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ZWEISPRACHIG AUFWACHSEN

RATSCHLÄGE FÜR MEHRSPRACHIGE FAMILIEN IN DER “EUREGIO MAAS/RHEIN

Erarbeitet von

Wolfgang Röhlen

am ehemaligen Lehrstuhl für englische Sprache und ihre Didaktik

der RWTH Aachen

WOLFGANG RÖHLEN: ZWEISPRACHIG AUFWACHSEN

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Die folgenden Ratschläge sollen Eltern mehrsprachig aufwachsender Kinder helfen. Patentrezepte wären allerdings fehl am Platz. Betrachten Sie die folgenden Tipps als Hinweise und überprüfen Sie sie auf ihre Brauchbarkeit im Einzelfall!

Mehr und mehr wird frühe Mehrsprachigkeit begrüßt. Doch sobald Komplikationen sich auch nur abzeichnen, neigen Eltern schnell zu Rückziehern. In vielen, wenn nicht den meisten mehrsprachigen Familien verläuft das kindliche Aufwachsen mit mehr als einer Sprache jedoch reibungslos – und das nicht selten ohne bewußte Steuerung durch die Eltern.

Wann und unter welchen Umständen sind mehrsprachig aufwachsende Kinder als privilegiert zu betrachten und wann als Problemfälle, denen geholfen werden muß? Schon alleine die Beurteilung der Sprachentwicklung beim Kind hängt von den verschiedensten Gesichtspunkten ab. Alle Zeitangaben über Stufen der Sprachentwicklung sind nur grobe Richtwerte. Es gibt eben, wie man schon an der unterschiedlichen Entwicklung von Geschwistern beobachtet, die Eigenart des Kin- des. Erwartungshaltungen, die daran vorbeigehen, sind ebenso eine Problemquelle wie unbegrenzte Erwartungen an die Pädagogik.

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1. Verschaffen Sie sich Übersicht!
1. Verschaffen Sie sich Übersicht!

Das Aufwachsen mit mehreren Sprachen soll gelingen und nicht auf halbem Wege stecken bleiben oder scheitern. Mindestvoraussetzung für mehrsprachiges Aufwachsen ist der intensive Kontakt mit Personen, die die in Frage kommenden Sprachen gegenüber dem Kind tatsächlich immer wieder verwenden, und die kindliche Erfahrung, daß diese Sprachen unmittelbar nützlich sind. Mehrsprachigkeit wird sich nur einstellen,

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wenn für jede Sprache genügend Kontaktzeit da ist;

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wenn es dem Kind lohnenswert erscheint, sich mit der anderen Sprache zu befassen und sich ihrer zunehmend zu bedienen.

Kleinkinder sind Opportunisten. Ohne unmittelbare praktische Notwendigkeit entsteht im frühen Alter kaum Interesse. Die Voraussetzungen für ein Hineingleiten in die andere Sprache müssen zwingend sein, damit diese tatsächlich erworben wird. Der Elternwunsch, das Kind möge mehrsprachig aufwachsen, kann noch so stark sein und trotzdem leerlaufen, wenn das Kind keine ausreichenden Gelegenheiten zur Begegnung mit der anderen Sprache hat.

Von der Gewichtsverteilung der Sprachen, denen es begegnet, hängt ab, welche seine stärkere Sprache wird und welche es bevorzugt. Außer in vorübergehenden Phasen des Übergangs wird sich kaum ein Zustand des perfekten Gleichgewichts beider Sprachen einstellen. Es gibt drei Grundsituationen:

1. die Eltern sprechen zwei verschiedene Sprachen, eine davon ist die Landessprache;

2. die außerhalb der Familie verwendete Sprache ist eine andere als die zuhause gesprochene Sprache bzw. als die beiden zuhause gesprochenen;

3. es gibt mehr als nur eine Landessprache und das Kind begegnet ihnen tatsächlich immer wieder.

Die konkrete Ausgestaltung dieser Situationen bedingt auch das Niveau, das das Kind in der jeweiligen Sprache erreichen wird. Die Frage, ob Ihr Kind auch drei Sprachen zugleich erwerben kann, hängt zuallererst davon ab, ob es für die drei Sprachen auch genügend Hör- und Sprechgelegenheiten gibt, die auch regelmäßig angeboten werden. Denn da der Tag nun einmal nicht mehr als 24 Stunden hat, sind hier alle Sprachen Konkurrenten.

