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Den Himmel überlassen wir den Engeln

und den Spatzen


Vom Himmel reden und vom Himmel schweigen

Dr. Jürgen Spieß


Der folgende, leicht gekürzte Artikel wurde 1996 als einführendes Referat auf der Herbstkonferenz der SMD gehalten, die unter
dem Gesamtthema “Um Himmels willen” stand. Die Überschrift ist ein Zitat von Heinrich Heine: “Den Himmel überlassen wir
den Engeln und den Spatzen”. In einem ersten Teil geht es um die Frage, warum Christen in Deutschland heute vom Himmel
schweigen. Die Einschränkung “in Deutschland” ist hinzugefügt, weil es viele Teile der Welt gibt, wo das Thema Wiederkunft
Christi oder das Warten auf den Himmel in der Verkündigung und auch im Alltagsleben der Christen eine ganz andere Rolle zu
spielen scheint als in Deutschland. Im zweiten Teil werden verschiedene Gründe aufgeführt, warum Christen heute dennoch
vom Himmel reden sollten oder vielleicht sogar müssen.

Warum schweigen wir vom der Wind riss von den Bäumen das Laub, auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust
Himmel? da reist ich nach Deutschland hinüber. und Zuckererbsen nicht minder.

Und als ich an die Grenze kam, Ja, Zuckererbsen für jedermann,
1. Der Verdacht der Jenseitsver- da fühlt’ ich ein stärkeres Klopfen sobald die Schoten platzen!
tröstung in meiner Brust, ich glaube sogar, Den Himmel überlassen wir
die Augen begannen zu tropfen. den Engeln und den Spatzen.
Der englische Literaturwissenschaftler C.S.
Lewis beschließt sein Buch “Über den Und als ich die deutsche Sprache vernahm, Soweit der Anfang dieses Gedichts von
Schmerz” mit einem Kapitel über den da ward mir seltsam zumute; Heine. Was auffällt, ist der große Optimis-
Himmel, welches mit den Worten beginnt: ich meinte nicht anders, als ob das Herz mus. Ein neues Lied, ein besseres Lied. Wir
“Wir sind heutigentags sehr schüchtern, recht angenehm verblute. wollen das Himmelreich auf Erden schaf-
den Himmel auch nur zu erwähnen. Wir fen, wir wollen auf Erden glücklich sein. Es
fürchten uns vor dem Spott über die Ku- Ein kleines Harfenmädchen sang, ist genug da für alle. Wir wollen keine Ver-
chen im Himmel. Wir hören sehr ungern sie sang mit wahrem Gefühle
tröstung im Leid, wir wollen keine Entsa-
den Vorwurf, wir suchten uns zu drücken und falscher Stimme, doch ward ich sehr
gung in der Trauer, wir wollen keine besse-
vor der Pflicht, hier und jetzt eine bessere gerühret von ihrem Spiele.
re Welt woanders, nein, wir wollen hier und
Welt zu schaffen und träumten stattdessen jetzt eine bessere Welt. Die Urheber dieser
1 Sie sang von Liebe und Liebesgram,
von einer glücklichen Welt anderswo.” Ich Aufopferung und Wiederfinden Vertröstungen sind nach Heine die Pfaffen,
glaube, dass sich viele mit dieser Aussage dort oben in jener besseren Welt, die Wasser predigen, aber selbst Wein trin-
identifizieren können. Ist nicht der Glaube wo alle Leiden schwinden. ken.
