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Das Fundament 6/2008

Das Sühneopfer von


Jesus Christus
Ron Kubsch, Dozent am Martin Bucer Seminar, Bonn, in seinem Webblog
unter http://www.theoblog.de/?p=695

   „Keine Begriffe des theolo- Keine Frage, die Bibel überlie-


gischen Wortschatzes rund um fert uns eine Fülle von Begriffen,
das Kreuz haben mehr Kritik Bildern und Zugängen zum Ver-
hervorgerufen, als ‚Genugtuung’ söhnungswerk von Jesus Christus.
und ‚Stellvertretung’“, schrieb John Wir finden nicht nur einen Typus
Stott 1986 in seinem vielleicht der Versöhnungslehre. Der klas-
wichtigsten Buch: The Cross of sische ‚Christus-Victor’-Typus be-
Christ (Seite 111). tont beispielsweise in angemessener
Einerseits ist die Sühnetat von Weise die Siegestat von Christus
Jesus Christus alt- und neutes- über die Mächte des Bösen. Der
tamentlich so vielfältig bezeugt, lateinische Typus der Versöhnungs-
dass sie mit Recht zum Herz der lehre hebt demgegenüber den
christlichen Dogmatik gehört. An- satisfaktorischen Gerechtigkeits-
dererseits muss Josef Blank feststel- ausgleich hervor, der Gott gegeben
len („Weißt Du, was Versöhnung wird (und ist damit grundsätzlich
heißt“ in Blank, Werbick (Heraus- nicht argumentativ, älter als die
geber), Sühne und Versöhnung, ‚Satisfaktionslehre’ Anselms).
1986, Seite 21): „Wahrscheinlich Aber doch fällt auf, dass die
begegnet heute keine Lehre des kirchengeschichtlich etablierten
Christentums größeren Schwierig- Typen der Versöhnungslehre
keiten als die traditionelle Lehre, seit der Aufklärung (vergleiche
dass uns Jesus Christus durch besonders Kant und Schleierma-
seinen stellvertretenden Sühnetod cher) hinter eine humanisierende
am Kreuz von unseren Sünden Versöhnungslehre zurückfallen.
erlöst hat.“ Heute wird bevorzugt nur noch

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Das Sühnopfer von Jesus Christus

von der Liebe Gottes gesprochen. thos, 1954, S. 20): „Wie kann
Nicht Gott muss versöhnt werden, meine Schuld durch den Tod eines
sondern Gott ist der versöhnende Schuldlosen (wenn man von einem
Versöhner für uns Menschen. solchen überhaupt reden darf )
gesühnt werden? Welche primitiven
Begriffe von Schuld und Gerech-
tigkeit liegen solcher Vorstellung
Was ist da passiert? zugrunde? Welch primitiver Gottes-
begriff? Soll die Anschauung vom
Der Gedanke, dass Christus stellver- sündentilgenden Tode Christi aus
tretend für uns Menschen sterben der Opfervorstellung verstanden
musste, erscheint dem aufgeklärten werden: welch primitive Mytholo-
Europäer als ungerecht und viel zu gie, dass ein Mensch gewordenes
blutig. Die Vorstellung, dass ein Gotteswesen durch sein Blut die
Unschuldiger die Schuld Sünden der Menschen sühnt! Oder
der Welt auf sich aus der Rechtsanschauung, so dass
nimmt und durch sein also in dem Rechtshandel zwischen
vollkommenes Gott und Mensch durch den Tod
Opfer be- Christi den Forderungen Gottes
zahlt, erinnert Genugtuung geleistet wäre: dann
an einen kosmischen könnte die Sünde ja nur juristisch
Kindesmiss­brauch. als äußerliche Gebotsüber-
Rudolf Bultmann tretung
hat das Problem so
formuliert („Neues
Testament und
Mythologie“ in:
Kerygma
und
My-

