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Das Fundament 5/2009

Der moderne Atheismus


und die Antwort des
christlichen Glaubens
Den hier vorliegenden Aufsatz von Dr. Jürgen Spieß, Historiker und Leiter des
Instituts für Glaube und Wissenschaft (www.iguw.de), hielt er in ähnlicher
Form auf dem Regionaltreffen 2009 in Bielefeld.

  „Gott ist an allem Schuld! Der Die wichtigsten Thesen seines


Kreuzzug der neuen Atheisten!” So Buches lauten:
titelte der Spiegel – etwas paradox
Glaube und Wissenschaft sind

– in seiner Pfingstausgabe 2007.
Gegensätze: Glaube ist blind
Grundlage des „neuen Atheismus”
– Wissenschaft beruht auf
ist das Buch „Der Gotteswahn”
Belegen.
des Oxforder Evolutionsbiologen
Richard Dawkins. Die englische Die Welt sieht so aus, als sei

Ausgabe dieses Buches wurde sie gezielt gestaltet. Das ist
bereits mehr als eine Million Mal aber eine Täuschung; und
verkauft. Die deutsche Ausgabe selbst, wenn: wer gestaltete
liegt seit September 2007 vor und den Gestalter?
gelangte in kurzer Zeit auf Platz Religion ist die Ursache für

zwei der Sachbuchliste. die Gewalt in dieser Welt –
Worum geht es in diesem eine atheistische Welt wäre
Buch? Was ist von seinen Thesen eine friedlichere Welt.
aus christlicher Sicht zu halten?
Wie kann man ihnen argumentativ Glaube an Gott ist irrationales

begegnen? Wunschdenken.

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Der moderne Atheismus und die Antwort des christlichen Glaubens

Blinder Glaube? schaft und Glaube an Gott schlie-


ßen sich aus. Es gab und gibt viele
Sehen wir uns diese Thesen
herausragende christliche Wissen-
etwas näher an. Im Gegensatz zur
schaftler. Dawkins selbst nennt
Wissenschaft, die von Beweisen
einige: Kepler, Newton, Faraday,
ausgeht, ist für Dawkins Glaube
Polkinghorne und andere. Für ihn
blind, „ohne Belege”. Das Neue
sind das Ausnahmen. Damit macht
Testament handelt er auf weni-
er es sich hier wie auch an anderen
gen Seiten ab, denn für ihn ist es
Stellen, die nicht in seine Weltan-
genau wie der Roman „Sakrileg”
schauung passen, zu einfach. Es
von Dan Brown „von Anfang bis
mutet etwas seltsam an, wenn er in
Ende erfunden und reine Fiktion.
diesem Zusammenhang darüber
… Der einzige Unterschied besteht
spekuliert, ob mancher Wissen-
darin, dass Sakrileg eine moderne
schaftler (und mancher Künstler),
literarische Erfindung ist, während
der sich in früheren Jahrhunder-
die Evangelien schon vor sehr lan-
ten zum christlichen Glauben
ger Zeit erfunden wurden” (Seite
bekannte und christliche Kunst-
137). Diese Aussage zeigt, dass es
werke schuf, heute möglicherweise
Dawkins nicht um eine wissen-
Atheist wäre. Den Gegensatz von
schaftlich seriöse Auseinanderset-
Glaube und Wissenschaft gibt es
zung mit dem christlichen Glauben
nicht; stattdessen gibt es Wissen-
geht und dass er an historischer
schaftler, die an Gott glauben und
Wahrheit nicht interessiert ist. Das
solche, die nicht an Gott glauben.
ist schade, denn der christliche
Was glaubt der, der an Gott
Glaube ist nicht blind, sondern be-
glaubt? Der Philosoph Robert
ruht auf historischen Belegen und
Spaemann beantwortet diese Frage
persönlichen Erfahrungen.
so: „Er glaubt an eine fundamentale
Rationalität der Wirklichkeit. Er
glaubt, dass das Gute fundamenta-
ler ist als das Böse. Er glaubt, dass
Gotteswahn das Niedere vom Höheren verstan-
– Neuer Atheismus den werden muss und nicht umge-
kehrt. Er glaubt, dass Unsinn Sinn
Offensichtlich falsch ist es auch,
voraussetzt und dass Sinn nicht eine
wenn Dawkins behauptet: Wissen-
Variante der Sinnlosigkeit ist.”