an den Himmel, der Glaube also an die Ku-
chen im Himmel, doch eine Jenseitsvertrös- Sie sang vom irdischen Jammertal, Einer, der wahrscheinlich bekannter ist in
tung? Menschen, die hier auf Erden zu kurz von Freuden, die bald zerronnnen, der Frage nach Jenseitsvertröstung, ist
kommen, hoffen, dass es ihnen später – im vom Jenseits, wo die Seele schwelgt Ludwig Feuerbach, der sich in den gleichen
Himmel – besser geht. Oder solche, die verklärt in ew’gen Wonnen. Jahren wie Heine ebenfalls mit der Frage
sich hier nicht einsetzen und mühen für das nach Diesseits und Jenseits, Erde und
Wohl einer besseren Welt, verschieben al- Sie sang das alte Entsagungslied, Himmel beschäftigt hat. Feuerbach
les auf eine spätere Welt. Dieser Vorwurf das Eiapopeia vom Himmel, schreibt: “Der Zweck meiner Schriften ist,
der Jenseitsvertröstung ist besonders stark womit man einlullt, wenn es greint, die Menschen aus Theologen zu Anthropo-
im vergangenen Jahrhundert geäußert ge- das Volk, den großen Lümmel. logen, aus Theophilen zu Philanthropen,
worden, und ich möchte drei klassische aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten
Beispiele dafür zitieren. Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
des Diesseits, aus religiösen und politischen
ich kenn auch die Herren Verfasser,
ich weiß, sie tranken heimlich Wein Kammerdienern der himmlischen und irdi-
Zunächst Heinrich Heine, der im Jahre schen Monarchie und Aristokratie zu frei-
und predigten öffentlich Wasser.
1831 ins Exil nach Paris gegangen ist und en, selbstbewußten Bürgern der Erde zu
im Jahre 1843, also 12 Jahre später, erst- Ein neues Lied, ein besseres Lied, machen. An die Stelle des Glaubens ist der
mals wieder Deutschland besucht hat. Was o Freunde, will ich euch dichten! Unglaube getreten, an die Stelle der Bibel
er da erlebt und worüber er dabei nachge- Wir wollen hier auf Erden schon die Vernunft, an die Stelle der Religion und
dacht hat, hat er in seinem Gedicht das Himmelreich errichten. Kirche die Politik, an die Stelle des Him-
“Deutschland, ein Wintermärchen” zum mels die Erde, an die Stelle des Gebets die
Ausdruck gebracht. Wir wollen auf Erden glücklich sein Arbeit, an die Stelle der Hölle die materiel-
und wollen nicht mehr darben, le Not und an die Stelle des Christen der
Im traurigen Monat November war’s, verschlemmen soll nicht der faule Bauch, 2
Mensch.”
die Tage wurden trüber, was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug


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C.S. Lewis, Über den Schmerz, München 1978, für alle Menschenkinder, L. Feuerbach, zitiert nach H. Küng, Existiert
S. 171 Gott?, München 1978, S. 790 (Anm. 57 u.69).
transparent spezial Mittelteil I
Feuerbach – vielleicht nicht ganz so fröh- heitsgefühl beruht auf einem logischen Geborenwerden oder aufs Früher-Geboren-
lich, aber doch ähnlich optimistisch wie Fehlschluss. Wünsche sagen über die Wirk- werden.
Heine in den gleichen 40er Jahren des letz- lichkeit nichts aus. Die allein interessante
ten Jahrhunderts. Für Feuerbach ist Gott Frage, um es in den Worten C.S. Lewis’ zu In der Diskussion um die Jenseitsver-
ein an den Himmel projiziertes Spiegelbild sagen, lautet stattdessen: Gibt es nun die tröstung möchte ich noch den Münsteraner
der menschlichen Natur. Der Gott des Kuchen im Himmel, oder gibt es sie nicht? Philosophen Josef Pieper zitieren. Er wies
Menschen ist nichts anderes als das vergöt- den Vorwurf der Jenseitsvertröstung an die
terte Wesen des Menschen. Nicht Gott Feuerbach kann übrigens nicht erklären, zurück, die wie der Marxismus die Frage
schuf den Menschen nach seinem Bilde, warum die Götter in manchen Religionen des Todes ausklammern. Er schreibt:
sondern der Mensch schuf Gott nach sei- eher furchterregende Wesen sind, die doch “Wenn es keine ‚jenseitige’, das heißt, auf
nem Bilde. Die Götter sind die in wirkliche kaum als Wunschprojektion erklärt werden der anderen Seite des Todes realisierbare
Wesen verwandelten Wünsche des Men- können. Oder man kann auch sagen, Hoffnung gibt, dann gibt es überhaupt kei-
schen. Wie dein Herz, so dein Gott. Soweit Wunschvorstellungen könnten ja auch bei ne Hoffnung. Und die Aussicht, dass es
Feuerbach. denen vorliegen, die sagen, es gebe keinen möglicherweise nach Jahrhunderten auf der
Gott. Dass jemand Gott wünscht oder Erde eine ‚klassenlose’... Gesellschaft...
