Sie sind auf Seite 1von 13

Das Fundament 1/2004

Gottes Reden -

Wort, das mich verändern will


Bibelarbeit über Römer 12, 1 - 2 auf der Hauptkonferenz 2003 in Dassel von
Pfarrer Wilfried Sturm, Dozent am Theologischen Seminar der Liebenzeller Mission

 Es war im Jahr 1537. Ein junger der Heiligen, vertraue allein auf Jesus!“
Mann lag im Sterben. Es war der Sohn Erstaunliche Worte aus dem Mund
von Herzog Georg dem Bärtigen von eines katholischen Herzogs, der zudem
Sachsen. Als der Vater am Sterbebett ein entschiedener Gegner von Martin
seines Sohnes steht, sagt er zu dem Luther war! Seine Schwiegertochter,
Sterbenden: „Setze dein Vertrauen die daneben stand, hat das wohl auch
ganz auf die Gnade Jesu Christi. Ver- so empfunden. Und so sagt sie zu ih-
traue nicht auf deine guten Werke, rem Schwiegervater: „Warum sagst du
vertraue auch nicht auf die Fürsprache das nur deinem Sohn, warum lässt du

88
Wort, das mich verändern will

das nicht öffentlich predigen?“ Da gibt Wenn wir jedoch in unseren Text
der Herzog zur Antwort: „Liebe Frau hineinschauen, stellen wir fest: Für
Tochter, man soll‘s nur den Sterben- Paulus ist das Evangelium nicht der
den zum Troste vorhalten, denn wenn willkommene Anlass, alles beim Alten
all die gemeinen Leute wissen sollten, zu lassen, sondern für Paulus ist das
dass man allein durch Christum selig Evangelium die denkbar kräftigste
wird, so würden sie gar zu ruchlos Motivation zur Lebensveränderung
werden und sich gar keiner guten Wer- „Wort, das mich verändern will“.
ke befleißigen.“
Dieser Herzog dachte: Wenn sich
das erst herumspricht, dass wir gerecht
werden nicht durch unser Tun, son-
dern durch das, was Christus getan
Die Barmherzigkeit Gottes
hat, wer wird sich dann noch um ein Paulus schreibt: „Ich ermahne euch,
frommes Leben bemühen? Dann ist es liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit
doch egal, wie einer lebt. Gottes ...“. Es fällt auf, dass Paulus nicht
einfach schreibt: „Ich ermahne euch“,
sondern er schreibt: „Ich ermahne euch
durch die Barmherzigkeit Gottes“,
oder anders ausgedrückt: „Ich ermahne
Evangelium: euch, indem ich euch an die Barmher-
Freiheit zur Sünde? zigkeit Gottes erinnere.“
Elf Kapitel lang hat Paulus im
Vielleicht ist das ja auch unsere Sorge Römerbrief die Barmherzigkeit Gottes
- die Sorge, dass das Evangelium miss- entfaltet und zum Leuchten gebracht.
braucht werden könnte als ein Freibrief Am Ende des 11. Kapitels fasst er sei-
zum Sündigen. ne Ausführungen zusammen in dem
In einem Lutherlied heißt es: „Es Satz: „Gott hat alle eingeschlossen in den
ist doch unser Tun umsonst, auch in dem Ungehorsam, damit er sich aller erbar-
besten Leben.“ me.“ Gott möchte alle Menschen an
Wenn es aber so ist - was für einen den Punkt bringen, wo nur noch eines
Sinn hat es dann, dass ich mich um ein zählt: die Barmherzigkeit Gottes. Das
Gott wohlgefälliges Leben bemühe? ist der Hintergrund, vor dem Paulus er-
Wenn unser Tun umsonst ist, wenn mahnt. Es ist kein Ermahnen mit dem
es auf unser Tun nicht ankommt, dann erhobenen Zeigefinger, es ist kein dro-
kann ja in unserem Leben alles beim hendes Ermahnen, sondern es ist ein
Alten bleiben. werbendes und lockendes Ermahnen.

