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3/2004
Folge mir nach
1
Inhalt/Impressum

Inhalt
Aus aktuellem Anlass:
„Die Passion Christi“ ................................................................................... 4
Kritisieren – aber richtig ............................................................................... 6
Versammlung Gottes:
Teil 8: Die Versammlung Gottes – Versammlungszucht .............................. 10
Fragen und Antworten:
Wo war der HERR Jesus (sein Geist), als sein Leib im Grab lag? .................. 16
Zum Nachdenken:
Pinnwand .................................................................................................. 18
Bibelstudium:
Gute Werke – Teil 1 .................................................................................. 20
Streiflicht:
Der Prophet Micha .................................................................................... 26
Bibel praktisch:
Der „strenge Herr“ – Autoritätskrise in der Gesellschaft ............................. 29
Lebensbilder:
Frank Binford Hole (1874-1964) ............................................................... 33
Buchbesprechung:
Der Herr ist Rettung – Eine Auslegung zum Propheten Jesaja ................... 35
Gute Botschaft:
Weizen oder Lolch ..................................................................................... 36

Impressum
Herausgeber: Anschrift der Redaktion:
Christliche Schriftenverbreitung Rainer Brockhaus · Kormoranweg 18 · 46487 Wesel
Hückeswagen Tel.: (02 81) 6 08 19 · Fax: 6 36 17
PF 100 153 E-mail: rbrockhaus@gmx.de
42490 Hückeswagen Internet: http://www.folgemirnach.de
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Telefax: (0 21 92) 92 10 23 Herstellung:
E-mail: info@csv-verlag.de Layout und Konzeption:
Andre Dietermann, www.dtp-medien.de, Haiger
Druck: Brockhaus Druck, Dillenburg

Folge mir nach erscheint sechswöchentlich; Bildnachweis:


Abo-Preis � 13,-- (zzgl. Porto Inland: � 2,50; Porto Aus- Project Photos: 1, 4, 5, 30
land: � 4,--); Musterhefte können jederzeit angefordert R. Dietermann: 15, 17, 28, 36
werden; Abonnements und Änderungen im Abonnement Creativ collection: 6
bitte an den Herausgeber. Bibelübersetzung: Elberfelder
Übersetzung Version 2003

2
Das persönliche Grußwort

E s gibt schon komische Leute! Die israelische Zeitschrift „Ma’ariv“


berichtete, dass Israels Tourismusminister die Christen des Landes auf-
gefordert hat, die Muslime zu missionieren. Sie sollten „von Moschee zu
Moschee gehen“ und alle „muslimischen Mörder, die vergessen haben,
dass es verboten ist zu töten, in gläubige Christen und gute Menschen ver-
wandeln“. Gleichzeitig jedoch warnte der Minister sehr davor, Juden zum
christlichen Glauben zu bekehren. Die armen, bösen Palästinenser brau-
chen Christus, um zu anständigen Menschen zu werden, wir selbst sind
schon anständig genug.

So ganz unbekannt scheint mir diese Denkart auch in Deutschland nicht zu


sein. Für Kinder ist „Religion“ ganz gut. Da lernen sie, gute Menschen mit
gewissen Wertvorstellungen zu werden. Oder für alte Menschen kann die
Bibel ein Trost sein in ihren alten Tagen. Aber der „moderne“ Zeitgenosse,
der mit beiden Beinen im Leben steht, braucht so eine „Krücke“ nicht.
– Eine fatale Fehleinschätzung!

Aber wie sieht es denn bei uns Christen aus? Kommt uns nicht oft beim
Lesen von Gottes Wort oder eines geistlichen Artikels oder beim Hören
einer Predigt der Gedanke: „Das müsste Andreas, Martina, Bruder Müller
oder Schwester Meier ... sich mal zu Herzen nehmen!“? Gott will in erster
Linie zu mir persönlich reden. So wünsche ich dir, dass du auch diese
Ausgabe von „Folge mir nach“ zuerst einmal mit persönlichem Gewinn
liest. Das schließt natürlich nicht aus, dass du auch mit anderen über
Artikel des Heftes redest, sie darauf hinweist oder das Heft weitergibst. Im
Gegenteil – wenn die Artikel in dieser Zeitschrift geistliche Gespräche unter
jungen Menschen anregen würden, würde uns das nur freuen.

Folge mir nach


3
„Die Passion Christi“ –
als evangelistischer Film?
A m 18. März war in Deutschland die Premiere des Films „Die Passion Christi“.
Hollywood-Star und Oscar-Preisträger Mel Gibson hat einen Film über die letzten
12 Stunden des Lebens Jesu gemacht – von Gethsemane bis zum Tod am Kreuz.
Obwohl dieser Film als „blutigster Evangelienfilm, den es je gab“ bezeichnet wurde,
und sogar ein ranghohes Mitglied der Evangelischen Kirche sagte: „Den Film zu
sehen, kann ich Ihnen nicht raten“ , meinen viele Christen, jetzt eine großartige
Möglichkeit der Evangelisation zu haben.

Die Passion Jesu Christi – als evange- akzeptiert man diese „Rolle“ eines Menschen.
listischer Film? Kein Sterblicher kann den darstellen, der
allein dazu fähig war, für uns als reines und
Aufgrund unserer Liebe zu unserem Erlöser heiliges Opfer in den Tod zu gehen.
sehen wir uns als Redaktion genötigt, vor
diesem Film eindringlich zu warnen, und 2. Die Leiden des Herrn werden in dem Film
zwar aus einer Reihe von grundsätzlichen ausführlich gezeigt – bis zum Tod Christi. Die
Erwägungen. Auch wir selbst haben den Film Bibel dagegen verhüllt die drei Stunden
nicht angesehen - das ist keinem zu raten! der Finsternis vollständig vor dem Auge
- sondern beziehen uns auf Mitteilungen der des Menschen, selbst vor den Augen des
Filmgesellschaft und weitere Vorberichte. Gläubigen. Nur der eine Ausruf des Herrn
Wir wollen bewusst keine Filmbesprechung wird fünfmal genannt: „Mein Gott, mein Gott,
bieten, da diese zur weiteren Beschäftigung warum hast du mich verlassen?“.
anregen würde – sondern eine prinzipielle
Wertung vornehmen. 3. Wenn die Beschreibung der Leiden des
Herrn in der Bibel einen Charakterzug trägt,
Der Film „Die Passion Jesu Christi“ soll dann gerade den der Schlichtheit und
für missionarische Zwecke einsetzbar sein. heiligen Ehrfurcht, auch in den Leidens-
Manche meinen, dass er zu einer Erweckung psalmen (z.B. Ps 22; 69; 102). Schon immer
ersten Ranges führen werde. Muss man sich haben gläubige und ungläubige Menschen
einen solchen Film nicht ansehen? Diese eine Ausschmückung dieser Szenen als
Frage ist klar zu verneinen, und zwar aus wertvoll empfunden. Aber Gott hat seine
mehreren Gründen: Gründe, dass Er dies in der Bibel nicht
getan hat: Nicht emotionale Ergriffenheit,
1. Wie beurteilt Gott diesen Film, in dem sondern ein tiefes Erfassen mit Herz und
das einzigartige Werk seines Sohnes, ja sein Verstand führt zu Umkehr – und zu gottge-
Sohn selbst „gespielt“ wird? Wie kann ein wirkter Anbetung des Lammes Gottes. Das
Mensch es wagen, den Herrn Jesus, „Gesicht“ des Darstellers von Jesus Christus
den Sohn des lebendigen Gottes, zu und manche Szenen werden immer im
„spielen“, seine Leiden und seinen Tod? Gedächtnis eines Zuschauers haften bleiben
Ist das nicht Lästerung? Das betrifft zwar – genau dem wird dadurch vorgebeugt, dass
nicht den Zuschauer, sondern den, der diese Gott uns keinen Film, sondern sein Wort
Person im Film spielt. Aber als Zuschauer gegeben hat.

4
„Die Passion Christi“

4. Der „Katholizismus“ von Mel Gibson 7. Das Entscheidende in der Leidens-


hat „die Passion Christi“ gefärbt. Eine Reihe geschichte des Herrn Jesus kann gar
von Ausschmückungen des Leidens Christi nicht gezeigt werden, denn die – im Film
gehen auf Veröffentlichungen der deutschen gespielten – körperlichen Leiden des Herrn
Mystikerin Anna Katharina Emmerick konnten nicht eine einzige Sünde hinweg
(1774-1824) zurück: einer Frau, die der tun. Der Herr Jesus musste unsere Sünden
Überlieferung nach die Wundmale Christi SÜHNEN, und das geschah allein durch das
am eigenen Körper empfing. Allein das Gericht Gottes über die Sünden, das kein
– und eine über die Schrift hinausgehende Mensch gesehen hat, und seinen Opfertod.
Ausschmückung der Leiden (vgl. Off 22,18) Darauf muss der Evangelist hinweisen! Irre-
– stellt eine blasphemische Sünde gegen führend ist dagegen die Schlussfolgerung,
Gott und seinen eingeborenen Sohn, Jesus dass man Gott und Jesus Christus dadurch
Christus, dar. Dazu gehört auch die Durch- näher käme, dass man selbst – wie im Film
tränkung des Filmes von der ungöttlichen bei Christus zu sehen – körperliche Leiden
Marienverehrung. auf sich nimmt. Nein – neues Leben ist ein
Geschenk Gottes, das sich kein Mensch
5. Den Kritiken des Filmes nach zu urteilen erarbeiten oder erkaufen kann.
spricht dieser Film in erster Linie die
Emotionen an. Diese sollen sicher nicht Kann Gott trotzdem durch diesen Film
unberührt bleiben, wenn es um den Tod wirken?
unseres Retters geht. Aber die Entscheidung
der Buße und des Bekenntnisses der Sünden Kann durch eine solche, ungöttliche, un-
erfolgt nicht allein über unsere Emotionen. biblische Sache eine Erweckung entstehen?
Der Herr Jesus selbst macht in dem Gleichnis Kann durch einen solchen, ungöttlichen und
vom Sämann deutlich, dass es gerade eine blasphemischen Film ein Mensch zur Erret-
große Gefahr ist, nur emotional beeindruckt tung geführt werden? Gott ist souverän und
zu sein. Denn wenn „das Wort vom Kreuz“ kann selbst das bewirken.
keine Wurzel im Herzen des Menschen fasst,
ist es fruchtlos und nutzlos. Nur Menschen, Aber wir – wir sollten nicht auf diesen Film
die von ihrer eigenen Sündhaftigkeit innerlich starren und Menschen dazu einladen, ihn sich
überzeugt werden – und zwar durch Hören anzusehen. Wir sollten Menschen auf ihre
des Wortes Gottes, nicht durch Sehen! verlorene Seele ansprechen und Christus pre-
– können durch die froh machende Botschaft digen – allein den Christus der Schriften.
des Evangeliums gewonnen werden. Manuel Seibel
6. Ein volles Evangelium hat als Zentrum Ich bezeuge ernstlich vor Gott
das Kreuz Christi, zweifellos. Es geht um das
„Wort vom Kreuz“ (1. Kor 1,18). Und das
und Christus Jesus, der da rich-
Kreuz „der Bibel“ macht deutlich, dass wir ten wird Lebendige und Tote,
SÜNDER sind, die ewig verloren gingen, und bei seiner Erscheinung
wenn Christus nicht am Kreuz gestorben und seinem Reich: Predige das
wäre; die ewig VERLOREN GEHEN, wenn
wir uns nicht bekehren. Diese Botschaft Wort, halte darauf zu gelege-
scheint in diesem Film einfach zu fehlen. Zum ner und ungelegener Zeit …
vollen Evangelium gehören der Tod Christi, Du aber sei nüchtern in allem,
sein Begräbnis und seine Auferstehung (1.
Kor. 15,4). Die Auferstehung unserer Recht- leide Trübsal, tu das Werk
fertigung wegen (Röm 4,25) macht unsere eines Evangelisten, vollführe
Sicherheit aus – sie wird im Film nur am deinen Dienst.
Rande erwähnt. 2. Timotheus 4,1-5
Folge mir nach
5
„Ein weiser Tadler und
ein hörendes Ohr“
Kritisieren – aber richtig

A uf den ersten Blick eine seltsame Überschrift, oder? Wor-


um geht es? Dieser Artikel soll ein paar Gedankenanstöße zum
Thema Kritik geben – über richtige und falsche Kritik. Denn auch
dazu hat die Bibel uns etwas zu sagen.