Es gibt noch einen Dritten, der im letzten wünscht, dass es keinen Gott gibt, sagt geben wird – diese Aussicht geht mich als
Jahrhundert die These vertreten hat, dass nichts aus über die Realität Gottes. Die Hoffenden nur dann wirklich etwas an,
der Glaube an den Himmel und an das Jen- Frage des Wunschdenkens von Feuerbach wenn sie auf irgendeine Weise verknüpft
seits ersetzt werden muss durch den Glau- und Freud führt uns in der Frage nach Gott gedacht werden kann mit der mein selbstei-
ben an das Diesseits und die Erde – Sig- nicht weiter. genes Schicksal auf der anderen Seite des
mund Freud. Auch für Freud, einige Jahr- Todes betreffenden ‚jenseitigen’ Hoffnung.
zehnte nach Heine und Feuerbach, ist Reli- Der Münchner Philosoph Robert Spaemann Die dezidiert ‚diesseitigen’, rein innerge-
gion nur Wunschdenken, nur Illusion. Er hat zum Vorwurf der Jenseitsvertröstung schichtlichen Zukunftserwartungen hinge-
zitiert den Satz von Heine: Den Himmel geschrieben: “Ja, die christliche Hoffnung gen, in welchen der Tod und die uns allen
überlassen wir den Engeln und den Spat- tröstet, indem sie vertröstet, indem sie auf bevorstehende, im striktesten Sinne ‚unsri-
zen. Der Mensch muss erwachsen werden, den Tag verweist, an dem alle Tränen ge- ge’ Zukunft einfach außer Betracht gelas-
muss aus eigener Kraft und mit Hilfe der trocknet werden. Aber ist es nicht so in un- sen ist – diese Zukunftsvisionen sind, gera-
Wissenschaft die Wirklichkeit bewältigen serer Welt bei allen Heilungen, bei allen de sie, in genauer Umkehrung der üblichen
und zugleich die unabwendbaren Schick- Krankheiten: Ein Kranker wird getröstet, Rede, so etwas wie ‚Jenseitsvertröstung’,
salsnotwendigkeiten mit Ergebung ertragen indem er vertröstet wird. Nach dieser, viel- ein völlig abstrakter, trügerischer Trost, der
lernen. Was soll dem Menschen die Vor- leicht schmerzhaften Behandlung wird es den Menschen auf etwas hinweist, das in
spiegelung eines Großgrundbesitzes auf besser. Ein Vorwurf wäre an diese Vertrös- der Tat ganz und gar ‚jenseits’ seiner kon-
dem Mond, von dessen Ertrag doch nie- tung nur zu richten, wenn die Zukunftsaus- kreten Existenz liegt.”
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mand je etwas gesehen hat? Hier wird der sicht, die man ihr gibt, eine Illusion wäre.”
5
Himmel etwas konkretisiert mit dem Groß-
3
grundbesitz auf dem Mond. Auch für Spaemann ist – wie für C.S. Lewis 2. Wirhaben es uns gut eingerich-
– die Frage der Jenseitsvertröstung die Fra- tet
ge nach der Wahrheit. Kommen die Ver-
Was ist zu diesem Vorwurf der heißungen zur Erfüllung, oder kommen sie Sie kennen vielleicht diese Geschichte von
Jenseitsvertröstung zu sagen? nicht zur Erfüllung? dem Seesturm. Ein Bischof war auf einem
Schiff, das unterzugehen drohte. Er geht
Ist die Wunsch- und Projektionstheorie von Bedenkenswert ist hier auch Spaemanns zum Kapitän und fragt ihn: Wie sind denn
Feuerbach und Freud wirklich schlüssig? Aussage, dass es sich bei allen menschli- die Aussichten? Daraufhin sagt der Kapi-
Der Philosoph Eduard von Hartmann hat chen Utopien im eigentlichen Sinn um Ver- tän: Wenn der Sturm anhält, sind wir in ei-
