Sie sind auf Seite 1von 8

Was ist Homosexualität eigentlich?

Zunächst erkennen wir in ihr jede Form gleich


geschlechtlicher Sexualität. Freilich, diese Definition ist unvollkommen, weil s
ie dem nicht gerecht wird, was Homosexualität eigentlich ist.
Homosexualität verstehen wir als eine Suche. Ähnlich, wie in den Sexualwissensch
aften beobachtet, kann der Mensch seine Sexualität dazu benutzen, um innere Konf
likte zu kanalisieren. Dies betrifft dann nicht nur die Homosexualität, sondern
alle Formen der Sexualität.
Beispiele:
Hier einige Beispiele wie Menschen mittels ihrer Homosexualität einen inneren Ko
nflikt "lösen":
P. ist heute vierzig. Noch nie hatte er homosexuelle Gefühle. Doch nun, seit zwe
i Jahren, sind sie urplötzlich da. Wenn P. seine Phantasien beschreibt, dann tau
chen dort Menschen auf, die ca. 15 oder 16 sind. So zu sein wie diese, so zu leb
en wie sie, das ist sein Ziel. Ja, sagt er im Gespräch, ich möchte noch einmal e
ine Jugend erleben. P. hat nie eine Jugend erlebt, die Jugendphase wurde durch s
ein erstes Erleben mit einer Frau abgebrochen. Seine Mutter hatte beide beim Kus
cheln erwischt. Darauf hin fügte er sich innerlich dem Verbot der Mutter und zog
sich zurück. Heute will P. noch einmal der Junge sein und sehnt sich nach Jungs
, von denen er denkt, dass sie Mädchen erobern könnten.
R. ist seit er denken kann homosexuell. Er hat schon immer so gefühlt, sagt er.
Im Kindergarten fühlte er sich schon zu anderen Jungs hingezogen. Immer hat er s
ich mit ihnen verglichen. Aber irgendwie fühlte er sich als Aussenseiter. Sicher
lich, sagt R., wenn jemand meine Schulkameraden befragen würde, ob ich Aussensei
ter bin, dann würden sie sagen, R. war der Junge mit der grössten Klappe, er war
wortgewandt und hatte es faustdick hinter den Ohren. Trotzdem sagt R., ich fühl
te mich einsam und nicht dazugehörig. In der Pubertät wurde aus der Sehnsucht na
ch Jungs ein erotisches Spiel in der Phantasie. Später probierte er Sex mit Jung
s aus und hatte zeitweise auch einen Freund. Diese Freundschaften zerbrachen abe
r nach einer gewissen Zeit. Wie R. sagt, immer dann, wenn ich merkte, dass mein
Freund nicht dem entsprach, was ich mir in meiner Phantasie wünschte, erlosch di
e Liebe.
S. hat mit sechs Jahren eine Operation wegen Hodenhochstands gehabt. Er beschrei
bt das Erlebnis als entwürdigend. Seit dieser Zeit fühlte er sich andern Jungs g
egenüber unwert. Ja er hatte Freunde, war auch im örtlichen Fussballverein, letz
tlich hatte er aber Angst und fühlte sich minderwertig, weil er dachte, dass etw
as mit ihm nicht stimmt, dass er nicht so männlich sei wie andere. Mit 12 begann
en dann die Phantasien und das heimliche Schauen unter der Dusche. S. sagt, dass
er total auf den Penis anderer Jungs fixiert sein und immer zu den Drang habe i
hn zu berühren. Homosexuelle Kontakte erfüllen für ihn diese Phantasie.
K. hatte einen richtig tollen Vater. Er wollte, dass er in den Fussballverein gi
ng, dass er sich für Sport interessierte, dass er einmal die Firma übernimmt. K.
war das immer unheimlich. Er fühlte sich von seinem Vater beherrscht. Er begann
ihn innerlich abzulehnen. Auch alle anderen Jungs, die so aufreissend und grob
daherkamen, wie der Vater, lehnte er ab. Bei Mädchen fand er einen sicheren Ort.
