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Das Fundament 6/2007

Irrtum und Fälschung


in der Wissenschaft

Vortrag von Michael Kotsch, Theologe, Bad Meinberg, im Rahmen der


DCTB-Hauptkonferenz 2007 in Dassel (gekürzt)

  Immer wieder kommen durch len des Menschen Embryonen zu


die Medien Beispiele von wis- klonen und aus diesen Embryonen
senschaftlicher Fälschung an die Stammzellen zu gewinnen. Seinen
Öffentlichkeit. Durchbruch verkündete er der
Der als Klonpionier gefeierte Weltpresse auf der Tagung der
Südkoreaner Woo-Suk Hwang Amerikanischen Wissenschaftler-
wurde 2006 als Fälscher entlarvt. vereinigung (AAAS). Schon 2005
Seit Beginn der neunziger Jahre wollte Hwang die Effektivität
beschäftigte sich der ausgebildete seiner Methode soweit gesteigert
Tierarzt Hwang an der Staatli- haben, dass das therapeutische
chen Universität in Seoul mit der Klonen nun greifbar nahe schien.
Fortpflanzungsbiologie. 2004 Nach diesem Durchbruch wurde
überraschte Hwang die Fachwelt. der Tierarzt Hwang nicht nur
Als erstem Wissenschaftler gelang von Fachwissenschaftlern über-
es ihm angeblich, aus Körperzel- schwänglich gefeiert. Mehrere


Irrtum und Fälschung in der Wissenschaft

Fachaufsätze in renommierten seiner elf geklonten Stammzell-


Wissenschaftsmagazinen erschie- linien waren frei erfunden, die
nen. Diese Studien galten für viele Herkunft der beiden anderen frag-
Forscher als Qualitätsgarantie. würdig. Infolge dieser Fälschungen
Die wissenschaftlichen Prüfer der wurden hohe Forschungssummen
Magazine fanden nichts zu bean- und viel Arbeitskraft weltweit auf
standen. In Korea wurde Hwang eine falsche Fährte gesetzt.
als Nationalheld verehrt. 2005 Im Juli 2005 stellen Priam C.
wurde ihm zu Ehren sogar eine Martinen, Melissa S. Anderson
Sonderbriefmarke herausgege- und Raymond de Vries im Wis-
ben. Sie zeigt einen Gelähmten, senschaftsjournal „Nature“ die
der geheilt aus seinem Rollstuhl Ergebnisse ihrer Untersuchungen
springt. Erste Zweifel wurden laut, über alltägliche Fälschungen in der
nachdem sein amerikanischer Ko- Wissenschaft vor. Das Team um
operationspartner Gerald Schatten Martinson verschickte mehr als
sich von Hwang distanzierte und 7500 Fragebögen an US-Wissen-
ihn beschuldigte, Eizellen von schaftler verschiedener Karrierestu-
seinen Mitarbeiterinnen für die fen aus dem Gesundheitsbereich.
Forschung verwendet zu haben. Rund ein Drittel der befragten
Hwang gab dieses unethische Wissenschaftler gaben an, in den
Vorgehen zu und räumte ferner letzten Jahren wenigstens einmal
ein, viele Frauen für ihre angeb- an Fabrikation, Fälschung und
lich selbstlosen Spenden bezahlt Diebstahl geistigen Eigentums
zu haben. Es folgte ein rasanter beteiligt gewesen zu sein. Plagiate
Absturz. Vorher warb Schatten oder echte Fälschungen gaben nur
allerdings noch im eigenen Interes- jeweils zwei Prozent zu. Daten
se führende Mitarbeiter aus Korea zurückgehalten zu haben, weil sie
ab und meldete eigene Patente auf vorangegangenen eigenen For-
die von Hwang entwickelte Klon- schungsergebnissen widersprachen,
Methode an. Heute steht fest: Die gestanden sechs Prozent, und den
beiden großen Erfolgsmeldungen eigenen Forschungsansatz auf
der Arbeitsgruppe Hwang waren Wunsch von Geldgebern verändert
gefälscht. Im Labor Hwang konnte zu haben, sogar 15,5 Prozent. Ähn-
keine einzige geklonte Stammzel- lich häufig wurde über fragwürdige
len-Linie gefunden werden. Neun Daten in den Arbeiten von Kolle-


