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Interview mit Karl Heinz Roth: Wie der Reemtsma Konzern von der Nazi-Zwangsarbeit auf der Krim

profitierte
"Die Kenntnis der Vergangenheit raum und den Weltmarkt werden. besetzt. Reemtsma-Experten erhielt Lebensmittelzuteilungen. zwungen wurden. Das ergibt eine
ist unverzichtbar für die Analy- Dieses strategisch-unternehme- wUrden zum Abtransport der er- Das war die Voraussetzung für drastische Erweiterung der Pers-
se der Gegenwart" - seit mehr rische Interesse Reemtsmas deck- beuteten Tabakernte 1941 einge- eine unbeschränkte Verfügung pektive. Und es führt vor Augen,
als 20 Jahren tragen Karl Heinz te sich mit der Expansionsstrate- setzt, zur Wiederingangsetzung der KORAN über Arbeitskräfte dass eine Gesamtgeschichte der
Roth und die Stiftung für Sozial- gie der NB-Diktatur. Die Krim galt der Fermentationsanlagen und auf den Tabakfeldern, in den Fer- unfreien Arbeit aussteht, die den
geschichte des 20. Jahrhunderts dieser als strategischer Südpfei- Zigarettenfabriken und so wei- mentationsanstalten und Ziga- Schwerpunkt auf die Erforschung
dazu bei, Kontinuitäten und Brü- lerdes Großgermanischen Reichs ter. Ausgangspunkt war der sow- rettenfabriken. Zur Peitsche kam von Zwangs- und Sklavenarbeit in
che der dreißiger bis fünfziger über die das Schwarze Meer und jetische Tabaktrust Simferopol, aber auch das Zuckerbrot: die den besetzten Gebieten legt. Das
Jahre zu erforschen. Eines der dessen Anrainerländer, insbe- der dem Tabakreferat unterstellt sogenannte Neue Agrarordnung. macht auch Vergleichsuntersu-
Themen, derer sich Karl Heinz sondere die Türkei beherrscht wurde. Von hier aus begann der Vormalige Kolchosen der Tabak- chungen mit anderen während .
Roth in jüngster Zeit angenom- werden sollte. Aufbau von zunächst zwölf und dörfer wurden parzelliert ul).d als der NS-Diktatur hochgekom-
men hat, liegt bis heute nahezu Und die Krim sollte das Sprung- schließlich über 20 Sammelstel- Hofland an die Bauernfamilien menen Familiendynastien nö-
im Dunkeln: die· Ausbeutung brett zum Kaukasus sein, um len - sogenannter Tabakpunk- übertragen, die die Felder gegen tig - zum Beispiel Flick, Oetker,
. von Zwangs- und Sklavenarbei- noch vor dem Winter 1941 vom te - ~ur Erfassung der in den 600 Naturallohn weiter gemeinsam Schickedanz, Bertelsmann-Mohn,
terinnen durch den Reemtsma- Norden her den Zugriff auf die ÖI- Dörfern geernteten und getrock- bestellen mussten. Dorfältes- Quandt usw. Und es macht·deut-
Tabak-Konzern auf der von den quellen des Nahen und Mittleren neten Tabakblätter. Im Oktober te - sogenannte Staroste, teilten lieh, dass das Thema Entschä-
Deutschen besetzten Krim (Uk- Ostens abzusichern. Diesen Zeit- 1942 wurde die Organisation der den Familien die Felder zur Be- digung neu diskutiert werden
raine) während der NS-Herr- plan für die Besetzung der Krim Tabakpunkte, die Fermentations- wirtschaftung zu. Die Starosten muss, denn ZwangsarbeiterInnen
schaft. Susanne Uhl sprach mit einzuhalten - das verhinderte anstalten und Transport und Ver- wurden so zu einer ambivalenten in der Land- und Hauswirtschaft
Karl Heinz Roth über seine For- zunächst der militärische Wider- waltung per Konzessionsvertrag Mittelinstanz, die die Zwangsar- und alle, die in den besetzten Ge-
schungsergebnisse, die er im De- stand der ·Roten Armee und der zwischen WirtschaftsStab Ost und beit erst funktionsfähig machte. bieten zur Arbeit gepresst wur~
zember 2009 auf Einladung der Partisanen. Aus Sicht der Deut- Reemtsma der Beteiligungsgesell- Das Wechselspiel von Peitsche den, wurden von der InitiaUV;
Kurt-und-Herma-Römer-Stiftung schen gab es nur in der Zeit zwi- schaft Krim Orient Tabakanbau und Zuckerbrot war raffiniert zur Entschädigung der Zwangs-
erstmals in Hamburg öffentlich schen Juli 1942 und Spätsommer GmbH, KORAN genannt, übertra- durchdacht, und es macht deut- und Sklavenarbeit unter der NS-
vorstellte. 1943 einigermaßen stabile Ver- gen. Sie hatte durchschnittlich 420 lich, dass die Arbeitspolitik des Diktatur nicht berückSichtigt.