Letztlich entstand bei K. aber schon sehr früh eine tiefe Bewunderung von Männe
rn. Eigentlich wollte er dazu gehören, aber er hatte Angst, vereinnahmt zu werde
n und in eine Hülle des Mannseins gepresst zu werden. Aus der Bewunderung wurden
später Gewaltphantasien geboren. Er träumte immer davon, dass andere Jungs ihn
schlagen und grob zu ihm sind. Dies wurde dann zur sexuellen Phantasie und führt
e ihn in die Homosexualität, wo er lange Zeit in der Leder und SM Szene lebte.
Homosexualität, der Versuch einer Beschreibung
Vier Geschichten mit unterschiedlicher Entwicklung. Homosexualität sieht bei jed
em Menschen anders aus. Zwar ist bei jedem die Sehnsucht nach dem gleichen Gesch
lecht als relativ stabile Sehnsucht festzustellen, die Entstehung und vor allem
der Inhalt ist aber so verschieden, wie es verschiedene Menschen und Lebensgesch
ichten gibt.
Wir verstehen Homosexualität darum folgendermassen:
1. Homosexualität ist Ausdruck einer Suche
Homosexualität ist der Ausdruck einer Suche. In der Mitte der Suche steht der Ve
rsuch, dass ein konkretes Bedürfnis erfüllt wird. Bei P. ist es das Bedürfnis ei
n ganz normaler Junge zu sein, der ein Mädchen erobern kann. Bei R. die deutlich
e Suche nach dem Empfinden einer eignen männlichen Identität und Annahme durch g
leichgeschlechtliche Freundschaften. Bei S. die Sehnsucht, die Verunsicherung zu
überwinden, die er durch die traumatische Erfahrung seiner Operation gemacht ha
t. Bei K. die Sehnsucht nach einer selbstgestalteten Identität.
Wir beobachten, dass die Suche immer begleitet ist von einer positiven Sehnsucht
oder Illusion und von einer Angst oder Abwehr. So steht der Sehnsucht meist ein
Mechanismus von Verhinderung entgegen, frei nach dem Motto, das was ich wünsche
, verhindere ich.
Bei P. war in der therapeutischen Beratung zu entdecken, dass er auf der einen S
eite ein Junge sein wollte, der Mädchen eroberte, auf der anderen Seite hatte er
tausend Erklärungen parat, warum das ein doofes und chauvinistisches Verhalten
ist. R. und K. wollen beide zur Gruppe der Jungs gehören. Auf der anderen Seite
erklären sie wortreich, warum welche Männer weshalb abzulehnen sind und dass and
ere Männer sie ohnehin nicht verstehen können. Bei S. ist es so, dass er sich wü
nscht ein normaler Mann zu sein, mit normalem Penis. Er hat aber in keiner Weise
einen Zugang zu seinem Körper, weshalb er auch grosse Pinkelängste hat und nich
t sehen kann, dass er eigentlich ein recht gut aussehender Mann ist.
2. Lebensgeschichte
Es wurde viel über die lebensgeschichtliche Entwicklung von Homosexualität gesch
rieben und nachgedacht. Wie man leicht aus den obigen Beispielen ablesen kann, i
st es für uns unbestritten, dass lebensgeschichtliche Ereignisse und Motive aus
der Lebensgeschichte eine Rolle bei der Ausprägung von Homosexualität spielen.
Wir stimmen von daher grundsätzlich den Theorien zu, die Homosexualität für ein
Entwicklungsproblem halten. So kann man bei Homosexuellen Jungen und Mädchen oft
eine nicht gelungene Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil b
eobachten. Auch der gegengeschlechtliche Elternteil kann durch Abwertung des Kin
des, durch eigene Verunsicherung in der Geschlechtsidentität einiges zur Identit
ätsverwirrung des heranwachsenden Kindes beitragen.
Auch wenn wir diese Theorien respektieren, sehen wir die Wurzeln der Homosexuali
tät nur zu einem Teil in der Kindheit begründet.
2.1 Die Frühe Entwicklungsphase
Wie wir aus der neueren Säuglingsforschung wissen, entwickelt sich der Mensch ni
cht unbedingt in aufeinander aufbauenden Phasen, sondern in Schichten. Das Konze
pt der Phasen geht davon aus, dass nur bei erfolgreichem Abschluss einer Phase a
uch der nächste Entwicklungsschritt gelingen kann. Das Schichten-Modell dagegen
sagt, dass der Mensch in einem lebenslangen Entwicklungsprozess steht und dass S
törungen in der Entwicklung auf jeder Stufe und in jedem Lebensalter zu tiefgrei
fenden Irritationen und Verwerfungen führen können. Freilich sieht auch das Schi
chten-Modell in den frühen Jahren die grösste Gefährdung, rechnet aber auch noch
mit späteren Störungsfaktoren.