im Jahre 1906 den entscheidenden Satz ge- tröstungen auf eine spätere Zeit handelt. Al- nigen Stunden alle im Paradies. Darauf der
gen diese These formuliert, indem er sagte: le menschlichen Utopien geben eine Prämie Bischof: Gott bewahre uns davor! Es könn-
“Feuerbachs ganze Religionskritik beruht... auf’s Später-Kommen. Leider bist du jetzt te ja sein, dass wir ähnliche Gedanken ha-
auf einem logischen Fehlschluss. Wenn die geboren und lebst jetzt. Aber die klassenlo- ben. Gott bewahre uns davor, weil wir, wie
Götter Wunschwesen sind, so folgt daraus se Gesellschaft, das Reich Gottes auf Er- es Manfred Siebald in einem seiner Lieder
für ihre Existenz oder ihre Nichtexistenz den, das wird jetzt erst errichtet, es kommt singt, uns ja so schön hier eingerichtet ha-
4 ben. Es könnte sein, dass das Schweigen
gar nichts”. Wir wissen alle, dass es Wün- später, du bist leider zu früh geboren. Bür-
sche gibt, Wünsche, die in Erfüllung gehen, gerlich heißt der Satz: Meine Kinder sollen vom Himmel damit zusammenhängt, dass
und Wünsche, die nicht in Erfüllung gehen. es einmal besser haben. Darin liegt der wir uns mit dem Leben, wie es hier ist, zu-
Man kann aber nicht sagen: Weil ein gleiche Wunschgedanke, dass die Späteren frieden geben und darüber hinaus gar nichts
Mensch etwas wünscht, gibt es das nicht. es einmal besser haben werden. Alle Uto- mehr erwarten.
Die eigentliche Grundlage der Illusions- pien vertrösten in diesem Sinne. Sie ver-
und Projektionstheorie von Feuerbach ist heißen etwas für den Später-Kommenden,
ein logischer Fehlschluss. aber nicht für den, der jetzt lebt. Spaemann 3. Wir haben vom Himmel eine
Trotzdem hatten die Gedanken von Feuer- stellt ein Wort aus 1. Thess. 4 dagegen, wo falsche Vorstellung
bach und Freud eine starke suggestive Paulus sagt, bei der Wiederkunft Christi
Wirkung. Sie haben den Menschen ver- wird es keinen Unterschied geben zwischen Nur wenige werden sich den Himmel genau
meintlich in die Lage versetzt, endlich den den Menschen, die leben, wenn Jesus so vorstellen, wie er in dem Stück “Der
Gottesglauben durchschauen zu können. Christus wiederkommt, und denen, die ge- Münchner im Himmel” dargestellt wird. In
Sie gaben ihm das Überlegenheitsgefühl, storben sind. Keiner wird einen Vor- oder diesem Stück von Ludwig Thoma muss der
sich nun die Entstehung der Religion erklä- Nachteil davon haben, in welchem Ab- Münchner vormittags und nachmittags ab-
ren zu können. Aber dieses Überlegen- schnitt der Geschichte er gelebt hat. Es gibt wechselnd Halleluja oder Hosianna singen,
beim Christen keine Prämie aufs Später- und er findet das ausgesprochen langweilig.
3 Man hat keine große Sehnsucht, dorthin zu
S. Freud, zitiert nach H. Küng, Existiert Gott?,
5
München 1978, S. 323. Robert Spaemann, Christliche Hoffnung und
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Eduard von Hartmann, Geschichte der Meta- weltliche Hoffnungsideologien, in: Communio J. Pieper, Hoffnung und Geschichte, München
physik, Leipzig 1906, Bd. 2, S. 444 1988, S. 177 1967, S. 26ff.
transparent spezial Mittelteil II
kommen. Aber vielleicht ist diese beschrie- Wir haben davon noch einen Widerhall ge-
bene Langeweile etwas Menschliches, weil funden in dem Gedicht von Heine, etwas Nach Marquard hat in der Mitte des 18.
