als riskant und, bis zum ge-
nicht öffentlich – die Israel dazu drängten, wissen Grad, auch als juristisch heikel be-
die Schlussfolgerungen des Berichts ernster trachtet werden.
zu nehmen.
Dies führt uns zur Übernahme der Verant-
Und doch scheinen die israelischen Regie- wortlichkeit aus eigenem Impetus, womit
rungsvertreter nun, da die Aufregung über wir auch wieder bei unserer Ausgangsfrage
den Goldstone-Bericht noch immer nicht ab- wären: ob Israel es gelingt, einen innerstaatli-
geklungen ist, zu erkennen, dass ihre reine chen, unabhängigen Mechanismus einzurich-
Oppositionshaltung die Diskussion nicht hat ten, der geeignet ist, nicht nur die Kritik von
stoppen können. Wohl ist es möglich, dass außen einzudämmen, sondern auch die Mög-
man in Israel, angesichts der immensen Zer- lichkeit bietet, intensive Untersuchungen zur
störungen und der hohen Zahl an zivilen Aufklärung der Gaza-Operation durchzu-
Opfern unter der palästinensischen Bevölke- führen.
rung im Verlauf der Operation „Gegossenes
Blei“ früher oder später dazu gekommen
wäre, sich ernsthafter mit der eigenen Ver- 35 So Ben Lynfield in: Global Post vom 7. 1. 2010, on-

antwortung auseinanderzusetzen und mögli- line: www.globalpost.com/print/5513882 (26. 1. 2010).


36 Vgl. The New York Times vom 17. 9. 2009, online:
cherweise sogar eine unabhängige Untersu-
chungskommission einzusetzen – und doch www.nytimes.com/2009/09/17/opinion/17goldstone.
html (26. 1. 2010).
erscheint es unwahrscheinlich. Vor dem
Goldstone-Bericht, der erst neun Monate

22 APuZ 9/2010
Patrick Keller Region gründet: Öl, Israel und „globale Stabili-
tät“. 3 Der erste Faktor ließe sich auch etwas

Einsatz ohne weniger polemisch in „internationale Energiesi-


cherheit“ übersetzen, denn ein Drittel der welt-
weit nachgewiesenen Gasvorkommen und

Wirkung? mehr als zwei Drittel der weltweit bekannten


konventionellen Ölvorkommen befinden sich
im Nahen und Mittleren Osten. Im Verhältnis
Barack Obamas zu anderen Industrienationen, insbesondere in
Europa, decken die USA zwar nur einen klei-

Nahost-Politik nen Teil ihres Ölbedarfs durch Importe aus


Nahost, weil sie über große eigene Förderkapa-
zitäten verfügen und erhebliche Mengen aus
Kanada beziehen. Globale Lieferengpässe oder
starke Preiserhöhungen würden sich jedoch di-
D as Grundproblem der Präsidentschaft
Barack Obamas besteht darin, dass er
zu viele politische Großprojekte gleichzeitig
rekt auf die Weltwirtschaft auswirken, mit gra-
vierenden Folgen für die Handelsmacht USA.
Daher ist es seit Jahrzehnten ein zentrales natio-
anschieben will – mit nales Interesse der USA, den freien Zugang zu
Patrick Keller dem Ergebnis, dass den Ölreserven des Nahen und Mittleren
Dr. phil., geb. 1978; Koordinator ihm für jedes einzelne Ostens zu garantieren.
für Außen- und Sicherheits- die Kraft, Konzentra-
politik der Konrad-Adenauer- tion und Konsistenz Der zweite Faktor, Israel, beruht auf der
Stiftung, Klingelhöferstr. 23, fehlen, die es zu historischen Rolle, welche die USA als
10785 Berlin. einem erfolgreichen Schutzmacht der Juden gespielt haben – als
patrick.keller@kas.de Abschluss braucht. Heimstätte für Flüchtlinge aus Europa, Füh-
Allein in der Außen- rungsmacht der Anti-Hitler-Koalition, trei-
politik reicht die Liste der „Prioritäten“ vom bende Kraft bei der Unterstützung Israels im
Krieg in Afghanistan über die Neugestaltung Kalten Krieg. Weiterhin ist Israel nach wie
des amerikanisch-russischen Verhältnisses bis vor die einzige Demokratie im Nahen Osten
zum Streit um das iranische Atomprogramm. und weiß allein deswegen schon die Sympa-
Hinzu tritt die ambitionierte innenpolitische thie der Mehrheit der Amerikaner auf seiner
Agenda. Schon heute verfestigt sich daher das Seite. Hinzu tritt der außergewöhnliche Ein-
Narrativ vom begnadeten Redner und Ver- fluss der hervorragend organisierten proisrae-
söhner, der das größte politische Talent seiner lischen Lobby auf den amerikanischen Kon-
Generation war, aber zu früh in höchste Ver- gress, der aber erst vor dem Hintergrund der
antwortung geriet und es trotz großem Initia- ohnehin bestehenden historisch-politisch-
tivreichtum nicht vermochte, konkrete Er- kulturellen Nähe beider Staaten möglich und
gebnisse und nachhaltige Vorteile für sein verständlich wird. 4
Volk zu erzielen. Allerdings ist ihm zugute-
zuhalten, dass er tief verwurzelte Probleme Der dritte Faktor, „globale Stabilität“, ist im
zeitig in Angriff genommen hat; ob er sie Zuge des 11. Septembers 2001 in die erste Reihe
langfristig lösen kann, bleibt noch abzuwar- der amerikanischen Motivationen gerückt. Für
ten. 1 Dies gilt nicht zuletzt für Obamas Nah-
ost-Politik, an der sich die Spannung aus
übersteigerten Erwartungen, überfordernden Ich danke Daniel Schaffer für seine Unterstützung bei
Aufgaben und unübersichtlichen Zeithori- der Recherche für diesen Beitrag.
1 Vgl. Zbigniew Brzezinski, From Hope to Audacity,
zonten besonders deutlich darstellen lässt.
in: Foreign Affairs, 89 (2010) 1, S. 16–30.
2 Vgl. Gert Krell, Die USA, Israel und der Nahost-

Grundlagen der Nahost-Politik Obamas Konflikt, in: APuZ, (2006) 14, S. 25 –31.
3 Vgl. Peter Rudolf, Das „neue“ Amerika. Außen-

Für die USA ist der Nahe Osten traditionell politik unter Barack Obama, Frankfurt/M. 2009,
S. 93 f. Rudolf beschränkt sich allerdings auf die ersten
von herausgehobener strategischer Bedeu- beiden Faktoren.
tung. 2 Auch unter Präsident Obama sind es im 4 Zur Debatte um die jüdische Lobby vgl. Tim Ma-
Wesentlichen drei Faktoren, auf die sich die be- schuw, Israels Lobby vs. Amerikas Interessen?, Bonn
sondere Bindung der Vereinigten Staaten an die 2009.

APuZ 9/2010 23
Präsident George W. Bush bestimmte er sogar ten: Dennis Ross (Sonderberater für den Per-
den Blickwinkel, aus dem die Region wahrge- sischen Golf und Südwest-Asien), George
nommen wurde. Die Kombination aus autokra- Mitchell (Sondergesandter Nahost), Dan Sha-
tischen Regimen, internationalem Terrorismus piro (Leiter der Nahost-Abteilung im Natio-
und Massenvernichtungswaffen wurde als die nalen Sicherheitsrat) und andere hatten schon
größte potenzielle Bedrohung der globalen Sta- unter Bill Clinton ähnliche Funktionen inne.
bilität im 21. Jahrhundert gesehen. Auch heute Auch Außenministerin Hillary Clinton und
noch besorgt diese Mischung westliche Sicher- der Nationale Sicherheitsberater General
heitspolitiker in großem Maße. Sie ist nirgend- James Jones stehen für eine nüchterne Real-
wo so virulent wie im Nahen Osten, wie sich politik, die zuerst die Interessen Amerikas in
gerade um den Jahreswechsel wieder zeigte: der Region im Blick hat und von Verständnis
Der tyrannische Charakter des iranischen Regi- für die Situation Israels getragen ist.
mes ist angesichts der Protestbewegung beson-
ders offenkundig, aber auch Ägypten, Syrien Woran es bis heute allerdings sowohl im
oder Saudi-Arabien sind kaum freiheitlicher. Hinblick auf den Nahen Osten als auch auf
Der internationale Terrorismus wird von auto- die Rolle der USA in der internationalen Po-
ritären Machthabern mehr oder weniger offen litik insgesamt noch fehlt, ist eine Konzeption
gefördert, und es ist kein Zufall, dass der ver- der außenpolitischen Vorstellungen Obamas.
hinderte Flugzeug-Attentäter vom ersten Weih- Bislang hat seine Regierung noch keine Na-
nachtsfeiertag 2009 im Jemen ausgebildet tional Security Strategy vorgelegt, und auch
wurde. Zugleich balanciert diese hochexplosive in vielen einzelnen Bereichen (Nuklearstrate-
Region am Rande einer Rüstungsspirale mit gie, Verteidigungspolitik) mangelt es an rich-
Massenvernichtungswaffen – die Konsequen- tungweisenden Dokumenten. Daher lässt sich
zen des iranischen Nuklearprogramms sind un- Obamas Nahost-Politik nur aus den Reden
absehbar, und Syrien ist vermutlich erst 2007 und dem zuweilen widersprüchlichen Han-
durch einen israelischen Präventivschlag auf deln seiner Regierung ableiten. Das in seiner
seinem eigenen Pfad zur Bombe zurückgewor- Amtseinführungsrede angekündigte außen-
fen worden. Unter den Bedingungen der Glo- politische Leitmotiv seiner Präsidentschaft,
balisierung sind diese Entwicklungen kein Re- die ausgestreckte Hand, gibt dabei auch sei-
gionalproblem mehr, sondern betreffen den ge- ner Nahost-Politik das Maß vor. Am deut-
samten Erdball. Daher sind die USA, die auch lichsten wurde dies in seiner Grundsatzrede
unter Obama Weltordnungsmacht sein wollen in Kairo am 4. Juni 2009, in der er einen
– um nicht zu sagen: müssen –, besonders gefor- „Neubeginn“ im Verhältnis zwischen den
dert. USA und den Muslimen in aller Welt ausrief.
Obama sprach ausführlich von seiner persön-
Welche Maßnahmen Obama ergreifen lichen Erfahrung mit dem Islam (er ver-
würde, um diese drei genannten grundlegen- brachte einen Teil seiner Kindheit in Indone-
den Ziele in Nahost umzusetzen, blieb im sien), von der muslimischen Gemeinschaft in
Wahlkampf unklar. Aus seiner politischen den Vereinigten Staaten und der Kompatibili-
Vita ließ sich wenig ableiten, weil Obama zu tät liberal-amerikanischer Werte mit denen
wenig Erfahrung auf der internationalen des Islam. Er betonte, dass Amerika und der
Bühne hatte. Allerdings leisteten einige kon- Westen mit der muslimischen Welt gemein-
fuse Bemerkungen zum Status Jerusalems sam gegen diejenigen kämpfen wollen, die
und seine Assoziation mit antisemitischen den Islam missbrauchen, um verächtliche po-
Aktivisten wie Reverend Jeremiah Wright litische Ziele zu erreichen. Obamas Appell
Bedenken Vorschub, Obama könnte eine här- zur Zusammenarbeit und Völkerverständi-
tere Gangart gegenüber Israel einschlagen, als gung erstreckte sich nicht nur auf den Kampf
seine beiden Vorgänger dies getan hatten. 5 gegen den Extremismus, sondern bezog sich
Mit der Benennung der Schlüsselfiguren sei- auch auf wirtschaftliche Entwicklung, die
ner Nahost-Politik stellte sich Obama jedoch Förderung der Demokratie und die Eindäm-
ganz in die Tradition gemäßigter Demokra- mung der Verbreitung von Atomwaffen. Im
Gegenzug offerierte er respektvolle Freund-
5 Vgl. für einen besonders bissigen Ausdruck dieser
lichkeiten gegenüber der muslimischen Welt,
Befürchtung: Norman Podhoretz, How Obama’s deren kulturhistorische Leistungen er pries,
America Might Threaten Israel, in: Commentary, und schärfere Töne gegenüber der israeli-
(2009) 5, S. 21–26. schen Siedlungspolitik.

24 APuZ 9/2010
Israelisch-palästinensischer Konflikt Siedlungsbaus sowohl im Westjordanland als
auch in Ost-Jerusalem. Dies bedeutete eine
Neujustierung der amerikanischen Politik, die
Als Obama zum Präsidenten vereidigt wurde, bislang zumindest das „natürliche Wachs-
waren die Hoffnungen auf rasche Fortschritte tum“, den Ausbau bestehender Siedlungen
im sogenannten Friedensprozess gering: Is- aufgrund der Geburtenentwicklung, still-
rael hatte erst an diesem Tag seine umstrittene schweigend geduldet hatte.
Intervention in Gaza beendet und zwischen
Israelis und Palästinensern bestanden keine Diese Fokussierung auf die israelische Sied-
zielführenden Verhandlungen. Ohnehin man- lungspolitik sollte sich für Obama als Fehlkal-
gelte es beiden Seiten an starker Führung für kulation erweisen. Denn Netanjahu erklärte
solche Verhandlungen – Präsident Mahmud sich nicht bereit, die Siedlungsaktivitäten ein-
Abbas konnte kaum noch beanspruchen, für zustellen. Er verwies darauf, dass die Rück-
die Mehrheit der Palästinenser zu sprechen, nahme israelischer Siedlungen in Gaza keine
und der israelische Ministerpräsident Olmert Friedensdividende, sondern weitere palästi-
sah seiner Abberufung Ende Februar entge- nensische Gewalt gebracht habe. Zudem
gen. Sein Nachfolger, Benjamin Netanjahu, konnte er sich rühmen, einen großen Schritt
verfolgte eine harte Linie gegenüber den Palä- auf die Palästinenser zugegangen zu sein, als
stinensern und saß zudem einer instabilen er in Reaktion auf Obamas Rede in Kairo erst-
Koalition vor. Auch von amerikanischer Seite mals einer Zwei-Staaten-Lösung zugestimmt
waren aufgrund der Wirtschafts- und Finanz- hatte (wenn auch unter erheblichen Auflagen,
krise zunächst keine neuen Impulse zu erwar- wie der Demilitarisierung des entstehenden
ten, wie Thomas Friedman in der New York palästinensischen Staates). Für ihn sollte die
Times erklärte: „Obama has three immediate Siedlungsfrage Gegenstand israelisch-palästi-
priorities: banks, banks, banks – and none of nensischer Verhandlungen sein – gemäß des
them are the West Bank.“ 6 etablierten Prinzips „Land für Frieden“.
Abbas hingegen, ermutigt von den starken
Nichtsdestotrotz engagierte sich Obama Worten Obamas und unter Druck der populä-
schon früh im Nahost-Konflikt: Mitchell war ren Hamas, machte den israelischen Sied-
einer der ersten ernannten Sondergesandten lungsstopp nunmehr zur Vorbedingung für
und absolvierte seine erste Dienstreise nach Is- seine Rückkehr an den Verhandlungstisch.
rael noch vor der Wahl Netanjahus. Er war im
Jahr 2001 mit einem Report hervorgetreten, Konfrontiert mit der harten Haltung Netan-
der eine wesentliche Grundlage der Road Map jahus, knickte die Regierung Obama ein: Au-
werden sollte. Dementsprechend wurde dieser ßenministerin Clinton stellte klar, dass der
„Wegweiser“ des Nahost-Quartetts (USA, Siedlungsstopp keine Vorbedingung für Ver-
Russland, EU, UN) auch unter Obama zum handlungen sein dürfe, sondern Teil einer Ge-
Leitfaden des Friedensprozesses. Dem stimm- samtlösung für den Konflikt sein müsse. Da-
ten sowohl die Palästinenser als auch der israe- raufhin erklärte Netanjahu im November ein
lische Premier bei seinem Besuch in Washing- zehnmonatiges Moratorium zum Siedlungs-
ton im Juni 2009 prinzipiell zu. Obama bau, das sich allerdings nicht auf ungefähr 3000
drängte darauf, die Verhandlungen wieder in bereits genehmigte Siedlungsbauten erstreckte.
Gang zu setzen. Er war der Ansicht, dass es So gelang es ihm auf politisch elegante Weise,
nicht genügt, wenn sich der amerikanische ohne signifikante Zugeständnisse in dieser für
Präsident erst im letzten Jahr seiner Amtszeit Israel grundlegenden Frage, Entgegenkommen
mit ganzer Kraft für den Friedensprozess ein- gegenüber Amerikanern und Palästinensern
setzt, wie es Clinton in Camp David und Bush zu signalisieren und zugleich Abbas die Ver-
in Annapolis getan hatten. Insbesondere be- antwortung für das Ausbleiben von ernsthaf-
mühte sich Obama, das Vertrauen der Palästi- ten Verhandlungen zuzuschieben. 7 Abbas
nenser zu gewinnen und die USA als einen wiederum ist durch die widersprüchliche
„ehrlichen Makler“ darzustellen. Dazu über- amerikanische Politik brüskiert worden und
nahm er nicht nur George W. Bushs Bekennt- kann nun hinter seine Haltung, den Siedlungs-
nis zu einer Zwei-Staaten-Lösung, sondern stopp zur Bedingung für Verhandlungen zu
forderte den völligen Stopp des israelischen machen, nicht mehr zurück, da ihn dies end-