Wie halten für uns fest, dass der Mensch seine geschlechtliche Identität schon s
ehr früh bemüht ist zu entwickeln. So ist das Kind ab dem ersten Lebenstag damit
beschäftigt sich von seiner Umwelt zu differenzieren und herauszufinden, wer es
ist.
Bei dieser Identifikation rechnen wir der Mutter und dem Vater eine herausragend
e Bedeutung zu. Wobei sich nach unserer Auffassung Jungen und Mädchen anders ent
wickeln. So baut der Junge seine Identität eher am Grundwort "Selbstständigkeit"
auf und das Mädchen eher am Grundwort "Bezogenheit". Diese unterschiedliche Ent
wicklung gibt der Homosexualität bei Frauen und Männern daher eine andere Gestal
t. Wir sehen, dass es wichtig ist, ob ein Vater den Sohn und eine Mutter das Mäd
chen in seiner Identität bestätigt und ihm Raum gibt, seine bzw. ihre Identität
in einer guten emotionalen Gemeinschaft aufzubauen. Gleichzeitig sehen wir aber,
dass auch der gegengeschlechtliche Elternteil eine herausragende Rolle bei der
Bestätigung der Geschlechtsidentität hat.
2.2 Der Antrieb des Kindes
Die Herausbildung der Geschlechtsidentität hängt aber nun nicht allein an dem Ei
nwirken der Eltern, sondern auch daran, wie ein Kind auf die angebotenen Reize r
eagiert. Wir beobachten, dass es vor allem sensible Kinder sind, die später eine
homosexuelle Wahl treffen. Sie verarbeiten Reize ganz anders als Kinder mit ein
em aktiven Antrieb. So fühlen sich sensible Kinder eher abgelehnt und kommen zu
Überinterpretationen der elterlichen Erziehungsleistung. Ein sensibler Junge erf
ährt den forschen Vater eher als Gefahr und wendet sich von ihm eher ab, als ein
aktiver Junge, der die Konfrontation liebt.
2.3 Die Gruppe der gleichgeschlechtlich Gleichaltrigen
Wichtig für die Herausbildung der Geschlechtsidentität ist aber auch, wie die Au
seinandersetzung um Identität in der Gruppe der gleichgeschlechtlich Gleichaltri
gen verläuft. Denn auch hier lernen Männer und Frauen das, was sie als Handwerks
zeug des Frau- und Mannseins brauchen. Ist ein Kind durch die ersten Erfahrungen
im Elternhaus in seiner Geschlechtsidentität verunsichert, dann geht es dements
prechend unsicher in die nächste Entwicklungsphase und hat häufiger Ängste vor d
em gleichgeschlechtlichen Gegenüber.
2.4 Der erste Rettungsversuch einer krisenhaften Identität und das Aufkommen von
Vergleichsleistungen
Heranwachsende Männer und Frauen überwinden diese Unsicherheit meist durch den A
ufbau einer Ersatzidentität oder eines Images. So teilen viele Homosexuell empfi
ndende Menschen mit, dass sie sich keineswegs abgelehnt gefühlt haben. Wenn sie
aber differenziert erzählen, dann tritt zu Tage, dass sie ihre Aufnahme in die G
ruppe der Gleichaltrigen durch die Herausbildung eines besonderen Images als Kün
stler, als Redner, als Philosoph, als Seelsorger und Kummerkasten, als Klassencl
own, etc. geschafft haben. Was hier zum ersten Mal eintritt ist der Aufbau einer
Ersatzidentität, in der Leben gelingt. Diese einer Abspaltung ähnliche Struktur
(Dissoziation) spielt bei der späteren Therapie eine wichtige Rolle. Zwar gelin
gt im Rahmen der Ersatzidentität das Leben, die Folge ist aber eine innere Abspa
ltung von den eigentlichen Gefühlen.