Überprüfen Sie also zusammen mit Ihrem Partner die Realisierbarkeit Ihrer Erwartungen an die sprachliche Entwicklung Ihres Kinds. Welchen Stellenwert hat (für uns) das mehrsprachige Aufwachsen des Kinds? Welche sind die konkreten inner- und außerfamiliären Voraussetzungen, die sein mehrsprachiges Aufwachsen nicht nur wünschenswert, sondern auch realistisch erscheinen lassen? Wie verteilen sich unsere sprachlichen Gewohnheiten, Kenntnisse und Vorlieben? Sind mein Part- ner und ich gleich- oder verschiedensprachig? Bei verschiedensprachigen Eltern: Welche ist die Partner- bzw. Familiensprache? Ist die Landessprache identisch mit einer der Elternsprachen oder stellt sie eine weitere Sprache dar?

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Wie wichtig ist es für mich persönlich, daß ich mit meinem Kind in meiner Sprache kommunizieren kann? Welche Vorteile hat das Kind davon? Ab wann soll es mit mehr als einer Sprache aufwachsen? Durch wen, mit welcher Intensität, bei welchen Gelegenheiten wird es welcher Sprache begegnen? Wie verhalten sich diese Sprachen und ihre Gebrauchszusammenhänge zueinander? Wie kann es dem Kind erleichtert werden, sie auseinanderzuhalten? Wie gut und wie ausgeglichen soll es sie erwerben? Wie ist die Machtbalance der in Frage kommenden Sprachen?

2. Sprechen Sie mit dem Kind und bleiben sie im Gespräch!
2. Sprechen Sie mit dem Kind und bleiben sie im Gespräch!

Die erste Gesellschaft des Kinds sind die Eltern, zuallererst die Mutter. Von ihnen ist es in den ersten Lebensjahren absolut abhängig und für sie ist es eingenommen.

Mit dem Erwerb von mehr als einer Sprache gehen häufig verunsichernde Begleitumstände wie die Veränderung der gewohnten Umgebung, die Zugehörigkeit zu einer Minderheit, kulturelle Konflikte usw. einher. Obwohl nur am Rande sprachlicher Art, sind sie in vielen Fällen das "Salz in der Suppe" der Mehrsprachigkeit und ziehen weitreichende Konsequenzen nach sich, die je nach Dosierung und je nach dem inneren Gleichgewicht der Familie und des Kindes die Entwicklung fördern als auch stören können. Eltern tun immer gut daran, ihrem Kind unter prekären Umständen umso mehr Nestwärme, Geborgenheit und Aufmerksamkeit für seine Nöte und damit auch umso mehr sprachliche Zuwendung zu gönnen. Also Zeit und Muße für das Kind haben! Eine sprachlose Familie und Eltern ohne Zeit sind ganz allgemein sehr schlechte Voraussetzungen für das innere Gleichgewicht, das Selbstvertrauen und die Sprachsicherheit des Kindes. Letztere aber bedeuten entscheidende Hebel des Kindes, um in der Außenwelt zurechtzukommen und sich normal zu entwickeln. Die Eltern können ihren Beitrag dazu in der Regel nicht delegieren. Gleichen Sie prekäre Begleitumstände durch umso mehr sprachliche Zuwendung und emotionale Wärme aus! Das zweisprachige Kind braucht so viel davon wie das einsprachige.

Welche Sprache Sie benutzen ist weniger wichtig als daß Sie mit dem Kind so verständlich wie möglich sprechen, angefangen bei den immer wiederkehrenden Pflegehandlungen, also schon beim Trockenlegen des Säuglings usw. Das tun wir meist intuitiv, auch wenn wir wissen, daß das Baby noch gar nicht richtig verstehen kann. Denn das Baby vernimmt schon sehr deutlich Sprachrhythmus und –melodie und stimmt sich auf so auf die Sprache ein, ohne auch nur ein Wort zu verstehen. Also alles Tun mit dem Baby sprachlich begleiten! Babysprache erleichtert eine Zeitlang den Lernprozeß. Wenn Sie statt Hund am Anfang "Wauwau" sagen, bauen sie dem Kind mit solcher Lautmalerei Brücken zum Verstehen und Artikulieren des Wortes Hund. Denn solche Doppelsilben wie Mama, Papa, Wauwau kann es am ehesten sprechen. Wieviel, wie

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und worüber Sie sprechen, ist weniger wichtig als daß die Kommunikation klappt – und hierzu gehört auch der ganze nonverbale Bereich, Blickkontakte, Gestik, Spiele, feste familiäre Gewohnheiten wie das gemeinsame Essen.

Beschäftigen Sie sich einfach viel mit Ihrem Kind, denn Sprache ist immer dabei, beim Malen, Basteln, Spielen, beim Betrachten von Bilderbüchern, beim Einräumen, beim Einkaufen usw. Unterwegs zur Sprache muß man den Kindern viel Sprache zusprechen.