Zwei Fragen stehen dabei im Vordergrund: al. Eine Beschwerde muss nicht unbedingt
etwas Negatives sein. Nein, sie bietet die
Frage 1: Möglichkeit, aus einem gemachten Fehler
Wie bringe ich Kritik richtig an? etwas Positives abzuleiten. Ob eine berech-
Frage 2: tigte Kritik, eine Reklamation aber für beide
Wie nehme ich Kritik richtig auf? Seiten den gewünschten Erfolg hat, hängt
stark davon ab, wie sie vorgebracht und
Der weise Salomo gibt uns dazu den wie sie aufgenommen wird.
Leitvers – deshalb auch die seltsame
Überschrift: „Ein goldener Ohrring und Im Leben der Kinder Gottes ist das nicht
ein Halsgeschmeide von feinem Gold: So anders. Niemand von uns ist fehlerfrei.
ist ein weiser Tadler für ein hörendes Ohr“ Keiner lebt so, dass er nie Anlass zur Kritik
(Spr 25,12). Für Kritik könnten wir also geben würde. Trotzdem machen die meis-
auch Tadel sagen (im Sprachgebrauch des ten von uns um Kritik lieber einen Bogen.
Neuen Testaments auch „Ermahnung“). Richtig vorgebrachte Kritik hat aber einen
hohen Wert. Salomo vergleicht sie mit fei-
nem Gold – vorausgesetzt der Kritisierende
Der Wert richtiger Kritik (der „Tadler“) ist weise und der Kritisierte
hat ein „hörendes“, d.h. aufnehmendes
Ohne Kritik kann keine Gesellschaft ver- Ohr. Und genau da liegt im geschwisterli-
nünftig existieren und sich entwickeln. chen Miteinander oft der wunde Punkt.
Besonders im Wirtschaftsleben hat man
längst gemerkt, dass ein gutes Beschwer-
demanagement nicht etwas Lästiges ist, So bitte nicht
sondern eine Chance, Dinge besser zu
machen. Jeder Kunde, der sich beschwert, Was sind eigentlich meine Motive, meinen
gibt einem Unternehmen wichtige Hinwei- Bruder oder meine Schwester zu kritisie-
se für vorhandenes Verbesserungspotenti- ren?

6
Kritisieren – aber richtig

Will ich meinem Gegenüber eins auswi- Meinem Bruder eins auswischen?
schen? Hat mich mein Bruder oft geär- „Rächt nicht euch selbst Geliebte” (Röm
gert und ich sehe jetzt endlich eine Mög- 12,19). Also Fehlanzeige!
lichkeit, mich mal zu „revanchieren”? Meiner Schwester zeigen, wie toll ich
Solche Kritik wird kaum ankommen. bin? „Du Heuchler, zieh zuerst den Bal-
Will ich zeigen, wie toll ich bin? Soll ken aus deinem Auge heraus, und dann
meine Schwester durch meine Bemer- wirst du klar sehen, um den Splitter aus
kungen darauf aufmerksam gemacht dem Auge deines Bruders herauszu-
werden, dass ich ja viel besser bin und ziehen” (Mt 7,5). Also erst mal bei mir
es auch besser kann? Solche Kritik wird selbst anfangen!
ihr Ziel auch kaum erreichen. Meinen Bruder öffentlich bloß stellen?
Will ich mit meiner Kritik andere darauf „Wenn aber dein Bruder gegen dich
aufmerksam machen, dass er/sie einen sündigt, so geh hin, überführe ihn zwi-
Fehler gemacht hat? Soll mein Bruder in schen dir und ihm allein. Wenn er auf
aller Öffentlichkeit bloß gestellt werden? dich hört, hast du deinen Bruder ge-
Auch solche Kritik wird kaum auf frucht- wonnen” (Mt 18,15). Also kein öffentli-
baren Boden fallen. ches Aufsehen erregen.

Nein, wer richtig kritisieren will, der soll-


Überprüfen meiner Motive te sich über seine Motive im Klaren sein.
Kritik kann und darf nur dann angebracht
Kritik richtig anzubringen, ist gar nicht so werden, wenn ich meinem Bruder/meiner
einfach. Als Erstes muss ich meine Motive Schwester echt helfen will. Kritik hat dann
überprüfen. Wenn die nicht in Ordnung die größten Chancen, auf fruchtbaren
sind (siehe oben), dann sollte ich das Kri- Boden zu fallen, wenn sie aus einem rei-
tisieren besser lassen. Hören wir mal, was nen, aufrichtigen und liebevollen Herzen
die Bibel dazu sagt: kommt.

Folge mir nach


7
Kritik richtig anbringen uns noch mal an das Beschwerdemanage-
ment. Kritik ist eine Chance, Dinge besser
Paulus war ein Mann, der viel kritisiert hat. zu machen. Oder sind wir etwa perfekt?
Überrascht? Lies mal die Briefe von Paulus. Jeder weiß, dass er Schwächen hat – und
Dann wirst du merken, wie ein weiser Tad- doch haben wir es nicht gerne, wenn ande-
ler vorgeht. Er haut nicht mit dem Hammer re uns darauf aufmerksam machen.
drauf und fällt auch nicht mit der Tür ins
Haus. Ganz im Gegenteil: Er kommt in der
Gesinnung des Herrn Jesus. In Liebe. In
Sorgfalt. Aber doch deutlich und klar.

Wer ein „weiser Tadler“ sein möchte, wird


zuerst seinen Herrn im Gebet bitten,
ihm die nötige Weisheit und die richti-
gen Worte zu geben.
immer versuchen, sich in die Situation
des anderen zu versetzen. Er wird sich
fragen, wie er selbst reagieren würde,
wenn andere das tun, was er jetzt im Be-
griff steht, selbst zu tun.
zunächst das Positive beim anderen su-
chen und das auch im Gespräch erwäh-
nen (Paulus hat in fast allen Briefen am
Anfang gedankt und gelobt).
auch das Wort nicht vergessen: „Daher,
meine geliebten Brüder, sei jeder schnell
zum Hören, langsam zum Reden”.

Das hört sich alles ziemlich einfach an, aber


die Praxis zeigt uns allen, wie viel Mühe Unsere typischen Reaktionen auf Kritik
wir damit haben (der Autor an erster Stel- können z.B. so aussehen:
le). Ein Wort von Paulus darf uns aber Mut
machen: „Ich bin aber auch selbst, meine Wir empfinden die Kritik als unange-
Brüder, im Blick auf euch überzeugt, dass messen und wehren uns sofort, indem
auch ihr selbst voll Gütigkeit seid, erfüllt mit wir den Kritisierenden auf seine eigenen
aller Erkenntnis und fähig, auch einander Fehler aufmerksam machen. Frei nach
zu ermahnen“ (Röm 15,14). dem Motto: „Angriff ist die beste Vertei-
digung”.
Wir schweigen zu der Kritik und ziehen
Kritik richtig aufnehmen uns beleidigt und schmollend in unser
Schneckenhaus zurück. Der Kritisieren-
Jetzt geht es um das „hörende Ohr“. Kritik de kann uns erst mal „gestohlen” blei-
ist nun wirklich das Letzte, was wir gerne ben. Wir behandeln ihn wie Luft.
hören. „Wie kann der es wagen, mich so Wir nehmen die Kritik scheinbar an,
anzugreifen? Der spinnt ja wohl!“ – mögen nutzen aber jede Gelegenheit, uns bei
wir denken oder sagen. Aber erinnern wir Dritten über den Kritisierenden zu be-

8
Kritisieren – aber richtig

schweren und ihn unmöglich zu ma- te Ohr“. Dazu passen zwei Ausdrücke aus
chen. Diese Verhaltensweise ist übrigens dem Neuen Testament. Sie heißen: „ge-
der beste Nährboden für Streit und genseitig“ und „einer den anderen“. Dazu
Gruppenbildung unter Kindern Gottes. folgende Bibelstellen zum weiteren Nach-
denken über unser Thema:
Typisch ist auch, die innere Haltung des
„Tadlers“ erst mal zu hinterfragen. Wir un- „ ... nichts aus Streitsucht oder eitlem
terstellen unlautere Motive, weil uns die Ruhm tuend, sondern in der Demut ei-
kritischen Töne angreifen. Dabei sollten wir ner den anderen höher achtend als sich
im Sinn der Bibel bei jeglicher Kritik zuerst selbst” (Phil 2,3).
mal davon ausgehen, dass sie in der rich- „Deshalb ermuntert einander und er-
tigen Gesinnung vorgebracht wird und be- baut einer den anderen, wie ihr auch
rechtigt ist. Und selbst, wenn das nicht der tut” (1. Thes 5,11).
Fall ist, darf ich trotzdem die innere Größe „ ... einander ertragend und euch ge-
haben, sie von Gott anzunehmen. genseitig vergebend, wenn einer Klage
hat gegen den anderen; wie auch der
Hier nun einige Tipps, die uns weiterhelfen Christus euch vergeben hat, so auch
können, Kritik richtig aufzunehmen und ein ihr” (Kol 3,13).
„hörendes Ohr“ zu haben. „Lasst das Wort des Christus reichlich in
euch wohnen, indem ihr in aller Weis-
Ein „hörendes Ohr“ zu haben bedeutet: heit euch gegenseitig lehrt und ermahnt
die Kritik vom Herrn selbst annehmen. mit Psalmen, Lobliedern und geistlichen
Er ist es schließlich, der auch das zu- Liedern, Gott singend in euren Herzen
lässt in Gnade” (Kol 3,16).
mit der vorgebrachten Kritik erst einmal
ins Gebet gehen „ ... nichts aus Streit-
Kritik nicht gleich als einen Angriff gegen
die eigene Person auffassen
sucht oder eitlem
sich nicht sofort wehren oder beleidigt Ruhm tuend, sondern
sein
auch offensichtlich unberechtigte Kritik
in der Demut einer den
einmal schweigend akzeptieren können anderen höher ach-
sich für Kritik bedanken (bei Gott und
vielleicht sogar bei dem Bruder/der tend als sich selbst”
Schwester) Philipper 2,3
Auch hier gilt: Es ist leicht gesagt und ge- Wenn wir in dieser Haltung miteinander
schrieben, aber schwer verwirklicht (der umgehen, dann wird Kritik (oder Ermah-
Autor wieder an erster Stelle). Trotzdem: nung) in der richtigen Weise vorgebracht
Der Herr will uns helfen! und in der richtigen Weise aufgenommen
werden. Die Folge ist, dass wir einander
helfen und ergänzen, Streitigkeiten unter-
Gleichgesinnt sein einander vermeiden und so viel mehr Zeit
gewinnen, die wir im Dienst für den Herrn
Zum richtigen Kritisieren gehören immer nutzbringend einsetzen können.
zwei: Der „weise Tadler“ und das „geöffne-
Ernst-August Bremicker
Folge mir nach
9
Die Versammlung Gottes –
Versammlungszucht – ist das
wirklich nötig?
Versammlung Gottes – Teil 8

V ersammlungszucht1 – ein so ernstes Thema, muss das wirklich


sein? Noch grundsätzlicher gefragt: Muss es in der Versammlung Gottes
so etwas wie Versammlungszucht überhaupt geben? Über das „Warum“
und „Wozu“ und die verschiedenen Formen von „Zucht“ im weitesten
Sinne wollen wir in dieser Folge nachdenken.

Zucht in der Versammlung – Wieso? Deshalb kann es, wie wir noch sehen
werden, im Extremfall notwendig sein,
Auf die Frage, weshalb eine Versammlung dass sich die Versammlung durch Zucht
Zucht üben muss, gibt es verschiedene von der in ihrer Mitte vorhandenen
Antworten. Sünde durch echte Demütigung und
Die entscheidende Antwort ist sicher das Hinaustun des Bösen reinigen
die der Heiligkeit Gottes. In einem frü- muss (2. Kor 7,11).
heren Artikel haben wir gesehen, dass Gott ist der Zustand des einzelnen
die Versammlung Gottes in der Bibel Gläubigen nicht gleichgültig, und er
u.a. als das Haus Gottes gesehen wird. kann auch uns nicht gleichgültig sein.
Sie ist der Ort, wo Gott wohnt. Gott ist Der Gläubige, der gesündigt hat, scha-
„zu rein von Augen, um Böses zu se- det sich selbst: Seine Gemeinschaft mit
hen“ (Hab 1,13), und seinem Haus ge- Gott und mit den Mitgeschwistern ist
ziemt Heiligkeit (Ps 93,5). Ein heiliger gestört. Deshalb ist auch die Zurecht-
Gott kann nicht da wohnen, wo Sünde bringung des Bruders oder der Schwes-
und Böses geduldet wird. Ein Zusam- ter ein wichtiges Ziel jeder Zuchtmaß-
menkommen von Gläubigen, das Bö- nahme.
ses in seiner Mitte duldet und prinzipiell Wenn Sünde in einer Versammlung ein-
unbeachtet übergeht, würde schließlich fach übergangen wird, wird dadurch letzt-
den Charakter als örtliche Darstellung lich auch das Wirken des Heiligen Geistes
der Versammlung Gottes verlieren (vgl. in der Versammlung eingeschränkt oder
1. Kor 5,6, Off 2,5). gar ausgelöscht (1. Thes 5,19).

1
Unter Versammlungs- oder Gemeindezucht verstehen wir das biblische Behandeln (durch verantwortliche Brüder oder die ganze
Versammlung) von Verfehlungen und Sünden von Geschwistern der Versammlung.

