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Das Fundament 3/2008

Deutscher Christlicher Techniker-Bund e. V. Mai/Juni


105. Jahrgang

Einen anderen Grund kann niemand legen als den,


der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
Die Bibel, 1. Korinther 3, 11
Das Fundament 3/2008

Armin Bachor: Gott unser Vater - Er kennt uns 4

Kreationismus - Eine Bedrohung der Menschenrechte? 20

G. Seidel: Der Dreisatz zum Guten 27

Buchempfehlung: Der preisgegebene Mensch 30

Buchempfehlung: Verschwörung um Qumran 32

Klaus-D. Rumpel: Zeitzeichen: Keine Zeit 36

Dr. Dorothee Krumm: Gedankenzeit 40

DCTB- Intern 42

Mitgliederversammlung 2008 44
Fotos: © Bildmaschine (Agnieszka Wellem/ Seite 8; Seite 20) PhotoDisc, DCTB

Das Fundament ®
Herausgeber: Deutscher Christlicher Techniker-Bund e.V. (DCTB)
Postfach 1122, 70807 Korntal-Münchingen
Tel. 0711/8380828, Fax 0711/8380829, info@dctb.de; www.dctb.de
Redaktion: Armin Bachor, armin.bachor@dctb.de
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DCTB-Förder-Stiftung: EKK Kassel 419 648 BLZ 520 604 10

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Editorial

… indem ihr die Zeit auskauft. Epheser 5, 16

Die Zeit kann ich einem anderen nur schwer erklären, wenn sie auch
von allen in ähnlicher Weise durchlebt wird. Unaufhörlich schreitet die
Zeit voran und durchzieht einen Kontinent nach dem anderen. Die Zeit
geht niemals zurück. Immer nur vorwärts. Selbst die Gegenwart ist nicht
zu fassen. Die Zeit fließt uns davon.
Im Epheserbrief 5, 15-17 heißt es: „Achtet also genau darauf, wie ihr
wandelt, nicht als Unweise, sondern als Weise, indem ihr die Zeit auskauft,
denn die Tage sind böse. Darum zeigt euch nicht unverständig, sondern sucht
zu verstehen, welches der Wille des Herrn ist.“
Wir sind aufgefordert, Gutes zu tun, Menschen wohl zu tun, denen, die
glauben, und denen, die unseren Glauben an Jesus nicht teilen. Aus diesem
Grunde sollen wir das Beste aus den Stunden und Tagen machen, die uns
zu Verfügung stehen. Die Zeit auskaufen heißt so viel, wie jede Gelegenheit
weise und für Gottes Willen und Ziele zu nutzen, um Gutes zu tun. Durch
Gutestun kaufen wir uns sozusagen die Zeit und machen sie zu unserem
Besitz. Der durch „zu wenig Zeit“ chronisch bedingte Stress soll uns nicht
versklaven, sondern wir sollen über die uns gegebene Zeit herrschen. Die
Zeit ist zu wertvoll, wir sollten sie richtig investieren.
Gott, unser Vater, nimmt sich viel Zeit für uns. Er kennt uns dehalb
sehr gut. Auch wir sollten uns einmal überlegen, warum unser Glaube und
unsere Beziehungen zu Menschen oft so oberflächlich und kalt sind. Liegt
es daran, dass wir zu wenig Zeit dafür investieren?
Ich wünsche Ihnen viele gute Entdeckungen beim Lesen der „Zeitarti-
kel” in dieser Nummer.

Shalom

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Das Fundament 3/2008

Gott unser Vater


– Er kennt uns!
Die Qualität der Gegenwart
Armin Bachor, Korntal, hielt diesen Vortrag auf der Regionaltagung im Herbst
2007 in Hattingen. Das Anliegen ist, von einer Theologie, also einer biblischen
Lehre von Gott, zu einem gottgemäßen Miteinander in menschlichen Bezie-
hungen zu gelangen.

Philosoph Augustinus fragt: „Was


ist also ‚Zeit‘? Wenn mich niemand
Viele haben darüber schon danach fragt, weiß ich es; will ich
nachgedacht und sich den Kopf einem Fragenden es erklären, weiß
zerbrochen. Der Existenzphilosoph ich es nicht.“ Das ist eine ehrliche,
Martin Heidegger meint: „Zeit- alltagsrelevante Antwort. Aber
lichkeit ist der Seinssinn der Sorge. auch Wikipedia, die Online-En-
Die Verfassung des Daseins und zyklopädie im Web 2.0, weiß etwas
seine Weisen zu sein sind ontolo- über die Zeit zu sagen: „Zeit ist die
gisch nur möglich auf dem Grunde fundamentale, messbare Größe,
der Zeitlichkeit, abgesehen davon, die zusammen mit dem Raum das
ob dieses Seiende „in der Zeit“ Kontinuum bildet, in das jegliches
vorkommt oder nicht.“ Verstan- materielle Geschehen eingebettet
den? Vielleicht. Albert Einstein ist. Zeit und Raum gestatten es,
sieht das Ganze einfacher: „Der kausal verknüpfbaren Ereignissen
Unterschied zwischen Vergan- und Handlungen eine Reihenfol-
genheit, Gegenwart und Zukunft ge zuzuordnen. Das menschliche
ist für uns Wissenschaftler eine Empfinden von Zeit ist von ihrem
Illusion, wenn auch eine hartnä- Vergehen geprägt, einem Phäno-
ckige.“ Und der Kirchenvater und men, das sich bisher einer natur-

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Gott unser Vater - Er kennt uns!

Gerade die Gegenwart lässt sich


nicht definieren, denn sie fließt uns
ständig davon. Die Gegenwart ist
nicht aufhaltbar, nicht fassbar, son-
dern immer schon Vergangenheit,
wenn wir über sie nachdenken.
Und selbst ein Tagebuch kann die
Zeit nicht festhalten, wenn auch
die Ereignisse. Ein Tagebuch ist
lediglich ein Medium, in dem in
der Zukunft die Vergangenheit zur
Gegenwart wird, das aber nur in
einer gedanklichen Verschränkung
der verschiedenen Zeitebenen.

wissenschaftlichen Beschreibung
entzieht und als Fortschreiten der
Gegenwart von der Vergangen-
heit kommend zur Zukunft hin
wahrgenommen wird. Zeit hängt In unseren Beziehungen leben wir
mit Veränderung zusammen. Die oft nicht in der Gegenwart. Wir
wohl markanteste Eigenschaft der flüchten vor den Anforderungen
Zeit ist der Umstand, dass es stets und Schwierigkeiten in unseren
eine in gewissem Sinne aktuelle Arbeitsverhältnissen, Freund-
und ausgezeichnete Stelle zu geben schaften, Ehen und Familien
scheint, die wir die Gegenwart entweder in die Vergangenheit
nennen, und die sich unaufhaltsam oder in die Zukunft. Wir träu-
von der Vergangenheit in Rich- men von der Vergangenheit und
tung Zukunft zu bewegen scheint. leben in Wunschbildern von einer
Dieses Phänomen wird auch als besseren Zukunft. Wir wünschen
das Fließen der Zeit bezeichnet. uns die guten alten Tage zurück
Dieses Fließen der Zeit entzieht oder warten ungeduldig auf eine
sich jedoch einer naturwissen- Zukunft, in der sich die Zustände
schaftlichen Betrachtung.“ und Verhältnisse geändert haben

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Das Fundament 3/2008

werden. Für die Gegenwart und jetzt. Tu was du willst.“ Oder mit
deren Herausforderungen haben dem bekannten Werbeslogan einer
wir oft so wenig Kraft. Sportbekleidungsfirma: Just do it.
Ehepartner sind sich oft so Tue jetzt und sofort, was dir gerade
fremd. Kein Wunder, oft kennen gefällt. Die Gründe dafür liegen
sie ihre gegenseitige Vergangenheit entweder in der Vergangenheit, die
so wenig. Für die Gegenwart stellt nur noch „verwünschenswert“ ist,
einen das manches Mal vor schwie- oder in einer schleichenden Angst
rige Fragen. Die Gegenwart schreit vor der Zukunft. Sie scheinen in
nach einer offenen und intensiven der Gegenwart zu leben, aber wie
Kommunikation. Wann haben ist die Qualität?
wir endlich einmal Zeit, zusam-
men ganz alleine in Ruhe Dinge
zu bereden, uns auszutauschen,
am Leben und den Problemen des
anderen Anteil zu nehmen?
Kinder sind anders. Sie leben
zukunftsorientiert. Je nach Alter Es gibt ein Lied von Manfred
sehen sie sich weitaus weniger Pro- Siebald, in dem es in der ersten
blemen gegenüber als Erwachsene. Strophe heißt:
Sie verstehen auch nicht immer,
„Jesus ist immer da,
warum der Rückblick auf die Ver-
er ist dir heute nah,
gangenheit, die Geschichte, eine
er ist der Herrscher der Welt.
Hilfe sein soll, die Zukunft in An-
Jesus ist immer da,
griff zu nehmen. Warum soll immer
er ist dir heute nah,
das, was früher war, besser sein?
er, der dich stets erhält.
Für die Gegenwart haben wir
Er kennt die Fragen,
so wenig Zeit. Wir nehmen uns so
die dich bewegen,
wenig Zeit für die Gegenwart. Sie
und er hat die Antwort bereit.
rinnt uns durch die Finger davon.
Jesus ist immer da,
In der Zukunft sagen wir dann:
er ist dir heute nah,
„Ach, hätten wir doch...“
er liebt dich allezeit.“
Es gibt nicht wenige Zeitgenos-
sen um uns herum, die sagen aus Wenn wir doch diese Qualität
lauter Frust: „Lebe dich aus, lebe der Gegenwart begriffen! Wenn

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Gott unser Vater - Er kennt uns!

wir erfahren würden, wie er dieses


Jetzt ausfüllen kann! Dann wäre
es möglich, im Heute zu leben, die
Herausforderungen anzupacken.
Jesus kennt uns: unsere Vergan-
genheit, Gegenwart und Zukunft.
Der Sohn Gottes, der ewige Gott,
der Schöpfer des Universums ist
immer gegenwärtig. Ihm können
wir vertrauen.