wir alles, auch das, was wir als Glück oder auch noch bei Feuerbach. Sie waren opti- Jahrhunderts eine große Veränderung statt-
als Freude empfinden, immer nur in dieser mistisch und fröhlich. Wenn wir die Ketten gefunden: Auf einmal hatte man nicht mehr
(endlichen) Zeit sehen und erleben. Aber von Kirche und Staat abwerfen, dann den Menschen auf der Anklagebank, son-
Gott ist nicht langweilig. Das kann man kommt das Himmelreich auf Erden, die dern Gott. Der Mensch hat nun Gott ge-
sich ganz leicht klar machen, wenn man neue, freie Welt. Aber sehr bald, schon in fragt: Woher kommt eigentlich das Böse in
sich mit der Schönheit in der Natur oder in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Welt? Und dann, so schreibt Marquard,
der Musik beschäftigt – oder mit der ganz besonders stark bei Nietzsche, änderte hat der Mensch Gott freigesprochen “we-
Freundschaft. Gott ist kreativ und schöpfe- sich diese Situation. Auf einmal wurde dem gen der erwiesensten aller Unschuld, wegen
risch und liebt die Vielfalt. Wenn unsere Menschen bewußt, dass der Verlust Gottes, Nichtexistenz”. Doch damit war das Prob-
Vorstellungen vom Himmel langweilig der Verlust des Himmels auch Verlust der lem des Bösen noch nicht gelöst. Das Böse
sind, dann liegt das daran, dass wir selbst Gewißheit bedeutet, der Gewißheit darüber, war immer noch da, auch nachdem man
langweilig sind. Interessanterweise redet warum wir leben und wer eigentlich die Gott für nichtexistent erklärt hatte. So war
die Bibel vom Himmel nicht sehr konkret. Schöpfung zusammenhält. Wer garantiert der Mensch auf einmal beides geworden,
Sie spricht in der Verneinung: Eine Welt die Gesetzmäßigkeit der Sterne und des der Ankläger und der Angeklagte. Wie hält
ohne Leid, ohne Tod, ohne Bitterkeit. Oder Weltalls, wer garantiert unser Denken, un- er das aus? Marquard sagt, man hält es nur
sie spricht von Straßen aus Gold, um etwas sere Ethik? Und so, schreibt Kolakowski, dadurch aus, dass man die Menschen in gu-
von der Beständigkeit und Großartigkeit, wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus te und böse einteilt. Und deshalb haben alle
vom Glanz deutlich zu machen, aber sie ist dem fröhlichen Atheismus ein sehr pessi- modernen Philosophien einen Feind, den
wenig konkret darin, wie es dort zugeht. mistischer, nihilistischer Atheismus. Man sie bekämpfen; sie brauchen ein Feindbild.
Wir können eins ganz sicher sagen von dem wird im 20. Jahrhundert in der Literatur Es muss ja irgendeiner für das Böse in der
her, was wir in dieser Welt an Schönem be- kaum noch Atheisten finden, die fröhlich Welt verantwortlich sein. Ich bin es nicht,
reits erleben: Gott ist kein Gott der Lange- sind. Wer Kafka oder Sartre oder Camus das steht fest, also kannst nur du es sein. Es
weile. liest, spürt es: da kommt keine rechte Freu- gibt eine Flucht, so Marquard, vom Gewis-
Soweit drei Gründe, warum Menschen heu- de auf.7 Schon bei Nietzsche steht mehr der sen-Haben ins Gewissen-Sein oder, anders
te, gerade Christen, vom Himmel schwei- Mensch im Mittelpunkt, der “zur Freiheit formuliert, man entkommt dem Tribunal,
gen. verdammt” ist und der sich auf einmal als indem man es wird. Hieraus entstanden
einen unter Millionen sieht. später im 20. Jahrhundert die totalitären
Als Christen haben wir etwas dazu zu sa- Systeme, die zu totalitären Staaten wurden,
gen, dass der Mensch nicht ein Produkt von der Kommunismus und der Faschismus.
Warum sollten wir vom Him- Unfall, Zufall oder Notwendigkeit ist, son- Christen haben etwas zu diesem Verlust der
mel reden? dern dass er von einem liebenden Gott ge- Gnade zu sagen. Vergebung ist möglich,
schaffen ist. Und deshalb müssen wir auch und Menschen können angesichts des Bö-
1. Christen sollten vom Himmel etwas sagen über diesen Gott und über die sen nur leben, indem sie ihre Fehler und ih-
sprechen, weil der Himmel unsere Zielsetzung unseres Lebens. re Schuld zugeben und gleichzeitig auch
wahre Heimat ist Vergebung erfahren.