10
Die Versammlung Gottes – Versammlungszucht

Zucht in der Versammlung – Wann Zurechtbringen


und Wie?
„Brüder, wenn auch ein Mensch von einem
Wenn von Versammlungs- oder Gemein- Fehltritt übereilt würde, so bringt ihr, die
dezucht die Rede ist, denken wir schnell Geistlichen, einen solchen wieder zurecht
ausschließlich an die äußerste, letzte Form im Geist der Sanftmut, wobei du auf dich
der Zucht: das Hinaustun des Bösen, den selbst siehst, dass nicht auch du versucht
Ausschluss. Die Bibel kennt aber noch eine werdest“ (Gal 6,1).
ganze Anzahl anderer Formen der Zucht:
Kennen wir nicht alle solche Situationen in
Verhalten bei persönlichen Vergehen unserem Leben: Wir wollten nicht sündi-
gen; aber aus Mangel an Wachsamkeit hat
„Wenn aber dein Bruder gegen dich sün- uns in einer bestimmten Situation eine Sa-
digt, so geh hin, überführe ihn zwischen che übereilt und wir haben gesündigt? Ei-
dir und ihm allein. Wenn er auf dich hört, nen Fehltritt (oder Übertretung, Vergehung)
hast du deinen Bruder gewonnen. Wenn er
aber nicht hört, so nimm noch einen oder
zwei mit dir, damit durch den Mund von
Wenn aber dein Bruder
zwei oder drei Zeugen jede Sache bestätigt
werde. Wenn er aber nicht auf sie hört, so
gegen dich sündigt, so
sage es der Versammlung; wenn er aber
auch auf die Versammlung nicht hört, so
geh hin, überführe ihn
sei er dir wie der Heide und der Zöllner“
(Mt 18,15-17). zwischen dir und
In Matthäus 18,15-17 behandelt der Herr ihm allein.
Jesus den Fall, dass ein Bruder gegen einen
anderen sündigt. Das ist und bleibt zuerst
Matthäus 18,15
eine persönliche Sache („so geh hin, über- nennt es die Bibel. Wie gut, wenn dann
führe ihn zwischen dir und ihm allein“). geistliche Geschwister da sind, die uns zu-
Das Ziel dabei ist nicht, ihm „den Kopf zu rechtbringen – vielleicht unter vier Augen.
waschen“ oder mein Recht zu bekommen, Dann geschieht das, was Petrus in 1. Petrus
sondern das Wohl des Bruders zu suchen 4,8 meint. „Die Liebe bedeckt eine Menge
(„wenn er auf dich hört, hast du deinen von Sünden“. „Bedecken“ heißt nicht: Re-
Bruder gewonnen“). Erst wenn auch die den wir nicht darüber, es ist halb so wild,
Hilfe von ein oder zwei anderen geistlichen sondern „bedecken“ bedeutet, eine Sache
Brüdern keinen Erfolg bringt, soll der Bru- unter vier Augen auf gottgemäße Weise zu
der, gegen den gesündigt wurde, die Sache ordnen, ohne sie unnötig an die Öffentlich-
der örtlichen Versammlung übergeben. Er keit zu bringen.
selbst wird in der Sache nicht mehr weiter Ein solcher Dienst soll geschehen „im Geist
handeln, wenn auch sein Verhältnis zu dem der Sanftmut, wobei du auf dich selbst
Bruder, der gesündigt hat, belastet bleibt siehst“. Das tiefe Bewusstsein, dass mein
und der Verkehr mit einem solchen einge- Herz keinen Deut besser ist als das meines
schränkt ist („so sei er dir wie der Heide Bruders oder meiner Schwester und dass
und der Zöllner“).2 es nur die Gnade Gottes ist, die mich vor
2
Siehe auch Fragenbeantwortung in FMN 1/2002, Seite 22

Folge mir nach


11
Fehltritten bewahren kann, macht mich erst Was meint die Bibel mit einem „Unor-
fähig zu einem solchen Dienst. dentlichen“? Der Text in 2. Thessalonicher
3 macht deutlich: Es waren Gläubige, die
Zurechtweisen und Ermahnen nicht mehr arbeiteten, stattdessen „frem-
de Dinge“ trieben und dadurch natürlich
„Wir ermahnen euch aber, Brüder: Weist die den anderen Gläubigen „auf der Tasche
Unordentlichen zurecht“ (1. Thes 5,14). lagen“. Es geht hier nicht um Menschen,
„... der in Sanftmut die Widersacher zu- die aufgrund der wirtschaftlichen Situation
rechtweist“ (2. Tim 2,25). arbeitslos sind oder keine Stelle bekom-
„... denkt daran, dass ich drei Jahre lang men. Es geht um solche, die – vielleicht
Nacht und Tag nicht aufgehört habe, ei- aus der Erwartung des baldigen Kommens
nen jeden mit Tränen zu ermahnen“ (Apg des Herrn – gar nicht mehr arbeiteten und
20,31). stattdessen ihre Zeit mit unnützen und so-
gar schädlichen Dingen verbrachten.
Wenn unser Verhalten nicht mehr mit
den Gedanken Gottes in seinem Wort Wenn heute Christen die Unterweisungen
übereinstimmt, wird der Heilige Geist oft über ihr tägliches Leben als Christen fort-
versuchen, durch Hirtendienst zu unseren gesetzt missachten (vgl. 2. Thes 3,6), kann
Herzen zu reden. Die Stelle in Apostelge- dies ebenfalls zu einem unordentlichen3
schichte 20 zeigt, wie intensiv und auch Verhalten führen. Es ist also nicht von
innerlich beteiligt der Apostel Paulus diesen vornherein eine sündige Tat mit dem un-
seelsorgerlichen Hirtendienst ausgeführt ordentlichen Wandel verbunden, sondern
hat. Dieser Dienst kann, wenn die Sache an eher ein Lebensstil.
Ernst zunimmt und der Zustand des Betref-
fenden nicht gut ist, auch die ernste Form Die betreffenden Personen in Thessalonich
der Zurechtweisung annehmen. Doch auch zeigten zudem auch keine Einsicht über ihr
diese darf nicht fleischlich geschehen, son- Fehlverhalten, denn die Zuchthandlung
dern in Sanftmut, mit dem Ziel, den Bruder „Bezeichnen“ steht am Ende eines langen
oder die Schwester wiederzugewinnen. Weges der Bemühungen um den Betreffen-
den. Bei dem Apostel finden wir sieben vo-
Bezeichnen rausgehende „Stationen“ auf diesem Weg:

„Wenn aber jemand unserem Wort durch 1. die Ermahnung durch das eigene Vor-
den Brief nicht gehorcht, den bezeichnet bild des Apostels – er arbeitete (2. Thes
und habt keinen Umgang mit ihm, damit er 3,7-8),
beschämt werde; und erachtet ihn nicht als 2. die Ermahnung durch den Apostel, als
einen Feind, sondern weist ihn zurecht als er bei ihnen war, „ehrbar, anständig” zu
einen Bruder“ (2. Thes 3,14.15). wandeln (1. Thes 4,11-12),
3. dieselbe Ermahnung durch den ersten
Der schon in 1. Thessalonicher erwähnte Brief (1. Thes 4,10-11),
„Unordentliche“ taucht auch im zweiten 4. die Zurechtweisung der Unordentlichen
Brief wieder auf, und die Zuchtmaß- durch die Brüder (1. Thes 5,14),
nahmen nehmen an Schärfe zu, da die 5. die Versammlung hat sich von einem
Zurechtweisung offenbar keinen Erfolg solchen bereits zurückgezogen (2. Thes
gebracht hatte. Fragen wir uns zunächst: 3,6),
3
griechisch àtaktos: zügellos, ungeordnet, zuchtlos, nicht in Reih und Glied stehend

12
Die Versammlung Gottes – Versammlungszucht

6. das wiederholte Gebot und die Ermah- net einen Zustand, eine fortlaufende Sache
nung durch den zweiten Brief (2. Thes oder Handlung in der Öffentlichkeit. Brü-
3,12), der mit Gewicht und Autorität sollen einen
7. die erneute Ermahnung, Gehorsam zu solchen
leisten (2. Thes 3,14a). „überführen”, d.h. ein Urteil abgeben.
Diese Überführung geschieht mit dem
Führte dies alles nicht zur Umkehr, erfolg- Wort Gottes (2. Tim 3,16). Das Wort
te die Bezeichnung. Mit der Bezeichnung Gottes muss auf die Sache angewandt
kommen wir zu einer Zuchtmaßnahme werden und die Sünde deutlich ans
mit öffentlichem Charakter, d.h. die Sa- Licht bringen und benennen.
che wird öffentlich bekannt gegeben. Es ist „vor allen”: Es handelt sich um eine
die Konsequenz für öffentlichen Ungehor- öffentliche Zuchthandlung.
sam gegenüber Gottes Wort. Bezeichnen „damit auch die Übrigen Furcht haben”:
bedeutet so viel wie „markieren, merken, Die Verbreitung der Sünde soll im Keim
aufzeichnen“. Sie geschieht durch öffentli- erstickt werden.
che Nennung des
Namens in Ver- Alle Schrift ist von Gott eingege- Die Zuchthand-
lung soll den Zu-
bindung mit der ben und nützlich zur Lehre, zur rechtgewiesenen
Unordentlichkeit überführen und
bei ihm/ihr. Folge Überführung, zur Zurechtweisung, dazu bringen, mit
einer Bezeichnung zur Unterweisung in der Gerech- der Sünde zu bre-
ist der Abbruch der chen und Buße
sozialen Kontakte tigkeit, damit der Mensch Gottes zu tun. Sollte
mit dem Betroffe-
nen durch die Ge-
vollkommen sei, zu jedem guten er weiterhin in
dem Zustand be-
schwister, obwohl Werk völlig geschickt. harren, müssten
die Person noch sicher andere,
am Brotbrechen
2. Timotheus 3,16.17 s c h w e r w i e g e n-
teilnehmen kann. Ziel dieser Zucht ist, dass dere Zuchtmaßnahmen erfolgen. Doch
der Betroffene „beschämt“ wird, d.h. zur davon spricht der Apostel hier nicht.
Einsicht und Umkehr geführt wird. Auch
nach der Bezeichnung sind Bemühungen Handeln mit Sektierern und solchen,
um den Bruder oder die Schwester mög- die Spaltung betreiben
lich und eventuell nötig, und zwar in Form
von Zurechtweisung und Ermahnung. Der „Ich ermahne euch aber, Brüder, auf die zu
Betreffende ist nicht als Feind zu betrach- achten, die Zwiespalt und Ärgernis anrich-
ten, sondern als ein Bruder zurecht zu wei- ten, entgegen der Lehre, die ihr gelernt habt,
sen. und wendet euch von ihnen ab. Denn solche
dienen nicht unserem Herrn Christus, son-
Öffentliche Zurechtweisung dern ihrem eigenen Bauch, und durch süße
Worte und schöne Reden verführen sie die
„Die da sündigen, überführe vor allen, da- Herzen der Arglosen“ (Röm 16,17.18).
mit auch die Übrigen Furcht haben“ (1. Tim
5,20). „Einen sektiererischen Menschen weise ab
nach einer ein- und zweimaligen Zurecht-
Der Ausdruck „die da sündigen“ bezeich- weisung, da du weißt, dass ein solcher ver-

Folge mir nach


13
kehrt ist und sündigt, indem er durch sich Leitung des Heiligen Geistes zusammen
selbst verurteilt ist“(Tit 3,10.11). kommen will, besteht natürlich immer die
Gefahr, dass auch fleischliches Handeln
Gott möchte, dass die Seinen den Ge- und Schlimmeres Eingang finden kann.
danken der Einheit auch praktisch am Ort Die Stelle aus 1. Korinther 14 zeigt, dass al-
darstellen. Wenn jetzt jemand kommt, um les, was in der Versammlung bei der Wort-
die Versammlung zu spalten und die Gläu- verkündigung gesagt wird, der Beurteilung
bigen hinter sich herzuziehen, dann ist das unterliegt. Und zwar der Beurteilung, ob es
gegen die Lehre des Wortes Gottes. Auf in Übereinstimmung ist mit Gottes Wort,
solche gilt es Acht zu haben und sich von und ob es dem Ziel der Auferbauung der
ihnen abzuwenden. Sie stellen eine Gefahr Versammlung dient. Sollten nun Männer
dar, besonders für die noch unbefestigten auftreten, die „andere Lehren lehren“ oder
Gläubigen. Ein „sektiererischer“ Mensch ist „lehren, was sich nicht geziemt“, muss dem
jemand, der eine Sekte oder Abspaltung gewehrt werden, und sie müssen notfalls
bilden will oder es schon getan hat. Er soll aufgefordert werden zu schweigen.
ein- oder zweimal zurechtgewiesen werden.
Wenn er aber darauf nicht hört, soll er ab- Das Hinaustun böser Personen
gewiesen werden. Er handelt verkehrt und
sündigt. Dieses Abweisen wird sich sicher „Tut den Bösen von euch selbst hinaus“
darin zeigen, dass man einem Betreffen- (1. Kor 5,13).
den jede Wirkungsmöglichkeit unter den „Wahrlich, ich sage euch: Was irgend ihr auf
Geschwistern entzieht. Ein öffentliches der Erde binden werdet, wird im Himmel
Auftreten in den Zusammenkünften – falls gebunden sein, und was irgend ihr auf der
er sie noch besucht – kann nicht geduldet Erde lösen werdet, wird im Himmel gelöst
werden. Aber auch privat werden die Ge- sein“ (Mt 18,18).
schwister ihm nicht mehr Gehör schenken.
Der Ausschluss, das heißt der vollständige
Schweigen in den Zusammenkünften Abbruch der Kontakte mit einer Person,
ist die letzte und äußerste Form der Ver-
„Propheten aber lasst zwei oder drei re- sammlungszucht. Man könnte auch sagen,
den, und die anderen lasst urteilen“ (1. Kor es ist das Eingeständnis, dass alle anderen
14,29). Möglichkeiten versagt haben und nur noch
„So wie ich dich bat, als ich nach Maze- dieser Weg bleibt. Es würde den Rahmen
donien reiste, in Ephesus zu bleiben, damit dieses Artikels sprengen, auf alle Fragen in
du einigen gebötest, nicht andere Lehren Verbindung mit diesem wichtigen Thema
zu lehren“ (1. Tim 1,3). einzugehen. Im Folgenden möchte ich die
„Denn es gibt viele zügellose Schwät- wichtigsten Punkte aufzählen, um dem Le-
zer und Betrüger, besonders die aus der ser eine Hilfe zu geben, den Gegenstand
Beschneidung, denen man den Mund weiter an Hand der Schrift zu erforschen.
stopfen muss, die ganze Häuser umkeh-
ren, indem sie schändlichen Gewinnes Wenn die Sünde von einer solchen Art
wegen lehren, was sich nicht geziemt“ ist, dass sie den, der sie begangen hat,
(Tit 1,10.11). kennzeichnet, charakterisiert und somit
seinen bösen Zustand offenbar macht,
Da, wo man nicht nach menschlichen Vor- muss die Versammlung den Bösen hin-
schriften und Liturgien, sondern unter der austun (1. Kor 5,13).

