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DER ROTE HIMMEL

- China und die Christen nach der Kulturrevolution -

Inhalt

DER ROTE HIMMEL


DAS NEUE CHINA
Das Scheitern des «großen Sprungs« - Erneuerung durch Arbeit - Die Kulturrevolut
ion - Die «Roten Garden« - Das «Rote Buch« - Der Bildersturm - Der Mensch nach
Maos Vorstellung - «Drei-Wege-Allianzen« - Liberalisierung
EINE KIRCHE GEHT IN DEN SCHATTEN
Die Verehrung Maos - Die politiscbe Kirche - Die übrigbleibende Kirche - Die ver
folgte Kirche - Die hoffnungsvolle Kirche -
KLEINE ANALYSE DES KOMMUNISMUS
Karl Marx - Wladimir Lenin - Joseph Stalin - Nikita Chruschtschow - Mao Tse tung
- Klassenkampf - Sozialismus - Ethik
KOMMUNISMUS KONTRA CHRISTUS
Der Kommunismus kann das Leben nicht gänzlich ausfüllen - Der einzelne: nur Mitt
el zum Zweck - Die Schuldfrage wird übergangen - Eine Prophetie, die nicht einge
troffen ist - Eine heile Welt nur für die Überlebenden
DIE ENTWICKLUNG CHINAS - UNSERE ZUKUNFT
Verschiedene Meinungen - Ist eine Liberalisierung möglich? - Wer könnte zurückk
ehren? - Die Situation im veränderten China - Tatsachen zum Nachdenken - Strateg
ie einer Verkündigung für Kommunisten
DER KOMMUNISMUS - HERAUSFORDERUNG AN DIE CHRISTENHEIT
sein Idealismus - seine Dynamik - sein Materialismus - sein Atheismus - sein Eva
ngelium - seine Sittenstrenge - sein Nationalismus
KONFRONTATION
Hat die Gemeinde in China überlebt?

Der Rote Himmel


Bringt der Kommunismus den "Himmel auf Erden", die neue Welt? Die "Mao Bibel", d
er Katechismus der 800 Millionen, kennt nur ein Thema: Weltrevolution. Und das F
euer dieser Revolution brennt in allen Erdteilen. Es ergreift die Jugend Europas
und begeistert sie: "Wir bauen die neue Welt!"
Der religiöse Charakter der roten Revolution ist unverkennbar. Sie kann direkt a
ls Fälschung des Christentums bezeichnet werden. Das Evangelium von Jesus Christ
us ist die revolutionärste Botschaft, die Menschen und Verhältnisse ändert. Hier
liegt das große Versagen der Christen. Sie sind kaum diejenigen, die eine Welt
auf den Kopf stellen. Aber von den Kommunisten kann man das behaupten.
Es ist notwendig, daß sich das zerfallende, etablierte Christentum, das dem des
Neuen Testaments kaum entspricht, mit der Herausforderung des Kommunismus ausein
andersetzt. Die chinesische Revolution ist eine kritische Frage an unser eigenes
Christsein Wo ist bei uns noch etwas zu spüren von der Dynamik des Glaubens? W
o sind die Bauleute einer neuen Welt? Nur da, wo Jesus Christus das Fundament, d
er Grundstein ist.
Der totalitären Macht des Kommunismus ist keine Ideologie - auch keine westliche
- entgegenzusetzen. Die Lösung heißt auch nicht Antikommunismus. Es gibt nur ei
ns, was dieser Macht gewachsen ist: die totale Nachfolge Jesu.
Die Christen sind heute gefordert wie noch nie. Dabei geht es nicht in erster Li
nie um eine Revolution der Verhältnisse, sondern um eine Revolution der Herzen.
Es geht um den neuen Menschen, den Christus schafft. Und von diesen neuen Mensch
en soll etwas ausgehen in eine in Unordnung geratene Welt (Matth. 5,13 16).

1. KAPITEL
DAS NEUE CHINA

1965 war ein Schicksalsjahr für Mao Tse tung.


Sieben Jahre waren vergangen, seit der "große Sprung vorwärts" mit viel Propagan
da auf dem Parteikongreß im Mai 1958 angekündigt wurde. Dem waren sofort die ers
ten Versuchskommunen gefolgt. Sie sollten das Sprungbrett für den großen Sprung
des wirtschaftlichen Fortschritts werden. Für diesen Versuch nahm das Volk alle
Kräfte zusammen.
Aber der eingeschlagene Weg war nicht leicht. Der Aufstand von 1959 in Tibet, de
r mit dem Tod von fünfundsechzigtausend Tibetanern rücksichtslos unterdrückt wur
de, wirft finstere Schatten darauf. Ein Jahr später wandten die Sowjetunion und
die osteuropäisdien Länder China den Rücken und machten seine Versuche mit den K
ommunen lächerlich. Rußland zog alle Berater und Experten zurück und ließ China
sein eigenes Sampan" (chinesisches Wohnboot) rudern. Das Auftauchen Chruschtsdio
ws als Führer Rußlands markierte den Wendepunkt der chinesisch sowjetisdien Bezi
ehungen, die sich seitdem immer mehr verschlechterten.
Das Scheitern des großen Sprungs
1960 sahen sich die chinesischen Führer der unleugbaren Wirklichkeit gegenüberge
stellt, daß sie versagt hatten. Ihre Landwirtschaftspolitik war völlig gescheite
rt. Schreckliche Berichte über Hungersnöte in einigen Gebieten und der bedrohlic
he Mangel an Lebensmitteln zerschlugen ihren früheren Optimismus. Rot orientiert
e Beamte, die von doppelten Getreideerträgen berichtet hatten, gaben den Betrug
zu.
Im Januar 1961 erzählte Ministerpräsident Tschu En Lai dem amerikanisdien Journa
listen Edgar Snow, der lange ein Freund des Vorsitzenden Mao war, daß die Getrei
deproduktion, weit entfernt von den gesteckten Zielen, unter die vorausgehender
Jahre abgesunken sei.
Es war ein sehr, sehr harter Winter für China. Überschwemmungen, Dürre und Insek
tenplagen hoben den Mißerfolg noch mehr hervor. Die eigentliche Schuld an der sc
hrecklichen Situation trug jedoch das totale Versagen der Regierung und ihrer Wi
rtschaftspolitik. Freunde und Verwandte der hungernden Bevölkerung auf dem Festl
and halfen in großem Ausmaß. Annähernd zwölf Millionen Lebensmittelpakete wurden
1961 und fast ebenso viele im folgenden Jahr von Hongkong aus verschickt.
Die Flut der Flüchtlinge nach Hongkong schwoll an. In Schanghai äußerte sich die
Unzufriedenheit der Bevölkerung in Form von Plakaten, die die Regierung öffentl
ich für die wiederholten Mißernten verantwortlich machten. Um den Mangel an Lebe
nsmitteln zu beheben, sah sich die Regierung schließlich gezwungen, große Mengen
kanadischen und australischen Weizens mit ausländischer Währung, die kaum entbe
hrt werden konnte, zu kaufen.

Revisionismus
Die Katastrophe war vor allem ein Schlag für das persönliche Ansehen des Vorsitz
enden Mao. "Er war ein Gott, der versagt hatte." Die Mao Mystik war zerbrochen.
Denn der "große Sprung vorwärts" war sein ureigenster Gedanke gewesen. Nun zwang
ihn die öffentliche Meinung, Abwandlungen in dem streng geordneten Kommunensyst
em gutzuheißen und persönliche Besitztümer und Unternehmen bis zu einem gewissen
Grad wiederherzustellen. Der Ökonomismus" war gegen Mao, sobald er nach "Revisio
nismus" roch.
Verteidigungsminister Marschall Peng Teh huai der sich 1959 auf der Luschan Konf
erenz der Kommunistischen Partei gegen Mao, die Kommunen und ganz besonders gege
n den "großen Sprung vorwärts" gewandt hatte und deswegen entlassen worden war,
konnte jetzt sagen: "Ich habe es euch vorhergesagt!" Es wird angenommen, daß Pen
g damals die stillschweigende Unterstützung Liu Schao tschis hatte, der trotzdem
Ende 1958 Nachfolger Maos als Vorsitzender der Republik, wenn auch nicht der Pa
rtei, wurde. Trotz Lius hoher Stellung blieb es aber Marschall Lin Piao, der dem
Parteivorsitzenden geistig am nächsten stand.
Mao hatte den Ruf des Unfehlbaren verscherzt, und Teile der Öffentlichkeit, die
ihm feindlich gesinnt waren, fuhren fort, an "revisionstischen" Ansichten festzu
halten. Der verärgerte Vorsitzende legte ganz besonders nach 1962 zunehmende Ung
eduld mit diesen Intellektuellen an den Tag. Um die junge Generation vor deren E
influß zu schützen, gründete er die Sozialistische Erziehungsbewegung und verstä
rkte den Druck eine Anzahl gutbekannter Schriftsteller und Geschichtschreiber in
der Partei. Darunter befand sich auch Wu Han, Dramatiker und stellvertretender
Bürgermeister von Peking, der die gegenwärtige Situation auf eine Art auslegte,
die den Vorsitzenden in ungünstigem Licht erscheinen ließ.

Erneuerung durch Arbeit


1957 trat ein Gesetz in Kraft, das den Landaufenthalt der Intellektuellen forder
te. 1960 wurden Millionen Studenten auf die ländlichen Kommunen geschickt, um be
i der Überwindung der Krise in der landwirtschaftlichen Produktion zu helfen. 19
63 strömten wieder Zehntausende von Beamten, Intellektuellen und Studenten in di
e ländlichen Gebiete, um eine persönliche Erneuerung ihrer Einstellung und Ziels
etzung zu erfahren, während sie landwirtschaftliche Arbeit leisteten. 1965 waren
es vierzig Millionen Jugendliche und Intellektuelle, die gegen ihren Willen in
der Landwirtschaft beschäftigt wurden. Die meisten von ihnen fanden die rauhen L
ebensbedingungen fast unerträglich, während sich die Bauern ihrerseits über dere
n Anwesenheit ärgerten und sich über die Großtuerei der jugendichen Geistesarbei
ter aus der Stadt lustig machten

Verrat der Revolution


Trotz der immer neuen "Berichtigungsaktionen" hielt jedoch der Einfluß der Mao G
egner im Zentralkomitee der Partei an. Wiederholt mißlang es Mao, die Gesamtkont
rolle über den Parteiapparat, die er so sehr anstrebte, zu gewinnen. Noch nie da
gewesene, einschneidende Maßnahmen waren nötig, um die Zukunft der chinesischen
Revolution zu sichern.
Darüber hinaus regte die alternde Parteiführung in der nationalen Presse eine De
batte über die notwendige Absicherung an, daß revolutionäre Nachfolge die Revolut
ion nicht verrät". Deutlich zeichnete sich eine Krise ab, hauptsächlich wegen de
r Erhaltung von Maos Auslegung des Marxismus Leninismus in der Zukunft.

Die Katastrophe mit Indonesien


Trotz seiner großen inneren Schwierigkeiten war China immer bereit, die Revoluti
on ins Ausland zu tragen. Als Folge der Theorien Maos über "Volkskriege" unterst
ützte China den Vietminh und Vietkong in seinem Kampf für die Revolution Vietnam
s.
Die Lage an der indischen Grenze war eine bewußte Drohung an Indien. Burma, eins
t mit China befreundet, nahm nun die chinesische Einmischung in seine inneren An
gelegenheiten und die Versuche, die burmesische Politik zu bestimmen, übel. In A
frika waren chinesische Kommunisten eifrig damit beschäftigt, ein Land nach dem
anderen zu zerrütten, wobei sie sowohl Rebellen ausbildeten und mit Waffen verso
rgten als auch jede günstige Gelegenheit voll ausnützten. "Der Ostwind gewinnt d
ie Oberhand über den Westwind", lautete einer der Aussprüche, die den Glauben an
den näherrückenden Erfolg der Weltrevolution kennzeichneten.
In der Zwischenzeit schien sich aber eine günstige Gelegenheit in Asien selbst,
nämlich in Indonesien, zu bieten. Präsident Sukarno, der sowohl in Peking als au
ch in Moskau empfangen worden war, schien dem Kommunismus ganz offensichtlich wo
hlgesinnt zu sein, soweit sich dies mit der indonesischen Lebensweise und Tradit
ion vereinbaren ließ. Sein "Nasakom"-Entwurf sollte eine übereinstimmung zwische
n nationalen Tendenzen, Religion und Kommunismus zuwege bringen. Die Kommunistis
che Partei Indonesiens war die stärkste aller Länder außerhalb der kommunistisch
en Welt und hatte die Gewerkschaften fest unter Kontrolle. Einige ältere Ministe
r waren ganz entschieden prokommunistisch eingestellt. Obwohl Rußland Indonesien
mit Marineschiffen und Flugzeugen versorgte, war doch China der populäre große
Bruder".
Tatsächlich versuchte Indonesien 1955, Rußland von der Teilnahme an der Afro-Asi
atischen Konferenz in Bandung auszuschließen. China gab auch seine Zustimmung un
d ermutigte Indonesien, als es seine Mitgliedschaft bei den Vereinten Nationen r
ückgängig machte. Die Chinesen und ihre indonesischen Mitverschwörer bereiteten
ein sorgfältig ausgearbeitetes Komplott vor, um Indonesien in ihre Hand zu bekom
men. Wieweit Präsident Sukarno dabei beteiligt war, ist nicht bekannt, aber glüc
klicherweise wurde die Armee von antikommunistisdien Generälen befehligt. Der ge
plante Staatsstreich fand in der Nacht des 30. September 1965 statt. Vier Generä
le wurden in ihren Betten ermordet. Aber zwei entkamen wie durch ein Wunder, ver
setzten die Armee in Alarmbereitschaft und retteten so das Land vor einer kommun
istischen Revolution.
Die Reaktion gegen Chinesen und Kommunisten nahm in der "Rache der Generäle" gra
usame Formen an. Hunderttausende als Kommunisten bekannte Menschen und ihre Ange
hörigen wurden niedergemetzelt. Der unter Verdacht stehende Präsident wurde nach
und nach aus seinem Amt gedrängt und General Suharto, einer der Überlebenden de
r Mitternachtsermordung und Oberbefehlshaber der Streitkräfte, zu Sukarnos Amtsn
achfolger ernannt.
Das demütigende Scheitern der Pläne Maos, die einhundert Millionen Indonesier un
d deren Wohlstand zum Ziel hatten, und der unmittelbar vorausgegangene katastrop
hale Mißerfolg des "großen Sprung vorwärts" ließen das Prestige des Vorsitzenden
Mao in den Augen der Welt weiter schwinden.
Auf diplomatischer Ebene mußte er in Europa, Afrika und Asien einen Rückschlag n
ach dem anderen hinnehmen. Vielleicht wird es sich im weiteren Verlauf der Gesch
ichte herausstellen, daß die indonesische Katastrophe den Anfang des Machtverlus
tes der Kommunisten in Asien und ebenso in China markierte.
Im November verschlechterten sich die chinesisch sowjetischen Beziehungen weiter
. Das Jahr 1965 war daher für den 73jährigen Führer, der in der Abgeschiedenheit
seiner Residenz in den lieblichen Westhügeln von Peking vor sich hinbrütete, ei
n äußerst kritisches Jahr. Die Oppositionswelle lief kräftig gegen ihn an. Einsc
hlägige, rechtzeitige Maßnahmen waren geboten, um die Unterstützung seiner Führu
ng und seiner speziellen Art des Kommunismus zu erhalten. Mao war auch ernsthaft
um die Nachfolge und die Frage bemüht, wer seine Grundsätze und Pläne für die W
eltrevolution auch tatsächlich weiterführen würde,

Die Kulturrevolution
Als sich im Herbst die Bäume um sein Haus rot und golden färbten, berief Mao ein
e Geheimsitzung des Zentralkomitees der Partei ein, wobei er die normale Parteim
aschine übersprang. In aller Eile stellte er Sonderausschüsse als Rahmen für den
Beginn eines neuen, turbulenten Kapitels in der Geschichte Chinas auf, ein Kapi
tel voll großer Gefahren für China selbst und für die ganze Welt.
Nachdem alles andere fehlgeschlagen war, stand der Vorsitzende nun kurz vor sein
em letzten Glücksspiel, der "Großen Proletarischen Kulturrevolution". Er befürcl
itete, die chinesische Gesellschaft könne auf einen "Revisionismus" sowjetischer
Art zuschlittern. Mao, der bei der Annäherung an das Stadium des vollkommenen K
ommunismus nie wirklich auf Stalins Theorie des verstärkten Klassenkampfes verzi
chtet hatte, bereitete neue Klassenkämpfe und Säuberungsaktionen im Stile Stalin
s vor. (Praktisch jeder Militär oder Staatsbeamte, der in der Volksrepublik Chi
na in den letzten elf Jahren prominent wurde, verschwand entweder aus dem öffent
lichen Dienst oder war nun heftiger Kritik ausgesetzt.)
Am 10. November ließ Mao von Schanghai aus den "Aufruf zur Großen Proletarischen
Kulturrevolution" ergehen, die die Menschen bis an das Innerste ihrer Seele ber
ühren sollte". Zur gleichen Zeit griff er Wu Han und seine "Schwarze Bande" von
Schriftstellern in Peking und damit auch direkt Peng Chen, den Bürgermeister und
den Parteiausschuß in Peking an. Danach verschwand Mao aus unerklärlichen Gründ
en für sechs Monate aus der Öffentlichkeit.
Die Mao Anhänger stürzten sich nun in Wortgefechte gegen die "konservativen" Bea
mten der alten Linie, die sich gegen jegliche Straffung und Radikallsierung der
Innenpolitik stellten. Aber ihr Bemühen war umsonst. Mao war sich der Opposition
sstärke, der er gegenüberstand, voll bewußt. Er hatte daher die begeisterte, rev
olutionäre Jugend als Vorspann eingeplant, um die Welle des intellektuellen Revi
sionismus einzudämmen, die Intellektuellen von allen bürgerlichen Tendenzen zu s
äubern und die Gegenrevolution innerhalb der Partei zu besiegen.
Nach seiner Rückkehr nach Peking führte Mao am 16. Mai den Vorsitz bei der Zusam
menkunft des Zentralkomitees und gab am 29. Mai seine Zustimmung zur Organisatio
n der ersten Roten Garde Gruppe, die mit der Tsinghua Universität verbunden war.
Bald folgten weitere. Am 1. Juni befestigten sieben Studenten und Funktionäre d
as erste "große Persönlichkeitsplakat" an den Mauern der Universität von Peking,
das den Präsidenten Lu Pang und den Parteiausschuß der Universität heftig kriti
sierte. Zwei Tage später gewannen die Mao Anhänger die Kontrolle über die nation
ale Volkszeitung wieder zurück, säuberten das Parteikomitee von Peking von 165 P
rominenten, alles ältere Mitglieder, und enthoben Peng Chen und Wu Han aller Par
tei und Regierungsposten. Das war der erste Schritt zur Säuberung des gesamten
Parteiapparats, die sich zuletzt auf die ganze Nation und auf alle Ebenen erstre
ckte.
Den Studenten der Universität von Peking wurde die Ehre erteilt, "die erste Gewe
hrsalve in der "Großen Proletarischen Kulturrevolution abzufeuern. Die protestier
enden Studenten waren fest zur Reformierung der Ausbildungsmethoden entschlossen
. Sie kritisierten den Präsidenten der Universität, bis sie sich seiner Entlassu
ng versichert hatten. Danach leiteten sie eine großangelegte Säuberungsaktion un
ter der Universitätsverwaltung und den Intellektuellen ein. Der neue Erziehungs-
und Studienplan räumte Maos Schriften den Hauptplatz ein. Es wurden fünfunddrei
ßig Millionen Ausgaben seiner ausgewählten Werke gedruckt, um sie an die Massen
zu verteilen.
Wir brauchen keinen Verstand. Unsere Köpfe sind bewaffnet mit den Gedanken Mao Ts
e tungs!" war ein Schlachtruf, der den antiintellektuellen Charakter der neuen,
gesteigerten Aktivität kennzeichnete. Die Prawda brachte dazu folgenden Kommenta
r: "Die Rote Garde hat die Lektion begriffen, daß der Hauptfeind Mao Tse tungs de
rjenige ist, der zu denken versucht! "
Am 16. Juni wurden alle Universitäten und Schulen angewiesen, für sechs Monate z
u schließen, damit die Studenten an der Kulturrevolution teilnehmen konnten. F
ast zwei Jahre gingen vorbei, bevor sie wieder in ihre Klassenzimmer zurückkehrt
en.
Am 16. Juli begab sich Mao (angeblich) mit seinem plumpen Körper in das dahineil
ende Wasser des Jangtse Flusses bei Hankow, um den großen Start der Revolution n
och zu unterstreichen und um sein berühmtgewordenes Bad zu nehmen. Die Presse pr
äsentierte einer skeptischen Welt Fotos, auf denen Maos Kopf zwischen denen sein
er glühenden Bewunderer und Mitschwimmer immer wieder aus den schlammigen Fluten
auftauchte. So war Mao trotz anhaltender Gerüchte kein kranker Mann, sondern ei
n Führer voller Lebenskraft und bereit, die tiefgreifendste Gleichschaltungskamp
agne, die China jemals erlebt hatte, zu dirigieren.

Kampf mit Plakaten


Ein Hauptpunkt der Revolution war von Anfang an die öffentliche Debatte in Form
von großen Plakaten, die Angriffe und Gegenangriffe enthielten und die neuesten
Parolen ausgaben. Riesige Mengen roten Papiers und Fluten von Tinte wurden verbr
aucht, um die "Revisionisten" mit beißenden Worten öffentlich anzuprangern. Das
war eine Art der Kriegsführung, bei der die chinesischen Pinsel mächtiger als Wa
ffen waren. Tag für Tag mündeten die scharfen Angriffe im Radikalismus, während
ein Plakat das andere beantwortete. Die öffentliche Waschung des verschmutzten n
ationalen Gewandes schien für die neue Revolution notwendig, eine Revolution, di
e den radikalsten Umbruch der chinesischen Erziehung und Kultur, den es je gegeb
en hatte, hervorbrachte.
Das ganze Unternehmen war in der Tat eine umfassende ideologische Säuberungsakti
on, vor der nichts und niemand sicher war. Im November wurde sogar Liu Schao tsc
hi der Vorsitzende der Republik, der schon im August seiner Amtsgewalt enthoben
worden war, ein Opfer der öffentlichen Angriffe. Diese "führende Parteipersönlic
hkeit, die den kapitalistischen Weg einschlug", verschrie man als den "Chruschts
chow der Chinesen" und klagte ihn an, den geliebten Führer und Vorsitzenden Mao
unaufhörlich angegriffen zu haben. Er wurde außerdem beschuldigt, eine Reihe von
schwerwiegenden Verbrechen gegen die Partei und das Volk begangen zu haben und
der Anstifter der Juli/August Aufstände in Südchina gewesen zu sein. Auch der Ge
neralsekretär der Partei, Marschall Teng Hsiao ping, wurde angeklagt. In Wirklic
hkeit bestanden die Verbrechen des Vorsitzenden Liu Schao tschi und des Marschal
l Peng aus wiederholten Versuchen, Mao von den überspanntesten seiner Vorhaben a
bzubringen.

Die «Roten Garden«


Während der drückend heißen Tage im August 1966 versetzten neun turbulente Zusam
menkünfte der neu gegründeten "Roten Garden" sogar das mittlerweile schon längst
gegen Massenzusammenkünfte abgestumpfte Peking in Erstaunen. Vierzehn Millionen
Jugendliche marschierten am Tien An Men (Tor des himmlischen Friedens) der alte
n Verbotenen Stadt vorbei, in der einst die Kaiser lebten und regierten.
Jetzt stand Mao dort mit Marschall Lin Piao, seinem Gefolgsmann und offensichtli
chen Thronfolger, um dem Vorbeimarsch zuzusehen. Die jungen Menschen verehrten M
ao als ihren Helden. ja, für sie war er eine himmlische Gottheit, die weit über
jeder Kritik stand. überall waren Standbilder von ihm aufgestellt. Sein Bild bli
ckte milde von jedem nur erdenklichen Ort auf achthundert Millionen Menschen her
ab. Postkarten und Kalender ohne Maos Bild waren eine Seltenheit. In Schao schan
, Maos Geburtsort in der Nähe von Tschangscha, zeigte ihn ein Bild in weißen Gew
ändern und Sandalen, umgeben von einem rosigen Schein. "Der Vorsitzende Mao ist
die Rote Sonne' in unseren Herzen" lautete der Titel eines Dokumentarfilms, der
zur 17. Wiederkehr des Gründungstags der Volksrepublik China gedreht wurde.
Maos Vergötterung war praktisch vollständig. Ehrerbietig verneigten sich alle vo
r seinen Bildern. "Wir lieben unsere große Partei und unseren großen Vorsitzende
n Mao!" verkündeten die allgegenwärtigen Plakate. Der "Hung weiping", der Armbin
den mit Maos Unterschrift und Mao Knöpfe an den blauen Uniformen trug, war das n
eue Instrument des Vorsitzenden, uni die Revolution unter das Volk zu tragen, se
ine auserwählten Nachfolger, die nun Kampferfahrung in der Revolution sammeln so
llten. Sie waren dazu bestimmt, den Parteiapparat zu ersetzen, zu dem Mao kein V
ertrauen mehr hatte.

Das "Rote Buch«


Das "Rote Buch" mit Auszügen aus den Gedanken Mao Tse-tungs wird wie ein heilige
s Buch behandelt. Man trägt es bei sich, liest es als erstes am Morgen und als l
etztes am Abend, entweder allein oder in Gruppen. Die Parolen werden dabei auswe
ndig gelernt und auf jede Tätigkeit während des Tages angewandt.
"Erarbeitet euch die Werke Mao Tse tungs!" lautete der nationale Aufruf für das
Jahr 1964, als es den Anschein hatte, Maos Einfluß sei im Schwinden. Seine Schri
ften, so wird behauptet, vereinigen in sich die "ursprüngliche Wahrheit des Marx
ismus-Leninismus und ihre richtige Anwendung in der chinesischen Revolution". "E
s leben die Gedanken Mao Tse tungs!" Sie sind der Prüfstein der Orthodoxie und w
erden, so wird geglaubt, den Propheten selbst überleben. Jeder Kader muß sie ver
öffentlichen. Reisende sahen sie an allen erdenklichen Stellen angebracht, sogar
an Kinderwagen und am Geschirr der Lasttiere. Sie ersetzten den Reiz vergangene
r, abergläubischer Zeiten.
Eine Stewardeß, die Maos "Gedanken" vertraut, sieht keine Notwendigkeit, Sicherh
eitsgurte beim Starten und Landen zu benützen. Sportler führen gute Leistungen a
uf die "Gedanken" zurück. Sogar die militärische Taktik muß nach ihnen ausgerich
tet sein. Und der stellvertretende Vorsitzende Lin Piao kommt gleich hinter Mao,
weil er der "engste Waffenkamerad, bester Schüler unseres großen Führers, des V
orsitzenden Mao, ist. Er ist derjenige, der das Große Rote Banner der Gedanken M
aos hochhält, Mao Tse tungs Gedanken am besten versteht und sie am besten anwend
et!"

Der Bildersturm
Die Kulturrevolution richtete sich gegen "vier alte Dinge": alte Bräuche, alte G
ewohnheiten, alte Kultur und alte Denkweise. Am meisten setzten sich die Jugendl
idien der "Roten Garden" mit fanatischem Eifer ein, um das neue Ziel zu verwirkl
ichen. Sie waren vom Unterricht und vom Studium befreit und aufgehetzt worden, "
Revolution zu machen".
Jetzt herrschte der Pöbel. In Peking wurde Menschen, die westliche Kleidung trug
en, befohlen, einfache Kleider anzuziehen. Mädchen, die ihr Haar im "Honkong Sti
l" trugen, wurden angeprangert und Taxis als "Wohlstandsluxus" erklärt, Privathä
user gestürmt und alle überflüssigen oder gar mondänen Möbel auf die Straße gewo
rfen. Gewalttätigkeiten waren in der Tagesordnung und die überlieferte Ehrfurcht
vor dem Alter abgeschaft. Altere Menschen mußten öffentliche Demütigungen hinne
hmen. Sie wurden oftmals völlig nackt durch die Straßen getrieben. Menschen, die
zur öffentlichen Schändung ausgewählt waren, ließ man mit einem Schandhut auf d
em Kopf durch die Straßen marschieren.
Das war nur eine Art der Schändung. Soweit es ihnen erlaubt war, zerstörten die
"Roten Garden" jedes Kunstwerk griechischer, römischer und chinesischer "Wohlsta
ndskultur". Museen waren für die Öffentlichkeit geschlossen. Nur die Volksbefrei
ungsarmee konnte die jungen Rowdies davon abhalten, die "Verbotene Stadt" und di
e Ming Grabmäler in der Nähe Pekings völlig zu zerstören, die unbezahlbare, herr
liche Wahrzeichen des vergangenen Glanzes Chinas darstellen. Kirchen wurden gesc
hlossen und die Kirchenführer mißhandelt und gedemütigt, Bibeln und religiöse Bü
cher beschlagnahmt und zerstört.
Bald dehnten sich die Aktionen, Beleidigungen und die Zerstörungswut der "Roten
Garden" über ganz China aus. Einhundert Millionen Jugendliche stürzten sich in e
ine ideologische Raserei, wie eine tosende, dahinellende Welle, die über Tausend
e von Meilen hinwegfegt" (Rote Fahne, 24. April 1967) eine "Art Schreckgespenst
eines Kinderkreuzzuges" gegen Religion, gegen Chinas kulturelles Erbe und ganz b
esonders gegen alle Verdächtigen einer gegen Mao gerichteten Strömung.
Grausamkeiten nahmen zu, als diese überheblichen Jugendlichen sich überall hinbe
gaben. Ausgerüstet mit Freifahrtscheinen und vom Reisefieber besessen, zerstörte
n sie sämtliche Verbindungswege und das normale Leben der Nation. Hunderttausend
e jener, die man zur Arbeit aufs Land geschickt hatte, nützten die Gelegenheit,
um mit Freikarten in ihr bequemes Zuhause zu kommen. Zeitungen mußten zeitweise
ihr Erscheinen einstellen.
Nach der öffentlichen Anprangerung des Vorsitzenden Liu Schao tschi im November
breiteten sich die Massenaktionen gegen die Parteiführung im Dezember auf Fabrik
en und ländliche Kommunen aus. Sogar der Kultusminister, ein stellvertretender P
räsident, wurde durch die Straßen geschleift und andere führende Persönlichkeite
n der Partei eingesperrt. Die Geschichte bietet keine Parallele einer solchen of
fiziell unterstützten Gesetzlosigkeit und einer derart massiven Machtdemonstrati
on der Studenten.

Der Mensch nach Maos Vorstellung


Was sollte mit der Kulturrevolution erreicht werden? In der Volkszeitung vom 8.
Juni 1967 hieß es: Wir kritisieren die alte Welt ... das alte Ausbeutungssystem
... die Gelehrten und die Behörden der Wohlstandsgesellschaft ... Als Folge der
Kritik, die jetzt ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht, taucht eine neue Ära
am Horizont auf, in der die siebenhundert Millionen Chinas zu einem Volk der We
isheit werden!"
Schon Karl Marx hatte von der Entstehung einer neuen Gesellschaft und einer neue
n, besseren Menschheit geträumt, in der sich selbst die menschliche Natur wandel
t. Das große Ziel der Kulturrevolution war daher die Umgestaltung des Menschen u
nd der Gesellschaft durch die Schaffung eines neuartigen Menschen, das Entstehen
eines kommunistischen Menschen der Zukunft". Die alten, tiefverwurzelten, feuda
len Merkmale der Nation sollten durch Eigenschaften und Ideale ersetzt werden, d
ie sich besser zur Führung eines sozialistischen Staates auf dem Weg zum Kommuni
smus eigneten. Mao strebte danach, einen Geist der Nüchternheit, Selbstaufopferu
ng und der Revolutionsbegeisterung nach dem Beispiel von Jenan wiederherzustelle
n in einer Gesellschaft, die sidi wieder der Eigensudit und persönlichen Vorteil
en zuwandte.
Sein großes Ziel bestand daher in einer neuen Volkskultur, einer neuen Ethik und
einem neuen persönlichen Glauben, der auf Mao gegründet ist, kurzum in einer ne
uen Pseudoreligion. So war es wichtig, das System der höheren Erziehung gründlic
h zu überprüfen, damit das ideologische Training zukünftig zu ihrem Mittelpunkt
werde.
Jetzt haben sich drei Ziele der Kulturrevolution herauskristallisiert: Sie stell
te im Grunde genommen den ideologischen Kampf gegen die Wirtschaftspolitik der R
evisionisten dar. Zweitens war sie der Kampf um die Führung und die Bestimmung d
es weiteren Verlaufs der Revolution und drittens eine Jugendbewegung mit dem pur
itanischen Wunsch, die menschliche Natur zu erneuern, indem man sie von allem fa
lschen Denken, allen Wünschen und Bräuchen säubert. Aber wo lag der Fehler?

Parteigeist
Das Erstaunlichste an der chinesischen Lage nach der Kulturrevolution war das ve
rwirrende Zunehmen des Parteigeistes. Kein Tag verging in den Anfangsmonaten des
Jahres 1968 ohne verschiedene Zeitungsdiskussionen über die große politische Er
scheinung des Massenparteigeistes. Ohne Zweifel war der Vorsitzende Mao selbst z
utiefst erstaunt über die tiefen Risse, die die Kulturrevolution auf dem Gebilde
des politischen Lebens in China hinterlassen hatte.
Mao Anhänger hatten 1966 die ersten "Roten Garden" gegründet. Es waren meist unz
ufriedene studentische Aktivisten, die es darauf angelegt hatten, an der Säuberu
ng des Parteiapparates von maofeindlichen Funktionären teilzunehmen. Im Lauf des
Jahres bildeten sich immer mehr Gruppen, bis sie nahezu alle Studenten der Hoch
schulen und Universitäten umfaßten.
Aber trotz des gemeinsamen Zieles kam es innerhalb der Gruppen zu Rivalitäten, d
ie von Zeit zu Zeit in Gewalttätigkeiten ausarteten. Enttäuscht darüber, daß es
ihnen mißlungen war, die ältesten Parteivertreter abzusetzen, erteilten die Mao
Anhänger in Peking den Massen die Vollmacht, ihre direkten Vorgesetzten zu stürz
en und selbst die "Macht zu ergreifen". Das hatte eine Balgerei um die Macht inn
erhalb der rivalisierenden Gruppen zur Folge. Dadurch alarmiert, bildeten die be
drohten Beamten zur Selbstverteidigung neue Erwachsenenorganisatioen gegen die T
errorherrschaft der "Roten Garde". Die Verstreitender Parteien schuf nur noch gr
ößere Verwirrung. Diese Revolutionsgruppen waren streitsüchtig, undiszipliniert
und ehrgeizig. Sie nannten sich Frühlingsdonner, Wächter der Lehre, Rotes Banner
, Revolutionsrebellen, Rote Eisenkämpfer, Große Rebellenarmee, Ostwind, Proletar
ische Revolutionäre u. ä.
Als sich die Kulturrevolution Anfang 1967 auf die Bauernhöfe und Fabriken ausdeh
nte, übernahmen die Revolutionsrebellen mit Gewalt die Macht in der Partei und d
er Stadtverwaltung während der sogenannten "Januar Revolution". Arbeiter, die di
e Vorteile des "Ökonomismus" genossen hatten, fürchteten um ihr Leben, wenn dies
er von der Lehre Maos abgelöst würde. So formierten auch sie sich zu Gruppen, um
den eigenmächtigen "Roten Garden" Widerstand leisten zu können. Die Arbeitsdisz
iplin brach zusammen, und große Streiks und Sabotage der Inustrie waren das Erge
bnis.
In Schanghai waren der Hafen und die Eisenbahn stillgelegt. Die Dinge gerieten a
ußer Kontrolle. Es wurde öffentlich vor der Gefahr der Gesetzlosigkeit gewarnt.
In verschiedenen Gebieten brachen Kämpfe aus. In Nanking starben über fünfzig Me
nschen bei Zusammenstößen, und Hunderte wurden verletzt. Der normale Regierungsa
pparat konnte mit den zahllosen streitenden "Massenorganisationen" nicht mehr zu
sammenarbeiten. Kurz nach Beginn der Belagerung der Sowjetischen Botschaft am 26
. Januar (war nicht Rußland die giftige Quelle des Revisionismus?) entschied sic
h der Vorsitzende Mao widerstrebend, die Volksbefreiungsarmee zu verpflichten. D
ann gab er seine acht Punkte umfassende Vorschrift heraus.
Diese Entscheidung, die der Kulturrevolution den Anstrich einer spontanen Massen
bewegung nahm, war nicht sehr populär. Vom Januar 1967 an spielte die Volksbefre
iungsarmee jedoch eine zunehmend wichtige Rolle. Die "Massenorganisationen" bega
nnen, sich jetzt nach Verbündeten unter den anderen Gruppen umzusehen.
Nach dem Zusammenschluß der kleineren Parteien blieben zwei riesige, opponierend
e Parteiorganisationen übrig, die nach innen immer noch geteilt waren. Die "radi
kale" Koalition umfaßte die "Roten Garden" und all diejenigen, die durch eine Ve
ränderung des derzeitigen Zustandes an die Macht kommen wollten, während sich di
e "konservative" Koalition hauptsächlich aus Gruppen zusammensetzte, die eine Rü
ckkehr zum Zustand vor der Kulturrevolution befürworteten. Beide Seiten bekannte
n sich zu Mao. Als jedoch im August 1967 ausgedehnte Kämpfe zwischen den beiden
schwerbewaffneten Koalitionen ausbrachen, sah es nach einem regelrechten Bürgerk
rieg aus. Die Armee verhielt sich zurückhaltend. Sie griff nur von Zeit zu Zeit
ein, um übermäßige Gewalttaten der Kulturrevolutionäre zu verhindern.
Die Regierung sah sich zunehmend einem Chaos gegenüber. Die etwas vorsichtigeren
Führer in Peking überredeten daher den "Steuermann" Mao, sein Schiff in ruhiger
e Gewässer zu lenken. Befehle ergingen, die Parteikämpfe zu unterlassen, und den
"Roten Garden" wurde befohlen , in ihre Lehr- und Klassenzimmer zurückzukehren,
um Maos Werke und die Kulturrevolution zu studieren. Aber es dauerte bis zum Fr
ühjahr 1968, bevor die meisten Grundschüler und die Hälfte der Mittelschüler wie
der an ihren Lernpulten saßen.
Vielleicht hatte Mao das Gefühl, die meisten Ziele des Feldzuges erreicht zu hab
en. Vor allem war der jüngeren Generation eine Gelegenheit geboten worden, eine
Art der Revolution selbst mitzuerleben. Es gelang ihm jedoch nicht, alle auszusc
halten, die mit seiner Politik nicht einverstanden waren.

"Drei Wege Allianzen«


Die Roten Garden setzten sich größtenteils aus jugendlichen und unerfahrenen Mit
gliedern zusammen, aber die Entfesselung ihrer Kräfte als Masse war explosiv und
letzten Endes äußerst gefährlich. Ihre Gewalttätigkeiten und der anschwellende,
sich gegenseitig vernichtende Kampf hatten die Wirtschaft zerrüttet und schiene
n eine zweite Katastrophe innerhalb des "großen Sprung vorwärts" heraufzubeschwö
ren. Die Frühjahrsaussaat war behindert und die Ernte erneut gefährdet.
Da nahmen angesehene Persönlichkeiten in der Hauptstadt allen Mut zusammen und f
ingen an, den Extremismus der "Roten Garde" zu verdammen und das Land vor den Ge
fahren der Gesetzlosigkeit zu warnen. Diese Versuche zur Einschränkung der Aussc
hreitungen wurden von neuen Gruppen unternommen, die sich auf "Drei Wege Allianz
en" aufbauten. Ihr gehörten die Revolutionsmassen (Rote Garde usw.), die Revolut
ionskader (die alten legalen Parteivertreter) und die Armee an. Sogar die Volksz
eitung tadelte übereifrige Mao Anhänger ihrer "linksorientierten Irrtümer" wegen
.
Um die Ordnung wiederherzustellen und die Ausschreitungen der Revolutionäre zu z
ügeln, sah sich Mao gezwungen, sich wieder der Volksbefreiungsarmee, der einzige
n zusammenhaltenden Kraft, die im Lande noch übrig war, zuzuwenden. Die neue, ak
tive Rolle der Armee war unpopulär und löste viele Spannungen und große Kritik a
us. Die lange Belagerung der Sowjetischen Botschaft wurde aufgehoben. Tschu En l
ai, der Mann zwischen der extremen Linken und der extremen Rechten, trat mächtig
er denn je als Hauptfigur in dem Versuch auf, zwischen den streitenden Parteien
zu vermitteln und die Wirtschaft wieder funktionsfähig zu machen.

Die Ernüchterung
Es war jedoch leichter gewesen, die Flammen zu entzünden, als sie wieder zu erst
icken. Der "antiimperialistische" Kampf dehnte sich im Mai bis nach Hongkong aus
, begleitet von Gewalttätigkeiten und Provokationen. Im August 1967 wurde die Br
itische Gesandtschaft in Peking niedergebrannt. In ganz China gingen die bewaffn
eten Zusammenstöße weiter.
Das zwang Mao im September zu einer Reise durch das ganze Land, um das Ende der
Parteikämpfe zu sichern. Die Studenten kümmerten sich nicht um die früheren Anwe
isungen, und die meisten Universitäten und Schulen blieben geschlossen. Es war e
ine zu große Demütigung für sie, ihre wiedereingestellten Lehrer und Lektoren, d
ie sie als Revisionisten verschrien hatten, zu akzeptieren.
Der tote Punkt war da. Entmutigt durch ihre Unfähigkeit, die revolutionären Ziel
e durchzuführen, enttäuscht über den Erfolg gemäßigter Gruppen in Peking und ver
ärgert, weil sie allmählich zur Seite gedrängt wurden, verspürten die "Roten Gar
den" keine Lust, in ihre Unterrichtsräume zurückzukehren. Parteigeist und der Zu
sammenbruch der Ordnung durch das Gesetz hatten in Verbrechen, Sittenlosigkeit u
nd Wuchergeschäfte ausgeartet. Der Schwarzhandel blühte, wie es seit 1949 nicht
mehr der Fall gewesen war. Es wird gesagt, Ministerpräsident Tschu En Iai habe s
ich beklagt, daß sich viele Studenten vom Kampf abwendeten, sich dem "Nichtstun
und dem Pokerspiel widmeten und ein liederliches Leben führten". Das sind die Ga
mmler und "Hippies" Chinas: teilnahmslos, ernüchtert und mit zerstörter Hoffnung
, jemals ein höheres Amt zu erreichen. Die große Disziplin und die öffentliche S
ittenstrenge früherer Jahre befanden sich im Schwinden.

Ausländische Gäste
Inmitten des Tumults gelang es den Drei Wege Allianzen" des Vorsitzenden Mao im
Verlauf des Jahres 1967, in neun Provinzen neue Revolutionsausschüsse zu bilden.
Das war immerhin ein gewisser Sieg für den ziemlich ernüchterten Führer. Dank d
es Einflusses gemäßigter Gruppen, die ihre Macht vereinigten, hatte es den Ansch
ein, als erhebe sich China wieder aus dem Chaos und den Wirren der Kulturrevolut
ion.
Einen Eindruck über das Leben in China vermitteln die Erfahrungen einer Gruppe v
on 57 Australiern und Neuseeländern, die Kanton, Schanghai, Peking, Hankow, Wuch
ang und Tschangscha bereisten. Ihr Reiseführer war aktiver Christ. Für diese Men
schen war die Reise das anstrengendste, ergreifendste und belastendste Erlebnis
ihres Lebens. In Kanton, ihrem ersten Aufenthaltsort, machten sie eine nerventöt
ende Erfahrung mit, als sie stundenlang die Gedanken Maos hören mußten. Bei ihre
n Besuchen in Schulen, Fabriken und Kommunen mußten sie die berühmtesten "Auszüg
e" immer wieder über sich ergehen lassen. Ihre "Roten Bücher" hatten schon Esels
ohren, bevor sie noch ihre Reise fortsetzten.
Zu dieser Zeit herrschte ein solches Durcheinander, daß die Behörden über die An
wesenheit von Touristen nicht gerade erfreut waren. Das Ergebnis des antirevisio
nistischen Kampfes war noch immer nicht abzusehen. Nach den äußeren Anzeichen un
d den Truppenbewegungen auf den Straßen zu schließen, war die Lage vermutlich an
ihrem schlimmsten Punkt angekommen, als sie sich in Wuhan aufhielten. Dort war
gerade ein Revolutionskomitee errichtet worden. Es war daher sehr schwer, im vor
aus zu bestimmen, welche Städte ohne Zwischenfälle besucht werden konnten. Es fe
hlte auch die übliche Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit des fünfzehn Mann zählende
n Teams, das vom chinesischen Reisedienst gestellt worden war.
Einige der Gesellschaft hatten schon 1967 an einer Reise teilgenommen, doch die
damalige Begeisterung war erloschen. Die "Roten Garden" fielen in der Öffentlich
keit nicht mehr auf, und die einst so stolz getragene Armbinde war im Gegensatz
zu früher eine Seltenheit. Doch die australischen und neuseeländischen Besucher,
die sich bei den "Roten Garden" an den Universitäten von Futan und Tungschi in
Schanghai aufhielten, stellten fest, daß die Gruppe der Futan Universität immer
noch sehr kriegerisch eingestellt war.
In Schanghai nahm die Reise beinahe ein vorzeitiges Ende, als einer der Australi
er eine harmlose Karikatur nachzeichnete, in der ein Hund dauernd in die Luft sp
rang, und auf der zu lesen war: Lang lebe der Vorsitzende Mao!" Die "Rote Garde"
, die das sah, untersuchte den Vorfall eingehend, und bevor die Reise weitergehe
n konnte, fand eine hitzige Sitzung mit Kritik und Selbstkritik statt. Zu einem
späteren Zeitpunkt der Reise wurde in Tschangscha in einem Papierkorb eine Bildp
ostkarte von Mao und ein Mao Knopf mit einem eingebrannten Loch gefunden. Garden
und Hotelangestellte versammelten sich sofort in dem Zimmer, und ein zorniger S
treit erhob sich.
Trotz ihrer Bestürzung über den Personenkult um Mao und die großen Einschränkung
en der persönlichen Freiheit, zeigten sich die Studenten sehr vom Experiment der
Massenpolitik, der massiven Einübung der politischen Erziehung" beeindruckt. Abe
r der Gruppe wurde keine Gelegenheit gegeben, auch nur mit einem einzigen Christ
en oder mit irgend jemand von der Stelle für Religiöse Angelegenheiten zusammenz
utreffen.

Revolutionskomitees
In den ersten vier Monaten des Jahres 1968 bildeten vierzehn andere Provinzen Re
volutionskomitees. Doch fehlte diesen in Wirklichkeit jegliche Übereinstimmung u
ntereinander, und auch die früher gegründeten Revolutionskomitees arbeiteten nic
ht reibungslos. Ende März wurde der Führungsstab der Armee "gesäubert", als sich
der Parteigeist auf die Armee ausdehnte. Im Frühjahr loderte das schwelende Feu
er von neuem auf, und Gewalttätigkeiten, die weit über die des Jahres 1967 hinau
sgingen, brachen im ganzen Land aus.
Die verblichenen Plakate wurden abgerissen und von anderen mit alten und neuen A
ngriffszielen der Beschimpfung und Kritik abgelöst. Sie brachten neue "Teufel",
"Scheusale", "Ungeheuer", "Gespenster" und "Geister" ans Tageslicht und betonten
wiederum die Loyalität zu Mao, seinen Gedanken und seiner politischen Linie. Di
e Extremisten hatten wieder die Kontrolle erlangt, und das Chaos wurde als eine
Tugend gepriesen, ohne die die verborgenen Mao Gegner nicht entlarvt werden konn
ten.
Von Mao wurde indessen berichtet, er habe bei einer fünfstündigen Zusammenkunft
in seiner Residenz in Peking geweint, als er über die großen Schwierigkeiten der
Nation berichtete. Dabei drohte er der extremen "Roten Garde" der Universität v
on Peking an, daß alle höheren Schulen unter Militärkontrolle gestellt würden, f
alls sie sich nicht besserten.
Diese Gegenüberstellung hilft das Problem zu beleuchten, das Mao sich selbst und
der Nation mit der Mobilmachung der studentischen Kräfte geschaffen hatte, die
"Revolution machen" sollten. Alarmiert von den Folgen seiner eigenen Maßnahmen,
versuchte er, die Studenten ihrer Macht zu berauben und sie in ihre Schulräume z
urückzuzwingen. Dabei mußte er feststellen, daß sich viele von ihnen gegen ihn u
nd seine Politik stellten. Deshalb appellierte Mao schließlich wieder an die Arb
eiter. Während Hunderttausende von Intellektuellen der "Roten Garde" auf das Lan
d geschickt wurden, sandte man "Arbeiter- und Bauernpropagandatrupps" an die Uni
versitäten, um die jugendlichen Revolutionäre in ihre Schranken zu verweisen und
"die Unordnung der Kulturrevolution zu beseitigen" mit Hilfe der "Kampf Kritik
Umwandlungskampagne". "Die große Armee der Arbeiterklasse" (so Yao Wen yan in se
iner Grabschrift für die Kulturrevolution mit dem Titel: "Die Arbeiterklasse muß
die Führung in allen Dingen innehaben") marschiert in alle Ausbildungsstätten,
muß sie besetzen und für immer anführen." Chinas Jugendliche, von denen sich dre
ihundert Millionen im Studentenalter befinden, sind im Endeffekt die Opfer der T
umulte der letzten drei Jahre.
Szechwan mit seiner siebzig Millionen umfassenden Bevölkerung und seinen reichen
Bodenschätzen war, was die Tradition betrifft, die widerspenstigste aller Provi
nzen. Ihr einflußreicher Gouverneur, der von Anfang an gegen den Extremismus der
Kulturrevolution gewesen war, wurde im Mai 1968 abgesetzt und war bei den Masse
nzusammenkünften oft ein Opfer der Anprangerung, wo er "bleich und zitternd" vor
beimarschieren mußte. Der blutige Kampf zwischen den gegnerischen Gruppen nahm k
ein Ende, und auch der Einfluß des Gouverneurs konnte ihn nicht verhindern. Alle
größeren Städte waren in Mitleidenschaft gezogen. Am 31. Mai wurde schließlich
ein Provinzrevolutionskomitee aufgestellt und als großer Sieg gepriesen. Nur fün
f der neunundzwanzig Provinzen blieben ohne Revolutionskomitees. Dies waren Fuki
en (Ostchina), Kwangsi (Südchina), Jünnan (Südwestchina), Tibet und die Nord Wes
t Provinz und Zentrum der Atomindustrie Sinkiang, alles strategisch wichtige Gre
nzbezirke.
Im Mai brachen im ganzen Land ernsthafte Gewalttätigkeiten der Parteien aus mit
den grausamsten Zügen in Kwangsi. Wuchow wurde von einem Großbrand zerstört, und
das Blutvergießen nahm erschreckende Ausmaße an. Grausiger Beweis für die ganze
Welt waren Tausende von gefesselten und verstümmelten Körpern, die den Perlfluß
hinuntertrieben und von denen einige in Hongkong herausgefischt wurden.
Die allgemeine Unterbrechung der Zugverbindungen wirkte sich in Linchow am schli
mmsten aus. Dort stapelten sich die Lieferungen nach Vietnam. Überall traten gro
ße Verzögerungen beim Transport von Kohle und anderen wichtigen Gütern für die I
ndustrie auf. Die chinesische Wirtschaft wies zunehmende Zeichen der Überbelastu
ng auf als Folge der Zerrüttung des normalen Lebens, zu der noch die schlimmsten
Überschwemmungen des Jahrhunderts im Süden Chinas kamen.
Unfähig, das Problem der Gründung von Revolutionskomitees mit Hilfe der örtliche
n Massen zu lösen, trafen Vertreter aus Fukien, Kwangsi, Jünnan, Tibet und Sinki
ang im August in Peking zusammen, um über eine Regelung der Angelegenheit zu ver
handeln. Am 13. August akzeptierte Jünnan ein Revolutionskomitee. Zwei Tage spät
er versammelte man Männer, Frauen und Kinder, um mit einem Marsch durch die Stra
ßen der Hauptstadt einen weiteren großen Sieg des Führers Mao zu feiern. Trotz h
eftiger Gegenwehr der heimatlichen Bevölkerung folgte Fukien am 19. August diese
m Beispiel. Am 26. rief Kwangsi sein eigenes Revolutionskomitee ins Leben, und a
m 6, September wurden Revolutionskomitees in den beiden letzten Provinzen Tibet
und Sinkiang gebildet. Peking feierte wieder, und der Rundfunk rühmte das Ereign
is als "endgültigen Sieg der Kulturrevolution". Der "Sieg" kam noch rechtzeitig
zu Chinas Nationalfeiertag am 1. Oktober und verbesserte die Aussichten auf das
Zustandekommen eines neunten Parteikongresses vor Ende des Jahres 1968.
Trotzdem ging der Parteikampf unvermindert weiter. Diesmal wurde jedoch nicht me
hr um Politik, sondern um Macht gekämpft. Politische Angriffe von außen und Stre
itigkeiten von innen hinderten die Revolutionskomitees, sich Ansehen und Autorit
ät zu verschaffen. Der Vorsitzende Mao sah sich gezwungen, seinen Wunschtraum vo
n Massenaktivisten zu verschieben und sich mit der starken Unterstützung der Vol
ksbefreiungsarmee der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung zu widmen.
Mit Hilfe der Kulturrevolution mag es ihm zwar gelungen sein, die Hauptelemente
innerhalb der Parteihierarchie, die er für seine Ziele für äußerst gefährlich hi
elt, auszusondern und zu vernichten. Aber die grundlegenden Unterschiede zwische
n der Gedankenschulung der "Roten" und der "Experten" bleiben bestehen. Soll pol
itischen Theorien oder praktischer Politik und technischer Leistungsfähigkeit de
r Vorrang gegeben werden? Diese Debatte wird noch lange Zeit anhalten und gewiß
Anlaß für neue Streitigkeiten und endlose Säuberungsaktionen geben. In der Zwisc
henzeit fehlt jede Erklärung für das Geheimnis um Liu Schao tschi, den "Chruscht
schow Chinas", das verleumdete, aber unabgesetzte Staatsoberhaupt.

Liberalisierung
Nach fünfzigjähriger kommunistischer Tyrannisierung brodelt es in der ganzen kom
munistischen Welt vor Unzufriedenheit. Chruschtschow führte den Kampf gegen den
Stalinismus und vermittelte Rußland das Gefühl einer gewissen Milderung der unme
nschlichen Gesetze und Vorschriften. Jugoslawien war schon mit gutem Beispiel vo
rausgegangen. Das Fieber erwies sich als ansteckend. Im Januar 1968 entstieg die
Tschechoslowakei den Jahren der Dunkelheit. Presse, Rundfunk, Fernsehen und die
Kirchen nutzten plötzlich ihre Freiheit. Die jüngere Generation Rumäniens erklä
rte sich solidarisch mit dieser erregenden Entwicklung. Polen, Bulgarien, Ungarn
und Ostdeutschland zeigten ebenfalls Anzeichen für die "Infektion". Aller Hoffn
ung richtete sich auf einen "Sozialismus der Humanität".
Aber Rußlands alte Dogmatiker waren aufmerksam geworden. Ihre Art, den Kommunism
us auszulegen, führt die UdSSR einen weiten Weg zum Stalinismus zurück. Kann man
"Revisionisten" und "liberalisierende Politik" dulden, ohne die endgültige Zers
törung des Kommunismus selbst zu riskieren? Aus Furcht vor den Kräften der Verän
derung und mit Hilfe des "Konterrevolutionsgespenstes" setzte sich Rußland mit d
er verräterischen Invasion und Besetzung der Tschechoslowakei über die Charta de
r Vereinten Nationen und die Weltmeinung hinweg.
Die Maske ist gefallen und das wahre Gesicht des Kommunismus offenbar geworden.
Wo aber werden die Kommunisten bei ihrem Vormarsch zur Weltherrschaft als nächst
es zuschlagen? In Europa oder im Vorderen Orient?
Doch die Gezeiten wechseln. Achtundsechzig russische Schriftsteller und Intellek
tuelle verdammten heimlich den Verrat ihres eigenen Landes. Für die junge Weltge
neration heißt es: "Demokratischer Sozialismus ja! Tyrannischer Kommunismus ne
in!" Die Männer im Kreml sind Männer, die sich fürchten.
Der sechsundsiebzigjährige Vorsitzende Mao verliert ganz offensichtlich an Einfl
uß nach seinen beiden spektakulären Mißerfolgen und seinem Pyrrhussieg in der Ku
lturrevolution. Im April beschuldigte ihn die russische Presse mit harten Worten
, er zerstöre die kommunistische Bewegung in China. Als Rußland die Tschechoslow
akei besetzte, antwortete China darauf mit der Verurteilung der Invasion, obwohl
es gleichzeitig auch die neue tschechische Führung angriff. Diese Ereignisse we
rden zweifellos Maos Entschlossenheit stärken, jeglicher Liberalisierung in sein
em eigenen Land entgegenzutreten, Die Frage, ob die "Revolution" sich langsam ei
nem Wendepunkt nähert, steht sicherlich noch weit offen. Es hat nicht den Ansche
in, daß sein Nachfolger Lin Piao von der Statur Maos ist, der seine Position nac
h seinem Tod einnehmen kann. Während nun die Mao Ära ihrem Ende zugeht, steht Ch
ina vor einer neuen Übergangsperiode. Die Führer der chinesischen Kommunisten si
nd in großen Nöten.
Der Psalmist beschreibt sehr anschaulich (Psalm 2) die letzte Erhebung des Mensc
hen gegen Gott: Die Herrscher beraten miteinander gegen den Herrn, um sich seine
r göttlichen Herrschaft zu entledigen. Aber der alleinige Herrscher der Welt bli
ckt von seinem Thron auf die lächerliche und doch so tragische Haltung des rebel
lierenden Menschen herab und vereitelt seine Pläne. Denn Gott hat dem auferstand
enen Herrn das Gericht über die Völker und die Königsherrschaft über die Welt ge
geben.
China, das in sich selbst geteilte Reich, kann auf die Dauer nicht bestehen blei
ben. Seines militanten Atheismus wegen birgt der Kommunismus den Samen seines ei
genen Verfalls in sich und ist zur endgültigen Vernichtung verdammt. Denn Gott h
errscht, und selig sind alle, die ihr Vertrauen auf ihn setzen"!

2. Kapitel
EINE KIRCHE GEHT IN DEN SCHATTEN
1967 blieben in ganz China die Weihnachtsglocken stumm. Es war kein Platz für da
s Christuskind in irgendeiner kommunistischen Herberge. Kirchengebäude, aus dene
n einst Choräle und "Der Messias" schallten, waren mit Brettern vernagelt oder d
ienten den "Roten Garden" als Schulen und Hallen. Scharlachrote Plakate schmückt
en die Wände. Das war das Werk von Jugendlichen, die nie einen christlichen Miss
ionar aus Übersee zu Gesicht bekommen hatten und glaubten, Christus sei nur irge
ndein berühmter Jude. Die "Jesus-Religion" wie die "Buddha-Religion", "Tao-Relig
ion", "Konfuzius-Religion" und "Hui-Religion" (Islam) waren eines der vier alten
Dinge", die verschwinden mußten. So hatte es der Vorsitzende Mao Tse tung angeo
rdnet. Daraufhin wurden die Kirchen geschlossen, religiöse Symbole entfernt und
die Häuser der Christen systematisch nach Bibeln und christlicher Literatur durc
hwühlt, einige sogar mehrere Male. Was man dabei fand, wurde verbrannt.
"Wenn die Grundfesten zerstört werden", fragte David, "was kann der Gerechte dan
n tun?" David gibt dazu selbst die Antwort: "Der Herr ist in seinem heiligen Tem
pel, der Thron des Herrn ist im Himmel!"

Die Verehrung Maos


Der Thron des Vorsitzenden Mao steht in Peking. Seine Worte ersetzen die Heilige
Schrift. Lin Piao, Maos Nachfolger, drückt sich in seinem Vorwort zum "Roten Bu
ch" so aus: "Wenn die Massen einmal Mao Tse tungs Gedanken begriffen haben, werd
en sie zu einer unerschöpflichen Kraftquelle und zu einer geistigen Atombombe vo
n unbegrenzter Macht."
Die Militärmusik schmettert die Botschaft der gegenwärtigen Nationalhymne "Der O
sten erglüht" mehrmals am Tage aus jedem Radio:
"Vom Osten her erstrahlt die Sonne,
in China erscheint Mao Tse tung.
Er wirkt für die Wohlfahrt des Volkes.
Er ist des Volkes großer Erlöser.
Die Kommunistische Partei ist gleich der Sonne.
Wo immer ihr Schein, da ist Licht.
Wohin die Kommunistische Partei auch geht,
da wird befreites Volk."
Die Städte waren mit roten Plakaten überschwemmt, die frisch geschriebene Schlac
htrufe zur Erstickung der traditionellen Fröhlichkeit am Mond Neujahrsfest enthi
elten. China wurde das ganze Jahr über zu einem roten Meer. Tag für Tag übertönt
en der unermüdliche Rhythmus der Trommeln, das Singen und die lauten Rufe: "Lang
lebe der Vorsitzende Mao!" den Verkehrslärm, als Gruppen von "Roten Garden" und
Jugendlichen mit dem Bild ihres Heldengottes und ihren Bannern durch die Straße
n marschierten.
Michael Browne, ein christlichen Journalist, der sich dort aufhielt, beschreibt
das tiefe Feuer in den Herzen der Jugendlichen für "unsern großen Führer, Lehrer
, Oberkommandierenden und Steuermann" mit folgenden Worten: "Es war eine Atmosph
äre, als ob alte Zeiten neu erstanden wären. Musik, Leidenschaft, Bekehrungszeug
nisse, Hingabe und Opfer. Mit dem Herrn Jesus Christus als Ziel der Verehrung wü
rde China eine Massenewegung der Umkehr erleben!"
Eine Weihnachtsüberraschung
Von diesem trüben Heiligen Abend 1967 plauderten ein blinder Christ und drei sei
ner Freunde in ihrem Haus in Kanton. "Plötzlich", so schrieb er in Blindenschrif
t an einen Freund, "vernahmen wir durch den Lärm der Trommeln und patriotischen
Lieder im Radio drei Weihnachtschoräle von einen Hongkonger Sender. Als wir dies
e Lieder hörten, entstand in unsern Herzen eine überschwengliche Freude. Wir war
en von ihr so überwältigt, daß wir nicht sprechen konnten. Die Lieder klangen ga
nz sanft und leise, aber wir hörten sie trotzdem sehr deutlich. Ich weiß, daß Je
sus immer bei mir ist, darum ist auch mein Herz immer glücklich und im Frieden."
Die gedämpfte Stimme der Kirche Chinas im Schatten wird in dem heißeren Lärm de
r Verehrung Maos kaum gehört.
Die verstörte Kirche
Schon über zwanzig Jahre sind seit der Machtergreifung des Kommunismus vergangen
. Die ersten zehn Jahre waren für die Kirche ein Schock. Zunächst unvorbereitet,
furchtsam, umworben und verwirrt von einem noch nie dagewesenen gönnerhaften Be
nehmen der Regierung, sah sich die christliche Kirche nun völlig durcheinanderge
bracht der ausgeklügelten Taktik der kommunistischen Regierung gegenübergestellt
.
Einige führende Männer der Kirche benutzten das Wort der Bibel: "Seid untertan a
ller Obrigkeit, denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott!", um ihre Haltung zu
rechtfertigen; denn, "die Obrigkeiten sind von Gott eingesetzt!" Andere rechtfer
tigten mit der Schrift ihre Haltung des passiven Widerstandes und bekannten sich
mit den Worten: "Wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen!" zur Einstell
ung der verfolgten ersten Gemeinde. Einige wählten aus Gewissensgründen das Gefä
ngnis oder den Tod. Andere anerkannten reinen Gewissens die Zuständigkeit der Re
gierung und setzten den Dienst in ihren Kirchen mit Einschränkungen fort. Männer
aller theologischen Richtungen fanden sich plötzlich auf beiden Seiten des Zaun
es. Katholiken mußten für ihre Überzeugung zweifellos mehr leiden als ihre prote
stantischen Mitbürger.
Die gefesselte Kirche
Bei der Gründung der ersten Kommune 1958 war die christliche Kirche schon eine K
irche in Fesseln, obwohl ihre Führer nicht aufhörten, gegen die neu gefundene "F
reiheit" zu protestieren. Befreit von aller missionarischen "Kontrolle" aus dem
Ausland, befand sie sich nun um so fester in der Hand des Staates. Bekannten Chr
isten immer noch ihre Liebe zur Kirche, so wurden sie aufgefordert, die Vaterlan
dsliebe an die erste Stelle zu setzen: "Liebe das Vaterland, so liebst du die Ki
rche!" lautete die Parole. Wo die Christen einst gejubelt hatten: "Übergebt euer
Herz Christus!", nötigte man sie jetzt, "ihr Herz der Partei zu ergeben". Vorhe
r bestanden sie auf der Wirklichkeit der sichtbaren Dinge. Nun war diese Welt al
les, was zählte. Soziale Verbesserungen ersetzten die geistliche Erneuerung. Mat
erialismus trat an die Stelle des Idealismus. Marxistischer Realismus verdrängte
das Wissen, aus einer anderen Welt zu sein. Der gegenwärtige Himmel versprach m
ehr als der zukünftige.
Die machtvolle Propagandamaschine mit ihrer großen Überzeugungskraft faßte die S
ache des Kommunismus in glaubwürdige Worte. Den Kindern erklärte man in der Schu
le alles in rosigen Bildern. Populäre Lieder gaben dem Kommunismus einen anziehe
nden Charakter. Theater, Kino und Ballett hoben die Helden der Revolution in den
Himmel. Der Rundfunk trug den Imperialistenhaß, wobei ganz besonders die USA ge
meint waren, in jedes Haus. 1959 schlossen sich die Fernsehsender in Peking, Sch
anghai, Kanton und Hankow der Kampagne an. Selbst Eisenbahnreisen brachten keine
Befreiung von Marschmusik und endlosen Propagandareden, die unaufhörlich aus de
n Lautsprechern eines jeden Zuges tönten. Von Zeit zu Zeit gingen unendliche Pro
pagandisten singend, tanzend und den Vorsitzenden Mao preisend durch die Wagen.
Die schwindende Kirche
Zwar überlebte die christliche Kirche, aber nur unter großen Einschränkungen. Di
e Zahl der Gemeinden in größeren Städten ging drastisch zurück, und es blieben n
ur wenige andere Städte die mehr als eine Gemeinde haben durften. Die übermäßige
n Kirchengebäude wurden für andere Zwecke verwendet. Das mußte zwangsläufig zu e
inem gewissen Maß an Vereinigung¬ unter den protestantischen Kirchen führen, was
auch bezweckt werden sollte.
Soziale und politische Tätigkeiten, die auf Sonntage angesetzt wurden, machten d
en regelmäßigen Kirchenbesuche für die Mehrzahl der Christen und ganz besonders
die Jugendlichen unter ihnen fast unmöglich. Volle achtzig Prozent der ordiniert
en Pfarrer waren überflüssig. Man schickte sie daher in Fabriken und auf Bauernh
öfe zur Arbeit. Die öffentliche Brandmarkung, bestimmter Pfarrer als "Rechtsler"
und "Reaktionäre" durch andere Pfarrer in der einzigen Kirchenzeitschrift "Tien
Feng" führte bei vielen zum Selbstmord.
Sechs australische kirchliche Vertreter bereisten China im Juli 1959, dem ersten
Jahr des "großen Sprung vorwärts". Im Gegensatz zu der wahren Situation gaben s
ie einen begeisterten Bericht über das, was ihnen zu sehen erlaubt worden war un
d was sie von gutinstruierten Kirchensprechern zu hören bekommen hatten. Andere
ausländische Besucher täuschte man auf ähnliche Weise. Offene Opposition gegen d
ie "Patriotische Drei-Selbst Bewegung" gab es nicht mehr, und die verschiedenen
Zweige der christlichen Kirche waren unter einen Hut gebracht.
Die protestantische Organisation, die vom Büro für Religiöse Angelegenheiten unt
erstützt wird, heißt "Drei Selbst Bewegung". "Drei Selbst" bedeutet, daß sich di
ese Kirche selbst verwaltet, selbst gestaltet und selbst entfaltet. Damit hatte
man das Ziel ausländischer Missionare für die chinesische Kirche neu verdreht. D
ieses Schlagwort bedeutete nun den Bruch aller Finanz und Verwaltungsverbindung
en zur Missionsbewegung und den fremden "imperialistischen" Ländern.
Die politische Kirche
Y. T. Wu, der frühere CVJM Generalsekretär und Hauptfigur der neuen Bewegung, ga
b einen begeisterten Bericht über den Fortschritt der Kirche im ersten "großen J
ahrzehnt" der kommunistischen Herrschaft nach der Entledigung der imperialistisc
hen Fesseln. Auf dem zweiten Nationalen Volkskongreß 1960 sprach er über die Not
wendigkeit der Selbstreform unter den Christen. Die christliche Presse folgte de
m Beispiel der nationalen Presse, indem sie die Hölle des früheren Regimes mit d
em Himmel der neuen Gesellschaft verglich. Und auch die heftige Verleumdung der
Missionare als Agenten des Imperialismus ging weiter.
Fräulein Gerde Büge hatte Gelegenheit, Westchina noch einmal zu besuchen und mit
ein paar alten Freunden zusammenzutreffen. Was sie vorfand, war eine erschrecke
nde Minderheit der Christen. Sie war erstaunt, daß die Arbeit der Kirchen inmitt
en der großangelegten nationalen Bemühungen, dem Wirtschaftsstandard der Welt du
rch den "großen Sprung vorwärts" gleichzukommen, überhaupt überlebt hatte. Sie h
örte von Pastoren, die in Gurkenfabriken, in der Milchwirtschaft, in Ziegeleien
und in der Landwirtschaft beschäftigt waren. Einige von ihnen waren jedoch von d
er Bevölkerung zu ihren örtlichen Vertretern ernannt worden.
Eine frühere Missionarin, Frau Esther Nystrom, kehrte 1960 ebenfalls besuchsweis
e mit einer Kulturgruppe aus Schweden nach China zurück. Sie nahm in jeder Stadt
an Gottesdiensten teil und besuchte die Theologischen Fakultäten von Peking und
Nanking. Bischof K. H. Ting, ein Vizepräsident der "Drei-Selbst Bewegung", war
dort Rektor. Im neuen China begegnete sie keinen Bettlern, keiner Prostitution,
keiner Trunksucht und keinem Verbrechertum. Frau Nystrom erfuhr auch, daß eine K
ommission, die 1956 von der "Patriotischen Drei Selbst Bewegung" gegründet worde
n war, an einer neuen Bibelübersetzung arbeite.
Im Januar 1960 berief die "Drei Selbst Bewegung" die zweite nationale Konferenz
nach Schanghai ein. Dreihundertneunzehn Delegierte aus allen Teilen Chinas nahme
n daran teil und wählten ein neues Nationalkomitee von hundertfünfundvierzig Mit
gliedern.
Der stellvertretende Vorsitzende, Dr. Wu Yi fang, berichtete, daß mit der Spreng
ung des "gegenrevolutionären Rings", angeführt von Wang Ming tao und Watchman Ne
e, die meisten reaktionären Kräfte aus der Kirche vertrieben wurden. Obwohl jede
Ausübung der Religion umgestaltet wurde, um die sozialistische Produktion nicht
zu beeinträchtigen, bezeichnete Dr. Wu die Behauptung, daß die christliche Kirc
he als Ergebnis des "Großen Sprung vorwärts" einen schweren Schlag erlitten habe
, als imperialistische Verleumdung. Die Christen und das andere chinesische Volk
atmeten dieselbe Luft. Nicht die Kirche, sondern der Imperialismus habe einen t
ödlichen Schlag erhalten.
Der Ton der Konferenz ließ klar erkennen, daß sie sich nicht so sehr damit befaß
te, wie die Kirche ihr Zeugnis in eine kommunistische Gesellschaft hineintragen
sollte. Es lag ihr vielmehr daran, sich mit ihrer Funktion als politische Einric
htung zu beschäftigen. Im Blick auf die Universitäten meinte Dr. Wu, "sie hätten
einige Änderungen vorgenommen, wobei die Betonung auf politische Angelegenheite
n verlagert worden sei" Die folgenden regionalen Konferenzen hackten immer wiede
r auf dem altbekannten Thema des "Antiimperialismus" und den Gefahren, die der K
irche immer noch von seiten der imperialistischen Aggression drohten, herum.
Kurze Zeit danach wurde das Theologische Seminar von Peking geschlossen und die
Studenten an das Nanking Seminar versetzt. Zurück blieb ein akademischer Untersu
chungsausschuß.
Die Verunglimpfung von Missionaren dauerte auch 1961 noch an. Dabei lag die beso
ndere Betonung auf der Art und Weise, wie de Missionare Sonntagsschulen mißbrauc
ht hätten, um die Gedanken der Kinder mit dem Imperialismus zu vergiften. Christ
en wurden warnend darauf hingewiesen, daß der missionarische Imperialismus immer
noch verbrecherische Sabotage gegen das neue China sei. Bei einer Sitzung des U
nionsseminars von Nanking, auf der die theologische Ausbildung in China zur Deba
tte stand, betonte das Direktorium die Notwendigkeit, den imperialistischen Gebr
auch der Religion genau zu untersuchen.
Die übrigbleibende Kirche
Die Kritik der Kirchenzeitung "Tien Feng" an gewissen Landgemeinden in Schantung
und Tschekiang läßt vermuten, daß sie ein sehr lebendiges Zeugnis aufrecht erhi
elten. Folgender Brief von 1961 beschreibt das Gemeindeleben in einigen nördlich
en Provinzen zu diesem Zeitpunkt:
"Es ist unmöglich, all meine Erlebnisse in einem kurzen Brief zusammenzufassen.
Aber Gott wirkt immer noch auf wunderbare Weise im Leben vieler gläubiger Christ
en. Wir müssen Gott preisen und ihm für seine gnädige Fürsorge und Bewahrung dan
ken. In früheren Zeiten baute die Gemeinde auf Sand, jetzt ist sie auf Fels, den
alleinigen Fels, gegründet. Gott macht keine Fehler. Ich war dankbar, Brüder zu
finden, die fest im Glauben stehen. Und es waren hauptsächlich junge Menschen."
In Schanghai wurde die China Bibel Gesellschaft aus ihren Räumen vertrieben. Sie
setzte ihre Arbeit trotzdem in der Moore Gedächtniskirche fort. Der Verkauf und
die Verbreitung von Bibelstellen ging stark zurück. Alle fühlten den enormen Ve
rbrauch von Zeit und Kraft bei der Bewältigung materieller Angelegenheiten, aber
am meisten bekamen ihn die Christen zu spüren. In einer Gesellschaft, die sämtl
iche geistlichen Werte ablehnt und jede religiöse Tätigkeit mißbilligt, ist es e
in brennendes Problem, das geistliche Leben zu erhalten.
Mädchen, die in der Landwirtschaft arbeiteten, hatten nur eine Möglichkeit zu be
ten. Sie mußten morgens um drei Uhr aufstehen. Um eine stille Zeit zu haben, lie
ßen die jungen an der Universität ihr Frühstück ausfallen, oder sie lasen ihre B
ibel nachts im Schein einer Straßenlaterne.
Sitzungsberichte des "Drei Selbst Bewegung" Ausschusses vom August 1962 lassen d
eutlich erkennen, daß die Kirche als Beweis für ihre Solidarität mit dem chinesi
schen Volk immer mehr in politische Aktivität verwickelt wurde. Kirchenabgeordne
te, die man zu verschiedenen Konferenzen ins Ausland geschickt hatte, nutzten di
e Gelegenheit, um die chinesische Regierung zu rühmen. Andere jedoch, wie Markus
Cheng und Francis Wei, mußten die übelsten Verleumdungen über sich ergehen lass
en, sie die Regierung angriffen. Edgar Snows Buch Red China Today (1962) verweis
t oft auf die revolutionäre Feindseligkeit, der Religion allgemein und den histo
rischen Kirchen und der Missionsbewegung gegenüber.
1962 erreichten die Welt immer weniger zuverlässige Nachrichten über die chinesi
sche Kirche. Aber ein chinesischer Reporter, der am 3. Dezember 1962 einen Beric
ht in der "Hongkong Tiger Standard" veröffentlichte, der auf Aussagen von Flücht
lingen beruhte, schrieb von einem Rückgang des Gottesdienstbesuchs. Da der Gotte
sdienst so formell und voreingenommen ist, treffen sich Christen, laut Bericht,
privat in kleinen Hauskreisen. Sie riskieren damit, wegen Verstoßes gegen ein Ge
setz, das Privatversammlungen verbot, eingesperrt zu werden. 1958 waren alle Zus
ammenkünfte außer Sonntagmorgengottesdienste verboten worden; also auch Kindergo
ttesdienst, Frauen- und Bibelstunden.
Aber es gelang nicht, das Licht christlichen Zeugnisses zu ersticken. Aus Tschan
gscha, Maos eigener Heimat, kam dieser Brief vom Juni 1962:
"Ich habe mich sehr über Deinen Brief gefreut. Wie gut ist es doch, wenn einer a
n den anderen denkt, auch wenn man über zehn Jahre nichts mehr voneinander gehör
t hat! Ich hoffe, daß Deine Arbeit gut geht und Deine Familie wohlauf ist. Wenn
wir auch voneinander getrennt sind, vergessen wir doch unsere Gemeinschaft im He
iligen Geist nicht.
Meine Gemeindearbeit habe ich in den letzten zehn Jahren ununterbrochen fortgese
tzt. Die Verhältnisse an anderen Orten sind geblieben, wie sie waren, und die Go
ttesdienste nehmen ihren normalen Verlauf. Ich bin jetzt siebenundsiebzig Jahre
alt, kann aber noch alle möglichen Arbeiten tun ... Ich kann Überfluß haben und
niedrig sein. Überall und in allen Dingen habe ich gelernt satt und hungrig zu s
ein, beides, Überfluß und Mangel zu haben. Ich danke Gott von ganzem Herzen, daß
ich zufrieden sein kann, gleichgültig, in welchem Zustand ich mich befinde. Wah
rlich, das Mehl in der Tonne ging nie aus, noch mangelte dem Ölkrug etwas, und i
n Christus ist jeder Mangel voll gedeckt. Möge Gottes Gnade bei Euch allen sein!
"
Die verurteilte Kirche
Ein Artikel in der "Tien Feng" vom März 1963 war überschrieben: "Haltet das Bann
er des Antiimperialismus und Patriotismus hoch und erfüllt unsere jetzigen Aufga
ben!" Diesem Bericht zufolge hinkten die Christen in ihrem politischen Denken na
ch. Außerdem sei es die Aufgabe der Kirche, einen christlichen Antiimperialismus
durch das Studium des Sozialismus zu entwickeln und energische Bemühungen in de
r Selbstreform und der historischen Forschung zu unternehmen.
Ein Jahr später begann die Presse, umfassende Angriffe gegen sämtliche Religione
n zu veröffentlichen. Menschen in kirchlichen Diensten wurden angeklagt, ihre Op
position gegen die Regierung unter dem Mantel der Religion zu verbergen, eine Be
drohung für Frieden und Sicherheit darzustellen, kein Vertrauen zur Politik und
den Plänen der Regierung zu haben, dem Einfluß des Imperialismus zu erliegen und
eine Machtentfaltung der Religion zu beabsichtigen. "Die Religion ist unser Fei
nd!" "Die Religion ist schuldig! " "Bildet eine geschlossene Front gegen die Rel
igion!" (Rote Flagge.)
Fräulein Gerde Büge besuchte 1965 noch einmal China. Diesmal war ihre Reise auf
Peking, Schanghai und Nanking begrenzt. Dort verbrachte sie einige Tage am Theol
ogischen Seminar. Sie war sehr daran interessiert, die dokumentarischen "Beweise
der missionarischen Beteiligung an der imperialistischen Aggression" zu sehen,
die dort in der Bibliothek in Glaskisten ausgestellt waren. Die Zahl von achtzig
anwesenden Studenten war viel zu klein, um den Mangel an Gemeindearbeitern in d
er Zukunft decken zu können. Man erzählte ihr, die Kirchengemeinden außerhalb de
r größeren Städte seien sehr klein. Ausländische Besucher wurden jedesmal in die
selbe Kirche geführt und trafen mit denselben christlichen Sprechern zusammen. F
ür gewöhnlich waren es Li Chu wen von der Gemeinschaftskirche in Schanghai, der
Generalsekretär der Drei Selbst Bewegung, Bischof K. H. Ting, Präsident des Theo
logischen Unionsseminars von Nanking und Vizepräsident der Drei Selbst Bewegung,
und Dr. Y. T. Wu, Vorsitzender der Drei Selbst Bewegung. Die Kommentare dieser
Männer neigten dazu, die Tatsache zu verschleiern, daß die Kirche kaum geduldet
war, auch wenn sie ihre Funktionen und Zeremonien noch ausübte. Ihr Tätigkeitsbe
reich war streng abgegrenzt und ihre Mitgliedschaft nahm nicht mehr zu.
Rev. Li Chu wen erzählte einem zu Besuch weilenden schwedischen Angehörigen ein
er Pfingstgemeinde. Wir sind überzeugt, daß uns die derzeitigen Gegebenheiten de
m Kern des Evangeliums nähergebracht haben. Die evangelische Christenheit in Chi
na wird ihre innere Lebendigkeit bewahren und ihre Botschaft auf eine Art und We
ise verkündigen, die den geistlichen Bedürfnissen des Menschen völlig genügt.
Dagegen boten sich einem indischen Christen, der an den Sportfestspielen teilnah
m, die im September 1965 in Peking stattfanden, ganz andere Eindrücke. Nach eine
m Gottesdienst in einer schlechtbesuchten Kirche sagte er: "Die Kirche des kommu
nistischen China scheint keine Zukunft zu haben."
Die verfolgte Kirche
1966 kam der große Schlag: Der Großangriff gegen die Religion hatte schließlich
begonnen. Mit ungeheurer Energie fiel die Kulturrevolution über die alten Kultur
en her. Alle Religionen mußten ohne Ausnahme die Schändung ihrer Gottesdienstort
e, ihrer Tempel, Altäre, Moscheen, Heiligtümer und Kirchen über sich ergehen las
sen.
In Lhasa tobte die Zerstörungswut, und auch der historische Tempel des Konfuzius
in Schantung wurde erheblich beschädigt. Die Lage aller Christen war zum ersten
mal seit 1949 wieder bedrohlich. Im August wurde die römisch-katholische Südkath
edrale in Peking beschlagnahmt und ihre religiösen Symbole durch rote Fahnen, Ba
nner, Statuen oder Bilder von Mao und durch die unvermeidlichen roten Plakate er
setzt. Acht Nonnen des Heiligen Herz Klosters vertrieb man aus China. Eine von i
hnen starb an den Folgen ihrer Behandlung. Alle Statuen von Christus und der Jun
gfrau Maria wurden zerschlagen. Römisch-katholische und protestantische Kirchen
wurden geschlossen und Bibeln, Meßbücher und Gebetbücher auf den Straßen verbran
nt.
Der Haß der Roten Garden" gegen die Bibel kam immer zum Vorschein. Sie verbrannt
en alle, die sie finden konnten, vor Kirchentoren oder in öffentlichen Parks.
Pastor Wongs Geschichte ist nur eine von vielen. Er versah den Dienst in einer g
laubensstarken Gemeinde, als die Roten Garden" in seine Stadt kamen. Nachdem sie
sich den Pastor und die Gemeinde als "Volksfeinde" ausgesucht hatten, tobten si
e rücksichtslos durch das Kirchengebäude und verwandelten es in ein Schlachtfeld
. Danach befahlen sie dem Pastor und seiner Frau, alle Bibeln und Gesangbücher a
uf die Straße zu tragen. Sie mußten niederknien und alles verbrennen. Dann trieb
man sie aus ihrem Haus. Jeder, der versuchte, ihnen zu helfen, wurde als "feind
licher Hund" gebrandmarkt.
Herr und Frau Wong nahmen schließlich Stellungen als Arbeiter an, die ihnen kaum
das Notwendigste zum Leben einbrachten. War Pastor Wong auch das Predigen verbo
ten, so pries er doch mit seinem Leben unaufhörlich den Herrn Christus.
Gewalttätigkeiten gegen die Kirchen setzten sich auch im April fort. Kaum ein Pf
arrer blieb verschont. Die Kirchen in Kanton, Swatow und Schanghai wurden bis Mi
tte Sommer gesäubert. Darauf folgten Nanking, Peking und andere Großstädte. Die
"Drei Selbst Bewegung" wich den "Roten Garden" aus.
Säuberungsaktionen und fanatische Christenverfolgung gingen Hand in Hand. Viele
von ihnen mußten in der Gosse niederknien, wo sie verhöhnt und angespuckt wurden
. Anderen schnitt man so die Haare, daß nur noch ein Kreuz als "schmachvolle Ken
nzeichnung" übrigblieb. Wieder andere zwang man, durch die Stadt zu marschieren
als "religiöse, schlechte Elemente", und die Menge verspottete sie. Einem Pfarre
r, der in einer Fabrik arbeitete, hängte man ein Plakat um, auf dem zu lesen war
: "Ich bin ein Lügner und Verräter!" Er wurde gezwungen, diese Worte zum Vergnüg
en seiner Arbeitsgenossen immer wieder herzusagen. Eine Frau, die im Gemeindedie
nst stand, erhielt brutale Schläge ins Gesicht. Das Haus einer achtzigjährigen F
rau wurde durchstöbert und ihre Bibel zerrissen. Uni sie zu verspotten, versucht
e man sie zu der Aussage zu zwingen: Es gibt weder Gott noch Christus!" Darauf a
ntwortete sie: "Wie könnte ich so etwas sagen, nachdem ich seit vierzig Jahren a
n ihn glaube!"
Viele Pastoren brachen zusammen und nahmen sich das Leben. Ein christliches Ehep
aar aus Schanghai brandmarkte man als Kapitalisten, vermutlich ihrer früheren Un
iversitätsausbildung wegen, und trieb sie dazu, Gift zu nehmen. In Peking nahmen
sich zwei Arzte während der Terrorherrschaft das Leben.
Bischof K. H. Ting von Tschekiang, ein loyaler Regierungsanhänger, verschwand im
September aus dem öffentlichen Leben. Bischof Michael Tschang aus Fukien und se
ine beiden Weihbischöfe steckte man in ein Schulungslager. Auch Dr. James Ting,
der Methodistenführer, wurde nach öffentlichen Demütigungen dorthin gebracht.
So war 1966 das erste Jahr seit dem Einzug des Christentums China, in dem Weihna
chten außer in der Britischen Botschaft in Peking und den Büros des britischen G
eschäftsträgers in Shanghai nirgends gefeiert wurde. Beide Gebäude waren 1967 da
s Angriffsziel der "Roten Garden". Dabei verletzte der Pöbel den Geschäftsträger
in Schanghai (P. M. Hewitt) ernsthaft.
Herr und Frau Liu haben sechs Kinder. 1961 gelang es Frau Liu, China mit den Kin
dern zu verlassen, aber Herr Liu erhielt keine Ausreiseerlaubnis. Seine Frau hat
te ihn schon mehrmals besucht. Als sie aber das letztemal kam, war ihm seine hüb
sche Wohnung von den "Roten Garden" weggenommen worden. Er bewohnte ein einziges
Zimmer, in dem sie flüstern mußten, damit man sie nicht belauschen konnte. Es w
ar ihm gelungen, seine Bibel im Feuerholz versteckt zu halten, aber sie hatten k
eine Möglichkeit, laut darin zu lesen oder miteinander zu beten. Um allein zu se
in, ging das Ehepaar im Park spazieren. Dieser war aber so überfüllt mit Leuten,
daß sie keinen ungestörten Platz zum Beten finden konnten bis es zu regnen an
fing. Bald lag der Park verlassen da, und die Lius waren, wenn auch durchnäßt, a
llein. Im Regenguß hielten sich die beiden an den Händen und sangen ein altes Li
ed, das sie einmal auswendig gelernt hatten:
"Trotz aller Trübsal, die ich habe,
trotz aller Dornen, die meine Füße zerstechen,
bleibt der Gedanke überaus lieblich:
Du denkst ja, Herr, an mich."
Die aufgelöste Kirche
An Ostern 1967 war die Liquidierung der organisierten Kirche in China vollzogen,
wie folgende Auszüge andeuten:
Schreiben eines Christen aus Kanton vom November 1967:
"Nun gibt es in Kanton weder Gott noch Buddha. Im letzten Jahr nahm ich gelegent
lich an einigen Gottesdiensten teil, aber was ich dort hörte, war alles andere a
ls christliche Botschaft. Jetzt sind alle Kirchen in der Stadt geschlossen. Alle
, die im Gemeindedienst standen, hat man eingesperrt, kahlgeschoren und durch di
e Stadt getrieben. An den Kirchen kleben große Schriftrollen, auf denen geschrie
ben steht: ,Hängt Gott!'
Bibelworte kann man hier nicht hören. Es ist deshalb natürlich sehr schwer, vom
Heiligen Geist geführt zu werden. Wie ich Euch beneide! Ihr könnt Eure Bibel oft
lesen, zusammenkommen und das Wort hören.
Meine Lage ist wirklich entmutigend. Wenn man keine Arbeit hat, um für seinen Le
bensunterhalt zu sorgen, hat das Leben seine Bedeutung verloren. Die Umstände hi
er halten mich in ihrer Knechtschaft und machen es mir unmöglich, die Wirklichke
it des Herrn zu kosten. Betet, daß der Herr mir gnädig sei, und hofft, daß Ihr m
ir helfen könnt, auf dem Weg des Kreuzes weiterzugehen."
Einige Zeit vorher schrieb eine Mutter von vier Kindern:
"Das Geld, das Ihr schicktet, kam pünktlich an. Ich danke Gott, der das Gebet er
hörte, und Euch danke ich für Eure Liebe. Gott hat nicht versprochen, daß der Hi
mmel immer unbewölkt sein werde. Es mag sein, daß die Schatten die Erde für eini
ge Zeit bedecken, aber sie werden bald verschwinden. Dann ist der Himmel wieder
klar, und die Sonne wärmt unsere Herzen wieder.
Was für einen wahrhaftigen und liebenden Gott wir haben! Wie kurz sind doch ein
paar Monate im Vergleich zum Leben! Einmal mehr läßt er uns eine Glaubenslektion
erfahren und von neuem die Schwierigkeiten des Lebens kosten. Obwohl man kein G
roßes Buch mehr lesen kann, ist es doch herrlich, daß der Heilige Geist in uns s
elbst ist.
Bruder (ihr Mann) kam letztes Jahr einmal zurück. Es war die Gelegenheit aus der
Hand Gottes, so daß er seinen besagten Vater noch einmal sehen konnte. Gott sei
Dank! Wir dachten, er käme nie mehr nach Hause. Wie konnten wir wissen, daß ihn
Gottes allmächtige Hand noch einmal nach Hause bringen würde! Er war tot und do
ch lebendig, verloren und doch wiedergefunden. Ihm sei zweifacher Dank gesagt! W
ir leben durch und durch von der Gnade Gottes. Vergeßt niemals, für uns zu beten
. Schreibt aber nur, wenn es wirklich notwendig ist!"
Später schrieb sie:
"Gott ist treu und voll Liebe. Er kann die dunklen Wolken vertreiben, damit das
Licht auf uns scheinen kann. Aber oft läßt er zum Wohl seiner Kinder ein paar Ka
naaniter für uns übrig, damit wir das Kämpfen nicht verlernen. Das ist ein Gehei
mnis der geistlichen Welt und das Bild unseres Lebens. Wenn wir Mangel am Brot
des Lebens haben, fühlen wir uns oft bekümmert und murren wie Habakuk: Warum? M
it dem Glauben als Schild verschwinden jedoch alle diese Sorgen. Um uns herum, s
ogar innerhalb der Familie, verspüren wir oft die Angriffe des Satans. Möge Gott
sich über uns erbarmen! Bitte, vergeßt nicht, für uns zu beten. Möge die Gemein
schaft des Heiligen Geistes immer bei uns sein!"
Aber das Leiden hat auch oft eine reinigende und läuternde Wirkung. Ein chinesis
cher Pastor in Hongkong erhielt 1968 diesen Brief aus dem Norden Chinas:
"Da ich Experte im Ingenieurwesen bin, hatte ich einen gehobenen Posten und bezo
g ein hohes Gehalt. Dieses Leben gefiel mir ganz gut. Aber als Ergebnis der Kult
urrevolution habe ich jetzt meinen gehobenen Posten, mein hohes Gehalt und alles
andere verloren. Ich arbeite nun als ganz gewöhnlicher Arbeiter. Aber ich bin g
lücklich, daß ich die völlige Freude des Christus wiedergefunden habe. Und ich w
eiß, daß es anderen Freunden genauso erging."
Die hoffnungsvolle Kirche
Wie sieht die Zukunft der Religion in China aus? Mitglieder einer japanischen Ge
sandtschaft nach Peking Mitte des Jahres 1967 mußten die Zitate Maos mindestens
fünfmal am Tage lesen. Bei dieser Gruppe waren vier Christen. Sie bestätigten, d
aß alle Kirchen vorläufig geschlossen seien. Aber Frau Anna Louisa Strong, eine
alte Autorin und langjährige Bekannte des Vorsitzenden Mao, die in Peking wohnt,
äußerte ihnen gegenüber die Meinung, daß die Tore der religiösen Einrichtungen
nach der Kulturrevolution wieder geöffnet würden.
Rev. Jan Thomson, der einmal in China gelebt hatte, verbrachte im August 1967 dr
ei Wochen dort. Er hatte aber sehr wenig Bewegungsfreiheit. In jedem Zug und jed
em Flugzeug traf er auf die Propaganda der "Roten Garde" und mußte am Studium de
r Zitate Maos teilnehmen. Die Kirchen, die er sah, waren alle geschlossen; einig
e waren verlassen, und andere wurden als Schulen benützt. Thomson schließt seine
n Bericht mit den Worten: "Zusammenfassend möchte ich sagen. Man kann sich heute
nicht in China aufhalten, ohne von diesen glücklichen, wogenden Massen der Mill
ionen Chinesen beeindruckt zu sein. Sie glauben, meiner Meinung nach, wie kein a
nderes Volk auf dieser Welt, daß sie wissen, wohin sie gehen, und sie sind über
diese Aussichten begeistert ... Nach vorne getragen auf den Flügeln des Glaubens
an Mao und in ihrem ewigen Morgenlicht, erzeugen sie ein Gefühl der Kraft und H
offnung, das man nur bewundern kann."
Thomson hatte aber keinen Kontakt mit denen in dieser Gesellschaft, die "in der
Welt, aber nicht von der Welt" sind. Für die Christen sieht die Zukunft weniger
rosig aus, obwohl auch sie "durch Hoffnung gerettet sind" eine Hoffnung auf be
ssere Zeiten, aber letztlich doch eine Hoffnung auf die Wiederkunft Christi. In
der Zwischenzeit hängt das überleben des Christentums in China von der "zellenar
tigen" Kirche ab, in der Christen zu festgesetzten Zeiten in Gruppen von nicht m
ehr als zehn Personen, oft sogar noch weniger, zusammenkommen.
Man weiß von diesen Gruppen, daß sie sich vermehren und daß ihr Zeugnis wirksam
ist. "Erzählt uns vom Christentum", bat eine Gruppe von Dorfbewohnern, "damit w
ir den Frieden bekommen, den ihr habt!" "Sage uns, wie man eine solche Freude b
ekommen kann, wie du sie in so schwerer Trübsal besitzt!" forderte ein Lehrer vo
n einem christlichen Mädchen an einer Pädagogischen Hochschule.
Jemand, der Verbindung zu Christen in China hat, schrieb: "Die Kirche ist stärke
r als vor zehn Jahren, wenn auch nicht nach außen hin und in sichtbaren Organisa
tionen, sondern im Glauben und in seiner Ausübung . . ."
Wie können wir unseren christlichen Brüdern in China helfen. Ein offensichtliche
r Weg sind Rundfunksendungen, die nach China ausgestrahlt werden. Auszüge aus Br
iefen im Anhang des Buches zeigen die Wirksamkeit dieser Verbindungsmittel.
Der Zerfall zentraler Behörden und die Nachlässigkeit seitens der Polizei machen
es den Christen offenbar verhältnismäßig leicht, ausländische Sender zu hören'
und miteinander Gemeinschaft zu haben. Die Heilige Schrift wird z. B. in Diktier
geschwindigkeit gelesen, um den Christen eine Möglichkeit zu geben, ihre verlore
ngegangenen Bibeln durch eine Anzahl handgeschriebener Schriftteile zu ersetzen.
Andere Möglichkeiten stehen zur Zeit nicht offen. Es bleibt nur noch die Fürbit
te, die große Macht, die die "Kirche im Schatten" trägt, bis die Sonne eines neu
en Tages wieder scheinen wird.

