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Die Suche nach Wahrheit

in der Geistesgeschichte

Dr. Wolfgang Nestvogel hielt diesen Vortrag


auf der Regionaltagung 2009 in Krelingen. Wahrheit oder Frieden?
Darin skizziert er schicksalhafte Weichen-
stellungen der Geistesgeschichte, deren  In der Rosslyn-Kapelle in Edinburgh
Folgewirkungen für das Wahrheitsverständ- findet sich folgende Deckeninschrift:
nis bis heute spürbar sind. Der Vortragsstil „Wein ist stark, Könige sind stärker, am
wurde für diese Veröffentlichung, die stärksten sind Frauen - die Wahrheit aber
sich auf einen Audiomitschnitt stützt, besiegt sie alle.“ Das sind starke Worte.
beibehalten. Eine ausführlichere Fassung Solche Wahrheitsgewissheit steht „quer“
mit Quellenangaben ist für die Homepage zu dem geistigen Klima unserer Epoche,
geplant, die der Verfasser im Frühjahr eröff- der sogenannten Postmoderne.
nen möchte (www.wolfgang nestvogel.de).
Nestvogel ist Rektor der Akademie für refor- Die Historikerin Gertrud Himmelfarb
matorische Theologie (ART) und Pastor der hat die Stimmung unserer Zeit mit dieser
Bekennenden Evangelischen Gemeinde in Verlustanzeige charakterisiert: „Postmo-
Hannover. dernismus ist die Leugnung der Idee an
sich von Wahrheit, Realität, Objektivität,
Vernunft oder Fakten - alles Worte, die
jetzt vom Postmodernismus nur noch in

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Die Suche nach Wahrheit in der Geistesgeschichte

Anführungszeichen geschrieben werden. dann gibt es auch keine Ordnungen und


Es ist eine total permissive Philosophie. ethischen Grundsätze mehr. Von diesem
Alles geht – und es ist erstaunlich, wie Augenblick an bestimmt die Macht über
weit das gegangen ist.“ Diese Entwicklung das Recht. Damit gilt nur noch das darwi-
hat dramatische Folgen für die Gemeinde nistische Prinzip des „survival of the fit-
Jesu und für jeden einzelnen Christen. test“. Der Stärkere kann sich ungehindert
Zumal der vermeintlich totale Plura- durchsetzen, weil es keine höhere Instanz
lismus gerade nicht zu einem freieren gibt, auf die man ihn behaften könnte und
Meinungsklima geführt hat. Bei näherer vor der er sich verantworten müsste.
Betrachtung stellen wir eine gegenteilige
Entwicklung fest: Der Meinungsdruck Wie sollen wir als Christen, uns in dieser
wird immer stärker. Die Grenzen dessen, geistigen Situation verhalten, wie können
was man öffentlich sagen darf, werden wir uns wehren? Wie sollen wir mit der
immer enger gezogen, die „political cor- Wahrheitsfrage umgehen und wie unse-
rectness“ führt ein strenges Regiment. ren sinnsuchenden Zeitgenossen begeg-
nen? Zunächst müssen wir zu verstehen
Dabei begegnen wir einer zunehmen- versuchen, wie es zu einer derartigen
den Stimmungsmache gegen religiöse epochalen, revolutionären Veränderung
Deutungsansprüche, die man gern unter des Wahrheitsverständnisses gekommen
das Verdikt des Fundamentalismus stellt. ist. Warum sehen wir uns heute diesem
Wahrheit und Frieden werden gegeneinan- relativistischen Chaos gegenüber? Der
der ausgespielt. Jeglicher ernst genomme- nun folgende Schnelldurchgang durch
ne Gottesglaube steht plötzlich unter dem exemplarische (!) Kapitel der Geistesge-
Verdacht, Unfrieden zu stiften. Wer sich schichte soll Kernprobleme benennen und
nicht für den Frieden und stattdessen für aus christlicher Perspektive bewerten.
die Klärung der Wahrheitsfrage entschei- Dabei riskieren wir eine bisweilen zuspit-
de, gefährde die Existenz der Menschheit. zende Darstellung.