14
Die Versammlung Gottes – Versammlungszucht

Eine solche Sünde in der Mitte der Ver- chen ausgeschlossen, sondern es endet
sammlung hat den Charakter von Sau- auch jeder geschwisterliche Umgang mit
erteig, der den ganzen Teig durchsäuert. dem Ausgeschlossenen (1. Kor 5,11).
Sie drückt der ganzen Versammlung den Die Versammlung, die sich durch De-
Stempel auf, so dass sie nicht mehr „un- mütigung und den Ausschluss von der
gesäuert”, sondern verunreinigt ist. Die in ihrer Mitte vorhandenen Sünde rei-
einzige Möglichkeit, sich zu reinigen, ist nigt, hofft natürlich, dass der Betreffen-
der Ausschluss dessen, der die Tat be- de dadurch zur Einsicht und zur Buße
gangen hat (1. Kor 5,6-8). kommt. Sollte dies der Fall sein, kann
Die Liste von Sünden in 1. Korinther und soll die Versammlung ihn wieder
5,11 ist nicht voll- aufnehmen („lösen”
ständig, sondern eine Mt 18,18; „vergeben”
repräsentative Liste. 2. Kor 2,6-8).
Im Prinzip kann jede „Ziel”, so weit man
Sünde einen bösen Zu- dieses Wort an dieser
stand offenbaren. Das Stelle benutzen darf, des
gilt für sittlich-moralisch Ausschlusses ist die Auf-
Böses (1. Kor 5,6) ge- rechterhaltung der Ehre
nauso wie für lehrmä- des Herrn, der in der
ßig Böses (Gal 5,9; 2. Mitte der Versammlung
Joh 7-11). Dabei muss wohnt und mit dem wir
das Böse in diesem, am Tisch des Herrn un-
schlimmen Charakter mittelbar Gemeinschaft
offenbar geworden haben. Seine Ehre würde
und erwiesen sein. Es besudelt, wenn wir Böses
geht nicht um Vermu- nicht aus der Versamm-
tungen, aufgrund derer lung wegtun würden.
jemand ausgeschlossen Die Versammlung ist
wird. kein Gerichtshof. Der Akt
Die Versammlung ist des Ausschlusses ist kein
nicht frei zu überlegen, kalter Verwaltungsakt,
ob sie bei Verfehlungen sondern sollte stets im
dieser Art handeln muss. Wenn sie sich Geist der Demütigung und Trauer durchge-
rein erhalten will (vgl. 2. Kor 7,11), muss führt (1. Kor 5,2).
sie handeln.
Der Ausschluss wird grundsätzlich von Das Thema Zucht in der Versammlung ist
der ganzen Versammlung durchgeführt. einerseits ein ernstes Thema, das uns immer
Der Vorgang des „Bindens” und „Lö- an unser Versagen erinnert. Andererseits
sens” geschieht durch die im Namen des sehen wir darin, wie der Herr für das Wohl
Herrn zusammengekommene Versamm- seiner Versammlung sorgt und die Wie-
lung. Das „Binden” in Matthäus 18,18 derherstellung des Einzelnen im Auge hat.
entspricht dem Hinaustun in 1. Korinther Selbst für den schlimmsten Fall hat der Herr
5. Die Sünde wird gewissermaßen an Sorge getragen, so dass es möglich ist, dass
eine solche Person gebunden. Er weiter in der Mitte seiner Versammlung
Mit dem Ausschluss wird der Betreffende wohnen kann.
nicht nur von der Teilnahme am Brotbre- Michael Vogelsang

Folge mir nach


15
Wo war der HERR Jesus „Jesus aber schrie wiederum mit lau-

!
ter Stimme und gab den Geist auf“ (Mt
(sein Geist), als sein Leib 27,50).
im Grab lag?

?
„Und Jesus rief mit lauter Stimme und
sprach: Vater, in deine Hände übergebe
FRAGE :
ich meinen Geist! Als er dies aber gesagt
„Darum, meine geliebten Brüder, seid
hatte, verschied er“ (Lk 23,46).
fest, unerschütterlich, nehmt immer zu
in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, „Und er neigte das Haupt und übergab
dass eure Arbeit nicht vergeblich ist im den Geist“ (Joh 19,30b).
Herrn!“ (1. Kor 15,58).
„Und er sprach zu ihm [dem Übeltäter]:
Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit
Liebe Mitarbeiter von „Folge mir nach“,
mir im Paradies sein“ (Lk 23,43).
könnten Sie bitte diese Frage in einer
Folge Ihres Heftes beantworten: Eine Schriftstelle, die in allgemeinem Sinn
vom Tod des Menschen redet und davon,
Wo war der Herr Jesus (sein Geist), als was mit seinem Geist geschieht, finden wir
Er die drei Tage im Grab lag? War Er bei im Prediger Kapitel 12,5.7:
Gott, dem Vater, oder im Paradies??
„Denn der Mensch geht hin zu seinem
Der Herr möge Euch reichlich für Eure ewigen Haus, … ehe … der Staub zur

!
so wichtige Arbeit segnen! Erde zurückkehrt, so wie er gewesen ist,
M.E. und der Geist zu Gott zurückkehrt, der ihn
gegeben hat.“
ANTWORT:
Wenn der Herr Jesus dem bußfertigen
Liebe/r Einsender/in, Räuber am Kreuz verheißt, dieser werde
„mit mir im Paradies sein“, dann spricht Er
als Vorbemerkung möchte ich sagen, dass von dem Aufenthaltsort oder eben besser
es nicht einfach ist, zwischen Geist und von dem Zustand der im Glauben gestor-
Seele genau zu unterscheiden. Schon benen Menschen, wo ihre Seele glückselig
der Fragenformulierung selbst liegt diese sein wird, und wo auch Er als Mensch sein
Schwierigkeit zugrunde: „Wo war der Herr würde, denn Er sagt: „mit mir“. Der Leib
Jesus (sein Geist) ...?“ (Frage: ... und sei- wird beerdigt, ins Grab gelegt. Er wartet
ne Seele?), während wir von seinem Leib auf die Auferstehung, wo er wieder – al-
sagen können, dass er im Grab lag. Wir lerdings als ein „Auferstehungsleib“, der
sollten außerdem nicht an irgendeinen für das Wohnen im Vaterhaus passend ist
„Ort“ im Universum denken, wenn wir von – mit Seele und Geist vereint sein wird.
dem „Aufenthaltsort“ der Seele oder des Die Seele des Menschen, der im Unglau-
Geistes sprechen. Mit aller Vorsicht wollen ben stirbt, wird in einem Zustand der
wir daher untersuchen, welche Aussagen „Qualen“ sein, im Hades (Lk 16,23), und
wir zu dieser Frage in der Schrift finden. – mit dem Geist – in der Auferstehung
Zunächst zitiere ich die Schriftstellen, die der Toten wieder einen Leib erhalten, um
vom Tod des Herrn Jesus unmittelbar re- darin das endgültige Gericht am „großen
den:

16
!!
Fragenbeantwortung

weißen Thron“ zu empfangen und für für das ewige Verderben der Übrigen.
ewig Strafe zu leiden.
Auch der Herr Jesus hatte als wahrer
Was den Geist betrifft, so ist er als der „vor- Mensch Geist, Seele und Leib. Als Er
nehmste“ Teil des Menschen, sozusagen starb, „gab“ Er seinen Geist in die Hände
sein „Kern“, ihm von Gott gegeben: Der des Vaters. Nur Er konnte dies von sich
Mensch wurde eine lebendige Seele (1. aus tun. Und als der Sohn Gottes gab Er
Mo 2,7), d.h. eine Persönlichkeit, die wei- seinen Geist in die Hände des Vaters, sei-
ter existiert, selbst wenn der irdische Leib nes Vaters. Es ist dies ein Ausdruck der
stirbt – und ist daher unsterblich. Wenn besonderen innigen Beziehung, die nur Er
nun nach dem leiblichen Tod der Leib kannte.
zum Staub zurückkehrt, wird der Geist
zu dem zurückkehren, der ihn gegeben Zusammenfassend können wir also bei al-
hat: Das ist Gott. Das hat nichts mit der ler gebotenen Vorsicht und mit Ehrfurcht
Frage zu tun, ob der betreffende Mensch sagen, dass die Seele des Herrn Jesus in
gläubig war und das ewige Leben besitzt. diesen drei Tagen und Nächten „im Pa-
Es bedeutet einfach, dass sein Geist nun radies“ war, seinen Geist hat Er „in die
ausschließlich in der Verfügung Gottes ist. Hände des Vaters“ gegeben, während sein
Gott wird Geist, Seele und Leib wieder zu- Leib im Grab lag.
sammenführen, sei es für die ewige Herr-
lichkeit der im Glauben Gestorbenen oder Rainer Brockhaus

Folge mir nach


17
Pinnwand
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ch: Es w
uf! Sei realistis
5. Gib nicht a r an !
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entmutigen. Fa

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18 19
Bibelstudium

Gute Werke Teil 1

Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus


Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet
hat, damit wir in ihnen wandeln sollen.
Epheser 2,10

„G ute Werke“ ist für Christen fast ein Schlagwort geworden.


Jeder will sie tun. Manche meinen, jeder könnte sie tun. In dieser
zweiteiligen Wortstudie werden einmal die Spuren verfolgt, die uns
die guten Werke in der Schrift hinterlassen haben.

Aktualität und Wichtigkeit guter Werke die mächtige Aussagekraft eines gottes-
fürchtigen Lebenswandels. Sie ist oft viel
Das Thema „Gute Werke“ ist immer noch mächtiger als unsere Worte.
aktuell. Auch ungefähr 1900 Jahre nach
Vollendung des Wortes Gottes hat es Auch in der Welt wird viel von guten
nichts von seiner Aktualität und Wich- Werken gesprochen. Immer wieder wird
tigkeit eingebüßt. Der Herr hat uns nach in den Medien zu guten Werken aufge-
unserer Bekehrung nicht von dieser Erde rufen, besonders nach Unglücken und
weggenommen, sondern hier gelassen, Katastrophen. Doch wenn die Menschen
um seine Zeugen zu sein und seinen Na- von guten Werken reden, meinen sie
men in unserem Leben zu verherrlichen dann das, was auch Gottes Wort unter
– unter anderem durch gute Werke. Wir guten Werken versteht? Sind nicht viele
sind hier gelassen, „damit (wir) die Lehre, unserer Mitmenschen heutzutage immer
die unseres Heiland-Gottes ist, zieren in noch der Meinung, dass man sich den
allem“ (Tit 2,10). Himmel durch gute Werke „verdienen“
kann? Sind ungläubige Menschen denn
Die meisten Menschen um uns herum überhaupt zu guten Werken in der
glauben nicht an Gott und lesen auch Lage?
nicht die Bibel, aber es ist der Wille des Aber vielleicht gehören wir ja zu denen,
Herrn, dass sie unsere guten Werke se- die diesen Punkt schon lange hinter
hen und dadurch zu Ihm geführt werden. sich haben und schon einige Jahre als
Ich denke, wir unterschätzen allzu oft Christen leben. Ist es dann immer noch