hältnisse auf der Krim. Jede Form Beschäftigte, davon etwa zwanzig Reemtsma-Konzerns auch und Wir haben eine historische Ver-
Herr Roth, der Aufstieg der des sich Widersetzens wurde mit bis dreißig Reemtsma-Experten. gerade unter unfreien Arbeits- antwortung gegenüber den Ge-
Tabakdynastie Reemtsma ist extremem Terror und massiver Zusammen mit den behördlichen verhältnissen sichere Gewinn- sellschaften der ehemaligen be-
eng verknüpft mit der Krim Hungerpolitik beantwortet. Reemtsma-Vertretern befanden margen einbrachte. setzten Gebiete Osteuropas, auch
und mit der NS-Diktatur. sich etwa vierzig Reemtsma-Mit- wenn die meisten Opfer nicht
Warum engagierte sich der Nun haben Sie in Ihren Nach- arbeiter auf der Krim. Sie beschreiben, dass die mehr am Leben sind.
Reemtsma-Konzern gerade forschungen herausgearbei- Ausbeutung von Zwangs-
auf der Krim? tet, dass es über die jeweili- Das Tabakgeschäft auf der und Sklavenarbeiterinnen in Das Gespräch führte Susanne Uhl,
gen strategischen Planungen Politologin und Vorsitzende der Kurt
Die Antwort findet sich in den Krim warf insgesamt sehr den besetzten Gebieten zen-
und Herma Römer Stiftung, die sich vor
strategischen Planungen Reemts- hinaus auch konkrete Zu- hohe Gewinne ab. Ist diese tral war für die sogenannte allem humanitärer Hilfe für Überleben-
mas, wohin sich der Konzern ent- sammenarbeit gab zwischen Rentabilität ohne den Ein- Rüstungsfestung Europa. de der Nazi-Zwangsarbeit auf der Krim
dem Wirtschaftskommando satz von Zwangs- und Skla- Lässt sich der Fall Reemtsma widmet.
wickeln sollte. Der Balkan war als
Hauptlieferant von Orienttaba- Krim und Mitarbeitern des venarbeiterlnnen überhaupt verallgemeinern?
Karl Heinz Roth,
ken weggebrochen und die Krim Reemtsma-Konzerns. vorstellbar? Fast die gesamte arbeitsfähi- bekannter Histori-
sollte mit ihren erstklassigen Ori- Ja, das Beispiel der Reemts- Nein. Es gab eine allgemeine ge Bevölkerung der Krim, also ker, Sozialforscher
und Arzt, lebt
enttabaken Ersatz bieten. Gleich- ma-Mitarbeiter zeigt die enge Arbeitspflicht für alle zwischen 400.000 bis 450.000 Menschen
in Bremen und
zeitig sollte der Zugriff auf die Verflechtung des unternehme· 14 und 60 Jahren. Wer nicht er- wurde durch Hunger und Re- ist Mitarbeiter
gesamte Produktionskette Krim- rischen mit dem militärisch- schien, für den gab es drastische pressalien zur Arbeit gepresst. der STIFTUNG
Tabak als eine Art Leistungsnach- politischen Machtapparat der Repressalien bis hin zur Einwei- Gleichzeitig wurden etwa zehn FÜR SOZIALGESCHICHTE DES 20.
JAHRHUNDERTS. Die Forschungs-
weis dienen für die angestrebte NS-Diktatur in den meisten sung in das KZ - Arbeitserzie- Prozent der Bevölkerung ins ergebnisse von ihm, Jan-Peter
Vormachtstellung Reemtsmas in Besatzungsstäben. So war das hungslager bei Simferopol. In Reich d~portiert. Insgesamt hat Abraham und Anna Eichwald werden
den weitaus größeren Anbauge- Tabakreferat des Wirtschafts- Einzelfällen kam es auch zu Hin- das Nazi-System im Reichsgebiet im Herbst 2010 als Buch in der
edition nautilus Verlag Lutz Schu-
bieten des Kaukasus. Die Krim kommandos Krim, einer Unteror- richtungen. Aber hauptsächlich etwa 12 bis 13 Millionen Zwangs- lenburg (Hamburg) unter dem Titel
und der Kaukasus sollten zum ganisation des Wirtschaftsstabs wurde der juristische und physi- und Sklavenarbeiter ausgebeutet. IIReemtsma auf der Krim - Tabakpro-
neuen Zentrum der Zigaretten- Ost der Wehrmacht, von Anfang sche Zwang durch eine Politik des In den besetzten Gebieten waren duktion und Zwangsarbeit unter der
produktion für den sogenannten ;a n .mit sogenannten Sonderfüh- Hungers ergänzt. Nur wer sich es aber mindestens 36 Millionen deutschen Besatzungsherrschaft
1941-1944" veröffentlicht.
Europäisch~ Großwirtschafts- rern aus dem Reemtsma-Konzern bei den Arbeitsbehörden meldete, Menschen, die zur Arbeit g~-