6 The New York Times vom 8. 2. 2009, S. WK 10. 7 Vgl. The Economist vom 5. 11. 2009, S. 33.

APuZ 9/2010 25
gültig seine Autorität kosten würde. Vor die- nischen Engagements im Nahost-Konflikt
sem Hintergrund ist seine Drohung, zur näch- fordern. Das Argument ist nicht neu: Solan-
sten Präsidentschaftswahl nicht mehr anzutre- ge die Kontrahenten in der Region nicht be-
ten, durchaus nachvollziehbar. Zwar würde er reit sind für Verhandlungen und Kompro-
voraussichtlich trotzdem Führer der Fatah misse, kann auch ein starkes Amerika keinen
und Vorsitzender der PLO bleiben, aber ein Frieden erzwingen, zumal die üblichen Ideen
Wechsel der palästinensischen Präsidentschaft – etwa die Aushandlung eines separaten is-
hätte zu diesem Zeitpunkt keinen positiven raelisch-syrischen Friedens – derzeit nicht
Einfluss auf die wechselseitige Friedensbereit- aussichtsreicher sind als in den vergangenen
schaft. Denn derzeit ist niemand in Sicht, der Jahren. Obamas verstolperte erste Initiative
ohne die Unterstützung der Hamas ins Präsi- hat ihn zudem auf beiden Seiten Vertrauen
dentenamt gelangen könnte. und Respekt gekostet. Außerdem lässt die
Vielfalt der drängenden außen- und innenpo-
Dass die Uneindeutigkeit der amerikani- litischen Herausforderungen keine Konzen-
schen Politik zu solch einer verfahrenen Si- tration auf den Friedensprozess zu. Obama
tuation beigetragen hat, ist besonders bedau- wäre daher gut beraten, sich zunächst mit
erlich, wenn man bedenkt, dass die Regie- der Vermeidung weiterer Eskalation zu be-
rung Netanjahu – im Gegensatz zu ihren gnügen, anstatt sich in vergeblichen – oder
Vorgängern – ohnehin keine neuen Sied- gar kontraproduktiven – Initiativen zu ver-
lungsaktivitäten genehmigt hatte. Zudem ist ausgaben.
Netanjahu auf rechte Koalitionspartner an-
gewiesen, mit denen ein offiziell erklärter,
umfassender Siedlungsstopp sowieso nicht Das Ringen um Irans nukleare Option
zu erreichen gewesen wäre. Die Fokussie-
rung auf die Siedlungspolitik war ein strate- Auch in der amerikanischen Politik gegen-
gischer Fehler, der dazu geführt hat, dass über dem Iran hat Obama einen Wandel voll-
die Palästinenser nun dem Verhandlungsweg zogen, ohne bislang das gewünschte Ergebnis
den Rücken zukehren und immer stärker zu erzielen. Schon in seiner ersten Pressekon-
mit der einseitigen Ausrufung eines palästi- ferenz als Präsident machte sich Obama die
nensischen Staates liebäugeln. Solch ein Sprachregelung der Regierung Bush zu eigen,
Schritt würde auf erbitterten israelischen indem er eine nukleare Bewaffnung des Iran
Widerstand stoßen und in letzter Konse- „inakzeptabel“ nannte. 9 Eine zivile Nutzung
quenz nicht nur die Road Map, sondern der Nuklearenergie sollte dem Iran möglich
sogar die Vereinbarungen von Oslo unter- gemacht werden, aber unter der Bedingung
minieren. Daher resümiert Lars Hänsel in sich an den von ihm ratifizierten Atomwaf-
seiner Analyse der Nahost-Politik Obamas fensperrvertrag zu halten. Um dieses Ziel zu
ebenso zutreffend wie düster: „Nach zehn erreichen, setzte Obama allerdings nicht auf
Monaten intensiver Bemühungen Obamas Konfrontation, sondern auf die ausgestreckte
im Nahen Osten sind noch keine positiven Hand. So sprach er in seinen Fernsehauftrit-
Ergebnisse der neuen Politik erkennbar. Im ten ebenso wie in seiner Rede in Kairo stets
Gegenteil: Die gegenwärtige Situation, in von der „Islamischen Republik Iran“, ver-
der substanzielle Verhandlungen in weite wendete also den offiziellen Namen des Lan-
Ferne gerückt sind, führt nicht nur zurück des, den amerikanische Diplomaten bislang
zur Situation vor der Konferenz in Annapo- mit Blick auf die konfliktreiche Geschichte
lis, sondern hinterfragt selbst die Ergebnisse seit der Islamischen Revolution gemieden
des Oslo-Prozesses. Damit ist die Situation haben. Auch bekräftigte er sein Wahlkampf-
im Nahen Osten so schwierig wie seit Jahr- versprechen, ohne Vorbedingungen zu rang-
zehnten nicht mehr.“ 8 hohen Gesprächen mit Vertretern des irani-
schen Regimes bereit zu sein. Darüber hinaus
In Washington mehren sich deshalb die vermied er während der iranischen Demon-
Stimmen, die eine Reduzierung des amerika- strationen gegen den Wahlbetrug Präsident
Ahmadinedschads jede Brüskierung der irani-
schen Führung – was ihm in den USA massi-
8 Lars Hänsel, Früher Einsatz – früher Ausstieg? Die
ve Kritik einbrachte.
bisherige Politik der Obama-Administration im Nah-
ostkonflikt, in: KAS-Auslandsinformationen, (2009)
12, S. 22–34, hier S. 32. 9 The Vgl. Washington Post vom 8. 11. 2008, S. A4.

26 APuZ 9/2010
Die iranische Seite reagierte mit der be- nische Sicherheitsgarantie, die für einen
kannten Taktik aus Schuldzuweisungen, nichtnuklearen Iran schon jetzt zu greifen
scheinbarem Entgegenkommen und tatsächli- ist, dann in weiter Ferne. Das würde auch
cher Verschleppung der Verhandlungen – und schärfere internationale Sanktionen gegen-
arbeitete weiter an ihrem Nuklearprogramm. über dem Iran bedeuten – so politisch un-
Neue Raketen wurden getestet, und nahe der wahrscheinlich und unwirksam sie derzeit
heiligen Stadt Ghom wurde eine weitere An- auch erscheinen mögen, weil sie von ver-
lage zur Urananreicherung publik. Unter Ex- schiedenen Akteuren (China, Russland, aber
perten besteht kein Zweifel mehr, dass der auch manchen EU-Staaten) unterlaufen wer-
Iran nach einer militärischen Nuklearoption den. Nicht zuletzt bleibt die Drohung eines
strebt und diese vielleicht schon dieses Jahr in Militärschlags: Eine mehrjährige Verzöge-
Reichweite sein wird. 10 Zumindest wird Iran rung des iranischen Nuklearprogramms
dann ein „virtueller Nuklearstaat“ sein, der durch einen präventiven Angriff halten viele
keine Bombe vorhält, sie aber in kürzester Militärstrategen für möglich. 12 Allerdings
Zeit bauen könnte. Im Ergebnis bedeutet wäre der damit verbundene Preis enorm:
dies, dass die iranische Führung Obamas aus- Iran würde in Afghanistan und Irak destabi-
gestreckte Hand ausgeschlagen hat. 11 lisierend wirken, das Regime würde sich im
nationalistischen Geist festigen und der in-
Die Regierung Obama reagiert darauf mit ternationale islamistische Terrorismus er-
Ratlosigkeit. Ähnlich wie in der israelischen hielte gewaltigen Zulauf. Von den politischen
Siedlungsfrage scheint es keinen feststehen- und materiellen Kosten einer solchen Maß-
den alternativen Plan zu geben, wenn die nahme für die geschwächten USA ist dabei
erste Initiative scheitert. Dies liegt zum einen noch gar nicht die Rede.
an den zahlreichen parallelen Großprojekten,
die keine Konzentration auf ein Problem er- Dieses Dilemma kreist um eine grundsätz-
lauben; zum anderen stellt das iranische Nu- liche Frage: Wird das iranische Regime die
klearprogramm eine besonders vertrackte Atombombe einsetzen oder kann es davon
Herausforderung dar. Denn eine Verhand- zuverlässig abgeschreckt werden? Aller
lungslösung wird immer unwahrscheinlicher. Wahrscheinlichkeit nach sind die iranischen
Das iranische Regime – und das gilt auch für Machthaber rationale Akteure und werden
„Oppositionelle“ wie Ahmadinejads betroge- das eigene Land nicht der Vernichtung preis-
nen Gegenspieler Hussein Moussawi – strebt geben, um Israel auszulöschen. Aber davon
nach einer (Über-)Lebensversicherung sowie kann nicht mit absoluter Sicherheit ausgegan-
nach einer regionalen Vormachtstellung. Bei- gen werden – und wie will Obama die Israelis
des ist durch nichts so zuverlässig zu errei- dazu bringen, sich auf diese existenzielle
chen wie durch die Atomwaffe. Es ist unklar, Wette einzulassen anstatt den Präventivschlag
was die Vereinigten Staaten und die interna- zu riskieren? Und selbst wenn Frieden in Ab-
tionale Gemeinschaft überhaupt in Verhand- schreckung zwischen Israel und dem Iran
lungen anbieten könnten, um die Attraktivi- möglich ist, hätte die Nuklearisierung des
tät der Bombe aufzuwiegen. Irans Folgen für das Machtgleichgewicht in
der Region. Wie kann dann eine destabilisie-
Der andere Weg wäre, den Iran davon zu rende Rüstungsspirale verhindert werden?
überzeugen, dass die nukleare Bewaffnung Und welche Zukunft bliebe dem Atomwaf-
eben nicht attraktiv ist, sondern kostenträch- fensperrvertrag und der internationalen
tig. Dem Iran muss verdeutlicht werden, Norm der Nichtverbreitung? Die Regierung
dass der angestrebte Sicherheits- und Presti- Obama hat bislang – ebenso wie ihre europäi-
gegewinn wesentlich kleiner ausfallen würde schen Verbündeten – auf keine dieser Fragen
als erwartet, da andere regionale Akteure praktikable Antworten gegeben. Die Zeit des
(Saudi-Arabien, Ägypten, Türkei) wahr- Status quo läuft unterdessen ab.
scheinlich mit eigenen Rüstungsprogrammen
12 Eine detaillierte Analyse der Option eines Präven-
reagieren würden. Zudem wäre die amerika-
tivschlags (allerdings durch das israelische Militär)
bieten Abdullah Toukan/Anthony H. Cordesman,
10 Vgl. Hans Rühle, Nuklearmacht Iran? Das Jahr der Study on a Possible Israeli Strike on Iran’s Nuclear
Entscheidung, in: Die Welt vom 8. 7. 2009, S. 5. Development Facilities, 14. 3. 2009, online: http://
11 Vgl. Richard Perle, The Open Hand, Slapped, in: csis.org/files/media/csis/pubs/090316_israeli-
The American Interest, 5 (2010) 3, S. 10–11. strikeiran.pdf (5.1. 2010).

APuZ 9/2010 27
Schwäche der Ordnungsmacht Michael Bröning · Henrik Meyer
Die frustrierenden Beispiele des Friedenspro-
zesses und des iranischen Nuklearprogramms
zeigen, dass der Einfluss Amerikas in Nahost
Zwischen
schwindet. Zumindest fällt es den USA noch
schwerer als früher, Ergebnisse zu erreichen,
die in ihrem Sinne sind. Ein Grund für die
Konfrontation
Schwäche der Ordnungsmacht sind die gewal-
tigen Belastungen, die mit dem Irakkrieg ein-
hergingen. Insofern ist es nicht ohne Ironie,
und Evolution:
dass Obama gerade in der Irak-Politik einen
seiner bislang größten Erfolge feiern konnte.
Denn aufgrund des Strategiewechsels und der
Parteien in
Truppenverstärkung, die Präsident Bush gegen
den Widerstand der Demokraten durchgesetzt Palästina
hatte, sind in den vergangenen beiden Jahren
die Verluste amerikanischer Truppen um über
80 Prozent gesunken. Das korrespondiert mit
einem Rückgang der Anschläge und zivilen
Opfer. Das erlaubte es Obama, in einer seiner
ersten Amtshandlungen sein Wahlversprechen
U nter den Bedingungen der anhaltenden
Quasi-Staatlichkeit in den Palästinensi-
schen Gebieten kommt politischen Parteien
einzulösen und den schrittweisen Abzug aus für gesellschaftliche und
dem Irak einzuleiten. In diesem Jahr soll er ab- diplomatische Prozesse
geschlossen sein, wobei aber rund 50 000 US- eine Schlüsselrolle zu. In Michael Bröning
Soldaten zum Schutz der demokratischen Ver- Abwesenheit funktiona- Dr. rer. pol., geb. 1976; Vertreter
fassung in dem politisch immer noch fragilen ler staatlicher Institutio- der Friedrich-Ebert-Stiftung
Staat bleiben sollen. Zurecht unterstützt nen stellen diese eine der in den Palästinensischen
Obama auf diese Weise die Entwicklung des wenigen Möglichkeiten Gebieten; P.O. Box 25126,
Irak zu einer stabilen Demokratie – denn solch dar, politische Partizipa- Ost-Jerusalem 91251.
ein islamischer Verbündeter wäre für die USA tion institutionalisiert si- info@fespal.org
und den Westen insgesamt ein erheblicher stra- cherzustellen. Palästina
tegischer Zugewinn. ist angesichts der seit Henrik Meyer
dem Jahr 2007 bestehen- M.A., geb. 1982; wissenschaft-
Gegenwärtig jedoch ist die strategische Si- den Spaltung in Fatah- licher Mitarbeiter bei der
tuation ernüchternd. Iran ist als eigentlicher kontrollierte Westbank Friedrich-Ebert-Stiftung in
Sieger aus den Kriegen Bushs hervorgegangen: und Hamas-kontrollier- Ost-Jerusalem (s.o.).
Befreit von den Gegnern im Irak und in Af- ten Gazastreifen grund-
ghanistan ist der Weg zur regionalen Vormacht sätzlich von einem bipo-
geebnet. Israelis und Palästinenser haben sich laren System geprägt. Die dominierende
von Obama abgewendet und sind in ihren Po- Position beider Bewegungen zeigte sich
sitionen verhärtet. Andere regionale Akteure deutlich bei den jüngsten Wahlen zum Pa-
halten sich zurück, solange die USA so unbe- lästinensischen Legislativrat (PLC) im Jahr
stimmt auftreten. Insgesamt wirkt die ameri- 2006. Hier konnten Fatah und Hamas ins-
kanische Nahost-Politik ideenlos, das Land gesamt 119 von 132 Sitzen auf sich verei-
machtpolitisch geschwächt und der Präsident nen. Die Hamas gewann mit 74 Sitzen
durch die Vielzahl der internationalen und hei- eine Mehrheit. Die Bedeutung der beiden
mischen Herausforderungen abgelenkt. Zu- Bewegungen wird auch in aktuellen Mei-
gleich wirkt der Einfluss anderer großer Mäch- nungsumfragen bestätigt, die von der
te wie China und Russland auf die Region eher Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegeben
kontraproduktiv. Es ist Zeit für Europa, sich wurden: Diesen zufolge liegt die Zustim-
stärker in Nahost zu engagieren. mung zur Fatah derzeit bei rund 35 %,
während die Hamas rund 18 % der Stim-
men auf sich vereinen kann. Keine andere
Bewegung erfährt Unterstützung von mehr
als 3,7 % der Wahlbevölkerung.