20
Bibelstudium – Gute Werke

so, dass wir „zu jedem guten Werk bereit „dass er an den glaubt, den der Vater
sind“ (Tit 3,1) oder nur zu einigen, die uns gesandt hat“, nämlich den Herrn Jesus.
persönlich zusagen? Suchen wir immer Der lebendige Glaube an den Sohn des
noch fleißig nach Gelegenheiten, um „die Vaters ist die Grundvoraussetzung zu
Werke zu tun, die Gott zuvor bereitet hat, guten Werken! Er versetzt uns überhaupt
damit wir in ihnen wandeln sollen“ (Eph erst in die Lage, gute Werke zu tun.
2,10), oder sind wir mit uns ganz zufrie- Ohne Glauben sind wir von vornherein
den und mit dem, was wir „geistlich“ disqualifiziert. Und kein Werk, das von
erreicht haben? einem Ungläubigen getan wird, wenn
auch in bester Absicht, ist wirklich „gut“
Das Thema „Gute Werke“ nimmt im in Gottes Augen. Es ist bestenfalls ein
Neuen Testament und besonders in den „totes“ Werk, da es nicht auf lebendigem
Briefen von Paulus einen großen Raum Glauben beruht.
ein. Immer wieder werden wir zu guten
Werken aufgefordert, oder ermuntert, In Titus 3,8b erwähnt der Apostel Paulus
nicht darin zu ermatten. Insgesamt 29 die zwei wesentlichen Eigenschaften
Mal lesen wir im Neuen Testament von guter Werke. Sie sind dadurch gekenn-
guten Werken oder gutem Werk; 9 Mal zeichnet, dass sie „gut sind und nützlich
finden wir den Ausdruck „in/zu jedem für die Menschen“. Gute Werke tragen
guten Werk“. Es ist ein sehr praktisches also zwei Charakterzüge: Sie sind gut in
Thema, das jeden einzelnen Christen Gottes Augen und nützlich in Bezug auf
persönlich anspricht. Menschen. Wie wir bereits sahen, ver-
leiht Gott nur dann das Prädikat „gut“,
Aufgaben, Fragen, Denkanstöße wenn lebendiger Glaube vorhanden ist.
1. Was verstehen die Menschen allge- Aber „nützlich für die Menschen“ sind
mein unter „guten Werken”? auch die Werke Ungläubiger. Dafür gibt
2. Erstelle mit Hilfe einer Konkordanz/ es sicherlich viele Beispiele. Ein Werk
Computerbibel eine Liste der Stellen, muss jedoch beide grundlegenden Ei-
in denen der Ausdruck „gute Werke” genschaften aufweisen, um als „gutes
(29), bzw. „in/zu jedem guten Werk” Werk“ im Sinne von Titus 3,8 bezeichnet
(9) vorkommt. werden zu können. Und darauf kommt
es schließlich an.
Was sind gute Werke?
Wie sehr sich die Sichtweise Gottes von
Schon zur Zeit des Herrn Jesus stellten der des Menschen unterscheidet, wenn
sich Menschen die Frage, auf welche es um die Beurteilung von Werken geht,
Weise sie gute Werke tun könnten. In Jo- sehen wir auch an den zwei Beispielen,
hannes 6,28 hören wir sie fragen: „Was die der Apostel Jakobus in Kapitel 2 sei-
sollen wir tun, um die Werke Gottes zu nes Briefes erwähnt. Dort erwähnt er als
wirken?“, und wir hören die entschei- Beispiele für Werke des Glaubens das
dende Antwort aus dem Mund des Herrn Werk Abrahams und Rahabs. Abraham
(V.29): „Dies ist das Werk Gottes, dass war bereit, Isaak, seinen eigenen Sohn,
ihr an den glaubt, den er gesandt hat.“ auf dem Altar (V.21) zu opfern, und Ra-
Diese Antwort ist von grundlegender hab verriet ihr eigenes Volk (V.25). Sind
Bedeutung. Das erste gute Werk, das dies Werke, die die Welt als gut bezeich-
ein Mensch je in der Lage ist zu tun, ist, nen würde? Wohl eher nicht. Ganz im

Folge mir nach


21
Gegenteil, sie würden vielmehr Strafe gegenseitig. Das eine ist ohne das an-
nach sich ziehen. In diesem Sinn fallen dere nicht möglich. Wir finden manche
diese Werke also nicht unter die Kate- Abschnitte in Gottes Wort, die dieses
gorie von Titus 3,8. Und doch fand Gott Verhältnis zwischen Glaube und Werken
Gefallen an diesen Werken, nicht um der zum Thema haben, und oberflächlich
Werke selbst willen, sondern wegen des betrachtet scheinen sie sich zum Teil
Herzenszustands, in welchem sie verübt sogar zu widersprechen. Doch Gottes
wurden. Gott sah tiefer und sah den Wort widerspricht sich nie. Was für uns
Glauben in Abrahams und Rahabs Herz vielleicht auf den ersten Blick wie ein Wi-
und verlieh ihren Werken das Prädikat derspruch aussieht, liegt oftmals nur in
„gut“; denn die Schrift sagt in Bezug auf der Tatsache begründet, dass die Schrift
beide, dass sie „aus Werken gerechtfer- einen bestimmten Gegenstand aus ver-
tigt wurden“. schiedenen Blickrichtungen beleuchtet.
Bei näherem Hinsehen lösen sich die
Aufgaben, Fragen, Denkanstöße: meisten Widersprüche wie Nebel auf.
1. Die Schrift benutzt in Verbindung mit
dem Ausdruck „Werke” auch Ergän- Vor allem der Römer- und Jakobusbrief
zungen. Suche folgende Begriffe in haben den vor uns liegenden Gegen-
der Bibel: böse Werke, tote Werke, stand zum Thema. Sie haben einen un-
Werke des Fleisches; vollkommenes terschiedlichen Blickwinkel und dadurch
Werk, gesetzlose Werke, Werke der ergänzen sie sich auf vollkommene
Gottlosigkeit, die ersten Werke, die Weise.
letzten Werke. Um das Verhältnis zwischen Glaube
und Werken besser zu verstehen, ist es
Zweimal „gut“ hilfreich, sich zunächst über die Bedeu-
Die griechische Sprache, in der das tungsunterschiede der Begriffe „Glaube“
Neue Testament verfasst wurde, kennt und „Rechtfertigung“ im Römer- und
zwei Ausdrücke für „gut“, die beide auch Jakobusbrief klar zu werden. Sowohl
in der Verbindung „gute Werke“ vorkom- Paulus als auch Jakobus verwenden die-
men. Sie werden durch zwei Frauen be- se Begriffe häufig, verstehen unter ihnen
sonders illustriert: jedoch Unterschiedliches.
Agathos: gut in seinem Charakter und
nützlich in seinen Auswirkungen;
Illustration: Dorkas (Apg 9,36). a) Glaube und Rechtfertigung im Rö-
Kalos: gut, wertvoll an sich; ohne unbe- merbrief
dingt nützlich für andere zu sein.
Illustration: Maria von Bethanien (Mk Im Römerbrief lernen wir, dass der
14,6). Mensch aus Glauben ohne Gesetzes-
werke gerechtfertigt wird (Röm 3,28;
5,1). Wenn Paulus von Glauben spricht,
Glaube und gute Werke denkt er an den lebendigen Glauben
im Herzen eines Menschen, den nur
Es besteht ein enger Zusammenhang Gott sieht. Dieser Glaube an Gott ist die
zwischen Glauben und (guten) Werken. Grundlage unserer Rechtfertigung, und
In gewisser Hinsicht bedingen sich im gute Werke spielen dabei keine Rolle.
Leben eines Christen Glaube und Werke Eine Gerechtigkeit aufgrund guter Werke

22
Bibelstudium – Gute Werke

kann vor Gott nicht bestehen. Gott recht- kel. Der Glaube hat bei Jakobus viel-
fertigt den, der des Glaubens an Jesus fach die Bedeutung von Glaubensbe-
ist (Röm 3,26b). Gott betrachtet einen kenntnis, das echt oder unecht sein
solchen als Gerechten. Er sieht ihn in kann. Es geht ihm um die Frage: Wie
dem Herrn Jesus, durch den er Gerech- kann sich ein Mensch gerecht erweisen
tigkeit geschenkt bekommen hat (1. Kor vor Menschen? Wie kann man seinen
1,30); und er, der begnadigte Sünder, ist Glauben zeigen? Wie kann ich zeigen,
Gottes Gerechtigkeit geworden im Herrn dass mein Glaubensbekenntnis echt
Jesus (2. Kor. 5,21). ist, dass es auf eine innere Wirklichkeit
zurückgeht? Es geht ihm also im Ge-
Bei Paulus geht es um die Frage: Wie gensatz zu Paulus um die Rechtferti-
kann ein Mensch gerecht sein vor Gott? gung vor Menschen.
Es geht um unsere Rechtfertigung vor
Gott. Dies wird aus Römer 4,2 ersicht- In Jakobus 2 heißt es von Abraham und
lich. „Wenn Abraham aus Werken ge- Rahab, dass sie aus Werken gerechtfer-
rechtfertigt wird, so hat er etwas zu rüh- tigt wurden (V.21.25). Gott wusste, dass
men – aber nicht vor Gott.“ Vor Gott kann Abraham und Rahab glaubten; er sah
sich niemand durch Werke rechtfertigen. den lebendigen Glauben in ihren Herzen
Allein der Glaube ist es, der vor Gott und wusste, dass sie gerecht waren.
zählt und der Abraham zur Gerechtigkeit Vor ihm mussten sie sich nicht durch
gerechnet wurde (V.3). Werke rechtfertigen. Aber Gott wollte
sie vor den Augen der Welt rechtfertigen,
Ohne Glauben ist es also unmöglich, und das geschah durch ihre Werke. Die
Gott wohlzugefallen (Heb 11,6a). Ist le- Werke, die sie taten, erwiesen sie als
bendiger Glaube aber einmal vorhanden, Gerechte.
werden sich gute Werke wie von selbst
„einstellen“. Sie sind die „natürliche“ Unsere Mitmenschen können nicht in
Folge echten Glaubens. unsere Herzen sehen und wissen da-
her nicht, ob Glaube vorhanden ist. Wie
Der Glaube ist dabei nicht etwas Sta- können die Menschen um uns her denn
tisches und Passives, sondern etwas erkennen, ob wir glauben, wenn nicht
Lebendiges und Aktives. Er ist allseits durch unseren Lebenswandel? Unser
bestrebt, Gott zu gefallen und sich in Betragen, unsere Taten sind es, die uns
guten Werken zu äußern. Er passt sich als Gerechte ausweisen. Sie rechtferti-
den jeweiligen Lebensumständen an gen uns vor Menschen. Das ist es, was
und bringt der Situation entsprechende Jakobus meint, wenn er in Kapitel 2,18
Werke hervor. Lebendiger Glaube ist in schreibt: „Du hast Glauben, und ich
dieser Hinsicht „erfinderisch“ (vgl. 2. Mo habe Werke; zeige mir deinen Glauben
2,3; Ri 6,11b). Wie sieht es dabei mit uns ohne die Werke, und ich werde dir mei-
aus? nen Glauben aus meinen Werken zei-
gen.“ Ohne Werke können wir unseren
Glauben nicht zeigen, aber durch einen
b) Glaube und Rechtfertigung im Ja- gottgemäßen Lebenswandel und gute
kobusbrief Werke machen wir unseren Glauben
allen offenbar; wir zeigen ihn. Ein Glau-
Jakobus hat einen anderen Blickwin- bensbekenntnis ohne die entsprechen-

Folge mir nach


23
den Werke ist tot, in anderen Worten, b) Liebe zum Volk Gottes
nicht glaubwürdig (V.26).
In Rahab wird uns die Liebe zum Volk
Ist dies nicht auch ein Ansporn für uns, Gottes vorgestellt. Ihre Liebe zum Volk
unseren Glauben vermehrt zu zeigen, Israel veranlasste sie, die Boten Isra-
unter Beweis zu stellen? els aufzunehmen und auf einem ande-

Paulus Jakobus
(Römerbrief) (Jakobusbrief)
Paulus spricht Jakobus spricht

Grundsätzlich Praktisch

Rechtfertigung vor Gott Rechtfertigung vor Menschen


Gesetzeswerke (stehen dazu Glaubenswerke (sind die
im Gegensatz) Bestätigung)
Abraham gerechtfertigt vor Abraham gerechtfertigt vor
Gott: 1. Mo 15 Menschen: 1 Mo 22
Die Motive guter Werke ren Weg hinauszulassen (Jak 2,25). Ihre
Liebe zum Volk Israel war größer als die
Der Glaube wirkt durch die Liebe (Gal Liebe zu ihrem eigenen Volk und ging so
5,6b). Die Liebe sollte der Beweggrund weit, dass sie ihr eigenes Volk verriet.
sein für all unser Tun. In Jakobus 2 wer- Wahrhaftig kein gutes Werk in den Au-
den uns in Abraham und Rahab die zwei gen dieser Welt, aber gut in den Augen
Seiten dieser Liebe vorgestellt. Es ist die Gottes. Durch dieses (gute) Werk erwies
Liebe zu Gott und die Liebe zum Volk sich Rahab als Gerechte, und ihr Glaube
Gottes. wurde allen offenbar. Neben der Liebe zu
Gott ist die Liebe zum Volk Gottes das
a) Liebe zu Gott zweite wichtige Motiv für gute Werke.

In Abraham sehen wir die Liebe zu Gott.