 
Das Fundament 1/2004

Jemand hat einmal gesagt: „Zum keine Vervollkommnung erreichen kann,


rechten Ermahnen gehören Augen, die bis er die Selbstaufopferung erreicht.“
die Gnade Gottes im Nächsten sehen Doch Paulus spricht in unserem Text
können, und die Gabe, auf dem Grund nicht von einem selbstzerstörerischen
der im Nächsten entdeckten Gnade Opfer, sondern von einem lebendigen
weiter aufzubauen.“ Opfer. Es geht hier nicht um ein Opfer,
Wozu ermahnt Paulus? Wir kön- durch das wir unser Leben vernichten,
nen die Ermahnung so zusammen- sondern um ein Opfer, durch das wir
fassen: Unser ganzes Leben für Gott unser Leben Gott zur Verfügung stel-
- nicht nach dem Schema der Welt, len.
sondern indem wir prüfen, was Gott Sicher kann das auch einmal im
will. äußersten Fall das Martyrium beinhal-
ten. An dieser Stelle meint Paulus aber
etwas anderes. Es geht um unser Leben
im Alltag. Es geht darum, dass wir uns
mit allem, was wir sind und haben, mit
Das ganze Leben für Gott unserer Kraft und Zeit und den Besitz,
Paulus schreibt: „Ich ermahne euch, Gott zur Verfügung stellen.
liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Im Judentum findet sich der Satz:
Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als „Opfer ist die Rückgabe der Welt an ih-
ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott ren Schöpfer.“ Es geht um die Rückgabe
wohlgefällig ist.“ meines Lebens an meinen Schöpfer.
Opfer heißt: Ich gebe Gott, was Gott
gehört. Gott hat ein doppeltes Eigen-
tumsrecht an uns: Einmal gehören wir
ihm, weil er uns geschaffen hat, zum
Lebendiges Opfer andern gehören wir ihm, weil er mit
Was meint Paulus mit dem Begriff dem Blut seines Sohnes Jesu Christi
„Opfer“? Dieses Wort hat ja einen
missverständlichen Klang bekommen
in einer Zeit, wo Selbstmordattentäter
ihr Leben für religiöse Ziele opfern.
Ich denke hier an ein Interview mit der
Mutter eines Selbstmordattentäters,
der zehn israelische Siedler und Solda-
ten mit in den Tod riss. Sie sagte voller
Stolz über die Tat ihres Sohnes: „Ich be-
haupte, dass der Glauben eines Mannes

10
10
Wort, das mich verändern will

für uns bezahlt hat. Das Letztere ist die möglich sein kann, für Gott zu leben.
Voraussetzung dafür, dass wir über- Es ist nur durch den Tod hindurch
haupt für Gott leben können. möglich, durch das Sterben unseres al-
ten Menschen mit Christus am Kreuz.
In Römer 6, 6 schreibt Paulus: „Wir
wissen ja, dass unser alter Mensch mit
ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der
Mit Christus gestorben Sünde vernichtet werde, sodass wir hin-
Unser Opfer lebt von dem Opfer Jesu fort der Sünde nicht dienen.“ Als solche,
Christi. Und das in einer doppelten die mit Christus zu einem neuen Leben
Weise. auferstanden sind, werden wir fähig,
Zum einen: Wir können uns Gott für Gott zu leben.
nur zur Verfügung stellen als Men- Die Konsequenz zieht Paulus, wenn
schen, die mit Christus gestorben und er schreibt: „Auch gebt nicht der Sünde
zu einem neuen Leben auferstanden eure Glieder hin als Waffen der Ungerech-
sind. tigkeit, sondern gebt euch selbst Gott hin
In Matthäus 5, 29-30 sagt Jesus: als solche, die tot waren und nun lebendig
„Wenn dich aber dein rechtes Auge zum sind, und eure Glieder Gott als Waffen der
Abfall verführt, so reiß es aus und wirf ‘s Gerechtigkeit“ (Römer 6, 13).
von dir. Es ist besser für dich, dass eins Es geht darum, dass wir immer
deiner Glieder verderbe und nicht der wieder Ernst machen mit der Wahr-
ganze Leib in die Hölle geworfen werde. heit, dass der alte Mensch kein Le-
Wenn dich deine rechte Hand zum Ab- bensrecht mehr hat. Ich will mit einem
fall verführt, so hau sie ab und wirf sie neuen Leben Gott dienen.
von dir. Es ist besser für dich, dass eins Von Eduard Graf Pückler, dem
deiner Glieder verderbe und nicht der Gründer der Deutschen Christlichen
ganze Leib in die Hölle fahre.“ Was will Studentenvereinigung, wird Folgen-
Jesus damit sagen? des erzählt. Eines Tages hatte man
beschlossen, dass er eine bestimmte
Veranstaltung nicht leiten sollte, ver-
mutlich, weil man ihn zu alt dafür
hielt. Paul Humburg, der spätere Ge-
Der alte Mensch neralsekretär der Vereinigung, wurde
Jesus will damit sagen: Die Sünde beauftragt, ihm diesen Beschluss mit-
steckt so tief in dir und deinen Glie- zuteilen. Graf Pückler hat ihn darauf-
dern. Um sie loszuwerden, müsstest du hin mit einem langen Blick angesehen.
die Glieder vernichten. Damit deutet Paul Humburg fragte, was dieser Blick
Jesus den Weg an, wie es überhaupt zu bedeuten habe. Graf Pückler gab zur

