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Books Nr. 4/2015

«Die Erfahrung war
monumental»
Den Basler Autor Claude Cueni kannte man früher vor allem als Autor historischer Romane.
In seinem 2014 erschienenen autobiografischen Roman «Script Avenue» schlug er dann
einen ganz neuen Ton an: Er schrieb schonungslos über sein Leben, seine schwere Krankheit
und den Krebstod seiner Frau. Nun ist eine Art Fortsetzung dieses Bestsellers erschienen:
«Pacific Avenue».
Marius Leutenegger

Wie verändert man sich, wenn man
derart schwer erkrankt? Worin unterscheidet sich der Claude Cueni von
heute am ehesten von jenem von vor
der Krankheit?
In allem. Mein Leben lang war ich topfit,
jetzt bin ich mental und körperlich von
der erfolgreichen Behandlung gezeichnet und kann viele Sachen nicht mehr
machen: Ich kann nicht mehr schwimmen, Velo fahren oder ohne Handlauf
Treppen steigen. Aber Treppensteigen
war auch nie meine Kernkompetenz. Ich
bin zufrieden mit meinem neuen Leben.
Gewonnen habe ich Gelassenheit, wobei
die Grenzen zwischen Gelassenheit und
Gleichgültigkeit fliessend sind. Aber ich
habe definitiv begriffen, wie schnell alles

vorbei ist und wie belanglos das Meiste
ist, das man im Leben tut.
Ist diese Haltung von Dauer – oder
wird wieder der Courant normal Einzug halten?
Eine solche Erfahrung ist monumental.
Das prägt sich ein wie ein Brandzeichen.
Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man
als Gesunder über den Tod redet oder ob
man wirklich davon ausgehen muss, dass
es jetzt vorbei ist, dass man demnächst
aufhört zu existieren. Man wird sich der
eigenen Bedeutungslosigkeit bewusst.
Haben Sie heute mehr oder weniger
Angst vor dem Tod?
Vor dem Totsein habe ich keine Angst,
aber vor einem endlosen Sterben muss
jeder vernünftige Mensch Angst haben.
Ich pflegte meine krebskranke Frau bis
zu ihrem Tod. Am Ende war sie froh,
dass sie gehen konnte. Dass alle Krebskranken schmerzfrei sterben können, ist
eine grosse Lüge der Palliativmediziner.
2010, ausgerechnet im Jahr Ihrer Knochenmarktransplantation, heirateten
Sie ihre zweite Frau, die viel jüngere
Philippinin Dina Ariba. Wie gelang
Ihnen das?
Ich bringe sie zum Lachen, aber fragen
Sie Dina. Ich begegnete ihr in Hongkong.
Wir hatten es einfach gut miteinander.
Sie wollte nach Beendigung ihres Arbeitsverhältnisses in die Schweiz kommen.
Doch dann erkrankte ich aus heiterem
Himmel an Leukämie und sagte ihr, dass
es sinnlos sei, in die Schweiz zu fliegen,
ich würde in den nächsten drei Monaten
eh sterben. Sie sagte, dass man sich in
der philippinischen Kultur nicht für Dinge

CLAUDE CUENI
kam 1956 in Basel zur Welt. Er schrieb
historische Romane, Thriller, Theaterstücke, Hörspiele und über 50 Drehbücher,
etwa für «Tatort», «Eurocops», «Peter
Strohm» und »Cobra 11«. Für Blackpencil
kreierte er jahrelang Computergames,
darunter den Welthit «Catch the Sperm».
Sein historischer Roman «Das grosse Spiel»
wurde bisher in 13 Sprachen übersetzt.
Claude Cueni hat einen erwachsenen Sohn
und lebt mit seiner zweiten Frau in Basel.