Wie leicht übersieht man eine brutale


Konsequenz: Wenn es keine übergeordne- Meinungsvielfalt
te Wahrheit mehr gibt, keine Wahrheit,
die für alle Menschen autoritativ gilt,
dann gibt es keinen Schutz mehr für
Schwache. Auf welche höhere Instanz
sollen sie sich dann berufen? Wenn es
keine übergeordnete Wahrheit mehr gibt,

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in einer Höhle lebt und deshalb nur einen
Antike: Plato und gebrochenen Zugang zur Realität hat. Was
Aristoteles wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, sind
in Wirklichkeit nur Schatten des wahrhaft
Der Maler Raffael (1483–1520) hat ein Seienden. Die eigentliche Wahrheit liegt
berühmtes Gemälde über „Die Schule im Bereich des Geistigen.
von Athen“ geschaffen. Darauf sieht man
im Zentrum des Geschehens die beiden Die Höhle steht für die mit unseren
Vordenker Plato und Aristoteles. Während Sinnen wahrnehmbare Welt. Der Höh-
ersterer mit einem Finger nach oben zeigt, lenbewohner muss nun einen harten
verweist letzterer in Richtung Erde. Aufstieg unternehmen, bis er mit seiner
Seele tatsächlich zur „Idee“ emporgelangt.
Plato (427-347 v. Chr.) zeigt also nach oben. Erst dann kann er erkennen, was hinter
Er geht von der übergeordneten Idee aus, den Dingen steht. Das Entscheidende
dem Urbild und dem Allgemeinen. Aber ist die Idee hinter den Dingen. Schon
schon Plato glaubt zu wissen, dass wir nur Plato thematisiert also das Problem einer
einen gebrochenen Zugang zur Wahrheit gebrochenen Wahrheitserkenntnis. Ihm
haben. Die gegenständliche Welt, die wir ist bewusst, dass der Mensch an die Idee
mit unseren Augen sehen und mit unseren als solche nicht herankommt. Plato geht
Händen begreifen können, ist nur ein immerhin noch davon aus, dass es eine
Schatten, ist nur Abbild einer Idee, welche absolute Wahrheit gibt. Aber wer kann sie
dahintersteht. In seinem berühmten „Höh- als Ganzes erfassen?
lengleichnis“ legt Plato diesen Gedanken
aus: Es spricht von Menschen, die in einer Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) dagegen
unterirdischen Höhle von Kindheit an zeigt mit seinem Finger nach unten und
so festgehalten sind, dass sie ihre Köpfe verweist damit auf die gegenständliche
nicht bewegen können. Sie sehen nur auf Welt. Er fordert, dass wir genau beobachten
die ihnen gegenüberliegende Wand. Die und den Dingen empirisch auf den Grund
Öffnung der Höhle liegt hinter ihnen. Dort gehen sollen. Er kommt zu einer klaren
brennt auch ein Feuer, so dass der Raum Definition des Wahrheitsbegriffs. „Wahr“
erhellt wird. Es werden Bilder und Gegen-
stände hinter dem Rücken der Menschen
Der Stärkere gewinnt
vorbeigetragen, so dass deren Schatten auf
der Wand erscheinen. Die Menschen in der
Höhle sehen nur den Schatten, nicht die
Dinge selbst. Deshalb halten sie die Schat-
ten für die reale Welt. Plato will damit sa-
gen, dass der Mensch in seinem Alltag wie

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ist das Gegenteil von „falsch“. Im Anschluss


daran formuliert Aristoteles Prinzipien
der rationalen Wahrheitsfindung, die
klassischen Regeln der Logik. Bis heute
wenden wir diese Regeln in unserem Alltag
wie selbstverständlich an, so zum Beispiel
den Satz vom Widerspruch oder den
Satz vom ausgeschlossenen Dritten, das
Entweder-oder-Prinzip. Allerdings können
wir mit diesen Regeln der Logik, die in der Die Sache selbst und die Aussage über die-
Schöpfung angelegt und für die Alltagsbe- se Sache stehen in einem angemessenen
wältigung ausgesprochen nützlich sind, Verhältnis zueinander. Mein Verstehen
nur einen Teilbereich unserer Wirklichkeit des Zusammenhangs ist damit adäquat.
erfassen. Zur Klärung von Existenz- und
Sinnfragen sind sie nicht geeignet. Allerdings verdanken wir Thomas von
Aquin auch ein besonderes Problem (auf
Dennoch erweisen diese Prinzipien sich als das zum Beispiel Francis Schaeffer immer
belastbar, so dass wir ihnen noch 1500 Jahre wieder aufmerksam gemacht hat). Tho-
später im Mittelalter wieder begegnen. mas hat eine Tür geöffnet, die nach ihm
nicht mehr geschlossen werden konnte.
Nach Thomas schöpft die Philosophie
Mittelalter: ihr Wissen aus einem Bereich, welcher
Thomas von Aquin der natürlichen Vernunft ungebrochen
zugänglich ist. Er nennt diesen (unteren)
Im Rekurs auf Aristoteles formuliert Bereich „Natur“. Die Theologie dagegen
Thomas von Aquin ( 1225 - 1274) die Kor- bezieht ihre Erkenntnisse aus der von Gott
respondenztheorie der Wahrheit: veritas gegebenen übernatürlichen Offenbarung.
consistit in adaequatione intellectus et Diesen (oberen) Bereich nennt Thomas
rei (Wahrheit besteht in der Überein- „Gnade“. Zwischen beiden Erkenntniswe-
stimmung von Verstand und Sache). Nach gen bestehe kein Widerspruch, da auch
Thomas ist eine Aussage also dann wahr, zwischen Gnade und Natur kein prinzipi-
wenn der in ihr behauptete Sachverhalt elles Spannungsverhältnis bestehe.
mit der Sache selbst übereinstimmt.