Bei den meisten homosexuell empfindenden Menschen bildet sich neben der Ersatzid
entität auch ein permanenter Vergleichsmechanismus aus. Dieser wird manchmal in
Form von überhöhter Minderwertigkeitsproduktion wahrgenommen oder in der beinahe
schon fetischistischen Fixierung auf bestimmt bewunderte Merkmale bei den gleic
hgeschlechtlichen Freunden. In der Herausbildung dieser Fixierung wird zum erste
n Mal der Sehnsuchts- und Abwehrmechanismus deutlich, der oben beschrieben wird.
Dieser Sehnsuchts- und Abwehrmechanismus findet in der Sexualität, die ein hervo
rragender Ort für illusionäre Gefühlsbewältigung ist, später seinen Niederschlag
.
3. Homosexualität - ein multipler Werdegang
Homosexualität kann nach der obigen Darstellung auf unterschiedliche Weise entst
ehen:
a.) Es gibt Homosexualität, die auf eine eindeutige Entwicklung zurückzuführen i
st. Diese Entwicklung ist aber in sich nicht immer homogen, das meint, ob jemand
Homosexualität ausprägt, weil sein Mannsein nicht vom Vater bestätigt wurde ode
r ob für eine Frau die Identifikation in die Gruppe der Gleichgeschlechtlichen n
icht gelungen ist, ist offen und muss differenziert wahrgenommen werden. Die Ent
wicklung des Menschen ist ein vielschichtiger Prozess und kann nicht aus einer e
infachen Addition von Faktoren gefolgert werden, nach dem Motte: Schlechter Vate
r + schlechte Lehrer = Homosexuell.
b.) Homosexualität kann in das Leben von Menschen aber auch durch Krisen hereinb
rechen. Wir stellen bei weiblicher Homosexualität fest, dass eine Frau zum Beisp
iel nach jahrelanger befriedigender Ehe in eine gleichgeschlechtliche Partnersch
aft übergeht, weil ihre Ehe in der Krise ist und weil sie jetzt endgültig von Mä
nnern die Nase voll hat. Bei dieser Frau ist nicht unbedingt eine schwierige Mut
terbeziehung festzustellen, sondern eine Ansammlung von Enttäuschungen über Männ
er. Das führt zu einem solchen Vertrauensverlust, dass die Beziehung zu einer Fr
au gefahrloser ist als zu einem Mann.
Oder: Ein junger Mann sagt, dass er auch eine Zeitlang mit Frauen Sex hatte. Dan
n hatte er aber gemerkt, dass es mit Jungs einfacher ist und hat sich für die Ho
mosexualität entschieden. Auch hier muss nicht eine lebensgeschichtlich konseque
nte Entwicklung vorliegen.
Manche entwickeln Homosexualität daher aus Gewöhnung, auf dem Hintergrund von Mi
ssbrauch, aus der Ablehnung des anderen Geschlechts heraus, usw. Es gibt viele v
erschiedene Motive. Sie zu erkennen, ist für eine Veränderung wichtig.
c.) In einer therapeutischen Begleitung gehört zur Prüfung des Inhalts der jewei
ligen Homosexualität auch, dass man gegenwartsbezogen fragt. Wir rechnen damit,
dass sich die Homosexualität ein und des selben Menschen immer wieder in einer a
nderen Dynamik äussert. So bearbeitet ein Mensch in seiner Homosexualität einmal
sein Körperablehnung, das andere mal, die Sehnsucht nach einem Freund oder die
Abwehr des anderen Geschlechts. Wir gehen davon aus, dass der Mensch in untersch
iedlichen Lebensphasen immer wieder andere Lebensgeschichtliche Motive bearbeite
t.
Fazit: Nichts ist wie es scheint. Der Mensch ist ein Wunderwerk. Immer wieder än
derungsfähig, offen für Neues und Altes. Daher helfen bei der Bearbeitung von Ho
mosexualität keinen schematischen Konzepte. Der Erfolg therapeutischer Beratung
hängt davon ab, ob man dem suchenden Menschen helfen kann, die individuellen Mot
ive seiner inneren Suche zu entdecken.