interessiere, die vielleicht in drei Monaten geschehen – und nahm den nächsten
Flieger nach Zürich.
«Script Avenue» handelt von Ihrer
Krankheit und der tödlichen Krebserkrankung Ihrer Frau. Warum geht man
mit so unerfreulichen Themen an die
Öffentlichkeit?
Wieso nicht? Ich schreibe über Dinge, die
ich verstehe, und teile Erfahrungen, die
der Leser nicht oder noch nicht gemacht
hat. Sehr viele Leserinnen und Leser
haben sich für diese schonungslose Offenheit bedankt, einige schrieben, «Script
Avenue» habe ihnen Mut gemacht, Mut,
Schwierigkeiten zu überwinden und nie
aufzugeben.
In der «Script Avenue» gibt es manche sehr persönliche Passage, die
mich auch eigenartig berührte – weil
ich fand, das geht mich jetzt wirklich
nichts an. Sind Sie ein Exhibitionist?
Ich bin ein introvertierter Mensch, der

Claude Cueni und Figuren aus seinen Büchern:
«Ich freundete mich schon früh damit an, dass
meine Welt im Kopf stattfindet.»

© SEBASTIAN MAGNANI, ZÜRICH

Books: Die Biografie auf Ihrer Website vermerkt zu 2009: «Erkrankung
an Leukämie. 6 Monate Isolierstation.
Chemos, Bestrahlungen, Hirnblutung,
Koma, Lungenembolie, E-Coli in Gehirnflüssigkeit, Hirndruck, Trepanation
des Schädels.» Und 2010 dann: «Knochenmark-Transplantation.» Wie geht
es Ihnen heute?
Claude Cueni: Gut, aber auf tiefem
Niveau. Die Lunge hat sich auf einem
Restvolumen von 40 Prozent stabilisiert.
Die Leukämie und die Folgen der Knochenmarktransplantation habe ich nach
sechs Jahren wider Erwarten überstanden. Als ich nach sechs Monaten Chemoinfusionen immer noch Leukämie hatte,
verkaufte ich das Haus und verschenkte
einen Grossteil meines Besitzes, mein
Koffer war gepackt, ich war im GoodbyeModus. Und jetzt geht mein Leben in die
Verlängerung, im Januar werde ich 60,
niemand hat damit gerechnet.

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© JULIAN SALINAS

«Ich denke, ein
Leben war dann
befriedigend, wenn
man schwierige,
aber lösbare Probleme gemeistert
und das Leben
anderer Menschen
signifikant verbessert hat.»

Claude Cueni mit seiner Frau Dina am Wohnort in Basel: «Wir hatten es einfach gut miteinander.»

sechs Monate allein in einem Isolierzimmer lag und anschliessend infolge
der Immunschwäche ein Robinsondasein
fristete. Ich schluckte anfangs 25 Pillen
pro Tag und war ziemlich benebelt. Ich
schrieb «Script Avenue» wie in Trance und
blendete anfangs aus, dass eines Tags andere Menschen diesen Text lesen werden.
Einem gesunden Menschen wäre manches vielleicht peinlich, weil er weiterlebt.
Aber wenn Sie sich mit dem baldigen Tod
abgefunden haben, werden Sie demütig,
bescheiden und gnadenlos ehrlich.
Vor unserem Interview sagten Sie, Sie
beantworteten jede Frage. Kennen Sie
keine Scham? Oder gibt es Dinge, über
die Sie doch nicht schreiben würden?
Ich habe eine sehr enge Beziehung zu
meinem Sohn. Er liest seit je alles, was
ich schreibe. Bei der «Script Avenue»
akzeptierte er viele Dinge, weil er dachte,
das Schreiben hielte mich am Leben. Nur
ein einziges Kapitel bat er mich ersatzlos
zu streichen. Das habe ich dann auch
gemacht. Mein Sohn ist mir wichtiger als
alle meine Bücher zusammen.
Worum ging es da?
Ich wäre ein Lump, würde ich das jetzt
erzählen!
«Script Avenue» war sehr erfolgreich
und erreichte Platz 4 auf der Schweizer
Bestsellerliste. Was sprach Ihre Leserinnen und Leser derart an?
Ich bekam nach dem Erscheinen des
Buchs weit über 100 E-Mails, mehr als bei
allen früheren Büchern zusammen. Der