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Der Mensch - Nabel der Welt

Aus dieser Unterscheidung folgt, dass


der Mensch im Bereich der Natur die
Zusammenhänge vollständig aus eigenem
Vermögen heraus erkennen kann. Hier
darf er sich ganz auf seine eigenen Mög-
lichkeiten und seine Vernunft verlassen.
Anders formuliert: Der natürliche Mensch
hat einen autonomen Zugang zum Bereich
der Natur. Hier ist er nicht auf Offenba-
rung und biblische Deutung angewiesen,
sondern kann sich weitgehend auf seinen einen Erkenntniszugang, der sich unab-
eigenen Verstand verlassen. hängig von göttlichen Vorgaben vollzieht.
In dieser Hinsicht baut Thomas die Brücke
Thomas von Aquin, und in seinem Gefol- vom Mittelalter zur Neuzeit.
ge die römisch-katholische Theologie bis
heute, nehmen nicht hinreichend ernst,
dass auch der menschliche Verstand Neuzeit
massiv von den Folgen des Sündenfalls
betroffen ist. Dadurch konnte sich das auf Der Mensch versteht sich zunehmend
die Natur (beziehungsweise Welt) bezoge- als Lenker seines eigenen Geschicks,
ne Denken immer stärker von biblischen als Nabel der Welt. Er ordnet und deutet
Vorgaben „abnabeln“, denn im Bereich der seinen Kosmos und seine Identität nicht
Natur brauchte man demzufolge keine mehr in den von der Bibel und Tradition
Offenbarung. Dort genügte die natürliche vorgezeichneten Bahnen. Immer stärker
Vernunft. Mit dieser Denkbewegung be- bildet sich die Ansicht heraus, dass nur
reitet Thomas die vermeintliche Verselbst- der eigene Verstand in der Lage sei, die
ständigung des menschlichen Denkens Wahrheit über den Sinn des Lebens, die
und der Wissenschaft vor. Menschlicher moralischen Maßstäbe und den richtigen
Verstand emanzipiert sich von den autori- Umgang mit der Welt herauszufinden.
tativen Leitlinien der göttlichen Offen- Die Tür, die Thomas von Aquin vorsichtig
barung. Es strebt einen eigenen Weg an, aufgestoßen hatte, öffnet sich nun immer

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weiter. Der Bereich der Gnade (in dem der ein wichtiges Thema - zugleich verlangten
biblische Anspruch gilt) wird zunehmend sie dessen biblische Orientierung und
an den Rand gedrängt, während sich der Normierung.
Bereich der Natur (in dem die menschlich- Es gilt festzuhalten: Während auch die
rationalistische Deutungshoheit gilt) Reformation sich als wissenschafts-
immer weiter aufbläht. Die zuletzt gülti- freundlich verstand, zum Gebrauch des
ge Interpretation und Bewertung seines Verstandes aufrief und zu einer kriti-
Lebens behält der neuzeitliche Mensch schen Haltung gegenüber menschlichen
sich selbst vor. In diesem revolutionären Traditionen, wusste sie doch zugleich
Prozess werden alle Autoritäten hinter- um die Begrenztheit und Fehlbarkeit
fragt, längst nicht nur die Bibel. allen menschlichen Denkens. Für Luther
war der Verstand eine „Hure“, die man
beliebig manipulieren und den eigenen
Die „moderne“ Reformation Wünschen dienstbar machen könne. Die
Folgen des Sündenfalls wiegen schwer.
Auch die Reformation erweist sich an Sie betreffen nicht nur das moralische
einigen Punkten als „quasi neuzeitlich“ Vermögen des Menschen, sondern ebenso
(während sie jedoch an anderen Stellen sein Denken und seine Fähigkeit, die
als dezidiert anti-neuzeitliches Kontrast- Wahrheit zu erkennen. Entsprechend
programm verstanden werden muss). hat die Reformation dem vom Sündenfall
Auch die Reformatoren gingen neue Wege gezeichneten menschlichen Verstand
- allerdings unter steter Berufung auf die niemals die Machtposition einer letzten
Bibel. Auch sie stellten Traditionen in Instanz zugestanden, sondern stets dessen
Frage - aber nur die menschlichen Traditi- Unterordnung unter die Autorität der
onen, die etwa zur Herausbildung der Ka- Bibel gefordert.
tholischen Kirche geführt hatten und der
Bibel widersprachen. Wie die Humanisten Genau diese Nüchternheit, die mit den
wollten auch die Reformatoren zurück zu Folgen des Sündenfalls rechnet, fehlt dem
den Quellen - aber nicht zu den Quellen klassischen Humanismus, der die Mög-
der Antike, sondern zu der einzig maßgeb-
Die wahre Quelle
lichen Quelle der Bibel. Das Gewissen des
Einzelnen war auch für die Reformatoren