2.2. Verlust der Gnade
Im Deutschen hängen die Worte Heimat Das ist ein Gedanke, den der Gießener Phi- 2.3. Verlust der Hoffnung
8
und Himmel sprachlich zusammen. Paulus losoph Odo Marquard entfaltet hat. Er Hiermit hat sich vor allem Josef Pieper be-
schreibt in Phil. 3,20: “Unsere Heimat ist sagt, es wird in der europäischen Geistes- schäftigt. Von Hoffnung kann man nur
im Himmel”. Der Himmel – der Wohnort geschichte das Stück “Die Gerichtsver- sprechen, wenn es um Dinge geht, die man
Gottes und der Wohnort der Erlösten – ist handlung” gespielt mit dem Thema “Wer nicht selber machen kann, die von außen
für uns gemacht. Er ist unsere Berufung. ist für das Böse in der Welt verantwort- auf uns zukommen. Er nennt uns zwei ein-
Wer nicht dorthin will, sondern sich mit lich?”. In der Antike saß der Mensch auf fache Beispiele: Wenn wir einen Schreiner
dem Leben hier abfindet, der lebt unter sei- der Anklagebank, und Gott war der Anklä- bitten, er solle uns einen Schreibtisch in ei-
ner Berufung und gibt sich mit zu wenig ger. Aber der Mensch wurde christlich frei- ner bestimmten Größe herstellen, und der
zufrieden. Gott möchte uns mehr geben als gesprochen – aus Gnade. Gott hat ihm die Schreiner sagt: “Ich hoffe, ich mache es so”
das, was wir hier haben. Wir sind für mehr Freiheit gegeben. – dann werden wir besser den Schreiner
gemacht als nur für diese vergängliche, wechseln. Entweder kann er das, oder er
sichtbare Welt. Interessanterweise erscheint bei Augustin in kann es nicht. Es ist keine Frage seiner
seiner Autobiographie zum ersten Mal ü- Hoffnung. Wenn der Vater zum Sohn sagt:
berhaupt in der Weltliteratur ein Einge- “Ich hoffe, du wirst fleißiger in der Schu-
2. Christen sollten vom Himmel ständnis auch eigener Schuld. Bis heute ist le”, dann ist das der richtige Gebrauch des
sprechen, weil der “Verlust des es eher so: Wenn Leute Biographien Wortes Hoffnung. (Wenn der Sohn sagt:
Himmels” auch andere Verluste schreiben, steht immer nur darin, warum sie “Ich hoffe das auch”, muss man darüber
nach sich gezogen hat so gut waren und warum die anderen nochmal nachdenken.) Wir sprechen von
Schuld hatten an diesem oder jenem. Weil Hoffnung also nur bei Dingen, die wir nicht
Ich möchte drei Punkte nennen, die auch in er von Gott begnadigt ist, kann Augustin es selber herbeiführen können. Wenn es aber
der modernen Philosophie diskutiert wor- sich leisten, in seinen “Bekenntnissen” zu keinen Gott gibt, was gibt es dann zu hof-
den sind: Der Verlust des Himmels (oder schreiben, dass er Fehler begangen hat, fen?
der Verlust des Glaubens ans Jenseits) führt dass er ein Sünder ist. Er kann aus Gnade Interessanterweise fehlt in allen philosophi-
zum Verlust der Gewißheit, zum Verlust leben. schen Lexika des Marxismus der Begriff
der Gnade und zum Verlust der Hoffnung. ‚Hoffnung’. Die Frage nach der Hoffnung
muss, wie Kant gesagt hat, religiös beant-
2.1. Verlust der Gewißheit 7
L. Kolakowski, Die Sorge um Gott in einem wortet werden. Oder anders gesagt: Der
Mit dieser Frage hat sich vor allem der pol- scheinbar gottlosen Zeitalter, in H. Rössner Mensch kann selber nichts dazu beitragen,
nische Philosoph Leszek Kolakowski ausei- (Hrsg.), Der nahe und der ferne Gott, Berlin dass Hoffnung sich erfüllt. Deshalb ist das
nandergesetzt und geschrieben, dass im 18. 1981, S. 10. Gebet der stärkste Ausdruck der christli-
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O. Marquard, Der angeklagte und entlastete
und auch noch in der ersten Hälfte des I9. chen Hoffnung. Denn im Gebet wenden wir
Mensch des 18. Jahrhunderts, in Abschied vom
Jahrhunderts die Atheisten fröhlich waren. Prinzipiellen, Hamburg 1981. uns an Gott, und wir gehen davon aus, dass
transparent spezial Mittelteil III
wir uns selbst nicht (mehr) helfen können. Christus zu sein, aber es ist notwendiger, diese eine Welt. Alle wußten: Es kann nicht
Gebetslosigkeit ist auch Hoffnungslosig- hier zu sein um euretwillen.” Er versteht sein, dass es nur diese Welt gibt.