Verstärkende Faktoren bei der Herausbildung von Homosexualität
1. Homosexualität ist ein Akt der Gewöhnung
Nach unserer Wahrnehmung ist homosexuelle Entwicklung bzw. die Konstitution von
Homosexualität nicht mit den ersten Erscheinung ausgeprägt, sondern gewinnt durc
h weitere Prozesse Gestalt. Auch diese Vorgänge sind für die therapeutische Bera
tung wichtig.
Wir rechnen auch der Art, wie ein Mensch sich an Homosexualität gewöhnt eine rec
ht hohe Bedeutung zu. So halten wir es für einen Unterschied ob ein Mensch nur h
omosexuell fühlt oder ob der Mensch formen einer homosexuellen Praxis entwickelt
.
Unter homosexueller Praxis verstehen wir die Herausbildung von Erlebnisformen vo
n Sexualität. Dazu gehört die Phantasieproduktion genauso wie tatsächliche homos
exuelle Kontakte.
Für die Gewöhnung sind folgende Faktoren wichtig:
a.) In der homosexuellen Gewöhnung übt sich der Mensch darin ein, sein inneres S
uchen immer mehr durch Menschen ausserhalb von ihm zu beantworten. D.h. der Mens
ch ist nie bei sich, immer bei anderen.
b.) Bei der homosexuellen Gewöhnung gebraucht der Mensch starke Gefühle, wie den
Orgasmus. Dabei gehen die anderen Gefühlskategorien wie Sinnlichkeit, Körperemp
finden, das Erleben von Zuwendung, das Empfinden einer Atmosphäre, etc. immer me
hr verloren. Wir sprechen von einem Verlust der Innenwahrnehmung, was dazu führt
, dass das Bestreben, sich durch etwas ausserhalb zu empfinden, verstärkt wird.
c.) Der Gewöhnung folgt, dass Beziehungen, die nicht dem illusionäre aufregenden
Muster folgen, kaum mehr als befriedigend empfunden werden.
Fazit: Gewöhnung führt zur Selbstentfremdung, weshalb mit der Zeit die homosexue
lle Lösung immer stärker als die einzig machbare Lösung empfunden wird. Je länge
r dieser Vorgang anhält, desto schwieriger wird eine spätere Veränderung.
2. Homosexualität kann zur Geburt einer neuen Identität führen
Manche homosexuell empfindende Menschen können aufgrund der Entwicklung irgend w
ann einmal zu dem Punkt kommen, dass sie Homosexualität als ihr unabänderliches
Schicksal ansehen. Sie beginnen daher anderen von ihrer Homosexualität zu erzähl
en und erwarten, dass andere diese als naturgegeben akzeptieren.
Diesen Vorgang bezeichnet man als Coming Out. Das Coming Out ist letztlich nicht
s anderes als die Bildung einer Subidentität. Da der Mensch seine innere Fragen
nicht lösen kann, sagt er einfach, ich bin halt so.
Dieses Prozess hat umfassende Funktionen:
a.) Meist beginnt der Mensch nach einer Erprobungsphase von Homosexualität und e
iner entsprechenden Gewöhnung, seine Lebensgeschichte umzuinterpretieren, wobei
er feststellt, er hat eigentlich immer schon so empfunden, daher sei er wohl hom
osexuell geboren.
b.) Die meisten Menschen schliessen sich in dieser Phase auch homosexuellen Grup
pen an, die sie in ihrem Sein bestätigen. Dies gibt den betroffenen den Sozialra
hmen, der ihnen bei der späteren Veröffentlichung ihrer Homosexualität Sicherhei
t gibt.
c.) In der homosexuellen Subkultur lernt der Mensch homosexuelle Verhaltensweise
n und Lebensstile kennen und auch eine Bewertung seiner Umwelt. So entwickelt er
ein klares Beurteilungssystem seiner Welt und teilt die Welt in Wurzel und Subk
ultur auf. Sowohl die Sub wie die Wurzel oder Gegenkultur braucht der Mensch zur
Identitätsstabilisation.
d.) Mit dem Herantreten des Menschen, der sich in seiner Homosexualität zu defin
ieren beginnt, an die Subkultur beginnt ein Prozess kultureller Formung: So lern
t der homosexuell empfindende in der Subkultur die typischen Handlungsstile, die
ihm helfen auch als Homosexueller in der Subkultur zu leben und auf der anderen
Seite gestaltet der Homosexuelle die Subkultur mit und bringt neues ein. So ist
zum Beispiel zu beobachten, dass jüngere Homosexuelle heute die Auffassung von
dem was Homosexualität ist, wesentlich mitgeprägt haben. War in den nach achtund
sechzigern Homosexualität noch etwas Kämpferisches, so ist es heute etwas Selbst
verständliches geworden.