Amerikanische Untersuchungen haben ergeben, daß der Wortschatz Dreijähriger stark von der Zahl der Äußerungen abhing, die Eltern an ihre Kinder richteten, egal, welcher sozialen Schicht sie zuzurechnen sind.

Ja und überhaupt: Kinder sind wunderbar amüsante Kommunikationspartner.

3. Sprechen Sie mit Ihrem Kind am besten in Ihrer eigenen Sprache!
3. Sprechen Sie mit Ihrem Kind am besten in Ihrer eigenen Sprache!

Für die Landessprache sorgen später der Kindergarten und die Spielkameraden. (Das gilt natürlich nicht für die Stadtteile einiger Großstädte, in denen fast nur Migrantenfamilien leben).

Mischen Sie nicht wahllos die Sprachen, aber gestatten Sie dem Kind – und natürlich auch sich selbst – die Freiheit, sich Wörter und Ausdrücke aus der „anderen“ Sprache auszuleihen. In vielen Situationen ist auch der Sprachwechsel mitten im Satz normal. Aber ein wenig „Sprachdisziplin“ kann auch nicht schaden. Überlegen Sie auch einmal gemeinsam mit dem Kind, wie man etwas, was man in der einen Sprache so gut und passend sagen kann, nun auch in der anderen ausdrücken könnte.

Das Kind braucht sprachliche Leitbilder, um die nötige Sprachsicherheit zu entwickeln und ab einem gewissen Alter klar zwischen ihnen unterscheiden zu können. Dies ist natürlich am ehesten durch eine konsequente Funktionstrennung zu gewährleisten. Wie diese vorgenommen wird, hängt vom Gesamtrahmen der Voraussetzungen und Ziele ab. Jeder Elternteil kann z.B. dem Kind gegenüber nur seine Sprache verwenden oder zuhause wird die eine und in der Öffentlichkeit die andere gesprochen oder im Herkunftsland des einen Elternteils seine Herkunftsspra- che und im Herkunftsland des anderen die andere Sprache. Durchaus angebracht ist das Wechseln in speziellen Situationen, wenn etwa anderssprachiger Besuch da ist oder wenn wie beim Zählenlernen das Verstehen durch die Verwendung der stärkeren Kindessprache erleichtert wird.

Kindliches Selbstvertrauen setzt Vertrauen in die Eltern und Vertrautheit mit ihnen voraus. Gerade Kinder besitzen ein feines Gespür für den Unterschied zwischen

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spontanen, natürlichen, vertrauten Verhaltens- und Redeweisen und für künstliche, aufgesetzte, die sie außer im Rollenspiel verabscheuen. Weil Kinder ungerne als pädagogische Objekte mißbraucht werden, tun Eltern gut daran, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Bei Konflikten zwischen Eigeninteressen und -bedürfnissen und denen des Kinds ist es ihre Aufgabe, für Balance zu sorgen. Ein Mindestmaß an Präsenz wohlgelaunter Eltern ist nicht nur bis ins Kindergartenalter wichtiger als die Durchführung ehrgeiziger dem Kind geltender Maßnahmen. Auch für die Eltern stellt die intakte Familie ein letztes Reservat der Persönlichkeitsentfaltung ohne Zwang zur Maskierung dar. Übertriebene Vorsicht im Umgang mit dem Kind und seine "Überversorgung" rühren ebenso wie ihre Gegenpole meist aus verzerrten Motiven. Sie sind schädlich, wenn sie autonome Räume des Kindes und damit seine Persönlichkeitsentfaltung beschneiden. Auch der Zweck "Mehrsprachiges Aufwachsen" heiligt nicht alle Mittel. Für den Sprachgebrauch im familiären Umgang heißt das:

4. Bringen Sie Ihrem Kind keine Fremdsprache bei,
4. Bringen Sie Ihrem Kind keine Fremdsprache bei,

wenn sie Ihnen weitaus weniger vertraut ist als Ihre eigene Sprache, sondern verkehren Sie mit ihm in der Sprache, die für Sie die meisten, besten, reichhaltigsten Ausdrucksmöglichkeiten bereithält.

Die Geburt eines Kindes sollte Anlaß genug sein, darüber nachzudenken, wie wichtig einem auch im Hinblick auf die größtmögliche Vertrautheit die eigene Sprache ist, welche Zukunftschancen beim Verzicht auf sie vertan würden und ob ein späterer Rückschwenk auf sie realistisch wäre. In den meisten Fällen stellt es sich als Verlust heraus, wenn die Chance auf Zweisprachigkeit ohne Not nicht wahrgenommen wurde. Angenommen, Sie haben sich an die Familiensprache gewöhnt, obwohl Sie sie weniger gut als Ihre dominante Sprache beherrschen, so sollte die Rückkehr zu letzterer Ihnen nicht übermäßig schwerfallen. Im allgemeinen Familienkontakt kann trotzdem die Familiensprache weiterverwendet werden.

