You are on page 1of 6

Das Fundament 6/2007

Serie: Neutestamentliche Heilsgeschichte (5)

Der Richterstuhl Christi


Erich Sauer (1898-1959) war als Leiter des Missionshauses Bibelschule
Wiedenest weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt als scharf
denkender und immer bibelbezogener Theologe. Seine Gedanken sind
nicht abgehoben. Aber eine stille Ecke, eine aufgeschlagene Bibel und ein
wenig Zeit sind nötig, die Pinselstriche Sauers nachzuvollziehen.

  Die Wiederkunft Christi ist „die Die Personen, „wir alle“


glückselige Hoffnung“ der Ge- (2. Korinther 5, 10).
meinde (Titus 2, 13). Dennoch ist Die Strenge, sein Feuer
sie nicht nur mit himmli­schen Vor- (1. Korinther 3, 13).
rechten, sondern auch mit heiliger
Der Maßstab, unsere Treue
Verantwortung verbunden. „Wir
(1. Korinther 4, 1 - 5).
müssen alle offenbar werden vor
dem Rich­terstuhl Christi, auf dass Das Ergebnis, Lohn oder Verlust
ein jeglicher empfange, nach dem er (1. Korinther 3, 14 - 15).
gehandelt hat bei Leibesleben, es sei Das Endziel, Herrlichkeit
gut oder böse“ (2. Korinther 5, 10). (1. Petrus 5, 4).
Ebenso wie die Entrückung erqui-
Die Zeit ist der „Tag Chris-
ckend ist für das Herz, so ist der
ti“,1) „jener Tag“,2) „bei sei­ner
Richterstuhl Christi anspornend
Ankunft“,3) das heißt - nach
für das Gewissen.
dem Zeugnis des ganzen Neu-
Sieben Tatsachen sind es, die
en Testaments - die Zeit vor
uns die Heilige Schrift hierüber
der Aufrichtung des sicht­baren
besonders erkennen lässt:
Herrlichkeitsreiches, also vor dem
Die Zeit, der „Tag Christi“ Tausendjährigen Reich. Der „Rich-
(1. Korinther 1, 8). terstuhl 4) Christi“ ist folglich von
Der Richter, Christus selbst dem „Gro­ßen Weißen Thron“ 5)
(2. Timotheus 4, 8). zu unterscheiden. Dieser wird erst

32
Der Richterstuhl Christi

nach dem sichtbaren Herrlichkeits- Der Richter ist Christus, „der


reich der alten Erde, ja, nach dem Herr, der gerechte Richter“ (2. Ti-
Untergang der ganzen, alten Welt motheus 4, 8). Denn alles Gericht
aufgerichtet werden (Offenbarung hat der Vater dem Sohne gegeben
20, 11). Er ist aber auch von dem (Johannes 5, 22). Darum ist es
Gericht am Anfang des Tausend- auch vor dem Tausendjäh­rigen
jährigen Reiches zu unterscheiden Reich sowohl der „Richterstuhl
(Matthäus 25, 31 - 46; Offenba- Christi„ (2. Korinther 5, 10) als
rung 20, 4). Denn dort werden, auch der „Richterstuhl Gottes“
nach der Wiederkunft Christi, die (Römer 14, 10).
dann lebenden Nationen gerichtet. Die Personen sind „wir alle“ (2.
Der „Jüngste Tag“, als der „Tag des Korinther 5, 10; Römer 14, 10), die
Gerichts“ (1. Johannes 4, 17; Matt- „Einheimischen“ und die „Aushei-
häus 10, 15; 11, 22), umfasst also mischen“, alle Erlösten, die dann
drei zeitlich zu unterscheidende Lebenden und die schon Entschla-
Gerichte: fenen (2. Korinther 5, 6 - 10). Wohl
ist, wer an den Sohn glaubt, von
1. das Gericht über die Gemein- dem Endgericht befreit (Johannes
de, das heißt die Entrückten: vor 5, 24; Hebräer 10, 14. 17) - denn
dem „Richterstuhl Christi“, vor es gibt „keine Verdammnis für
dem Tausendjährigen Reich, die, welche in Christo Jesu sind“,
Römer 8, 1 - aber die Frage der
2. das Gericht über die Völker,
Treue (1. Korinther 4, 2 - 5) und die
das heißt über die dann Leben­
Festsetzung des „Lohnes“ (1. Ko-
den: vor dem „Thron seiner
rinther 3, 14; Kolosser 3, 24) oder
Herrlichkeit“, zu Beginn des
auch des „Verlustes“ (1. Korinther
Tausendjährigen Reiches (Matt-
3, 15; 1. Johannes 2, 28) erfordert
häus 25, 31)
einen besonderen „Gerichtstag“
3. das Gericht über die Allge- (1. Johannes 4, 17) auch für die
meinheit, das heißt über die Gläubigen! Hier handelt es sich
Toten (Offenbarung 20, 12): vor dann nicht mehr um die Frage der
dem „Großen Weißen Thron“, Errettung, wohl aber um das Maß
nach dem Tausendjährigen des Lohnes der Gnade.
Reich.