28 APuZ 9/2010
Abbildung: Organisationsaufbau der Fatah im Jahr 2010

Vorsitzender Fatah-Beirat
• Mahmud Abbas • Gründung auf dem 6. Generalkongress beschlossen
• Ausgewählte ehem. Mitglieder von ZK und RR
ernennt drei Mitglieder

Zentralkomitee im Jahr 2010


• 21 Mitglieder Revolutionsrat im Jahr 2010
• Generalsekretär: ernennt einen Teil der • Z.Zt. 123 Mitglieder
Mohammed Ghneim
Mitglieder • Generalsekretär: Amin Maqboul
• Exekutiv-Organ • „Parlament“ der Fatah
• Ernennt die Vertreter der
Fatah in der PLO
erteilt Anweisungen an

Regionalkomitees
• Entscheiden über die
wählt 18 Mitglieder wählt einen Teil Aufnahme neuer Fatah-
wählt Mitglieder
der Mitglieder
• Repräsentieren die Fatah in
den Regionen
Generalkongress
• Höchste Entscheidungsinstanz entsenden
• Tagung alle fünf Jahre (vorgesehen) Delegierte Militärische Kräfte
• Im Jahr 2009 über 2000 Delegierte • Al-Aqsa Märtyrerbrigaden
• Genauer Verteilungsschlüssel unklar • Tanzim
• Führungsstruktur unklar

Quelle: Eigene Darstellung; beruht auf Interviews, die die Friedrich-Ebert-Stiftung im Jahr 2010 in der Westbank
durchführte.

Eine Analyse der Parteienlandschaft in den gen legitimen Verhandlungspartner für Israel
Palästinensischen Gebieten sollte sich daher und die internationale Gemeinschaft dar.
zunächst auf die beiden Bewegungen Fatah
und Hamas konzentrieren. Dabei ist schon Infolge der israelischen Besetzung des Gaza-
eingangs darauf hinzuweisen, dass weder streifens und der Westbank im Jahr 1967 ge-
Fatah noch Hamas eindeutig als politische wann die Fatah unter der Führung Jassir Ara-
Parteien oder als politische Bewegungen zu fats an breiter Unterstützung. Unter Arafat
verorten sind. Beide befinden sich in einem verfolgte die Fatah einen bewaffneten Kampf
Wandlungsprozess und weisen sowohl Bewe- gegen Israel – lange Zeit mit dem erklärten
gungs- als auch Parteicharakteristika auf. Ziel, das gesamte historische Palästina zu „be-
freien“. Stand die Fatah ursprünglich für ge-
waltsamen Kampf, so war sie in der Lage, mit
Traditionell stark: Die Fatah der Teilnahme an den Friedensgesprächen in
Madrid im Jahr 1991 die Zwei-Staaten-Lösung
In ihrem Selbstverständnis ist die „Bewegung in der palästinensischen Bevölkerung konsens-
der nationalen palästinensischen Befreiung“, fähig zu machen. Seither präsentiert die Fatah
Fatah (Harakat al-Tahrir al-Watani al-Filas- sowohl die Bereitschaft, eine politische Kom-
tini), nach wie vor die einzige Organisation, promisslösung mit Israel auszuhandeln, als
die dem palästinensischen Volk zur Eigen- auch den ständigen Kampf, dieses Angebot
staatlichkeit verhelfen kann. Sie bezieht expli- gegen interne Kritiker aufrechtzuerhalten.
zit Exilpalästinenser mit ein und kann in ihrer Unter ihrem Vorsitzenden Mahmud Abbas ist
Bedeutung nicht überschätzt werden. Dies sie von der Anwendung von Gewalt als politi-
nicht zuletzt, weil seit Beginn des Oslo-Pro- sches Instrument weitestgehend wenngleich
zesses der Chef der Fatah zugleich auch Prä- nicht vollständig abgerückt.
sident der Palästinensischen Autonomiebe-
hörde (PA) und Vorsitzender der Palästinen- Diese prinzipielle Festlegung der Fatah auf
sischen Befreiungsorganisation (PLO) ist. Verhandlungen hat der Bewegung zwar inter-
Diese stellt offiziell nach wie vor den einzi- nationale Anerkennung eingebracht, ihr jedoch

APuZ 9/2010 29
intern zugleich einen erheblichen komparativen Das wichtigste Ergebnis war eine personelle
Nachteil zur Hamas beschert. Zum einen haben Erneuerung der Fatah. Zentralkomitee (ZK)
ausbleibende Erfolge in den verschiedenen und Revolutionsrat (RR) wurden neu besetzt.
Friedensprozessen mit Israel den Grundansatz So konnten z. B. nur vier der 21 ZK-Mitglieder
der Fatah zumindest partiell delegitimiert. Zum ihren Sitz im Exekutivorgan der Fatah verteidi-
anderen haben die Staatsambitionen der Fatah gen. 1 Die sogenannte „alte Garde“ der Fatah
die Entwicklung einer breiten politisch-pro- wurde zum größten Teil ins politische Abseits
grammatischen Identität der Partei deutlich er- gedrängt. Dies hing zum einen mit deren dubio-
schwert. Bis heute steht die Fatah vor allem für ser Leistungsbilanz zusammen, erscheint zum
nationale Befreiung durch Verhandlungen, anderen aber auch als Reflexion der in den ver-
nicht für Politikfeldkompetenz. Zwar ist sie as- gangenen 20 Jahren massiv veränderten Macht-
soziiertes Mitglied der Sozialistischen Interna- realitäten in der Bewegung. Verschiedene
tionalen (SI); sie mittels klassischer rechts- Machtblöcke, die sich um die prominenten
links-Rhetorik im politischen Spektrum zu ve- Köpfe Mahmud Abbas, Mohammed Dahlan
rorten, ist aber nahezu unmöglich. und Jibreel Rajoub gruppieren, dominieren nun
die Institutionen. Der in Israel inhaftierte Mar-
wan Barghouti erhielt zwar viel Zustimmung
Nach 20 Jahren: Der 6. Generalkongress und erzielte ein gutes Ergebnis bei seiner Wahl
ins ZK, konnte jedoch keine seiner Gefolgsleute
Deutlich wurde dies jüngst auf dem lange er- in wichtige Positionen bringen.
warteten und immer wieder verschobenen 6.
Generalkongress der Fatah, der im August Inhaltlich-programmatisch setzte sich dabei
2009 in Bethlehem stattfand. Obwohl die Be- eindeutig der pragmatische Flügel durch. Na-
wegung in den Oslo-Folgejahren zunächst hezu alle Mitglieder des ZK und RR waren be-
eine nahezu unangreifbare politische Domi- reits an Verhandlungen mit Israel beteiligt und
nanz in den Palästinensischen Gebieten ge- stehen für den pragmatischen, ausgehandelten
noss, verlor sie in den späten 1990er Jahren Zwei-Staaten-Ansatz. Die Vertreter des ge-
Legitimität und Unterstützung. Die undurch- waltsamen Widerstands, häufig im Exil, wur-
sichtige Verquickung von PA, PLO und den hingegen marginalisiert. Das formale
Fatah ließ die Partei in Teilen der Bevölke- Festhalten am Recht des bewaffneten Wider-
rung als Synonym von Korruption und Vet- stands gegen die israelische Besatzung im ver-
ternwirtschaft erscheinen. Über die PA mit abschiedeten Programm des Parteitages än-
Zugängen zu erheblichen Machtressourcen dert hieran – trotz teils heftiger Reaktionen
versehen, sträubten sich etablierte Entschei- aus dem Ausland und vor allem aus Israel –
dungsträger gegen jedwede Veränderung des nur wenig. In ihrem Abschlussdokument
Status quo. Im Gleichschritt mit dem zum Er- spricht sich die Fatah eindeutig für Verhand-
liegen gekommenen Friedensprozess ver- lungen aus. Andere Taktiken gelten hier ledig-
harrte die Fatah fortan in Stagnation. Partei- lich als Fallback-Optionen. „Wir haben ein
gremien tagten nicht oder nur unregelmäßig. Recht auf Widerstand, aber wir wählen den
Inhaltliche Debatten fanden nicht statt. Frieden“, verkündete Abbas.

Der institutionelle Stillstand der Fatah Diese Aussagen zur Konfliktlösung waren
konnte weder durch den Tod Arafats im Jahr zugleich die einzigen politisch gehaltvollen
2004 noch durch die Abhaltung von Präsident- Aussagen auf dem Generalkongress. Hinweise
schafts- und Legislativratswahlen in den Jahren zur politischen Vision der Fatah, gar zu einzel-
2005 und 2006 durchbrochen werden, in denen nen Politikfeldern, sucht man in allen Doku-
die Fatah massive Verluste hinnehmen musste. menten vergeblich. Die schwierige Einordnung
Möglicherweise als Vorleistung an die ambitio- in Kategorien von Links und Rechts bleibt
nierten Friedenspläne des US-Präsidenten Ba- daher bestehen – und damit auch die Frage nach
rack Obama war es dann jedoch Mahmud ihrer politisch-ideologischen Identität. Der
Abbas, der überraschend führungsstark den schwierige zweite Schritt nach dem Kongress
Reformstau zu durchbrechen begann. Im ver-
gangenen August rief er 2500 Delegierte zum 6. 1 Vgl. Michael Bröning/Henrik Meyer, Neugeburt in
Generalkongress der Fatah nach Bethlehem Bethlehem. Die Fatah und der 6. Generalkongress
und überraschte und verärgerte damit gestan- 2009, online: www.fespal.org/common/pdf/Fatahkon-
dene Parteigrößen vor allem im Exil. gress.pdf (25. 1. 2010).

30 APuZ 9/2010
steht der Fatah erst noch bevor. 2 In diesem schlägt das Herz der Bewegung: in den Flücht-
wird es nicht nur darum gehen, die eigene pro- lingslagern der Westbank, in denen sich vom
grammatische Identität zu gestalten, sondern Oslo-Prozess enttäuschte Aktivisten funda-
auch in Anerkennung politischer Realitäten mentalistischen Widerstandsphantasien hinge-
eine Neupositionierung zur konkurrierenden ben? In israelischen Hochsicherheitsgefängnis-
Hamas und deren De-facto-Regierung im Ga- sen, in denen Hamas-Aktivisten ihre Zellen mit
zastreifen vorzunehmen. Die Fatah zehrt den eigentlich verfeindeten Fatah-Häftlingen
immer noch von ihrem Mythos als gesamtpalä- teilen und von dort aus den öffentlichen Dis-
stinensische Befreiungsbewegung und muss kurs Palästinas immer wieder mit Zwischenru-
der ernst zu nehmenden Gefahr eines fen anreichern? Im syrischen Exil, in dem sich
langfristigen Legitimitätszerfalls wirksam be- der „Chef des Politbüros“ Khaled Mashal als
gegnen. Ein Voranschreiten im Innern wie politischer Vetospieler geriert? In Hinterzim-
auch im Friedensprozess mit Israel kann nur mern des Regimes in Teheran, das der Hamas
gelingen, wenn sich die Fatah mit der Hamas erhebliche Finanzmittel zukommen lässt? Oder
ins Benehmen setzt – und hierbei von externen doch im bescheidenen Wohnhaus des De-facto-
Akteuren unterstützt wird. Gaza-Ministerpräsidenten Ismail Haniyeh, der
im dicht bevölkerten Küstenstreifen seit 2007
Siegeszug der Hamas eine Gegenregierung zu Premierminister Sa-
laam Fayyad unter Palästinenserpräsident
Die Islamische Widerstandsbewegung Hamas Abbas im Westjordanland unterhält und nach
(Harakat al-Muqawamat al-Islamiyah) in wie vor international boykottiert wird?
einem Beitrag zur Parteienlandschaft der pa-
lästinensischen Gebiete zu behandeln, wirft Die Hamas ist derzeit am ehesten als eine Be-
eine Reihe von Widersprüchen auf. Ähnlich wie wegung im Wandel zu begreifen, die prinzipiell
bei der Fatah wird die Kategorie Partei dem zwischen den umrissenen Polen des bewaffne-
Phänomen Hamas konzeptionell kaum gerecht. ten Kampfes, der karitativ-sozialen Arbeit und
Die Hamas versteht sich seit der Gründung der formalen Partizipation am politischen Pro-
durch Ahmed Jassin im Jahre 1987 grundsätz- zess als Partei oszilliert. Hierbei hat die Hamas
lich als „Palästinensischer Arm der Muslimbru- jüngst an zahlreichen neuralgischen Punkten er-
derschaft“, die von Ägypten ausgehend in zahl- hebliche Veränderungen durchlaufen. Diese
reichen Ländern der Region über bedeutenden sind letztlich als Entwicklungstrend in Rich-
Einfluss verfügt. So klar die Gründung der Be- tung realpolitischer Pragmatismus zu verste-
wegung vor dem Hintergrund der ersten Intifa- hen. Zum Teil sind diese Reformen politisch ge-
da zu definieren ist, so unscharf präsentiert sich wollt und bewusst vorangetrieben, zum Teil als
die Hamas dagegen in der Gegenwart. Was ist Reaktion auf äußere Zwänge zu begreifen. So
die Hamas im Jahre 2010? Eine irrationale und musste die Hamas ihre karitative Arbeit in der
antisemitische Terrororganisation, die sich die Westbank unter der von Premierminister
Zerstörung Israels und die Errichtung eines is- Fayyad geleiteten PA mittlerweile fast vollstän-
lamischen Kalifats im historischen Palästina zur dig einstellen, während sie seit Übernahme des
Aufgabe gestellt hat? Eine sozio-kulturelle isla- Gazastreifens ihre politischen state-building-
mische Caritas, die durch Bereitstellung von Ambitionen nunmehr offen umsetzen kann.
Sozialdiensten Funktionen erfüllt, die der Die Übernahme des Gazastreifens ist dabei ein
Quasi-Staat der PA nicht umzusetzen vermag? einmaliger Vorgang, der auch regional einen
Eine staatstragende religiös-konservative politi- Sonderfall darstellt und erheblichen Einfluss
sche Partei, die sich erfolgreich an Kommunal- auf die Hamas als Bewegung ausübt. 3 Von
und Parlamentswahlen beteiligt hat und heute Selbstmordanschlägen hat sie bereits im Jahr
nicht nur in zahlreichen Städten und Gemein- 2005 Abstand genommen, verfügt nunmehr je-
den, sondern auch im Gazastreifen die staatli- doch im Gazastreifen über zumindest partiell
che Verwaltung von rund einem Drittel aller professionalisierte Streitkräfte. Gemeinsam ist
Palästinenser umsetzt? diesen Veränderungen, dass sie vor dem Hinter-
grund der gewaltsamen Eskalationen des ver-
Doch nicht nur konzeptionell, auch geogra- gangenen Gaza-Krieges auf internationaler
phisch ist die Hamas schwer zu fassen. Wo
3 Vgl. Michael Bröning/Henrik Meyer, Halb zog es
2 Vgl. International Crisis Group, Palestine: Salvaging sie, halb sank sie hin, in: Internationale Politik, 64
Fatah, Middle East Report, Nr. 91 vom 12. 11. 2009. (2009) 9/10, S. 30–38.