11 11
Das Fundament 1/2004

Antwort:„Ich habe nur eines (im Stil- Solange unsere Opfer das Ziel
len) gesagt: `Herr Jesus, halte die Nägel haben, Gottes Gnade zu erwerben,
fest!` Er meinte damit die Nägel, mit sind sie nur der Versuch, uns selbst vor
denen der alte Mensch gekreuzigt ist. Gott zu behaupten. Wir wollen dann
Alles in ihm begehrte auf. Aber er bete- nicht zugeben, dass wir ganz und gar
te: „Herr Jesus, halte die Nägel fest!“ nur von Gottes Gnade leben und auf
Das ist das eine. Unser Opfer lebt sie angewiesen sind. In diesem Sinne
von dem Opfer Jesu Christi. Der alte kann uns die vollkommenste Erfül-
Mensch meldet täglich seine Ansprü- lung des Gesetzes zur vollkommensten
che an. Aber wir sind mit Christus Übertretung werden, eben dann,
gestorben und auferstanden. wenn wir uns damit vor Gott behaup-
Und nun werde, was du in Christus ten wollen. Wirklich für Gott leben
bereits bist! können wir nur, wenn wir unter dem
Kreuz erkannt haben: „Nichts kannst
du machen mehr, er hat’s gemacht: Es
ist vollbracht!“ Es ist das vollkommene
Opfer Jesu Christi, das uns befreit zu
Christus starb für uns einem Leben für Gott, zu einem Opfer,
Das andere ist: Unser Opfer lebt da- das nicht durch eigensüchtige Motive
von, dass wir für Gott nur mit einem befleckt ist, sondern an dem Gott Ge-
freien Rücken leben können. Solange fallen hat.
wir meinen, wir müssten Gott durch Darin besteht das Ärgernis des
Opfer zufrieden stellen, solange geht es Kreuzes. Der Fernsehjournalist Franz
uns immer noch um uns selbst. Alt bringt die Anstößigkeit der Bot-
Es ist ja erstaunlich, zu welchen
Opfern Menschen bereit sind, wenn sie
den Eindruck haben, dass sie etwas für
ihr Heil tun können.
In Japan besuchte ich eine Pagode.
Als wir den Turm hinaufstiegen, sah
ich an den Wänden lauter Glasvitrinen.
In ihnen standen tausende von kleinen
Götzenfiguren. Ein Missionar, der
mich begleitete, erzählte mir, dass man
solche Figuren für umgerechnet � 5000
kaufen könne. Dafür beten dann die
Priester des Tempels für das Seelenheil
der Opfernden.