33
Das Fundament 6/2007

Die Strenge sere Taten, sondern auch unsere


Möglichkeiten, nicht nur, was
„Der Herr wird sein Volk richten“ wir waren, sondern auch, was wir
(Hebräer 10, 30). Auch für die hätten sein können, nicht nur
Seinen wird der Tag „im Feuer unsere Handlungen, son­dern auch
geoffen­bart“ werden (1. Korinther unsere Unterlassungen (Jakobus
3, 13). Darum spricht Paulus gera- 4, 17); nicht die Arbeit, sondern
de in Verbindung mit dem Richter- der Arbeiter, nicht die Menge,
stuhl Christi (!) von einem „Schre- sondern das Gewicht unserer Taten
cken des Herrn“ (2. Korinther 5, 11 (1. Samuel 2, 3), nicht nur, was wir
vergleiche Vers 10)! „Schaden“ und erreichten, sondern auch, was wir
„Verlust“ (1. Korinther 3, 15; 2. erstrebten. Von unsern Werken
Johannes 8), „Beschämung“ von gelten vor allem die Opfer, von
seinem Angesicht her (1. Johannes unserer Gesinnung nur selbstlose
2, 28), „Verbrennung“ des gan­ Liebe, von unserem Besitz nur,
zen Lebenswerkes (1. Korinther was wir in den Dienst stellten. Von
3, 13. 15), selber gerettet werden, unseren Sünden aber gilt der Satz:
doch nur wie ein Brand aus dem Was wir gerichtet ha­ben, wird er
Feuer, „wie einer, der bei einem nicht mehr richten (1. Korinther
Brande nur mit dem nackten Leben 11, 31); was wir auf­gedeckt haben,
davonkommt“ (1. Korinther 3, 15) - wird er zudecken (1. Johannes
das sind Möglichkeiten, denen wir 1, 9; Hebräer 8, 12); was wir aber
ins Auge sehen müssen! Brechen zugedeckt haben, wird er aufdec-
wir darum dem Schwert die Spitze ken (Lukas 12, 2)! In dem allen
nicht ab (Hebräer 4, 12)! Bei aller aber wird er auf das Innerste
Gewissheit der Errettung und aller schauen, auf die Triebkräfte und
Alleinigkeit des göttlichen Tuns Beweggründe, auf die Ratschläge
gilt das Wort: „Schaffet eure eigene der Herzen, auf die im Dunkeln
Seligkeit mit Furcht und Zittern!“ verborgenen Geheimnisse der Seele
(Philipper 2, 12). (1. Korinther 4, 5; 1. Samuel 16, 7;
Der Maßstab ist die Treue Hebräer 4, 13; Psalm 139).
(1. Korinther 4, 1 - 5; Matthäus Das Ergebnis wird sehr ver-
25, 21. 23), das Ganze unseres schieden sein. Auch den Sei­nen
Lebens, das Ergebnis unseres gegenüber ist der Herr „der gerechte
Ge­wordenseins. Nicht nur un- Richter“ (2. Timotheus 4, 8). Die