Fazit: Die Herausbildung einer Subidentität ist die Geburt einer neuen Identität
in einem neuen sozialen Bezugsrahmen, aus dem die Welt neu definiert wird und p
ersönliche Wissensstrukturen eine grundlegende Uminterpretation erfahren. Wer ei
nmal eine Subidentität ausgeprägt hat, kann sich nur schwer verändern.
Veränderbarkeit von Homosexualität
1. Warum glauben wir an die Veränderbarkeit von Homosexualität
Wir halten die Meinung, dass Homosexualität veränderbar ist, nicht für überholt.
Im Gegenteil. Wir sehen, dass die neueren Sexualwissenschaften uns weitgehend R
echt geben.
Die homosexuellen Bewegung hat durch die Trennung von Sex und Geschlecht sehr st
ark daran gearbeitet, dass Homosexualität nichts mit lebensgeschichtlichen Motiv
en und Fragen unserer Persönlichkeit zu tun hat. Dazu wurden in der Vergangenhei
t kuriose Theorien geboren.
Auf der anderen Seite behaupten die Sexualwissenschaften relativ durchgängig:
1. Sexualität ist ein Konflikt im Menschen, in dem der lebensgeschichtliche Moti
ve verarbeitet. Hier greifen wir auf Konzepte von Stoller, Schorsch/Pfäfflin, Gu
nter Schmidt, u.a. andere
zurück.
2. Homosexualität ist kein besonders zu bewertender sexueller Konflikt. Vielmehr
ist er wie andere sexuelle Konflikte, die der Mensch ausprägen kann, einzuordne
n.
3. Sexuelle Orientierungen des Menschen sind plastisch, werden ausgehandelt und
verändern sich im Laufe eines Lebens immer wieder neu. Hier können wir vor allem
auf die Untersuchungen von Kinsey verweisen, der nicht, wie allgemein angenomme
n, beweisen wollte, dass es homosexuelle, bisexuelle und heterosexuelle Menschen
gibt, sondern der sagen wollte, dass der Mensch im Laufe seines Lebens ständig
seine sexuelle Orientierung ändert.
4. Sexuelle Konflikte werden allgemein als extrapsychische Lösungen verstanden d
urch die der Mensch die Frage nach seiner Identität zu erklären versucht. Homose
xualität ist so gesehen eine extrapsychische Konfliktlösung. Hier folgen wir neb
en dem Ansatz des amerikanischen Psychologen und Therapeuten Joseph Nicolosi auc
h Ansätzen, von z.B. Carlos Menzos, Heinz Kohut oder Stoller, Schorsch/Pfäfflin,
Schmidt (u.a.).
5. Der Mensch kommt also nicht zu seiner Homosexualität weil er so geboren ist,
sondern, weil er eine innere Frage hat. Gunter Schmidt geht sogar noch weiter. E
r bezweifelt das Konzept der Monosexualität ganz und sagt, der Mensch entscheide
t sich für seine sexuelle Orientierung. Diese Entscheidung trifft er vor allem i
m Rahmen bestimmter gesellschaftlicher Gegebenheiten.
Fazit: Die Sexualwissenschaften kennen derzeit kein gültiges Konzept für eine an
lagebedingte Homosexualität. Sie weigern sich sogar überhaupt von einer Homosexu
alität zu sprechen. Sie ordnen Homosexualität in die allgemeine Sexualität ein u
nd zeigen, dass der Mensch seine Sexualität im Laufe seines Lebens auf unterschi
edliche Weise, unter dem Einfluss verschiedener Krisenfaktoren, neu definiert. S
exualität ist also nichts früh festgelegtes, sondern etwas prozesshaftes, das ge
nerell für Veränderung offen ist. Somit ist die Frage nach sexueller Veränderung
nicht über die Frage von Fixierung und Anlage zu beantworten, sondern über die
Frage von Ethik und eigener Entscheidung.