Seine Liebe zu Gott war größer als seine c) „Der Schrecken des Herrn“ und „die
Liebe zu Isaak, seinem einzigen Sohn. Er Liebe des Christus“ (2. Kor 5,11.14)
war bereit, ihn auf dem Altar zu opfern
(Jak 2,21). Durch dieses (gute) Werk wur- Neben den zwei bereits erwähnten Moti-
de sein Glauben allen offenbar. Er erwies ven für gute Werke möchte ich hier noch
sich als Gerechter. Dieses Werk hatte ein drittes vorstellen. Es ist zum einen
Abraham aus Liebe zu Gott getan, daher das Bewusstsein des „Schreckens des
wurde er Freund oder Liebhaber Gottes Herrn“, der bald über die ungläubigen
genannt (Jak 2,23b). Die Liebe zu Gott ist Menschen kommen wird, und zum
ein wichtiges Motiv für gute Werke. anderen die „Liebe des Christus“, die

24
Bibelstudium – Gute Werke

uns drängt, der ungläubigen Welt das Sicherlich, wir verkünden das Evan-
Evangelium zu bringen, solange noch gelium durch Worte. Aber auch durch
Gnadenzeit währt. gute Werke und einen gottesfürchtigen
Lebenswandel kam schon manch einer
Es ist in der Tat ein schreckliches Ge- zum Nachdenken. Unterschätzen wir
richt, das diese Welt ereilen wird und vor nicht die mächtige Aussagekraft eines
dem es kein Entrinnen geben wird. Sollte gottesfürchtigen Lebenswandels! Möge
dies nicht Ansporn für uns Gläubige sein, es uns nicht nach dem Sprichwort erge-
Menschen zum Heiland zu führen, solan- hen: „Deine Taten reden so laut, dass ich
ge wir noch Gelegenheit dazu haben? deine Worte nicht hören kann.“
Es ist jedoch nicht nur der „Schrecken
des Herrn“, der uns veranlasst, verlo-
renen Menschen das Evangelium zu Daniel Melui
bringen, sondern auch die „Liebe des
Christus“. Es ist unsere Liebe zu Chris-
tus, die uns „drängt“, gleichsam nötigt,
den Menschen Christus vorzustellen.

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Folge mir nach


25
Der Prophet Micha –
Gott hat dir kundgetan,
was gut ist!

I n den ersten Beiträgen über die kleinen Propheten haben wir


bereits gesehen, dass jeder „kleine Prophet“ seinen eigenen
Stil hat. Michas Sprache ist kunstvoll, aber dennoch klar und
leichtverständlich. Wir müssen keine Sprachkünstler sein, um
Gottes Wort weitergeben zu können – im Gegenteil (s. 1. Kor
2,1 ff.). Aber unter den verschiedenen Menschen, die Gott als
„Werkzeuge“ benutzt, waren und sind auch solche wie Micha. Gott weiß,
wann, wozu und gegenüber wem Er sie einsetzt.

Der Bote und die Botschaft: Volk (Micha 1, 8-16)

Die Botschaft des Propheten Micha richtete Ein Beispiel für Michas besonderen Sprach-
sich vor allem an das Südreich Juda wäh- stil sind die Verse 8-16 aus Kapitel 1. Dort
rend der Regierungszeit der Könige Jotham, lässt er durch eine Serie von stilistischen
Ahas und Hiskia1. In weiten Teilen dieses Besonderheiten seine Gedanken besonders
Bibelbuches führt Gott eine Gerichtsver- eindrücklich hervortreten. Er nennt Städte
handlung, in der Er das Volk wegen seiner und Dörfer des judäischen Hügellands und
vielen Sünden verurteilt (Kap. 1, 2, 5 und knüpft an ihre Namen mit einem Wortspiel
6); in manchen Passagen richtet Er seine oder einer Anspielung an wie: „In Staub-
Anklage speziell an die Führungsschicht heim wälze ich mich im Staub“ (V. 10, vgl.
des Volkes (Kap. 2 und 3). Aber dann gibt die Fußn. zu V. 15). Das wirkt vielleicht
es auch für die Treuen, den sogenannten auf den ersten Blick seltsam oder sogar et-
Überrest, ermunternde Ausblicke in die Zu- was amüsant. Gott zielt aber tiefer: Wer in
kunft (Kap. 4). Besonders schön ist, dass Schaphir („Schönstadt“) wohnte und nun
Micha sich selbst bei seinen Gerichtsbot- etwas von schimpflicher Blöße hörte, fand
schaften in der Verantwortung fühlt und das sicher kaum lustig. Dazu bestand auch
dass er für das Volk zu Gott betet (Kap. kein Grund: Wenn Juda nicht Buße täte,
7). Dass Gott durch ihn etwas bewirkt hat, würde nämlich eine von Gott gesteuerte
kann man in Jeremia 26,18.19 nachlesen. Armee in das Hügelland einmarschieren.
Sein Gericht würde Michas Zuhörer gerade
Wortspiele gegen das Unechte in Gottes dort treffen, wo sie sich wohl und geborgen
1
Es empfiehlt sich, in 2. Könige 15,32-20,21 und den Parallelstellen in 2. Chronika über diese Zeit nachzulesen: Jotham war ein guter
König, der in seiner Regierung Gottes Gebote befolgte. Bei Ahas war das ganz anders, er brachte sogar seinen eigenen Sohn als Götzen-
opfer um. Hiskia war ein bemerkenswerter König: Er vertraute auf den HERRN wie kein anderer König Judas (2. Kön 18,5).

26
Streiflicht: Der Prophet Micha

fühlten: in ihren eigenen Städten. Aber wa- chen Prozess bei den Zuhörern ansto-
rum die Anspielungen und Mehrdeutigkei- ßen: Selbsterkenntnis, Buße, Segen.
ten? Gott wollte die Leute zum Nachden- Lachis war unter Josua vollständig
ken bringen und ihre falsche Sicherheit in eingenommen worden (Jos 10,31.32;
Frage stellen, um zu zeigen, was Er wirklich siehe auch 10,23 ff.). Aber schon bald
wollte. Ein Beispiel: zeigte das Volk Schwäche und lebte
Seite an Seite mit seinen Feinden (s.
„Spanne die Renner an den Wagen, Be- z.B. Jos 15,63). Gott beurteilte Kanaan
wohnerin von Lachis!“ (1,13) – und damit auch Lachis – so: „Dieses
Michas Prophetie über Lachis (1,13) ist kein Land ist der Ruhort nicht, um der Ver-
Wortspiel im eigentlichen Sinn, sondern unreinigung willen“ (2,10). Die Konse-
eine historische Anspielung. Sie beschreibt quenz: Obwohl Lachis in einer guten
Tradition der glaubensvollen Kämpfer
Gottes stand, war es für Gott wertlos,
denn es fehlte die Reinheit, die Gott
seinem Volk vorgeschrieben hatte.

Geistliche Bedeutung für uns (Anwen-


dung): Gottes Wort ist lebendig und
Wandrelief, das der assyrische König Sanherib über die Gefan- wirksam (Heb 4,12) – jederzeit. So hat
gennahme der Juden anfertigen ließ (2. Kön 18,13ff.). Micha auch mir und dir etwas zu sagen.
die schmähliche Flucht der Juden aus die- Lachis steht dafür, dass man da, wo
ser Stadt, die unter Josua noch triumphal man mit Gott Glaubenssiege errungen
eingenommen worden war (s. Jos 10). Wie hatte, später schmähliche Niederlagen
so viele andere hat auch diese Weissagung erlebt, wenn Glaubensmut und Konse-
drei Dimensionen: quenz verloren gehen. Gibt es in mei-
nem geistlichen Leben auch ein Lachis:
Historische Bedeutung: In erster Linie Verlorenes Terrain, das ich mit Gott
bringt Micha schlicht eine Vorhersage: erobert hatte, wo ich dann aber nicht
Die Bewohner werden Lachis einmal standhaft blieb, so dass ich jetzt doch
verlassen müssen. Das geschah schon wieder mit leeren Händen dastehe?
kurze Zeit später, zur Zeit Hiskias, als
der assyrische König Sanherib die Stadt „Was gut ist“
einnahm. Die Bibel berichtet nur von
der Belagerung der Stadt (2. Chr 32,9); „Er hat dir kundgetan, o Mensch, was gut
über ihre Einnahme hat Sanherib für ist; und was fordert der HERR von dir, als
seinen Palast ein beeindruckendes Recht zu üben und Güte zu lieben und
Wandrelief anfertigen lassen (s. Foto). demütig zu wandeln mit deinem Gott?“
Michas Weissagung zielt aber noch wei- (Micha 6,8).
ter in die Zukunft: Assyrien wird in der Micha legt mit seinen Fragen den Finger
großen Drangsal2 Palästina einnehmen in manche Wunde. Was tun? So fragte
und damit Gottes Gericht über Juda auch Micha selbst: „Womit soll ich vor den
ausführen. HERRN treten, mich beugen vor dem Gott
der Höhe?“ (6,6). Gott antwortete mit dem
Geistliche Bedeutung für die Zuhörer oben zitierten Vers. Das ist ein Vers für
(Auslegung): Gott wollte einen geistli- jeden und für alle Lebenslagen. Ein paar
2
Siehe dazu und zur „doppelten Reichweite“ mancher Weissagung den Leitfaden zum Studium der kleinen Propheten in FMN 6/2003,
S. 20 ff. (insb. S. 22 u. 24).

Folge mir nach


27
Streiflicht: Der Prophet Micha

Denkanstöße dazu: digen, müssen wir umkehren und auf


Gott tut dem Menschen etwas kund. den richtigen Weg zurückkehren. Alles,
Nicht umgekehrt. Gott ist frei, dem Men- was Recht ist, hat Gott in seinem Wort
schen etwas mitzuteilen. Das ist Souve- offenbart – für Männer, Frauen, Kin-
ränität. Der Mensch ist verantwortlich zu der, für Arbeitgeber und Arbeitnehmer,
hören. für Gläubige und Ungläubige, für Ehe-
Er tut ihm kund, was gut ist. Er offenbart partner, Eltern, Großeltern, Kinder, für
seine Gedanken. Das ist Gnade. Und er Lehrer, Hirten, Evangelisten, Diener, für
offenbart den Weg zum Guten, zum Se- Traurige und Fröhliche, kurz: für jeden
gen (vgl. Jes 48,17). Das ist Güte. Für in jeder Beziehung.
unseren Fall: Wenn wir Michas Finger in Güte lieben: Das zielt ab auf unsere Be-
unseren Wunden erkennen, leitet Gott ziehungen zu anderen: Gott freut sich,
uns an, wie wir diese missliche Lage wenn wir anderen gegenüber gütig sind.
zum Guten wenden können. Lesen wir So können wir Gottes Güte zu uns ge-
weiter: nießen.
Gott fordert. Das darf Er. Er stellt die Re- Demütig mit meinem Gott wandeln: Er
geln auf, wir müssen sie befolgen. Das ist ist mein Gott, selbst wenn ich sündige.
Autorität. Jeder Mensch untersteht ihr. Meine Beziehung zu Ihm muss von De-
mut gekennzeichnet sein. Stimmt diese,
Gott fordert drei Dinge: dann kann ich meinen Lebensweg (wie-
der neu) mit Ihm gehen.
Recht üben: Es führt kein Weg daran
vorbei: Wo wir falsch liegen, wo wir sün- Thorsten Attendorn

Ich bin der Herr, dein Gott, der dich lehrt


zu tun, was dir nützt, der dich leitet auf
dem Weg, den du gehen sollst.
Jesaja 48,17

28
Der „strenge“ Herr

Der „strenge“ Herr –


Antworten auf die Autoritäts-
krise in der Gesellschaft

W as für ein Verhältnis habe ich zu Autorität und zu denen, die sie ausüben?
Der Herr Jesus war sanftmütig und von Herzen demütig, Er offenbarte die Liebe
Gottes. Und gerade aus dieser tiefen Liebe heraus hat Er manches Mal „streng“
gehandelt. Das wird sicher zunächst verwundern. Und doch führt es bei näherer
Betrachtung zur Bewunderung unseres Herrn. Und auch in Bezug auf diesen beson-
deren Aspekt seines Dienstes gilt für uns: „Lernt von mir“. Das gilt sowohl für das
Ausüben als auch für das Annehmen von Autorität. Dazu soll dieser Artikel, der sich
auf Begebenheiten aus dem Markusevangelium bezieht, eine Hilfe sein.

