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Von seinen Feinden lernen

Studiogast: Dr. Robert Betz, Diplompsychologe

Nörgelnde Chefs, besserwisserische Schwiegereltern, pöbelnde Nachbarn - sie können einen auf die Palme bringen. Sie regen uns auf, weil sie unsere empfindlichsten Stellen treffen. Menschen, die so heftige Gefühle wie Ohnmacht, Wut und Hass hervorrufen, spiegeln meist unausgesprochene Gefühle der eigenen Geschichte. Wenn man dieses erkennt und mit seiner unbekannten Seite Frieden schließt, kann man durch andere viel lernen.

Was sind Feinde? Menschen, die einen richtig wütend machen, die die Emotionen hoch kochen lassen und einen fürchterlich ärgern und aufregen, die man fast hasst: Beispielsweise Verkehrsrowdys, Angeber, Choleriker, Klugscheißer, Dampfplauderer, Schleimer, Dumm-Schwätzer. Diplom-Psychologe Robert Betz: „Diese Leute erzeugen etwas Unangenehmes, lösen Abwehr aus. Den einen berühren sie, den anderen überhaupt nicht. Das hat immer etwas mit einem selbst zu tun, d.h. in jedem sitzt auch ein Angeber oder Choleriker. Aber wir haben gelernt, sittsam und bescheiden sein zu müssen, nicht angeberisch und cholerisch.“ Für das Wort Feind gibt es übrigens viele Synonyme:

Kontrahent, Gegner, Widersacher, Rivalin und Antagonist,

Scheinfreundin, Erzfeind oder Konkurrent, Nebenbuhler oder Todfeindin – für Betz sind dies alles „Arsch-Engel“. Betz: „Wem das Wort ‚ Arsch-Engel’ zu ordinär ist, der darf sich fragen: Wo ist man ordinär im Denken und Handeln? Wo verleugnet man sein „Ordinär-Sein“, seine Vulgarität, seine eigenes „inneres Schwein-Sein“?“ Nicht von ungefähr war das Lied „Schwein-Sein“ von den Prinzen so ein Erfolg.

Wer sind Feinde bzw. „Arsch-Engel“? Zum Beispiel Ex-Partner, die einen selbst Jahre nach der Tr ennung mit nur einem einzigen Satz wütend machen können. Oder Chefs, die einen auf die Palme bringen. Schwiegereltern, die ständig herumkritisieren. Vermieter, die schlaflose Nächte kosten. Menschen, die einen aufregen und auf den Wecker gehen, weil sie immer wieder - meist unbewusst - die empfindlichsten Stellen anpicken. Dass hinter Hass, Ohnmacht und heftigem Ärger eine wichtige Botschaft stecken könnte, die man von guten Freunden so radikal oft nicht zu hören bekommt, ist ein eher ungewöhnlicher Gedanke: Aber Menschen, die solche heftigen Gefühle wie Ohnmacht, Wut und Neid hervorrufen, spiegeln dem Anderen meist seine abgelehnte Anteile und abgelehnte Gefühle der eigenen Geschichte. Die Chance, die darin steckt: Wenn man erkennt, was diese Menschen spiegeln und man Frieden mit diesen Aspekten macht, können so aus Feinden Lebenslehrer werden.

Feindbilder Für Betz stecken in Aufregungen jeder Art – selbst wenn oder gerade weil sie von so genannten Feinden kommen - immer auch wichtige Botschaften. Laut Betz helfen Feinde dabei, mit den eigenen Schattenseiten in Kontakt zu kommen, die man alleine so nicht wieder finden geschweige denn heilen würde, da man sie meist in der Kindheit gut verdrängt hat. Völlig überrascht Das Verrückte: „Arschengel“ können gar nichts für die Gefühle, die sie bei ihrem Gegenüber auslösen und sind meistens ziemlich erstaunt über die Wut, über den Hass, der ihnen entgegen schlägt. Betz: „Wir denken, dass Feinde das Bösartige extra und absichtlich tun. Das ist ein alter Irrglaube, wenn man meint, der Feind könnte doch netter und lieber oder fairer sein. Das Verhalten der Feinde passiert selten mit Vorsatz. Meist haben die Feinde sogar ein schlechtes Gewissen, aber ihr Handeln lässt sich nicht willentlich beeinflussen, unfair und intrigant sein rutscht aus ihnen heraus.“

Woher kommt das Feindbild? So kommt man inneren Feindbildern auf die Spur:

- Wofür wurde man von seinen Eltern kritisiert?

- Wie sollte man nicht sein?

- Wofür wurde man bestraft? Wofür wurde man gelobt?

- Was durfte man nicht sein oder tun?

Daraus ergeben sich im erwachsenen Alter folgende Fragen:

- Welche Eigenschaften verbietet man sich noch heute?

- Welche Eigenschaften kann man bis heute an den

Mitmenschen, Kindern, Kollegen, Nachbarn, Freunden, Chefs, Politikern kaum oder gar nicht akzeptieren?

- Was macht einen bis heute wütend?

Alle sind Spiegel Die auffälligsten Spiegel sind die Mitmenschen, die die stärksten Emotionen auslösen wie Ärger, Wut, Hass, Ohnmacht, Enttäuschung, Ängste, Schuld. Betz behauptet:

„Alles, was Feinde an auffälligem Verhalten zeigen, wie Wutausbrüche, Depressionen, Trotz oder Geilheit,

Pingeligkeit, Pedanterie und Schlampigkeit oder unloyal und

hinterhältig sein

immer das, was man auch in sich hat, aber bisher abgelehnt hat – sonst würde es einen nicht so aus der Fassung bringen, dass man denjenigen dafür hasst.“ So ist es für Betz auch erklärlich, dass die an der Oberfläche friedlichsten Menschen meist übermäßig aggressiv auf ihre Feinde reagieren, die z.B. großkotzig sind, lügen oder korrupt sind. Die verbalen Hassattacken wirken oftmals sowohl für die Umwelt als auch für den Feind befremdlich und überzogen. Betz ist überzeugt: Je mehr man abgelehnte, innere Anteile vom Feind vor die Augen geführt bekommt, umso heftiger reagiert man.

wenn

Teile davon nerven, dann spiegelt es

Spiegel-Fragen nach Robert Betz

Wer sich seinem Leben oft Feinde macht, kann sich zur Klärung folgendes fragen:

a) Wo ist man selber neidisch, hinterhältig, intrigant etc.,

was man an seinen Freunden, an der Kollegin oder in der

Familie kritisiert oder beklagt?

b) Wo verbietet man sich egoistisch, rücksichtslos, anmaßend

oder kalt wie Hundeschnauze und überheblich zu sein, wie es Kollegen, Politiker, Freunde etc. sind? D.h. wo grenzt man

etwas aus, lehnt etwas ab, hasst vielleicht gar etwas, was doch zu einem gehört?

c) Wer von seinen Feinden oft hintergangen und ausgetrickst

wird, darf sich fragen: Wo belügt man sich selbst? Wo will man seine Wahrheit nicht sehen?