3. KAPITEL
BITTERE LEKTIONEN

Die Verfassung Chinas enthält wie die der Sowjetunion eine Klausel, die dem Volk
Glaubensfreiheit zusichert. Die chinesischen Kommunisten machten mit dieser Zus
icherung Propaganda, als sie 1949 die Macht an sich rissen. Christen und Andersg
läubigen wurde versichert, sie hätten für die Freiheit ihrer Religionsausübung n
ichts zu befürchten. Die Bestätigung dafür schien 1950 zu kommen, als eine Grupp
e von Kirchenführern für drei Tage als Gäste der Regierung nach Peking eingelade
n wurde - eine Ehre, die niemals zuvor gewährt worden war, auch nicht unter dem
christlichen Staatsoberhaupt des vorhergehenden Regimes.
Ministerpräsident Tschu En Lai erklärte, daß die Volksregierung keinen Streit mi
t der Kirche als solche habe. Die Kritik beziehe sich nur auf die Art und Weise,
in der die Kirche von imperialistischen Missionaren ausgebeutet und die Christe
n von imperialistischen Denkweisen vergiftet worden seien. Wenn sich die Kirche
ihrer konstitutionellen Freiheit erfreuen wolle, müsse sie zuerst einmal «das Ha
us säubern«, d. h., sich der Missionare und ihres schädlichen Einflusses entledi
gen und die Führung der Partei anerkennen. Das Manifest, das die Annahme dieser
Forderungen enthielt, brachte die Kirche in ein Dilemma, aber sie hatte keine an
dere Wahl, als ihre missionarischen Mitarbeiter aufzufordern, zu gehen.
Als die Missionare China verließen, blieb die Kirche verwirrt und ihre Führung i
n sich gespalten zurück. Das Manifest verkörperte die offizielle Haltung und ent
hielt die Politik der neu gegründeten Patriotischen Drei Selbst Bewegung«. Seine
m Wortlaut zufolge gehorchte die chinesische Kirche der Partei, unterstützte die
Regierung bei allen sozialen und wirtschaftlichen Reformen als Gegengabe für di
e Freiheit, ihren eigenen Glauben und ihren Dienst auszuüben. Ein solcher Handel
schien der einzige Ausweg zur Erhaltung der Kirche zu sein. Auch konnte man die
Bibel zitieren, um diese Aktion zu verteidigen. Die große Mehrheit der Führer s
chlug daher die offizielle Richtung ein.
Aber es gab auch einige wie Watchman Nee und Wang Mingtao, die nicht bereit ware
n, den Köder zu schlucken.
Wang Ming tao, Pastor der größten Gemeinde in Peking und ein ein flußreicher Man
n im ganzen Land, unterzog das als «imperialistische Gift« bezeichnete Denken ei
ner genauen Prüfung. Dabei fand er heraus, daß es einige wichtige und grundlegen
de Wahrheiten des christlichen Glaubens waren, und er äußerte dies auch in der Ö
ffentlichkeit. Seine eigene Gemeinde hatte nie unter missionarischen Einfluß aus
dem Ausland gestanden. Obwohl er auf anderen Gebieten nicht frei von jeder Krit
ik an ausländischen Missionaren war, ließ er die These, sie seien Agenten des Im
perialismus gewesen, nicht gelten. Auf der anderen Seite waren die Führer der «D
rei Selbst Bewegung« Männer, die er schon oft wegen ihrer liberalen Theologie an
gegriffen hatte, und mit deren neuen Aktionen er nicht einverstanden war.
Es war für ihn daher unmöglich, mit diesen Männern am gleichen Joch zu ziehen. W
ang glaubte an die Autorität der Heiligen Schrift und daran, daß sich die Politi
k jener Männer mit der Zeit als verkehrt herausstellen würde. Deshalb weigerte e
r sich, sich auf Gedeih und Verderb mit der Drei Selbst Bewegung« zu verbinden,
und nahm außerdem eine entschlossene Haltung gegen die Zusammenarbeit mit der Re
gierung ein, zu der sich die meisten Kirchenführer des Landes bekannt hatten.
Wer behielt recht? Wang Ming tao wurde 1955 ins Gefängnis gesperrt, um lebenslän
glich für das Festhalten an seinen Grundsätzen zu büßen. Seine Gemeinde wurde au
fgelöst. (Nach zwölfjährigem Aufenthalt in einem Pekinger Gefängnis, brachte man
den 68jährigen Pastor 1968 in ein Arbeitslager nach Tatung, Nordschansi.) Viele
, die Wangs Ansichten teilten, verschwanden wie er im Gefängnis. Die Kirche der
Drei Selbst-Bewegung« funktionierte jedoch noch weitere zehn Jahre, wenn die Zah
l ihrer Mitglieder auch sehr zurückging. Patriotismus wurde zu ihrem Hauptanlieg
en. Um ihn unter den Christen zu fördern, stellte die Regierung Gelder für die S
chulung der Geistlichen zur Verfügung. Die Predigten waren in ihrem Ton immer po
litischer gehalten, während biblische Lehren über das Ende der Welt und die Wied
erkunft Christi nicht berührt wurden. Diese Atmosphäre führte bei vielen Christe
n zur Ernüchterung, und sie begannen, frohe wahre Gemeinschaft in nichtöffentlic
hen Hauszusammenkünften zu suchen.
Es blieb der Kulturrevolution überlassen, die Maske des Kommunismus abzureißen u
nd ihn als erbitterten Gegner der Religion zu entlarven. Alle Kirchen, ungeachte
t welcher Zugehörigkeit, wurden geschlossen. Auch die sklavisch ergebenen Anhäng
er der Regierung fanden sich zu ihrer Enttäuschung im Gefängnis oder in Arbeitsl
agern.
Diese tragische Geschichte von Männern, die leiden mußten wegen ihrer ablehnende
n Haltung der Drei Selbst Bewegung« gegenüber, aber auch trotz ihres untergebene
n Festhaltens an der Parteilinie und der Führung der Drei Selbst Bewegung«, ford
ert eine gründliche Durchleuchtung. Sie enthält wichtige Lektionen für die übrig
e Welt.
Was war die Drei Selbst Bewegung« wirklich? Eine echte, christliche Kirche oder
eine Verzerrung wahren Christentums? Ein spontaner Ausdruck christlicher Überzeu
gung oder eine von den Kommunisten verpaßte Zwangsjacke? Waren ihre Führer freie
Vertreter oder Strohmänner? Was brachte sie in den zehn erkauften Jahren nach d
er Gefangenschaft Watchman Nees und Wang Ming taos zustande?
Von Anfang an gingen die Meinungen ausländischer Beobachter darüber auseinander.
Die vierteljährlich erscheinende Zeitung der Anglikaner East West Review« (1960
) vertrat die Meinung, die Entwicklungen in der chinesischen Kirche seien das Er
gebnis echter christlicher Überzeugung und kein kommunistischer Zwang. Die führe
nden Persönlichkeiten der Kirche seien, laut dieser Zeitung, entschlossene Männe
r und keine Strohmänner. Ein früherer Chinamissionar legte dagegen den biblisch
historischen Maßstab an: das gläubige Predigen des Wortes Gottes und die wahre H
andhabung der Sakramente für die Wahrhaftigkeit einer Kirche. Da die Drei Selbst
Bewegung einen wichtigen Teil des Christentums verwische, um den Forderungen de
s Staates nachzukommen, könne man sie nicht länger als Kirche betrachten.
Diese Meinungen vertreten zwei gegensätzliche Standpunkte. Man muß zugeben, daß
es für Außenstehende schwierig ist, ein .gerechtes Urteil« abzugeben, wie es der
Apostel Paulus von uns gefordert hätte. Aber im Interesse der Wahrheit müssen w
ir dies Verständnis für Mitchristen in einer außergewöhnlich schwierigen Lage mi
t der Beurteilung der Tatsachen, soweit sie uns bekannt sind, abwägen.
Die Drei Selbst Bewegung erhob große Ansprüche für sich selbst. Ein Artikel in d
er Kirchenzeitung Tien Feng« vom 10. Oktober 1959 feiert den zehnjährigen Kampf
gegen den Imperialismus und für die Liebe zu unserem Land«. Er schildert die Kir
che von 1947 als Werkzeug der Missionare für private und imperialistische Zwecke
. Dann gibt er einen Überblick über die Leistungen der Kirche seit dieser Zeit.
Die Ablehnung des Manifestes durch die Missionare und seine Begrüßung durch vier
hunderttausend Christen. Die Bloßstellung der Religionsmanipulationen des Imperi
alismus durch die allgemeine Anklagepraxis im Jahre 1951. Der Versuch Wang Ming
taos und Watchman Nees samt ihren gegenrevolutionären Organisationen, 1953 die D
rei Selbst Bewegung zu zerstören, und wie ihr verrückter Widerstand 1955 gebroch
en wurde. Die Entlarvung der Rechtsler« durch die Läuterungskampagne« von 1956/5
7 und der Beginn der Zusammenarbeit halbkolonialer« Konfessionen.
Die «Sozialistische Erziehungsbewegung« habe sich als wirksam herausgestellt bei
der Umformung der christlichen Denkweise und der Vorbereitung auf den großen Sp
rung vorwärts«. So war die Drei Selbst Bewegung innerhalb von zehn Jahren unter
der Führung der Partei« zur Reife gelangt und grundlegende Veränderungen in der
Kirche vollzogen worden. Es war gelungen, den fremden Imperialismus einzudämmen,
rechtsgerichtete Elemente auszuschließen, das «Drei Selbst Programm« für die vö
llige Selbständigkeit zu erfüllen und die Solidarität mit dem ganzen chinesische
n Volk bei seinem Marsch zum Sozialismus zu erreichen.
Christliche Paraden schlossen in vielen Städten als Teil der Feierlichkeiten das
«Große Jahrzehnt« ab. Immer wieder hoben Sprecher der Kirche ihre «neugewonnene
Freiheit« von der imperialistischen Herrschaft hervor. Sie wiederholten solche
Phrasen wie «nackte imperialistische Aggression«, «imperialistische Anwendung de
r Missionsarbeit« und «Gift des imperialistischen Denkens«, wobei sie sich auf d
ie Mission allgemein bezogen. Missionare bezeichneten sie als «bibellesende Wölf
e«. Das Boxer-Massaker an Christen und ausländischen Missionaren von 1900 rechtf
ertigten sie als «unvermeidlichen Kampf gegen die Imperialisten«, die im größten
Teil Chinas Mißbrauch trieben und verbrecherische Tätigkeiten ausgeübt hätten«.
1960 gab Y. T. Wu, der Generalsekretär der Bewegung, die anhaltende Notwendigkei
t der Selbstreform unter den Christen zu und forderte die unaufhörliche Wachsamk
eit gegen die anhaltenden Gefahren, die der Kirche von seiten der imperialistisc
hen Aggression drohten. Zwei Jahre später beklagte sich die «Tien Feng« immer no
ch, daß die Christen in ihrem politischen Denken hinterherhinkten und dringend e
inen «christlichen Antiimperialismus« entwickeln müßten.
Inwieweit sprachen die Kirchenführer wirklich für sich selbst, oder bis zu welch
em Grad waren sie Marionetten? Warum sie wirklich für sich selbst sprachen, so h
atten sie nichts über die Pflicht der Kirche, das Evangelium von Christus in ihr
em Land zu verkünden, wenig wirklich Christliches, aber eine Menge über missiona
rische Verbrechen und sehr viel über den Sozialismus vorzubringen. Ihr Reden und
Schreiben ist der Beweis für einen bemerkenswerten Erfolg des Schulungsprogramm
es. Aber sprachen sie wirklich ihre eigenen Gedanken aus?
Ein Überläufer zur freien Welt, Edward C. M. Chen, war zehn Jahre lang Beamter d
es «Büros für Religiöse Angelegenheiten« gewesen. Das ist eine Regierungsstelle,
die für religiöse Einrichtungen zuständig ist und für jede Religion eigene Vert
reter und Komitees ernennt. Genosse Chen, der einem Kader angehörte, war schon s
ehr früh wegen seiner politischen Verläßlichkeit mit der alleinigen Verantwortun
g für die Handhabung religiöser Angelegenheiten betraut worden. Seine zehnjährig
e «religiöse Frontarbeit« bot ihm genügend Möglichkeiten, sich ein einmaliges Ve
rständnis der Beziehungen der chinesischen Kommunistischen Partei zur christlich
en Kirche anzueignen.
In seinen schriftlichen Äußerungen besteht Chen darauf, die grundlegenden Meinun
gsverschiedenheiten zwischen Christen und Kommunisten seien nicht politischer, s
ondern philosophischer und sozialer Art gewesen. Der Kampf gegen christliche Zie
le würde daher nicht offen und formell ausgetragen, er trage vielmehr den Charak
ter einer «unsichtbaren Schlacht«. Die offizielle Politik suche nicht die völlig
e Ausrottung, sondern Einschränkungen, Reformen und die Ausnutzung mit dem Ziel
der totalen Kontrolle. «Unter dieser Politik«, sagte Chen, gingen die religiösen
Organisationen einen schweren unnormalen Weg und schwanden langsam dahin.«
Mit diesem klaren Ziel vor Augen war die «Drei Selbst Bewegung« ins Leben gerufe
n worden. Nur diejenigen, die «politische Kenntnisse« besaßen, erhielten die Erl
aubnis, 1950 in den «Vorbereitungsausschüssen« ihren Dienst zu tun. Widerstand v
on seiten der Katholiken und einiger protestantischer Bewegungen «gegen das Wort
«Reform« führte zu dem Namenszusatz «patriotisch«.
Die «Patriotische Drei Selbst Bewegung« sollte mit der «Religiösen Unionsfront«
zusammenarbeiten. Die offiziellen Richtlinien unterschieden zwischen Katholiken
und Protestanten, und bei den Protestanten zwischen der sozialen« Evangeliumsgru
ppe (aufgeklärt) und der «geistlichen« Gruppe (konservativ, eigensinnig und Gegn
er der Drei Selbst Bewegung).
Genosse Chen wußte zunächst nichts über Religion. Er erhielt den Auftrag, sich ü
ber religiöse Organisationen zu informieren. Dabei sollte er ihre Führer befrage
n, deren Arbeit und Tätigkeiten kontrollieren, Katholiken und Protestanten in di
e «Drei-Selbst Bewegung« bringen, religiöse Führer über die Regierungspolitik au
f dem laufenden halten und dadurch ihr politisches Bewußtsein wecken, die Gläubi
gen soziale Tätigkeit verwickeln, versteckte Reaktionäre aufspüren, ausländische
religiöse Gäste unterhalten und den Einfluß der Religion dämpfen. Im Hinblick a
uf die «Freiheit des religiösen Glaubens« erklärte man Genosse Chen, alle religi
ösen Tätigkeiten seien strikt auf öffentliche Gebäude zu beschränken, damit sie
nicht mit den Ansichten anderer in Konflikt gerieten. Aus diesem Grund waren all
e religiösen Tätigkeiten im Freien und in Privathäusern verboten.
Im Namen der Religionsfreiheit war allen, die einen religiösen Dienst ausübten,
jegliche Art der Kirchenzucht oder des sozialen Einflusses auf ihre Anhänger unt
ersagt, eine Einschränkung, die zu häufigen Zusammenstößen und Meinungsverschied
enheiten führte.
Chen beschreibt auch die Methoden, sich in die Kirchen einzuschmuggeln. Man benu
tzte entweder Spione oder legte Schriftabschnitte ganz offen vom marxistischen S
tandpunkt her aus. Es war das ausdrückliche Ziel der Regierung, soviele Prediger
und Evangelisten wie möglich auf ihre Seite zu ziehen, indem man die Bibel im m
arxistischen Sinne auslegte. Zu diesem Zweck wurden riesige Summen flüssig gemac
ht und der Drei Selbst-Bewegung zur Verfügung gestellt. Damit sollten die Führer
umgeschult und der Glaube dazu gebracht werden, der Politik zu dienen.
Dieses aufschlußreiche Dokument zeigt deutlich, daß sogar Helen Willis in ihrem
packenden Buch «Through Encouragement of the Scriptures« (Durch die Ermunterung
der Schrift) unrecht hatte, als sie schrieb: Diese Bewegung war von positiv zur
Regierung eingestellten, modernen Intellektuellen der Kirche geplant und wird vo
n ihnen kontrolliert.« Die Kirche hat sie weder geplant noch kontrolliert! Sie w
ar eine Schöpfung der kommunistischen Regierung und von Anfang bis Ende von ihr
kontrolliert durch die Beamten des «Büros für Religiöse Angelegenheiten«.
Die Patriotische Drei Selbst Bewegung« war ganz offensichtlich keine spontane Sc
höpfung der Kirchen selbst. Waren ihre Führer zu blind, um dies zu erkennen, völ
lig überrumpelt von der durchdachten Überredungskunst und den ausgeklügelten Met
hoden der Kommunisten, oder einfach eingeschüchtert? Strohmänner waren sie unver
kennbar. Wurden sie es aber bewußt oder unbewußt, freiwillig oder unfreiwillig?
Wang Ming tao war es trotz seines großen Leidens wenigstens erspart geblieben, a
n der Demütigung der letzten Enttäuschung und dem Mißerfolg der fünfzehnjährigen
Bemühungen, die Kirche durch zweifelhafte Kompromisse zu erhalten, beteiligt zu
sein.
Dieses bittere Kapitel der Kirchengeschichte lehrt uns zwei Dinge: Erstens, daß
es immer richtig ist, fest auf den biblischen Grundsätzen zu beharren, ungeachte
t der persönlichen Kosten. Es ist für einen Christen niemals richtig, seine Tate
n von reiner Zweckmäßigkeit bestimmen zu lassen. Gott wurde sicher mehr verehrt
durch Wangs tapfere Haltung und die Gefangenschaft Nees und vieler anderer als d
urch die Einwilligung in angeblich notwendige Schritte, mit dem Ziel, die Kirche
überhaupt funktionsfähig erhalten zu wollen.
Zweitens, daß es falsch ist, den kommunistischen Erklärungen und der Propaganda
über Religionsfreiheit Glauben zu schenken. Die kommunistische Auslegung der «Fr
eiheit des religiösen Glaubens« ist folgende: Diejenigen, die einer Religion gla
uben, haben ihre Freiheit, und die, die sie ablehnen, besitzen ihre religiöse Fr
eiheit ebenso. «Du hast die Freiheit, das zu glauben, was dir gefällt, und wir h
aben die Freiheit, deinen Glauben anzugreifen«, sagen sie.
Mit diesem Grundsatz wurden Sonderschulungskurse für Pastoren eingerichtet, die
ihre christliche Überzeugung erschüttern sollten. Wenn die Freiheit des religiös
en Glaubens aber nicht die Freiheit einschließt, diesen Glauben gegen Angriffe z
u schütz, n und ihn öffentlich zu bekennen, so ist sie bedeutungslos. Aber es is
t ein unumstößlicher kommunistischer Grundsatz, daß religiöse Tätigkeiten in di
e Kirche zurückkehren müssen«. Mit anderen Worten: Die Öffentlichkeit muß, koste
es, was es wolle, vor jeder Art christlichen Bekehrungseifers geschützt werden.
Das war die unaufhörliche Politik der Kommunisten in China und auch während der
letzten zwanzig Jahre in Europa.
Es ist der Welt schon lange, ganz besonders aber seit der Kulturrevolution, klar
geworden, daß die Freiheit des religiösen Glaubens« in den orthodoxen kommunisti
schen Ländern nicht das ist, was wir im Westen darunter verstehen. In China war
sie nur ein Stück Schaufensterdekoration, um andere asiatische Nationen zu beein
drucken. Aber es war zu keiner Zeit beab¬sichtigt, die Ausübung der vollen Relig
ionsfreiheit zu gestatten. Wo in der ganzen kommunistischen Welt gab es jemals e
ine echte, intellektuelle oder religiöse Freiheit?
Aber vielleicht nähert sich die Nacht ihrem Ende. In Europa, vor allem in der Ts
chechoslowakei, verspürten die Menschen, auch die Christen, für kurze Zeit die B
efreiung von der stalinistischen Tyrannei. Mit der Zeit wird es auch russischen
Panzern nicht mehr gelingen, die anschwellende Flut gegen die Gewaltherrschaft a
ufzuhalten. In China konnte selbst das Ungestüm der Kulturrevolution diejenigen
nicht ausrotten, die für eine menschlichere Art des Sozialismus eintreten. Revis
ionisten« und Liberalisierende sind immer noch stark vertreten. Vielleicht ist n
icht nur in der Tschechoslowakei, sondern auch in anderen kommunistischen Länder
n, einschließlich China, der Tag der größeren Freiheit näher, als wir denken.

4. KAPITEL
KLEINE ANALYSE DES KOMMUNISMUS

Es ist äußerst wichtig, daß jeder ganz klar und objektiv darüber informiert ist,
was Kommunismus oder Marxismus überhaupt ist. Es ist viel leichter, sich gefühl
smäßig von Geschichten über kommunistische Greueltaten und über das Leiden unter
dem Kommunismus beeinflussen zu lassen, als sich eine objektive Einschätzung di
eses mächtigen Systems anzueignen. So wahr solche Geschichten auch sein mögen, h
elfen sie uns kaum, die kommunistische Philosophie zu verstehen und das Verhalte
n der Kommunisten zu begreifen. Auch erklären sensationelle Geschichten nicht, w
eshalb so viele Millionen Menschen heute ihre Hoffnung auf ein besseres Leben mi
t den Versprechungen des Kommunismus verbinden. Wir stellten daher ein kleines L
exikon des Kommunismus zusammen. Es soll das Interesse am Lesen der umfassenden
Literatur anregen, die es über dieses Thema gibt.

Karl Marx (1818 - 1883)


war deutscher Jude und entstammte einer langen Ahnenreihe von Rabbinern, von den
en er auch seine Klugheit erbte. Sein Vater verließ mit seiner Familie die Synag
oge, um einer lutherischen Kirche beizutreten. In seinen Jugendjahren schrieb Ka
rl, ein sehr aufgeweckter Junge, eine Broschüre über die Gemeinschaft mit Gott.
An der Universität in Bonn verbrachte er ein stürmisches Jahr, gab seinen Glaube
n an Gott auf und erntete die Mißbilligung seines Vaters, der ihn als Egoist bez
eichnete.
An der Berliner Universität verarbeitete er die dialektische These Professor Geo
rg Hegels für seine eigenen Zwecke, indem er «Idee« durch «Materie« ersetzte. We
nn einer These eine Antithese gegenübergestellt wird, so endet diese Auseinander
setzung mit der Entdeckung einer Synthese. Und das ist nach Marx auch das Gesetz
des sozialen Fortschritts des Menschen.
Nachdem er seinen Dr. phil. erhalten hatte, zog Marx nach Köln und später nach P
aris. Dort heiratete er seine Jugendfreundin. In Paris wurde er Friedrich Engels
vorgestellt, der sein lebenslanger Freund und Mitarbeiter wurde. Er studierte W
irtschaftslehre und kam zu dem historischen Schluß, die Wirtschaft sei die einzi
ge Macht hinter dem dialektischen Fortschritt der Gesellschaft. Dieses Gesetz, d
as er wirtschaftlichen Determinismus (Vorherbestimmung) oder wissenschaftlichen
Sozialismus nannte, beinhaltete für ihn die Vorstellung eines unvermeidlichen Fo
rtschritts zu einer endgültigen, vollkommenen menschlichen Gesellschaft. Als er
aus Frankreich ausgewiesen wurde, zog er nach Brüssel. Dort wurde sein «Kommunis
tisches Manifest«
veröffentlicht und 1848 die erste Kommunistische Partei gegründet. Marx verlegte
seinen Wohnsitz nach London und verbrachte dort den Rest seines Lebens. In pers
önlicher Hinsicht war sein Leben tragisch, doch schrieb und veröffentlichte er i
n London sein Hauptwerk: «Das Kapital«.

Wladimir Lenin (1870 - 1924),


ein Russe, war der Mann, der die marxistischen Theorien in die Praxis umsetzte u
nd dem vierunddreißig Jahre nach dem Tode von Marx die erste erfolgreiche Revolu
tion glückte, die Oktoberrevolution von 1917.
Lenin hatte seit 1900 im Exil gelebt. Er und Trotzki waren verschiedener Meinung
über Parteidisziplin und die Anwendung von Gewalt in der Revolution. Sie trennt
en sich schließlich 1912. Als Rußland dann vor einer Niederlage im Krieg gegen D
eutschland stand, kehrte Lenin nach Rußland zurück. Trotzki versuchte dort schon
, seine Art der Revolution durchzusetzen. Lenin wurde erster Präsident der neuen
Republik, mit Trotzki als Außenminister.
Von 1918 bis 1921 tobte der Bürgerkrieg in Rußland, in dem die Kommunisten auslä
ndische Truppen, die den Zar unterstützten, abwehrten. 1922 gründete Lenin die U
dSSR.
Sein Beitrag zur kommunistischen Lehre bildet seine Untersuchung des Imperialism
us als letzte Stufe des Kapitalismus vor dem Sieg des Sozialismus und den revolu
tionären Aussichten, die sich aus dieser Situation ergeben. Er starb 1924 an den
Folgen der Verletzungen, die ihm bei einem Mordanschlag zugefügt worden waren.

Joseph Stalin (1879 - 1953)


wurde vor der Revolution im Jahre 1917 sechsmal des Landes verwiesen. Auch er wa
r sehr selbstherrlich und führte das Werk Lenins fort. Er verwirklichte den erst
en Fünfjahresplan, führte die erste Landwirtschaftsrevolution 1922 - 33 durch un
d führte die Kollektivierung der Landwirtschaft ein. Vom Ausland aus dirigierte
er die neugegründete Kommunistische Partei Chinas seit ihrer Gründung im Jahre 1
921, hatte dabei aber wenig Erfolg.
Die gelungene Verteidigung Rußlands gegen das nazistische Deutschland und die Si
ege von Leningrad und Stalingrad verhalfen ihm zu großem Ansehen, das die territ
oriale Ausdehnung Rußlands in der Nachkriegszeit erleichterte. Außerdem sicherte
es ihm einen Schutzring kommunistischer Satellitenstaaten, dazu Ostdeutschland
und Berlin.
,Stalinismus« wurde der Name für brutale Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Zeh
ntausende wurden ohne Verhandlung nach Sibirien geschickt oder durch die Befehle
Stalins zum Tode verurteilt, dessen übertriebener Stolz den Personenkult um sei
ne Person förderte. In China gilt er heute noch als Held.

Nikita Chruschtschow (geboren 1894)


war derjenige, der 1956 Stalin anprangerte, seine Verbrechen aufdeckte, an die M
acht kam und die Entstalinisierungspolitik einführte. Dafür erntete er den Haß d
er Chinesen. Er griff die christliche Kirche in Rußland heftig an. 1964 wurde er
aus seinem Amt gedrängt.

Mao Tse tung (geboren 1893)


stammt aus Hunan in China. 1911 war er von einem Hügel aus Zeuge der Nationalist
ischen Revolution in Tschangscha und verschrieb sein Leben der Revolution.
Nach fünfjähriger guter Ausbildung wurde er Bibliothekarsassistent an der Univer
sität von Peking. Er begann, sich für den Marxismus zu interessieren. Während er
in Hunan Studentenzeitschriften herausgab, wurde er überzeugter Marxist. Bald n
ach der Gründung der Kommunistischen Partei Chinas, 1921, erhielt Mao die Vollma
cht, die Bauern seiner Heimatprovinz zu organisieren. Er unterstützte den Nord M
arsch zum Jangtse-Fluß im Jahre 1926/27 und war in Tschangscha dabei, als es zum
Bruch zwischen den Kommunisten und Tschiangkaischek und den Nationalisten kam.
Er führte den Herbstaufstand in Hunan an, erntete aber nur Kritik für seinen Miß
erfolg. 1931 war er in den blutigen, erbarmungslosen Machtkampf verwickelt. Dabe
i begann er auch, seine Partisanenkriegstheorien vorzubringen, die sich auf die
Taktiken von Sun Tsu (500 v. Chr) gründeten. Während der Einkreisung der Kuomint
ang in Kiangsi büßte er einen Teil seiner Autorität wieder ein, war aber einer d
er Helden des «Langen Marsches« von Kiangsi in Südchina nach Jenan, Schensi, im
Norden Chinas im Jahre 1934/35.
Im folgenden Jahr gewann er die Kontrolle über den kommunistischen Parteiapparat
und gab Ende desselben Jahres seine Zustimmung zur Entführung Tschiangkaischeks
. Daraus folgte eine antijapanische Koalition mit den Kuomintang, die im Septemb
er 1937 zum Ausbruch des Chinesisch Japanischen Krieges führte.
In den Jahren 1938 - 1940 gelangen Mao seine größten literarischen Leistungen. Z
ur selben Zeit hatten auch seine Partisanenkriegstheorien Erfolg gegen die japan
ische Armee. 1942 - 44 erreichte es Mao, die marxistischen Theorien und Praktike
n in einer der ersten Säuberungsaktionen Chinas durchzusetzen. Dadurch erlangte
er die Unabhängigkeit der Chinesen von Moskau.
1945 wurden die Gedanken Maos beim siebten Kongreß der Kommunistischen Partei Ch
inas zur offiziellen Richtlinie der Partei in den Nachkriegsjahren erklärt. Der
Mao Kult begann zu blühen. In der Zwischenzeit trafen Mao Tse tung und Stalin ei
n Abkommen über ihre Politik. Als sich die japanische Armee dann ergab, fühlten
sich die kommunistischen Armeen stark genug, die Kapitulation anzunehmen. Die na
tionalistischen Streitkräfte befanden sich ja weit weg von diesem Schauplatz im
Westen Chinas.
Mao traf nun mit Tschiangkaischek in Tschungking zusammen, um mit ihm die weiter
e Entwicklung zu besprechen. Diese Gespräche verliefen jedoch erfolglos und führ
ten zum erneuten Ausbruch des Bürgerkrieges. In dessen Verlauf errangen die schw
ächeren, aber besser organisierten, idealistischen Streitkräfte der Kommunisten
den Sieg über die zahlenmäßig überlegene Armee der anderen mit ihrer schwachen K
ampfmoral und ihrer unzulänglichen Führung.
Nach der Besetzung ganz Chinas und dem Rückzug der nationalchinesischen Regierun
g nach Formosa hielten die Kommunisten im September 1949 die erste Zusammenkunft
ihres «Politisch Konsultativen Volksrats« ab. Am 1. Oktober rief der Vorsitzend
e Mao Tse tung vom Tien An Tor« der Verbotenen Stadt in Peking die Gründung der
Volksrepublik China aus. Im Dezember desselben Jahres traf Mao mit Stalin zusamm
en, um einen Freundschaftspakt abzuschließen.
Als Stalin 1953 starb, trat Mao dessen geistige Nachfolge an. Er kritisierte erb
ittert die «Entstalinisierungspolitik« Chruschtschows. Besonders heftig griff Ma
o die öffentlich erklärte Bereitschaft Rußlands an, die Revolution durch Gewalt
zugunsten der friedlichen Koexistenz aufzugeben. Die Gewaltanwendung zur Erlangu
ng des kommunistischen Zieles ist ein wichtiger marxistischer Lehrsatz, an dem C
hina zäh festhält. Maos berühmter Ausspruch verdient es, in vollem Wortlaut wied
ergegeben zu werden:
«Politische Macht kommt aus Gewehrläufen. Die zentrale Aufgabe und die höchste F
orm der Revolution ist die bewaffnete Machtergreifung, ist die Lösung des Proble
ms durch den Krieg. Nur mit Waffengewalt kann die ganze Welt umgewandelt werden!
«
Und so bewundert China auch weiterhin den in Mißkredit geratenen Stalin, dessen
Ansehen Mao so stolz hochhielt. Das hatte Spannungen zwischen China und der UdSS
R zur Folge, in denen Chruschtschow der Stein des Anstoßes war. 1958 kündigte Ma
o die Gründung der Kommunen und den großen Sprung vorwärts« an. Zwei Jahre späte
r gab China das Scheitern des Planes zu. 1960 wurde China von der UdSSR und sein
en osteuropäischen Satellitenstaaten öffentlich angegriffen. Der diplomatische B
ruch zwischen China und Rußland hatte den Abzug aller russischen Berater und Tec
hniker zur Folge. 1960 und 1961 waren für China harte Jahre des Hungers und der
Versuche, Ersatz für den fatalen Verlust der technischen Hilfe der Sowjets zu fi
nden. 1963 wurde der Abbruch der diplomatischen Beziehungen endgültig.
Um dem Schwinden seiner Autorität entgegenzuwirken, plante Mao 1965 die Große So
zialistische Kulturrevolution. Ein Jahr später ließ er dann den revolutionären K
räften der Jugend Chinas, den Roten Garden«, freien Lauf. 1967 und 1968 waren Ja
hre des Aufruhrs, da sich China in zahlreiche rivalisierende Gruppen aufsplitter
te, die nach Macht strebten und sich gegenseitig bekämpften. Obwohl sich alle zu
Mao bekennen, gibt es auch eine starke Opposition.
Nachdem sich Mao von seinen extremistischen Freunden abgewandt und der Armee zug
ewandt hatte, gründete er Drei-Wege Allianzen, die ihrerseits Revolutionskomitee
s« aufstellten, um den alten Parteiapparat zu ersetzen.
Materialismus
bedeutet in der kommunistischen Sprache nicht die Liebe zu materiellen Dingen od
er Weltlichkeit, sondern vielmehr die Philosophie, die erklärt, die materielle W
elt, der wir angehören, ist die einzige Wirklichkeit« (Marx). Die Materie ist ew
ig, und der Verstand ist der höchste Ausdruck der Materie, nicht etwas von ihr G
etrenntes. Das Universum kann nur durch wissenschaftliche Beobachtungen untersuc
ht und verstanden werden. Deshalb schließt der Kommunismus die Wirklichkeit Gott
es und des übernatürlichen aus und leugnet auch die Gottheit Christi. Er schließ
t jede Möglichkeit der Existenz einer Seele im Menschen, eines Weiterlebens nach
dem Tode und eines zukünftigen Gerichts aus. Ebenso lehnt er das Bestehen irgen
deines ewig geltenden moralischen Gesetzes ab. Der Atheismus ist daher die Grund
lehre des Kommunismus, die seine eigenen umfassenden Ansichten über Universum, M
ensch, Leben, Tod, Gesellschaft, Wirtschaft, Religion, Ethik und Kultur ersetzt.
Dialektischer Materialismus
ist die Grundlehre des Kommunismus. Sie sorgt als vorausgesetzte wissenschaftlic
he Erklärung der Geschichte für einen kommunistischen Ersatz des alleinigen Schö
pfers und Herrschers der Menschheit. Der dialektische Materialismus setzt ein ma
terielles Universum voraus, in dem für das übernatürliche kein Platz ist. Marx a
kzeptierte die ursprüngliche Annahme des deutschen Philosophen Georg Hegel (1770
- 1831) an der Berliner Universität, der die natürliche Entwicklung der Idee al
s eine Art Debatte oder Argument betrachtete.
Ein allgemeiner Vorschlag oder eine Behauptung wird angefochten und gibt Anlaß z
u einer Gegenbehauptung oder Antithese. Eine weitere Debatte vereinigt die Gegen
sätze in einer Synthese, die sofort zu einer neuen These wird. Dann wiederholt s
ich der ganze Prozeß von neuem. Marx macht diese Theorie zum Hauptpunkt der inne
ren Bedeutung der Geschichte. Sein eigener Beitrag war die Entdeckung, daß die W
irtschaft die Kraft ist, die dieses Gesetz der Bewegung in Gang bringt. Da der G
rundfaktor der Existenz die Notwendigkeit ist, daß der Mensch, um zu leben, esse
n muß, dreht sich das ganze Leben um die Lebensmittelproduktion oder um die Hers
tellung solcher Güter, die gegen Nahrungsmittel ausgetauscht werden können.
Marx fuhr fort mit dem Beweis, daß die Geschichte immer eine Anzahl von Revoluti
onen hervorgerufen hat, die von Konflikten und Spannungen zweier Klassen herrühr
ten, - derjenigen, denen die Produktionsmittel gehören, und derjenigen, die dafü
r arbeiten müssen, sie aber nicht besitzen. Diese Tatsache ruft den historischen
Fortschritt hervor« (de Koster). Graphisch dargestellt, verläuft der soziale Fo
rtschritt in einer Vor und Aufwärtsbewegung, aber nicht geradlinig, sondern in
einem vorherbestimmten Zickzackkurs. Das ist der Rhythmus der Geschichte. Der Fo
rtschritt endet in einer klassenlosen Gesellschaft, wenn der Staat verschwindet
und der Mensch schließlich unter utopischen Bedingungen lebt.
Dieses Gesetz der Bewegung, von dem manchmal als wissenschaftlicher Sozialismus«
gesprochen wird, soll so unantastbar sein wie die physikalischen oder astronomi
schen Gesetze. Wenn wir dieses Gesetz der Geschichte verstehen, können wir nicht
nur die ganze Vergangenheit der Geschichte auslegen, sondern den zukünftigen Ve
rlauf mit vollkommener Genauigkeit voraussagen.
Aber die Philosophie war für Marx nur ein reiner Wegweiser zur Tat. Indem der Me
nsch seine Taten mit diesem Gesetz in Einklang bringt, kann er das Entstehen ein
er vollkommenen, gerechten menschlichen Gesellschaft beschleunigen.
Die Geschichte der Gesellschaft
Der Marxist sieht sie als dialektischen Fortschritt von einer primitiven Stammes
gesellschaft (kommunistisch) zu einer Sklavengesellschaft, von einer Sklavengese
llschaft zum Feudalsystem (Lehnwesen), vom Feudalsystem zum Kapitalismus, vom Ka
pitalismus zum Sozialismus und schließlich vom Sozialismus zum Kommunismus. Dies
er Verlauf war von wirtschaftlichen Faktoren bestimmt: von der Entwicklung der P
roduktionsmittel und dem Kampf um ihre Kontrolle.
Der Mensch erhob sich vom Affenstadium dadurch, daß er Werkzeuge herstellte. Der
Fortschritt war dann bestimmt von der sich entwickelnden Erfahrung in der Anwen
dung der Werkzeuge bei der Produktion und im Kampf, diese Werkzeuge zu besitzen
und zu kontrollieren. Die Arbeit des Menschen schuf daher unsere Welt. Diese Ges
chichtsphilosophie, die auf dem dialektischen Materialismus aufgebaut ist, nennt
man historischen Materialismus. Die gegenwärtige Krise des Kapitalismus und das
weltweite Wachstum des Sozialismus ermutigen die Kommunisten in ihrem Vertrauen
zur Verläßlichkeit ihrer Prophezeiungen.
Klassenkampf
«Klassen« sind Bevölkerungsteile, die ihren Lebensunterhalt auf dieselbe Art ver
dienen. Zur Zeit von Karl Marx gab es grundsätzlich zwei Klassen: diejenigen, di
e Produktionswerkzeuge und Maschinen besaßen, die aber nicht an ihnen arbeiteten
(die Kapitalisten), und diejenigen, die an ihnen arbeiteten, sie aber nicht bes
aßen (Arbeiter oder Proletarier). In der heutigen Zeit ist die Idee der zwei Kla
ssen nicht so leicht zu rechtfertigen.
Das Entstehen von privatem Besitz führte zunächst zu Klassenkämpfen. Folglich be
stand die Geschichte aus Klassenkämpfen, und der Höhepunkt der Klassenkämpfe, de
r Krieg, wird den gewaltsamen Sturz des kapitalistischen Systems zur Folge haben
, damit die Arbeiterklasse herrschende Klasse werden kann und eine neue sozialis
tische Gesellschaft gründen wird: die Diktatur des Proletariats.
Beide, Marx und Lenin, bestanden darauf, daß eine Revolution immer mit Gewalt du
rchgeführt werden müsse. Den Höhepunkt bildet dann die klassenlose Gesellschaft
und das Ende des dialektischen Fortschritts. Dann wird die wahre Geschichte erst
beginnen. Die Spannung zwischen den Klassen erzeugt Dynamik, die einen weiteren
Fortschritt auslöst. Dasselbe gilt auch für die Widersprüche innerhalb des Komm
unismus, Auseinandersetzungen über Politik und die Konflikte zwischen Konservati
ven und Progressiven innerhalb eines Landes. Es ist wichtig, den Kampf« aufrecht
zuerhalten, wenn der Fortschritt anhalten soll.
Sozialismus
Der Aufbau der Gesellschaft nach dem Fall des Kapitalismus als Folge der Revolut
ion wird Sozialismus genannt. Er beinhaltet die totale Nationalisierung aller Pr
oduktionsmittel und eine geplante Produktion auf nationaler Basis. In diesem Sta
dium lautet der Grundsatz des Arbeitsentgelts: Von jedem nach seinen Kräften f
ür jeden nach seiner Arbeit!«
Es ist klar, daß das Anspornungsmotiv im Sozialismus in den ersten Stadien noch
vorherrscht. Aber wenn sich die Produktion steigert und für alle Überfluß da ist
, so wird ein neuer Grundsatz eingeführt: «Von jedem nach seinem Können für je
den nach seinem Bedarf!« Das ist das Stadium des vollkommenen Kommunismus. Dann
wird das Anspornungsmotiv nicht mehr benötigt.
Gegenwärtig befindet sich die Welt noch im sozialistischen Stadium, aber sie bew
egt sich auf das Ziel des Kommunismus zu. China mit seinen Kommunen hat versucht
, den Fortschritt zu beschleunigen, aber Mao hat sich vom Ökonomismus« abgewandt
, weil dieser das Anspornungsmotiv in sich schließt, ein Schritt rückwärts in Ri
chtung Kapitalismus ist «und dem kapitalistischen Weg folgt«.
«Das Kapital«
ist das Hauptwerk von Karl Marx und die Bibel des Kommunismus. Es wurde in drei
Auflagen nach seinem Tode gedruckt: 1867, 1885 und 1894. In diesem Werk bestätig
t Marx noch einmal den Inhalt des "Manifests" (1848) und benutzt wirtschaftliche
Argumente, um zu beweisen, daß der Kapitalismus unvermeidlich die Minderheit be
reichert und die Mehrheit ausbeutet.
Die Hauptthese des Mehrwerts« macht geltend, daß der Wert jeder Ware in der mens
chlichen Arbeitszeit besteht, die zu ihrer Herstellung benötigt wird. Der Wert w
ird nur in der Arbeit gefunden.« Um einen Gewinn zu erzielen das ist der Grund
, eine Fabrik zu besitzen , bezahlt der Eigentümer (Kapitalist) den Arbeitern w
eniger, als ihre Arbeit wert ist. Der Überschuß aus dem Verkauf stellt dann sein
en Profit dar. Da die Mechanisierung immer mehr um sich greift, werden weniger m
enschliche Arbeitskräfte eingestellt, und der Gewinn geht zurück. Um sich selbst
zu entschädigen, muß der Eigentümer seine restlichen Arbeitskräfte noch mehr au
sbeuten.
Die Umstände werden die Kapitalisten dazu zwingen, sich auf Zusammenschlüsse ein
zulassen, damit sich das Kapital in den Händen einiger weniger Monopolbesitzer k
onzentriert. So wird der Arbeiter durch die Wirkung des Arbeitsmarktes bis zum p
uren Existenzminimum ausgebeutet, während sich der Eigen¬tümer auf Kosten der Ar
beiter bereichert. Die zum Feind gemachten Arbeiter (oder Proletarier) beginnen
einen zunehmenden Kampf gegen die Eigentümer (oder Bourgeoisie), bis der Zeitpun
kt gekommen ist, an dem sie sich erheben und die Kapitalisten in einer gewaltsam
en Revolution stürzen. Dann errichten sie die Diktatur des Proletariats, die wie
derum den Weg zur endgültigen Beseitigung der Klassen und der Klassengesellschaf
t vorbereitet.
Marx macht in seinem Buch den Fehler, von isolierten Berichten aus zu verallgeme
inern und objektive Wahrheiten durch subjektive Mythen zu ersetzen. Obwohl einig
e Theorien und Vorhersagen seines Buches nachweislich falsch sind, ist es trotzd
em eines der einflußreichsten Bücher, die jemals geschrieben wurden.
Ethik
Da der Mensch nur ein soziales Produkt ist, betrachtet der Marxist die Kultur, M
oral, Philosophie und Religion als das Produkt des wirtschaftlichen Stadiums, da
s die Gesellschaft zu irgendeinem Zeitpunkt erreicht hat«. Die Formen wirtschaft
licher Produktion bestimmen die soziale Existenz. Das ist ,wirtschaftlicher Dete
rminismus« (Vorherbestimmung). Wir weisen daher jeden Versuch zurück uns ein mor
alisches Dogma irgendeiner Art als ewiges, endgültiges und für alle Zeiten unabä
nderliches Gesetz aufzubürden« (Manifest).
Der Mensch ist das Produkt wirtschaftlicher Kräfte. Was er glaubt, denkt und ger
n hat, seine religiösen Ideen, seine Philosophie und seine Ethik sind Ergebnisse
der gegenwärtigen wirtschaftlichen Ara. Folglich sind alle moralischen Werte nu
r relativ. Sie entwickeln sich aus materiellen Bedingungen und befinden sich in
einem Zustand anhaltender Wandlungen. Es gibt keine dauerhaften und unveränderli
chen Grundsätze für das menschliche Verhalten. Und der Mensch trägt auch nicht d
ie letzte Verantwortung für sein Verhalten. Das Klasseninteresse ist die Mutter
der Ethik.
Das Böse ist daher nicht im Menschen, sondern in einem fehlerhaften wirtschaftli
chen System zu suchen. Darum braucht der Mensch als Individuum keine Erlösung. R
eligion, die ein Produkt der wirtschaftlichen Gegebenheiten ist, stellt ebenfall
s eine Widerspiegelung des Klassenkampfes dar. In Revolutionszeiten besteht der
einzige ethische Grundsatz in der Überlegung: Dient das, was ich tue, dem Klasse
nkampf? Fördert es die Sache des Kommunismus? Wenn ja, ist es richtig, wenn nein
, so ist es ein Verbrechen gegen die Menschheit. Unser moralisches Verhalten ist
den Interessen des Klassenkampfes völlig untergeordnet« (Lenin). Der Zweck heil
igt immer die Mittel.
Das erklärt auch die Anwendung von Gewalt und Grausamkeit während des Kampfes um
die Macht. Ist diese Macht gewonnen, so läßt ihr Gebrauch gewöhnlich wieder nac
h. Daraus erklärt sich auch die Rücksichtslosigkeit, mit der jedes Hindernis bes
eitigt wird, das sich dem Vordringen des Kommunismus in den Weg stellt. Gleichze
itig werden die Kommunisten aber aufgefordert, die Eigensucht einer Klassengesel
lschaft zu überwinden, ein beispielhaftes Leben zu führen, hart zu arbeiten und
dem allgemeinen Wohl zu dienen.
Wenn Christen den Kommunismus ablehnen, sollten sie auch wissen, weshalb. Sie so
llten sich zum Beispiel ganz darüber im klaren sein, daß das Christentum weder m
it dem Kapitalismus noch mit irgendeiner Art von sozialer oder wirtschaftlicher
Theorie verbunden ist. Christentum muß nicht unbedingt gegen soziale Experimente
sein, die viel Lobenswertes an sich haben, was vor allem in unterentwickelten L
ändern zum Ausdruck kommt. Chinas Leistungen auf diesem Gebiet sind bemerkenswer
t. Der Kommunismus war in wirtschaftlicher Hinsicht in Rußland und China zum Tei
l sehr erfolgreich, auch wenn einige westliche Wirtschaftsexperten mit diesen Wi
rtschaftstheorien nicht übereinstimmen mögen und schnell dabei sind, auf ihre Fe
hler hinzuweisen. Aber in diesen Punkten, in denen der Westen noch vor seiner ei
genen Tür zu kehren hat, wird von Christen keine Verurteilung gefordert. Christe
n, die in Ländern mit kommunistischen Regierungen leben, müssen sich auf jeden F
all den bestehenden sozialen Anordnungen fügen und loyal unter dem vorherrschend
en wirtschaftlichen System leben.
Auch in unseren westlichen Demokratien muß die Nation als Ganzes die Politik der
regierenden Partei akzeptieren, auch wenn viele persönlich nicht mit dieser Pol
itik einverstanden sind.
Der Christ wird nicht aufgefordert, Revolutionär im politischen Sinne zu werden,
sondern das Salz der Gesellschaft zu sein, in der er lebt. Das Christentum komm
t mit dem Kommunismus hauptsächlich wegen seiner nicht zu vereinbarenden Grund-P
hilosophie in Konflikt. Der Christ lehnt den Kommunismus als eine Lebensart auf
ideologischer oder theologischer Basis ab. Er kann seinen Atheismus, Materialism
us und auch die falschen Theorien, die er daraus ableitet, nicht akzeptieren.
Die kommunistische Leugnung des alleinigen Anspruches Jesu Christi auf den Mensc
hen würde schon genügen, den Kommunismus aus diesem Grund abzulehnen. Außerdem s
ind die Rücksichtslosigkeit, der Haß, die unvermeidliche Tyrannei und die', Eins
chränkung der persönlichen Freiheit die Hauptbestandteile der orthodoxen kommuni
stischen Praxis für einen Christen verabscheuungswürdig.
Um den Kommunismus bekämpfen zu können, muß ein Christ den Glauben und die Prakt
iken seines kommunistischen Nachbarn oder Mitarbeiters kennen und außerdem wisse
n, was er selbst glaubt.
Die vorhergehende Zusammenfassung des orthodoxen kommunistischen Glaubens mag al
s Einführung in dieses wichtige Studium dienen.
5. KAPITEL
CHRISTENTUM UND KOMMUNISMUS UNVEREINBAR?

Es gibt in der ganzen Welt naive Menschen, die die guten Seiten des Christentums
und des Kommunismus sehen und die Frage stellen: Kann ein Christ zugleich Kommu
nist sein?«
Die Antwort dazu muß lauten: Unmöglich! Man könnte ebensogut fragen: Kann man zu
gleich schwarz und weiß sein?«
«Aber der Dekan von Canterbury war beides, nicht wahr?«
«Bei allem Respekt vor ihm, der Dekan war ein irregeführter Mann und ein allzu w
illiges Werkzeug seiner chinesisch kommunistischen Bekanntschaften.«
Aber es gab auch andere, die behaupteten, der Kommunismus sei das wahre Christen
tum mit seinem Drang nach sozialer Gerechtigkeit und den Rechten des Menschen, m
it seinem intensiven Streben nach einer vollkommenen sozialen Ordnung, dauerhaft
em Frieden und einer Welt, in der wir das Leben voll auskosten können. Sie behau
pten sogar, die kommunistischen Länder besäßen eine höhere Moral als die christl
ichen Länder. Sie beseitigten alle organisierten Laster, das Glücksspiel und die
Scheidung: Dinge, die ein schlechtes Licht auf die meisten westlichen Länder we
rfen. Was sagen Sie dazu?«
Ich stimme mit Ihnen darin überein, daß der Kommunismus in seinen Anfangsstadien
tatsächlich auf eine sehr straffe öffentliche Moral eingestellt ist, und das, w
as Sie nannten, trifft in China noch zum großen Teil zu. Aber in anderen kommuni
stischen Ländern wird es damit allem Anschein nach nicht mehr so genau genommen.
Ich weiß, daß sie unsere gesunkene, Bourgeoistische Moral' verachten. Aber es i
st falsch, das Christentum mit bestimmten ethisdien Regeln oder einer bestimmten
Art der sozialen Ordnung gleichzusetzen, obwohl es ganz eindeutig eine soziale
und moralische Anwendung christlicher Wahrheiten gibt. Diese sind von höchster W
ichtigkeit. Aber das Hauptanliegen des Christentums besteht nicht in sozialen Or
dnungen oder sozialen Reformen.«
«Was ist dann das Hauptanliegen des Christentums?«
«Der lebendige Gott, der sich in Jesus Christus geoffenbart hat, und die Beziehu
ngen des Menschen zu Gott. Dem Kommunismus liegt natürlich daran, Gottes Existen
z und folglich auch die geistliche Natur des Menschen zu leugnen. Statt dessen b
esitzt der Kommunismus eine Philosophie des Materialismus, die alles Übernatürli
che wie Gott, Geist, Seele, das Leben nach dem Tode, Himmel und Hölle völlig aus
schließt.«
«So kann man Christentum und Kommunismus nicht vereinbaren?«
«Genau das. Und die Kommunisten sind selbst die ersten, die darauf bestehen. Kom
men wir doch einmal auf die Propheten des Kommunismus zu sprechen: Karl Marx erk
lärte, daß die materielle Welt, der wir angehören, die einzige Wirklichkeit ist'
. Auf das Argument, z. B. der Verstand sei von der Materie getrennt, antwortete
Marx: Nein! Der Verstand ist nur das höchste Produkt der Materie, und er leugnet
gleichzeitig die Möglichkeit eines allerhöchsten Verstandes', der die Welt gesc
haffen hat und regiert. Daraus folgt, daß es keinen Gott gibt.
Friedrich Engels, sein bester Freund und Mitarbeiter, drückt seine Meinung so au
s: jede Religion ist eine unaussprechliche Anmaßung!
Douglas Hyde, ein ehemaliger Kommunist und zeitweise Nachrichtenredakteur des Da
ily Worker, sagte: Der Kommunismus behauptet nicht nur: Es gibt keinen Gott. Und f
ährt mit den Worten fort: Der Mensch muß in der ganzen Welt dazu gebracht werden,
seinen Glauben an Gott aufzugeben!'
,Religion', so argumentierte Marx, ist Opium für das Volk, weil sie wie Opium da
s Gefühl für gegenwärtige Schmerzen und soziale Mißstände betäubt. Außerdem scha
fft sie eine nicht existierende Traumwelt eines kommenden Himmels. Deshalb ist s
ie ein eindeutiges Hindernis für soziale Veränderungen, da sie die Menschen dazu
verführt, den derzeitigen Zustand stillschweigend hinzunehmen.«
«So glauben Sie, es sei nicht möglich, sowohl Christ als auch Kommunist zu sein?
«
«Ja, denn das ist ganz offensichtlich. Beide Auffassungen wirken einander entgeg
en. Die eine schließt die andere aus. Dr. Fred Schwartz sagte: Kommunismus ohne
Atheismus wäre wie ein bösartiges Geschwür ohne Bösartigkeit, was sich widerspri
cht.' Entweder ist die eine richtig oder die andere. Beide können es nicht sein.
Der Christ kann in seiner Denkweise keinen Platz für den militanten Atheismus v
on Marx und Mao finden, und auch der Kommunismus hat im Materialismus keinen Pla
tz für den Idealismus die höchste Stufe der Idee und auch nicht für die Vorste
llung eines allerhöchsten Verstandes' und die Wirklichkeit Gottes als Schöpfer.
Auch wenn man nur die Möglichkeit ins Auge faßt, ein praktizierender Kommunist z
u werden und trotzdem überzeugter Christ zu sein, fordert dies entweder äußerste
Selbsttäuschung oder eine grenzenlose Unkenntnis des Christentums oder des Komm
unismus.«
Als die Roten Garden« ihre Plakate mit dem Schlachtruf «Hängt Gott!« in Schangha
i verteilten, erklärten sie eindeutig, was die chinesischen Kommunisten, ebenso
wie die Marxisten, immer glaubten: Alle Religion ist Aberglaube und muß im Inter
esse der Wahrheit ausgerottet werden.
Ihre frühere Toleranz den christlichen Kirchen Chinas gegenüber war nur eine aus
geklügelte Taktik, um ihre endgültige Zerstörung zu erreichen. Die Patriotische
Drei Selbst Bewegung'« stellte nur einen Galgen dar, an dem nicht nur Gott, sond
ern auch die gesamte christliche Kirche Chinas aufgehängt werden sollte. Sie war
ein kommunistisches Komplott zur Versklavung der Kirche, zur Untergrabung des c
hristlichen Glaubens und zur Vorbeugung gegen ein wirksames Zeugnis von Christus
innerhalb der chinesischen Gesellschaft.
Diese Wahrheit kam ans Licht, als die Kulturrevolution schließlich die Kirchentü
ren versperrte und die Führer der Drei-Selbst Bewegung« ins Gefängnis oder in Ar
beitslager brachte. Auch wenn die Bewegung zeitweise wieder ins Leben gerufen wü
rde, könnte niemand mehr im Zweifel über die eigentliche Absicht des Kommunismus
sein. Die Worte Religion« und ,Aberglaube« verschwanden nie aus den Schlagzeile
n der chinesischen Presse. Der energische Angriff gegen beide wurde von sehr bef
ähigten Schreibern geführt.
Es gab aber auch andere Gründe für die vorübergehende Bildung der Drei Selbst Be
wegung«. Sie sollte den Haß gegen die Missionare ausdrücken, indem sie alle Bezi
ehungen zu ihnen abbrach. Außerdem diente sie dem Zweck, Patriotismus über jede
andere Loyalität zu stellen, ganz gleich ob familiärer oder religiöser Art. Darü
ber hinaus sollte sie das übrige Asien in bezug auf religiöse Dinge in eine fals
che Sicherheit wiegen.
Die asiatischen Länder leiden im allgemeinen unter schwachen, korrupten Regierun
gen. Deshalb kann die Bevölkerung auch nicht den Lebensstandard erreichen, der m
öglich wäre. Verspricht Chinas Beispiel des wirtschaftlichen Fortschritts nicht,
daß der Kommunismus die Antwort auf dieses Problem ist? Die asiatischen Länder
würden die wirtschaftlichen und sozialen Vorteile begrüßen, deren China sich zu
erfreuen beginnt. Aber Hindus, Buddhisten und Moslems hegen alle denselben Argwo
hn gegenüber dem bekannten Atheismus des Kommunismus. Würden sie diese Pille als
Preis für den Fortschritt schlucken müssen?
Das ist genau das Problem und das Haupthindernis für den chinesischen Kommunismu
s im Ausland. Auf der Afro Asiatischen Konferenz 1955 in Bandung versicherten di
e Delegierten noch einmal, eines der grundlegenden Prinzipien zur friedlichen Zu
sammenarbeit unter den Völkern sei der Glaube an einen Gott.
So begannen die kommunistischen Führer Chinas, Asien zu überzeugen, der Kommunis
mus sei allen Religionen gegenüber tolerant. Die Propaganda erzählte den Moslems
überall, ihre Glaubensgenossen in China seien frei und die Moscheen unbelästigt
. Im Mai 1961 wurde der Staatsbesuch einer buddhistischen Delegation nach China
publik gemacht, die gekommen war, um eine heilige Reliquie nach Ceylon zu beglei
ten. Bei ihrer Rückkehr nach China sollte sie in einer neuen Pagode untergebrach
t werden.
Solche kommunistischen Täuschungsmanöver sollten Moslems und Buddhisten glauben
machen, ihre Glaubensgenossen in China erfreuten sich völliger Freiheit. Auch di
e christlichen Kirchen in Peking, Schanghai und Nanking dienten dazu, Besuchern
vorzuspiegeln, es gäbe die Glaubensfreiheit der Christen in China tatsächlich. D
ie diesbezügliche Propaganda verleitete 1960 viele chinesische Christen zur Rück
kehr nach China, als sich in Indonesien für sie Schwierigkeiten ergaben. Sobald
sie jedoch in China angekommen waren, bereuten sie ihre Entscheidung. Ein junge
schrieb: Gerade bin ich angekommen, aber es gibt hier keinen Ort für einen Gotte
sdienst, der außerdem auch gar nicht möglich wäre. Mein geistliches Leben ist nu
n sehr schwach ... betet, daß wir wieder an einen Ort zurückkehren können, an de
m es eine Kirche gibt!«
Ministerpräsident Tschu En Iai besucht auf seinen Auslandsreisen häufig Tempel u
nd Moscheen, um den Eindruck zu erwecken, che Kommunisten respektierten die Reli
gion und könnten schließlich gar nicht so antireligiös eingestellt sein. Sorgfäl
tig ausgewählte, verläßliche christliche Führer wurden zu ähnlichen Missionen in
europäische und asiatische Länder geschickt. Diese vorsätzliche Bagatellisierun
g der kommunistischen, atheistischen und antireligiösen Politik für den Auslands
gebrauch ist nur ein Teil des großen Verrats, eine Taktik im Kampf um die Welthe
rrschaft und die große Lüge, die vielfach wirklich geglaubt wird.
«Würden Sie sagen, daß die Ereignisse die schlimmsten Befürchtungen der chinesis
chen Christen bestätigten und die unumstößliche Haltung der Männer von der Art e
ines Wang Ming tao rechtfertigten?«
,Zweifellos! Sie verliehen auch den vielen Vorstößen ausländischer Einzelpersone
n und Gruppen vieler konfessioneller, nationaler und politischer Schattierungen
bestenfalls einen naiven und schlimmstenfalls einen lächerlichen Beigeschmack. S
o wie die Dinge liegen, konnte durch einen Dialog zwischen Mitgliedern einer von
Kommunisten geschaffenen und kommunistisch dirigierten religiösen Organisation
wie die Patriotische Drei-Selbst Bewegung und einzelnen oder Gruppen aus anderen
Ländern, die völlig freie Kirchen und Organisationen repräsentierten, überhaupt
nichts erreicht werden.
Es ist tragisch, daß die chinesischen und russischen Kommunisten Christen nicht
als gute und loyale Bürger betrachten und sie bei der Ausübung ihrer Religion hi
ndern. Für die Kommunisten sind sie Konterrevolutionäre, die man nicht in Friede
n lassen darf. Orthodoxe Kommunisten betrachten alle Religionen, und ganz besond
ers die christliche Religion, als erbitterte Feinde und als Haupthindernis auf d
em Weg zu ihrem Ziel. Man denke nur an die jüngsten Geschehnisse in Tibet, wo si
ch der kommunistische Religionshaß in der bisher scheußlichsten bekannten Form a
n einem ganzen Volk demonstriert. Ihre grundlegende Unvereinbarkeit ist trotz
vieler Gemeinsamkeiten total.«
«Ich stimme mit Ihnen darin überein, daß ein Christ nicht Kommunist sein kann. A
ber ein Christ verurteilt den Kommunismus doch bestimmt nicht Im ganzen?«
«Darauf möchte ich antworten, daß man sowohl den christlichen Glauben als auch d
en Kommunismus als Ganzes betrachten und dann ein Urteil darüber abgeben muß. Es
geht nicht, nur bestimmte Teile des Glaubens anzunehmen und andere abzulehnen.
Denn der christliche Glaube ist eine zusammenhängende Einheit, und als solche st
eht oder fällt er auch. Mit dem Kommunismus ist es nicht anders. Er hat sein eig
enes Dogmensystem, und niemand besitzt die Freiheit, einige Punkte anzuerkennen
und die anderen abzulehnen. Das war vielleicht der Fehler des Dekans von Canterb
ury. Er dachte, es sei möglich, die sozialen und wirtschaftlichen Theorien des K
ommunismus anzuerkennen, den zugrundeliegenden Materialismus zu umgehen und sich
einen Kommunisten zu nennen. Das war natürlich eine Täuschung.«
«Würden Sie dann die sozialen und wirtschaftlichen Theorien des Kommunismus über
haupt gelten lassen?«
«Meiner Meinung nach kommen wir hier auf einen wichtigen Punkt zu sprechen. Wir
müssen uns darüber im klaren sein, was für einen Christen am Kommunismus abzuleh
nen ist und was an ihm ein Urteil über die nichtkommunistische Welt und eine Her
ausforderung an die Kirche darstellt.«
«So sehen Sie doch etwas Gutes am Kommunismus?« «Ja! Wirklich! Denn ich betrac
hte den Kommunismus als eine Fälschung des Christentums!«
«Das ist ja interessant. Und inwiefern?«
«Nun, als erstes haben Christentum und Kommunismus ein vergleichbares Ziel. Der
Kommunismus wie das Christentum treten für die Armen und Geringen ein und sind d
er gleichen Meinung, ihr Glaube sei für alle da. Die Propheten des Alten Testame
nts sagten eine Zeit in der Weltgeschichte voraus, in der die Menschen keine Kri
ege mehr führen, ihre Schwerter in Pflugscharen' verwandeln, in der jedermann in
seinem eigenen Weinberg' und unter seinem eigenen Feigenbaum' wohnt und in der
ein König in Gerechtigkeit' regiert: eine Vision des zukünftigen Königreichs Chr
isti. Später lehrte jesus Christus seine jünger zu beten: Dein Reich komme! Dein
Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden!' Und die Apostel wußten um den auf
Erden regierenden Christus.
Die Kommunisten versuchten seit der prophetischen Vision von Karl Marx, auf dies
er Erde eine Welt mit einer gerechten Gesellschaft, frei von aller menschlichen
gegenseitigen Ausbeutung zu gründen. Es sollte eine Welt sein, in der der Krieg
verboten ist und der Mensch die Freiheit hat, sein Vermögen und seinen Verstand
dafür einzusetzen, daß die Kräfte der Natur zum Wohl des Menschen nutzbar gemach
t werden. Der Unterschied besteht darin, daß die Kommunisten ein Reich des Mensc
hen und kein Reich Gottes erreichen wollen. Aber der Kommunismus ist ein Glaube,
der dem lebensüberdrüssigen Menschen in einer Welt des Krieges, Hungers, der Fe
indschaft und der Furcht aussichtsreiche Versprechungen macht.«
«Das erklärt das große soziale Interesse aller Marxisten, ob sie nun sozialistis
ch oder kommunistisch sind.«
«Ja. Soweit die Kommunisten aufrichtig um soziale Gerechtigkeit, angemessene Ver
teilung des Wohlstandes und um die Verteidigung der Benachteiligten bemüht sind,
müssen die Christen die deutliche Übereinstimmung fühlen, auch wenn sie die une
hrenhaften, gewalttätigen Methoden ebenso deutlich ablehnen, die die orthodoxen
Marxisten zur Veränderung der Gesellschaft für notwendig halten.«
«Was ist der andere Vergleichspunkt?«
«Ich glaube, daß die beiden Systeme auch in historischer Hinsicht vergleichbar s
ind. Die Propheten des Alten Testaments brachten das Zeitgeschehen mit der Absic
ht und dem Willen Gottes in Verbindung. Sie betrachteten Gott als aktiv in der G
eschichte. Die Eschatologie des Neuen Testaments unterstreicht nur die Tatsache,
daß der alleinherrschende Gott einen ewigen Plan hat, den er jetzt in der Zeit
auf diesem Planeten durchführt. Dieser Plan wird mit der Rückkehr Christi und ei
nem neuen Himmel und einer neuen Erde, auf der Gerechtigkeit wohnt, enden. Und d
er dialektische Materialismus wird als eingebautes Gesetz betrachtet, das das Vo
rwärtsschreiten einer Gesellschaft auf einem dialektischen Pfad, der auf eine zu
künftige diesseitige Welt zugeht, bestimmt.«
«Jetzt ist mir klar, wie diese beiden Begriffe parallel zueinander verlaufen.« -
«Außerdem wenden die beiden Systeme vergleichbare Methoden an.«
«Das stimmt aber nicht. Nach allem, was ich über Gehirnwäsche, Folterung, Mord u
nd Gewalttätigkeiten von den Kommunisten gehört habe, kann man diese Methoden üb
erhaupt nicht mit denen des Christentums vergleichen!«
«Sind Sie da sicher? Denken Sie doch einmal an die Kreuzzüge mit ihrem Blutvergi
eßen, die Inquisition und die grausamen Folterungen, an das Martyrium der Kathol
iken und Protestanten in Großbritannien während der Reformation und Gegenreforma
tion. Außerdem gab es noch den Dreißigjährigen Krieg und andere Religionskriege,
die die Seiten der Geschichte beflecken. Christen sollten vorsichtig sein, wenn
sie mit dem Finger auf die Kommunisten zeigen. Das soll aber keine Entschuldigu
ng für die erwiesenen kommunistischen Greueltaten sein. Ihre Begründung dafür la
utete, daß vor dem Paradies auf Erden Trübsal kommen muß'. Diesen Ausspruch entn
ahmen sie aber nicht dem christlichen Sprachgebrauch. Sie behaupten, bevor die v
ollkommene menschliche Gesellschaft entstehen kann, muß die alte Gesellschaft mi
t Gewalt und Trübsal zerstört werden. Aber das meinte ich nicht, als ich von M
ethoden sprach.
Zu Beginn des kommunistischen Regimes in China wandten die Kommunisten Methoden
an, die sich fast mit denen decken, die Christen bei Evangelisationen unter einz
elnen und bei großen Versammlungen anwenden. Sie hatten ihre eingegebenen Schrif
ten in den Werken von Marx und Lenin. Diese verkündeten sie bei öffentlichen Zus
ammenkünften und in privaten Studiengruppen. Ihr Ziel war, ein Schuldgefühl über
die Dinge der Vergangenheit zu erzeugen und Selbstkritik' zu erwecken. Daraus s
ollte eine Säuberung des Geistes von allen falschen Ideen, vgl. Gehirnwäsche, fo
lgen, um den Weg für neue Ideen freizumachen.
Das Wort Buße, Umdenken, hat eine ähnliche Bedeutung. Daraus sollte wiederum ein
e Veränderung entstehen, die sowohl einzelne als auch Kirchen erfahren könnten.
Daran sieht man, wie die Kommunisten den christlichen Ausdruck Wiedergeburt' ent
lehnten. Danach sollte der Bekehrte aktiver Propagandist (Zeugnis) für seinen ne
uen Glauben werden.
Ein katholischer Priester in China berichtete von den erstaunten Worten einer No
nne: Vater, sie benützen unser Unterweisungssystem zur Lehre des Kommunismus!' B
eichte und Buße werden in der Tat eifrig von allen praktiziert.«
«Das ist ja erstaunlich! Gibt es noch andere Ähnlichkeiten?«
«Ja, vielleicht die bemerkenswerteste von allen: Die beiden Glaubensrichtungen e
rheben dieselben Ansprüche für sich. Ebenso wie das Christentum eine revolutionä
re Religion darstellt, da es die Macht hat, Menschen radikal zu verändern und da
mit auch das häusliche Leben und die Gesellschaft als Ganzes; so behaupten auch
die Kommunisten, sie könnten die menschliche Natur verändern. Was am Kommunismus
dynamisch ist, weist deutliche christliche Nebentöne auf.
Während der Christ glaubt, daß die Änderung des Menschen die Änderung der Gesell
schaft hervorruft, ist der Kommunist davon überzeugt, daß man den Menschen erst
durch die Änderung der Gesellschaft ändert. Seiner Meinung nach liegt das Böse n
icht im Menschen, sondern im System. Um seine Ansicht zu beweisen, führt er an,
daß Dinge wie Prostitution, Diebstahl, Korruption u. ä. ausgerottet wurden, inde
m man sie wirtschaftlich überflüssig machte. Und er glaubt, daß eine neue Mensch
enrasse aus der Asche der verdorbenen, kapitalistischen Zivilisation entstehen w
ird.«
«Das ist ohne Zweifel eine außergewöhnliche Behauptung. Und ich verstehe jetzt a
uch, was Sie mit der Behauptung meinten, der Kommunismus sei eine Fälschung des
Christentums.«
«Ja, in meinen Augen ist der Kommunismus ein Meisterstück teuflischer Täuschung.
Ein Mitarbeiter des Spectator' drückte es einmal so aus: Die gefährlichsten Wid
ersacher des Christentums waren immer diejenigen, die Ähnlichkeiten oder Geistes
verwandtschaft mit ihm hatten ... Dasselbe trifft vielleicht auch auf die Kraft
und die Herausforderung des Kommunismus zu.«
Ich bin deshalb völlig anderer Meinung als die, die behaupten, der Heilige Geist
arbeite im Kommunismus. Ganz im Gegenteil kann man durch die ganze Geschichte d
er Bibel hindurch die Spur der Irreführung Satans bei den Menschen verfolgen, we
niger durch das, was ausgesprochen böse ist, als durch das, was gut zu sein sche
int. Die allererste Versuchung war nicht, eine unmoralische Handlung zu vollzieh
en, sondern das zu probieren, was gut anzusehen war, gut im Geschmack und vielle
icht Weisheit spendend.
Wenn man so darüber nachdenkt, ist da vielleicht der Grund zu suchen, weshalb di
e unzulänglich regierten, hungernden Menschen in Lateinamerika, Afrika und Asien
den Kommunismus so anziehend finden. Er bietet so viel Gutes. Die jungen bewund
ern seinen Realismus und sein Streben nach sozialer Gerechtigkeit. Sein Erfolg b
eim Überwinden von politischer Korruption ist beeindruckend. Die völlige Hingabe
seiner Anhänger, um das Ziel der Weltherrschaft zu erreichen, und ihre Selbstau
fopferung finden keine Parallele. Auch seine praktischen wirtschaftlichen Erfolg
e sind beachtlich. Ist es daher verwunderlich, wenn sogar die Christen in Asien
und Afrika sowie in Lateinamerika enttäuscht und verwirrt sind, wenn Missionare
am Kommunismus Kritik üben?
Aber es bringt ohne Zweifel Unheil, wenn man von der verbotenen Frucht ißt. Die
Gefahr liegt in der allgemeinen Unkenntnis der Folgen, die sich für den Christen
praktisch aus dem Kommunismus ergeben. Für Länder wie Südafrika z. B., in denen
die Furcht vor dem Kommunismus unter der weißen Bevölkerung nahezu hysterische
Formen annimmt, ist es wichtig, das Ganze auf objektive und ausgeglichene Art zu
betrachten.« - Ja, das stimmt!«
«Ich möchte dem noch hinzufügen, daß die Leistungen Chinas auf sozialem und wirt
schaftlichem Gebiet innerhalb der letzten zwanzig Jahre erstaunlich sind. Aus de
m Nichts und zuletzt ohne russische Hilfe wurde China Atommacht. Es hatte auch g
enügend Mittel, um überall, sogar bis in die hügeligsten und verlassensten Gegen
den im Südwesten und Nordwesten, ein Eisenbahnnetz aufzubauen, ein ausgedehntes
Wasserversorgungsnetz zu konstruieren und eine moderne Industrie zu schaffen. Sc
hon immer waren die Chinesen hervorragende Bauern. Die modernen, wissenschaftlic
hen Methoden ließen die Produktion sehr schnell ansteigen und sicherten allen ei
nen annehmbaren Lebensstandard. Und das trotz der Rückschläge von 1950 - 1960 un
d dem Terror der Kulturrevolution.
Nicht Indien, sondern viel eher China ist Gegenstand des Neides der anderen asia
tischen und vielleicht auch der afrikanischen Länder. Es ist deshalb für Asiaten
und Afrikaner äußerst notwendig, ihre Augen offen zu halten, damit sie nicht nu
r die materiellen Vorzüge, sondern auch die Nachteile sehen, die der Kommunismus
mit sich bringt.
Etwas wäre noch zu erwähnen. Wir machen leicht aus der Demokratie in den USA und
Europa einen Fetisch. Dasselbe gilt auch für das westliche «Ein Mann-eine Stimm
e«-System und die auf diese Weise gebildeten Regierungen, die als Allheilmittel
für alle Mißstände und als Grundrecht für alle Völker betrachtet werden. Aber in
Wirklichkeit ist die westliche Art der Demokratie für Afrika oder Asien viellei
cht gänzlich ungeeignet. Dort ist die väterliche Herrschaft Tradition und eine a
utoritäre Regierung wie der Kommunismus für die Bevölkerung ganz annehmbar. Eine
derartige Regierung wurde in Afrika gewöhnlich nach Erreichung der Unabhängigke
it eingeführt. Und sie herrscht auch in Asien vor.
Wir kritisieren den Kommunismus daher nicht deshalb, weil sich seine spezielle A
rt der Regierungsform von der unsrigen unterscheidet.«
«Sie sehen also den Kommunismus als eine sehr geschickte teuflische Täuschung. A
ber ist er nicht gleichzeitig eine Herausforderung ungeheuren Ausmaßes an die ch
ristliche Kirche?«
«Ja, gewiß! Paul Lehmann sagte in der siebten jährlichen John Knox Lecture: 'Der
Kommunismus ist eine christliche Irrlehre im fortgeschrittenen Stadium der Säku
larisierung. Bestimmte Ziele, Werte und Gedanken, die den Kern des Christentums
bilden, wurden von den Kommunisten übernommen und in Ziele, Werte und Gedanken u
mgewandelt, die den Kern des Strebens nach voller Humanisierung, allein aus mens
chlicher Kraft, bilden.' - Und das ist die größte Herausforderung des Kommunismu
s!«

6. KAPITEL
KOMMUNISMUS KONTRA CHRISTUS

Auch ein Marxist ist ein Mensch, für den Christus starb. Er ist das Opfer dessen
, «der die ganze Welt betrügt«. Wenn wir Christus kennen, haben wir deshalb die
Pflicht, auch dem Marxisten Christus als Antwort auf das menschliche Dilemma zu
bringen. Die Ablehnung des Systems, das er vertritt, sollte keinen Haß gegen den
Mensdien aufkommen lassen auf Kosten der drängenden Liebe Christi zu allen Mens
chen.
Kommunisten, die sich von ihrer Lehre ab- und Gott zuwandten, schrieben dies für
gewöhnlich der Liebe Gottes zu, die sich im Leben seines Volkes äußerte. Sehr s
elten wurden sie durch Beweisgründe dazu gebracht. Trotzdem muß der Christ darau
f vorbereitet sein, «jedem eine Antwort über die Hoffnung zu geben, die in ihm i
st«. Das gilt vor allem den Marxisten gegenüber, deren Behauptungen so einleucht
end sind.
Missionare, die in Ländern arbeiten, für die der Kommunismus eine Bedrohung dars
tellt, müssen beim Unterrichten der Bevölkerung in diesem Punkt völlig sicher se
in. Diese Menschen sind oft benachteiligt, nicht zuletzt durch eine schlechte Re
gierung. Daher fühlen sie sich von den Versprechungen des Kommunismus besonders
angezogen.
Es wäre unsinnig, zu leugnen, daß wir uns in einem Zeitalter der Revolutionen be
finden. Offensichtlich ist mit der menschlichen Gemeinschaft etwas von Grund auf
nicht in Ordnung. Und die jungen Menschen sind mit dieser Lage nicht zufrieden.
Studenten in der ganzen Welt lehnen sich gegen die derzeitigen Zustände auf. Di
e menschlichen Beziehungen können das Gleichgewicht zu den spektakulären Fortsch
ritten in der Wissenschaft nicht halten. Familiäre, rassische und internationale
Beziehungen sind tragischer und schwieriger als je zuvor. Die Christen teilen d
aher mit den Kommunisten die große Sorge um die Zukunft der Menschheit. Wir sehn
en uns alle nach einer Lösung. Aber das ist auch das einzige, was wir gemeinsam
haben.
Der Kommunismus kann das Leben nicbt gänzlich ausfüllen
Professor Arnold Toynbee sagt: Der Kommunismus ist die Verehrung der kollektiven
Macht der Menschen, die die Verehrung Gottes ersetzt.« Als Christen halten wir
daher die kommunistische Lösung des Weltproblems hauptsächlich aus dem Grund für
falsch, weil sie von den falsdien Voraussetzungen ausgeht und ein falsches Vert
rauen in die geistigen Kräfte des Menschen setzt. Die Behauptung, der Mensch bra
uche als erstes Nahrung, und der Kampf, den unmittelbaren Hunger des Menschen zu
stillen, sei der Sinn der Geschichte, geht daher von einer verkehrten Annahme a
us.
Gerade diesen rohen Materialismus und die Verneinung jedes geistlidien Wertes le
hnt der Christ ab. Nach fünfzig Jahren findet selbst die kommunistische Welt her
aus, daß die Revolution nicht der einzige Schlüssel zur Zukunft ist. Professor L
. Hromadka aus der Tschechoslowakei sagte in seiner Rede zum 50. Jahrestag der O
ktoberrevolution: «Soziale Erneuerung genügt nicht, um das Leben gänzlich auszuf
üllen ... Die soziale, wirtschaftliche oder politische Erneuerung allein garanti
ert nicht automatisch die Geburt eines sozialistischen Mensdien, sein Wachstum o
der die Fülle des Lebens. Es ist interessant zu beobachten, daß sich intelligent
e, verantwortungsvolle Kommunisten heute zum großen Teil mit dieser Frage beschä
ftigten.«
Ilja Ehrenburg, der 1944 den Lenin Preis verliehen bekam, schrieb in seinen Memo
iren «Menschen, Jahre, Leben«, Band II: «Der Mensch (das ist meine theologische
Überzeugung) kann nicht nur in soziale, wirtschaftliche, politische, wissenschaf
tliche oder technische Gruppen eingeteilt werden. Er ist ein gewisses Geheimnis,
das alles übertrifft, was wir Menschen in unseren Händen haben und über das wir
nach unserem eigenen Willen verfügen können.« Der Christ antwortet darauf, daß
wir zuerst Gott voraussetzen müssen, wenn wir den Menschen verstehen wollen.
Der idealistische russische Philosoph Nikolaus Berdjajew schreibt in «Der Gott u
nsrer Zeit«: Wo kein Gott ist, ist auch kein Mensch!«
Die heutige Welt hungert nach Gott, nach einem Lebeii, das wirklich, persönlich
und zufriedenstellend ist. Der Mensc',l ist eine göttliche Schöpfung, nach dem B
ilde Gottes gemacht. Er besteht sowohl aus Körper als auch aus Seele. Hier passe
n Augustliis Worte: «Du hast mich für dich gemacht. Mein Herz ist unruhig, bis e
s Ruhe findet in dir!« In jedem Menschen befindet sich ein «gottförmiger« Hohlra
um, den nur Gott ausfüllen kann. Der Mensch lebt nicht vorn Brot allein. Sein wi
rkliches Lebeii stammt von Gott und muß darum von Gott eriiährt werden. Während
der Marxismus von einer rein rationalistisdien Hypothese abgeleitet wird, gründe
t sich das Christentum auf die Offenbarung eines persönlichen Gottes.
Der einzelne - nur ein Mittel zum Zweck
Der marxistische Irrtum, Gott zu verneinen, hat ein falsches Verständnis des Men
schen zur Folge. Für den Marxisten ist er nur ein soziales Produkt, das in der N
atur verwurzelt ist. Die Gesellschaft, nicht der Mensch, ist die wirkliche Einhe
it, in der der einzelne nur ein Element darstellt. Der Mensch wird zum Rädcl len
der riesigen, seelenlosen Maschine. Der einzelne ist daher entbehrlich und nu
r Mittel zum Zweck. Das ist Ausbeutung in ihrer schlimmsten Form. Im Gegensatz d
azu verleiht ihm die Vorstellung des Menschen als göttliche Schöpfung die Würde,
die der Marxist leugnet.
Der Mensch verkörpert kein Produkt materieller Kräfte, sondern er stammt von Got
t. Die Natur ist für den Menschen geschaffen und nicht der Mensch für die Natur.
Dabei leugnet das Christentum nicht, daß der Mensch ein soziales Wesen ist. Den
n das Neue Testament lehrt, daß der Mensch in der Gesellschaft, vor allem in der
christlichen Gesellschaft, der Gemeinde, zui ri vollen Menschentum gelangt. Im
Christentum wird das Materielle durch das Geistliche nicht ausgeschlossen, währe
nd der Kommunismus das Geistliche streicht und nur das Materielle übrigläßt.
Willlam Temple sagte einmal: «Das Christentum ist die materiellste Religion«, we
il Gottes Sohn Mensch wurde. Christus würdigte das Menschentum, indem er selbst
Mensch wurde und damit eine neue Rasse christusähnlicher Menschen schuf: die erl
öste menschliche Gesellschaft.
Die Schuldfrage wird übergangen
Als Karl Marx die Religion seiner jüdischen Vorfahren und die später angenommene
christliche Religion ablehnt, suchte er im dialektischen Materialismus ein Gege
nstück zur göttlichen Herrschaft in der Geschichte. Er suchte eine pantheistisch
e Vorstellung des Universums und eine mechanische Theorie der Sozialentwicklung.
Doch kann sie nicht bewiesen werden. Er wählte nur solche Belege, die seinem Zw
eck zu dienen schienen. Seine Beispiele stammten aus West Europa, aber die alten
Zivilisationen aus dem Mittleren Osten überging er. Kurzum, sein Geschichtsstan
dpunkt war zu oberflächlich und zu gesucht. Seine Beschreibung der primitiven me
nschlichen Gesellschaft wird von Anthropologen nicht unterstützt. Das Dialektisc
he wird nicht überall bestätigt, und es wird auch keine Antwort auf die Frage ge
geben, warum der dialektische Fortschritt aufhören soll, wenn das kommunistische
Zukunftsideal einmal erreicht ist. Logischerweise müßte eine neue Verwerfung, e
ine neue Antithese folgen. «Wenn die Kommunisten Gott aus dem Himmel nehmen«, sa
gt Geoffrey Bull, «nehmen sie jeder moralischen Verpflichtung den Schöpfer gegen
über den Sinn.«
Professor Butterfield von der Universität Cambridge sagte, die eigentliche Auswi
rkung auf ihn beim Lesen der Geschichte sei die Erkenntnis, daß «alle Menschen S
ünder sind«.
Die Sünde ist der große, menschliche Faktor, den man nicht ungestraft übergehen
kann. Sie allein ist der Grund für soziale und persönliche Unordnung. Die Proble
me der Welt sind nur eine Erweiterung unserer eigenen, persönlichen Probleme. Ma
rx und Freud irrten in der Annahme der alten chinesischen Vorstellung, der Mensc
h sei von Natur aus eine Gottheit. Im Innersten des Menschen liegt eine tiefe Wi
dernatürlichkeit. Der Mensch ist daher hilflos und allein und braucht Erlösung.
Der Marxist schiebt die Schuld am Bösen den Folgen einer ungerechten sozialen Or
dnung und der Existenz von Privatbesitz zu und übergeht den wahren Ursprung des
Bösen im sündigen iiienschlichen Herzen. Einem Arzt, der eine so tragische Fehld
iagnose stellt, kann man nicht vertrauen. Nur Christus, der große Arzt, deckt di
e sdimerzhafte Wahrheit über uns selbst auf und bietet in der Wiedergeburt Heilu
ng und die Schaffung eines neuen Menschen an. Eine Gesellschaft kann nur durch e
rrettete Mensdien erlöst werden. Der Aussprudi: Der Kommunismus ist das Wunder u
nserer Generation, ein schneller Weg zum Paradies auf Erden!«, ist nur die neue
Formulierung für den alten Unsinn.

Eine Prophetie, die nicht eingetroffen ist


Karl Marxs «Manifest« und sein darauf folgendes Hauptwerk «Das Kapital« mögen vi
elleicht die Armen der Arbeiterklasse seiner Zeit geblendet haben. Beide demonst
rieren jedoch die Grenzen des hilflosen menschlidien Verstandes, der die einzige
Autorität des Kommunismus ist.
Die Zeit hat die Unrichtigkeit seiner «Mehrwerttheorie«, die er im «Kapital« dar
legt, bewiesen. Unter dem Kapitalismus erfreute sich der Arbeiter in Europa und
Amerika eines stetig steigenden Lebensstandards, anstatt immer ärmer zu werden.
Der Arbeitslohn sank nicht, wie vorausgesagt, auf die Ebene der reinen Existenzm
öglichkeit ab. Auch ließ die Mechanisierung der Industrie den Gewinn der Kapital
isten nicht zurückgehen. Statt zwei sich gegenüberstehender Klassen der Zeit von
Karl Marx, lassen sich heute mindestens sechs Klassen mit unterschiedlichen Int
eressen erkennen, die sich nicht unbedingt widerspredien. Somit ist seine Theori
e des Klassenkampfes als überholt erwiesen.
Am wichtigsten ist jedoch die Tatsache, daß Marxs Erklärungen über die Zusammenh
änge von Religion, Philosophie und Ethik und der sich entwickelnden produktiven
Kraft der Industrie falsch sind. Die Angriffe gegen das Christentum auf dieser B
asis waren nidit richtig begründet. Denn das Christentum blühte zweitausend Jahr
e hindurch in jedem Zeitalter, in verschiedenen Kulturen und in vielen sozialen
Umgebungen.
Obwohl die Religion von der herrschenden Klasse oft als Waffe gegen die Arbeiter
klasse benützt wurde, so kann man das kaum vom Christentum behaupten. Ebensoweni
g gibt es heute viele Beweise dafür, das Christentum mit Recht als Rauschmittel
zu bezeichnen. Viele Tatsadien beweisen das Gegenteil. Die Kirche in Afrika und
Asien z. B. lag ebenso wie die Kirche Europas an der Spitze der sozialen Verände
rungen.
So hat sich Marx als ein Prophet erwiesen, der weit von der Unfehlbarkeit entfer
nt und als Führer nicht verläßlich ist. Seine Argumente stellten sidi als falsdi
heraus, seine Wirtschaftsanalysen waren ungenügend, und seine Gesdilchtsanalyse
bietet keinen Beweis der geschichtlichen Notwendigkeit und keine solide Grundla
ge für den Anspruch, die Zukunft voraussagen zu können. So ist der Marxismus ein
seitil , unzulänglich und schließlich unlogisch. «Marx enthüllte unwissentlich u
nd ohne es zu beabsichtigen den letzten Zusammenbruch des rein humanistischen De
nkens in seiner besten Form« (D. R. Davies).
Im Leben und Lehren Christi, vor allem aber in seinem Sterben und Auferstehen un
d in den erfüllten Prophezeiungen des Alten und Neuen Testaments erhalten wir ve
rläßlichere Richtlinien für die Geschichte und deren letzte Vollendung im Reich
Gottes. Nur Christus allein ist es wert, daß man ihm vertraut. Die Bibel hat die
Prüfung im Verlauf von Jahrhunderten bestanden. Sie ist der Fels, der allen Stü
rmen widerstanden und alle Kritik überlebt hat.
Eine heile Welt nur für die Überlebenden
Obwohl die berühmte marxistische Vision einer Welt ohne Krieg, Armut, Klasse ode
r Rasse ungeheuerlich ist, so muß man sie doch als unmenschlich bezeichnen. Denn
all das können nur diejenigen genießen, die zu dieser Zeit zufällig am Leben si
nd. Sie allein erfreuen sich an den Frücliten der Arbeit, Sorge, Kämpfe, Opfer u
nd Qualen derer, die für die marxistische Revolution kämpften. Was könnte gefühl
loser und ungeheuerlicher sein als der Gedanke einer endgültigen Zukunft für ein
e begünstigte Minderheit der gesamten menschlichen Rasse?« (D. R. Davies.)
Wie anders ist doch die christliche Hoffnung eines neuen Himmels und einer neuen
Erde, in der Gerechtigkeit herrscht ein himmlischer Staat, an dem sich eine g
roße Menge, die niemand zählen kann« aus allen Generationen erfreuen kann, nämli
ch alle, die das freie Angebot der Erlösung von Christus angenommen haben! Der T
od ist kein Hindernis. Denn alle Gerechten und alle, die gelitten haben und gest
orben sind, werden züm Leben erweckt. Die Erfüllung des erlösten Menschseins lie
gt nicht in der Weltzeit, sondern jenseits in der großen Auferste.bung der Toten
. Doch in jeder Generation hatte der Christ das Vorredit, mit Gott zusammenzuarb
eiten, indem er seinen Willeii tat. Und alle werden an dem endgültigen Triumph d
er Pläne Gottes teilhaben.
Mit diesen revolutionierenden Hoffnungen ist das Christentum nicht kraftlos dem
Kommunismus ausgeliefert. Wir sollten in unserem Gespräch mit den Marxisten in e
inigen Dingen mit ihnen übereinstimmen ganz besonders in der Notwendigkeit der
Gerechtigkeit, des Friedens und einer guten Regierung, um damit ein gutes erste
s Verständnis aufzubauen. Jede negative oder feindliche Haltung ist hier nidit a
ngebracht. Dann müssen wir das gemeinsame Problem klar definieren; denn ein gut
vorgebrachtes Problem ist schon die halbe Lösung«. Und indem wir die Notwendigke
it grundlegender historischer Voraussetzungen zugeben, müssen wir schließlich au
ch die Notwendigkeit betonen, zwischen Tatsachen und deren Auslegungen zu unters
cheiden.
Sind wir soweit gegangen, so müssen wir immer unsere Grundvoraussetzung verteidi
gen, d. h. den Ursprung des Universums und des Menschen, die Tatsache des histo
rischen Christus und die wichtige Unterscheidung zwischen falsch und richtig. Un
seren Standpunkt können wir gut durch Fragen unterstreichen wie: «können Sie bew
eisen, daß Krieg und Gewalt jemals Frieden erzeugen werden?« «Woher wissen Sie,
daß der dialektisdie Fortschritt absolut ist?« «Was läßt Sie glauben, der Mensch
könne sein eigenes Schicksal kontrollieren?« «Können Sie beweisen, daß das Gute
sich selbst verneint?«
Kurzum, «die von den Kommunisten aufgeworfenen Probleme sind letztlich religiös.
Die praktischen Probleme sind moralischer und die theoretischen Probleme theolo
gischer Art« («Ein christlicher Kommentar zum Kommunismus« von Edward Rogers). D
as Christentum ist realistisch. Es steht vor dem Problem der ursprün«lichen Sünd
e, auf das die einzige Antwort das Alleinrecht Christi ist, Sünden zu vergeben u
nd durch seine Macht die menschliche Natur zu ändern. Erfüllt von der Liebe Chri
sti, müssen wir bereit sein, den Marxisten überall die Hilfe Gottes zu verkünden
ob es nun an unseren eigenen Universitäten und in unseren Kreisen oder unter
den glühenden Anhängern des Kommunismus in Europa, China oder Rußland selber ist
.

7. KAPITEL
KOMMUNISTISCHER STAAT UND GEWISSEN -
KONFLIKT DER CHRISTEN UNTER MAO

Ein Jahr nachdem Mao die Gründung der Volksrepublik ausgerufen hatte, lud Minist
erpräsident Tschu En Ial die Kirchenführer nach Peking ein, um die Bedingungen d
er Partei für das überleben der Kirche zu diktieren.
Er bestand darauf, daß sie sich von allen Spuren des Imperialismus befreien müss
e. Damit meinte er hauptsächlich die Missionare und das Geld, das die Kirchen vo
n «imperialistischen« Ländern erhielten. Ebenso wurde die Kirche aufgefordert, d
ie Führung der Kommunistischen Partei anzuerkennen. Obwohl die kirchliche Abordn
ung nicht alle Kirchen vertrat, stimmte sie den Forderungen zu. Damit stellte si
ch die christliche Kirche unter staatliche Kontrolle. Diese Kontrolle übte das «
Büro für Religiöse Angelegenheiten« aus, das die Angelegenheiten aller Religione
n Chinas überprüfte. Um die Handhabung protestantischer Angelegenheiten zu erlei
chtern, gründete diese Stelle die ,Patriotische Drei Selbst Bewegung«. Schließli
ch blieb auch den widerstrebendsten christlichen Gruppen keine andere Wahl, als
sich der Organisation anzuschließen.
Die christliche Presse begann nun, die Leistungen der Volksregierung lobend anzu
erkennen. Marx, Lenin und Mao wurden mit den Propheten des Alten Testaments, und
die neue Gesellschaft Chinas mit dem Reich Gottes verglichen. Die Tien Feng« wu
rde das offizielle Organ der kommunistischen Kirchenpolitik und all der Kampagne
n gegen Christen, die sich weigerten, der Parteilinie zu folgen. Bis zur vorläuf
igen Auflösung der Kirche im Jahre 1966 durch die Kulturrevolution hörten die Sp
recher und Schreiber nicht auf, ihre loyale Unterstützung der Regierung und ihre
Freiheit unter der Volksregierung zu beteuern. Auch erklärten sie ununterbroche
n den aufrichtigen Patriotismus der Bewegung und ganz besonders ihre Opposition
gegen die amerikanischen Imperialisten. Und trotzdem schlossen die «Roten Garden
« die Kirchen, beschimpften und mißhandelten zahlreiche Christen, verschleppten
viele Kirchenführer und lösten die Drei Selbst Bewegung« auf.
Diese Erfahrungen fordern eine neue Überprüfung von Pflicht und Verantwortung. N
ämlich der Verpflichtungen der Christen zur Loyalität, die entweder ihren Wunsch
nach Befreiung wahrnehmen können oder weiterhin unter einer autoritären, antich
ristlichen, kommunistischen Regierung leben müssen. Ein paar Führern und Mitglie
dern mag es gelingen, das Land vor oder nach einer kommunistischen Machtübernahm
e zu verlassen, aber die Mehrheit der Christen wird immer notgedrungenermaßen da
bleiben und die Suppe auslöffeln müssen.
Im Jahre 64 n. Chr., kurz vor Ausbruch der reichsumfassenden Christenverfolgunge
n unter Kaiser Nero, schrieb der Apostel Petrus seinen ersten Brief. Darin beton
te er zuerst die großen Grundwahrheiten des Evangeliums. Dann unterstrich er, da
ß die letzte christliche Antwort auf Verfolgung, Verleumdung und Kritik ein unst
räfliches Leben sei, ein Leben ohne Tadel in guter Bürgerschaft. «Und wer ist, d
er euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert?« (1.Petr. 3,13.) «Habt ei
n gutes Gewissen (1.Petr. 3,16). «Niemand unter euch leide als ein Übeltäter ...
« (1.Petr. 4,15). Insbesondere gibt Petrus jedoch viermal und in vier verschied
enen Zusammenhängen den Befehl: «Seid untertan!« In der Gemeinde (1.Petr. 5, 5),
in der Familie 1.Petr. 3,1), in der Gesellschaft (1.Petr. 2,18) und im Staat (1
.Petr. 2,13). Unterordnung ist christliche Tugend,
Wenn wir uns vor Augen halten, daß viele Christen tatsächlich Sklaven waren, so
ist es sehr bemerkenswert, daß weder Petrus noch Paulus irgendwie aufforderten,
sie sollten Befreiung durch politische Tätigkeit suchen (1. Petr. 2, 18-25). Pet
rus rät den Sklaven sogar, auch schlechten, grausamen und ungerechten Herren unt
ertan zu sein, und nennt als Beispiel das ungerechte Leiden Christi. Er unterstü
tzt damit nicht die Sklaverei, aber er nennt die richtige Einstellung des Christ
en auch in einer ungerechten, ungleichen Gesellschaft beim Namen.
Im Zusammenhang mit dem Staat schreibt Petrus: Seid untertan jeder menschlichen
Ordnung um des Herrn willen, sei es dem Kaiser (Nero) als dem obersten Herrn ode
r seinen Beamten ... Denn es ist Gottes Wille, daß ihr mit guten Taten die Unwis
senheit der törichten Menschen zum Schweigen bringt ... fürchtet Gott! Ehrt den
Kaiser« (1.Petrus. 2, 13 - 17).
Ein solcher Rat muß für die Christen hart gewesen sein, die wegen der bösartigen
, falschen Anklagen Neros, sie hätten Rom angezündet, leiden mußten. Aber das Pr
inzip kommt klar zum Ausdruck. Die Christen sollen nicht gegen irgendeine Regier
ung rebellieren, nur weil sie diktatorisch, autoritär oder korrupt ist. Sie müss
en die Regierungsvertreter nicht nur als diejenigen achten, die das Gesetz vertr
eten (Vers 14), sondern sich auch den Gesetzen und Erlassen dieser Regierung unt
erordnen, um so als Knechte Gottes zu leben« (Vers 16).
Im Römerbrief wendet sich der Apostel Paulus nach elf Kapiteln der Abhandlung üb
er Dinge des Evangeliums in Kapitel 12 der praktischen Anwendung dieser Wahrheit
en zu. Er beschreibt das christliche Leben in der Gemeinde (Vers 3 8), seine per
sönliche Haltung (Vers 9 13), sein Verhalten in Verfolgung (Vers 14 21), und in
Kapitel 13 bringt er die schwierige Angelegenheit des Christen und des Staates z
ur Sprache.
Seine Aussagen sind denen des Petrus sehr ähnlich, nur noch beträchtlich erweite
rt. Während Petrus über die von Gott eingesetzte Funktion der Regierung spricht,
betont Paulus den göttlichen Ursprung des Staates. Die Aussage lautet in beiden
Fällen gleich: «Ordnet euch der Obrigkeit unter, die Gewalt über euch hat« (Ver
s 1) als die Vertretung des Gesetzes (Vers 3 4). Dann folgen die Gründe.
1. Es gibt keine Obrigkeit, die nicht von Gott wäre (Vers 1).
2. Der Christ sündigt, wenn er sich dieser Obrigkeit widersetzt (Vers 2).
3. Unterordnung muß eine Sache des Gewissens und nicht der Furcht vor göttlicher
Bestrafung sein.
Der christliche Bürger ist ganz besonders dazu verpflichtet, seine Steuern, Abga
ben und Zölle zu entrichten und die verantwortlichen Beamten zu respektieren und
zu ehren. Damit wird der Christ erstens der Pflicht des bürgerlichen Gehorsams,
zweitens dem Grund des bürgerlichen Gehorsams und drittens dem Geist des bürger
lichen Gehorsams gegenübergestellt.
Betrachtet man dies im Zusammenhang mit dem Römischen Reich der fremden Macht,
die oft übermäßige Steuern verlangte und ungerechte Forderungen stellte , so m
uß diese eingehende Anweisung bei der ersten Gemeinde viel Erforschung des Herze
ns hervorgerufen haben.
Aber sowohl die Anweisungen des Paulus als auch die des Petrus für die richtige
Einstellung und das Verhalten der Christen im Staat beruhen auf der Antwort Jesu
Christi, die er denen gab, die ihn des Verrats an der römischen Regierung bezic
htigen wollten (Lukas 20, 20). Seine Antwort war so unerwartet, daß die Schriftg
elehrten nur staunen konnten (Vers 25): «Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, u
nd Gott, was Gottes ist!« Auch wenn alles unter der schweren Steuerlast des Kais
ers Tiberius stöhnte.
Das umfaßt das allgemeine Prinzip, «daß die Regierung ihren Bürgern gegenüber re
chtliche, aber keine letztlichen Ansprüche hat. Diese kann nur Gott stellen. Die
Probleme, die diese Forderungen zum Konflikt werden lassen, sind von Land zu La
nd und von Zeit zu Zeit verschieden. So waren es z. B. die Konzentrationslager i
n Deutschland während der Hitlerzeit und ist es das Bürgerrechtsproblem in Norda
merika. Sie verändern sich sogar von Christ zu Christ. Der eine spürt diese Ause
inandersetzung über einem Problem und der andere nicht. Jesus gibt keine genauen
Anweisungen zur Lösung jeder Loyalitätsfrage. Aber der Christ muß alles tun, um
die Probleme und ihre Umstände zu erkennen, seine Loyalität zu finden und Gott
mit gutem Gewissen zu dienen. Gerät er dabei mit dem Staat oder der öffentlichen
Meinung in Konflikt, kann er schließlich seine Rechte, seinen Besitz oder sogar
sein Leben verlieren. Wie Petrus auch tatsächlich sagt: «Aber selbst wenn ihr l
eidet um der Gerechtigkeit willen, werdet ihr gesegnet sein . . .«
Gott ist ein Gott der Ordnung und nicht der Unordnung, Er hat deshalb weltliche
Regierung zum allgemeinen Wohl der Menschen eingesetzt. Sie ist in der Tat eine
Obrigkeit von Gott (Römer 13, 1). Was könnte einleuchtender sein als die Überzeu
gung des Petrus, daß nach Gottes Willen die Gesellschaft den Eindruck göttlicher
Ordnung auf ihrem Gesicht tragen soll!
Zur Zeit des Neuen Testaments waren die Regierungen nicht «christlich« in dem Si
nne, wie wir es im Westen verstehen. Sie waren undemokratisch und heidnisch. Tro
tzdem rückten sie durch Gottes schicksalhaften Umgang mit den Menschen in die St
ellung der Obrigkeiten vor (vgl. Psalm 75, 6. 7), aus der heraus sie Gehorsam un
d Loyalität fordern konnten. Vielleicht sind sie Diktatoren. Aber selbst dann is
t eine solche Regelung besser als die Gesetzlosigkeit. Sollte allerdings eine Re
gierung Ansprüche stellen, die Gottes Forderungen widersprechen, so sind Christe
n von der Gehorsamspflicht entbunden. So wie ein Kind, das lasterhafte Eltern ha
t, ihnen nicht zu gehorchen braucht, auch wenn es dies normalerweise tun muß.
Trotz all ihrer Fehler und Unzulänglichkeiten sind wenige Regierungen von Grund
auf schlecht. Man kann an den meisten etwas Gutes finden. Aber ob gut oder böse,
die Schreiber des Neuen Testaments bestanden darauf, der bürgerliche Gehorsam s
ei eine christliche Pflicht, wenn er sich mit einem guten Gewissen vereinen ließ
e. Er wird den Christen als das eingeschärft, was dem Willen Gottes entspricht.
Zu allen Zeiten wurden Christen beschuldigt, sie hätten sich gegen den Staat auf
gelehnt. Eines der verbreitetsten Vorurteile gegen wahre Religion, das die Welt
hegt, besagt, die Religion sei der Feind des Staates.
Es ist daher eine eindeutige christliche Pflicht, unter jedem Regime, sei es nun
buddhistisch, hinduistisch, mohammedanisch, kommunistisch oder christlich, in a
llen zivilen Angelegenheiten gute, gehorsame Bürger zu sein. Mag ein Christ nun
völlig mit der Politik und den Gesetzen seiner Regierung übereinstimmen oder auc
h nicht, so muß er doch der Obrigkeit in allem gehorchen, was seine religiöse Üb
erzeugung nicht betrifft und was nicht im Widerspruch zu Gottes Willen steht.
Christen leben heute in der ganzen Welt unter schlechten, korrupten, unzulänglic
hen Regierungen oder auch unter zulänglichen aber autoritären und diktatorischen
Regierungen. Und trotzdem: Es kann nicht mit der Beugung unter den Willen Gotte
s vereinbart werden, den ungesetzlichen gewaltsamen Sturz einer Regierung vorzub
ereiten oder an irgendeiner Art des bürgerlichen Ungehorsams teilzunehmen.
Die Taiping Rebellion, die von den Kommunisten als Bauernaufstand bezeichnet wur
de, ging von Christen aus. Aber diese Rebellion war ein Zerrbild wahren Christen
tums und ist durch nichts zu rechtfertigen. Das Neue Testament schildert Christu
s oder die Gemeinde nie als Staatsfeinde, obwohl es das Paradoxe anerkennt, daß
der Christ zwar in der Welt, aber nicht von der Welt ist. Er besitzt eine zweifa
che Bürgerschaft: in einem irdischen und in einem himmlischen Staat. Christus, P
aulus und Petrus stimmen alle darin überein, daß sie sich der Obrigkeit unterord
nen müssen und sie nicht außer acht lassen dürfen.
Der Herr selbst gibt vor Pilatus ein Beispiel des Untertanseins zur Nachahmung d
urch seine jünger. Das muß das Vorbild in China, Rußland, Osteuropa, Kuba oder a
uch in den Vereinigten Staaten sein, in denen die christlichen Neger schwerwiege
nden Problemen gegenüberstehen.
Die einzige legale Tätigkeit, die im Neuen Testament vorgeschlagen wird, ist die
, daß der Christ für die Obrigkeit betet, wenn er ein ruhiges, friedliches Leben
in Gottesfurcht und Ehrbarkeit führen will. Es wäre schwierig, für diese Obrigk
eit zu beten und gleichzeitig gegen sie zu rebellieren.
So weit, so gut. Wie steht es aber mit den religiösen Angelegenheiten? Ober dies
es Thema erhoben sich in der ersten Gemeinde die größten Spannungen. Zu dieser Z
eit war der Staat die höchste Macht. Somit mußte sich alles, auch die Religion,
ihm unterordnen. Und doch weigerten sich die Christen ausnahmslos und in gemeins
amer Übereinstimmung, den Kaiser anzubeten. Sie weigerten sich ebenso, den örtli
chen religiösen Behörden in Jerusalem zu gehorchen und das Predigen des Evangeli
ums aufzugeben (Apg. 5, 29). Aber es bestand hier doch ein Unterschied, denn hie
r lag kein Ungehorsam gegen bürgerliche Obrigkeiten vor.
Die Lage wurde durch die römischen Gesetze erschwert, die die Ausübung neuer Rel
igionen und geheime Zusammenschlüsse verboten. «Diese Menschen bringen unsere St
adt in Aufruhr; sie sind Juden und verkündigen eine Weise, welche uns nicht ziem
t anzunehmen noch zu tun, weil wir Römer sind« (Apg. 16, 20.21). Die Geheimhaltu
ng von Zusammenkünften wie z. B. das Abendmahl, führte zur offenen Verdächtigung
der Christen. Außerdem hatte ihre religiöse Überzeugung und der Wunsch nach ein
em hohen moralischen Niveau zur Folge, daß sie sich aus sozialen, geschäftlichen
und politischen Gruppen zurückzogen, die auf irgendeine Art mit heidnischen Brä
uchen zu tun hatten. Die Absage an das Böse und die Weigerung bei der Heirat ode
r im Geschäftsleben am gleichen Joch mit den Ungläubigen zu ziehen, bereitete de
n ersten Christen oft eine not.
Eines war jedoch klar: Der Christ kann zwar «Cäsar« seinen Körper unterordnen, j
edoch nicht sein Gewissen und seinen Glauben. Unter gewissen Umständen kann der
Ungehorsam gegen den Befehl des Staates nicht nur ein Recht, sondern sogar eine
Pflicht sein.
Die Schreiber des Neuen Testaments, besonders Petrus, lassen klar erkennen, daß
das treue Festhalten an Christus den Christen unausweichlich Schwierigkeiten, Ve
rfolgung und sogar den Tod bringen wird. Darum sagt Petrus: «Wappnet auch euch m
it derselben Gesinnung wie Christus, der bereit war zu sterben« (1. Petr. 4, 1);
d. h. sei darauf vorbereitet, für deinen Glauben, wenn nötig, auch zu sterben.
Audi während der zaristischen Zeiten übte der Staat in Rußland eine gewisse Kont
rolle über die Kirche aus. Unter Lenin waren Kirche und Staat getrennt. Unter St
alin war die Kirche so lange geduldet, wie sie ihre Knie vor der Obrigkeit beugt
e. In den Jahren nach Stalins Tod war zuerst keine klare Religionspolitik zu erk
ennen. Aber sobald Chruschtschow 1959/60 seine Machtposition gefestigt hatte, be
gannen die örtlichen kommunistischen Behörden mit höheren Befugnissen, die sicht
bare Struktur der Kirche durch Gewalt und unter Mißachtung des Gesetzes niederzu
reißen.
1961 (so Michael Bourdeaux in Church Times vom 22. März 1969) berief der Patriar
ch Alexeis innerhalb weniger als vierundzwanzig Stunden ein Bischofskonzil zu ei
ner formellen Synode ein, die aufgefordert werden sollte, einer neuen Liste von
Bestimmungen fast ohne jegliche formelle Diskussion zuzustimmen. Die Entscheidun
gen wurden der Kirche dann aufgehalst, ohne daß sie Zeit zum überlegen hatte. Ma
n entzog ihr gewaltsam die Kontrolle über das Gemeindeleben und übergab sie eine
m Laienausschuß von vierundzwanzig Männern, die der Partei genehm waren. So trat
eine von Grund auf atheistische Kontrolle an die Stelle der Selbstkontrolle der
Kirche, und ihre Zerstörung schritt weiter. Mindestens 50 Prozent der zwanzigta
usend orthodoxen Kirchen Rußlands wurden geschlossen.
In einer Diözese, in der des Erzbischofs Yermogen, wurden sie jedoch nicht gesch
lossen. Er weigerte sich, auch nur eine einzige Kirche zu schließen. Dafür versc
hwand er ein Jahr. 1965 führte er eine Delegation von acht Bischöfen an, die den
Patriarchen aufsuchen wollte, wurde aber abgewiesen. Außerdem «überredete« der
Ratsvorsitzende für Religiöse Angelegenheiten« den «Rat der Geistlichen der UdSS
R«, Erzbischof Yermogen aus dem Amt zu entfernen. Ein Jahr später veröffentlicht
en zwei Priester einen Protestbrief und schickten jedem Bischof eine Abschrift.
Sie erhielten zwar eine beachtliche Zustimmung, wurden jedoch beide aus dem Amt
entlassen. Aber Erzbischof Yermogen hatte sich nicht einschüchtern lassen. Er ve
rweigerte seine Distanzierung von der Haltung der beiden Priester und forderte w
eiterhin, der Patriarch solle sein Versprechen erfüllen und ihm eine Diözese geb
en, sobald eine frei werde. Im November 1967 appellierte Erzbischof Yermogen an
den Patriarchen, auf dem legalen getrennten Status der Kirche zu bestehen und si
ch auf die Gesetze von 1929 zu berufen.
Der Patriarch ist neunzig Jahre alt, und die Frage seiner Nachfolge muß alle ort
hodoxen Christen Rußlands, das sind dreißig Millionen, beschäftigen. Der Staat w
ird zweifellos seinen eigenen Kandidaten aufstellen wollen, der sich der Regieru
ng fügen würde. Aber eine sehr starke Gruppe unter Führung des Erzbischofs Yermo
gen fordert eine neue Zusammenkunft des Hauses der Bischöfe, um die Kirche wiede
r in Ordnung zu bringen.
Erzbischof Yermogen ist durch das Beispiel der russischen Baptisten ermutigt, di
e von der Regierung das Recht erhielten, alle drei Jahre einen Unionskongreß abh
alten zu dürfen. So fordern Baptisten und Orthodoxe eine Rückkehr zur Herrschaft
des Gesetzes. Die Stimme Erzbischof Yermogens ist eine Warnung an die ganze Kir
che und besonders auch an die sowjetische Regierung.« Große Fragen der religiöse
n Freiheit stehen auf dem Spiel.
Aber was ist mit China? Bestimmte Tatsachen sind klar. Im Gegensatz zur ersten G
emeinde fehlte der chinesischen Kirche eine starke, geeinigte Führung. Als die k
ommunistische Regierung gebildet wurde, konnte sie nicht als eine Stimme auftret
en um die «Kaiser (oder Staats ) Verehrung« zu verweigern. Sie war zu keiner Üb
ereinstimmung über die Konsequenzen der Worte des Herrn gelangt: «Gebt dein Kais
er, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!«
Deshalb hatte es das «Büro für Religiöse Angelegenheiten« nicht schwer, den prot
estantischen Kirchen seinen Willen aufzuzwingen, obwohl es bei der katholischen
Kirche auf größeren Widerstand stieß, weil sie eine entschlossenere Führung und
gutformulierte Grundsätze hatte. Es war daher verhältnismäßig leicht, seine Poli
tik, die protestantischen Kirchen unwirksam zu machen, durchzusetzen. Denn sie w
aren offenbar durch die ausgeklügelten Machenschaften der Patriotischen Drei Sel
bst Bewegung« hilflos und bedeutungslos geworden.
Zu Beginn des Jahres 1968 führte die Liberalisierungspolitik Alexander Dubceks i
n der Tschechoslowakei zur Freude der Christen zu einer Freiheit von Kontrollen,
die sie zwanzig Jahre hatten spüren müssen. Die Zukunft war voller Hoffnung. In
Rumänien wünschten die Menschen eine ähnliche Liberalisierung, und die Regierun
g schien darauf einzugehen. Am 5. April 1968 prophezeite der Daily Telegraph« in
der Tschechoslowakei, obwohl noch unter der Führung einer kommunistischen Parte
i, ein Erwachen geistiger Freiheit, das Nachlassen der Polizeikontrollen, eine f
reiere Presse und ein gewisses Recht, öffentlich zu protestieren.
Aber in Rußland wurde die sogenannte Liberalisierung« als Konterrevolution verle
umdet, die eine Herausforderung an die orthodoxe marxistische Lehre, eine Bedroh
ung des Warschauer Pakts und eine Waffe gegen die UdSSR selbst darstellte. Und a
m 21. August besetzten die Staaten des Warschauer Pakts unter Anweisung Rußlands
verräterisch die Tschechoslowakei. Kommunistische Parteien in der ganzen Welt v
erurteilten die Invasion und gaben ihrem Mitgefühl für die Menschen und die Komm
unistische Partei in der Tschechoslowakei und deren Liberalisierungspläne Ausdru
ck. Das kommunistische China verurteilte zwar die Invasion, aber auch die ketzer
ische«, liberalisierende« und revisionistische« Politik Dubceks, die die Tschech
oslowakei so behauptete China von den Russen gelernt habe.
Professor Hromadka, der tschechische Führer der Christen, protestierte bei der S
owjetischen Botschaft aufs heftigste gegen die Aktion Rußlands. Gleichzeitig app
ellierte er an alle Christen, in der neuen, veränderten Lage christliche Würde u
nd Solidarität zu bewahren. Und doch sehen die Tschechen seit der Besetzung ihre
s Landes durch fremde Truppen der Zukunft mit bösen Ahnungen entgegen, wenn die
Russen ihre Haltung nicht grundlegend ändern.
Die kommunistische Welt ist uneins. Die ausbrechende Revolte gegen die stalinist
ische Gewaltherrschaft ist mächtig. Sollte die Zeit kommen, in der sich in China
eine liberale Politik durchsetzt und die Kirche ihre konstitutionelle Freiheit
wiedererlangt, so möchte man innig hoffen und beten, daß das Beispiel der russis
chen und tschechischen Kirchen zur Kenntnis genommen wird, daß die chinesischen
Christen ihre von der Regierung aufgezwungene Zwangsjacke ablehnen, in echter Fr
eiheit ihre kirchlichen Angelegenheiten versehen und ihr religiöses Leben ohne E
inmischung des Staates führen können.