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open minded

lichkeiten des menschlichen Denkens


unendlich überschätzt. Er maßt sich an,
auf eigene Faust durch den sachgerechten
Gebrauch des eigenen Verstandes die
entscheidenden Wahrheiten finden zu
können, ganz ohne göttliche Hilfe.

Descartes war ein religiöser Mensch, der


René Descartes Gewissheit suchte, auch Gewissheit über
Gott. Durch den Rückzug auf das eigene
Angesichts einer neu aufgekommenen Denken hoffte er, gesicherte Erkenntnisse
allgemeinen Verunsicherung, in der die über Gott und den Menschen zu gewin-
alten Autoritäten ins Wanken geraten nen. Wahrheit solle autonom begründet
waren, suchte Descartes (1596-1650) ein und die denkerische Selbstbestimmung
neues festes Fundament. Er wollte einen des Menschen gegen jegliche dogmatische
archimedischen Punkt bestimmen, von Bevormundung verteidigt werden.
dem aus man alles in den Griff bekommt.
Deshalb machte der französische Denker Dabei wird jede Vorgabe in Frage gestellt.
den methodischen Zweifel zum Ausgangs- Der Fels meiner Gewissheit ist der Zweifel
punkt seines gesamten Denkens: Wenn an allen Traditionen. Die Selbstkonzen-
ich auch alles in Zweifel ziehe, mein tration des Menschen wird zum Aus-
Selbstbewusstsein, nämlich dass ich gangspunkt seiner Wahrheitssuche. Die
denke, kann ich selber nicht anzweifeln. Moderne ist dazu verurteilt, „ihr Selbstbe-
Denn alle Gründe, die ich dagegen anfüh- wusstsein und ihre Norm aus sich selbst
re, dass ich denke, führte ich ja wieder heraus zu schöpfen“ (Jürgen Habermas).
mit dem Denken an. Damit beweise ich, So steht der Mensch in tiefer Einsamkeit
dass, wenn auch alles andere zweifelhaft bei sich selbst. Er kann sich nur noch auf
ist, mein selbstbewusstes Denken nicht das verlassen, was er aus sich selbst heraus
angezweifelt werden kann. Daraus folgt zu wissen meint. Das theologische Ergeb-
dann sein berühmter Satz: Cogito ergo nis von Descartes Denkbewegung ist ein
sum – ich denke, also bin ich. blasses, unpersönliches Gottesverständnis
und eine Ausblendung der biblischen
Heilsgeschichte.

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10 Das
DasFundament
Fundament02.2010
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Trotzdem ist die Neuzeit von einem zwischen Naturwissenschaft und Glaube
starken Optimismus geprägt, dass der zu konstatieren.
Mensch die Wahrheit erfassen, sein
Wissen vermehren und damit sein Leben Halten wir es fest: Der neuzeitliche Kon-
bewältigen könne. Karl Popper formulier- flikt zwischen Naturwissenschaft und
te diesen Optimismus so: „Die Wahrheit christlichem Glauben erwächst weder aus
mag verschleiert sein, aber sie kann sich der Naturwissenschaft als solcher noch
uns enthüllen. Und wenn sie sich uns aus dem Glauben als solchem. Er resultiert
nicht von selbst enthüllt, dann kann sie vielmehr aus einer ideologischen Gefan-
immerhin von uns enthüllt werden.“ genschaft, in die viele das naturwissen-
Natürlich brachte diese Einstellung viel schaftliche Denken hineinsperren wollen.
Kreativität hervor und förderte einen star- Dabei wird es weltanschaulich in Dienst
ken Erfindergeist. Die Naturwissenschaf- genommen und der Dogmenkonflikt mit
ten blühten auf, die technische Revolution den biblischen Vorgaben ist dann nicht
nahm eine Hürde nach der anderen. mehr zu vermeiden.