INTERVIEW | 13

Books Nr. 4/2015

Tenor war: Wir haben abwechselnd geweint und gelacht. Die meisten schrieben,
die «Script Avenue» sei ein Buch, das sie
ihr Leben lang nie vergessen würden.
Und jetzt die «Pacific Avenue»! Ist das
überhaupt eine Fortsetzung der «Script
Avenue»?
Für die Leserinnen und Leser der «Script
Avenue» ist das neue Buch eine Fortsetzung, weil sie vertrauten Figuren wiederbegegnen. Aber man braucht die «Script
Avenue» nicht gelesen zu haben, um die
«Pacific Avenue» zu verstehen. Ich habe
das beim Schreiben berücksichtigt.
Der Kniff der «Pacific Avenue»: Ein
Medikament, das Sie schlucken müssen, lässt Sie in eigenartigen Träumen
versinken – Sie träumen sich auf das
Schiff des Seefahrers Magellan und
beschreiben dessen Reise um die Welt.
Im Wachzustand planen Sie mit Ihrer
Frau eine Reise auf die philippinische
Insel Cebu, auf der Magellan den Tod
fand. Schliesslich nähern Sie sich Cebu
aus zwei Richtungen: Heute aus dem
Westen, in der erträumten Vergangenheit aus dem Osten. Ist das einfach
ein gutes Konzept, oder haben Medikamente Sie tatsächlich derart stark
träumen lassen?
Ursprünglich schrieb ich parallel an
einem historischen Magellan-Roman und
an einer Fortsetzung der «Script Avenue».
Ich mache das oft so und weiss dann nach
ungefähr 60 Seiten, welcher der beiden
Romane das Rennen macht. Ich erhielt
damals ein neues Medikament, im Roman

nenne ich es Cellaris. Diese Pille hat laut
Beipackzettel enorme Nebenwirkungen:
abnormes Träumen, Halluzinationen. Ich
war anfangs schockiert und dachte, jetzt
kann ich meinen Beruf an den Nagel hängen. Doch weil ich die Nebenwirkungen
nicht besiegen konnte, integrierte ich sie.
So entstand ein Buch über einen Schriftsteller, der einen historischen Roman über
Magellan schreibt und zu Recherchen auf
die Philippinen fliegt. Und mit Cellaris
einen unerwünschten Co-Autor hat. In
der Realität hat Cellaris einen anderen
Namen.
Im Trailer zum Buch steht: «Ich wollte
einen Roman über Magellan schreiben.» Dieser Strang ist neben den
autobiografischen Passagen aber eher
sekundär. Kommt der Magellan-Roman
noch?
Nein. Ich schreibe keine historischen
Romane mehr.
Was? Warum denn das?
Im spanischen, italienischen und französischen Markt laufen historische Romane
gut, im deutschsprachigen mittelmässig.
Ich habe mit «Script Avenue» und «Pacific
Avenue» meinen Stil gefunden. In diesem
Stil schreibe ich auch meinen neuen Roman. Der ist aber weder autobiographisch
noch historisch, es ist ein ganz anderes
Genre.
Weshalb geniessen historische Romane
bei uns wenig Anerkennung?
Das hat vielleicht mit der Literaturkritik
zu tun. Man erhält mehr Applaus, wenn