12
12
Wort, das mich verändern will

schaft auf den Punkt, wenn er sagt: Seine Zunge Gott zur Verfügung
„Solange Jesus für unsere Sünden ge- heißt dann aber auch: Ich will mit mei-
opfert wird, haben wir keine Chance, nem Reden nicht Schaden anrichten,
an unserer Erlösung zu arbeiten.“ sondern ich will anderen Menschen
Das brauchen wir auch nicht. Und eine Hilfe sein. Ich will nicht Öl in das
daraus kommt das Frohmachende. Feuer gießen, sondern reden, was dem
Mit diesem freien Rücken, den Gott Frieden dient. Ich will mich nicht an
mir geschenkt hat, will ich fröhlich für dem Geschwätz über andere beteiligen,
Gott leben. sondern ich will den andern - soweit
Unser ganzes Leben für Gott - das das möglich ist - in Schutz nehmen, ich
will konkret werden bis in unsere will ihn - wie Luther in seiner Erklä-
Leiblichkeit hinein. Da geht es um die rung der Zehn Gebote sagt - „entschul-
Glieder unseres Leibes, da geht es um digen, Gutes von ihm reden und alles
unsere Augen, da geht es um unsere zum Besten kehren.“
Ohren, da geht es um unsere Hände, Vielleicht denkt jemand: Sein Leben
da geht es um unsere Zunge. Gott zur Verfügung zu stellen - ist das
nicht ein ständiges Verzichten auf eige-
ne Wünsche? Darf ich nicht mehr nach
meinen eigenen Plänen leben? Es ist in
der Tat ein Sterben, aber ein Sterben ins
Unsere Zunge für Gott Leben hinein. Es ist ein Verzichten, bei
Nehmen wir das Beispiel der Zun- dem wir nur gewinnen können.
ge: Was heißt das, seine Zunge Gott In dem Maße, wie wir unser Leben
zur Verfügung zu stellen? Das heißt Gott zur Verfügung stellen, wird es
zunächst, dass wir sie nicht mehr der nicht ärmer, sondern reicher.
Sünde als Waffe zur Verfügung stel- Unser ganzes Leben für Gott - das
len. Der Jakobusbrief beschreibt sehr hat Konsequenzen für unser Verhältnis
eindrücklich, welchen Schaden wir zu der Welt, in der wir leben. Diese
mit unserer Zunge anrichten können. Konsequenz lautet:
Sie ist zwar nur ein kleines Glied, aber
wie ein kleines Feuer genügt, um einen
ganzen Wald anzuzünden, so kann
man mit der Zunge die ganze Welt in
Brand setzen. Wir können mit unserer
Nicht nach dem Schema
Zunge Menschen verletzen, wir kön- der Welt
nen sie um ihren guten Ruf bringen,
wir können mit unserer Zunge Miss- Der amerikanische Schriftsteller Mark
trauen säen. Twain erzählte, dass er ein Chamäleon

13 13
Das Fundament 1/2004

besessen habe. Er nahm es und setzte Oder eine Frau, wenn der Mann
es auf den bunten Teppich in seinem mit ihr und dem Sohn kein Wort mehr
Arbeitszimmer. Was tat das Chamäle- redet, weil sie beide Christen geworden
on? Es versuchte verzweifelt, sich den sind?
Farben des Teppichs anzupassen. Es
wechselte andauernd die Farben, bis es
zuletzt an Erschöpfung gestorben sei.
Nun glaube ich nicht, dass man
diese Geschichte so ernst nehmen darf.
Notlüge
Ich denke, dass sie mehr Dichtung als Und wir müssen ja gar nicht bis nach
Wahrheit ist. Aber das ändert nichts Japan gehen. Wir merken selber, wie
daran, dass uns Mark Twain mit dieser wir in einer Umgebung leben, die ein
Geschichte einen Spiegel vorhält. Sog auf uns ausübt. Den Sog, dass wir
uns anpassen und gleichförmig wer-
den. Wir leben in einer Gesellschaft,
wo die Notlüge selbstverständlich ist.
Es gibt Umfragen, die belegen, dass die
Der Mensch: Notlüge akzeptiert wird, solange kein
ein Chamäleon anderer dadurch geschädigt wird.
Oder ich denke an eine Konfirmandin,
Sind wir Menschen nicht wie so ein die nach dem Unterricht zu mir kam.
Chamäleon von Natur aus? Möglichst Sie wollte sich eigentlich viel mehr am
nicht auffallen. Möglichst sich anpas- Unterricht beteiligen, aber sie hatte
sen. Während eines Besuches in Japan Angst, dass sie am nächsten Tag in der
wurde mir erst so richtig bewusst, was Schule wegen ihres Glaubens gehänselt
das bedeutet, wenn Christen in einer wird.
völlig heidnischen Umgebung leben. Oder wie groß ist die Versuchung
Was macht ein Angestellter, der für junge Menschen, schon vor der Ehe
Christ ist, wenn die ganze Abteilung sexuelle Kontakte zu haben? Und wel-
der Firma an Neujahr geschlossen in che innere Stabilität bedarf es, sich hier
den Shinto-Tempel geht, um den Pries- gegen den allgemeinen Trend für einen
ter dort für ein erfolgreiches Geschäfts- anderen Weg zu entscheiden?
jahr beten zu lassen? Oder was bedeutet es für einen
Was macht der Sohn oder die Geschäftsmann, der um das Überleben
Tochter buddhistischer Eltern, wenn seines Betriebes ringt, wenn er den
von ihnen erwartet wird, dass sie sich Eindruck hat, dass „der Ehrliche der
beim Betreten des Elternhauses vor Dumme ist“?
dem Ahnenaltar verbeugen?