8. KAPITEL
MISSIONARISCHE ARBEIT IN DEN AUGEN DES KOMMUNISMUS

1950 holten die chinesischen Kommunisten zu ihrem Schlag gegen christliche Missi
onen und Missionare aus. Achtzehn Jahre dauerte die Verleumdungskampagne, die da
s Ziel hatte, die missionarische Tätigkeit von Grund auf in Mißkredit zu bringen
. Der Missionsbewegung wurden alle Arten von Verbrechen vorgeworfen, und das mit
einer solchen Beharrlichkeit, daß manchmal sogar die chinesische Kirche von der
Wahrheit überzeugt werden mußte. Tatsächlich brachten Y. T. Wu und andere führe
nde Christen diese Verleumdungen in der nationalen Presse und in öffentlichen Ve
rlautbarungen eindeutig zum Ausdruck.
Was werfen die Kommunisten den Christen, besonders den Missionaren, vor? Es ist
nötig, uns mit dieser Kritik auseinanderzusetzen, sie genau zu untersuchen, um h
erauszufinden, wieweit sie zutrifft, anstatt diese Vorwürfe nur abzustreiten. Eh
rlichkeit ist das mindeste, das von uns verlangt wird, und Selbstkritik ist kein
kommunistisches Monopol.
Die Kritik kann unter sieben Punkten zusammengefaßt werden:
1. Das missionariscbe Unternehmen war von Anfang an ein Werkzeug der kolonialen
Ausdehnung im Ausland und unzertrennlich mit der imperialistischen Politik und A
ggression verbunden.
2. Missionare standen im Dienst imperialistischer Regierungen und sollten diese
in ihrer Aggression unterstützen.
3. Missionare benutzten das Geld, um chinesische Christen zu bestechen und sie z
u zwingen, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Folglich war die Kirche ein Werkzeug de
s Imperialismus.
4. Missionare verbreiteten Lehren, die nichts anderes als imperialistisches Gift
in den Gedanken derjenigen waren, die sie annahmen.
5. Missionare gebrauchten Schulen und Sonntagsschulen, um die Gedanken der Jugen
d mit dem Imperialismus zu verderben.
6. Missionare beherrschten und kontrollierten die Kirchen auf imperialistische A
rt.
7. Missionare benützten konfessionelle Unterschiede als Plan zur Spaltung und He
rrschaft.
Wir sollten auf jeden dieser Punkte der Reihe nach verständnisvoll und ehrlich e
ingehen.
1. Das missionarische Unternehmen war vor Anfang an ein Werkzeug der kolonialen
Ausdehnung im Ausland und unzertrennlich mit der imperialistischen Politik und A
ggression verbunden.
Wenn man dies vom Standpunkt eines nichtchristlichen Afrikaners oder Asiaten bet
rachtet, so trifft es zu. Geschichtlich gesehen verlief die Verbreitung des Chri
stentums in der ganzen Welt parallel zur imperialistischen und kolonialen Ausdeh
nung des Westens. Im Falle Afrikas erforschte der Missionar David Livingstone da
s riesige Innere des Landes, und es folgten koloniale Regierungen. China wurde a
ls Folge der Opiumkriege eine Abmachung aufgezwungen, die ausländische Kaufleute
berechtigte, in China zu wohnen und Handel zu treiben. Dadurch wurde der Weg fü
r Missionare frei, um allen Menschen die Frohe Botschaft von Christus zu bringen
.
Vom christlichen Standpunkt aus gesehen, war das Vordringen des Evangeliums nach
China im ganzen gesehen etwas Gutes, auch wenn es den Kaufleuten auf dem Fuße f
olgte. Es ist jedoch leicht zu erkennen, daß dieses Zusammentreffen von Sun Yat-
sen bis Mao Tse tung falsch ausgelegt wurde, als wären die christliche Mission u
nd ihre Missionare ein Bestandteil des imperialistischen Expansionsprogrammes. D
ieses zeitliche Zusammentreffen ist zwar unglücklich, aber es wurde von den Fein
den des Christentums völlig falsch ausgelegt. Die Geschichte Chinas wurde neu ge
schrieben, um die Missionsbewegung darin in das möglichst schlechteste Licht zu
stellen.
2. Missionare standen im Dienst imperialistischer Regierungen und sollten diese
in ihrer Aggression unterstützen.
Die meisten chinesischen Christen konnten es kaum verstehen, daß die Missionare
nicht direkt von ihren Regierungen angestellt und bezahlt wurden. Alle Versuche,
sie vom Gegenteil zu überzeugen, schlugen fehl. Die Folge war, daß man glaubte,
die Missionare seien alle in politische und kulturelle Tätigkeiten für den Impe
rialismus verwickelt.
Das ist jedoch völlig falsch. In Wirklichkeit waren Missionare in der ersten Zei
t von ihren Regierungsvertretern überhaupt nicht gern gesehen, und das Britische
Unterhaus protestierte sogar gegen ihre Anwesenheit in China. Keiner von ihnen
erhielt jemals direkte oder indirekte Bezahlung von Regierungen, sondern sie wur
den vom freiwilligen Opfer der Christen in aller Welt unterstützt. Die Anklage w
urde manchmal aus Unwissenheit und manchmal aus Bosheit erhoben.
Einige der Tätigkeiten und Einstellungen, die damals vollkommen harmlos waren, k
önnen im Licht des heutigen Nationalismus als verdächtig, wenn nicht sogar als s
taatsgefährdend angesehen werden. Aber es ist ungerecht, heutige Kriterien auf D
inge anzuwenden, die fünfzig oder mehr Jahre zurückliegen.
Es ist als unwahr erwiesen, daß Missionare dem amerikanischen Geheimdienst angeh
örten, auch wenn einige ihrer Berufung untreu wurden und andere zum Kommunismus
überwechselten.
3. Missionare benutzten das Geld, um chinesische Christen zu bestechen und sie z
u zwingen, mit ihnen zusammen zu arbeiten. Folglich war die Kirche ein Werkzeug
des Imperialismus.
Ohne Zweifel verwandten Missionare große Geldsummen auf die Schulung und Unterst
ützung der chinesischen Christen als Pfarrer, Evangelisten, Gemeindehelfer, Lehr
er, Ärzte, Zeitschriftenhändler, Verwalter usw. Damit brachten sie diese Mensche
n unabsichtlich in die Lage, von den antichristlichen Nationalisten und Kommunis
ten nach dem ersten Weltkrieg als "laufende Hunde der Imperialisten" angesehen z
u werden.
Die Missionsgelder dienten zu nichts anderem; ihr alleiniger Zweck war, die Kirc
he aufzubauen und das Evangelium zu verbreiten. Aber es ist auch ganz natürlich,
daß die Missionare durch die Kontrolle der Gelder auch die Kontrolle über ander
e Dinge erhielten. Sie haben hoffentlich ihre Lektion in der dornigen Angelegenh
eit der Verwaltung von Missionsgeldern gelernt. Geld von ausländischen Quellen,
das nationalen Kirchen geschenkt wird, bedeutet fast immer einen Mühlstein um de
n Hals der Kirche und ein großes Hindernis auf dem Wege des Fortschritts.
4. Missionare verbreiteten Lehren, die nichts anderes als imperialistisches Gift
in den Gedanken derjenigen waren, die sie annahmen.
Eine genaue Überprüfung der sog. "giftigen Lehren" ergab, daß sie von einer Art
waren, die nicht in die kommunistische Ideologie paßte. Z. B.: Alle Menschen sin
d Sünder; der Mensch kann sich nicht selbst erretten; der Zustand der Gesellscha
ft wird immer schlimmer; die Zeiten verfinstern sich; Christus kommt wieder, um
seine Herrschaft der Gerechtigkeit und des Friedens zu bringen.
Als man erkannte, daß diese Gedanken im Gegensatz zur kommunistischen Lehre stan
den, wurden sie schnell als "Gift" abgestempelt. Aber christliche Gedanken, die
zufällig nicht mit dem Marxismus Leninismus übereinstimmen, sind nur Gift für Ko
mmunisten. Für andere sind sie das Wasser und Brot des Lebens.
5. Missionare gebrauchten Schulen und Sonntagsschulen, um die Gedanken der Jugen
d mit dem Imperialismus zu verderben.
Die Missionare gebrauchten zweifellos die Schulen, um für eine gute Erziel iung
der Kinder aus christlichen und auch aus niditchristlidien Familien zu sorgen, w
enn diese es wollten. Man lehrte sie die Wahrheiten des Christentums, und nach d
er Nationalistischen Revolution von 1911 wurde ein Lehrplan eingeführt, der sich
an den des Westens anlehnte. Das geschah auf die allgemeine Forderung des chine
sischenVolkes hin.
Die Missionare schämen sich des großen Beitrags zur modernen Erziehung Chinas ni
cht, deren Pioniere sie waren. Wenn zeitweise die Versuchung nahe lag, zu glaube
n, die Verbreitung der westlichen Kulturen und der westlichen Lebensart bildeten
einen Teil der missionarischen Ziele, so handelten sie manchmal fälschlicherwei
se in dem Glauben, dies sei für das chinesische Volk am besten. Die Sonntagsschu
len waren bestimmt kein "unehrenhaftes System zum Schaden der Kinder", und ihr L
ehrplan umfaßte keinen politischen Unterricht, obwohl natürlich vieles, was die
Kinder hörten, nicht mit der kommunistischen Ideologie übereinstimmte.
6. Missionare beherrschten und kontrollierten die Kirchen auf imperialistische A
rt.
Hier würden nur wenige die Richtigkeit der Anklage abstreiten. Am Anfang brachte
n die Missionare größeres Wissen, Erfahrung und Charakterstärke mit sich nach Ch
ina und übernahmen deshalb automatisch die Führung innerhalb der christlichen Ge
meinschaft. Im allgemeinen nahmen die Chinesen die Lage als selbstverständlich h
in. Aber man sieht jetzt deutlich, und gibt es auch ohne Umschweife zu, daß die
Missionare viel zu lange an ihrem Recht festhielten und versäumten, geeignete Mä
nner der chinesischen Kirche mit der Führung und der Verantwortung zu betrauen.
7. Missionare benützten konfessionelle Unterschiede als Plan zur Spaltung und He
rrschaft.
Trotz früherer Versuche der London Missionary Society, Missionsgesellschaften oh
ne konfessionelle Vorurteile zu gründen, war vor hundert Jahren das Gewissen übe
r "unsere Spaltungssünden" nicht so empfindsam wie heute. Es schien ziemlich nat
ürlich, ja sogar unvermeidlich, den Grundsatz der Konfessionen zusammen mit dem
Evangelium ins Ausland zu tragen. Im Lichte der Geschichte ist es nun leicht, di
e Verwirrung zu sehen, die dieses Unternehmen anrichtete und noch anrichtet. Abe
r die Behauptung, Missionare hätten die Konfessionen ausgenützt, um ihre Kontrol
le über die Kirche zu erhalten, ist offenkundig falsch.
Um noch einmal zusammenzufassen: Während es Tatsachen gibt, die es Menschen mit
bösen Absichten und Feinden des Evangeliums ermöglichen, die Anklage zu rechtfer
tigen, die Missionare seien imperialistische Agenten gewesen und bildeten immer
noch einen Teil eines imperialistischen Anschlags auf die chinesische Kirche, so
hätte doch ein unparteiischer Richter alle Tatsachen erörtert und diese Anschul
digung für völlig unwahrhaftig erklärt, soweit es sich um China handelt. Daß die
Missionare die Gedanken und kulturellen Bräuche des "imperialistischen" Westens
und besonders der viktorianischen Zeit mit sich brachten, war unvermeidbar. Abe
r in keiner Weise verbreiteten sie absichtlich den Imperialismus. Und in den let
zten Jahrzehnten vollzog sich ein stetiger Umschwung der früheren Tendenzen.

9. KAPITEL
DIE ENTWICKLUNG CHINAS - UNSERE ZUKUNFT

China ist eine Nation und seine Bevölkerung eine Rasse, die man nicht übergehen
kann. Es wird eine zunehmend bedeutende Rolle in der Welt spielen. Im Guten oder
im Bösen werden die Ereignisse in China unsere Zukunft und besonders die unsere
r Kinder und Kindeskinder bestimmen. Die alte Kultur, die hervorragenden Fähigke
iten, die verschiedenen Geschicklichkeiten, die Industrie, die riesigen Bodensch
ätze, die Anpassungsfähigkeit und die rein zahlenmäßige Bedeutung des chinesisch
en Volkes machen es vielleicht zur größten Rasse der Erde. Seine überlieferte, t
olerante Menschlichkeit könnte vielleicht einen Einfluß darstellen, der zur Harm
onie und zum Wohl der Welt beitragen könnte. Anderseits sind der geschürte Haß,
die sklavische Unterwerfung und die verantwortungslose kommunistische Führung ei
ne ernste Bedrohung für die übrige Welt, ganz besonders, seit China Atommacht is
t.
Verschiedene Meinungen
Chinakenner in Hongkong sind verschiedener Meinung über die Zukunft der Kirche J
esu Christi in China. Einige befürchten, sie werde ähnlich wie die Gemeinde in N
ordafrika und Kleinasien im ersten Jahrhundert allmählich zerstört, wozu auch st
arke Gemeinden wie Ephesus, Smyrna und Philadelphia gehörten. Andere sehen die Z
ukunft der chinesischen Kirche etwas optimistischer und erwarten eine Zeit, in d
er eine beschränkte Rückkehr nach China für Chinesen und andere Asiaten möglich
wird. Eine dritte Gruppe ist jedoch der Meinung, daß nur Chinesen, die die Revol
ution miterlebten, in der Lage sein werden, ihrem Volk zu dienen, und daß die Ze
it für Angehörige des Westens, ja sogar für die im Westen geschulten und westlic
h orientierten Chinesen endgültig vorüber ist. Dann gilt es noch diejenigen, die
glauben, daß wir uns auf jede Möglichkeit vorbereiten müssen, auch auf die Mögl
ichkeit der Rückkehr westlicher Christen nach China.
China ist mit einem Viertel der Weltbevölkerung das größte nichtevangelisierte G
ebiet der Welt. Aber jetzt sind die Tore nach China fest verschlossen, und die c
hinesische Kirche ist von anderen Kirchen völlig, getrennt. Gegenwärtig liegt di
e Aussicht, der chinesischen Kirche Hilfe zu bringen, nach menschlichem Ermessen
in weiter Ferne. Wenn auch die Tumulte in China, die zeitweise in Bürgerkriege
ausarteten, die Hoffnung des "Freien China" oder Taiwans schürten, daß der Zusam
menbruch und eine nationalistische Rückkehr auf das Festland in Sicht komme, so
übersehen doch diese Wunschgedanken die Tatsache, daß der gegenwärtige Kampf kei
n Kampf zwischen Kommunisten und deren Gegnern ist, sondern ein ideologischer Ka
mpf zwischen verschiedenen Gruppen innerhalb der Kommunistischen Partei. Kampf i
st ein Teil der kommunistischen Ideologie, und es ist Vorsicht geboten, wenn man
die Ergebnisse des gegenwärtigen Durcheinanders voraussagen will. Und doch ist
bei Gott kein Ding unmöglich!
Ist eine Liberalisierung möglich?
Man kann die zukünftige Entwicklung nur sehr vorsichtig abschätzen. Wenn die Ere
ignisse den traditionellen chinesischen Weg einschlagen, so wird zuletzt der gem
äßigte, praktische Menschenverstand der Chinesen über die Dogmatik siegen. Mao T
se tungs Nachfolger wird mit großer Wahrscheinlichkeit die intellektuelle, gemäß
igtere Gruppe des chinesischen Kommunismus vertreten. Diese wünscht eine beschle
unigte Mechanisierung der Wirtschaft und der Streitkräfte, vielleicht sogar mit
russischer Hilfe. Wäre es denkbar, daß ein derartiges neues Regime die konstitut
ionelle Freiheit der religiösen Einrichtungen Chinas wiederherstellt, wie wir es
auch nach der Liberallsierung in der Tschechoslowakei sahen, oder wäre eine neu
e kommunistische Staatsform kaum liberaler als in Rußland, wo heute an eine Miss
ionierung nicht zu denken ist? Vielleicht erhalten die Christen ihre Kirchengebä
ude zurück und können ihre Gemeinden neu sammeln, wie von mancher Seite vermutet
wird. Möglicherweise ist es von Bedeutung, daß die "Drei Selbst Bewegung" auf d
em Papier noch besteht. Sie könnte wiederbelebt werden, klüger vielleicht und un
ter einer anderen Führung, befreit von aller Vorherrschaft der Regierung und mit
einem evangeliumsgemäßeren Programm als vorher. Die Zukunft könnte damit ungehe
ure Möglichkeiten für die Kirche Christi mit sich bringen. Wenn sich das bewahrh
eitet, wird die Kirche der größten evangelistischen Herausforderung aller Zeiten
gegenüberstehen.
Wer könnte zurückkehren?
Sollte sich diese Hoffnung erfüllen, so wird die chinesische Kirche jede Hilfe b
enötigen, die ihre Schwesterkirchen im Ausland aufbringen können. Sie wird zweif
ellos die Hunderte von chinesischen Christen aus Hongkong, Taiwan und von andere
n Gebieten auf dem Festland willkommen heißen, die sich auf diese Möglichkeit vo
rbereitet haben. Kann nicht die Existenz so vieler Mensdien mit derselben Vision
ein Anzeichen dafür sein, daß Gott ihre Gebete erhören wird und die Tore zum Fe
stland wieder öffnet? Außer den Chinesen würde das Willkommen gewiß audi anderen
Asiaten gelten wie z. B. Koreanern, Japanern, Indonesiern oder Indern. Seit 195
0 machte sich das chinesische Volk mit dem Kommen und Gehen großer Mengen »auslä
ndischer Gäste« aus aller Welt vertraut. Und auch die »christlichen« Gäste aus a
nderen asiatischen Ländern waren im neuen China nicht verdächtig.
Jedoch muß ein Willkommen für Amerikaner von seiten des chinesischen Volkes als
eine weit entfernte Möglichkeit betrachtet werden. Zwanzig Jahre eingeimpften Ha
sses gegen die sog. "US Imperialisten", die Bitterkeit über den Vietnamkrieg, de
r US Schutz Taiwans und der Rassenkampf in den USA entfremdeten die Amerikaner u
nd das chinesische Volk völlig. Kanada und Großbritannien hielten die diplomatis
chen Beziehungen zu China aufrecht. Australien und Neuseeland werden von Peking
etwas wohlwollender als andere westliche Nationen betrachtet. Aber das Willkomme
n für Angehörige des britischen Commonwealth würde in China bestimmt nicht übers
chwenglich ausfallen.
Auf jeden Fall sollten wir uns folgende Fragen stellen:
Ist die christliche Kirche darauf vorbereitet, wenn sich die Tore Chinas plötzli
ch öffnen sollten? Haben wir eine gut durchdachte Strategie oder einen Plan? Was
für eine Kampftruppe wird ausgebildet? In welcher Lage würden wir uns befinden?
Wie würden wir das Evangelium in einem von Grund auf veränderten China vortrage
n? Welche Fehler der Vergangenheit würden wir zu vermeiden suchen?
Dies sind Fragen von mehr als akademischem Interesse. Sie sind von größter Bedeu
tung, wenn wir glauben, daß Gott die über eine Milliarde Menschen in China nicht
verworfen hat. Solche Fragen müssen betend erörtert und von entsprechenden Tate
n gefolgt sein. Es wäre verbrecherisch, wieder so unvorbereitet eine Arbeit aufz
unehmen, wie es bei der christlichen Kirche z. B. nach dem letzten Krieg in Japa
n der Fall war. Und wie tragisch wäre es, eine bunte Horde schlecht vorbereitete
r und schlecht ausgerüsteter, ungeordneter und unbesonnener, wenn auch begeister
ter "Missionare", Asiaten, Amerikaner oder Europäer, auf eine argwöhnische, ja f
eindlich eingestellte Bevölkerung loszulassen! Der Gedanke an Hunderte von Gesel
lschaften unter verschiedenen Fahnen und verschiedenen Erkennungszeichen auf dem
Marsch in die Höhle des kommunistischen Löwen läßt den Verstand stutzen. Wie gu
t ist die Kirche wirklich vorbereitet?
Die Situation im veränderten China
Können wir uns zunächst einmal ein Bild über das China machen, das wir vorfinden
werden, wenn die gegenwärtigen Unruhen als Folge der Kulturrevolution aufhören?
Es wäre ein China, das sich so vom China unterscheidet, das die Missionare 1951
verließen, wie sich Deutschland heute von dem vor hundert Jahren unterscheidet.
Fortschritte, die im Westen einige Generationen andauerten, bewältigte China in
einer einzigen Generation. Die Fortschritte der Industrie, der Landwirtschaft,
im Verkehrswesen, in der Technik, im Gesundheits und Sozial¬wesen sind überwält
igend. Das nette China ist in vieler Hinsicht fast nicht mehr wiederzuerkennen.
Während der letzten Jahre wurden in Europa und Asien Zentren zum Studium des Kor
nmunismus errichtet. Die Christen können es sich nicht leisten, im Studium der c
hinesischen Gesellschaft, Wirtschaft und der Auslandsbeziehungen hinter den ande
ren zurückzustehen, wenn sie begreifen wollen, was mit den Christen auf dem chin
esischen Festland geschieht, und wenn sie die Bedingungen erfüllen wollen, die s
ie bei ihrer Rückkehr nach China vorfinden werden.
Tatsachen zum Nachdenken
1. Wir sollten uns mehr Zucht und Ordnung, Reinheit und Disziplin zu eigen mache
n. Alle Besucher Chinas, ob Geschäftsleute, Wissenschaftler oder Angehörige eine
r Kirche, sind von dem Unterschied zwischen dem heutigen China und dem alten Chi
na mit seinen Mängeln und der tatenlosen Regierung beeindruckt. Staatserziehung,
Gesundheits und Wohlfahrtsorganisationen übernahmen oder ersetzten die mission
arischen Einrichtungen, für die kein Platz mehr vorhanden ist.
Was auch immer die Christen nach China bringen wollen, es wird bestimmt nicht nu
r Menschenliebe, soziale Wohlfahrt oder Wohltätigkeit sein können. Diese institu
tionelle Art des Beitrags ist für immer vorbei.
2. Die zwanzigjährige, gründliche Umschulung hat das Denken des ganzen Volkes, a
uch der Christen, weitgehend beeinflußt. Ihre politischen und internationalen An
sichten werden sehr eng sein, da ihnen objektive Informationen und freie Diskuss
ionen verweigert wurden. In der Industrie des neuen China war die Propaganda am
wirkungsvollsten.
3. Wir würden auf abgrundtiefen Haß gegen die Amerikaner und andere "imperialist
ische Länder" stoßen, die beschuldigt werden, hinter den Mißständen dieser Welt
zu stehen und das Haupthindernis der neuen, sozialen Ordnung auf der Grundlage d
er Gerechtigkeit zu sein. Als Imperialisten" würden auch unsere Beweggründe zu e
iner Rückkehr nach China höchst verdächtig erscheinen.
4. Die meisten von uns würden sich noch schwerer tun, die Zeitungen zu verstehen
. Einmal führten die Chinesen eine neue, vereinfachte Schrift ein, die nicht seh
r leicht ohne Studium zu lesen ist. Aber was die Dinge noch erschwert, ist, daß
die Ausdrücke des täglichen Lebens, die Redewendungen und der Wortschatz große V
eränderungen durchmachten. Es wird allgemein eine kommunistische Umgangssprache
verwendet. Die Sprache der einfachen Menschen wurde so anders, daß eine normale
Verständigung am Anfang äußerst schwierig wäre. Ein gemeinsamer Punkt der Verstä
ndigung könnte nur sehr schwer erreicht werden.
5. Bei den Kindern würden die "großen" Nasen der Menschen aus dem Westen dieselb
en alten Kommentare hervorrufen. Aber auch in anderen Beziehungen erscheinen wir
ihnen wie Leute von einem anderen Planeten. Die jüngeren Chinesen wurden schon
fast von der Wiege an vom dialektischen Materialismus bestimmt. Sie kennen keine
andere Philosophie als den Materialismus. Wir fänden also zum größten Teil Athe
isten vor, die die Christen als Dummköpfe und unwissenschaflliche "rückständige
Elemente" verachten. Der Unterschied zwischen den Generationen käme viel deutlic
her als im Westen zum Ausdruck, und es wäre so gut wie unmöglich, die Kluft zu ü
berbrücken.
6. Aber wir könnten auch sehen, daß Dingen wie Aberglauben, Ahnenverehrung und G
ötzendienst, die einst das große Hindernis auf dem Wege des Evangeliums darstell
ten, ein tödlicher Schlag erteilt wurde. Wir stünden daher in sozialer, intellek
tueller, religiöser und psychologischer Hinsicht einer Situation gegenüber, die
wir nur mit der Weisheit und Kraft Gottes, die er seinen Knechten gewährt, bewäl
tigen könnten. Jeder, der ungenügend vorbereitet wäre, erhielte vor Ablauf einig
er Wochen einen ernsthaften »Kulturschock«. Diese Aufgabe ist ungeheuer. Aber un
ter der Führung des Geistes Gottes, der für jede Situation ausreicht, würden die
Christen von den sich anhäufenden Schwierigkeiten nicht erdrückt. Evangelische
Christen sollten zusammen beten, zusammen planen und eine gründlich ausgerüstete
, internationale Truppe ausbilden, die bereit ist, wenn die Zeit kommt, einzurüc
ken.
Strategie einer Verkündigung für Kommunisten
1. Die Rückkehr nach China sollte sich nicht auf eine Missionsgesellschaft gründ
en, sondern ein Unternehmen auf Kirchenbasis sein. Keine ausländische Missionsge
sellschaft, kein Missionskomitee sollte als solches versuchen, auf einer Gesells
chaftsgrundlage zurückzukehren. Es darf keine Wiederholung der vielschichtigen G
esellschaftssituation mehr geben. Es wäre daher ratsam, die evangelischen Kirche
n Hongkongs zu vereinen, damit sie für Christen der Kanal nach China werden könn
en. Ihr Gegenüber in China bildeten dann die sie willkommen heißenden Kirchen au
f dem Festland. Ist dies zu idealistisch gedacht, so bestände vielleicht folgend
e Möglichkeit:
2. Ein gemeinsamer Annäherungsversuch an die Kirche Chinas könnte von einer repr
äsentativen Einrichtung im Ausland vorgenommen werden, die die Rückkehr ausgewäh
lter Missionsarbeiter einleitet. In diesem Falle müßte jedoch eine chinesische K
irchenorganisation die gesamte Kirche Chinas vertreten können und die Verhandlun
gsgruppe genauso alle Organisationen mit dem größten Interesse an China repräsen
tieren.
Nicht jeder wird die Vorschläge akzeptieren, die ein katholischer Priester in de
n USA während einer Vorlesung machte. Aber er hat im Grunde genommen recht, wenn
er sagt: »Ich bin der Meinung, wenn der Tag der Wiederaufnahme der Kontakte zur
chinesischen Kirche wirklich kommt, so sollten diese nicht über einen Missionsa
usschuß oder durch nationale Missionsgesellschaften hergestellt werden. Meine Ho
ffnung richtet sich auf eine internationale, neutrale Gruppe von nichtnationalem
Charakter. Es wäre auch zu wünschen, daß die ökumenische Bewegung bis zu dem Ze
itpunkt, an dem das Festland der missionarischen Tätigkeit wieder offensteht, ei
nen solchen Entwicklungsstand erreicht hat, daß das Wort Gottes ohne Wiederholun
g der Bemühungen und ohne den Konkurrenzkampf, der heute in vielen Ländern auftr
itt, gepredigt wird.«
Es liegt Weisheit in diesen Worten, aber sie weisen auch auf eines der heikelste
n Probleme hin, das die Rückkehr nach China erschwert. Ganz besonders für die vo
raussichtlichen Missionare, und das ist die Mehrheit, die dem Weltkirchenrat nic
ht angegliedert sind. Trotzdem ist etwas Derartiges gewiß wichtig, um eine so un
glückliche Verwirrung wie vor der kommunistischen Ära zu verhindern. Auch wenn e
s Evangelischen schwerfällt, mit denen zusammenzuarbeiten, die ein »anderes Evan
gelium« predigen, so sollte es wenigstens nicht zu schwierig sein, sich unterein
ander auf eine gemeinsame Politik zu einigen.
3. Bevor ein endgültiges Programm festgelegt wird, müßte als erster Schritt die
Gemeinschaft mit den Kirchen Chinas gesucht werden.
Die trennende Kluft ist breit und tief. Es wird viel Zeit brauchen, die enge Gem
einschaft in Christus zu erneuern. Mißverständnisse müssen gefunden und die Krit
ik anerkannt werden. Demut ist auf beiden Seiten wichtig. Wir, die wir keine Ver
folgung durch den Kommunismus erlitten, werden uns zu Füßen der chinesischen Chr
isten setzen müssen und die Lektionen mit ihnen teilen, die sie Gott im Leiden g
elehrt hat. Sie wiederum werden nach dem Trost des Wortes hungern, nachdem sie s
o lange ohne Bibeln und ohne biblische Seelsorge auskommen mußten. Wir wären auß
erdem auf ihren Rat angewiesen, wie wir sieben bis achthundert Millionen Mensch
en mit dem Evangelium erreichen und die neue Lage in China erfassen können. Stür
zten wir uns mit unseren eigenen Plänen darauflos und übergingen dabei den zutie
fst verwundeten Körper Christi in China, so hieße das, den Mißerfolg heraufbesch
wören.
4. Im Austausch mit der Kirche würde uns bald klar, daß kein Gedanke daran sein
kann, einfach zur Lage vor 1948 zurückzukehren.
Das Evangelium veränderte sich nicht, aber einige Formen, die früher in der Verk
ündigung angewandt wurden, wären höchstwahrscheinlich nicht mehr annehmbar. Die
übliche Verfahrensweise und die evangelistische Umgangssprache würden das Eis be
i einer Generation, die nur Marx und Mao kennt, nicht auftauen. Ein paar Methode
n könnte man vom Kommunismus borgen, der sie ja ursprünglich vom Christentum ent
lehnte und für sich anwandte.
Man müßte auch ein Bibelverständnis übermitteln in der Art, wie Kommunisten die
Gedanken Maos einimpfen.
Bei einem Zusammentreffen mit einigen Führern der China-Inland Mission in Schang
hai im Jahre 1951 wurde Watchman Nee, der von einigen Kollegen begleitet wurde,
gefragt, in welcher Funktion wir nach China zurückkehren sollten, falls sich die
Tore jemals wieder öffneten. Darauf antwortete er: "Als lehrende Alteste in uns
eren Kirchen!" Er erklärte, die Evangelisierung würde am besten von den Chinesen
selbst unternomrnen. Aber das Lehren der Bibel in den Kirchen sei ein Amt, für
das uns unsere Erfahrung und jüngerschaft ausgerüstet habe. Die Beschaffung von
Literatur und Rundfunkseiiduti"cn wäre von großer Bedeutung, soweit sie erlaubt
würden, aber auch sie müßten den Bedürfnissen und dem Charakter des neuen China
entsprechen.
5. Es ist wichtig, die kommunistische Ideologie zu verstehen, damit wir das Evan
gelium entsprechend kraftvoll verkündigen können. Evangellsten sind manchmal der
Meinung, das Predigen des Evangeliums bestehe nur in der Wiederholung bestimmte
r Lehren über Gott, Mensch, Sünde, Kreuz, Glaube, Himmel und Hölle (und das für
gewöhnlich in der abendländischen Denkweise). Für Moslems, Buddhisten oder Hindu
s scheinen wir dasselbe Thema zu haben wie sie, nur daß sie es in östlicher Form
tun. Oder sie empfinden es als seltsames Märchen einer fremden Religion: intere
ssant, aber nicht annähernd so befriedigend wie die ihrige. Eine Verkündigung un
ter dem Kommunismus wäre mit ähnlichen Problemen verbunden. Er befaßt sich mit d
ieser Welt, nicht mit der zukünftigen, mit Armut, Hunger und Ungerechtigkeit, ni
cht mit der Sünde, mit dem Körper und nicht mit der Seele.
Bei einer Konferenz, die vor einiger Zeit in Malaya stattfand, enthüllte die Gru
ppendiskussion unter jungen chinesischen Christen, wie wenig sie über das Zeugni
s gegenüber Andersgläubigen in ihrem eigenen Land wußten. Es ist daher ein viel
eingehenderes Studium des Kommunismus notwendig als nur über die Grundzüge, die
im 4. und 5. Kapitel dieses Buches beschrieben sind. Erst dann kann man die Fehl
er und wunden Punkte des Marxismus richtig einschätzen.
Der Christ muß auf Debatten, Zwiegespräche und Diskussionen vorbereitet sein, we
nn er diejenigen überzeugen will, die der christlichen Wahrheit gegenüber vorein
genommen sind. Aber sind wir auf all diese Anforderungen verstandesmäßig und gei
stlich vorbereitet? Eine rein negative antikommunistische Einstellung würde nur
Widerspruch hervorrufen und das Ziel verfehlen, die harten Herzen und verfinster
ten Gedanken dem Evangelium zugänglich zu machen.
Mitglieder des Kampftrupps müssen nicht nur in der christlichen Apologetik und d
er marxistischen Dialektik Bescheid wissen, sondern es müssen auch vom Geist Got
tes erfüllte Männer und Frauen sein, wenn sie es mit den chinesischen Massen, de
ren Gedanken vom Kommunismus erfüllt sind, aufnehmen wollen.
6. Es ist wichtig, nicht nur halbe Wahrheiten und zweifelhafte Behauptungen zu v
erbreiten, wie es in der Vergangenheit verschiedentlich der Fall war, sondern di
e positive Gewißheit des christlichen Glaubens zu verkünden.
Es wäre verheerend, brächten wir die theologischen Zweifel und gegenwärtigen ver
schleierten Theorien, die unsere westlichen Kirchen plagen und sowohl die Kirche
nstühle als auch die Kanzeln leerfegen.
Um gegen die eindeutigen Behauptungen und die tiefe überzeugung der Marxisten an
zukommen, müssen die Christen eine eindeutige, maßgebende, kompromißlose biblisc
he Botschaft verkündigen. Christlicher Liberalismus bietet der Welt, ganz besond
ers der kommunistischen, eine völlig unzulängliche Botschaft. Wir müssen zeigen,
daß Gott lebendig und nicht tot ist. Christus muß als der Herr der Welt und als
einziger Retter der Menschheit verkündet werden.
7. Unter Jugendlichen wäre es ratsam, kleine Gruppen oder zellenartige Zusammenk
ünfte zu bilden, wie es ihnen von den Kommunisten her vertraut ist.
Schon bevor der Kommunismus in China an die Macht kam, übten christliche Student
en in Peking eine seiner Verfahrensweisen. Einige ihrer Führer pflegten Zusammen
künfte, in denen von allen eine aufrichtige selbstkritische Beteiligung geforder
t wurde. Solange man die Gefahren kennt, kann man diese typische kommunistische
Übung mit Gewinn praktizieren, um eine enge Gemeinschaft unter den Christen zu s
chaffen.
Christliche Gemeinschaft muß mehr sein als nur ein Gegenstück zu der glühenden K
ameradschaft innerhalb der kommunistische Gesellschaft. Sie sollte den Charakter
der Gemeinschaft haben, die an vielen Universitäten in der Nachkriegszeit unter
christlichen Studenten zu finden war, bevor sich der Kommunismus durchsetzte.
8. Wir müßten einen einfachen Lebensstil annehmen und jede Selbstgefälligkeit me
iden.
Es ist eigentlich überflüssig zu betonen, daß Missionsausschüsse nicht versuchen
sollten, ihre früheren Grundstücke, Häuser oder Finrichtuiigen zurück zu bekomm
en. Es wäre in einer sozialistischen Gesellschaft untragbar, eine Ausnahmestellu
ng und größereii Reichtum zur Schau zu tragen oder sich gar dem Luxus hinzugeben
und auf Erleichterungen zu bestehen. Diejenigen, die hlissionsarbeit in kommuni
stischen Ländern tun wollen, inüßten darauf vorbereitet sein, die Unterkunft und
die Bedingungen anzunehmen, für die die einheimischen Kirchen gesorgt haben.Es
istnötig,daß siemitspartanischereinfachheitzufriedell sind und ein enges Verhält
nis zu der Bevölkerung suchen.
9. Es wäre ratsam, daß Missionare so wie der Apostel Paulus ihren Unterhalt selb
st verdienen würden.
Die bisherige Vorstellung der Eingeborenen über Missionare ist oft nicht gerade
schmeichelhaft: wohlhabend, verhältnismäßig müßig, ziemlich überlegen und zurück
haltend und nicht gewillt, ihre Hände an Dingen schmutzig zu machen, für die Die
ner angestellt waren.
Diejenigen, die nach China zurückkehrten, müßten das Predigen des Evangeliums mi
t einem praktischen Ausdruck des sozialen Interesses an der Entwicklung einer Ge
sellschaft verbinden. Missionskrankenhäuser gehören der Vergangenheit an, aber A
rzte und Schwestern könnten in China in staatlichen Einrichtungen arbeiten. Miss
ionsschulen oder Universitäten gibt es nicht mehr, aber Lehrer, Landwirtschaftse
xperten, Ingenieure, Sozialarbeiter und Universitätslektoren könnten in Regierun
gsinst »tutionen willkommen sein.
Eines ist sicher: Christen der Zukunft müssen klüger als Schlangen und argloser
als Tauben sein.
10. Diejenigen, die auf eine Rückkehr nach China hoffen, müssen nicht nur auf ih
re Arbeit vorbereitet sein, sondern auch auf jedes Opfer.
Ein Aufsatz von Herbert Kane, »Der Konflikt ist unvermeidlich«, besagt unter and
erem: Die christliche Kirche muß darauf vorbereitet sein, die Kommunisten mit ih
ren eigenen Waffen zu schlagen, sie zu übertreffen, noch wagemutiger zu sein, si
e zu überleben und wenn nötig auch noch zu übersterben'!"
Am 150. Jahrestag der Bibelgesellschaft hielt Professor James Stewart von Edinbu
rgh vor der Königin und Prinz Philipp in der Westminster Abbey den Festgottesdie
nst. Sein Thema anläßlich dieses großen Ereignisses war, daß in Anbetracht der g
egenwärtigen heidnischen Bedrohung der Welt das entkräftete, formelle, tradition
elle heutige Christentum nutzlos sei. Man könne den antichristlichen Kräften nur
durch die Macht des Wortes Gottes begegnen und durch Christen, die an seine Wah
rheit glaubten. Diese müßten davon völlig überzeugt sein und bere' t, notfalls f
ür ihren Glauben zu sterben.
Solche Männer und Frauen brauchen wir, um dem Kommunismus die Botschaft von Chri
stus wirkungsvoll entgegenzusetzen. Sie könnten auch nadi China zurückkehren, in
ein China, das seine alten Fundamente zerstörte und dann herausfand, daß der at
heistische Kommunismus nichts bieten kann. Nichts, das die leeren Herzen der Men
schen befriedigen und den Hohlraum ausfüllen könnte, den der Kommunismus selbst
geschaffen hat. Die Chinesen sind wie wir von Gott geschaffen und auf Gott angel
egt. Wenn sie das wüßten, so würden sie in den Ruf ausbrechen:
Du, o Christus, bist alles, was ich will;
mehr als alles finde ich in dir!

10. KAPITEL
DER KOMMUNISMUS - HERAUSFORDERUNG AN DIE CHRISTENHEIT

In einem der vorausgehenden Kapitel versuchten wir zu beweisen, daß der Kommunis
mus eine Pseudoreligion, eine ausgeklügelte Fälschung des Christentums ist. Er t
rägt viele Grundzüge der ersten Gemeinde, die längst aus dem modernen Christentu
m verschwunden sind. Vielleicht ist das Ausmaß des Erfolgs der kommunistischen B
ewegung während der letzten fünfzig Jahre der Maßstab für das Versagen der Kirch
e. Trotz des Risikos, einiges zu wiederholen, könnte eine Betrachtung der versch
iedenen Arten, auf die der Kommunismus eine Herausforderung an die Christenheit
darstellt, dazu dienen, das Thema zusammenzufassen.
Die Herausforderung seines Idealismus
Die treibende Kraft des Kommunismus ist der brennende Haß gegen die derzeitigen
Verhältnisse der Welt und der große Glaube, die vollkommene Gesellschaft sei ein
erreichbares Ideal. Der wahre Kommunismus tritt leidenschaftlich für soziale Ge
rechtigkeit ein. Und er wird in seiner Gewißheit durch seinen Glauben an ein nat
ürliches Gesetz bestärkt, das den Menschen unausweichlich auf sein utopisches Zi
el zutreibt. Es ist das Gesetz des dialektischen Materialismus oder des wirtscha
ftlichen Determinismus.
Von dieser utopischen Ära erwartet er vollkommene Gerechtigkeit, das Ende des au
freibenden Klassenkampfes, die Ausschaltung des Krieges, volle Genüge für alle,
die Enthüllung der letzten Naturgeheimnisse, den endgültigen Sieg über Zerfallse
rscheinungen, die Vervollkommnung der menschlichen Natur und den Verzicht auf Po
lizei und jede Art des Zwangs. Dieser Plan wirkt besonders anziehend auf Mensche
n, die unter schlechten Regierungen, korrupten Beamten und ungerechten wirtschaf
tlichen Systemen leiden.
Aber weshalb hat die Welt nichts vom christlichen Ziel, von der Herrschaft Chris
ti auf Erden erfahren? Weil die Christen nur zur Hälfte daran glauben? Warum lie
ßen wir es zu, daß uns die Zeugen Jehovas den Wind aus den Segeln nahmen? Jesaja
und die anderen Propheten schilderten das Nahen des Reiches Gottes in glühenden
Worten. Der Apostel Paulus sah einen »neuen Himmel und eine neue Erde, auf der
Gerechtigkeit wohnt«. Und unser Herr lehrte uns zu beten: »Dein Reich komme, dei
n Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden!«
Fordert uns nicht der Kommunismus dazu heraus, klarer über die persönliche Rückk
ehr Christi und über das Reich zu sprechen, das er auf Erden errichten wird?
Die Herausforderung seiner Dynamik
Ein Vertreter eines bekannten britischen Chemiebetriebs, der Christ ist, gehörte
einer Gruppe an, die Peking 1966 geschäftlich besuchte. Er war zutiefst beeindr
uckt, ja fast erschrocken über diese Nation, die vor ungeheurer Aktivität und st
arkem Orientierungsvermögen überschäumte. Die Leute arbeiteten mit Begeisterung,
weil sie zu wissen glaubten, wohin sie gehen. Es gelang China, der früheren Sch
mach der Rückständigkeit ein Ende zu setzen, und es machte innerhalb von zwanzig
Jahren riesige materielle Fortschritte.
Trotz häufiger Fehler und schwerwiegender Rückschläge kam der Fortschritt nicht
zum Stillstand, und wir alle können die Beweise dafür sehen. Unter einer dynamis
chen Führung mit erstaunlichen organisatorischen Fähigkeiten krempelt das chines
ische Volk sein eigenes Land in jeder Hinsicht um. Wirtschaftlich gesehen holt e
s den übrigen Ländern gegenüber rapide auf. Ein Ziel, das es sich gesetzt hat, i
st, bis 1975 die Stahlproduktion Großbritanniens übertroffen zu haben. Experten
sind der Ansicht, daß China mit seiner riesigen Bevölkerung, seiner großen Gesch
icklichkeit und seinen ungeheuren Bodenschätzen lange vor Ende des Jahrhunderts
der größte Exporteur der Welt sein wird.
Die heutigen Christen sind kaum diejenigen, die die Welt auf den Kopf stellen. V
on den Kommunisten kann man das wohl behaupten. Nicht als könnten wir unsere Hin
gabe an Christi Sache am Eifer der Kommunisten entzünden. Der Christ muß vom Kom
munismus nichts lernen. Aber das verfallene, orthodoxe Christentum, das dem Chri
stentum des Neuen Testaments kaum ähnelt, muß sich mit der Herausforderung des k
riegerischen Kommunismus auseinandersetzen. Und das Christentum tut wohl daran,
dieser Herausforderung zu begegnen und sie anzunehmen.
Die Herausforderung seines Materialismus
Diese Welt ist die einzige, die existiert, behauptet der Marxist. Der Mensch ist
ein Körper ohne Seele. Der Tod ist das Ende. Daher sind die Bedürfnisse des Men
schen auf seine körperlichen, sozialen und kulturellen Erfordernisse begrenzt, a
uf Nahrung, Geschlechtlichkeit, ein Haus, Arbeit und lohnende Freizeit. Stille d
iese Bedürfnisse, so stillst du alle Forderungen des Menschen. Der Mensch lebt a
llein vom Brot.
Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, was es für einen Christen bedeutet, in e
iner solchen Atmosphäre zu leben und zu wissen, daß der Mensch doch nicht vom Br
ot allein lebt, daß er und alle seine Mitmenschen unsterbliche Seelen haben, für
deren Errettung Christus gestorben ist. Andere um ihn her vertrauen auf das Sic
htbare. Er richtet seine Aufmerksamkeit auf die unsichtbaren, ewigen Dinge. Es i
st daher äußerst schwierig, in einer materiellen, atheistischen Gesellschaft am
christlichen Glauben festzuhalten.
In Deutschland scheint die größte Herausforderung die zu sein, daß die Mehrheit
unserer Bevölkerung, wenn auch nicht aus theoretischen oder philosophischen, so
doch aus praktischen Materialisten besteht. Gott ist keine Wirklichkeit. Die See
le zählt anscheinend nicht. Das Wichtigste ist für uns Nahrung, Sex, ein Haus, A
rbeit und Freizeit, mit der jeder anfangen kann, was er will.
Die Gefahr liegt darin, daß wir unsere erste Verteidigungslinie gegen den Kommun
ismus preisgaben, als wir den Materialismus als Lebensweise annahmen. Wenn sich
nun herausstellt, daß eine sozialistische (kommunistische) Regierung unser mater
ielles Leben besser in die Hand nehmen kann als jedes andere System, warum lasse
n wir es dann nicht zu? Im Gegensatz zu den Christen haben die Humanisten keine
Bedenken gegen den Kommunismus, was Religion betrifft, auch wenn sie sich vor se
iner Tyrannei fürchten.
Die Herausforderung an die Christen ist deshalb, in ihrem Leben deutlich zum Aus
druck zu bringen, daß ihr Hauptanliegen nicht wie das ihrer Nachbarn und Kollege
n der materielle Wohlstand ist. Die Liebe ihres Herzens richtet sich fest auf hi
mmlische und nicht auf weltliche Dinge.
Die Herausforderung seines Atheismus
Während der letzten Zeit des nationalistischen Regimes in Peking war ich in eine
Diskussion mit einer Studentengruppe der Universität Peking verwickelt. Es ging
um das Thema »Die letzte Wirklichkeit«. Für einen Christen ist es naheliegend,
mit der Antwort schnell bei der Hand zu sein, daß Gott die letzte Wirklichkeit i
st. Aber einen Kommunisten, der im materialistischen Erklären der Welt geschult
ist, überzeugt diese Antwort nicht.
Marx und die ersten kommunistischen Propheten lehnten Gott als eine Voraussetzun
g ab und bauten eine Philosophie auf seinem Nichtsein auf. Religion und Glaube w
urden sogar als eindeutiges Hindernis auf dem Weg zum kommunistischen Ziel bezei
chnet. »Die Religion ist das Opium des Volkes«, sagte Marx, das sie so betäubt,
daß man sie dazu überreden kann, den sozialen Ungerechtigkeiten völlig gleichgül
tig gegenüberzustehen und nichts zur Anderung der Lage beizutragen.
Kommunisten tolerieren die Religion daher niemals. Genauer gesagt, sie sind mili
tante Atheisten. Daher liegt ihre »letzte Wirklichkeit« nicht in der Religion un
d noch viel weniger bei Gott, sondern im dialektischen Fortschritt, der das mens
chliche Vorrücken in Richtung der vollkommenen Gesellschaft zusichert. Nach dies
er Theorie ist der Mittelpunkt des Universums nicht Gott, sondern der Mensch sel
bst.
Wie begegnet ein Christ dieser Herausforderung? Er sollte diesem philosophischen
Argument ein eigenes entgegensetzen können. In 1. Petr. 3, 15 wird uns gesagt,
wir sollten immer bereit sein, jedem, der uns fragt, eine Antwort zu geben über
die Hoffnung, die in uns ist. Aber letztlich ist diese Frage nicht geistig, sond
ern experimentell. Wie wirklich ist Gott für mich? Welcher Erfahrungen Gottes er
freue ich mich? Habe ich seine Macht in Zeiten der Not ausprobiert: im Leiden un
d in Schwierigkeiten? Ist mein religiöser Glaube mehr als eine lindernde Arznei
für mich? Erweckt mein Glaube an Gott in mir ein praktisches Interesse an meiner
Umwelt und ihren Problemen?
Die Herausforderung seines Evangeliums
Die tiefe Überzeugung, kühne Zusicherung und der brennende Haß der Kommunisten g
egen soziale und politische Mißstände und gegen die dafür verantwortlichen Perso
nen machen sie zu begeisterten Missionaren. Die »Roten Garden« gaben ein Beispie
l für die ungeheure Glut, deren die junge Generation fähig ist, wenn sie den Wer
t einer Sache spürt. Michael Brownes Eindrücke über seinen Kantonbesuch 1967 sin
d es wert, wiedergegeben zu werden:
»Mao ist Gott, die Partei die Kirche und die Kreuzzugsevangelisten diese jugendl
ichen »Roten Garden«. Die »Auszüge« ersetzen die eingegebenen Schriften, und der
Ruhm der Weltrevolution und des Weltkommunismus stellen ihren »Himmel« dar. Ung
läubige sind Revisionisten und Klassenfeinde, die normalerweise als Ungeheuer od
er Geister bezeichnet werden. Propagandamethoden haben Ähnlichkeit mit christlic
hen Kampagnen: Straßenversammlungen, Hausdienst, Traktatvertellung, Zeugnisse un
d sogar Gesangblätter ...
Im Lichte dessen, was wir in China sahen, kommen wir zu dem Schluß, daß nichts i
n dem gegenwärtigen luxusliebenden, evangelischen Christentum im Westen auch nur
entfernt an den furchterregenden Eifer herankommt, wie man ihn bei der politisc
h inspirierten Jugend Chinas findet. Wenn wir Christen nicht wenigstens eine ann
ähernde Hingabe und Überzeugung für das Evangelium aufbringen können, zu dem wir
uns bekennen, so wird unsere Botschaft wenig Eindruck bei einer Generation hint
erlassen, die sich so leidenschaftlich ihrer glühenden Bestimmung hingibt.«
Das sind harte Worte, aber wer könnte ihre Richtigkeit anfechten?
Die Herausforderung seiner Sittenstrenge
Die kommunistische Ethik ist sachlich. Der Kommunist glaubt nicht an ein ewiges,
unveränderliches moralisches Gesetz. Seine Vorstellungen von falsch und richtig
sind völlig relativ. Da die Ethik einer bestimmten Ära die Widerspiegelung eine
s Stadiums des wirtschaftlichen Fortschritts darstellt, folgt daraus, daß sich d
er ethische Standard von Zeitalter zu Zeitalter verändert.
Im wesentlichen ist das richtig, was die Sache der kommunistischen Revolution fö
rdert, und alles andere ist falsch. Das mag in manchen Fällen die Anwendung von
Täuschung, Lüge, Grausamkeit, Mord und Quälerei rechtfertigen, aber nur, soweit
dies dem angestrebten Ziel dient. Unter anderen Umständen werden diese Dinge als
böse betrachtet, vor allem, wenn sie den Fortschritt des Sozialismus in Richtun
g auf sein Ziel behindern.
Die Kommunisten können in Wirklichkeit in ihren Ansichten sehr puritanisch sein,
und sie sind es auch. Prostitution, Glücksspiel und leichter Diebstahl waren z.
B. die ersten Angriffsziele des neuen Regimes. In erstaunlich kurzer Zeit versc
hwanden das berüchtigte organisierte Verbrechertum und das Glücksspielgewerbe au
s Schanghai. Derartige "bourgeoisistischen" Mißstände wie sexueller Partnerausta
usch, Scheidung und Jugendkriminalität werden mit Verachtung betrachtet.
1967 stellte Rev. Jan Thomson fest »Im Verlauf der drei ausgefüllten Wochen unte
r Tausenden von Menschen und unter verschiedenen Umständen erlebte ich keinen ei
nzigen Vorfall von Unanständigkeit oder etwas, das einen in Verlegenheit hätte b
ringen können. In dieser Hinsicht ist China eine gesund eingestellte moralische
Gesellschaft. Die Jugend ist mit der Revolution beschäftigt und ihr einziger, br
ennender Wunsch, dem Volke zu dienen, steht in bemerkenswertem Kontrast zu den S
chlagzeilen der Zeitungen über Love in in England und Miniröcke in Moskau, was b
eides die Chinesen in ihrer Annahme über den Zerfall der Zielbewußtheit des West
ens bestätigt haben würde.«
Die Kulturrevolution zielte darauf ab, die Gesellschaft von schlechten Angewohnh
eiten und von falschen Denkweisen zu säubern. Die alte marxistisclie Theorie arg
umentierte immer, es sei möglich, die menschliche Natur zu verändern, indem man
die Umgebung des Menschen ändert, da das Böse einer falsch geordneten Gesellscha
ft entspringt. Und weil der Kapitalismus die Wurzel alles menschlichen Übels ist
, wird dieses Übel mit der Zerstörung des kapitalistischen Systems verschwinden.
Eine kapitalistische Gesellschaft, so behaupten sie, ermutigt den Egoismus, woh
ingegen eine sozialistische Gesellschaft (einer für alle und alle für einen) zur
Selbstlosigkeit erzieht. In der endgültigen, vollkommenen sozialistischen Welt
wird der Mensch seine Ichbezogenheit ablegen, und der vollkommene sozialistische
Mensch wird schließlich die ideale, glückliche Gesellschaft zur Wirklichkeit ma
chen.
Ein Traum, aber auch eine ungeheure Herausforderung an die christliche Gesellsch
aft, die revolutionäre Macht der selbstlosen Liebe Christi in allen menschlichen
Beziehungen und in praktischen Versuchen, die menschlichen Probleme in Angriff
zu nehmen, die die Sünde aufgeworfen hat, zu beweisen. Nur dann wird sich ein Ko
mmunist überzeugen lassen, daß das Christentum tatsächlich funktioniert. »Daran
wird jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander h
abt« (Joh. 13, 35).
Die Herausforderung seines Nationalismus
Ein Student des Polytechnikums Woolwich forderte mich vor einiger Zeit im Verlau
f einer Vorlesung über »Das China heute« heraus, die Unrichtigkeit der Vorwürfe
zu beweisen, das Christentum und der Imperialismus steckten unter einer Decke.
Es ist unmöglich, das Gegenteil dessen zu beweisen, was in Afrika so offenkundig
der Fall war. Dort waren die Missionen sehr oft Handlanger der Kolonialregierun
gen, deren großzügige Unterstützung von Anfang an Missionsschulen und Krankenhäu
ser unterhielt. Für die Missionen in China ließen sich bessere Argumente vorbrin
gen, weil dort keine Regierungen aus dem Ausland christliche Einrichtungen finan
zierten. Aber der Schmutz klebt den Missionen immer noch an, und vieles muß noch
überwunden werden.
Die Herausforderung an die Missionen lautet hier eindeutig, die einheimischen Ki
rchen völlig unbeeinflußt zu lassen; sowohl in Verwaltungs als auch in Finanzan
gelegenheiten eine frühere, väterlich herablassende Haltung zu meiden und eine n
eue Annäherung an die nationalen Kirchen der Welt zu suchen, indem wir ihnen uns
ere Kenntnis und Erfahrung und unseren demütigen Dienst anbieten.
In China wird sich die Kirche nie wieder vom Ausland kontrollieren lassen. In Af
rika ist es höchste Zeit, darauf zu bestehen, daß die ausländische Kontrolle sof
ort aufhören muß, wenn in diesem Land das wahre Christentum überleben soll. West
liche Muster und Traditionen müssen verschwinden. Indien und Japan sollten sehr
wohl in der Lage sein, ihre eigene biblische und doch asiatische Form der Theolo
gie zu finden.
Die chinesische Kirche hat vielleicht damit begonnen, eine neue Ausdrucksweise d
es unveränderlichen Evangeliums zu prägen, die der dynamischen sozialistischen G
esellschaft entspricht. Könnten andere Chinesen, Asiaten und Angehörige des West
ens, wenn sie das Vorrecht bekämen, die chinesische Kirche in ihrem Vorhaben, da
s Evangelium zu verbreiten, zu unterstützen, sich selbst von der traditionellen,
westlich orientierten Form des Christentums befreien, die an eine fremde Kultur
gebunden ist? Könnten sie die Kirche in China wiederaufbauen helfen, die nicht
länger eine »fremde Religion« vertreten soll, sondern tief im Leben, dem Boden u
nd der Kultur Chinas verwurzelt Ist und dem chinesischen Volk die tiefe Befriedi
gung anbietet, die es in den materialistischen Antworten des Kommunismus nicht f
inden kann?

11. KAPITEL
KONFRONTATION
Präsident Sukarno aus Indonesien mag zwar das "Konfrontasi" geprägt haben, um se
ine ablehnende Haltung gegenüber dem neuen Staat Malaysia auszudrücken, aber der
Gedanke stammte nicht von ihm.
In Offenbarung 12 verfolgt Satan eine Konfrontationspolltik der Kirche Jesu Chri
sti gegenüber. Dies ist das Thema der ganzen Offenbarung, ja sogar der ganzen me
nschlichen Geschichte seit dem Sündenfall. Aber hier werden die beiden Wunder be
schrieben: die Frau, die ein Kind gebiert, und der Drache, der seine Vernichtung
sucht. Das Kind ist Christus, der eines Tages die Völker regieren wird (Vers 5)
, aber das Kind ist auch die Kirche. Ebenso wie Satan das Kind Jesus kurz nach s
einer Geburt vernichten wollte, so versuchte er auch wie es die Apostelgeschic
hte beschreibt , die Gemeinde kurz nach ihrer Geburt an Pfingsten durch heftige
Verfolgung zu zerstören.
In der ganzen heutigen Welt und am deutlichsten in China - steht der große rot
e Drache der Kirche Christi feindlich gegenüber. Der anhaltende Krieg eilt seine
m Höhepunkt zu (Vers 7). Satan, der Betrüger, der die Menschen mit seinen trüger
ischen Ideologien und attraktiven Kulten verwirrte, wurde auf die Erde geworfen
als ein besiegter Widersacher (Vers 9 10). Er ist von tiefem Haß erfüllt, weil e
r weiß, daß ihm nur noch kurze Zeit bleibt (Vers 12), und er dehnt seine Verfolg
ung aus (Vers 13).
Zeiten zunehmender Bedrängnisse nahen. »Wehe den Bewohnern der Erde ...« (Vers
12). Aber dies ist die Stunde des Sieges für die Gemeinde: »Nun ist das Heil un
d die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus«
(Vers 10). Das Blut des Lammes und das Wort unseres Zeugnisses werden uns den S
ieg bringen unter der Bedingung: » ...sie haben ihr Leben nicht geliebt bis in d
en Tod« (Vers 11).
In dem, was sich als Schicksalsstunde der Weltgeschichte herausstellen mag, sieh
t Gott nach denen, die bereit sind, wenn nötig das höchste Opfer darzubringen, n
ach Männern und Frauen, die frei von jeder Selbstliebe und voller Liebe zu Jesus
Christus darauf vorbereitet sind, ihm zu gehorchen, koste es, was es wolle.
Hat die Gemeinde in China überlebt?
1950 gab es in China 11470 örtliche Gemeinden, mehr als 7500 evangelistische Zen
tren, über eine Million getaufter, protestantischer Christen, mehr als zweitause
nd ordinierte chinesische Pastoren und über 10500 Evangelisten. Achtundvierzig t
heologische Universitäten und einundzwanzig Bibelschulen unterrichteten Tausende
von Studenten. Außerdem gab es noch achtzehn christliche Universitäten und Hoch
schulen und über siebzig christliche Krankenhäuser.
Ist heute noch etwas davon übrig? Besaß die Kirche irgendwelche dauerhaften Eige
nschaften? Wie überall in der bekennenden Kirche, ist dies verschieden zu beantw
orten. Es gab einerseits viel Formales. Und der Nominalismus war allzusehr verbr
eitet. Liberalismus und moderne Theologie hatten das Fundament weitgehend unterg
raben. Aber dort, wo die Kirche fest auf eine biblische Theologie gegründet war,
zeichnete sie sich aus durch aufrichtige Hingabe, den Geist des Gebets, die Lie
be zur Bibel, den Willen, ein aufopferungsvolles Leben zu führen, den Evangelisa
tionseifer, durch die herzliche christliche Gemeinschaft, durch eine auf den Gei
st ausgerichtete Führung, durch die ungewöhnliche Fähigkeit, die Schrift auszule
gen, und die leidenschaftliche Hingabe an Jesus Christus.
Ich werde die wenigen Jahre in Peking, die ich mit Studenten vor der kommunistis
chen Übernahme verbrachte, niemals vergessen. Die angeführten Eigenschaften kame
n am deutlichsten unter diesen begeisterten jungen Leuten zum Ausdruck. Es waren
ungefähr zweihundert, die gut wußten, was ihnen die Zukunft brachte.
Charles C. West vom ökumenischen Institut Bossey, Schweiz, verglich sie mit ande
ren Studentenorganisationen in seinem Buch Das christliche Zeugnis im kommunisti
schen China: »Der christliche Liberalismus verwandelte sich allzuleicht in einen
christlich kommunistischen Liberalismus in China. Der christliche Liberalismus
versäumte es, die Tiefe der Sünde und daher die Notwendigkeit der persönlichen E
rrettung, der Demut und der Grenzen der sozialen Macht zu erkennen.
Heute ist das kraftvollste christliche Leben in Peking nicht in den Kirchen, son
dern in den von Universitäten organisierten Studentengruppen und Religionsgemein
schaften zu finden.«
Die gesamte Kirche Chinas konnte in groben Zügen wie folgt unterteilt werden: Li
beralismus mit einer fast fehlenden Botschaft der Erlösung und Evangelismus mit
Bibeltheologie und einer mächtigen, klaren Botschaft über Sünde und Gottes Antwo
rt darauf in der Erlösung Christi.
Hat die »geistliche Partei« (der beleidigende Beiname, der den Evangelischen geg
eben wird) überlebt, trotz Gefangenschaft, Verfolgung (nicht zuletzt durch ihre
Mitchristen), Verbannung in Arbeitslager, Arbeitsverlust, Zerstörung der Bibeln,
Schließung der Gotteshäuser und systematischer Umschulung, die ihren Glauben un
tergraben und zerstören sollte? Gegenwärtig kann auf diese Frage keine vollständ
ige Antwort gegeben werden. Aber aus dem dünnen Strom der Briefe, die die Außenw
elt erreichten, bietet sich uns der Eindruck, daß es in China einen Überrest gib
t mit einem starken Glauben, der bis ans Ende beharren wird und geläutert aus de
m Feuer kommen und seine wichtige Rolle übernehmen wird in der zukünftigen Gesch
ichte der Kirche.
Briefe aus China
1960 zog es eine große Anzahl Chinesen, die in Indonesien unterdrückt wurde, vor
, nach China zurückzukehren. Einige schrieben über ihre Erfahrungen:
Hainan 1961
"Geliebte Brüder und Schwestern in dem Herrn!
Gnade und Frieden von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Gerad
e bin ich aus Indonesien angekommen, aber hier gibt es keinen Ort, um Gott zu ve
rehren und seinen Namen zu rühmen. Mein geistliches Leben ist sehr schwach. Bete
t für uns, daß wir einen Weg finden, um an einen Ort zurückzukehren, an dem sich
eine Kirche befindet, in der die Botschaft des teuren Blutes Christi verkündet
wird und wir wieder hören können, daß der Mensch vom Tode zum Leben erlöst wurde
, und daß wir sehen, daß Gott sich um uns kümmert ... Das ist meine Hoffnung. Em
manuel!"
Peking 1961
Lieber Pastor!
Obwohl ich in Indonesien ein guter Student war, fiel ich bei der Aufnahmeprüfung
für die Universität hier durch, weil ich nicht genügend »fortschrittlich« bin u
nd immer noch religiöse Gedanken habe. Jetzt weiß ich, daß Sie recht hatten, als
Sie mich warnten, nach China zu gehen, aber jetzt kann ich nicht mehr fort. Als
wir in Tientsin in die Kirche gingen, weinte der Pfarrer, als er uns hereinkomm
en sah. Es waren außer uns nur ein paar alte Frauen anwesend."
Peking 1964
»Lieber Bruder Te hsing!
Ich war vor Freude überwältigt, als ich Deinen Brief erhielt. Es sind nun schon
fast vier Jahre her, seit ich Indonesien verließ. Ich kenne jedoch ein wenig Dei
ne Lage und weiß, daß wir durch die große Liebe des Herrn und ein geistliches Le
ben verbunden sind. Aus der Ferne wünsche ich Dir seinen ewigen Frieden, geistli
chen Segen und Erneuerung und eine größere Liebe zum Herrn.
Diejenigen, die in dieses Land zurückkehrten, haben sich sehr verändert. Einige
wandten sogar dem Herrn und seiner Wahrheit den Rücken. Darüber bin ich zutiefst
traurig. Aber es gibt auch eine kleine Gruppe in meiner Umgebung, die immer noc
h stark und tapfer für den Herrn eintritt und ihm weiter nachfolgt. Durch ihren
Glauben sind sie siegreich.
Letzten Sommer war ich in Schanghai und besuchte drei Kirchen. Die Lage in den K
irchen ist dort zufriedenstellender als in den Kirchen von Peking. Die Internati
onale Kirche hatte einen Chor von zwanzig Leuten. Es ist möglich, daß im ganzen
Land nur noch zwei Kirchenchöre existieren. Ja, wir liebten es, den Chor singen
zu hören, und wir lauschten mit tiefer Ergriffenheit.
Was meine Schule anbetrifft, bin ich sehr zufrieden mit den Bedingungen hier. Ob
wohl mein Studium viel Zeit benötigt, kann ich doch jeden Tag beten und meine Bi
bel lesen und manchmal auch zur Kirche gehen. Ich gehe fröhlich und willig auf d
er Straße nach Golgatha und trage mein Kreuz für ihn. Nur diese Art des Lebens i
st völlig befriedigend und nicht vergeblich. Ich danke Gott auch für seine Macht
und seinen Schutz, als er mich davor bewahrte, dem Kommunistischen Jugend-Korps
beizutreten. Ich kenne den Grund dafür. Denn wäre ich beigetreten, so hätte das
bedeutet, daß ich öffentlich meinen Herrn vor den anderen hätte verleugnen müss
en. - Bitte bete für diesen schwachen Bruder. Emmanuel!«
Briefe aus der Zeit der Sozialistischen Erziehungsbewegung
Nanking 1965
»Neulich schaltete ich ein Radiogerät ein. Eines Tages hörte ich zufällig eine P
redigtsendung ... Aus bestimmten Gründen nahm ich seit einigen Jahren an keinen
Versammlungen mehr teil. Ich sehne mich aber nach der Botschaft und der Predigt
des Evangeliums, wie ich sie im Rundfunk hören kann. Für gewöhnlich lese ich nur
die Bibel und bete zu Hause. Ich gehöre aktiv keiner Gruppe an. Aber in meinem
Herzen ist ein großes Bedürfnis nach Gemeinschaft mit anderen Brüdern und Schwes
tern.«
Yunnan 1965
»Zuerst möchte ich Dich grüßen. Ich danke Gott für seine treuen Diener, die tägl
ich durch das rettende Evangelium die Nachricht der großen Liebe Gottes, seiner
Gnade, Macht und Tat für die verlorenen Menschen senden. In diesei Zeit der sich
verdunkelnden Nacht und des nahenden Tages, in der die Herzen der Menschen von
Sünde und Schmerzen erfüllt sind, ist es erfrischend, Gottes Wort und Evangelium
slieder hören zu können. Wie tröstend das doch ist! Ich hoffe, daß das Wort Gott
es immer in die Welt ausgestrahlt werden kann und wie ein Regen auf das ausgedor
rte Leben der Menschen wirkt, damit sie beständig den Berg Zion im Auge behalten
. Amen!«
Briefe aus der Zeit der Kulturrevolution
Yunnan 1966
»Liebe Tante!
Vater schrieb in seinem Brief, daß Du ein paar Weihnachtskarten an mich geschrie
ben hättest, die er aber nicht abzuschicken wagte, da die vom letzten Jahr besch
lagnahmt wurden. Das macht nichts. Gottes Wort ist in unseren Herzen, und nieman
d kann es beschlagnahmen. Wir werden ihm immer in seinen Fußtapfen folgen. Bitte
, liebe Tante, sei nicht traurig darüber.
Hattest Du ein schönes Weihnachtsfest? Ich feierte in meinem Herzen. Einen Tag v
orher ging ich in die Berge und pflückte etwas Löwengras. Damit schmückte ich me
ine kleine Wohnung. Und ich sang die Weihnachtslieder, die wir zu singen pflegte
n, als ich noch klein war, und rief mir alle Weihnachten, die Du mit uns feierte
st, ins Gedächtnis zurück.
Nun habe ich noch eine gute Nachricht für Dich. Als ich einmal das Radio einscha
ltete, hörte ich zufällig eine Evangeliumssendung aus dem Ausland: Gesang, Gebet
und Schriftlesung ... Nur konnte ich nicht lange zuhören, und ich verstand auch
die fremde Sprache nicht. In der Stadt, in der ich lebe, wohnt eine Frau, die w
irklich gläubig ist und in ihrem Haus Zeugnis gibt. Ich gehe immer dorthin, und
sie ermutigt mich sehr. Jedesmal wenn wir uns sehen, halten wir zusammen eine ku
rze Andacht. Ihre ganze Familie ist gläubig. Möge der Herr dieser winzigen Kirch
e seinen Segen geben und sie ein kleines Licht in dieser Welt sein lassen! Fried
e sei mir dir ... «
Aus einem Arbeitslager 1966
»Schwester in S. geht es gar nicht gut. Sie hat große Schwierigkeiten, die schwe
re Last der ganzen Familie auf ihren Schultern zu tragen. Das Gefühl, daß ihr Ma
nn von zu Hause fort ist, plagt sie am allermeisten. Sie sind wie Waisen und Wit
wen vor Gott. Wir sollten viel für sie beten, daß ihnen Kraft gegeben wird, stan
dhaft zu sein. Aber schreibe ihr bitte nicht. Es könnte ihr Leiden nur noch vert
iefen. Ich weiß nicht, wann ich wieder mit meiner Familie vereint sein werde. Al
les liegt in Gottes Hand.«
Aus einem Gefängnis 1967
»Es geht mir gut, und ich bin glücklich. Bitte, seid guten Mutes. Meine Gefühle
sind dieselben wie die Deinigen. Du mußt sehr froh sein, das zu hören. Alle Ding
e greifen ineinander zum Guten. Sei guten Mutes! Ich bin mehr wert als die Spatz
en.«
Kanton Januar 1968
»Vielen Dank für Ihren Brief und den Kalender. Darf ich Sie etwas fragen? Ich wu
rde 1966 getauft und wurde Christ. Aber ich war in keiner Kirche mehr, seit ich
Indonesien verließ, weil alle Kirchen geschlossen sind. Stimmt das, daß mich Chr
istus verlassen hat? Diese Frage ängstigt mich, denn die gegenwärtigen Umstände
treiben mich immer wieder dazu, zu sündigen.«
Januar 1968
»Ihr Brief und der schöne, bedeutungsvolle Kalender kamen sicher an. Nachdem wir
beides angeschaut hatten, empfanden wir Freude und Trost wie beim Hören des Wor
tes Gottes. Dieser Brief brachte tiefe Gemeinschaft, traurige Erinnerungen und h
erzliche Gefühle. Ich kann Ihnen nicht genug danken für die Hinweise. Ich kam er
st 1962 zum wahren Glauben an den Herrn, nachdem mich die Wahrheit dazu bewegt h
atte. Ich bin noch jung und weiß nur wenig über den Weg und die Wahrheit . . . I
ch brachte 1966 die Mittelschule hinter mich, aber die Schule wurde für ein Jahr
geschlossen. Ich fühle mich traurig und bedrückt.«
April 1968
»Wenn immer ich sehr bedrückt bin und mein Herz verwirrt ist, erquicken mich die
Stimme und der Ruf Gottes immer wieder. Er hilft mir, die Grundsätze zu versteh
en, die mir nicht klar sind, und gibt mir auch ein besseres Verständnis der Welt
um mich her. Ich glaube, es gibt auf der Welt zu viel Sünde, und Gott warnt uns
...«
Mai 1968
»Ich sammle Weihnachtsbriefmarken. Bitte schicke mir den neuesten neuseeländisch
en Satz. Immer, wenn ich an all unsere Brüder und Schwestern denke, fühle ich mi
ch sehr froh. Seit 1964 konnten wir keine Bibel mehr lesen. Die meisten Bibeln w
urden verbrannt. Denkst Du nicht auch, daß dies ein Jammer ist? Die Zeit ist vor
bei. Ich bete immer. Ein Student.«
Mai 1968
»Der Brief kam schon vor langer Zeit an. Aus verschiedenen Gründen habe ich bis
heute nicht geantwortet. Viele Grüße an Deine Familie. Bitte erzähle den Leuten
von unserer Lage und bitte sie, zu dem Einen zu beten, der unsere Nöte kennt. Da
nkt auch dafür, daß der Herr mir meinen Glauben, meine Liebe und meine Hoffnung
erhalten und uns bewahrt hat, als wir in großen Schwierigkeiten waren. Er führte
auch ein paar verlorene Schafe zu sich zurück, denn er hatte sie erwählt.
Was mich aber bedrückt, ist, daß es in letzter Zeit an der Harmonie fehlte. Chri
sten verleumdeten einander auch innerhalb der Familien, und es mangelte an objek
tiver Haltung, an der Großzügigkeit und der Liebe, die der Sünden Menge bedeckt.
Auch ich falle oft und begehe in meiner Schwachheit Sünden. Ich möchte Ägypten , d
en Ort der bitteren Niederlage, verlassen.
In den letzten Monaten war es tatsächlich etwas besser. Dem Herrn sei Dank, der
mich in diesen Monaten der Schwierigkeiten bewahrte. Um ehrlich zu sein, gibt es
auch unter den Christen viele, die unvorstellbar tief gesunken sind. Aber ohne
die Liebe Gottes wären sie hoffnungslos verloren.
Selbst kann ich, wenn ich meine Schwachheit sehe, nur auf den Einen trauen, der
durch das dunkle Tal dieser Welt ging, und ihm vertrauen, daß er mich durch das
Tor seiner Verheißung und Errettung bringen wird. Und ich hoffe, daß er am letzt
en Ende meine Seele aufnehmen wird.
Lieber Bruder, ich verbrachte sechsundzwanzig Jahre, und ich mußte viel bitteren
Wein trinken. Aber jetzt verstehe ich die Bedeutung des Wortes: Stellt euch nich
t dieser Welt gleich! Tief in meinem Herzen halte ich viel wichtige Lehren verbor
gen, und deshalb ist mein Herz nicht zu enttäuscht. Ich wünschte, ich könnte mit
Paulus sagen: Ich habe den guten Kampf gekämpft. Ich habe den Lauf vollendet Al
les liegt in der Hand des Herrn.
Unglücklicherweise mußte ich mein geliehenes Radio wieder zurückgeben. Aber ich
kann immer noch die Bibel lesen und in meinem Herzen Lieder singen. Bitte verzei
h die Länge dieses Briefes. Ich hoffe, daß ich Dir eines Tages persönlich die Ha
nd geben kann. Emmanuel!«
Mai 1968
»Am 28. dieses Monats freute ich mich sehr, Deinen Brief zu erhalten. Er machte
mich wirklich sehr glücklich. Ich glaube, daß Gott dafür die Ehre gegeben werden
sollte. Es war seine Macht und sein Wille, der uns zusammenbrachte. Niemand kan
n ihn an seiner Macht und an seinem Willen hindern. Laßt uns hier den Herrn mit
Ernst preisen, der uns zu Bekannten gemacht hat, auch wenn wir uns noch nie traf
en. Möge unsere Freundschaft immer tiefer und stärker werden.
Du hast recht, wenn Du sagst, daß die Macht des Bösen, die uns umgibt, die endlo
sen Trübsale, der steinige Pfad alles Versuchungen sind, die der Herr zuläßt, da
mit unser Glaube und unsere Entschlossenheit um so größer werden. In unserem Leb
en erlebten wir viele Gefahren und viele Hindernisse. In der Vergangenheit verlo
r ich ein paarmal fast meinen Glauben und meine Hoffnung für die Zukunft. Dies k
onnte geschehen, weil mein Geist zu schwach war. Und trotzdem bin ich darauf vor
bereitet, noch größere Versuchungen über mich ergehen zu lassen. Denn mein Leide
n kann überhaupt nicht mit dem des Herrn Jesus Christus verglichen werden. Und a
ußerdem muß sich mein schwacher Geist in ausgeprägte Stärke verwandeln.
Mein Freund, vor kurzem war mein Geist sehr bedrückt. Denn ich sah, wie im angre
nzenden Fluß eine Anzahl Leichen aus der Provinz Kwangsi hinuntertrieben. Diese
Menschen, junge und alte, Frauen und Kinder, die vom Satan irregeführt wurden un
d ihr Leben verloren, sind in eine verlorene Ewigkeit eingegangen. Was könnten w
ir tun? Wer hat jemals für sie gebetet, daß sie errettet werden mögen? - Freud
e sei mir Dir von Gott!«

Sie stiegen den steilen Weg zum Himmel empor,


durch Gefahr, Plage und Schmerzen.
Möge uns, o Gott, die Kraft gegeben werden,
ihrem Vorbild zu folgen!
Die Hervorhebungen im Text habe ich vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im Januar
2009
Weitere Beiträge auf meiner Internetseite zum Thema Kommunismus und Christentum:
1. Atheismus ein Weg? von Pfr. Richard Wurmbrand
2. Das blutbeschmutzte Evangelium R. Wurmbrand
3. Warum bin ich Revolutionär? R. Wurmbrand
4. Christus wird siegen, was immer geschieht - R. Wurmbrand
5. Zerstörte Jahre (China) - Tscheng Jen-Yuan
6. Der Weltkommunismus René Monod
7. Mit Jesus in Russland Corneli Martens
8. Karl Marx und Satan - R. Wurmbrand
9. Bolschewismus und die Gemeinde Jesu - Hans Lohmann
10. Koreas Beter - René Monod

--
Weltkommunismus
René Monod
Der Weltkommunismus

In der Hauptsache werden drei Männer für das Aufkommen des Weltkommunismus veran
twortlich gemacht: Karl Marx (gestorben in London 1883) - Uljanow Lenin (gestorb
en 1923 in Gorki bei Moskau) - Josef Stalin (gestorben 1953).
Diese drei Männer haben einen großen Teil der Welt in ein Meer von Blut und Trän
en verwandelt. Es sind absichtlich nur die Jahre angegeben, in denen diese drei
Größen des Abgrundes vom Schauplatz der Erde abgetreten sind. Der Prophet Jeremi
a sagt in 17,13: Der Name der Gottlosen müsse in den Sand geschrieben werden." Da
s heißt, der erste Windstoß oder die erste Wasserwoge wischt den Namen aus. Ihr
Name und Gedächtnis vergeht.
Leider ist das aber nicht vergangen, was diese drei Männer gesät haben. Ihre Dra
chensaat ging nicht hundertfältig, sondern tau¬sendfältig auf.
Karl Marx war Sohn eines jüdischen Anwaltes. Seine Lebensgeschichte zeigt die En
tfaltung revolutionärer, atheistischer Ideen. Nach seinem Studium war er journal
istisch tätig. Wegen seiner radikalen Anschauungen mußte er seine Stellung als C
hefredakteur der Rheinischen Zeitung" aufgeben. Er hat so viel Arger ausge¬löst,
daß die preußische Regierung verlangte, daß Marx aus Paris ausgewiesen wurde. Er
siedelte dann nach London über, wo er sich einer Satansloge anschloß. Über sein
e Zugehörigkeit zu den Illumi¬naten steht in dem betreffenden Kapitel. Ich verwe
ise auf das Buch Wurmbrands Karl Marx und Satan".
Die Opposition gegen jede Form einer Religion zeigt sich schon in seiner Frühsch
rift: Die Kritik der Religion als Voraussetzung jeder Kritik." Marx äußert in die
ser Schrift einige seiner revolutionären Ideen. Die Kritik an jeder Religion hat
damit zu enden, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei. Die Reli
gion sei nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewege, solange er
sich nicht um sich selbst drehe. In diesem Zusammenhang steht das geflügelte Wo
rt: Religion ist das Opium für das Volk." Der französische Soziologe Raymond Aron
, in seiner Jugend selbst Marxist, schloß an diese Aussage von Marx die 679 Erkl
ärung an: Der Marxismus ist das Opium für die Intellektuellen."
Vor einigen Jahren suchte ich Material zur Person und Politik von Marx zusammen.
Typisch für seine menschenverachtende Ideologie ist sein Bekenntnis: Meine Aufga
be ist es, die Menschheit in die Hölle zu ziehen. Dort werde ich lachen über sie
." (Zitiert bei Richard Wurmbrand in War Marx ein Satanist?")
Eine ähnliche Aussage fand ich in der Broschüre An ideology for South Africa" von
Francis Grim. Darin heißt es auf Seite 10:
What grater challenge could there be for Christians than todirectly oppose the de
sign of Karl Marx, the writer of the Communist Manifest and the father of Commu
nism, who said: ,The sole purpose of my life is to destroy God and to dethrone H
im forever." Auf deutsch heißt das: Was kann es für einen Christen eine größere H
erausforderung geben, als der Absicht von Karl Marx direkt zu widerstehen. Er is
t Schreiber des ,Kommunistischen Manifestes` und Vater des Kommunismus, der erkl
ärte: ,Der einzige Zweck meines Lebens ist, Gott zu vernichten und ihn für immer
zu entthronen.`"
Lenin war ebenfalls wie Karl Marx Mitglied eines Satansklubs. In dem Buch von L.
Trotzki Der junge Lenin" (Fischer Verlag. zit. bei Wurmbrand) heißt es: Bei Lenin
, dem Begründer des modernen Kommunismus, vollzog sich die Aufnahme in eine Sata
ns¬sekte, indem er auf das Kreuz spie und auf ihm herumtrat." Viele Satanskulte
praktizieren die gleiche Zeremonie bei dei Aufnahme von Mitgliedern.
Den Lebensweg dieses revolutionären Politikers hier darzustel¬len, ist nicht Auf
gabe dieses Buches. Nur einige kurze Hinweise sollen gebracht werden. Seit 1912
sammelte und vereinigte er als geschickter Organisator russische revolutionäre G
ruppen. Seit 1914 hielt er sich in der Schweiz auf und wurde im April 1917 in ei
nem geschlossenen Eisenbahnwagen nach Rußland geschafft, um die russische Kampfk
raft zu unterhöhlen. Das war ein verhängnisvoller Schachzug der deutschen Heeres
leitung. Der Friede mit Rußland kam zustande, kurze Zeit später vollzog sich ein
e ~ urige Revolution. Lenin räumte mit allen Gegnern rücksichtslos auf. 1922 grü
ndete er die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR). Seine politisch
e Einstellung ist eine Weiterentwicklung
680 des Marxismus und zugleich eine Entfaltung einer ungeheuren Machtgier und ra
dikalen skrupellosen Beseitigung der Gegner. Es gibt kein anderes politisches Sy
stem, das derart brutal die Men¬schen versklavt.
Wie diese Beherrschung und Versklavung der Völker erreicht werden soll, ist in e
inem Buch Nr. 3926 des Britischen Museums in London aufgezeichnet. Daraus werden
einige Leitbilder und In¬struktionen zitiert:

1. Die Jugend durch falsche Grundsätze verderben.


2. Das Familienleben zerstören.
3. Die Menschen durch eigene Laster beherrschen.
4. Die Kunst entweihen und die Literatur beschmutzen.
5. Die Achtung vor der Religion vernichten.
6. Priester in Skandalgeschichten verwickeln.
7. Grenzenlosen Luxus und verrückte Moden einführen.
8. Mißtrauen zwischen sozialen Schichten säen.
9. Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverhältnisse vergiften.
10. Das Volk gegen die Reichen" aufwiegeln.
11. Die Landwirtschaft durch Industrie ruinieren.
12. Löhne ohne Vorteil für die Arbeiter erhöhen.
13. Feindseligkeit zwischen den Völkern hervorrufen.
14. Ungebildete" regieren lassen. (Freies Wahlrecht).
15. Gestrauchelte Regierungsbeamte erpressen.
16. Vermögenschluckende Monopole schaffen.
17. Durch Wirtschaftskrisen Weltbankrott vorbereiten.
18. Massen auf Volksbelustigungen konzentrieren.
19. Menschen durch Impfgifte gesundheitlich schädigen.
20. Grundbesitze mit Rittern vom Goldenen Kalb" besetzen.
21. Den Todeskampf der Völker vorbereiten, die Menschen durch Leiden, Angst und
Entbehrungen erschöpfen .. . denn ... Hunger schafft Sklaven.

Die Verwirklichung dieser Prinzipien hat die kommunistischen Länder zu Zuchthäus


ern verwandelt. Ein Christ aus den sowjeti¬schen Gefängnissen konnte einen Brief
nach dem Westen schmug¬geln. Er schrieb: Die Sowjetunion ist für uns ein riesige
s Konzen¬trationslager, innerhalb dessen es noch zusätzliche Kerker und Orte der
Bestrafung gibt. Man hat uns verurteilt, weil wir gläubig sind und unsere Kinde
r im Glauben erziehen ... Nach der schlech¬ten Behandlung in den Lagern sind wir
nicht mehr lebenstüchtige Bewohner dieser Erde, sondern nur noch armselige Krea
turen .. . Brandschwarze Verleumdungen und Lügen wurden erfunden und die Bevölke
rung gegen uns aufgehetzt, indem man uns Ritualmorde anlastete. Unsere Frauen sc
hmerzt es, wenn Kinder gezwungen werden, der Ocobryata oder den Pionieren beizut
reten (Komm. Jugendorganisationen). Es ist erschreckend, zu welch wahnsinni¬gen,
erpresserischen Mitteln die Lehrer greifen, wenn unsere Kinder sich weigern, di
e Abzeichen der Gottlosigkeit (Stern und rotes Halstuch) zu tragen ..."
Durch Mord und Terror ist es Lenin gelungen, seine Pläne zu verwirklichen. Er na
hm ein schreckliches Ende. Ich erinnere mich gut an die Zeit, da Lenin starb. Da
mals war ich noch Schüler. Eines Tages kam unser verehrter Religionslehrer in de
n Unterricht und erzählte uns von den Ereignissen beim Tode Lenins. Lenin starb
in geistiger Umnachtung. Er kroch wie ein Tier auf dem Fußboden umher und bat Ti
sche und Stühle um Vergebung für seine Greueltaten. Dieser Götze von Millionen v
on irregeführten Menschen wurde also noch vor seinem Tode gestürzt wie der Gotte
slästerer Herodes (Apg. 12,23).
Der dritte in dieser schauerlichen Reihe muß genannt werden: Josef Stalin. Was K
arl Marx philosophisch und journalistisch gesät und Lenin mit vollendeter Techni
k organisiert hat, ist bei Stalin zur verbrecherischen Reife gelangt. Ein Zeitge
nosse urteilte über ihn: Er war kein Mensch, sondern ein Teufel." Sein Vater war
ein versoffener Flickschuster, seine Mutter eine gläubige Frau, die aus ihrem So
hn einen Priester machen wollte. In der Tat gelang ihr die Aufnahme ihres Sohnes
im Priesterseminar in Tiflis. Nach vierjähriger Seminarzeit wurde er wegen revo
lutionärer Ideen weggeschickt.
Stalin gewann sich zunächst das Vertrauen der ärmsten Volks¬schicht, der besitzl
osen Landarbeiter, indem er die begüterten Bauern, die Kulaken, enteignete und s
ie liquidierte. Bis in die Mitte der dreißiger Jahre hatte er sechs Millionen Ku
laken umbringen lassen.
Das Militär machte sich Stalin gefügig, indem er die fähigsten Kommandeure verha
ften und nach einem Schauprozeß hinrichten ließ.
Auch vor der eigenen Partei machte er nicht halt. In großen Säuberungsaktionen h
at er die Partei auf fast die Hälfte dezimiert.
Nobelpreisträger Alexander Sacharow schrieb im Jahr 1968 zu diesen Massakern:
Allein in den Jahren 1936-1939 wurden mehr als 1,2 Millionen Mitglieder der Parte
i verhaftet. Nur 500000 kamen mit der Zeit wieder frei. Die anderen wurden bei V
erhören zu Tode gefoltert, erschossen oder sind im Arbeitslager umgekommen.
Wie war Stalins Ende, der getreu in den Fußstapfen seines Vorgängers Lenin wande
lte? Dem Arche Blatt" vom Mai 1977 entnehme ich folgendes: Am 21. Dez. 1952, ein h
albes Jahr vor seinem Tode, rief Stalin 12 seiner treuesten Genossen des oberste
n Sowjets zu sich und verkündigte ihnen sein politisch-ideologisches Testament."
Es können nur einige Einzelheiten gebracht werden, weil dieses letzte Vermächtn
is dem Rahmen dieses Kapitels spren¬gen würde. Es heißt darin: Genossen, noch nie
in der Geschichte der Menschheit hat eine Heilslehre in so kurzer Zeit sich ein
solches Riesenreich erkämpft wie der Kommunismus ... Vom großen Ozean bis zur E
lbe ist alles in unserer Hand, denn die sogenannten Satellitenstaaten geben wir
nicht mehr her. Mehr als 22 Millionen Quadratkilometer mißt die Sowjetunion alle
in. Dazu kommen die Länder, die durch Hitlers Wahnsinn und die Naivität der Amer
ikaner uns in den Schoß gefallen sind: Polen, Ostdeutschland, Tschechoslowakei,
Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Estland, Lettland und Litauen nicht einmal gezäh
lt. Dazu kommen die starken kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich u
nd viele unserer Freunde in Asien, Afrika und Südamerika. Genossen, im Kampf um
Rußlands Weltherrschaft haben wir eine wunderbar zügige Parole, ganz anders als
Hitler, der meinte, nur am deutschen Wesen könne die Welt genesen. Wir Russen re
den hintenherum ... Die Idee des Kommunismus zieht die Armen der ganzen Welt unt
er ihren Bann. Diesen Armen verkünden wir die frohe Botschaft von der Vertei¬lun
g der irdischen Güter an alle ... Die Lehre vom Kommunismus treibt die Schäflein
der ganzen Welt in die russische Hürde ... Bald werden alle Völker nach Moskau
wallfahren. Moskau wird das neue Jerusalem sein .. .
Unser alter Marx hat den Slogan geprägt: Religion ist Opium für das Volk. Er hat
damit den Menschen das Gewissen herausge¬schnitten. Und ein Mensch ohne Gewisse
n kennt keine Verantwortung vor einem Gott. Auch ich habe mir von Marx und Lenin
das Gewissen herausschneiden lassen. Meine moralische Norm 683 heißt jetzt: Gut
ist, was uns Russen nützt, was uns zur Weltherrschaft bringt. Schlecht ist, was
uns daran hindern will. Offen sage ich euch: Wir stellen die Gewalt und Lüge in
unseren Dienst. Ja, ihr müßt alles versprechen und nicht halten ... Auf den Köd
er des Kommunismus beißen die unreifen und unerfahrenen jungen und auch alte Men
schen an, sogar viele Intellektuelle .. .
Der Kommunismus ist für Narren eine süße Droge ... Wer muckst, wird in die sibir
ische Kühltruhe gesteckt. Resümieren wir kurz: Kommunismus ist unser Opium für d
ie Völker. Unsere Außenpolitik heißt List und Intrige, unsere Innenpolitik ruht
auf dem Terror! Unser Ziel ist: die Weltherrschaft." ... Die zwölf auserwählten
Jünger Stalins klatschten 10 Minuten lang Beifall. In dem Lärm des Klatschens hö
rte keiner das Gemurmel Chru¬schtschows: Aber Liebknecht hat doch schon gesagt: ,
Wenn es einen Gott gibt, so sind wir Kommunisten die Geleimten!"` - Nachdem der
Beifall verebbt war, hob Stalin nochmals die Faust, und alles war augenblicklich
mäuschenstill. Genossen", sprach er mit lauter Stimme, vergeßt eines nicht: Redet
immer vom Frieden, bereitet aber immer den Krieg vor! Zu Hause, d. h. in Rußlan
d, dürft ihr mit groben Schuhen einhergehen. Im Westen aber schleicht auf leisen
Sohlen umher, bis auch der Westen unser ist!"
Stalin süßte heute 20 Jahre nach seinem Tode die Liste der kassierten Länder ver
vollständigen. Vietnam kam dazu, Kambo¬dscha, Afghanistan, dazu die durch kommun
istische Revolutionen von innen her eroberten Länder. Mozambique wäre zu nennen,
Angola, Äthiopien, Simbabwe usw. Insgesamt stehen allein auf dem Kontinent Afri
ka mehr als 20 Länder unter kommunistischem Einfluß. Kein Wunder, daß viele mein
en, daß der Antichrist aus dem kommunistischen Weltreich kommt. Ich folge dieser
Meinung nicht, sondern meine immer noch, daß dieser Machtmensch der Endzeit sic
h aus dem wiedererwachten römischen Weltreich er¬hebt. Ein Streitpunkt ist es ab
er für mich nicht.
Streiflichter aus dem kommunistischen Paradies"
Es liegt so viel entsetzliches Material vor, daß es unmöglich ist, das alles zu
berichten. Das gäbe nicht nur viele Bände, sondern eine ganze Bid iothek. Das me
iste Material ist dem sehr zu empfehlen¬den Magazin von Wurmbrand Stimme der Märt
yrer" entnommen. Ich besitze auch Originalberichte aus Nordkorea, Kambod¬scha, R
hodesien (Simbabwe) und anderen kommunistisch regierten Ländern. Dazu einige Ber
ichte.
Der Missionar James Stuart berichtete kürzlich aus Mozambique (Afrika) über die
Verhaftung eines Christen mitsamt seiner Frau und seinen vier Kindern. Die Kinde
r waren aneinandergekettet. Die Kommunisten drückten der Frau eine Axt in die Ha
nd und erklärten ihr: Wenn du deinem Mann den Kopf abschlägst, lassen wir dich un
d deine Kinder frei. Wenn du dich weigerst, werden wir es tun und auch den Kinde
rn den Kopf abschlagen." Der Christ bat seine Frau, sich dem Wunsch der Mörder z
u fügen. Zögernd holte sie zum Schlag aus, brachte ihm aber nur eine Verletzung
bei, an deren Folgen er später starb. Die Frau wurde wahnsinnig. Was mit den Kin
dern geschah, ist nicht bekannt.
Den Kommunisten macht es nichts aus, solche Greueltaten zu verüben. Je größer da
s Übel ist, desto weniger glaubwürdig erscheint es. Jahrelang wollte die Welt ni
cht glauben, zu welchen Untaten Stalin fähig gewesen war. Präsident Roosevelt ha
tte ihn den guten Onkel Joe" genannt. Die Kommunisten verlassen sich auf diesen p
sychologischen Trick und begehen absichtlich Scheu߬lichkeiten, die sich andere
Menschen kaum vorstellen können.
Mai 1983
Kommunisten und die Kirchen Juni 1983)
Die Kommunisten töten die Leute nicht nur einzeln, sondern auch in Gruppen. Leni
n hat ja gelehrt: Grundsätzlich haben wir nie auf Gewaltanwendung verzichtet und
werden nie darauf ver¬zichten können."
In Nicaragua drangen uniformierte Kommunisten in eine Kirche ein, vergewaltigten
fünf Musawa-Indianerinnen - darunter zwei zwölfjährige Mädchen - und töteten si
e anschließend. Als nächste wurden sechs Gottesdienstbesucher, die gegen die Ver
gewaltigung protestiert hatten, auf der Stelle erschossen. Später mußten unzäh¬l
ige andere ihr Leben lassen.
40 Dörfer der Musawa-Indianer fielen der Zerstörungswut zum Opfer, das Vieh wurd
e geschlachtet und die Ernte vernichtet. In Tulinbila überführen die Kommunisten
13 Kranke in die katholi¬sche Kirche und steckten das Gebäude dann in Brand.
Der evangelische Pfarrer Abel Flores und 13 kirchliche Mitarbei¬ter wurden vor e
inem Jahr verhaftet. Seither hat man nichts mehr von ihnen gehör. ( Deutsche Tages
post", 18. Dezember 1982.)
Im kommunistischen Mozambique (Afrika) starb der katholische Priester Estevao Mi
rassi nach drei Jahren Gefangenschaft. Andere sind immer noch eingekerkert. Viel
e Kirchen wurden geschlossen. Diejenigen Bischöfe und Pfarrer, welche die Kommu¬
nisten unterstützten, bevor diese an die Macht kamen, werden inzwischen die wahr
e Natur ihrer neuen Herrscher erkannt haben. Vorher hatten sie sich als Freiheit
skämpfer ausgegeben.
In Kambodscha töteten die Kommunisten drei Millionen Un¬schuldige und trachteten
danach, jede Form von Religion auszu¬merzen. Von den 5000 Christen, die es in d
iesem Lande vor der Machtübernahme durch die Kommunisten gab, sind heute die mei
sten nicht mehr am Leben. Bischöfe, Priester, Mönche, Non¬nen und evangelische G
eistliche wurden umgebracht oder gingen an den Folgen der erlittenen Qualen zugr
unde. Zur Zeit lebt im ganzen Lande noch ein einziger protestantischer Pfarrer.
In Vietnam floh jeder, der konnte, von Schrecken gepackt, vor den Kommunisten. S
o kam es, daß eine halbe Million Vietnamesen einschließlich vieler Christen im M
eer ertranken oder von Piraten ermordet wurden.
In China verbüßten 100.000 religiöse Führer Freiheitsstrafen. Tausende verloren
ihr Leben gewaltsam.