2. Wie verändert sich Homosexualität
Mein Name ist Peter. Seit ich denken kann, fühlte ich mich von Männern angezogen
. Mit 16 wurde ich Christ. Ich habe nie aggressive Reaktionen bezüglich meiner H
omosexualität erlebt, eher peinliche Verschwiegenheit. Es gab keine Anlaufstelle
für mich, um darüber zu reden.
2.1 Beispiel einer Veränderung
Ich habe kein typisches Comingout gehabt, wie man es heute aus der Schwulenszene
kennt. Ich führte ein Doppelleben, hatte also homosexuelle Kontakte in der soge
nannten Szene. Diese waren anonym, wie überhaupt der größte Teil der homosexuell
en Szene sich eher im anonymen Bereich abspielt.
Der Wunsch nach Veränderung kam nicht von Außen. Im Prinzip hätte ich so weiterl
eben können. Das Verlangen nach Veränderung kam von innen. Ich litt unter meinen
homosexuellen Gefühlen. Das war für mich der Anlass, mir die Frage zu stellen:
"Was suche ich eigentlich, wenn ich einen Mann begehre?" Die Antwort, die ich fü
r mich fand, war verblüffend einfach: Ich wollte so sein, wie der andere! Ich en
tdeckte, dass ich mich immer in solche Männer verliebte, gegenüber denen ich mic
h minderwertig und unterlegen fühlte.
So musste ich feststellen, dass meine Homosexualität gar kein sexueller Konflikt
war, sondern mit Fragen meines Mannseins zusammenhing. Meine Homosexualität war
letztlich nichts anderes als der Versuch, meinen Identitätskonflikt als Mann üb
er einen anderen Mann zu bewältigen.
Diese Erkenntnis war der Schlüssel zu meiner Veränderung. So durfte ich lernen,
meinen Identitätskonflikt nicht mehr über homosexuelle Phantasien und Abenteuer
zu lösen, sondern durch reale Beziehungen. Dieser Weg war steinig. Ich lernte ab
er mit der Zeit, dass ich die Anerkennung, die ich in meinen homosexuellen Gefüh
len illusionär suchte, in realen, nichterotischen Männerfreundschaften erhalten
konnte.
Ob ich heute heterosexuell bin? Ich möchte es so beschreiben: Am Anfang meiner P
ubertät hatte ich ausschließlich Träume und Phantasien, die homosexuell waren. U
nd heute habe ich vorwiegend heterosexuelle Phantasien und Träume.
Wenn ich heute mit meiner Frau zusammen bin und ihr begegne, spüre ich eine tief
gehende Befriedigung, ganz anders, als früher mit einem Mann. Das kommt nicht au
s einem moralischen Zwang, sondern ist ein ganz tiefes Gefühl in mir.
2.2 Meilensteine auf dem Weg der Veränderung
Hier wollen wir nur wesentliche Punkte des Veränderungsprozesses aufzeigen.
a.) Erkennen der inneren Frage
Wichtig ist, dass der Mensch, die innere Frage, die er in der Sexualität bzw. in
seiner Homosexualität bearbeitet erkennt.
b.) Polarisierung
Diese Frage muss dann in der Polarisierung von Abwehr und Idealisierung erkannt
werden. Nach was sehne ich mich, wie verhindere ich meine Sehnsucht.
c.) Bündnis
Bei dem Weg aus der Homosexualität geht es nicht darum, dass das Bedürfnis das i
ch habe nicht befriedigt werden darf. Vielmehr geht es darum, dass der Betroffen
e einen Weg findet, sein Bedürfnis in der Realität und nicht in illusionären und
sexuellen Beziehungen zu befriedigen. Daher soll jeder Ratsuchende sich mit sei
nem Bedürfnis verbünden und dafür einstehen, dass er das was er sucht, auch in d
er Realität finden darf. D.h. Freundschaften brauchen nicht mehr in illusionären
Idealisierungen gesucht werden, sondern sollen auf dem Boden der Realität erleb
t werden. Die Annahme meines Körpers brauche ich nicht mehr dadurch zu finden, d
ass ich mich mit dem Körper eines anderen verschmelze, sondern, dass ich lerne m
einen Körper anzunehmen. Etc.
d.) Trauer und Vergangenheitsarbeit
Wer sich auf das Bündnis einlässt wird in der Realität bald auf Widerstände stos
sen. Derjenige, der endlich reale Freundschaften leben will, wird merken, dass e
s schwer ist, sich von der Illusion des Idealfreundes zu verabschieden. Er wird
auch spüren, dass er bislang keine Fähigkeiten ausgeprägt hat, echte Freundschaf
ten zu leben.