APuZ 9/2010 31
Ebene bislang kaum wahrgenommen wurden. 4 lästinensische Koalitionsregierung aus dem
In Bezug auf diese Weiterentwicklungen ist je- Jahr 2006 sowie das Grundlagenpapier des
doch unklar, inwiefern und wie lange sie vor Hamas-Kabinetts vom März 2006. Eine Ana-
dem Hintergrund der anhaltenden Blockade lyse dieser Politikentwürfe macht eine Weiter-
des Gazastreifens von der Hamas aufrechter- entwicklung der politischen Agenda der
halten und beibehalten werden können. Klar Hamas deutlich, die in ihrer Bedeutung kaum
scheint dabei, dass der internationale Boykott zu überschätzen ist. Während die Hamas
der Bewegung sowie die Isolation des Küsten- Charta noch martialisch zum Kampf aufrief,
streifens die kompromissbereiteren Kräfte in- bis „das Banner Allahs über jeden Zentimeter
nerhalb der Hamas langfristig schwächen. von Palästina aufgepflanzt wird“, bezieht sich
das rund 20-seitige Wahlprogramm von 2005
Was will die Hamas? nur noch an zwei Stellen auf „militärische Ak-
tionen“ gegen Israel und das Konzept des be-
Westliche Beobachter beziehen sich in ihrer waffneten „Widerstandes“ (Artikel 1 und 8).
Beurteilung der Hamas immer wieder auf die 16 Absätze thematisieren dagegen bildungs-
sogenannte „Hamas Charta“ aus dem Jahr politische Fragen, Verwaltungsreformen und
1988, in der die Bewegung augenscheinlich Bürgerrechte, legen zugleich jedoch auch fest,
ihre politische Programmatik und ihren Anti- dass die „islamische Scharia die wichtigste
semitismus offen präsentiert. Die Charta wird Quelle der Gesetzgebung in Palästina sein“
dabei in der Regel als Gründungsdokument soll. Gemeinhin charakterisiert dieses Wahl-
der Hamas bezeichnet, welche die „Befreiung“ programm eine erste Neuorientierung der
des gesamten historischen Palästinas durch be- Hamas in Richtung einer politischen Partei.
waffneten Kampf als Ziel definiert, Verhand-
lungen als „Zeitverschwendung“ zurückweist, In der Praxis wurde dieser Wandlungspro-
Gesamtpalästina als niemals zu teilendes isla- zess mit der Entscheidung zur Teilnahme an
misches Erbe begreift und dem Staat Israel den Wahlen zum PLC im Jahr 2005 untermau-
jede Daseinsberechtigung abspricht. In Bezug ert. Noch im Jahr 1996 hatte die Hamas die
auf diese politische Agenda der Hamas Charta, Wahlen als faktische Anerkennung des Oslo-
aber auch auf die das Dokument durchziehen- Prozesses boykottiert. Eine Fortsetzung fand
den antisemitischen Verschwörungstheorien, diese programmatische Weiterentwicklung im
werden Versuche der kritischen Einbindung Programmentwurf für eine Koalitionsregie-
der Hamas immer wieder als illusorisch oder rung aus dem Jahr 2006. In diesem hatte sich
defätistisch zurückgewiesen. Obwohl eine sol- die Hamas erfolglos bemüht, die unterlegene
che Bewertung im Hinblick auf die Charta ge- Fatah für eine gemeinsame Regierungsüber-
rechtfertigt erscheinen mag, lässt sie bedeuten- nahme in den Palästinensergebieten zu gewin-
de jüngere Entwicklungen außer Acht. Derzeit nen. In 40 Artikeln weitet der Entwurf inhalt-
finden sich keinerlei aktuellen Erklärungen der lich durch Diskussion der „Rolle von Berufs-
Hamas, die auf die Charta verweisen oder poli- genossenschaften und Gewerkschaften“
tisches Handeln durch Verweis auf das Doku- (Artikel 23) sowie der „Zivilgesellschaft“ (Ar-
ment rechtfertigen. 5 tikel 22) den politischen Horizont der Bewe-
gung und verzichtet nahezu gänzlich auf kom-
Aufschlussreicher für die Gegenwart er- promisslose Widerstandsrhetorik im Geiste
scheinen aktuellere Politikkonzepte der der Charta. An diese inhaltlichen Entwicklun-
Hamas, die entgegen verbreiteter Annahmen gen anschließend präsentierte Ministerpräsi-
detailliert vorliegen. Zu verweisen ist hier dent Haniyeh am 27. März 2006 schließlich
etwa auf das Hamas Wahlprogramm aus dem ein Regierungsprogramm, das unter anderem
Jahr 2005, den Programmentwurf für eine pa- ökonomische Fragestellungen freier Markt-
wirtschaft erörtert sowie „notwendige Anrei-
4 Vgl. Michael Bröning, Hamas 2.0. The Islamic Resi- ze und Garantien für Auslandsinvestitionen“
stance Movement Grows Up, in: Foreign Affairs (on- ankündigt, da diese eine „Kernsäule nachhal-
line), (2009) 8, online: www.foreignaffairs.com/ar- tiger Entwicklung“ darstellen.
ticles/65214/michael-br%C3%83%C2%B6ning/ham
as-20 (25. 1. 2010).
5 Vgl. Paul Scham/Osama Abu-Irshaid, Hamas –
Der Rückgriff auf diese Politikentwürfe
Ideological Rigidity and Political Flexibility, United kann sicherlich nicht den Beweis dafür erbrin-
States Institute of Peace, Special Report 224, (2009) 6, gen, dass die Hamas nunmehr den Entwick-
S. 4 f. lungsprozess hin zu einer rein an Sachfragen

32 APuZ 9/2010
interessierten demokratisch legitimierten Re- wegen ihrer angeblichen Kapitulation gegen-
gierungspartei abschließend durchlaufen hat. über dem „zionistischen Feind“ kritisiert und
Eine solche Einschätzung verhindert schon auch militärisch bekämpft wird. 8 Kompro-
die mehr als gemischte Menschenrechtsbilanz misslose Gruppen wie etwa die Hisb Al Tah-
in Gaza seit der Hamas-Machtübernahme. 6 rir (Partei der Befreiung), der Islamische
Wohl aber zeigen die Dokumente das Ausmaß Jihad, die Jaish al Islam (Islamische Armee),
der Professionalisierung im politischen An- die Jaish al Umma (Armee der Gemeinschaft
spruch der Bewegung, die das Element des be- der Gläubigen) haben vor allem in Gaza Zu-
waffneten Widerstandes nunmehr zumindest lauf gefunden. Im August des vergangenen
durch umfangreiche Politik- und Gesell- Jahres etwa endete eine Auseinandersetzung
schaftsentwürfe kontextualisiert und faktisch zwischen der obskuren Jund Ansar Allah
auch – zumindest bis auf weiteres – relativiert (Soldaten der Gefährten Gottes) und der
hat. Politisch besonders relevant wird diese Hamas-Polizei in Rafah mit 22 Toten.
Entwicklung durch die inhaltliche Genese der
Hamas in der Frage zur Positionierung gegen- Die Kritik von radikaleren Gruppen ist ein
über dem Staat Israel. Grund, weshalb von der Hamas auch in Zu-
kunft eine formelle Akzeptanz des Existenz-
Im Mai 2009 trat der Chef des Politbüros rechtes Israels nicht zu erwarten ist. Sie er-
in Damaskus an die Öffentlichkeit und ver- klärt nicht zuletzt auch die Ansprache Ha-
kündete ein faktisches Umschwenken der niyes in Gaza, in der er jüngst anlässlich des
Hamas auf die Errichtung eines Palästinen- 22. Jahrestages der Hamas-Gründung einen
serstaates in der Westbank und im Gazastrei- politischen Anspruch auf „ganz Palästina“
fen. „Unsere Minimalforderung ist die Grün- zumindest rhetorisch auf der Agenda hielt. 9
dung eines palästinensischen Staates mit vol- Eine weitere Ursache für das Beharren der
ler Souveränität in den Grenzen von 1967 mit Hamas auf der Nicht-Anerkennung Israels ist
Jerusalem als Hauptstadt. Wir fordern eine die Wahrnehmung, dass die Akzeptanz Israels
Beseitigung aller Checkpoints und das Recht einen politischen Trumpf darstellt, der nicht
auf Rückkehr der palästinensischen Flücht- vorzeitig ausgespielt werden darf. Aus der
linge“, erklärte Khaled Mashal. Haniyeh Sicht der Hamas ist der kollabierte Oslo-Pro-
hatte sich in Gaza kurz zuvor ähnlich positio- zess, der mit der gegenseitigen Anerkennung
niert. Anders als in früheren Erklärungen ver- der Konfliktparteien begann, ein Negativbei-
zichteten Haniyeh und Mashal auf jeden Ver- spiel. So fragte Haniyeh jüngst rhetorisch:
weis darauf, dass die Etablierung eines Palä- „In the past, Yasser Arafat recognized Israel
stinenserstaates in den Grenzen von 1967 but failed to achieve much. Today, Mahmoud
lediglich Bestandteil der Befreiung Gesamt- Abbas recognizes Israel, but we have yet to
palästinas „in Phasen“ darstelle. Von Mashal see any of the promised dividends of the
wurde hierbei mittlerweile gar eine Waffenru- peace process.“ 10
he (Hudna) von bis zu 100 Jahren in Aussicht
gestellt. 7 Auch die Forderung nach einem Wer führt die Hamas?
Recht auf Rückkehr der Flüchtlinge ist letzt-
lich politisch anschlussfähig, da sich diese Po- Angesichts der anhaltenden internationalen
sition mit der offiziellen Haltung der PLO Isolation und der Fortsetzung der sogenann-
deckt, mit der Israel seit Beginn des Oslo- ten „targeted killings“ Israels gegen Entschei-
Prozesses verhandelt. dungsträger der Hamas erstaunt es nicht, dass
die Hamas ihre Organisationsstruktur stets
Die hier zu beobachtende Neuorientierung so intransparent wie möglich gehalten hat. In
in Richtung einer impliziten Koexistenz mit der Öffentlichkeit hat sich angesichts der
Israel wird auch dadurch offenbar, dass die spärlichen Informationen eine simplistische
Hamas mittlerweile von radikaleren Gruppen
8 Vgl. Barak Mendelsohn, Hamas and Its Discontents.

The Battle over Islamic Rule in Gaza, in: Foreign Af-


6 Vgl. Human Rights Watch, Under Cover of War: fairs (online), (2009) 9, online: www.foreignaffa
Hamas Political Violence in Gaza, (2009) 4, online: irs.com/articles/65417/barak-mendelsohn/hamas-and-
www.hrw.org/sites/default/files/reports/iopt0409web. its-discontents (25. 1. 2010).
pdf (25. 1. 2010). 9 Vgl. Fawaz A. Gerges, The Transformation of Ha-
7 Vgl. Interview mit Khaled Mashal, in: Foreign Poli- mas, in: The Nation vom 25. 1. 2010.
cy, (2009) 1. 10 New Statesman vom 17. 9. 2009.

APuZ 9/2010 33
Abbildung: Organisationsaufbau der Hamas im Jahr 2010

Gaza-PA Politbüro Auslandsvertretungen


• Premierminister: • Leitung: Khaled Mashal • U.a. in Syrien, Libanon, Sudan, Jemen,
Ismail Haniyeh • Sitz in Damaskus Iran
• Regiert Gaza • Ca. sieben bis neun Mitglieder • U.a. für Mittelakquise zuständig
• Kontrolliert alle PA- • Portfolios: Politisches, Militärisches,
Organe in Gaza Sicherheit, Finanzen,
Organisatorisches, Wohltätiges, tagt jährlich,
Soziales, Medien, Internationale abwechselnd in
Beziehungen

informiert wählt aus


und berichtet seinen Mitgliedern Schurarat
Gaza-Legislativrat berichtet und legt • Setzt politische Leitlinien
• Umfasst die Hamas- Rechenschaft ab • Muslimbruderschaft aus anderen
Exekutiv-Komitee
Mitglieder des PLC Staaten ohne Stimmrecht vertreten
• Ca. 15 Mitglieder,
in Gaza wählt aus seinen
auf vier Jahre
gewählt Mitgliedern erteilt Anweisungen entsenden jeweils
an einen Vertreter

erteilt Anweisungen an führt vermutlich


Regionale Schura- und Verwaltungsräte
Qassam-Brigaden • Zuschnitt unklar: insgesamt ca. 70 Regionen
Sicherheitskräfte • Operieren im
• PA-Kräfte • „Regionen“ auch im Ausland und israelischen Gefängnissen
Untergrund • Übernehmen politische und religiöse Funktionen, karitative
• Qassam-Brigaden in • Befehlsstrukturen
Gaza z.T. integriert und soziale Aufgaben sowie Medienarbeit
unklar

auf lokaler Ebene vermutlich Einfluss auf

Quelle: Eigene Darstellung; beruht auf Interviews, die die Friedrich-Ebert-Stiftung im Jahr 2010 in der Westbank
und in Gaza durchführte.

Wahrnehmung der Hamas-Führungsstruktur langfristig gegenüber den Entscheidungsträ-


durchsetzen können, die der Realität kaum gern vor Ort an Einfluss eingebüßt haben. 12
gerecht wird. Regelmäßig findet sich hier
etwa die These einer Dichotomie zwischen
„Exil-“ und Inlands-Hamas, wobei letztere in Ungewiss: Versöhnung zwischen
der Regel als politisch „moderater“ charakte- Fatah und Hamas
risiert wird. 11 Der tatsächliche aktuelle Orga-
nisationsaufbau der Hamas stellt sich hinge- Angesichts der Tatsache, dass die anhaltende
gen komplexer dar und kreist um verschie- Konfrontation zwischen Fatah und Hamas die
dene Machtzentren in Damaskus und Gaza, internationale Verhandlungsposition der Palä-
die jedoch nicht per se als „moderat“ oder stinenser erheblich schwächt, bemühen sich
„radikal“ kategorisiert werden können. beide Parteien seit langem – vor allem unter
ägyptischer Ägide – ihre Differenzen zu begra-
Da diese Entscheidungsstrukturen stetigen ben. Ziel ist, Gaza sowie die A- und B-Zonen
Änderungen unterworfen sind, stellt sich die der Westbank wieder unter die Kontrolle
Frage, an welcher Stelle das politische Mo- einer Einheitsregierung zu stellen, die von
mentum der Bewegung derzeit besonders Fatah und der Hamas unterstützt oder zumin-
groß ist. Angesichts der Etablierung der dest toleriert wird. Eine solche „Nationale
Hamas im Gazastreifen als De-facto-Staats- Versöhnung“ wird dabei auch deshalb immer
partei scheint besonderes Gewicht derzeit auf dringender, weil Fatah und Hamas ihre spätes-
den Entscheidungsträgern in Gaza zu liegen. tens seit Januar 2010 abgelaufenen politischen
Dieser Trend würde der grundsätzlichen Ent- Mandate durch Wahlen nur dann überzeugend
wicklung innerhalb palästinensischer Grup- erneuern können, wenn sie sich auf einen ge-
pen entsprechen, in denen die Exilführer meinsamen Wahlablauf geeinigt haben. Trotz
der Dringlichkeit ist mit einer raschen Über-
11 Vgl. International Crisis Group, Gaza’s Unfinished

Business, Middle East Report Nr. 85 vom 23. 4. 2009, 12 Vgl. Mohammad Bazzi, Inside Hamas’ Power