Für mich persönlich gesehen ist


Vertrauen das wichtigste biblische
Grundprinzip. Das sollte auch das
zentrale Anliegen in den Bezie- eine gewisse Anzahl von stabileren
hungsgeflechten von Christen sein, Beziehungen zu knüpfen und sich
in der Ehe, Familie, Gemeinde und so Partner zu sichern, denen man
dem Freundeskreis. einigermaßen vertrauen kann, mit
In der Financial Times Deutsch- denen man also relativ problem-
land schrieb Guy Kirsch, Professor los Geschäfte machen kann: In
für Volkswirtschaftslehre an der einem Meer der Vertrauenslosig-
Université de Fribourg, im Januar keit werden Inseln des Vertrauens
2007: „In der Welt flüchtiger und geschaffen. Networking heißt das,
oberflächlicher Beziehungen, in der Beziehungen pflegen.“
wir heute leben, ist es schwierig, Ist aber Networking schon
Vertrauensbeziehungen aufzubauen. wirkliches Vertrauen? Ich denke
Wenn Vertrauen fehlt, ist es schwie- nein. Dafür ist es zu oberflächlich.
rig, Geschäfte zu machen; die Kon- Vertrauen bauen wir, indem wir uns
troll-, gar Gerichtskosten sind zu kennen lernen. Und das kostet Zeit.
hoch. In dieser Lage liegt es für die Der erste Schritt ist, die Frage
Einzelnen nahe, gezielt wenigstens zu beantworten, was denn „ken-

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Das Fundament 3/2008

nen“ bedeutet und ab wann ich ein kurzes Gespräch, ein Interview,
davon sprechen kann, dass ich dass ich selber mit ihm führe,
jemanden kenne. „Kennen“ ist erlaubt mir zu sagen, dass ich ihn
nicht ein nur theoretisches Wissen wirklich kenne.
über einen Menschen. Wenn ich
über Horst Köhler ein Buch oder
Nachrichten im Internet lese oder

Es geht darum, an der Lebensge-


schichte eines anderen Menschen
teilzunehmen. Wo anders als in ei-
ner Freundschaft, Ehe oder in einer
Familie geschieht genau das. Die
- hoffentlich freiwillige - Teilnah-
me am Leben meines Ehepartners
oder Kindes ist die Voraussetzung
für eine gelingende Freundschaft
und Ehe und ein ausgeglichenes
Familienleben.
„Kennen“ ist das aktive Miterle-
ben der Gegenwart, Vergangenheit
und Zukunft eines anderen Men-
schen. Eltern kennen ihre Kinder
ihn im Fernsehen sehe, kann ich besser, als sie sich selbst kennen,
eigentlich noch nicht sagen, dass denn sie kennen das Kind von Ge-
ich ihn kenne. Natürlich weiß ich burt an. Die eigene Vergangenheit
etwas über ihn. Ich habe auch seine der ersten Lebensjahre kann ich
Gestik und Mimik mitverfolgt, mir nur von meinen Eltern erzäh-
aber wenn ich ihn noch nicht len lassen oder auf Bildern an-
leibhaftig gesehen habe, dann kann schauen. Erlebt habe ich sie zwar,
ich nicht behaupten, dass ich ihn doch nicht so bewusst, dass ich
kenne. Erst ein verbaler Austausch,

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Gott unser Vater - Er kennt uns!

mich daran erinnern könnte. Aber einen immer geringeren Wert.


meine Eltern kennen mich genau. Kinder sind eine Last, die der Staat
Damit spiegeln Vater und Mutter den Eltern mit großem finan-
Gott wieder, der auch unsere Ver- ziellen Aufwand abnehmen will.
gangenheit kennt. Und noch viel Dafür gibt es dann Krippen und
mehr: Er kennt sogar unsere Zu- Horte und Kindertagesstätten. Als
kunft. Eine wichtige Aufgabe für die Alternative zu den leiblichen Eltern
Eltern besteht darin, dass auch sie werden neben Tagesmüttern nun
sich kennen lernen. Denn sie kennen auch die Großeltern in die öffent-
sich in der Regel weniger gut, als sie liche Diskussion miteinbezogen. In
gemeinsam ihre Kinder kennen. Das Krippen allerdings werden unsere
wird auch daran deutlich, dass die Kinder als Massenware gehalten.
Kinder mit ihren Eltern verwandt In außerhäuslichen Einrichtungen
sind, während die Eltern nicht mit- müssen Kinder in aller Regel
einander verwandt sind. funktionieren, zu Hause dagegen
können sie leben. Die Eltern werden
ihre eigenen Kinder nur dann
wirklich kennen lernen, wenn sie
sie die ersten Jahre selber erziehen.
Es bestreitet niemand, dass es für
Vertrauen bauen wir, indem wir soziale Schieflagen und Notfälle,
uns kennen lernen. Und das kostet die allerdings eine Minderheit sind,
Zeit. Genau darum geht es essentiell solche Einrichtungen geben muss.
in der Eltern-Kind-Beziehung. Die
aktuelle Diskussion um den Kinder-
krippenausbau in Deutschland setzt
genau an diesem Punkt an.
Wie heiß umkämpft sind die
ersten drei Jahre eines Kindes in Unser Staat hat den Schutz von Ehe
unserer Republik. Dabei werden und Familie in Artikel sechs des
Kinder als Ausnahmezustand ange- Grundgesetzes geregelt. Da heißt es:
sehen, denn normal sei, so sagt man
immer häufiger, dass beide Partner (1) Ehe und Familie stehen un-
erwerbstätig sind. Das Vater- und ter dem besonderen Schutze
besonders das Muttersein erhält der staatlichen Ordnung.

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Das Fundament 3/2008

(2) Pflege und Erziehung der Ich möchte dem Thema neben
Kinder sind das natürliche den menschlichen Aspekten die
Recht der Eltern und die entscheidende, nämlich eine theo-
zuvörderst ihnen obliegende logische Dimension hinzuzufügen.
Pflicht. Über ihre Betäti- Dabei möchte ich folgende Fragen
gung wacht die staatliche beantworten:
Gemeinschaft. Wie gut kennt uns Gott?
(3) Gegen den Willen der Er- Wie können wir uns in unseren
ziehungsberechtigten dürfen verschiedenen menschlichen Be-
Kinder nur auf Grund eines ziehungen besser kennen lernen?
Gesetzes von der Familie
getrennt werden, wenn die
Erziehungsberechtigten ver-
sagen oder wenn die Kinder
aus anderen Gründen zu „1 Mose hütete die Schafe und
verwahrlosen drohen. Ziegen seines Schwiegervaters Jitro,
(4) Jede Mutter hat Anspruch des Priesters von Midian. Als er die
auf den Schutz und die Für- Herde tief in die Wüste hineintrieb,
sorge der Gemeinschaft. kam er eines Tages an den Gottes-
berg, den Horeb. 2 Dort erschien
Diese besondere Wertschätzung ihm der Engel des Herrn in einer
der Familie beruht darauf, dass lodernden Flamme, die aus einem
sie nach Ansicht des Verfassungs- Dornbusch schlug. Mose sah nur
gebers das ideale Umfeld für das den brennenden Dornbusch, aber es
Heranwachsen von Kindern ist, fiel ihm auf, dass der Busch von der
ohne die auf Dauer keine staatliche Flamme nicht verzehrt wurde. 3 ‚Das
Gemeinschaft existieren kann. ist doch seltsam‘, dachte er. ‚Warum
Eine Rückbesinnung auf diese verbrennt der Busch nicht? Das muss
Grundregel würde der Debatte ich mir aus der Nähe ansehen!‘ 4 Als
ganz guttun. der Herr sah, dass Mose näher kam,
An dieser Stelle noch einmal rief er ihn aus dem Busch heraus an:
das Grundprinzip für christliche ‚Mose! Mose!‘ ‚Ja‘, antwortete Mose,
Familien: Vertrauen bauen wir, ‚ich höre!‘ 5 ‚Komm nicht näher!‘,
indem wir uns kennen lernen. Und sagte der Herr. ‚Zieh deine Schuhe
das kostet Zeit. aus, denn du stehst auf heiligem

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Gott unser Vater - Er kennt uns!

Boden.‘ 6 Dann sagte er: ‚Ich bin der Berg Opfer darbringen und mich
Gott, den dein Vater verehrt hat, der anbeten. 13 Mose sagte zu Gott:
Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.‘ ‚Wenn ich nun zu den Leuten von
Da verhüllte Mose sein Gesicht, Israel komme und zu ihnen sage:
denn er fürchtete sich, Gott anzu- Der Gott eurer Vorfahren hat mich
sehen. 7 Weiter sagte der Herr: ‚Ich zu euch geschickt und sie mich dann
habe genau gesehen, wie mein Volk fragen: Wie ist sein Name? - was soll
in Ägypten unterdrückt wird. Ich ich ihnen sagen?‘ 14 Gott antwortete:
habe gehört, wie es um Hilfe schreit ‚Ich bin da‘, und er fügte hinzu: ‚Sag
gegen seine Antreiber. Ich weiß, zum Volk Israel: Der Ich-bin-da hat
wie sehr es leiden muss, 8 und bin mich zu euch geschickt: 15 der Herr!
herabgekommen, um es von seinen Er ist der Gott eurer Vorfahren, der
Unterdrückern zu befreien. Ich will Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.
es aus Ägypten führen und in ein Denn Herr (Er-ist-da) ist mein
fruchtbares und großes Land brin- Name für alle Zeiten. Mit diesem
gen, ein Land, das von Milch und Namen sollen mich auch die kom-
Honig überfließt. Ich bringe es in menden Generationen ansprechen,
das Land der Kanaaniter, Hetiter, wenn sie zu mir beten. 16 Geh nun
Amoriter, Perisiter, Hiwiter und und rufe die Ältesten des Volkes
Jebusiter. 9 Ich habe den Hilfeschrei Israel zusammen! Sag zu ihnen: Der
der Leute von Israel gehört, ich habe Herr, der Gott eurer Vorfahren, ist
gesehen, wie grausam die Ägypter sie mir erschienen, der Gott Abrahams,
unterdrücken. 10 Deshalb geh jetzt, Isaaks und Jakobs. Er hat zu mir
ich schicke dich zum Pharao! Du gesagt: Ich habe genau gesehen, was
sollst mein Volk, die Israeliten, aus man euch in Ägypten antut. 17 Da-
Ägypten herausführen.‘ 11 Aber Mose rum bin ich entschlossen, euch aus
wandte ein: ‚Ich? Wer bin ich denn! diesem Land herauszuführen, in
Wie kann ich zum Pharao gehen dem ihr so unterdrückt werdet. Ich
und das Volk Israel aus Ägypten bringe euch in das Land der Kana-
herausführen?‘ 12 Gott antwortete: aniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter,
‚Ich werde dir beistehen. Und das ist Hiwiter und Jebusiter, ein Land, das
das Zeichen, an dem du erkennst, von Milch und Honig überfließt“ (2.
dass ich dich beauftragt habe: Wenn Mose 3, 1 - 17).
du das Volk aus Ägypten herausge- Dieser Text aus der Bibel be-
führt hast, werdet ihr mir an diesem richtet eine alte Geschichte, die

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Das Fundament 3/2008

aber ganz entscheidend dafür ist, Gott ruft Moses Namen. Daran
wie wir Gott verstehen und wie wird deutlich, dass er seine Lebens-
sich unser Bild über Gott letzt- geschichte genau kennt (Apostel-
lich zusammensetzt und was wir geschichte 7, 17 - 36). Allein schon
von ihm lernen können für unser der Name macht einen bekannt.
Leben miteinander. Der Name steht für eine Person,
deren Charakter und Geschich-
te. Wird der Name einer Person
genannt, die ich wirklich kenne,
die ich schon selber „erlebt“ habe,
In Vers 4 lesen wir, dass Gott geht ein emotionales Feuerwerk bei
redet, kommuniziert und Moses mir hoch.
anspricht. Gott beginnt das Ge- Ich sehe ganze Kurzfilme ab-
spräch, er durchbricht das eiserne laufen. Ich höre die Stimme der
Schweigen. Er arbeitet an der Person, sehe das Lachen oder Wei-
Beziehung. nen oder Drohen dieses Menschen.