Folter in Kuba (Juli 1983)


In Kuba befindet sich der Christ Valladares nach 22jähriger Gefangenschaft seit
einiger Zeit wieder auf freiem Fuß. Der UNO-Kommission für Menschenrechtsfragen
schilderte er, wie die herzlosen und so präzisen Kommunisten ihre Gefangenen beh
andeln:
Fässer mit Exkrementen und Urin wurden über die Gefangenen gegossen. Eloj Menojo
wurde derart zusammengeschlagen, daß er sein Gehör und ein Auge verlor. Der ster
bende Roberto Chavez hatte Durst und bat um Wasser. Ein Aufseher versprach ihm:
,Ich werde dir etwas zu trinken geben` und urinierte in seinen Mund.
Russische, tschechische, ostdeutsche und kubanische Ärzte machten die Gefangenen
absichtlich krank; dann verwendeten sie sie noch als ,Versuchskaninchen`. Der e
vangelische Prediger Gerardo Gonzales Alvarez wurde erschossen. Seine letzten Wo
rte waren: ,Vater vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.` Enrique Cor
rea versuchte, dem tödlich verwundeten Prediger zu helfen und wurde dabei selbst
von neun Kugeln getroffen; aber er überlebte.
Hunderte von Gefangenen vegetieren immer noch in unterirdischen Zellen dahin, wo
sie kein Sonnenstrahl erreicht. Ebenfalls erschossen wurden Gonzalez, Reloba un
d Rodolfo Alonso. Alonso war 21 Jahre alt."
Christliche Persönlichkeiten aus Westeuropa waren in Kuba auf Besuch, als sich d
iese Greuel abspielten. Sie kehrten in ihre Länder zurück und teilten mit, in de
n kubanischen Gefängnissen befänden sich keine Christen. Sie hatten die Schreie
der Gefolterten nicht gehört. Als ich diese Tatsachen veröffentlichte, griff mic
h einer der christlichen Führer an und warf mir vor, ich hätte alles erfunden. N
un bestätigt der christliche Glaubensheld Valladares jedes Wort, das ich gesagt
habe. Der Kommunismus ist ein Monstrum, und wer ihn mit milderen Worten beschrei
bt, täuscht die anderen oder ist selbst getäuscht worden.
Ein idea-Bericht über Afghanistan (1983) von Rudolf Pfisterer
Mehr als drei Jahre nach ihrem Einmarsch in Afghanistan greifen die sowjetischen
Besatzungstruppen u immer grausameren Mitteln, um das Land unter Kontrolle zu h
alten. Grund: Die Aktivität islamischer Widerstandsgruppen - die Bevölkerung ist
zu 99 Prozent moslemisch- ist ungebrochen, und die afghanische Armee wird immer
schwächer. Sie hat nach Angaben eines nach Pakistan geflüchteten Generals mehr
als 65.000 Soldaten verloren. Viele von ihnen seien zu den Widerstandsgruppen üb
ergelaufen. Zur Zeit stehen in den afghanischen Streitkräften wahrscheinlich nur
noch rund 15.000 Mann unter Waffen.
Je mehr das moskauhörige Regime in der Hauptstadt Kabul seine Schwäche offenbart
, desto intensiver werden die Terrormaßnahmen der sowjetischen Besatzer. Die Ziv
ilbevölkerung hat darunter zu leiden. Erst kürzlich tauchten überall im Laced kl
eine Sprengsätze auf: bunt bemalt wie Spielzeug, Uhren und Füllhalter. Der ameri
kanische Schauspieler Kirk Douglas, der ein Flüchtlingslager an der afghanisch-p
akistanischen Grenze besuchte, war entsetzt: Kinder, denen die Beine abgerissen
worden waren, lernten gerade, auf ihren Stümpfen zu laufen. Ganze Ortschaften wu
rden von den Sowjets mit Napalm und Phosphor bombardiert, Moscheen und Krankenhä
user nicht verschont. Die Sondergefängnisse, in denen mutmaßliche Sympathisanten
gefoltert werden, füllen sich. 5200 Menschen sollen im letzen Jahr in einer Str
afanstalt in der Nähe Kabuls gefangengehalten worden sein. Ein Freigekommener fa
ßte seine Eindrücke in einem einzigen Satz zusammen: Alles ist dort schrecklich."
Eine Medizinstudentin berichtete von brutalen Verhörmethoden. Nachdem maw in ih
rer Wohnung ein Flugblatt des Widerstandes gefunden hatte, wurde sie im Polizeih
auptquartier von sechs Beamten einer intensiven Behandlung" unterzogen: vierzehn
Tage und Nächte mußte sie aufrecht stehen, wurde mit Elektroschocks gequält und
immer wieder mit Vergewaltigung bedroht. Zur Einschüchterung führte man sie durc
h Schreckenskammern, wo sie sich menschliche Körperteile - Arme und Finger - ans
ehen mußte. Man zwang sie, der Entmannung eines Gefangenen beizuwohnen. Der Ster
bende flüsterte ihr zu: Meine Schwester, gestehe niemals, halte dich gut." In die
sem Gefängnis befanden sich noch vierzig weitere Frauen. Eine von ihnen verlor f
ast den Verstand, weil man sie immer wieder mit dem abgeschnittenen Arm eines Me
nschen schlug.
Kein Wunder, daß der Flüchlingsstrom nach Pakistan nicht abreißt.
Ohne Blutbad keine Revolution
Das ist ein Wort Lenins, das mit einer grauenvollen Statistik untermauert werden
soll. Die französische Zeitschrift Figaro" vom November 1978 brachte einen Beric
ht über die Blutopfer, mit denen die Kommunisten ihre Weltrevolution bezahlten u
nd immer noch weiterfinanzieren. Was hat der Kommunismus es sich an Menschenlebe
n seit der russischen Revolution 1917 kosten lassen? Die Figaro-Statistik" sagt f
olgendes aus:

1. Menschenopfer des Kommunismus in der UdSSR von 1917-1959


66.700.000
2. Menschenopfer in der UdSSR von 1959 bis 1978(nach Mindestschätzungen)
3.000.000
3. Menschenopfer des Kommunismus in China
63.000.000
4. Das Blutbad von Katyn
10.000
5. Während der Vertreibungen von 1945-1946 getötete deutsche Zivilisten
2.923.700
6. Kambodscha von April 1975-April 1978
2.500.000
7. Unterdrückung in Ost-Berlin, Prag, Budapest, sowie in den Ländern des Baltiku
ms 500.000
8. Kommunistische Angriffe auf Griechenland, die Malaiische Halbinsel, Birma,
Philippinen, Korea, Vietnam, Kuba, Schwarzafrika und Lateinamerika
3.500.000
insgesamt:
142.133.700

Nicht nur, weil sich ungezählte Christen unter diesen Millionen befinden, sonder
n auch weil der gottlose Kommunismus zur Stunde blutgierig nach neuen Opfern Aus
schau hält, ist es unsere Pflicht, unsere Mitmenschen vor dieser Ideologie zu wa
rnen.
Diese Statistik müßte auf neuesten Stand gebracht werden, weil in den letzten fü
nf Jahren seit dieser Figaro-Veröffentlichung noch einige Millionen Opfer dazu k
amen.
Es gibt irregeführte oder schlecht informierte Christen, die eine solche Schreck
ensbilanz anzweifeln. Dann werden sie aber gebe¬ten, einmal in ihrer Bibel nachz
ulesen, daß solche Greuel schon einmal gegen Christen verübt worden sind. Am glo
balen Ausmaß haben aber die kommunistischen Greuel die Opfer der Christenverfolg
ungen in der alten Kirche übertroffen. Da viele Namenchristen keine Bibel lesen
- von den Ungläubigen ganz zu schweigen - soll die markanteste Stelle über die C
hristenverfolgungen zitiert werden. In Hebräer 11,36-38 heißt es: Etliche haben S
pott und Geißeln erlitten, dazu Bande und Gefängnis. Sie wurden gesteinigt, zerh
ackt - zerhackt - zerstochen, durchs Schwert getötet. Sie sind umhergegangen in
Schafspelzen und Ziegenfellen, mit Mangel, mit Trübsal, mit Ungemach. Deren die
Welt nicht wert war, und sind im Elend umhergeirrt in den Wüsten, auf den Bergen
und in dem Klüften und Löchern der Erde."
Wir sind im Blick auf all diesen Jammer aufgerufen, für unsere bedrängten Brüder
und Schwestern zu beten. Wir im satten Westen haben die Fürbitte aber noch nöti
ger, damit uns die Augen aufgehen über unser geistliches Elend und den endzeitli
chen Charakter der Gegenwart.
Herr Jesus, komme bald und mache diesem teuflischen Terror und unserer Verstockt
heit und Blindheit ein Ende. Ja, komme bald, Herr Jesus.
--

STALINS VERNICHTUNGSKRIEG 1941 1945

Inhalt

1. Stalin entschloß sich zum Angriffskrieg


2. Der Angriff Hitlers kam Stalin zuvor
3. Durch Terror zum Kampf. Sowjetsoldaten werden ins Feuer getrieben
4. Sowjetsoldaten dürfen sich nicht gefangengeben. Verhinderung der Flucht nach
vorn
5. Der Terrorapparat. Wie >Massenheroismus< und >Sowjetpatriotismus< erzeugt wur
den
6. Grundfragen der Sowjetpropaganda und deren Werkzeuge
7. Beiderseitige Greueltaten und ihre Probleme
8. Sowjetische Untaten werden den Deutschen zugeschrieben
9. Die antideutsche Volks- und Rassenhetze
10. Die Ermordung deutscher Kriegsgefangener begann bereits am 22. Juni 1941
11. Deutsche Kriegsgefangene wurden ermordet
12. Greueltaten der Roten Armee beim Vordringen auf deutschen Boden
13. Die Untaten nehmen ihren Fortgang
Schlußbetrachtung

Vorwort
Der fünfzigste Jahrestag des Kriegsendes soll Anlaß sein, den Blick zurückzuwend
en und sich - abweichend von den üblichen Gepflogenheiten - vor Augen zu halten,
in welchen Formen und mit welchen Methoden die so schicksalhafte deutsch-sowjet
ische Auseinandersetzung von der Union Sozialistischer Sowjetrepubliken aus gefü
hrt worden ist. Denn eine jahrzehntelange und immer einseitiger werdende Meinung
sbeeinflussung hat unter dem breiten Publikum in Deutschland mittlerweile eine U
nwissenheit hervorgerufen und Vorstellungen entstehen lassen, die auch in der Pr
esse in geradezu entwaffnenden Behauptungen und Aussagen über die tragischen Ere
ignisse jener Jahre Ausdruck finden.
Daß die 1994 abziehenden letzten Truppen der ehemaligen Okkupationsarmee der Sow
jetunion nach wie vor erfüllt sind von der Propagandathese, die Rote Armee hätte
1944/1945 in Deutschland eine >Befreiungsmission< erfüllt, auch seien die Rotar
misten in Deutschland schließlich als >Befreier< aufgetreten und empfangen worde
n, wird man den jetzigen russischen Soldaten nicht verübeln. Sie können es nicht
anders wissen, wenn selbst Präsident Jelzin noch am 1. September 1994 anläßlich
des Abzuges der ehemaligen Besatzungstruppen in Berlin verkündete, die >Russen<
(er meinte die Sowjets) in Soldatenmänteln seien nicht nach Deutschland gekomme
n, um es dem Erdboden gleichzumachen, das deutsche Volk zu vernichten oder es zu
m Diener der >Russen< (der Sowjets) zu machen. Sogar in den Jahren der schwierig
sten Prüfung habe man eine klare Grenze zwischen den >einfachen< Deutschen und d
er >verbrecherischen< Clique gezogen, die in Deutschland an die Macht gekommen w
ar.
Was es mit solchen Behauptungen auf sich hat, wird der Inhalt der vorliegenden D
arstellung erweisen. Wenn in der deutschen Öffentlichkeit, der doch alle Informa
tionsmöglichkeiten zu Gebote stehen, andererseits jedoch eine Stimmung um sich g
reift, nach der die Deutschen von den Armeen der stalinistischen Sowjetunion >be
freit< worden seien, so gibt es hierfür keine Entschuldigung, wird die historisc
he Wirklichkeit damit doch geradezu auf den Kopf gestellt. Denn nicht als >Befre
ierin< ist die Rote Armee eingedrungen, auch wenn die mancherorts errichteten Si
egesmonumente dies heute suggerieren sollen; und wohl von niemandem in Deutschla
nd wurde sie damals als Befreierin empfunden.
Die Soldaten Stalins kamen eigenen Parolen zufolge nicht als Befreier, sondern a
ls gnadenlose Rächer. Alle gegenteiligen Behauptungen der heutigen Zweckpropagan
da gehören in das Reich der Fabel und kommen einer glatten Verdrehung der histor
ischen Tatsachen gleich. Wenn es hierfür eines Beweises bedarf, so ist er schon
in der Panik zu finden, die die gesamte Bevölkerung in den Ostprovinzen des Reic
hes bei der Annäherung der Roten Armee erfüllte. Der vorliegenden Veröffentlichu
ng ist unschwer zu entnehmen, daß die Wirklichkeit noch die schlimmsten Erwartun
gen übertreffen sollte.
Ebenso wie man jetzt mit Sicherheit nachweisen kann, daß der von Hitler als unve
rmeidbar angesehene Waffengang - nach dem Molotov Besuch - zeitlich gesehen nur
knapp einem von Stalin mit Hochdruck geplanten und vorbereiteten Eroberungskrieg
zuvorgekommen ist, lassen sich heute noch weitere historische Tatsachen konstat
ieren. So hat nicht nur Hitler, wie eine bestimmte Zeitgeschichtsschreibung imme
r glauben machen will, sondern gerade auch Stalin, die politische und militärisc
he Führung der Roten Armee, in der Auseinandersetzung von Anfang an Methoden ang
ewendet, die in ihrer Brutalität alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte
n. Schon die praktisch mit dem ersten Kriegstage einsetzende systematische Aufpu
tschung der Angehörigen der Roten Armee, die Erzeugung infernalischer Haßgefühle
gegen die Soldaten der eindringenden feindlichen Heere, lassen alle hierzulande
verbreiteten Legenden über die angeblich allein an der Weigerung Hitlers gesche
iterten Möglichkeiten einer >humanen< Kriegführung in ein Nichts zusammenfallen.
Ein Zusammenstoß zweier diktatorisch geführter sozialistischer Militärmächte lä
ßt anscheinend von vornherein überhaupt nur wenig Spielraum für Erwägungen der M
enschlichkeit oder auch nur für die Anwendung der Regeln und Gebote der Internat
ionalen Konventionen, die im übrigen wohl vom Deutschen Reich anerkannt worden w
aren, während die Sowjetunion eine Anerkennung strikt verweigert hatte.
In der Sowjetunion sind auch von deutscher Seite Verbrechen begangen worden, für
die vor allem die zuständigen Organe des Reichsführers SS Himmler die Verantwor
tung tragen. Doch alle diese Untaten sind immer wieder Gegenstand eingehender Sc
hilderungen; sie sind heute fast bis ins Detail hinein bekannt. Die von den Sowj
ets begangenen Verbrechen dagegen werden bewußt der Vergessenheit anheimgegeben,
denn um keinen Preis darf ja so etwas wie eine >Aufrechnung< stattfinden. Und d
abei gehört der historische Vergleich, das Aufzeigen von Zusammenhängen, Abhängi
gkeiten und Parallelitäten doch zu den unveräußerlichen Pflichten einer wahrheit
sgetreuen Geschichtsschreibung, soll anders nicht bewußt einem einseitigen Bild
der Geschehnisse Vorschub geleistet werden.
Der vorliegende, zum großen Teil auf unbekannten Akten und Unterlagen deutscher
und sowjetischer Provenienz beruhende Band behandelt also - unbeeindruckt von so
genannten >Tabus und Denkverboten< - ganz bewußt die Methoden der Kriegführung a
uf der anderen Seite der Front. Diese Darstellung hat also vorzugsweise die sowj
etischen Untaten zum Inhalt, ohne daß die unter Mißbrauch des deutschen Namens a
uf deutscher Seite begangenen Untaten dabei aus dem Blickfeld verloren und versc
hwiegen worden wären. In jedem Fall aber gilt es zu differenzieren und propagand
istische Übertreibungen auf ihren tatsächlichen Wahrheitsgehalt zurückzuführen.
Man wird der vorliegenden Veröffentlichung insgesamt also eine höhere Einsicht z
ubilligen müssen als jener Zeitgeschichtsschreibung, die die Handlungen des sowj
etischen Kriegsfeindes absichtlich oder einfach aus Mangel an Kenntnissen grunds
ätzlich immer mit Stillschweigen übergeht. Ausgangspunkt der vorliegenden Darste
llung ist die nunmehr unbestreitbar gewordene Tatsache, daß Hitler mit der Eröff
nung der Kriegshandlungen dem von Stalin vorbereiteten Angriffskrieg nur kurzfri
stig zuvorgekommen ist.
Die vorliegende Veröffentlichung ist noch während meiner 35 jährigen Zugehörigke
it zum Militärgeschichtlichen Forschungsamt im Rahmen des Generalthemas >Stalin
und die Rote Armee< entstanden.
Freiburg, im März 1995 Joachim Hoffmann

1. Stalin entschloß sich zum Angriffskrieg

Die dem sowjetischen Staatswesen von Anfang an innewohnende imperialistische Mac


htpolitik hat - von der Öffentlichkeit nicht beachtet - auch äußerlich einen sin
nfälligen Ausdruck gefunden, und zwar in dem noch 1991 gültigen Staatswappen (go
sudarstvennyj gerb) der UdSSR. In der Symbolik dieses Staatswappens lasten Hamme
r und Sichel drohend und klobig auf dem gesamten Erdball, vielsprachig umrandet
von der aufrührerischen Parole: »Proletarier aller Länder vereinigt Euch!« Was s
ich hier so eindrucksvoll manifestiert, ist das sowohl von Lenin als auch von St
alin in aller Klarheit proklamierte Ziel einer Weltherrschaft der kommunistische
n Sowjetmacht oder, wie sie es nannten, eines »Sieges des Sozialismus in der gan
zen Welt«.
Niemand anderer als Lenin hatte es am 6. Dezember 1920 gewiesen, als er in einer
Rede erklärte, es komme darauf an, die Gegensätze und Widersprüche unter den ka
pitalistischen Staaten auszunutzen und dieselben »aufeinanderzuhetzen«, »die Mes
ser solcher Halunken wie der kapitalistischen Diebe gegeneinander zu lenken«, »d
enn wenn zwei Diebe sich streiten, ist der Ehrliche der lachende Dritte. Sobald
wir stark genug sind, den gesamten Kapitalismus niederzuwerfen, werden wir ihn s
ofort an der Gurgel packen.« »Der Sieg der kommunistischen Revolution in allen L
ändern ist unvermeidlich«, hatte er schon am 6. März 1920 erklärt. »In nicht all
zu ferner Zeit wird dieser Sieg gesichert sein.«
Und wie schon die bekannte Rede Stalins vor dem Zentralkomitee der Allunionskomm
unistischen Partei im Juli 1925 erweist, hat sich auch Stalin diesem Grundsatz d
es Bolschewismus frühzeitig verschrieben. Er erklärte damals: »Sollte der Krieg
beginnen, so werden wir nicht untätig bleiben - wir werden auftreten, aber wir w
erden als letzte auftreten. Und wir werden das entscheidende Gewicht in die Waag
schale werfen, ein Gewicht, das ausschlaggebend sein dürfte.« Entgegen anderslau
tenden Behauptungen ist die >Stalin Doktrin<, wie auch Aleksandr Nekric mit wüns
chenswerter Eindeutigkeit feststellt, niemals aufgegeben worden. Sie behielt ihr
e Gültigkeit, und das Bestreben, »das faschistische Deutschland und den Westen a
ufeinanderzuhetzen«, war, wie Dasicev es formuliert, bei Stalin geradezu eine >f
ixe Idee< geworden.
Als die Rote Armee sich vermittelst einer schnellwachsenden gigantischen Kriegsr
üstung im Zustande zunehmender Erstarkung befand, im Jahre 1939, hielt Stalin de
n Zeitpunkt für gekommen, um in die Krise des >Weltkapitalismus< kriegführend ei
nzugreifen. Schon der Botschafter Großbritanniens, Sir Stafford Cripps, und der
Botschafter der Vereinigten Staaten, Laurence F. Steinhardt, hatten darauf aufme
rksam gemacht, daß Stalin nicht nur in Europa, sondern auch in Ostasien ab 1939
einen Krieg herbeizuführen wünschte. Bekanntgewordene Dokumente des Volkskommiss
ariates des Äußeren (Narkomindel) geben uns hierüber mit hinreichender Klarheit
Aufschluß. »Der Abschluß unserer Vereinbarung mit Deutschland«, so das Narkomind
el am 1. Juli 1940 an den Sowjetbotschafter in Japan, »war diktiert von dem Wuns
ch nach einem Krieg in Europa.« Und im Hinblick auf den Fernen Osten heißt es ga
nz entsprechend in einem Telegramm aus Moskau an die Sowjetbotschafter in Japan
und China am 14. Juni 1940: »Wir würden allen Verträgen zustimmen, die einen Zus
ammenstoß zwischen Japan und den Vereinigten Staaten heraufbeschwören.« Unverhoh
len ist in diesen diplomatischen Weisungen die Rede von einem »Japanisch - Ameri
kanischen Krieg, den wir gern entstehen sehen würden«.
Russische Historiker erblicken heute längst auch einen unmittelbaren Zusammenhan
g zwischen dem 23. August 1939 und dem 22. Juni 1941. Durch den Pakt mit Hitler
vom 23. August 1939 hatte Stalin sein erstes Ziel erreicht, und er war, wie Mars
chall der Sowjetunion Zkukov sich erinnert, »überzeugt, er würde aufgrund des Pa
ktes Hitler um den kleinen Finger wickeln«. »Nun, für das erste haben wir Hitler
getäuscht«, so die Meinung Stalins nach Nikita Chruscev. Der Pakt vom 23. Augus
t 1939 hatte Hitler dazu ermutigt, Polen anzugreifen und als Folge hiervon, wie
erwartet, einen europäischen Krieg entstehen lassen, an dem die Sowjetunion vom
17. September 1941 an als Aggressor teilnahm, ohne daß sie damit freilich die Kr
iegserklärung der Westmächte auf sich gezogen hätte. »Ein einziger Schlag gegen
Polen«, so der verantwortliche Leiter der sowjetischen Politik, der Vorsitzende
des Rates der Volkskommissare Molotov am 31. Oktober 1939 vor dem Obersten Sowje
t, »erst seitens der deutschen, dann seitens der Roten Armee, und nichts blieb ü
brig von dieser Mißgeburt des Versailler Vertrages, die ihre Existenz der Unterd
rückung nichtpolnischer Nationalitäten verdankt hatte.« Auf ausdrücklichen Wunsc
h Stalins hin sollten nicht einmal Reste der staatlichen Existenz Polens bestehe
n bleiben.
Durch die Angriffskriege gegen Polen und Finnland, durch die erpresserische Anne
xion der souveränen Republiken Estland, Lettland und Litauen und die Androhung d
es Krieges gegen Rumänien vermochte die Sowjetunion im Gefolge der Verträge mit
Hitler ihr Gebiet um ein Territorium zu vergrößern, das mit 426.000 qkm etwa der
Ausdehnung des Deutschen Reiches von 1919 entsprach. Damit hatte Stalin die auc
h ihn schützende Staatenbarriere an seiner Westgrenze niedergerissen und seine A
ufmarschbasis nach Westen bedeutend verbessert. Für ihn kam es nun auf den nächs
ten Schritt an, und die Voraussetzungen hierzu waren günstig. Denn die politisch
strategische Lage Deutschlands wurde, seiner Anfangserfolge ungeachtet, in Mosk
au als kritisch eingeschätzt. Die Entscheidung im Krieg mit England rückte in im
mer weitere Ferne. Hinter Großbritannien aber standen mit wachsender Entschieden
heit die Vereinigten Staaten von Amerika. Die Streitkräfte Deutschlands waren je
tzt überall in Europa verzettelt und von Norwegen bis zu den Pyrenäen Großbritan
nien gegenüber in einer Front gebunden. Zum anderen aber war die Unfähigkeit Deu
tschlands, einen langen Krieg wirtschaftlich durchzustehen, in Moskau sehr wohl
bekannt. Und wie verletzbar war das Deutsche Reich erst im Hinblick auf die Mögl
ichkeit, es von den lebenswichtigen Erdölzufuhren aus Rumänien abzuschneiden!
In dieser Situation des Spätjahres 1940, als sich die Kriegslage für Deutschland
und seinen >Achsenpartner< Italien immer mehr komplizierte, ließ Stalin durch M
olotov in Berlin am 12./13. November 1940 jene Forderungen überbringen, die auf
eine Ausdehnung der sowjetischen >Interessensphäre< auf Bulgarien, Rumänien, Ung
arn, Jugoslawien und Griechenland, also auf gesamt Südosteuropa, und im Norden a
uf Finnland hinausliefen, mit dem doch erst im März des Jahres feierlich ein Fri
edensvertrag geschlossen worden war. Selbst eine sogenannte >schwedische Frage<
wurde zur Sprache gebracht. Die Sowjetunion beanspruchte mit anderen Worten jetz
t eine beherrschende Stellung in ganz Osteuropa und im Ostseeraum, verlangte übe
rdies die Errichtung von Stützpunkten an den Schwarzmeerausgängen und eine belie
bige Passage durch die Ostseeausgänge (Großer Belt, Kleiner Belt, Sund, Kattegat
, Skagerrack), so daß das im Existenzkampf befindliche Reich gleichsam von Norde
n und Süden her umklammert werden mußte.
Diese in einer sich versteifenden Kriegslage überbrachten Insinuationen waren so
herausfordernd, daß sie Deutschland praktisch nur noch die Wahl ließen, sich zu
unterwerfen oder zu kämpfen. Es handelte sich um eine vorsätzlich berechnete Pr
ovokation, bei der vor allem das psychologische Motiv von Interesse ist, weil es
erkennen läßt, wie sicher und überlegen sich Stalin zu diesem Zeitpunkt schon g
efühlt haben muß. Wenn er sich nämlich, wie dies die deutsche Botschaft in Moska
u verschiedentlich verlauten ließ, tatsächlich vor Hitler gefürchtet haben sollt
e, dann würde er ihn wohl kaum in einer Art und Weise provoziert haben, die nach
dem Urteil von Ernst Topitsch einer >Sommation< gleichkam, einer kaum noch verh
üllten Aufforderung zur Unterwerfung. Molotov hat in den Tagen seiner Berliner M
ission in einem ständigen, intensiven, telegraphischen Austausch mit Stalin gest
anden, woraus zweifelsfrei hervorgeht, daß er auf unmittelbare Weisung Stalins h
in gehandelt haben muß.
Daß mit der Molotov Mission in der Tat eine Herausforderung verbunden war, geht
auch aus den Aufzeichnungen hervor, die Wanda Wasilewska, einstmals Vorsitzende
des Verbandes Polnischer Patrioten (Kommunisten) in der Sowjetunion, noch vor ih
rem Tode 1964 ausdrücklich festgehalten wissen wollte. »Ich erinnere mich«, so d
ie Wasilewska, die sich der besonderen Gunst Stalins erfreut hatte, »daß wir Kom
munisten unabhängig von der offiziellen Stellung der Sowjetregierung der Meinung
waren, daß dies (die freundliche Haltung Deutschland gegenüber) lediglich eine
Taktik der Sowjetregierung ist, daß aber in Wirklichkeit die Dinge völlig anders
aussehen. Man darf ja nicht vergessen, daß für jeden von uns es schon damals kl
ar war, daß ein deutsch sowjetischer Krieg kommen muß... Unabhängig von den offi
ziellen Äußerungen glaubten wir, daß der Krieg kommen wird, und wir warteten von
Tag zu Tag auf ihn. Im Frühjahr 1940 war ich zum erstenmal in Moskau bei Stalin
und schon damals (als ganze sechs deutsche Divisionen an der Ostgrenze standen)
hat mir Stalin gesagt, daß der Krieg mit den Deutschen früher oder später komme
n werde. Also hatte ich schon damals die Versicherung der höchsten Autorität und
die Bestätigung, daß wir recht hatten, wenn wir auf den Krieg warteten.« Aufsch
lußreich ist, was Wanda Wasilewska in den Tagen der Molotov Mission Ende 1940 üb
er eine Unterredung mit dem 1. Sekretär der KP Weißrußlands, Ponomaremko, dem sp
äteren Chef des Zentralen Stabes der Partisanenbewegung, berichtet, dessen Worte
sie folgendermaßen wiedergibt: »Molotov war in Berlin. Er ist gerade zurückgeko
mmen. Es wird Krieg geben. Sicherlich wird es dazu im Frühjahr 1941 kommen, aber
wir müssen uns schon jetzt vorbereiten.«
Das Überlegenheitsgefühl Stalins, wie es in der Offenlegung seiner aggressiven A
bsichten Ausdruck fand, war freilich wohl begründet, wenn man nur einen Blick au
f die geradezu gigantische sowjetische Rüstungsproduktion wirft, die damals imme
r mehr auf Touren kam. So verfügte die Rote Armee schon ein halbes Jahr später,
mit dem Tage des Kriegsbeginnes, am 22. Juni 1941, über nicht weniger als 24.000
Panzer, darunter 1861 der Typen T 34 und KV (Klim Vorogilov), die in der ganzen
Welt nicht ihresgleichen fanden und von denen im Jahr 1940 358, im ersten Halbj
ahr 1941 aber schon 1503 Stück hergestellt worden sind. Die Luftstreitkräfte der
Roten Armee hatten allein seit 1938 insgesamt 23.245 Kriegsflugzeuge erhalten,
darunter 3719 Maschinen neuester Bauart. Fernerhin verfügte die Rote Armee über
148.000 Geschütze und Granatwerfer aller Gattungen und Systeme. Zum Bestand der
Roten Seekriegsflotte gehörten neben einer Vielzahl anderer Schiffstypen allein
291, nach russischer Angabe aber mindestens 213 U Boote, eine ausgesprochene Ang
riffswaffe. Die Sowjetarmee gebot damit über eine größere U Bootflotte als alle
anderen Länder der Erde, und sie übertraf die führende Seemacht Großbritannien i
n der Zahl der U Boote um mehr als das Vier bis Sechsfache.
Was die sowjetischen Panzerstreitkräfte angeht, so waren sie nach dem Urteil ein
es kompetenten Sachverständigen, des Marschalls der Panzertruppen Polubojarov, s
owohl ihrer Zahl, als auch ihrer »technischen Ausrüstung, ihrer Organisationsfor
men und ihrer Kampfverfahren« nach einer jeden auswärtigen Macht überlegen. Dies
galt nicht nur für den unübertroffenen mittleren Panzer T 34 und den schweren P
anzer KV, sondern auch für die sogenannten älteren Modelle T 26, BT 7, T 28 und
T 35, von denen der mittlere Panzer T 28 und der schwere Panzer T 35, in fast al
len Gefechtseigenschaften und technischen Daten den deutschen Kampfpanzern III u
nd IV deutlich überlegen waren. ...
Ebenso standen die seit 1940 zur Auslieferung gelangten 3719 sowjetischen Flugze
uge modernster Bauart, die Jagdflugzeuge Mig 3, das Sturzkampfflugzeug Pe 2 und
das Schlachtflugzeug IL 2, von denen allein 2650 im ersten Halbjahr 1941 hergest
ellt worden waren, den vergleichbaren deutschen Mustern in keiner Weise nach, üb
ertrafen sie vielmehr allein schon durch ihre Geschwindigkeit. ...
Schließlich war auch das Artilleriematerial der Roten Armee, einschließlich des
Salvengeschützes (reaktiven Werfers) BM 13, der 7,6 cm Divisionskanone, der 12,2
cm Haubitze, der 15,2 cm Haubitzkanone teilweise von einer Qualität, die das Er
staunen der deutschen Führungsstellen hervorrief. Alle diese Erkenntnisse sind d
urch neue russische Forschungsarbeiten bestätigt und noch präzisiert worden.
Die personelle und materielle Überlegenheit der Truppen der Roten Armee am 22. J
uni 1941 ergibt sich aus einem einfachen Kräftevergleich. So gehörten zu deren B
estand schon am 15. Mai 1941, wie der Generalstab an Stalin meldete, 303 Divisio
nen, von denen zu diesem Zeitpunkt 258 Divisionen und 165 Fliegergeschwader in o
ffensiver Aufstellung Deutschland, Finnland und Rumänien gegenüber versammelt wa
ren.
Die vom Generalstab der Roten Armee Stalin am 15. Mai 1941 gemeldete Gesamtstärk
e der Roten Armee von mindestens 375 Divisionen. ... 3.550 deutschen Panzern und
Sturmgeschützen standen nach russischen Angaben 14.000 sowjetische Panzer gegen
über, eine Anzahl, die bei einem Gesamtbestand von 24.000 Panzern noch niedrig g
egriffen ist ...
Den 2500 einsatzbereiten deutschen Flugzeugen standen von insgesamt 23.245 vorha
ndenen sowjetischen Maschinen angeblich nur 10.000 Flugzeuge gegenüber, die, wie
selbst der Reichsminister Goebbels in seinen Tagebüchern klagte, in kritischen
Situationen immerhin in Erscheinung traten und der deutschen Luftwaffe zu schaff
en machten.
Und den 7146 deutschen Artillerierohren gegenüber befanden sich nach russischen
Angaben 37.000 von insgesamt doch 148.000 Geschützen und Granatwerfern, die die
sowjetische Rüstungsindustrie an die Rote Armee abgegeben hatte. ...
In dieser Größenordnung bestand auf seiten der Roten Armee am 22. Juni 1941 demn
ach eine 5 - 6fache Überlegenheit an Panzern, eine 5 - 6fache Überlegenheit an F
lugzeugen und eine 5 - 10fache Überlegenheit an Artilleriestücken. Dabei muß ber
ücksichtigt werden, daß der Serienausstoß moderner Waffen gerade erst angelaufen
und ein sprunghaftes Hochziehen der Produktionszahlen nicht nur vorgesehen war,
sondern trotz der ungeheuren Einbuße an industrieller Kapazität infolge des deu
tschen Raumgewinnes tatsächlich schon im zweiten Halbjahr 1941 erreicht werden k
onnte.
Auf der materiellen Grundlage einer gigantischen und sich immer schneller entwic
kelnden Kriegsrüstung hatte die Rote Armee eine einseitig auf den Angriffsgedank
en zugeschnittene abenteuerliche Kriegstheorie hervorgebracht. Charakteristisch
für diese Lehre vom Kriege war die Aufhebung des Begriffs eines >Angriffskrieges
< wie auch des eines >ungerechten< Krieges, sofern nur die Sowjetunion als Krieg
spartei auftrat. Schon Lenin hatte verkündet, es komme nicht darauf an, wer als
erster angreife, sondern auf die Ursachen eines Krieges, auf seine Ziele und auf
die Klassen, die ihn führten. Für Lenin und Stalin war ein jeder Angriffskrieg
der Sowjetunion gegen jedes beliebige Land von vornherein immer ein reiner Verte
idigungskrieg und damit in jedem Falle ein gerechter und moralischer Krieg, wo
durch auch der Unterschied zwischen einem Präventiv und einem Gegenschlag entfi
el.
Die sowjetische Kriegstheorie ging im übrigen von der Voraussetzung aus, daß Kri
ege heute nicht mehr erklärt werden, da jeder Angreifer das natürliche Bestreben
habe, sich den Vorteil des Überraschungsmomentes zu sichern. »Überraschung wirk
t lähmend«, heißt es schon in der Felddienstordnung von 1939, »daher müssen alle
Kampfhandlungen unter größter Tarnung und mit größter Schnelligkeit durchgeführ
t werden.« Überfallartig, ohne regelrechte Kriegserklärung, waren auch die sowje
tischen Angriffe auf Polen und Finnland 1939 begonnen worden. Die Kampfhandlunge
n sollten durch eine überfallartige Kriegsöffnung sofort in das Land des Gegners
getragen und von Beginn der Feindseligkeiten an sollte damit das Gesetz des Han
delns gewonnen werden.
Im Hinblick auf die Angriffsvorbereitungen im Frühjahr 1941 lassen sich die Grun
dsätze der sowjetischen Kriegslehre thesenartig wie folgt zusammenfassen:
1. Die RKKA (Rote Arbeiter- und Bauernarmee) ist eine >offensive Armee<.
2. Der Krieg wird immer auf feindlichem Territorium geführt und unter geringen e
igenen Opfern mit der vollständigen Zerschmetterung des Gegners enden.
3. Das Proletariat im Lande des Gegners ist ein potentieller Verbündeter der Sow
jetmacht und wird durch Aufstände im Rücken des feindlichen Heeres den Kampf der
Roten Armee unterstützen.
4. Kriegsvorbereitungen sind Angriffsvorbereitungen, Verteidigungsvorkehrungen d
ienen einzig der Durchführung der Angriffsunternehmen in den Nebenrichtungen.
5. Die Möglichkeit des Eindringens feindlicher Streitkräfte in das Territorium d
er UdSSR ist ausgeschlossen.
Es wird zu zeigen sein, daß alle sowjetischen Maßnahmen sich an diesen Grundsätz
en orientierten. Das Dogma von der Unbesiegbarkeit der Roten Armee hatte 1941 im
übrigen die Bedeutung eines Gesetzes und unterlag keiner theoretischen Erörteru
ng. Abweichungen von der offiziellen Lehre galten als Opposition gegen die Gener
allinie der Partei und damit Stalins und waren für den Betreffenden nahezu mit u
nfehlbarer Sicherheit von tödlicher Konsequenz.
In welcher Weise den Angehörigen der Roten Armee und Seekriegsflotte das Gefühl
einer Unüberwindlichkeit der Streitkräfte der Sowjetunion eingeimpft worden war,
darüber erhielten die Deutschen nach Kriegsbeginn vielfachen Aufschluß. So beri
chtete der sowjetische Oberstleutnant des Generalstabes Andrusat, (39. Schützenk
orps), der Gelegenheit gehabt hatte, auf die deutsche Seite überzuwechseln, scho
n am 25. April 1941 von einer massiven Propagandaeinwirkung, die tiefe Spuren in
der Truppe hinterlasse: »Die Politkommissare betonen ununterbrochen, daß der Kr
ieg auf fremdem Gebiet stattfinden wird, nie auf eigenem... Die Sowjetunion wird
immer siegen, da sie im Innern bei jedem Gegner unzählige Bundesgenossen hat...
Aufgrund der Vorträge der Politkommissare hält die Rote Armee sich für die best
e der Welt. Sie könne daher von niemandem geschlagen werden. Es herrscht eine un
geheuere Selbstüberschätzung.«
Immer wieder äußerten sich sowjetische Offiziere auch nach Kriegsbeginn in derse
lben Weise. Major Filippov (29. Schützenkorps) etwa berichtete am 26. Juni 1941
von der in der Truppe »vorherrschenden Meinung, daß die Rote Armee nicht zu schl
agen sei«. Dies entsprach dem, was Oberst Ljubimov und Major Michajlov (beide 49
. Panzerdivision) am 4. August 1941 zum Ausdruck brachten, als sie von der »in v
ollem Umfange vorhandenen Überzeugung« sprachen, »daß die Rote Armee auf das All
erbeste ausgerüstet und ausgebildet und dadurch unbesiegbar sei«. Auch Major Orn
ugkov (11.Panzerdivision) war »fest davon überzeugt, daß die russische Armee nic
ht zu schlagen sei«. Er erklärte am 6. August 1941: »Nach der für die Rote Armee
entwickelten Propaganda konnte das russische Volk auch das größte Vertrauen zu
seiner Wehrmacht haben. Militärzeitschriften, Presse, Kino und Rundfunk betonen
immer wieder den gewaltigen Ausbau der Panzer und Luftwaffe.«
Und immer stand im Hintergrund, was der als »ungewöhnlich intelligent« geschilde
rte Leutnant Il'jin (vom Stabe des Schützenregimentes 964 der 296. Schützendivis
ion), ein Student der Philologie, seinen deutschen Vernehmern am 3. Januar 1942
zutreffend bestätigte: »Man habe in Rußland bis in die ersten Kriegsmonate hinei
n noch stark mit dem Ausbruch innerdeutscher Unruhen gerechnet.« ...
Stalin hielt eine Auseinandersetzung mit Deutschland seit Frühjahr 1940 für unve
rmeidlich, und im Bewußtsein der wachsenden Stärke der Roten Armee und der sich
verschlechternden Lage des Reiches nahm er die Ausmusterung der Absolventen der
Militärakademien am 5. Mai 1941 zum Anlaß, um vor der Führung der Armee zu verkü
nden, daß angesichts der inzwischen erreichten Überlegenheit der Sowjetarmee nun
mehr der Zeitpunkt gekommen sei, um, so wörtlich, »von der Verteidigung zur Krie
gspolitik von Angriffsoperationen überzugehen«.
Welche Bedeutung dieser Rede Stalins für die von ihm gehegten aggressiven Absich
ten zukommt, geht allein schon aus der Tatsache hervor, daß seine Worte der Öffe
ntlichkeit entgegen sonstigen Gepflogenheiten vorenthalten wurden und der Text s
einer Rede in zentralen Parteiarchiven verschwand. Stalinistische Desinformatore
n wie der berüchtigte General Golikov und der Journalist Bezymenskij hatten früh
zeitig irreführende Versionen in Umlauf gesetzt, die Eingang besonders in der we
stdeutschen Geschichtsschreibung fanden und hier als Beweis für die angeblich fr
iedfertigen Absichten Stalins herhalten mußten.
Unser bisheriges Wissen um die aggressiven Absichten Stalins findet denn auch sc
hon in dieser Kurzfassung vollauf eine Bestätigung ..., und es blieb dem Bonner
Historiker Alexander Fischer vorbehalten, in einem Gedenkartikel der renommierte
n FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, anläßlich der fünfzigsten Wiederkehr des Tage
s des Angriffs auf die Sowjetunion, die irreführende Version Bezymenskijs als le
tzte Erkenntnis einer in Bewegung geratenen Geschichtsschreibung in Rußland zu p
räsentieren. Kriegsgefangene sowjetische Offiziere hatten den Deutschen schon ba
ld nach Kriegsbeginn ziemlich einhellig hierüber Aufschluß gegeben.
Der erste bekannte Hinweis auf den Inhalt der Stalinrede findet sich in den Akte
n am 15. Juli 1941, als der Kommandeur der 53. Schützendivision, Oberst Bartenev
, berichtete, Stalin habe auf einem Bankett im Kreml den Toast eines Generalmajo
rs auf die Friedenspolitik sofort zurückgewiesen und erwidert: »Nein, Kriegspoli
tik!« Sechs junge Offiziere verschiedener Divisionen sagten am 20. Juli 1941 üb
ereinstimmend aus: »Bei der Entlassung der Generalstabsoffiziere aus der Kriegss
chule im Mai dieses Jahres sagte Stalin u. a.: >Ob Deutschland will oder nicht,
der Krieg mit Deutschland kommt<.«
Der Oberbefehlshaber der 32. Armee gab die »kurz vor Beginn des Krieges, gelegen
tlich eines Empfanges der Absolventen der Kriegsakademie« von Stalin gehaltene R
ede im Oktober 1941 in der Weise wieder, daß dieser die große technische Überleg
enheit der Roten Armee über die »sogenannt unbesiegbare deutsche Wehrmacht« herv
orgehoben und erklärt habe, »es sei eine falsche Ansicht, die deutsche Armee für
unbesiegbar zu halten. Indirekt ging aus Stalins Worten hervor, daß ein Angriff
auf Deutschland geplant war«.
Sehr genau erinnerte sich zudem einer der Absolventen, Oberleutnant Kurilskij, n
och am 24. März 1942 der am 5. 5. 18.00 Uhr im Sitzungssaal des Obersten Sowjet
im Kreml, Moskau, vor den Absolventen der Kriegsakademien gehaltenen Stalinrede.
Demnach habe Stalin gesagt: »Die deutsche Wehrmacht ist nicht unbesiegbar. Sowj
et Rußland hat bessere Panzer, Flugzeuge und Artillerie als Deutschland und in g
rößerer Zahl. Darum werden wir früher oder später gegen die deutsche Wehrmacht k
ämpfen.«
Die Kernpunkte der Stalinrede vom 5. Mai 1941 finden eine Bestätigung auch in Un
terredungen, die Botschaftsrat Gustav Hilger am 18. Januar 1943 mit dem Oberbefe
hlshaber der 3. Gardearmeee, Generalmajor Krupennikov, und am 22. Juli 1943 mit
dem Artilleriekommandeur der 30. Armee, Generalleutnant Masanov, führte. Krupenn
ik, der ebenso wie Masanov an der Veranstaltung im Kreml selbst nicht teilgenomm
en hatte, meinte zwar, »daß Stalin zu vorsichtig sei, um seine Pläne so offen zu
verraten«, erklärte aber mit Bestimmtheit, »daß Stalin sich auf einen Krieg mit
Deutschland seit Jahren systematisch vorbereitet habe und ihn unter einem geeig
neten Vorwand spätestens im Frühjahr 1942 entfacht hätte... Das Endziel Stalins
sei die Erringung der Weltherrschaft mit Hilfe der alten bolschewistischen Schla
gworte von der Befreiung der Werktätigen«.
Masanov dagegen zeigte sich, wie Hilger schreibt, ȟber die Rede Stalins auf dem
Bankett im Kreml am 5. 5.1941 genau unterrichtet. Obwohl er selbst bei der Vera
nstaltung nicht anwesend war, zitierte er den Ausspruch Stalins über die Notwend
igkeit, sich auf einen Angriffskrieg vorzubereiten, fast wörtlich und brachte an
schließend die eigene Überzeugung zum Ausdruck, daß Stalin den Krieg gegen Deuts
chland im Herbst 1941 entfacht hätte«.
Die Deutschen waren also recht bald im Bilde. Und bereits am 18. Oktober 1941 ri
chtete der Chef der Abteilung Fremde Heere Ost im Generalstab des Heeres, Oberst
i. G. Gehlen, an den Vertreter des Auswärtigen Amtes beim Oberkommando des Heer
es, Rittmeister d. R. von Etzdorf, ein Schreiben, dem er die »voneinander unabhä
ngig verfaßten Berichte« dreier kriegsgefangener sowjetischer Offiziere beifügte
, die »übereinstimmend« zum Ausdruck brachten, daß Stalin am 5. Mai 1941 auf ein
em Bankett im Kreml »Kriegsdrohungen gegen Deutschland ausgestoßen« hatte. Gehle
n faßte den Inhalt dieser Berichte in folgender Weise zusammen:
1.) Aufruf, sich zum Krieg gegen Deutschland bereitzuhalten.
2.) Ausführungen über Kriegsvorbereitungen der Roten Armee.
3.) Die Ära der Friedenspolitik der Sowjetunion ist vorüber. Ausdehnung der Sowj
etunion mit Waffengewalt nach Westen ist nunmehr notwendig. Es lebe die aktive A
ngriffspolitik des Sowjetstaates!
4.) Der Kriegsbeginn steht in nicht allzuferner Zeit bevor.
5.) Ausführungen über die großen Siegesaussichten der Sowjetunion im Krieg gegen
Deutschland.«
Gehlen fügte hinzu: »Einer der drei Berichte enthielt die bemerkenswerte Äußerun
g, daß der mit Deutschland bestehende Friedensvertrag >nur eine Täuschung und ei
n Vorhang sei, hinter dem man offen arbeiten könne<.«
Oberst i. G. Gehlen nahm Bezug auf Äußerungen gefangengenommener Sowjetoffiziere
in einer anderen Quelle, nach denen Stalin im Mai 1941 Pläne gegen Deutschland
geschmiedet und einem Kreise von Offizieren gegenüber geäußert habe, jetzt oder
nie sei die Gelegenheit, den Kapitalismus zu liquidieren, der Hauptgegner in die
sem Kampf werde Deutschland sein.
Der alarmierende Inhalt der Stalinrede ist durch Veröffentlichungen des Botschaf
tsrates Hilger und des britischen Korrespondenten in Moskau Alexander Werth in d
en Jahren nach dem Kriege aber längst auch einem breiteren Publikum bekanntgewor
den.
Hilger hatte drei in Gefangenschaft geratene höhere sowjetische Offiziere, Teiln
ehmer an der Veranstaltung im Kreml, befragt, die in ihren Schilderungen fast wö
rtlich übereinstimmten, obwohl sie keine Gelegenheit gehabt hatten, sich miteina
nder zu verständigen. ...
Nach den Informationen, die Werth nach Kriegsausbruch zugespielt worden waren, h
abe Stalin erklärt, es sei notwendig, den Krieg mit Deutschland bis zum Herbst h
inauszuzögern, weil es für einen deutschen Angriff dann zu spät sei. Der Krieg m
it Deutschland werde aber >fast unvermeidlich< 1942 stattfinden und zwar unter v
iel günstigeren Bedingungen. Je nach der internationalen Situation werde die Rot
e Armee »entweder einen deutschen Angriff erwarten, oder sie wird die Initiative
zu ergreifen haben«. Ausdrücklich hob Werth hervor, alle seine Informationen hä
tten »in den Grundzügen und vor allem in einem der wichtigsten Punkte« übereinge
stimmt, in »Stalins Überzeugung, daß der Krieg fast unvermeidlich 1942 ausgefoch
ten werde, wobei die Russen möglicherweise die Initiative zu ergreifen haben wer
den«. Es wird zu zeigen sein, daß Stalin den Termin des Kriegsbeginnes von 1942
offenkundig auf das Jahr 1941 vorgezogen hatte.
Schließlich hat auch der Stalinbiograph, Generaloberst Professor Volkogonov, die
Rede Stalins, die in >Kriegsdrohungen gegen Deutschland< gipfelte, in treffende
n Worten wiedergegeben. Nach Volkogonov war Stalin »aufrichtig wie sonst selten
und sprach über vieles, was ein Staatsgeheimnis darstellte«. Es war jedoch wenig
er Aufrichtigkeit als vielmehr der Alkohol, der seine Zunge gelöst hatte, nach d
em russischen Sprichwort: >Was einer betrunken auf der Zunge hat, das hat er nüc
htern im Kopf.< Denn wie Augenzeugen berichten, war er >in vorgerückter Stunde<
bereits stark alkoholisiert. Volkogonov faßte die Rede vom 5. Mai 1941 folgender
maßen zusammen: »Der Vozd' (Führer) machte unmißverständlich klar: Der Krieg ist
in Zukunft unausweichlich. Man muß bereit sein zur >bedingungslosen Zerschlagun
g des deutschen Faschismus<«, »Der Krieg wird auf dem Territorium des Gegners ge
führt und der Sieg mit geringen Opfern errungen werden.«
Die Rede vom 5. Mai 1941, in der Stalin seine Angriffsabsichten offenbarte, bede
utete aber nur die Fortsetzung einer Rede des >Genossen Stalin< vom 13. Januar 1
941 vor höheren Truppenkommandeuren und einer weiteren Rede vom 8. Januar 1941 v
or höheren Luftwaffenoffizieren, beide gehalten im Zentralkomitee, die schon gan
z ähnliche Gedanken verraten hatten. Dem erbeuteten Tagebuch des bei Lochvica ge
fallenen Majors des NKVD Murat aus dem Stabe der 21. Armee lassen sich einige Ke
rnpunkte entnehmen. Demnach hatte Stalin von einem >kultivierten Gegner<, nach d
em damaligen Sprachgebrauch der Führung der Roten Armee also von Deutschland, un
d von >Angriffsoperationen< gesprochen, die beginnen könnten, wenn man eine zwei
fache Überlegenheit besitze. »Eine zweifache Überlegenheit ist Gesetz, eine stär
kere noch besser«, so Stalin am 13. Januar 1941: »Das Spiel nähert sich den krie
gerischen Operationen.«, »Wenn 5000 Flugzeuge alles zerstören, dann kann man ver
suchen, über die Karpathen zu gehen.«
Der Balkan stand im Frühjahr 1941 mehrfach im Mittelpunkt der sowjetischen Planu
ngen. Und wie ungefähr man sich ein Vorgehen dachte, enthüllte bald darauf der s
owjetische Bevollmächtigte Vertreter in Belgrad. »Die UdSSR wird erst im entspre
chenden Moment reagieren«, so heißt es in einem Referat von ihm im Frühjahr 1941
: »Die Mächte verzetteln ihre Kräfte immer mehr. Daher wird die UdSSR unerwartet
gegen Deutschland antreten. Hierbei überquert die UdSSR die Karpathen, was als
Signal für die Revolution in Ungarn dient. Von Ungarn aus dringen die Sowjettrup
pen in Jugoslawien ein, stoßen zum Adriatischen Meer vor und schneiden den Balka
n und den Nahen Osten von Deutschland ab.«
Stalin und die sowjetische Führung hatten in zunehmendem Maße Bericht erhalten ü
ber >den Unwillen des deutschen Volkes, Krieg zu führen< ... »Wenn Deutschland s
ich in einen Krieg mit der UdSSR stürzt«, so angeblich die deutschen Soldaten, »
wird es geschlagen werden« ... Generaloberst Volkogonov nimmt Bezug auf ein in M
oskau damals verbreitetes Buch DER ERSTE SCHLAG (Pervyj udar) von Spanov, das di
e allgemein in der Sowjetunion herrschende Meinung wiedergab, daß nämlich »nach
dem vernichtenden Schlag der Roten Armee gegen das faschistische Deutschland dor
t am zweiten Tag ein Aufstand gegen das Naziregime ausbrechen werde«. Es ist bez
eichnend für die sowjetische Theorie, daß ein solcher >vernichtender Schlag< nic
ht etwa einen deutschen Angriff voraussetzte, sondern jederzeit nach eigenem Bel
ieben geführt werden konnte.
Das Akademiemitglied Varga, ein besonderer Protegé Stalins, erklärte in einer Re
de vor der Militärpolitischen Akademie V. I. LENIN am 17. April 1941, daß, sobal
d aufgrund des Krieges eine >revolutionäre Krise< eintrete, die >bürgerliche Mac
ht< geschwächt sei und das »Proletariat die Macht in seine Hände nimmt«, »die So
wjetunion dann verpflichtet ist, und sie wird es tun, der proletarischen Revolut
ion in anderen Ländern zu Hilfe zu kommen«. »Das sowjetische Volk vergißt nicht
seine internationalen Verpflichtungen im Hinblick auf das Weltproletariat und al
le Werktätigen der kapitalistischen Länder«, hatte die SOVETSKAJA UKRAINA schon
am 21. Januar 1941 verkündet. Das Streben, das >Feuer der Weltrevolution< zu ent
fachen, verband sich hier, wie noch an anderer Stelle deutlich wird, mit dem sow
jetischen Eroberungsdrang, der sich in das Propagandagewand eines revolutionären
Befreiungskrieges hüllte. ...
Die von Stalin am 13. Januar 1941 geforderte mehrfache Überlegenheit war damit a
uf dem für Angriffsoperationen ausschlaggebenden Panzersektor eindeutig gegeben.
Die Rote Armee verfügte über eine gewaltige Streitmacht gepanzerter Stoßkräfte,
die sie zu weiträumigen Angriffsoperationen befähigte. Daß sich später, etwa hi
nsichtlich der Führung der mechanisierten Korps, Mängel ergaben, war für die vor
dem 22. Juni 1941 getroffenen Entscheidungen unerheblich.
Ähnlich lagen die Verhältnisse auf dem Felde der Luftwaffe. »Wir haben«, so Stal
in, »in genügender Anzahl und produzieren massenweise Flugzeuge, die eine Geschw
indigkeit von 600 - 650 Stundenkilometern erreichen. Das sind erstrangige Flugze
uge. Im Kriegsfall werden diese Flugzeuge in erster Linie eingesetzt.« ...
Bezymenskij unterschlägt den wichtigsten Abschnitt der Veranstaltung im Kreml, d
er in der KRATKAJA ZAPIS' überliefert wird und der ein ungewöhnliches Vorkommnis
darstellt. Als ein Generalmajor der Panzertruppen zu vorgerückter Stunde auf de
m Bankett einen Toast auf die friedliche Stalinsche Außenpolitik ausbrachte, ges
chah etwas Unerwartetes. Stalin erhob sich zum dritten Mal, um den General seine
r gutgemeinten Worte wegen zurechtzuweisen Beweis dafür, daß dieser die entsche
idende Frage berührt hatte. Stalin sagte: »Erlauben Sie mir eine Korrektur anzub
ringen. Die Friedenspolitik sicherte den Frieden unseres Landes, Friedenspolitik
ist eine gute Sache. Wir führten bis jetzt, bis zur Gegenwart, die Linie der Ve
rteidigung - bis jetzt, solange die Armee nicht mit neuzeitlichen Kampfmitteln a
usgerüstet war. Aber jetzt, wo wir unsere Armee rekonstruiert haben, ... wo wir
stark geworden sind, - jetzt ist es notwendig, von der Verteidigung zum Angriff
überzugehen. ... Es ist notwendig, unsere Erziehung, unsere Propaganda, unsere P
resse auf den Angriffsgedanken hin umzustellen. Die Rote Armee ist eine neuzeitl
iche Armee, und eine neuzeitliche Armee ist eine Angriffsarmee.«
Die von den obengenannten Offizieren aller Dienstgrade mitgeteilten Kriegsdrohun
gen Stalins gegen Deutschland am 5. Mai 1941 finden in der KRATKAJA ZAPIS' also
einen unmißverständlichen Ausdruck, ebenso übrigens wie der Wille Stalins zur Du
rchführung eines Angriffskrieges. Wenn die westdeutsche Zeitgeschichtsschreibung
immer argumentierte, es sei nirgendwo der politische Angriffswille Stalins nach
weisbar, so sei darauf hingewiesen, daß es noch weitere Belege gibt.
Aleksandr Nekric, der in jüngster Zeit die persönlichen Papiere der engsten Vert
rauten Stalins, von Kalinin, Zdanov, Scerbakov, Berija und anderer in Moskau stu
diert hatte, macht uns auf diese Beweise aufmerksam. Demnach hat im Politbüro ni
emals der geringste Zweifel darüber bestanden, daß die Sowjetunion zu einem geei
gneten Zeitpunkt einen Angriffskrieg gegen Deutschland eröffnen werde. Das polit
ische Ziel der Sowjetunion ist in diesen Kreisen in einer Reduzierung der >kapit
alistischen Welt< und in einer Ausdehnung der >sozialistischen Zone< gesehen wor
den, die mit der Sowjetunion gleichgesetzt wurde.
In diesem Zusammenhang soll Kalinin angeführt werden, Vorsitzender des Präsidium
s des Obersten Sowjet und damit Staatsoberhaupt der UdSSR, einer der ergebensten
Spießgesellen Stalins, der auch den Erschießungsbefehl für die 15.000 polnische
n Offiziere von Katyn mitunterzeichnet hatte.
Kalinin hielt am 20. Mai 1941, also 14 Tage nach Stalin, eine Rede vor Funktionä
ren des Apparates des Obersten Sowjet, in der er, ganz im Stile seines Herrn und
Meisters, die Grundidee der sowjetischen Außenpolitik bekräftigte: Im Falle der
gegenseitigen Erschöpfung der kapitalistischen Staaten entsprechend der Stalind
oktrin von 1925 mit unverbrauchten Kräften in den Krieg einzutreten und zum Schl
uß die eigenen Bedingungen zu diktieren. Zwar war dieses Konzept 1940 vorerst du
rchkreuzt worden. Aber Kalinin fuhr fort, Kommunisten sollten sich nicht mit Fra
gen der Friedensbewahrung befassen, sondern »vor allem an der Frage interessiert
sein, welchen Vorteil die Kommunistische Partei aus Ereignissen ziehen könne, d
ie nur einmal in fünfzig Jahren stattfinden«. Er sagte des weiteren wörtlich und
in aller Offenheit: »Krieg ist ein sehr gefährliches Geschäft, mit Leiden verbu
nden«, aber zu einem Zeitpunkt, »wo es möglich ist, den Kommunismus auszudehnen«
, sollte ein Krieg »nicht außer Betracht bleiben«.
Kalinin drückte seine Genugtuung darüber aus, daß es der Sowjetunion gelungen wa
r, »die Zone des Kommunismus ein wenig auszudehnen, und zwar unter verhältnismäß
ig geringen Einbußen«. Und er fügte hinzu, die Ausdehnung der Zone des Kommunism
us müsse fortgesetzt werden. Am 5. Mai 1941 hatte Stalin den Angriffsgedanken ei
ner breiten militärischen Öffentlichkeit verkündet. Und Kalinin stand nicht alle
in, als er ihn am 20. Mai 1941 ebenfalls vor einem offiziellen Gremium auf seine
Weise kommentierte. Auch Zdanov und andere Mitglieder des Politbüros haben sich
in ihren Reden aus dieser Zeit rückhaltlos zu der aggressiven Zielsetzung der P
olitik Stalins bekannt.

2. Der Angriff Hitlers kam Stalin zuvor

Stalin hatte am 5. Mai 1941 offiziell die geistig-propagandistische Umstellung d


er Roten Armee auf den Angriffsgedanken gefordert und die große Überlegenheit de
r Roten Armee gerühmt, nicht aber die eigentliche Frage einer operativen Vorbere
itung des Angriffskrieges gegen Deutschland berührt, was vor dem Auditorium der
Versammlung im Kreml auch nicht gut möglich war. Die militärischen Vorbereitunge
n waren jedoch längst angelaufen. So hatte die Rote Armee, wie der spätere Chef
des Generalstabes, Marschall der Sowjetunion Zukov, zugestehen muß, schon im Jah
re 1940, also lange vor dem deutschen Aufmarsch, eine Offensivaufstellung in den
exponierten Frontbogen bei Bialystok und Lemberg eingeleitet. Eine Konferenz ho
her Befehlshaber der Roten Armee unter dem Vorsitz des Volkskommissars der Verte
idigung, Marschall der Sowjetunion Timosenko, hatte im Dezember 1940 den Beschlu
ß gefaßt, einen künftigen Krieg als Offensivkrieg zu führen.
Im Januar 1941 erbrachten zwei großangelegte Stabsmanöver des hohen Führerbestan
des der Roten Armee, ebenfalls unter der Leitung des Volkskommissars der Verteid
igung, erste Erkenntnisse für die Durchführung eines Angriffskrieges gegen Deuts
chland. Durchgespielt worden war einmal eine Offensive starker sowjetischer Kräf
te aus dem baltischen Raum heraus zur Eroberung von Ostpreußen und Königsberg, z
um anderen eine Offensive überwältigender Kräfte aus dem Raum um Brest heraus un
d über die Karpathen hinweg in südwestlicher Stoßrichtung zur Eroberung von Südp
olen, der Slowakei und Ungarn.
Zehn Tage nachdem Stalin dann seine Kriegsdrohungen ausgestoßen hatte, am 15. Ma
i 1941, überreichte der Chef des Generalstabes der Roten Armee, Armeegeneral Zuk
ov, dem >Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare der UdSSR Genossen Stalin< i
m Beisein des Volkskommissars der Verteidigung, Marschall Timosenko, den gemeins
am von ihnen unterfertigten Plan für einen Angriffskrieg gegen Deutschland unter
dem unverfänglichen Titel »Erwägungen zum strategischen Aufmarschplan der Stre
itkräfte der Sowjetunion für den Fall eines Krieges mit Deutschland und seinen V
erbündeten«. Der Stellvertretende Chef der Operationsabteilung des Generalstabes
, Generalmajor Vasilevskij, hatte dieses der größten Geheimhaltung wegen nur in
einem Exemplar vorhandene Dokument handschriftlich in die Reinschrift übertragen
und es persönlich im Empfangsraum Stalins im Kreml Zukov übergeben. Vom Ersten
Stellvertretenden Chef des Generalstabes, Generalleutnant Vatutin, waren Unterst
reichungen und redaktionelle Korrekturen mit Bleistift eingefügt worden.
Dieser Plan für einen Angriffskrieg gegen Deutschland, den der Kandidat der Gesc
hichtswissenschaften, Oberst Valerij Danilov, unter Beiwirkung des Universitätsd
ozenten Dr. Heinz Magenheimer von der Landesverteidigungsakademie in Wien in der
renommierten ÖSTERREICHISCHEN MILITÄRISCHEN ZEITSCHRIFT veröffentlicht und eing
ehend kommentiert hat, ist die Quintesenz noch anderer Projekte, die der General
stab im Frühjahr 1941 für einen Angriff gegen Deutschland ausgearbeitet hatte. E
s seien genannt:
1. Der strategische Aufmarschplan der Streitkräfte der UdSSR für den Fall eines
Krieges mit Deutschland vom 2. März 1941,
2. Der vorgesehene Einsatzplan für den Fall eines Krieges mit Deutschland, auf w
elche sich das Dokument vom 15. Mai 1941 bezog,
3. Der »Präzisierter Aufmarschplan der Streitkräfte der Sowjetunion nach West un
d Ost« vom 11. März 1941, der nach Generaloberst Volkogonov ebenfalls unter Bete
iligung von Generalmajor Vasilevskij angefertigt und von Marschall Timosenko und
Armeegeneral Zukov Stalin vorgetragen worden ist.
Danilov zitiert ein kurzgefaßtes sogenanntes >Angriffscredo< aus dem Generalstab
splan vom 15. Mai 1941 mit den »Erwägungen zum Plan eines strategischen Aufmarsc
hes der Streitkräfte der Sowjetunion«, den Oberst Karpov in der Zeitschrift KOMM
UNIST im Jahre 1990 auszugsweise abgedruckt hat und der von der Wochenschrift DE
R SPIEGEL 1991 als Zukovs Angriffsplan vorgestellt worden ist mit dem vielsagend
en Untertitel »Wie der Generalstabschef der UdSSR im Mai 1941 Hitler zuvorkommen
wollte«.
Das Verdienst Oberst Danilovs besteht darin, daß er den sowjetischen Angriffspla
n vollständig veröffentlicht und umfassend kommentiert hat, dabei überaus beweis
kräftige Einzelheiten der militärischen Vorbereitungen ausbreitend. ...
Worin bestanden nun die Einzelheiten des Generalstabsplanes? Das oben erwähnte k
urze >Angriffscredo< lautete folgendermaßen: »Wenn man in Betracht zieht, daß De
utschland sein Heer mit eingerichteten Rückwärtigen Diensten mobil gemacht hält,
so kann es uns beim Aufmarsch zuvorkommen und einen Überraschungsschlag führen.
Um dies zu verhindern und die deutsche Armee zu zerschlagen, erachte ich es für
notwendig, dem deutschen Kommando in keinem Falle wie auch immer die Initiative
zu überlassen, dem Gegner beim Aufmarsch zuvorzukommen und die Deutsche Armee i
n dem Moment anzugreifen, wenn sie sich im Stadium des Aufmarsches befindet und
noch nicht in der Lage ist, eine Front aufzubauen und das Zusammenwirken der Waf
fengattungen zu organisieren.« ...
Erstes strategisches Ziel nach dem Generalstabsplan war die Vernichtung der Haup
tkräfte der deutschen Wehrmacht südlich der Linie Brest-Deblin und das Erreichen
der Linie Ostroleka-Narew-Lodz Kreuzburg-Oppeln-Olmütz innerhalb von 30 Tagen.
Zweites strategisches Ziel war die Fortsetzung der Offensive aus dem Raum um Kat
towitz heraus nach Norden und Nordwesten, um auch die Kräfte des linken deutsche
n Flügels zu zerschlagen und ganz Polen und Ostpreußen in Besitz zu nehmen. Der
Hauptstoß sollte mit Kräften der Südwestfront aus dem Lemberger Frontbogen herau
s geführt und das deutsche Heer von seinen südlichen Verbündeten abgeschnitten w
erden. ...
Gegen Finnland und Ostpreußen, ebenso wie gegen Rumänien und Ungarn sollte zunäc
hst eine aktive Verteidigung organisiert, im Süden aus den Räumen um Czernowitz
und Kisinev heraus alsdann aber ein Angriff gegen Rumänien zur Einnahme von Jasi
und zur Zerschlagung des linken Flügels der rumänischen Armee geführt werden. .
..
Der Generalstabsplan vom 15. Mai 1941 bedeutete in einem zentralen Punkt ein Abg
ehen von der bisherigen Lehre: Denn nicht mehr sollte ein feindlicher Angriff mi
t einem vernichtenden Schlage beantwortet werden, sondern mit einem vernichtende
n Schlag sollte die Rote Armee einem feindlichen Angriff zuvorkommen, der zu die
sem Zeitpunkt freilich noch insofern rein hypothetisch war, als die gepanzerten
Stoßkräfte des deutschen Ostheeres überhaupt erst seit dem 3. Juni 1941 an der O
stgrenze aufmarschierten. Da dieser große Vernichtungsschlag dazu bestimmt war,
wie Kalinin am 20. Mai 1941 verraten hatte, um »die Ausdehnung der Zone des Komm
unismus«, das heißt um die Ausdehnung der Macht der Sowjetunion, war es demnach
ein reiner Angriffs- und Eroberungskrieg, nicht aber ein Präventivkrieg, der hie
r vorbereitet wurde, so wie Hitler - obwohl aus anderen Beweggründen - einen Ang
riffskrieg plante. Es ist dies unabhängig davon, daß ein deutscher Aufmarsch zum
Anlaß genommen wurde und es sich auch als notwendig erwies, die Angriffsvorbere
itungen, das Zusammenziehen und den Aufmarsch der Truppen der Roten Armee, vorüb
ergehend durch eine örtliche Verteidigung zu decken.
Das Gelingen des geplanten, großangelegten Überraschungsangriffs gegen die Trupp
en der Wehrmacht setzte einige Maßnahmen voraus, für die der Generalstab der Rot
en Armee am 15. Mai 1941 nachdrücklich eintrat.
1. Unter dem Anschein von Übungen für die Soldaten der Roten Armee sollte eine g
eheime Mobilmachung durchgeführt werden.
2. Unter dem Anschein des Beziehens von Ausbildungslagern sollten in der Nähe de
r Westgrenze Truppen zusammengezogen und vorrangig alle Armeen der Reserve des O
berkommandos konzentriert werden.
3. Die Luftstreitkräfte sollten insgeheim auf Feldflugplätzen zusammengezogen un
d mit dem Ausbau der Bodenorganisation sollte sofort begonnen werden.
4. Unter dem Anschein von Ausbildungsvorhaben und Übungen sollten ferner auch di
e Rückwärtigen Dienste organisiert werden.
Diese Forderungen entsprachen im wesentlichen den neuen operativen und taktische
n Grundsätzen der Roten Armee, auf die auch die Deutschen frühzeitig aufmerksam
geworden waren. Seit Frühjahr 1941 wurden deutscherseits in der sowjetischen Mil
itärliteratur >weitgehende Untersuchungen< über die »Anfangsphase eines neuzeitl
ichen Krieges« registriert. Alle diese Untersuchungen, so heißt es in einer Zusa
mmenstellung des Oberkommandos der deutschen 18. Armee vom 15. April 1941, gipfe
lten in der Erkenntnis, neuzeitliche Kriege würden beginnen »mit einem >Hineinkr
iechen< in den Krieg, ohne offizielle Kriegserklärung bei allmählicher und bis z
ur endgültigen Eröffnung der Feindseligkeiten getarnter Mobilmachung«. Motorisie
rte Kräfte und Kavallerie würden auf »Truppenübungsplätzen und bei Manövern« ver
sammelt und »innerhalb kürzester Zeit als Einbruchsarmee verwandt werden«. Ziel
der »überfallartigen Kriegseröffnung« sei es, »die Kriegshandlungen in das Land
des Gegners zu tragen und von Beginn des Feldzuges an die Initiative zu gewinnen
«. Es stellt sich die Frage, inwieweit diese Forderungen noch in der Ausführung
begriffen oder bis zum 22. Juni 1941 bereits durchgeführt worden waren.
Die Mobilmachung der Truppen sollte entsprechend den in dem Aufmarschschema fest
gelegten Terminen »bis ins kleinste« hinein vorbereitet werden. Der Generalstab
wünschte anscheinend im Juni, »entschlossen einen Schritt nach vorn« zu tun und
auch die allgemeine Mobilmachung durchzuführen, indessen verwarf Stalin einen en
tsprechenden Vorschlag Timosenkos und Zukovs am 14. Juni 1941, da eine Mobilmach
ung nach damaliger Auffassung automatisch die Eröffnung der Feindseligkeiten nac
h sich gezogen haben würde, die ja mit einem Überraschungsschlag zu einem selbst
gewählten Zeitpunkt beginnen sollten. Auch die bisherigen Maßnahmen waren, wie O
berst Filippov unlängst nachgewiesen hat, schon so wirksam, daß es einer Mobilma
chung überhaupt nicht mehr bedurfte. Im Mai 1941 hatte Stalin Befehl zur Einberu
fung von weiteren 800.000 Reservisten erteilt, so daß nun rund 300 Divisionen be
reitstanden. Die Absicht dahinter hatten freilich auch die deutschen Kommandobeh
örden frühzeitig durchschaut, indem sie die zunehmenden Einberufungen von Spezia
listen und die Einziehung ganzer Jahrgänge als eine zielbewußte Verstärkung der
Roten Armee deuteten. ...
Ebenso wie die geheime Mobilmachung war auch die geheime Zusammenziehung der Tru
ppen unter dem Anschein von Ausbildungslagern weitgehend abgeschlossen. Ein Syst
em >dezentralisierter Lagerübungen< wurde von der Sowjethistoriographie geradezu
als Beweis für die angeblich friedfertigen Absichten der Sowjetunion angeführt.
Doch in Wirklichkeit hatte der Generalstab auf Weisung Stalins hin schon am 13.
Mai 1941 unter strengster Geheimhaltung abermals vier Armeen aus dem Landesinne
rn in die Grenzrayone in Marsch gesetzt, denen im Juni weitere Armeen folgten. E
s handelte sich um die 16., 19., 20., 21., 22., 24., 28., insgesamt also um sieb
en Armeen sowie um das 21. und 23. mechanisierte Korps und das 41. Schützenkorps
. Diese gewaltige Truppenverschiebung vollzog sich unter dem Schirm der von Stal
in inspirierten Dementis. So wandte sich die Nachrichtenagentur TASS am 15. Mai
1941 gegen die Gerüchte über starke Truppenkonzentrationen mit der geradezu entw
affnenden Behauptung, besserer Unterkunftsverhältnisse wegen sei eine einzige Di
vision von Irkutsk nach Novosibirsk verlegt worden. Am 13. Juni 1941 bezeichnete
TASS Gerüchte über Kriegsvorbereitungen gegen Deutschland als »erlogen und prov
okatorisch«, die Einberufung von Reserven und die bevorstehenden Manöver dienten
allein der »Ausbildung« und der »Kontrolle des Eisenbahnapparates«. Zu diesem Z
eitpunkt war nach späteren deutschen Feststellungen schon »fast die gesamte verf
ügbare Streitmacht der SU in einer Monate dauernden Bewegung aus dem Innern Rußl
ands an die deutsche Ostfront herantransportiert worden«. Anders hätten vor der
deutschen Heeresfront auch kaum Großverbände in einer Anzahl auftreten können, d
ie nach dem Feindlagebericht der Panzergruppe 4 vom 10. August 1941 330 sowjetis
che Divisionen betrug. Eine solche Truppenmassierung mußte nach Überzeugung des
Generalstabes des Heeres eben lange vor Kriegsbeginn eingeleitet worden sein. ..
. (Stark gekürzt).

3. Durch Terror zum Kampf. Sowjetsoldaten werden ins Feuer getrieben

Der sowjetischen Geschichtsschreibung über den deutsch-sowjetischen Krieg liegt


eine Behauptung zugrunde, die mit eiserner Konsequenz bis in unsere Tage hinein
aufrechterhalten wird. Sie war von Stalin unter dem Stichwort des sogenannten >S
owjetpatriotismus< zum 27. Jahrestag der Oktoberrevolution am 6. November 1944 ö
ffentlich proklamiert worden und lautete in Kurzform, die Völker der Sowjetunion
hätten sich, erfüllt von »glühendem und lebenspendendem Sowjetpatriotismus«, vo
n »heißer Liebe zu ihrer sozialistischen Heimat«, »von grenzenloser Treue zu den
Ideen des Kommunismus«, und sich in »brennendem Haß gegen die Eroberer« zusamm
engeschlossen. Die »moralisch politische Einheit der Sowjetgesellschaft«, die »u
nerschütterliche Freundschaft der Völker der UDSSR« untereinander hätten sich in
dem >Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion< in »glänzender« Weise bestät
igt und bewahrt.
Im Hinblick auf die Rote Armee wurde man nicht müde zu verbreiten, ein jeder Rot
armist, sei ein »seiner sozialistischen Heimat grenzenlos ergebener Kämpfer« gew
esen, getragen von dem »Gefühl der hohen Verantwortung... für die ihm anvertraut
e Aufgabe der Verteidigung der sozialistischen Heimat«, erfüllt von »hoher Moral
, hervorragender Standhaftigkeit, Mut und Heldentum«, »für Partei und Regierung,
für den Genossen Stalin«, bis zur letzten Patrone, bis zum letzten Blutstropfen
zu kämpfen. ...
Wer die russische Militärgeschichte kennt, weiß um die hohen Qualitäten des russ
ischen Soldatentums, um die oft bewiesene Tapferkeit der russischen Krieger beim
Angriff und besonders bei der Verteidigung ihres Vaterlandes. Von den Deutschen
ist 1941 vielfach verkannt worden, welch hohes Maß an Heimat- und Vaterlandslie
be den russischen Menschen und den russischen Soldaten seit jeher innewohnt. In
den Akten finden sich nach Kriegsausbruch in der Tat ungezählte Beispiele dafür,
daß sowjetische Soldaten, aus welchen Gründen auch immer, an manchen Stellen in
aufopfernder Gegenwehr bis hin zu ihrem Tode ausgeharrt und gekämpft haben. Sol
che Fälle sind von der sowjetischen Geschichtsschreibung jedoch in unzulässiger
Weise verallgemeinert und in bewußter Irreführung ist alles ignoriert worden, wa
s mit dem Propagandabild des Sowjetheroismus nicht übereinstimmt. Denn es erhebt
sich doch die Frage, welchen Grund die russischen Soldaten eigentlich gehabt ha
ben sollen, »bis zur letzten Patrone, bis zum letzten Blutstropfen« für den »Gen
ossen Stalin« und sein terroristisches Regime zu kämpfen, das ihnen und ihren Vö
lkern die entsetzlichsten Leiden und Entbehrungen auferlegt hatte.
Stalin selbst, zunächst voller trügerischer Erwartungen über Stärke und Zusammen
halt der Roten Armee und erst nach Tagen von einem »lähmenden Schock« getroffen,
hat sich hinsichtlich dieser Frage jedenfalls keinen Illusionen hingegeben. Er
führte den Zusammenbruch der Fronten zutreffend nicht nur auf ein Versagen der F
ührung, sondern vor allem auf einen mangelnden Kampfeswillen der Truppen der Rot
en Armee zurück. Und um den Soldaten >Sowjetpatriotismus< einzuhauchen und jene
Haltung zu erzeugen, die bis in unsere Tage hinein als >Massenheroismus< bezeich
net wird, gab es für ihn nur eine Methode, auf der sein ganzes Herrschaftssystem
beruhte, die Anwendung eines Höchstmaßes von Zwang und Terror, verbunden mit de
r Entfachung einer zügellosen Propagandakampagne zur politischen Beeinflussung.
Als er es am 3. Juli 1941 wagte, sich im Radio erstmals an die Völker der Sowjet
union zu wenden, kündigte er an, worauf es ihm jetzt ankam: »Es ist ferner notwe
ndig, daß in unseren Reihen kein Platz für Feiglinge, Panikmacher und Deserteure
sei«, hieß es in dieser ersten Kriegsrede: ... Der Führungsapparat der Roten A
rmee setzte die Intentionen umgehend in Befehle um, die den Soldaten keine ander
e Wahl mehr lassen sollten, als zu kämpfen oder zu sterben.
An erster Stelle war es die Hauptverwaltung für Politische Propaganda der Roten
Armee (GUPPKA) unter Armeekommissar Mechlis, die jetzt alle Register zog, um »di
e Rede des Führers der Völker, des Genossen Stalin, und unsere Aufgaben« einem j
eden »einzelnen Soldaten« einzuhämmern. In einer Reihe von Befehlen ... wurden d
ie entsprechenden Parolen ausgegeben: »jeden Fußbreit des Sowjetlandes bis zum l
etzten Blutstropfen« zu verteidigen. Das eigenmächtige »Verlassen der Stellung«,
die »Flucht vom Schlachtfelde«, das »Sichergeben in die Gefangenschaft«, wurden
als Verletzung des »heiligen Eides«, als »Verrat an der Heimat und an der Regie
rung« deklariert. Den »Zersetzern, Panikmachern, Feiglingen, Deserteuren« unter
den »Soldaten, Kommandeuren (Offizieren) und politischen Mitarbeitern« wurden vo
n nun an ein »unerbittlicher Kampf«, »eine »schonungslose« Verfolgung, in Aussic
ht gestellt.
Wie dies im einzelnen zu geschehen hatte, wurde demonstriert, nachdem am 26. Jun
i 1941 ein Rotarmist in der 131. Division wegen Nichtausführung eines unbedeuten
den Befehls vor aller Augen mit dem Bajonett erstochen worden war:
»So soll man alle Verräter des Vaterlandes behandeln«, lautete die Aufforderung
in Befehlsform. Die Kommandobehörden beeilten sich, aus der Fülle der nun vorgen
ommenen Erschießungen Einzelfälle unter Namensnennung zur allgemeinen Abschrecku
ng herauszugreifen. Durch Befehl Nr. 1 an die Truppen der Südwestfront wurde am
6. Juli 1941 die Erschießung der Soldaten Ignatovskij, Vergun, Koliba und Adamov
bekanntgemacht.
Der Oberbefehlshaber, Generaloberst Kirponos, das Mitglied des Kriegsrates, Mich
ajlov, der Stellvertretende Chef des Stabes, General Trutko, verkündeten drohend
: »In diesem Moment verdienen Deserteure, die zu Verrätern an ihren Kameraden we
rden, die ihren gegebenen Schwur vergessen, nur ein Urteil, das Todesurteil, die
Verachtung und Ausstoßung aus den Reihen.«
Aufgeräumt wurde auch in der Westfront, nachdem der bisherige Volkskommissar der
Verteidigung, Marschall Timosenko, Ende Juni an die Stelle des verhafteten Ober
befehlshabers, Armeegeneral Pavlov, getreten war. Schon der gemeinsam mit dem Mi
tglied des Kriegsrates, Armeekommissar Mechlis, unterzeichnete Befehl Nr. 01 an
die Truppen der Westfront vom 6. Juli 1941 war dem gesamten Führerkorps bis hina
b zum Zugführer zu eröffnen und sollte allen Offizieren zur Warnung dienen. Beka
nntgemacht wurde, daß Hauptmann Sbirannik, Militärarzt Ovcinnikov, Militärarzt
Beljavskij, Major Dykmann, Bataillonskommissar Krol »für gezeigte Feigheit« und
wegen Verrates dem Militärtribunal übergeben werden würden.
Der am folgenden Tage, dem 7. Juli 1941, herausgegebene und ebenfalls von Timose
nko und Mechlis unterzeichnete Prikaz Nr. 02 an die Truppen der Westfront setzte
die Einschüchterung des Führerbestandes fort. Nunmehr war es der Inspekteur der
Pioniertruppen der Roten Armee, Major Umanec, der »wegen Nichtausführung eines
Kampfauftrages und Verrates« dem Militärtribunal übergeben wurde. Sein Vergehen
hatte darin bestanden, daß er es versäumte, rechtzeitig die Brücken über die Ber
ezina bei Borisov zu sprengen, das infolgedessen in deutsche Hände fiel. Dieser
Befehl wurde allen Offizieren der Westfront bis hinab einschließlich zum Range e
ines Zugführers und ebenso denen der gefährdeten Südwestfront sowie den Truppen
des NKVD zur Kenntnis gebracht.
Timosenko gab einen Tag später, am 8. Juli 1941, den ebenfalls zur Abschreckung
bestimmten Befehl Nr. 03 an die Truppen der Westfront heraus, in dem die Aburtei
lung des Kommandeurs des Flakregimentes 188, Oberst Galinskij, und des Bataillon
skommandeurs Cerkovnikov durch das Militärtribunal angekündigt wurde. Die »verbr
echerische Handlungsweise« der beiden Offiziere hatte in nichts anderem bestande
n, als daß es den Deutschen bei Minsk am 26. Juni 1941 durch überraschenden Vors
toß gelungen war, einen Teil des Kriegsgerätes dieses Flakregimentes zu erbeuten
.
Das rücksichtslose Durchgreifen des bisherigen Volkskommissars der Verteidigung
sollte beispielhaft wirken und wurde von den Kommandostellen aller Ebenen denn a
uch überall nachgeahmt, so etwa von der 20. Armee des Generalleutnants Kurockin,
der durch Befehl Nr. 04 vom 16. Juli 1941 in allen Einheiten bekanntgeben ließ,
er habe den Kommandeur des Panzerregimentes 34, Oberstleutnant Ljapin, den Bata
llionskommandeur im Panzerregiment 33, Oberleutnant Pjatin, und den Stellvertret
enden Kommandeur des Aufklärungsbataillons der 17. Panzerdivision, Hauptmann Cur
akov, »für Feigheit und Erzeugung von Panikstimmung« dem Militärtribunal übergeb
en, was einem Todesurteil gleichkam.
Die Marschälle der Sowjetunion Vorosilov und Budennyj standen ihrem Kollegen Tim
osenko natürlich in keiner Weise nach. Und dasselbe galt für den in der Roten Ar
mee seiner Brutalität wegen gefürchteten Armeegeneral Zukov, der, so als Oberbef
ehlshaber der Westfront, am 13. Oktober 1941 Befehl gab, »Feiglinge und Panikmac
her« auf der Stelle zu erschießen. Die Militärtribunale hatten nur noch die Ausf
ührung dieses Befehls zu garantieren. Und der Oberbefehlshaber der 43. Armee, Ge
neralmajor Golubev, stellte allen >Feiglingen< durch seinen Befehl Nr. 0179 vom
19. November 1941 in Aussicht, »wie Hunde totgeschlagen zu werden«.
Am 10. Juli hatte Stalin verlangt, die >verräterischen< Kommandeure der Nordwest
front, die vor dem Feinde zurückgegangen waren, zur Verantwortung zu ziehen. Er
machte den ganzen Frontstab und die Stäbe der Armeekorps und Divisionen für die
>Schande< verantwortlich und gab Weisung, mit den »Feiglingen und Verrätern« an
Ort und Stelle abzurechnen. Der von ihm als neuer Oberbefehlshaber der Nordwestf
ront eingesetzte Vorosilov und Zdanov, Mitglied des Kriegsrates und einer der al
lerengsten Vertrauten Stalins im Politbüro, setzten die Forderung in die Tat um.
In dem Befehl Nr. 3 vom 14. Juli 1941 wurde angeordnet, »Kommandeure (Offiziere
) und Soldaten«, die aus der vorderen Linie zurückgehen, vor das Militärtribunal
zu stellen und zum Tode zu verurteilen oder sie einfach »auf der Stelle zu vern
ichten«. Ganz in diesem Sinne gehalten und noch mit Schimpfworten angereichert w
ar der Befehl Nr. 5 des Oberbefehlshabers der Truppen der Südwestrichtung, Marsc
hall der Sowjetunion Budennyj, vom 16. Juli 1941. Am 13. Juli 1941 hatte der Vor
sitzende des Präsidiums des Obersten Sowjet der UdSSR, Kalinin, das Bestätigungs
recht für den Vollzug von Todesurteilen der Militärtribunale auf eine breitere G
rundlage gestellt. Erschießungen von Offizieren, Politarbeitern und Rotarmisten
in großem Maßstab mit und ohne Urteil waren längst überall an der Tagesordnung,
als Stalin abermals eingriff, um den Terror noch weiter anzufachen.
Stalin hatte beschlossen, an dem abgesetzten und verhafteten Oberbefehlshaber de
r Westfront, Armeegeneral Pavlov, und seinem Stab ein Exempel zu statuieren, das
die ganze Rote Armee in Schrecken versetzen und von seiner eigenen Verantwortun
g für den Zusammenbruch der Westfront ablenken sollte. Von ihm befohlen war ein
Todesurteil gegen Armeegeneral Pavlov, gegen den Chef des Stabes der Westfront,
Generalmajor Klimovskich, gegen den Chef der Nachrichtenverbindungen des Frontst
abes, Generalmajor Grigor'ev, ferner gegen den Oberbefehlshaber der 4. Armee, Ge
neralmajor Korobkov. Das von dem Vorsitzenden des Militärkollegiums des Obersten
Gerichtes der UdSSR, dem blutbefleckten Armeejuristen Ul'rich, unterzeichnete U
rteil war entsprechend den Weisungen Stalins formuliert, diesem dann vorgelegt u
nd von ihm genehmigt worden, ohne daß auch nur formal eine Gerichtsverhandlung s
tattgefunden hätte. Das waren die üblichen Praktiken der Sowjetjustiz der sowjet
ischen Militärtribunale. . . .
. . . Wie schon am 16. Juli 1941, so wurde auch jetzt wieder zugegeben, »daß in
den Reihen der Roten Armee... sich wankelmütige, kleinmütige, feige Elemente bef
inden, wobei diese nicht nur unter den Rotarmisten, sondern auch in der Führung
zu finden sind«. Die Tatsache, daß die >feigen Elemente< im Mittelpunkt eines so
grundlegenden Befehls standen, verrät im übrigen, daß es sich bei ihnen nicht u
m eine Randerscheinung gehandelt haben kann. Und worin bestand die Feigheit? Dar
in, daß in den sowjetischen Truppen eine Stimmung verbreitet war, eben gerade ni
cht >bis zur letzten Patrone< zu kämpfen, vielmehr entweder die Flucht nach vorn
anzutreten und sich den Deutschen gefangenzugeben oder die Stellung zu verlasse
n und die Flucht nach hinten anzutreten. Der Stalin Befehl Nr. 270 drohte drakon
ische Maßnahmen an, um die beiden Fluchtwege zu versperren.
Wiederum dienten drei Generale als abschreckende Beispiele: der in Wirklichkeit
am 4. August 1941 bei Starinka durch Granattreffer gefallene Oberbefehlshaber de
r 28. Armee, Generalleutnant Kacalov, aus dessen Soldatentod auf diese Weise Kap
ital geschlagen wurde, der schwerverwundet gefangengenommene Oberbefehlshaber de
r 12. Armee, Generalmajor Ponedelin, sowie der Kommandeur des 13. Schützenkorps,
Generalmajor Kirillov. Ihnen wurde vorgeworfen, sich in feiger Weise den >deuts
chen Faschisten< gefangengegeben, dadurch das Verbrechen der Desertion begangen
und den Militäreid gebrochen zu haben. . . .
»Feiglinge und Deserteure müssen vernichtet werden«, wiederholte Stalin, und er
befahl jetzt, »Kommandeure und Politische Leiter«, die vor dem Feinde fliehen od
er sich ihm gefangengeben, »als böswillige Deserteure, als Eidbrüchige und Lande
sverräter« anzusehen und »an Ort und Stelle zu vernichten«. So sollten die Gener
ale Ponedelin und Kirillov nach Kriegsgefangenschaft und fünfjähriger Untersuchu
ng noch am 25. August 1950 vom Militärkollegium des Obersten Gerichtes der UdSSR
zum Tode verurteilt und erschossen werden.
»Vorgesetzte und Rotarmisten«, die es vorzogen, sich gefangennehmen zu lassen, s
tatt zu kämpfen und zu sterben, sollten »mit allen Erd- und Luftmitteln« vernich
tet werden. Demgemäß wurden überfüllte Kriegsgefangenenlager, so bei Orel und No
vgorod-Severskij, von der sowjetischen Luftwaffe angegriffen und bombardiert. Da
ß es für die Sowjetregierung keine Kriegsgefangenen, sondern nur Landesverräter
gab, war in der Roten Armee spätestens seit dem Finnischen Winterkrieg allgemein
bekannt, die verwerfliche Einrichtung der Sippenhaft jedem Sowjetmenschen vertr
aut. Allen Angehörigen der Roten Armee wurde ausdrücklich angedroht, die Familie
n sich ergebender Offiziere würden verhaftet werden und die Familien sich ergebe
nder Rotarmisten >jede Unterstützung des Staates< verlieren. Doch die Praxis sah
meistens noch weitaus schlimmer aus. ...
Wie berechtigt es auch im Jahre 1942 noch war, bei den Angehörigen aller Rangkla
ssen der Roten Armee einen fehlenden >Sowjetpatriotismus< und >Massenheroismus<
vorauszusetzen, zeigte sich besonders bei den Kämpfen im Vorland des Kaukasus, n
achdem deutsche Truppen die sowjetische Front bei Rostov durchbrochen hatten. Ei
n zusammenfassender deutscher Bericht über die Vernehmungen kriegsgefangener ode
r übergelaufener Soldaten, Offiziere und Politarbeiter charakterisierte das Ausm
aß der politisch moralischen Zersetzung am 1. August 1942 folgendermaßen: »Erst
flohen die höheren Kommandeure, dann die Offiziere, zum Schluß die führerlosen T
ruppen.« Es wurde zudem das massenweise Überlaufen sowjetischer Offiziere und So
ldaten gemeldet.
Der Oberbefehlshaber der Nordkaukasusfront, Marschall Budennyj, mußte zugeben, d
aß nach dem »ungeordneten Rückzug« vom Don die »Kommandeure von Zügen, Kompanien
, Bataillonen und Armeen«, also das gesamte militärische und politische Führerpe
rsonal, eben weil es selbst von Panik erfüllt war, dem Defaitismus der Soldaten
kaum Einhalt geboten und den Befehl des >Genossen Stalin< nicht ausgeführt hatte
. Auch dieses in gewundenen Formulierungen abgefaßte Dokument gipfelte in den be
kannten Drohungen, »daß die Kommandeure und Politarbeiter, die von der Furcht er
faßt sind und sich vor den Deutschen fürchten, geschlagen« und »daß... alle Feig
linge und Panikmacher, die von der Front laufen, und alle, die ihnen helfen, ers
chossen werden«. Es waren dies keine leeren Worte, wie denn allerorts wahllose E
rschießungen selbst wegen geringfügiger Kleinigkeiten gemeldet wurden.
Die nachsowjetische Literatur, die nicht mehr anders konnte, als Stalin gewisser
maßen zu opfern und viele seiner verbrecherischen Maßnahmen beim Namen zu nennen
, bietet gleichwohl allen Scharfsinn auf, um gewisse Positionen der stalinistisc
hen Geschichtspropaganda zu behaupten. Zu den Legenden, die nicht in Frage geste
llt werden, gehört die Version von dem »feigen, wortbrüchigen Überfall der Fasch
isten auf die nichtsahnende, friedliche Sowjetunion«, die Formel von dem »Großen
Vaterländischen Krieg der Sowjetunion«, den es in dieser Form nicht gegeben hat
, und von dem unterschiedslosen >Sowjetpatriotismus< und >Massenheroismus< der A
ngehörigen der Roten Armee.
Die terroristischen Befehle Stalins, wie etwa die Befehle Nr. 270 und Nr. 227, w
erden von daher als Fortsetzung der unbegründeten Repressionen der dreißiger Jah
re ausgegeben, die sich wiederum gegen Unschuldige gerichtet und die Verteidigun
gsanstrengungen grundlos geschädigt hätten, so als sei ein >Vaterlandsverrat< in
großem Maßstab überhaupt nicht existent gewesen. Eine Analyse der Akten führt z
u anderen Einsichten. Denn Stalin ist es nicht nur darum zu tun gewesen, Schuldi
ge für die Katastrophe an der Front zu finden, für die schließlich er selbst die
Verantwortung trug, es kam ihm vielmehr darauf an, die sowjetischen Soldaten du
rch Anwendung rücksichtslosen Terrors zum Kampf erst zu zwingen.
Nur durch Verbreitung von Furcht und Schrecken glaubte er die Front stabilisiere
n zu können, sprachen doch alle Meldungen von vorn von einem moralischen Zusamme
nbruch der Truppen der Roten Armee, auch wenn natürlich immer wieder entsprechen
de Gegenbeispiele anzuführen sind. In den »Schützendivisionen aller Fronten« geb
e es »zahlreiche Panikmacher und regelrecht feindliche Elemente, die gleich beim
ersten Druck von seiten des Gegners die Waffen strecken und losschreien: >Man h
at uns eingekreist<«, so heißt es in einer persönlichen Direktive Stalins noch a
m 12. September 1941. »Dieses führt dazu. . ., daß die Division die Flucht ergre
ift und die Technik stehen und liegen läßt.« Stalin gab des weiteren zu, »daß wi
r nicht sehr viele konsequente und standhafte Kommandeure und Kommissare haben«.
Wie die Akten hoher Kommandobehörden aus dem Sommer und dem Herbst 1941 bezeuge
n, waren die Verhältnisse damit zutreffend wiedergegeben. . . .
Alle diese »schmählichen Erscheinungen der Fahnenflucht und des Vaterlandsverrat
es«, die in den sowjetischen Akten immer wieder eingeräumt werden, sind vor dem
Hintergrund der Tatsache zu werten, daß die Angehörigen der Roten Armee sich nic
ht davon abhalten ließen, sich massenweise den Deutschen gefangenzugeben. Bis Mi
tte August 1941 befanden sich 1,5 Millionen, bis Mitte Oktober 1941 über 3 Milli
onen und bis Ende 1941 über 3,8 Millionen sowjetische Soldaten aller Grade in de
utscher Kriegsgefangenschaft. Insgesamt waren es 5,25 Millionen sowjetische Sold
aten und Offiziere, die im Gesamtverlauf des Krieges von den Deutschen gefangeng
enommen worden sind. ... Und dies galt nicht nur 1941 und in der großen Krise de
s Jahres 1942, sondern auch noch in den folgenden Jahren und selbst noch in der
Schlußphase des Krieges.
Fragt man, wie das Ziel erreicht wurde, die wenig enthusiastischen Rotarmisten s
chließlich zu einem >Widerstand um jeden Preis< für das Sowjetregime zu veranlas
sen, so gibt es hierauf nur eine Antwort. Es war die bewährte Stalinsche Methode
>stärksten Terrors und bewußter Irreführung<. Allein die Methode des Terrors er
wies sich als durchschlagend, und ihre Wirksamkeit wurde auch von dem Stalin geg
enüber ablehnend eingestellten Generalobersten Volkogonov in seiner Stalinbiogra
phie notgedrungen anerkannt.
Massenerschießungen von Offizieren, Politarbeitern und Rotarmisten und sonstige
drakonische Maßnahmen standen an erster Stelle. Hand in Hand damit ging das Verb
ot einer Gefangengabe und die Brandmarkung eines jeden in Kriegsgefangenschaft G
eratenen als eines Landesverräters, verbunden mit den in der Sowjetunion übliche
n Repressalien gegenüber Familienangehörigen. Hinzu trat noch eine zügellose Gre
uelpropaganda gegen die Deutschen und deren Verbündete, die einem jeden Rotarmis
ten von vornherein die Lust nehmen sollte, sich den >Faschisten< gefangenzugeben
.