S. 12. Structure, in: Miftah, (2006) 6.

34 APuZ 9/2010
windung der Spaltung nicht zu rechnen. Zwar Michaela Birk · Ahmed Badawi
hat die Fatah anders als die Hamas das vom
ägyptischen Verhandlungsführer Omar Suley-
man unterbreitete Versöhnungsdokument öf-
fentlichkeitswirksam unterzeichnet, eine Um-
Bedeutung und
setzung der vereinbarten Schritte wäre jedoch
auch bei einem Einlenken der Hamas unwahr-
scheinlich. Denn dies würde von Hamas und
Wandel der
Fatah die weitgehende Aufgabe ihrer jeweili-
gen Machtmonopole verlangen. Hierzu jedoch Arabischen
scheint keine der beiden Bewegungen derzeit
bereit. Der die Gesamtregion durchziehende
Konflikt islamischer Protestakteure mit natio-
Friedensinitiative
nalistisch-säkularen Staatsmächten dürfte auf
die Palästinensischen Gebiete bezogen auf ab-
sehbare Zeit auch weiterhin in einer geogra-
phischen Spaltung münden. D ie Arabische Friedensinitiative (im Ori-
ginal: Arab Peace Initiative, API)
wurde von der Arabi-
Auf der Suche nach Alternativen schen Liga im März Michaela Birk
2002 verabschiedet. Die Dipl. Pol., geb. 1964; Geschäfts-
Die bestehende Dominanz von Fatah und Initiative beinhaltet das führerin, Transform e.V. – Zen-
Hamas hat die Entwicklung weiterer Parteien Angebot, dass, sollte trum für Konfliktanalyse, Politi-
nicht ausgeschlossen. Zu erwähnen sind hier sich Israel auf die Gren- sche Entwicklung und Weltge-
etwa die „linken“ Parteien wie Demokrati- zen von 1967 zurück- sellschaftsforschung, Imma-
sche Front für die Befreiung Palästinas ziehen und einen unab- nuelkirchstr. 10, 10405 Berlin.
(DFLP), Partei des Palästinensischen Volkes hängigen palästinensi- birk@transform-centre.org
(PPP) und die von der EU als Terrororganisa- schen Staat mit Ost-
tion gelistete Volksfront für die Befreiung Pa- Jerusalem als Haupt- Ahmed Badawi
lästinas (PFLP). Obgleich institutionell in der stadt anerkennen, die MSc., geb. 1967; Berater,
PLO vertreten, ist das Potenzial dieser Grup- arabischen Staaten zur Nahost-Team bei der Oxford
pierungen begrenzt. Da sie in der Vergangen- „Normalisierung“ ihrer Research Group, London;
heit stets die Fatah unterstützten, werden sie Beziehungen mit Israel Direktor, Transform e.V. (s.o.).
zudem kaum als Alternative zum politischen bereit seien. Zudem for- badawi@transform-centre.org
Establishment wahrgenommen. dert sie eine Lösung der
Flüchtlingsfrage in Übereinstimmung mit der
Unzufrieden mit Fatah und Hamas grün- UN-Resolution 194. Die API ist kein Frie-
deten Intellektuelle wie Edward Said und densplan und sie als „Initiative“ zu bezeich-
Mustafa Barghouti im Jahr 2002 die Palästi- nen könnte missverständlich sein. Sie ist eher
nensische Nationale Initiative (Al-Mubadara) eine Absichtserklärung – wenn auch eine sehr
als linksliberale Alternative. Obwohl inhalt- bedeutsame – und gilt als eine der wichtigsten
lich ausdifferenziert, konnte Al-Mubadara arabischen Erklärungen seit der Gründung
die Erwartungen als Partei bislang nur teil- Israels im Jahr 1948. 1
weise erfüllen. Zwar konnte ihr Vorsitzender
Barghouti bei den vergangenen Präsident- Obwohl die Initiative einen umfassenden
schaftswahlen 19 % auf sich vereinen, schnitt und dauerhaften Frieden im Nahen Osten
bei den Parlamentswahlen jedoch bescheide- verspricht, hat sie Israel bislang nicht dazu
ner ab. Faktisch wirbt die Partei mit dem bewegen können, die Besetzung der arabi-
Konzept des gewaltlosen Widerstandes um schen Gebiete zu beenden und der Gründung
Wähler, die sich weder für Hamas noch für eines lebensfähigen palästinensischen Staates
Fatah aussprechen möchten und agiert in der zuzustimmen. Zwar haben viele Stimmen aus
Dichotomie zwischen Hamas und Fatah der arabischen Welt in den vergangenen Mo-
immer wieder auch als Vermittler.
Übersetzung aus dem Englischen von Orhan Günden,
Bonn.
1 Vgl. Alon Ben Meir, Israel and the Arab Peace In-

itiative, in: Journal of Peace, Conflict and Deve-


lopment, 14 (2009).

APuZ 9/2010 35
naten dazu aufgerufen, die API zurückzuzie- Auch innerhalb der palästinensischen Füh-
hen. Jedoch sind solche Aufrufe eher als Aus- rung kam es zu einem strategischen Umden-
druck der Frustration über Israels Reaktion ken. Die PLO unter dem Vorsitz Arafats ver-
auf die API und die Fortsetzung seiner Poli- kündete im Jahr 1974 einen „Stufenplan“ für
tik in den besetzten Gebieten zu verstehen die Befreiung, die mit der Etablierung der Pa-
denn als eine wirkliche Abkehr von den In- lästinensischen Autonomiebehörde auf allen
halten der Initiative. Denn im Grunde ist die befreiten Gebieten des historischen Palästinas
API nichts anderes als die kollektive Bekräfti- ihren Anfang finden sollte. Dies stellte eine,
gung dessen, was von einzelnen Mitgliedstaa- wenn auch implizite Abkehr vom ursprüngli-
ten der Arabischen Liga (AL) bereits aner- chen Ziel der PLO (Israel zu vernichten und
kannt und umgesetzt wurde. Vor diesem Hin- ganz Palästina zu befreien) dar.
tergrund sind Aufrufe, die Initiative
zurückzuziehen, vernachlässigbar. Im Jahr 1982 enthüllte Saudi-Arabien einen
als „King Fahd“-Plan bekannt gewordenen
Vorschlag, der im Kern der späteren API sehr
Historischer Kontext der Initiative ähnelte. Im Jahr 1988 akzeptierte die PLO
schließlich die Resolution 242 des UN-Sicher-
Die API könnte als ein Zeichen dafür gewer- heitsrates und schwor offiziell der Gewalt wie
tet werden, dass die regierenden Eliten der auch dem bewaffneten Kampf ab. Mit der Frie-
wichtigsten arabischen Staaten von der Ge- denskonferenz von Madrid im Jahr 1991 starte-
schichte eingeholt wurden. Sie ist der Höhe- ten bi- und multilaterale Verhandlungen und
punkt einer Reihe von Veränderungen im zwei Jahre später kam es schließlich zum be-
strategischen Denken der arabischen Führun- rühmten Händedruck zwischen Yitzhak Rabin
gen seit der Niederlage im Jahr 1967, als Is- und Jassir Arafat auf dem Rasen des Weißen
rael drei arabische Armeen besiegte und Ost- Hauses, gefolgt von der Unterzeichnung eines
Jerusalem, das Westjordanland, den Gaza- Friedenvertrages zwischen Israel und Jordanien
streifen, den Sinai sowie die Golanhöhen be- im Jahr 1994. Diese Ereignisse, die sich über
setzte. Es dauerte allerdings einige Jahre bis eine Zeitspanne von 20 Jahren erstrecken, tru-
die arabischen Staaten die militärische Über- gen zur Anerkennung des Existenzrechts Israels
legenheit Israels akzeptierten. So kam es zu- in den arabischen Staaten bei.
nächst im September 1967, also unmittelbar
nach dem Ende des Sechs-Tage-Krieges, auf Das Besondere an der API ist, dass die re-
einem arabischen Gipfeltreffen zum berühm- gierenden Eliten von so unterschiedlichen
ten Beschluss der „drei Nein“: Nein zu einer Staaten wie Syrien, Katar oder Algerien,
Anerkennung Israels, Nein zu Verhandlun- neben Ägypten, Jordanien, der Palästinensi-
gen mit Israel, Nein zu einem Frieden mit Is- schen Autonomiebehörde (PA) und anderen
rael. Mitgliedstaaten der AL sich erstmals offiziell
für das Prinzip „Land für Frieden“ ausspre-
In der Folgezeit verbreitete sich innerhalb chen. In der arabischen Welt ist – zumindest
der arabischen Welt allmählich das Einsehen, auf Ebene der offiziellen Außenpolitik –
dass es zunehmend unrealistischer wurde, Pa- längst keine Rede mehr von der „Befreiung
lästina gewaltsam zu befreien – insbesondere ganz Palästinas“. Inhaltlich birgt die API
da abzusehen war, dass Israel weiterhin die keine substanziellen Neuerungen. Im Grun-
Unterstützung der USA genießen würde. de ist sie eine gemeinsame Erklärung der
Dieser als Durchbruch anzusehende neue AL-Mitglieder, in der sie das bekräftigen,
Denkansatz wurde vom damaligen ägypti- was sie als Einzelstaaten in bilateralen Ver-
schen Präsidenten Anwar Sadat und dem Vor- handlungen mit Israel bereits anerkannten.
sitzenden der Palästinensischen Befreiungsor- Daher kann man sich die Frage stellen, wes-
ganisation (PLO) Jassir Arafat forciert. Der halb diese Erklärung ausgerechnet im Jahr
Erfolg Sadats im Jahr 1979, den Kriegszu- 2002 abgegeben wurde und nicht vor oder
stand mit Israel zu beenden und durch Diplo- nach diesem Zeitpunkt. Der unmittelbare
matie den Sinai zurückzugewinnen, bekräf- Kontext, der zur Verkündung der API
tigte die Ansicht – zumindest unter denen, führte, deutet darauf hin, dass sie in erster
die ohnehin offen waren für eine gewaltfreie Linie für die internationale Staatengemein-
Lösung –, dass Verhandlungen der vielver- schaft gedacht war und sich nur in zweiter
sprechendere Weg seien. Linie an Israel richtete. Um dies zu verdeut-

36 APuZ 9/2010
lichen, ist es hilfreich, zunächst die Rolle tern. Daher versuchten sie sich als Unterstüt-
Saudi-Arabiens zu beleuchten. zer der Palästinenser zu präsentieren und
Druck auf die Regierung Ariel Scharons aus-
Saudi-arabische Initiative zuüben, um im Gegenzug für normale Bezie-
hungen mit der gesamten arabischen Welt
Die API wurde erstmals in Thomas Fried- eine friedliche Regelung des Konfliktes zu er-
mans Kolumne in der New York Times im reichen.
Februar 2002 erwähnt. 2 Im darauf folgen-
den März sollte in Beirut ein Gipfeltreffen Der Text der Initiative musste einige Ver-
der AL stattfinden. Weit oben auf der Ta- änderungen durchlaufen, ehe ihr Syrien und
gesordnung stand die sich zunehmend ver- Libanon zustimmten. Syrien erhob Einwän-
schlechternde Lage in den besetzten Gebie- de gegen die Bezeichnung „Normalisierung“
ten infolge der zweiten Intifada. Friedman (der Beziehungen) und ersetzte diese mit
stellte die Frage, weshalb die Araber nicht dem Ausdruck, die arabischen Staaten woll-
einfach erklärten, das Existenzrecht Israels ten „(. . .) im Rahmen dieses umfassenden
anerkennen und mit Israel normale Bezie- Friedens normale Beziehungen zu Israel auf-
hungen etablieren zu wollen, wenn es sich bauen“. 3 Zudem bestanden beide Staaten
aus den Gebieten zurückziehe. Daraufhin darauf, dass nicht nur der Rückzug Israels
erhielt Friedman eine Einladung nach Saudi- aus den palästinensischen Gebieten gefordert
Arabien, wo Kronprinz Abdullah von seiner werden sollte, sondern aus allen besetzten
Absicht erzählte, den arabischen Vertretern arabischen Gebieten – einschließlich der sy-
in Beirut exakt dies vorschlagen zu wollen: rischen Golanhöhen und eines kleinen, unge-
Die arabische Welt solle Israel im Gegenzug fähr 22 Quadratkilometer großen, umstritte-
für seinen Rückzug aus den im Jahr 1967 nen Landstückes im Südlibanon, das als
besetzten Gebieten eine Normalisierung der „Schebaa-Farmen“ bekannt ist. Die Beset-
Beziehungen anbieten. zung der Schebaa-Farmen wird von der His-
bollah immer wieder als Vorwand benutzt,
Die Entscheidung der Saudis, diese Exklu- um ihre Entwaffnung abzulehnen oder Ver-
sivmeldung durch einen amerikanischen Ko- geltungsanschläge in Nordisrael zu verüben.
lumnisten verkünden zu lassen, ist vor fol- Eine Lösung für die Schebaa-Farmen ist
gendem Hintergrund von Relevanz: Kurz daher ein entscheidendes strategisches Ziel
nach den Anschlägen am 11. September 2001 jeder libanesischen Regierung, die das eigene
– bei denen 15 der 19 Flugzeugentführer sau- Gewaltmonopol festigen und Milizen ent-
dische Staatsbürger mit Verbindungen zu al- waffnen will. Auch wehrte sich der Libanon
Qaida waren – geriet Saudi-Arabien unter vehement gegen jede Vorlage, in der nicht
enormen Druck seitens der USA. Die API – explizit die Repatriierung der palästinensi-
damals auch „Abdullah Plan“ oder „saudi- schen Flüchtlinge im Libanon erwähnt
sche Friedensinitiative“ genannt – konnte wurde. Dennoch stimmten beide Staaten
daher als Versuch Saudi-Arabiens und ande- nach intensiven Verhandlungen und Druck
rer „gemäßigter“ arabischer Staaten wie seitens Ägypten und Saudi-Arabien folgen-
Ägypten und Jordanien gewertet werden, die der Formulierung zu: „Die Arabische Liga
Spannungen mit den USA abzubauen. ruft Israel dazu auf, sich für (. . .) das Errei-
chen einer gerechten und abgestimmten Lö-
Ein weiterer Faktor, der zum besseren Ver- sung für das palästinensische Flüchtlingspro-
ständnis der Umstände beiträgt, die zur Ver- blem in Übereinstimmung mit der UN-Re-
kündung der API führten, ist die im Septem- solution 194 einzusetzen.“ 4
ber 2000 ausgebrochene zweite Intifada mit
blutigen Folgen für Israelis und Palästinenser. Im Juni 2002 wurde sie von allen 57 Mit-
Das Scheitern des Oslo-Abkommens sowie gliedern der Organisation der Islamischen
über arabisches Satellitenfernsehen verbreite- Konferenz (OIK), einschließlich des Iran, an-
te Bilder leidender Palästinenser nährten bei
den arabischen Führern Ängste vor einer De- 3 Die Endversion der auf dem Gipfel in Beirut verab-
stabilisierung ihrer Regime und drohten ihre schiedeten Initiative sowie die in Vorbereitung des
Legitimität und Glaubwürdigkeit zu erschüt- Gipfels diskutierte Version sind online: www.al-
bab.com/Arab/docs/league/peace02.htm (1. 2. 2010).
2 Vgl. The New York Times vom 2. 2. 2002. 4 Ebd.