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Gott unser Vater - Er kennt uns!

Der Name steht für diese Person. Indem Gott uns zu verstehen
Stellvertretend. gibt, dass er uns kennt, lädt er uns
Gott hat Mose begleitet und be- ein, ihm zu vertrauen, um ihn
wahrt. Jetzt lädt er ihn ein, ihm zu dadurch besser kennen zu lernen.
vertrauen, denn Moses Lebensge- Das Vertrauen ist Ausdruck der
schichte wird eingewoben in Gottes Liebe. Wenn wir unserem Schöpfer
Heilsgeschichte, indem Mose vertrauen, lieben wir ihn. Wenn
Träger von Gottes Auftrag wird. wir ihn lieben, dann zeigen wir
Sind wir uns darüber im ihm unser Vertrauen, indem wir
Klaren, dass der Herr uns kennt, ihm nachfolgen und seinen Willen
wirklich kennt, unsere Lebensge- tun. Weißt du dich geliebt von
schichte überblickt, die Vergan- Gott?
genheit, Gegenwart und Zukunft?
In gleicher Weise kennt er auch
unseren Ehepartner, unsere Kinder,
unsere Enkel, Verwandten und
Freunde, viel besser als wir es je Und was können wir für unsere
könnten. Beziehungen, für unsere Ehen und
In Psalm 139 bekommen wir Familien und den Umgang in der
einen Eindruck von der gewaltigen Gemeinde lernen?
Intimität Gottes mit unserem Le- 1. Reden, reden, nochmals
ben: „Herr, du erforschest mich und reden: Die Kommunikation, das
kennst mich; du weißt es, ob ich sitze aktive und teilnehmende Gespräch
oder aufstehe, du verstehst, was ich darf nicht verstummen. Und
denke, von ferne; ob ich wandre oder warten wir nicht, bis der andere be-
ruhe, du prüfst es und bist mit all ginnt, den Faden wieder aufzuneh-
meinen Wegen vertraut; denn ehe ein men. Gott beginnt immer als erster
Wort auf meiner Zunge liegt, kennst das Gespräch. Das hat er in der
du, o HERR, es schon genau. Du Geschichte mit seinem Volk Israel
hältst mich von hinten und von vorne immer wieder veranschaulicht.
umschlossen und hast deine Hand 2. Eine freundliche Kommu-
auf mich gelegt. Zu wunderbar ist nikation: Wie heißt es dazu? Der
solches Wissen für mich, zu hoch: ich Ton macht die Musik.
vermag’s nicht zu begreifen!“ 3. Eine herzliche Anteilnahme:
so ein Gespräch kostet Zeit. Das

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Das Fundament 3/2008

lässt sich in der Regel nicht schnell Die göttliche Kommunikation


zwischen Arbeit und Computer besteht hier in der Zuwendung
als irgendein Tagesordnungspunkt seines Angesichtes zu uns. Er
abwickeln. möchte Augenkontakt. Das Wort
„Angesicht“ in der hebräischen
Sprache kommt von einem Verb,
das bedeutet: sich umdrehen, sich
zuwenden. Das Wort „Gesicht“
steht im Hebräischen immer im
Wir sehen in Vers 7, 9 und 16, dass Plural. Es bezeichnet die Gesamt-
der Herr sieht. Er schaut genau heit der Teile, aus der das Gesicht
hin, was dem Volk Israel durch die zusammengesetzt ist: die Augen,
Ägypter angetan wird. Er kennt es, den Mund, die Nase und die
weil er genau hinsieht. Und wir le- Ohren. Wenn Gott das Angesicht
sen, dass er das Schreien und Beten
des Volkes hört.
Er kennt es, weil
er genau zuhört.
Blaise Pascal
sagte: „Men-
schen und
menschliche
Dinge muss man
kennen, um sie
zu lieben. Gott
und göttliche
Dinge muss man
lieben, um sie zu
kennen.“ Zuwendung
Wie schwer
ist es, Menschen,
die man genau kennt, mit denen uns zuwendet, dann sieht er, dann
man schon lange Umgang hat, de- hört er uns, er riecht und redet mit
ren Schwächen und Macken man uns. Das ist vollkommene göttliche
kennt, zu lieben. Gott tut das. Aufmerksamkeit.

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Gott unser Vater - Er kennt uns!

geliebten Brüder: es sei jeder Mensch


schnell bereit zum Hören, langsam
Gott wendet sich uns zu und sieht, zum Reden und langsam zum Zorn“
was um uns herum geschieht und (Jakobus 1, 19).
was in unserem Inneren vor sich Wieviel Zeit verbringen wir mit
geht. Der Herr liest es uns am Ge- anderen Menschen? Wie gestalten
sicht ab, was uns bewegt. Und wir? wir die Gegenwart? Wie genau se-
Was tun wir so oft als Ehepartner, hen wir hin, und wie gut hören wir
in der Familie, in der Gemeinde? zu? Kennen wir unseren Ehepart-
Nehmen wir die Not des anderen ner, unsere Kinder, unsere Freunde
wahr, bevor er um Hilfe schreit? wirklich? Wissen sie sich von uns
Sehen erfordert ein erhöhtes Maß geliebt? Können sie sicher sein, dass
an aktiver Energie. Hier bin ich sie uns vertrauen können?
zuerst gefragt. Das Sehen ist keine
Reaktion auf eine Not, sondern
eine von mir geforderte Aktion, die
dem anderen zuvor kommt.

Der Name macht einen bekannt.


Der Name steht für eine Person,
deren Charakter und Geschichte.
Der Name steht für diese Person.
Gott wendet sich uns zu, und in Stellvertretend.
direktem Augenkontakt hört er auf Wir haben uns bei der Namens-
das, was wir sagen. Er hört auch gebung unserer sechs Kinder jedes
zwischen den Zeilen. Und wir? Mal viele Gedanken gemacht, wie
Was tun wir so oft als Ehepartner, wir den neuen Erdenbürger nennen
in der Familie, in der Gemeinde? wollen. Mit diesen Namen haben
Hören wir wirklich zu, wenn wir wir insbesondere auch geistliche
mit unseren Kindern reden? Sind Wünsche verbunden. So haben wir
wir nicht schnell dabei, Ratschläge jedem Kind einen Brief geschrie-
zu geben? ben, in dem wir erklären, warum
Jakobus rät uns in seinem Brief: sie so heißen und was wir ihnen
„Lasst es euch gesagt sein, meine und uns von unserem Herrn her

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Das Fundament 3/2008

wünschen. Diesen Brief bekom- Gegenwart mit seiner immerwäh-


men sie von uns, wenn sie vierzehn renden Gegenwart ausfüllen.
Jahre alt werden. Im Neuen Testament sehen wir,
In unserem Text (2. Mose 3, dass sich Jesus als der Sohn Gottes
13 -1 5) geht es um den Namen ganz und gar mit dem Gott des
des einzig wahren und alleinigen Alten Testamentes identifiziert,
Schöpfergottes, der den Kosmos im Sinne von: in eins setzt. Er ist
und diese Erde gemacht hat. Sein Gott. Wenn Jesus von sich sagt:
Name: Jahwe, der Herr, steht für „Ich bin...“, dann hören wir auf
absolute Verbundenheit und Ver- Hebräisch beziehungsweise Aramä-
bindlichkeit. isch das Echo von 2. Mose 3, 14.
Zum Ersten beschreibt er sich In Johannes 8, 58 sagt Jesus:
als den Urquell allen Lebens, allen „Wahrlich, wahrlich ich sage euch:
Seins. Er selber lebt immer, er ist Ehe Abraham geboren ward, bin ich.
ewig, ohne Anfang und ohne Ende. Da hoben sie Steine auf, um sie auf
Und er hat auch die Zeit geschaf- ihn zu werfen; Jesus aber verbarg sich
fen. „Ich werde sein, der ich sein und ging aus dem Tempel hinaus.“
werde“ oder „Ich bin, der ich bin“, Die Reaktion der Juden ist ver-
so übersetzen die meisten Bibelaus- ständlich. Hier sagt ein Mensch
gaben den Namen Jahwe. Ich bin von sich, er sei der „Ich bin“, Jahwe,
der Seiende, der, der immer ist. der Herr. Das ist Gotteslästerung
Man könnte auch vermuten, höchsten Grades! Das verdient den
dass es der Schöpfergott der Bibel Tod! Denn in den Augen vieler
ist, wonach die Menschen suchen, Juden galt Jesus nicht als der inkar-
wenn sie versuchen, das Phänomen nierte Gottessohn, der wesensmä-
„Zeit“ zu beschreiben. Denn es gibt ßig eins mit Gott war.
eine Gegenwart, und das ist der In Hebräer 13, 8 steht: „Jesus
lebendige Gott selber. Er ist immer Christus ist gestern und heute dersel-
gegenwärtig, er ist immer da, in be und bleibt’s auch in Ewigkeit!“
der Vergangenheit, heute und in Das Buch der Offenbarung Jesu
der Zukunft. Er geht mit der Zeit Christi an Johannes beschreibt an
und begleitet uns. Weil er die Zeit drei Stellen, dass Gott der ewig
geschaffen hat, kann er das „Flie- Seiende, der immer Gegenwärtige
ßen der Zeit“, das eigentümliche, ist: „Ich bin das A und O“ (1, 8;
nicht erklärbare Verschwinden der 21, 6; 22, 13).

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Gott unser Vater - Er kennt uns!