4. Sowjetsoldaten dürfen sich nicht gefangengeben. Verhinderung der Flucht nach


vorn

Die Sowjetunion als einziger Staat der Welt hatte die Kriegsgefangenschaft ihrer
Soldaten zu einem Schwerverbrechen deklariert. Der Militäreid, der Artikel 58 d
es Strafgesetzbuches der RSFSR und sonstige Dienstvorschriften, ließen keinen Zw
eifel daran, daß eine Gefangengabe als >Überlaufen zum Feind<, >Verrat< und >Des
ertation< in jedem Fall mit dem Tode bestraft werde. »Gefangenschaft ist ein Ver
rat an der Heimat. Es gibt keine abscheulichere und betrügerische Tat«, so heißt
es: »Den Verräter an der Heimat aber erwartet die höchste Strafe - die Erschieß
ung.«
Stalin, Molotov und andere führende Persönlichkeiten wie etwa Frau Kolontaj habe
n mehrfach auch öffentlich erklärt, in der Sowjetunion existiere allein der Begr
iff von Deserteuren, Landesverrätern und Volksfeinden, der Begriff von Kriegsgef
angenen sei unbekannt. Da es für die >Arbeiter- und Bauernmacht< eine Unmöglichk
eit darstellte zuzulassen, daß sich die revolutionären Soldaten der Roten Arbeit
er und Bauernarmee in die Gefangenschaft des Klassenfeindes salvierten, hatte s
ich die Sowjetregierung bereits im Jahr 1917 nicht mehr als Signatar der Haager
Landkriegsordnung betrachtet und es im Jahre 1929 auch abgelehnt, die Genfer Kon
vention zum Schutz der Kriegsgefangenen zu ratifizieren. Diese Haltung den Krieg
sgefangenen gegenüber gilt es im Auge zu behalten, will man ein taktisches Manöv
er Moskaus vom Juli 1941 verstehen, das bis in die Gegenwart hinein eine gründli
che Verwirrung der Geister hervorgerufen hat. . . .
Die Diskriminierung der Kriegsgefangenschaft als eines Verbrechens galt vor alle
m im deutsch-sowjetischen Krieg. Der Chef der Verwaltung für Politische Propagan
da der Roten Armee, Armeekommissar Mechlis, gab in der Weisung Nr. 20 vom 14. Ju
li 1941 eine an der Agitationsschrift von 1940 orientierte entsprechende Sprachr
egelung aus. Am Eingang steht der sowjetpatriotische Appell: »Du hast den Eid ge
leistet, bis zum letzten Atemzuge treu zu sein Deinem Volk, der Sowjetheimat und
der Regierung. Erfülle heilig Deinen Eid in den Kämpfen mit den Faschisten.« Es
folgt die Abschreckung: »Der Kämpfer der Roten Armee gibt sich nicht gefangen.
Die faschistischen Barbaren peinigen, foltern und töten die Gefangenen viehisch.
Lieber den Tod als faschistische Gefangenschaft.« Und abschließend die gewichti
ge Drohung: »Das Sichergeben in die Gefangenschaft ist Verrat an der Heimat.« .
. .
Das Schicksal, das sowjetische Kriegsgefangene in deutscher Hand angeblich zu er
warten hätten, wurde den Angehörigen der Roten Armee mit einer derartigen Eindri
nglichkeit vor Augen gestellt, daß die Wirkung einer solchen Propaganda nicht au
sblieb. So meldeten die deutschen Kommandobehörden immer wieder, unter den Rotar
misten sei aufgrund der systematischen Bearbeitung durch ihre »Offiziere und Kom
missare« die Meinung verbreitet, daß die Deutschen »jeden Gefangenen töteten«, d
aß »jeder russische Kriegsgefangene von uns erschossen, ja vorher mißhandelt wer
de«. Es waren, wie sich ergab, einmal die »einfachen Naturen« unter den Soldaten
, die oft mit einer Erschießung rechneten. Der bereits genannte Mediziner des Mi
krobiologischen Lehrstuhles des Medizinischen Institutes in Dnepropetrovsk, Kotl
jarevskij, sagte am 24. September 1941 aus, »alle seine Verwundeten, denen er al
s Hilfsarzt zugeteilt wurde, waren der festen Überzeugung, daß sie von den Deuts
chen umgebracht werden«. Diese Befürchtung wurde jedoch auch in Offizierskreisen
, selbst zum Teil von höheren Offizieren und vereinzelt auch von Generalen getei
lt. So etwa hatten der Kommandeur der 102. Schützendivision, Generalmajor Besono
v, und andere Offiziere unter dem Eindruck gestanden, in deutscher Kriegsgefange
nschaft ihr Leben verwirkt zu haben. »Viele Offiziere und Kommandeure glaubten,
daß sie in deutscher Gefangenschaft erschossen würden«, bekannte Major Elmolaev,
Kommandeur des Haubitzenartillerieregimentes 464 der 151. Schützendivision am 2
0. September 1941.
Nun ist allgemein bekannt, daß politische Funktionäre der Roten Armee als angebl
iche Nichtkombattanten aufgrund der berüchtigten Kommissarrichtlinien Hitlers vo
n der Sicherheitspolizei und dem SD und teilweise auch befehlsgemäß von der Trup
pe - wenngleich in relativ beschränkter Zahl und mit wachsendem Widerstreben - t
atsächlich erschossen worden sind. Es erscheint jedoch notwendig, in diesem Zusa
mmenhang anzuführen, daß es eine völlige Entsprechung auch auf sowjetischer Seit
e gab, wurden doch auch hier Wehrmachtangehörige, insbesondere Offiziere, deren
Mitgliedschaft in der NSDAP bekannt geworden war, meist ebenfalls sofort liquidi
ert. Oberst Gaevskj von der sowjetischen 29. Panzerdivision bezeugte am 6. Augus
t 1941 sogar das Bestehen eines Befehls der übergeordneten Armee (4. oder 10.),
demzufolge »Offiziere niederen Dienstgrades erschossen werden sollten, weil man
in ihnen Hitler ergebene Offiziere vermutete«.
Kriegsgefangenschaft auf deutscher Seite konnte durchaus von unterschiedlichen B
ehandlungsmethoden geprägt sein, wie ein kurzer Überblick zeigen soll. Denn währ
end beispielsweise das deutsche Heer gemäß Erlaß des Generalquartiermeisters vom
25. Juli 1941 dazu überging, sowjetische Kriegsgefangene ukrainischer und bald
auch weißrussischer Nationalität in ihre Heimat in den besetzten Gebieten zu ent
lassen..., begannen die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD >untrag
bare Elemente<, das heißt vor allem politisch und >rassisch< Mißliebige physisch
zu liquidieren. ...
Das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in deutschem Gewahrsam ist im Wi
nter 1941/1942 im allgemeinen bekanntlich furchtbar gewesen. Mit Recht ist es ei
ne »Tragödie größten Ausmaßes« genannt worden, waren es doch Hunderttausende von
ihnen, die in diesen Monaten an Hunger und Seuchen zugrunde gingen. Die Ursache
n für dieses Massensterben sind vielfältiger Natur. Unkenntnis der Völker des Os
tens, auch menschliche Gleichgültigkeit und ein aus politischer Verhetzung resul
tierender böser Wille mögen nicht selten mitgespielt haben, vor allem auf der un
teren Ebene. In einem höheren Sinne aber war es nicht so sehr böser Wille als vi
elmehr das technische Unvermögen, eine Millionenmasse oft schon völlig entkräfte
ter Kriegsgefangener unter den Bedingungen des Winters 1941/1942 im Ostraum notd
ürftig zu versorgen und zu behausen, denn nach dem fast völligen Zusammenbruch d
es Transportsystems sah sich auch das in einem Abwehrkampf auf Leben und Tod ste
hende deutsche Feldheer zu dieser Zeit schwerem Mangel ausgesetzt. Und es würde
einfach der historischen Wahrheit widersprechen, nun ausgerechnet gerade den für
das Kriegsgefangenenwesen im Generalstab des Heeres zuständigen Generalquartier
meister hierfür verantwortlich zu machen und ihn, wie geschehen, mit einer sogen
annten >Vernichtungspolitik< Hitlers im Osten in Verbindung zu bringen. Denn es
war der Generalquartiermeister im Generalstab des Heeres gewesen, der durch Erla
sse vom 6. August, 21. Oktober und 2. Dezember 1941 für alle Kriegsgefangenen in
den besetzten Ostgebieten, einschließlich der Bereiche Wehrmachtbefehlshaber Uk
raine und Ostrußland sowie Norwegen und Rumänien, Lebensmittelrationen in einer
für die Erhaltung des Lebens und der Gesundheit ausreichenden Höhe festgesetzt h
atte. Es stellt sich von daher allein die Frage, ob und in welchem Umfange diese
Erlasse befolgt wurden oder auch nur befolgt werden konnten und warum gegebenen
falls eine Befolgung unterblieb.
Befehle und Verfügungen des Oberkommandos konnten jedenfalls nicht einfach ignor
iert werden. Und es läßt sich in der Tat auch nachweisen, daß die zuständigen Be
fehlshaber der Rückwärtigen Heeresgebiete sowie viele Lagerkommandanten sich im
Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten bemühten, die Lage der Kriegsgefangenen zu
verbessern und irgendwelche Aushilfen zu schaffen. Wenn ihnen nur ein sehr begr
enzter Erfolg beschieden war, so lag dies an den wachsenden Nachschubschwierigke
iten angesichts einer ungeheuren Gefangenenzahl und schließlich, wie gesagt, an
dem völligen Zusammenbruch des Transportsystems im Winter 1941/1942, der auch di
e Versorgung des deutschen Ostheeres schwerstens gefährdete. ...
... Um den Sowjetsoldaten die Furcht vor einer Gefangenschaft zu nehmen, wurde
von deutscher Seite zugleich eine massive Flugblattpropaganda in Gang gesetzt. D
enn die Kriegsgefangenen hatten neben schlechten bisweilen ja auch gute Erfahrun
gen gemacht, wie denn der Kommandeur des 8. Schützenkorps, Generalmajor Snegov,
am 11. August 1941 folgendes zu Protokoll geben wollte: »Die ersten Tage in deut
scher Gefangenschaft haben auf uns einen wunderbaren Einfluß gehabt. Wir merkten
, daß wir zu anderen Menschen werden. Ich und meine Kameraden haben zum ersten M
al aufrichtig miteinander sprechen können.« . . .

5. Der Terrorapparat. Wie Massenheroismus und


Sowjetpatriotismus erzeugt wurden

Es ist bisher schon deutlich geworden, daß die Rote Armee außer auf dem militäri
schen Führungsapparat noch auf einer weiteren Säule beruhte, dem autonomen polit
ischen Apparat, der über einen eigenen Dienstweg verfügte und dem Chef der Haupt
verwaltung für Politische Propaganda, dem berüchtigten Armeekommissar 1. Ranges
Mechlis, unmittelbar unterstand. Hinzu kam, im Verborgenen arbeitend, aber desto
gefährlicher, noch eine weitere unheilschwangere Einrichtung, der Terrorapparat
des NKVD, der mit der Roten Armee organisatorisch nichts zu tun hatte, seine We
isungen vielmehr von Berija empfing. Das Herrschaftssystem der Sowjetunion war,
wie gesagt, von dem einfachen Prinzip getragen, daß derjenige, der der Propagand
a keinen Glauben schenkte, den Terror zu spüren bekam.
Das nicht ganz unbegründete Mißtrauen Stalins in die Zuverlässigkeit des Führung
spersonals und der Truppen der Roten Armee überhaupt, hatte am 16. Juli 1941 in
der Armee, am 20. Juli in der Seekriegsflotte, schwerwiegende organisatorische F
olgen nach sich gezogen. Denn mit diesem Tage wurde in allen Korps, Divisionen,
Regimentern, in den Stäben militärischer Einrichtungen usw., das »Institut der K
riegskommissare«, in allen Kompanien ... das »Institut der Politischen Leiter« e
ingerichtet, die sich zur Erfüllung ihrer Aufträge der Politischen Abteilungen b
edienten. ...
Diesen in ihrer Mehrheit >militärisch vollkommen ungebildeten< Funktionären in d
er Armee wurde jedoch nicht nur die politische Verantwortung, sondern auch >die
Verantwortung für die militärische Arbeit< übertragen. Formal zwar nur >gleichbe
rechtigt< neben den Kommandeuren stehend, waren sie diesen in der Praxis jedoch
übergeordnet und in Wirklichkeit deren Aufpasser, hatten sie doch das Recht und
die Pflicht, »dem Oberkommando und der Regierung von Kommandeuren und politische
n Arbeitern Kenntnis zu geben, die des Namens eines Kommandeurs unwürdig sind un
d die durch ihre Führung die Ehre der Roten Armee verletzen«. Ein Truppenführer
selbst in der Stellung eines Divisionskommandeurs durfte auch in operativen Frag
en von sich aus nicht eine Entscheidung mehr treffen, sah sich vielmehr in die R
olle eines ausführenden Organes, eines bloßen Militärspezialisten, gedrängt. Den
n alle Befehle des Kommandeurs ohne die Unterschrift des Kriegskommissars, der >
Partei und Regierung in der Roten Armee< vertrat, waren ungültig, die Befehle de
s Kommissars oder Politruks ohne Unterschrift des Kommandeurs oder Einheitsführe
rs aber gültig und mußten in jedem Falle ausgeführt werden. Wie der Divisionskom
missar der 280. Schützendivision, Martinov, am 5. Juni 1942 aussagte, wurde ein
militärischer Befehl erst vollziehbar, wenn der Kommissar das allein von ihm ver
waltete Dienstsiegel aufgedrückt hatte.
Welche Bedeutung dem politischen Apparat in der Roten Armee zukam, zeigte nicht
nur die beherrschende Stellung der Kriegskommissare, sondern auch der große Pers
onalumfang der ihnen zur Verfügung stehenden Politischen Verwaltungen und Abteil
ungen. ...
Der Aufgabenbereich des politischen Apparates wurde in einem von dem Armeekommis
sar Mechlis im am 19. August 1941 herausgegebenen »Programm für die Kommissare u
nd Politischen Leiter in Leningrad« näher präzisiert. ...
Die Kriegskommissare und Politischen Leiter hatten die >bedingungslose Erfüllung
< aller Kampfaufträge sicherzustellen und waren dafür verantwortlich, daß die So
ldaten mit >Tapferkeit< und >unerschütterlicher Bereitschaft< »bis zum letzten B
lutstropfen mit den Feinden unserer Heimat kämpfen«. Sie also in erster Linie wa
ren es, die die Rotarmisten ohne Rücksicht auf Verluste in das Feuer jagten. Zug
leich war der Kommissar verpflichtet, einen »rücksichtslosen Kampf mit den Feigl
ingen, Panikmachern und Deserteuren zu führen, indem er mit harter Hand die revo
lutionäre Ordnung und Kriegsdisziplin wiederherstellt«. Dies bedeutete, einen je
den Soldaten unabhängig von seinem Rang, beim Versuch des Überlaufens (oder der
Gefangengabe) oder bei Sichtbarwerden von >Angriffsmüdigkeit< »auf der Stelle zu
erschießen«. ...
Ihre überragende Rolle in der Roten Armee als Aufpasser und Antreiber brachte es
für die Kommissare und Politischen Leiter mit sich, daß die Masse der Soldaten
in ihnen einen Gegenstand der Furcht und Abneigung erblickte. Dies galt insbeson
dere auch für die in ihrer Führerstellung eingeengten und oft auch persönlich be
drohten Offiziere, die den Deutschen gegenüber mit ihrem Urteil dann jedenfalls
nicht zurückhielten. So sprach sich der Kommandeur des 49. Schützenkorps, Genera
lmajor Ogurcev, der das Sowjetregime im übrigen »als den größten Volksbetrug der
Weltgeschichte« geißelte, am 11. August 1941 »mit größter Bitterkeit über die Z
usammenarbeit mit seinem politischen Kommissar« aus, der, obwohl über »keine mil
itärische Kenntnis« verfügend, doch mit »unbegrenzten Vollmachten« ausgestattet
und »in allen Fragen entscheidend« gewesen sei. Dadurch seien die Kampfhandlunge
n »erheblich zuungunsten des Korps« beeinflußt worden. Stets habe der Kriegskomm
issar mit einer Anzeige gedroht.
Ebenso berichtete der Kommandeur der 139. Schützendivision, Oberst Logionov, am
14. August 1941 von der zwischen einem Offizier und einem Kommissar bestehenden
tiefen und »nur durch Angst und Terror« überbrückten Kluft.
Der Divisionskommandeur der 43. Schützendivision, Generalmajor Kirpicnikov, sah
am 30. September 1941 die Kommandeure von den Kommissaren an »Händen und Füßen«
gebunden und »in ihrer Schaffenskraft und ihrem operativen Denken« geradezu erst
ickt. »Wie das Verhältnis ist«, so die >resignierte< Antwort des Hauptmanns der
Luftstreitkräfte Ogrisko am 19. September 1941, »können Sie sich wohl vorstellen
. Wenn Sie bedenken, daß auf einen jeden militärischen Führer ein politischer Ko
mmissar oder Kontrolleur kommt ... In der Armee kommt auf 2 Soldaten im allgemei
nen ein dritter, der als Mitglied des Komsomol der Partei oder des NKVD diesem A
pparat dient.«.
Und dies bestätigte der Oberbefehlshaber der bei Vjaz'ma eingeschlossenen 19. Ar
mee Generalleutnant Lukin aufgrund eigener Erfahrungen: Ein Armeeführer sei »auc
h nicht zu einem selbständigen Schritt« mehr in der Lage. »Er ist von Kommissare
n, Spitzeln und seinem Kriegsrat umgeben ...«. Wenn solches allgemein schon im H
inblick auf den noch relativ >offen< arbeitenden politischen Apparat galt, was m
ußte dann erst über den im Geheimen arbeitenden eigentlichen Terrorrapparat in d
er Roten Armee, das NKVD, zu sagen sein, der im folgenden einer näheren Betracht
ung unterzogen werden soll.
Über das für die Millionenmorde, für das System der Konzentrationslager (GULag)
und für die fortwährende Bedrückung und Terrorisierung der Bewohner des Sowjetst
aates zuständige und verantwortliche NKVD (Narodnyj Komissariat Vnutrennych Del,
Volkskommissariat des Inneren), das sich zur Ausübung seiner Funktionen entspre
chender Unterorgane und der Sondertruppen bediente, ist bereits so viel geschrie
ben worden, daß sich allgemeine Ausführungen an dieser Stelle erübrigen. Nur ein
e kleine, aber bezeichnende Meldung aus der Anfangsphase des Krieges über die Ar
beitsweise dieser verbrecherischen Organisation sei hier nachgetragen.
Der Chef des Amtes Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht, Admiral Canar
is, hatte im Juli 1941 einen Bericht über die Besichtigung des sowjetischen Bots
chaftsgebäudes in Paris, also einer exterritorialen diplomatischen Einrichtung,
vorgelegt. Demnach hatte sich ergeben, daß ein Seitenflügel der Pariser Botschaf
t »als Zentrum der GPU eingerichtet war mit Vorrichtungen für Folterung, Exekuti
on und für die Beseitigung von Leichen«, ein in der Geschichte der Diplomatie zi
vilisierter Staaten wohl einzigartiger Vorgang. Der Bericht spricht die Vermutun
g aus, »daß seinerzeit hier auch die Leichen der verschiedenen weißrussischen Ge
neräle in Paris beseitigt wurden, die vor einigen Jahren auf geheimnisvolle Weis
e in Paris verschwunden sind«.
Am 16. Juli 1941, als Stalin die bevorstehende Aburteilung der verhafteten Gener
ale des Stabes der Westfront und einiger in Kriegsgefangenschaft geratener Gener
ale bekanntmachte, wurde von ihm auch der Beschluß gefaßt, den Apparat des NKVD
in der Roten Armee zu restituieren. ...
Es ist bezeichnend, daß die Existenz der mit unbegrenzten Vollmachten ausgestatt
eten terroristischen Geheimorganisation >Osobyj otdel< in der Roten Armee bis in
die Gegenwart hinein so gut wie unbekannt geblieben und etwa in der westdeutsch
en Publizistik immer nur von sogenannten >politischen Kommissaren< die Rede ist.
Und gerade diese Filiale des NKVD hatte in den Streitkräften eine Aufgabe von h
öchster Wichtigkeit zu erfüllen, sie war beauftragt zu »einem erbarmungslosen Ka
mpf mit Spionage und Verräterei in den Verbänden, Liquidation der Deserteure unm
ittelbar in dem der Front benachbarten Streifen«.
Dementsprechend erhielten die Besonderen Abteilungen aller Ebenen die Befugnis,
Deserteure aus dem Stande der Soldaten, Unteroffiziere und in unaufschiebbaren F
ällen der Offiziere jederzeit zu verhaften und erforderlichenfalls auf der Stell
e zu erschießen. ...
Das Aktenmaterial der Besonderen Abteilung des NKVD der 19. Armee unter dem Ober
st (der Staatssicherheit) Korolev gibt einigen Aufschluß über die durchschnittli
che Tagesarbeit des übrigens auch die Kriegskommissare und Politischen Leiter üb
erwachenden NKVD: Sie bestand, kurz gesagt, in der Entlarvung, Verhaftung und Li
quidierung der >Verräter<. Ständig mußten >viele hundert Anzeigen< von Kompanies
pitzeln gegen die Soldaten ausgewertet werden. Zwischen dem 25. und 27. Juli 194
1 wurden durch die Besondere Abteilung allein einer Division und deren Bewachung
skommando >bis zu 1000 Frontflüchtlinge< festgenommen. Und so lauteten einige wa
hllose Einzeleintragungen: »Vor versammelter Mannschaft sind 7 Mann erschossen w
orden ... Erschossen wurden weiterhin ohne Gerichtsurteil 5 Mann: 3 Deserteure u
nd 2 Vaterlandsverräter, die den Versuch machten, zum Gegner überzulaufen. Ersch
ossen wurden laut Urteil des Kriegstribunals 3 Deserteure, 16 Selbstverstümmeler
, 2 Überläufer und 2 Mann wegen eigenmächtigen Verlassens des Schlachtfeldes.« »
Am 29. August d. J. wurde vor versammelter Mannschaft der Kommandeur des 3. Bata
illons des 400. Schützenregimentes, Jurgin Fedor, Mitglied der Allrussischen Kom
munistischen Partei, erschossen. Jurgin hatte den Angriffsbefehl des Regimentsko
mmandeurs, Major Novikov, nicht ausgeführt.«
Welche Methoden üblich waren, läßt sich auch einer zufällig aufgefundenen >Sonde
rmitteilung< der Besonderen Abteilung des NKVD der 264. Schützendivision an den
Chef der Besonderen Abteilung des NKVD der 26. Armee, Major (der Staatssicherhei
t) Valis, über die erste Kampfhandlung des Schützenregimentes 1060 entnehmen. Al
s die jungen Soldaten der 4. Kompanie des 2. Bataillons versagten, eröffneten sc
hwere Maschinengewehre das Feuer auf sie und töteten mindestens 60 von ihnen: »D
er Kommandeur und der Politische Leiter erschossen alle, die versuchten, sich zu
ergeben.«
Einem Brief des Schriftstellers Stavskij an den >lieben Genossen Stalin< zufolge
wurden allein in der 24. Armee im Raum um El'nja innerhalb weniger Tage des Aug
ust 1941 nach Angaben des Oberkommandos und der Politabteilung 480 - 600 Soldate
n »wegen Fahnenflucht, Panikmacherei und anderer Verbrechen erschossen«. Angesic
hts solcher Größenordnungen sind die Akten denn auch angefüllt mit Angaben über
Einzel und Massenerschießungen in den Verbänden der Roten Armee. »Verblüffend h
och ist die Zahl der täglichen Hinrichtungen wegen Fahnenflucht und Selbstverstü
mmelung«, lautete ein deutsches Auswertungsergebnis. Kein Wunder also, daß, wie
es an einer Stelle heißt, sich schon das bloße Bestehen der Besonderen Abteilung
en »lähmend auf die Offiziere und Soldaten« auswirkte oder, wie die kriegsgefang
enen Generale Snegov und Ogurcev und andere hohe Offiziere den Deutschen gegenüb
er bekannten: »Die Angst vor der gespenstischen Macht des NKVD war nicht zu über
winden«.
Dies räumte auch der an sich den systemtreuen Offizieren zuzurechnende Oberbefeh
lshaber der 6.Armee, Generalleutnant Muzycenko, am 9. August 1941 bereitwillig e
in: »Das NKVD ist ein furchtbares Organ, das jeden von uns in jedem Augenblick v
ernichten kann.« . . .
Allgemein gilt die Feststellung, daß die unmenschliche Behandlung der sowjetisch
en Soldaten sich nur durch ihre Perfektion von der Behandlung auch der sowjetisc
hen Zivilbevölkerung im Kriegsgebiet unterschied. Das Stichwort hatte Stalin geg
eben, als er am 3. Juli 1941 dazu aufrief, dem Feind »kein Kilogramm Getreide, k
einen Liter Benzin« zu überlassen und »alles wertvolle Gut ... das nicht abtrans
portiert werden kann ... unbedingt« zu vernichten. Dies wurde der Bevölkerung du
rch den sowjetischen Rundfunk am 7. Juli 1941 noch einmal besonders eingeschärft
.Vernichtet werden sollten das gesamte rollende Material, alle Rohstoffvorräte,
der gesamte Treibstoff, jedes Kilogramm Getreide und jedes Stück Vieh. Eine Verw
irklichung des nunmehr proklamierten Zerstörungsprinzips bedeutete, daß damit au
ch die Lebensgrundlagen der Zivilbevölkerung unweigerlich zerstört wurden. Und e
benso mußte der gleichzeitig entfachte völkerrechtswidrige Partisanenkrieg unabs
ehbare Konsequenzen heraufbeschwören und die Bevölkerung der Gefahr härtester Re
pressalien seitens der deutschen und verbündeten Truppen aussetzen.
Schon am 29. Juni 1941 hatten der Rat der Volkskommissare Anweisung gegeben, all
e Kräfte der >sowjetischen< Bevölkerung zum Kampf gegen die Deutschen zu mobilis
ieren und einen umfassenden Volkskrieg im Hinterland des Feindes zu organisieren
: »Jede Verbindung im Hinterland des Gegners zu vernichten, Brücken und Straßen
zu sprengen oder zu beschädigen, Treibstoff und Lebensmittellager, Kraftfahrzeu
ge und Flugzeuge anzuzünden, Eisenbahnkatastrophen zu arrangieren, Feinde zu ver
nichten, ihnen weder Tag noch Nacht Ruhe gebend, sie überall zu vernichten, wo m
an sie erwischt, sie mit allem zu töten, was man zur Hand hat: Beil, Sense, Brec
heisen, Heugabeln, Messern ... Bei der Vernichtung der Feinde schreckt nicht dav
or zurück, beliebige Mittel anzuwenden: Erwürgt, zerhackt, verbrennt, vergiftet
den faschistischen Auswurf.«
Es waren nicht nur die aus der männlichen Bevölkerung rekrutierten Partisanengru
ppen, die jetzt einen völkerrechtswidrigen Freischärlerkrieg eröffneten. In vera
ntwortungsloser Weise wurde die gesamte Zivilbevölkerung einbezogen, wie schon e
in Aufruf verrät: »Überfallt und vernichtet die deutschen rückwärtigen Verbindun
gen, ... zündet Häuser und Wälder an ... Schlagt den Feind, quält ihn zu Tode du
rch Hunger, verbrennt ihn durch Feuer, vernichtet ihn durch die Kugel und Handgr
anate ... verwendet weitgehendst die örtlichen Mittel, verwendet Hilfsmittel, we
lche Sprengstoff verlangen ... Zündet die Lager an, vernichtet die Faschisten wi
e tolle Hunde.« Alles leicht gesagt von denjenigen, die sich in Sicherheit wußte
n; die Folgen hatte das Volk zu tragen. Denn keine Armee in der ganzen Welt, die
gegen eine solche Art der Kriegführung nicht die härtesten Repressalien ergriff
en haben würde.
Manche Flugblätter wandten sich eigens an die russischen Frauen. Mit der Behaupt
ung, die deutschen Soldaten »töten kleine Kinder vor den Augen der Mütter, sie s
chlitzen die Bäuche der schwangeren Frauen auf, schneiden die Brüste von nährend
en Müttern ab, vergewaltigen Frauen, Mütter und Schwestern und treiben sie in Fr
eudenhäuser«, wurden die »lieben Bürgerinnen«, zur Begebung völkerrechtswidriger
Akte von höchster Gefährlichkeit aufgerufen. Für diejenigen Frauen aber, die, w
ie die Mehrheit von ihnen, in den besetzten Gebieten nichts mehr herbeisehnten a
ls die baldige Einkehr halbwegs erträglicher Lebensverhältnisse, hatten die Sowj
ets eine versteckte Drohung parat: »Wir sehen uns bald wieder, wir werden bald w
ieder mit Euch beisammen sein!« Jeder wußte, was das zu bedeuten hatte. Agenten
waren beauftragt, »genaue Listen« aller Personen zusammenzustellen, die in irgen
deiner Weise mit den Deutschen verkehrten oder vielleicht auch nur sich einer de
utschen Einquartierung nicht hatten entziehen können.
Wie Oberleutnant Kovalev aussagte, wurde die Bevölkerung überdies zu Arbeitsverw
eigerungen aufgerufen. Felder, Wälder und Gebäude sollten in Brand gesetzt werde
n. Die Landbevölkerung sollte das Getreide verbrennen, landwirtschaftliche Gerät
e zerstören, die Arbeiterschaft in den Städten die Maschinen vernichten und die
Werksanlagen niederlegen. »Es lebe unser großer Stalin!«, riefen Timosenko und B
ulganin der Bevölkerung zu, die aufgefordert wurde, sich selbst ihrer letzten Le
bensmöglichkeiten zu berauben.
Um der von Stalin am 3. Juli 1941 proklamierten Politik der >verbrannten Erde< N
achdruck zu verleihen, wurden sogenannte >Vernichtungsbataillone< aus systemtre
uen Elementen formiert. Ihre Aufgabe bestand darin, in den vom Feind bedrohten S
tädten des Landes Zerstörungen in größtmöglichem Umfange durchzuführen. Auf Befe
hl des Hauptquartiers des Obersten Befehlshabers bildete man etwa in Char'kov, K
iev und in anderen Städten auch operative Pioniergruppen zu dem alleinigen Zweck
, alle wichtigen Objekte und Häuser in der Region zu sprengen und zu unterminier
en.
Von Generaloberst Volkogonov wurde zudem der Befehl Nr. 0428 vom 17. November 19
41 veröffentlicht. In diesem für seine Grausamkeit charakteristischen schrecklic
hen Befehl ordnete Stalin an, in jedem Regiment besondere Brandstifterkommandos
zu formieren, die, auch im Falle eines erzwungenen Rückzuges, gemeinsam mit Part
isanen alle menschlichen Siedlungen im deutschen Hinterland in einer Tiefe von 4
0 - 60 Kilometern und 20 - 30 Kilometern rechts und links der Straßen ohne Ausna
hme »vollständig zu zerstören und niederzubrennen« hatten. Zusammengefaßte Kräft
e der Luftwaffe und der Artillerie sollten sich an diesem Zerstörungswerk beteil
igen. Irgendeine Rücksichtnahme auf die hier ja auch lebende Bevölkerung, die ih
res letzten Unterschlupfes beraubt und in die eisigen Schneewüsten hinausgejagt
wurde, gab es nicht. »Dörfer und Häuser brannten immer dort, wo keine Deutschen
waren«, schreibt Volkogonov. »Wo sich Okkupanten befanden, war es nicht einfach,
Feuer zu legen ... Die verwitterten Bauernhöfe loderten hell, Mütter drückten a
ngsterfüllt die weinenden Kinder an sich. Ein Stöhnen lag über den leidgeprüfen
Dörfern der Heimat.«
Der den Armeestäben übermittelte Stalinbefehl ist offenbar schon vorfristig befo
lgt worden, wie von den Deutschen erbeutete Dokumente über das >systematische Ni
ederbrennen< zeigen. So etwa erteilte der Chef des Stabes des Schützenregimentes
1322, Major Zarkov, dem 1. Bataillon schon am 17. November 1941 den Kampfauftra
g, in der kommenden Nacht die Dörfer bei Barykovo, Lutovinovo und Krjukovka nied
erzubrennen und die Menschen (Soldaten und Zivilpersonen), die die Häuser verlas
sen wollten, mit Handgranaten und Feuerwaffen zu vernichten. ...
Die unmenschliche Haltung Stalins und seines Regimes der eigenen Bevölkerung geg
enüber zeigte sich vollends, nachdem die deutschen Truppen 1943 den Rückzug ange
treten hatten und sowjetische Truppen Zug um Zug die bisher besetzten Gebiete zu
rückgewannen. Den Truppen der Roten Armee auf dem Fuße folgten überall Grenztrup
pen und die Truppen des NKVD zur Sicherung des Hinterlandes, die die Aufgabe hat
ten, »tschekistische Maßnahmen« zu ergreifen, um »das gesamte von den Okkupanten
befreite Territorium«, »bis zum letzten von feindlichen Elementen und ihren He
lfern«, zu säubern, die Situation zu >normalisieren< und >wiederherzustellen< un
d eine >revolutionäre Ordnung< im Rücken der kämpfenden Front zu schaffen. Was d
ies zu bedeuten hatte, zeigte die Praxis der sowjetischen Sicherheitsorgane mit
hinreichender Klarheit: Die Erschießung aller Einwohner und Bewohner ohne Rücksi
chtnahme auf Alter und Geschlecht, die ein wenn auch nur leidliches Verhältnis z
ur deutschen Besatzungsmacht oder deren Soldaten unterhalten hatten. Es waren Hu
nderttausende, die den Säuberungsmaßnahmen des NKVD jetzt zum Opfer fielen, eine
Größenordnung, die mit der Anzahl der Opfer der Einsatzgruppen der Sicherheitsp
olizei und des SD auf deutscher Seite vergleichbar ist, wenn sie dieselbe nicht
gar übertraf.
Ein furchtbares Schicksal erwartete die kaukasischen Völker der Kalmyken, Karaca
jer, Cecenen, Ingusen, Balkaren sowie die Krimtataren ihrer Zusammenarbeit mit d
er deutschen Besatzungsmacht wegen. Nach ersten, schon tiefgreifenden blutigen S
äuberungswellen wurden diese Völker auf Beschluß Stalins aus ihren angestammten
Wohnsitzen gerissen und entweder in die Konzentrationslager der unwirtlichen Geb
iete Sibiriens und nördlich des Polarkreises oder aber nach Mittelasien deportie
rt, dort zerstreut, ihrer Volkspersönlichkeit somit entkleidet und fortan prakti
sch als Sträflinge behandelt. Zehntausende sind diesem von Chruscev 1956 so gena
nnten >Massenverbrechen<, an dem er selbst beteiligt gewesen war, zum Opfer gefa
llen, einem Verbrechen, das unter Anwendung ebenso heimtückischer wie brutaler M
ethoden verübt wurde mit den üblichen Begleiterscheinungen von Erschießungen und
systematischem Auseinanderreißen von Familien. Es liegt hier eindeutig der Tatb
estand des Völkermordes vor.
Wer schon der eigenen Zivilbevölkerung gegenüber so schonungslos verfuhr, der ko
nnte natürlich auch den eigenen Soldaten gegenüber keine Schonung kennen. Es läß
t sich dies an vielen Eigentümlichkeiten erweisen. Eine verbreitete Erscheinung
in der Roten Armee war es zum Beispiel, daß Soldaten sich vor ernsthaften Angrif
fen selbst Verletzungen beibrachten, um sich den Kampfhandlungen zu entziehen. D
ie in allen Truppenteilen anzutreffenden Selbstverstümmeler wurden, wie sich den
Akten immer wieder entnehmen läßt, in der Regel erschossen. ...
Durch seinen Befehl Nr. 0110 wurden die Militärstaatsanwälte der Fronten und Arm
een angewiesen, nicht wie bisher immer, erst nachträglich tätig zu werden, sonde
rn schon in der Zeit der Vorbereitung oder unmittelbar nach Beginn aktiver Kampf
handlungen einige Selbstverstümmeler zu überführen, sie zu verurteilen und sie a
nschließend, um ein Höchstmaß von Abschreckung zu erzielen, sofort »vor versamme
lter Mannschaft« zu erschießen. Einschüchterung das war auch auf diesem Felde
das Prinzip, um unter den Soldaten der Roten Armee >Massenheroismus< und >Sowjet
patriotismus< zu erzeugen.
Das der sowjetischen Sklavenhaltergesellschaft eigene System der Nichtachtung vo
n Menschenleben tritt deutlich zutage bei dem von der Roten Armee praktizierten
Angriffsverfahren, der Taktik der >menschlichen Dampfwalze<, die nach Generalmaj
or Grigorenko unter der >unmenschlichen Devise< stand: »Menschenleben dürfen nic
ht geschont werden.« ...
Generaloberst Volkogonov hat Tausende von operativen Dokumenten des Obersten Bef
ehlshabers Stalin durchgesehen und nicht in einem einzigen von ihnen einen Hinwe
is darauf gefunden, daß es darauf ankomme, Menschenleben zu schonen, die gestell
ten Ziele mit einem Minimum von Opfern zu erreichen, die Soldaten nicht in unvor
bereitete Angriffe zu werfen. Ganz im Gegenteil verlangte Stalin Erfolge »um den
Preis beliebiger Opfer«. ...
Und so führte Stalin, nach Volkogonov, die Streitkräfte zum Siege »um den Preis
unaussprechlicher Verluste«. Woher kommt es, so Volkogonov, »daß unsere Verluste
zwei bis dreimal so hoch waren, wie die des Gegners?« - eine noch untertreiben
de Frage, da nach den Erfahrungen der finnischen Armee die sowjetischen Verluste
schon im Winterkrieg die finnischen um das Fünffache übertroffen hatten: »Ohne
jede Rücksicht auf Verluste ist die Infanterie in Massen gegen die finnischen St
ellungen getrieben worden.«
Das bereits im Winterkrieg in der Roten Armee angewandte Angriffsverfahren, das
sich von demjenigen aller anderen Armeen unterschied, wiederholte sich in vergrö
berter Form während des deutsch-sowjetischen Krieges, entsprechend der Devise: »
Sie können nicht alle töten!« »Mißlingt der erste Angriff, so führt stures Festh
alten am Auftrag oft zum Verbluten der russischen Infanterie im Abwehrfeuer«, he
ißt es in einem deutschen Erfahrungsbericht aus dem Jahre 1941. Und die Majore A
nikin und Goracev vom 10. Schützenkorps umschrieben dieses Angriffsverfahren am
10. März 1943 im Kuban' Brückenkopf folgendermaßen: »Wenn einmal die Durchführun
g befohlen ist und sich die Durchführbarkeit dieses Befehls als unmöglich heraus
stellt, so werden trotz höchster Verluste die Rotarmisten immer wieder in den Ka
mpf an derselben Stelle gejagt.«
Wie konnte dies auch anders sein in einer Armee, in der schon die Armeeführer pe
rsönlich bedroht wurden. Stalin war in der letzten Dekade des Juli 1941 auf das
Äußerste darüber erregt, daß die Deutschen Smolensk eingenommen hatten, sah er d
och die Gefahr eines strategischen Durchbruchs auf Moskau heraufziehen. Im Auftr
age des Hauptquartiers des Obersten Befehlshabers befahlen der Chef des Stabes d
es Oberkommandos der Westrichtung, General Malandin, und das Mitglied des Kriegs
rates, Bulganin, dem Oberbefehlshaber der 16. Armee, Generalleutnant Lukin, dess
en Truppen eingeschlossen waren, am 20. Juli 1941 die Wiedereinnahme der Stadt S
molensk um jeden Preis: »Der Befehl des Hauptquartiers ist durch Sie nicht ausge
führt worden ... Antworten Sie! ... Der Befehl ist auf jeden Fall bis zum Letzte
n auszuführen. Für die Nichtausführung werden Sie arretiert und dem Gericht über
geben.«
Einen entsprechenden Befehl hatte auch der Oberbefehlshaber der ebenfalls bei Sm
olensk eingeschlossenen 20. Armee, Generaloberst Kurockin, erhalten. Der schwerv
erwundete Generalleutnant Lukin vermittelte den Deutschen einen Eindruck davon,
in welcher Form die Angriffe nun abliefen. Die demoralisierten Soldaten seien >v
orgetrieben< und bei den vergeblichen Versuchen >immer wieder< zu Zehntausenden
geopfert worden. »Die Truppen greifen nur unter dem härtesten Zwang der politisc
hen Organe an«, so auch die Erfahrung des bereits genannten Regimentskommandeurs
, Major Kononov.
Für das Bild derartiger Angriffe seien aus der unübersehbaren Menge einige entsp
rechende Zeugnisse angeführt. »Von den eingesetzten Kräften in Stärke von etwa 7
00 Mann sind von dem ersten Vorstoß nur 70 - 80 zurückgekommen«, so etwa der C
hef des Stabes der 46. Schützendivision, ein Oberst, am 24. Juli 1941. »Der zwei
te Vorstoß mit einem neu herangekommenen Bataillon ist ... ebenso verlustreich g
ewesen.«
Das deutsche IX. Armeekorps meldete am 2. August 1941, die feindlichen Angriffe
würden »trotz stärkster Verluste außerordentlich zähe geführt ... Durch eigene
Beobachtung und durch Gefangenenaussagen wurde festgestellt, daß die russische I
nfanterie durch MG Feuer von rückwärts und mit der Pistole von den Kommissaren i
n den Kampf getrieben wird.« »Seit 5 Tagen versuchen wir anzugreifen«, vertraute
der gefallene Oberleutnant des 2. Bataillons der 5. Gardeschützenbrigade, Serge
ev, am 17. April 1943 seinem Tagebuch an: »In den Kompanien sind 6 - 8 Mann gebl
ieben.«
Was eine so abartige Angriffstaktik für die Soldaten der Roten Armee bedeutete,
dafür mögen die Aussagen einiger gefangener Überlebender stehen: »Am 7. 7. wurde
die Brigade zum erstenmal bei dem Angriff auf Baskino eingesetzt«, so das Verne
hmungsprotokoll. »Bei diesem ersten Angriff wurde das 1. Bataillon fast vollstän
dig aufgerieben ...
Das Angriffsgelände soll bereits durch die vorangegangenen Angriffe der 12. Gard
e Division mit Toten übersät gewesen sein. Nachdem das Bataillon sich nach dem e
rsten Angriff wieder gesammelt hatte, erschienen der Brigade Kommandeur und der
Brigade Kommissar. Sie ließen alle Komsomolzen und Parteimitglieder heraustreten
und bildeten aus ihnen die 1. Kompanie, die bei dem nächsten Angriff in zweiter
Linie vorgehen und alle diejenigen erschießen sollte, die zurückgingen oder sic
h hinlegten. Auf Befehl des Kommissars wurden 3 Rotarmisten erschossen ... Bei d
em nächsten Angriff am 9. 7. traten abermals sehr starke Verluste ein, so daß di
e Reste der Brigade gegen Mittag zu einem Bataillon zusammengefaßt wurden, das w
iederum zu einem erneuten Angriff auf Baskino eingesetzt wurde. Von diesem Angri
ff kehrten am Abend des 9. 7. beim Versammeln des Bataillons nur noch 60 Mann zu
rück. Das Angriffsgelände stellte ein furchtbares Bild durch die große Zahl der
Leichen dar, insbesondere in den Mulden lagen durch Volltreffer überall Teile vo
n menschlichen Körpern umher, so daß kein Rotarmist sich diesem grausamen Anblic
k entziehen konnte.«
Erwähnenswert sind noch einige weitere Praktiken des Kampfverfahrens in der Rote
n Armee, etwa daß vor Angriffen, wenn irgendmöglich, Schnaps ausgegeben wurde. A
ls Folge hiervon gingen die Rotarmisten in dichter Zusammenballung vor und erlit
ten hohe Verluste. Anders als die deutsche war die sowjetische Infanterie oft ni
cht einmal mit Stahlhelmen ausgerüstet und dem Risiko schwerer Kopfverletzungen
somit schutzlos preisgegeben. Schon in den Kämpfen mit den Japanern am Chasan Se
e und mit den Finnen im Winterkrieg waren Panzerbesatzungen in ihren Kampfwagen
zuweilen mit Schlössern eingeschlossen worden. Eine solche Einsperrung sowjetisc
her Soldaten wurde 1941 deutscherseits auch in Bunkern festgestellt. In den Luft
streitkräften bestand das Verbot, mit Fallschirmen über deutschem Gebiet abzuspr
ingen. Häuser, so ein Befehl von Major Romanenko, vom 16. Januar 1942, sollten a
uch in brennendem Zustand weiter verteidigt werden. Es spielte keine Rolle, wenn
die Rotarmisten in den Flammen umkamen. In diesen Zusammenhang schließlich gehö
rt auch, was Marschall der Sowjetunion Zukov nach dem Kriege dem hierüber sprach
losen amerikanischen General Eisenhower offenbarte, daß nämlich »wenn wir an ein
Minenfeld kommen, unsere Infanterie genauso angreift, als wenn dasselbe nicht d
ort wäre«. Die entstehenden Menschenverluste wurden als Selbstverständlichkeit h
ingenommen. . . .
Stalin persönlich auch war es, der bei Kriegsende durch Befehl an die Oberbefehl
shaber und an die »Genossen Berija, Merkulov, Abakumov, Golikov, Chrulev, Golube
v« die Einrichtung riesiger NKVD/NKGB Lager mit einem Fassungsvermögen für eine
Million Personen für »ehemalige Kriegsgefangene und repatriierte Sowjetbürger« g
efordert hatte. Was aber speziell die Zahl der Militärtoten angeht, so sei in Er
innerung gebracht, daß sich die Sowjetunion nicht nur mit dem Deutschen Reich, s
ondern zwischen 1939 und 1945 auch mit folgenden Staaten im Kriegszustand befund
en oder diese mit Waffengewalt angegriffen hatte: Polen, Finnland, Italien, Rumä
nien, Ungarn, Slowakei, Kroatien, Iran, Bulgarien und Japan. Wenn schon Generalo
berst Volkogonov die sowjetischen Verluste als zwei bis dreimal so hoch wie die
des Gegners veranschlagt, sie tatsächlich allein im Winterkrieg gegen Finnland
>vorsichtig geschätzt< aber das Fünffache des Gegners betragen hatten und sich d
as Verhältnis zwischen 1941 und 1945 weiter negativ verschoben haben dürfte, so
müssen die Ursachen hierfür primär auf sowjetischer Seite zu suchen sein.
Die Sowjetunion hatte die Haager Landkriegsordnung nicht anerkannt und die Genfe
r Kriegsgefangenen-konvention nicht ratifiziert, um zu verhindern, daß Sowjetsol
daten sich in die Gefangenschaft des Gegners salvierten. Kriegsgefangene galten
grundsätzlich als >Landesverräter< und >Deserteure<, die mit allen Mitteln zu La
nde und aus der Luft vernichtet werden sollten, wie sie denn von den sowjetische
n Luftstreitkräften in den Lagern auch gezielten Bombenangriffen ausgesetzt gewe
sen waren. Für die Verluste unter den Kriegsgefangenen war, so auch die Meinung
des Internationalen Roten Kreuzes, ursächlich also die Sowjetregierung selbst ve
rantwortlich, was die Deutschen aber nur insoweit zu entlasten vermag, als die B
ehandlung auf ihrer Seite nicht von Gleichgültigkeit und bösem Willen, sondern v
on der Macht der Umstände diktiert gewesen war. Die in der Roten Armee während d
er ganzen Dauer des Krieges üblichen Einzel und Massenerschießungen haben des w
eiteren unter den Soldaten Verluste hervorgerufen, die nur schwer zu bestimmen s
ind, allgemein aber gewaltig gewesen sein müssen. Und endlich hat die Barbarei s
owjetischer Angriffsverfahren Hekatomben von Menschenleben gekostet. Durch diese
von der sowjetischen Führung kaltherzig einkalkulierten Angriffsmassaker unters
chied sich die Rote Armee von den Armeen aller anderen Länder, einschließlich de
r deutschen.
Allen Gegenmaßnahmen zum Trotz hatten sich bis Ende 1941 über 3,8 Millionen, ins
gesamt während des Krieges 5,245 Millionen Sowjetsoldaten, nach amtlicher Defini
tion >Landesverräter< und >Deserteure<, den Deutschen gefangengegeben. Zwei Mill
ionen von ihnen sind vorwiegend im ersten Kriegswinter an Hunger und Seuchen zug
rundegegangen. Eine große Anzahl ist von den Organen der Sicherheitspolizei und
des SD in völliger Verblendung auch erschossen worden. Eine Million sowjetischer
Soldaten aber hatte freiwillig Kriegsdienste auf deutscher Seite genommen und s
ich zum Kampf gegen das Sowjetregime auf deutscher Seite bewaffnen lassen. Unter
solchen Umständen stellt sich denn auch die Frage, wie man im Ernst von einem »
Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion« sprechen kann. Welche Berechtigung
hat zudem die stereotype Redeweise eines angeblichen >Massenheroismus< und >Sow
jetpatriotismus< der sowjetischen Soldaten, wenn es der Anwendung der verwerflic
hsten Zwangsmittel bedurfte, um die Rotarmisten in den Kampf zu treiben? »Ich wi
ederhole, die militärische Niederlage war das Resultat des Unwillens der Armee z
u kämpfen«, schrieb der ehemalige Leutnant Oleg Krasovskij, später Adjutant des
Generalmajors der ROA Blagovegcenskij und bis zu seinem Tode 1993 Chefredakteur
des vom Russischen Nationalverein herausgegebenen Almanach VECE., im Hinblick au
f 1941. Nach Generalleutnant Professor Pavlenko sind die Fragen des deutsch sowj
etischen Krieges von der Sowjethistoriographie »skrupellos verfälscht« worden.
6. Grundfragen der Sowjetpropaganda und deren Werkzeuge

Der 22. Juni 1941 hatte die internationale Situation der Sowjetunion von Grund a
uf verändert und sie von dem Odium ihrer bisherigen Partnerschaft mit Deutschlan
d mit einem Schlage befreit. Denn durch das »in höchstem Grade amoralische und v
erbrecherische Abkommen« vom 23. August 1939 hatte sich Stalin, wie Dasicev dies
formuliert, zum »Komplizen der faschistischen Aggression« gemacht. »Der deutsch
-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939«, schon für den Sozialisten R
ossi über jeden Zweifel erhaben, »war ein Angriffspakt gegen Polen ... Das Gehei
mabkommen bewies ... auf juristischer Ebene, daß dieses Verbrechen zu zweit bega
ngen wurde, nämlich von Deutschland und Rußland ... Die deutsch - sowjetischen A
bkommen vom August/September 1939 hatten die Aufteilung Osteuropas zur Grundlage

Vom ersten Tage des deutsch-polnischen Krieges, dem 1. September, an hatte die S
owjetunion unmittelbar militärische Beihilfe zur Zerschlagung der Republik Polen
geleistet, indem sie bereitwillig einem Ersuchen des Chefs des Generalstabes de
r deutschen Luftwaffe nachkam und durch den Rundfunksender in Minsk Peilzeichen
für die in Polen operierenden deutschen Kampfflugzeuge gab. Am 3. September 1939
hatte die Sowjetregierung ihre >unbedingte< Zustimmung zur Einnahme der ihr in
Moskau zugesprochenen >Interessensphäre< gegeben, seit dem 10. September mit dem
deutschen Botschafter in Moskau, Graf von der Schulenburg, die technischen Moda
litäten hierfür verabredet und am 17. September einen unprovozierten und vertrag
sbrüchigen Angriffskrieg in den Rücken des um seine Existenz ringenden Polen beg
onnen.
Die deutsch-sowjetischen Militärverhandlungen vom 20. September 1939 in Moskau g
ipfelten in einem Protokoll, in welchem die deutsche Wehrmacht sich verpflichtet
e, »notwendige Maßnahmen« zur Verhinderung »etwaiger Provokationen und Sabotagea
kte durch polnische Banden und dergleichen« in den der Roten Armee zu übergebend
en Städten und Orten zu treffen. Die Rote Armee ihrerseits verpflichtete sich, d
ie »nötigen Kräfte zur Vernichtung polnischer Truppenteile und Banden« auf dem R
ückzugsweg deutscher Truppen zur Verfügung zu stellen. »Ein einziger Schlag gege
n Polen«, so Volkskommissar Molotov, der verantwortliche Leiter der sowjetischen
Politik, am 31. Oktober 1939 in einer Rede vor dem Obersten Sowjet, »erst seite
ns der deutschen, dann seitens der Roten Armee, und nichts blieb übrig von diese
r Mißgeburt des Versailler Vertrages, die ihre Existenz der Unterdrückung nichtp
olnischer Nationalitäten verdankt hatte.«
Auf ausdrücklichen Wunsch Stalins hin, der in einem Telegramm an Reichsaußenmini
ster von Ribbentrop am 27. Dezember 1939 von einer »durch Blut« gefestigten »Fre
undschaft der Völker Deutschlands und der Sowjetunion« sprach, sollten nicht ein
mal Reste einer staatlichen Existenz Polens mehr bestehen bleiben, und jede nati
onale Widerstandsregung der Polen sollte in gegenseitiger freundschaftlicher Abs
timmung schon im Keime erstickt werden. Der auf Kosten Polens und anderer souver
äner Staaten abgeschlossene deutsch-sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag
vom 28. September 1939 hat die gemeingefährliche Zusammenarbeit der beiden große
n Mächte besiegelt.
Nachdem die polnische Frage in sowjetischer Sicht >endgültig geregelt< war, woll
te die Sowjetregierung, wie Stalin erklärte, sofort an die Lösung des >Problems<
der baltischen Staaten gemäß Protokoll vom 23. August 1939 herantreten, das hei
ßt, sie begann die souveränen Republiken Estland, Lettland und Litauen ungeachte
t der bestehenden Verträge massiv unter Druck zu setzen und deren Unabhängigkeit
Zug um Zug unter Anwendung politischen Terrors und der Androhung militärischer
Gewalt zu erdrosseln.
Finnland, das in Übereinstimmung mit dem deutsch-sowjetischen Vertrag vom 23. Au
gust 1939 ebenfalls als der >Interessensphäre< der UdSSR zugehörig betrachtet wu
rde, war zweifellos ein ähnliches Schicksal zugedacht wie Polen und den baltisch
en Staaten, nur nahm der unprovozierte, völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen
Finnland infolge des hartnäckigen finnischen Widerstandes einen unerwarteten Ver
lauf, so daß die Sowjetregierung, um der drohenden Verwicklung mit den Westmächt
en zu entgehen, ihre Ziele Finnland gegenüber zurückstecken und sich - einstweil
en - mit der Annexion großer Gebietsteile in Karelien begnügen mußte. Auf der Gr
undlage des deutsch-sowjetischen Abkommens vom 23. August 1939 nahm die Sowjetun
ion im Frühjahr 1940 auch Rumänien gegenüber eine aggressive Haltung ein. Das Ob
erkommando der an der sowjetisch-rumänischen Staatsgrenze konzentrierten sowjeti
schen 12. Armee und der mechanisierten Reitergruppe unter Generalleutnant Üerevi
~enko hatte am 26. Juni 1940 bereits Befehl zu einem Überraschungsangriff auf Ru
mänien erteilt, als die Regierung in Bukarest der ultimativen Forderung der Sowj
etregierung nach Abtretung Bessarabiens und der Nordbukowina auf dringenden Rats
chlag Deutschlands hin nachgab und der Ausbruch eines kriegerischen Konfliktes u
nterblieb.
Die Vereinbarungen Stalins mit Hitler hatten unmittelbar also zur Folge gehabt,
daß die Sowjetunion Angriffskriege gegen Polen und Finnland führte, daß sie im B
unde mit Deutschland die Souveränität und Unabhängigkeit des polnischen Staates
auslöschte, daß Rumänien unter Kriegsandrohung zu gewaltigen Landabtretungen gez
wungen wurde und die Selbständigkeit der baltischen Republiken Estland, Lettland
und Litauen unter indirekter oder direkter Gewaltanwendung beseitigt und diese
Länder in das Sowjetimperium inkorporiert wurden. Polen war von der Sowjetregier
ung als eine ausschließlich die Sowjetunion und Deutschland angehende Frage ausg
egeben und den Westmächten Großbritannien und Frankreich das Recht zu einer Einm
ischung in die polnischen Angelegenheiten grundsätzlich bestritten worden. Denn,
so wurde in Moskau verbreitet, England und Frankreich, die über »Hunderte Milli
onen von Kolonialsklaven ungeteilt herrschen«, hätten überhaupt nicht die morali
sche Qualität, »von der Freiheit der Völker« zu sprechen. Die für die Kriegserkl
ärung an Deutschland gegebene Begründung der Westmächte wurde denn auch als bloß
er Vorwand zur Verschleierung der wahren Motive und Ziele bezeichnet, die in nic
hts anderem zu suchen seien, als in der Aufrechterhaltung des alten, von den Wes
tmächten in Versailles geschaffenen und allein ihnen nutzbringenden Gleichgewich
tes in Europa, das gerade zu beseitigen, den Worten Stalins zufolge, der eigentl
iche Sinn des deutsch sowjetischen Vertrages gewesen war. Es sei ihnen allein um
die Aussehaltung des erstarkenden Deutschland als gefährlichsten Konkurrenten a
uf dem Weltmarkt zu tun gewesen.
England und Frankreich wurden von der Sowjetregierung als Urheber eines imperial
istischen Krieges gebrandmarkt und für seine Fortführung und Ausweitung verantwo
rtlich gemacht. So bezeichnete denn auch Molotov in seiner Rede vor dem Obersten
Sowjet am 31. Oktober 1939 das von den Westmächten vorgebrachte Motiv für eine
Weiterführung des Krieges gegen Deutschland, den Kampf gegen den auch in der Sow
jetunion bis 1939 und ab 1941 wiederum mit allen Mitteln bekämpften >Faschismus<
, als eine sinnlose und verbrecherische Dummheit und Grausamkeit oder, wie die P
RAVDA am 30. September 1939 schrieb, »ein von Provokateuren und ehrlosen Politik
ern an den Völkern begangenes Verbrechen«. Und Stalin, die offizielle Meinung zu
sammenfassend, erklärte der PRAVDA in einem Interview am 29. November 1939:
»1. Nicht Deutschland hat Frankreich und England angegriffen, sondern Frankreich
und England haben Deutschland angegriffen und damit die Verantwortung für den g
egenwärtigen Krieg auf sich genommen;
2. Nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten hat Deutschland Frankreich und England
Friedensvorschläge gemacht, und die Sowjetunion hat die Friedensvorschläge Deut
schlands öffentlich unterstützt, weil sie dachte und immer noch denkt, ein rasch
es Ende des Krieges würde die Lage aller Länder und Völker radikal erleichtern;
3. Die herrschenden Kreise Frankreichs und Englands haben Deutschlands Friedensv
orschläge und die Bemühungen der Sowjetunion nach rascher Beendigung des Krieges
in verletzender Weise zurückgewiesen. Das sind die Tatsachen.«
Die Partnerschaft und Komplizenschaft Stalins und Hitlers zeigte sich nicht nur
darin, daß die Sowjetunion aktiver Mithandelnder war bei der gewaltsamen Umgesta
ltung der staatlichen Verhältnisse in Osteuropa, sondern daß sie das Deutsche Re
ich auch in seinem Kampf gegen die Westmächte politisch, wirtschaftlich und mili
tärisch aktiv unterstützte. Die maritime Hilfeleistung für die deutsche Seekrieg
führung gegen England, die auf Geheiß Moskaus von der Kommunistischen Partei Fra
nkreichs unternommene Sabotierung der französischen Kriegsanstrengungen, das dur
ch keinerlei Rücksichten gehemmte Bestreben der Sowjetregierung, die durch die W
affenerfolge Deutschlands in Europa geschaffene Lage völkerrechtlich zu sanktion
ieren, und schließlich die gigantischen strategischen Wirtschaftslieferungen an
das Reich alle diese Vorgänge sind bereits hinreichend bekannt und brauchen an
dieser Stelle nicht mehr wiederholt zu werden. Nur einige markante Außerungen s
eien angeführt, um die Haltung des Sowjetstaates zu charakterisieren.
Da es in sowjetischer Sicht allein die Westmächte waren, die eine Fortsetzung de
s Krieges wünschten, wurde die Besetzung Dänemarks und Norwegens durch die deuts
chen Truppen im Frühjahr 1940 als ein berechtigter Gegenzug gegen die von Großbr
itannien und Frankreich betriebene Ausweitung des Krieges auf Nordeuropa gewerte
t. Molotov hatte der Reichsregierung am 9. April 1940 in aller Form das Verständ
nis der Sowjetunion für die, wie er sich ausdrückte, Deutschland »aufgezwungenen
... Verteidigungsmaßnahmen« ausgesprochen und ihr hierbei »vollen Erfolg« gewün
scht. Die auflagenstärksten Zeitungen der UdSSR, das Parteiorgan PRAVDA, das Reg
ierungsorgan IZVESTIJA und das Gewerkschaftsorgan TRUD, kommentierten die Vorgän
ge in Skandinavien in der Weise, daß sie schrieben, England und Frankreich seien
in die neutralen Gewässer der skandinavischen Länder >eingefallen<, um Deutschl
ands militärische Lage zu unterminieren. Angesichts der Tatsache, daß die Westmä
chte »die Souveränität der skandinavischen Staaten verletzt«, die »Kriegshandlun
gen auf Skandinavien ausgedehnt« hätten, sei eine Diskussion der Rechtmäßigkeit
des Deutschland >aufgewungenenk Vorgehens eine >Lächerlichkeit<. England und Fra
nkreich hätten die »ganze Schwere der Verantwortung für die Ausdehnung der Krieg
shandlungen nach Skandinavien auf sich genommen«. In seiner Rede vor dem Oberste
n Sowjet am 31. Juli 1940 erklärte Molotov in aller Offenheit, ohne indirekte Un
terstützung durch die UdSSR hätte Deutschland seinen Machtbereich nicht auf Skan
dinavien und Westeuropa ausdehnen können.
Auch für die deutschen Angriffe auf die neutralen Länder Holland und Belgien fan
d die Sowjetregierung nur verstehende und verteidigende Worte. PRAVDA und IZVEST
IJA, von Stalin persönlich instruiert, verwiesen darauf, es hätte schon lange zu
den Plänen des anglo französischen Blockes gehört, auch Holland und Belgien »in
den imperialistischen Krieg hineinzuziehen«. Deutschland habe infolgedessen vor
der Notwendigkeit gestanden, einen Gegenschlag gegen den von den Westmächten ge
planten Einmarsch in das Reichsgebiet zu führen. Nicht Deutschland, sondern Engl
and und Frankreich hätten somit »zwei weitere kleine Länder in die Flammen des i
mperialistischen Krieges« gestoßen. Ebenso wurde die deutsche Westoffensive gege
n Frankreich in Moskau 1940 durchaus nicht als >Einfall faschistischer Truppen<,
sondern als eine meisterhaft angelegte und durch¬geführte strategische Operatio
n gefeiert. Als Frankreich niedergeworfen war, sprach Molotov dem deutschen Bots
chafter Graf von der Schulenburg »die wärmsten Glückwünsche der Sowjetregierung
zu diesem glänzenden Erfolg der deutschen Wehrmacht« aus. Die Sowjetunion hatte
sich in der Rolle eines >wertvollen Sekundanten< Deutschlands begriffen, und Bot
schafter Graf von der Schulenburg berichtete nach Berlin, die Verlautbarungen de
s sowjetischen Presse und Propagandaapparates während der Operationen in Frankr
eich hätten den »besten Erwartungen« der Deutschen entsprochen. Molotov sollte m
ehrfach, so in seiner Rede vom 31. Juli 1940 und in seinen Unterredungen mit Hit
ler im November 1940, daran erinnern, daß die deutsch sowjetischen Abkommen von
1939 »nicht ohne Einfluß auf die großen deutschen Siege gewesen seien«.
Die Komplizenschaft Stalins und Hitlers auf dem Weg in den Zweiten Weltkrieg und
in der ersten Kriegsphase war mit dem 22. Juni 1941 abrupt beendet. Ohne eigene
s Zutun fand sich die Sowjetunion unversehens im Kreise der Staaten wieder, die
sich Deutschlands zu erwehren hatten und sich im Kriege mit dem Reich befanden,
eine, wie Stalin schon in seiner Rede vom 3. Juli 1941 aussprach, überaus günsti
ge Situation, »ein ernster Faktor von langer Dauer, auf dessen Grundlage sich di
e militärischen Erfolge der Roten Armee im Kriege gegen das faschistische Deutsc
hland entwickeln müssen«. Deutschland hatte sich, so Stalin, »in den Augen der g
anzen Welt als blutiger Aggressor entlarvt«, aus welchem Grunde nach Stalin »die
besten Menschen Europas, Amerikas und Asiens ... der Sowjetregierung ihre Sympa
thien entgegenbringen, die Handlungsweise der Sowjetregierung billigen und erken
nen, daß unsere Sache gerecht ist ... « Von nun an gab es nur noch zwei klar von
einander geschiedene Kriegsparteien, die Angreifer, mit Deutschland an der Spitz
e, und die Angegriffenen, deren sichtbarstes Opfer jetzt ironischerweise die Sow
jetunion geworden war. Diese günstige politische Lage wußte die Sowjetführung vo
m ersten Kriegstage an in einer noch nicht dagewesenen Hemmungslosigkeit auszunu
tzen, indem sie nun auch die Propaganda als Waffe voll in den Dienst der Kriegsa
nstrengungen stellte.
Es waren die sowjetischen Journalisten und Literaten, die Künstler und auch Hist
oriker, die aufgerufen wurden, auf ihre Weise einen Beitrag zum Siege der Sowjet
union zu leisten. All ihren Witz und all ihr Können hatten sie aufzuwenden, um i
n bewährter Schwarz Weiß Manier ein Feindbild zu entwerfen, zu dessen Ausmalung
ein jedes und selbst das verwerflichste Mittel recht war, wenn es nur dem einen
Ziel diente, die Sowjetunion und die Angehörigen der Roten Armee mit Haßgefühlen
gegen alles Deutsche zu erfüllen.
Die »nichtsahnende, friedliche Sowjetunion«, so die bis heute kolportierte und a
nscheinend unausrottbare Geschichtslegende, sei von den »Faschisten heimtückisch
und wortbrüchig« überfallen worden. Folgt man der Legende, so stand die Sowjetf
ührung unter dem Schock dieses unerwarteten Treubruches ihres bisherigen Vertrag
sfreundes, Komplizen und Partners. Ein Schock aber zieht gemeinhin Lähmung und n
icht etwa zielbewußtes, klares Handeln nach sich. Die sowjetische Kriegspropagan
da indessen konnte schon an diesem 22. Juni 1941 mit einem anscheinend vorher fe
stgelegten Programm aufwarten und zu arbeiten beginnen. Denn bereits an diesem e
rsten Kriegstag wurden die namhaften sowjetischen Schriftsteller unter dem Vorsi
tz des leitenden Funktionärs des Schriftstellerverbandes und Stalinfavoriten Fad
eev zusammengerufen, um die erstaunlicherweise schon festgelegten Weisungen für
eine radikale Kehrtwendung in der propagandistischen Behandlung Deutschlands ent
gegenzunehmen. In >überraschender Eile<, wie vermerkt wird, erhielten sie den Au
ftrag, nunmehr alle ihre Kräfte in den Dienst des jetzt entstehenden >Heiligen K
rieges< (Svjakennaja vojna) zu stellen, wie dies der Verfasser sowjetischer Mass
enlieder, Lebedev Kumac, in seiner wenige Tage später, am 24. Juni 1941 veröffen
tlichten gleichnamigen Hymne auch versprach.
Wohlgesteuert brach in der Tat eine Propagandalawine los, die alles bisher Dagew
esene in den Schatten stellte, die den gesamten sowjetischen Machtbereich durchd
rang und tiefe Spuren auch in nichtsowjetischen Ländern hinterließ. Und die Deut
schen hatten wenig Ahnung davon, was sich hier gegen sie zusammenbraute.
Aus der Zahl der Sowjetschriftsteller, die nun teilnahmen an der gegen die Deuts
chen gerichteten gigantischen Kriegspropaganda und die meist als Zeitungskorresp
ondenten zu den Front und Armeestäben der Roten Armee abgingen, seien einige we
nige besonders hervorgehoben. So zählte zu ihnen der bereits genannte, 1956 durc
h Selbstmord geendete Schriftstellerfunktionär Fadeev, ein ausgesprochener Parte
iliterat, der seine Bekanntheit in der Sowjetunion dem 1927 entstandenen Partisa
nenroman »Razgrom« (Vernichtung) verdankte, eine Veröffentlichung, der 1945 der
Roman »Molodaja gvardija« (Junge Garde) folgte, welcher den Kampf des >sowjetisc
hen Volkes< gegen die faschistischen Eroberer verherrlicht.
Ferner wäre hier zu nennen der spätere Nobelpreisträger Solochov, der in seinem
weltbekannten Roman »Tichij Don« (Stiller Don), erschienen in vier Bänden zwisch
en 1928 und 1940, den Kampf zweier Welten schildert, einer guten und einer bösen
, die bolschewistische dabei als die gute verstanden, und dessen Hauptbeitrag in
der Propagandaschlacht des deutsch-sowjetischen Krieges neben unzähligen Artike
ln in dem Parteiorgan PRAVDA und in dem Armeeorgan KRASNAJA ZVEZDA in einer 1942
entstandenen Erzählung unter dem vielsagenden Titel »Nauka nenavisti« (Schule d
es Hasses) besteht.
Ebenso vorzugsweise für KRASNAJA ZVEZDA schrieb Simonov, der sich dem Thema des
Sowjetmenschen im Kriege zuwandte, Verfasser einer Anzahl von Büchern, aber auch
von Artikeln, Filmtexten, Skizzen und dergleichen mehr. ...
Nicht zu vergessen ist ferner Professor Tarte, ein bekannter Historiker vorzugsw
eise der napoleonischen Zeit, Autor auch des zweibändigen Werkes »Krymskaja vojn
a« (Der Krimkrieg, 1941 1943), dessen publizistische und propagandistische Wirks
amkeit während des Krieges ein Musterbeispiel ist für den Mißbrauch und die geis
tige Korrumpierung der historischen Wissenschaft für politische Zwecke unter dem
Sowjetregime.
Auch Aleksej Tolstoj gehört in diesen Zusammenhang, väterlicherseits der gräflic
hen Familie, mütterlicherseits der Familie Turgenev entstammend, ein begabter, e
twas verschwommener Schriftsteller, der voll im Dienst des Stalinismus stand. Al
s 1937 der Fieberwahn der > Großen Säuberung< das ganze Land durchraste, war es
Tolstoi, der im Ausland auf sogenannten >antifaschistischen Kongressen< als Vert
reter der Sowjetunion zum Zwecke der Beeinflussung der Intellektuellen des Weste
ns auftrat. Es war gewiß auf seinen Namen nicht minder wie auf seine Willfährigk
eit zurückzuführen, daß er während des Krieges führend als Mitglied der »Außeror
dentlichen Staatlichen Kommission zur Untersuchung der Verbrechen der deutsch fa
schistischen Eindringlinge und ihrer Verbündeten« in Erscheinung trat, einer Ein
richtung der Kriegspropaganda, deren Zweckbestimmung weiter unten noch näher erö
rtert werden wird. Tolstoj erhielt für den unvollendet gebliebenen Roman »Petr P
ervyj« (Peter I.) dann verdientermaßen auch den Stalinpreis. Seine Veröffentlich
ungen »Rasskazach Ivana Sudareva« (Erzählungen des Ivan Sudarev, 1942 1944), »Iv
an Groznyj« (Ivan der Schreckliche) und »Trudnye gody« (Schwierige Jahre), vor a
llem aber seine zahlreichen emotionalen Propagandaartikel sollten nicht wenig zu
r Erweckung unguter Leidenschaften unter den sowjetischen Soldaten beitragen.
In erster Linie aber gilt es, sich an Il'ja Grigor evic Éhrenburg zu erinnern, der
in der Kriegspropaganda der Sowjetunion die beherrschende Rolle spielte.
Ehrenburg ist nicht einfach abzutun mit dem Bemerken, es habe sich bei ihm eben
um einen Menschen mit »schuldhafter krimineller Energie großen Ausmaßes«, um ein
en >Mordhetzer< oder vielleicht nur um einen >Psychopathen<, einen Menschen mit
krankhafter Veranlagung, gehandelt. Denn eine kriminelle oder psychopathische Ve
ranlagung braucht eine schriftstellerische und journalistische Begabung keinesfa
lls auszuschließen. Dies in Verbindung mit mangelnder Wahrheitsliebe und dem Feh
len aller moralischer Skrupel ließen ihn jedenfalls zu dem wichtigsten Werkzeug
der gegen das Deutschtum gerichteten Haßpropaganda werden. Die jahrelang von ihm
mit großem Geschick betriebene politische Agitation und die opportunistische Ra
ffinesse, mit der er nach dem Tode seines Meisters Stalin in dem Roman »Tauwette
r« und in seinen Lebenserinnerungen »Ljudi, gody, iizn'« (Menschen, Jahre, das L
eben) das Vergangene und seine eigene Handlungsweise umzubewerten und zu verschl
eiern und sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen wußte, hat ihm auch in we
stlichen Ländern einen nicht zu unterschätzenden und bis in die Gegenwart hinein
reichenden Kredit eingeräumt. Die Bundesrepublik Deutschland macht hiervon keine
Ausnahme. Und es ist einigermaßen erschütternd zu verfolgen, wie wenig der hier
verbreitete Intellektualismus die Sowjetwelt verstanden hat oder vielleicht auc
h nur verstehen wollte, und mit welcher Leichtigkeit man sich gerade hier über d
ie Gebote von Anstand und Moral hinwegsetzt.
So unternahm es beispielsweise der Herausgeber der westdeutschen Ausgabe der Leb
enserinnerungen, Kindler, zu suggerieren, bei der Anführung bestimmter Beispiele
der Haßpropaganda Ehrenburgs habe es sich nur um die Wiederholung einer >Goebbe
ls Lüge< gehandelt. Und noch 1991 etwa stellte die CDU Fraktion der Bezirksveror
dnetenversammlung in BerlinSchöneberg den Antrag, auch das >Schaffen< Ehrenburgs
im Rahmen einer Ausstellung »Russen in Schöneberg« gebührend zu würdigen und di
e Erinnerung an diesen Journalisten und Schriftsteller zu pflegen. Anläßlich sei
nes 100. Geburtstages 1991 ließen es sich führende deutsche Tageszeitungen nicht
nehmen, seiner ehrend zu gedenken, seine »sprudelnde Schreiblust« hervorzuheben
, ihn als einen »Meister der Satire«, als einen »Suchenden nach den Ursprüngen d
es Bösen« zu apostrophieren und seine »grandiosen Panoramabilder« zu bewundern.
Vergeblich sucht man nach nur einem Wort der Erklärung für die verbrecherische W
irksamkeit Ehrenburgs während der Kriegszeit, die doch gerade für unzählige deut
sche Männer, Frauen und Kinder so entsetzliche Konsequenzen gehabt hatte. Über d
iese Art der Tätigkeit Ehrenburgs geht auch Walter, Verfasser eines Gedenkartike
ls im Feuilleton der renommierten FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, mit einem tro
ckenen Satz hinweg, indem er schreibt, Ehrenburg sei »einer der aktivsten« und -
in irreführender Formulierung - »markantesten Kriegspropagandisten« gewesen, ei
ne Verharmlosung, der von einem, der es wußte, Heinz Nawratil, Verfasser des Wer
kes »Die Vertreibung der Deutschen«, in derselben Zeitung eine scharfe Abfuhr zu
teil wurde.
Wer also war Ehrenburg?
Der 1891 in Kiev als Sohn eines jüdischen Bierbrauers geborene Ehrenburg bekannt
e sich zeitlebens zu seinem Herkommen und war, wie er selber schrieb, »stolz dar
auf, Jude zu sein«. Einem geregelten Ausbildungsgang abhold, widmete er sich sch
on als Schüler nicht so sehr seinen gymnasialschulischen Pflichten als vielmehr
dem Herumtreiben in der politischen Unterwelt seiner Umgebung. Als sogenannter >
sechzehnjähriger bolschewistischer Revolutionär< emigrierte er nach Paris, um vo
n nun an das unstete Dasein eines heimat- und wurzellosen Intellektuellen zu füh
ren, der für Menschen, die in einem geordneten bürgerlichen Leben ehrlichem Brot
erwerb nachgehen, zeitlebens nur tiefe Abneigung empfand. Als Caféhausliterat in
Paris bis 1917 war er Stammgast im CLOSERIE DES LILAS, wo er »tagaus, tagein sa
ß und schrieb«. Doch von der Revolution angezogen, ging er 1917 nach Moskau, wo
er sich freilich mit den neuen Machthabern wieder überwarf, so daß er abermals v
ersuchte, in Paris Fuß zu fassen. Von der französischen Polizei indessen ausgewi
esen, fand er bis 1924 seinen Aufenthalt in der ungesunden Atmosphäre des damali
gen Berlin, wo er, seit 1921 in sowjetischen Diensten stehend, seinen Lebensunte
rhalt anscheinend als Mitarbeiter der sowjetischen Presse und vor allem als Zutr
äger und Spitzel der berüchtigten sowjetischen Geheimpolizei GPU (Gosudarstvenno
e Politiceskoe Upravlenie, Staatliche Politische Verwaltung) verdiente. Anschlie
ßend in Moskau und auch wiederum in Paris, wurde er im Spanischen Bürgerkrieg 19
36 1939 als Korrespondent und Agitator nach Spanien abkornmandiert, hielt sich 1
939 1940 dann abermals in Paris und, nach dem Einmarsch der deutschen Truppen, m
it unklarem Auftrag in Berlin auf, um seinen Wohnsitz alsdann endgültig nach Mos
kau zu verlegen.
Ehrenburg ist internationalen Kreisen in den zwanziger Jahren durch verschiedene
Veröffentlichungen bekanntgeworden, darunter dem politischen Roman (Die ungewöh
nlichen Abenteuer des Julio Jurenito und seiner Schüler), der die Überwindung de
s Bürgertums durch die Revolution in der Ära des Ersten Weltkrieges zum Inhalt h
at. In diesem Buch findet sich gleichsam als Axiom bolschewistischer Weisheit au
ch der Satz: »Zum Wohl der Menschheit muß gemordet werden.« In seinem 1941 ersch
ienenen Werk (Der Fall von Paris) konnte Ehrenburg seinem alten »Haß auf das woh
ltemperierte französische Bürgertum« dann abermals freien Lauf lassen, indem er
unter dem Eindruck der Erfahrungen in Spanien die Ursachen für die Niederlage Fr
ankreichs 1940 aus der Sicht des sozialistischen Klassenkampfes beschrieb. Die h
öchste literarische Auszeichnung, die die Sowjetunion zu vergeben hatte, der Sta
linpreis 1. Klasse, war der wohlverdiente Lohn für dieses willkommene Propaganda
machwerk. Diesem Elaborat in seiner >zeitgeschichtlichen Massenwirkung< kaum nac
hstehend war der 1946 erschienene politische Roman »Burja« (Der Sturm), der info
lgedessen ebenfalls mit einem Stalinpreis honoriert wurde. Durch seine Talente,
seine Skrupellosigkeit, seine Auslandserfahrungen und nicht zuletzt durch seine
erprobte Willfährigkeit war Ehrenburg wie kein anderer prädestiniert zur Erfüllu
ng der wichtigsten Propagandaaufgabe, vor die Stalin sich 1941 plötzlich gestell
t sah.
Denn als der deutsch sowjetische Krieg begann, war die Sowjetpropaganda in gewis
sem Sinne gefangen in ihrem eigenen Garn. Es bereitete zwar keine allzugroßen Sc
hwierigkeiten, feindselige Gefühle gegen die >Faschisten< zu erwecken, hatte doc
h die antifaschistische Agitation seit 1939 insgeheim niemals aufgehört. Daneben
aber gab es noch die ältere Lehre, derzufolge die »deutschen Arbeiter und Bauer
n« die natürlichen Gegner des >Faschismus< seien, der ohnehin nur »mit Hilfe der
Ruhrmagnaten und Sozialverräter« die Macht hätte ergreifen können. Nach dieser
Theorie stand Hitler Deutschland »noch ein anderes Deutschland« gegenüber, und d
ie »Arbeiter und Bauern« in der Wehrmacht, so die Meinung, würden sich weigern,
gegen das »Vaterland der Werktätigen«, die Sowjetunion, zu kämpfen, wenn sie nur
die »Wahrheit erfuhren«. Dies erklärt auch die plumpe sowjetische Frontagitatio
n in der ersten Kriegsphase, die von den deutschen Soldaten überhaupt nicht vers
tanden wurde. Parolen wie die einem sowjetischen Flugblatt entnommene: »Deutsche
Soldaten! Für wen ist der Krieg gegen die Sowjetunion vorteilhaft? Nur für die
Kapitalisten und Gutsherren!«, verpufften ohne Wirkung. »Echter Haß gegen die We
hrmacht« war in der Roten Armee, wie Ehrenburg einräumte, »am Anfang unbekannt«.
Hier mußten klare Verhältnisse geschaffen werden, sollte es nicht zu einer »ver
brecherischen Verbrüderung« auf dem Schlachtfeld kommen oder, noch schlimmer, da
zu, daß sich die Rotarmisten massenweise den Deutschen gefangengaben. Stalin kam
es darauf an, »Haß, Haß und nochmals Haß« nicht nur gegen den >Faschismus<, son
dern gegen alles Deutsche überhaupt zu erzeugen, wie Generalleutnant Wlassow ber
ichtete, Ohrenzeuge, als Stalin nach der Schlacht bei Kiev im Kreml ein entsprec
hendes Ansinnen an Berija richtete.
Die Aufgabe aber wurde noch weiter gefaßt. Denn der Stellvertretende Außenkommis
sar Losovskij brachte Ehrenburg schon in den ersten Kriegstagen zur Kenntnis, we
lch ausschlaggebende Bedeutung Stalin zugleich der Auslandsarbeit in Großbritann
ien und den USA beimaß. Das für solche Fragen zuständige Mitglied des Politbüros
, Scerbakov, erteilte ihm jetzt offiziell den wichtigen Auftrag, >täglich< auch
für die Alliierten im Westen zu schreiben. Angetrieben von den bestimmten Weisun
gen Stalins ebenso wie von den Haßgefühlen seines verdorbenen Gehirns und schlec
hten Herzens, begann Ehrenburg eine Betriebsamkeit zu entfalten, die, wie er sel
bst urteilte, nichts mehr mit >Literatur< zu tun hatte, selbst in der sozialisti
schen Ausdeutung dieses Begriffes. In der Tat verfaßte er von nun an jeden Tag e
inen, oft mehrere und bis zu fünf Artikel für das Regierungsorgan IZVESTIJA, für
das Parteiorgan PRAVDA und vor allem für das Armeeorgan KRASNAJA ZVEZDA, aber a
uch für andere sowjetische Zeitungen und in verschiedenen Varianten für prosow
jetische Blätter im Ausland. Die KRASNAJA ZVEZDA an erster Stelle bildete die Ar
beitsgrundlage für die in der Roten Armee exzessiv betriebene Politpropaganda, u
nd mit dumpfer Monotonie wurden den Rotarmisten die Artikel dieses Organes einge
hämmert: »Mit Ehrenburgs Artikeln legten wir uns abends hin und standen wir morg
ens auf.« Ehrenburgs Name war, wie es am 21. September 1944 heißt, jedem Rotarmi
sten bekannt: »Das Sowjetvolk betrachtet ihn als einen seiner besten Schriftstel
ler und größten Patrioten.«
Wenn an die Truppen, wie oftmals vor Angriffen, zur Erhöhung der Kampfkraft nich
t gerade Schnaps ausgegeben wurde, »las man ihnen vor Angriffsbeginn die Artikel
Ehrenburgs vor«, die in unzähligen Variationen das Grundthema wiederholten, die
Deutschen seien keine Menschen, sie müßten erbarmungslos vertilgt werden. Diese
Stereotype, wenngleich natürlich den Intentionen der Sowjetregierung entspreche
nd, rief in ihrer Verallgemeinerung anscheinend selbst in der Sowjetunion biswei
len schüchterne Bedenken hervor. So wurde Ehrenburg manchmal befragt, wie man st
ändig nur über einen und denselben Gegenstand, die Menschenunähnlichkeit der Deu
tschen, schreiben könne. »Können sie wirklich solche Henker sein?«, fragten die
Moskauer im Sommer 1944. Der Romancier Grossman, er selber ein engagierter Wortf
ührer der sowjetischen Kriegspropaganda, machte es Ehrenburg wenigstens zum Vorw
urf, keinen Unterschied zwischen Deutschen und >Faschisten< und >Hitleristen< zu
zulassen. Auch in westlichen Ländern regte sich Widerspruch. Als etwa die prosow
jetische schwedische Zeitung GÖTEBORGs HANDELSTIDNINGEN 1942 dazu überging, Ehre
nburg Artikel abzudrucken, intervenierte nicht nur die deutsche Reichsregierung,
auch andere schwedische Zeitungen ... protestierten, und DAGPOSTEN schrieb: »Eh
renburg hält alle Rekorde in intellektuellem Sadismus. Wozu diese schweinische L
üge noch widerlegen und nachweisen, daß Ehrenburg den Deutschen Dinge nachsagt,
die bei den Rotarmisten gang und gäbe sind.«
Es ist auch durchaus nicht so, daß Ehrenburg, dessen Artikel teilweise in die en
glische Sprache übersetzt wurden, in Großbritannien und den USA überall Verständ
nis fand. Ein bekanntes Magazin in New York etwa rief 1945 zum Protest gegen die
»Grausamkeit sowjetischer Schriftsteller wie Alexej Tolstoy und Ilya Ehrenburg«
auf. ...
Welcher Wertschätzung Ehrenburg sich zu dieser Zeit bei Stalin erfreute, zeigte
sich, als der Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika, Byrnes, 1945 an
gesichts der sowjetischen Gewaltakte und Übergriffe in Rumänien mit der Veröffen
tlichung amerikanischer Korrespondentenberichte drohte. Diesen Protest beantwort
ete Stalin, wie überliefert ist, »mit verächtlicher Handbewegung: >Dann schicke
ich Ilja Ehrenburg nach Rumänien und lasse ihn berichten, was er sieht. Sein Wor
t wird mehr gelten als das Eures Mannes«. Als Stellvertreter und das heißt in de
r verdeckten sowjetkommunistischen Rangordnung in Wirklichkeit als Vorsitzender
der weltumspannenden Sowjetorganisation >Weltfriedensrat< sollte Ehrenburg in de
n folgenden Jahren in den Ländern und Staaten aller Erdteile eine intensive Wühl
arbeit entfalten. Die von ihm angeknüpften vielfachen persönlichen Bekanntschaft
en und Verbindungen ließen jetzt auch deutlich werden, in welchem Maße linke Int
ellektualisten, aber auch namhafte Persönlichkeiten des geistigen und politische
n Lebens vieler Länder, sich gewollt oder ungewollt zu Dienern des Stalinregimes
erniedrigten. Und selbst der ehemalige linke Zentrumspolitiker und deutsche Rei
chskanzler Dr. Wirth hat es nicht verschmäht, in der Schweiz freundlich mit Ehre
nburg zu unterhandeln.
Die schriftliche Produktion in den Jahren des >Großen Vaterländischen Krieges< f
iel für Ehrenburg insofern aus dem üblichen Rahmen, als es sich bei ihr, eigenen
Worten zufolge, nicht um >Literatur<, sondern um politische Agitation, das heiß
t politische Hetze gehandelt hat. Annähernd 3000 seiner richtungweisenden Artike
l sind zwischen 1942 und 1944 in einer dreibändigen Buchpublikation unter dem Ti
tel »Vojna« (Der Krieg) eigens noch einmal zusammengefaßt worden. Ehrenburg alle
rdings wollte von ihnen später nicht mehr allzuviel wissen. In seinen Lebenserin
nerungen, die auch dazu bestimmt waren, Spuren zu verwischen, verbreitet er sich
wortreich vor allem über den menschlichen Gewinn dieser Schicksalsjahre. Über d
ie Kriegsartikel heißt es lapidar: »Was blieb mir von jenen Jahren? Tausende von
gleichartigen Artikeln, die heute allenfalls ein gewissenhafter Historiker noch
lesen mag.«
Und eine Analyse dieser Artikeltlut ist auch ganz dazu angetan, Erinnerungen an
einen anderen Artikelschreiber wachzurufen, an Julius Streicher, jenen 1940 pers
önlicher Verfehlungen wegen seiner Ämter enthobenen Gauleiter von Thüringen, den
Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes DER STÜRMER ... Streicher befand si
ch 1945/1946 unter den Angeklagten vor dem Internationalen Militärgerichtshof in
Nürnberg, er wurde schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt, weil, wie es in
der Urteilsbegründung heißt, er »in seinen Monat um Monat erscheinenden Artikel
n die Gedankengänge der Deutschen mit dem Giftstoff des Antisemitismus verseucht
e und das deutsche Volk zu aktiver Verfolgung der Juden aufhetzte«.
Wenn er also unter dem Anklagepunkt 4 (Verbrechen gegen die Menschlichkeit) in N
ürnberg zum Tode durch den Strang verurteilt worden ist, was ist dann erst von E
hrenburg zu sagen, der über Jahre hinweg »Woche um Woche, Monat um Monat«, die G
edankengänge der Völker der Sowjetunion (und auch der westlichen Länder) mit dem
Giftstoff des Antigermanismus verseuchte und zu aktiver Verfolgung und Tötung d
er Deutschen aufhetzte? Ist Streicher der >Judenhetzer Nr.1< gewesen, dann ersch
eint es nicht nur berechtigt, sondern sogar notwendig, Ehrenburg den >Deutschenh
etzer Nr.1< zu nennen. »Streicher war verantwortlich für den Tod von Millionen v
on Juden«, schrieb Ehrenburg als Prozeßbeobachter in Nürnberg am 13. Dezember 19
45. Es wird noch ausführlicher darzulegen sein, daß er Streicher nicht nur in ni
chts nachstand, sondern ihn in seiner Bosheit vielleicht sogar vielfach noch übe
rtroffen hat.
Die Sowjetunion, ohne eigenes Verdienst plötzlich nicht mehr im Lager der Angrei
fer, sondern der Angegriffenen, bot ihren Propagandaapparat auf, um ihre bisheri
ge Komplizenschaft mit Deutschland vergessen zu machen und sich als Verteidiger
»freiheitsliebender Völker« zu präsentieren. Wie war es doch gewesen?
Am 17. September 1939, nach vorheriger Absprache mit der Reichsregierung, hatten
die Sowjets Polen überfallen, die Gegend östlich von Lemberg in der Nacht »bomb
ardiert«, »polnische Truppen« »umgangen« und »vernichtet«, »polnische Infanterie
divisionen und Kavalleriebrigaden« »vernichtet«, Flugzeuge »abgeschossen«, Krieg
smaterial und Geschütze »erbeutet« oder ebenfalls »vernichtet«, Gefangene »gemac
ht«, Städte »eingenommen«, das Kampffeld, Wälder, Landstücke, das Land »von der
polnischen Armee gesäubert«, die Festungen Osowiec und Brest, die Stadt Bialysto
k und andere Plätze in »feierlicher Form« aus den Händen der deutschen Truppen e
ntgegengenommen.
In Lemberg waren 8500 polnische Soldaten, darunter 100 Offiziere, zu den deutsch
en Truppen geflohen, um sich nicht von den Sowjets gefangennehmen zu lassen - ei
n glücklicher Entschluß, erwartete sie doch eine Behandlung entsprechend den Gru
ndsätzen der Genfer Konvention und nicht der Genickschuß. Denn die 15.000 in die
Hand der Sowjets gefallenen polnischen Offiziere, außer den Berufssoldaten Taus
ende von »Universitätsprofessoren, Ärzten, Wissenschaftlern, Künstlern, Oberschu
llehrern«, »die Blüte der polnischen Gesellschaft«, »die als Reserveoffiziere ih
re Pflicht erfüllten«, wurden bei Katyn, in Charkov (und an anderen Stellen) bek
anntlich auf Befehl Stalins, Kalinins und der anderen Führer der Sowjetunion vom
NKVD erschossen.
Von 250.000 polnischen Kriegsgefangenen sind 148.000, von 1,6 bis 1,8 Millionen
deportierter polnischer Zivilpersonen 600.000 in der Sowjetunion zugrundegegange
n, und von 600.000 in die Sowjetunion deportierten polnischen Juden verschwanden
450.000 spurlos.
Die Sowjetregierung hatte die Westmächte beschuldigt, unter dem Vorwand der Vert
eidigung Polens einen imperialistischen Krieg entfacht und alsdann die Ausdehnun
g der Kriegshandlungen auf Skandinavien, Belgien und die Niederlande verschuldet
zu haben. Sie hatte die deutschen Feldzüge propagandistisch, teilweise auch mil
itärisch, unterstützt und diplomatisch sanktioniert, indem sie den neuen Gegeben
heiten - um das Reich in Sicherheit zu wiegen - ostentativ Rechnung trug. Schon
im Jahre 1939 hatte Moskau die Beziehungen zur Tschechoslowakei abgebrochen, der
sie doch vertraglich zur Hilfeleistung verpflichtet war, stattdessen hatte sie
die Unabhängigkeit der sezessionistischen Slowakischen Republik anerkannt. Im Ma
i 1941 entzog sie den Exilregierungen Norwegens, Belgiens, der Niederlande mit d
er Begründung, sie übten keine Souveränität mehr über ihre Länder aus, die Anerk
ennung, kurz darauf erfolgte der Bruch mit Griechenland und, in einer Weise, »di
e selbst die erfahrensten und abgestumpftesten Beobachter der Sowjetmethoden« ve
rblüffen mußte, mit Jugoslawien, dessen Integrität und Unabhängigkeit von Moskau
noch vor Monatsfrist feierlich anerkannt worden war, und dies, »noch ehe die De
utschen den Mund aufgemacht hatten«. Dies alles sollte jetzt vergessen sein.
Stalin, so verkündete Ehrenburg am 8. Februar 1942, »dachte nicht daran, die Län
der anderer Völker anzugreifen ... Wir bauten Städte, arbeiteten und studierten
... Wir erzogen menschliche Wesen ... Aber die Deutschen bauten Panzer« - dies i
n Anbetracht einer sechs bis achtfachen Panzerüberlegenheit der Roten Armee am 2
2. Juni 1941.
Ehrenburg, das propagandistische Sprachrohr Stalins, schrieb am 4. Januar 1945 i
m Hinblick auf die seinerzeitige Politik der Westmächte und nicht etwa der Sowje
tunion: »Europa und die Welt können die Moral dieser unmoralischen Politik an de
n Ruinen von Warschau, dem Leiden von Paris und den Wunden von London erkennen.«
In Polen hatten die Sowjets geholfen, deutsche Kampfflugzeuge an ihre Ziele zu
lotsen. Jetzt aber waren allein die Deutschen die >Brandstifter<. Heimtückisch w
ar die Sowjetunion Polen am 17. September 1939 in den Rücken gefallen. »Wir grüß
en unsere Schwester Polen«, schrieb Ehrenburg am 7. November 1941 und am 14. Dez
ember 1941 heuchlerisch: »Noch weht der Geist von Chopin durch die Städte des ge
folterten Polen ... Die Polen sagen einer zum anderen: >Die Schönheit lebt noch.
Polen lebt noch<«. »Wir wollen Freiheit für uns und für alle Nationen«, so Ehr
enburg am 1. Januar 1942 . »Wir wollen nicht, daß Polen ein Land deutscher Galee
rensklaven wird.« Die Kommunistische Partei Frankreichs war 1939 / 1940 von Mosk
au dazu angestiftet worden, die französischen Kriegsanstrengungen zu sabotieren.
Nach der Kapitulation von Compiègne hatte die Sowjetregierung der Reichsregieru
ng ihre Glückwünsche ausgesprochen und sich beeilt, den >Französischen Staat<, >
Vichy<, diplomatisch anzuerkennen. Nun mit einem Male war Marschall Pétain nur n
och ein gekaufter Verräter, ein Mietling, der >Judas von Frankreich<, und Ehrenb
urg beschimpfte Reynaud und die Generale Weygand, Georges, Gamelin als >Kapitula
tionisten< und erklärte die Volksfront und vor allem die (landesverräterischen)
französischen Kommunisten als die einzig wahren Patrioten. »Die Siege von Rostov
und Kalinin waren ein Todesurteil für die Leute, die den Waffenstillstand von C
ompiègne unterzeichneten«, heißt es am 21. März 1942.
Was die deutschen Truppen in Frankreich angeht, so herrschte unter ihnen bekannt
lich die strengste Disziplin, und selbst André Malraux, Mitglied der KPF bis 193
9, Schriftsteller und Minister de Gaulles, der der Résistance angehört hatte, be
stätigte nach dem Kriege aus freien Stücken, er habe mit der »deutschen Wehrmach
t nur gute, mit der Gestapo nur schlechte Erfahrungen gemacht«. Ehrenburg aber b
ehauptete am 14. Juli 1941: »Die Nazimörder marschierten auf den Boulevards«, um
in Frankreich zu plündern und zu rauben, französische Kinder zu morden und die
Bevölkerung mit 50 Gramm Brot am Tage dem Hungertode preiszugeben. Er drohte weg
en einer Nichtigkeit mit der Rache der sowjetischen Soldaten: »Für die vier verd
orbenen Jacken werden sie 4000 Deutsche vernichten, die Frankreich niedergetramp
elt haben.« Sein Urteil über die Deutschen, mit denen bis zu diesem Tage doch ei
n Grenz und Freundschaftsvertrag bestanden hatte, faßte er am 22. Juni 1941 in
folgenden Worten zusammen: »Sie haben das glückliche freiheitstiebende Frankreic
h geplündert. Sie haben die mit uns verwandten Nationen versklavt, die hochkulti
vierten Tschechen, die tapferen Jugoslawen und die talentierten Polen. Sie verge
waltigen die Norweger, Dänen und Belgier.« »Die deutschen Truppen torkeln wie B
etrunkene über ganz Europa: Von Boulogne bis Odessa, von Polen bis Belgien, von
Norwegen bis Bulgarien«, heizte er am 2. Mai 1942 die Stimmung an. Nur wenige Ta
ge später, am 5. März: »Sie betraten Rußland, trunken von dem Blut der Polen, Fr
anzosen und Serben, von dem Blut alter Leute, von Mädchen und kleinen Kindern.«
Ehrenburg war dazu ausersehen, die Kriegsrede Stalins vom 3. Juli 1941 propagand
istisch sofort umzusetzen und das neue Programm zu verkünden. »Wir haben Million
en und Abermillionen treuer Verbündeter«, schrieb er am 4. Juli 1941: »Mit uns s
ind alle jene, die die Freiheit und ihr Land verloren haben: Tschechen, Norweger
, Franzosen, Holländer, Polen und Serben ... Stalins Worte werden die Stadt der
niedergetretenen Freiheit erreichen, das mit Füßen getretene, aber unversöhnlich
e Paris. Sie werden die Bauern von Jugoslawien erreichen, die Studenten von Oxfo
rd, die Fischer von Norwegen und die Arbeiter von Pilsen. Sie werden eine neue H
offnung hervorrufen in den Herzen der Völker, die unter den faschistischen Barba
ren leiden. Stalins Rede wird von der Bevölkerung Londons gehört werden, die Hun
derte barbarischer Luftangriffe erlebt hat, von den Bergleuten von Wales und den
Webern von Manchester ... Unser Vaterländischer Krieg wird ein Krieg zur Befrei
ung Europas von dem Joch Hitlers werden.«
Mit einigen Propagandaphrasen setzte die Sowjetunion, die des Überfalls auf Finn
land wegen aus dem Völkerbund ausgeschlossen worden war und dicht vor einem Zusa
mmenstoß mit den Westmächten gestanden hatte, sich jetzt an die Spitze der mit K
rieg überzogenen Länder und machte sich zu deren Sprecher. »Mit uns sind alle de
mokratischen Länder (zu denen sich jetzt auch die Sowjetunion rechnete), mit uns
ist die gesamte fortschrittliche Menschheit«, hatte es in dem Aufruf eines am 1
0. August 1941 in Moskau stattgefundenen »Allslawischen Meetings« sogenannter Ge
istesschaffender geheißen. »Die ganze Menschheit kämpft jetzt gegen Deutschland«
, echote Ehrenburg am 24. August 1941 ohne Seitenblick auf die deutschen Kriegsv
erbündeten im Kampf gegen die Sowjetunion, auf Italien, Finnland, Rumänien, Unga
rn, die Slowakei und Kroatien. »Wir wollen Freiheit für uns und für alle Natione
n«, behauptete er am 1. Januar 1945. Und damit unter den vielen Phrasen nicht de
r Auftraggeber und Schirmherr vergessen wurde, setzte er gelegentlich auch Worte
hinzu wie diese: »So lebe denn, Sowjetunion! Mögen Deine Völker leben, Deine Gä
rten, Deine Kinder, Dein Stalin!«
Am 6. November 1941, dem vielversprechenden Jahrestag des »Sieges der Großen Soz
ialistischen Oktoberrevolution«, fühlte Ehrenburg sich bemüßigt, den Alliierten
Zensuren im Stile der kommunistischen Parteiagitation zu erteilen und sie auf de
n gemeinsamen Kampf zu verpflichten. »Die Verteidiger von Moskau denken mit Stol
z an die feste Haltung von London. Ruhm für England! ... Wir grüßen Euch, Pionie
re der Freiheit, das unbezwingbare Volk Frankreichs ... Wir grüßen die Tschechen
... Wir grüßen das Volk der Krieger, die Serben ... Wir grüßen die tapferen Gri
echen ... Wir grüßen die unermüdlichen Norweger ... Wir grüßen die gelassenen Ho
lländer ... Wir grüßen die fleißigen Belgier ... Wir grüßen unsere Schwester Pol
en ... Wir grüßen das Arsenal der Freiheit Amerika.« Und damit kein Zweifel da
rüber bestand, daß diese Völker und Länder von nun an in der Schuld der Sowjets
standen, fügte er hinzu: »Moskau kämpft ... für Euch, ferne Freunde, für die Men
schheit und für die ganze Welt.«
Im Jahre 1930 hatte kein Geringerer als Winston Churchill von dem >Pestbazillus<
Lenin geschrieben, mit dem es »in Bezug auf Lebensvernichtung von Männern und F
rauen ... kein asiatischer Eroberer, kein Tamerlan oder Dschingis Khan« aufnehme
n könne. Für Churchill hatten sich mit dem Siege des Bolschewismus »die Grenzen
Asiens und die Zustände der finstersten Zeitalter ... vom Ural bis zu den Pripje
tsümpfen« vorgeschoben, war Rußland »in einem endlosen Winter inhumaner Doktrine
n und übermenschlicher Barbarei erstarrt«. Und diese, nach Churchill »niederträc
htige Affenschande von Bolschewismus« hatte, wie Ehrenburg den Völkern der Welt
am 29. Januar 1942 weismachte, nun eine Fackel erhoben: »Wir haben die Fackel zu
m Himmel erhoben ... die Fackel unserer Kultur und der Kultur, die wir zu Recht
als Besitz der ganzen Menschheit betrachten. Das ist die Fackel des antiken Grie
chenland, der Renaissance, des achtzehnten Jahrhunderts alles dessen, was die
Menschheit der Sklaverei, Stagnation und dem Atavismus entgegengesetzt hat. Es g
ibt ein leuchtendes moralisches Prinzip in unserem Kampf gegen Deutschland ... d
as Prinzip der Vernunft, der geistigen Reinheit, Freiheit und Würde.«
Eine solche Phraseologie ist vor dem Hintergrund der Tatsache zu sehen, daß an d
er Spitze der Sowjetunion Stalin stand, »der größte Verbrecher aller Völker und
Zeiten«, der mit Hilfe der von ihm eingesetzten Kreaturen Jagoda, Ezov, Berija,
Kruglov, Abakumov und anderer eine Herrschaft aufgerichtet hatte, die an jedem b
eliebigen Tag über das »Los ausnahmslos aller Bürger des Landes nach seinen blut
igen Launen bestimmen konnte«.
Propagandistisch hatte die Sowjetunion spätestens seit dem 3. Juli 1941 die Posi
tion vertreten, sie sei militärisch unvorbereitet und von dem bevorstehenden deu
tschen Angriff nicht unterrichtet gewesen, sie führe daher einen reinen Verteidi
gungskrieg und verfolge keine expansiven Ziele. Die Geschichtslegende von dem »h
eimtückischen faschistischen Überfall auf die nichtsahnende, friedliebende Sowje
tunion« ist nachweislich unwahr und hat heute keinen Bestand mehr. Von den viele
n Propagandalügen sollen daher auch nur einige beispielhaft angeführt werden, so
wenn Ehrenburg am 23. November 1944 behauptete: »Wir brauchen keinen >Lebensrau
m<«, oder am 30. November 1944: »Die Welt blickt auf die Rote Armee als einen Be
freier ... Wir wollen unsere Ideen, unsere Gebräuche niemandem aufzwingen«, oder
am 24. Mai 1945, nachdem der Sieg errungen war: »Wir gewannen diesen Krieg, wei
l wir Eroberungskriege hassen.«
In dem Maße, wie der Krieg sich seinem Ende näherte und die Rote Armee tief in d
as Kerngebiet Europas hinein vordrang, mischten sich in die rein defensiven Rech
tfertigungen jedoch immer mehr offensive Töne. Die Sowjets, sich ihrer gewaltige
n Stärke bewußt, begannen politische Forderungen anzumelden, was in der Weise ge
schah, daß die Propagandaformel von einer großen >Befreiungsmission< der Roten A
rmee aufgebracht und der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde. ImOktober 1944, a
ls Sowjettruppen die Reichsgrenze in Ostpreußen überschritten, tauchten bei Ehre
nburg die ersten entsprechenden Passagen auf, so wenn er am 12. Oktober 1944 sch
rieb: »Wir retteten die europäische Kultur ...« Am 12. April 1945 klang es schon
deutlicher: »Es ist Zeit festzustellen, daß die Siege der Roten Armee Siege des
Sowjetsystems sind, ... welches Europa und die Welt vom Faschismus errettete.«
Oder am 17. Mai 1945 in fast kitschiger Weise: »Wir erretteten die menschliche K
ultur, die aus alter Zeit stammenden Steine Europas, seine Wiege, sein arbeitend
es Volk, seine Museen und Bücher. Wenn England dazu bestimmt ist, einen neuen Sh
akespeare hervorzubringen, wenn neue Enzyklopädisten in Frankreich erscheinen ..
. Wenn der Traum eines goldenen Zeitalters jemals Wirklichkeit werden sollte, da
nn wird dies deshalb geschehen, weil die Soldaten der Freiheit Tausende von Wers
t marschierten, um das Banner der Freiheit, der Brüderlichkeit und des Lichtes a
ufzupflanzen ... Das ist der Grund dafür, warum überall in der Welt Stalins Name
mit dem Ende der Nacht und dem ersten Morgen des Glückes verbunden ist.« Am 12.
Juli 1945 lesen wir in derselben Tonart: »Die Sowjetunion hat die Völker Europa
s gerettet. Stalin rüttelte jedermanns Gewissen wach ... Wir lieben Stalin.«
Die Sowjetunion, die angeblich sogar das Schicksal von Prag, Paris und Rom entsc
hieden hatte, war, so Ehrenburg am 10. Januar 1946, im Bewußtsein der Nationen n
unmehr »nicht nur ein geographisches, politisches, sondern auch ein moralisches
Konzept«, mit anderen Worten also, durch militärische Siege war sie für alle Sta
aten zu einem Vorbild geworden, woraus sie dann von selbst das Recht ableitete,
sich auch ihrerseits in andere Länder einzumischen. Stalin denke nicht daran, »a
ndere Länder anzugreifen«, er denkt daran, »eine neue Welt zu errichten«, hatte
Ehrenburg am 8. Februar 1942 geschrieben.
Nun, da der Sieg errungen war, konnte Stalin beginnen, seine Träume von »einer n
euen Welt«, »einem neuen Europa«, zu verwirklichen, einem Europa, wie Ehrenburg
sofort erklärte, in dem alle »Mikroben des Faschismus« beseitigt werden. Und wer
waren die »Mikroben des Faschismus«? Als >Faschisten< wurden von nun an nicht n
ur die Deutschen, die Anhänger Hitlers, verstanden, sondern alle diejenigen, die
sich den Herrschafts und Bolschewisierungspläneu der Sowjets aus den unterschi
edlichsten Motiven heraus entgegenstellten, alle diejenigen, die Begriffe von »R
egierung, Reform und Fortschritt« anders verstanden als die Kommunisten, vor all
em das verhaßte Bürgertum aller Schattierungen, die Befürworter des Rechtsstaate
s nach westlicher Tradition, der ganze »geistige Untergrund anscheinend ordentli
cher Leute«. Stalin hatte das politische Ziel gewiesen, Ehrenburg und seinesglei
chen machten sich daran, es in gewohnter Weise zu propagieren.
Wenige Tage nachdem die deutsche Wehrmacht bedingungslos kapituliert hatte, am 1
7. Mai 1945, schrieb Ermasev: »Der Zusammenbruch des Hitlerreiches befreit die M
enschheit nicht automatisch von all den Gefahren, mit denen die dunklen Kräfte d
es Faschismus und der Reaktion die Welt bedrohen können« zukunftsweisende und
keineswegs unbedeutende Worte. Denn was sich hier ankündigte, war ein wichtiges
Anliegen der Sowjetregierung, der dringende Wunsch nämlich, die »faschistischen
Ver¬brecher«, die »Kriegsverbrecher«, auf das strengste bestraft zu sehen. Durch
Veranstaltung eines internationalen Schauprozesses nach bewährtem Muster unter
führender Beteiligung der Sowjetunion sollte eine abschreckende Wirkung auf alle
als »Nachfolger Hitlers und Mussolinis« apostrophierten Kräfte der >Reaktion<,
das heißt auf die potentiellen Gegner der stalinistischen Herrschaftsansprüche e
rzielt werden.
Der bereits genannte Historiker Professor Tarle begründete das von Stalin beansp
ruchte Recht zur Gestaltung »der Zukunft der friedensliebenden und freiheitslieb
enden Nationen« mit angeblichen Erfahrungen der Vergangenheit und in herausforde
rnder Sprache am 8. Februar 1945 mit folgenden Worten: »Aber die große Rolle des
Sowjetvolkes ist nicht damit beendet, daß es die Menschheit von dem tödlichen d
eutschen Albdruck befreit. Die vorübergehend in den Untergrund abgedrängte Fünft
e Kolonne lebt noch in der Welt. Nazis und Halbnazis existieren noch immer und b
ereiten sich darauf vor, die Arbeit, die sie in Europa und darüber hinaus so lan
ge und erfolgreich betrieben, wiederaufzunehmen. Die europäischen und nicht nu
r europäischen Demokratien sehen sich in den kommenden Jahren einem sehr, sehr
außergewöhnlichen Kampf gegenüber, denn der Faschismus hat nicht die geringste
Absicht abzutreten ... Hier trifft er jedoch wieder auf dasselbe unüberwindliche
Hindernis: die Sowjetunion, das Sowjetvolk. Der Sieg der Sowjetunion in dem Gro
ßen Vaterländischen Krieg schafft eine feste Basis für den Triumph der Weltdemok
ratie. Das unsterbliche Verdienst von Stalins Strategie und der Kämpfer der Rote
n Armee besteht darin, daß sie die Zivilisation der Welt gerettet haben. Diejeni
gen, die begreifen, daß der Kampf für Freiheit und Demokratie selbst nach der Ni
ederlage der Hitlerischen Kriegsmaschine fortgesetzt werden muß bis zur vollstän
digen moralischen und politischen Niederlage des Faschismus, sehen mit tiefem Ve
rtrauen auf die UDSSR.«
Deutlicher brauchten die Expansionsabsichten Stalins kaum noch ausgesprochen zu
werden. Hier war eine Fortsetzung der Aggressionen gemeint, die mit dem Pakt mit
Hitler am 23. August 1939 begonnen hatten und jetzt zum dritten Male eine ander
e Gestalt erhielten. In gewissem Sinne war hier auch das bis in die Gegenwart hi
nein gültige Stichwort für die Aktivisten und geistigen Helfershelfer des >Sozia
lismus< ausgegeben: Kampf gegen den >Faschismus<, so wie er von den Sowjets vers
tanden wurde. Wer sich also den aggressiven Plänen des sowjetischen Sozialismus
entgegensetzt, ist nach dieser Definition jetzt eben ein >Faschist< oder >Nazi<,
zu dessen Bekämpfung ein jedes Mittel recht ist. »Wer immer ein Gebiet besetzt,
erlegt ihm auch sein eigenes gesellschaftliches System auf«, hatte Stalin dem V
ertrauten Titos und Partisanenführer Djilas 1945 eröffnet, »Jeder führt sein eig
enes System ein, so weit seine Armeen kommen. Es kann gar nicht anders sein.« In
Wirklichkeit aber begann die Sowjetpropaganda bereits im Frühjahr 1945 über die
se Grenzen hinauszuwirken. Und dies erklärt die warnenden Worte Winston Churchil
ls, der in seiner berühmten Rede in Fulton im März 1946 darauf hinwies, daß »fer
n von Rußland die Fünfte Kolonne des Kommunismus am Werke ist«, die eine >wachse
nde Bedrohung< für den Frieden und die gesamte >christliche Zivilisation< darste
llt.