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gen hinweggesehen. 27,5 Prozent in Japan präsentiert. Seit 1981


hätten Schwierigkeiten, die von bemühte sich Fujimura durch spek-
ihnen verwendeten Daten tatsäch- takuläre Funde zu belegen, dass
lich zur Verfügung zu stellen. Die Japan schon vor über einer halben
Deutsche Forschungsgemeinschaft Million Jahre von höchst intelli-
weist in ihrer Statistik über die genten Menschen besiedelt war,
Anrufung des Ombudsmannes zur die steinerne Grabmäler und bunt
Einhaltung ihrer „Empfehlungen bemalte Werkzeuge hervorgebracht
für gute wissenschaftliche Praxis” hatten und sogar schon Mathema-
eine jährliche Zunahme der Fälle tik kannten. Von seinem Posten als
unkorrekten Verhaltens aus und Vizepräsident des paläolithischen
befürchtet dadurch einen Vertrau- Institutes von Tokohu wurde
ensschwund für die Wissenschaft. Fujimura nach Bekanntwerden
Kein wissenschaftlicher Fachbe- seiner Fälschungen entbunden und
reich ist von Fälschungen und Ma- kündigte konsequenterweise an, er
nipulationen ausgenommen. Einige wolle sich künftig von der Archäo-
weitere Beispiele sollen das zeigen. logie gänzlich fernhalten.
Im Herbst 2000 entschuldigte sich Der renommierte Ulmer Krebs-
der berühmte japanische Archä- forscher Friedhelm Herrmann,
ologe Shinichi Fujimura vor der eine der großen Hoffnungen der
Weltpresse und seinen Landsleu- deutschen Krebsforschung, hat
ten. Mit tränenerstickter Stimme über Jahre hinweg seine Karrie-
verliest er sein Schuldbekenntnis: re mit erfundenen Ergebnissen,
„Ich wurde Opfer der Versuchung am Computer manipulierten
... Ich habe etwas getan, was ich Abbildungen und gestohlenen
nicht hätte tun sollen.” Fujimura Daten aufgebaut. Mit dabei seine
war von Journalisten der Tages- ehemalige Mitarbeiterin Marion
zeitung „Mainichi“ dabei ertappt Brach, die nach ihrer Trennung
und fotografiert worden, wie er eine Professur an der Universität
höchstpersönlich „altsteinzeitliche Lübeck innehatte. Herrmann war
Werkzeuge” vergrub, um sie später Mitglied in allen wichtigen Fach-
wieder „entdecken” zu können. gesellschaften und Sprecher der
Ähnliche Stücke hatte Fujimu- deutschen Gentherapeuten. Erst
ra kurz zuvor noch als ältesten waren es nur die Publikationen, die
Nachweis menschlicher Siedlungen das Forscherduo während seiner


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gemeinsamen Zeit am Berliner Formen von


Max-Delbrück-Centrum (MDC)
anfertigte, die unter Fälschungs-
Fälschungen
verdacht standen. Doch eilends Fälschungen in der Wissenschaft
einberufene Untersuchungskom- können recht verschiedenartig
missionen fanden heraus, dass die aussehen:
ersten gezinkten Publikationen
a. Messergebnisse werden unter-
schon in ihrer Freiburger Zeit
schlagen,
(1990/91) erschienen. Glaubwür-
b. Daten werden angepasst,
digkeit erhielten ihre Arbeiten
c. alternative Deutungen werden
durch Roland Mertelsmann, der
nicht erwähnt,
als Chef von Herrmann und Brach
d. Forschungsergebnisse werden
als Koautor in Erscheinung trat.
abgeschrieben oder gestohlen,
Mittlerweile ist die Anzahl der Ver-
e. wissenschaftliche Ausarbeitun-
öffentlichungen mit mutmaßlichen
gen werden von Ghostwritern
Fälschungen auf über 80 angestie-
verfasst,
gen. Inzwischen wurden die beiden
f. unliebsame Studien werden
Forscher Ihrer Posten enthoben.
unterdrückt oder ignoriert,
Das Forscherduo hätte schon Jahre
g. eigene Ergebnisse werden an das
zuvor auffliegen können, wenn die
vorgefertigte Weltbild angepasst,
Verantwortlichen am MDC die
h. Versuchsanordnungen werden
ersten Warnungen ernst genom-
unprofessionell aufgebaut oder
men hätten. Schon 1994 hatte
bewusst manipuliert.
ein Gastwissenschaftler aus den
USA Professoren am MDC auf
mutmaßliche Fälschungen in der
Arbeitsgruppe des Krebsforschers
Herrmann hingewiesen. Irrtum in der
Wissenschaft
Neben mehr oder weniger be-
wussten Manipulationen finden
sich in der Wissenschaft auch
eine große Zahl unbeabsichtig-
ter Fälschungen. Diese können