Gott ist uns so nahe. Zu jeder genwärtige Schöpfer und Erhalter


Zeit ist er da, aufmerksam und vol- ist: „Wir wissen aber, dass denen, die
ler Anteilnahme beobachtend, und Gott lieben, alle Dinge zum Guten
er kümmert sich um die Menschen mitwirken, nämlich denen, welche
seines Bundes, um sein Volk Israel nach seinem Vorsatz berufen sind...
und um seine Gemeinde, damals Er, der seinen eigenen Sohn nicht
und heute. Er kennt uns wirklich. verschont, sondern ihn für uns alle
Jesus selber hat ausdrücklich in den Tod dahingegeben hat: wie
erklärt, uns beizustehen, überall sollte er uns mit ihm nicht auch alles
und bis ans Ende der Weltzeit schenken? Wer sollte Anklage gegen
(Matthäus 28, 20). Das ist ein die Auserwählten Gottes erheben?
besonders wichtiger Trost für alle, Gott ist es ja, der sie rechtfertigt. Wer
die wegen des Glaubens an seinen sollte sie verurteilen? Etwa Christus
Namen benachteiligt, unterdrückt Jesus, der doch für uns gestorben
und leibhaftig verfolgt werden. ist, ja, mehr noch, der auferweckt
Der Herr gibt Geborgenheit, worden ist, der zur Rechten Gottes
weil er der immer lebendige, ge- sitzt und auch für uns eintritt? Wer

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Das Fundament 3/2008

sollte uns von der Liebe Christi schei- die da ist in Christus Jesus, unserem
den? Etwa Trübsal oder Bedrängnis, Herrn“ (Römer 8, 28. 32 - 39).
Verfolgung oder Hunger oder Mangel Der Glaube schenkt diese Ge-
an Kleidung, Gefahr oder Henker- borgenheit. Auch unabhängig von
beil? Wie geschrieben steht: ‚Um den vielleicht chaotischen Zustän-
deinetwillen werden wir den ganzen den in unseren Ehen und Familien,
Tag gemordet; wir sind geachtet Gemeinden und Betrieben.
wie Schlachtschafe.‘ Nein, in allen Und sind wir nicht auch oft-
diesen Nöten siegen wir überlegen mals mit daran schuld, wenn es
durch den, der uns geliebt hat. Denn chaotisch läuft? Können wir uns
ich bin dessen gewiss, dass weder immer freisprechen von Schuld?
Tod noch Leben, weder Engel noch Die Sünde hat doch auch uns zu
Geisterfürsten, weder Gegenwärtiges Egoisten gemacht!

Vertrauen

noch Zukünftiges noch irgendwelche Lassen wir uns den Glauben an


Mächte, weder Himmel noch Unter- die Liebe Gottes zu uns nicht neh-
welt noch sonst irgendetwas anderes men. Er hat uns in Jesus Christus
Geschaffenes imstande sein wird, uns vergeben. Er will uns nicht an den
von der Liebe Gottes zu scheiden, Kragen. Auch wenn uns der Teufel

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Gott unser Vater - Er kennt uns!

das vielleicht sagen möchte durch Heute ist die Gegenwart. Und
die chaotischen Verhältnisse, in ganz entscheidend ist: Jesus ist
denen wir stecken. Der Herr steht immer da! Rechnen Sie mit Ihm!
zu uns, in absoluter Verbundenheit
1. Jesus ist immer da, er ist dir
und Verbindlichkeit. ER möchte,
heute nah, er ist der Herrscher
dass wir umkehren, unseren Sinn
der Welt. Jesus ist immer da, er
ändern, Buße tun.
ist dir heute nah, er, der dich
stets erhält. Er kennt die Fra-
gen, die dich bewegen, und er
hat die Antwort bereit. Jesus ist
immer da, er ist dir heute nah,
er liebt dich allezeit.
Und wie steht es mit unserer
Matthäus 28, 20
Verbindlichkeit zueinander? Gilt
uns noch das Jawort der Eheschlie- 2. Jesus ist immer da, er war
ßung? Und wie sieht es aus mit dir gestern nah, als in den Tod
der Verbindlichkeit zu unseren er ging. Jesus ist immer da, er
Kindern, und zu unseren Freunden war dir gestern nah, als an dem
und Bekannten in der Gemeinde? Kreuz er hing. Er kennt die
Vertrauen bauen wir, indem wir uns Sünden, die auf dir lasten, und
kennen lernen. Und wie sagte Blaise er will sie dir ja verzeih‘n. Jesus
Pascal? „Menschen und mensch- ist immer da, er war dir gestern
liche Dinge muss man kennen, um nah, er will dich ganz befrei‘n.
sie zu lieben. Das kostet viel Zeit.“ 1. Korinther 15, 3
Nehmen wir uns diese Zeit.
3. Jesus ist immer da, er ist
Kaufen wir die Zeit aus. Fangen
dir morgen nah, er bleibt in
wir noch heute damit an! Die
Ewigkeit. Jesus ist immer da,
Vergangenheit ist vorbei. Sie darf
er ist dir morgen nah, bist du
unter der Vergebung Gottes stehen.
für ihn bereit? Er kommt einst
Auf dieser Grundlage dürfen wir
wieder und richtet auch dich,
uns auch gerne an sie erinnern.
verliere doch ja keine Zeit. Jesus
Die Zukunft ist für uns nicht
ist immer da. Er ist dir morgen
absehbar. Aber wir können dem
nah, bist du für ihn bereit?
vertrauen, der als der Schöpfer und
Hebräer 13, 8
Vater alles in seinen Händen hält.

19
Das Fundament 3/2008

Kreationismus
Eine Bedrohung der Menschenrechte?
Stellungnahme zur Pressemitteilung der Kommunikationsabteilung des
Europarates vom 4.10.2007 von Winfried Borlinghaus und Armin Bachor

Europaparlament Straßburg

geurteilt und entsprechend politisch


gehandelt werden, sehen wir darin
Nach einer auffallend lange und eine ernstzunehmende Gefährdung
heftig geführten Kampagne gegen der freien Meinungsäußerung in
christliche Grundüberzeugungen einem zukünftigen Europa. Europa
zum Thema „Schöpfung“ in den entfernt sich damit einen weiteren
deutschen und europäischen Me- Schritt von wertvollen christlichen
dien, sowie in der Bildungspolitik, Grundwerten. Es wird nämlich
markiert die Verlautbarung des Eu- der völlig unzutreffende Eindruck
roparates vom 4.10.2007 einen ge- vermittelt, dass Christen, die Gott
wissen Höhepunkt. Sollte weiterhin als Schöpfer ernst nehmen, lediglich
in dieser undifferenzierten Schärfe

20
Kreationismus - eine Bedrohung der Menschenrechte?

rückständige, „wissenschaftsfeind- nicht Acht geben, könnte der


liche“ Auffassungen zum Thema Kreationismus zu einer Bedro-
Wert und Entstehung des Lebens hung für die Menschenrechte
beitragen können! Der unsachlich werden.‘ Bei der Vorstellung
abwertend verwendete Begriff „Kre- ihres Berichts sagte die ehemalige
ationismus“ blockiert dabei schon Bildungsministerin Anne Bras-
im Voraus die Auseinandersetzung seur (Luxemburg, ALDE): ‚Es
mit notwendigen naturwissen- geht nicht darum, Glauben und
schaftlichen Einwänden gegen die Wissenschaft gegenüberzustellen,
Evolutionstheorie als „Alleinerklä- aber es muss vermieden werden,
rungsmodell“ in der Biologie. dass sich der Glaube gegen die
Europarats-Staaten müssen Wissenschaft stellt.‘ Das Haupt-
Einbeziehung des Kreationismus ziel der heutigen Kreationisten,
als Wissenschaftsdisziplin in den die zumeist Christen oder Mus-
Unterricht entschieden ablehnen. lime sind, sei der Bildungssektor,
so die Abgeordnete in der Ent-
Die Abgeordneten aus den schließung. Kreationisten wollten
47 Mitgliedsstaaten des Euro- erreichen, dass ihre Theorien in
parates haben ihre Regierungen das naturwissenschaftliche Lehr-
nachdrücklich aufgefordert, mit pensum der Schulen aufgenom-
„aller Entschiedenheit“ gegen die men werden. Der Kreationismus
Einbeziehung des Kreationismus könne jedoch nicht für sich in
- der die Evolution der Arten Anspruch nehmen, eine wissen-
durch natürliche Auslese leugnet schaftliche Disziplin zu sein.
- in den Unterricht als gleichbe- Es bestehe die große Gefahr,
rechtigte Wissenschaftsdisziplin in den Köpfen der Kinder eine
neben der Evolutionstheorie bedenkliche Verwirrung zwi-
anzugehen. schen Überzeugung oder Glaube
In einer bei ihrer Plenar- und Wissenschaft zu verursa-
sitzung in Straßburg mit 48 zu chen, so die Abgeordneten. ‚Die
25 Stimmen verabschiedeten Evolutionstheorie hat nichts mit
Entschließung erklärt die Parla- göttlicher Offenbarung zu tun,
mentarische Versammlung des sondern gründet sich allein auf
Europarates (PACE): ‚‘Wenn wir Fakten.‘ Die Theorie des ‚In-

21
Das Fundament 3/2008

telligent Design‘ werde subtiler gar nicht ohne solche Grund-


präsentiert und versuche, ihren annahmen auskommen kann?
Ansatz als wissenschaftlich Methodischer Atheismus steht mit
darzustellen, und genau darin dem Schöpfungsglauben zumindest
bestehe die Gefahr, fügten die auf einer Stufe, was den Charakter
Abgeordneten hinzu. ‚Kreati- einer weltanschaulichen Vorüber-
onismus … war lange Zeit eine legung angeht. Es ist gar nicht die
fast ausschließlich amerikanische Frage, ob man glaubt oder wissen-
Erscheinung‘, betonten die schaftlich denkt, sondern an wen
Abgeordneten. Heute fände die oder was man glaubt, wenn man
kreationistische Theorie auch wissenschaftlich denkt.
ihren Weg nach Europa und
breite sich in zahlreichen Mit-
gliedsstaaten des Europarates aus.
Der Bericht nennt Beispiele aus
Belgien, Frankreich, Deutsch-
land, Griechenland, Italien, den
Niederlanden, Polen, Russland, Die Europarat-Empfehlung
Serbien, Spanien, Schweden, der ist eine vollkommen überzogene
Schweiz, der Türkei und dem Reaktion, die viele unsachliche
Vereinigten Königreich.“ Pauschalisierungen enthält. Etwa,
wenn die Räte behaupten, „Kre-
ationisten“ würden die Evolution
durch natürliche Auslese leugnen.
Keiner, der an die Schöpfung
glaubt, leugnet die Veränderlich-
keit der Arten. Es geht vielmehr
Dieser „Ratschlag“ erschüttert das um die Frage, ob es Grenzen der
bisherige Verständnis vom freiheit- Variabilität gibt und inwiefern al-
lichen Denken in Europa. Ist den leine die Mechanismen der Evolu-
Europaräten nicht bewusst, dass tion sämtliche Lebensformen und
die Evolutionstheorie ebenso wie deren Entstehung ohne Intelligenz
der Schöpfungsglaube auf nicht „von außen“ erklären können. In
wissenschaftlichen Denkvorausset- den Naturwissenschaften darf die
zungen beruht und Wissenschaft Interpretation von Fakten mit der