34
Der Richterstuhl Christi

einen haben Heu, Stroh und Stop- „Lohn“ mit der Treue. Als „Söh-
peln gebaut. Ihr Werk wird ver- ne“ empfangen wir sein Leben, als
brennen. Die andern haben Gold, Diener seine Beloh­nung. „Siehe,
Silber und kostbare Steine gebaut. ich komme bald, und mein Lohn
Ihr Werk wird das Feuer bewähren mit mir“ (Offenbarung 22, 12).
(1. Korinther 3, 12 - 15). Aber alle werden errettet, und
Die einen haben in Treue gedient. alle werden leuchten, wenn auch
Sie werden groß sein im Reich der verschieden an Herrlichkeit und
Himmel (Matthäus 5, 19; 25, 21; Glanz (1. Korinther 15, 40 - 42). Es
Lukas 19, 17). Die andern haben wird „große“ und „kleine“ Gefäße
auf das Fleisch gesät. Sie werden dereinst geben, aber alle werden
das Verder­ben ihres Lebenswerkes gefüllt sein. Es wird Grade und
ernten (Galater 6, 6 - 8). Die Stufen der Herrlichkeit geben
einen sind „lauter“, „tadellos“ und (Matthäus 25, 14 - 30), aber unter-
„unanstößig“ (Philipper 1, 10; 1. schiedslose Glückseligkeit (Matt-
Korinther 1, 8). Sie werden den häus 20, 1 - 16). Denn der Diener
„Kampfpreis“ ge­winnen (Philipper und der Dienste sind viele, aber der
3, 14). Die andern sind arm (Of- Herr ist nur einer.
fenbarung 3, 17) und „unbewährt“ Die Getreuen aber werden
(1. Korinther 9, 27). Sie werden besonders gekrönt:
„Verlust“ erleiden (1. Korinther
die siegreichen Kämpfer mit
3, 15; 2. Johannes 8; 2. Timotheus
der „Krone der Gerechtigkeit“
2, 5). Die einen haben „Freimü-
(2. Timotheus 4, 8)
tigkeit“ am Tage des Gerichts (1.
Johannes 4, 17). Den anderen wird die zielbewussten Wettläufer mit
„Beschämung“ zuteil (1. Johannes der „unvergänglichen Krone“
2, 28). So empfängt jeder, was (1. Korinther 9,  25 - 26)
ihm zusteht (Hebräer 6, 10; 1. die bis zum Tode Getreuen mit
Korinther 4, 5; 2. Timotheus 4, 8), der „Krone des Lebens“ (Offen-
„ohne Ansehen der Person“ (1. Petrus barung 2, 10; Jakobus 1, 12)
1, 17), je „nach dem er gehandelt die selbstlosen Arbeiter mit der
hat bei Leibes Leben, es sei gut oder „Krone des Ruhmes“
böse“ (2. Korinther. 5, 10; Kolosser (1. Thessalonischer 2, 19
3, 24 - 25). Die „Errettung“ hängt vergleiche 3 - 6; Philipper 4, 1)
mit dem Glauben zusammen, der