7. Beiderseitige Greueltaten und ihre Probleme


Ein gewichtiges Argument in der sowjetischen Kriegspropaganda stellten die Greue
ltaten dar, die auf deutscher Seite tatsächlich oder auch nur angeblich verübt w
orden sind. Eine wachsende Flut von Beschuldigungen wurde vorgebracht, berechtig
te und unberechtigte. Sie sind, will man den rechten Maßstab gewinnen, vor dem H
intergrund überdimensionaler sowjetischer Menschheitsverbrechen zu sehen. So gil
t es, die Spreu vom Weizen zu trennen und an den hervortretenden Beispielen die
Berechtigung der sowjetischen Anschuldigungen zu untersuchen und zu prüfen, welc
he politischen Absichten sich hinter der Propagandakampagne verbargen.
Denn bevor die Deutschen in der Sowjetunion oder in den von ihr annektierten Geb
ieten auch nur eine Untat begehen konnten, hatten die Bol'seviki von sich aus be
reits Millionen und Abermillionen unschuldiger Menschen vernichtet. Der Terror a
ls eine feststehende Einrichtung des sowjetischen Herrschaftssystems hatte unmit
telbar nach der Oktoberrevolution eingesetzt und nicht nur die soziale, sondern
vielfach auch die physische Liquidierung ganzer Klassen zum Ziel, die Ausrottung
des Adels, der Geistlichkeit, des Bürgertums, aber auch der Anhänger nichtbolsc
hewistischer sozialistischer Parteien wie der Menseviki und der Sozialrevolution
äre, ganz zu schweigen von denen bürgerlicher Parteien wie etwa der vielgeschmäh
ten konstitutionellen Demokraten (>Kadetten<).
Noch Jahre nach dem Umsturz, am 19. März 1922, hatte Lenin in einem an Molotov g
erichteten und nur für die Mitglieder des Politbüros bestimmten geheimen Schreib
en erklärt: »Je mehr Vertreter der reaktionären Geistlichkeit und der reaktionär
en Bourgeoisie wir in diesem Zusammenhang erschießen können, desto besser.« In s
einem 1930 erschienenen Buch NACH DEM KRIEGE zitierte Winston Churchill eine sta
tistische Untersuchung von Professor Sarolea, der zufolge die bolschewistischen
>Diktatoren< allein bis 1924 folgende Personen ermordet haben: »28 Bischöfe, 121
9 Geistliche, 6000 Professoren und Lehrer, 9000 Doktoren, 12950 Grundbesitzer, 5
4.000 Offiziere, 70.000 Polizisten, 193.290 Arbeiter, 260.000 Soldaten, 355.250
Intellektuelle und Gewerbetreibende, 815.000 Bauern«. »Diese Zahlen«, so Churchi
ll, »werden von Mr. Hearnshaw, King's College, London, in seiner glänzenden Einl
eitung zu A SURVEY OF SOCIALISM bestätigt. Sie enthalten natürlich nicht die ung
eheuere Einbuße der russischen Bevölkerung an Menschenleben, die infolge von Hun
gersnot zugrunde gingen.«
Wenn solches schon unter dem von Churchill als >Pestbazillus< apostrophierten Le
nin geschehen konnte, was muß dann erst unter Stalin geschehen sein, einem >Unge
heuer< nach Meinung seines Biographen, GeneralOberst Professor Volkogonov, wie e
s in der Weltgeschichte seinesgleichen sucht. Es bedarf in diesem Zusammenhang n
ur einer Erinnerung an die Hauptphasen des Stalinterrors. So sind im Zeitraum de
r Zwangskollektivierung der Landwirtschaft seit 1929 und in dem in Verbindung hi
ermit sorgfältig geplanten und organisierten Hunger-Holocaust von 1932/1933, dem
verschwiegenen Völkermord an dem ukrainischen Volk, übereinstimmenden Schätzung
en und demographischen Untersuchungen zufolge zwischen sieben und zehn Millionen
Menschen beseitigt worden.
Die bereits zu Beginn der Dreißiger Jahre einsetzenden Massenerschießungen sogen
annter >Volksfeinde<, die in dem Fieberwahn der >Großen Säuberung< 1937 bis 1939
gipfelten, haben weitere fünf bis sieben Millionen Menschen ihres Lebens beraub
t. Sie sind erschossen worden oder in dem System des GULag zugrunde gegangen. Et
wa eine Million Menschen kam im Gefolge der Annexion Ostpolens und der baltische
n Republiken zwischen 1939 und 1941 ums Leben. Der auf Befehl Stalins hin sofort
nach Kriegsbeginn 1941 vorgenommenen Erschießung aller der Spionage verdächtigt
en Personen und der auf sein Geheiß hin vorgenommenen Niedermetzelung politische
r Gefangener durch die Organe des NKVD vor dem Rückzug sind unzählige - nach Fes
tstellungen eines Untersuchungsausschusses des amerikanischen Kongresses unter d
em Vorsitz des Abgeordneten Charles J. Kersten allein in der Ukraine 80.000 bis
100.000 Menschen zum Opfer gefallen. Die Leichen der Hingemordeten wurden in den
weiter unten aufgeführten ukrainischen Städten und in anderen Orten überall in
der Ukraine, in Weißrußland und in den baltischen Republiken aufgefunden. Schaup
latz solcher Massaker waren auch solche Zentren wie Brest, Minsk, Kaunas, Wilna,
Riga, um nur einige Stätten beispielhaft zu nennen. Massenerschießungen fanden
aber auch im tiefen Hinterland statt, so in Smolensk, Berdicev, Uman', Stalino,
Dnepropetrovsk, Kiev, Char'kov, Rostov, Odessa, Zaporoz e, Simferopol', Jalta, im
Kaukasus und anderswo...
Nicht zu vergessen sind zudem die hohen Menschenverluste infolge der vom Politbü
ro des Zentralkomitees der VKP und vom Rat der Volkskommissare 1941 organisierte
n Deportation der Wolgadeutschen und der übrigen Deutschstämmigen aus der Ukrain
e, von der Krim und aus dem Kaukasus, die unter unmenschlichen Methoden vonstatt
en ging und den Tatbestand des internationalen Verbrechens des Genocide ebenso e
rfüllte wie die im Jahre 1943/1944 vorgenommene Deportation der Völker der Kalmy
ken, Karacajer, Cecenen, Ingugen, Balkaren, von Teilen des kabardinischen Volkes
sowie der Krimtataren. Weiter oben ist bereits auf das den deutschen Einsatzgru
ppen der Sicherheitspolizei und des SD vergleichbare Exekutivinstrument der Gren
ztruppen und Sondertruppen des NKVD hingewiesen worden, die den regulären Truppe
n der Roten Armee auf dem Fuße folgten und eine >Massensäuberung< unter der Bevö
lkerung in den wiedereingenommenen Gebieten durchführten. Es waren, wie gesagt,
Hunderttausende von Menschen, die im Zuge der nun einsetzenden Vergeltungs- und
Säuberungsmaßnahmen von den Organen des NKVD erschossen worden sind, allein in d
er kurzfristig in sowjetischer Hand befindlich gewesenen Stadt Char'kov im März
1943 eingehenden deutschen Erhebungen zufolge nicht weniger als 4000, ohne Rücks
ichtnahme auf Alter und Geschlecht.
Im gesamten Gebiet der Sowjetunion hatte der Sozialismus seine mörderischen Spur
en hinterlassen. »Mehr als 100.000 unmarkierte Massengräber sind in der Sowjetun
ion verstreut«, so der ukrainische Forscher Carynnyk, »das ganze Land ist auf Ge
beinen aufgebaut«, jede einzelne Stadt und jeder einzelne Landstrich hatte »eige
ne Massengräber«.
In der Ukraine sind allein bei Bykovnia, im Darnica Wald und in Bielhorodka unfe
rn von Kiev die sterblichen Überreste von 200.000 bis 300.000 Männern, Frauen un
d Kindern aufgefunden worden, die städtischen Friedhöfe Kievs waren gefüllt mit
Erschossenen. Massengräber wurden bei Dnepropetrovsk, bei Char'kov (Pjatichatka,
Planquadrat 6, jüdischer Friedhof), bei Zitomir, Odessa, Poltava, Vinica, Donec
k aufgedeckt, um nur wenige markante Stätten zu nennen.
In Weißrußland werden 102.000 Opfer in den Massengräbern bei Kuropaty unfern von
Minsk, insgesamt in der Umgebung von Minsk 270.000 Opfer vermutet.
Für Großrußland seien Smolensk und Katyn (der Wald von Kozy Gory) genannt, wo di
e Leichen von 50.000 Erschossenen seit 1935 auf Förderbändern transportiert wurd
en, für den Ural Sverdlovsk und Gori.
Dem Nobelpreisträger Sacharov zufolge gibt es im Ural keine einzige Kreisstadt o
hne Massengräber - und dies nicht nur dort. In stillgelegten Bergschächten bei L
yssaja Gora nahe von Celjabinsk verschwanden in den dreißiger Jahren die Leichen
300.000 erschossener Männer, Frauen und Kinder. Die Schergen des Bolschewismus
verrichteten ihr Mörderhandwerk aber auch in Mittelasien, am Altaj, im Fernen Os
ten bis hin nach Sachalin.
Im Umkreis der in der Sowjetunion bestehenden 80 Konzentrationslagersysteme mit
Hunderten von Einzellagern unter der Verantwortung des GULag, so bei Vorkuta und
Karaganda, war der Boden mit den Leichen ermordeter >Volksfeinde< buchstäblich
gedüngt. Allein in den Konzentrationslagern bei Kolyma starben mindestens drei M
illionen Menschen an den entsetzlichen Lebensbedingungen bei Temperaturen bis zu
minus 60 Grad.
»Gaskammern ähnlich denen von Auschwitz waren in Workuta schon seit 1938 in Betr
ieb«, so der britische Historiker Graf Tolstoy in seinem Buch >Victims of Yalta<
. Die technischen Grundlagen zur Herstellung und Verwendung giftiger Gase in gro
ßem Maßstab - eine chemische Industrie sind in der UdSSR in der Tat seit den zwa
nziger Jahren schnell entstanden. Man erinnert sich in diesem Zusammenhang auch
der von der deutsch-russischen Gesellschaft >Bersol< in Trock bei Samara während
der Zusammenarbeit der zwanziger Jahre errichteten Fabrik zur Erzeugung von Gif
tgas und der dortigen Schule für die Ausbildung und Technik des Gaskampfes unter
der Tarnbezeichnung >Tomka< (Torski).
Über die Gesamtzahl der unter der Sowjetmacht Ermordeten herrscht insofern Übere
instimmung, als es sich hier um wahre Hekatomben von Menschenleben gehandelt hat
. Der russische Historiker Medvedev, ein ehemaliger Dissident, der sich 1992 den
Kommunisten wieder angenähert hat, wollte 1989 40 Millionen Opfer von Repressiv
maßnahmen zugestehen und gelangte aufgrund eigener Recherchen zu einer Zahl von
immerhin mindestens 15 Millionen Toten. Der amerikanische Historiker Conquest ve
ranschlagte die Todesopfer allein des Stalinterrors nach eingehenden Analysen au
f 20 Millionen, hielt zehn Millionen weitere Tote aber für wahrscheinlich. Demge
genüber rechnete der Nobelpreisträger Solzenicyn mit 40 Millionen, während ander
e Sachverständige sogar auf eine Gesamtzahl von bis zu 68 Millionen Menschen gel
angen, die dem Sozialismus der Sozialistischen Sowjetrepubliken zum Opfer gefall
en sind, »die Toten des Zweiten Weltkrieges nicht mitgerechnet«. Die Zahl von 40
Millionen Todesopfern wird mehrfach genannt, wie denn einer Meldung auch des WE
LT NACHRICHTENDIENSTES vom 30. Juni 1993 zufolge »dem Diktator J. W. Stalin nach
vorsichtigen Schätzungen etwa 40 Millionen Menschen zum Opfer fielen«.
Die in diesen Dimensionen noch nicht dagewesenen Massenverbrechen sind in der So
wjetunion begangen worden, bevor die deutsche Wehrmacht und die ihr verbündeten
Armeen, gefolgt von den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD, 1941 a
uf den Plan traten, welche letztere nun ihrerseits im Osten eine Blutspur zogen.
Über die Untaten auf deutscher Seite ist bereits eine so reichhaltige Literatur
erschienen, daß es an dieser Stelle genügen muß, nur noch auf die Hauptverfahre
nsarten kurz einzugehen, die seitens des Apparates des Reichsführers SS zur Bese
itigung der rassisch ethnisch oder politisch Mißliebigen im Ostraum angewendet w
urden:
Die Tötungshandlungen der im Rücken der Heeresfronten operierenden Einsatzgruppe
n der Sicherheitspolizei und des SD und die Vernichtungsaktionen oder das Massen
sterben in den Konzentrationslagern des ehemaligen polnischen Staatsgebietes: Tr
eblinka, Sobibor, Belzec, Majdanek, Auschwitz. Vor allem Auschwitz hat sich als
Sinnbild nationalsozialistischer Greueltaten tief in das öffentliche Bewußtsein
eingegraben, obwohl es bis lange nach dem Kriege und auch im Nürnberger Prozeß g
egen die >Hauptkriegsverbrecher< noch keineswegs den heutigen Symbolcharakter au
fwies. Mit dem Namen des >Vernichtungslagers Auschwitz< in erster Linie verbinde
t sich auch die Vorstellung von Gaskammern zur systematischen Massenvernichtung
von Menschenleben. Es soll die Frage erörtert werden, wie das Wissen um das Best
ehen solcher Gaskammern aufgekommen ist.
Am 25. November 1942 veröffentlichte die NEW YORK HERALD TRIBUNE nach vorangegan
genen Pressekonferenzen einen Bericht unter der Überschrift: »Wise sagt, Hitler
habe 1942 die Ermordung von 4.000.000 Juden befohlen.« So sensationell diese von
dem Präsidenten des AMERICAN JEWISH CONGRESS, Dr. Wise, im Umlauf gebrachte Mel
dung auch war, das State Department schenkte ihr wenig Glauben, und die amerikan
ische Regierung und selbst Präsident Roosevelt weigerten sich, irgendwelche Kons
equenzen aus ihr zu ziehen.
Die Sowjetunion aber, voll in der Haßcampagne gegen Deutschland begriffen, nahm
diese Nachricht begierig auf und versuchte, ihr einen amtlichen Anstrich zu gebe
n, indem das Volkskommissariat des Äußeren der UdSSR am 19. Dezember 1942 eine E
rklärung herausgab über die »Ausführung eines Planes der hitlerischen Behörden,
die jüdische Bevölkerung in den besetzten Gebieten Europas zu vernichten«.
Einige amerikanische Zeitungen sollen bereits 1942 von ȟber zwei Millionen verg
aster Juden« geschrieben haben, was allerdings nicht bestätigt werden kann. Auf
jeden Fall aber fand sich in der britischen Zeitung THE PEOPLE (Sunday, October
17 1943) unter Berufung auf eine Erklärung des INSTITUTE OF JEWISH AFFAIRS in de
n Vereinigten Staaten eine unscheinbare Notiz, der zufolge Hitler bis dahin mehr
als drei Millionen der europäischen Juden ermordet haben sollte.
Von Giftgas war hier noch nicht die Rede, nur von der Vernichtung durch »planned
starvation, pogroms, forced labour und deportations«. Die Anwendung von Giftgas
zu Tötungszwecken wurde in der Sowjetunion im Zusammenhang mit dem in Char'kov
im Dezember 1943 veranstalteten Schauprozeß, dem ersten >Kriegsverbrecherprozeß<
gegen Deutsche überhaupt, einem breiten Publikum zu Bewußtsein gebracht, nachde
m frühere Erwähnungen noch nicht recht durchgedrungen waren. In dem gegen die de
utschen Kriegsgefangenen Hauptmann Langheld, SS Untersturmführer Ritz und Untero
ffizier Rezlaw am 15. Dezember 1943 in Charkov eröffneten Prozeß vor dem Militär
tribunal der 4. Ukrainischen Front wurde der Einsatz sogenannter »Mordwagen durc
h die Deutschen zur Vernichtung sowjetischer Bürger« zur Sprache gebracht und in
die sowjetische Kriegspropaganda damit endgültig eingeführt.
Der als Prozeßberichterstatter anwesende sowjetische Schriftsteller und Propagan
dist Tolstoj, verbreitete in mehreren für die Auslandspropaganda bestimmten Komm
entaren zudem irreführend, >Mordwagen< seien auf »Befehl des Oberkommandos der d
eutschen Armee zur Massenvernichtung friedlicher Bewohner im deutsch besetzten T
erritorium« eingesetzt worden«. Der hier unternommene Versuch, die deutsche Wehr
macht mit derlei Dingen in Verbindung zu bringen, war freilich absurd und entspr
ach in keiner Weise den Tatsachen. Aber die schon in dem Kommuniqué der >Außeror
dentlichen Staatlichen Kommission< vom 7. August 1943 im Fall Stavropol' genannt
en >Mordwagen< waren in der Propaganda doch nun ein feststehender Begriff geword
en. ...
Das Vorhandensein sogenannter >Mordwagen< wurde in den zahlreichen Untersuchungs
berichten der >Außerordentlichen Staatlichen Kommission< fortan als bekannt vora
usgesetzt und immer wieder erwähnt, so zum Beispiel in einem Kommuniqué vom 23.
März 1944 unter der Überschrift >They murdered 2,000,000 People< in welchem in A
nlehnung anscheinend an das in den USA gegebene Stichwort verbreitet wurde, die
Deutschen hätten in den besetzten Gebieten der Sowjetunion zwei Millionen Mensch
en, neben Zivilpersonen vor allem Kriegsgefangene, »durch Gas in >Mordwagen< ode
r durch Torturen bis zum Tode umgebracht«.
Die Gasangelegenheit gewann neuen Auftrieb, nachdem sowjetische Truppen die Gren
zen des damaligen Generalgouvernements Polen überschritten und im August 1944 da
s Konzentrationslager Majdanek eingenommen hatten. Der sowjetische Propagandist
Simonov, behauptete bereits am 17. August 1944 in einem seiner Artikel, in dem V
ernichtungslager Lublin seien außer den Mordwagen des gewöhnlichen Typs zu Tötun
gszwecken, der von Ehrenburg so genannten >Gaswagen-Methode<, erstmals auch orts
feste, als Desinfektionskammern getarnte Gaskammern eingesetzt worden. Über die
in Majdanek angeblich vorgenornmene Vergasung von Menschen ließ Simonov sich in
einem Artikel unter der Überschrift »Nazi-Gaskammern« am 24. August 1944 ausführ
lich, jedoch ohne stichhaltige Beweise aus, wobei er einschränkend zugleich auch
feststellte oder jedenfalls nicht vorenthielt: »Nebenbei bemerkt, Cyclon (das T
ötungsgas) ist in Wirklichkeit ein Desinfektionsmittel.«
Der am 28. September 1944 veröffentlichte Bericht der >Außerordentlichen Staatli
chen Kommission< über das Konzentrationslager Majdanek, (THE MAIDANEK INFERNO),
setzte als Haupttötungsart, abgesehen von Torturen, Massenerschießungen an die e
rste Stelle, erwähnte neben den >Mordwagen< dann ebenfalls das Vorhandensein von
>Gaszellen<, die auf ihre Funktionstüchtigkeit hin von den Sowjets auch technis
ch untersucht worden seien. Die eigentliche Informationsquelle scheinen die Auss
agen von Zeugen des NKVD gewesen zu sein, und auf dieser Grundlage gelangte das
amtliche sowjetische Kommuniqué denn auch zu recht widerspruchsvollen Schlußfolg
erungen. Denn einmal, so läßt sich entnehmen, sei die Tötung der Menschen durch
Giftgas mehr die Ausnahme gewesen und vor allem in Fällen von Krankheit und körp
erlicher Erschöpfung - zudem in relativ begrenztem Umfang - zur Anwendung gelang
t. Andererseits setzte die >Außerordentliche Staatliche Kommission< aber voraus,
in den fast drei Jahren des Bestehens des Konzentrationslagers Majdanek seien H
underttausende von Personen durch Gas vergiftet worden. Dieser Widerspruch erfäh
rt keine Erklärung, doch gilt es, sich des Historikers Helmut Krausnick zu erinn
ern, der es schon 1956 für angebracht gehalten hatte zu erwähnen, daß Majdanek »
kein Lager sofortiger Vernichtung darstellte«. So hatte sich auch die kommunisti
sche Polnische Kommission zur Untersuchung der Kriegsverbrechen in Majdanek auf
eine Gesamtzahl von 200.000 Opfern festlegen wollen.
Größere Bedeutung noch als dem Konzentrationslager Majdanek wurde in der Sowjetp
ropaganda verständlicherweise dem Konzentrationslager Auschwitz zugemessen. Verg
leicht man nun die Berichterstattung über das Konzentrationslager Auschwitz mit
der über das Konzentrationslager Majdanek, so wird ebenfalls deutlich, daß Ersch
ießungen und Torturen als Tötungsart in der Sowjetpropaganda bis Kriegsende die
Hauptrolle, Vergasungen nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Schon in d
em Rapport, den das Mitglied des Kriegsrates der 1. Ukrainischen Front, der (pol
itische) Generalleutnant Krajnjukov, am 30. Januar 1945, drei Tage nach der Einn
ahme des Lagers, an den Sekretär des Zentralkomitees Malenkov in Moskau richtete
, heißt es denn beispielsweise nur: »In Auschwitz wurden, nach vorläufigen Aussa
gen der Häftlinge, Hunderttausende von Menschen zu Tode gequält, verbrannt, ersc
hossen.« Von einer Vergasung, die doch sensationell genug gewesen wäre, ist hier
nicht die Rede. Und selbst das schließliche Kommuniqué der >Außerordentlichen S
taatlichen Kommission< über Auschwitz weist in dieser Hinsicht eine bezeichnende
Textabweichung auf. Denn in der am 7. Mai in dem Parteiorgan PRAVDA veröffentli
chten russischen Fassung dieser sowjetamtlichen Mitteilung wurde von der Tötung
durch »Erschießen, Hunger, Vergiften und ungeheuere Mißhandlungen« gesprochen, i
n der am 24. Mai 1945 von der sowjetischen Botschaft in London herausgegebenen P
ropagandazeitschrift SOVIET WAR NEWS, in der englischen Fassung also, von »Ersch
ießungen und ungeheueren Torturen«. Von >Vergiften< wird hier nicht mehr gesproc
hen, obwohl der Fall Auschwitz von der Sowjetpropaganda doch weidlich ausgenutzt
und das Konzentrationslager Auschwitz zutreffend als weitaus schrecklicher denn
Majdanek hingestellt wurde. Zwar erwähnte der Bericht der >Außerordentlichen St
aatlichen Kommission< vom 7. Mai 1945 über Auschwitz in Analogie schon zu dem Be
richt über Majdanek die Existenz von Gaskammern (gazovye kamery, gas chambers) i
n räumlicher Nähe zu den Krematorien. So seien ab Sommer 1943 insgesamt vier Kre
matorien in Verbindung mit solchen Gaskammern in Auschwitz vorhanden gewesen. Do
ch standen diese Gaskammern erstaunlicherweise nicht im Mittelpunkt des sowjetis
chen Propagandainteresses. Ihre Existenz sei überhaupt als so wenig bekannt vora
usgesetzt worden, daß sie zur Täuschung selbst der ahnungslosen Opfer von den De
utschen noch als >Bäder für besondere Zwecke< (banjami osobogo naznacenija) ausg
egeben werden konnten.
Als Tötungsarten wurden in dem sowjetamtlichen Kommuniqué über Auschwitz in erst
er Linie also >Erschießungen und ungeheuere Torturen< angeführt. Vergasungen wur
den, wie in Majdanek, zwar erwähnt, und es wird sogar vorgerechnet, in den vier,
später fünf Krematorien hätten während der gesamten Dauer theoretisch angeblich
5.121.000 Leichenverbrennungen vorgenommen werden können. In der sowjetischen P
ropaganda rangierten Gasvergiftungen indessen hinter Vivisektionen, medizinische
n Experimenten an lebenden Menschen und ähnlichen Untaten. Auch haben sie, wie s
ich den kürzlich veröffentlichten Protokollen der Verhöre der >Auschwitz Ingeni
eure< Prüfer, Sander und Schultze durch Organe des NKVD im Jahre 1946 entnehmen
läßt, letztlich anscheinend doch nur relativ kleine Personengruppen in der Grö
ßenordnung jeweils von einigen Hundert getroffen. Von der Vernichtung von Jude
n ist in dem Kommuniqué vom 7. Mai 1945 übrigens nicht die Rede, sondern von der
von Bürgern aus der Sowjetunion und aus vielen anderen europäischen Staaten. Di
e Untersuchungsergebnisse der >Außerordentlichen Staatlichen Kommission< über Ma
jdanek und Auschwitz wurden dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg a
ls Anklagedokumente der Sowjetunion vorgelegt, aufgrund des Artikels 21 des Lond
oner Statutes ebenso wie die Untersuchungsergebnisse über Katyn als regierungsam
tliches Beweismaterial der Sowjetunion vorbehaltlos akzeptiert und von dem Anklä
ger, Oberjustizrat Smirnov, in der Sitzung vom 19. Februar 1946 vorgetragen. Der
Internationale Militärgerichtshof hat sich in der Vergasungsfrage dennoch eine
bemerkenswerte Zurückhaltung auferlegt und in der Urteilsbegründung vom 30. Sept
ember 1946 nur lapidar verkündet: »Von diesen (nämlich von den Gaskammern mit Öf
en zum Verbrennen von Leichen) wurden einige tatsächlich zur Ausrottung von Jude
n als Teil der >Endlösung< des jüdischen Problems verwendet.«
Der Internationale Militärgerichtshof in Nürnberg, dessen fragwürdige Kompetenz,
Zusammensetzung und Praktiken an dieser Stelle nicht zur Erörterung stehen, kon
nte sich hierbei auch auf die allgemein als glaubwürdig empfundenen Aussagen des
SS Richters, Sturmbannführer Dr. Morgen, und des Stellvertretenden Amtschefs de
s Hauptamtes SS Gericht und Chefrichters des Obersten SS und Polizeigerichtes,
Oberführer Dr. Reinecke, vom 7. und 8. August 1946 stützen. Die genannten SS Ric
hter und andere hatten 1943/1944 im Auftrage Himmlers langwierige Ermittlungen g
egen die Kommandanten und das Bewachungspersonal von sieben bis zehn Konzentrati
onslagern, aber nur wegen dort vorgekommener >Unregelmäßigkeiten<, durchgeführt,
in deren Verlauf sie durch Zufall den systematischen Vernichtungsaktionen auf d
ie Spur gekommen waren. Morgen war in Lublin 1943 mit der Existenz eines entspre
chenden »Geheimen Sonderauftrages des Führers von höchster Wichtigkeit« bekanntg
eworden und im Zusammenhang hiermit 1944 in Auschwitz mit dem Bestehen von Gaska
mmern (getarnt als >Groß Badeeinrichtungen<) in Verbindung mit Krematorien zur M
enschenvernichtung in dem von ihm so genannten >Vernichtungslager Monowitz<. Der
Umstand, daß nach dieser unter Eid gemachten Aussage selbst führende Kreise der
SS von den Vernichtungsaktionen offenbar keine Kenntnis gehabt hatten, war für
die Anklagebehörde übrigens einer der Gründe, um von einem Kreuzverhör dieses Ze
ugen der Verteidigung Abstand zu nehmen, sollte doch die Pauschalanklage gegen a
lle Angehörigen der SS um jeden Preis aufrechterhalten werden.
Das Auschwitzproblem in allen seinen Aspekten ist in unseren Tagen im Inland und
Ausland Gegenstand einer intensiven, im allgemeinen mit Kenntnis und Scharfsinn
geführten publizistischen Debatte geworden, auch wenn manche Kreise den geboten
en Rahmen in politischer Absicht eifernd überschreiten. Diese Auseinandersetzung
spielt sich weniger in der >offiziellen< Literatur als vielmehr in mehr abgeleg
enen Publikationen ab, und sie wird nicht wenig beeinträchtigt durch amtlich dek
retierte Denk- und Formulierungsverbote, über deren Einhaltung das politische De
nunziantentum argwöhnisch wacht. Die hierin liegende Behinderung der freien Erör
terung eines bedeutenden zeitgeschichtlichen Problems, so mißlich sie heute auch
manchmal sein mag, wird auf die Dauer freilich keinen Bestand haben. Denn erfah
rungsgemäß läßt sich die freie Geschichtsforschung durch strafrechtliche Maßnahm
en nur zeitweise behindern. Historische Wahrheiten pflegen im Verborgenen fortzu
wirken und sich endlich dennoch Bahn zu brechen. Im Hinblick auf das Auschwitzpr
oblem geht es im übrigen auch gar nicht um die >offenkundige< Tatsache einer gra
usamen Verfolgung und Vernichtung der Angehörigen des jüdischen Volkes, die sich
jeder weiteren Diskussion entzieht, sondern es geht einzig und allein um die Fr
age des angewandten Tötungsmechanismus und um die Frage, wieviele Menschen den V
erfolgungen zum Opfer gefallen sind. Und in dieser Hinsicht zeichnen sich allerd
ings wichtige Erkenntnisse ab, so daß manche Korrekturen gängiger Vorstellungen
unumgänglich werden dürfen.
Wenn selbst heute beispielsweise noch eine Gesamtzahl von sechs Millionen Todeso
pfern als Ausdruck unbestreitbarer historischer Fakten, eines feststehenden Axio
ms, hingestellt wird, dann erhebt sich die Frage, wann und wo diese Sechsmillion
enzahl denn überhaupt aufgekommen ist und worauf sie beruht. Gerichte in der Bun
desrepublik, die nicht etwa das >Leugnen<, was ein fehlgegriffener Ausdruck ist,
sondern ein bloßes Nichtglaubenkönnen, das Vorbringen von Zweifeln an der Berec
htigung dieser Zahl, als Straftatbestand werten und verfolgen, sind, zur Rede ge
stellt, nicht in der Lage, eine Antwort hierauf zu erteilen. Es fordert dies ein
ige Ausführungen heraus.
Nachdem die Truppen der sowjetischen 60. Armee das Gelände des Konzentrationslag
ers Auschwitz am 27. Januar 1945 besetzt hatten, dauerte es, sieht man von einig
en unbestimmt gehaltenen Meldungen ab, bis zum 1. März 1945, daß eine sowjetamtl
iche Erklärung vorlag, in der auf der Grundlage dubioser Untersuchungen nunmehr
behauptet wurde, in diesem Konzentrationslager seien »mindestens fünf Millionen
Menschen vernichtet worden«. Die am 30. Januar 1945 von Generalleutnant Krajnjuk
ov an Malenkov gemeldete Zahl hatte jetzt also eine gewaltige Erhöhung erfahren
und war so groß geworden, daß selbst die Sowjetpropaganda es für geboten hielt,
sie wieder ein wenig zu reduzieren. So ist in dem am 7. Mai 1945 in dem Parteior
gan PRAVDA veröffentlichten Kommuniqué der >Außerordentlichen Staatlichen Kommis
sion< nur mehr von »über vier Millionen Bürgern« die Rede, die in Auschwitz ihr
Leben verloren hätten. Diese Viermillionenzahl blieb im sowjetischen Machtbereic
h (Sowjetunion und Volksrepublik Polen) als feststehende Größe unangefochten bis
zum Jahre 1990, obwohl selbst der unter dem Eindruck des sowjetischen >Beweisma
terials< (Dokument USSR 008) stehende Internationale Militärgerichtshof in Nürnb
erg in seiner Urteilsbegründung vom August 1946 nur noch drei Millionen Opfer in
Auschwitz hatte anerkennen wollen. Unerfindlich blieb, wie sich diese Viermilli
onenzahl eigentlich berechnete und aus welchem Grunde sie in westlichen Ländern
von der Justiz in Westdeutschland sogar noch bis zum Jahre 1990 als zutreffe
nd hingestellt werden konnte.
Im April 1990 endlich hatte der Direktor des Staatlichen Museums in Auschwitz, D
r. Franciszek Piper, der überhaupt mehr zu wissen scheint, als er manchmal zu er
kennen gibt, die auf 19 Gedenksteinen in 19 Sprachen angebrachten Inschriften zu
r Erinnerung an die in Auschwitz ermordeten vier Millionen Juden heimlich entfer
nen lassen. Doch auch die von ihm nunmehr genannte Zahl von 1 - 1,2 Millionen so
llte nur kurzen Bestand haben und wurde bald auf 800.000 reduziert. 74.000 Todes
opfer, wohlgemerkt nur unter den >arbeitsfähigen Deportierten<, sind aus den Reg
istern der in sowjetischen Archiven freigegebenen >Sterbebücher< (Totenbücher) z
u bestätigen. Sie machen freilich nur einen Teil der Gesamtopferzahl aus, deren
wirkliche Höhe aber im Dunkeln bleibt. Die Differenz von 726.000 Toten wurde jün
gsten Meldungen zufolge nach Auswertung der »verfügbaren technischen Daten«, als
o, ähnlich wie in dem sowjetischen Kommuni¬qué vom 7. Mai 1945, nach der angenom
menen Kapazität der Krematorien in Auschwitz, etwas summarisch hinzugerechnet. D
aher konnten auch diese Zahlen letztlich nicht als erwiesen gelten. Heute gibt J
ean Claude Pressac eine Gesamtzahl von 631.000 711.000 Auschwitztoten an.
Der Internationale Militärgerichtshof in Nürnberg, der mit den Falsifikaten der
sowjetischen >Außerordentlichen Staatlichen Kommission< methodisch irregeführt w
orden war, stimmte allerdings hinsichtlich der Gesamtopferzahl des jüdischen Vol
kes mit der sowjetischen Kriegspropaganda überein. Denn obwohl selbst der britis
che Hauptankläger, Sir David Maxwell Fyfe, Zweifel an der Glaubwürdigkeit sowjet
ischer Zahlen durchblicken ließ, als er am 2 1. März 1946 hypothetisch von drei
Millionen jüdischer Todesopfer sprach, und obwohl kurz zuvor, am 3. Januar 1946,
der ehemalige SS Hauptsturmbannführer Wisliceny aus dem Judenreferat des Reichs
sicherheitshauptamtes in Nürnberg ausgesagt hatte, SS Obersturmbannführer Eichma
nn (Abteilungsleiter im Amt IV) habe ihm gegenüber im Februar 1945 vier bis fünf
Millionen genannt, bezifferte der Internationale Militärgerichtshof die Anzahl
jüdischer Todesopfer in seiner Urteilsbegründung mit sechs Millionen. Er stützte
sich hierbei auf eine andere Aussage aus dem Reichssicherheitshauptamt, nämlich
auf die eidesstattliche Erklärung (Affidavit) des ehemaligen SS Sturmbannführer
s Dr. Hoettl (Dokument PS 2738 vom 26. November 1945), dem der Judenreferent Eic
hmann anläßlich einer Unterredung in Budapest zu Ende August 1944, »nach dem Ein
schenken von Barack, dem ungarischen Marillengeist«, von insgesamt sechs Million
en getöteter Juden erzählt haben soll. Hoettl hatte, wie er angibt, »bereits vor
dem deutschen Zusammenbruch« (das heißt im Frühjahr 1945) »nähere Angaben darüb
er an eine amerikanische Stelle im neutralen Ausland (Allen Dulles in der Schwei
z)« gemacht, so daß es zumindest erklärbar ist, wenn diese Zahl schon im Septemb
er 1945 in dem US Lager Freising kursieren konnte, von den empörten Gefangenen a
ber nicht geglaubt wurde. Als der hier einsitzende Hoettl das im August 1944 von
Eichmann Gehörte jetzt noch einmal wiederholte, wurde seine Aussage vom CIC sof
ort zu Protokoll genommen. Die von Eichmann angegebenen Zahlen werden indessen »
nach den Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft« »eindeutig als zu hoch angese
hen«, und auch Dr. Hoettl selbst spricht heute von der Neigung des ihm seit 1938
bekannten Eichmann zu Übertreibungen.
Läßt sich also zusammenfassen, daß die Sechsmillionenzahl erst im Frühjahr 1945
zu amerikanischer Kenntnis gelangt ist, so operierte die sowjetische Kriegspropa
ganda mit ihr jedenfalls schon Monate früher. Wie anders ist es nämlich zu erklä
ren, daß der führende Sowjetpropagandist Ilja Ehrenburg bereits am 4. Januar 194
5 also fast einen Monat vor der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz m
it dort doch angeblich fünf Mil¬lionen Todesopfern in einem Aufsatz unter der
Überschrift »Noch einmal Erinnere Dich!« folgendes mit anscheinend größter S
elbstverständlichkeit verbreiten konnte: »Frage irgendeinen deutschen Gefangenen
, warum seine Landsleute sechs Millionen unschuldiger Menschen vernichteten, und
er wird ganz einfach antworten: >Warum, Sie sind Juden<.«
Bereits am 5. Oktober 1944 hatte Ehrenburg seine Thesen in einem Aufsatz eingefü
hrt: »Sie (die Deutschen)«, so schrieb er, »machten auch keinen Versuch, ihre Ta
ten in Polen zu tarnen, wo sie >Vernichtungslager< in Maidanek, Sabibur, Bolzyce
und Treblinka errichteten und Millionen ich wiederhole Millionen wehrloser
Menschen abschlachteten.« Indem er den heute gängigen entsprechenden Propagandab
egriff aufbrachte, fügte er bezeichnenderweise hinzu: »Wenn die Deutschen Millio
nen von Juden töteten, so ist die Tatsache, daß diese Juden waren, nur für >Rass
isten< von Wichtigkeit. Für menschliche Wesen ist es von Wichtigkeit, daß die Op
fer menschliche Wesen waren.« Die verleumderische Schlußfolgerung lautete dann:
»Hunderttausende (von Deutschen) sind schuldig an Verbrechen und Millionen der K
omplizenschaft.« Wie ist es zudem zu erklären, daß Ehrenburg am 15. März 1945
sechs Wochen nach der Befreiung von Auschwitz, da sich die Gesamtopferzahl der S
owjetpresse vom 1. März 1945 zufolge doch um fünf Millionen auf nunmehr insgesam
t 11 Millionen erhöht haben mußte in einem Aufsatz unter dem Titel »Wölfe ware
n sie Wölfe bleiben sie« unbeirrt abermals verbreiten konnte: »Die Welt weiß jet
zt, daß Deutschland sechs Millionen Juden getötet hat«, eine Behauptung, von d
er die Welt damals eben überhaupt nichts wußte. Die stereotype Wiederholung eine
r bereits am 4. Januar 1945 erstmals aufgekommenen und behaupteten Gesamtzahl vo
n sechs Millionen Ermordeter und dieses in dem für englischsprechende Leser be
stimmten Propagandaorgan SOVIET WAR NEWS läßt eine wichtige Schlußfolgerung zu
, die Schlußfolgerung nämlich, daß es sich bei den sechs Millionen, ebenso wie a
m 7. Mai 1945 bei den Auschwitzer vier Millionen, um eine Zahl der Sowjetpropaga
nda gehandelt hat, dazu bestimmt, die Öffentlichkeit und vor allem das Denken in
den angelsächsischen Ländern zu beeinflussen.
Wir wissen heute, daß die Meldungen über Greueltaten der Nationalsozialisten in
der westlichen Welt wohl Eingang gefunden haben, dort aber nicht ohne weiteres g
eglaubt wurden. In Großbritannien war der Begriff >Auschwitz< wie Gilbert nachwe
ist, bis zum Juni 1944 unbekannt. Als zu dieser Zeit zwei entkommene Flüchtlinge
, Vrba und Wetzler, von Vergasungen berichteten, wurde ihnen nicht geglaubt, und
die Alliierten lehnten hieran geknüpfte jüdische Forderungen ab. Sie vertraten
die Auffassung, die jüdischen Organisationen seien »einem bewußten Täuschungsman
över der Nazis auf den Leim gegangen«. Und noch im November 1945 notierte der Vo
rsitzende des jüdischen Weltkongresses, Chaim Weizmann, in seinen Memoiren entmu
tigt: »Die englische Regierung wollte sich die Auffassung nicht zu eigen machen,
daß sechs Millionen Juden in Europa getötet worden sind.«
Für die sowjetische Propaganda, der es darum zu tun war, von den eigenen Untaten
abzulenken, ergab sich in dieser Hinsicht ein reiches Betätigungsfeld. Ehrenbur
g, wie erwähnt, war frühzeitig mit der Aufgabe betraut worden, die Öffentlichkei
t in den USA und in Großbritannien den sowjetischen Einflüsterungen geneigt zu m
achen. Als prominenter sowjetischer Jude erschien er auch besonders prädestinier
t, um als Bindeglied der Sowjetunion zu den so einflußreichen Juden in den USA z
u fungieren. In seinen Erinnerungen berichtet er, er habe im Sommer 1943 den Auf
trag erhalten, »an die amerikanischen Juden ein Schreiben über die Bestialitäten
der deutschen Faschisten« zu richten, um die »dringende Notwendigkeit« einer ba
ldigen Zerschlagung Deutschlands, das heißt darum ging es konkret einer bald
igen Eröffnung der zweiten Front zu unterstreichen.
In eben diesen Lebenserinnerungen versuchte Ehrenburg seine Haßorgien gegen die
Deutschen mit folgendem Argument zu begründen: »Ich bekam Seife in die Hände, di
e aus den Leichen jüdischer Füsilierter hergestellt worden war. >Rein jüdische S
eife< war darauf gestempelt.« Und dann ganz beiläufig: »Doch wozu daran erinnern
. Tausende von Büchern sind darüber geschrieben worden.« Nicht Tausende von Büch
ern sind darüber geschrieben worden, sondern der sowjetische Ankläger, Oberjusti
zrat Smirnov, hatte vor dem Internationalen Militärgerichtshof am 19. Februar 19
46 des langen und breiten und auf der Basis fabrizierten Materials (USSR 196, US
SR 197, USSR 393) die Anklage vorgetragen, die Deutschen hätten aus den Leichen
ermordeter Juden fabrikmäßig Seife hergestellt. Diese bis in unsere Tage hinein
kolportierte und geglaubte sowjetische Propagandabehauptung entbehrt jedoch jede
r Grundlage, und selbst das israelitische Dokumentationszentrum Jad Vashem in Je
rusalem sah sich im Jahre 1990 zu einem Dementi veranlaßt, indem es erklärte: »E
s gibt kein Dokument, das beweist, daß die Nazis aus menschlichem Fett Seife gem
acht hätten.« Der Fall beweist nur, wie langlebig Legenden sein können und mit w
elcher Vorsicht Beschuldigungen aufzunehmen sind, die ihren Ursprung in den trüb
en Quellen sowjetischer Propaganda und zumal in den Schreibereien von Ilja Ehren
burg finden.
Die auf die Dauer unumgängliche Anpassung politisch historischer Darstellungen a
n wirklich beweisbare Tatsachen, ein Prozeß, der anscheinend erst in Gang kommt,
darf natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, daß ungeheuerliche Greueltaten an
der jüdischen Bevölkerung begangen worden sind, und zwar einmal, wie gesagt, dur
ch die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD in den besetzten sowjeti
schen Gebieten und zum anderen durch die damit beauftragten Gruppen des Lagerper
sonals der SS in den Konzentrationslagern des damaligen Generalgouvernements. De
r sowjetische Ankläger in Nürnberg, Oberjustizrat Smirnov, der mit seinen Kolleg
en bestrebt war, die Behauptungen der sowjetischen Kriegspropaganda in das Verfa
hren vor dem Internationalen Militärgerichtshof einzuführen, erlaubte sich am 19
. Februar 1946 pauschale Beschuldigungen gegen das gesamte deutsche Volk zu erhe
ben, als er von »Hunderttausenden und Millionen Verbrechern« unter den Deutschen
sprach. In Wahrheit jedoch hatte sich der Genocide an den Juden hinter einem Vo
rhang strikter Geheimhaltung vollzogen. Wenn selbst die britische Regierung den
ohnehin erst 1944 einlangenden entsprechenden Berichten keinen Glauben schenkte,
und wenn die sonst nicht gerade zimperliche westalliierte Kriegspropaganda kein
Wort hierüber verlor, ja wenn selbst führende Kreise der SS nicht eingeweiht ge
wesen waren, dann sollte man der oft vorgebrachten Unwissenheit von Vertretern a
nderer Bereiche des zerklüfteten Machtapparates des hitlerischen Deutschland ein
igen Glauben schenken. Himmler soll den Kreis der für die >Endlösung< unmittelba
r Verantwortlichen im April 1943 als auf 200 SS Führer beschränkt bezeichnet hab
en. Und Dr. Hoettl sprach in seinen Affidavit davon, Eichmann habe ihm gesagt, d
ie ganze Aktion sei ein >Großes Reichsgeheimnis<.
Der amerikanische Völkerrechtler, Professor Dr. Dr. de Zayas, und einige amerika
nische und britische Autoren machen heute denn auch keinen Hehl aus ihrer Auffas
sung, daß die »Personenzahl, die während des Krieges vom Holocaust wußte, äußers
t begrenzt« gewesen war. De Zayas schreibt: »Immer mehr Historiker gelangen zu d
er Einsicht, daß die Kenntnis des Holocaust während des Krieges viel begrenzter
war, als man bisher glaubte«. Und besonders galt dies für die Masse des deutsche
n Volkes. Eine Verheimlichung des Genocide aber war schon deshalb zwingend erfor
derlich gewesen, weil, wie etwa der in Nürnberg in allen Anklagepunkten freigesp
rochene Ministerialdirektor Dr. Fritzsche aussagte, das deutsche Volk Hitler die
Gefolgschaft verweigert haben würde, wenn es von dem Mord an den Juden gewußt h
ätte, zumindest aber in seinem Vertrauen zu Hitler zutiefst erschüttert worden w
äre. Nach Fritzsche soll der die Lage doch immer nüchtern einschätzende Reichspr
opagandaminister sich »äußerst erbittert« über die Parteinahme vieler Deutscher
für die Juden geäußert haben, eine Aussage, die aus den Tagebüchern des Dr. Goeb
bels anläßlich der Deportation der Berliner Juden auch bestätigt wird. Daß die D
eutschen schon mit einer bloßen Verfolgung der Juden nicht einverstanden gewesen
sein können, geht auch aus der von dem amerikanischen Ankläger Dodd am 13. Deze
mber 1945 zitierten Rede Himmlers in Posen hervor, in der dieser in seiner laste
rhaften Diktion folgendes zugegeben hatte: »Und dann kommen sie alle an, die bra
ven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist ja kl
ar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude.«
Wenn die Deutschen von den grausigen Vorgängen hinter ihrem Rücken, die sie niem
als gebilligt haben würden, nicht einmal Kenntnis gehabt hatten, dann können sie
für sie auch nicht verantwortlich gemacht werden. Daß in der Hauptsache Staatsa
ngehörige des Großdeutschen Reiches in diese Untaten verstrickt waren, ist hier
kein Gegenbeweis, weil ja mit derselben Logik sonst auch das russische Volk für
die von der Sowjetmacht verübten Massenmorde an Millionen und Abermillionen die
Verantwortung tragen müßte oder das georgische Volk, weil, abgesehen von dem Geo
rgier Dzugasvili (Stalin), die Georgier Berija, Dekanozov, Canava, Goglidze, Ruc
hadze, Karanadze und andere als führende Funktionäre den Apparat des NKVD prägte
n oder, um den Faden fortzuspinnen, selbst das jüdische Volk, weil, wie dies auc
h die aus der Sowjetunion stammende jüdische Autorin Sonja Margolina in ihrem jü
ngst erschienenen Band »DAS ENDE DER LÜGEN« hervorhebt, Juden im Bolschewismus z
um ersten Male in der Geschichte nicht nur als Opfer, sondern auch als Täter in
Erscheinung getreten sind. Daß es sich bei Trockij, Kamenev, Sinovev, Joffe, Kre
stinskj, Radek und unzähligen anderen der führenden bolschewistisehen Funktionär
e um Juden gehandelt hat, ist allgemein bekannt. Das im Smol'nyj tagende Zentral
komitee war 1918 im Volksmund geradezu »Judenzentrale« genannt worden, und die b
olschewistische Herrschaft in den zwanziger Jahren trug nach Sonja Margolina »ta
tsächlich gewisse >jüdische< Züge«.
Weniger bekannt ist der verhältnismäßig hohe Anteil von Juden an den Organen des
bolschewistischen Terrors (Ceka, GPU, NKVD). Schon für die Massakrierung der Za
renfamilie und deren Gefolge waren, abgesehen von Lenin, der mit Trockij Bronste
jn den Befehl erteilt hatte, noch andere Juden verantwortlich, so Sinov'ev, der
die Erschießung befürwortete und das Telegramm mit dem Ersuchen um Bestätigung a
n Lenin weiterleitete, Sverdlov, Vorsitzender des Zentralen Exekutivkomitees in
Ekaterinburg, der den Mordbefehl Lenins aufsetzte, Beloborodov, Vorsitzender des
»Uralischen Gebietssowjet der Arbeiter , Bauern und Soldatendeputierten«, der
das Mordprotokoll (»rasstreleni bili«) unterzeichnete, und vor allem der Anführe
r des Mordkommandos Jurovskij, der den Kaiser Nikolaj II., die Kaiserin Aleksand
ra Feodorovna und den Thronfolger Aleksej am 17. Juli 1918 im Ipatev Haus eigenh
ändig ermordet haben will. Nach dem von Jurovskij am 18. Juli 1918 in Ekaterinbu
rg unterzeichneten Namensverzeichnis des >Kommandos zur besonderen Verwendung< d
er >Außerordentlichen Kommission< waren mindestens zwei weitere Angehörige des z
ehnköpfigen Kommandos ebenfalls Juden, nämlich Izidor Edel'stejn und Viktor Grin
fel'd, die übrigen waren entweder Russen oder deutsch österreichische Kriegsgefa
ngene: A. Figer, E. Feketi, Nikulin, P. Medvedev, S. Vaganov, V. Vergaeg, L. Gor
vat. Unter den in diesem Spisok aufgeführten Mördern befindet sich auch der Unga
r Imre Nagy (Imre Nad), der spätere Ministerpräsident während der ungarischen Re
volution von 1956, der auch in der Zwischenzeit noch eng mit der Geheimpolizei G
PU/NKVD zusammengearbeitet hatte, bis ihn dann schließlich selbst das Schicksal
ereilte.
Obwohl Stalin den Einfluß der Juden allmählich eindämmte und viele von ihnen als
>Trockisten< harter Verfolgung aussetzte, waren sie zur Zeit des Zweiten Weltkr
ieges doch überall noch in führenden Stellungen zu finden. Einer der engsten Mit
arbeiter Stalins bis zum Ende seiner Tage war Lazar Moisseevic Kaganovic, Hauptv
erantwortlicher neben anderen für »einen beispiellosen Völkermord der sorgfält
ig geplanten Ermordung von sieben bis neun Millionen ukrainischer Bauern während
der Hungersnot 1932 1933«.
Kaganovic war »verantwortlich für den Tod einer ganzen Generation von Intellektu
ellen« und eigenhändiger Unterzeichner von Exekutionsbefehlen für 36.000 Mensche
n. Er hatte »seine Hand bei der Ermordung von Millionen dabei« und, so Medvedev,
mehr Verbrechen auf dem Gewissen »als die, die in Nürnberg 1946 gehängt wurden«
. Außer Stalin, Vorosilov, Molotov, Mikojan, Kalinin hatte auch Lazar Kaganovic
den Befehl zur Erschießung der 15.000 polnischen Offiziere unterschrieben, ein V
erbrechen, das schon für sich genommen nach Nürnberger Maßstäben für die Verhäng
ung eines Todesurteils ausgereicht haben würde.
Der Chef der Politischen Hauptverwaltung, Armeekommissar 1. Ranges Lev Sacharovi
c Mechlis, war der Organisator des Terrors in der Roten Armee.
Generaloberst Abakumov, der sich mit einer ganzen Gruppe jüdischer Mitarbeiter u
mgeben hatte, ein enger Vertrauter Berijas, der seinerseits von dem General des
NKVD Sudoplatov, als »Jude von Geburt« bezeichnet wurde, war einer der Hauptvera
ntwortlichen für die ungeheuren Verbrechen im Bereich des NKVD/MVD.
Der NKVD General Rajchmann, in den dreißiger Jahren Chef der von Ezov ob ihrer b
esonderen Brutalität gerühmten Gebietsverwaltung des NKVD in Char'kov, hatte 194
0 maßgeblichen Anteil an der Erschießung der kriegsgefangenen polnischen Offizie
re im Fall >Katyn<.
Armeegeneral Cernjachovskij war als Oberbefehlshaber der 3. Weißrussischen Front
verantwortlich für Greueltaten an der Zivilbevölkerung und an Kriegsgefangenen
in Ostpreußen. Die Reihe heße sich weiter fortsetzen.
Wenn, auch nach Margolina, die aktive Mitwirkung vieler Juden in den sowjetische
n Terrororganen geradezu ein eigenes Kapitel darstellt, so lassen sich andererse
its hieraus doch niemals Rückschlüsse auf eine Verantwortung des jüdischen Volke
s als solches für die begangenen Verbrechen des Bolschewismus ziehen.
Nicht die Völker - Deutsche, Russen, Georgier, Letten oder auch Juden und andere
- sind für die begangenen Greueltaten verantwortlich, sondern immer nur Einzelp
ersonen. Und was speziell das deutsche Volk angeht, so wird niemand behaupten kö
nnen, daß es zu seinen Traditionen gehörte, eine friedliche Bevölkerung zu verfo
lgen und umzubringen. Wenn hier von Traditionen die Rede ist, dann sind es solch
e politischer Natur, wie sie in neuerer Zeit von dem Jakobinertum der Französisc
hen Revolution begründet worden sind. Es sind die Traditionen des Convents, der
in seinem Wahn 1793/1794 die >totale Vernichtung< der Vendeé gefordert und durch
geführt hatte, die Ausrottung der Bevölkerung durch die Guillotine, durch >Masse
nertränkungen<, >senkrechte Deportationen<, >republikanische Hochzeiten<, und äh
nliche Errungenschaften der >glorreichen Revolution<.
Nicht Franzosen als solche haben damals 250.000 Menschen massakriert, sondern >r
epublikanische Citoyens<, nicht die Deutschen, sondern Nationalsozialisten, Gefo
lgsleute Hitlers und Himmlers, haben in unserer Zeit entsprechende Untaten began
gen und ebensowenig Russen, Georgier, Letten oder Juden, sondern Kommunisten, di
e Gefolgsleute eines Lenin und Stalin, die Einpeitscher des sowjetischen Soziali
smus.
Es kommt hinzu, daß die Täter auf deutscher Seite im Gegensatz zu denen auf sowj
etischer Seite, so weit man ihrer habhaft werden konnte, streng zur Verantwortun
g gezogen worden sind. Denn selbst Präsident Gorbacev erlaubte es wohl, manche V
erbrechen beim Namen zu nennen, keinesfalls aber die Verbrecher, geschweige denn
, auch nur einen von ihnen vor Gericht zu stellen.
Zbigniev Brzezinski, der frühere Sicherheitsberater des Präsidenten der Vereinig
ten Staaten, wollte, wie er noch unlängst schrieb, mit wachsendem Ärger folgende
s festgehalten wissen: »Hitlers Verbrechen werden immer noch gerecht bestraft. A
ber in der Sowjetunion gibt es buchstäblich Tausende von ehemaligen Killern und
ehemaligen Folterern, die von offiziellen Pensionen leben und den verschiedenen
revolutionären Festlichkeiten, geschmückt mit ihren Medaillen, beiwohnen.« Teilw
eise sei es so, daß sie sich ihrer Untaten auch noch rühmten. Die Geheime Staats
polizei und die SS seien in Nürnberg zu verbrecherischen Organisationen erklärt
worden, so betonte Brzezinski, und er fügte hinzu, es sei an der Zeit, auch das
NKVD/KGB und vielleicht die Kommunistische Partei der Sowjetunion ebenfalls zu v
erbrecherischen Organisationen zu erklären.

8. Sowjetische Untaten werden den Deutschen zugeschrieben

Wiederholt man vor diesem allgemeinen Hintergrund noch einmal die Frage, in welc
her Weise Untaten auf deutscher Seite von der sowjetischen Kriegspropaganda für
ihre Zwecke ausgenutzt worden sind, so gilt es sich zu erinnern, daß alle Gegner
der Sowjetunion grundsätzlich immer auch der Begehung von Greueltaten bezichtig
t werden. Es war dies in dem unprovozierten sowjetischen Angriffskrieg gegen Pol
en, gegen die >Weißpolen<, im September 1939 ebenso der Fall gewesen wie in dem
unprovozierten sowjetischen Angriffskrieg gegen Finnland, gegen die >weißfinnisc
hen Banden<, die >finnischen Halsabschneider<, die >weißfinnischen Auswürfe der
Menschheit<, im November 1939. Den Rotarmisten war, wie erwähnt, eingetrichtert
worden, eine Kriegsgefangenschaft im Gewahrsam dieser Staaten sei gleichbedeuten
d mit einem »furchtbaren Foltertod« durch einen entmenschten Gegner. Zwischen de
n Deutschen und deren Verbündeten wurde auch 1941 propagandistisch ein Unterschi
ed nicht gemacht. Die offizielle Propagandaparole »Tod den deutschen Okkupanten!
« fand ihre Ergänzung in der Propagandaparole »Tod den finnischen Okkupanten!«.
In dem als Antwort auf den Fall >Katyn< am 19. April 1943 vom Präsidium des Ober
sten Sowjet der UdSSR herausgegebenen Erlaß »Betreffend Maßnahmen zur Bestrafung
deutsch faschistischer Verbrecher« wurden die italienischen, rumänischen, ungar
ischen, slowakischen und finnischen »faschistischen Gewaltverbrecher« ganz natür
lich miteinbezogen.
So war es denn auch folgerichtig, wenn ein Kommuniqué der >Außerordentlichten St
aatlichen Kommission< vom 24. August 1944 unter der Überschrift die »finnisch-fa
schistischen Eindringlinge« der Begehung schwerster Verbrechen auf dem »Territor
ium der Karelofinnischen Sozialistischen Sowjetrepublik« bezichtigte. Die »Regie
rung von Finnland« hätten die gesamte >sowjetische< Bevölkerung der besetzten so
wjetischen Gebiete, »Männer, Frauen, alte Leute und Kinder«, in Konzentrationsla
ger überführt, wo den »ungeheuerlichen Torturen der finnischen Henker« 40 Prozen
t der Insassen, allein in Petrozavodsk 7000 Menschen, zum Opfer gefallen und in
Massengräbern verscharrt worden seien. Ebenso wie im Winterkrieg seien die sowje
tischen Kriegsgefangenen auch im Fortsetzungskrieg von den »finnischen Weißgarde
Banditen« massakriert worden. Das politische Ziel Finnlands hätte eben in einer
»vorsätzlichen Vernichtung der sowjetischen Bevölkerung« gelegen. ...
Ähnliche Beschuldigungen wie gegen Finnland hatte die >Außerordentliche Staatlic
he Kommission< am 22. Juni 1944 gegen Rumänien geschleudert, dessen Regierung es
unternommen habe, die Bevölkerung der Gebiete zwischen Bug und Dnjestr (>Transd
nistria<) - Russen, Ukrainer und Moldauer - zu vernichten und das Land auszuplün
dern. Am 19. Oktober 1941 seien in Odessa allein 25 000 Zivilpersonen von den »r
umänischen Henkern« in Pulvermagazinen lebendigen Leibes verbrannt, insgesamt in
Odessa und den Konzentrationslagern der Region 200.000 Menschen »erschossen, zu
Tode gefoltert oder verbrannt« worden. Wortführer der Verleumdungen war auch in
dieser Hinsicht Ehrenburg, ... der im Hinblick auf das Schicksal der rumänische
n Juden am 11. Oktober 1945 in einem Artikel »Begegnung mit Rumänien. Wiedergebu
rt eines Volkes« behauptete, die rumänischen >Faschisten< hätten von 800.000 Jud
en in Rumänien 500.000 abgeschlachtet.
Für Ehrenburg war natürlich auch die Königlich Italienische Armee in Rußland nic
hts anderes als eine »Bande von Räubern und Mördern«. ... Und selbst die neutra
le Schweiz, dieses nach Ehrenburg »winzige Fossil« im Herzen Europas, bekam nach
Kriegsende das Entsprechende zu hören. Die amtliche Nachrichtenagentur TASS ver
breitete am 21. Juni 1945, 9000 in der Schweiz internierte Sowjetbürger (die aus
Deutschland dort Zuflucht gesucht hatten) würden von den Schweizer Behörden »un
erträglichen Bedingungen« unterworfen und mit Schußwaffengebrauch bis hin zum Mo
rd »in derselben brutalen Weise behandelt wie bei den Hitleristen«.
Als eine »der schrecklichsten Untaten der deutsch-faschistischen Eroberer«, wurd
e in der Sowjetunion die im September 1941 beginnende Blockade der Stadt und Fes
tung Leningrad hingestellt. Leningrad, »das majestätische Sankt Petersburg«, »di
e schönste Stadt der Welt«, »in der jeder Stein geheiligt ist«, wurde, wie Ehren
burg am 8. Oktober 1941 schrieb, von Berlin, der Stadt »der Pöbelhaftigkeit, der
Kasernen und Bierhäuser«, der >häßlichsten< von allen, bedrängt. Auch sowjetisc
he Truppen haben die Methode der Belagerung ohne jedes Bedenken angewendet und v
ersucht, die von ihnen eingeschlossenen gegnerischen Städte, wie 1945 etwa König
sberg, Breslau und Berlin, mit allen zur Verfügung stehenden Feuermitteln nieder
zukämpfen. Der einstige Verteidiger von Leningrad, Marschall der Sowjetunion Zuk
ov, rechnete es sich 1945 denn auch zur Ehre an, zwischen dem 21. April und 2. M
ai nicht weniger als 1.800.000 schwere Artilleriegranaten auf das verteidigte Be
rlin abgefeuert zu haben.
Die Menschenverluste in dem blockierten Leningrad waren in der Tat überaus hoch,
und niemand, der die schrecklichen Einzelheiten kennt, wird sich des Mitgefühls
für die Opfer dieser Belagerung verschließen können. Allein es war Krieg, die B
elagerung eine völkerrechtlich zulässige Kriegsmaßnahme und, wie Jurij Ivanov, M
itherausgeber des KENIGSBERGSKIJ KUR'ER (Königsberger Kurier), 1992 schreibt: »A
ls ich in Leningrad hungerte und mich von Rattenfleisch ernährte, wurden dem fet
ten Funktionär Zdanov Tag für Tag seine Schnitzel per Flugzeug in die Stadt gebr
acht.« Auch im Hinblick auf die Opfer dieser Belagerungen gibt es einen bemerken
swerten Unterschied. Denn über die Opfer von Leningrad wurden Bücher geschrieben
, auf dem Leningrader Friedhof finden feierliche Kranzniederlegungen und Gedenkf
eiern statt - die Opfer von Königsberg, meist alte Leute, Frauen und Kinder, sin
d verscharrt und vergessen. Dabei sind 90.000 der 120.000 Zivilpersonen, die den
Sowjets im April 1945 in die Hände fielen, verhungert oder an Seuchen gestorben
, nicht während der Belagerung, sondern nach dem Ende der Kampfhandlungen und de
s Krieges überhaupt, unter sowjetischer Verwaltung, wofür es keine wie auch imme
r geartete völkerrechtliche Begründung gibt.
Die sowjetische Propaganda, die schon die Belagerung und Beschießung der Stadt L
eningrad als kriminelle Handlung ausgibt, unterschlägt im übrigen vollständig, d
aß die Sowjetunion auch sonst niemals die geringste Rücksichtnahme auf eine zivi
le Bevölkerung gekannt hat, wenn es ihren politischen oder militärischen Zwecken
nur dienlich war. So hatte der Überfall auf das kleine Finnland 1939 damit bego
nnen, daß die sowjetischen Kampfverbände am 30. November die Wohnviertel der Stä
dte Helsinki, Hangö, Kotka, Lahti und Wiborg überraschend mit Bomben angriffen,
um die unvorbereitete Zivilbevölkerung sofort in ihrem moralischen Kern zu treff
en und jeden Widerstandswillen zu lähmen. . . .
Die sowjetische Kriegspropaganda, die die Deutschen und deren Verbündete von Kri
egsbeginn an der Begehung unerhörter Greueltaten bezichtigte, geriet anfangs doc
h in eine gewisse Verlegenheit, als es darauf ankam, nun wirklich zugkräftige Be
ispiele aufzuzeigen. Zwar scheint das Wüten der Einsatzgruppen der Sicherheitspo
lizei und des SD gegen die jüdische Bevölkerung, wenngleich nicht in seiner Syst
ematik, sondern mehr in seinen Umrissen, bekannt geworden zu sein. Und Ehrenburg
selbst zitierte schon am 18. Dezember 1941 einen erbeuteten deutschen Heeresbef
ehl, der insofern aufschlußreich ist, als es den Soldaten in ihm untersagt wurde
, den als >unumgänglich< apostrophierten Maßnahmen der Einsatzgruppen auch nur a
ls Zeugen beizuwohnen. Widerwillig und vielleicht unbeabsichtigt sah selbst Ehre
nburg sich also gezwungen einzuräumen, daß das Niedermähen »Tausender von Bürger
n« mit Maschinengewehren nicht von der Wehrmacht, sondern von den Einsatzgruppen
ausging und zu verantworten war. »Es ist ein Sieg der Gestapo über die deutsche
n Generale«, so urteilte er, »Himmler erhielt das Monopol der Galgen, und die Ge
stapomänner erhielten das Privileg, Dörfer zu verbrennen, Frauen mit Maschinenge
wehren zu erschießen und russische Kinder zu ermorden.« Insgesamt blieben die Be
zichtigungen jedoch vage, und selbst Ehrenburg wußte in den Anfangsjahren wirkli
ch stichhaltige Vorfälle nicht anzuführen. Die Sowjetunion sah sich, was die Gre
ueltaten angeht, in der ersten Kriegshälfte propagandistisch tatsächlich in die
Defensive gedrängt. . . .
In Ausführung eines Befehls von Stalin, politische Gefangene nicht in die Hände
der Deutschen fallen zu lassen, waren in den Tagen vor dem 30. Juni 1941 in den
Lemberger Gefängnissen, so im Brigidki Gefängnis, im Zamarstynow Gefängnis und i
m Gefängnis des NKVD, rund 4000 ukrainische und polnische politische Gefangene u
nd sonstige Zivilpersonen jeden Alters und Geschlechtes sowie eine Reihe deutsch
er Kriegsgefangener, teilweise nach schweren Folterungen, von Organen des NKVD p
lanmäßig erschossen und zum Teil bestialisch ermordet worden. Diese Vorfälle wur
den von der Einsatzgruppe des SD zum Anlaß genommen, um nun ihrerseits, als soge
nannte >Vergeltung für die unmenschlichen Greueltaten<, bis zum 17. Juli 7000 an
den Geschehnissen unbeteiligte Einwohner jüdischer Herkunft in Lemberg und Umge
bung zu erschießen. Dennoch - es waren die Sowjets gewesen, die in Lemberg 4000,
zum Teil massakrierte Leichen ermordeter Zivilpersonen zurückgelassen hatten, e
in Umstand, der von der deutschen Propaganda sofort aufgegriffen wurde.
Deutsche Pressemeldungen über die sowjetischen Greuel in Lemberg fanden eine Bes
tätigung in polnischen Berichten, die auf inoffiziellen Wegen nach Großbritannie
n gelangten. Das Foreign Office, wie später im Falle Katyn von der sowjetischen
Täterschaft sofort überzeugt, richtete an das Moskauer Außenkommissariat eine No
te mit dem Ersuchen um Aufklärung, woraufhin Molotov am 12. Juli 1941 eilends ei
n kategorisches Dementi herausgab. Umgehend wurde die Sowjetpropaganda aufgebote
n, um den demaskierenden Vorfall zu vertuschen und nunmehr die Deutschen für das
Massaker verantwortlich zu machen. Lemberg war geradezu der Präzedenzfall für d
ie sowjetische Propagandataktik, die eigenen Untaten vergessen zu machen, indem
man sie grundsätzlich der deutschen Seite zuschrieb.
Die Sowjetbehörden gingen dazu über, sogenannte >Zeugen< zu präparieren, ein erp
robtes Verfahren, war nach den Erfahrungen der »Großen Säuberung« der dreißiger
Jahre das NKVD doch in der Lage, von jedem beliebigen Zeugen jede beliebige Auss
age über jedes beliebige Verbrechen zu erlangen. Auf der Grundlage solcher Falsi
fikate verbreitete die sowjetische Nachrichtenagentur TASS am 8. August 1941 die
von der amerikanischen Agentur ASSOCIATED PRESS sofort aufgenommene Meldung, de
utsche >Sturmtruppen< hätten in Lemberg 40.000 Menschen getötet. Solche Zeugenau
ssagen wurden als >unwiderlegbar< hingestellt und als Beweis dafür, daß »die pha
ntastischen Erfindungen der Hitler Propaganda über sogenannte bolschewistische V
erbrechen in Lemberg nur ein plumper Versuch sind, die beispiellosen Grausamkeit
en zu verschleiern, die von den deutschen Banditen selber gegen die Lemberger Be
völkerung begangen wurden«.
Als sich die Sowjetregierung 1943, nach der Entdeckung der Massengräber von Katy
n, in die Enge gedrängt sah, kam sie auf die Lemberger Beschuldigungen zurück. A
m 29. April 1943 behauptete das Parteiorgan PRAVDA in einem Beitrag unter der ab
surden Überschrift »Hitlers polnische Kollaborateure«, die >deutschen Banditen<,
die >hitlerischen Lügner<, »operieren jetzt in genau derselben Weise, wie sie i
n Lemberg 1941 im Hinblick auf sogenannte Opfer des bolschewistischen Terrors in
Lemberg zu operieren versuchten«. Wie im Fall Lemberg hätten sie versucht, die
in Katyn von ihnen begangenen Untaten »vor die Tür sowjetischer Organisationen z
u legen« und das >sowjetische Volk< zu verleumden. ...
Im Nürnberger Prozess kamen als Täter demnach allein die Deutschen in Frage, von
dem zuvor erfolgten sowjetischen Massenmord war keine Rede. 7000 Menschen sind
den Aktionen der Einsatzgruppe C in Lemberg zum Opfer gefallen. Diese Zahl wurde
jetzt auf 700.000, das Hundertfache, erhöht, und zur Unterstreichung der Glaubw
ürdigkeit wurde folgendes behauptet: »Die hitlerischen Mörder wandten in Lemberg
dieselbe Methode an, ihre Verbrechen zu verbergen, die sie anwendeten, als sie
die polnischen Offiziere im Walde von Katyn töteten. Die Expertenkommission hat
festgestellt, daß die Methode, die Gräber zu tarnen, vollständig identisch war m
it der Methode, die angewendet wurde, um die Gräber der polnischen Offiziere zu
tarnen, die von den Deutschen in Katyn getötet worden sind.«
Was von diesem, vom Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg sanktionierte
n sowjetischen Staatsdokument zu halten ist, geht allein schon aus der in Nürnbe
rg auch mündlich vorgetragenen Behauptung hervor, die Kinder der jüdischen Einwo
hner von Lemberg seien den Abteilungen der - bekanntlich nur im Reichsgebiet bes
tehenden und im übrigen unbewaffneten - Hitler Jugend »wie üblich« als lebende Z
ielscheiben zur Verfügung gestellt worden, oder etwa auch die Behauptung, es sei
en in jeder Woche 1000 flüchtige französische Kriegsgefangene, die sich geweiger
t hätten, für die Deutschen zu arbeiten, in ein Konzentrationslager bei Lemberg
gebracht worden, wo sie zusammen mit sowjetischen, britischen und amerikanischen
Kriegsgefangenen und italienischen Militärinternierten drangsaliert oder erscho
ssen wurden.
In Lemberg hatten sich die Sowjets erstmals genötigt gesehen, eigene Untaten has
tig zu verschleiern. Lemberg diente ihnen dann als Alibi, als die Deutschen im F
ebruar 1943 Massengräber polnischer Offiziere im Walde von Kozy Gory bei Katyn w
estlich von Smolensk auffanden, wo nach heutigem Wissen neben den Offiziersgräbe
rn die Leichen auch 50.000 weiterer Opfer des NKVD verscharrt liegen. Und nachde
m kurz darauf, im Mai 1943, auch die Massengräber von Vinica entdeckt worden war
en, mußte wiederum Katyn dazu herhalten, um Vinica ungeschehen zu machen. Stalin
, Molotov, Kalinin, Vorosilov, Mikojan, Kaganovic und andere führende Sowjetfunk
tionäre waren es, die am 5. März 1940 das Protokoll Nr. 13 einer Sitzung des Pol
itbüros des Zentralkomitees der VKP unterschrieben hatten, demzufolge 14.700 pol
nische Offiziere und 11.000 prominente polnische Zivilpersonen erschossen werden
sollten. Die Listen mit den Namen der zu erschießenden Polen hatte im Auftrage
Berijas dessen Stellvertreter, der Chef der 1. Spezialabteilung des NKVD, Merkul
ov, zusammengestellt.
Als die polnische Regierung in London nach der Entdeckung der Massengräber von K
atyn eine Untersuchung des Falles durch das Internationale Komitee des Roten Kre
uzes beantragt hatte, brach die Sowjetregierung am 29. April 1943 die diplomatis
chen Beziehungen zur Exilregierung unter dem abenteuerlichen Vorwand von deren K
omplizenschaft mit Hitler ab. ... Das Parteiorgan PRAVDA prangerte die polnische
Regierung am selben Tage in beleidigenden Worten der Kollaboration mit dem »Kan
nibalen Hitler« und der »direkten und offenen Unterstützung der hitlerischen Hen
ker des polnischen Volkes« an.
Das von Molotov in seiner Note vom 29. April 1943 ausgegebene und von der Sowjet
propaganda in tausend Variationen wiederholte Stichwort, die deutschen >Faschist
en< selbst hätten die polnischen Offiziere brutal ermordet, blieb als offizielle
Erklärung der Sowjetunion aufrechterhalten, auch als der Hergang der Erschießun
g durch einen Ausschuß des amerikanischen Kongresses nach dem Kriege längst gekl
ärt und in zahlreichen internationalen Publikationen eingehend beschrieben worde
n war.
So etwa verbreitete sich noch im Jahre 1977 ein »angesehener sowjetischer Rechts
gelehrter«, Professor Dr. Minasjan, in seinem Buch »Internationale Verbrechen de
s Dritten Reiches« über das »Blutbad der hitlerischen Henker an den polnischen O
ffizieren im Walde von Katyn«, das »die Völker der Welt den nazistischen Verbrec
hern niemals vergessen und verzeihen werden«. 1969, in der Ära des Stalinisten B
reznev, wurde in dem bis dahin unbekannten weißrussischen Dörfchen Chatyn', dess
en 149 Einwohner im Rahmen des Partisanenkrieges anscheinend einer Repressalie d
er Strafeinheiten des berüchtigten SS Standartenführers Dirlewanger zum Opfer ge
fallen waren, sogar ein Beton-Ehrenmal mit pathetischen Parolen der Sowjetpropag
anda errichtet. In plumper Manier sollte den meist schimmerlosen ausländischen B
esuchergruppen offenbar suggeriert werden, das historische Katyn bei Smolensk se
i mit dem Dörfchen Chatyn' identisch.
Es sollte bis zum Jahre 1990 dauern, daß die Sowjetregierung es unter einer erdr
ückenden Beweislast für opportun hielt, die sowjetische Schuld an dem Verbrechen
endlich einzugestehen. ...
Zur Irreführung der Weltöffentlichkeit war schon 1943 abermals die >Außerordentl
iche Staatliche Kommission< niedergesetzt worden, die nach auffällig langer Vorb
ereitungszeit am 24. Januar 1944, als die liegende Schneedecke jeden Lokaltermin
unmöglich machte, ein Kommuniqué unter einer vielsagenden Überschrift herausgab
: »Die Wahrheit über Katyn. Bericht der Spezialkommission zur Feststellung und U
ntersuchung der Umstände der Erschießung der kriegsgefangenen polnischen Offizie
re durch die deutsch faschistischen Eindringlinge im Wald von Katyn.« Dieses umf
angreiche, von der ersten bis zur letzten Zeile erlogene sowjetische Staatsdokum
ent behauptete, mit »unwiderlegbarer Klarheit« zu dem Ergebnis gelangt zu sein,
die Massenerschießungen der polnischen Offiziere im Walde von >Kozy Gory< bei Ka
tyn hätten im Herbst 1941 zur Zeit der deutschen Besetzung stattgefunden, seien
von den Deutschen vorgenommen worden. ...
Wenige Wochen nach der Entdeckung der Massengräber von Katyn, im Mai 1943, stieß
en die Deutschen bei Vinica auf weitere Massengräber, in denen etwa 10.000 ukrai
nische Opfer des NKVD verscharrt waren. Eine deutscherseits eingesetzte Internat
ionale Kommission von Gerichtsmedizinern aus 11 europäischen Staaten (Belgien, B
ulgarien, Finnland, Frankreich, Italien, Kroatien, Niederlande, Rumänien, Schwed
en, Slowakei und Ungarn) ebenso wie eine unabhängig davon eingesetze Kommission
deutscher Sachverständiger für gerichtliche Medizin und Kriminalistik gelangte n
ach eingehenden Untersuchungen übereinstimmend zu dem Ergebnis, daß die Tötungen
zwischen 1936 und 1938 durch Hinterhaupts- und Genickschuß in der typischen Man
ier des NKVD vollzogen worden waren. Diesen Befund bestätigte nach dem Kriege in
vollem Umfange ein Unterausschuß des amerikanischen Kongresses unter dem Vorsit
z des Abgeordneten Charles J. Kersten, der seine Ergebnisse am 31. Dezember 1954
dem Kongreß vorlegte. Nachdem die Deutschen das medizinische Untersuchungsproto
koll am 9. August 1943 veröffentlicht hatten, begann die sowjetische Regierung j
edenfalls aktiv zu werden. Der Propagandaapparat wurde aufgeboten, um die Glaubw
ürdigkeit der medizinischen Autoritäten aus Deutschland und den anderen Ländern
um jeden Preis zu erschüttern. So fing man an, sie als »Bande von Gestapoagenten
« und »gekaufte Provokateure« zu beschimpfen. Das sowjetische Informationsbüro v
erbreitete am 19. August 1943 unter der bezeichnenden Überschrift >Katyn No. 2<
eine Erklärung, derzufolge die >deutschen Henker<, >Halsabschneider<, >blutrünst
igen Bestien<, die >hitlerischen Schurken<, die >hitlerischen Kannibalen<, die >
faschistischen Wölfe<, >Mörder<, >Banditen<, ... wie im Falle Katyn beschuldigt
wurden, das Verbrechen von Vinica selber begangen zu haben und nun zu versuchen,
»dem sowjetischen Volk ihre eigenen deutschen Verbrechen« zuzuschieben.
Hinter dem ganzen Propagandagetöse verbarg sich nur zu deutlich die Verlegenheit
der Sowjets, vor der Weltöffentlichkeit abermals als Massenmörder entlarvt word
en zu sein. Vinica wurde fortan zwar möglichst mit Stillschweigen übergangen, do
ch das Regime war alarmiert und suchte das Gesetz des Handelns jetzt an sich zu
bringen und dem Gegner zuvorzukommen. Am 19. April 1943, wenige Tage nachdem die
Entdeckung der Massengräber von Katyn von den Deutschen bekanntgegeben worden w
ar, hatte das Präsidium des Obersten Sowjet der UdSSR, wie erwähnt, einen Erlaß
»Betrifft Maßnahmen zur Bestrafung deutsch faschistischer Verbrecher ... « herau
sgegeben, eine zunächst nur mehr ohnmächtige Geste. Doch dieser Erlaß wurde jetz
t herangezogen, um den Schauprozeß von Char'kov, den ersten >Kriegsverbrecherpro
zeß< überhaupt, in Szene zu setzen.
In Char'kov hatte das NKVD unerhörte Greueltaten begangen. Allein zwischen 1937
und 1941 sind hier »Tausende und Abertausende« von Menschen durch die Gebietsver
waltung des NKVD unter Rajchmann und Selenyj, im Frühjahr 1940 auch 3891 polnisc
he Offiziere, liquidiert und unter anderem in der Waldung >Planquadrat 6< versch
arrt worden. Und als sowjetische Truppen Char'kov im Frühjahr 1943 kurzfristig z
urückeroberten, haben Grenztruppen des NKVD, eingehenden deutschen Ermittlungen
zufolge hier in wenigen Wochen, wie erwähnt, nicht weniger als 4000 Menschen, fa
st vier Prozent der zurückgebliebenen Bevölkerung, unter dem Vorwurf der Zusamme
narbeit mit der deutschen Besatzungsmacht erschossen, »darunter auch Mädchen, di
e sich mit deutschen Soldaten eingelassen hatten«. Charkov war als Schauplatz fü
r den vom 15. bis 18. Dezember 1943 dort veranstalteten Kriegsverbrecherprozeß a
ber gerade aus dem Grunde so geeignet, weil auch die deutsche Einsatzgruppe C de
r Sicherheitspolizei und des SD, und zwar das Einsatzkommando 4a unter SS Standa
rtenführer Blobel, hier im Winter 1941/1942 Massenmorde an der jüdischen Bevölke
rung in einer Größenordnung von Tausenden begangen hat.
Das nunmehrige Anliegen, den deutschen Kriegsgegner zu diskriminieren, war natür
lich zuerst eine propagandistische Aufgabe, die einer bewährten Fachkraft, dem S
chriftsteller Tolstoj als einem Mitglied der >Außerordentlichen Staatlichen Komm
ission< übertragen wurde. In mehreren, vor allem im westlichen Auslande verbreit
eten Artikeln unter der Überschrift »Wir verlangen Rache«, »Warum wir sie Monste
r nennen«, nahm Tolstoj die in Char'kov verhandelten Verbrechen der Einsatzgrupp
e C zum Anlaß, um nicht nur die deutsche Wehrmacht, sondern die Gesamtheit des d
eutschen Volkes mit haßerfüllten Ausdrücken anzuprangern. Tolstoj blieb den Bewe
is für eine Verantwortung der deutschen Wehrmacht zwar schuldig ...
Die sowjetische Taktik wiederholte sich dann im Falle Kiev, und sie wiederholte
sich im Fall Minsk. Denn auch hier wurde die Methode gehandhabt, sowjetische Gre
ueltaten durch deutsche Greueltaten zu überlagern. In der Nähe von Kiev, im Darn
ica Wald und bei Bykovnia, sind in den dreißiger Jahren 200.000 300.000 menschli
che Leichen verscharrt worden, nur ein kleiner Teil der Opfer des Sowjetregimes
in der Ukraine, deren genaue Zahl vielleicht niemals mehr zu ergründen sein wird
. Doch allein in der Westukraine, also in Ostpolen, soll den Schätzungen mancher
Historiker zufolge zwischen 1939 und 1941 eine Million Menschen liquidiert word
en sein, eine Angabe, die in diesem Falle aber vielleicht doch zu hoch gegriffen
ist. Sieben bis acht Millionen ukrainischer Landbewohner sind auf jeden Fall de
n von Stalin und seinen Helfershelfern vorsätzlich organisierten Hungersnöten in
den dreißiger Jahren zum Opfer gefallen.
Vor diesem Hintergrund ist die Tatsache zu sehen, daß Kiev andererseits auch ein
Symbol für die Untaten der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD auf
deutscher Seite geworden ist. Denn die Rote Armee hatte - ähnlich etwa wie die
deutschen Truppen 1918 beim Rückzug auf die >Siegfriedlinie<, - in Kiev Sprengun
gen und Brandlegungen vorbereitet, die nach der Einnahme der Stadt erhebliche Ve
rluste, auch unter der ukrainischen Bevölkerung, und starke materielle Zerstörun
gen hervorriefen. Als Vergeltung für diese erregenden Vorgänge sind vom Sonderko
mmando 4a der Einsatzgruppe C zwischen dem 29. und 30. September 1941 33.771 unb
eteiligte jüdische Einwohner erschossen worden. ...
Die Opferzahl blieb in der Folgezeit strittig, und es kursierten über sie in der
Tat die unterschiedlichsten Schätzungen. Schon die Entscheidung des amerikanisc
hen Hochkommissars John J. McCloy vom 31. Januar 1951 über das Gnadengesuch für
den im Einsatzgruppenprozeß (Fall 9) zum Tode verurteilten Führer des Sonderkomm
andos 4a der Einsatzgruppe C, SS Standartenführer Blobel, hält es für angebracht
zu vermerken, »daß nach seiner (Blobels) Meinung sich die Anzahl der bei Kiev e
rschossenen Menschen nur auf die Hälfte der genannten Zahl belaufen habe«.
So wird selbst in diesem vom »Office of the U.S. High Commissioner for Germany«
herausgegebenen amerikanischen Dokument die Möglichkeit einer deutlich geringere
n Opferzahl immerhin offengelassen. »Die Zahlenangaben um das Kiew Massaker enth
alten Rätsel«, meint auch Friedrich in seinem 1993 erschienenen Buch DAS GESETZ
DES KRIEGES. Der polnische Wissenschaftler Wolski hat in einer von der »Sociétét
d'histoire polonaise« in Stamford CT. 1991 herausgegebenen Studie die verschied
enen Opferzahlen von Kiev miteinander einmal verglichen und ist hierbei zu bemer
kenswerten Ergebnissen gelangt. Denn er stellte in den Schätzungen der Zahlen Sc
hwankungen fest, die sich zwischen 3.000 und 300.000 bewegen. ...
Doch nicht nur über die Opferzahl, auch über die Umstände der Erschießung der in
Kiev im September 1941 nach der Evakuierung noch anwesenden Juden, über die Ers
chießungs und Begräbnisstätte, gibt es unterschiedliche Angaben. So sucht man d
en heute so symbolkräftigen Namen der Altweiberschlucht >Babij jar< nordwestlich
von Kiev nach Wolski in vielen großen Nachschlagewerken noch vergebens: Das Sti
chwort >Babij jar< findet sich erstmals in der BOL'SAJA SOVETSKAJA ÉNCIKLOPEDIJA
(Ausgabe Moskau 1970) und in der ENCYCLOPAEDIA JUDAICA (Ausgabe Jerusalem 1971)
, deren weit überhöhte Zahlenangabe von 100.000 allerdings vom NKVD aufgebracht
und in dem unten noch zitierten Bericht der NEW YORK TIMES aus Moskau am 4. Deze
mber 1943 erstmals genannt worden war.
Denn im Zusammenhang mit den auf Hochtouren laufenden Verschleierungsversuchen i
m Fall >Katyn< hatte das NKVD den bis dahin unbekannten Namen der Altweiberschlu
cht im November 1943 in die sowjetische Kriegspropaganda eingeführt. Bald nach d
er Wiedereinnahme der ukrainischen Hauptstadt wurde von den Sowjets eine Gruppe
westlicher Pressekorrespondenten eingeladen, um die nunmehr als Stätte des Massa
kers ausgegebene Schlucht von Babij jar in Augenschein zu nehmen. Die materielle
n Beweise jedoch scheinen dürftig gewesen zu sein. Und eine Auswertung der zahlr
eichen Luftaufnahmen in unseren Tagen führte denn anscheinend auch zu dem Ergebn
is, daß im Gegensatz zu den deutlich sichtbaren umfangreichen Massengräbern des
NKVD von Bykovnia (Bykivnia), Darnica und Bielhorodka und im Gegensatz zu den de
utlich sichtbaren Massengräbern von Katyn das Gelände der Schlucht von Babij jar
zwischen 1939 und 1944, während der deutschen Besetzung, unversehrt geblieben i
st.
Zur Unterstreichung der Behauptung, die Deutschen hätten hier, in der Schlucht v
on Babij jar, »zwischen 50.000 und 80.000 jüdischer Männer, Frauen und Kinder mi
t Maschinengewehren erschossen«, hatte das NKVD 1943 auch drei sogenannte Zeugen
präpariert, deren Erzählungen jedoch erst recht die Skepsis der Korrespondenten
und vor allem die des erfahrenen Vertreters der NEW YORK TIMES, Lawrence, hervo
rriefen. ... Die Präsentation sogenannter >Augenzeugen< im Falle der bis dahin u
nbekannten Altweiberschlucht war nach Nikiforov aber schon als eine Art »General
probe für die vom NKVD erpreßten betrügerischen Zeugenaussagen über das Massaker
im Wald von Katyn« gedacht.
Der Bericht der Chruscev Kommission, der führende Partei- und Wissenschaftsfunkt
ionäre angehört hatten, verdient insofern Aufmerksamkeit, als in ihm außer Babij
jar, Syrets und einigen unbekannteren Punkten auch Darnica genannt wird, wo die
Deutschen, wie jetzt behauptet, ebenfalls ȟber 68.000 sowjetische Kriegsgefang
ene und zivile Einwohner« ermordet haben sollen. Die von der Spezialkommission C
hruscevs insgesamt behauptete Zahl von 195.000 Opfern der deutschen Besatzungsma
cht in Kiev kommt somit der Gesamtzahl von 200.000 300.000 Opfern des NKVD nahe,
die in den Massengräbern des Darnica Waldes sowie bei Bykovnia und Bielhoradka
vermutet werden. Diese Zahl war denn auch die zentrale Aussage des Kommuniqués d
er >Außerordentlichen Staatlichen Kommission< über Kiev vom 9. März 1944. Und da
dieser Untersuchungsbericht ebenso wie der Untersuchungsbericht im Fall Katyn v
om Internationalen Militärgerichtshof als sowjetisches Beweismaterial anerkannt
wurde, konnte der sowjetische Ankläger, Oberjustizrat Smirnov, am 14. Februar 19
46 in Nürnberg behaupten: »Aus dem Bericht ... über die Stadt Kiev ist zu ersehe
n, daß in Babje Yar während dieser furchtbaren, sogenannten Aktion 100.000 Mensc
hen erschossen wurden«, und am 18. Februar hieß es: »Mehr als 195.000 Sowjetbürg
er wurden in Kiev zu Tode gefoltert, erschossen und in >Mordwagen< vergast, daru
nter über 100.000 Männer, Frauen, Kinder und alte Leute in Babi Yar ... « - Bewe
ise wurden nicht erbracht, der Sowjetankläger berief sich, wie im Fall Katyn, ei
nfach auf angebliche Aussagen der vom NKVD präsentierten Zeugen.
Die Sowjets sind mit ihren Beschuldigungen im Fall Katyn in Nürnberg freilich ni
cht durchgedrungen, und es war nicht zuletzt auf die Assoziation von Katyn und B
abij jar zurückzuführen, daß auch dieser Fall lange Jahre in Vergessenheit gerie
t. Vergeblich war es noch gewesen, daß etwa Ehrenburg die Geschichte der Altweib
erschlucht in seinem Roman »Der Sturm« 1947 wieder aufzuwärmen versuchte. Erst a
ls das NKVD/KGB einen sorgfältig instruierten sogenannten >Augenzeugen< 1968 in
einem Gerichtsverfahren in Darmstadt auftreten lassen konnte - die NEW YORK TIME
S berichtete darüber in einem Artikel am 14. Februar 1968 unter dem Titel: »At B
abi Yar Only Four Spectators« - gewann der Begriff zusehends an Symbolkraft, was
von der sowjetischen Propaganda sofort ausgenutzt wurde.
Die Sowjetbehörden benutzten die günstige Konjunktur, um auf dem NKVD Gelände be
i Bykovnia, wo sich ebenso wie bei Darnica und Bielhorodka unfern von Kiev die a
usgedehnten Massengräber der Stalinzeit befanden, schließlich ein Denkmal zur Er
innerung an die hier angeblich verscharrten Opfer der »faschistischen Invasoren
1941-1943« zu errichten, die, so eine Kiever Zeitung schon 1971, »grausam zu Tod
e gefoltert« worden waren. Bereits im März 1989 ist die irreführende Inschrift a
uf den wachsenden Druck der Öffentlichkeit hin jedoch wieder entfernt worden. De
nn zu dieser Zeit, am 17. März 1989, hatte die TASS gemeldet, nach Feststellunge
n einer >Staatlichen Kommission<, seien in Bykovnia und im Walde bei Darnica Mas
sengräber mit den sterblichen Überresten von 200.000 300.000 sogenannten >Volksf
einden< der Stalinzeit entdeckt worden. Das Organ des sowjetischen Schriftstelle
rverbandes LITERATURNAJA GAZETA hielt es im April 1989 zugleich für angebracht z
u betonen, daß nicht >die Deutschen<, sondern die Stalinisten, »unsere eigenen L
eute«, diese Massenmorde begangen hatten. Schaurige Einzelheiten über die von 19
37 bis unmittelbar vor der Besetzung der Stadt durch deutsche Truppen im Septemb
er 1941 andauernden Massenmorde des NKVD berichtete Carynnyk in einem Beitrag »T
he Killing Fields of Kiev« im Oktoberheft 1990 der vom American Jewish Committee
in New York herausgegebenen Zeitschrift COMMENTARY.
In Deutschland freilich werden solche Tatsachenfeststellungen ungern oder gar ni
cht zur Kenntnis genommen. Hier ist die selbst in Nürnberg nicht durchgedrungene
Sowjetformel von 100.000 Opfern in der Schlucht von Babij jar tief in das öffen
tliche Bewußtsein eingefressen, wie entsprechende Zeitungsartikel aus dem Jubilä
umsjahr 1991 erweisen. Am 14. September 1991 übertraf ein Wolfram Vogel in einem
Gedenkartikel der Regionalzeitung SÜDKURIER sogar noch die Ausstreuungen der st
alinistischen Kriegspropaganda, als er behauptete, »das Massengrab Babij Jar am
Rande Kiews« hätte »rund 200.000 während der deutschen Besatzung ermordete Mensc
hen aufnehmen müssen«. ...
Auf dem Territorium der Sowjetunion ist Minsk der letzte Platz gewesen, wo die M
assenmorde des NKVD hinter denen der Einsatzgruppen versteckt werden sollten. De
nn ebenso wie in Kiev sind auch in der Hauptstadt der Weißrussischen SSR zwische
n 1937 und 1941 Mordtaten ungeheueren Ausmaßes geschehen. Einen Teil ihrer Opfer
pflegte die Operative Verwaltung des NKVD Minsk in einem Areal nahe dem unfern
gelegenen Ort Kuropaty zu verscharren, wo 1988 ausgedehnte Gräberfelder entdeckt
wurden. Etwa 102.000 von insgesamt 270.000 geschätzten Opfern des NKVD in Minsk
und Umgebung werden hier vermutet. Selbst in dem Celjuskin Park inmitten der St
adt Minsk befand sich ein Massengrab mit den Leichen Ermordeter, über dem in der
Ära des Stalinisten Breznev eine Tanzfläche errichtet wurde. Andererseits war M
insk nach der Besetzung durch die Deutschen, ab Spätherbst 1941, auch ein Operat
ionszentrum des SD gewesen, die ihr vornehmstes Ziel vor allem in der Vernichtun
g der jüdischen Bevölkerung fand. So wurden in Maly Trostinets, einem Dorf bei M
insk, und an einigen anderen Punkten, binnen Jahresfrist Tausende einheimischer
oder aus dem Reichsgebiet hierher verschleppter Juden jeden Alters und Geschlech
tes erschossen oder durch vier hier anscheinend eingesetzte Vergasungswagen teil
weise auch vergiftet.
Wie im Fall Kiev setzten die Sowjetbehörden 1944, nach der Wiedereinnahme von Mi
nsk, eine Spezialkommission ein, diesmal unter dem Vorsitzenden des Rates der Vo
lkskommissare der Weißrussischen SSR, Ponomarenko, der als Leiter der Partisanen
bewegung einer der Hauptverantwortlichen war für die Führung des völkerrechtswid
rigen Freischärlerkrieges. Das am 12. Oktober 1944 veröffentlichte Kommuniqué de
r >Außerordentlichen Staatlichen Kommission< »Minsk klagt Hitler an« behauptete
unter Berufung auf die Ergebnisse der Ponomarenko - Kommission, die freilich wie
derum meist auf den zweifelhaften Aussagen von Zeugen des NKVD beruhten, die >Hi
tleristen<, die >deutschen Schurken<, hätten in Minsk und seinen Vororten etwa 3
00.000 Sowjetbürger durch Hunger, übermenschliche Arbeitsanstrengungen, Vergasen
und Erschießen ausgerottet. Auch in Minsk wurden sowjetische Massengräber wie d
ie im »Park für Kultur und Erholung« wieder den Deutschen zugeschrieben. Die ang
egebene Gesamtzahl von 300.000 würde überhaupt eher der geschätzten Zahl von etw
a 270.000 Opfern des NKVD nahekommen als der Zahl der von dem SD ermordeten Jude
n, die im Gebiet um Minsk gleichwohl aber hoch gewesen sein muß. So sind nach un
vollständigen Angaben in zufällig erhaltenen Tätigkeitsberichten allein von eine
r >Gruppe Arlt< im Verlauf des Sommers 1942 über 17.000 einheimische oder aus Be
rlin und Wien stammende deutsche Juden bei Minsk ermordet worden.

