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Das Fundament 1/2009

Rätsel Kosmos
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Das Fundament 1/2009 Rätsel Kosmos Dr. Norbert Pailer, Meersburg, Programmleiter für Wissenschaftliche Raum- fahrt bei

Dr. Norbert Pailer, Meersburg, Programmleiter für Wissenschaftliche Raum- fahrt bei EADS Astrium

  Die Naturwissenschaft ist ein ungeheuer hilfreiches Verfahren zum Verständnis des komplexen Weltalls, in dem wir leben. Die Geschichte hat gezeigt, dass ihre Erfolge Legion sind. Die Naturwis- senschaft ist eine edle, bereichernde Suche, die uns hilft, unsere Welt in einer objektiven und methodischen Weise zu erkunden. Ansonsten wä- ren wir wilden Spekulationen aus- geliefert. Unsere naturwissenschaft- lichen Experimente sind eine Art Gespräch mit der Natur. Sie helfen, ihre Geheimnisse zu erschließen. Aber die Rohdaten, die unsere Sinne sammeln, sind ohne Modell nicht einsichtig. Deshalb dienen uns Theorien zu deren Strukturie- rung. Sie sind also zunächst reine

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Spielzeugwelten, um aus dem Ex- periment oder den Beobachtungen gewonnene Daten einzuordnen. Zu deren Wirklichkeitsnähe hat der Kosmologe Stephen Hawking deutliche Worte: „Eine wissen- schaftliche Theorie ist nicht mehr als ein mathematisches Modell, das wir entwerfen, um unsere Beobach- tungen zu beschreiben. Es existiert nur in unserem Kopf.“ Im Laufe unserer deduktiven Vorgehensweise zum Verständnis der Welt müs- sen wir früher oder später etwas als gegeben annehmen, sei es nun Gott, der Urknall, unsere Logik, eine Reihe von Gesetzen oder eine Seinsgrundlage. „Letzte“ Fragen lie- gen immer hinter dem Bereich der Erfahrungswissenschaften. Es wird

immer ein „Geheimnis am Ende der

Welt“ geben, aber es lohnt sich, den Weg der verstandesmäßigen Suche bis an seine Grenzen zu verfolgen. Spätestens dort wird die Erkenntnis bleiben, dass das Universum – die unbelebte Materie gleichermaßen wie der Teil der belebten Welt

– einfach genial konstruiert ist, und

man wird dies nicht nur als schlich-

te Tatsache hinnehmen. Es muss

– so meine persönliche Überzeu-

gung – eine tiefere Erklärungsebene geben. Zudem halte ich Geist und Verstand – also das Bewusstsein für diese Welt – nicht für eine zufällige Laune der Natur.

Bekenntnisse

Ein halbes Jahrhundert war Allan Sandage den Geheimnissen des Universums auf der Spur. Die As- tronomen nennen den Senior ihrer Zunft respektvoll „Mister Cosmo- logy“. Nun legt der weißhaarige Gelehrte, der nach eigenen Worten als junger Mann praktizierender Atheist war, überraschend eine Art Glaubensbekenntnis ab: „Die Erforschung des Universums hat mir gezeigt, dass die Existenz von Materie ein Wunder ist, das sich

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nur übernatürlich erklären lässt.“ Auch der Schweizer Astronom Gustav Tammann hat seine Erfah- rung in deutliche Worte gefasst:

„Wer klar bei Verstand ist, kann die Möglichkeit eines Schöpfers nicht ernsthaft ausschließen.“ Oder der Physiker und Wissen- schaftsautor Paul Davies, der sich zu keiner der großen Religionen bekennt, meint dennoch: „Wenn wir Gott spielen und die Werte für die Naturkonstanten und –kräfte frei wählen könnten, würden wir wohl entdecken, dass fast alle Ein- stellungen das Universum unbe- wohnbar machen würden.“