35
Das Fundament 6/2007

die Vorbilder der Herde mit der barung 20, 4). „Die Heiligen des
„Krone der Herrlichkeit“ Höch­sten werden das Reich ein-
(1. Petrus 5, 3 - 4). nehmen“ (Daniel 7, 18. 22; Offen-
barung 1, 6; 5, 10). Die vor dem
Preisrichterstuhl Christi Gerich-
teten wer­den zu den Richtern der
Welt gemacht werden. Sie werden
Die Herrlichkeit die Herrschaftsaristokratie im ewi-
Durch dies alles wird für die Ge­ gen Himmelreich sein. Und weil
meinde die Vollendung kommen. sie „ein Leib“ sind (1. Korinther
„Und ich hörte wie eine Stimme 12, 12 - 13; Epheser 2, 16), darf der
einer großen Volksmenge und wie Einzelne nicht vor der Gesamtheit
ein Rauschen vieler Wasser und wie verherrlicht werden (1. Thessalo-
ein Rollen starker Donner, welche nicher 4, 15). Das Ganze ist ein
sprachen: Halleluja! Denn der Herr, „Erbe der Heili­gen im Licht“, und
unser Gott, der Allmächtige, hat der Einzelne hat nur einen „An-
das Reich eingenommen. Lasset uns teil“ daran (Kolosser 1, 12). Sie alle
fröhlich sein und froh­locken und ihm zusammen sind ein „Königreich“,
die Ehre geben; denn die Hochzeit ein „Königtum“ (Offenbarung
des Lam­mes ist gekommen und sein 1, 6; 5, 10), und die Einzelnen sind
Weib hat sich bereitet. Glück­selig, darin „Priester und Könige“. Das
die geladen sind zum Hochzeits- Ganze ist dem Einzelnen überge-
mahl des Lammes“ (Offenbarung ordnet. Der Einzelne ist eingereiht
19, 6 - 9). Gleichzeitig ist aber auch in den Gesamtver­lauf des Ganzen.
der große Tag angebrochen, an Der Einzelne kann darum seine
dem der Herr das Heer der Höhe Vollendung nicht haben in sei-
in der Höhe und die Könige der ner Vereinzelung, sondern nur
Erde auf der Erde heimsuchen in persönli­chem Lebenszusam-
wird (Jesaja 24, 21), und an dem es menhang mit der vollendeten
ihm wohlgefällt, das große Reich Gesamtheit. Daher das Warten der
der Macht und Herr­lichkeit seiner Entschlafenen auf die Vollendung
„kleinen Herde“ zu geben (Lukas der kommenden Generationen
12, 32). „Ich sah Throne, und sie (Hebräer 11, 40; Offenbarung
saßen darauf, und es wurde ihnen 6, 10 - 11). Daher noch nicht gleich
gege­ben, Gericht zu halten“ (Offen- beim Tode die Umkleidung der

36
Der Richterstuhl Christi

„Seelen“ (Offenbarung 6, 9; Heb- der Erlösten über Sonnen und


räer 12, 23b) mit dem kommen­den Welten mit Christo, ihrem Haupte,
Herrlichkeitsleibe (1. Korinther könig­lich regieren (Offenbarung
15, 23b). 6) 22, 5). „Wisset ihr nicht, dass die
Daher das zeitliche Zusammen- Heiligen die Welt richten werden?
fallen der Auferstehung der Toten Wisset ihr nicht, dass wir Engel
in Christo mit der „Überkleidung“ rich­ten werden?“ (1. Korinther
(2. Korinther 5, 2 - 4) der dann 6, 2 - 3). Darum: „Wer überwin-
Lebenden bei der Entrückung det, dem werde ich geben, mit mir
(1. Thessalonicher 4, 15). Denn auf meinem Thron zu sitzen, wie
das Endziel des Ganzen ist ein auch ich überwunden und mich
Organismus, nicht nur Errettung mit meinem Vater gesetzt habe auf
des Einzelnen, son­dern Verherrli- seinen Thron“ (Offenbarung 3, 21).
chung der Gesamtheit, nicht nur „Selig aber sind die Knechte, die der
per­sönliches Seligwerden, sondern Herr, so er kommt, wachend findet.
das „Reich Gottes“ (Matthäus Wahr­lich ich sage euch: Er wird
6, 10). Und gleichwie jetzt Gottes sich aufschürzen und wird sie zu
kosmisch-universaler Welten­staat Tische setzen und vor ihnen gehen
unter der Verwaltung von En- und ihnen dienen“ (Lukas 12, 37).
gelbezirksfürsten steht (Daniel „Dies ist die größte Verheißung der
10, 13. 20), so wird dann die Schar Bibel!„ 7) 

Anmerkungen
1) Sechsmal im Neuen Testament: 1. Korinther 1, 8; 5, 5; 2. Korinther 1, 14; Phil.
1, 6; 10; 2, 16.
2) 2. Tim. 4, 8; 1, 12.
3) „Parusie“, 1. Joh. 2, 28; 1. Korinther 4, 5.
4) Griechisch: bema.
5) Griechisch: thronos.
6) Dies geschieht erst „bei seiner Ankunft“ (1. Korinther 15, 23). Das Erscheinen
von Mose und Elia bei der Verklärung (Matthäus 17, 3) und die Auferste­hung
vieler alttestamentlicher Heiligen bei der Auferstehung Jesu (Matthäus 27, 52; 53)
sind Ausnahmen um der persönlichen Herrlichkeit Jesu willen und des Triumphes
seines Werkes von Golgatha.
7) J. A. Bengel

37