Wenn Sie zuhause gewöhnlich mehr als eine Sprache in etwa gleichgewichtig benutzen, dann sollte jeder Elternteil dem Kind gegenüber kontinuierlich seine dominante Sprache gebrauchen.

Es hilft auch, wenn wir ein wenig auf unsere eigenen Sprachgewohnheiten achten. Benutzen wir zu viele Befehlsformen, sind wir zu ungeduldig, etwas zu erklären? Ermutigen, nicht entmutigen! Bleiben wir freundlich und höflich nicht nur im Umgang mit dem Kind, sondern mit unserem Partner? Es ist nie zu spät, das eigene kommunikative Feingefühl zu verbessern – wie Sie es sich ja von Ihren Partnern wünschen. Außerdem: Das Kind hört ja meistens mit!

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5. Bemühen Sie sich um Kontinuität und Konsequenz!
5. Bemühen Sie sich um Kontinuität und Konsequenz!

Ohne Kontinuität und Konsequenz können Kinder auf halbem Wege zwischen zwei Sprachen stecken bleiben: das ist die sog. doppelte Halbsprachigkeit.

Mehrsprachige Familien sind sich ändernden Umständen und Einflüssen stärker ausgesetzt als einsprachige. Damit verschieben sich nicht nur die Koordinaten des gegenüber dem Kind verwendeten Sprachgebrauchs, sondern oft auch ganz unmerklich, ungewollt und unbewußt die des eigenen. Wenngleich die Betroffenen sich manchmal keinen Reim darauf machen können, warum sie in der einen Situation die eine Sprache aktiv verwenden, in der anderen die andere, so liegt das nicht an der

Absichtslosigkeit und Zufälligkeit der Sprachwahl, sondern an ihrer unterbewußten und dennoch absichtsvollen Routine.

Es gibt Bedingungen, die es rechtfertigen und gar nahelegen können, nicht in der eigenen Sprache mit dem Kind umzugehen. Sie liegen z.B. dann vor, wenn ihr Gebrauch nicht spontan wäre, etwa weil die Familiensprache – objektiv oder subjektiv – schon besser beherrscht wird. Auch kann die Identifikation mit der eigenen Sprache zu schwach geworden sein oder das Kind wird aller Voraussicht nach keine anderen Gelegenheiten zur Begegnung mit dieser Sprache haben.

Ein Zielkonflikt besteht, wenn der eine Elternteil sich zwar schon weitestgehend an den Gebrauch der Familiensprache gewöhnt hat, die gleichzeitig die Umgebungssprache ist, sie jedoch (noch) nicht ausreichend beherrscht. Von ihm übernimmt das Kind möglicherweise Fehler, Unsicherheiten und Defizite, die sich mit der Zeit gar einschleifen können. Andererseits kann die Rückkehr zur eigenen Sprache für den betroffenen Elternteil zur Folge haben, daß das Tempo seiner Aneignung der Familiensprache und auch der Integration in die andere Kultur gedrosselt wird. Die optimale Vorgehensweise hängt unter solchen Umständen vom spezifischen Einzelfall ab.

Ein weiteres Motiv für den Verzicht auf die eigene Sprache im Umgang mit dem Kind ist die Angst vor der Ausgrenzung des anderen Elternteils, wenn er diese nicht oder kaum beherrscht. Wo keine schwerwiegenden Verzerrungen in der Elternbeziehung vorliegen, ist eine solche Angst unbegründet, weil der Partner sich jederzeit mittels der Familiensprache in den Dialog einschalten kann.

Legen Sie sich individuell und im Dialog mit Ihrem Partner Rechenschaft über Ihre Motive, Ziele, Möglichkeiten und vor allem die elterliche Rollenverteilung ab und wägen Sie Vor- und Nachteile der jeweiligen Verfahrensweise auch längerfristig ab. Ein stures Durchsetzen des eigenen Willens – egal ob zugunsten der Herkunftssprache oder der Umgebungssprache – verstärkt nur negative Wirkungen.

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6. Früh anfangen und nicht aufhören!
6. Früh anfangen und nicht aufhören!