keit. Wer nicht betet, glaubt entweder, dass sein Leben hier als einen Dienst, den er tut,
er alles alleine schafft oder dass ihm nie- weil Christus es möchte. Paulus fügte nicht Wir sollten vom Himmel Gottes sprechen,
mand helfen kann. Beides ist gleich hoff- hinzu: ‚Die paar Jahre kriege ich auch noch damit die Menschen nicht einen falschen
nungslos. Deshalb bedeutet Verlust des rum’, sondern: Das Leben hier bedeutet mir Himmel suchen, damit sie sich nicht mit zu
Himmels und Verlust Gottes auch Verlust ein fruchtreiches Schaffen. In der Nachfol- wenig zufriedengeben, ihre Sehnsucht zu-
der Hoffnung. Deshalb die Hoffnungslosig- ge Jesu hat das, was wir tun, Bestand für schütten und denken, es kommt nichts
keit unserer Welt, und deshalb müssen wir die Ewigkeit. Der Vorwurf, dass diejeni- mehr, damit sie nicht in den Rausch flüch-
Christen vom Himmel sprechen, um dem gen, die auf den Himmel hoffen, in dieser ten oder nach den Ufos suchen. Die Sehn-
Verlust der Hoffnung entgegenzuwirken. Welt passiv sind, ist historisch leicht wider- sucht nach Ewigkeit ist in unser Herz ge-
legbar. Carl-Friedrich von Weizsäcker hat legt. Deshalb sollen wir auch anderen ge-
Nun geht es nicht nur um die private Hoff- dazu geschrieben, dass die Christen wie genüber von dieser Verheißung Gottes,
nung, die Hoffnung auf die eigene Aufer- niemand sonst diese Welt verändert haben, dem neuen Himmel und der neuen Erde, in
stehung. Es geht um mehr, wie das Ge- gerade die Christen, die an das baldige En- der Gerechtigkeit wohnt, nicht schweigen.
spräch des deutschen Philosophen Hork- de der Geschichte geglaubt haben. Warum
heimer mit einem Journalisten kurz vor sei- haben sie diese Welt so verändert? Deshalb, Am Ende von C.S. Lewis’ Buch “Pere-
nem Tode zeigt: Der Journalist fragt: weil sie sich um ihren Nächsten gekümmert landra” gibt es eine Diskussion darüber,
“Glauben Sie, dass es Gott gibt?” Hork- haben. Kaiser Julian (4. Jh.), ein Gegner dass in der Theologie die Lehre von der
heimer antwortet: “Ich fürchte, es gibt kei- der Christen, schrieb: “Der Erfolg der Wiederkunft Christi unter “Eschatologie”,
nen Gott.” Warum er das fürchte? Manche Christen besteht darin... Sie kümmern sich der Lehre von den letzten Dingen, verhan-
fänden es doch gut, dass es keinen gebe. nicht nur um ihre eigenen Leute, sondern delt wird. Ein Gesprächspartner fragt ganz
Horkheimer antwortete sinngemäß: Wenn sie kümmern sich sogar um unsere Armen überrascht: Wenn Jesus wiederkommt,
es keinen Gott gibt, dann gibt es auch keine und Kranken.” geht’s doch erst los – was heißt hier “letzte
Gerechtigkeit, denn alles, was wir sehen Dinge”?11 =
können in dieser Welt, ist, dass es keine Die Hoffnung auf den Himmel hat Men-
Gerechtigkeit gibt. Es gibt in der Geschich- schen in Bewegung gesetzt. Vielleicht kann
te keine Gerechtigkeit für die Opfer und die überhaupt nur die Hoffnung auf den Him-
9
Täter. Was soll man den Menschen sagen, mel uns dauerhaft in Bewegung setzen,
die in Auschwitz und den Archipels Gulags weil dort ja für uns gesorgt ist. Wer glaubt,