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Das Fundament 6/2008

verstanden sein und die ethischen Aber ist Versöhnung


Maßstäbe wären ausge­schaltet!“
Der aufgeklärte Mensch kann
mit Gott ohne Sühne
und will also mit seinem Selbst- möglich?
verständnis einen zornigen Gott Nein! „Versöhnung bedeutet die
überhaupt nicht mehr denken Wiederherstellung eines guten Ver-
und bereinigt folglich die biblische hältnisses zwischen Feinden. Um
Versöhnungslehre durch Verkürzung dieses Verhältnis im Gegenüber
und Umdeutung von dem anstößi- von Gott und Mensch zu errei-
gen Sühnewerk. chen, müssen die Faktoren besei-
Der Benediktinerpater Anselm tigt werden, die die Feindschaft
Grün, viel gelesener Autor spiritu- hervorrufen. Das geschieht durch
eller Bücher und beliebter Lebens- Sühne“ (H.-G. Link, „Versöhnung“
berater, schreibt in seinem Buch in: Theologisches Begriffslexikon
„Erlösung“ (Kreuz Verlag, 2004, zum Neuen Testament, Band 2,
Seite 7) über das Sühneopfer von Seite 1309). Versöhnung mit Gott
Jesus Christus: „In manchen Köpfen gibt es also nur als Versühnung
schwirrt noch immer die Idee he- (vergleiche 1. Johannes 2, 2).
rum, dass Gott seinen Sohn sterben Ein Denkanstoß, da derzeit
lässt, um unsere Sünden zu verge- gern über Kontextualisierung ge-
ben. Doch was ist das für ein Gott, sprochen wird: Kann es sein, dass
der den Tod seines Sohnes nötig hat, wir unter dem Einfluss des Huma-
um uns vergeben zu können?“ nismus die biblischen Sühnetexte
Alan Mann schreibt in seinem in ihrer Schärfe und Härte gar
Buch „Atonement for a ‚sinles’ nicht mehr wahrnehmen? Ist es der
Society: Engaging with an Emerging „aufgeklärte Verstehenshorizont“,
Culture“ (Paternoster, 2005, Seite der uns den Blick auf den zornigen
94): „Ein biblisches Verständnis von Gott und die blutige Versöhnungs-
Sühne bezieht sich vor allem auf tat am Kreuz vernebelt? Ist unsere
die Wiederherstellung der gegen- Deutung des biblischen Befundes
seitigen, ungestörten, ungetrübten verzerrt durch moderne oder
göttlich-menschlichen Beziehung, postmoderne Verstehens­voraus­
nicht auf die Beschwichtigung eines setzungen? Sollten wir deshalb
Gottes, der über die Missetaten nicht besser umgekehrt unsere
seiner Geschöpfe zornig ist.“

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(Selbst-) Erlösung

Verstehens- und Lebenszusammen- als gerecht bestehen – aufgrund der


hänge auf der Grundlage der Heili- Erlösung, die durch Jesus Christus
gen Schrift deuten? Dann nämlich geschehen ist. Ihn hat Gott zum
zeigt sich: Gott ist kein niedlicher Sühneopfer verordnet. Sein Blut,
Jemand, der dafür da ist, unsere das am Kreuz vergossen wurde, hat
emotionale Bedürftigkeit zufrieden die Schuld getilgt – und das wird
zu stellen. Gott ist gerecht, und er wirksam für alle, die es im Glau-
ist heilig. Wir als Sünder können ben annehmen.“
vor diesem Gott nicht bestehen Wer verstanden hat, was „reine
und haben den göttlichen Zorn Gnade“ ist, und damit weiß, dass
verdient. Es gibt nur eine einzige sie nicht billig ist, und glaubt,
(Er)-Lösung (Römer 3, 24-25): muss mit staunendem und frohem
„Ganz unverdient, aus reiner Herzen den anbeten, der sich selbst
Gnade, lässt Gott sie (die unge- für unsere Erlösung gegeben hat (1.
rechten Sünder) vor seinem Urteil Timotheus 2, 6). 

(Selbst-)Erlösung
Armin Bachor, Korntal

 Im Buddhismus ist die Leh- Der Achtfache Pfad


re Buddhas, die die Vier Edlen
Wahrheiten und den Achtfachen Der Achtfache Pfad zur Überwin-
Pfad beinhaltet, wegweisend. Das dung des Leidens knüpft an die
Wissen um die vier edlen Wahr- vierte Edle Wahrheit, dass es einen
heiten, die besagen, woher das Leid Ausweg aus dem Leid gibt, an und
kommt und wie eine Befreiung zeigt einen konkreten Weg aus
vom Leid zustande kommen kann, dem Leid heraus. Dieser Achtfache
führt letztlich zur Erlösung, zum Pfad stellt an jeden praktizierenden
Nirwana (Erlöschen). Buddhisten eine hohe ethische An-
forderung, die nur unter höchster
Konzentration gut gelingen kann.

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