Aber der Humanismus war nicht der Bei Thomas von Aquin trat, wie wir
einzige Motor für die Entwicklung der Na- gesehen hatten, das Denken (Bereich der
turwissenschaften. Auch die Reformation Natur) eigenständig neben den Glauben
gewann aus der biblischen Offenbarung (Bereich der Gnade). Bei Descartes tritt
ein differenziert positives Verhältnis zur das Denken an die Stelle des Glaubens -
Welt. Gott ist ein Schöpfer der Ordnung. Denken statt Bibel! Es ist nur eine Frage
Er ist ein realer Gott, der handelnd und der Zeit, bis sich das Denken schließlich
ordnend seine Schöpfung gestaltet. Und
wenn ein guter und lebendiger Gott diese
Welt nach seinen Gesetzen erschaffen hat,
dann müssen sich diese Gesetzmäßigkei-
ten - auch nach dem Sündenfall – noch an-
satzweise in der Schöpfung wiederfinden
lassen. Darum lohnt es sich, die Naturwis-
senschaften zu fördern. Darum gibt es die
Chance, Spuren des Schöpferhandelns in
seinen Geschöpfen wiederzufinden. Nicht
wenige Naturwissenschaftler jener Zeit
waren überzeugte Christen und betrieben
ihre Forschung mit der hier beschrie-
benen Motivation. Sie wären nicht auf
die Idee gekommen, einen Widerspruch

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gegen die Bibel und ihren autoritativen lässige Informationen über die Natur, die
Anspruch richten wird. Da wird dann Geschichte, die Moral und den Menschen
die Wahrheitskompetenz des Glaubens erhalten wir nur aus der Kombination von
prinzipiell bestritten und es darf per de- Sinneswahrnehmung und Vernunftge-
finitionem keine Offenbarung über reale, brauch. Um es holzschnittartig zu sagen:
geschichtliche oder naturwissenschaft- Der Verstand interpretiert die eingehen-
liche Zusammenhänge geben. Somit den Sinneseindrücke und erstellt sich auf
kommen wir zu Immanuel Kant. diesem Wege sein Bild von der Wirklich-
keit. Dabei hilft ihm ein mit bestimmten
Voraussetzungen ausgestatteter „Erkennt-
Immanuel Kant nisapparat“. (Nach Kant liegen unserem
Verstand a priori bestimmte Formen und
Thomas hat die Kompetenz des Denkens Kategorien zugrunde, mit denen wir die
von der Kontrolle durch die biblische Of- uns begegnenden Eindrücke erfahren
fenbarung getrennt. Bei Kant (1724-1804) und ordnen.) Zugang zu den Dingen an
kommen wir zu einer Art Quantensprung, sich, welche hinter der Erfahrung liegen,
mit dem Glaube und Wissen total vonein- ist nach Kant nicht möglich (vergleiche
ander getrennt werden. Eine Mauer der hier auch das Höhlengleichnis Platos).Wir
Scheidung entsteht. Die Rationalität hat erstellen mit Hilfe der a priori-Kategorien
nichts mehr mit Glauben und Offenba- nur ein Bild von der Wirklichkeit. So
rung zu tun. In der Philosophiegeschichte entsteht „Erkenntnis“.
spricht man hier von einer agnostischen
Wende. Für den „oberen Bereich“ von Of- Die radikale Kritik an jeder übergeordne-
fenbarung und Glauben kann man nicht ten Offenbarung, an allen Dingen jenseits
wirklich Sinnvolles erkennen und aus- des Greifbaren, ist das Produkt dieses
sagen. Kant fordert eine Aufklärung, die Denkens. Kant stellt alle Erkenntnis auf
den Menschen von seiner „Unmündigkeit“ die Spitze des autonomen Subjekts. Ganz
gegenüber allen autoritativen traditions- allein aus sich heraus erstellt sich der
bedingten Vorgaben befreit. Wenn er eine Mensch sein Bild von der Wirklichkeit.
strikte Trennung zwischen Glauben und
Denken vollzieht, stellt sich die Frage, wie
wir dann überhaupt noch Erkenntnisse
gewinnen können. Antwort: Allein durch
Sinneswahrnehmung und den Gebrauch
des Verstandes können wir Erkenntnis
gewinnen, ohne dass wir eine zusätzliche
Informationsquelle benötigten, die uns
von außen mit Wissen versorgt. Zuver-

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Trennung perfekt
Die Suche nach Wahrheit in der Geistesgeschichte