14
14
Das Fundament 1/2004

Gemeinde Jesu er die Christen) ernähren außer ihre


eigenen Armen auch die unsrigen.“
als Kontrast Der Kirchenvater Eusebius berich-
Paulus sagt: „Stellt euch nicht dieser Welt tet, dass die Christen die einzigen wa-
gleich.“ Paulus gebraucht hier einen ren, die während einer großen Pestzeit
Ausdruck, in dem das Wort „Schema“ „ihr Mitgefühl und ihre Menschen-
steckt. Dieses Wort meint ursprünglich liebe“ durch die Pflege der Kranken,
die erkennbare Gestalt. Es geht hier Bestattung der Toten und Speisung
also nicht nur um innere Überzeugun-
gen, die ein Christ hat, sondern es geht
um das, was für andere sichtbar ist.
„Stellt euch nicht dieser Welt gleich“ - das
heißt: Christen leben erkennbar anders.
Sie sind in ihrem Verhalten nicht kon-
form mit dieser Welt.

Wenn wir in das Neue Testament der Hungrigen bewiesen. Zu diesem


und in die frühe Kirchengeschichte erkennbar anderen Verhalten gehörte
hineinschauen, dann stellen wir fest: auch, dass die Christen sich von dem
Die christlichen Gemeinden damals heidnischen Treiben ihrer Umwelt
waren so etwas wie eine „Kontrast-Ge- distanzierten.
sellschaft“. Sie haben sich erkennbar
anders verhalten als ihre Umwelt.
Der römische Kaiser Julian sagte:
„Die gottlosen Galiläer (damit meinte

32
32
Wort, das mich verändern will

Leute von morgen der Welt gemeinsam haben, gibt uns


den Einfluss, sondern was uns von ihr
Nun stößt man in christlichen Kreisen trennt.“
oft auf die Sorge, wir könnten uns zu Wenn die Welt bei uns nur das
sehr abgrenzen von dieser Welt. Wir findet, was sie selber hat, sozusagen als
könnten unattraktiv für Außenstehen- eine Spiegelung oder Doppelung ihrer
de werden, indem wir uns zurückziehen selbst, was haben wir dann dieser Welt
in ein frommes Ghetto. Diese Sorge noch zu bieten?
ist sicher nicht unberechtigt, solange Es ist sicher nicht immer leicht zu
es um Äußerlichkeiten geht. Wir ha- unterscheiden: Was sind nur Äußer-
ben einen missionarischen Auftrag an lichkeiten und wo geht es um inhalt-
dieser Welt, und dazu gehört, dass wir liche Dinge - zumal beides oft inein-
unnötige Hemmschwellen abbauen. ander übergeht. Immer wieder wird
Aber das ändert nichts daran, dass wir heftig über das Rahmenprogramm auf
Fremdkörper in dieser Welt sind. Un- christlichen Veranstaltungen disku-
sere Heimat ist nicht mehr diese alte, tiert: Für die einen ist es oft zu weltlich.
vergehende Welt, sondern die kommen- Die anderen sagen, gerade die Kritik
de, neue Welt Gottes. Wir passen nicht am Rahmenprogramm sei weltlich,
mehr so richtig in diese alte Welt, weil ungeistlich und zeuge von einer man-
wir uns an den Maßstäben der kom- gelnden Liebe zu den Verlorenen. Ich
menden Welt orientieren. Es heißt in 1. denke, bei solchen Streitigkeiten geht
Petrus 4, 4: „Das befremdet sie, dass ihr es darum, dass wir in der Abhängigkeit
euch nicht mehr mit ihnen stürzt in das- von Gott bleiben und dass wir mitein-
selbe wüste, unordentliche Treiben ...“. Es ander prüfen: Was will der Herr?
gibt notwendige Abgrenzungen, nicht Das führt uns zu unserem letzten
weil wir „von gestern“ wären, sondern Punkt:
weil wir „von morgen“ sind.
Und wir werden zu unserer Über-
raschung feststellen: Unser Einfluss auf
die Welt wird dadurch nicht geringer.
Paul le Seur hat einmal gesagt: „Je
Prüfen, was Gott will
klarer die Scheidung, umso schwieriger Prüfen! Es gehört zu unserem Mensch-
das Zusammenleben, umso größer sein, dass wir die Frage stellen: Was
der Einfluss des Gottesvolkes auf die sollen wir tun? Ein Tier stellt diese
Welt. Je unklarer die Scheidung, umso Frage nicht. Ein Eichhörnchen fragt
leichter das Zusammenleben, umso nicht: Soll ich einen Wintervorrat an-
stärker der Einfluss der Welt auf das legen oder nicht? Es handelt instinktiv.
Gottesvolk. Nicht das, was wir mit Wir dagegen fragen: Was sollen wir