man 180 Seiten Betroffenheitsliteratur schreibt. Aufwändig recherchierte
historische Wälzer gelten bestenfalls als
intelligente Unterhaltung. Das hat mich
früher geärgert. Ein Autor wie Gisbert
Haefs, der unter anderem einen genialen Hannibal-Roman verfasste, müsste
weltberühmt sein, er ist ein grossartiger
Erzähler. Zum Glück orientieren sich die
Leserinnen und Leser heute immer mehr
an den Online-Kommentaren anderer
Leser. Egal ob die Kommentare gut oder
schlecht sind, sie geben einen zuverlässigeren Hinweis darauf, ob einem der Titel
gefallen könnte oder nicht.
Zurück zur «Pacific Avenue»: Man
fragt sich beim Lesen ständig, was
autobiografisch und was erfunden ist.
Am Schluss wird einem diesbezüglich
einiges, aber längst nicht alles klar.
Wie viel Fiktion steckt im Buch?
«Script Avenue» wurde auf dem Umschlag als autobiografischer Roman ausgewiesen, auf «Pacific Avenue» steht nur
noch «Roman». Es gibt einen autobiographischen Strang, einen historischen
Strang und noch einen dritten Strang,
der von Cellaris diktiert wird.
Das Buch ist derart prallvoll, das man
den Eindruck gewinnt, hier brennt ein
Autor an beiden Enden. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt,
dass die «Pacific Avenue» bereits ihr
vierter dicke Roman seit 2013 ist.
Warum diese Masse?
Wäre ich gesund, könnte ich doppelt
so viel schreiben. Ich bin kein elektrisches Schaukelpferd, das nur galoppiert,
wenn der Staat eine Münze einwirft, ich
galoppiere immer. Ich habe in meinem
ganzen Leben noch nie ein weisses Blatt
angestarrt. Früher schrieb ich nebenbei
noch Drehbücher und entwickelte Computergames, ich arbeitete immer viel und
gern. Früher hielt ich meine Produktivität für eine Zwangserkrankung, heute ist
sie vielleicht eine Form der Verzweiflung.
Wäre die Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers nicht limitiert, könnte ich
24 Stunden am Tag schreiben.
Sie haben es schon erwähnt: Im Januar
werden Sie 60 Jahre alt. Was bedeutet
das für Sie?
Im Kopf fühle ich mich immer noch wie
40, aber der Körper hat stark gelitten. Es
braucht noch mehr Wille und Disziplin,
um unter diesen Umständen zu schreiben. Aber mit Abschluss der «Script
Avenue» habe ich alles beendet, was ich

noch machen wollte, mein Sohn hat ein
gutes Leben – ich spüre eine grosse Genugtuung. Ich denke, ein Leben war dann
befriedigend, wenn man schwierige,
aber lösbare Probleme gemeistert und
das Leben anderer Menschen signifikant
verbessert hat.
Wir fragen in jeder Ausgabe einen
Schriftsteller oder eine Schriftstellerin:
«Warum schreiben Sie?» Was würden
Sie antworten?
Ich brauche keinen Grund, ich brauche
keine günstigen Rahmenbedingungen,
ich brauche keine staatliche Motivation,
ich bin wie ein Wasserhahn, der ununterbrochen fliesst. Mein Problem ist,
dass ich den Wasserhahn nicht abstellen kann. Schon als Bub hatte ich stets
grosses Kino im Kopf, ich brauchte nie
viele äussere Anreize, um mich wohl zu
fühlen, meine Fantasie war stets ausreichend.
Sie haben viel und viel Verschiedenes
geschrieben – Filmdrehbücher, Psychothriller, historische Romane und
Autobiografisches. Was machen Sie am
liebsten?
Grundsätzlich habe ich immer alles, was
ich gemacht habe, gern gemacht. Aber
am liebsten habe ich Romane geschrieben. Der Roman erscheint genau so, wie
man ihn geschrieben hat.

WEITERE ROMANE VON
CLAUDE CUENI
Das Gold der Kelten
(1998)
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Lenos

58 vor Christus: Bei Genava trifft der
junge Druidenlehrling Korisios auf Cäsar
und tritt als Schreiber in dessen Dienste.
Auf geheimnisvolle Weise scheint sein
Schicksal mit Cäsars triumphalem
Aufstieg verknüpft zu sein – doch eines
Tages werden die beiden zu erbitterten
Rivalen. Erster Teil der Trilogie über Geld
und Liebe.
Das grosse Spiel
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Zweiter Teil der Trilogie über Geld und
Liebe: die fesselnde Geschichte des
Genies John Law, das für seine atemberaubende Idee des Papiergelds sein Leben
und ein ganzes Land aufs Spiel setzte.
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Der eine ist der kühl berechnende Visionär
und Ingenieur Gustave Eiffel, der andere
der Bildhauer Frédéric Bartholdi, der die
Freiheitsstatue errichtete.
Script Avenue (2014)
640 Seiten
CHF 17.90
eBook: CHF 15.90

Heyne

Aus der Perspektive seines Krankenlagers
erinnert sich Claude Cueni an seine mehr
als abenteuerliche Lebensgeschichte, die
in einem von religiösem Wahn, sexuellen
Zwängen und Gewalt geprägten Milieu im
schweizerischen Jura beginnt.

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