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beispielsweise durch Nachlässigkeit mit denen an ein Problem heran-


im Versuchsaufbau oder durch gegangen wird, und natürlich auch
das Außerachtlassen wichtiger die Interpretation der gemessenen
Rahmenbedingungen entstehen. oder berechneten Ergebnisse.
Gerade in Beispielen aus der Geschichtliche Beispiele dafür
Wissenschaftsgeschichte fällt auf, liefert zum Beispiel die Kirche, die
dass fehlendes Wissen über die eine geozentrische Astronomie ver-
Natur oder deren Gesetze, dass teidigte, weil sie besser zur eigenen
aber auch ein unzureichendes Theologie passte.
Instrumentarium oder eine wenig
durchdachte Methode falschen
Ergebnissen zu Grunde liegen kön-
nen. Irrtümer entstehen oft durch Fälschungen als Betrug
die Beschränktheit verfügbarer
Methoden und Messinstrumente; Selten wird ein Betrug kaltblütig
Bakterien zum Beispiel konnten geplant und durchgeführt. Es be-
erst entdeckt werden, als man das ginnt mit einer Überinterpretation
Mikroskop hatte. Irrtümer sind der Daten, die man vorbringt und
der unerlässliche Hintergrund, auf dann nicht mehr zurücknehmen
dem sich Erkenntnisfortschritte kann. Und irgendwann muss man
abzeichnen. Nicht selten sind auch dann Protokolle fälschen oder
Wissenschaftler Kinder ihrer ganze Versuche erfinden.
Zeit und werden von ihrem
Weltbild auf eine falsche
Fährte gelockt.
Die eigene
Ideologie oder
die momen-
tane Mode
eines Wissen-
schaftszweiges
beeinflusst den
Blickwinkel der
Forschung, die
Fragestellungen,


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Etwas radikaler ist dann der als negatives Vorbild und beschleu-
Diebstahl fremder Forschungser- nigt den Verfall wissenschaftlicher
gebnisse und Ideen und Vortäu- Glaubwürdigkeit. Leiden müssen
schung falscher Tatsachen. Eine unter den Fälschungen insbeson-
der verbreitetsten Formen von dere ehrliche Wissenschaftler, da
wissenschaftlicher Unredlichkeit sie durch gründliches Forschen
ist das Plagiat. zeitlich ins Hintertreffen geraten
Die persönlichen und struktu- und auf die vermeintlich sicheren
rellen Ursachen wissenschaftlicher Ergebnisse der Fälscher aufbauen,
Fälschung sind durchaus vielfäl- ohne immer alles selbst überprüfen
tig. Einzelpersonen und ganze zu können.
wissenschaftliche Institute, die Auch wenn die manipulierten
vorwiegend von einem Geldgeber Ergebnisse alleine keine sofort
abhängig sind, stehen in der Ge- sichtbaren Konsequenzen nach sich
fahr, Ergebnisse, die den Interessen ziehen müssen, können die auf den
ihres Auftraggebers zuwiderlaufen, Fälschungen aufbauenden Arbeiten
umzudeuten oder verschwinden weit größere Konsequenzen haben.
zu lassen. Unangefochtene wissen- Plagiate schaden der Wissenschaft
schaftliche Weltbilder verführen zu nicht nur durch die Verbreitung
Missinterpretationen. Immer wie- falscher, möglicherweise gefähr-
der werden Experimente zugunsten licher Daten, sondern vor allem
einer dominierenden Theorie - oder durch die nachhaltige Beschädi-
eines gewünschten Ergebnisses - ge- gung wissenschaftlicher Motivation.
lesen. Der Druck auf den Forscher
wird auch durch die verstärkte
gesellschaftliche Nutzenerwartung
ausgeübt. Die Praktiker haben gute Verhinderung von
politische und ökonomische Grün-
de, bestimmte Ergebnisse dringend
Fälschungen
zu wünschen. Natürlich arbeitet die wissenschaft-
Die Folgen wissenschaftlicher liche Gemeinschaft beständig
Fälschungen sind vielfältig. Dabei daran, Fälschungen zu erkennen
wird nicht nur die persönliche und zu enttarnen. Insbesondere
Integrität korrumpiert. Der fäl- Wissenschaftshistoriker und Wis-
schende Wissenschaftler fungiert senschaftstheoretiker weisen immer