9. Die antideutsche Volks- und Rassenhetze

Der deutsch sowjetische Krieg wurde sowohl von Hitler als auch von Stalin vom er
sten Tage an nicht als ein in den herkömmlichen Formen geführter >europäischer N
ormalkrieg< zwischen zwei Armeen, sondern als ein Vernichtungskrieg zweier total
itärer Staaten verstanden, der nur mit dem Untergang eines der beiden enden konn
te. Die Rundfunkrede Stalins am 3. Juli 1941 wurde zwar noch als Kampf der Sowje
tunion im Bunde mit dem deutschen Volk gegen den >Faschismus< eingeführt, doch g
ing die Sowjetpropaganda umgehend dazu über, nicht nur den >Faschismus<, den Nat
ionalsozialismus, zu ihrem neuen Todfeind zu deklarieren. Kriminalisiert praktis
ch vom ersten Kriegstage an wurde ebenso der deutsche Staat als solcher, krimina
lisiert wurde die deutsche Wehrmacht, wurden alle deutschen Soldaten, und krimin
alisiert wurde schließlich die Gesamtheit des deutschen Volkes. Ehrenburg vor al
len anderen war es, der durch unausgesetztes Schüren des antideutschen Volks- un
d Rassenhasses die Soldaten der Roten Armee und die Werktätigen des sowjetischen
Hinterlandes zu einem blindwütigen Kampf gegen alles Deutsche anzuspornen hatte
.
Es stellt sich die Frage, welches Bild die von den sowjetischen Schriftstellern
Ehrenburg, Tolstoj, Simonov, Zaslavskij, um nur einige zu nennen, von Historiker
n und Militärs wie Tarle, Bruevic, Velicka und unzähligen anderen gestaltete sow
jetische Kriegspropaganda von Deutschland und den Deutschen entwarf. Ehrenburg w
ar der Wortführer, und er wollte in den Deutschen seit jeher nur >Barbaren< erbl
icken, »die sich in die Häute wilder Tiere kleideten und ihrem Gott Wotan blutig
e Opfer darbrachten«. Noch in den glanzvollen Zeiten des beginnenden Mittelalter
s, als doch die Kaiser der Ottonen und Staufer das Reich regierten, durchstreift
en sie für ihn »die Wälder, gehüllt in die Häute wilder Tiere«. Sieht man einmal
von der altbekannten historischen Tatsache ab, daß Rußland und Polen von dem Er
be einer gewaltigen Ostexpansion lebten, so war es gerade die deutsche Ostkoloni
sation des Mittelalters, die, so Ehrenburg, »ruhmvollen Traditionen der teutonis
chen Ritter«, die sich in der Situation des gegenwärtigen Krieges in falscher An
alogie propagandistisch gebührend anprangern ließ. »Wir kennen diese Traditionen
«, rief Ehrenburg am 20. Februar 1942 aus, »Die Deutschen waren Räuber und Räube
r sind sie geblieben. Früher waren sie Banditen mit Speeren und Schwertern. Jetz
t sind sie Banditen mit Maschinenpistolen.« Einen Unterschied zwischen den versc
hiedenen deutschen Stämmen in Vergangenheit und Gegenwart erkannte Ehrenburg nic
ht an, die Deutschen waren für ihn immer »alle gleich«. »Es ist etwas Schrecklic
hes um die Deutschen selbst«, schrieb er am 14. Januar 1942. »Die teutonischen H
orden hatten Rom geplündert«, und die deutschen Kaufleute hätten in der alten Ha
nsestadt Novgorod »versucht, die Russen zu betrügen«. »List und Ränke sind deuts
cher Stil«, so nach Ehrenburg angeblich der russische Volksmund.
Gegenstand des besonderen Hasses war ihm die geschichtliche Entwicklung Brandenb
urg-Preußens, ungeachtet der in der Vergangenheit zeitweise doch bestehenden eng
en dynastischen und politischen Verbindungen Preußens mit Rußland, auf die sich
die Sowjetpropaganda immer nur zu gern berief, wenn es ihr gerade in das Konzept
paßte. Brandenburg ist in dieser verzerrten Sicht ein >Krebsgeschwür<, eine >Rä
uberhöhle<, von der aus die Banden aufbrachen, um »die slavischen und litauische
n Stämme in Pommern und Preußen« zu terrorisieren, deren Schutzherr jetzt, 1945,
die Sowjetunion unter Stalin geworden sei.
Für Ehrenburg lag die einzige Zweckbestimmung der königlichen Residenzstadt Berl
in »im Abschlachten von Menschen«, und Berlin, dieses »bösartige Geschwür«, sei
jetzt »für ganz Europa und die ganze zivilisierte Menschheit (zu der sich natürl
ich die Sowjetunion zählte) eine tödliche Gefahr« geworden. »Es ist ein Glück fü
r die Welt«, so fügte Ehrenburg hinzu, »daß Stalin dieses Geschwür nun mit Feuer
und Schwert ausbrennt«, »daß er die Welt rettet, indem er die Wiege in Stücke s
tampft, in der 250 Jahre zuvor das grauenhafte preußische Monster geboren wurde.
« Als Beweis für die angebliche Monstrosität Preußens werden die »Piratenangriff
e« gegen Dänemark 1864, das heißt die preußisch österreichische Bundesexekution
in der schleswig holsteinischen Angelegenheit, gegen Österreich 1866, das heißt
der preußisch österreichische Krieg um die Vormachtstellung in Deutschland, und
gegen Frankreich 1870/1871 genannt, obwohl sich Preußen-Deutschland damals doch
in dem Genuß einer wohlwollenden Neutralität Rußlands wissen konnte und selbst M
arx und Engels von einem gerechten nationalen Verteidigungskrieg Deutschlands ge
gen die imperialistischen Ambitionen des napoleonischen Frankreich gesprochen ha
tten.
Entlarvend ist auch ein Beitrag, den Professor Tarle unter der Überschrift »Berl
in war das Krebsgeschwür Europas« am 17. Mai 1945 veröffentlichte. Seit über zwe
i Jahrhunderten, so dieser prominente sowjetische Historiker, sei durch Preußen
»ein mächtiges Gangsterlager im Herzen Europas« geschaffen und in Berlin sei der
Plan gefaßt worden, Europa, Rußland, zwei Kontinente, »die ganze Welt zu erober
n«. Raub und Plünderung, das sei »das Hauptziel der politischen Existenz Deutsch
lands« gewesen. In die Reihe der historischen Persönlichkeiten, die die »Raubplä
ne des deutschen Imperialismus« ausbrüteten, gehörte für ihn Friedrich der Große
, der immerhin mit Kaiser Peter III. und zeitweise mit Kaiserin Katharina II. im
Bunde gestanden hatte, gehörten die Feldherren der Befreiungskriege, wie etwa d
er von ihm genannte Scharnhorst, die doch Alliierte der in der Sowjetunion so ho
ch im Kurse stehenden kaiserlich russischen Generale jener Jahre gewesen waren,
gehörten ferner Bismarck und Moltke, die in Rußland immer einen großen Namen hat
ten, sowie schließlich selbst Generaloberst von Seeckt, in dessen Ära als Chef d
er Heeresleitung die enge und freundschaftliche Zusammenarbeit der Reichswehr mi
t der Roten Armee fiel. Über alle Zeitläufte hinweg habe der als solcher doch er
st seit 1870/1871 bestehende >deutsche Generalstab< unverrückbar an seinen imper
ialistischen Zielen festgehalten und das Instrument geschmiedet »für die Ausrott
ung von Millionen menschlicher Leben, für die vollständige Versklavung von Völke
rn, für die Aufrichtung der deutschen Weltherrschaft«. In welchem Gegensatz stan
den diese Äußerungen doch zu denen Lenins, der im Hinblick auf die Vorgeschichte
des Ersten Weltkrieges einst folgendermaßen geurteilt hatte: »Drei große Räuber
«, nämlich Rußland, England und Frankreich, hätten sich jahrzehntelang darauf vo
rbereitet, »Deutschland zu überfallen und auszuplündern«!
Vor dem Hintergrund einer solchen Verzerrung der Geschichte Brandenburg-Preußens
durch diesen bekannten sowjetischen Historiker, doch zugleich zielgerichtet sch
on im Hinblick auf die geplanten Annexionen, setzte im Frühjahr 1945 eine gesteu
erte Haßkampagne gegen die alte preußische Krönungs- , Handels- und Universitäts
stadt Königsberg ein, die als bloße Hauptstadt einer agrarischen Provinz doch vö
llig abseits von den Zentren politischer und rnilitärischer Entscheidungen lag.
Am 8. Februar 1945 behauptete der Moskauer Rundfunk, Ostpreußen, »die Höhle des
reaktionären Preußentums, Vorposten des viehischen deutschen Chauvinismus«, sei
ebensowenig deutsches Land wie »das gesamte sogenannte deutsche Land östlich der
Elbe«. Die Rote Armee, so wurden die Eroberungsabsichten umschrieben, sei jetzt
im Anmarsch, »um eine alte historische Ungerechtigkeit zu korrigieren«. Daß die
russisch-slavischen Stämme in den preußischen Provinzen nicht etwa >vernichtet<
worden waren, sie sich im Lauf der Jahrhunderte vielmehr längst mit den Deutsch
en zu einem einheitlichen Volkskörper verschmolzen hatten und die Sowjetunion im
übrigen nicht die geringsten territorialen Ansprüche in Ostpreußen besaß, tat h
ierbei nichts zur Sache. »Räuchert die Ratten von Königsberg aus«, lautete am 15
. Februar 1945, wie erwähnt, die Parole der Sowjetpropaganda, die sonst gewohnhe
itsmäßig einen ebenso anklagenden wie rührseligen Ton anschlägt, wenn es zu schi
ldern gilt, wie barbarisch Deutsche und Finnen das verteidigte Leningrad belager
t und bombardiert hätten.
Die ideologische Begründung in der Sowjetpresse lieferte ein beauftragter Funkti
onär, Gardeoberstleutnant Velicka. »Königsberg wurde zu einer Bedrohung für die
ganze Welt«, so ließ er sich am 22. März 1945 in einem Artikel »Wehe Dir Deutsch
land!« vernehmen: »Es ist ein Stützpunkt der deutschen Barbarei«, »seit 150 Jahr
en«, »Tag für Tag, Dekade für Dekade sind dort Pläne für Feldzüge, für Invasione
n, für Rache ausgearbeitet worden. Deutschlands Plan, die Welt zu versklaven, is
t in Königsberg entstanden.« »Das Gewicht ihrer Verbrechen drückt die Stadt zu
Boden.« »Königsberg hat der Roten Armee ins Gesicht gesehen«, so heißt es unter
Anspielung auf die unten geschilderten sowjetischen Greueltaten in der Vorstadt
Metgethen drohend, »und erkennt, was darin geschrieben steht«.
Auf solche Art und Weise wurden die Soldaten der Roten Armee auf die bevorstehen
de Einnahme der Stadt Königsberg vorbereitet. Und die Folgen hiervon waren denn
auch dementsprechend. Mord, Vergewaltigung, Raub, Verfolgung und völlige Rechtlo
sigkeit gaben der zerstörten Stadt nach dem Fall das Gepräge. Ganze Straßenzüge
wurden mutwillig niedergebrannt, bisweilen mitsamt den Bewohnern. Die sowjetisch
e Besatzungsmacht ließ in den folgenden Monaten, wie ausgeführt, 90.000 der noch
etwa 120.000 überlebenden Einwohner in buchstäblichem Sinne des Wortes verhunge
rn.
Die antideutsche sowjetische Haßpropaganda wurde also seit 1945 zugleich auf das
Ziel gerichtet, die Expansionspolitik der Sowjetunion in Deutschland zu propagi
eren und vorzubereiten. So läßt sich schon seit Februar 1945 eine wachsende Stel
lungnahme gegen angeblich nachgiebige Tendenzen der anglo-amerikanischen Besatzu
ngspolitik und gegen die >heuchlerischen Beschützer< der >armen Deutschen< in we
stlichen Ländern konstatieren, die es doch nun wirklich so gut wie kaum gegeben
haben dürfte.
Was Ehrenburg angeht, so galt dessen besondere Abneigung auch der katholischen K
irche, dem Papst und dem Heiligen Stuhl, den von ihm sogenannten »Begründern der
Inquisition, den Protektoren der Jesuiten, verschlagenen Seelen, die den langen
Weg von Torquemada zu Himmler zurückgelegt haben und von Loyola zum Duce«, eine
mehr ihn selbst als die historischen Tatsachen treffende Formulierung. Wiederho
lte massive Angriffe lassen jedenfalls die sowjetische Besorgnis um eine Stabili
sierung der Verhältnisse im nichtsowjetischen Besatzungsgebiet erkennen. So wurd
e offenbar befürchtet, der in die USA emigrierte und dort als Hochschullehrer re
cht angesehene frühere Zentrumspolitiker und Reichskanzler Dr. Brüning könnte mi
t Rückendeckung durch gewisse amerikanische und britische Kreise und unter Beihi
lfe der katholischen Kirche danach streben, »Hitlers Nachfolger« zu werden, um a
ls solcher die »Rehabilitierung Deutschlands« voranzutreiben und den »deutschen
Imperialismus«, mit anderen Worten Deutschland als Industrieland, vor dem Unterg
ang zu retten.
Die Sowjetunion hatte zu dieser Zeit schon ganz andere Ziele, wie eine kurze, ab
er aufschlußreiche Bekanntmachung über die Einsetzung der >Sowjetischen Militära
dministration in Deutschland< vom 21. Juni 1945 erkennen läßt. Denn durch Befehl
Nr. 1 wurde zum Stellvertreter des Generaldirektors der Sowjetischen Militäradm
inistration (SMA) und Oberbefehlshabers der sowjetischen Besatzungstruppen in De
utschland, Marschall der Sowjetunion Zukov, der Generaloberst des NKVD Serov ern
annt, nach dem Urteil von Generaloberst Professor Volkogonov »eine der übelsten
Gestalten in Berijas Umgebung«.
Serov, zugleich Bevollmächtigter des NKVD der UdSSR bei der Gruppe der sowjetisc
hen Besatzungstruppen in Deutschland, der einst 1939/1940 die Deportation von üb
er zwei Millionen Polen, Ukrainern, Weißrussen und Juden aus dem annektierten po
lnischen Staatsgebiet und 1940/1941 ebenso die Deportation der baltischen Bevölk
erungsgruppen unter Zerreißung der Familienbande in die Sowjetunion geleitet hat
te, nahm aufgrund des Befehls Nr. 00315 des Volkskommissars Berija vom 18. April
1945 auch in Deutschland umgehend Massenverhaftungen unter der Zivilbevölkerung
durch die von ihm geleiteten Operativgruppen des NKVD vor. Die Verhafteten, dar
unter Frauen und Jugendliche, wurden als sogenanntes >Spezialkontingent< in die
übernommenen oder sofort eingerichteten Konzentrationslager (Special'nye lageri
NKVD SSSR) überführt, wo Zehntausende von ihnen an den unmenschlichen Lebensbedi
ngungen zugrundegingen. Die Ernennung Serovs zu der politisch ausschlaggebenden
Figur des sowjetischen Besatzungsgebietes und die sofort durchgeführte brutale A
usschaltung aller, die irgendwie als oppositionell eingeschätzt wurden, ließ jed
enfalls keinen Zweifel daran, welche Art von Politik die Sowjetunion in Deutschl
and künftig betreiben werde.
Konnte der deutsch sowjetische Konflikt als Zusammenstoß zweier gegensätzlicher
sozialistischer Systeme nur mit der völligen Vernichtung eines der beiden Kontra
henten enden, so entsprachen auch die Methoden der Kriegführung in ihrer Schonun
gslosigkeit vollauf dem totalitären Anspruch, der die beiden Ideologien charakte
risierte. »Der vergangene Krieg war von beiden Seiten aus ein grausamer«, schrie
b Jakusevskij 1993 in der Zeitschrift NOVOE VREMJA, »Die Methoden der Kriegführu
ng waren bei beiden totalitären Systemen ähnlich.« Geschichtliche Interpretation
en, die hierzulande den Eindruck zu erwecken versuchen, als hätte sich der Konfl
ikt an der deutsch-sowjetischen Front in humaneren Formen austragen lassen, wenn
nicht Hitler und die Wehrmachtführung schon bei der Planung des Unternehmens >B
arbarossa< die herkömmlichen Regeln und Gebräuche des Krieges skrupellos außer K
raft gesetzt hätten, gehen an dem Kern der Dinge vorbei, da sie jede Berücksicht
igung der Verhältnisse auf sowjetischer Seite vermissen lassen. Das schließt nat
ürlich die Vermeidung unnötiger Härten auf deutscher Seite nicht aus. Und es war
gewiß der kardinale Fehler Hitlers gewesen, den russischen Menschen in seinem P
atriotismus und den russischen Soldaten in seiner Tapferkeit verkannt und die ei
nzigartige Gelegenheit zur Gewinnung des russischen Volkes vertan zu haben - ein
e Verblendung, die das Scheitern des Krieges in Rußland unabwendbar machte.
Aber der von Hitler in seiner Ansprache vor den militärischen Führern am 30. Mär
z 1941 aufgestellte, von dem Chef des Generalstabes des Heeres, Generaloberst Ha
lder, überlieferte und von dem Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Feldmarscha
ll Keitel, in seinem Schreiben an Admiral Canaris vom 15. September 1941 sinngem
äß wiederholte Grundsatz: »Wir müssen vom Standpunkt des soldatischen Kameradent
ums abrücken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es
handelt sich um einen Vernichtungskrieg«, entsprach genau den Vorstellungen, wi
e auch Stalin diesen Krieg von Anfang an verstanden wissen wollte. Auch Stalin h
atte sofort unmißverständlich klargestellt, daß man »den Krieg gegen das faschis
tische Deutschland ... nicht als einen gewöhnlichen Krieg betrachten« dürfe: »Es
ist nicht ein Krieg zwischen zwei Armeen.«
In welchen Formen der Krieg sowjetischerseits geführt werden sollte, das offenba
ren unzählige Beispiele sofort nach Eröffnung der Feindseligkeiten auf der ganze
n Linie der Front. Noch am 9. März 1943 zitierte die britische Zeitung NEWS CHRO
NICLE in diesem Zusammenhang Ehrenburg, der sich in einem Aufsatz darüber mokier
t hatte, daß man »in einem bestimmten Land« gefallene deutsche Flieger mit allen
militärischen Ehren beerdige. Er wolle sich zwar nicht in die Sitten und Gebräu
che fremder Länder einmischen, so Ehrenburg in seinen Ausführungen heuchlerisch,
jedoch möchte er den Engländern etwas von den russischen Umgangsformen mit den
Deutschen erzählen: »Wir können die Deutschen nicht als ehrenvolle Kämpfer anseh
en. In unseren Augen sind sie abstoßende, plündernde Bestien. Mit solchen Bestie
n verhandelt man nicht lange: Man vernichtet sie!« In diesem Sinne schrieb Ehren
burg am 17. August 1941 über einen bei Moskau gefallenen deutschen Fliegeruntero
ffizier: »Wenn ein Mann wie Karle auf dem Boden zerschellt, dann empfindest Du n
icht nur Freude, sondern moralische Befriedigung.« Wie die deutschen Soldaten vo
m ersten bis zum letzten Tage des Krieges ihrer Menschenwürde beraubt und krimin
alisiert wurden, das soll eine knappe Auswahl von Zitaten dieses führenden Propa
gandisten der Sowjetunion veranschaulichen. Die Chimäre von der Möglichkeit eine
r humanen, >ritterlichen< Kriegführung im Osten fällt unter dieser Beweislast in
sich selbst zusammen.
Wie also werden die deutschen Soldaten dargestellt? Schon am ersten Kriegstage,
dem 22. Juni 1941, wurden die Soldaten jenes Landes, mit dem bisher doch ein Fre
undschaftsvertrag bestanden hatte, >Räuber< genannt, die Länder plündern, Kinder
ermorden und die »Kultur, Sprache und Traditionen anderer Völker zerstören«. We
nn solches also schon vor Kriegsbeginn bekannt gewesen ist, so läßt sich fragen,
wie kann man mit einem Land, das derartige Soldaten ausschickt, also einen Freu
ndschaftsvertrag unterhalten? Sie sind »Mörder, die sich besonders durch die Tor
turen auszeichnen, die sie jetzt unseren Verwundeten zufügen«, behauptete Ehrenb
urg am 18. Juli 1941 und bald darauf: »Diese Kreaturen sind keine menschlichen W
esen. Sie sind schädliches Ungeziefer.« Und so lauten andere seiner Sentenzen au
s dem ersten Kriegssommer 1941: Die deutsche Wehrmacht sei eine »gigantische Gan
gsterbande« und die deutschen Soldaten seien »schlimmer als wilde Bestien«. »Nei
n«, sagt Ehrenburg, »sie sind schlimmer als Raubtiere. Raubtiere foltern nicht a
us Vergnügen« (5. September 1941). »Man schämt sich für die Erde, auf der diese
Leute gingen. Wie niederträchtig sie lebten! Wie niederträchtig sie starben!« »V
erglichen mit ihnen sind Kaffern und Zulus noch kultiviert« (14. September 1941)
. »Sie sind Perverse, Sodomiten und Süchtige in allen Formen der Bestialität«, r
ief Ehrenburg am 12. Oktober 1941 aus, »Sie ergreifen russische Mädchen und vers
chleppen sie in ihre Bordelle ... Sie hängen Geistliche ... Sie haben Abzeichen
mit dem Motto >Gott mit uns<, aber mit solchen Gürteln schlagen sie ihren sterbe
nden Gefangenen ins Gesicht ... Kultur heißt für sie Füllfederhalter und Sicherh
eitsrasiermesser. Mit ihren Füllfederhaltern schreiben sie die Zahl der Mädchen
nieder, die sie vergewaltigt haben. Sie rasieren sich mit ihren Sicherheitsrasie
rmessern und benutzen das Halsschneidemodell, um die Nasen, Ohren und Brüste ihr
er Opfer abzuschneiden.«
Als der Winter 1941/1942 mit seinen harten Kältegraden hereinbrach, fand der Haß
Ehrenburgs neue Befriedigung. Zu dieser Zeit, am 17. November 1941, hatte Stali
n den Befehl erteilt, alle Dörfer und Siedlungen im deutschen Hinterland ohne Rü
cksichtnahme auf die damit ebenfalls dem Verderben preisgegebene russische Bevöl
kerung vollständig zu zerstören und niederzubrennen. Menschenleben, wie sein Bio
graph, Generaloberst Professor Volkogonov, schreibt, »hatten für ihn noch nie ge
zählt. Noch Nie! Hunderte, Tausende, Millionen toter Mitbürger waren für ihn län
gst zur Gewohnheit geworden«.
Ehrenburg aber machte sich sofort zum lautstarken Fürsprecher der unmenschlichen
Befehle Stalins, die sich ja nicht nur gegen die deutschen Truppen, sondern ebe
nso gegen die russische Zivilbevölkerung richteten. »Diese Banditen«, so schreib
t er am 11. November 1941, »sind daran gewöhnt, im Zustand der Bequemlichkeit zu
rauben. Sie verlangen Zentralheizung. Die wilden Bestien sollen sich nicht in u
nseren Häusern aufwärmen. Laßt sie in den Schneeverwehungen überwintern, diese D
üsseldorfer Handelsvertreter und Heidelberger Studenten ... Wir werden ihren Fel
dzug für Winterquartiere in einen Feldzug für Gräber verwandeln.« »Kämpfer, Kund
schafter, Freischärler!«, so sein Aufruf vom 30. November 1941, »Wenn es irgendw
o ein Haus gibt, in dem sich die Deutschen aufwärmen, so räuchert es aus!«
Dies war der Tenor in den Artikeln Ehrenburgs, nachdem Stalin am 3. Juli 1941 da
zu aufgerufen hatte, dem Feinde »keinen Liter Brennstoff, kein Kilogramm Getreid
e« zu überlassen, sondern das Land in eine Wüste zu verwandeln. »Läden, Kornfeld
er und Dörfer« werden von den »Einwohnern«, gemeint waren die sowjetischen »Vern
ichtungsbataillone« (Istrebitel'nye batal'ony), in Brand gesteckt, behauptete er
am 20. Juli 1941, »Selbst Kinder sind unter den Freischärlern zu finden.« Schul
kinder vorzugsweise wurden vom Sowjetkommando als Spione über die Frontlinie ges
chickt, um, wie Ehrenburg sich ausdrückte, »die Flugplätze und Kolonnen« des Fei
ndes auszukundschaften. »Russische Kinder haben gelernt, Handgranaten zu werfen«
, triumphierte er am 18. November 1941, wohl wissend, was dies für die mißbrauch
ten Kinder bedeuten konnte, »Die deutschen Soldaten fanden nur leere Scheunen, i
n die Luft gesprengte Warenlager und ausgebrannte Fabriken vor. Anstatt von Häus
ern eroberten sie Trümmer und Schneeverwehungen.«
Schon im französisch-russischen Krieg von 1812 hatte es in Rußland zum Kriegsbra
uch gehört, dem Feind beim Rückzug ein möglichst vernichtetes Land zu hinterlass
en. So hatte der russische Gouverneur Rostopcin »zum starren Entsetzen« der Gran
de Armeé Moskau mit den meisten Gebäuden beim Rückzug niedergebrannt. »Das ist a
lso die Art, wie sie Krieg führen!«, rief der Cabinets Secretair Napoleons, Baro
n Fain, aus, »Durch Petersburgs Civilisation sind wir getäuscht worden, sie sind
immer nur noch Scythen!«
Zwar hatte Napoleon sich einer jeden Vergeltung an Privatpersonen widersetzt, da
diese »ohnehin genug gelitten haben«. Doch beim Rückzug am 20. Oktober 1812 gab
er Befehl, die öffentlichen Gebäude und Kasernen in Moskau abzubrennen und den
Kreml zu zerstören. Und so war es in der Nacht des 23. Oktober geschehen: »1,8 M
illionen Pfund Pulver hatten die vorzüglichsten Thürme des Kreml in die Luft gej
agt.« Das Kreuz der Ehrenlegion für den kommandierenden Artillerieoffizier »alle
in konnte damals eine solche That belohnen«. Im deutsch-sowjetischen Krieg war e
s Stalin, der gleich zu Anfang befohlen hatte, den Deutschen nur ein zerstörtes
Land zu hinterlassen und umgekehrt bemühten sich auch diese bei ihrem Rückzug,
alle kriegswichtigen Objekte des aufgegebenen Landes zu vernichten, wie denn Hi
tler am 19. März 1945 selbst für das Reichsgebiet einen entsprechenden Befehl er
teilen sollte.
Ehrenburg, der das Zerstörungswerk der Brandkommandos der Roten Armee, wie es be
sonders in Kiev in Erscheinung getreten war, als wahre Heldentat begrüßt hatte,
kommentierte die entsprechenden Handlungen der deutschen Truppen mit haßerfüllte
n Ausdrücken. »Die Brandstifter selbst werden brennen«, verkündete er am 20. Jan
uar 1942 im Hinblick auf die Soldaten, die die Zerstörungsbefehle auszuführen ha
tten.
Der Haß dieses von Stalin eingesetzten Lehrmeisters der Roten Armee war hemmungs
los, frei von allen moralischen Skrupeln, von »barbarischer Wildheit« und letztl
ich Ausdruck eines pathologischen, anormalen Gehirnzustandes. Ehrenburg selbst m
achte am 16. März 1944 einmal folgendes Eingeständnis: »Wenn ich nicht genug Haß
in mir hätte, würde ich mich selbst verachten. Aber ich habe genug davon in mir
für ihr (der deutschen Soldaten) und mein Leben.« Solcher Art waren die Empfind
ungen Ehrenburgs, der die Soldaten der gegnerischen Armee vom ersten bis zum let
zten Kriegstag mit allen nur erdenklichen Schimpfworten belegte, sie auf eine St
ufe mit gemeingefährlichen Tieren und Mikroben stellte, um so die Notwendigkeit
ihrer Ausrottung zu suggerieren. Die deutschen Soldaten ohne Ausnahme waren für
ihn demnach »nicht Soldaten, sondern zügellose Räuber«, »primitive Kreaturen mit
automatischen Waffen«, »verfluchte Schlächter«, »Massenmörder friedlicher Bürge
r«, »Mörder russischer Kinder«, »Frauenmörder«. Und so wird der Wehrdienst der d
eutschen Soldaten geschildert: »Sie schänden Frauen und hängen Männer, sie saufe
n und schlafen ihre Orgien wie Schweine aus«, »Mord ist ein Gemeinplatz für Deut
sche«, »Sie foltern Kinder, hängen alte Männer und vergewaltigen Mädchen«, »Sie
foltern Kinder und quälen Verwundete«, »Wenn ein faschistischer Soldat in einem
Hause keine Beute finden kann, dann tötet er die Hausfrau«, »Er stranguliert Mä
dchen. Er setzt Dörfer in Brand. Er errichtet Galgen«, »Die Deutschen begruben d
ie Menschen lebend«, »Sie töteten Millionen unschuldiger Menschen«, »Sie tötete
n Säuglinge und brandmarkten Gefangene, sie folterten und hängten.« »Blut klebt
an den Händen eines jeden Deutschen«, rief er den Soldaten der Roten Armee am 9.
Dezember 1943 zu.
Am 16. März 1944 wurden die niedrigen Instinkte weiter aufgeputscht: »Sie haben
Millionen guter Menschen abgeschlachtet für nichts und wieder nichts, allein aus
Habgier, Stupidität und angeborener Wildheit«, »Und so begann der miserable Idi
ot, der Ignorant, der Ausbeuter, der >Übermensch< systematisch zu hängen, lebend
ig zu begraben und zu verbrennen«, »Unter Millionen von Deutschen ist nicht eine
Handvoll von gewissenhaften Männern zu finden, die >Halt!< rufen«. ...
Die Angehörigen der wohldisziplinierten deutschen Wehrmacht werden von Ehrenburg
immer aufs Neue »wilde Bestien« genannt, »wilde Tiere«, »Ferkel«, »Schweine au
s Schweinfurt und Swinemünde«, »zweifellos wilden Bestien ähnlich«, »tollwütige
Wölfe«, »Erreger von Geschlechtskrankheiten«, »deutsche Ungeheuer«, »verhungernd
e Ratten, die sich gegenseitig verschlingen werden«, »Diese Kreaturen sind keine
menschlichen Wesen«, so ermahnt Ehrenburg die Rotarmisten, »Sie sind gefährlich
es Ungeziefer ... Sie müssen vernichtet werden.« ...
Ehrenburg verbreitet über die deutschen Soldaten Pauschalurteile, indem er die M
ethode anwendet, Einzelfälle als beispielhaft für die Millionen Angehörigen der
deutschen Wehrmacht hinzustellen. Abgesehen von »noch nicht einer Handvoll« gibt
es, wie er behauptet, keine Ausnahme. An unzähligen Stellen seiner zwischen 194
1 und 1945 verbreiteten Hetzschriften kommt zum Ausdruck, worum es ihm zu tun is
t: Die Soldaten der Roten Armee sollten zu einem erbarmungslosen Vernichtungskri
eg gegen die Deutschen aufgestachelt werden. »Unser Geschäft besteht darin, Deut
sche zu töten es kommt nicht darauf an wie«, schreibt er am 20. September 1941,
und darin liegt das Geheimnis aller seiner Bemühungen. ...
»Schieße, um zu töten, Genosse!«, ermunterte er die Rotarmisten am 31. Juli 1941
, und am 20. Februar 1942: »Du bist beauftragt, sie zu töten schaffe sie unter d
ie Erde!«, und ebenso am 16. März 1944: »Töte die Deutschen!« »Eine Bauersfrau m
it einem freundlichen russischen Gesicht«, so behauptete Ehrenburg am 14. Januar
1942, »sagte zu mir: Sie haben Angst, an die Front zu gehen. Einer von ihnen we
inte. Er sagte zu mir: >Bete für mich, kleine Mutter!< und zeigte auf die Ikone.
Und ich betete wirklich auch für ihn: >Mögest Du getötet werden, Du Teufel!<« »
Selbst die alten Leute«, so Ehrenburg, »sprechen nur einen einzigen Wunsch aus:
>Töte den ganzen Haufen von ihnen! <« Am 11. März 1942 lobte er einen jungen Pan
zermann, der gar nicht mehr sagen konnte, wieviele Deutsche er getötet hatte: »S
eine Worte«, so Ehrenburg, »sind von der Bescheidenheit und Kraft eines Künstler
s, der gerade ein großes Gemälde vollendet hat.« »Unsere Antwort ist das Blut de
r Invasoren«, wiederholte Ehrenburg am 30. März 1942, »Im Winter machte es den e
wigen Schnee schmelzen. Im Sommer wird es den trockenen Boden durchtränken.«
Ehrenburg findet immer neue Formen zur Propagierung seiner Mordgelüste: »Der Deu
tsche soll getötet werden. Man muß ihn töten ... Fühlst Du Dich übel? Fühlst Du
in Deiner Brust einen Albdruck? Töte einen Deutschen! Willst Du schneller nach H
ause? Töte einen Deutschen! Wenn Du ein gerechter und gewissenhafter Mensch bist
töte einen Deutschen! ... Töte! «
Ein Oberst erzählte ihm, was mit den Deutschen geschehen war, als die Sowjettrup
pen die Befestigungsanlagen von Brest erreichten: »In diesen Anlagen töteten wir
sie, erstachen und schlachteten sie (... »bili, kololi, rezali«). Ehrenburg: »D
as Schlangennest muß zertreten werden! Mit Schwertern wollen wir durch Deutschla
nd marschieren ... Und wenn es mir einmal, genau wie Euch, untragbar schwer ums
Herz ist, dann denke ich an das schöne Wort: Stalin!«
»Diesen Stamm (der Deutschen) vernichten wir« (etu porodu my unictozaem), schrie
b Ehrenburg am 25. Oktober 1942. »Die Deutschen sind keine Menschen«, heißt es z
ur selben Zeit in seinem berüchtigten Aufruf »Ubej!« (Töte!, der unter den sowje
tischen Truppen weiteste Verbreitung fand und den Rotarmisten immer wieder einge
hämmert wurde: »Von nun an ist das Wort >Deutscher< für uns der allerschlimmste
Fluch. Von nun an bringt das Wort >Deutscher< ein Gewehr zur Entladung. Wir werd
en nicht sprechen. Wir werden uns nicht aufregen. Wir werden töten. Wenn Du nich
t im Laufe eines Tages wenigstens einen Deutschen getötet hast, so ist es für Di
ch ein verlorener Tag gewesen. ... Wenn Du einen Deutschen getötet hast, so töte
einen zweiten für uns gibt es nichts Lustigeres als deutsche Leichen. Zähle n
icht die Tage. Zähle nicht die Kilometer. Zähle nur eines: Die von Dir getöteten
Deutschen! Töte den Deutschen!, so ruft die Heimaterde. Versäume nichts! Versie
h Dich nicht! Töte!«
Der Haß Ehrenburgs verfolgte die deutschen Soldaten über den Tod hinaus, und imm
er wieder mischen sich in seine Aufrufe unverkennbare Züge moralischen Irrsinns.
Dies aber muß man wissen, das Wort Ehrenburgs war das Wort der Sowjetunion, er
war es, der den Willen Stalins und der Sowjetführung den Truppen der Roten Armee
einprägte.
»Der Mond wirft sein giftiges, grünes Licht auf den Schnee«, so begeisterte er s
ich in der Einleitung der 1943 erschienenen und von dem Schriftsteller J. B. Pri
estley enthusiastisch kommentierten britischen Ausgabe seines Kriegsbuches RUSSI
A AT WAR, »auf Deutsche, Tausende und Abertausende von ihnen, manche von Granate
n zerrissen, manche von Panzern zerquetscht... Ein Oberst zeigt seine alten gelb
en Ratten¬-Fangzähne ... Deutsche sind zerstampft, zerstückelt, zerhackt ... Hie
r liegen Bierbrauer, Schweineschlächter, Chemiker, Henker, hier liegen Deutsche
... Fetzen menschlicher Leiber ... Hände ohne Körper, die aus dem Schnee herausr
agen wie gespenstische Pflanzen.« ...
Ehrenburg hat niemals einen Hehl daraus gemacht, daß er einen Unterschied zwisch
en deutschen Militärpersonen und Zivilpersonen nicht anerkenne. Deutschland ist
für ihn »eine gewaltige Gangsterorganisation«, das deutsche Volk »eine Verbreche
rbande von vielen Millionen« ...
»Ein verfluchter Stamm«, rief er am 2. November 1944 aus, und am 12. April 1945
zählte er die Gründe auf, warum ein jeder Sowjetmensch von einem »leidenschaftli
chen Haß« erfüllt sein müsse, ... ebenso von einer tiefen Verachtung für die Deu
tschen«. Haß und Verachtung waren für ihn ein und dasselbe. Und allein eine Ausw
ahl der an dieser Stelle von ihm angegebenen Gründe hierfür erfüllt für sich all
ein schon den Tatbestand des Völker und Rassenhasses, was auch sofort in die Au
gen springt, wenn man anstatt von >deutsch< die ethnische Bezeichnung eines ande
ren Volkes setzen wollte, etwa die jenes Volkes, dem Ehrenburg selber entstammte
.
»Wir verachten die Deutschen, weil sie moralisch und physisch schamlos sind«, so
machte er sich zum Sprecher angeblicher Gefühle der Sowjetmensehen, »Wir verach
ten die Deutschen wegen ihrer Stupidität«, »Wir verachten die Deutschen wegen ih
rer Habgier«, »Wir verachten die Deutschen wegen... ihres Blutdurstes, der mit s
exueller Perversion verbunden ist«, »Wir verachten die Deutschen wegen ihrer Gra
usamkeit der Grausamkeit des Wiesels, das den Wehrlosen erwürgt«, ... »Wir ver
achten sie, weil wir Menschen sind und Sowjetmenschen dazu.« »Der Anblick deutsc
her Männer und Frauen«, so setzte er bekräftigend hinzu, »dreht einem den Magen
um. « Ehrenburg für seinen Teil lehnte es 1945 bewußt ab, sich an irgendwelchen
»Umerziehungs« Maßnahmen zu beteiligen ...
Und welche Beschreibung erhielten die Rotarmisten von den deutschen Frauen? Auch
über die Frauen ebenso wie über die Soldaten gibt es für Ehrenburg nur ein paus
chales Urteil: »Das Weib dieser Gattung wartet in seiner Höhle auf die Beute.« A
lle ohne Ausnahme sind für ihn »blutdürstig« und »absolut schamlos«. »Was die de
utschen Frauen angeht«, so Ehrenburg am 7. Dezember 1944"), »so rufen sie in uns
nur ein Gefühl des Abscheues hervor. Wir verachten sie, weil sie die Mütter, Fr
auen und Schwestern von Henkern sind. ...«
Was die Frauen in Deutschland in Wirklichkeit erfüllte, war die zutiefst menschl
iche Sorge um Leben und Gesundheit der auf dem sowjetischen Kriegsschauplatz käm
pfenden Männer. Ehrenburg verstand das sehr wohl, und er schlachtete dieses Mome
nt in einer ebenso infamen wie für ihn charakteristischen Manier aus. »Hundertta
usende deutscher Tote verfaulen in russischer Erde«, frohlockte er am 7. Oktober
1941. »An jedem Abend«, so schrieb er am 7. Dezember 1941, »sind Millionen deut
scher Frauen von Angst gepeinigt. An jedem Morgen erwachen mehrere Tausend neuer
Witwen in Deutschland. Der Gestank menschlichen Fleisches scheint von Osten her
überzuwehen.« »Ihr Gustav ist getötet worden«, wandte er sich am 26. November 19
41 höhnisch an Frau Gertrud Holmann, »Er liegt am Volchov in einer Schneeverwehu
ng begraben ... Hier gibt es nichts außer weißem, mitleidlosem Schnee, und Gusta
v liegt in ihm tot, das Gesicht nach unten ... Sie werden dort bis zum Frühjahr
wie Fleisch im Kühlhaus liegen.«
Das Leid der Frauen und Mütter ist der Gegenstand seiner besonderen Freude und s
eines Spottes. »Wir können diese habgierige deutsche Hyäne sehen«, so Ehrenburg
am 25. Dezember 1941, »die ihre Lippen leckt und wir werden kurz sagen: >Meine D
ame, Sie erwarteten Geschenke. Sie haben erhalten, was Sie verdienen< ... Weine,
deutsche Frau! ... Und wenn Du nicht mehr weinen willst, dann tanze, scherze ..
. Im Frühjahr wird der Schnee schmelzen und Du wirst den Gestank der Leichen rie
chen!«
Immer wieder ergötzte Ehrenburg sich an dem Herzenskummer der Frauen, die ihre A
ngehörigen verloren hatten, so in abstoßender Weise am 10. Dezember 1941. Der So
hn von Frau Frieda Behl, ein deutscher Soldat, wurde erschossen, anscheinend aus
dem Hinterhalt. »Jetzt weint sie«, so Ehrenburg, »und andere deutsche Frauen we
inen ebenso. Weinen Sie, meine Damen ... « In Paris wurden drei deutsche Offizie
re hinterrücks erschossen, angeblich als Sühne für den doch regulär und unter Be
achtung würdiger Formen abgeschlossenen Waffenstillstand von Compiègne 1940: »Fr
au Müller«, höhnte Ehrenburg, »trinkt ihr Sohn noch immer Champagner in den Bars
von Paris? Halten Sie Ihre Trauerkleider bereit, meine Dame ... «
In Norwegen wurden vier deutsche Soldaten bei Nacht und Nebel von »mutigen Fisch
ern« aus dem Hinterhalt beseitigt: »Die See spült eine Leiche an. Frau Schurke,
trinkt Ihr Erstgeborener noch immer Aquavit in Oslo? Legen Sie einen Stapel von
Taschentüchern bereit und geben Sie den Gedanken an ein Grab mit Blumen auf ...
Die Leute hassen selbst die toten Deutschen noch.«
Im Piräus sprengten Freischärler ein militärisches Depot in die Luft. 18 deutsch
e Soldaten wurden getötet: »Frau Schuller, trinkt Ihr geliebter Sohn Muscat in A
then? ... Die Deutschen werden ihn gewiß mit Ehren begraben ... Aber die griechi
schen Frauen ... werden auf das Grab Ihres Sohnes speien.« »Weint lauter, Frauen
von Deutschland!«, ruft Ehrenburg froh bewegt, »Ihr werdet Eure Söhne nicht meh
r wiedersehen, noch werdet Ihr ihre Gräber finden.«
Solange die deutschen Truppen auf sowjetischem Boden standen, konnten sich die S
owjets nur an Kriegsgefangenen und an der antisowjetisch eingestellten Bevölkeru
ng vergreifen oder an den Einwohnern der wiedereinge¬nommenen Gebiete, die ein v
ielleicht nur leidliches Verhältnis zur deutschen Besatzungsmacht unterhalten ha
tten. Mit dem ersten Überschreiten der Reichsgrenze im September 1944 trat die R
ote Armee dann in unmittelbare Berührung auch mit der deutschen Zivilbevölkerung
. Ehrenburg unternahm alle Anstrengungen, um den Rotarmisten seine Vorstellungen
von einer Behandlung der Deutschen noch einmal nahezubringen. »Wehe Dir, Deutsc
hland!«, hatte es bei ihm am 20. Januar 1942 geheißen, »Wehe dem Land der Meuche
lmörder!«, »Wehe dem Land der Schurken!«
In einem programmatischen Artikel vom 24. August 1944 anläßlich der bevorstehend
en Grenzüberschreitung legte er Wert auf die Feststellung, die Rote Armee höre m
it Erreichen der Grenzen Deutschlands auf, eine Armee der Befreier zu sein. »Jet
zt werden wir Richter sein«, verkündete er, doch Richtertum, das war in seinen A
ugen gleichbedeutend mit Rächertum. »An den Grenzen Deutschlands laßt uns noch e
inmal den heiligen Eid wiederholen, nichts zu vergessen ... Wir wurden an die Gr
enzen Deutschlands durch Stalin geführt, der weiß, was Muttertränen bedeuten. St
alin weiß, daß die Deutschen Kinder lebendigen Leibes begruben, und in der dunke
lsten Stunde sagte Stalin, er werde die Schurken besiegen. Wir sagen dies mit de
r Ruhe eines lange herangereiften und unüberwindlichen Hasses. Wir sagen dies je
tzt an den Grenzen des Feindes: Wehe Dir, Deutschland!«
»Es darf keine Gnade geben«, hämmerte er den Rotarmisten am 8. Februar 1945 ein:
»Wir marschieren durch Pommern. Nun ist die Rache über die Deutschen gekommen .
.. Doch Deutsche bleiben Deutsche, wo immer sie sind ... Sie rennen, aber sie kö
nnen nirgendwo hinrennen ... Renne, brenne, heule Deinen Todesschrei!«
In diesem Tone geht es bei Ehrenburg weiter: »Es ist reine Freude, die mein Herz
erfüllt, wenn ich die größte Piratenprovinz Deutschlands (gemeint war die fried
liche Agrarprovinz Ostpreußen) in Flammen und Verwirrung sehe ... Warum bin ich
nur so froh, wenn ich durch die Straßen deutscher Städte gehe?«, fragt er am 1.
März 1945 in einem Aufsatz unter der Überschrift »Die Ratten verlieren die Tiger
haut«. Aber er versichert am 15. März 1945: »Wölfe waren sie und Wölfe bleiben s
ie.«
Und Ehrenburg, der die offizielle Linie der sowjetischen Haßpropaganda wiedergab
, stand mit seiner Meinung nicht allein. »Sie sind eingefangene Raubtiere«, schr
ieben Gorbatov und Kurganov am 8. März 1945 über die Deutschen, »Ihre Raubzähne
sind ihnen ausgebrochen, aber ihre Bosheit ist geblieben.« Und Polevoj fragte am
1. Februar 1945 einen Rotarmisten: »Was für eine Art sind sie, diese Deutschen?
« »Nichts als Bestien!«, so wie selbstverständlich die Antwort.
»Lassen wir sie denn heulen in den dunklen, mondlosen Nächten vor dem Ende«, sc
hrieb Ehrenburg am 22. März 1945 über die deutschen Frauen, »Deutschland wird so
viele Tränen vergießen, daß sich die scheußliche Spree zu einem breiten Strom a
usweitet ... Wir sind nach Deutschland gekommen, um ihm den Garaus zu machen.« -
»Es ist nicht damit getan, Deutschland zu besiegen. Es muß ausgelöscht werden«,
so lautet die Parole in immer neuen Wendungen.
Alle Deutschen zu vernichten, war natürlich schon rein technisch auch nicht mögl
ich. Es blieb daher nur ein bescheideneres Ziel, das Ehrenburg am 8. März 1945 u
nmißverständlich aussprach: »Die einzige historische Mission, wie ich sie sehe,
besteht bescheiden und ehrenwert darin, die Bevölkerung von Deutschland zu vermi
ndern.«
In den Herbst und Wintertagen des Jahres 1944/1945, als die britische Besatzung
smacht in den westlichen Reichsgebieten schon ihre Mühe hatte, Racheakte eines T
eiles der zur Zwangsarbeit verschleppten Russen und Polen an der deutschen Bevöl
kerung zu unterbinden und einem entstehenden Räuberunwesen zu steuern, das den b
ritischen Militärgouverneur, Feldmarschall B. R. Montgomery, noch zu drakonische
n Maßnahmen veranlassen sollte, hatte Ehrenburg seinem Anliegen nachhaltig und b
eweiskräftig Ausdruck verliehen.
»Sie« (die Fremdarbeiter), so ließ er sich in einem vielleicht schon vorher verö
ffentlichten Artikel am 19. Oktober 1944 vernehmen, einen Tag bevor sowjetische
Truppen die Bewohner von Nemmersdorf und Umgebung im Regierungsbezirk Gumbinnen
grausam abschlachteten, »machen sich keine Kopfschmerzen darüber, was mit den De
utschen geschehen muß, ob man ihnen die Reste von Moral beibringen oder sie mit
Hafermehlbrei füttern sollte. Nein. Dieses junge Europa weiß seit langem, daß di
e besten Deutschen die toten Deutschen sind ... Das Problem, das die Russen und
Polen vermutlich zu lösen suchen, ist die Entscheidung, ob es besser ist, die De
utschen mit Äxten oder Knüppeln zu erschlagen. Sie sind nicht interessiert an ei
ner Reform der Einwohner ... Sie sind interessiert daran, ihre Zahlen zu vermind
ern.«
Und Ehrenburg, mit dem der Reichskanzler a. D. Dr. Wirth nach dem Kriege in der
Schweiz freundliche Gespräche führte, der später zumindest im Gespräch war als K
andidat für die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, fügte
hinzu: »Und es ist meine bescheidene Meinung, daß die Russen und Polen ... recht
haben.«
Die hetzerischen Aufrufe Ehrenburgs wurden in der Sowjetunion millionenfach verb
reitet und den Rotarmisten im Rahmen des politischen Unterrichtes, der eine zent
rale Rolle bei der Kampfesvorbereitung spielte, wieder und wieder in Erinnerung
gebracht. Doch blieb die Erzeugung von Haßgefühlen gegen das deutsche Volk und d
ie deutschen Soldaten nicht auf Ehrenburg und die in der Propaganda eingesetzten
sowjetischen Schriftsteller und Journalisten beschränkt. Auch der militärische
und politische Führungsapparat der Roten Armee nahm daran zielgerichtet Anteil,
bildete der antideutsche Volks und Rassenhaß doch einen wesentlichen Faktor im
Rahmen der sowjetischen Kriegsanstrengungen. Es wird zu zeigen sein, welche Folg
erungen die Angehörigen der Roten Armee aus diesen Bemühungen zogen.

10. Die Ermordung deutscher Kriegsgefangener begann am 22. Juni


1941
Die Kriminalisierung des gegnerischen Heeres setzte unmittelbar nach Kriegsbegin
n ein und wurde das eigentliche Betätitgungsfeld der Hauptverwaltung für Politis
che Propaganda der Roten Armee (GUPPKA, bald Politische Hauptverwaltung) und der
ihr nachgeordneten Instanzen. »Tod dem faschistischen Gewürm«, war das Leitmoti
v in der von dem Chef der Hauptverwaltung, Armeekommissar Mechlis, am 14. Juli 1
941 herausgegebenen Weisung Nr. 20 an die >Abteilungschefs für Politische Propag
anda bei den Verbänden und Armeen< »zur unbedingten Durchführung« zustellen lie
ß. Die deutschen Soldaten wurden den Rotarmisten demnach dargestellt als »hitler
ische faschistische Lumpen«, als »faschistische Barbaren«, »faschistische Raubti
ere«, so die Parole, »Zermalmt zu Staub die feindlichen Horden«, »Zerschmettert
die Banden Hitlers mit dem Geschoß, erdrückt sie mit Stahl, merzt sie aus mit F
euer«, »Möge das faschistische Gewürm vor Hunger verrecken.«
Solche und ähnliche Aufrufe der Hauptverwaltung wurden sofort aufgegriffen und w
eitergegeben, wie ein am 14. Oktober 1941 vor dem Stabe einer Schützendivision g
ehaltener Vortrag des bereits genannten Funktionärs Musev von der Politischen Ve
rwaltung der 22. Armee illustriert. Musev diskriminierte das deutsche Heer als e
ine zuchtlose Bande von Räubern, Dieben und Säufern, dazu aufgerufen, »straflos
zu plündern, die wehrlose Bevölkerung zu töten, Frauen zu vergewaltigen, Städte
und Dörfer zu zerstören und zu verbrennen«. Und was die Diskriminierung des Gegn
ers anging, so standen die Führungsstellen den politischen Organen der Roten Arm
ee in keiner Weise nach.
Marschall der Sowjetunion Budennyj, Oberbefehlshaber der Südwestrichtung, nannte
die deutschen Truppen in seinem Befehl Nr. 5 vom 16. Juli 1941 »Banden des Mens
chenfressers Hitler«, die Soldaten bezeichnete er als »faschistische Bestien«.
Für Marschall der Sowjetunion Vorosilov, Oberbefehlshaber der Nordwestrichtung,
waren sie gemäß Befehl Nr. 3 vom 14. Juli 1941 nichts anderes als »viehische Fas
chisten«, »faschistische Aasgeier«, »faschistische Banditen«.
Und Marschall der Sowjetunion Timogenko, der bisherige Volkskommissar der Vertei
digung, Oberbefehlshaber der Westrichtung, geißelte die deutschen Soldaten in ei
nem Aufruf an die Bewohner der besetzten Gebiete vom 6. August 1941 als »Hitlerb
anden«, »faschistische Ungeheuer«, »deutsche Räuber«, zu deren Vernichtung ein j
edes Mittel recht sei. »Offiziere und Soldaten in den grünen Mänteln sind keine
Menschen, sondern wilde Tiere«, heißt es in einem Flugblatt der Politischen Verw
altung der Nordwestfront am 25. März 1942 »vernichtet deutsche Offiziere und Sol
daten, wie man tolle Hunde erschlägt.«
Die unterschiedslose Verteufelung der Soldaten des gegnerischen Heeres fand eine
klare Zielsetzung, als es galt, Rotarmisten davon abzuhalten, sich dem Gegner g
efangenzugeben. Denn in der Roten Armee wurde die These verbreitet, Sowjetsoldat
en hätten in der Kriegsgefangenschaft den sicheren Tod zu erwarten. Hatte etwa d
er Vorsitzende des Rates der Volkskommissare, Molotov, schon nach dem Winterkrie
g in seiner Rede vom 29. März 1940 vor dem Obersten Sowjet der UdSSR die angebli
ch »unerhörten Barbareien und Bestialitäten der Weißfinnen gegen die in Gefangen
schaft geratenen Rotarmisten« angeprangert, so mußten solche Vorwürfe natürlich
erst recht im Hinblick auf die deutsche Wehrmacht gelten. In diesem Sinne verkün
dete auch Mechlis am 14. Juli 1941, die Deutschen würden ihre Gefangenen »peinig
en, foltern und viehisch töten«. Der Politischen Hauptverwaltung kam es jetzt da
rauf an, »unversöhnlichen Haß, die Wut gegen den Feind« anzufachen und den Trupp
en einen »unstillbaren Rachedurst für die Greueltaten« anzuerziehen. Diesem Zwec
k diente auch eine in Leningrad 1941 herausgegebene Propagandaschrift »Faschisti
sche Greueltaten an Kriegsgefangenen«, die in Verbindung mit einer entsprechende
n Rede und Note Molotovs vom 6. November 1941 über angebliche Untaten gegenüber
Kriegsgefangenen praktisch die von nun an bis 1943 und darüber hinaus bis zum Kr
iegsende gültige Linie der sowjetischen Propaganda in dieser Frage festlegte.
Vor diesem allgemeinen Hintergrund war es denn auch nicht verwunderlich, daß sch
on am 3. Kriegstage, dem 24. Juni 1941, der Kriegsgefangene Pocinko aussagte, di
e Rotarmisten seien aufgefordert worden, »keinem deutschen Soldaten Pardon zu ge
ben, da man auf sie auch keine Rücksicht nehme und sie martere«, ihnen, wie es h
ieß, »Finger, Nase, Ohren, Kopf abschneide oder den Rücken aufschneide und die W
irbelsäule herausnehme, bevor sie erschossen würden«. Einer gründlichen Befragun
g unterworfene hohe Offiziere der sowjetischen 6. und 12. Armee waren diese Zusa
mmenhänge bekannt, indem sie am 16. August bereitwillig einräumten, »daß die Erm
ordung von deutschen Kriegsgefangenen auf Grund der hetzerischen antideutschen P
ropaganda möglich sein könnte«. Was schließlich war auch anderes zu erwarten, we
nn den Rotarmisten ständig Greueltaten wie diese in einem Flugblatt aus jenen Ta
gen vor Augen gehalten wurden: »Jeden Tag erschienen dort betrunkene Nazioffizie
re, die die Verhafteten mißhandelten, ihnen die Augen ausstachen, die Arme zerbr
achen oder abschlugen, sie zerfleischten und viele lebendig begruben«
Die Ermordung gefangener deutscher Soldaten und Verwundeter begann, ohne daß bez
eichnenderweise die Haßaufrufe der Führungsstellen gegen die Eindringlinge berei
ts wirksam sein konnten, schlagartig am ersten Kriegstage, dem 22. Juni 1941, un
d zwar auf der ganzen Linie der Front. So war Leutnant Hundrieser, ein Forstrefe
randar im Zivilberuf, als er am Morgen des 22. Juni 1941, wenige Kilometer von d
er deutsch-litauischen Grenze entfernt, der Angriffswelle folgte, wie er in der
kriegsgerichtlichen Untersuchung zu Protokoll gab, Augenzeuge der Ermordung von
zehn zurückgebliebenen Verwundeten des Infanterieregimentes 311. Bezeugt ist die
Ermordung eines liegengelassenen Verwundeten des Infanterieregimentes 188 an eb
en diesem 22. Juni 1941 bei Jaworow und die Ermordung und anschließende Beraubun
g einer größeren Anzahl verwundeter und kriegsgefangener Soldaten des Infanterie
regimentes 192 an demselben Tage bei Jagodzin.
Gefangengenommene Flugzeugbesatzungen sind schon in den ersten Kriegstagen fast
ausnahmslos umgebracht worden. Noch im Morgengrauen des 22. Juni 1941 ist ein be
i Kedainiai mit Fallschirm abgesprungener Unteroffizier des Kampfgeschwaders 77
unmittelbar nach seiner Landung von herbeigeeilten Sowjetsoldaten erschlagen wor
den; aus seinem Gebiß wurde eine Goldkrone herausgetrennt. Die polnische Hausfra
u Maria Morocz war Augenzeugin der Erschießung eines verwundeten Fliegers, dem s
ie hatte Hilfe bringen wollen, durch sowjetische Soldaten bei Socho Wola. Die V
ölkerrechtsverletzungen durch Angehörige der Roten Armee nahmen in der Tat schon
in den Junitagen 1941 einen solchen Umfang an, daß hier nur wenige der kriegsge
richtlich untersuchten und durch Zeugenaussagen erhärteten Fälle aufgeführt werd
en können.
Am 24. Juni 1941 wurden 12 zurückgebliebene Verwundete eines mit dem Pionierbata
illon 23 angreifenden Infanterieregimentes bei Surai westlich von Bialystok in e
inem furchtbar verstümmelten Zustand aufgefunden. Einer der verwundeten Soldaten
war an einem Baum festgenagelt worden, man hatte ihm die Augen ausgestochen und
die Zunge herausgeschnitten. Am 25. Juni 1941 fand man Angehörige eines Spähtru
pps des Infanterieregimentes 36 in Zugstärke in einem Dorf in Ostpolen zusammeng
etrieben und in »bestialischer Weise hingeschlachtet« In dem Festungswerk Skomo
rocchy nördlich von Sokal wurden am 1. Juli 1941 die tags zuvor verstümmelten Le
ichen des Majors Söhngen vom Infanterieregiment 7 sowie eines Oberleutnants, zwe
ier Oberfeldwebel und anderer Soldaten aufgefunden. Eine medizinische Untersuchu
ng durch Stabsarzt Dr. Stankeit und Feldunterarzt Wendler erbrachte den Befund,
daß hier schwere Gewalteinwirkung, besonders im Augenbereich, durch glatte Schni
tte vorgelegen haben muß. Oberleutnant Hufnagel von der 9. Panzerdivision entdec
kte an der Straße Busk - Tarnopol nach der Grenzüberschreitung Ende Juni 1941 et
wa 80 massakierte Soldaten, darunter drei Offiziere, eines nicht genannten Infan
terieregimentes.
Ebenfalls Ende Juni 1941 waren die Angehörigen einer bei Bialystok am Übergang e
ines Flüßchens abgeschnittenen Vorausabteilung anscheinend des Infaterieregiment
es 9 niedergemacht und verstümmelt worden. Ende Juni 1941 wurden der Stab und rü
ckwärtige Teile der 161. Infanteriedivision bei Porzecze von Sowjettruppen überf
allen, bei welcher Gelegenheit eine Reihe auch verwundeter Offiziere und Soldate
n in Gefangenschaft geriet. Der evangelische Wehrmachtpfarrer Klinger und der ka
tholische Kriegspfarrer Sindersberger machten am 8. und 15. Juli 1941 als Augenz
eugen folgende kriegsgerichtlichen Aussagen: Leutnant Sommer und sechs Soldaten
sind bei lebendigem Leibe verbrannt, Leutnant Wordell und andere Soldaten erscho
ssen oder erschlagen und beraubt worden. Ermordet worden war zudem an einer Rote
Kreuz Armbinde deutlich erkennbares Sanitätspersonal, darunter Oberarzt Dr. Ade
lhelm und Assistenzarzt Dr. Hottenroth, die mit anderen Erschlagenen aufgereiht
nebeneinander lagen. Am 28. Juni 1941 haben Sowjetsoldaten in der Gegend von Min
sk eine als solche deutlich gekennzeichnete Kolonne des Krankenkraftwagenzuges ü
berfallen und einen Großteil der Verwundeten und der begleitenden Sanitätssoldat
en niedergemetzelt. »Das entsetzliche Schreien der Verwundeten« war nach Aussage
eines Überlebenden lange zu hören. Überhaupt ist neben Verwundeten schon in den
ersten Kriegstagen an zahlreichen Stellen auch Sanitätspersonal völkerrechtswid
rigen Gewaltakten zum Opfer gefallen.
Die vom 22. Juni 1941 an »auf der ganzen Front« zu konstatierenden >wilden< Mord
taten der Angehörigen der Roten Armee an deutschen Kriegsgefangenen, so >bestial
isch< sie im einzelnen auch waren, sind freilich noch zu unterscheiden von den e
benfalls mit Kriegsbeginn einsetzenden Massenmorden, die vom NKVD durchgeführt w
urden. Wie die Kommission des amerikanischen Kongresses unter dem Vorsitz des Ab
geordneten Charles J. Kersten in ihrem Spezialbericht Nr. 4 vom 31. Dezember 195
4 zusammenfassend feststellte, erschossen das NKVD und seine Handlanger »in jede
r Stadt der westlichen Ukraine in den ersten Tagen des Krieges alle politischen
Gefangenen mit Ausnahme von einigen wenigen, die wie durch ein Wunder gerettet w
urden«.
Dieser Massenmord betraf allerdings nicht nur die Insassen der Gefängnisse und K
onzentrationslager der westlichen Ukraine, also Ostpolens, sondern ebenfalls die
der baltischen Länder, Weißrußlands und, im Zuge des weiteren Vordringens der d
eutschen Truppen, auch die des tiefen sowjetischen Hinterlandes. Ukrainische, po
lnische, litauische, jüdische, lettische, estnische und natürlich überall auch r
ussische Zivilpersonen jeden Alters und Geschlechtes, aber auch Volksdeutsche un
d andere, sind diesen vorsätzlich geplanten und kaltblütig durchgeführten system
atischen Erschießungen allerorts zum Opfer gefallen. Aus der Vielzahl der Örtlic
hkeiten, die Schauplatz solcher Gefangenenmorde waren, seien stellvertretend gen
annt für Ostpolen (die Westukraine): Dubno, Luck, Dobromil', Zolkiew, Brzeznay,
Rudki, Komarno, Pasichna, Ivano Frankivsk (Stanislav), Cortkov, Rovno, Sarny, Dr
ogobyc (Drahobych), Sambor, Tarnopol', Stalino (Jusowka) und natürlich Lemberg,
für Litauen: Pravieniskies, Rumsiskes (bei Kaunas), Kaunas (Kovno), Telsiai, Glo
bokie (östlich von Wilna), für Lettland: Riga, Dünaburg (Daugavpils), Rositten,
für Estland: Dorpat, Reval. Da fast überall Liquidierungen vorgenommen wurden, i
st es praktisch unmöglich, alle Mordstätten aufzählen zu wollen, erwähnt nur sei
, daß in Lemberg über 4000, in Luck 150011), in Dubno 500 Leichen") aufgefunden
wurden.
Das NKVD hat die Gefangenen oft aber nicht nur erschossen, sondern sie in zahlre
ichen nachgewiesenen Fällen, zum Teil in den Folterzellen, die integrierender Be
standteil von NKVD Gefängnissen sind, auch gefoltert und zu Tode gequält durch A
usreißen der Fingernägel, Verbrühen und Abziehen der Haut und ähnliche Scheußlic
hkeiten, wie sie den Traditionen der Ceka Lenins entsprachen. Der Gerichtsmedizi
ner, Stabsarzt Professor Dr. Buhtz, hat im Auftrage der Heeressanitätsinspektion
in einem »Vorläufigen Bericht über das Ergebnis der gerichtsärztlich kriminalis
tischen Untersuchungen bolschewistischer Völkerrechtsverletzungen im Bereiche de
r Heeresgruppe Nord« vom 4. Dezember 1941 eine Reihe solcher Fälle aufgeführt. S
o untersuchte er den Fall der Ermordung von drei römisch-katholischen Pfarrern i
n den ersten Kriegstagen in Lankiskiai, von denen einer gekreuzigt, einem andere
n der Mund zugenäht worden war, oder den Fall der Ermordung von drei Ärzten und
einer Krankenschwester in Panevèzys. Außer männlichen Gefangenen wurden in den e
rsten Junitagen oft auch Frauen und Kinder in den Gefängnissen und Lagern des NK
VD liquidiert oder zu Tode gefoltert.
In einem Bericht des Außenkommandos der Geheimen Feldpolizei ... vom 1. Juli 194
1, das am 26. Juni 1941 im Gefängnis von Dubno die Leichen von 550 tags zuvor Er
mordeten, darunter 100 Frauen, aufgefunden hatte, heißt es: »Der Anblick beim Be
treten des Gefängnisses und der Zellen war grauenvoll und ist in Worte nicht zu
kleiden. Über hundert Leichen, Männer, Greise, Frauen und Mädchen von etwa 16 Ja
hren, lagen erschossen und mit Bajonettstichen verstümmelt in den Zellen.«
Der Obergefreite Steinacker vom Stabe des Divisionsnachrichtenführers 61 erklärt
e in seiner kriegsgerichtlichen Vernehmung: »Alle Personen waren völlig entkleid
et. In jeder Zelle hingen etwa drei oder vier Frauen mit dem Kopf nach unten. Si
e waren mit Stricken an der Decke befestigt worden. Soweit ich mich erinnern kan
n, waren allen Frauen die Brüste und die Zungen herausgeschnitten worden. Die Ki
nder lagen zusammengekrümmt auf dem Fußboden.« Einige der Täter konnten ermittel
t werden, so der NKVD-Kommissar Vinkur und die Agentin des NKVD Èrenstejn.
Die Massakrierung von über 4000 ukrainischer und polnischer Gefangener in den Ge
fängnissen der Stadt Lemberg (so im Brigidki Gefängnis, im Zamarstynow Gefängnis
und im Gefängnis des NKVD) in allen ihren schrecklichen Einzelheiten ist bereit
s Gegenstand eingehender kriegsgerichtlicher Untersuchungen der Nachkriegszeit g
ewesen und bedarf hier keiner weiteren Ausführungen mehr. Der Gerichtsmediziner,
Stabsarzt Professor Dr. Schneider, äußerte am 21. Juli 1941 in einem dienstlich
en Schreiben an den Generalarzt Dr. Zimmer: »Es ist mir zur Gewißheit geworden,
daß die in Rußland kurz vor der Räumung der Städte durch die GPU vorgenommenen G
reueltaten an Ukrainern, Litauern, Letten und an gefangenen Wehrmachtangehörigen
alles bisher ... Bekanntgewordene an Grausamkeit und Scheußlichkeit weit in den
Schatten stellen ... Mein Assistent, welcher zwei Tage in Lemberg war, teilte m
it, daß sich das Geschehene weder beschreiben noch auch nur andeuten läßt. Die E
rmordeten wurden ohne jeden Zweifel vor ihrem Tode noch in sadistischer Weise ge
foltert, wobei eigens dazu hergerichtete Folterkammern verwendet wurden.«
Im vorliegenden Zusammenhang erheblich ist die hier erwähnte Tatsache, daß sich
unter den zivilen Opfern des NKVD Terrors in Lemberg eben auch gefangene Wehrmac
htangehörige befunden hatten. Denn auf sowjetischer Seite galt grundsätzlich die
Regelung, deutsche Kriegsgefangene völkerrechtswidrig aus dem Militärressort de
s Verteidigungskommissariates (NKO) in das Polizeiressort des Innenkommissariate
s (NKVD) zu überführen. ... Außer Heeressoldaten gelangten vor allem gefangene A
ngehörige der Luftwaffe frühzeitig in die Gefängnisse des NKVD, wo sie einen gew
altsamen Tod fanden. Bereits unter den Leichenbergen des Lemberger NKVD Gefängni
sses wurden mehrere Soldaten der deutschen Luftwaffe entdeckt, und noch am 29. J
uni 1941, vor der Flucht, hatten die NKVD Kommissare Loginov und Maslov im Lembe
rger Militärhospital drei verwundete deutsche Flieger, davon zwei Offiziere, ers
chossen.
Am 25. Juni 1941 wurden mehrere Besatzungsmitglieder eines bei Tarnopol' notgela
ndeten Bombenflugzeuges Ju 88 des Kampfgeschwaders 51, unter ihnen Oberfeldwebel
Harenburg, in das dortige Gefängnis des NKVD verbracht, um dort zusammen mit an
deren gefangenen Fliegern in unvorstellbar grausamer Weise ermordet zu werden. E
in von dem unkrainischen Bauern Picum und einigen Frauen verborgen gehaltenes Be
satzungsmitglied, Oberfeldwebel Scheurich, sowie Oberleutnant d. R. Dr. jur. Küs
ter, ein Bürgermeister, und Gefreiter Kaluza, ein Dozent für Fotografie im Zivil
beruf, beide vom Stabe des Artilleriekommandeurs 129, schilderten in einer krieg
sgerichtlichen Vernehmung unter Eid ihre Eindrücke. Demnach waren die Leichen de
r im Tarnopoler Gefängnis ermordeten Flieger teilweise gefesselt, ihnen waren di
e Augen ausgestochen, die Zungen, Ohren und Nasen abgeschnitten und zum Teil auc
h die Haut an Händen und Füßen abgezogen worden.
Ein grauenerregender Fund wurde am 27. Juni 1941 in der Zentrale des NKVD in Luc
k gemacht. Hier lagen, wie technischer Kriegsverwaltungsrat Brügmann von der 14.
Panzerdivision unter Eid bekundete, die verstümmelten Körper von vier deutschen
Luftwaffenangehörigen, unter ihnen Leutnant Sturm und ein unbekannter Oberleutn
ant, denen die Gliedmaßen abgehackt und fürchterliche Brandverletzungen mit eine
m daneben aufgefundenen Lötkolben beigebracht worden waren. Zwei Sanitätsoffizie
re der Luftwaffe, Oberstabsarzt Dr. Golla und Oberarzt Dr. Knak, obduzierten am
9. Oktober 1941 die Leichen von 11 deutschen Fliegern und zwei Heeressoldaten, d
ie im NKVD Gefängnis von Proskurov aufgefunden worden waren. Wie der Ukrainer Ko
lomyec, ein Aufseher des Gefängnisses, in seiner kriegsgerichtlichen Vernehmung
aussagte, waren sie am 27./28. Juni 1941 eingeliefert und in der Nacht zum 4. Ju
li 1941 im Keller durch Genickschuß getötet worden. Auch in diesem Falle konnten
wie in Lemberg wenigstens einige der Täter namhaft gemacht werden: der Stellver
tretende Chef des NKVD in Proskurov, der Stellvertretende Chef des NKVD Gefängni
sses und Wachkommandant Kasansij sowie die Cekisten Wassermann, Machnevic und Lu
bcak. Leichen ermordeter deutscher Flieger wurden am 28. Juni 1941 auch im Gefän
gnis der Grenztruppen des NKVD in Slobodka entdeckt.
Wenngleich die systematischen Mordaktionen der Organe des Innenkommissariates (N
KVD) von den zügellosen Mordtaten von Angehörigen der Roten Armee zu unterscheid
en sind, so wurde unter dem Einfluß der nunmehr anlaufenden, ein jedes Maß spren
genden Haß- und Greuelpropaganda von Juli 1941 an eine zunehmende Flut von Völke
rrechtsverletzungen auch durch reguläre Truppen der Roten Armee konstatiert. Ein
e Vorstellung hiervon mag eine Reihe wahllos herausgegriffener Beispiele vermitt
eln. So waren am 1. Juli 1941 165 verwundete und unverwundete Angehörige des 11.
Bataillons des Infanterieregimentes 35 der 25. Infanteriedivision westlich von
Broniki zwischen Rovno und Luck erschossen oder erschlagen worden. Es geschah di
es, so die Aussagen einiger weniger Überlebender, vorsätzlich, nach vorausgegang
ener Beraubung und teilweiser Entkleidung der Soldaten, nach Fesselung der >Dien
stgrade< und unter den anfeuernden Rufen und der persönlichen Beteiligung einer
Gruppe sowjetischer Offiziere. Auch im Bereich des Infanterieregimentes 119 wurd
e am 30. Juni 1941 eine unbekannte Anzahl von Verwundeten ermordet.
Am 1. Juli 1941 haben sowjetische Soldaten im Rokitnogebiet etwa 20 Verwundete d
es Infanterieregimentes 465, unter ihnen Leutnant von Ponigau, verstümmelt und e
inige von ihnen lebendig verbrannt. Ebenfalls ermordet worden sind 80 Verwundete
der 295. Infanteriedivision, die auf dem Gefechtsfeld bei Dabrovka (südlich von
Rava Ruska) hatten zurückgelassen werden müssen. Westlich von Minsk fielen zu A
nfang Juli 1941 ungefähr 30 zum Teil durch Rote Kreuz Armbinden gekennzeichnete
Angehörige einer Sanitätskompanie einem sowjetischen Massaker zum Opfer. Laut Ze
ugenaussagen wurden am 8. Juli 1941 bei Bialystok 26 Angehörige eines Stoßtruppu
nternehmens und bei Supragl um dieselbe Zeit 20 in einen Hinterhalt geratene Ang
ehörige der Panzerjägerabteilung 23 überwiegend »bis zur Unkenntlichkeit« verstü
mmelt.
Assistenzarzt Dr. Berge bezeugte, daß bei Romanovka westlich von Berdicev am 10.
Juli 1941 48 Angehörige des 1. Bataillons des Infanterieregimentes 111, »auch d
ie Verwundeten und Gefangenen, durch Erschießen, Erstechen oder durch Kolbenhieb
e niedergemetzelt« worden seien. Mitte Juli 1941 sind in einem Waldstück bei Raj
a nördlich von Dorpat 17 zurückgelassene Verwundete des Infanterieregimentes 272
von den Sowjets nebeneinander gelegt und nach grausigen Verstümmelungen strangu
liert oder erschossen worden. Wie Oberstabsarzt Dr. Schmidt in der kriegsgericht
lichen Untersuchung unter Eid aussagte, waren in denselben Tagen 12 15 Verwundet
e, die vor dem Abtransport auf dem Feldflugplatz Bobrujsk dem Feind in die Hände
gefallen waren, zum Teil unter entsetzlichen Quälereien, wie Heraustrennen der
Augen, Abschneiden der Zungen, Zerquetschen der Hoden, getötet worden.
Ein durch Zufall überlebender verwundeter Gefreiter des Artillerieregimentes 1 h
atte mitansehen müssen, wie bei Are in Estland am 29. Juli 1941 uniformierte und
bewaffnete Sowjetfrauen seine verwundeten Kameraden ermordeten und einem von ih
nen, dem beide Beine abgeschossen worden waren, mit einem gebogenen Messer den B
auch aufschlitzten.
Unterarzt Dr. Stock berichtete unter Eid von der bestialischen Ermordung des Bat
aillonsarztes im Infanterieregiment 171, Oberarzt Dr. Reichardt, am 6. August 19
41 bei Celovka unweit von Korosten.
Am 16. August 1941 meldete die 16. Panzerdivision, am Bahnhof Grejgovo seien 40
Angehörige des Infanterieregimentes 79 und einige ungarische Soldaten ermordet a
ufgefunden worden.
Entsetzlich war das Schicksal von Soldaten einer Artillerieabteilung, die bei Vj
az'ma zu Anfang Oktober 1941 in verwundetem Zustand dem Feind in die Hände fiele
n. Wie Unterarzt Dr. Sonnleitner von der 2. Sanitätskompanie der 23. Panzerdivis
ion unter Eid aussagte, wurden sie ebenso wie 60 Verwundete in einer nahegelegen
en Scheune lebendigen Leibes verbrannt.
Demgegenüber mutet die von dem Russen Mazel bezeugte bloße Erschießung von 11 un
verwundeten und acht verwundeten Soldaten in Riavej (Gebiet Tula) auf Befehl ein
es unbekannten Politruks im Herbst 1941 schon fast gnädig an. Stabsarzt Professo
r Dr. Buhtz hatte im Bereich der Heeresgruppe Nord zwischen 28. August und 11. N
ovember 1941 insgesamt 44 ermordete deutsche Soldaten obduziert oder sonst geric
htsärztlich untersucht, darunter neun Flieger, 11 Infanteristen, 14 Panzerjäger
und andere Soldaten und Sanitätsdienstgrade. Seinem schon erwähnten Untersuchung
sbericht vom 4. Dezember 1941 ist zu entnehmen, daß der Tod bei den meisten von
ihnen nicht nur durch Erschießen, sondern auch durch gräßliche Marterungen herbe
igeführt sein mußte, durch Stiche, in einem Fall bei »bestialischer Mundfesselun
g«, stumpfe Schläge, Ausstechen der Augen, Durchschneiden der Kehle, Abschneiden
oder Abhauen von Gliedmaßen, Abschneiden oder Zerquetschen der Genitalien, Verb
rennen bei lebendigem Leibe.
Die am ersten Kriegstage auf der ganzen Linie der Front einsetzenden Tötungen de
utscher Kriegsgefangener und Verwundeter durch sowjetische Soldaten läßt die Fra
ge entstehen, wie die Führungsstellen der Roten Armee sich diesen Vorgängen gege
nüber verhielten. Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß die Sowjetregierung i
n Beantwortung einer Initiative des Internationalen Roten Kreuzes und im Hinblic
k auf die Haltung der Westmächte sich den Anschein zu geben versuchte, als würde
auch sie »unter der Bedingung der Gegenseitigkeit« die unter zivilisierten Staa
ten allgemein gültigen Grundsätze für eine völkerrechtsgemäße Behandlung von Kri
egsgefangenen anerkennen.
Der »Erlaß über Kriegsgefangene« des Rates der Volkskommissare vom 1. Juli 1941,
das Rundschreiben des Hauptintendanten der Roten Armee über Verpflegungsnormen
für Kriegsgefangene vom 3. Juli 1941 und der vom Chef der Hauptverwaltung Kriegs
gefangene und Internierte des NKVD bestätigte Vorschlag des Chefs der Sanitätsve
rwaltung der Roten Armee über eine angemessene Lazarettbehandlung der Kriegsgefa
ngenen vom 29. Juli 1941 sind jedoch - und dafür gibt es klare Beweise - nicht i
n die Truppe durchgedrungen, wurden jedenfalls, wie alle Beispiele zeigen, übera
ll gröblich mißachtet. Diese Erlasse verfolgten offenkundig den Hauptzweck einer
Täuschung des Auslandes ebenso wie etwa die vielgerühmte Stalinkonstitution vom
Jahre 1936, die alle nur denkbaren Menschen und Bürgerrechte in der UdSSR prok
lamierte und garantierte, von denen in der Praxis auch nicht eines ins Leben tra
t, sondern die alle in zynischer Weise in ihr Gegenteil verkehrt wurden. Anders
wäre es ja beispielsweise nicht zu begreifen, daß einem von dem Chef des General
stabes der Roten Armee, Marschall der Sowjetunion Saposnikov, an die Stabschefs
der Fronten und Armeen gerichteten Verbot, den »Kriegsgefangenen persönliche Wer
tgegenstände, Geld und Papiere« abzunehmen, ganz ostentativ entgegengehandelt wu
rde. ...
Viele Befehle, Berichte und Aussagen sowjetischer Offiziere und Soldaten lassen
jedenfalls die Hemmungslosigkeit erkennen, mit der Kriegsgefangene und Verwundet
e einfach niedergemetzelt wurden. So hatte noch vor dem 28. Juni 1941 der Komman
deur des MG Bataillons 36 die Erschießung aller deutschen Kriegsgefangenen bei R
ava Ruska befohlen. Der Kommandeur des Gebirgsschützenregimentes 225, Major Save
lin, befahl wegen bloßer Transportschwierigkeiten am 3. Juli 1941 westlich von S
tarozynine in der Bukowina, 400 rumänische Kriegsgefangene und einige kriegsgefa
ngene deutsche Offiziere und Unteroffiziere zu erschießen. Als die Krankenschwes
ter Elena Ivanovna Zivilova zu Anfang Juli 1941 bei Bjel' unweit von Suchari geg
en die beabsichtigte Erschießung eines verwundeten Deutschen auf dem Gefechtsfel
d protestierte, wurde sie anschließend von dem zuständigen Bataillonskommissar,
der bereits zu Ende Juni einen deutschen Kriegsgefangenen erschossen hatte, in G
egenwart von Oberleutnant Tolkac, Leutnant Chalijulin und einigen Politruks, zur
Rede gestellt und ihr ein Verfahren angedroht. Man schärfte ihr den Befehl ein,
alle gefangenen Offiziere künftig zu erschießen, und, wie sie aussagte: »Selbst
wir Krankenschwestern sollten mit unseren >Nagans< die Erschießung vornehmen.«
»Gefangene Offiziere wurden alle ohne Ausnahme erschossen«, so heißt es auch in
der Niederschrift eines Rotarmisten, der zu seinen Eltern nach Usovka zurückgeke
hrt war: »Gefangenenerschießungen habe ich viele gesehen ... An einer Stelle all
ein waren es 30.« Bei Chomutovka hatte dieser Rotarmist beobachtet, wie ein Poli
truk einen verwundeten Offizier und einen verwundeten Soldaten umbrachte. Für di
e Denkungsart auf unterer Ebene charakteristisch ist der von Unterleutnant Efrem
ov unterzeichnete Gefechtsbericht eines Panzers Nr. 304, dessen Besatzung von de
m »heißen Wunsch beseelt war ... recht viele von den faschistischen Reptilien zu
vernichten«. In diesem Rapport findet sich unter dem 31. August 1941 die Eintra
gung: »Ein Sanitätsfahrzeug mit 2 Pferden und 10 verwundeten Faschisten vernicht
et.« Der Chef der 1. Kompanie, Hauptmann Gadiev, meldete am 30. August 1941: »15
Mann Verwundete erschossen« und der Politische Leiter der Kompanie, Unterpolitr
uk Bulanov, am 5. September 1941: »1 Sanitätsabteilung zerschlagen«.
Zahlreich sind die Dokumente, aus denen die Verantwortung auch höherer Kommandos
tellen für Gefangenenmorde hervorgeht. So berichtete ein Major aus dem Stabe des
von Generalmajor Borisov geführten 21. Schützenkorps, auf Befehl des Korpsstabe
s seien am 4. Juli 1941 zwei deutsche Offiziere erschossen worden, und ein Kraft
fahrer aus dem Stabe der 154. Schützendivision sagte aus, zu Anfang August seien
22 deutsche Kriegsgefangene nach einer Vernehmung durch den Divisionskommandeur
und den Divisionskommissar durch Genickschuß getötet worden, nachdem sie zuvor
ihr Grab hatten ausheben müssen. Der Chef des Stabes der 26. Panzerdivision, Obe
rstleutnant Kimbar, und der Chef der Operationsabteilung, Major Chrapko, vermerk
ten im Operationsbericht Nr. 11 am 13. Juli 1941 ganz beiläufig als reine Selbst
verständlichkeit die Erschießung von 80 Kriegsgefangenen: »In die Gefangenschaft
begaben sich etwa 80 Menschen, die erschossen wurden«.
Daß derartige Untaten auch auf der Grundlage von Armeebefehlen erfolgen konnten,
hatte Oberst Gaevskij von der 29. Panzerdivision in seiner Aussage über die Ers
chießung niederer deutscher Offiziere vom 6. August 1941 bezeugt. Und es war den
n auch ganz folgerichtig, daß, wie der sowjetische Leutnant fon Granc, Bataillon
sadjutant im Schützenregiment 800, aussagte, schon vor dem Angriff auf Prokopovk
a am 9. September 1941 Befehl erteilt worden war, keine Gefangenen zu machen. Di
e Erschießung der verwundeten Offiziere hatte sich der Regimentskommissar dieses
Regimentes dabei persönlich vorbehalten. ...
Die völkerrechtlich zulässige Verweigerung von Aussagen ist in den Stäben zum An
laß genommen worden, um Kriegsgefangene zu erschießen. So ist, um einige von vie
len Beispielen herauszugreifen, am 14. Oktober 1941 in Ilinskoe der Chef einer d
eutschen Pionierkompanie nach einer Bedenkzeit von 20 Minuten und nachdem er zuv
or noch einen Brief an seine Angehörigen hatte schreiben dürfen, von dem Chef de
s Stabes der 53. Schützendivision persönlich erschossen worden ebenso wie ein de
utscher Obergefreiter auf Veranlassung von Oberstleutnant Cicerin, dem Chef des
Stabes einer nicht näher bezeichneten Division.
Obwohl entsprechende Handlungen immer wieder nachweisbar sind, scheint ein »allg
emeiner Befehl« zur Gefangenenerschießung in dieser Phase nicht bestanden zu hab
en, so daß die große Anzahl solcher Tötungen deutscherseits aufgrund der Aussage
n sowjetischer Offiziere und Soldaten schon im Juli 1941 auf »Einzel- oder Sonde
rbefehle« der verschiedenen Befehlsstellen zurückgeführt wurde. Kriegsgefangene
Offiziere beschuldigten sich dabei gegenseitig, solche Befehle zu erteilen, doch
scheinen in erster Linie die Kommissare verantwortlich gewesen zu sein, die auc
h am ehesten Gelegenheit hatten und dazu neigten, außer den Offizieren auch >Kap
italisten< oder >Faschisten< zu liquidieren. Da >die Sowjets<, wie der Wehrmacht
führungsstab am 15. September 1941 zusammenfassend feststellte, »vom ersten Tage
des Ostfeldzuges an auf der ganzen Front bestialisch gemordet haben«, scheidet
auch das manchmal gehörte Argument aus, es hätte sich eben um Vergeltungsmaßnahm
en für die Anwendung der berüchtigten Kommissarrichtlinien auf deutscher Seite g
ehandelt, die in der Roten Armee in der Anfangsphase des Krieges freilich überha
upt nicht bekannt gewesen sind.
Die Tatsache, daß sowjetische Kommandobehörden nachweislich immer wieder Befehl
erteilt hatten, nicht aussagewillige Kriegsgefangene zu erschießen, widersprach
durchaus nicht dem gleichzeitigen Bemühen, eigenmächtige Erschießungen durch die
Truppe zu verhindern, um die Kriegsgefangenen zu Vernehmungszwecken erst einmal
zugeführt zu erhalten. Es liegt hierüber ein vielfältiges Material vor, so wenn
der Kommandeur des Kavallerieregimentes 168, Oberst Pankratov, in der schwierig
sten Phase des Winters beanstandete und damit zugab, daß die untergeordneten Ein
heitsführer »die deutschen gefangenen Faschisten« sofort erschossen, anstatt sie
dem Stab zuzuführen, wodurch die Aufklärung der Feindlage verhindert werde. Der
Bataillonskommissar Kica warnte vor Selbstjustiz und davor, gefangengenommene S
oldaten und Offiziere wie bisher einfach zu erschießen, »ohne sie überhaupt ausz
ufragen«.
Über die Vernehmungsmethoden in den Stäben berichtete einer, der es wissen mußte
, ein gefangener Regimentskommissar, im Winter 1941/1942, es habe schon im Regim
entsstab neben einer einfachen eine »schwere Vernehrnung« und in den Armeestäben
eine Form »allerschwerster Vernehmung« gegeben, die von der Besonderen Abteilun
g des NKVD vorgenommen wurde. Bei der »schweren Vernehmung« im Regimentsstab wur
de der Kriegsgefangene, wenn er nicht aussagewillig war, im Beisein des Regiment
skommandeurs »von je einem der anwesenden Soldaten am Kopf und an den Füßen fest
gehalten und bekam mit einem Knüppel 5 - 10 Schläge über Gesäß und Rücken. Ist d
er Gefangene danach noch nicht bereit auszusagen, so werden die Schläge etwa 5 -
10 Minuten in verstärktem Maße fortgesetzt. Zwischendurch wird er noch einige M
ale befragt. Aufgehört wird erst mit dem Prügeln, wenn der Gefangene bewußtlos o
der tot ist.« Über die »schwerste Vernehmung« im Armeestab hatte Major Kijancenk
o mitgeteilt, »daß die nacktausgezogenen Gefangenen vom NKVD mit Gummiknüppeln g
eschlagen werden und daß dabei auch die Ohren abgeschlagen werden, da auch Schlä
ge ins Gesicht erfolgen. Außerdem werden ihnen dort die Fingernägel herausgeriss
en. Eine weitere Methode ist das Abschlagen der Fingerspitzen mit scharfen Messe
rn. Um die Wirkung zu erhöhen, wird die Fingerspitze nicht mit einem Schlage abg
etrennt, sondern allmählich mit mehreren Schlägen.« Bei entsprechenden Vernehmun
gen im Divisionsstab waren geflochtene Lederriemen gegen die hier ebenfalls entk
leideten Kriegsgefangenen in Gebrauch. Hatte der Kriegsgefangene nach einer »sch
weren Vernehmung« eine Aussage von nur geringer Bedeutung gemacht, so wurde er a
uf »Befehl des Regimentskommandeurs anschließend erschossen«.
Überhaupt, war die Vernehmung erst einmal durchgeführt, so nahmen die Kommandobe
hörden an dem weiteren Schicksal des Gefangenen keinen Anteil mehr, sondern über
gaben ihn der Besonderen Abteilung des NKVD, »von der man weiß, daß sie alle Gef
angenen erschießt«. So zum Beispiel hatte auch der Intendant der 57. Panzerdivis
ion, Rozencvejg, nach Aussage des Chefs der Operationsabteilung im Stabe der 1.
Motorisierten Proletarischen Division, Oberstleutnant Ljapin, am 16. September 1
941 zwei deutsche Offiziere nach der Vernehmung kurzerhand persönlich abgeknallt
. Ein sowjetischer Oberst berichtete am 21. Februar 1942 von der Erschießung ein
es deutschen Fliegeroffiziers sogar im Beisein des Oberbefehlshabers der 3. Arme
e, Generalleutnant Kuznecov, und anderer hoher Offiziere des Armeestabes. . . .

Und dennoch schimmert in manchen Dokumenten neben den Erwägungen rein militärisc
her Nützlichkeit so etwas wie ein politisches Motiv hindurch. So hatte der Oberb
efehlshaber der 5. Armee, Generalmajor Potapov in seinem Befehl Nr. 025 vom 30.
Juni 1941 das Erschießen deutscher Offiziere und Soldaten zwar als >vollkommen r
echtmäßig< bezeichnet, >selbständige< Erschießungen für die Zukunft zugleich abe
r verboten, und zwar nicht nur, um Gelegenheit zu erhalten, deutsche Soldaten zu
vor zu vernehmen, sondern auch aus dem eher politischen Grund einer Begünstigung
der Zersetzung des deutschen Heeres.
Der irrtümlicherweise anscheinend noch vom Klassengedanken erfüllte Chef der Abt
eilung für Politische Propaganda des 31. Schützenkorps, Brigadekommissar Ivancen
ko, beklagte in seinem Befehl Nr. 020 an die Politorgane der 193. Schützendivisi
on vom 14. Juli 1941 nicht nur, »daß Gefangene erwürgt und totgestochen werden«,
sondern auch »schändliche Fälle ... der Räuberei«, das heißt die gewaltsame For
tnahme sogar von »Uhren, Taschenmessern und Rasiermessern«. Der offenbar etwas w
eltfremde Brigadekommissar verwies auf die politische Schädlichkeit dieses »der
Roten Armee unwürdigen Verhaltens den Gefangenen gegenüber«, und er setzte den u
ntergeordneten politischen Organen auseinander, »daß der deutsche Soldat - Arbei
ter und Bauer - nicht freiwillig kämpft, daß der deutsche Soldat, wenn er sich i
n Gefangenschaft begibt, aufhört, ein Feind zu sein«, es also darauf ankomme, »a
lle Maßnahmen zur Gefangennahme von Soldaten und namentlich Offizieren zu ergrei
fen«. Und in völliger Verkennung der politischen Linie und tatsächlichen Verhält
nisse fügte er hinzu: »Denkt daran, daß Gefangenen erlaubt ist, alle persönliche
n Sachen zu behalten, die Uniform zu tragen und sogar ihre Orden.«
Ähnlich schärften der Chef des Stabes der 21. Armee, der später repressierte Gen
eralmajor Gordov, und der Kommissar des Stabes, Brigadekommissar Pogodin, in ein
em auch dem Militärstaatsanwalt und dem Chef der Besonderen Abteilung des NKVD d
er 21. Armee zur Kenntnis gebrachten Befehl vom 8. August 1941 den Truppen noch
einmal das angebliche »Verbot der Regierung« ein, »Gefangene grob zu behandeln u
nd sie ihrer persönlichen Habe zu berauben«, ob es sich dabei um eine »goldene U
hr« oder um »Taschentücher« handelte eine mehr als naive Vorstellung von den ü
blichen Praktiken der Soldaten der Roten Armee. Das die Rote Armee >entehrende U
nwesen< des Marodierens sollte sofort beendet werden. Das politische Motiv klang
, vielleicht schon weniger deutlich, noch in anderen Befehlen an, so wenn der Ko
mmandeur des 6. Schützenkorps, Generalmajor Alekseev, der Kriegskommissar, Briga
dekommissar Salikov, und der Chef des Stabes, Oberst Eremin, am 23. Juli 1941 er
klärten, es sei für die Führungsstellen unmöglich, Angaben über die Feindlage zu
erhalten, »da viele Einheiten des Korps die Gefangenen bisher erschossen haben«
. »Dem Chef der Politischen Propaganda der 159. Schützendivision, Bataillonskomm
issar Sevastjanov, und dem Chef der Besonderen Abteilung, Rachuv, wurde für den
>empörenden Fall< einer eigenmächtigen Erschießung immerhin ein Verweis ausgespr
ochen. Zugleich wurde den Divisionskommandeuren angedroht, es würden die für die
Verletzung internationaler Regeln Verantwortlichen künftig >strengstens< zur Ve
rantwortung gezogen werden. Und noch am 2. Dezember 1941 wandte sich der Chef de
s Stabes der Küstenarmee in Sevastopol' durch Befehl Nr. 0086 gegen die verbreit
ete Praxis, Kriegsgefangene ohne vorherige Vernehmung zu >vernichten<. Auch er s
ah in dem »vielfach geübten Verfahren, Gefangene schon bei der Festnahme zu ersc
hießen, ein Schreckmittel für den Feind, das ihn dann abhält, sich zu ergeben«.
Befehle dieser Art entstammten einer Phase des Krieges, als die alte Parole des
kommunistischen Klassenkampfes »Proletarier aller Länder vereinigt Euch!« pro fo
rma noch fortbestand. Diese Parole hatte, wie es jetzt hieß, teilweise zu >Unsic
herheiten< geführt und dazu, »eine gewisse Schicht von Armeeangehörigen falsch z
u orientieren«. Nun, da, wie man offen zugab, es darauf ankam, »alle faschistisc
hen Scheusale zu vernichten«, erwies es sich als tunlich, die Proletarierparole
durch eine andere programmatische Parole zu ersetzen. Am 10. Dezember 1941 ordne
te der Chef der Politischen Hauptverwaltung der Roten Armee, Armeekommissar Mech
lis, durch Direktive Nr. 278 an, die Parole »Proletarier aller Länder ... « zu s
treichen und fortan am Kopf aller Schriften der politischen Organe, von der Arme
ezeitung KRASNAJA ZVEZDA bis hin zum letzten Flugblatt, deutlich sichtbar die Pa
role »Tod den deutschen Okkupanten!« anzubringen, die der gesamten Roten Armee n
unmehr als unabänderliche Richtschnur zu dienen hatte und wörtlich in diesem Sin
ne verstanden werden sollte.