Menschen, die in Freundschaften Bestätigung für ihre Identität suchen, müssen di
e Ängste austrauern, die dazu geführt haben, dass sie heute keinem Mann oder kei
ner Frau mehr trauen können.
Ratsuchende mit mangelndem Körperbewusstsein, müssen die Geschichte der Abwertun
g ihres Körpers austrauern, neue Körpergrenzen aufbauen, sich empfinden lernen.
e.) Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart
In der Begleitung ist die Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart bedeutsam.
Ziel ist, der Ratsuchende in seinem Alltag, das beginnt zu leben, was er als Be
dürfnis erkannt hat. Wir rechnen damit, dass der Widerstand den er bei dem Versu
ch der Bedürfniserfüllung im Alltag erlebt, ein Hinweis auf vergangene Verletzun
gen beinhaltet, egal aus welcher Zeitphase seiner Entwicklung sie stammen. Gleic
hzeitig soll durch die Verzahnung von Vergangenheit und Gegenwart erreicht werde
n, dass heute, im hier und jetzt, an einem veränderten Leben gearbeitet werden k
ann. Das hat etwas mit dem zu tun, dass der Ratsuchende Kompetenzen für sein Leb
en erhält und aufhört zu glauben, dass wenn irgendwas in der Vergangenheit gelös
t wird, er automatisch ein verwandelter Mensch ist. Alles was in der Vergangenhe
it gelöst und erlöst wird, muss in der Gegenwart gelebt werden.
f.) Entwicklung von Gefühlen
Auf dem Weg zur Bedürfniserfüllung ist der Aufbau von Gefühlen und einer gefühls
mässigen Innenwahrnehmung entscheidend. Denn alle wesentlichen Veränderungen müs
sen von den Gefühlen her wahrgenommen werden. Beispiel: Es ist wichtig, dass Rat
suchende lernen, durch das nichterotische Zusammensein und die Zuwendung eines g
leichgeschlechtlichen Freundes, Befriedigung des Nähe und Annahmebedürfnisses zu
erfahren.
g.) Überwindung passiver Wahrnehmung
Wichtig ist auch, die Überwindung aller passiven Wahrnehmung, nämlich der Auffas
sung, dass mein Problem nicht änderbar ist. Dies ist in jeder therapeutischen Be
ratung mitunter der schwierigste Punkt. Menschen, die jahrelang homosexuell empf
unden haben und sich diesen Gefühlen ohnmächtig ausgeliefert fühlen, können oft
nicht glauben, dass das Problem veränderbar ist oder haben eine übersteigert mag
ische Lösungsphantasie entwickelt, nach dem Motto, der Therapeut wird es richten
. Dies muss überwunden werden und der Ratsuchende muss an die Möglichkeiten eige
ner Problemlösung herangeführt werden.
h.) Wenn das Bedürfnis in der Realität erfüllt wird, dann brauche ich die Illusi
on nicht mehr
Die Homosexualität als illusionärer Lösungsversuch kann dann aufgegeben werden,
wenn ich mir meine Bedürfnisse in der Realität erfüllen kann. Damit braucht der
Mensch seine Konflikte nicht mehr extrapsychisch, also ausserhalb von sich zu lö
sen, sondern erlebt, dass er alles bekommt was er braucht, in nichtsexuellen Bez
iehungen zum gleichen Geschlecht. Gleichzeitig mit dem Aufbau dieser Befriedigun
g tritt die Herausbildung von Heterosexualität ein. Wichtig ist für den Betroffe
nen hier die gleichgeschlechtliche Freundesgruppe, die ihn darin unterstützt.
Verfasser: Markus Hoffmann, Tamm