33 33
Das Fundament 1/2004

tun? Was ist das Richtige? Und diese Für den einen ist die Situation für
Frage ist umso drängender, je mehr sein Handeln bestimmend. Das einzige
Wahlmöglichkeiten wir haben. feste Kriterium dabei ist die Liebe. Was
der Liebe dient, ist gut.
Andere behaupten, dass das gut sei,
was die Interessen von möglichst vielen
Personen berücksichtigt oder was mög-
Multioptionale Welt lichst vielen nützt.
Peter Gross schreibt in seinem Buch Wiederum andere greifen auf Im-
„Die Multioptionsgesellschaft“: „Die manuel Kant zurück. Er empfahl, so
Steigerung der Erlebens-, Handlungs- zu handeln, dass man die Grundsätze
und Lebensmöglichkeiten, die Opti- seines Handelns zum Gesetz für die
onensteigerung, ist der augenschein- ganze Menschheit machen könnte.
lichste Vorgang der Modernisierung.
Darum der Begriff der Multioptions-
gesellschaft. Die Steigerung der Hand-
lungsmöglichkeiten ist so präsent und
evident, dass es fast schwerfällt, für
Der Wille Gottes
diesen Vorgang den tausend Beispielen Für Paulus gibt es nur eine „Option“
die passenden zu entnehmen ... Von - und das ist der Wille Gottes. Wich-
der Pizzakarte über die Fernsehpro- tig ist dabei: Paulus bindet uns damit
gramme bis hin zu Partnerschafts- und nicht an ein Prinzip. Weder an das
Heirats-Märkten werden in furiosen Prinzip Liebe noch an den kategori-
Folgen neue Handlungsmöglichkeiten schen Imperativ von Immanuel Kant.
aufgetan ... Jeder Tag versorgt uns Paulus bindet uns an eine Person, an
von neuem mit einem kunterbunten ein Du, an ein Gegenüber. Er stellt uns
Gemisch von Angeboten, Lockrufen, hinein in die Verantwortung vor Gott.
Versprechungen und Angeboten, das Darin unterscheidet sich die christliche
Angebotene zu realisieren zu helfen. Ethik von den philosophischen ethi-
Ein Ende ist nicht abzusehen.“ schen Entwürfen. Da geht es immer
Die Frage ist: Nach welchen Kri- nur um Prinzipien und Ideale. In der
terien sollen wir entscheiden? An wel- christlichen Ethik geht es in erster
chen Maßstäben sollen wir uns orien- Linie um eine Person
tieren? Wer diese Frage stellt, der wird Dietrich Bonhoeffer hat es treffend
sehr schnell erkennen, dass wir auch auf den Punkt gebracht: „Nicht einem
diesbezüglich in einer Multioptions- Gesetz gehorchen wir in den Zehn Geboten,
gesellschaft leben. Es gibt keine allge- und nicht an einem Gesetz, sondern an Gott
mein verbindlichen Maßstäbe mehr. scheitern wir, wenn wir sie übertreten.“

34
34
Wort, das mich verändern will

Natürlich hat uns Gott Gebote Stirbt in den Herzen der Glaube an
gegeben. Aber hinter seinen Geboten Gott, stirbt das biblische Ethos.“
steht er selbst. Die Gebote stellen uns
in die Verantwortung vor ihn.