APuZ 9/2010 37
genommen. Die iranische Regierung stand Seit seinem Amtsantritt entwickelte sich ein
damals unter der Führung des moderaten und enges Verhältnis zwischen ihm und dem ägyp-
reformorientierten Präsidenten Mohammad tischen Präsidenten Husni Mubarak sowie der
Khatami. Er wurde im Jahr 2005 vom Hardli- saudischen Königsfamilie, was wesentlich
ner Mahmud Ahmadinedschad abgelöst. Im dazu beitrug, die syrischen Einwände gegen
Laufe eines Staatsbesuches im Jahr 2007 in die API zu überwinden. Jedoch verschlechter-
Riad wurde zwar von den saudi-arabischen ten sich diese mit der Ermordung des populä-
Medien berichtet, dass auch Präsident Ahma- ren libanesischen Ministerpräsidenten Rafiq
dinedschad der API seine Unterstützung aus- Hariri im Februar 2005, für die der syrische
gesprochen habe. Jedoch wurde diese Nach- Geheimdienst verantwortlich gemacht wird.
richt umgehend von hochrangigen iranischen Diese Ereignisse, gekoppelt mit Syriens anhal-
Regierungsmitgliedern dementiert. Offiziell tender Unterstützung für die Hamas und His-
unterstützen jedoch weiterhin alle OIK-Mit- bollah, sowie seine strategische Allianz mit
glieder die von Saudi-Arabien lancierte Initia- dem Iran führten dazu, dass sich die Regie-
tive. Diese Position wurde selbst im Mai 2009 rung Assads allmählich vom gemäßigten ara-
– also kurz nach dem verheerenden Gaza- bischen Lager distanzierte.
Krieg – bekräftigt. Vor diesem Hintergrund
ist die offizielle israelische Reaktion auf die Ein weiteres Beispiel für die Polarisierung
API, die sich anfangs in Ablehnung und an- innerhalb der arabischen Staatengemeinschaft
schließend in Ambivalenz äußerte, umso irri- ist der Sondergipfel der AL im Januar 2009.
tierender. Katar drängte auf seine Einberufung als Aus-
druck der Solidarität mit den Palästinensern,
was von Ägypten und Saudi-Arabien abge-
Polarisierung in der arabischen Welt lehnt wurde. Beide Staaten erklärten, dass der
ohnehin anstehende Wirtschaftsgipfel in der
Seit der Verkündung der Initiative im Jahr darauf folgenden Woche in Kuwait ausreiche,
2002 haben sich die Rahmenbedingungen im um auf den israelischen Angriff auf Gaza zu
Nahen Osten erheblich verändert. Dazu tru- reagieren. Allerdings kann auch von anderen
gen der Tod Arafats im Jahr 2004 und das dar- Beweggründen Ägyptens und Saudi-Arabiens
auf folgende Machtvakuum in den palästinen- ausgegangen werden: Zum einen stehen beide
sischen Gebieten bei, der Krieg zwischen Is- Länder Katar aufgrund der kritischen Bericht-
rael und der Hisbollah im Jahr 2006 sowie erstattung des dort angesiedelten Nachrichten-
der Krieg zwischen Israel und der Hamas im senders Al-Jazeera ohnehin mit großem Miss-
Gazastreifen. Diese Ereignisse vor dem Hin- trauen gegenüber. Hinzu kommt, dass beide
tergrund ausbleibender Fortschritte beim aufgrund ihrer politischen Nähe zu den USA
Friedensprozess haben unter den arabischen zurückhaltend gegenüber Sondergipfeln in
Eliten zu einer erneuten Polarisierung zwi- Krisenzeiten sind, da diese üblicherweise in
schen „Gemäßigten“ und „Hardlinern“ ge- stark emotionalisierten und populistischen Er-
führt. Das gemäßigte, moderate Lager um- klärungen gipfeln. Sie dienen oft dazu, zornige
fasst die PA sowie Ägypten und Jordanien, und aufgebrachte arabische Massen zu besänf-
die diplomatische Beziehungen zu Israel un- tigen, können jedoch gleichzeitig zu großer
terhalten, wie auch Saudi-Arabien. Sie alle Verlegenheit vis-à-vis den USA führen. So ent-
haben strategische Beziehungen zu den USA. puppte sich auch der trotz allem einberufene
Dem steht das „Lager der Hardliner“ mit Sondergipfel in Doha als Treffpunkt arabischer
Hamas, Syrien und seit kurzem auch das vom und nicht-arabischer Hardliner; auch der Iran
Iran unterstützte Katar gegenüber. nahm mit einer von Präsident Ahmadined-
schad persönlich geleiteten Delegation teil.
Das Beispiel Syriens zeigt, wie sich die Ein-
stellung gegenüber der API bei den „Hardli- In seiner Rede auf diesem Gipfel erklärte
nern“ veränderte. Da es im Nahen Osten ohne Assad die Arabische Friedensinitiative für
Ägypten kein Krieg gegen Israel und ohne Sy- tot. Es folgten verbale Schlachten quer durch
rien kein Frieden mit Israel geben kann, ist die die arabische Welt und Assad erntete harsche
syrische Unterstützung für die Initiative von Kritik aus dem moderaten Lager. Ein palästi-
enormer Bedeutung. Als die API im Jahr 2002 nensischer Berichterstatter warf ihm Populis-
verkündet wurde, war Syriens Präsident Bas- mus und kurzsichtige Interessen vor; es sei
har Assad gerade einmal zwei Jahre im Amt. unmöglich von einem „Tod“ der Initiative zu

38 APuZ 9/2010
sprechen, da sie im Kern international aner- Das Pessach-Attentat und die folgende israeli-
kannte Normen einhalte, die bereits von allen sche Wiederbesetzung des Gazastreifens und
arabischen Staaten, so auch Syrien, akzeptiert des Westjordanlandes führten zu einer Eskalati-
worden seien. 5 on der zweiten Intifada und die API geriet völ-
lig in den Hintergrund.

Position der Palästinenser Seitdem die API im März 2007 erneut be-
kräftigt wurde, legt die Hamas eine zweideuti-
Die API genießt die volle Unterstützung der ge Politik an den Tag. Viele ihrer Führer äu-
PA und ihres Präsidenten Mahmud Abbas. ßern sich ablehnend, andere dagegen neutral
Ihnen ist durchaus bewusst, dass die Unter- oder sogar positiv. Hamas-Führer Ismail Ha-
stützung der anderen arabischen Staaten pri- niyeh war beim Gipfel in Riad im April 2007
mär auf Eigeninteressen beruht. Doch bietet anwesend und unterstützte die API insoweit,
ihnen die API einen diplomatischen Schutz- als er unterstrich, dass die Hamas die Initiative
schirm sowie eine dringend benötigte Stütze zwar nicht ablehne, zugleich aber keinerlei
für ihren diplomatischen Kampf auf interna- Kompromisse beim Rückkehrrecht der paläs-
tionaler Ebene. tinensischen Flüchtlinge eingehen würde.

Sowohl die PA als auch die PLO bemühen Hamas will ihre Positionen zur API erst
sich daher proaktiv um internationale und is- dann offiziell festlegen, wenn die Initiative
raelische Unterstützung für die API. So hat von Israel akzeptiert wurde. Was Hamas
die Palästinensische Autonomiebehörde in heute schon akzeptiert, ist die in der API ge-
einem bislang beispiellosen Schritt Werbun- äußerte Forderung nach einem palästinensi-
gen in israelischen Tageszeitungen 6 sowie der schen Staat auf den im Jahr 1967 von Israel
Washington Post 7 geschaltet. Auch auf der besetzten Gebieten. Zu den Streitpunkten ge-
Webseite der PLO finden sich ausführliche hören neben der Frage nach dem Rückkehr-
Informationen zum Inhalt und möglichen recht der Flüchtlinge auch die in der Initiative
Implikationen der Initiative. 8 explizit geforderte Anerkennung des Staates
Israel – was ein innerhalb der Hamas kontro-
Im Gegensatz zu den von der Fatah domi- vers diskutiertes Thema ist. Folgt man der
nierten PLO und Autonomiebehörde kann die herrschenden Meinung in den arabischen
Position der Hamas bestenfalls mit „konstruk- Staaten, wird sich die Hamas trotz allem im
tiver Ambivalenz“ umschrieben werden. Noch Rahmen des arabischen Konsenses bewegen,
am Tag der offiziellen Verkündung der Initiati- sobald sich erste Erfolge bei der Implemen-
ve verübten Mitglieder des militärischen Flügels tierung der API zeigen. Dies allerdings hängt
der Hamas ein Selbstmordattentat in Netanya, vorrangig vom Verhalten Israels ab.
das in Israel als das „Pessach-Massaker“ be-
kannt wurde und bei dem 20 Menschen getötet
und über 100 verletzt wurden. Der damalige Israel und die
Hamas-Führer Scheich Ahmed Jassin erklärte,
dass der Angriff dem arabischen Gipfel die Bot-
Arabische Friedensinitiative
schaft übermittelt habe, „dass das palästinensi-
Die API bietet Israel das, was das Land seit
sche Volk den Kampf für das Land fortsetzen
seiner Gründung im Jahr 1948 anstrebt. Viele
und sich weiterhin verteidigen wird, ganz gleich Jahre lang war es Israels größter Wunsch, ein
welche Maßnahmen der Feind unternimmt“. 9
solches Angebot unterbreitet zu bekommen.
5 Vgl. Al-Arabiya online vom 19. 1. 2009, online:
Weshalb, so ließe sich fragen, reagiert Israel
www.alarabiya.net/programs/2009/01/19/64525.html bislang zurückhaltend? Es scheint, dass die
(20. 1. 2010). „dramatische Veränderung“ in der arabischen
6 Vgl. Haaretz vom 24. 11. 2008. Position von der israelischen Regierung ledig-
7 Vgl. The Washington Post vom 30. 5. 2009.
lich „mit einem Gähnen“ quittiert wurde. 10
8 Vgl. „Frequently asked questions on the Arab Peace

Initiative“ auf der Webseite des PLO Negotiations


Zwar hat die israelische Regierung der Ini-
Affairs Department, online: www.nad-plo.org/nego/
pea ce/arabpea ce.pdf (20. 1. 2010). tiative bis heute weder offiziell zugestimmt
9 Zit. in: CNN online vom 27. 3. 2009, online: http:// noch lehnte sie sie ab, aber sie benannte
edition.cnn.com/2002/WORLD/meast/03/27/mideast
(20. 1. 2010). 10 The New York Times vom 21. 2. 2002.

APuZ 9/2010 39
Punkte, bei denen sie nicht zu Kompromissen anerkenne und sich im Rahmen der Verhand-
bereit war, wie die palästinensische Flücht- lungen zwischen Israel und der palästinensi-
lingsfrage und den Rückzug bis auf die Gren- schen Führung weiterhin auf sie beziehen
zen von vor dem Sechs-Tage-Krieg. 11 wolle; er entwickelte sogar die Idee einer re-
gionalen Konferenz, auf der sich die Regio-
Man könnte argumentieren, Israel begehe nalstaaten über weitere Schritte hinsichtlich
einen historischen Fehler und seine Vorbehalte der API austauschen könnten. 16
gegen die Initiative beruhten auf einer falschen
Interpretation ihres Inhalts. So äußerten viele Auch sein Nachfolger Benjamin Netanjahu
israelische Politiker ernste Zweifel an den Be- signalisierte Gesprächsbereitschaft zur API als
weggründen der AL. Ihrer Ansicht nach sind er erklärte, dass er die Bemühungen der arabi-
die Bestimmungen der API – die Anerkennung schen Staaten, den Friedensprozess vo-
des „Land für Frieden“-Prinzips als Vorausset- ranzutreiben, sehr schätze und – gleichwohl die
zung für multilaterale Gespräche – nicht ak- Angebote nicht endgültiger Natur seien – da-
zeptabel. 12 Manche bezeichneten die Initiative durch eine positive Stimmung erzeugt werden
als ein inakzeptables „Ultimatum“ der arabi- könne. 17 Israels Standpunkt ist recht eindeutig:
schen Staaten; andere wiederum betrachteten die API kann kein Angebot im Sinne eines
sie als eine „Anleitung“ zur Zerstörung Israels: „take-it-or-leave-it“ sein, sondern lediglich eine
Israel sei ohne die Gebiete, die sie laut API den Zwischenstufe, die nur in Verhandlungen aus-
Palästinensern und im weiteren Schritt den Sy- gearbeitet werden kann. Israel beharrt auf der
rern und dem Libanon überlassen müsste, In- Position, nur einen Teil der im Jahr 1967 besetz-
vasionen ausgeliefert. 13 ten Gebiete zurückzugeben und ist weder be-
reit, Verantwortung für die Notlage der palästi-
In dem Maße wie die Hamas nicht bereit ist nensischen Flüchtlinge zu übernehmen noch
auf das Rückkehrrecht der palästinensischen ihr Rückkehrrecht zu akzeptieren.
Flüchtlinge zu verzichten, will Israel sich mit
keinem Lösungsvorschlag befassen, welcher
die palästinensische Flüchtlingsfrage beinhal- Was nun?
tet. Nur wird in der API das „Rückkehrrecht“
nicht explizit erwähnt. Selbst die Formulie- Israels indifferente Haltung gegenüber der
rung, wie sie in der gegenwärtigen Fassung be- Initiative verringert keineswegs ihre Bedeu-
nutzt wird, gilt für viele in der arabischen Welt tung. Nach Jahrzehnten der innerarabischen
als „Ausverkauf“ der Flüchtlinge. 14 Es Zwietracht und einem Wettlauf um bilaterale
scheint, dass der genaue Text der API der israe- Lösungen und Abkommen mit Israel, hat es
lischen Öffentlichkeit wenig bekannt ist, wie die API geschafft, die arabischen Staaten auf
die Äußerung Ehud Olmerts im Jahr 2007 mit eine gemeinsame Vision von einem Frieden,
Blick auf die API vermuten lässt: „Ich werde der ein Mindestmaß an international aner-
nie einer Lösung zustimmen, die auf ihrer kannten palästinensischen und arabischen
Rückkehr nach Israel basiert, egal wie viele es Rechten absichert, einzustimmen. Die API
sind.“ 15 präsentiert einen ausgewogenen Lösungsan-
satz, der die Interessen aller Parteien, Israel
Allerdings hat sich auch die israelische Po- eingeschlossen, berücksichtigt. Daher ist es
sition seitdem weiter entwickelt. Kurze Zeit ihr auch gelungen, internationale Zustim-
nach dem obigen Zitat merkte Olmert an, mung und Unterstützung zu gewinnen.
dass er die Initiative schätze, ihre Bedeutung
Als Absichtserklärung bleibt die API weiter-
hin ein relevantes Dokument, auch wenn sie für
11 Vgl. Haaretz vom 4. 3. 2002. viele in Israel offensichtlich nicht überzeugend
12 Vgl. Joshua Teitelbaum, The Arab Peace Initiative: a
genug ist. Somit bleibt auch mit dieser Initiative
primer and future prospects, Jerusalem Center for
Public Affairs, Jerusalem 2009. die 60 Jahre alte Frage unbeantwortet: Was
13 Vgl. The Jerusalem Post vom 28. 3. 2007. müsste geschehen, um den arabisch-israelischen
14 So steht in der Initiative: „Further calls upon Israel

to affirm: (. . .) Achievement of a just solution to the 16 Vgl. Olmert hails Arab peace offer as ,revolutionary

Palestinian refugee problem to be agreed upon in ac- change‘ auf CBC online, online: www.cbc.ca/world/
cordance with U.N. General Assembly Resolution story/2007/03/30/olmert-summit-070330.html (25. 1.
194.“ API (Anm. 3). 2010).
15 The Jerusalem Post vom 30. 3. 2007. 17 Vgl. The Jerusalem Post vom 24. 7. 2009.

40 APuZ 9/2010
Konflikt zu lösen und einen überlebensfähigen Heike Kratt
Staat für die Palästinenser zu gründen, um zu
einer friedlichen Einigung mit Syrien zu kom-
men, Sicherheit für Israel zu garantieren, Ge-
rechtigkeit für die Flüchtlinge sowie übergrei-
Zivile Konflikt-
fende Stabilität für die Region herzustellen?
Vermutlich werden die API wie auch andere
Bemühungen zur Beilegung des Konflikts
bearbeitung
scheitern, wenn die internationale Gemein-
schaft nicht entschlossen genug Druck auf Is-
rael ausübt, keine weiteren Siedlungen auf be-
in Israel
setzten Gebieten zu bauen, da dies die Grün-
dung eines palästinensischen Staates zusätzlich und Palästina
erschwert.

Mit anderen Worten: nun ist Israel am Zug.