Kosmische Blähung

Der amerikanische Satellit Cobe (Cosmic Background Explorer) hat die seit 1965 entdeckte Hin- tergrundstrahlung untersucht, die als „Nachglühen“ des Urknalls interpretiert wird. Ihre Inhomoge- nität im Bereich von nur wenigen tausendstel Prozent hat überrascht, denn eigentlich sollten sie die Urzel- len heutiger Strukturelemente zei- gen. Die gemessene Einförmigkeit enthält eine Botschaft, welche die menschliche Vorstellungskraft und

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die Naturgesetze gleichermaßen zu sprengen scheint: In seiner frühes- ten Phase muss sich das Universum mit Überlichtgeschwindigkeit ausgedehnt haben. Das Ur-All, vom Umfang kleiner als ein Atomkern, muss in Milliardenbruchteilen einer Sekunde auf astronomische Dimen- sionen angeschwollen sein. Nur so sind die Signale von Cobe zu deu- ten. Wäre es anders gewesen, hätten verschiedene Teile des Universums Zeit gehabt, sich unterschiedlich zu entwickeln. Auf den ersten Blick steht der überschnelle Sprint, die kosmische Inflation im Widerspruch zu Ein- steins Relativitätstheorie. Sie setzt ein Tempolimit für Körper, die sich im Raum bewegen, nämlich die Lichtgeschwindigkeit. Bei der kosmischen Inflation soll sich aber der Raum ausgedehnt haben und die vorhandenen Materiekonzen- trationen wurden nur wie Rosinen im aufgehenden Hefeteig mitgeris- sen. So die vage Erklärung.

Hineinzoomen

Liefern Teleskope Aufnahmen von der Geburt des Kosmos? Könnte noch bessere Technik zurückblicken

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zum Anfang der Welt? Fernrohre, die dafür stark genug wären, ließen sich bauen. Nur weiß noch nie- mand, ob sie etwas nützen würden, denn je tiefer wir schauen, umso mehr Objekte überdecken das Firmament. Für einen fernen Blick mit dem Hubble-Weltraumteleskop suchte man sogenannte „Schlüssellö- cher“. Jedenfalls könnte es so wer- den, dass die Astronomen vor lauter Sternen die Himmel nicht mehr sähen. Andererseits wäre gemäß oben erwähnter überlichtschneller Bewegungen ein Anfang grundsätz- lich nicht sichtbar. Diese Erkenntnis deckt sich mit meiner persönlichen Sichtweise aus der Perspektive der Genesis. Wenn wir den Bericht ernst nehmen, dann liegt zwischen der Schöpfung und unseren heutigen Beobachtungen ein einschneidendes Ereignis: der Sündenfall.

Sündenfall

Durch ihn trat erstmals das Ele- ment des Zerfalls, des Todes in die Welt. Physikalisch gefolgert würde das heißen, dass wir heute mit einer anderen Physik umgehen, als sie damals vorlag. Obwohl ich als Physiker davor zurückschrecke,

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Polarlicht über Süddeutschland
Polarlicht über Süddeutschland

eine andere Physik zu fordern, sehe ich an dieser Stelle keinen anderen Ausweg. Damit hätten die heute be- obachtbaren Phänomene sozusagen die Erinnerung an die Anfänge ver- loren und unsere Wirklichkeit ließe folgenden Vergleich aus der Ther- modynamik zu: Wenn ich ein Glas heißes Wasser habe, so weiß ich, dass es in wenigen Stunden kalt sein wird. Wenn man mir andererseits ein Glas kaltes Wasser gibt, so weiß ich nicht, ob es zuvor heiß war, weil Einzelheiten der thermischen Geschichte des Wassers, einschließ-

lich der Anfangsbedingungen durch thermodynamische Vorgänge unwiederbringlich ausgelöscht wur- den. Es wäre dann – außer auf sehr grobe Weise - unmöglich herzulei- ten, wie das Universum begann. Es gibt Facetten der Wirklich- keit, die jenseits einer experimen- tellen Verifizierung und jenseits der Macht menschlichen Denkens liegen.

Interessante Informationen über die Arbeit und Literatur von Dr. Norbert Pailer unter:

http://www.amazingspace.de

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