Neues Denken
Wie können wir nun prüfen, was
Die neuen Zehn Gebote Gott will? Die Voraussetzung ist die
Vor zwei Jahren erschien die Illustrierte Erneuerung unseres Sinnes. Im Grie-
„Stern“ mit dem Titel: „Die neuen Zehn chischen steht hier das Wort „nous“.
Gebote“. Man hat prominente Persön- „Nous“ meint ursprünglich das Wahr-
lichkeiten in Deutschland nach ihren nehmungsvermögen; das Wort leitet
Werten befragt und daraus dann eine sich ab von der Wurzel „snu“, damit
Liste von „neuen Zehn Geboten“ zusam- ist das Schnuppern gemeint. Stellen
mengestellt. Hier ein Auszug davon: Sie sich einen Hund vor, der schnup-
pernd durch die Gegend läuft. Solch
Du sollst die Würde jedes Menschen ein Hund hat ein „Gespür“ für seinen
achten. Herrn.
Du sollst nicht töten. So brauchen auch wir ein „Gespür“
Du sollst deine Versprechen halten. für Gott, ein „Gespür“ für die göttli-
Du sollst die Natur schützen und chen Dinge. Manchmal gebrauchen
bewahren. wir ja auch das Wort „Sinn“ in dieser
Liebe deine Kinder. Bedeutung, zum Beipsiel. wenn wir
sagen: Da hat jemand einen Sinn für
Teilweise klingen die Gebote geradezu künstlerische Gestaltung oder einen
„biblisch“. Alarmierend ist jedoch, dass Sinn für Musik. Das heißt, er hat dafür
Gott in diesen „neuen Zehn Gebo- etwas übrig, er ist dafür empfänglich.
ten“ überhaupt nicht vorkommt. Das Der natürliche Mensch hat keinen
einzige Gebot, das einen religiösen Sinn für Gott. Paulus schreibt in 1.
Bezug hat, lautet bezeichnenderweise: Korinther 2,14: „Der natürliche Mensch
„Glaube, was du willst, aber füge keinem vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist
Menschen Leid zu.“ ihm eine Torheit, und er kann es nicht
Liegt aber hier nicht das Problem erkennen.“ Der natürliche Mensch
unserer Zeit? ist abgestumpft in seinem Wahrneh-
Georg Huntemann warnt: „Das mungsvermögen für die göttlichen
biblische Ethos ist ohne den in der Dinge, und das hat Auswirkungen auf
Bibel bezeugten Gott nicht zu haben. sein Denken und Verhalten. In Römer