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wieder auf mögliche Gefahren und tischen Überwachungsmaschinerie


Manipulationsmöglichkeiten hin. verständlich. Auf der anderen Seite
Ohne die Dreierkonstellation von ist die Scheu vor Kontrolle allzu
jungen kritischen Wissenschaft- menschlich, da sie dem Forscher
lern, Journalisten und sensibili- etwas Autonomie nimmt und ihn
sierten Politikern wäre kaum eine zur Rechenschaft über sein Tun
der spektakulären Betrugsaffären zwingt. Die Lage hat sich in den
in den letzten Jahren bekannt USA und in den skandinavischen
geworden. Aber trotzdem bleiben Ländern aufgrund der Einrichtung
wissenschaftliche Fälschungen staatlicher Überwachungsbüros
oftmals über lange Zeit hinweg und Kommissionen, die von Rich-
unentdeckt. Fälschungen werden tern geleitet werden, wesentlich
von den meisten Wissenschaftlern verändert. Der Dänische Fonds
als Einzelfälle und Ausnahmen zur Förderung medizinischer
bezeichnet, obwohl statistische Un- Forschung schuf schon 1992 ein
tersuchungen eher in eine andere entsprechendes Komitee. 1993 kam
Richtung weisen. Natürlich sind es in den USA zur Reorganisati-
die Bedenken vor einer bürokra- on des OSI (Office of Scientific
Kontrolle

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Integrity) als unabhängige Behörde nur die jeweils kleine Gruppe der
im Gesundheitsministerium. Das Spezialisten wirklich beurteilen
britische Medical Research Coun- kann, ob die geplanten Projekte
cil (MRC) beschloss im Dezember realistisch und interessant und
1997 Richtlinien zur Handhabung die erreichten Ergebnisse von den
von wissenschaftlichem Fehlverhal- Daten gestützt und neu sind. Doch
ten. Forschungen, die sich auf neue offensichtlich reagieren auch Gut-
Medikamente oder Nahrungsmit- achter als Menschen, die von ihren
telzusätze beziehen, werden in den Vorurteilen und ihrem Weltbild
USA routinemäßig von der Food geprägt werden.
and Drug Administration (FDA) Leichtes Spiel haben falsche
geprüft, da hier eine potentielle oder fälschende Forscher nicht
Gefährdung weiter Bevölkerungs- zuletzt auch dank der wissen-
teile durch wissenschaftliche Fäl- schaftlichen Informationsflut.
schungen zu befürchten ist. Uni- Nicht weniger als 60.000 Fachzeit-
versitäten und Fachgesellschaften schriften gibt es als Publikationsor-
wollen vor allem erzieherisch gegen gane der Naturwissenschaften und
Fälschungen vorgehen. Einige Medizin. Der weltweite Ausstoß
Einrichtungen wollen unabhängige an Fachpublikationen liegt bei
Vertrauensleute benennen, denen etwa 20.000 Arbeiten pro Tag. Das
gegenüber begründete Zweifel an macht es selbst ernsthaften Gut-
der Arbeit von Kollegen geäußert achtern schwer, die Entwicklung
werden kann, ohne Nachteile für des eigenen Wissenschaftsbereichs
die eigene Karriere befürchten zu im Blick zu behalten. Insbesondere
müssen. Gängig sind heute lücken- in den technischen Forschungen
lose Dokumentationen, um mög- hat sich der Anwendungsnachweis
lichen Unregelmäßigkeiten leichter als recht sinnvoll herausgestellt.
auf die Spur kommen zu können. Was in der Praxis nicht funktio-
Dann werden Forschungsergeb- niert, wird vergessen. Das ist eine
nisse natürlich durch die weltweite durchaus praktikable Vorgehens-
wissenschaftliche Gemeinschaft weise, die allerdings auch nicht
geprüft. Zu dem System der voll befriedigen kann. Zum einen
Gutachter gibt es bislang kaum könnte der Fehler nicht in der
eine Alternative. Die Forschung Forschung, sondern in der unzu-
ist so hochgradig spezialisiert, dass reichenden Umsetzung liegen, zum