„Wohin gehts?“

Für unsere Überlegungen zur Wahrheits-


frage ist aber entscheidend, dass Kant eine
erkenntnistheoretische Mauer errichtet:
Glauben und Offenbarung auf der einen
Seite, Wissen, Rationalität und Wahrheit
auf der anderen. Der Wahrheit können
Der nächste Gedankenschritt liegt dann wir uns also nur mit unserem Verstand
nahe: Wenn wir schon nicht wissen, wie annähern. Vorgegebene Traditionen und
die gegenständliche Welt „an sich“ ist, son- Autoritäten helfen uns dabei keinen
dern nur ein Bild davon gewinnen können Schritt weiter. Mit dieser Denkweise
- wie können wir uns dann anmaßen, über beschleunigt Kant eine Entwicklung,
jene vermeintliche Wirklichkeit sinnvolle die gerade nicht zu wachsender Selbstge-
Aussagen zu machen, die sogar jenseits wissheit führen wird. Am Ende wissen
der Grenze der sinnlichen Erfahrung liegt. die Menschen immer noch nicht, wer sie
Was können wir dann ehrlicherweise wis- selbst sind und wie sie der Welt und ihren
sen über Gott, über Auferstehung, Moral Problemen begegnen sollen.
und über die Ewigkeit?
Die Verunsicherung nimmt zu, die Orien-
Auf der Grundlage dieser Erkenntnisthe- tierungslosigkeit und der Relativismus im
orie entwickelt Kant auch seinen „kate- Bereich der Ethik werden offensichtlich.
gorischen Imperativ“. Im menschlichen Ein erstaunlicher Befund: Je mehr der
Verstand ist das gute Urteilsvermögen Mensch sich auf seine eigene Rationalität
angelegt: Handele so, dass du von der verlässt, desto orientierungsloser und rat-
Maxime deines Handelns jederzeit wün- loser wird er. An dieser Stelle setzten dann
schen kannst, sie würde zur Grundlage die Versuche weiterer Erkenntnistheorien
einer allgemeinen Gesetzgebung werden. an, die den Gewissheitsverlust durch neue
Diese Fähigkeit traut Kant dem Menschen hermeneutische Verfahren ausgleichen
zu, da die entsprechenden Kategorien im und endlich wieder rationalen Boden
menschlichen Denken angelegt seien. unter die Füße bekommen wollen. Aber

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es ist ihnen kein Erfolg beschieden, am ihrer Erkenntnis. Statt dessen nehmen im
Ende des Tages droht der postmoderne Gefolge des 18. Jahrhunderts die Kennzei-
Totalverlust. chen der Verunsicherung weiter zu. Dafür
Die Hoffnung, durch eigene Denkanstren- stehen exemplarisch drei Protagonisten,
gungen dem Ziel näher zu kommen und deren Beitrag zur Wahrheitssuche im
wirkliche Wahrheit zu erkennen, hat sich Folgenden kurz skizziert sei.
nicht erfüllt. Die vielen Egos und unter-
schiedlichen Wahrheitssucher und Selbst-
denker sind in einem beständigen Streit Friedrich Nietzsche
miteinander. Es gab auch keine Chance,
in diesem Streit zu schlichten. Denn dann Nietzsches (1844-1900) provokante These
hätte es einer übergeordneten Instanz behauptet: Gott ist tot. Religionen und
bedurft, vor der sie sich alle hätten verant- Weltanschauungen sind Ausdruck für
worten müssen. Dieser letzte Maßstab, die das Bedürfnis des Menschen nach Sinn,
Autorität Gottes in seinem Wort, wurde Struktur und Halt. Selbst philosophische
abgelehnt, lächerlich gemacht, ja sogar Systeme sind am Ende nur Fiktionen, die
gewaltsam zerstört. uns vor unseren Sinnlosigkeitsgefühlen
schützen und unser Herz zur Ruhe brin-
Die bisher skizzierte Entwicklungsge- gen sollen. Philosophie führt niemals zur
schichte des Wahrheitsbegriffs ist bei Wahrheit. Und auch wissenschaftliche
aller Unterschiedlichkeit der Zugänge Bemühung entspringt nicht Wahrheitsei-
dennoch durch eine entscheidende fer, sondern ist dem Willen zur Macht ge-
Gemeinsamkeit bestimmt; bei aller Un- schuldet. Gott gibt es nicht, folglich auch
sicherheit, dennoch durch eine erstaun- keine verbindlichen Werte. Wir können
liche Gewissheit: Die Bibel spielt bei dem nicht erwarten, in irgendeiner übergeord-
Versuch der Erkenntnisgewinnung keine neten Theorie Wahrheit zu finden. Es gibt
Rolle mehr. In der Folge steht der Mensch
nun ganz allein bei sich selbst und seinen
erfolglosen Denkversuchen. Wahrheit finden