22
Kreationismus - eine Bedrohung der Menschenrechte?

Laborversuchen noch in der freien


Natur jemals beobachtet werden.
Es wird aber behauptet, dass es
so gewesen sei und dass das nun
als Tatsache gelten müsse! Sol-
ches Denken ist einseitig weltan-
schaulich festgelegt und soll nun
bildungspolitisch flächendeckend
durchgesetzt werden. Es sollte in
einem freiheitlich demokratischen
Europa jedoch möglich bleiben,
unterschiedliche weltanschauliche
Ansätze zu wählen, wenn man
wissenschaftlich arbeiten möchte.
Auf diesem Hintergrund muss in
der europäischen Bildungspolitik
ein atheistischer Ansatz genauso
erlaubt bleiben wie ein christlicher.
Welche Bedrohung fürchtet man
Beobachtung von Fakten nicht denn vom Schöpfungsglauben für
verwechselt werden. Da sehen Bildung, Wissenschaft oder gar die
„Kreationisten“ zu Recht Grenzen Menschenrechte? Die Geschichte
und Schwächen der Evolutionsthe- zeigt doch gerade am Beispiel des
orie. Was die - auch in ethischer einst getrennten östlichen Teils
Hinsicht - wichtige Frage nach der Deutschlands, wohin eine atheisti-
Entstehung des Lebens angeht, ist sche Selbstverpflichtung in Politik
die Evolutionstheorie weit davon und Wissenschaft führte. Weltweit
entfernt, „bewiesene Tatsache“ sind nach wie vor viele hochka-
zu sein. Ein Beispiel: Als wissen- rätige Wissenschaftler zugleich
schaftlich bewiesene Tatsache gilt, überzeugte Christen und glau-
was durch den wiederholbaren ben an einen Schöpfergott. Das
Versuch nachvollzogen werden beweist, dass die Befürchtungen
kann. Die spontane Entstehung des Europarates unbegründet
eines lebenden Organismus durch sind.
Selbstorganisation konnte weder in

23
Das Fundament 3/2008

und der damit verbundenen


Verantwortung, sondern aus-
schließlich als selbstbezogene und
Die Empfehlung des Europarates selbstorganisierte Säuger verstehen.
macht denselben Fehler, den sie Wieso sollte ausgerechnet bei der
den „Kreationisten“ vorwerfen Frage nach der Entstehung des
wollen. Sie werden mit solchen Lebens das sonst so erwünschte in-
pauschalen Empfehlungen zum terdisziplinäre Denken verhindert
Umgang mit dem Kreationismus werden? Wenn für das Verständnis

Gottes Schöpfermacht (Krimmler Wasserfall)

das wissenschaftliche Denken des Lebens die Evolutionstheorie


in Europa einschränken. Dazu als allein zulässiges biologisch-ma-
kommt die zusätzliche ethische terialistisches Denkmuster festge-
Gefahr, wenn in den Schulen legt wird, besteht Gefahr für die
gefördert wird, dass sich Menschen Freiheit des Denkens in Europa.
nicht mehr als Gottes Geschöpfe

24
Kreationismus - eine Bedrohung der Menschenrechte?

als gegen die Menschheit gerichtet


missversteht. Christen können
jedoch aufgrund des Wortes Gottes
Wir können dankbar sein, dass keine beliebige Freiheit im Um-
immerhin ein Drittel aller Abge- gang der Menschen miteinander
ordneten des Europarates gegen befürworten. Sie sehen beispiels-
diese Entschließung gestimmt weise in einer Abtreibung weniger
hat. Die „Bedrohung für die das Selbstbestimmungsrecht der
Menschenrechte“, die durch diese Eltern als vielmehr das Lebensrecht
Entschließung indirekt bibeltreuen des ungeborenen Kindes gefährdet.
Christen in der EU vorgeworfen Sie sehen hinter beliebiger sexueller
wird, erinnert an den Vorwurf, Orientierung keine „Befreiung“
den man auch den ersten Chris- von konservativen Werten, sondern
ten im Römischen Reich gemacht den Wegfall sinnvoller, vom Schöp-
hatte. Sehr interessant ist dazu, fer selbst gegebener Schutzräume.
was Tacitus, einer der Geschichts- Die vom Schöpfer zum Wohl der
schreiber Roms zu der Verfolgung Menschen gegebenen Einschrän-
der Christen durch Nero bemerkte. kungen und das Bewusstsein, die-
In seinen Annales XV, 44 erläu- sem höchsten Gesetzgeber gegen-
tert er, dass die Verfolgung der über verantwortlich zu sein, sind
Christen und ihre Bestrafung nicht sinnvoll. Sie werden zu Unrecht
aufgrund ihres Schuldigseins an als Angriff gegen Lebensqualität
dem Brand Roms, oder irgendeines und Freiheit gedeutet. Dies wohl
anderen Verbrechens zu tun habe, vor allem deshalb, weil Menschen
sondern dass die Christen wegen die von ihnen angestrebte absolute
ihres „Hasses gegen die Mensch- Autonomie gefährdet sehen.
heit“ („odio humani generis“])
bestraft werden sollten.

Wohin geht die Reise für die


Christen, deren Glaube an den
Damals wie heute besteht die Ge- Schöpfer eben auch ihr naturwis-
fahr, dass man die christliche Ethik senschaftlich-technisches Verständ-

25
Das Fundament 3/2008

Gottes Größe (Jungfrau)

nis prägt? Werden sie sich auf das Rückgrat und festem Glauben dem
neue Antidiskriminierungsgesetz Schöpfer Jesus Christus die Treue
berufen müssen, wenn sie weiter- halten und mutig durch Wort
hin ihre Überzeugungen in Europa und Tat zu ihren Überzeugungen
leben und an andere weitergeben stehen.
wollen? Ob das aber in Zukunft
Diesen Artikel gibt es als Themen-
noch greift, wenn man von vorn-
blatt Nr. 21 in unserem Medien-
herein als Bedrohung für die
Shop im Internet unter:
Menschenrechte angesehen wird?
www.dctb.de
In jedem Fall sollten Christen mit
Liebe zu den Menschen, doch mit

26
Der Dreisatz zum Guten

Der Dreisatz zum Guten


Andacht von Gunter Seidel, Abensberg, gehalten auf der Bayerisch-Fränkischen
Tagung 2007 in Pappenheim

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, näm-
lich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.
Micha 6, 8

Wie gut und tröstlich zu wissen,


dass Gott nichts Unrechtes will.
„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist.“ Gott fordert das Gute, und du,
Gott redet: Er schweigt nicht, Mensch, weißt, was gut ist, denn
er sagt, was vor Ihm gilt. Und Gott hat es dir gesagt! Nun sind
nichts wäre schlimmer, als wenn wir aber so vergesslich, und deshalb
Gott schweigen würde. Für uns wird es hier noch einmal kurz,
heißt das in erster Linie: Es steht knapp und eindeutig wiederholt:
geschrieben, nicht irgendwo, nicht
im Koran, sondern ganz nah und
jederzeit griffbereit in der Bibel!
Gott redet: Er führt keine
Selbstgespräche, sondern er redet Da sind zum einen die Zehn Gebote:
mit uns. Es ist dir gesagt! Hast du
es gehört? Du, Mensch, weißt es, Ich bin der HERR, dein Gott, Du
oder zumindest könntest du es wis- hast keine anderen Götter neben mir!
sen. Du musst nicht nachfragen, Du machst dir kein Bildnis und
denn Gott hat gesprochen. Lies die betest solches Machwerk nicht an! Du
Bibel, dort steht’s geschrieben! missbrauchst meinen Namen nicht!
Gott redet: Sein Reden hat einen Du heiligst den Feiertag! Du ehrst
Inhalt, und er fordert sein gutes Vater und Mutter! Du tötest nicht!
Recht. Es ist sein gutes Recht, zu Du brichst nicht die Ehe! Du stiehlst
fordern. Ihm steht es zu, denn er ist nicht! Du redest nichts Falsches gegen
Gott und sonst keiner. Und er for- deinen Nächsten! Du begehrst nicht
dert nichts Böses, sondern das Gute. deines Nächsten Eigentum!

27
Das Fundament 3/2008

Und zum andern das Evangeli- in diesem Liebesgebot hängt das


um: Jesus Christus – wahrer Gott ganze Gesetz und die Propheten.
und wahrer Mensch – ist für dich, „Die Liebe ist langmütig und
Mensch, am Kreuz gestorben und freundlich, die Liebe eifert nicht,
auferstanden von den Toten, und die Liebe treibt nicht Mutwillen,
du sollst auch am Ende der Zeiten sie bläht sich nicht auf, sie stellt sich
auferstehen und mit ihm leben in nicht ungebärdig, sie suchet nicht das
alle Ewigkeit. Gott rechtfertigt dich Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie
Gottlosen allein aus seiner unbegreif- rechnet das Böse nicht zu, sie freuet
lichen Gnade. Er ist dir gnädig, und sich nicht der Ungerechtigkeit, sie
seine Barmherzigkeit hat kein Ende. freuet sich vielmehr der Wahrheit; sie
Dir, Mensch, sind alle deine Sünden verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft
vergeben, weil Gott dich liebt und alles, sie duldet alles. Die Liebe hört
seinen Sohn für dich in den Tod niemals auf “ (1. Korinther 13, 4 - 7).
gab. Für dich litt unser Erlöser Jesus Es geht um eine Übung: Wir
Christus den Kreuzestod, den du hören es, hier geht es nicht um
verdient hättest. Das sollst du glau- ein schönes Gefühl. Das schöne
ben, denn solches zu glauben, heißt Gefühl, das Kribbeln im Bauch,
auch: Gottes Wort zu halten. das ein Verliebter verspürt, ist eher
die Begabung zur Liebe. Die Gabe
der Liebe ist uns allen von Gott
gegeben. Da brauchen wir keinen
Gabentest! Nun aber gilt es zu üben,
und zwar so, wie auch andere Dinge
Kann man denn Liebe üben? Ja, im Leben geübt werden müssen.
wir haben uns nicht verhört, da Die Beherrschung eines Musikin-
steht: Liebe üben! struments muss geübt werden, auch
Gott gebietet die Liebe. Wir wenn man noch so musikalisch ist.
lesen in Lukas 10, 27: „Du sollst Da hilft nichts anderes, denn: Es ist
den Herrn, deinen Gott, lieben von noch kein Meister vom Himmel ge-
ganzem Herzen, von ganzer Seele und fallen. Und was hier das Sprichwort
von ganzem Gemüte. Und das andere über den Musiker sagt, gilt auch für
ist dem gleich: Du sollst deinen Nächs- die Liebe. Sie muss gelernt und ein
ten lieben wie dich selbst.“ Wir wissen Leben lang geübt werden. Damit
es, denn wir haben es oft gehört und werden wir nie fertig!