35 35
Das Fundament 1/2004

1, 28 heißt es: „Und wie sie es für nichts te ich deutlich machen, was es konkret
geachtet, Gott zu erkennen, hat Gott sie bedeuten kann, unser Denken erneu-
dahingegeben in verkehrten Sinn, so dass ern zu lassen.
sie tun, was nicht recht ist“ - und dann Unser Denken ist davon geprägt,
zählt Paulus auf: „voll von aller Unge- dass wir in einer Informationsgesell-
rechtigkeit, Schlechtigkeit, Habsucht, schaft leben, in der sich Dinge und
Bosheit, voll Neid, Mord, Hader, List, Verhältnisse sehr schnell wandeln.
Niedertracht; Zuträger, Verleumder, Reimer Gronemeyer, Professor für
Gottesverächter, Frevler, hochmütig, Soziologie in Gießen, schreibt in
prahlerisch, erfinderisch im Bösen, den seinem Buch „Die 10 Gebote des 21.
Eltern ungehorsam, unvernünftig, treu- Jahrhunderts“: „Erfolgreich werden
los, lieblos, unbarmherzig.“ künftig Menschen sein, die ohne feste
Ordnung auskommen, Leute, die im
Chaos aufblühen. Die Informati-
onsgesellschaft bringt einen neuen
Menschentypus hervor. Während die
Ein Sinn für Gott Gründergeneration des industriellen
Was wir brauchen, ist ein erneuerter Wohlstandes auf Bodenständigkeit,
Sinn, ein Sinn für Gott: „Wir wissen, Prinzipientreue, Disziplin, Geradlinig-
dass der Sohn Gottes gekommen ist und keit und Sparsamkeit bauten, werden
uns den Sinn dafür gegeben hat, dass diese alten Tugenden heute zum Er-
wir den Wahrhaftigen erkennen“ (1. folgshindernis. Manager mussten bis-
Johannes 5, 20). Dieser Sinn für Gott her ordentliche Familienverhältnisse,
will unser Denken prägen und damit anständige Anzüge, abgezahlte Immo-
unsere ganze Lebenseinstellung. bilien und geputzte Autos vorweisen,
Unser Denken ist kein neutraler wenn sie sich durchsetzen wollten.
Bereich, der von der Sünde unberührt Künftig wird dieser altbackene Typ
geblieben ist, sondern bedarf genau- zum ökonomischen Sicherheitsrisiko.
so der Erneuerung wie alle anderen Wer abends brav mit dem Nachbarn
Lebensbereiche. So kann Paulus in 2. grillt, seinen Rasen kurz hält und sich
Korinther 10, 5 sagen: „Wir nehmen mit einer Ehe begnügt, demonstriert
gefangen alles Denken in den Gehorsam eine Haltung, die auf einen immobilen
gegen Christus.“ Charakter schließen lässt, dem man
Vor kurzem sagte mir ein Mitarbei- die nötige Flexibilität... nicht zutrauen
ter unseres Werkes: „Wir folgen oft den kann.“
Trends der Zeit, weil wir bestimmte Sicher ist Flexibilität in unserer
Dinge gar nicht mehr denken können.“ modernen Arbeitswelt eine wichtige
Anhand von zwei Beispielen möch- und notwendige Eigenschaft. Wenn

36
36
Wort, das mich verändern will

das jedoch bedeutet, dass die Stabilität ganze Spaß- und Erlebnisorientierung
von Ehe und Familie immer mehr hat hier ihre Wurzeln. Wo aber alles
untergraben wird, so gilt es, sich daran auf ungehinderte Selbstentfaltung und
zu erinnern, dass Gott sagt: „Ich, der Lebensgenuss ausgerichtet ist, da wird
HERR, wandle mich nicht“ (Maleachi das Leiden zum sinnlosen Störfaktor,
3, 6). Erneuerung unseres Denkens den man zu beseitigen oder zumindest
heißt in diesem Fall, dass wir uns neu zu verdrängen sucht.
an dem Maßstab der Verlässlichkeit Das Wort Gottes richtet aber un-
und Treue Gottes ausrichten und von ser Wahrnehmungsvermögen auf die
daher unser menschliches Miteinander Ewigkeit aus. Wer einen Sinn für Gott
prägen lassen. hat, wer um das ewige Leben weiß,
für den ist dieses irdische Leben nicht
„letzte Gelegenheit“, sondern Vorberei-
tung auf die Ewigkeit.
Deshalb zum Schluss die Bitte:
Ewiges Leben
Ein zweites Beispiel: Wir leben in ei- Erneure mich, o ewigs Licht, und
ner Gesellschaft, die den Blick für die lass von deinem Angesicht
Ewigkeit weitgehend verloren hat. Die mein Herz und Seel mit deinem
Erziehungswissenschaftlerin Marianne Schein durchleuchtet und erfüllet
Gronemeyer hat ein Buch geschrieben sein.
mit dem Titel „Das Leben als letzte
Gelegenheit“. Schaff in mir, Herr, den neuen
Dieser Titel charakterisiert das Geist, der dir mit Lust Gehorsam
Denken und Lebensgefühl vieler Men- leist’
schen unserer Zeit. und nichts sonst, als was du willst,
Wo die Hoffnung auf eine Vollen- will; ach Herr, mit ihm mein Herz
dung des Lebens in einer neuen Schöp- erfüll.
fung verloren gegangen ist, da wird das
irdische Leben „zur letzten Gelegen- Auf dich lass meine Sinne gehn, lass
heit“. Da muss dieses irdische Leben sie nach dem, was droben, sehn,
optimiert und perfektioniert werden. bis ich dich schau, o ewigs Licht, von
Da gilt es, aus diesem Leben heraus- Angesicht zu Angesicht. 
zuholen, was irgend nur geht. Unsere

37 37