Wenn die Eltern verschiedensprachig sind, ist "gebürtige" Zweisprachigkeit wahrscheinlich, jedenfalls wenn beide Sprachen auch gegenüber dem Kind von Anfang an verwendet werden. Man kann dann sagen, das Kind wachse in zwei Erstsprachen auf. Je früher Sie solche Zweisprachigkeit fördern, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß es sich beide Sprachen zufriedenstellend aneignet und beide zum selbstverständlichen Bestandteil seines Lebens werden. Vertun Sie nicht die ersten Lebensjahre! Sie sind die fruchtbarsten Jahre der Sprachaneignung.

Allerdings: Abzuraten ist davon, gebürtige Zweisprachigkeit ohne die erforderlichen inneren und äußeren Voraussetzungen erzwingen zu wollen. Sie ist zwar sicher die optimale Voraussetzung für die spätere volle Beherrschung beider Sprachen, aber es gibt ausreichend viele Beispiele für gelungene später einsetzende Zweisprachigkeit und umgekehrt für den weitgehenden Verlust einer der beiden Sprachen auch bei "gebürtigen" Zweisprachigen.

Wenn Ihr Kind spät zu sprechen anfängt, so versteifen Sie sich nicht auf die Idee, dies müsse am doppelten Spracherwerb liegen. Die Phase des aktiven Sprechens kann sich auch bei einsprachig aufwachsenden Kindern verzögern. Die Verzögerung oder andere Sprachstörungen sind meist bald wettgemacht, wenn keine anderweitigen schwerwiegenden Ursachen vorliegen. Entwicklungsstörungen rühren nicht aus der bloßen Tatsache, daß zwei Sprachen statt einer im Spiel sind, sondern aus den Begleitumständen, und nur zu einem geringen Prozentsatz (etwa 6%–8%) aus der Veranlagung.

7. Bemängeln Sie nicht die Schwächen, sondern knüpfen Sie an den Fortschritten an! Kinder bestimmen
7. Bemängeln Sie nicht die Schwächen, sondern knüpfen Sie an den Fortschritten
an! Kinder bestimmen ihre Entwicklungsfortschritte selbst. Auf das Kind
hören!

„Wer Kraft und Zeit zum Zuhören aufbringt, erweist seinem Kind Achtung. Und es ist diese Achtung, die das Kind nötig hat, um sich selbst zu achten. Je mehr wir auf die Kinder selbst hören, desto geringer ist auch die Gefahr, daß wir es mit gutgemeinten Wünschen über- oder auch unterfordern“ (Wolfgang & Jürgen Butzkamm, Wie Kinder sprechen lernen. Tübingen 2004)

Fehler sind notwendige Bestandteile des Spracherwerbs auch einsprachig aufwachsender Kinder. Sprache kann man eben nur schrittweise erwerben. Das Besondere am kindlichen Spracherwerb ist, daß „Fehler“ – Fehler aus unserer Sicht – sogar notwendig und sinnvoll sind. Das reifende Gehirn blendet von sich aus allzu

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Schwieriges aus. Deshalb werden anfangs „Tomaten“ zu „Ma“ oder „Milch“ zu „Mi“ verstümmelt und grammatische Regelungen überhaupt nicht beachtet. So vereinfacht sich das Kind die Sprache auf seine Weise und lernt alles in der richtigen, kindgemäßen Reihenfolge. Es gibt so etwas wie einen natürlichen Lernplan, dem die Wissenschaft seit einiger Zeit auf der Spur ist

Deshalb sind direkte elterliche Korrekturen schon im frühen Alter eher hemmend und störend. Die bestätigende Wiederholung der kindlichen Äußerung in korrekter(er) Form dagegen ist angebracht.

Bieten Sie Ihrem Kind so weitgehend und so früh wie möglich Gelegenheiten und Gründe, beide Sprachen zu gebrauchen und sich mit beiden Kulturen zu identifizieren. Hängen Sie seine Zweisprachigkeit aber nicht zu hoch! Es ist zwar stolz darauf, will aber nicht unbedingt durch eine solche Besonderheit auffallen. Schützen Sie es vor allem vor Erwachsenen, die seine Sprachkenntnisse testen möchten!

8. Steuern Sie – wo notwendig – gegen! Die schwächere Sprache stützen!
8. Steuern Sie – wo notwendig – gegen! Die schwächere Sprache stützen!