28
Der Dreisatz zum Guten

sei heute weniger listig! Als es in


einem Hausbibelkreis um die Rolle
des Menschen bei der Erlösung ging
Beim Wort Demut fallen mir zu- und was unser Wille dazu beitragen
nächst ganz spontan Namen ein wie könnte, spitzte sich die Diskussion
Anselm Grün, Eugen Drewermann zu, bis einer sagte: „Ich lasse mir
oder der Dalai Lama. Aber stehen doch meine freie Entscheidung für
diese Namen für Demut? Demut ist Jesus nicht nehmen!“ Hätte er doch
nicht zu verwechseln mit Sanftmut. besser gesagt: „Ich lasse mir meinen
Demut ist das Gegenteil von Hoch- Jesus nicht nehmen!“ Nein, Demut
mut. Sich demütigen heißt, sich war das nicht, denn wahre Demut
richtig einzuordnen. Das bedeutet weiß um die eigene Unfähigkeit,
meistens, sich unterzuordnen (!) und sich für Jesus zu entscheiden.
nicht zu hoch von sich zu denken. Demut gibt stattdessen Gott die
Wir sollen so von uns denken, wie es Ehre und weiß, dass sie selbst ihren
sich gebührt, wie es angemessen ist. Glauben vollständig der Wirkung
des Heiligen Geistes verdankt. Ein
demütiges Herz verzichtet gern auf
die zweifelhaften Entscheidungen
eines „freien“ Willens, wenn es Jesus
dadurch gewinnt.
Wir können dem himmlischen
Luther schrieb 1530 an seinen Vater danken, dass er mit uns redet
Freund Georg Spalatin: „Wir sollen und uns sagt, was er von uns will,
Menschen sein und nicht Gott, nämlich das Gute. Wir wollen ihm
das ist die Summa, oder ist ewi- dankbar sein, dass er uns unsere
ge Unruhe und Herzeleid unser Rebellion gegen ihn vergibt und
Lohn.“ Das klingt vielleicht seltsam sein Wort erhält, auch wenn wir
und erscheint uns eher selbstver- versagen, es zu halten. Es ist ent-
ständlich. Aber ist das wirklich so scheidend, dass er uns zu wahrhaft
selbstverständlich? Wir erinnern demütigen Menschen macht, nicht
uns: Im Paradies lockte die Schlan- zu solchen, die vor Menschen
ge die ersten Menschen mit den kuschen, aber zu solchen, die nicht
Worten: „Ihr werdet sein wie Gott.“ neben Gott auch noch Gott sein
Meinen wir bloß nicht, der Teufel wollen.

29
Das Fundament 3/2008

Der preisgegebene Mensch


Überlegungen zum biotechnischen Umgang mit
menschlichen Embryonen

Dr. Adrienne Weigl


320 Seiten, EUR 24,90
Resch-Verlag, ISBN 978-3-9351-97-53-3

Die rasant wachsenden Möglich-


keiten der Biotechnologie bergen
neue bioethische Fragen, die auch
zu intensiven gesellschaftlichen und
politischen Diskussionen führen.
Um biotechnologische Manipu-
lationen an frühen menschlichen
Embryonen ist schon seit einiger
Zeit ein heftiger Streit entbrannt.
Wir dürfen nie alles tun, was wir
können - wo läuft die Grenze?
Verbrauchende Embryonen-
forschung, Klonen, Präimplan-
tationsdiagnostik - diese und
andere Techniken bergen große mensch-
Hoffnungen für Forschung und liche Wesen an ihrem
Medizin. Menschheitsträume und Lebensbeginn und in ihren
Menschheitsängste schienen kurz frühesten Stadien manipuliert und
davor zu stehen, Wirklichkeit zu verbraucht werden dürfen. Wann
werden. Doch diese Techniken sind wir so weit, dass der Mensch
stellen uns auch immer wieder neu den Menschen preisgibt und seine
vor die Frage, ob und inwieweit eigene Menschlichkeit mit dazu?

30
Der preisgegebene Mensch

Unsere moralischen Instinkte Die Autorin bezieht in ihren


und die Selbstverständlichkeiten Ausführungen Stellung. Für die
des mitmenschlichen Umgangs Position, die sich aus ihren Über-
sind angesichts dieser Fragen oft legungen ergibt, führt sie sachliche
überfordert und werden brüchig. Argumente an. Dabei ist es der
Zu unanschaulich, zu fern dem Autorin ein besonderes Anliegen,
normalen Lebenszusammenhang, Informationen und Argumente
zu sehr verborgen hinter Fachbe- nicht nur für den Kreis der Fach-
griffen und Schlagworten sind leute darzulegen. Vielmehr sind die
die Sachverhalte, die zur Debatte Ausführungen bewusst auch für
stehen. den interessierten Laien gedacht,
Das vorliegende Buch ver- der sich die Mühe machen will,
sucht deshalb aufzuklären und zu einmal hinter die schnell errichte-
entschlüsseln. Worum geht es, was ten Wortgebilde der Massenmedien
genau wird gemacht, was verbirgt zu schauen und sich fundiert seine
sich hinter gewissen Fachbegriffen, eigene Meinung zu bilden.
was strebt die Forschung an? Diese
Fakten werden dann hinterfragt: Inhalt:
Was zeigt sich einem naturphi- Vorwort von Robert Spaemann
losophischen Blick, was aus der Einleitung
Perspektive einer philosophischen Embryologische Grundlagen
Reflexion über den Menschen, Ein Lebewesen entwickelt sich
was aus dem Blickwinkel einer – Deutung der naturwissen-
Ethik der Menschenwürde? Dabei schaftlichen Fakten
steht im Zentrum die Frage: Was
Menschsein und Menschenwürde
ist ein menschlicher Embryo und
was darf man folglich mit ihm tun Einspruch um der Würde willen
oder nicht tun? Was ist erlaubt und Beurteilung einzelner Techniken
wann gibt der Mensch den Men- Anmerkungen zu einigen recht-
schen und damit seine eigentliche lichen Fragen
Menschlichkeit preis?

Das Buch ist in der DCTB-Geschäftsstelle, Postfach 11 22, 70807 Korntal-


Münchingen, Tel. 0711/8380828, info@dctb.de, erhältlich.

31
Das Fundament 3/2008

Verschwörung
um Qumran?
– Jesus, die Schrift-
rollen und der Vatikan
Otto Betz, Rainer Riesner
319 Seiten mit über 100 Fotos
Knaur 2007, EUR 8,95
ISBN 978-3-426-77993-4

Der Autor dieser Rezension, Ale-


xander Schick, Westerland/Sylt,
ist Verfasser des Bestellers „Das
wahre Sakrileg“ (Knaur Verlag) und der Westküste des Toten
Leiter der größten Qumran- und Meeres herabkletterte. Suchte
Bibelausstellung Europas (www. er wirklich seine Ziege, die ihm
bibelausstellung.de), die Gemein- angeblich weggelaufen war und die
den ausleihen können (Infos unter er durch Steinwürfe aufschrecken
Schick.Sylt@freenet.de). wollte? Oder hielt er Ausschau
nach einem passenden Versteck
für seine Schmuggelware, die die
Beduinen in jenen Tagen von
Jordanien nach Palästina brachten?
Der Grund seiner Steinwürfe ist
eigentlich unwesentlich - wichtig
Es wird immer im Dunkeln ist, dass er damit einen Stein ins
bleiben, warum im Frühling Rollen gebracht hat, der bis heute
1947 der Beduine Muhammed weltweit Forscher und die breite
edh-Dhib auf dem Steilhang an Öffentlichkeit in Atem hält. Fast

32
Verschwörung um Qumran

jeder hat schon von den Schriftrol- sollen. Auch wenn sich Bücher mit
len vom Toten Meer gehört, doch solch reißerischen Thesen millio-
nur die wenigsten wissen, um was nenfach verkaufen, bleiben solche
für einen archäologischen Schatz unwahren Behauptungen lediglich
es sich wirklich handelt. In den eine millionenfach geglaubte Lüge.
letzten Jahren hat eine Vielzahl Es ist daher mehr als begrüßens-
von Büchern und Medienberich- wert, dass nun der Qumran- und
ten erneut große Verwirrung um Jesusforscher Professor Rainer
die Bedeutung der Qumranfunde Riesner (Universität Dortmund)
gestiftet. So wird durch christen- seine Forschungsergebnisse in
tumskritische Skandalbestseller allgemeinverständlicher Weise
wie „Sakrileg“ (Da Vinci Code) unter dem populären Titel „Ver-
oder „Verschlusssache Jesus“ den schwörung um Qumran? – Jesus,
unkundigen Lesern vorgegaukelt, die Schriftrollen und der Vatikan“
dass der Vatikan die Herausgabe (Knaur 2007) veröffentlicht hat.
der Schriftrollen vom Toten Meer Das durchgehend - mit zum Teil
zu verhindern suche, da die Qum- neuesten Fotos aus der Qumran-
rantexte angeblich unliebsames forschung - illustrierte Buch ist ein
Material über Jesus enthalten wahres Lesevergnügen und eine