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anderen funktionieren manche Wahrheit in den


Anwendungen, obwohl sich deren
Grundlage später trotzdem als
Wissenschaften
falsch herausstellt. Die Anwend- In einer Studie beschäftigt sich
barkeit oder Wiederholbarkeit ist der US-amerikanische Wissen-
eben kein eindeutiger Nachweis schaftshistoriker Stephen Shapin
für Wahrheit. So lassen sich die mit der wissenschaftlichen Wahr-
wiederholt zu beobachtenden Ster- heitsfindung im England des 16.
nenbahnen durchaus wissenschaft- und 17. Jahrhunderts. Im Zentrum
lich auch auf ein geozentrisches stand damals das persönliche Ver-
Weltbild anwenden, nur eben nicht trauen. Als vertrauenswürdig galten
so einfach. Außerdem lässt sich damals einzig die Gentlemen. Auf-
diese Prüfung auf die Grundla- grund ihres gesellschaftlichen Sta-
genforschung nur unzureichend tus wurden sie als besonders glaub-
anwenden, da deren Praxistaug- würdig angesehen, weil sie - anders
lichkeit sich oftmals erst Jahre oder als Kaufleute oder Arbeiter - frei
Jahrzehnte später erweisen kann. von ökonomischen Zwängen wa-
Darüber hinaus stößt die theore- ren. Solche Gentlemen wurden zu
tisch wünschbare Wiederholbarkeit wissenschaftlichen Experimenten
wissenschaftlicher Experimente an geladen, um die Wahrheit der
ganz praktische Grenzen. Solche Resultate zu bezeugen. In seinen
Überprüfungen kosten zuviel Zeit Arbeiten zeigt Shapin, dass wissen-
und Geld. Auch „Ockhams Rasier- schaftliche Erkenntnisfindung ein
messer” („es sollen nicht mehr Hy- durch und durch moralisches Un-
pothesen und Substanzen in einen ternehmen ist, bei dem Vertrauen
Gedankengang einführen, als zu von und in Kollegen eine konstitu-
dessen Erhellung unbedingt not- tive Rolle spielt. Denn wenn man
wendig sind” oder „die einfachere sich nicht auf deren Beobachtungen
Erklärung ist wahrscheinlich die und Daten verlassen kann, gibt es
richtige”) hat zwar durchaus sein auch keinen Erkenntnisfortschritt.
Recht, hilft aber nicht immer bei Wissenschaftliche Wahrheit sei
der Überprüfung konkreter For- nach Shapin keine philosophisch
schungsergebnisse. gerechtfertigte Darstellung, die
notwendig mit der wirklichen Welt
korrespondiert. Ähnlich würde

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auch heute „Wahrheit” bestimmt.