Zurzeit ist das Land beunruhigt über die
mutmaßlichen Versuche des Iran, Nuklear-
D as Denken und die Methoden der Ver-
gangenheit konnten die Weltkriege
nicht verhindern, aber das Denken der Zu-
waffen zu entwickeln – eine Sorge, die viele
kunft muss Kriege un-
in der arabischen Welt teilen. Seine Beziehun-
möglich machen.“ (Al-
gen zur Türkei haben sich in Folge des Gaza-
bert Einstein) Die Zi-
Krieges enorm verschlechtert. Die öffentliche
vile Konfliktbearbei- Heike Kratt
Meinung in Europa schlägt um zugunsten der
tung als Denk- und Dipl.-Pol., geb. 1976; Vorstands-
Palästinenser, was sowohl das Risiko eines
Handlungskonzept hat mitglied des forumZFD e.V., wis-
Boykotts israelischer Produkte in sich birgt
sich im Rahmen der ge- senschaftliche Mitarbeiterin im
als auch für militärische und politische Per-
sellschaftlichen Um- Deutschen Bundestag, Invali-
sönlichkeiten Israels wegen Kriegsverbrechen
brüche entwickeln denstraße 149, 10115 Berlin.
angeklagt zu werden, wie in Großbritannien
können, die das Ende kratt@forumzfd.de
geschehen. 18
des Kalten Krieges
kennzeichneten. Sie er-
In seiner Rede vor Kandidaten für die is-
weiterten den Blick auf politische Akteure:
raelischen Parlamentswahlen im Frühjahr
Es wurde deutlich, dass nicht nur der Staat
2009 fasste Akiva Eldar, renommierter Jour-
und seine Institutionen über Handlungs-
nalist bei Haaretz, die Entscheidung vor der
macht verfügen; auch zivile (also nicht-staat-
Israel stehe in klare Worte: „Sie können die
liche) Akteure wurden als Träger gesellschaft-
Initiative unterstützen, so wie sie sie auch ab-
lichen Wandels wahrgenommen. In diesem
lehnen dürfen. Allerdings können die um das
Sinne stellt der Begriff Zivile Konfliktbear-
Vertrauen der Wähler ringenden zionisti-
beitung die Bedeutung von nicht-staatlichen
schen Parteien dem mit Abstand aussichts-
Akteuren in den Vordergrund – auch wenn
reichsten diplomatischen Entwurf, den Israel
staatliche Akteure konzeptionell nicht ausge-
je von den Arabern erhalten hat, nicht aus-
schlossen werden. 1
weichen. Jeder Kandidat muss eine eindeutige
Position beziehen, ob die Regierung die Initi-
Der Begriff „zivil“ hat eine Doppelbedeu-
ative annehmen oder ablehnen wird. Anders
tung, die auch für die weitere Bestimmung
formuliert, was ziehen Sie eher vor: zusam-
der Zivilen Konfliktbearbeitung entscheidend
men mit 22 arabischen Staaten eine Front
ist. Zivil wird auch im Sinne von „nicht-mili-
gegen den Iran und seine Agenten zu errich-
tärisch“ gebraucht. Im Rahmen der Zivilen
ten oder zusammen mit den Siedlern eine
Konfliktbearbeitung greift diese Bedeutung
Front gegen den Rest der Welt?“ 19
allerdings zu kurz; zivil heißt hier allgemeiner
„nicht gewalttätig“. Die Nichtanwendung
von Gewalt ist damit das übergeordnete Ziel
der Zivilen Konfliktbearbeitung.
18 Vgl. The Economist vom 17. 12. 2009.
1 Vgl. Martin Quack, Ziviler Friedensdienst: Exem-
19 Haaretz vom 26. 1. 2009.
plarische Wirkungsanalysen, Dissertation an der Uni-
versität zu Köln, Entwurf vom 8. 8. 2008, S. 19.

APuZ 9/2010 41
Ein Konflikt wird dabei nicht mit Gewalt ZFD wurde als eigene Programmlinie der
gleichgesetzt. Konflikte werden als notwen- Entwicklungspolitik aufgenommen. Die Zivi-
dige Bestandteile von gesellschaftlichen Pro- len Friedensfachkräfte werden damit im Rah-
zessen definiert. Verhindert werden soll men des Entwicklungshelfergesetzes entsandt.
aber, dass sie gewalttätig ausgetragen wer- Der Dachverbund des Zivilen Friedensdien-
den. Daher ist das Ziel von Ziviler Konflikt- stes in Deutschland ist das Konsortium ZFD,
bearbeitung die gewaltfreie Austragung von in dem sich die Trägerorganisationen (sieben
gesellschaftlichen Konflikten. 2 Dabei geht anerkannte Entsendeorganisationen 3 und
es nicht nur um die Verhinderung von phy- ein Dachverband 4) zusammengeschlossen
sischer Gewalt. Auch dahinter liegende For- haben.
men von struktureller und kultureller Ge-
walt müssen mit einbezogen und bearbeitet „Ziel des ZFD ist, Form und Dynamik
werden. einer Konfliktaustragung mit gewaltfreien
Mitteln dahin zu beeinflussen, dass Gewalt
Zivile Konfliktbearbeitung kann sowohl vermieden oder beendet oder zumindest ge-
durch innergesellschaftliche Akteure als auch mindert wird („working on conflict“).“ 5 Der
durch sogenannte Drittparteien geleistet wer- ZFD hat dabei den Anspruch, in allen drei
den. In diesem Artikel soll es vor allem um Phasen eines Konfliktes anzusetzen: vor,
die zweite Form und speziell um den Zivilen während und nach einem gewalttätigen Kon-
Friedensdienst (ZFD) in Israel und den palä- flikt. Er sieht sich damit in Abgrenzung und
stinensischen Gebieten gehen. Anhand von Ergänzung der konfliktsensiblen Entwick-
zwei Beispielen soll veranschaulicht werden, lungszusammenarbeit, die nicht am Konflikt,
wie Zivile Konfliktbearbeitung und Friedens- sondern in einem Konflikt arbeitet („working
förderung praktisch aussehen kann und wel- in conflict“).
che Herausforderungen und Möglichkeiten
dieser Ansatz in dieser spezifischen Region Der ZFD arbeitet grundsätzlich mit loka-
hat. len Partnerorganisationen zusammen. Da-
durch sollen lokale Friedenspotenziale besser
Arbeit am Konflikt: erkannt und genutzt sowie lokale Kräfte ge-
zielt gefördert werden. Die meisten Konsor-
Der Zivile Friedensdienst ten entsenden ihre Fachkräfte direkt in be-
stehende lokale Organisationen (integriertes
Als Gegenmodell zur Entsendung von Soldaten Modell). 6 Auch die Einflussnahme auf Ge-
und Armeen, die Sicherheit garantieren sollen, waltakteure wird angestrebt. Die gezielte Ko-
stehen beim ZFD Friedensfachkräfte im Mittel- operation mit Gewaltakteuren zum Zwecke
punkt, die in Methoden der Konfliktbearbei- der Verhinderung weiterer Gewalt ist nicht
tung ausgebildet sind und in Konfliktregionen ausgeschlossen. Außerdem sollen auch lokale
entsendet werden. Diese Person(en) mit ihren
spezifischen Fähigkeiten stehen im Mittel-
punkt. Es geht nicht um finanzielle Unterstüt-
3 Das sind Deutscher Entwicklungsdienst (DED),
zung, sondern darum, durch den gezielten Ein-
satz von geschultem Personal und damit ver- Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH),
Weltfriedensdienst (WFD), Forum Ziviler Friedens-
bundenen Aktivitäten in den Konfliktgebieten
dienst (forumZFD), Evangelischer Entwicklungsdienst
die Gewalt zu verhindern oder zu mindern. Das (EED), Internationaler Christlicher Friedensdienst
setzt einen hohen Anspruch an die Qualifizie- (EIRENE), Christliche Fachkräfte International
rung des Personals voraus. (CFI), geordnet nach ihrem prozentualen Finanzanteil
von Seiten des Bundesministeriums für wirtschaftliche
Die Kriege im ehemaligen Jugoslawien Zusammenarbeit und Entwicklung; vgl. M. Quack
(Anm. 1), S. 27.
gaben den Anstoß dazu, dass sich diese Idee 4 Das ist die Aktionsgemeinschaft Dienst für den
im Zusammenwirken von Entwicklungs- und Frieden (AGDF).
Friedensdiensten institutionalisierte. Der 5 Konsortium ZFD: Standards für den Zivilen Frie-

densdienst. Gemeinsame Grundlage des Konsortiums


2 Vgl. Christoph Weller/Andrea Kirschner, Zivile Ziviler Friedensdienst bei der Entwicklung von Pro-
Konfliktbearbeitung – Allheilmittel oder Leerformel? jekten, Bonn 2005, S. 2.
Möglichkeiten und Grenzen eines viel versprechenden 6 Das forumZFD bildet hier eine Ausnahme: Die

Konzepts, in: Internationale Politik und Gesellschaft, 4 Fachkraft arbeitet mit lokalen Partnerorganisationen
(2005), S. 10 –29. zusammen, ist aber nicht bei ihnen angesiedelt.

42 APuZ 9/2010
Friedensfachkräfte im Sinne der Nachhaltig- Dann verläuft sie auch innerisraelisch zwi-
keit gezielt beschäftigt und gefördert werden. schen den jüdischen Israelis in Israel und den
in Israel lebenden israelischen Arabern bezie-
Die Friedensfachkräfte in Israel und Paläs- hungsweise Palästinensern mit israelischem
tina arbeiten an unterschiedlichen geografi- Pass. 8 Beide Konfliktlinien stehen in enger
schen Orten und mit unterschiedlichen Part- Wechselwirkung miteinander und verstärken
nerorganisationen zusammen. Gemeinsam ist sich gegenseitig.
ihnen, dass sie sich zum Ziel gesetzt haben,
die Konfliktsituationen in Israel und Palästi- Der Kern dieser Konfliktlinie ist ein Terri-
na so zu beeinflussen, dass weniger Gewalt torialkonflikt, der mit der neueren jüdischen
stattfindet. Wie so etwas in der Praxis ausse- Einwanderung ab Ende des 19. Jahrhunderts
hen kann, darum soll es in den folgenden Ab- und vor allem ab Beginn des 20. Jahrhunderts
sätzen gehen. seinen Anfang nahm und sich bis heute in der
Besatzung der palästinensischen Gebiete
(Westbank und Gaza 9) durch Israel und den
Jeder Konflikt ist einzigartig nach wie vor umkämpften Grenzen und Res-
sourcen (wie Wasser) ausdrückt.
In ihrer Strategie zur Friedensentwicklung
vom Juni 2005 stellt das Bundesministerium Dieser Territorialkonflikt war von Anfang
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und an stark überlagert durch verschiedene
Entwicklung fest: „Jeder Konflikt ist einzig- Aspekte, die bis heute die Wahrnehmung von
artig und erfordert gezielte Antworten.“ 7 In der jeweils anderen Seite prägen, den Kon-
diesem Sinne ist natürlich auch der Konflikt flikt immer wieder neu anreichern und ihn zu
zwischen Israelis und Palästinensern einzig- einem Identitätskonflikt („conflict of identi-
artig und erfordert eigene Antworten. ties“) ausweiten: dazu gehören Religion
(muslimisch versus jüdisch) 10, Nationalismus
Im Sinne der Zivilen Konfliktbearbeitung (jüdisch-israelisch versus palästinensisch),
ist es auch nicht möglich von nur einem Kolonialismus (der „Westen“ in Gestalt der
Konflikt zu sprechen: Es gibt inzwischen jüdischen Siedler versus die „Einheimischen“
viele verschiedene Konfliktlinien und Kon- in Gestalt der palästinensischen Bevölkerung;
fliktebenen, die sich auch wechselseitig ver- dieser Aspekt wird auch als „Moderne“ ver-
stärken. Hier kann es natürlich nicht darum sus „Rückständigkeit“ gedeutet) sowie wirt-
gehen, alle Aspekte, die in diesem Zusam- schaftliche und soziale Ungleichheiten (jüdi-
menhang relevant wären zu nennen. Zur sche Einwanderer, die aus industriell gepräg-
besseren Einordnung der nachfolgenden ten Ländern kamen versus eine eher
Beispiele sollen kurz drei wesentliche, mit- bäuerlich geprägte palästinensische Gesell-
einander verschränkte Konflikt-Parameter schaft). Hinzu kommen die vielfältigen Ver-
umrissen werden: die Konfliktlinien zwi- letzungen und Traumata, die sich beide Seiten
schen Israelis und Palästinensern als den
Hauptbeteiligten, die Konfliktfelder inner-
halb dieser beiden Großgruppen und die 8 Der Begriff für diese Gruppe ist politisch. Von is-

Akteure im Einzelnen. Wie sich zeigen raelischer Seite werden sie in der Regel als israelische
wird, sind alle drei Aspekte in sich noch Araber bezeichnet. Die Bezeichnung Palästinenser mit
israelischem Pass oder in Israel lebende Palästinenser
mehrfach gebrochen. Damit soll vor allem
hebt hervor, dass ihre Wurzeln nicht allgemein ara-
ausgedrückt werden, in welch komplexem bisch, sondern spezifisch palästinensisch sind.
Feld Zivile Konfliktbearbeitung und Frie- 9 Gaza wird hier noch als besetzt bezeichnet. Auch

densförderung hier angesiedelt sind. wenn die Siedlungen und Militärstützpunkte geräumt
wurden, befindet sich der Gazastreifen in dem Sinne
Konfliktlinien zwischen Israelis und Paläs- unter israelischer Besatzung, als dass er nach wie vor
unter der faktischen wirtschaftlichen und militärischen
tinensern: Diese Konfliktlinie verläuft einmal
Kontrolle des israelischen Staates steht.
zwischen dem israelischen Staat und den Pa- 10 Dies ist eine etwas verkürzte Darstellung, denn es
lästinensern in der Westbank und Gaza. gibt eine christliche Minderheit in der palästinensi-
schen Gesellschaft und auch einige religiöse Minder-
7 BMZ, Übersektorales Konzept zur Krisenpräven- heiten (z. B. die Drusen) in Israel. Die Mehrheits-
tion, Konfliktbearbeitung und Friedensförderung in gesellschaften sind aber jeweils muslimisch bzw.
der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Eine jüdisch und der Konflikt zwischen diesen beiden Reli-
Strategie zur Friedensentwicklung, Juni 2005, S. 4. gionen steht im Vordergrund der Wahrnehmung.