33
Das Fundament 3/2008

schier unerschöpfliche Fundgrube befanden sich Abschriften fast


für jeden, der Fakten in Sachen aller biblischen Bücher des Alten
Qumran- und Jesusforschung Testaments (AT). Diese Texte
sucht. Bereits 1993 hatte Riesner sind über 1000 Jahre älter als die
den weltweit beachteten Bestseller bis dahin bekannten kompletten
„Jesus, Qumran und der Vatikan“ hebräischen Handschriften des AT.
veröffentlicht. Die Gesamtveröf- Die Bibelabschriften belegen, wie
fentlichung aller Texte aus den hervorragend der hebräische Text
Höhlen und neue Ausgrabungen des AT überliefert ist. In Detailfra-
in Qumran haben der Schrift- gen helfen die Qumranrollen, den
rollenforschung nicht nur neue originalen Urtext zu rekonstruie-
Impulse gegeben, sondern auch ren. In viele moderne Bibelüber-
eine Vielzahl an neuen Erkennt- setzungen sind die Ergebnisse der
nissen. In akribischer Detailgenau- Textforschung an den biblischen
igkeit hat Professor Riesner seinen Qumrantexten schon eingeflossen.
Klassiker, den er zusammen mit Prof. Riesner zeigt auf, warum die
seinem inzwischen verstorbenen Mehrheit der Qumranforscher
Doktorvater und Qumranpionier die jüdische Religionsgruppe der
Professor Otto Betz verfasst hatte, Essener für die Besitzer der antiken
völlig überarbeitet und aktualisiert. Bibliothek hält. Intensiv widmet
Er präsentiert so eine Fülle an sich das Buch der viel diskutierten
zum Teil bisher wenig bekannten Frage „Wer lebte in Qumran?“.
Fakten, für die der Leser sonst Besonders durch das ZDF wurde
einen ganzen Berg an Fachliteratur in einer Terra-X-Sendung die These
durcharbeiten müsste. popularisiert, dass Qumran nur
eine landwirtschaftliche Siedlung
gewesen sei und die Schriftrollen
aus den Bibliotheken von Jerusalem
stammen würden. Die Texte und
die Siedlung hätten demnach nichts
In den Jahren 1947 - 1956 wurden mit den Essenern zu tun. Riesner
in elf Höhlen über 900 Schriftrol- zeigt dagegen mit archäologischen
len entdeckt, die überwiegend aus und historischen Argumenten auf,
der Zeit des 3. - 1. Jahrhunderts v. warum diese These trotz ZDF-
Chr. stammen. Unter den Texten Verfilmung nur eine Minderheiten-

34
Verschwörung um Qumran

meinung in der wissenschaftlichen „Verschwörung um Qumran“


Debatte darstellt. So gibt es in gegeben! Die theologische Bedeu-
Qumran zum Beispiel keinerlei tung der Qumrantexte für das
Spuren von Bewässerungsanla- Verständnis des Neuen Testaments
gen, die man für eine intensive ist enorm. Ein Beispiel: Man hat
landwirtschaftliche Nutzung aber meist angenommen, der Messias
voraussetzen müsste. Hingegen sei im Frühjudentum nicht als
hat man viele rituelle Bäder in „Sohn Gottes“ bezeichnet worden,
Qumran ausgegraben, die eher auf während das im Neuen Testament
eine Nutzung der Siedlung durch oft geschieht. Das sei heidnisch-
eine besonders fromme jüdische griechischer Einfluss. Hier fordert
Gemeinschaft schließen lassen. die Entdeckung des Qumrantextes
Für Professor Riesner gilt daher als 4Q246 zu einem Umdenken, denn
Fazit: „Und Qumran ist doch eine der wichtigste Textabschnitt lautet:
Essener-Siedlung!“ (Seite 115). „Sohn Gottes wird er genannt
werden, und Sohn des Höchsten
wird man ihn heißen.“ Diese For-
mulierung erinnert an die Worte
des Engels an Maria: „Der wird
groß sein und Sohn des Höchsten
genannt werden …und er wird Sohn
Neben Abschriften der biblischen Gottes geheißen werden “ (Lukas
Bücher entdeckte man Hunderte 1, 32 - 35). „Das Qumran-Fragment
von unbekannten Texten, die uns 4Q246 zeigt, wie an einer wich-
ein Fenster in die Antike öffnen. tigen Stelle der lukanischen Ge-
Den religionsgeschichtlichen As- burtsgeschichte die Sprache nicht
pekten widmet sich daher Professor etwa heidnisch-griechisch, sondern
Riesner ganz besonders, nachdem palästinisch-jüdisch ist“ (S. 194).
er die Probleme bei der Veröffent-
lichung der oft nur briefmarken- Fazit: Das Buch ist ein Gewinn für
großen Schnipsel erklärt hat. Die jeden, der das antike Judentum und
Behauptung einer Vatikanver- die Umwelt des Jesus von Nazareth
schwörung verweist er überzeugend genauer verstehen möchte. Diesem
in den Bereich der literarischen mitreißenden Buch wünscht man
Schundmärchen. Es hat nie eine eine große Verbreitung.

35
Das Fundament 3/2008

Zeitzeichen: Keine Zeit!

Klaus-D. Rumpel, Bassum, ist Diplom- und Wirtschaftsingenieur und arbeitet


seit 2001 an einer Evang. Bekenntnisschule. Nebenberuflich ist er als Personal-
und Organisationsberater aktiv im Beraterkreis „Christen im Personalservice“
(CPS) tätig und gern gesehener Referent auf den Seminaren für Berufstätige
des DCTB.

Seit Einstein wissen wir, dass begann gleichsam die Ökonomi-


Zeit physikalisch relativ ist. Zeit sierung der Zeit. Erst nachdem
ist aber auch kulturell ein Phäno- man Zeit mit Geld verrechnen
men. Ein Blick in die Geschichte konnte, ließ sich Zeit „gewinnen“,
zeigt, dass die Orientierung an den „verlieren“, „sparen“, „stehlen“ oder
naturgegebenen Rhythmen bis ins „verschenken“. 1
Mittelalter völlig hinreichend war. Die Einführung erster öffent-
Erst der sich ausbreitende Handel licher Kirchen- und Rathausturm-
brachte ab etwa dem 14. Jahrhun- uhren machte Zeit zu einem uni-
dert die Notwendigkeit mit sich, versell gültigen Maß des täglichen
für die Bemessung von Arbeits- (Wirtschafts-) Handelns – und
leistung und pünktlicher Waren- den Menschen zusehends autonom
lieferung ein naturunabhängiges von den natürlichen Rhythmen der
Zeitmaß zu haben. Mit der auch in Tages- und Jahreszeiten. So vollzog
diese Zeit fallenden Lockerung des sich auch der Wandel weg von
bis dahin geltenden Zinsverbotes einem „zur rechten Zeit“, also der

36
Zeitzeichen - keine Zeit!

„angemessenen“, „reifen“ Zeit, hin


zu einer „Rechtzeitigkeit“, neu-
deutsch „just in time“.
Zeit hatte aber immer auch
eine geistliche Komponente, wie
manche historische Uhren es auch
bildlich zeigen: die Aufforderung,
angesichts unserer Endlichkeit
verantwortlich mit der Ressource
Zeit umzugehen, darum die Zeit
„auszukaufen“ (Epheser 5, 16) und geklagt. Gott wird abgelöst durch
uns auf die „zeitlose“ Ewigkeit die Wissenschaft und Wirtschaft.
vorzubereiten. Indes wurde Zeit als Der Mensch glaubt, Zeit messen,
monetarisierbare und zusehends sie damit fassen und sie – wenigs-
vom Menschen verfügbare Grö- tens scheinbar – in seinen Besitz
ße immer weniger als Eigentum nehmen zu können. Einzig der
Gottes gesehen, über das doch am Tod setzt dem ein jähes Ende. Die
Ende im Sinne verantwortlicher öffentliche Rhythmisierung der
Haushalterschaft Rechenschaft Zeit durch das Glockengeläut dient
abzulegen ist. aber auch der Aufforderung, sich
Immerhin sah man beim Blick sozialer Handlungen und religiöser
auf die Kirchturmuhr noch nach Bräuche zu erinnern: zum Gottes-
oben, Richtung Himmel, und dienst zu gehen, über eine Geburt,
dabei gewiss nicht zufällig auch auf eine Hochzeit oder eine Beerdi-
das Kreuz! Im Zuge des Wandels gung zu erfahren. Dabei können
hin zum modernen Menschen, wir uns unseren eigenen Lebens-
der Gott nicht mehr zu brauchen zyklus neu in Erinnerung bringen.
meint, finden wir Zeit daher auch Auch die Arbeit der Woche zu
kaum mehr am Himmel, sondern beenden, die Feiertagsruhe (3.
bei uns selbst, individualisiert Gebot) zu beginnen oder beson-
„verfügbar“ am Handgelenk oder dere Festtage nicht zu vergessen,
auf dem Handy. Und gegen läu- dafür steht auch die öffentliche
tendes Kirchturmuhrwerk wird ja Rhythmisierung der Zeit durch
inzwischen vor Gericht zum Teil das Glockengeläut. Kirchenglo-
erfolgreich wegen Ruhestörung cken als Aufruf zum Innehalten,

37
Das Fundament 3/2008

Begegnungen zu erleben und zum des, bestraft mit zunehmender


Austausch zusammenzukommen. Entfremdung von der inneren und
Mit der chronometrischen der äußeren Natur.“ 2
„Taktung“ der Zeit ist aber auch So sind wir heute zusehends
ein neuer Lebensrhythmus ein- vom Wetter und der Natur un-
gezogen. Ein an der Natur orien- abhängig geworden, aber immer
tierter Zeitlauf wurde mehr und abhängiger vom Ölpreis und
mehr ersetzt durch Zeittakt, Ma- den Börsen- und Devisenkursen.
schinentakt und zeitlich bestimm-
ten Geldwert. Arbeitszeit wird nun
monetarisiert und Zeit wird zum
bewirtschafteten Gut, das immer
als knapp erscheint. Dieses setzt
spätestens seit der Industrialisie-
rung und der damit verbundenen
Einführung von Stechuhren eine
unaufhaltsame Beschleunigungs-
dynamik sowohl für die Arbeits-
als auch der Lebensverhältnisse in
Gang. Nunmehr galt, „pünktlich
wie die Eisenbahn zu sein“, eben
im „Takt“, unabhängig von Witte-
rung oder Tageslicht, unabhängig,
ob der Mensch müde oder ganz
wach ist.
Takt ist steuerbar, aber immer
auch ein Zeichen für Gleich-
förmigkeit, und „steht für die Wenn nach Benjamin Franklin
Auflösung und die Abschaffung gilt, dass Zeit Geld ist, es aber nie
zeitlicher Besonderheiten. (...) genug Geld gibt, dann muss indes
Belohnt wurden die vertakteten auch Zeit immer knapp sein. Es
Gesellschaften (...) für solche gibt kein „genug“ und die Spirale
Anpassungsleistung an die Gleich- ist endlos. So richten sich heu-
förmigkeit mit einer deutlichen te Erlösungshoffnungen immer
Vermehrung ihres Güterwohlstan- weniger auf die Ewigkeit, als

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Zeitzeichen - keine Zeit!