Welche Lernschritte wann welchem Kind zugemutet werden können, hängt vor allem von den bis dahin erworbenen Fähigkeiten ab. Mit seinen wachsenden sprachlichen und kommunikativen Fortschritten erweitern sich zugleich Wahrnehmungs-, Erfahrungs- und Motivationsradius, seine Handlungs- und Denkfähigkeit. Nach der Phase erster sprachlicher Grundlagensicherung im Alter von 2 bis 3 Jahren, in der das Kind sich mehr und mehr mithilfe von Mehrwortsätzen äußert, ist es verstärkt außerfamiliären Einflüssen durch Medien, Erziehungsinstitutionen usw. ausgesetzt. Auch unabhängig von der Primärgruppe werden nun erste Begriffe von der Welt und der eigenen Stellung in ihr gebildet, die gleichzeitig größere Einsicht und frühe Verhärtungen mit sich bringen können. Dann ist Ihr Durchhaltevermögen gefragt. Achten Sie auf eine mittel- bis langfristig quantitativ wie qualitativ einigermaßen gleichmäßige Verteilung der Sprachen, mit denen das Kind aufwächst, und steuern Sie gegen, wenn die Gewichte sich zu sehr zugunsten der einen Sprache verlagern. Meistens ist das ab dem Kindergartenalter die Umgebungssprache. Diese erwirbt es viel leichter, schneller und besser als Erwachsene. Aufgrund des kindlichen Willens, sich seiner Altersgruppe zugehörig zu fühlen und sich in ihr zu behaupten, wird die Landessprache zu seiner bevorzugten Sprache. Kinder fangen in diesem Alter nicht selten an, den aktiven Gebrauch der Herkunftssprache zu verweigern und lassen sich meist unbewußt raffinierte Tricks einfallen, um den elterlichen Willen zu unterhöhlen. Das kommt sogar häufig in Familien mit gleichsprachigen Eltern und einheitlichem Sprachgebrauch vor. Diese sich auf Kosten der zuerst erworbenen Sprache ereignende Gewichtsverschiebung erfordert eine dementsprechende Flexibilität und gelegentlich auch Beharrungskraft der

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Eltern. Erst in der Pubertät interessiert das Kind der allgemeine Status einer Sprache auf dem Sprachenmarkt – etwa die Rolle des Englischen als Weltsprache – und erst mit dem Erwachsenwerden und der Mündigkeit kann die Rückbesinnung und das Interesse für die eigenen Wurzeln dazu führen, daß es sich selbstbestimmt seiner Herkunftssprache und -kultur annimmt. Solange spielen Sie Ihren Part. Je früher Sie ihn ernstnehmen, desto leichter wird er Ihnen in späteren Abschnitten fallen.

Benutzen Sie dem Kind gegenüber Ihre Sprache selbst dann, wenn das Kind sich weigert, darin zu antworten. Zwingen Sie es jedoch nicht, sie aktiv zu gebrauchen.

Das Kind muß und wird es akzeptieren, wenn sie weiterhin wie gewohnt mit ihm sprechen. Solange Sie die schwächere Sprache im Kontakt mit dem Kind pflegen, ist sie nicht verloren, sondern etwa bei Aufenthalten im Herkunftsland oder Besuchen durch die Großeltern usw. – jedenfalls nach einer kurzen Anlaufzeit – schnell aktualisierbar. Konflikte sind kreativ, solange den Familienmitgliedern Ressourcen ihrer Bewältigung zur Verfügung stehen. Unaufdringlicher elterlicher Beistand und Aufmerksamkeit sind während des ganzen kindlichen Wachstums gefragt.

Nur ein reiches Sprachangebot kann gewährleisten, daß eine Sprache nicht versiegt – oder erst gar nicht gelernt wird. Das ist etwa der Fall, wenn man glaubt, in den Grundschulen zweimal die Woche 45 Minuten lang englische Lieder zu singen und ein wenig Alltagskommunikation zu betreiben, würde schon genügen. Schön wär’s, aber wenn’s dabei bleibt, kommt so gut wie nichts dabei heraus.

9. Wägen Sie die Werte "Mehrsprachigkeit" und "Sicherheit in der Landessprache" auch auf lange Sicht
9. Wägen Sie die Werte "Mehrsprachigkeit" und "Sicherheit in der
Landessprache" auch auf lange Sicht ab!

Die natürliche Bevorzugung der außerfamiliären Umgebungssprache durch das Kind ab dem Kindergartenalter wird von den institutionellen Gegebenheiten noch verstärkt. So ist die Angst vor dem übermächtigen Druck der herrschenden Umgebungskultur nachvollziehbar. Die Schul- und Unterrichtssprache ist ja in der Regel mehr oder weniger identisch mit der normierten Umgangssprache der außerfamiliären Kindesumgebung. Dadurch, daß im Regelfall Lesen und Schreiben sowie die anderen Schulfächer zuerst in dieser gelernt werden, vergrößert der Vorsprung der Umgebungssprache sich noch zusätzlich.