APuZ 9/2010 43
in den Jahrzehnten ihres Konfliktes zugefügt tet werden sollte oder kann, um einen maxima-
haben und immer noch zufügen. len Einfluss auf die Situation im Sinne einer
Gewaltminderung nehmen zu können. Am
Konfliktfeld Minderheiten: Sowohl in Is- einfachsten ist in der Regel eine Zusammenar-
rael als auch in den palästinensischen Gebie- beit auf der unteren grassroot-Ebene. Die bei-
ten gibt es starke innergesellschaftliche Span- den anderen Ebenen sind genauso wichtig,
nungen und Konflikte, die sich in diesem aber häufig schwieriger zu erreichen. Idealer-
Feld ansiedeln. Sie werfen eine Vielzahl von weise wird auf allen drei Ebenen gearbeitet
zentralen Fragen für die Zivile Konfliktbear- und werden diese miteinander verbunden.
beitung und Friedensförderung auf. Im Vor-
dergrund steht dabei der Umgang mit und die Zwei Fallbeispiele
Definition von Minderheiten.
Wie kann ein Instrument wie der ZFD in
Dabei sind hier nicht nur ethnische oder re- einem solchen Umfeld arbeiten? Das soll im
ligiöse Minderheiten gemeint, sondern auch Folgenden anhand von zwei Beispielen deut-
im weitesten Sinne von der gesellschaftlichen lich werden, die mit jeweils beiden Konflikt-
Norm abweichende Menschen und Gruppen. parteien zusammenarbeiten. Ihnen ist ge-
Die innergesellschaftliche Gewalt, die sich meinsam, dass sie den grenzüberschreitenden
gegen so definierte Minderheiten richtet, wirft Dialog als ein politisches Instrument sehen.
die Frage auf, wie eine Gesellschaft sich poli- Es geht nicht um sogenannte „Hummus-Tref-
tisch definiert und entwickelt. Hier sind so fen“, auf denen sich beide Seiten treffen,
wichtige Themen wie die Einhaltung von essen, sich kennenlernen und dann wieder in
Menschenrechten, gleichberechtige Teilhabe, ihr normales Leben zurückkehren, in dem es
Meinungs- und Religionsfreiheit, die Rolle der den anderen nicht gibt. Beide Projekte wollen
Religion im Staat, demokratische Strukturen das gesellschaftliche Verhalten und das politi-
und Rechtsstaatlichkeit berührt – wichtige sche Handeln ihrer Zielgruppen ändern.
Fragen wenn es darum geht, einen langfristigen
stabilen Frieden in der Region zu erreichen, Gesellschaftlicher Wandel über Grenzen
der wesentlich darauf beruht, inwieweit das hinweg: „Mit Israelis an einem Tisch zu sitzen,
Ziel eines innergesellschaftlichen Friedens er- war für mich Verrat an der palästinensischen
reicht beziehungsweise erhalten werden kann. Sache. Jetzt glaube ich, dass ich mich für Palä-
stina stark mache, indem ich direkt mit Israelis
Relevante Akteure: Das Bild des Konflikts rede. Schließlich ist es unsere Zukunft, die auf
wird noch komplexer, wenn zusätzlich die dem Spiel steht.“ 11 Nimala ist im Jahr 2005
Akteure ins Blickfeld genommen werden. Teil eines trilateralen Leitungsteams des Willy
Grundsätzlich sollte zwischen internen und Brandt Center (WBC) geworden. Ähnlich äu-
externen Akteuren unterschieden werden. So- ßert sich auch Ido, ebenfalls Mitglied im Lei-
wohl die internen als auch die externen Ak- tungsteam des WBC: „Für uns Israelis ist es
teure lassen sich auf drei Ebenen ansiedeln: wichtig, die Palästinenser auf gleichberechtig-
die zivilgesellschaftliche oder grassroot- ter Basis treffen zu können.“
(Graswurzel-)Ebene (wie Nichtregierungsor-
ganisationen (NRO), Bürgerinitiativen, Ver- Das WBC ist ein Jugendzentrum auf der
eine), die mittlere Entscheidungsebene (wie „Grünen Linie“ zwischen Ost- und West-Je-
politische Bewegungen und Verbände, Partei- rusalem. Ziel der Aktivitäten ist die Entwick-
en, Jugendorganisationen, kommunale Regie- lung von friedenspolitischen (Bildungs-)Kon-
rungsvertreter) und die Regierungsebene (wie zepten als reale Handlungsalternativen zur
nationale Regierungsvertreter und staatliche Gewalt durch junge politische und gesell-
Institutionen). Alle diese Akteure, ob sie von schaftliche Entscheidungsträger aus Deutsch-
innen oder von außen kommen, nehmen in land, Israel und Palästina. Viele der Aktivitäten
bestimmter Weise (je nach politischer und des WBC sind grenzüberschreitend. Seit dem
ideologischer Ausrichtung) Einfluss auf den Jahr 2003 gibt es gemischt palästinensisch-is-
Konflikt beziehungsweise die Konflikte. raelische Teams mit deutscher Beteiligung, die
kontinuierlich zusammenarbeiten – auch wäh-
Eine entscheidende Frage für Zivile Kon-
fliktbearbeitung ist immer auch die Frage, mit 11 Zit. in: Heike Kratt, Miteinander reden, in: Sym-

welchen Akteuren sinnvoll zusammengearbei- pathieMagazin, Palästina verstehen, 2008, S. 56.

44 APuZ 9/2010
rend lokaler Kriege wie dem Libanon-Krieg lameh, Direktor des Center for Conflict Reso-
im Jahr 2006 und dem Gaza-Krieg im Jahr lution and Reconciliation (CCRR). 13
2009. Unter dem Dach des Zentrums arbeiten
vier Zivile Friedensfachkräfte und zahlreiche Die Kooperation zwischen dem DED und
lokale Mitarbeiter – sowohl von israelischer als dem palästinensischen CCRR besteht seit sie-
auch palästinensischer Seite. ben Jahren. Das CCRR hat ein breites Reper-
toire an Aktivitäten – darunter sind auch Dia-
Die gemischten Leitungsgruppen setzen sich logprojekte mit israelischen Partnerorganisa-
aus jungen politischen oder gesellschaftlichen tionen wie Rabbis for Human Rights (RHR)
Entscheidungsträgern zusammen. Sie sind Mit- in Jerusalem. 14 Das ist nicht nur ein schwieri-
glieder von Jugendorganisationen und Jugend- ges, sondern auch ein mutiges Unterfangen,
bildungsverbänden – den lokalen Partnerorga- denn das Verständnis in den palästinensischen
nisationen des WBC. Diese Leitungsteams tref- Gebieten für solche Projekte ist unter den
fen sich regelmäßig alle ein bis drei Monate und schwierigen Bedingungen der Besatzung sehr
legen miteinander die Schwerpunkte und The- gering. Doch das CCRR und die RHR sehen
men der gemeinsamen Seminare, Workshops den Dialog als ein gewaltfreies Mittel, um die
und Konferenzen fest. Diese können öffentlich politischen Verhältnisse zu verändern, das
sein oder sich nur an die Mitglieder der Partner- heißt die Besatzung gewaltfrei zu bekämpfen.
organisationen richten. So wird sichergestellt,
dass nicht nur wenige Schlüsselakteure erreicht Ein Projekt, das der DED seit Anfang des
werden, sondern auch eine breitere Basis. Es Jahres 2007 in Kooperation mit beiden loka-
gibt auch getrennte Seminare und Workshops len Organisationen umsetzt, ist der Aufbau
nur mit israelischer oder palästinensischer Be- von interreligiösen Dialogstrukturen zwi-
teiligung. Diese werden von den einzelnen schen religiösen Führungspersönlichkeiten
Teammitgliedern und ihren Organisationen ge- der drei großen monotheistischen Religionen
plant – mit Beratung und Unterstützung durch – Christentum, Islam und Judentum. Es ar-
die deutsche Fachkraft. Diese Einzelseminare beitet zu diesem Zweck sowohl in Israel als
stehen mit den gemeinsamen Aktivitäten inhalt- auch in Palästina. Ähnlich wie bei den Pro-
lich in Verbindung. jekten des WBC wird mit wenigen Schlüssel-
akteuren als Multiplikatoren aus lokalen
Die Rolle der deutschen Friedensfachkraft Partnerorganisationen gearbeitet, wobei
ist vor allem die des moderierenden Vermitt- gleichzeitig die nachhaltige Weitergabe an
lers (facilitator), der die Gespräche und Akti- eine größere Zielgruppe sichergestellt werden
vitäten der beiden Seiten erleichtert, vermit- soll. Ein wichtiges Kriterium für die Auswahl
telt und strukturiert. Sie versucht, den politi- der religiösen Würdenträger war deshalb
schen Gewinn, den beide Seiten von deren Anbindung an die lokale Bevölkerung.
Kooperationen haben können, herauszuar-
beiten. Auf diese Weise schafft sie Möglich- Im Jahr 2009 haben drei Runden multireli-
keiten und Wege sinnvoller Kooperationen, giöser Treffen stattgefunden, unter anderem
von denen beide Seiten profitieren können. zum Thema „Die Anderen in meiner Religion
und meine Religion in der Sicht der Anderen“.
Aufbau von zivilgesellschaftlichen Dialog- Zur Vor- und Nachbereitung dieser Treffen gab
strukturen: „Unsere Arbeit wird in der eigenen es jeweils unireligiöse Gesprächsrunden. Die
Gesellschaft oft missverstanden. Ich verstehe Zivile Friedensfachkraft unterstützt und berät
die Einwände gegen Dialogprojekte. Wenn sie das CCRR und die RHR bei der Umsetzung
schlecht angegangen werden, können sie viel dieses Projektes. Sie macht Eingaben zu mögli-
Schaden anrichten. Deshalb sind wir sehr an- chen Inhalten, begleitet die Veranstaltungen, ar-
spruchsvoll mit uns selber. All unsere Projekte beitet die Resultate auf und macht Hinter-
basieren auf der Realität, nämlich dass wir grundforschung zu den ausgewählten Themen.
unter Besatzung stehen. Ich erkläre immer,
dass auch wir mit unseren Dialogprojekten Diese Anstrengungen werden oftmals
gegen die Besatzung kämpfen“, 12 so Noah Sa- durch die politischen Entwicklungen unter-

12 Zit. in: Jonas Geith, Dialog gegen Besatzung? 13 Siehe Webseite, online: www.ccrr-pal.org (2. 2.

Grenzüberschreitende Arbeit in Israel/Palästina, in: 2010).


dedBrief, 1 (2009) 46, S. 11 f. 14 Siehe Webseite, online: www.rhr.org.il (2. 2. 2010)

APuZ 9/2010 45
graben. Dies nährt auch bei überzeugten Teil- Ein Fazit der Möglichkeiten
nehmenden Zweifel, ob Dialogarbeit der rich-
tige Ansatz ist, um einem gerechten Frieden Jeder Konflikt ist einzigartig – und hochgra-
näherzukommen. „Es vergeht kein Tag ohne dig komplex. Gezielte Antworten werden
dass ich mich frage, ob die Voraussetzungen deshalb nie einfach sein können. Im Folgen-
für unsere Tätigkeit im grenzüberschreitenden den trotzdem der Versuch eines Fazits der
Bereich überhaupt noch bestehen. Auf der an- Möglichkeiten des ZFD in Israel und Palästi-
deren Seite muss gefragt werden: was ist die na:
Alternative?“, so der Leiter des CCRR. 15
. Israelisch-palästinensische Kooperationen
und Kommunikationsprozesse sind mög-
Praktische Herausforderungen lich. Sinnvoll sind sie nur mit einem für alle
Seiten klar definierten Rahmen und Ziel.
Welche Herausforderungen sind es, mit Die unterschiedlichen Erwartungen, Be-
denen der ZFD vor Ort umgehen muss? In dürfnisse und Möglichkeiten beider Seiten
den Praxisbeispielen wurden sie angespro- müssen beachtet werden.
chen, hier sollen die drei wichtigsten noch
einmal exemplarisch dargestellt werden: . Beide Seiten müssen bei einer direkten Kom-
munikation profitieren können. He-
. Das vorherrschende Misstrauen gegenein- rauszufinden, was dieser Gewinn sein
ander und gegen die Wirksamkeit von ge- könnte, kann eine wichtige Aufgabe einer
meinsamem friedenspolitischem Engage- Drittpartei, wie einer Friedensfachkraft sein.
ment begrenzt die Vermittelbarkeit von
friedenspolitischen Alternativen über Be- . Dialog ist nicht der Königsweg der Frie-
gegnungen und Dialog. densförderung. Getrennte Arbeit nur mit
israelischer oder palästinensischer Beteili-
. Die Asymmetrie des Konflikts – so die mi- gung kann ein genauso wichtiger Beitrag
litärische, wirtschaftliche und politische zur Konfliktbearbeitung und Friedensför-
Überlegenheit Israels versus der hohen Ab- derung sein wie direkte Kooperationen.
hängigkeit der Palästinenser – mit den je-
weils unterschiedlichen Auswirkungen er- . Langfristige Programme und eine kontinu-
zeugt sehr verschiedene Lebenswelten und ierliche Präsenz vor Ort ist eine wesentli-
Bedürfnisse. Diese begrenzen die Ange- che Voraussetzung dafür, dass an den struk-
bote, die von beiden Seiten angenommen turellen Ursachen der Gewalt gearbeitet
werden können und die Energie, die sich werden kann.
auf positive Veränderungen richten kann.
. Wichtig ist, dass verschiedene Ansätze mit-
. Die politischen Krisen in Israel, Palästina einander kombiniert werden, parallel an
und der ganzen Region fördern nicht nur verschiedenen Konfliktlinien und -feldern
Resignation und Gleichgültigkeit gegen- gearbeitet wird und dabei eine stabile
über politischen Prozessen, sondern be- Struktur geboten wird.
grenzen die Wirksamkeit von friedenspoli-
tischer Arbeit unmittelbar. Ihr steht ein Grundvoraussetzung ist es, die Bedeutung
ganzer Apparat aus Politikfeldern und Ak- des Wortes „zivil“ auch ernst zu nehmen: Ein
teuren gegenüber, der in eine ganz andere zivil-militärischer Ansatz wäre das Gegenteil
Richtung arbeitet und Ansätze einer nach- und damit auch das Ende vom ZFD.
haltigen Friedenspolitik ständig unter-
gräbt. 16

15 Zit. in: J. Geith (Anm. 13).


16 Vgl. Heike Kratt, Nachhaltigkeit von politischer
Friedensarbeit mit jungen Erwachsenen im Rahmen
des Zivilen Friedensdienstes in Israel und Palästina, in:
Christine Hofmann/Thomas Lämmer-Gamp (Hrsg.),
Nachhaltigkeit in der Praxis. Ideale, Widerstände,
Machbares, Berlin 2007, S. 76–90.

46 APuZ 9/2010
Herausgegeben von
der Bundeszentrale
für politische Bildung
Adenauerallee 86
53113 Bonn.

Redaktion
Dr. Hans-Georg Golz
Asiye Öztürk
(verantwortlich für diese Ausgabe)
Johannes Piepenbrink
Manuel Halbauer (Volontär)
Telefon: (02 28) 9 95 15-0
Redaktionsschluss dieses Heftes:
19. Februar 2010

Internet
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Wirkungsevaluierung in der Entwicklungszusammenarbeit ISSN 0479-611 X
Nahost-Konflikt APuZ 9/2010

Alexandra Senfft
3-8 Wider die „Kultur des Konflikts“
Unverarbeitete Traumata und unterschiedliche Narrative behindern die palästi-
nensisch-israelische Verständigung. Friedensaktivisten auf beiden Seiten wollen
die inneren und äußeren Barrieren, die Klischees und Ängste abbauen.

Efraim Inbar
10-16 Herausforderungen für die Regierung Benjamin Netanjahus
Ministerpräsident Netanjahu etabliert sich erfolgreich als Politiker der Mitte und
versucht, Herausforderungen wie das iranische Atomprogramm oder die festge-
fahrene Situation im Friedensprozess zu lösen.

David Kaye
16-22 Völkerrechtliche Implikationen des Goldstone-Berichts
Der Goldstone-Bericht dürfte der kontroverseste Menschenrechtsbericht sein.
Er untersuchte den drei Wochen dauernden Gaza-Krieg im Jahr 2009 und kriti-
siert sowohl die Hamas als auch Israel.

Patrick Keller
23-28 Einsatz ohne Wirkung? Barack Obamas Nahost-Politik
An Obamas Nahost-Politik lässt sich die Spannung aus übersteigerten Erwartun-
gen, überfordernden Aufgaben und unübersichtlichen Zeithorizonten besonders
deutlich darstellen. Noch sind keine positiven Ergebnisse erkennbar.

Michael Bröning · Henrik Meyer


28-35 Zwischen Konfrontation und Evolution: Parteien in Palästina
Die Parteienlandschaft in den Palästinensischen Gebieten wird von der Fatah
und Hamas dominiert. Deren Konfrontation findet in der Spaltung von West-
bank und Gaza ihren Ausdruck. Zugleich haben sich beide weiterentwickelt.

Michaela Birk · Ahmed Badawi


35-41 Bedeutung und Wandel der Arabischen Friedensinitiative
Die Arabische Friedensinitiative ist kein Friedensplan und sie als „Initiative“ zu
bezeichnen, dürfte für Verwirrung sorgen. Sie ist eher eine Absichtserklärung und
gilt als eine der wichtigsten arabischen Erklärungen seit der Gründung Israels.

Heike Kratt
41-46 Zivile Konfliktbearbeitung in Israel und Palästina
Anhand von Praxisbeispielen soll veranschaulicht werden, wie Zivile Konfliktbe-
arbeitung und Friedensförderung in Israel und Palästina konkret aussehen kön-
nen und welche Herausforderungen und Möglichkeiten sich ergeben.