Zwischenbilanz:
Die Moderne stolpert

Die Moderne glaubt, dass es Wahrheit


gibt, aber sie findet nicht den Weg zu

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Die Suche nach Wahrheit in der Geistesgeschichte

Gefangen

einfach keinen Sinn, keine Orientierung


und keine Hoffnung. Nihilismus pur.
Nietzsche formuliert die Götzendäm-
merung in der Geistesgeschichte: „Die
scheinbare Welt ist die einzige. Die
wahre Welt ist nur hinzugelogen.“ Es
gibt demnach überhaupt keine Wahrheit Sigmund Freud
oder Gewissheit. Nietzsche hat in seiner
Jugendzeit geschrieben, dass er nur dann Freud (1856-1939) entmythologisiert den
eine Antwort auf sein Leben finden Menschen als vermeintliches Vernunft-
würde, wenn er Christus finden würde. wesen. Alles Nachdenken und rationale
Leider hat er Christus nie gefunden. Erwägen könne den Menschen doch
Später klagt er Gott dafür an, dass der im nicht vor dem retten, was er im Kern sei:
Leben des Menschen als der Neugierige triebgesteuert. Alle großen Theorien der
und Überzudringliche nur nach Schuld Erkenntnisgewinnung erwiesen sich als
suchen würde und ihn letztlich von seiner Verdrängungsmechanismen, sogenannte
Gnade abhängig machen wolle. Das aber Rationalisierungen. Eine scheinwissen-
lehnte Nietzsche ab. Sein Abwehrkampf schaftliche Form werde nur dazu benutzt,
lässt erahnen, wie viel er doch von Gott um sich seinen schamhaft versteckten
verstanden hatte (etwa von der Anstößig- Trieben nicht stellen zu müssen. Freud
keit seiner Sündendiagnose), aber für sein attestiert dem Menschen, dass er nur in
eigenes Leben bewusst verwarf. geringem Maße durch seine Vernunft,

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„Objektive Wahrheit“

im Wesentlichen aber durch eine starke


Triebhaftigkeit (vor allem bezüglich der
Sexualität), bestimmt sei. Dem Traum
eines Kant und eines Lessing, wonach Bil-
dung und eine verbesserte Vernunftsteue-
rung des Menschen zu einer besseren Ge-
sellschaft führen würden, machte Freud
ein Ende. Der Mensch ist nicht mehr als
ein mäßig vernunftbegabtes höheres
Tier. Er ist nicht Herr im eigenen Haus. Es
sind die Triebe, von denen er hin und her
getrieben wird. Er ist nicht ein Ebenbild könne man das nicht mehr erwarten.
Gottes, das sich vor seinem Schöpfer Heideggers Position bedeutet eine Absage
verantworten müsste, sondern durch und an das Denken selbst.
durch tierisch, in seinem Empfinden und
seinen Entscheidungen. Die Moderne stolpert. Sie war ausgegan-
gen mit von Stolz geschwellter Brust,
unter Berufung auf die autonome Ver-
Martin Heidegger nünftigkeit des Menschen, den Menschen
und die Welt gültig zu erklären und die
Bei ihm angekommen, finden wir eine existentiellen Probleme der Gegenwart
generelle Absage an alle Rationalität des zu bewältigen. Das ganze Unternehmen
Menschen. Heideggers (1889-1976) Denken mündet in ein Chaos der Verunsicherung.
bedeutet eine gewisse Vorwegnahme Am Abend der Neuzeit stehen der Auflö-
der Postmoderne. Unsere Welt könne sungsprozess und eine totale Verunsiche-
man nicht mit zutreffenden Bildern und rung. Der Mensch hatte versucht, unter
Konzepten fassen und erklären. Das sei Loslösung von biblischen Vorgaben, sein
passé, da es keine objektive Wahrheit Schicksal und die Suche nach der Wahr-
gebe. Danach brauche man auch nicht zu heit in die eigenen Hände zu nehmen. Am
suchen. Möglicherweise lasse sich nur Ende steht er vor dem Chaos einer unge-
auf dem (Um-)Weg über die Dichtung der bremsten Ratlosigkeit, Verunsicherung
Wahrheit näher kommen, wenn über- und Zerstörung. Eine radikale Fortsetzung
haupt. Von Wissenschaft oder Philosophie dieser Entwicklung finden wir dann in

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der Postmoderne. Dann werden Wahrheit, dazu bei, den Wahrheitsbegriff zu