Diese Tatsachen sprechen umso stärker für elterliche Umsicht und Ausgleich. Je früher es Lese-, Schreib- und andere Fertigkeiten auch in der Herkunftssprache erwirbt, desto größer sind die Chancen auf ausgeglichene Mehrsprachigkeit. Nicht von ungefähr fällt der Erwerb der Lese- und Schreibfähigkeit mit dem Alter der Einschulung zusammen.

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Das Nachholen dieser Schritte in der anderen Sprache erst ein paar Jahre später hat zwei Nachteile: Die spezifische Lernfähigkeit ist schon nicht mehr optimal und die Aneignung wird dadurch behindert und gestört, daß es übermäßig aus der Schulsprache und seinem Alphabet überträgt.

Fixieren Sie sich nicht starr auf eine Kultur, sondern nehmen Sie praxisnah jede von der Situation oder dem kindlichen Interesse gebotene Gelegenheit wahr, mit dem Kind die Umgebungs- und Herkunftssprachen auf ihrem kulturellen und geographischen Hintergrund miteinander zu vergleichen. Unterstützen Sie die Sprachentwicklung Ihres Kinds, indem Sie intensive Begegnungen mit der benachteiligten Sprache und Kultur begünstigen. Es kommt dabei mehr auf die Qualität als die Quantität an. Tägliches gemeinsames Singen von Liedern zuhause in der Herkunftssprache, mehr noch das regelmäßige Vorlesen oder Erzählen von Geschichten vor dem Einschlafen gleicht viele Stunden mit der Umgebungssprache aus. Wenn Sie selbst nicht mit ihm in der "schwächeren" Sprache sprechen, so erleichtern Sie familiäre und informelle Begegnungen in ihr und mit Menschen, von denen es sie hört! Anregungen durch den bewußten Einsatz von medialen Hilfsmitteln wie etwa dem Kassettenrekorder zum Abspielen von Hörspielen, Märchen, Liedern usw. sind äußerst nützlich. Fernsehkonsum dagegen verhindert aufgrund der Verabreichung nie verarbeiteter Bilder und Sensationen eher die Entwicklung kreativer Vorstellungskraft beim Kind und blockiert damit eine Haupttriebfeder seines Aufwachsens.

10. Festigen Sie die Solidarität mit Ihrem fremdsprachigen Partner!
10. Festigen Sie die Solidarität mit Ihrem fremdsprachigen Partner!

Verschiedensprachige Eltern zu haben, bringt nicht nur Chancen auf gebürtige Zweisprachigkeit mit sich. Oft gehören die Eltern auch unterschiedlichen Nationen und Kulturen an, die mitten durch die Familie und – um es krass auszudrücken – mitten durch das Kind gehen.

Oft gelingt die Kommunikation vor allem am Anfang einer Beziehung zwischen verschiedensprachigen Partnern nicht alleine mittels des Gebrauchs nur einer Sprache, sondern es muß neben dem ganzen Repertoire an Gesten, Mimik usw. im- mer wieder eine andere Verkehrs- oder Verbindungssprache hinzugezogen werden. Mit der Zeit aber wird diese immer überflüssiger, weil die Partner sich gewöhnlich sprachlich aufeinander zu bewegen. Die dritte Sprache wird meist von der Sprache desjenigen Partners ersetzt, in dessen Umgebung das Paar sich vorwiegend aufhält. Nicht nur dadurch bekommt dieser einen "Heimvorteil", der für die Partnerbeziehung weitreichende Folgen nach sich ziehen kann. In Bezug auf die Sprachwahl des "ausländischen" Partners kann er zu eigentlich ungewollten Konsequenzen führen, nämlich sowohl zum Verzicht auf die eigene Sprache als auch umgekehrt dazu, daß sie

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als "letztes Reservat" forciert wird. Da beide Alternativen Kurzschlüssen entspringen, ist davon abzuraten, die Sprachwahl auf einer solchen Grundlage vorzunehmen. Umgekehrt kommt es nicht selten vor, daß der "inländische" Elternteil zwar immer wieder an den "ausländischen" Partner appelliert, mit dem Kind in seiner Herkunfts- oder dominanten Sprache zu verkehren, damit die günstige Ausgangslage für seine Mehrsprachigkeit auch genutzt werde, aber aus vielerlei Gründen ohne Erfolg. Appelle reichen nicht. In der Heimat fällt der Umgang mit den Kindern in der Herkunftssprache leichter als in der Fremde. Am wichtigsten für die Eltern-Kind-Beziehung ist die liebevolle Verbundenheit der Eltern bei gleichzeitiger Arbeitsteilung. Wesentliche Voraussetzung für den kindlichen Erwerb der Sprache des "ausländischen" Elternteils ist, daß er seine Elternfunktion in für das Kind wahrnehmbarer Weise ausübt.