umgekommen sind? Wo ist die Gerechtig- dass er nur dieses Leben hat, der muss es
keit? Wenn es keinen Gott gibt, wird es sie natürlich vollpacken und raffen, was er be-
nie geben. Auch deshalb sollten Christen kommen kann. Wer aber weiß, dass dieses
vom Himmel sprechen, weil sie wissen, Leben nur ein vorübergehendes ist, nur ein
dass es eine Gerechtigkeit gibt für Opfer Geschenk auf Zeit, der kann sich loslassen,
und für Täter, dass es auch einen Trost gibt kann sich einsetzen für andere, so wie Pau-
für das Leid, und dass einmal alle Tränen lus. Wenn wir vom Himmel sprechen, dann
abgewischt werden. Innerhalb dieser Welt sollten unsere Taten nicht zum Himmel
gibt es nur vorübergehende Tröstungen, schreien, so wie es Manfred Siebald in ei-
keine wirklich tiefgreifende Antwort auf nem Lied gedichtet hat. Vielleicht sind ja
die Tragiken und Absurditäten des Lebens. Heine, Feuerbach und andere (zu) vielen
Aber es gibt die Verheißung der neuen Menschen begegnet, bei denen Wort und
Welt, in der Gerechtigkeit wohnt und die Tat nicht übereingestimmt haben.
Verheißung, dass der Jesus Christus, den
Gott von den Toten auferweckt hat, Richter 4. Christen sollten vom Himmel
über Lebende und Tote sein wird und ge- sprechen, damit die Menschen um
recht richten wird. Der Schweizer Dichter uns herum nicht nach einem fal-
Kurt Marti hat einmal geschrieben: “Das schen Himmel suchen
könnte manchen Herren so passen wenn
mit dem Tode alles beglichen... [und] für In Pred. 3,11 steht, dass die Sehnsucht nach
immer bestätigt wäre”, dass es keine Aufer- Ewigkeit in unsere Herzen gelegt ist. Ich
stehung der Toten gibt. Nee, nee, es kommt glaube, alle Menschen ahnen, dass es mehr
nochmal alles zur Sprache. So einfach gibt als die sichtbare, vergängliche Welt.
10 Sie spüren bei jeder Erfahrung von Schön-
nicht.
heit oder Freude oder auch von Schmerz
3. Christen sollten vom Himmel und Trauer, dass hier nicht unsere wahre
sprechen, weil das Wissen um den Heimat ist. Auch hier ist die deutsche Spra-
Himmel frei macht zum Dienst für che sehr interessant, denn das Wort “lei-
andere den” kommt vom mittelhochdeutschen “li-
dan” und heißt “in die Fremde ziehen”.
Wenn es so schön im Himmel ist, könnte Wer leidet, hat den Eindruck, dass er hier in
man fragen, warum denn die Christen nicht der Fremde ist. Das deutsche Wort Elend
direkt in den Himmel gehen? Paulus heißt eigentlich “außer Landes sein”.
schreibt in Phil. 1: “Es wäre besser, bei Es hat mich sehr überrascht, als ich zum
ersten Mal in der Sowjetunion war, dass
sehr viele Menschen in dem Staat, der be-
9
M. Horkheimer, Die Sehnsucht nach dem ganz hauptete, es gibt nur diese eine Welt, vor
Anderen, Hamburg 1970, S. 76; zur ausführli- allen Dingen an Ufos und allem Außerirdi-
chen Diskussion O. Bayer, Die Furcht, dass es schem interessiert waren. Dieses Interesse
Gott nicht gebe, in Theologische Beiträge 1995,
S. 22ff.
war der Versuch, auszubrechen aus dem 11 C.S. Lewis, Perelandra, Lüdenscheid 1981,
10
K. Marti, Leichenreden, Frankfurt 1987, S. 81 geschlossenen System, das sagt, es gibt nur S. 211.
transparent spezial Mittelteil IV