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Das Fundament 4/2008

Ich will zu Gott rufen, und


der HERR wird mir helfen
Psalm 55, 17
Im Rahmen von DCTB-Skifreizeiten wird schon seit Jahrzehnten den Teil-
nehmern nach dem Frühstück noch „Ein Wort zum Tag“ mit auf die Piste oder
Loipe gegeben. Es soll gedanklich begleiten, zu persönlichen Gebeten und zu
Gesprächen untereinander anregen. Am 24.01.2008 sprach Traugott Schlichen-
maier, Korntal, zum Wort aus den Herrnhuter Losungen. Der Redestil dieser
Ausführungen wurde im Wesentlichen beibehalten.
  Die Psalmen sind eine wunder- mir garantiert. So ein Wort nehmen
bare Sammlung von Gebeten, die wir gern auch noch „mit“. Das kann
sowohl Lobpreis als auch Klagen ja wohl nicht verkehrt sein. Diese
enthalten. Außerdem finden wir Auffassung hieße jedoch, den Text
Prophetien, Verheißun­gen, persön- gründlich missverstehen. Es lohnt
liche Zusprüche sowie praktische sich, wie immer in der Bibel, etwas
Anleitungen für unser Leben als genauer hinzuschauen.
Christen. Das Wort für heute lautet:
„Ich will zu Gott
rufen, und der Herr
wird mir helfen“ Zweier-Struktur
(Psalm 55, 17).
Schön, Zunächst möchte ich etwas voran-
denken wir, das stellen, was grundsätzlich mit der
ist ja wie bei Schönheit des Wortes Gottes und
einem Auto- mit der Freude daran zu tun hat.
mat. Ich setze Schon die Struktur des Satzes, „Ich
etwas ein, will zu Gott rufen, und der Herr
das heißt : wird mir helfen“, ist interessant. Sie
ich bete, ist nämlich zweiteilig:
und Gottes Wir haben zwei Sätze mit zwei
Hilfe ist Subjekten, die durch ein „und“
miteinander verbunden werden.

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Ich will zu Gott rufen

Hier stehen in manchen Über- droht hat: „Aber nun bist du es, mein
setzungen zwei Gottesnamen: Ich Gefährte, mein Freund und mein
aber rufe zu Elohim, und Jahwe Vertrauter, die wir freundlich mitein-
wird mich erretten. Elohim ist der ander waren, die wir in Gottes Haus
Gottesname, der bei der Schöpfung gingen inmitten der Menge!“ (Psalm
genannt wird und Fülle und Herr- 55, 14 - 15) David ist verbittert. Man
lichkeit ausdrückt, und als Jahwe könnte Parallelen ziehen zur Lage
(JHWH) begegnet Gott Mose am Hiobs, als ihm alles genommen
brennenden Dornbusch als der wurde.
„Ich bin, der ich bin“. Darüber hinaus ähnelt die ge-
In zwei Richtungen geht schilderte Lage auch noch der von
das Rufen und Antworten. Der Jesus in Gethsemane. Hier weist
Mensch ruft zu Gott, und Gott das alte Testament, wie so oft,
antwortet dem Menschen. exakt auf  Jesus.
Die Situation, die dieser Psalm
beschreibt, ist das Gegenteil von
Events mit kusche­liger „Lobpreis-
Trotzig-zuversichtlich Stimmung“. Hier gibt es keinen
Platz für sentimentale Ge­fühle
Der Bibeltext enthält, was nicht oder oberflächliche „Wellness für
unwesentlich ist, ein Wort mehr als die Seele“. Ich drücke es be­wusst
das Losungsbüchlein: Ich „aber“ will etwas kritisch aus, weil ich eine
zu Gott rufen, und der Herr wird Gefahr darin sehe, wenn das
mir helfen. Dieses aber deutet doch Wohlfühlen einseitig in den Vor-
auf die Situation hin, in der sich Da- dergrund gerückt wird.
vid, der Beter dieses Psalms, befindet „Ich aber will zu Gott rufen,
und die er hiermit vor Gott ausbrei- und der Herr wird mir helfen.“
tet. David ist in einer verzweifelten, Dieser Vers ist streng genommen
seine Existenz bedrohenden Lage. Er gar kein richtiges Gebet. Er drückt
hat Todesangst: „Mein Herz ängstet vielmehr eine Gebetshaltung aus,
sich in meinem Leibe, und Todesfurcht so wie der Satz aus Daniel 9, 18:
ist auf mich gefallen“ (Psalm 55, 5.) „Wir liegen vor dir mit unserem
Und das Schlimmste für ihn ist, dass Gebet und ver­trauen nicht auf unsre
ihm einer seiner besten Freunde in Gerechtigkeit, sondern auf deine
den Rücken gefallen ist und ihn be- große Barm­herzigkeit.“