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Das Fundament 5/2009

Glaubt ein Atheist? Die „zentrale Argumentation”


seines Buches lautet: Die Welt sieht
Was glaubt laut Dawkins dagegen zwar so aus, als sei sie gezielt gestal-
ein Atheist? „Ein Atheist oder phi- tet worden und als sei dieser „An-
losophischer Naturalist vertritt die schein von Gestaltung auf tatsäch-
Ansicht, dass es nichts außerhalb liche Gestaltung zurückzuführen.”
der natürlichen, physikalischen Aber dieses Denken „führt in die
Welt gibt: keine übernatürliche, Irre, denn die Gestalterhypothese
kreative Intelligenz, die hinter dem wirft sofort die umfassendere Frage
beobachtbaren Universum lauert, auf, wer den Gestalter gestaltet hat”
keine Seele, die den Körper über- (Seite 222). Entgegen der jüdisch-
dauert, und keine Wunder, außer christlichen Vorstellung von Gott
in dem Sinne, dass es Naturphä- als Schöpfer dieser Welt kann sich
nomene gibt, die wir noch nicht Dawkins Gott nur als gestaltet, als
verstehen.” („Der Gotteswahn”, geschaffen vorstellen – als eine mate-
Seite 25). Dieser Satz von Dawkins rielle Wirklichkeit, die den Gesetzen
ist aber nach eigener Definition der Evolution unterworfen ist. Er
nur Teil der natürlichen, setzt sich daher gar nicht erst
physikalischen Welt. mit einer Gottesvorstel-
Warum sollte lung auseinander, in der
er wahr sein? Gott ungeschaffen,
Unser Verstand personal und ewig ist.
ist dann ja nur Für Dawkins hat sich
ein zufälliges alles „durch natür-
Nebenprodukt liche Selektion” (in
der Evolution und Anlehnung an Darwin)
unsere Gedanken aus „einfachen Anfän-
sind ausschließlich gen” entwickelt.
das Ergebnis physikali-
scher Prozesse, nicht aber rationaler
Einsichten. Wenn aber hinter unse-
rer Welt eine grundlegende Ratio-
nalität steht, dann ist es sinnvoll,
Am Anfang
unserem Verstand zu vertrauen Doch woher kommen diese „ein-
und damit die Welt zu erforschen. fachen Anfänge”? Durch Selektion

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Der moderne Atheismus und die Antwort des christlichen Glaubens

wird ja nichts Neues geschaffen, hung einer Welt aus nichts denken
sondern nur bereits Bestehendes zu müssen, enthält eine Zumutung
weiterentwickelt. an die Vernunft, die alle anderen
Welcher Glaube - auch der Zumutungen in den Schatten
Atheismus ist ja ein Glaube - ist stellt”.
glaubwürdiger: Stand am Anfang Religion ist für Dawkins die
irrationale Materie, aus der sich Ursache der Gewalt in unserer
(nicht zielgerichtet) Geist entwi- Welt. Ohne Religion gäbe es „keine
ckelte, oder stand am Anfang ein Selbstmordattentäter, keinen 11.
personaler schöpferischer Geist, der September, … keine Kreuzzüge …”
Materie schuf?
Welche dieser
beiden Welt-
anschauungen
erklärt plausi-
bler das, was
wir tagtäglich
an Sinn, Liebe,
Schönheit –
und auch an
wissenschaftli- Religion,
cher Erkennt- eine Ursache für Gewalt
nis – erfahren?
Der Oxforder Mathematiker John (Seite 12) „Dass ein Krieg im Na-
Lennox schreibt dazu: „Entweder men des Atheismus geführt würde,
verdankt die menschliche Intelli- kann ich mir nicht vorstellen. Was
genz ihre Entstehung letztlich geist- sollte der Grund sein?” (Seite 387)
und zweckloser Materie, oder es
gibt einen Schöpfer. Es ist seltsam,
dass einige Menschen behaupten,
ihre Intelligenz führe sie dahin, Atheismus
die erste der zweiten Möglichkeit bringt Friede?
vorzuziehen”. Darüber hinaus gilt,
Es ist beklagenswert, dass auch das
was Robert Spaemann so ausdrückt:
Christentum – trotz des Gebotes
„Eine plötzliche grundlose Entste-