Realität und Objektivität nur noch in An- verflüssigen. Er lehrte viele Studenten,
führungszeichen geschrieben (Himmel- dass es keine autoritativen Wahrheiten
farb). Zusammen mit dem vermeintlich geben könne. Überraschend schreibt er
totalen Pluralismus breitet sich eine neue im Jahr 1999: „Das Christentum ist für das
Form einer totalen Verzweiflung aus. normative Selbstverständnis der Moderne
nicht nur Katalysator gewesen, sondern
der egalitäre Universalismus (das heißt:
alle Menschen sind gleich wertvoll, WN),
aus dem die Ideen von Freiheit und soli-
darischem Zusammenleben entsprungen
Überraschende Hilferufe sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdi-
schen Gerechtigkeit und der christlichen
Schließlich rufen selbst jene nach überna- Liebesethik. Dazu gibt es bis heute keine
türlicher Hilfe, die aktiv an der Destruie- Alternative. Dass es einen solchen Fels in
rung des christlichen Weltverständnisses der Brandung zerfließender Religiosität
mitgewirkt hatten. wie Thomas von Aquin heute nicht mehr
gibt, ist eben auch eine Tatsache. In der
Jürgen Habermas, einer der Chefdenker einebnenden Mediengesellschaft verliert
des Neomarxismus aus der sogenannten alles seinen Ernst.“
Frankfurter Schule, trug entscheidend
Auch Martin Heidegger hat schließlich
die Falle erkannt, in welche die pure Ratio-
nalität und ein naiver Wissenschaftsglau-
be gestolpert sind. Bereits 1966 bekennt er
in einem (erst posthum veröffentlichten)
Interview mit dem Nachrichtenmagazin
‚Der Spiegel‘: „Die Philosophie wird keine
unmittelbare Veränderung des jetzigen
Weltzustandes bewirken können. Dies gilt
nicht nur von der Philosophie, sondern
von allem bloß menschlichen Sinnen und
Trachten. Nur noch ein Gott kann uns ret-

Rettung ist möglich 17


ten. Uns bleibt die einzige Möglichkeit, im Welches Vorrecht besteht darin, den zu
Denken und im Dichten eine Bereitschaft kennen, der selber die Wahrheit ist und
vorzubereiten für die Erscheinung des der uns in alle Wahrheit und Erkenntnis
Gottes oder für die Abwesenheit des Got- hineinführen kann (Kolosser 2, 3)! Dazu
tes im Untergang, dass wir im Angesicht gehört, dass wir Jesus Christus als Person
des abwesenden Gottes untergehen.“ Am kennen lernen und ihm vertrauen. In
Ende bleibt nur die Alternative: Gott oder seinem Wort offenbart er uns die Wahr-
Untergang. Entweder finden wir diesen heit. In der Bindung an IHN lernen wir,
Gott und bereiten uns auf ihn vor, so dass klar zu denken und Situationen sachge-
wir ihn schließlich erkennen können - recht zu beurteilen. Der Christ darf froh
oder wir gehen unter. sein, schon dort angekommen zu sein,
wo Heidegger noch hoffte, möglicherwei-
se hinzukommen. Wer im Glauben zu
Wahrheit rettet Jesus Christus gehört, den hat „ein Gott
gerettet“. Das ist auch die Botschaft, die
Mit dieser Bilanz des Scheiterns begräbt wir einer verzweifelten Welt zurufen
Heidegger die hochfliegenden Träume und müssen: Es gibt Rettung, weil es Wahrheit
Anmaßungen der Moderne. Jesus Chris- gibt! Weil der lebendige Gott sich finden
tus hat dagegen gesagt: „Ich bin der Weg und lassen will, muss am Ende nicht die Ver-
die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zweiflung stehen. Wir dürfen sein Wort
zum Vater als durch mich“ (Johannes 14,6). lesen und seine Wahrheit darin finden.
Diese Wahrheit wird im Glauben ergrif- Wir dürfen zugeben, dass wir verlorene
fen. „Und ihr werdet die Wahrheit erkennen Sünder sind, die nach Gottes Recht seinen
und die Wahrheit wird euch frei machen.“ heiligen Zorn und sein gerechtes Gericht
(Johannes 8,32). „Himmel und Erde werden verdient hätten. Wer aber Jesus Christus
vergehen, aber meine Worte werden nicht um Erbarmen und Vergebung anruft, der
vergehen“ (Matthäus 24, 35). Das ist ewig wird gerettet. Denn Jesus ist der Weg und
wahr. Der Christ hat einen – den einzigen die Wahrheit und das Leben. 
- privilegierten Zugang zur Wahrheit.

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