1. Machtvolle Strenge sogleich fort und spricht zu ihm: Gibt Acht,


dass du niemand etwas sagst“ (Mk 1,43).
Der Herr Jesus ist der Sohn Gottes und Der Herr Jesus wollte keine Sensations-
konnte als solcher Dämonen (Mk 1,25: nachrichten verbreiten lassen, sondern zum
„Und Jesus gebot“) und Naturgewalten Gewissen der Einzelnen und des Volkes re-
(Mk 4,39: „Und er schalt den Wind“) ge- den. Mehrfach wird Geheilten oder auch
bieten. Darin ist Er einzigartig und sicher den Jüngern, ja selbst den Dämonen eine
durch uns nicht nachzuahmen. Und doch ähnliche Aufforderung mit auf den Weg
können wir auch bei dieser Seite seines gegeben (Mk 3,12; 5,43; 7,36; 8,26.30).
Dienstes von Ihm lernen: Stets benutzte Das große Wirken Gottes durch seinen
Er seine Macht im rechten Augenblick und Christus konnte natürlich nicht verborgen
zum Wohl der Menschen. Auch wir haben bleiben, aber der Diener selbst unterbindet
durch den Heiligen Geist Kraft zum Dienst alles, was Ihn selbst herausstellt. Wenn wir
empfangen. Mit den Korinthern (siehe 1. in Treue unsere Aufgaben erfüllen, wird
Kor 12-14) wollen wir aber beachten, dass Gott selbst dafür sorgen, dass unsere guten
die Ausübung unserer Gnadengaben stets Werke offenbar werden – entweder noch
zum Nutzen, zur Erbauung der anderen hier auf der Erde oder aber bald in seiner
sein soll und wir nicht einfach – zur Selbst- Herrlichkeit (1. Tim 5,25).
darstellung – damit „spielen“ dürfen. Auch
der Herr benutzte seine Macht übrigens nie 3. „Streng“ gegenüber ablehnenden
zu seinem eigenen Nutzen. Menschen

2. „Streng“ gegen eigene Beliebtheit Zornig – und betrübt

Kaum war der Aussätzige durch den Herrn Verstockt waren sie, diese Zuschauer in
selbst geheilt worden, gebot Er „ihm der Synagoge. Sie wollten es einfach nicht
ernstlich (w. fuhr ihn an) und schickte ihn wahr haben, dass hier Gott in der Person
Folge mir nach
29
des Herrn Jesus mächtig unter ihnen wirk- vorzustellen oder um Mitgeschwister vor
te. Der Herr nahm das wahr und „blickte einem falschen Weg zu warnen. (Hast du
auf sie ringsum mit Zorn“ (Mk 3,5). Es war nicht schon bei einem jungen Bruder, einer
ein gerechtes, heiliges Erzürnen über den jungen Schwester „kommen sehen, wo das
bewussten Unglauben der Menschen. Und
doch war Er zugleich „betrübt über die
Verstocktheit ihres Herzens“. Diese Leute
wollten nicht auf seine Liebe reagieren,
und das betrübte Ihn. Auch wir werden
aufgefordert: „Zürnt, und sündigt nicht.
Die Sonne gehe nicht unter über eurem
Zorn“ (Eph 4,26). Zorn im Miteinander als
Gläubige oder auch in der Familie, aber
auch im Umgang mit Menschen unserer
Umgebung mag im Einzelfall durchaus er-
forderlich sein, aber er darf nie sündig sein,
sondern muss aus einem Herzen echter
Liebe und gerechten Empfindens kommen
(s.a. Jak 1,20). Wie oft haben wir alle wohl
schon diese Bedingung übersehen?! Aber mal enden wird“ und hast nichts gesagt?) In
wir sollten gerade als Jüngere auch bereit einer Haltung des Gebets und echter Liebe
sein, ernste, berechtigte Ermahnungen an- werden die treu gemeinten Wunden dessen,
zunehmen – wie viel Gebet mag vielleicht der liebt (Spr 27,6), zur Heilung beitragen.
gerade einer solchen Zurechtweisung vor- Und auch das Umgekehrte, sich einmal ein
angegangen sein? deutliches, biblisch begründetes Wort sagen
lassen, wird zum Segen sein.
Klare Worte für taube Ohren
Auf klare Worte folgt eine klare Hand-
„Das Gebot Gottes habt ihr aufgegeben“ lung
(Mk 7,8). Wie ein Donnerschlag müssen
diese Worte in den Ohren der Pharisäer Schon oft hatte der Herr zu den Pharisäern
und Schriftgelehrten geklungen haben. Sie, gesprochen, und dennoch kamen sie wieder
die so penibel alle Details des Lebens nach einmal nur, um mit Ihm zu streiten und ein
dem Gesetz und eigenen Geboten geregelt Zeichen von Ihm zu verlangen (Mk 8,11).
hatten, sollten Gottes Gebot aufgegeben Der Herr Jesus empfindet tief ihre dauerhaf-
haben? Ja, denn sie hatten ihre Traditionen te Ablehnung und sagt, dass dieser Genera-
über das Wort Gottes gestellt. Und der Herr tion, dieser Menschengruppe auf keinen Fall
Jesus nennt ihnen diesen Tatbestand mit ein Zeichen gegeben würde (Vers 12). Und
schonungsloser Offenheit – sicher, um den dann beendet Markus die Beschreibung die-
einen oder anderen doch noch aufzurütteln. ser Szene mit den Worten: „Und er verließ
Ob vielleicht einige der Zuhörer zu den spä- sie“ (Vers 13). Er wendet sich ganz abrupt
ter zum Glauben gekommenen Pharisäern von den Pharisäern ab und unterstreicht da-
gehörten (Apg 15,5)? Auch in unserem Le- durch den Inhalt seiner Worte. „Wie hart!“,
ben kann es Situationen geben, in denen dachten vielleicht seine Jünger. Wir können
wir anderen ein deutliches Wort sagen müs- nicht beurteilen, wann Gott das Herz eines
sen, um Menschen ihre aussichtslose Lage Menschen verhärtet, und deshalb sollen wir

30
Der „strenge“ Herr

auch nie aufhören, für Ablehnende zu beten mengen durch sie selbst versorgen will. Des-
oder auch ihnen immer wieder die Botschaft halb „befahl er ihnen, dass sie (die Volks-
vom Kreuz zu bringen. Aber es kann sein, mengen) alle sich in Gruppen lagern ließen“
dass der Herr auch uns klarmacht, dass wir (Mk 6,39). Die Jünger brauchten wohl die-
Kontakte zu Menschen abbrechen müssen, sen „Druck“ ihres Meisters für ihren Dienst
wenn unser Reden ihnen gegenüber glaub- und erlebten dann, wie Er selbst seine Macht
haft sein soll. Und gerade gegenüber religi- offenbarte und 5000 Männer gesättigt wur-
ösen Menschen (wie die Pharisäer es ja wa- den. Wie oft sind auch wir ängstlich oder
ren), die sich zum Christentum halten, ist die auch einfach matt. Dann schenkt der Herr
Distanzierung eine deutlichere Predigt als oft durch Worte wie „geh hin in dieser dei-
viele Worte: „Von diesen wende dich weg“ ner Kraft“ (zu Gideon in Richter 6,14) oder
(2. Tim 3,5). ein „sei stark und handle“ (zu Esra in Esra
10,4) einen Impuls, die Aufgabe auch zu er-
Die Tempelreinigung füllen. Hören wir mit dem richtigen Gehör
auf solche „Befehle“?
Den Herrn als mitempfindenden, heilenden
Retter, der Kinder in seine Arme nahm und Wegweisung auf einem schwierigen
segnete, kennen wir alle aus den Evangeli- Weg
en. Aber wer denkt beim Herrn Jesus schon
an solche Szenen wie die der Tempelreini- „Warum hat uns der Meister denn gerade in
gung, die uns Markus deutlich schildert: dieser Nacht auf den See geschickt? Er wuss-
„Und als er in den Tempel eingetreten war, te doch, was kommen würde und hätte uns
fing er an hinauszutreiben ..., und die Tische diese Not doch er-
der Wechsler und die Sitze der Taubenver- sparen können.“
käufer stieß er um“ (Mk 11,15). Hier steht So könnten die
Er als der Messias vor uns, den der Eifer um Jünger in Seenot
das Haus Gottes verzehrte (Ps 69,10). Auch gedacht haben.
wenn es uns in der Zeit der Gnade nicht zu- Denn direkt nach
steht, einen „Bildersturm“ gegen alles Böse der Speisung der
in der Christenheit zu entfesseln, wollen 5000 „nötigte er
wir doch einmal überdenken, ob wir Eifer seine Jünger, in
für Gottes Haus, für Gottes Sache entfalten das Schiff zu stei-
– keinen aus dem bösen Herzen kommen- gen“ (Mk 6,45).
den, sondern einen heiligen, zu seiner Ehre. Und dann kamen
Zum Beispiel, indem wir dem Herrn in den sie in Schwierig-
Zusammenkünften alle Rechte „einräumen“ keiten, die sie vor-
– und das braucht sicher auch geistliche her nicht erwartet hatten – schon gar nicht
Energie, gottgemäßen Eifer. auf einem vom Herrn gebotenen Weg. Und
doch – so großartig haben sie seine Hilfe
vorher noch nicht erfahren! Geht es uns
4. „Streng“ gegenüber seinen Jüngern nicht oft ähnlich, dass wir den Herrn beson-
ders spürbar erleben, wenn Er uns Wege
Anweisungen für den Dienst führt, die wir nicht recht verstehen? Lasst
uns deshalb neu Mut fassen, um jeden Preis
Nur sehr zögernd scheinen die Jünger be- seinen Weg zu gehen. Er wird uns nicht im
griffen zu haben, dass der Herr die Volks- Stich lassen!

Folge mir nach


31
Der „strenge“ Herr

Öffentlicher Tadel seine Kraftquellen für einen wirkungsvollen


Dienst1, für ein fruchtbares Leben für Ihn
Petrus liebte seinen Meister feurig – so feu- missachtet haben! Und sollten wir es Ihm
rig, dass er nicht selten sich selbst oder die nicht „ersparen“, auch über uns so seufzen
Situation falsch einschätzte. Als der Herr zu müssen?
Jesus seine Leiden ankündigte, tadelte ihn
Petrus, um Ihm solche Zukunftsvisionen Nochmals Tadel – und dennoch
auszureden. Aber damit wurde Petrus ein Aufgaben von Ihm
Sprachrohr des Teufels. Der Herr „wand-
te sich um und ... er tadelt Petrus, und er Auch seine Auferstehung hatte der Herr den
sagt: Geh hinter mich, Satan!“ (Mk 8,33). Jüngern mehrfach vorhergesagt (Mk 8,31;
Derselbe Petrus wurde übrigens später von 9,31; 10,34). Aber trotz aller Aussagen und
seinem Mitapostel Paulus vor allen für sein Erlebnisse wollten sie diese frohe Botschaft
Verhalten zur Rede gestellt (Gal 2,14 ff.). am Auferstehungstag einfach nicht für
Und wenn Timotheus die Aufforderung wahr halten (Mk 16,13). Als der Herr dann
bekommt, „die da sündigen, überführe schließlich selbst zu ihnen kommt, „offen-
vor allen“ (1. Tim 5,20), wollen wir für uns barte er sich den Elfen und schalt ihren
daraus die Bereitschaft ableiten, korrek- Unglauben und ihre Herzenshärte, dass sie
turbereit zu sein – auch wenn es nicht an- denen, die ihn auferweckt gesehen hatten,
genehm ist. Aber im Nachhinein ist sicher nicht geglaubt hatten“ (Vers 14). Wieder,
mancher schon dankbar gewesen für einen zum letzen Mal, muss Er seinen Jüngern so
Verweis, der ihn vor weiterem Fehlverhal- ernste Worte sagen. Waren sie überhaupt
ten bewahrt hat! Andere mussten traurig zuverlässige Leute, denen Er einen Auftrag
anerkennen, dass sie eine Warnung nicht geben konnte? Der Herr gibt ihnen trotz al-
verstehen wollten. lem direkt danach den Auftrag: „Geht hin in
die ganze Welt und predigt das Evangelium
Die ungläubigen Jünger der ganzen Schöpfung“ (Vers 15). Wenn
der Herr auch uns manchmal – vielleicht
Die Jünger hatten bereits oft erlebt, wie der durch Mitgeschwister – „hart rannehmen“
Herr in Abhängigkeit vom Herrn und in tie- muss, so entspringt doch alles seiner Lie-
fer Hingabe Menschen geheilt hatte. Gebet be. So wie Joseph zwar mit harten Wor-
und Fasten (Mk 9,29) kennzeichneten Ihn. ten, aber doch mit „Seilen der Liebe“ (Hos
Doch als sie dann selbst gefordert werden, 11,4), seine Brüder zur Umkehr brachte.
einen Dämonen auszutreiben, heißt es: Und diese Liebe möchte Er auch in uns se-
„Und sie vermochten es nicht“ (Vers 18). hen. Lasst uns deshalb in unserem Verhal-
Der Herr ruft angesichts dieser Haltung der ten zueinander lernen, mit einem Herzen
Jünger aus: „O ungläubiges Geschlecht! Bis der Liebe Ermahnungen anzunehmen und
wann soll ich bei Euch sein? Bis wann soll weiterzugeben! Es wird zum Segen für uns
ich Euch ertragen?“ (Vers 19). Wie gnä- alle sein.
dig ist der Herr, dass Er uns immer noch
erträgt, obwohl wir vielleicht schon oft Martin Schäfer

Daher, meine geliebten Brüder, sei jeder Mensch schnell zum


Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.
Jakobus 1,19
1
Das Austreiben von Dämonen gehört dabei sicherlich nur in äußerst seltenen Fällen zu den Aufgaben für Diener des Herrn.

32
Frank Binford Hole (1874-1964)

Frank Binford Hole


(1874-1964)

S chon mal etwas von dem Briten F. B.