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Das Fundament 5/2009

von Jesus: „Liebet eure Feinde!” dass der Atheismus seinen Ursprung
- immer wieder zu Kriegen und im Wunschdenken hat - dem
Verfolgungen geführt hat. Im 20. Wunsch nach moralischer Autono-
Jahrhundert – denken wir nur an mie: Man will sich von Gott in sein
Stalin oder Mao - waren es aber Handeln nicht hineinreden lassen.
gerade atheistische und wissen- Richard Dawkins will provozie-
schaftsgläubige(!) Staatsysteme, die ren, wenn er schreibt: „Leidet ein
unvorstellbare Grausamkeiten und Mensch an einer Wahnvorstellung,
millionenfache Morde an ihrer eige- so nennt man es Geisteskrankheit.
nen Bevölkerung begangen haben. Leiden viele Menschen an einer
Die Behauptung von Dawkins, eine Wahnvorstellung, dann nennt man
atheistische Welt wäre eine friedli- es Religion.” (Seite 18)
chere Welt, ist durch diese Erfah-
rungen gründlich widerlegt.
Für Dawkins ist Glaube an
Gott irrationales Wunschden- Bekehrungsreisen
ken. Diese berühmte These des
Philosophen Ludwig Feuerbach, Um seine Gedanken möglichst
Glaube sei Wunschdenken, geht weit zu verbreiten, unternimmt er
von der Voraussetzung aus, dass in den USA Lesereisen. Sein Ziel
es keinen Gott gibt, und versucht ist es, seine theistischen Leser zum
dann die Frage zu beantworten: Atheismus zu „bekehren” (Seite
Warum glauben so viele Menschen 160), vor allem aber seine atheisti-
an einen nicht existierenden Gott? schen Leser zu ermutigen, sich als
Antwort: Wunschdenken. Atheisten zu „bekennen”. (Seite 16)
Wenn man stattdessen von der Für seine Titelgeschichte wählte
Voraussetzung ausgeht, es gibt der Spiegel als Überschrift: „Der
einen Gott, kann man fragen, war- Kreuzzug der ‚neuen Atheisten’”.
um seit über 200 Jahren in West- Dadurch sollte auf den aggressiven,
europa immer mehr Menschen ja militanten Ton dieses „neuen
glauben, es gäbe keinen Gott. Atheismus” hingewiesen werden.
Antwort: Wunschdenken. Warum diese Militanz? Ist es „Pa-
Entgegen der These, der Glaube nik” (Spiegel), weil Religion nicht
an Gott sei Wunschdenken, ist es im Verschwinden begriffen ist, wie
wohl plausibler, davon auszugehen, es die Voraussagen von Atheisten in

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Der moderne Atheismus und die Antwort des christlichen Glaubens

Machbarkeitswahn

den die-
vergan- se Diszip-
genen- lin befindet
Jahrzehn- sich zur Zeit
ten nahe- wie in einem
legten, son- Machtrausch
dern in vie- (Beispiel Gen-
len Teilen der Welt ein Comeback technik). Die einzigen, die sie noch
erlebt? aufhalten können, sind im weitesten
Oder gibt es handfestere Grün- Sinne religiöse Menschen. Des-
de? Robert Spaemann hält es nicht halb der aggressive Ton gegen alles
für einen Zufall, dass mit Dawkins Religiöse.”
ein weltweit bekannter Biologe an Der christliche Glaube ist kein
der Spitze der atheistischen Bewe- grundloser Glaube, sondern beruht
gung steht. „Die Genforschung auf zuverlässigen, historischen
beispielsweise eröffnet uns Mög- Zeugnissen über Jesus Christus,
lichkeiten der Manipulation und seinem Tod und seiner Auferste-
des Zugriffs auf die menschliche hung und auf persönlichen Erfah-
Natur. Da gibt es nur noch einen rungen. Diese Botschaft sind wir
Widerstand, und das ist in einem unserer Mitwelt schuldig. 
weit gefassten Sinne ein religiöser. Es
scheint mir so zu sein, dass die Men- Literatur:
A. McGrath, Der Atheismus-Wahn. Eine
schen, die von diesem Machtwillen Antwort auf Richard Dawkins und den funda-
und von der Vorstellung besessen mentalistischen Atheismus, Asslar 2007
sind, allmählich alles machen zu D. Robertson, Briefe an Dawkins, Gießen 2008
J. Lennox, Hat die Wissenschaft Gott begra-
können, nun das Haupthindernis ben? Wuppertal 2007
beseitigen möchten, das diesem R. Spaemann, Der letzte Gottesbeweis,
totalen Zugriff im Wege steht. Denn München 2007