Wie in den vormodernen Gesell-
schaften entscheiden auch heute
kleine, einander vertrauende Grup-
pen von Forschern über das, was in
einem bestimmten eng umrissenen
Wissenschaftsbereich als wahr zu
gelten hat. Diese wissenschaftlichen
Gentlemen sitzen Universitäten,
Instituten, wissenschaftlichen
Forschungsgemeinschaften, den
Redaktionen von Fachzeitschriften
und Prüfungsausschüssen vor. Im
Unterschied zur Gegenwart aber
Gen-Mais
stützte sich der Vertrauensvorschuss
gegenüber dem Wissenschaftler in und Verantwortlichkeit - und eben
früheren Jahrhunderten auf seine doch: moralisch besser zu sein als
moralische Qualität, die daraus ab- die anderen.”
geleitet wurde, dass er Gottes Buch Auch wenn alle bislang ein-
der Natur studierte. Und Gott war gesetzten Prüfungsinstanzen
die Wahrheit. Jemand, der Gottes durchaus ihr Recht haben, muss
Wahrheit enträtselt, entdeckt auch der Schwerpunkt im Kampf gegen
den Beweis seiner Existenz und wissenschaftliche Fälschungen in
ist damit moralisch gut. Wissen- der Förderung wissenschaftlicher
schaftssoziologen wie Robert Mer- Integrität liegen. Wenn der Stan-
ton meinen, dass es die Selbstkon- dard wissenschaftlicher Zuverläs-
trolle der Wissenschaft ist, die vor sigkeit generell im Sinken begriffen
Betrug und Fälschungen schützen: ist und gleichzeitig die Menge wis-
„Man könne die Forschung nicht senschaftlicher Daten ungebremst
extern kontrollieren und zugleich wächst, muss jede Prüfungsini-
genuine Wissenschaft haben - denn tiative scheitern, die die ethische
die Bedingung von Wahrheit ist ge- Integrität und moralische Überzeu-
rade Autonomie. Doch die Voraus- gung vernachlässigt. Wichtigstes
setzung für Autonomie sind eben Instrument darf nicht die Angst
wiederum Vertrauenswürdigkeit vor möglicher Entdeckung sein,

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sondern die feste innere Ablehnung um Hilfe und Konzentration für


jeder Lüge und jeden Betrugs. die eigenen Forschungen bitten,
Der wissenschaftlich arbeitende insbesondere, wenn die Arbeit an
Christ weiß sich darüber hinaus einem toten Punkt angekommen
nicht nur seinem Arbeitgeber und zu sein scheint, denn letztlich
der Öffentlichkeit verantwortlich. schenkt Gott, der Konstrukteur der
Christen wissen, dass sie letztlich von Wissenschaftlern erforschten
vor Gott, dem unumschränkten Welt, Erkenntnis und Einsicht in
Herrscher des Universums, Rechen- die Zusammenhänge der Wirk-
schaft für ihr Tun ablegen müssen. lichkeit. Die meisten „Großen der
Das steigert ihre Hemmungen, Wissenschaft” in vergangenen
allzu leichtfertig zum Werkzeug Jahrhunderten lebten und arbeite-
wissenschaftlicher Fälschung zu ten mit dieser Perspektive. Das war
greifen. Christen lernen, nicht nur zweifellos eine der Grundlagen für
auf sich und die eigenen Interessen ihren Erfolg, für ihr ausdauerndes
zu achten, sondern Gott in die Arbeiten, ihre Kreativität und Inte-
Rechnung mit einzubeziehen und grität und ihrer Freude an der von
sich der Verpflichtung den Mit- Gott geschaffenen Wahrheit.
menschen gegenüber bewusst zu Wissenschaftler müssen eben
sein. Darüber hinaus können sie nicht nur Söldner einer gewinnori-
ihre innere Ruhe und Gelassenheit entierten Industrie sein, sondern sie
in ihrer Beziehung zu Gott finden können sich auch die Perspektive
und sind damit nicht so anfällig für bewahren, an dem größeren Plan
die Gier nach irdischer Anerken- Gottes für die Menschen mitzuar-
nung oder schnellem aber unmora- beiten. 
lischem Gewinn. Sie können Gott
Literaturhinweise:
- Finetti, Marco/Armin Himmelrath: Der Sündenfall. Betrug und Fälschung in
der deutschen Wissenschaft, Stuttgart 1999.
- Krämer, Walter/Trenkler, Götz: Das neue Lexikon der populären Irrtümer,
München 2001.
- Park, Robert: Fauler Zauber. Betrug und Irrtum in den Wissenschaften, Ham-
burg 2002.
- Zankl, Heinrich: Fälscher, Schwindler, Scharlatane. Betrug in Forschung und
Wissenschaft. Wiley-VCH-Verlag, 2003.

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