Hole gehört? Etlichen Lesern wird dieser
Name bekannt sein, da einige seiner gut ver-
ständlichen Auslegungen mittlerweile auch in
deutscher Sprache erhältlich sind. Werfen wir
einen Blick in das Leben und Arbeiten dieses befähigten Bibelauslegers!

Biographischer Abriss Zeit, seine Kraft, ja sein ganzes Leben dem


Herrn Jesus. Diese Entscheidung hatte er
Frank Binford Hole wurde 1874 geboren im 16. Lebensjahr getroffen – und er rückte
– und 16 Jahre später von neuem geboren. davon in den folgenden 74 (!) Jahren nicht
Nach seinem Schulabschluss arbeitete er mehr ab.
für kurze Zeit im Familienbetrieb; danach
ergriff Hole einen Bankberuf, den er spä- Treffende Illustrationen
ter aufgab, um sich vollzeitig im „Werk des
Herrn“ zu engagieren. Zahlreichen Men- F.B. Hole verwandte oft und gekonnt
schen verkündigte er im In- und Ausland Illustrationen. Folgende Veranschauli-
das Evangelium. Zugleich lehrte er viel chung gebrauchte er, um zu zeigen, wie
unter Gläubigen. Außerdem sorgte er als wichtig es ist, eine biblische Wahrheit zu
Verleger im „Central Bible Truth Depot“ in verinnerlichen und sie nicht nur äußerlich
London für eine weite Verbreitung guter aufzunehmen:
christlicher Literatur. Aus der ganzen eng-
lischsprachigen Welt erhielt Hole unaufhör- Einige Jungen spielen mit Murmeln. Da
lich Briefe, die bezeugten, dass seine Ver- kommt ein frecher Kerl, der ihnen die Mur-
öffentlichungen eine echte Hilfe waren. Er meln wegnimmt und davonrennt. Die Jun-
schrieb selbst viele Artikel und Bücher, und gen jagen dem Dieb nach, überwältigen
brachte zwei Zeitschriften heraus: „Edifi- ihn und nehmen ihm die Murmeln wieder
cation“ (Erbauung) und „Scripture Truth“ ab. Der Dieb hatte die Murmeln zwar an
(Biblische Wahrheit). sich genommen, aber sie waren nicht Teil
von ihm selbst geworden. – Einem ande-
Anfang 1964 ging schließlich sein langes ren Jungen wird ein Apfel entwendet. Der
Leben der Hingabe und des Dienstes zu Bestohlene verfolgt den Dieb, stellt ihn und
Ende. Bei der Trauerfeier sagte ein Red- entdeckt, dass nur das Kerngehäuse übrig
ner, dass F.B. Hole alle irdischen Freuden geblieben ist. Der Dieb hatte den Apfel
hätte genießen können, da er begütert und gegessen.
intelligent war, dass er aber etwas viel Bes-
seres tat: Er weihte seine Fähigkeiten, seine Die „Moral von der Geschicht’“ ist klar:

Folge mir nach


33
Frank Binford Hole (1874-1964)

Wir müssen eine biblische Wahrheit wirk- „Wie klar werden wir hier belehrt, dass Gott
lich verinnerlichen, sonst kann sie uns bei auf unser Herz schaut! Er prüft genau die
nächster Gelegenheit wieder abgenommen Beweggründe, die hinter den Bitten stehen.
werden. Wie erforscht dies unsere Herzen und bietet
die Erklärung für viele nicht erhörte Gebe-
Bei einer anderen Illustration geht es dar- te! Wir mögen um durchaus gute Dinge bit-
um, dass wir oft meinen, Schwierigkeiten ten, doch sie bleiben uns versagt, weil uns
im Dienst für den Herrn Jesus seien doch durch und durch falsche Motive leiten.
sehr hinderlich. Wir würden gern mehr für
Ihn tun. Gott aber weiß, warum Er die
Du magst dem Herrn dienen. Vielleicht
Schwierigkeit bestehen lässt:
hast du angefangen, das Evangelium zu
verkündigen, und sicher wünschst du nun,
Ein Junge lässt im Herbstwind seinen
dass deinen Worten Kraft und Gnade ver-
Drachen steigen. Sobald die Schnur völlig
liehen sei. Ist das nicht gut? Das ist sehr gut,
abgewickelt ist, hat der Drache seine end-
doch nimm dich in Acht, dass du nicht nur
gültige Flughöhe erreicht. Wenn er spre-
deshalb darum bittest, weil du den über-
chen könnte, wäre vielleicht nun zu hören:
mächtigen Wunsch hast, ein erfolgreicher
„Wozu ich die Flügel habe, weiß ich; aber
Prediger zu sein. Dein Gebet wird sich für
ich kann mir nicht vorstellen, wofür die
uns alle sehr schön anhören, aber Gott
Schnur gut sein soll. Wenn dieser Junge
kennt die Absicht, die dahintersteht.
nicht am anderen Ende der Schnur hinge
– gewiss könnte ich meinen Flug zu den
Hier sitze ich und schreibe dieses Buch.
Wolken erheben!“ Was würde jedoch ge-
Ich habe den Herrn um Seine Leitung
schehen, wenn der Junge die Schnur wirk-
gebeten, damit es vielen Licht und Hilfe
lich losließe? Der Drache würde natürlich
bringen möge. Doch frage ich mich ernst-
rasch zu Boden stürzen. Das, was angeblich
lich, warum ich darum gebeten habe. Ging
einen weiteren Höhenflug verhinderte, war
es mir um echte Sorge für das geistliche
gerade das, was ihn oben gehalten hat!
Wohlergehen anderer, oder wollte ich gern
– Könnte manche Schwierigkeit in deinem
mein Ansehen als Schreiber religiöser Be-
Leben nicht auch diesen Grund haben?
trachtungen erhöhen? Ich sage es noch
einmal, dass solche Erwägungen herzerfor-
Eine wertvolle Serie
schend sind.“
Von den deutschen Publikationen von F. B.
Sicher dürfen wir sagen, dass sein Gebet
Hole möchten wir hier nur auf die „Grund-
erhört worden ist: Seine Schriften sind
züge des Neuen Testaments“ hinweisen.
vielen zum Segen geworden. Gewiss auch
Das ist eine sechsbändige Auslegungsserie
deshalb, weil Hole seine Arbeit in demüti-
über das Neue Testament1, die als Einfüh-
ger Gesinnung getan hat, wie Zeitgenossen
rung sehr gut geeignet ist.
bestätigten. Es ist einfach so: Gott bekennt
Nachfolgend zitieren wir etwas aus sich zu einem demütigen Diener und setzt
Band 5. Es geht dabei um den Vers 3 ihn zum Segen.
in Jakobus 4: „Ihr bittet und empfan-
get nichts, weil ihr übel bittet, damit Gerrid Setzer
ihr es in eueren Begierden vergeudet“:

1
Diese Serie ist beim Herausgeber von „Folge mir nach“ erhältlich. Alle 6 Bände zusammen kosten 50 Euro; der Einzelband 9 Euro.

34
Buchbespechung

Der Herr ist Rettung des prophetischen Buches übersichtlich


Eine Auslegung zum gegliedert und mit einem ausführlichen Bi-
Propheten Jesaja 1-35, belstellenverzeichnis am Schluss versehen.
Band 1 Beides ist eine große Erleichterung beim
(CSV, Hückeswagen, Bibelstudium.
248 Seiten, € 11,90)
Hervorzuheben sind die vielen Querver-
von Arend Remmers bindungen zu anderen biblischen Büchern,
was eine Gesamtschau der biblischen Pro-
phetie erlaubt und zugleich viele weitere
wichtige Hinweise gibt. Erfreulich ist auch
Nicht wenige Bibelleser finden nur mit die Schilderung des geschichtlichen Hinter-
Mühe Zugang zu den prophetischen Bü- grundes, ebenso das eindeutige Bekenntnis
chern des Alten Testaments. Das ist ver- des Verfassers zur Einheit des Buches Jesa-
ständlich, wenn man bedenkt, dass viele ja. Gerade im letzten Punkt unterscheidet
Aussagen der Propheten inhaltlich nicht sich Arend Remmers’ Arbeit positiv von
einfach und sprachlich für moderne Leser manchen anderen Jesaja-Kommentaren
ungewöhnlich sind. Eine gute Erläuterung mit bibelkritischer Tendenz. Eine Reihe von
oder Kommentierung durch einen ver- interessanten Fußnoten liefert dem Leser
trauenswürdigen und schriftgebundenen manche zusätzliche wertvolle Information.
Ausleger erweist sich daher beim Studium
der alttestamentlichen Prophetie als fast Bei der inhaltlichen Darstellung ist es das
unentbehrliches Hilfsmittel. Bemühen des Verfassers, immer wieder zu
verdeutlichen, wie sehr der Prophet Jesaja
Das empfindet man besonders beim Le- von dem Herrn Jesus Christus spricht, dem
sen des Buches des Propheten Jesaja, Messias Israels. Dabei sind insbesondere
eines Buches, das unter den Schriften der die messianischen Weissagungen Jesajas
Propheten des AT eine besondere Anzie- zu nennen. Auch wer die prophetischen
hungskraft ausübt. Gleichgültig ist, ob man Aussagen über Israel und seine Zukunft,
es zum ersten oder zum wiederholten Mal über das Schicksal der Nachbarvölker oder
liest, man ist stets neu beeindruckt von den über die endzeitlichen Geschehnisse besser
göttlichen Aussprüchen und Gedanken in verstehen möchte, wird in dem neuen
diesem Buch der Bibel. Buch wertvolle Erklärungen finden. Ein
alphabetisches Stichwortverzeichnis, das
Andererseits kommt man sich beim Lesen leider bisher nicht vorhanden ist, wäre
sehr bald ähnlich vor wie der äthiopische dabei hilfreich.
Kämmerer in der Zeit der Apostelgeschich-
te, der den Propheten Jesaja las, dem aber
die „Anleitung“ fehlte, „um zu verstehen, Für ein gründliches Bibelstudium ist Arend
was er las“ (vgl. Apg 8,28-31). Und da ist Remmers’ Auslegung uneingeschränkt zu
das neue Werk von Arend Remmers über empfehlen. Dem aufmerksamen Leser
Jesaja eine sehr gute Hilfe für das Ver- wird sie zum Segen und inneren Gewinn
ständnis dieses alttestamentlichen Buches. sein. Man darf schon jetzt auf Band 2 des
Diese Arbeit ist auf zwei Bände angelegt. Werkes gespannt sein.
Der erste, soeben herausgekommene
Band ist entsprechend der Kapitelfolge Klaus Sander

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Weizen oder Lolch?
„Während aber die Menschen schliefen, kam sein Feind
und säte Unkraut mitten unter den Weizen und ging weg“
Matthäus 13,25

Es war auf einer Messe in Holland. Als Blickfang für seinen Bibelstand hatte der
Aussteller an einer Wand 13 Säckchen mit Samen verschiedener Pflanzen, die in der
Bibel erwähnt werden, aufgehängt. Diese Schaustücke fanden das lebhafte Interesse
zweier Geistlicher, die an ihrer Tracht als Ordensbrüder zu erkennen waren. In ihrer Bibel
suchten sie die zu den Samen angeführten Stellen auf.

Beim letzten Säckchen mit der Aufschrift „Lolch“ stutzten sie jedoch, da sie diesen
Ausdruck nicht in dem angegebenen Bibelvers fanden. So fragten sie den Standinhaber,
der ihnen erklärte, dass dieses Wort mit „Unkraut“ übersetzt worden sei, weil den meisten
Bibellesern der Begriff „Lolch“
unbekannt sei.

Bald entwickelte sich ein


„Fachgespräch“ über die
Bedeutung des Gleichnisses vom
Wahrlich, wahrlich ich sage
Unkraut im Acker (Matthäus euch: Wenn das Weizenkorn
13,24ff.). Man war sich klar, dass
Lolch ein dem Weizen täuschend nicht in die Erde fällt und stirbt,
ähnliches Unkraut ist und somit
ein Bild der vielen unechten bleibt es allein; wenn es aber
Christen darstellt.
stirbt, bringt es viel Frucht.
Schließlich bemerkte einer Johannes 12,24
der geistlichen Herren seinem
Amtsbruder gegenüber: „Da
steckt eine gute Predigt für den
nächsten Sonntag drin!“ Da
mischte sich der Aussteller ein: „Sicher – dazu müsste man allerdings zunächst seinen
eigenen Standort anhand dieses Gleichnisses bestimmt haben.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte der andere verwundert. Darauf der Aussteller: „Ich nehme
an, Sie gehören der gleichen Kirche und auch dem gleichen geistlichen Orden an.
Äußerlich unterscheiden Sie sich in nichts. Und doch könnte es sein, dass vielleicht einer
von Ihnen zum ‚Weizen’ und der andere zum ‚Lolch’ gehört. Gott weiß es!“

Man kann sich Christ nennen und aussehen wie ein Mensch, der sich bekehrt hat. Und
doch hat man sich nie zu Gott bekehrt und geht ewig verloren. Aber heute noch ist
Gnadenzeit, um sich zu bekehren und ewig gerettet zu sein.

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