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Das Fundament 4/2008

Wie verhält sich David in dieser ihn vom Tod erretten konnte; und
schlimmen Lage? Was können wir er ist auch erhört worden, weil
direkt von ihm lernen? Ich möchte er Gott in Ehren hielt.“ Davids
es so ausdrücken: David bleibt Haltung drückt ein grenzenloses
„trotzig-zuversichtlich“. Dafür Vertrauen aus.
steht das „aber“.
Ist das überhaupt menschen-
möglich? Ja, denn Gott selbst
schenkt uns dieses Vertrauen, er
legt es in uns hinein, so wie es in
Grenzenloses Vertrauen Philipper 2, 13 heißt: „Denn Gott
Des Weiteren sind mir noch drei ist‘s, der in euch wirkt beides, das
Aspekte wichtig, die in Psalm Wollen und das Vollbringen, nach
55, 17 zum Ausdruck kommen: seinem Wohlgefallen“.
Es ist etwas ganz anderes, wenn
1. Der Wille gehört auch zu die- wir Menschen vertrauen, wie etwa
ser Haltung. Man hat geradezu beim Ab­schluss eines Arbeitsver-
den Eindruck, der Beter „gibt trages. Wie oft werden wir von
sich einen Ruck“. Menschen enttäuscht. Auch zwi-
2. Er wendet sich zielgerichtet schen Christen ist das Vertrauen
an Gott. Es ist verkehrt, in der leider oft missbraucht worden. Wie
Not nur ziellos zu jammern wahr ist doch der Slogan: „Chris-
und zu klagen. Biblische Klage ten können enttäuschen, Christus
wendet sich immer an Gott, er nie“.
ist die einzig richtige Adresse!
3. David ruft, er flüstert nicht.
Ebenso dürfen wir unsere ganze
Not dem Herrn klagen, ja wir Keine Anklage
dürfen zu ihm schreien. Das Und noch etwas sehen wir an
Gleiche hat doch auch Jesus ge- Davids Haltung: im ganzen Psalm
tan, wie es in Hebräer 5, 7 heißt: gibt es keinen einzigen Vorwurf an
„Und er (Jesus) hat in den Tagen Gott. Das ist doch bemerkenswert.
seines irdischen Lebens Bitten und Zugleich will und kann er keine
Flehen mit lautem Schreien und eigene Vorleistung aufweisen, wes-
mit Tränen dem darge­bracht, der halb ihm Gott helfen müsste. Er

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Ich will zu Gott rufen

steht mit leeren Händen vor Gott. 2. Was ist, wenn ich nicht mehr
Wohl uns, wenn wir diese Haltung rufen kann?
in der Nachfolge unseres Herrn Dann gibt es noch die unaus­
immer besser lernen. gesprochenen Seufzer. Wenn
ich nicht mehr zu Gott beten
kann, sei es, weil ich so tief in
einer Anfechtung stecke, sei es,
Offene Fragen dass meine körperlichen Kräfte
einfach nicht mehr ausreichen,
Beim Nachdenken über diesen
dann hat Jesus verheißen, dass
Text bin ich auf zwei Fragen ge-
er mich vor dem Vater vertritt.
stoßen, die ich nicht abschließend
Es kommt allerdings schon
beantworten kann.
darauf an, dass Jesus Christus
1. Was ist, wenn wir lange selbst durch den Glauben in mir
auf die Hilfe Gottes warten wohnt. Ich bin nichts, sondern
müssen? Jesus ist alles. Paulus sagt in
Das musste David erleben, Galater 2, 20: „Ich lebe, doch nun
und das haben Gläubige zu allen nicht ich, sondern Christus lebt in
Zeiten erlebt. Eine Hilfe und mir“.
Anleitung gibt uns Jesus selbst in
den Gleichnissen vom bittenden Damit sind wir wieder bei
Freund und von der bittenden dem grenzenlosen Vertrauen auf
Witwe (Lukas 11 und 18). Die unseren Herrn Jesus Christus, der
Grundaussage ist in beiden Fällen gesagt hat: „Ich lebe und ihr sollt
gleich: „Dranbleiben“ am Rufen. auch leben!“ (Johannes 14,19).
Darüber hinaus kann es auch Wohlgemerkt, das sagt er vor sei-
hilfreich sein, wenn ich anderen nem Leiden und Sterben, nicht erst
meine Not mitteile. Sie können nach seiner Aufer­stehung. Lasst
mit mir beten, aber auch zurecht- uns ihm dieses Vertrauen, das er
weisen, wenn ich falsch liege. bis in den Tod bewiesen hat, Stück
Grundsätzlich gilt schon der Satz für Stück „nachglauben“. Durch
von Dietrich Bonhoeffer: „Gott seine Auferstehung ist es voll leben-
erfüllt nicht alle unsere Wünsche, diger Hoffnung für uns. 
aber alle seine Verheißungen“.

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