Um die in binationalen Partnerschaften häufig zuungunsten des "Ausländers" verschobene Machtverteilung wieder zurechtzurücken, bedarf es einer besonderen Solidarität zwischen den Eltern, der Entwicklung einer toleranten und engagierten Einstellung gegenüber dem "Anderen" und der Festigung einer Identität, die die Spannung zwischen den Polen nicht nur aushält, sondern offensiv und kreativ nutzt.

11. Eines schickt sich nicht für alle.
11. Eines schickt sich nicht für alle.

In der Euregio Maas/Rhein, besonders in Ostbelgien und im niederländischen Südlimburg, ist zweisprachiges Aufwachsen nichts Neues. Kompliziert wird es aber, wenn Mehrsprachigkeit aufgrund von länger oder kürzer zurückliegender Migration hinzukommt. Noch komplizierter wird es bei Partnerwechsel zu unterschiedlichen Zeitpunkten der kindlichen Sprachentwicklung. Was dann die richtige „Sprachenpolitik“ in der Familie sein könnte, kann kein „Ratgeber“ sagen. Hilfreich ist immer der Austausch mit anderen Familien mit ähnlich gelagerten Problemen.

Manche gleichsprachige Eltern vernachlässigen schon bald ihre Herkunftssprache, weil sie befürchten, daß diese sie oder auch das Kind bei der Anpassung an die Umgebung behindert. Beugen Sie sich nicht zu schnell dem Konformitätsdruck durch die Umgebung. Resultat ist, daß bei einem abrupten Wechsel des Sprachgebrauchs der Eltern im Umgang mit dem bis dahin einsprachigen Kind dessen psychologischer Reifungsprozeß, der eng an die sprachlichen und geistigen Lernfortschritte in der bis dahin erworbenen Sprache gekoppelt ist, eventuell unterbrochen und gestört wird und sein Mehrsprachigkeits-Potential ungenutzt bleibt. Die erste Sprache – und sei es auch nur ihre Mundart-Variante – trocknet aus. Die von den Eltern für statusträchtiger gehaltene Sprache wird zwar nun zur stärkeren Sprache, doch wird der optimale Erwerb der Zweitsprache ohne die Brücke zur erstsprachlichen Basis durch den plötzlichen Sprachwechsel erschwert – wie gerechtfertigt dieser sein mag. Es ist nicht gut, das Kind

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von einer Sprache und den Menschen, die sie sprechen, zu isolieren, nur um es in der anderen Sprache voranzubringen.

Sorgen Sie ähnlich wie binationale Familien für ein Gleichgewicht auf möglichst hohem Niveau zwischen der benachteiligten Basissprache und -kultur und der privilegierten Zielsprache und -kultur.

12. Machen Sie die Zweisprachigkeit bzw. ihren Zeitpunkt auch von den konkreten Voraussetzungen des gesellschaftlichen
12. Machen Sie die Zweisprachigkeit bzw. ihren Zeitpunkt auch von den
konkreten Voraussetzungen des gesellschaftlichen Umfelds abhängig!

Die Tatsache, in einem Gebiet zu wohnen, das wie Aachen an zwei Sprachgrenzen liegt, ist bei weitem keine hinreichende Bedingung für gebürtige oder frühe Mehrsprachigkeit. Selbst in zweisprachigen Gebieten wie manchen Teilen Ostbelgiens ist gebürtige Zweisprachigkeit unwahrscheinlich, wenn nicht schon die frühkindliche Primärgruppe in mehr als in einer Sprache mit dem Kind verkehrt, und frühe Zweisprachigkeit nur dann realistisch, wenn im Freundeskreis, auf der Straße, im Kindergarten oder der Grundschule der Gebrauch beider Sprachen gang und gäbe ist.

Ob die Mehrsprachigkeit eines Gebiets bessere Voraussetzungen für frühe Zweisprachigkeit bietet oder die Unterschiedlichkeit von Familiensprache und Umgebungssprache aufgrund von Migration, hängt neben dem elterlichen Sprachgebrauch vor allem von den sonstigen Gelegenheiten der lebendigen Begegnung mit der jeweiligen Sprache ab. In der Regel müssen diese in einem mehr- sprachigen Gebiet sehr zahlreich und vielfältig sein, damit Mehrsprachigkeit tatsächlich ähnlich früh eintritt wie bei vielen im "neuen Land" geborenen oder schon früh in das neue Land gekommenen Migrantenkindern.