vielmehr auf eine noch effizientere


Ausschöpfung der Lebenszeit und
die „rechtzeitige“ Auszahlung der
Lebensversicherung. 3
Auch der St. Galler Soziologe
Peter Gross folgert, dass der Verlust
der Ewigkeit eine immerwährende
Beschleunigung zur Folge hat, denn
für den Menschen, der keine Ewig-
keit mehr erwartet, muss die zeitlich
befristete Lebensspanne mit allem
aufgefüllt werden, was es zu erleben
gilt! 4 Heinrich Kemner sagt dazu:
„Wer keine Zeit hat, hat keine
Ewigkeit, und nur wer die Ewigkeit
gefunden hat, lebt erfüllte Zeit.“ 5
Wie viel Zeit haben wir heute moderne Sinnsuche, die sich heute
noch für die Pflege unserer Bezie- allenthalben widerspiegelt, mög-
hungen, die in unserer „zeitknap- licherweise ein Indiz, dass wir vor
pen“ Gesellschaft immer mehr lauter Chronometrie Wesentliches
leiden? 6 Wie viel Zeit wenden wir aus den Augen verloren haben?
für die Dinge auf, die auch in der
Ewigkeit einen Wert haben? Ist die Quelle: © factum 9/2007

1 vergleiche Geissler, K. A.: Vom Tempo der Welt, Herder, Freiburg 1999
2 ebd., Seite 73
3 vergleiche ebd., Seite 75
4 vergleiche Gross, P.: Die Multioptionsgesellschaft, suhrkamp, Frankfurt/M. 1994
5 Kemner, H.: „Da kann ich nur staunen“, Vlg. der Lutherischen Buchhandlung,
Gr. Oesingen 1994, Seite 31
6 Cochlovius, J.: „Der Blick für’s Ganze – Unsere Beziehungskrisen und ihre Über-
windung“, Gemeindehilfsbund (GHB), 2. Auflage, Walsrode 2002;
www.gemeindehilfsbund.de

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Das Fundament 3/2008

Gedankenzeit
Dr. Dorothee Krumm, Hanau, Aus- und Fortbildungsleiterin

Es ist schon wieder kurz vor 18.00 sie ein Jahr früher in die Schule ge-
Uhr. Ich schließe den Schreibtisch ab ben, können sie schneller an die Uni
und eile zum Auto. Wenn ich mich und überhaupt, der Konkurrenz-
beeile, schaffe ich gerade noch den kampf wird immer härter, da muss
Einkauf, morgen geht es unmöglich, man früh anfangen. Und Entspan-
und es ist nichts mehr zu Hause da. nung? Ja, doch, die planen wir auch
Um 19.30 Uhr sind wir schon wie- ein. Unser Theaterabonnement ist
der verabredet; was koche ich nur? ganz nett – auch wenn’s nur mit vor-
– Ein Tag von vielen. Sie kennen das herigem Stress verdient wird. Und
alle, so oder anders. Unsere Zeit ist unsere Urlaubsreisen haben uns noch
begrenzt, der Tag, die Woche, das jedes Mal eine Fülle interessanter
Jahr, die Jugend - das Leben. Nicht Eindrücke gebracht. Wenn wir die
daran denken, keine Zeit. Fotos allerdings nicht gleich beschrif-
Komisch eigentlich. Ich fange an, ten, wissen wir gar nicht mehr, wo
darüber nachzudenken. Ja, klar, jeder das im Einzelnen gewesen ist.
Tag hat nun einmal nur 24 Stunden,
das war schließlich schon immer so.
Aber haben die Leute schon immer
so viel in einen Tag hineingesteckt?
Man muss die Zeit auskaufen – steht
schließlich schon in der Bibel. Sie Ja, wo war ich stehen geblieben?
meint allerdings etwas anderes, als Ach ja, ich fange an, über meine
wir häufig daraus machen. Zeit nachzudenken. Mir geht es
Wir wollen nichts verpassen, allmählich zu schnell zu im Leben.
wenn das Leben schon so kurz ist. Haben Sie auch schon bemerkt, wie
Unsere Nachbarn haben es schon alles immer noch mehr wird? Wo
viel schneller geschafft zum eigenen gibt es noch die stillen Momente,
Haus, und unsere Kinder sollen auch wo kein Radio, kein Fernseher läuft,
nicht benachteiligt sein. Wenn wir wo ich keine neuen Informationen

40
Gedankenzeit

– bewusst oder noch viel schlimmer noch regenerieren und innere Kraft
unbewusst – aufnehme? Meine schöpfen?
Aufgaben werden immer vielfältiger Ich habe angefangen, über meine
und komplexer. Ein kleiner Fehler Zeit nachzudenken. Und ich weiß,
hat direkt große Folgen. Aber wer dass ich nur etwas ändern kann,
hat noch Zeit, seine Arbeit gründlich wenn ich es selbst ändere. Ich meine
zu durchdenken? Schnelle Ent- nicht, dass ich aussteige in ein „alter-
scheidungen sind gefragt – sind sie natives“ Leben, alles verneine. Aber
deshalb vielleicht morgen schon wie- ich weiß, dass ich täglich entschei-
der überholt? Außerdem werde ich den muss, was jetzt wichtig ist und
laufend gestört. Dank (?) Handy bin was nicht. Manchmal sehe ich das
ich überall erreichbar und per Email sofort, manchmal brauche ich Zeit,
können heute Daten in Sekunden- um darüber nachzudenken, wie ich
schnelle in die ganze Welt verschickt das nächste Mal besser entscheiden
werden – Antworten werden natür- kann. Wo muss ich „Nein“ sagen,
lich genauso schnell erwartet. wo bin ich entbehrlich, was muss ich
Ja, wo war ich stehen geblieben? nicht wissen?
Ach ja, kennen Sie das? Man kann
kaum noch etwas zu Ende denken.
Man kommt nicht mehr zur Stille,
die Gedanken sausen nur so durch
den Kopf, auch wenn man sich
einmal ruhig hinsetzen will. Da steht Ich übe bewusst (das kommt nicht
man lieber wieder auf und erledigt von allein), Pausen zum Denken
etwas; es muss doch etwas laufen, einzulegen, wo ich zur Ruhe kom-
man will etwas sehen. Und nur Ge- me. Wie schön können Wolken
danken, das ist doch nichts, das sieht immer wieder neue Figuren bilden;
doch keiner, wir selbst auch nicht. warum nicht am Main den dahintu-
Und so eilen wir wie unsichtbar ckernden Schiffen hinterherschauen,
getrieben durch das Leben. Verarbei- ein Buch lesen oder mir Zeit für ein
ten wir noch das, was wir in uns auf- Gespräch nehmen? Oder auch die
genommen haben? Bilden wir uns ungewollten Pausen – jetzt habe ich
noch eine eigene Meinung? Wählen wegen der S-Bahn-Verspätung auch
wir noch aktiv aus oder lassen wir noch den Bus verpasst – eine Chan-
uns passiv beeinflussen? Können wir ce, das gerade Erlebte zu verarbeiten,

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Das Fundament 3/2008

bevor der nächste Programmpunkt


mich fesselt. Oder die schlaflose
Stunde in der Nacht. Ich kenne alte Ich kann Ihnen von einer guten
Menschen, die beten dann für ihre Hilfestellung berichten – die „Be-
Familien – schön, dieser Gedanke. triebsanleitung“ für unser Leben
Entscheidungen brauchen manch- vom Schöpfer unseres Lebens, die
mal Zeit zum Reifen, damit wir Bibel. Ja, ich weiß, das ist nicht ge-
selbstbestimmt bleiben – wollen Sie rade der modernste Tipp, aber mir
etwa fremdbestimmt sein? hat er geholfen und vielen anderen

42
Gedankenzeit

auch. Und ich habe mir meine


eigene Meinung darüber gebildet.
Und je mehr ich in der Bibel lese,
umso mehr verstehe ich, was sie
meint. Zu meinen Gedanken über
die Zeit habe ich zum Beispiel eine
Aussage Jesu gefunden: „Himmel
und Erde werden vergehen, meine
Worte vergehen nicht (also gar nicht
so unmodern, oder?). Ihr seid in
Gefahr! Passt auf, dass euch nicht die
Gier nach Luxus und Wohlstand,
auch nicht die Sorgen des Alltags vom
Ziel ablenken!“ (Lukas 21, 33 - 34).
Mir ist dazu die schreckliche fort: „Bleibt wachsam und betet ...“
Geschichte vom Untergang der Ich vergesse so schnell, wie Gott
Titanic eingefallen. Am Ende stand mir schon in meiner Zeiteintei-
nur noch die Frage: Wer bekommt lung geholfen hat, wenn ich ihn
einen Platz im Rettungsboot? mit einbezogen habe. Notwendige
Keiner hätte einen solchen Platz Dinge waren oft schneller erledigt,
gegen ein Feinschmeckermenü als ich geglaubt hatte, und ich hatte
oder die neueste Mode von Paris Zeit für das, was mir Gott wich-
eingetauscht. Aber nur eine Stunde tig machte, der lang verschobene
vor dem Unglück hätten sicher die Besuch, die stille Zeit mit Gott.
meisten diese Frage als Zeitver- Gott kann mehr, als wir ihm oft
schwendung betrachtet und sich zutrauen – der schnelle Parkplatz
geärgert, dass die gute Stimmung ohne lange Suche, das Schnäpp-
mit solchen ernsten Gedanken chen beim Einkauf, die plötzliche
„verdorben“ wurde. Lösungsidee, die innere Gelassen-
Und nun zum letzten Mal: Ich heit für eine gut strukturierte Pla-
fange an, über meine Zeit nachzu- nung. Aber es ist und bleibt immer
denken. Was ist jetzt wichtig im ein Risiko, eine Vertrauenssache
Leben? Alles, was dem Ziel dient, zwischen uns und Gott. Haben wir
von dem Jesus in der zitierten Stelle neuen Mut zu diesem Vertrauen!
spricht. Und er fährt dort noch

43
DCTB e.V., Postfach 11 22, 70807 Korntal-Münchingen
Postvertriebsstück E 1701 F, Deutsche Post AG, „Entgelt bezahlt“

Bei Änderung der Anschrift bitte Rücksendung dieses Abschnittes mit neuen Angaben.

Die Mitglieder des Deutschen Christlichen Techniker-Bundes e.V.


lade ich hiermit zur diesjährigen Mitgliederversammlung ein.

Ort: Schönblick, Christliches Gästezentrum Württemberg,


Willy-Schenk-Str. 9, 73527 Schwäbisch Gmünd
Zeit: Samstag, den 10. Mai 2008, Beginn 15.00 Uhr

Tagesordnung: 1. Jahresbericht 2007


2. Rechnungsabschluss 2007
Aussprache, Entlastung des Vorstandes
3. Haushalts-Voranschlag 2008
4. Verschiedenes, Aussprache
Deutscher Christlicher Techniker-Bund e. V.

Korntal-Münchingen, den 05.02.2008 Jens Höner, 1. Vorsitzender