11. Deutsche Kriegsgefangene wurden ermordet bis zum Ende

Wenn ein >nationales< Vernichtungsprinzip auch in der politischen Propaganda for


tan an die Stelle des formal bisher wenigstens noch unvergessenen internationale
n Klassenprinzips trat, so war dies darauf zurückzuführen, daß Stalin in seiner
Rede zum 24. Jahrestag der Oktoberrevolution am 6. November 1941 in Moskau offiz
iell zu einem Vernichtungskrieg gegen die Deutschen aufgerufen hatte. »Nun wohl«
, so hatte er auf der Festsitzung des Moskauer Sowjet den Vertretern der Partei
und gesellschaftlichen Organisationen zugerufen, »wenn die Deutschen einen Vern
ichtungskrieg wollen, so werden sie ihn bekommen (Stürmischer, langanhaltender B
eifall). Von nun an wird es unsere Aufgabe, die Aufgabe der Völker der Sowjetuni
on, die Aufgabe der Kämpfer, der Kommandeure und der politischen Funktionäre uns
erer Armee und unserer Flotte sein, alle Deutschen, die in das Gebiet unserer He
imat als Okkupanten eingedrungen sind, bis auf den letzten Mann zu vernichten (S
türmischer Beifall. Rufe: »Sehr richtig!« Hurrarufe). Keine Gnade den deutschen
Okkupanten! Tod den deutschen Okkupanten! (Stürmischer Beifall) ... Um aber dies
e Ziele verwirklichen zu können, gilt es ... alle deutschen Okkupanten ... bis a
uf den letzten Mann auszutilgen (Stürmischer, langanhaltender Beifall).«
Stalins Wunsch war selbstredend Befehl, und er wurde von der sowjetischen Kriegs
propaganda buchstäblich in diesem Sinne aufgefaßt und in der Roten Armee nach de
n bewährten Regeln der Politagitation überall verbreitet. In welcher Weise insbe
sondere Ehrenburg seinen Haßinstinkten nunmehr freien Lauf lassen konnte, ist be
reits an anderer Stelle dargelegt worden. Bereitwillig nahm er den Appell Stalin
s auf, indem er in immer neuen Variationen zu einer unterschiedslosen Ermordung
aller deutschen Soldaten aufforderte. »Es werden 5 Millionen ... Leichen sein, d
ie wir in unserer Erde verscharren«, ließ er sich am 2. Dezember 1941 vernehmen.
»Wir haben jetzt beschlossen, alle Deutschen zu töten, die in unser Land einged
rungen sind«, rief er den Soldaten der Roten Armee am 3. Dezember 1941 zu, »Wir
beabsichtigen, sie ganz einfach zu vernichten. Es ist unserem Volk zugefallen, d
iese menschenfreundliche Mission zu erfüllen . . .«
Wie sich den bei einem gefallenen Rotarmisten gefundenen Papieren entnehmen läßt
, waren die Aufrufe Ehrenburgs 1942 in der Roten Armee tatsächlich längst Gemein
platz geworden. So führte dieser Rotarmist bei sich ein Schriftstück »Vortragsth
ema für Politruks«, dem die bereits zitierten Worte Ehrenburgs zugrunde lagen: »
Wenn Du einen Deutschen erschlagen hast, erschlage den nächsten, den dritten ...
Töte den Deutschen das bittet Deine alte Mutter, töte den Deutschen das fle
ht Dein Kind, töte den Deutschen das ruft die heimatliche Erde. Laß keinen lau
fen. Töte« . . .
Ein gemeinsam mit dem Mitglied des Kriegsrates, Bulganin, am 14. Dezember 1941 h
erausgegebener Befehl des Oberbefehlshabers der Westfront, Armeegeneral Zukov, e
nthielt Formulierungen wie: »Nicht ein hitlerischer Bandit, der in unser Land ei
ngedrungen ist, darf lebend davonkommen ... Unsere heilige Verpflichtung besteht
darin, grausame Rache zu üben ... und die deutschen Okkupanten alle bis zum let
zten zu vernichten.«
Der Kriegsrat der Leningrader Front richtete am 1.Januar 1942 einen Aufruf an di
e Bevölkerung im deutschen Hinterland, die als »Hitler Hunde«, »faschistische Me
nschenfresser« bezeichneten gegnerischen Soldaten nirgendwohin entweichen zu las
sen, »außer in die Erde, in die Gräber«. In diesem »unbarmherzigen Vernichtungsk
rieg« sei jedes Mittel recht: »Gewehr, Granate, Axt, Sense, Brecheisen«.
Generalmajor Fedjuninskij, Oberbefehlshaber der 54. Armee, die Mitglieder des Kr
iegsrates, Brigadekommissar Sicev und Brigadekommissar Bumagin, sowie der Chef d
es Stabes, Generalmajor Suchomlin, verlangten in einem »Befehl an die Truppen de
r 54. Armee« zum Jahreswechsel 1941/1942, »das deutsche zweibeinige Getier an de
n Zugängen zu der großen Stadt Leningrad zu vernichten« und in einem weiteren Be
fehl, diesmal mit dem Mitglied des Kriegsrates, Brigadekommissar Cholostov, und
dem Chef des Stabes, Generalmajor Berezinskij, »die faschistischen Banditen alle
bis zum letzten zu vernichten«.
Beutedokumente und Gefangenenaussagen lassen an dem Befehlscharakter der Stalina
ufforderung tatsächlich keinen Zweifel. So war nach den Aussagen eines gefangene
n Regimentskommissars für die Behandlung deutscher Kriegsgefangener maßgebend de
r »Befehl Stalins vom November 1941«, demzufolge »alle Kriegsgefangenen ... zu e
rschießen sind«, wenngleich dieser Kommissar zugleich die Einschränkung machen w
ollte, Überläufer würden als Gefangene nach hinten abgeschoben. Dem widersprach
jedoch die Aussage des Armeeangehörigen Kisilov vom Schützenregiment 406. Sein Z
ugführer, Unterleutnant Kolesnicenko, habe vor dem Angriff auf Leskij am 17. Jan
uar 1942 folgenden Befehl des Regimentskommissars verkündet: »Es werden keine Ge
fangenen gemacht, alle Deutschen werden erschlagen. Keiner darf am Leben bleiben
.« ...
Thema für den Politunterricht am 10. Februar 1942, so die Aufzeichnung in dem No
tizbuch des Politruks, war auch in der 5. Kompanie ... »die von Stalin gestellte
Aufgabe der Vernichtung der in unser Territorium eingedrungenen Faschisten«. Na
ch Aussage des Leutnants Paramonov wurden aufgrund des Stalinbefehls auch Verwun
dete beseitigt, »da diese ja doch nicht arbeiten und keinen Nutzen bringen könnt
en«.
Oberfeldwebel Marugak vom Schützenregiment 28 und andere Kriegsgefangene gaben ü
bereinstimmend zu Protokoll, der Stalinbefehl, »es dürften keine deutschen Gefan
genen mehr gemacht werden, alle deutschen Gefangenen und in Gefangenschaft gerat
enen deutschen Verwundeten sollten sofort erschossen werden«, sei vom 6. Novembe
r 1941 an von den Politischen Leitern, bisweilen aber auch von Offizieren, in de
n Einheiten täglich verlesen worden.
Nach Rotarmist Sejbel von der 337. Schützendivision war jedem Soldaten der »abge
zogene Befehl Stalins«, alle deutschen Soldaten zu vernichten, sogar ausgehändig
t worden. »Der Befehl Stalins«, so der Oberfeldwebel Scerbatjuk, Leiter der Selb
ständigen Nachrichtenabteilung der 351. Schützendivision, »wonach alle Deutschen
zu vernichten sind, ist allgemein bekanntgegeben worden.« Scerbatjuk selbst hat
te, wie er aussagte, »von zahlreichen Erschießungen und Massakrierungen gehört«.
Schon am 15. November 1941 hatte eine durch den Divisionsarzt der 20. Infanterie
division, Oberfeldarzt Dr. Mauß, und den Bataillonsarzt, Stabsarzt Dr. Buchard,
durchgeführte Untersuchung der Leichen von 70 dem Gegner bei Borovik in die Hand
gefallenen Soldaten des Infanterieregimentes 90 zu dem Ergebnis geführt, daß de
r größte Teil von ihnen in verwundetem Zustand ermordet worden war. Auf Befehl d
er Kommissare der 1.Gardeschützendivision wurden zwischen dem 1. und 6. Dezember
1941 in diesem Bereich 100 deutsche Kriegsgefangene bei Naro Fominsk erschossen
. 72 zum Teil verwundete Angehörige des Infanterieregimentes 76 sind Mitte Dezem
ber bei Budogoc westlich von Tichvin verstümmelt, ermordet und beraubt worden. D
er Angehörige der 250. spanischen Infanteriedivision, Amadeo Casanova, berichtet
e in seiner kriegsgerichtlichen Vernehmung unter Eid von der Ermordung eines ver
wundeten spanischen Leutnants und vier verwundeten spanischen Soldaten am 27. De
zember 1941 nördlich von Novgorod. Verwundete Soldaten der »Blauen Division« sin
d auch an anderer Stelle ermordet und verstümmelt worden.
»One of the worst atrocities of this terrible war«, so Sir Reginal T. Paget, der
britische Verteidiger des vor einem britischen Militärgericht angeklagten Feldm
arschalls von Manstein, war - wenigstens was die Scheußlichkeit der Tötung angeh
t - die systematische Ermordung der deutschen Kriegsgefangenen, insbesondere der
Verwundeten, die bei dem Landeunternehmen von Feodosija in den letzten Dezember
tagen 1941 in sowjetische Hand gefallen sind. Allein etwa 160 in den Lazaretten
von Feodosija zurückgelassene Schwerverwundete, unter ihnen ein »in höchstem Opf
ermut« bei ihnen gebliebener Assistenzarzt und sechs Sanitätssoldaten der Heeres
sanitätskompanie 715, aber auch einige russische Krankenpfleger, wurden von sowj
etischen Soldaten, teilweise Rotflottisten, erschossen, aus dem Fenster geworfen
, mit Eisenstangen erschlagen, in den Brandungswellen des Meeres dem Erfrierungs
tod ausgesetzt oder sonst auf grausame Weise ermordet. Die übereinstimmenden Aus
sagen russischer und deutscher Augenzeugen, unter ihnen Stabsarzt Burkhardt, erg
eben ein eindeutiges Bild des grausigen Geschehens und deuten zugleich auf einig
e Verantwortliche hin.
So schilderte der russische (wohl tatarische) Krankenpfleger Kalafatov unter Eid
die Ermordung der in dem Lazarett gegenüber der Villa Stamboli befindlichen Ver
wundeten am 6. Januar 1942, nachdem ein noch korrekt auftretender sowjetischer A
rmeeoffizier von einem haßerfüllten Oberleutnant der Schwarzmeerflotte namens Aj
danov abgelöst worden war. An anderer Stelle hatte der tatarische Krankenpfleger
Bursud, der selber befürchtete, erschossen zu werden, die Ermordung deutscher V
erwundeter mit Hieb- und Stichwaffen von seinem Versteck aus beobachten und »fur
chtbare Schreie der Deutschen« hören können. Ein auf der Straße liegender, am Ob
erschenkel schwerverwundeter deutscher Soldat mit inzwischen erfrorenen Gliedmaß
en, »der Tag und Nacht gewimmert hatte«, wurde, so ein erschüttertes russisches
Ehepaar, auf Veranlassung einer uniformierten Sowjetfrau (Ȁrztin oder Kommissar
in«) von herbeigerufenen Rotflottisten durch Schüsse in das Gesicht getötet.
Als der russische Arzt Dmitriev den Kommissar der 9. Schützendivision in Gegenwa
rt anderer Kommissare vorsichtig befragte, aus welchem Grunde die Verwundeten er
schossen würden, erhielt er zur Antwort, die von ihnen (den Kommissaren) gegeben
e Anweisung zur Erschießung beruhe »auf der Rede Stalins vom 6. November 1941, i
n der Stalin erklärt habe, daß alle Deutschen ... vernichtet werden müßten«. Der
Kommissar »fand es deshalb auch vollkommen in Ordnung, daß die deutschen Verwun
deten vernichtet worden waren«. Auch bei Evpatorija hatten Sowjetsoldaten bei ei
nem Landeversuch am 5. Januar 1942 deutsche Verwundete »grausam verstümmelt«.
Oberpfarrer Ziekur vom Stabe der 62. Infanteriedivision mußte in seiner Eigensch
aft als Gräberoffizier am 24. und 25. Februar bei Trojcatyj (an der Straße Char'
kov Lozovaja) die Leichen von 42 gräßlich verstümmelten Soldaten des Infanterier
egimentes 179 identifizieren. »Der erste Eindruck war erschütternd«, wie er beka
nnte, »Bei mehreren waren die Nasen abgeschnitten und die Augen ausgestochen. Be
i sehr vielen Soldaten waren die Ringfinger abgeschnitten ... einem Soldaten war
en sämtliche Finger der linken Hand abgeschnitten ... einem der linke Arm ausgek
ugelt und abgerissen.« Die russische Bevölkerung, so Pfarrer Ziekur, »war über d
iese Verstümmelungen entsetzt und empört«. ...
Daß alle hier erwähnten Vorgänge nur einen kleinen Ausschnitt des Gesamtgeschehe
ns darstellen, ist offenkundig, und dafür gibt es nicht wenige Beweise. ...
Wie Partisanen üblicherweise mit Gefangenen verfuhren, das bezeugten zwei dingfe
st gemachte Täter, die Partisanen Klesnikov und Kusmenkov, vor der Gruppe Geheim
e Feldpolizei 570. Ihren Aussagen zufolge wurden auf Befehl des Kommissars Juden
kov sechs deutsche Soldaten nach dem Verhör beim Partisanenstab in Gortop bei El
'nja am 27. Februar 1942, einem empfindlich kalten Tag, und nachdem sie zuvor no
ch ein Schneegrab hatten scharren müssen, in folgender Weise abgeschlachtet: »Si
e wurden in einer Reihe aufgestellt und dann einzeln aus dieser herausgestoßen.
Mit dem Bajonett erhielten sie dann einen Stich in den Rücken. Dann stürzten sic
h mehrere über den Niedergestochenen und stachen auf ihn weiter mit Seitenwaffen
ein. Die Leichen wurden dann nach jeder Tötung beiseite geworfen, und der nächs
te wurde vorgenommen. Die Gefangenen wurden nur mit Hemd und Unterhose und barfu
ß zur Richtstätte hingetrieben. Ich selbst habe auch mehrmals zugestochen.« Der
technische Intendant Kalepcenko, Leiter des Bestattungskommandos des ... sagte a
us, in Griva Mitte März 1942 40 deutsche Soldaten begraben zu haben, die alle Ze
ichen schwerer Verstümmelungen aufwiesen.
Alle diese aus der Fülle herausgegriffenen Beispiele können natürlich nur eine a
llgemeine Vorstellung vermitteln. Nachrichten über Gefangenenmorde erreichten di
e Deutschen oft auch nur durch Zufall. So ist beispielsweise erst später bekannt
geworden, daß im Winter 1941/1942 ein deutscher »Verwundeten Transportzug bei To
ropec den Russen in die Hände gefallen ist. Sämtliche Verwundeten wurden auf bes
tialische Weise erschossen oder erstochen«.
Es ist bereits angeklungen, daß die von dem Stalinregime zu verantworten¬de Mißh
andlung der Kriegsgefangenen auch auf sowjetischer Seite nicht überall verstande
n wurde und sich bisweilen, auch politisch motiviert, Widerspruch regte. Efrosin
ija Michajlova war am 1. März 1942 in Uspenovka Zeuge, als ein sowjetischer Majo
r, ein Oberleutnant und ein Kommissar in ihrem Hause beratschlagten, was mit ach
t deutschen Kriegsgefangenen zu geschehen habe. Als selbst der Kommissar dafür e
intrat, sie weiter mitzuschleppen, widersprach ihm der Major: »Du kennst doch de
n Befehl von Stalin.« Die acht deutschen Kriegsgefangenen wurden daraufhin hinte
r das Haus geführt und erschossen. Im November 1941 schrie bei Komary (Sevastopo
l') ein sowjetischer Zugführer den Rotarmisten Demsenko an, der einem Verwundete
n helfen wollte: »Laß den deutschen Teufel liegen, er wird erschossen!« Demsenko
vermochte die Erschießung auch nur vorübergehend aufzuhalten, indem er vorbrach
te, »der arme Verwundete könnte doch nichts dazu, und es wäre Menschenpflicht, i
hn zu verbinden«.
Es waren aber nicht Humanitätserwägungen, sondern das vorhandene Interesse der K
ommandostellen an einer Feindaufklärung durch Gefangenenvernehmung, die schließl
ich eine Neuauslegung des Stalinbefehls vom 6. November 1941 erzwangen. Denn es
war ja verständlich, daß sich der Widerstand versteifen mußte, wenn der Soldat w
ußte, im Falle der Gefangennahme auf jeden Fall erschossen oder verstümmelt zu w
erden. Stalin hatte am 6. November 1941 keinen Zweifel daran gelassen, daß es ge
lte, alle Deutschen, die in das Gebiet der Sowjetunion eingedrungen waren, »bis
auf den letzten Mann zu vernichten«. Doch in dem zum Jahrestag der Roten Armee i
n seiner Eigenschaft als Volkskommissar der Verteidigung am 23. Februar 1942 erl
assenen Befehl Nr. 55 wurde seiner vormaligen Auslassung plötzlich ein ganz ande
rer Sinn untergeschoben. Stalin erklärte jetzt nämlich, die Annahme, die Rote Ar
mee würde schon »aus Haß gegen alles Deutsche ... deutsche Soldaten nicht gefang
ennehmen«, sei eine »dumme Lüge und eine törichte Verleumdung« der im Gefühl der
Achtung vor anderen Völkern und Rassen erzogenen Roten Armee eine schamlose B
ehauptung angesichts der von ihm selbst in Gang gesetzten Haßpropaganda auf sowj
etischer Seite. Doch unmißverständlich waren in dem Befehl Nr. 55 an sich die St
alinworte: »Die Rote Armee nimmt deutsche Soldaten und Offiziere, wenn sie sich
ergeben, gefangen und schont ihr Leben. Die Rote Armee vernichtet deutsche Solda
ten und Offiziere, wenn sie es ablehnen, die Waffen zu strecken ... «
Der Oberbefehlshaber der Westfront, Armeegeneral Zukov, der gemeinsam mit dem Mi
tglied seines Kriegsrates, Bulganin, am 14. Dezember 1941 seine Truppen dazu auf
gerufen hatte, »grausame Rache zu üben« und nicht einen »hitlerischen Banditen«
lebend davonkommen zu lassen, sah sich jetzt ebenfalls zu einer Kehrtwendung gez
wungen. In einem an die »Kommandierenden« gerichteten Befehl verboten Zukov und
das Mitglied des Kriegsrates, Chochlov, im Anschluß an den Stalinbefehl Nr. 55 n
unmehr das »Erschießen von Gefangenen ... allen, wer es auch sei«. »Ich erkläre«
, so hieß es jetzt mit einem Male, »daß der Genosse Stalin niemals von der Ersch
ießung von Feindsoldaten gesprochen hat, wenn diese ihre Waffen niederlegen, sic
h gefangengeben oder freiwillig zu uns übertreten.« Einem Befehl des Armeekommis
sars Kuznecov zufolge sollten die deutschen Truppen jetzt in verstärktem Maße pr
opagandistisch bearbeitet und davon überzeugt werden, daß die Rote Armee angebli
ch »keinen Rassenhaß gegen das deutsche Volk kennt und nicht die idiotische Absi
cht hat, das deutsche Volk und Reich zu vernichten«, sie infolgedessen deutsche
Soldaten und Offiziere, die sich ergeben, gefangennimmt und ihnen das Leben gara
ntiert.
Schon die Tatsache, daß die antideutsche Haßpropaganda, wie von Ehrenburg und an
deren betrieben, unverändert auf vollen Touren weiterlief, strafen solche Auslas
sungen Lügen. Stalin selbst hatte schon in seinem Tagesbefehl zum 1. Mai 1942 wi
eder recht zweideutige Worte gebraucht und von der Aufgabe gesprochen, die »deut
schen«, nicht etwa die »faschistischen« Eindringlinge, »bis zum letzten Mann zu
vernichten, wenn sie nicht die Waffen niederlegen«. Auch der in den Truppenteile
n der Roten Armee 1942 verbreitete Stalinbefehl Nr. 130 rief die Soldaten zu ein
em unversöhnlichen Haß auf. Auf die deutsche Seite waren überdies Nachrichten üb
er angebliche Geheimbefehle Stalins hinübergedrungen, deutsche Soldaten aus prak
tischen Gründen nicht mehr einzeln, sondern nur noch gruppenweise gefangenzunehm
en. Ebenfalls sollten Soldaten, die bis zuletzt Widerstand geleistet hatten, Fli
eger oder sogenannte >Faschisten<, erschossen werden, wie denn in der Tat in zah
lreichen Berichten von der Erschießung von Offizieren, von Parteimitgliedern ode
r solchen Kriegsgefangenen die Rede ist, die >faschistisches< Gedankengut äußert
en deutliches Gegenstück zu der bis Frühjahr 1942 auf deutscher Seite teilweis
e praktizierten Erschießung der Kommissare und Politischen Leiter.
Die >Wehrmacht Untersuchungsstelle für Verletzungen des Völkerrechts< des Oberko
mmandos der Wehrmacht, die das einschlägige Material auswertete, betrachtete den
>Kurswechsel< seit dem 23. Februar 1942 jedenfalls als reine Propagandamaßnahme
dem Ausland gegenüber und konstatierte im September 1942 »eine unablässige, nic
ht im geringsten Maße abklingende Folge brutalster Vergewaltigungen des Völkerre
chtes. Die Methoden und die Systematik des russischen Vorgehens sind von Beginn
des Feldzuges gegen Rußland an bis in den September 1942 hinein die gleichen geb
lieben«. In der Tat nahm die Mißhandlung der Kriegsgefangenen ihren Fortgang, wi
e an einer Reihe ausgesuchter Beispiele gezeigt werden soll.
38 nach Ende der Frostperiode bei Promenaja aufgefundene Leichen deutscher Solda
ten, die aneinander gefesselt waren und deren Körper »Merkmale grauenhaftester M
ißhandlung« aufwiesen, mochten noch vor dem 23. Februar 1942 ermordet worden sei
n. Ihnen waren, so der Bericht der 6. Panzerdivision an das Oberkommando der 9.
Armee vom 29. April 1942, »beispielsweise die Augen ausgestochen, Nasenspitzen a
bgeschnitten und die Zungen herausgerissen. Andere wieder hatten die Kiefer und
Gliedmaßen, wahrscheinlich durch Kolbenschläge, zertrümmert und wurden erst dann
durch Pistolenschuß endgültig getötet. Einige lagen gänzlich nackt da, andere w
iederum hatten nur noch Teile von Bekleidungsstücken an. Auch Strangulationsmerk
male konnten eindeutig festgestellt werden«. Nach dem 23. Februar 1942 ist auch
der einzige Fall überliefert, daß ein Schuldiger, Leutnant Kudrjavcev, vom Schüt
zenregiment 1264 der 17. Gardeschützendivision, wegen Ermordung von vier deutsch
en Kriegsgefangenen dem Militärtribunal übergeben wurde, aber auch nur, weil er
die Feindaufklärung behindert hatte. Ansonsten blieb der Stalinbefehl Nr. 55 wei
tgehend unbeachtet.
Oberleutnant Sevanov, Bataillonskommandeur in der 337. Schützendivision, gab in
der kriegsgerichtlichen Vernehmung zu Protokoll, der Chef des Stabes dieses Schü
tzenregimentes, Major Askinaze, habe bei Glasunovka zwischen dem 14. und 17. Mär
z 1942 einen schwerverwundeten Unteroffizier und der Regimentskommissar Kondrat'
ev zwei verwundete Deutsche erschießen lassen.
Von Oberleutnant Softijak, dem Führer des Schützenzuges der Besonderen Abteilung
des NKVD der Division, habe er erfahren, alle Offiziere und schwerverwundeten D
eutschen und Finnen würden grundsätzlich erschossen. Oberleutnant Nisel'skij, sa
gte am 8. Juli 1942 aus, der Brigadekommandeur Balabucha, habe ihm einen Befehl
erteilt, den er selbst als »Schande und Gemeinheit« angesehen und deswegen auch
nicht weitergegeben habe, den Befehl nämlich zum »Ausstechen der Augen bei deuts
chen Soldaten«.
Und Sergeant Jurcenko von der 393. Schützendivision berichtete in der Vernehmung
am 20. Juli 1942, sein Bataillonskommandeur, Hauptmann Burskij, habe in Cernogl
asovska bei Char'kov fünf deutsche Verwundete hinter dem Spital eigenhändig mit
der Pistole erschossen.
Im Juli 1942 wurden in Besabetovka zwei Massengräber deutscher Soldaten des Infa
nterieregimentes 92 aufgedeckt, die, so der Gerichtsmediziner Oberstabsarzt Dr.
Panning, entweder durch Genickschuß getötet oder, wie der Kommandeur des 1. Bata
illons, Major Schönberg, zu Tode gequält worden waren.
Nach Aussagen des Rotarmisten S. F. vom 26. September 1942 hatte der Kommissar A
ndropov vom Schützenregiment 851 vor einem Angriff einen anderen Kommissar als l
euchtendes Vorbild hingestellt, weil von diesem bei Serafimovici 150 italienisch
e Kriegsgefangene liquidiert worden waren.
Oberleutnant Sutjagin war im Juli 1942 Augenzeuge, als bei Aleevka, zwischen Loz
ovaja und Char'kov, 46 deutsche Kriegsgefangene, darunter vier Offiziere, ohne V
erhör erschossen wurden, nachdem sie zuvor ihr Grab selber hatten ausheben müsse
n. Den Befehl zur Erschießung hatten der Kommandeur des Schützenregimentes 123 d
er 22. Schützendivision, Major Kulikov, und der Regimentskommissar Otmichalskij
erteilt. Als in der Nähe befindliche sowjetische Offiziere ihre Empörung hierübe
r zum Ausdruck brachten, wurden sie vom Regimentskommissar Otmichalskij als Verr
äter bezeichnet und ebenfalls mit Erschießen bedroht.
Eindeutig geklärt worden sind die Umstände der Massenmorde bei Grisino, Postysev
o und Krasnoarmejskoe, wo in den Tagen nach Stalingrad, zwischen dem 11. und 18.
Februar 1943, über 600 Angehörige der Wehrmacht und verbündeter Armeen, darunte
r Rote Kreuz Schwestern und Nachrichtenhelferinnen, entweder erschossen oder bes
tialisch hingemetzelt worden waren. Nach unvollständigen Angaben konnten im einz
elnen ermittelt werden: 406 deutsche, 89 italienische, 9 rumänische, 4 ungarisch
e, 8 ukrainische Soldaten, 58 Angehörige der Organisation Todt, 15 Eisenbahner u
nd 7 deutsche Zivilarbeiter.
Die Untersuchung des Vorfalls begann unmittelbar nach der Wiedereinnahme des Geb
ietes durch die deutsche 7. Panzerdivision am 18. Februar 1943. »Sämtliche Leich
en waren nackt ... «, heißt es in einem späteren kriegsgerichtlichen Untersuchun
gsprotokoll, »fast sämtliche Leichen waren verstümmelt ... Vielen Leichen waren
Nase und Ohren abgeschnitten worden. Anderen Leichen waren die Geschlechtsteile
abgeschnitten und ihnen in den Mund gesteckt worden.« Man hatte auch versucht, d
en Rote Kreuz Schwestern »in einer geradezu viehischen Weise die Brüste abzuschn
eiden«. Verantwortlich für diese Massaker, so der Chef einer Flakbatterie der 14
. Gardepanzerbrigade, Leutnant Sorokin, war unter anderem die Politische Abteilu
ng der dem 4. Gardepanzerkorps unter Generalmajor Polubojarov unterstehenden 14.
Gardepanzerbrigade, die von dem anscheinend zuvor gefallenen Oberstleutnant Sib
ankov befehligt worden war.
Die übereinstimmenden Aussagen von Kriegsgefangenen, dazu aufgefundene Beutepapi
ere und abgehörte Funksprüche lassen also keine Zweifel daran, daß die Gefangene
nmorde auch 1942/1943 fortgesetzt wurden. Es muß dabei bedacht werden, daß Untat
en wie die von Feodosija, Grigino, Krasnoarmejskoe und andere immer nur entdeckt
und untersucht werden konnten, wenn deutsche Truppen, was im weiteren Kriegsver
lauf nur noch selten geschah, den Schauplatz solcher Massaker zufälligerweise wi
eder einzunehmen vermochten.
Zwei Berichte mögen noch einmal verdeutlichen, welche Entmenschlichung die sowje
tische Kriegspropaganda in der Roten Armee hervorgerufen hatte. So waren im Schü
tzenregiment 875 der 158. Schützendivion Gefangenenmorde, an denen sich der Chef
des Stabes, Major Borisov, und andere Offiziere persönlich beteiligten, an der
Tagesordnung. Die dem Regiment angehörende Sanitäterin Sina Krasavina räumte ein
, im März 1943 einen deutschen Kriegsgefangenen auf Veranlassung des Chefs der B
esonderen Abteilung des NKVD, Samarin, eigenhändig niedergeschossen zu haben und
darauf mit dem Orden der Roten Fahne dekoriert worden zu sein.
Im Bereich einer anderen Division, so ein Augenzeuge, wurden im Oktober 1943 noc
h gehfähige deutsche Verwundete gruppenweise in eine Schlucht geführt, »dort vor
den vorher Erschossenen in Reihe aufgestellt und mit MG und MP erschossen. Ich
habe die Erschießung zweier solcher Gruppen gesehen ... Im Tale sah ich auf der
Exekutionsstätte ca. 200 Leichen von bereits vorher Erschossenen«.
Wie hat nun die deutsche Wehrmacht auf die ununterbrochene Folge von Mordtaten a
n ihren Soldaten reagiert? Es ist erwähnt worden, daß das Oberkommando der Wehrm
acht schon im Juli 1941 alle Vergeltungsmaßnahmen verboten hatte, weil solche »V
ergeltungsmaßnahmen angesichts der russischen Mentalität ihre Wirkung verfehlen
und unnötig zur Erbitterung des Kampfes« beitragen würden. Auch der Oberbefehlsh
aber des Heeres, Generalfeldmarschall von Brauchitsch, stand auf dem Standpunkt,
Vergeltungsmaßnahmen würden der Sowjetunion anders als den Westmächten gegenübe
r wirkungslos bleiben und zudem einen negativen Einfluß auf die an sich günstige
n Aussichten für eine eigene Frontpropaganda in die Rote Armee hinein ausüben. U
ngeachtet der »schweren Völkerrechtsverletzungen seitens der Russen« war ein die
sbezüglicher Befehl an alle Divisionen des Ostheeres ergangen. Am 1. Juli 1941 w
urde zugleich eine Entscheidung des »Führers und Obersten Befehlshabers« mitgete
ilt, Ehefrauen der »Offiziere und Kommissare« und überhaupt alle sowjetischen Fr
auen, »die befehlsgemäß Waffen tragen, als Kriegsgefangene zu behandeln, wenn si
e in Uniform angetroffen werden«. Dagegen sollten sie im Falle des Tragens von Z
ivilkleidung den völkerrechtlichen Schutz verlieren und als Freischärler gelten.
Am 5. Juli 1941 hatte der Oberfefehlshaber der 6. Armee, Generalfeldmarschall vo
n Reichenau, den Major Turta vom Schützenregiment 781 der 124. Schützendivision
standrechtlich erschießen lassen, weil, wie es in dem Exekutionsbefehl heißt, di
ese Division »unter den Augen und mit Duldung« der »für die Untaten ihrer Unterg
ebenen voll und ganz verantwortlichen Offiziere« seit dem 22. Juni 1941 »planmäß
ig deutsche Soldaten aller Dienstgrade, die verwundet oder unverwundet in ihre H
ände fielen, in bisher unvorstellbar grausamer und tierischer Weise mißhandelt,
gequält, verstümmelt und ermordet hat«. Obwohl sich Reichenau auch der Roten Arm
ee gegenüber eigentlich zu den herkömmlichen Grundsätzen der Kriegsgefangenenbeh
andlung bekannte, meinte er den »hingemordeten Kameraden« doch eine »harte und g
erechte Sühne« an den Offizieren der 124. Schützendivision schuldig zu sein. Imm
erhin hat es sich hierbei um den zudem noch begründeten Einzelfall einer Repress
alie gehandelt, die einen vielleicht sogar Verantwortlichen traf.
Denn im allgemeinen scheinen die deutschen Kommandobehörden auch im Osten von de
n Geboten des Völkerrechtes den Gefangenen gegenüber nicht abgerückt zu sein. Am
10. Juli 1941 etwa hatte der Batailionsarzt des 11. Bataillons des Infanteriere
gimentes 53 dem Divisionsarzt der 14. Infanteriedivision gemeldet, im Brückenkop
f Dzisna seien am 8. Juli 1941 1 Offizier, 8 Unteroffiziere und 65 Soldaten sein
es Regimentes, teilweise in verwundetem Zustand, in Feindeshand gefallen und sie
alle, wie eine Untersuchung ergab, »planmäßig auf gegebenen Befehl« durch Genic
kschuß, Stiche mit dem Seitengewehr und Kolbenschläge ermordet worden. Bei einer
Reihe von Verwundeten wurden die »gräßlichsten Verstümmelungen« festgestellt. A
ls der hierüber erschütterte Oberarzt nun von seinem Fachvorgesetzten eine Anwei
sung erbat, wie er sich künftig verwundeten Russen gegenüber zu verhalten habe,
da, wie er schrieb, »es mir nach dem Erleben dieses verbrecherischen Verhaltens
des Feindes unseren Verwundeten gegenüber schwerfällt, mich weiterhin so zu verh
alten, wie ich es bisher als meine Pflicht erachtet habe«, wurde ihm ein charakt
eristischer Bescheid zuteil. Der Chef des Generalstabes der Panzergruppe 3, Gene
ralmajor von Hünersdorff, ließ dem Bataillonsarzt am 13. Juli 1941 mitteilen, da
ß »aus grundsätzlichen Erwägungen heraus von einer Abänderung des Verhaltens deu
tscher Soldaten gegenüber Verwundeten des Feindes nicht abgegangen werden« könne
. Nur verlangte er, die Versorgung der eigenen Verwundeten darunter nicht leiden
zu lassen.
Als im August 1941 nach der Ermordung und Verstümmelung von 19 deutschen Verwund
eten und zwei Sanitätssoldaten in einem Rote Kreuz-Fahrzeug dem Oberkommando der
17. Armee vorgeschlagen wurde, als Vergeltung hierfür hohe Offiziere der sowjet
ischen 6. und 12. Armee zu erschießen, hat der Armeeoberbefehlshaber, General de
r Infanterie von Stülpnagel, auch dieses Ansinnen mit ganz analoger Begründung z
urückgewiesen. Und als nach dem Massaker von Grisino Krasnoarmejskoe sich der de
utschen Soldaten eine maßlose Erbitterung bemächtigte, erließ der Kommandierende
General des XXXX. Panzerkorps, Generalleutnant Henrici, am 3. März 1943 eigens
einen Tagesbefehl, in dem er seine Truppen ermahnte, sich wegen dieser Geschehni
sse nicht zu Racheakten hinreißen zu lassen: »Wir wollen jedoch an dem soldatisc
hen Grundsatz festhalten«, so heißt es darin, »daß der gefangene uniformierte Ge
gner, der keinen Kampf mehr führen kann und wehrlos ist, ins Gefangenenlager geh
ört.«
Der Vorsitzende des Internationalen Militärgerichtshofes, Lordrichter Lawrence,
hatte in Nürnberg am 22. März 1946 das von dem Verteidiger Dr. Stahmer beantragt
e Weißbuch der deutschen Reichsregierung über die »Bolschewistischen Verbrechen
gegen Kriegsrecht und Menschlichkeit« als Beweisunterlage nicht zulassen wollen.
Lawrence folgte dem Verlangen des sowjetischen Hauptanklägers, General Rudenko,
der es sich erlaubt hatte, die hier zusammengefaßten gerichtlichen Untersuchung
sdokumente als »Erfindungen und Fälschungen« der »faschistischen Propaganda« zu
bezeichnen, einzig und allein dazu bestimmt, »die von den Faschisten begangenen
Verbrechen zu verbergen«. Da es sich bei den Opfern der untersuchten und aktenku
ndig gemachten Missetaten nur um deutsche und verbündete Soldaten gehandelt hat,
betrachtete der Internationale Militärgerichtshof, völlig im Einklang mit dem L
ondoner Statut, ein solches Beweismittel als »unerheblich«.
Gerade dieser Umstand rechtfertigt die Anführung wenigstens einiger der unzählig
en aktenkundig gemachten Fälle über die Mißhandlung der deutschen Kriegsgefangen
en, die in der Publizistik über den deutsch sowjetischen Krieg sonst üblicherwei
se bewußt und methodisch der Vergessenheit anheimgegeben werden.

12. Greueltaten der Roten Armee beim Vordringen auf deutschen Boden
Die Sowjetunion hatte sich geweigert, die Haager Landkriegsordnung und die Genfe
r Konvention anzuerkennen. Mißachtung des Kriegsvölkerrechts - das war auch der
Ungeist, in welchem sich 1944/1945 die Besetzung der Ostprovinzen des Deutschen
Reiches durch die Truppen der Sowjetunion vollzog. Das Eindringen der Roten Arme
e in Ostpreußen, Westpreußen und Danzig, in Pommern, Brandenburg und Schlesien w
ar überall in gleicher Weise von Untaten begleitet, die in der neueren Kriegsges
chichte ihresgleichen suchen. Massenmorde an Kriegsgefangenen und an Zivilperson
en jeden Alters und Geschlechtes, Massenvergewaltigungen von Frauen, unter ekelh
aften Begleiterscheinungen, in vielfacher Weise, manchmal bis zum Tode hin, mutw
illige Inbrandsetzung von Häusern, Dörfern und ganzen Städten, systematische Ber
aubung, Plünderung und Zerstörung privaten und öffentlichen Eigentums und schlie
ßlich Massendeportationen von Männern, aber auch von Frauen und Jugendlichen, in
die Arbeitssklaverei der Sowjetunion wie üblich bei Trennung der Mütter von i
hren Kindern und unter Zerreißung der Familienbande dies waren die hervortrete
nden Merkmale eines Geschehens, das in flagrantem Widerspruch zu den Grundsätzen
einer geregelten Kriegführung stand.
Tötungen als schwerwiegendstes Delikt geschahen auf mannigfache Art und Weise. F
lüchtlingstrecks wurden von Panzern niedergewalzt oder zusammengeschossen, Männe
r, aber auch viele Frauen nach der Vergewaltigung, durch herabspringende Tankist
en und Infanteristen erschossen, erschlagen oder erstochen. Überall in Häusern u
nd auf Straßen wurden Zivilpersonen ermordet, in manchen Gebäuden, Forsthäusern,
Scheunen und Schuppen bisweilen auch lebendigen Leibes verbrannt. Männer, die i
hre Frauen und Töchter vor der Vergewaltigung zu schützen versuchten, wurden in
der Regel ebenso getötet wie Frauen, die sich gegen eine Gewalttat zur Wehr setz
ten. Immer wieder wird von sadistischen Sexualmorden berichtet und manchmal soga
r von der Schändung zuvor schon Ermordeter. Im Zuge einer sogenannten >Entnazifi
zierung< wurden Mitglieder der NSDAP und deren Gliederungen oder sonstige >Fasch
isten<, etwa Ortsbauernführer, erschossen, vielfach auch Beamte und Angestellte
der Zivilverwaltung und natürlich Angehörige der Polizei, überhaupt Uniformträge
r des öffentlichen Dienstes, einerlei ob Eisenbahner, Postbeamte, Feuerwehrleute
, Förster, ferner Angehörige des Reichsarbeitsdienstes oder der Organisation Tod
t, darüber hinaus sehr oft auch sogenannte >Kapitalisten< wie Gutsbesitzer, Baue
rn, Ladeninhaber, Hausbesitzer, ferner alle, die, wie Hitlerjungen, in irgendein
er Weise als potentielle >Partisanen< angesehen wurden, und sehr oft die Bewohne
r von Häusern, in denen deutsche Soldaten oder Waffen gefunden worden waren.
Formale Grundlage war der von Berija, herausgegebene Befehl Nr. 0016 des NKVD vo
m 16. Januar 1945. Die Sowjets erschossen oder erschlugen während der Deportatio
nen der >mobilisierten Deutschen< alle jene, die aus Kräftemangel nicht Schritt
zu halten vermochten, und in den Folterkellern des NKVD starben viele der Verhör
ten unter unmenschlichen Torturen. Bisweilen wurde, wie die Beispiele Nemmersdor
f 1944 und Metgethen 1945 erweisen, die Einwohnerschaft ganzer Ortschaften, Männ
er, Frauen und Kinder, einfach nur deswegen massakriert, weil es sich bei ihnen
um Deutsche gehandelt hat. Für das zügellose Treiben der aufgehetzten sowjetisch
en Soldateska gab es keine feststehende Regel.
Der britische Feldmarschall Montgomery, zu dem später einiges aus der sowjetisch
en Besatzungszone herübergedrungen war, nannte >die Russen< (er meinte die Sowje
ts) in seinen Erinnerungen »tatsächlich unzivilisierte Asiaten«, und er fügte h
inzu: »Ihr Benehmen, besonders gegenüber Frauen, widerte uns an. In einigen Gege
nden der russischen Zone gab es praktisch überhaupt keine Deutschen mehr. Sie wa
ren vor dem Ansturm der Barbaren geflohen.«
Für den amerikanischen General Keating, der nur um die Verhältnisse in Berlin wu
ßte, war in vielen Fällen »ihr hemmungsloses Treiben dem der barbarischen Horden
von Dschingis Khan verwandt«. Und George F. Kennen bestätigte dem amerikanische
n Völkerrechtler Alfred M. de Zayas mündlich noch einmal, was er in seinen Erinn
erungen (Memoirs) geschrieben hatte, die Sowjets »fegten die einheimische Bevölk
erung vom Erdboden in einer Art, die seit den Tagen der asiatischen Horden kein
Beispiel hat«.
Die Anzahl der allein in den deutschen Ostprovinzen ermordeten Kriegsgefangenen
wird niemals mehr zu ermitteln sein. Doch über die Zahl der zivilen Opfer geben
die Untersuchungen des Bundesministeriums für Vertriebene aufgrund von Einwohner
statistiken wenigstens ungefähre Vorstellungen, wenngleich die Schätzungen an de
r unteren Grenze liegen und sie nur die Opfer unmittelbarer Verbrechen umfassen.
Demnach sind 120.000 Männer, Frauen und Kinder größtenteils von Sowjetsoldaten
ermordet worden und 100.000 200.000 weitere in Gefängnissen und Lagern zugrundeg
egangen. 200.000 Menschen starben während der ab 3. Februar 1945 einsetzenden De
portationen und in der sowjetischen Sklaverei und unendlich viele - in Königsber
g allein 90.000 - an den unmenschlichen Lebensbedingungen unter sowjetischer Mil
itärverwaltung in der nachfolgenden Okkupationszeit. Extrem hoch war auch die Ra
te derer, die ihrem Leben aus Verzweiflung selbst ein Ende machten. Die ungeheur
en Menschenverluste, die durch unmittelbare Gewaltanwendung oder in den Gefängni
ssen, Konzentrations- und Vernichtungslagern in Polen, Jugoslawien und in der Ts
chechoslowakei eingetreten sind, sollen in diesem Zusammenhang dabei ebenso auße
r Betracht bleiben wie die mindestens 65.000 Zivilpersonen, die in den sowjetisc
hen Konzentrationslagern (special'nye lageri) NKVD SSSR) der Besatzungstruppen a
n Hunger und Seuchen zugrundegingen.
Was insbesondere die Verhältnisse in Böhmen und Mähren angeht, so sei an dieser
Stelle der Aufruf zitiert, den schon am 3. November 1944 der Befehlshaber der ts
chechischen Exil-Streitkräfte, General Ingr, über den britischen Rundfunk verbre
itet hatte: »Wenn unser Tag kommt, wird die ganze Nation dem alten Kriegsruf der
Hussiten folgen: Schlagt sie, tötet sie, laßt niemanden am Leben! Jedermann sol
lte sich bereits jetzt nach der bestmöglichen Waffe umsehen, die die Deutschen a
m stärksten trifft.«
In Befolgung dieses und ähnlicher Aufrufe sind ab Mai 1945 270.000 wehrlose Deut
sche in der CSR teilweise viehisch ermordet worden. Allgemein wurde in den sogen
annten >Vertreibungsgebieten< eine Gesamtzahl von 2,2 Millionen >ungeklärter Fäl
le< geschätzt, die in ihrer Mehrheit als Opfer des antideutschen Genozides anzus
ehen sind.
Die vorliegende Darstellung befaßt sich primär mit dem Verantwortungsbereich der
Roten Armee, die schon in Jugoslawien 1944 freilich schwere Verbrechen gegen di
e Zivilbevölkerung begangen hatte. Es geht darum zu erweisen, daß Stalin, das Po
litbüro und die Mitglieder des Staatlichen Verteidigungskomitees, die politische
und militärische Führung der Roten Armee, die nachgeordneten Heeres und Truppe
nführer und die ihnen unterstehenden Offiziere aller Grade die unmittelbare Vera
ntwortung für alles Geschehene tragen, indem sie, insbesondere die Befehlshaber
und sonstige Offiziere, ihre Truppen von der Begehung von Völkerrechtsverbrechen
nicht abhielten und solche Gewaltakte duldeten ...
Die Rote Armee befand sich, was die militärische Disziplin angeht, tatsächlich s
chon 1944 in dem Zustand einer zunehmenden Verwilderung. Bei der Wiedereinnahme
altsowjetischer Gebiete, der Ukraine etwa, aber auch in Polen, in den baltischen
Ländern, in Ungarn, in Bulgarien, Rumänien und Jugoslawien, nahmen Übergriffe u
nd Gewaltakte gegenüber der einheimischen Bevölkerung einen solchen Umfang an, d
aß die sowjetischen Kommandobehörden sich gezwungen sahen, energische Maßnahmen
zu ergreifen. So hatte der Oberbefehlshaber der 4. Ukrainischen Front, Armeegene
ral Petrov, in dem Befehl Nr. 074 vom 8. Juni 1944 die »empörenden Ausschreitung
en« von Armeeangehörigen seiner Front auf dem sowjetischen Territorium der Krim
angeprangert, »die sogar bis zu bewaffneten Raubzügen und Ermordungen von Ortsei
nwohnern gehen«. Er nannte die schuldigen Soldaten, einschließlich ihrer Offizie
re, »Banditen« und »bewaffnete Verbrecher«, die das Ansehen der Roten Armee schä
ndeten. ...
Wie gespannt die Lage in Polen gewesen sein muß, verdeutlicht das Tagebuch eines
gefallenen Offiziers des 5. Artilleriekorps der 1. Baltischen Front, Jurij Uspe
nskij. »Bei uns spricht man sehr feindlich über die Polen«, schreibt dieser sehr
nachdenkliche Offizier über die Verhältnisse in Wilna, »Man sagt sogar, daß sie
alle erhängt werden müßten, und dazu sagt man noch die Kultur Phrase: >Das poln
ische Volk ist geschichtlich zum Leben gar nicht geeignet<.«
In den nichtdeutschen Ländern sind die sowjetischen Kommandobehörden noch gegen
die Ausschreitungen der Angehörigen der Roten Armee gelegentlich eingeschritten.
Im deutschen Reichsgebiet entfiel jede Hemmung. So hatte der Korpskommandeur de
s 43. Schützenkorps, Generalmajor Andreev, seinen Soldaten in Polen zu Anfang Ja
nuar 1945 für den Fall von Übergriffen noch mit dem Militärtribunal gedroht, um
in seiner Belehrung dann zugleich fortzufahren: »Wenn wir erst in Deutschland si
nd, werde ich über solche Dinge kein Wort verlieren.« Die Grundhaltung der Rotar
misten nach Überschreiten der Reichsgrenze war geprägt von der Haßpropaganda.
»An den Grenzen Deutschlands«, schrieb Ehrenburg, der Wortführer der Hetzer, am
24. August 1944, »laßt uns noch einmal den heiligen Eid wiederholen, nichts zu v
ergessen ... Wir sagen dies mit der Ruhe eines lange herangereiften und unüberwi
ndlichen Hasses, wir sagen dies an den Grenzen des Feindes: Wehe dir, Deutschlan
d!«
»Wir werden ein Ende mit Deutschland machen«, schrieb er am 16. November 1944, »
Es ist nicht damit getan, Deutschland zu besiegen: Es muß ausgelöscht werden.« »
Es darf keine Gnade, keine Nachsicht geben«, wiederholte er am 8. Februar 1945.
»Die einzige historische Mission, wie ich sie sehe«, so Ehrenburg noch am 3. Mär
z 1945, »besteht bescheiden und ehrenwert darin, die Bevölkerung von Deutschland
zu vermindern.«
Die in der PRAVDA und in allen Frontzeitungen verbreiteten Aufrufe Ehrenburgs un
d anderer Hetzer wurden den Truppen eingehämmert und immer wieder zu Bewußtsein
gebracht. In den deutschen Städten fanden sich Schilder mit der Aufschrift: »Rot
armist, Du stehst jetzt auf deutschem Boden die Stunde der Rache hat geschlage
n!«
Die Rotarmisten wurden aufgehetzt in ganz bestimmter Absicht. Denn Stalin und di
e politische Führung der Roten Armee waren sich sehr wohl des oft mangelnden >So
wjetpatriotismus< und der zunehmenden Kriegsmüdigkeit der Sowjetsoldaten bewußt,
und da man nicht an die höheren menschlichen Empfindungen appellieren konnte, m
ußten die niederen Instinkte geweckt werden, um ein maximales Maß an Kampfanstre
ngungen zu erzielen. Die »Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Sowj
etunion« macht keinen Hehl hieraus, wenn es in ihrer Darstellung heißt, »daß man
keinen Feind besiegen kann, wenn man ihn nicht aus vollster Seele haßt«. Aus di
esem Grunde sei es eine der wichtigsten Aufgaben der politischen Arbeit der Komm
andeure gewesen, die Sowjetsoldaten zu einem »glühenden Haß gegen die faschistis
chen Okkupanten« zu erziehen. Und zu diesem Ziel waren denn auch die verwerflich
sten Mittel recht.
Der bekannte Germanist und ehemalige Politoffizier jüdischer Herkunft, Major Kop
elev, Zeuge vielfacher Untaten, läßt in den Kriegserinnerungen »Aufbewahren für
alle Zeit« seinen Vorgesetzten, den Chef der 7. Abteilung der Politverwaltung de
r 50. Armee, Oberstleutnant Sabastanskij, sprechen: »Was ist zu tun, damit der S
oldat Lust zum Kämpfen behält? Erstens: Er muß den Feind hassen wie die Pest, mu
ß ihn mit Stumpf und Stiel vernichten wollen. Und damit er seinen Kampfwillen ni
cht verliert, damit er weiß, wofür er aus dem Graben springt, dem Feuer entgegen
in die Minenfelder kriecht - muß er zweitens wissen: Er kommt nach Deutschland
und alles gehört ihm - die Klamotten, die Weiber, alles! Mach, was Du willst! Sc
hlag drein, daß noch ihre Enkel und Urenkel zittern! ... «
Es war dies die Einstellung nicht von Soldaten, sondern von Räubern und Mördern.
Vergeblich versuchte Kopelev seinen Genossen ins Gewissen zu reden: » ... und w
ir alle Generäle und Offiziere verhalten uns nach Ehrenburgs Rezept ... Und
stell Dir vor, was wird später aus unseren Soldaten, die zu Dutzenden über eine
Frau herfielen? Die Schulmädchen vergewaltigten, alte Frauen ermordeten ? ... Da
s sind Hunderttausende von Verbrechern, künftigen Verbrechern, grausame und drei
ste mit den Ansprüchen von Helden«. Denunziert von den eigenen Genossen, wurde K
opelev verhaftet und wegen Beleidigung der Roten Armee und Begünstigung der Deut
schen jahrelang den Konzentrationslagern des GULag zugeführt.
Dem Eindringen der Truppen der Roten Armee in Deutschland war eine »systematisch
e Aufwiegelung« vorausgegangen, »in der der Haß gegen alles Deutsche in einer bi
sher unvorstellbaren Weise« angefacht werden sollte, wie Generalmajor Gehlen, na
ch Analyse der erbeuteten sowjetischen Dokumente am 23. März 1945 feststellte. E
s war aber nicht nur die Agitation des politischen Apparates, die die Sowjetsold
aten dazu aufrief, grausame Rache an den Deutschen zu nehmen. Die militärischen
Kommandobehörden standen demselben in keiner Weise nach. Auch von seiten der Stä
be der Fronten und Armeen waren Tagesbefehle ergangen, deren Inhalt allgemein al
s Aufforderung zum >Morden und Rauben< ausgelegt und aufgefaßt werden mußte. Der
durchschnittliche Rotarmist wurde jedenfalls nicht in Zweifel darüber gelassen,
daß er in Deutschland freie Hand haben würde und mit der Zivilbevölkerung und i
hrem Besitz nach Belieben umspringen könne.
Die im Oktober 1944 erstmals erteilte Erlaubnis Stalins, Feldpostpakete und Beut
egut (Generale 16 kg, Offiziere 10 kg, Unteroffiziere und Mannschaften 5 kg) in
die Sowjetheimat zu schicken, mußte bei labilen Elementen Räuberinstinkte wachru
fen und wurde tatsächlich so verstanden, daß »Plünderung durch die oberste Führu
ng ausdrücklich gestattet« sei. ...
Die Überschreitung der Reichsgrenze wurde nunmehr zum Anlaß genommen, um die Sow
jetsoldaten mit der von der Sache her unzutreffenden Behauptung aufzuputschen, d
ie deutschen Soldaten hätten »das russische Kind gemordet, die Frau, Braut und S
chwester vergewaltigt, die Mutter und den Vater erschossen«. So beispielsweise w
urde im Auftrage des Divisionskommandeurs, Oberst Eliseev, zu Anfang Oktober 194
4 folgendes bekanntgegeben: »Wir marschieren nach Ostpreußen. Den Rotarmisten un
d den Offizieren werden folgende Rechte eingeräumt: 1. Jeden beliebigen Deutsche
n zu vernichten, 2. Plünderung des Eigentums, 3. Vergewaltigung der Frauen, 4. B
randschatzung, 5. Die Soldaten der ROA (Russ.Befreiungsarmee) werden nicht gefan
gengenommen. Jede Patrone für sie ist unnütz. Sie werden erschlagen bzw. mit den
Füßen zertrampelt.«
Was sich schon im Herbst 1944 in Ostpreußen an Übergriffen und bestialischen Gre
ueltaten abgespielt hatte, waren auch keine Einzelerscheinungen, vielmehr wieder
holten sich diese Vorgänge in riesigem Maßstabe in den deutschen Ostprovinzen na
ch Beginn der sowjetischen Winteroffensive am 13. Januar 1945. ...
Sowjetmarschall Zukov, der schon am 14. Dezember 1941 zu unterschiedsloser Verni
chtung aller deutschen Kriegsgefangenen aufgerufen hatte, erließ vor Beginn der
Winteroffensive im Januar 1945 einen Tagesbefehl: »An die Soldaten, Unteroffizie
re, Offiziere und Generale der Truppen der 1. Weißrussischen Front« heißt es unt
er anderem: »Die Zeit ist gekommen, mit den deutsch faschistischen Halunken abzu
rechnen. Groß und brennend ist unser Haß! Wir haben die Qualen und das Leid nich
t vergessen, welche von den hitlerischen Menschenfressern unserem Volke zugefügt
wurden. Wir haben unsere niedergebrannten Städte und Dörfer nicht vergessen. Wi
r gedenken unserer Mütter und Väter, unserer Frauen und Kinder, die von den Deut
schen zu Tode gequält wurden. Wir werden uns rächen für die in den Teufelsöfen V
erbrannten, für die in den Gaskammern Erstickten, für die Erschossenen und Gemar
terten. Wir werden uns grausam rächen für alles. Wir gehen nach Deutschland, und
hinter uns liegen Stalingrad, die Ukraine und Weißrußland. Wir gehen durch die
Asche unserer Städte und Dörfer, auf den Blutspuren unserer Sowjetmenschen, die
zu Tode gequält und zerfetzt wurden vom faschistischen Getier. Wehe dem Land der
Mörder! ... Für den Tod, für das Blut unseres Sowjetvolkes sollen die faschisti
schen Räuber mit der vielfachen Menge ihres gemeinen schwarzen Blutes bezahlen!
... Diesmal werden wir das deutsche Gezücht endgültig zerschlagen!« ...
Unmittelbare Folge dieser vom Politapparat dann nach allen Regeln des Agitprop v
erbreiteten Aufrufe war im Bereich verschiedener sowjetischer Armeen der Befehl
zur »Erschießung oder Erschlagung aller gefangenen deutschen Soldaten (auch der
Verwundeten)«. Ebenfalls war unter Verletzung des Völkerrechtes befohlen, »Angeh
örige des Volkssturmes nicht als militärische Einheit, sondern als Partisanen an
zusehen und daher zu erschießen«. Die deutsche Nachrichten Aufklärung konnte aus
verschiedenen Frontbereichen immer wieder Funksprüche auffangen, die die Tatsac
he solcher Gefangenenmorde unbestreitbar machen.
So wurde am 27. Januar 1945 folgender Befehl an einen unbekannten Verband abgehö
rt: »Gefangene sind nicht zu machen, es ist ein untragbarer Zustand, jeder Feind
muß getötet werden.« Am 4. Februar 1945 wurde aus dem Raum um Zakopane (4. Ukra
inische Front) gemeldet: »Ich habe 35 Gefangene gemacht, darunter 2 Oberleutnant
e, sie sind erschossen worden.« Ein Verband der 2. Weißrussischen Front setzte a
m 20. Januar 1945 diesen Funkspruch ab: »Ich weiß nur, daß 15 Gefangene gemacht
wurden. Jedoch keiner kam an, sie wurden alle auf dem Wege erschossen.« Und ein
Verband der 70. Armee derselben Front meldete am 9. Februar 1945: »Heute haben w
ir nur 30 Mann gefangengenommen ... Wir haben sie alle erschlagen, wie wir es mi
t den anderen auch getan haben.« Im Bereich der 39. Armee der 3. Weißrussischen
Front wurde am 13. Februar 1945 aus Mandeln bei Königsberg folgender Befehl erte
ilt: Wenn sie (die Deutschen) »in Massen kommen, sind keine Gefangenen zu machen
«. ...
Wie die Appelle der Kommandobehörden in die Tat umgesetzt wurden, das mag an dem
folgenden Einzelbeispiel verdeutlicht werden. So hatte der Kommandeur der 72. S
chützendivision, Generalmajor Jastrebov, jedem Rotarmisten vor Betreten des Reic
hsgebietes volle Handlungsfreiheit gewährt und zugleich Befehl erteilt, sämtlich
e Gefangenen zu erschießen. Der Kommandeur des 3. Bataillons, Oberleutnant Vasil
'ev vergewaltigte am 29. Januar 1945 in Stöblau bei Krappitz ein junges Mädchen
unter Waffenbedrohung der verzweifelten Mutter und ließ anschließend sechs krieg
sgefangene Soldaten erschießen. Einheiten der 72. Schützendivision ermordeten al
lein in Burgwasser bei Krappitz am selben Tage 18 Einwohner, und in Krappitz 12
Luftwaffenhelfer mit ihrem Feldwebel durch Genickschuß. Nach Wiedereinnahme des
Gebietes entdeckten die deutschen Truppen »zahlreiche ermordete deutsche Soldate
n und Zivilisten«.
Was die Haßpropaganda bei den Rotarmisten angerichtet hatte, das fand einen unve
rfälschten Widerhall in erbeuteten Feldpostbriefen, von denen einige hier angefü
hrt werden sollen. Geschrieben sind sie von Angehörigen motorisierter Einheiten
der Feldpostnummer 20739 im Zeitraum des Januar Februar 1945 in Ostpreußen. »Wir
marschieren jeden Tag weiter vorwärts durch Ostpreußen«, so schrieb Smolkin an
seine Eltern in Smolensk, »und wir nehmen Rache an den Deutschen für alle ihre S
chandtaten, die sie an uns verübt haben ... Es ist uns jetzt alles erlaubt zu tu
n mit den deutschen Schurken. « Ein unbekannter Rotarmist schrieb am 29. Januar
1945 an seine Freundin bei Kalinin: »Und wie freut sich das Herz, wenn man durch
eine brennende deutsche Stadt fährt. Endlich schlagen wir die Deutschen in ihre
m eigenen Lande, in ihrem verfluchten Schlupfwinkel. Wir nehmen Rache für alles
und unsere Rache ist gerecht. Feuer um Feuer, Blut um Blut, Tod um Tod!« »Die De
utschen reißen alle aus, fürchten sich vor unserer Rache«, so steht es in einem
Brief, den Laptev am 30. Januar 1945 in das Gebiet Tiraspol' schrieb, »aber nich
t jedem gelingt es zu entkommen. Soll die deutsche Mutter den Tag verfluchen, an
dem sie einen Sohn geboren hat. Sollen die deutschen Frauen jetzt die Schrecken
des Krieges verspüren. Sollen sie das, was sie den anderen Völkern zugedacht ha
ben, jetzt selbst erleben.« Solche Phrasen waren fast wörtlich den Hetzartikeln
Ehrenburgs entnommen.
»Die Zivilbevölkerung flieht jetzt nicht mehr«, schrieb Klimov am 30. Januar 194
5 in das Gebiet Vladimir, »Was sich da im allgemeinen abspielt, ist geradezu unh
eimlich.« Und Ivanisev ließ seine Frau bei Tambov am 31. Januar 1945 wissen: »Wi
r haben fast ganz Ostpreußen besetzt. Wir übernachten in ihren Häusern und treib
en die Deutschen hinaus in die Kälte ... Allerhand Beute machen wir, alles schön
e Sachen ... «. »Jetzt führen wir Krieg im wahrsten Sinne des Wortes«, so Poleta
ev am 1. Februar 1945 an seine Eltern in Alma Ata, »zerschmettern die Scheusale
in ihrem Schlupfwinkel in Ostpreußen ... Jetzt können auch unsere Soldaten sehen
, wie ihre Unterkünfte brennen, wie ihre Familien umherirren und ihre Schlangenb
rut mit sich schleppen ... Sie hoffen wohl, am Leben zu bleiben, aber für sie gi
bt es keine Gnade.« Die Rotarmistin Nina schrieb am 1. Februar 1945 an ihre Mutt
er Demidova bei Kostroma: »Von den Deutschen sind nur Greise und Kinder da, jung
e Frauen sehr wenig, und auch die werden totgeschlagen. Überhaupt, was hier gesc
hieht, das läßt sich weder sagen noch beschreiben ... Gestern betrat ich einen B
ahnhof. Da habe ich es nicht aushalten können, bin einfach weggelaufen. Die Kind
er stürzten sich förmlich auf mich.« »Deutsche Frauen gibt es genug«, so Jefimen
ko am 3. Februar 1945, »Man braucht sie nicht zu überreden, einfach den Nagan an
gesetzt und das Kommando >Hinlegen<, erledigst das Geschäft und gehst weiter.« I
n einem Brief an einen Hauptmann Kljusin vom selben Tage steht geschrieben: »Wir
räuchern hier die Preußen aus, daß die Federn fliegen. Unsere Jungens haben ber
eits alle deutschen Frauen >ausprobiert<. Überhaupt gibt es viel Beute.« In dem
Brief eines unbekannten Rotarmisten wird der Ungeist der Haßpropaganda auf eine
Formel gebracht: »Deutsche Frauen und Kinder, die in unsere Hände geraten, töten
wir durch Kopfschuß. Das ist unsere Rache für alles, was sie bei uns in zwei Ja
hren zerstört haben.«
Es erübrigt sich, das hieb und stichfeste Beweismaterial durch die schier unübe
rsehbare Menge übereinstimmender Aussagen von Kriegsgefangenen und Überläufern v
ervollständigen zu wollen. Nur wenige Aussagen mögen zur Illustrierung dienen. S
o hatte der Starsij serzant Razygraev von der 358. Schützendivision als Augenzeu
ge folgendes zu Protokoll gegeben: »Der ... Oberleutnant Pugatschew nahm sich 3
Mädchen von etwa 18 Jahren (hiervon eine Polin), schleppte sie in sein Zimmer un
d vergewaltigte sie nacheinander. Danach übergab er die Mädchen den Rotarmi¬sten
, welche ihrerseits die Mädchen nach schweren Mißhandlungen ... mehrfach vergewa
ltigten. Eines von den Mädchen wurde daraufhin erschossen. Die Zivilbevölkerung
gilt als Freiwild, jeder kann machen mit ihr, was er will. Auch besteht freies P
lünderungsrecht. Der sowjetische jüdische Propagandist Ilja Ehrenburg ist der Ha
uptverfechter dieser Behandlungsmethode gegenüber der deutschen Bevölkerung«.
Ein kriegsgefangener Rotarmist der 343. Schützendivision »sah die ersten Ermorde
ten in Sensburg. Es waren zwei ältere Frauen. Die nächsten Ermordeten sah er ein
ige Kilometer ostwestlich Sensburg ... Auf dem Wege von dort nach Osten sah er a
uf dem Wege immer wieder Ermordete, darunter eine vergewaltigte Frau, etwa 5 km
vor Johannisburg. Sie lag da mit aufgehobenen Röcken und eingestecktem Peitschen
stiel ... Der Gefangene sagt zwar, daß er sehr viele Ermordete gesehen habe, ein
e Zahl kann er jedoch nicht angeben, eine solche Zahl lasse sich schwer abschätz
en. Auf dem Wege zwischen Sensburg und Johannisburg seien auf jedem Kilometer Er
mordete zu sehen gewesen. Sehr viele Rotarmisten erzählten offen, wieviele Zivil
isten sie ermordet und dabei Frauen zuerst vergewaltigt hätten. Viele erzählten,
daß sie bei Betreten deutscher Häuser gleich die erste beste Frau ins Bett gewo
rfen, sie in Gegenwart der übrigen Familie vergewaltigt hätten ... Der letzte ha
be dann die betreffende Frau erschossen.«
Ein namentlich nicht genannter anderer Angehöriger der 343. Schützendivision füh
rte solche Untaten auf einen Befehl Stalins zurück, der, wie seine Genossen ihm
am 31. Januar 1945 in einem von ihnen eingeäscherten Dorf bei Johannisburg mitte
ilten, »befohlen haben sollte, daß die Rotarmisten in Ostpreußen hausen könnten
wie sie wollten. Von der Führung sei gesagt worden, sie könnten Städte und Dörfe
r verwüsten und Frauen vergewaltigen. Wenn ein deutsches Mädchen Widerstand leis
tete, sollten sie es unter Bedrohung mit der Pistole vergewaltigen, auch ruhig 5
-6 Mann hintereinander und es anschließend durch einen Pistolenschuß in den Kopf
töten«.
Selbst Jurij Uspenskij, der bereits genannte Offizier der 2. Gardeartilleriedivi
sion, ein an sich grüblerischer, fast philosophisch veranlagter, von >humanistis
chen< Idealen erfüllter Mann, längst des Krieges müde und die Opfer und Zerstöru
ngen beklagend, ist von der Haßpropaganda doch nicht unberührt geblieben. Befrie
digt vertraute er seinem Tagebuch in dem brennenden Insterburg am 24. Januar 194
5 an: »Das ist die Rache für alles, was die Deutschen bei uns angerichtet haben.
Jetzt werden ihre Städte vernichtet, und ihre Bevölkerung erfährt jetzt, was da
s bedeutet: Krieg!« »Wir hassen Deutschland und die Deutschen sehr«, bekannte er
am 27. Januar 1945 in Starkenberg, »in einem Hause z. B. haben unsere Jungs ein
e ermordete Frau mit 2 Kindern gesehen. Auch auf der Straße sieht man oft ermord
ete Zivilisten ... Gewiß, es ist unwahrscheinlich grausam, die Kinder zu töten .
.. Aber die Deutschen haben diese Greueltaten verdient.«
Aus dem Teufelskreis der sowjetischen Haßpropaganda kehrt der im Februar im Saml
and gefallene Uspenskij doch immer wieder auf den Boden einer, wenngleich sozial
istisch deformierten Menschlichkeit zurück, so als er in Fuchsberg bei Königsber
g Einzelheiten von der vielfachen Vergewaltigung von Frauen und selbst von 13 15
jährigen Kindern (teilweise im Hause eines sowjetischen Divisionsstabes) erfuhr,
von Mordtaten und Grausamkeiten »gegenüber der friedlichen Bevölkerung«, von Br
andstiftungen und all den vielen Akten des Vandalismus. »Furchtbare Greueltaten
werden auf der Erde begangen«, schreibt er am 7. Februar 1945 in Kraussen bei Kö
nigsberg, »es ist fürchterlich.« »Die Zivilbevölkerung sieht erbärmlich aus«, no
tierte er am 13. Februar. »Sie wandelt erschöpft, ängstlich und verhungert umher
. Die Greise und alten Frauen sind völlig hilflos ... Was die Soldaten anbelangt
, so haben sie nicht ein klein wenig Mitleid. Es bieten sich furchtbare Bilder.
Oh Gott, was doch alles in der Welt geschieht!«
Aufgehetzt von der sowjetischen Kriegspropaganda hatten Soldaten der 16. Gardesc
hützendivision ... in der letzten Dekade des Oktober 1944 damit begonnen, die bä
uerliche Bevölkerung in dem Einbruchsraum südlich von Gumbinnen abzuschlachten.
An dieser Stelle haben die Deutschen nach der Wiedereroberung ausnahmsweise einm
al genauere Untersuchungen anstellen können. Allein in Nemmersdorf sind mindeste
ns 72 Männer, Frauen und Kinder erschlagen, Frauen und selbst kleine Mädchen vor
her vergewaltigt, einige Frauen an Scheunentore genagelt worden. Nicht weit davo
n fiel eine größere Anzahl Deutscher und bisher in deutschem Gewahrsam befindlic
her französischer Kriegsgefangener durch sowjetische Mörderhand. Überall in den
Ortschaften der Umgebung wurden die Leichen bestialisch ermordeter Einwohner gef
unden, so in Bahnfelde, Gut Teichhof, Alt Wusterwitz, dort in einem Stall auch d
ie Überreste mehrerer lebendigen Leibes Verbrannter, und in anderen Ortschaften.
»Am Straßenrand und in den Höfen der Häuser lagen massenhaft Leichen von Zivili
sten ... «, berichtete Oberleutnant Dr. Amberger, »Unter anderem sah ich zahlrei
che Frauen, die man. . . vergewaltigt und danach mit Genickschuß getötet hatte,
zum Teil lagen daneben auch die ebenfalls getöteten Kinder.«
Über seine Beobachtungen in Schillmeyszen bei Heydekrug im Memelland, in das am
26. Oktober 1944 Verbände des 93. Schützenkorps der 43. Armee der 1. Baltischen
Front eingedrungen waren, berichtete der Kanonier Erich Czerkus in seiner kriegs
gerichtlichen Vernehmung folgendes: »An einer Scheune fand ich meinen Vater, mit
dem Gesicht zur Erde liegend und mit einer Einschußstelle im Genick ... In eine
r Stube lagen ein Mann und eine Frau, die Hände auf den Rücken gefesselt und bei
de mit einer Leine zusammengebunden ... In einem weiteren Gehöft erblickten wir
5 Kinder mit ihren Zungen auf einen großen Tisch angenagelt. Von meiner Mutter f
and ich trotz angestrengter Suche keine Spur ... Unterwegs erblickten wir 5 Mädc
hen, mit einer Leine zusammengebunden, die Kleidung fast vollständig entfernt un
d den Rücken stark aufgerissen. Es hatte den Anschein, als ob die Mädchen eine l
ängere Strecke geschleift worden waren. Außerdem sahen wir an der Straße einige
total überwälzte Trecks.«
Es ist aussichtslos, alle schrecklichen Einzelheiten schildern oder gar einen vo
llständigen Überblick über das Geschehen anstreben zu wollen. So mag eine Reihe
ausgewählter Beispiele eine Vorstellung von dem Vorgehen der Roten Armee in den
Ostprovinzen auch nach Wiederaufnahme der Offensive im Januar 1945 vermitteln. D
as Bundesarchiv hat in seinem Bericht über >Vertreibung und Vertreibungsverbrech
en< vom 28. Mai 1974 genaue Angaben aus sogenannten Auswertungsbogen über Greuel
taten in zwei ausgewählten Landkreisen, und zwar in dem ostpreußischen Grenzkrei
s Johannisburg und dem schlesischen Grenzkreis Oppeln, veröffentlicht. Folgt man
diesen amtlichen Untersuchungen, so wurden als hervorgehobene Verbrechen im Kre
ise Johannisburg, dem Abschnitt der 50. Armee der 2. Weißrussischen Front, neben
ungezählten anderen Mordtaten festgehalten am 24. Januar 1945 die Ermordung von
120 Zivilpersonen sowie einiger deutscher Soldaten und französischer Kriegsgefa
ngener aus einem Flüchtlingstreck an der Straße Nickelsberg Herzogdorf südlich v
on Arys. An der Straße Stollendorf Arys wurden 32 Flüchtlinge erschossen und an
der Straße Arys Drigelsdorf bei Schlagakrug am 1. Februar auf Befehl eines sowje
tischen Offiziers etwa 50 Menschen, meist ihrer Eltern und Angehörigen in den Fl
üchtlingswagen entrissene Kinder und Jugendliche. Bei Groß Rosen (Groß Rosensko)
verbrannten die Sowjets zu Ende Januar 1945 etwa 30 Menschen lebendigen Leibes
in einer Feldscheune. Ein Augenzeuge hat an der Straße nach Arys »eine Leiche an
der anderen liegen gesehen«. In Arys selbst wurde eine »große Anzahl von Erschi
eßungen« anscheinend auf einem Sammelplatz und in einem Folterkeller des NKVD wu
rden »Mißhandlungen schwerster Art« bis hin zum Tode vorgenommen.
In dem schlesischen Landkreis Oppeln ermordeten Angehörige des 32. und 34. Garde
schützenkorps der 5. Gardearmee der 1. Ukrainischen Front bis Ende Januar 1945 m
indestens 1264 deutsche Zivilpersonen. Auch die meist zwangsweise zur Arbeitslei
stung nach Deutschland deportierten russischen Ostarbeiter und Kriegsgefangene i
n deutschem Gewahrsam entgingen teilweise ihrem Schicksal nicht. In Oppeln wurde
n sie auf einem öffentlichen Platz zusammengetrieben und nach einer kurzen Propa
gandaansprache niedergemetzelt. Ähnliches ist für das Ostarbeiterlager Kruppamüh
le an der Malapane in Oberschlesien bezeugt. Mehrere hundert russischer Männer,
Frauen und Kinder wurden hier am 20. Januar 1945, nachdem sowjetische Panzer das
Lager erreicht hatten, zusammengerufen und als >Verräter< und >Helfer der Fasch
isten< mit Maschinengewehren niedergemetzelt oder von den Raupenketten der Panze
r zermalmt.
In Gottesdorf erschossen Sowjetsoldaten am 23. Januar etwa 270 Einwohner, darunt
er auch kleine Kinder und 20 40 Mitglieder der Marianischen Kongregation. In Car
lsruhe wurden 110 Einwohner einschließlich der Insassen des Annastiftes erschoss
en, in Kupp 60 70 Einwohner, unter ihnen ebenfalls die Insassen des Altersheimes
und ein Pfarrer, der Frauen vor der Vergewaltigung hatte schützen wollen, und s
o fort in anderen Orten. Johannisburg und Oppeln aber waren nur zwei aus der Vie
lzahl der Landkreise in den Ostprovinzen des Deutschen Reiches, die von den Trup
pen der Roten Armee 1945 besetzt wurden.
Die Abteilung Fremde Heere Ost des Generalstabes des Heeres hatte aufgrund der M
eldungen der Feldkommandobehörden mehrere Listen »über die von der Roten Armee i
n den besetzten deutschen Gebieten verübten Völkerrechtsverletzungen und Greuelt
aten« zusammengestellt, die, wenngleich ebenfalls kein Gesamtbild bietend, so do
ch unter dem frischen Eindruck des Geschehens viele sowjetische Untaten mit eini
ger Zuverlässigkeit dokumentieren. So meldete die Heeresgruppe A am 20. Januar 1
945, alle Einwohner der in der Nacht wiedereingenommenen Orte Reichthal und Glau
sche bei Namslau seien von Sowjetsoldaten des 9. mechanisierten Korps der 3. Gar
depanzerarmee erschossen worden. Am 22. Januar 1945 wurde laut einer Meldung der
Heeresgruppe Mitte ein Flüchtlingstreck von vier Kilometern Länge, »zum großen
Teil Frauen und Kinder«, bei Grünhayn im Kreise Wehlau von Panzern des 2. Gardep
anzerkorps ȟberrollt, mit Panzergranaten und MG Garben beschossen, Rest von MPi
Schützen niedergemacht«. Ähnliches geschah am selben Tage unfern davon bei Gert
lauken, wo 50 Personen aus einem Flüchtlingstreck von sowjetischen Soldaten teil
weise durch Genickschuß getötet wurden. Auch in Westpreußen war an einem nicht n
äher bezeichneten Ort zu Ende Januar ein langer Wagenzug der Flüchtlinge von sow
jetischen Panzerspitzen eingeholt worden. Wie einige überlebende Frauen berichte
ten, übergossen die Tankisten (der 5. Gardepanzerarmee) Pferde und Wagen mit Ben
zin und zündeten sie an: »Ein Teil der Zivilisten, die zumeist aus Frauen und Ki
ndern bestanden, sprangen von den Fahrzeugen herab und versuchten sich zu retten
, wobei einige bereits lebenden Fackeln glichen. Darauf eröffneten die Bolschewi
ken das Feuer. Nur wenige vermochten sich zu retten.«
Ebenso wurde in Plohnen zu Ende Januar 1945 ein Flüchtlingstreck von Panzern der
5. Gardepanzerarmee überfallen und zusammengeschossen. Alle Frauen in dieser be
i Elbing gelegenen Ortschaft zwischen 13 und 60 Jahren sind von den Rotarmisten
unablässig »in der rohesten Weise« vergewaltigt worden. Deutsche Soldaten einer
Panzeraufklärungskompanie fanden eine Frau mit durch Bajonett aufgerissenem Unte
rleib und eine andere junge Frau auf einer Holzpritsche mit zerschmettertem Gesi
cht. Zerstörte und geplünderte Flüchtlingstrecks beiderseits der Straße, die Lei
chen von Insassen daneben im Straßengraben liegend, wurden ebenso in Meislatein
bei Elbing aufgefunden.
Das mutwillige Niederwalzen oder Beschießen der Flüchtlingstrecks wurde allerort
s aus den Ostprovinzen berichtet, so auch aus dem Operationsbereich der sowjetis
chen 2. Gardepanzerarmee. Es wurden im Kreise Waldrode am 18. und 19. Januar 194
5 derartige Trecks an mehreren Stellen gestellt, angegriffen und teilweise zerma
lmt, »niederstürzende Frauen und Kinder erschossen oder erdrückt«. Sowjetische P
anzer beschossen bei Waldrode einen deutschen Lazarettzug mit Kanonen und Maschi
nengewehren, was zur Folge hatte, daß »von 1000 Verwundeten nur 80 gerettet« wer
den konnten.
Meldungen über Angriffe der Sowjetpanzer auf Flüchtlingstrecks liegen zudem aus
Schauerkirch, Gombin, wo »ca. 800 Frauen und Kinder getötet« wurden, aus Dietfur
th Filehne und anderen Orten vor. Mehrere solcher Wagenzüge sind am 19. Januar 1
945 auch bei Brest südlich von Thorn im damaligen Warthegau überrollt, die Mitfa
hrenden, vielfach Frauen und Kinder, niedergeschossen worden. Einer Meldung vom
1. Februar 1945 zufolge wurden innerhalb von drei Tagen in dieser Gegend »von ru
nd 8000 Personen rund 4500 Frauen und Kinder getötet, Rest völlig verprengt, es
kann angenommen werden, daß die meisten davon auf ähnliche Weise vernichtet sind
«. Die angegebenen Zahlen sind zwar nicht verbürgt und scheinen in diesem Falle
auch überhöht zu sein, lassen immerhin aber erkennen, daß die Zivilbevölkerung h
ier besonders hohe Verluste erlitten haben muß.
Aus der Fülle der gemeldeten Völkerrechtsverletzungen lassen sich natürlich imme
r nur einige exemplarische Fälle herausgreifen. Es gehörte beispielsweise zu ein
er feststehenden Regel der Sowjetsoldaten, deutsche Kriegsgefangene kurzerhand n
iederzumachen. So ermordeten Angehörige der sowjetischen 38. Armee in Makow, an
der Südgrenze des damaligen Generalgouvernements, zu Ende Januar 1945 30 deutsch
e Soldaten, indem sie ihnen die Augen ausstachen, die Hände abhackten und die Sc
hädel einschlugen. Sowjetsoldaten anscheinend der 8. Gardearmee ermordeten bei M
eseritz den gesamten dort eingesetzten Volkssturm aus Fürstenwalde bis auf zwei
Mann, die mißhandelt wurden und entkamen. Wenige Kilometer von Warthbrücken entf
ernt erschossen Rotarmisten am 19. Januar 1945 15 Kriegsgefangene, in Hohenkirch
, Kreis Briesen, am 22. Januar zehn Soldaten und neun Zivilpersonen, darunter ei
ne Frau, durch Genickschuß.
Bei Krotoschin wurden am selben Tage 15 Volkssturmmänner von Angehörigen der 3.
Gardearmee ermordet, bei Petrikau südlich von Lödi neun deutsche Soldaten von An
gehörigen des 9. Gardepanzerkorps, an der Straßenkreuzung Palzig Nickern 20 Sold
aten, darunter ein Oberarzt, anscheinend Sanitätspersonal, und zwei Frauen von A
ngehörigen der 33. Armee, bei Seefeld in der Nähe von Reppen fünf junge Unteroff
iziervorschüler von Angehörigen vermutlich der 69. Armee und so fort an ungezähl
ten Örtlichkeiten.
In einem Forsthaus bei Soldin wurden die Försterfamilie und alle sich dort aufha
ltenden Flüchtlinge von Sowjetsoldaten der 2. Gardepanzerarmee totgeschlagen, un
fern davon deutsche Soldaten, die sich in einer Scheune versteckt hatten, lebend
igen Leibes verbrannt. Noch 1995 ist bei Soldin (Mysciborz) ein Massengrab mit d
en Gebeinen von 120 Zivilpersonen aufgefunden worden.
Auch von den in Ostpreußen fortlaufend registrierten Greueltaten können nur weni
ge angeführt werden. So wurde von Rotarmisten des 3. Gardekavalleriekorps in der
Nähe der kleinen Ortschaft Tollnicken eine siebenköpfige Familie einschließlich
kleiner Kinder erschossen, weil sich die Eltern einer Vergewaltigung ihrer beid
en Töchter widersetzt hatten, und ebenfalls ein junger Mann, ein Landwirt und dr
ei deutsche Soldaten. Eingehendere Ermittlungen konnten, wie bei Gumbinnen, Gold
ap, Elbing und an einigen anderen Stellen, immer nur was selten genug geschah
im Falle der Wiedereinnahme eines verlorenen Gebietes durch deutsche Truppen a
ngestellt werden, so auch in den zwischen dem 28. und 30. Januar 1945 von Einhei
ten des 10. Panzerkorps der 5. Gardepanzerarmee besetzt gewesenen Ortschaften um
Pr. Holland. In einer Meldung der Heeresgruppe Nord vom 2. Februar 1945 heißt e
s beispielsweise, in Göttchendorf, Döbern, Bordehnen seien Einwohner erschlagen
oder erschossen worden. »In Göttchendorf bei Pr. Holland«, so der Bericht, »lieg
en in einem Zimmer allein 7 erschlagene Zivilisten, darunter 2 ältere Frauen, 2
Männer, ein etwa 14 jähriger Junge. In die Ecke gekauert ein 9 jähriger Junge mi
t völlig zerschlagenem Schädel und über diesem ein 15jähriges Mädel mit zerstoch
enen Händen und zerkratztem Gesicht, Bajonettstichen in Brust und Unterleib, mit
völlig entblößtem Unterkörper. Ein 80 jähriger Großvater lag erschossen vor der
Türe.« Auch hier wiederum waren von den Rotarmisten »kriegsgefangene deutsche S
oldaten sowie einige Wehrmachturlauber auf der Straße erschossen« worden.
Als es den deutschen Truppen zu Ende Januar gelungen war, das pommersche Städtch
en Pr. Friedland und die umliegenden Ortschaften »von den sowjetischen Unholden«
die 175. Schützendivision unter Oberst Drosdov, die der 47. Armee unter Gener
aloberst Gusev angehörte zu befreien, führten Gerichts und Sanitätsoffiziere
der deutschen 32. Infanteriedivision Vernehmungen unter den Überlebenden durch.
In einer Meldung des Oberkommandos der 2. Armee vom 14. Februar 1945 wird festge
stellt:
»In Pr. Friedland und in dem Dorf Ziskau wurden am 29. und 30. Januar die meiste
n der im Ort anwesenden Männer nach qualvollsten Folterungen erschossen. Häuser
und Wohnungen wurden geplündert, demoliert und in Brand gesteckt. Auf Frauen und
Kinder, die sich durch die Flucht in Sicherheit bringen wollten, schossen die b
olschewistischen Mörder mit Gewehren und Maschinengewehren.« In Pr. Friedland un
d in den benachbarten Ortschaften haben die Erhebungen noch »weitere Greueltaten
ans Licht gebracht«. So wurden in der Nähe des Gutes Tannenhof nach der Befreiu
ng 15 durch Schüsse in den Kopf ermordete deutsche Soldaten aufgefunden. In Lind
e wurden am 29. Januar 1945 »16 Bewohner ermordet, mindestens 50 Frauen vergewal
tigt, mindestens 4 Frauen nach Vergewaltigung ermordet«. Vergewaltigt unter ande
ren wurde auch ein 18 jähriges Mädchen, das, angeschossen, in seinem Blute lag.
In Ziskau wurden ebenfalls Zivilpersonen sowie Soldaten, die sich versteckt geha
lten hatten, darunter ein Angehöriger der Kriegsmarine, nach >qualvollsten Folte
rungen< erschossen und die Frauen zum Teil vielfach vergewaltigt, darunter »eine
86-jährige Greisin und ein 18 Jahre altes Mädchen aus Bromberg, das unter furch
tbaren Schmerzen verschied«. . . .
13. Untaten nehmen ihren Fortgang
Politverwaltungen und Kommandobehörden der Roten Armee hatten an die Haß und Ra
chegefühle der Sowjetsoldaten appelliert, um von ihnen ein Höchstmaß an Einsatzb
ereitschaft und Kampfesleistung zu erzielen. Es war dies ein ebenso unwürdiges w
ie riskantes Verfahren, das sie zur Erzeugung von Heldentum anwandten, und die u
nausbleiblichen Folgen einer Entfesselung niederer Instinkte ließen denn auch ni
cht lange auf sich warten. Ein »zügelloses, menschenunwürdiges Treiben« setzte u
nter den Rotarmisten ein und führte in Windeseile eine Demoralisation und Verwil
derung in einem solchen Ausmaß herbei, daß »in einer Reihe von Einheiten und Ver
bänden die Truppenführung verloren« ging. Das Auffinden großer Alkoholvorräte ve
rführet die Soldaten zu einem »übermäßigen Alkoholgenuß«, und neben »Räubereien,
Plünderungen, Brandstiftungen«, die Mordtaten wurden verschwiegen fanden üb
erall jetzt auch »Massensaufgelage« statt, an denen sich zum Verdruß der hohen K
ommandostellen »selbst die Offiziere« beteiligten. ... Zugleich wurde das Nichta
usführen von Befehlen zur Regel. Und wie der Kriegsrat der 2. Weißrussischen Fro
nt konstatierte, »hören diese Gemeinheiten bei den rückwärtigen Einheiten nicht
auf, nehmen vielmehr an Umfang noch zu«.
Überaus nachteilig war die von den Mannschaften und Offizieren geübte Praxis, de
n für die »Unterbringung der Truppen und Stäbe usw. notwendigen Unterkunftsraum«
, also die in Deutschland vorgefundenen Gebäude, sinnlos zu vernichten, »schändl
iche Erscheinungen«, gegen welche die Truppenführer durch ihre Untätigkeit noch
förderten. Erwähnung fanden in diesem Zusammenhang zwar nur die Verfehlungen zum
Nachteil der Kampfkraft der Truppen der Roten Armee, nicht aber die Ausschreitu
ngen und Verbrechen gegenüber der deutschen Bevölkerung, die verglichen hiermit
ja einen weitaus gravierenderen Charakter trugen. Immerhin aber, der Zwang zur W
iederherstellung einer Art militärischer Disziplin und nicht zuletzt auch die So
rge, das von den Deutschen weidlich ausgenutzte Verhalten der rasch nach Mittele
uropa hinein vorstoßenden Sowjettruppen möchte propagandistisch negative Rückwir
kungen auf die Westalliierten haben, veranlaßte die Führung der Roten Armee scho
n nach zehn Tagen zu energischen Maßnahmen.
Es war der Oberbefehlshaber der 2. Weißrussischen Front, Marschall der Sowjetuni
on Rokossovskij, der als erster einschritt. Bereits am 22. Januar 1945 erging
von ihm selbst sowie von dem Mitglied des Kriegsrates, General Subbotin, und dem
Chef des Stabes, General Bogomolov, unterzeichnet der Befehl Nr. 006, der bis
hinab einschließlich zu den Zugführern bekanntzugeben war. Marschall Rokossovsk
ij befahl den Armeeoberbefehlshabern und den Kommandeuren selbständiger Truppent
eile seiner Front in strengem Ton, »diese für die Rote Armee schändlichen Ersche
inungen« in allen ihren Verbänden, Einheiten und Abteilungen »mit glühendem Eise
n auszumerzen«, die der Plünderung und Trunksucht Schuldigen zur Verantwortung z
u ziehen und ihre Vergehen »mit den höchsten Strafen bis hin zum Erschießen eins
chließlich zu ahnden«. Die Politische Verwaltung der Front wurden beauftragt, al
le notwendigen Maßnahmen zur Ausführung dieses Befehls zu treffen.
Marschall Rokossovskij forderte den gesamten Offizierbestand nunmehr dazu auf, »
in kürzester Frist eine mustergültige Ordnung und eiserne Disziplin« in allen Tr
uppenteilen herzustellen. In diesem Zusammenhang fand, wenn auch nur nebenbei, d
ie verbreitete Tatsache der Ermordung von Kriegsgefangenen eine Bestätigung, ind
em Rokossovskij es für angebracht hielt, die Offiziere und Soldaten darüber bele
hren zu lassen, daß der Feind im Kampf zu vernichten, wer sich aber ergibt, gefa
ngenzunehmen sei. Eine besondere Sorge galt den Zuständen des Hinterlandes. Und
der Chef der Politischen Verwaltung des Rückwärtigen Frontgebietes wurde aufgeru
fen, unverzüglich die notwendige Ordnung in den Truppenteilen auch seines Bereic
hes herzustellen. Im Mittelpunkt des Interesses stand allerdings nur die Bewahru
ng der materiellen Werte. ...
Wenn selbst Marschall Rokossovskij, von den vier Frontoberbefehlshabern nach bis
heriger Kenntnis der noch am ehesten gemäßigte, entgegen manchen Behauptungen in
der Literatur offiziell kein Wort über die ihm wohlbekannten Völkerrechtsverlet
zungen seiner Truppen der deutschen Bevölkerung gegenüber verlor, so ist diese F
rage wenigstens in einigen Ausführungsbefehlen doch offen zur Sprache gekommen.
Unter Hinweis auf Forderungen der Kriegsräte der Front und der 48. Armee erließ
beispielsweise der Militärprokuror dieser Armee, Oberstleutnant der Justiz Malja
rov, am 23. Januar 1945 eine Anordnung an die Militärstaatsanwälte der unterstel
lten Verbände, in der die Erhaltung der Sachwerte zwar zunächst ebenfalls an ers
ter Stelle stand. Denn unverblümt wurde hier der im Widerspruch zum Völkerrecht
stehende Grundsatz proklamiert, »daß alle Sachwerte in Ostpreußen mit dem Augenb
lick der Inbesitznahme durch die Truppen der Roten Armee in das Eigentum des Sow
jetstaates übergehen und der Sicherstellung und dem Abtransport in die UdSSR unt
erliegen«. Wenn die Militärbehörden jetzt also den »riesigen materiellen Schaden
« beklagten, der »aus Mutwillen und Flegelei« in den Städten und Dörfern angeric
htet wurde, so geschah dies einzig aus der Sorge heraus, die bei den Deutschen g
emachte Beute möchte geschmälert werden.
In der Anordnung des Militärprokurors der 48. Armee wurden zugleich jedoch erstm
als in Deutlichkeit die Untaten gegenüber der Zivilbevölkerung und den Kriegsgef
angenen angeprangert. So machte Maljarov darauf aufmerksam, es seien »Fälle« der
Waffenanwendung durch Militärpersonen »gegenüber der deutschen Bevölkerung, bes
onders gegenüber Frauen und Greisen« und ferner »zahlreiche Fälle der Erschießun
g von Kriegsgefangenen« unter nicht gerechtfertigten Umständen aus purer »Böswil
ligkeit« heraus festgestellt worden. Die Militärstaatsanwälte wurden von Oberstl
eutnant Maljarov beauftragt, die Armeeangehörigen in Zusammenarbeit mit dem Poli
tapparat darüber aufzuklären, daß das Vernichten des erbeuteten Eigentums, »das
Niederbrennen von Gebäuden und ganzen Ortschaften«, eine staatsfeindliche Handlu
ng darstelle, ... und daß zudem ein militärisches Interesse daran bestehe, deuts
che Soldaten gefangenzunehmen. Die Militärstaatsanwälte wurden beauftragt, unver
züglich einige >Schauprozesse< gegen »Brandstifter und sonstige Flegel« zu organ
isieren, die ergangenen Urteile in der Truppe bekanntzumachen und im übrigen ein
e strenge Kontrolle auszuüben und Schuldige gegebenenfalls sofort festzunehmen.
Die in der Anordnung des Militärstaatsanwaltes unzweideutig eingestandene Tatsac
he einer zunehmenden Demoralisation und Verwilderung in den Reihen der Roten Arm
ee wurde von der nachgeordneten Truppenführung und dem Politapparat sofort wiede
r verschleiert. Es zeigte sich dies etwa in der Art und Weise, wie man die so be
unruhigenden Erscheinungen der Zerstörungswut und des Alkoholismus den Untergebe
nen gegenüber interpretierte. So figurieren in dem am 25. Januar 1945 erteilten
Befehl Nr. 026 des Chefs des Stabes der 174. Schützendivision, Oberst Romanenko,
an die Truppenkommandeure, hier an das Schützenregiment 508, als Brandstifter n
icht mehr marodierende Angehörige der Roten Armee, sondern die »in Uniformen der
Roten Armee gekleideten« Agenten und Provokateure des Gegners, Deutsche also, d
ie durch »Brandstiftungen an Siedlungen und einzelnen Gebäuden« den Vormarsch de
r Sowjettruppen aufzuhalten versuchten.
Und wie lautete die Erklärung für den unter den Rotarmisten verbreiteten Alkohol
ismus, für die von Rokossovskij so genannten »Massensaufgelage« unter Beteiligun
g der Offiziere mit allen ihren verheerenden Folgen? Die mit der Einstellung des
Kriegsrates der 3. Weißrussischen Front doch bestens vertraute Politische Verwa
ltung unternahm es in einem Merkblatt an die »Genossen Kämpfer, Sergeanten und O
ffiziere«, auch die Verantwortung für das hemmungslose Säufertum den Deutschen,
dem »niederträchtigen heimtückischen Feind« (gnusnogo, kovarnogo vraga), anzulas
ten, die die Alkohol und Lebensmittelvorräte vorsätzlich vergifteten, »um unser
e Soldaten und Offiziere auszuschalten und der Roten Armee Verluste zuzufügen«.
Wenn also beispielsweise die Rotarmisten der Einheit des Oberleutnants Klimec od
er andere Rotarmisten sich Methylalkohol in großen Quantitäten einverleibten ode
r wenn eine große Gruppe von Rotarmisten des Offiziers Nikiforov »ein Faß mit ei
ner Flüssigkeit, die dem Geruch nach Spiritus sein konnte«, austrank, um daran u
nter Qualen zu sterben, so waren sie Opfer des »niederträchtigen Feindes«, der v
or den »gemeinsten und scheußlichsten Kampfmitteln« nicht zurückschrecke. Wie nu
r sollten Verbrechen gegenüber der Bevölkerung und Kriegsgefangenen verhindert w
erden, wenn die triebhafte Hemmungslosigkeit der Rotarmisten in verlogener Weise
als Folge deutscher Hinterlist ausgegeben und mit dem Aufruf gekontert wurde, »
den faschistischen Tieren« (fasistskie zveri), »den deutschen Scheusalen« (nemec
kie izvergi) auch diese »hinterlistigen Methoden« mit »neuen vernichtenden Schlä
gen« zu vergelten.
Die von oben kommenden Befehle der sowjetischen Kommandostellen waren also durch
aus nicht einheitlich. Viele Kriegsgefangene bestätigten den Deutschen zwar, im
Februar 1945 Kenntnis von den neuen Verhaltensvorschriften erhalten zu haben. So
etwa berichtete der Gardemajor Kostikov ... am 17. Februar 1945, es seien »stre
nge Befehle erlassen worden, die deutsche Zivilbevölkerung nicht anzurühren, nic
hts zu rauben und sich mit deutschen Frauen nicht einzulassen«. Das bisher üblic
he »Erschießen von Zivilisten und deutschen Kriegsgefangenen« war nach Aussage d
es Rotarmisten Sevcuk seit dem 6./7. Februar 1945 auch in der 44. motorisierten
Schützenbrigade »strengstens untersagt«, und auch in anderen Einheiten lassen si
ch entsprechende Verbote nachweisen. Nachdem sowjetische Soldaten mutwillig die
Stadt Gleiwitz in Brand gesteckt hatten, wurde das Inbrandsetzen von Ortschaften
auch in diesem Frontabschnitt »streng verboten«. Und der Kommandeur ... Oberstl
eutnant Cajko, ließ in seinen Einheiten bekanntgeben, Zuwiderhandlungen gegen da
s bestehende Plünderungsverbot »würden streng bestraft« werden.
Die sowjetischen Befehlsstellen geizten im allgemeinen nicht mit Strafandrohunge
n, und die Militärtribunale scheinen hin und wieder auch eingeschritten zu sein.
Dies jedoch waren Ausnahmen.
Deutsche Zivilpersonen und Kriegsgefangene wurden weiterhin hingemordet, vielfac
h auf Veranlassung der Vorgesetzten. Ebenso wurden deutsche Frauen und Mädchen t
rotz bestehender Verbote von »Offizieren und jüngeren Rotarmisten« weiterhin ver
gewaltigt und nicht selten anschließend ermordet. Auch Brandstiftungen und Plünd
erungen unter Beteiligung von Offizieren nahmen ihren Fortgang. Alle anders laut
enden Befehle mußten letztlich wirkungslos bleiben angesichts der Tatsache, daß
die antideutsche Haßpropaganda keine Modifikation erfuhr. Ein kriegsgefangener U
nterleutnant des Gardeschützenregimentes 266 der 88. Gardeschützendivision sagte
aus, auch im Februar 1945 überall an den Straßen Plakate mit aufreizenden Sprüc
hen gesehen zu haben, wie: »Schlagt die faschistischen Bestien tot! Nehmt Rache
an den Faschisten! Denkt an die von den Faschisten gemordeten Frauen und Kinder
und rächt Euch dafür!«
Da der machtvolle Politapparat eine ganz andere Sprache führte als die ohnehin n
ur halbherzig handelnden Befehlsstellen der Roten Armee, nimmt es nicht wunder,
daß Völkerrechtsverletzungen gegenüber deutschen Zivilpersonen und Kriegsgefange
nen sich im Februar und März 1945 in einem erschreckenden Maße häuften.
Wie die Befehle der sowjetischen Führung in der Praxis befolgt wurden, zeigt die
Fülle der auf deutscher Seite gesammelten Nachrichten über Greueltaten der Rota
rmisten gegenüber Kriegsgefangenen und der Zivilbevölkerung schon im Monat Febru
ar 1945. Das vorliegende amtliche Material ist selbstredend unvollständig und ka
nn zudem nur in weiterer Auswahl kurz in diesem Zusammenhang teilweise erwähnt w
erden. Da die entsprechenden Meldungen aber aus dem gesamten Bereich der vom Fei
nde teilbesetzten Provinzen Schlesien, Mark Brandenburg, Pommern und Ostpreußen
vorliegen und sie übereinstimmend dieselben Straftatbestände des Mordes, der Ver
gewaltigung, des Raubes, der Plünderung und der Brandstiftung zum Inhalt haben,
vermitteln sie insgesamt doch ein wahrheitsgetreues Bild des furchtbaren Gescheh
ens.
Schlesien
In der Nähe der Reichsgrenze, westlich von Welun, übergossen Sowjetsoldaten der
1. Ukrainischen Front die Wagen eines Flüchtlingstrecks mit Benzin und verbrannt
en dieselben mitsamt den Insassen. Auf den Straßen lagen unzählige Leichen deuts
cher Männer, Frauen und Kinder, zum Teil in verstümmeltem Zustande mit durchschn
ittenen Hälsen, abgeschnittenen Zungen, aufgeschlitzten Bäuchen. Ebenfalls westl
ich von Welun wurden 25 Angehörige (Frontarbeiter) der Organisation Todt von Pan
zerbesatzungen der 3. Gardepanzerarmee erschossen. Alle Männer waren auch in Hei
nersdorf erschossen, die Frauen von Sowjetsoldaten vergewaltigt worden, und bei
Kunzendorf hatten 25 30 Volkssturmmänner den Genickschuß erhalten. Auf dieselb
e Weise starben in Glausche bei Namslau 18 Personen, »darunter Volkssturmmänner
und Krankenschwestern«, durch die Mörderhände von Angehörigen der 59. Armee. In
Beatenhof bei Ohlau fand man sämtliche Männer nach der Wiedereinnahme ermordet d
urch Genickschuß. Die Täter waren Angehörige der 5. Gardearmee gewesen. In Grünb
erg wurden acht Familien von Angehörigen des 9. Gardepanzer¬korps ermordet. Scha
uplatz grausiger Verbrechen war das Gut Tannenfeld bei Grottkau. Dort vergewalti
gten Rotarmisten der 229. Schützendivision zwei Mädchen und ermordeten sie ansch
ließend unter Mißhandlungen. Einem Mann wurden die Augen ausgestochen und ihm wu
rde die Zunge abgeschnitten. Dasselbe geschah mit einer 43 jährigen Polin, die a
nschließend zu Tode gequält wurde.
In Alt Grottkau ermordeten Angehörige derselben Division 14 Kriegsgefangene, tre
nnten ihnen die Köpfe ab, stachen ihnen die Augen aus und zermalmten sie mit Pan
zern. Rotarmisten derselben Schützendivision waren auch für Untaten in Schwarzen
grund bei Grottkau verantwortlich. Sie vergewaltigten die Frauen einschließlich
der Klosterschwestern, erschossen den Bauern Kahlert, schlitzten seiner Frau den
Bauch auf, hackten ihr die Hände ab, erschossen den Bauern Christoph und dessen
Sohn und auch ein junges Mädchen. Auf dem Gut Eisdorf bei Märzdorf stachen Sowj
etsoldaten der 5. Gardearmee einem älteren Mann und einer älteren Frau, anschein
end einem Ehepaar, die Augen aus und schnitten ihnen die Nasen und die Finger ab
. In der Nähe fand man 11 viehisch ermordete verwundete Soldaten der Luftwaffe.
Ebenso wurden in Güterstadt bei Glogau 21 von Rotarmisten der 4. Panzerarmee erm
ordete deutsche Kriegsgefangene aufgefunden. In dem Dorf Häslicht bei Striegau w
urden alle Frauen von Rotarmisten des 9. mechanisierten Korps »nacheinander verg
ewaltigt«. Die Ehefrau Maria Hainke fand ihren Ehemann, der noch schwache Lebens
zeichen von sich gab, sterbend in einer sowjetischen Wachstube. Eine ärztliche U
ntersuchung ergab, daß ihm die Augen ausgestochen, die Zunge abgeschnitten, ein
Arm mehrfach gebrochen und die Schädeldecke zertrümmert worden waren.
Angehörige des 7. Gardepanzerkorps waren es, die in Ossig bei Striegau die Fraue
n vergewaltigten, sechs bis sieben Mädchen ermordeten, 12 Bauern erschossen und
in Hertwisswaldau bei Jauer ähnliche Schwerverbrechen begingen. In Liegnitz fand
en sich die Leichen zahlreicher Zivilpersonen, die von Sowjetsoldaten der 6. Arm
ee erschossen worden waren. In dem von Einheiten des 7. Gardepanzerkorps besetzt
en Städtchen Kostenblut bei Neumarkt wurden die Frauen und Mädchen vergewaltigt,
darunter auch eine hochschwangere Mutter von acht Kindern. Ihr Bruder, der vers
uchte, ihr beizustehen, wurde erschossen. Erschossen wurden alle kriegsgefangene
n Ausländer ebenso wie sechs Männer und drei Frauen. Der Massenvergewaltigung en
tgingen auch die Schwestern des katholischen Krankenhauses nicht. Pilgramsdorf b
ei Goldberg war der Schauplatz zahlreicher Morde, Vergewaltigungen und Brandstif
tungen durch Angehörige der 23. mechanisierten Gardeschützenbrigade. In Beralsdo
rf, einem Vorort von Lauban, wurden 39 der noch verbliebenen Frauen »auf gemeins
te Art und Weise« von Sowjetsoldaten des 7. Gardepanzerkorps geschändet, eine Fr
au erhielt dabei einen Schuß in den Unterkiefer, wurde in einen Keller gesperrt
und Tage später in schwer fieberkrankem Zustand von drei Rotarmisten nacheinande
r »mit vorgehaltener Pistole auf brutalste Art vergewaltigt«.
Mark Brandenburg (vornehmlich Neumark und Sternberger Land)
Über die Behandlung der Bevölkerung in den östlichen Teilen der Provinz Mark Bra
ndenburg vermittelt ein Bericht der von der Frontaufklärung 103 zwischen dem 24.
Februar und 1. März 1945 eingesetzten russischen Agenten Danilov und Cirsin all
gemeine Vorstellungen.") Alle Deutschen im Alter von 12 Jahren an aufwärts waren
demnach rücksichtslos zum Stellungsbau eingesetzt, nicht eingesetzte Bevölkerun
gsteile nach Osten abgeführt und alte Leute dem Hungertode preisgegeben worden.
In Sorau sahen Danilov und Cirsin »massenweise Leichen von Frauen und Männern ..
. ermordet (abgeschlachtet) und erschossen (Genickschuß und Herzschuß) auf Straß
en, in Höfen und in Häusern herumliegen«. Nach Auskunft eines über das Ausmaß de
s Terrors selbst entsetzten sowjetischen Offiziers waren »alle Frauen und Mädche
n, gleich welchen Alters, rücksichtslos vergewaltigt« worden. Auch in Skampe bei
Züllichau hatten Sowjetsoldaten der 33. Armee einen »grausamen Blutterror« ausg
eübt"). In fast allen Häusern lagen »erdrosselte Leichen von Frauen, Kindern und
Greisen«. Kurz hinter Skampe, an der Straße nach Rentschen, wurden die Leichen
eines Mannes und einer Frau gefunden. Der Frau war der Bauch aufgeschlitzt, ein
Embryo herausgerissen und die Bauchöffnung mit Unrat und Stroh gefüllt worden. I
n der Nähe befanden sich die Leichen von drei erhängten Volkssturmmännern.
In Kay bei Züllichau ermordeten Angehörige derselben Armee Verwundete sowie Frau
en und Kinder eines Transportes durch Genickschuß. Die Stadt Neu Bentschen war v
on Rotarmisten geplündert und alsdann mutwillig in Brand gesetzt worden. An der
Straße Schwiebus Frankfurt schossen Rotarmisten der 69. Armee Zivilpersonen, dar
unter Frauen und Kinder, zusammen, so daß die Leichen »über und untereinander«
lagen. Bei Alt-Drewitz vor Calenzig erschossen Angehörige der 1. Gardepanzerarme
e einen Oberstabsarzt, einen Major und Sanitätssoldaten und eröffneten zugleich
das Feuer auf die aus dem Stalag Alt Drewitz zurückgeführten amerikanischen Krie
gsgefangenen, von denen 20 30 verwundet und eine unbekannte Anzahl getötet wur
den.") An der Straße vor Groß Blumberg/ Oder lagen in Gruppen zu jeweils fünf bi
s zehn Mann die Leichen von etwa 40 deutschen Soldaten, die durch Kopf oder Gen
ickschuß ermordet und dann ausgeraubt worden waren. In Reppen wurden alle Männer
eines durchziehenden Flüchtlingstrecks von Sowjetsoldaten der 19. Armee erschos
sen und die Frauen vergewaltigt. In Gassen bei Sommerfeld wurden Zivilpersonen w
ahllos von Panzern des 6. mechanisierten Gardekorps unter Feuer genommen. In Mas
sin bei Landsberg erschossen Angehörige der 5. Stoßarmee eine unbekannte Anzahl
von Einwohnern, vergewaltigten Frauen und Minderjährige und schafften Plünderung
sgut fort. In einem unbekannten Ort bei Landsberg erschossen Angehörige der 331.
Schützendivision acht männliche Zivilpersonen, nachdem sie diese zuvor ausgerau
bt hatten.
Als Einheiten des sowjetischen 11 . Panzerkorps bzw. des 4. Gardeschützenkorps z
u Anfang Februar überraschend in die westlich der Oder gelegene Stadt Lebus eind
rangen, setzte sofort die Ausraubung der Einwohner ein, bei welcher Gelegenheit
eine Anzahl von Zivilpersonen erschossen wurde. Die Rotarmisten vergewaltigten d
ie Frauen und Mädchen, von denen zwei mit Gewehrkolben erschlagen wurden. Das un
verhoffte Vordringen der Sowjettruppen an die Oder und stellenweise über die Ode
r hinweg wurde unzähligen Einwohnern und deutschen Soldaten zum Verhängnis. In G
roß Neuendorf/Oder wurden zehn deutsche Kriegsgefangene in einen Stall gesperrt
und von Sowjetsoldaten anscheinend der 1. Gardepanzerarmee mit Maschinenpistolen
niedergemäht. In Reitwein und Trettin erschossen Angehörige anscheinend der 8.
Gardearmee sämtliche deutsche Soldaten, Polizeibeamte und sonstige >Faschisten<,
aber auch ganze Familien, in deren Haus etwa Wehrmachtangehörige Unterschlupf g
efunden hatten. In Wiesenau bei Frankfurt wurden zwei Frauen im Alter von 65 und
55 Jahren nach stundenlanger Vergewaltigung sterbend aufgefunden. In Zehden ers
choß eine uniformierte Sowjetfrau im Offizierrang des 5. Gardepanzerkorps ein Ka
ufmannsehepaar. Und in Genschmar ermordeten Sowjetsoldaten einen Gutsbesitzer, d
en Gutsverwalter und drei Arbeiter.
Eine Stoßgruppe der Wlassov Armee unter Oberst der ROA Sacharov hatte am 9. Febr
uar 1945 mit deutscher Unterstützung die im Oderbruch gelegenen Ortschaften Neu
Lewin und Kerstenbruch wieder eingenommen. Die Bevölkerung in beiden Orten war,
so ein deutscher Bericht vom 15. März 1945, »in grausamster Weise mißhandelt wor
den« und stand danach »unter dem furchtbaren Eindruck des sowjetischen Blutterro
rs«. In Neu Lewin wurde der Bürgermeister erschossen aufgefunden, ebenso ein Weh
rmachturlauber. In einer Scheune lagen die Leichen von drei geschändeten und ers
chlagenen Frauen, von denen zwei an den Füßen gefesselt waren. Eine deutsche Fra
u lag erschossen vor ihrer Haustür. Ein altes Ehepaar war erdrosselt worden. Als
Täter wurden ebenso wie in dem unfern gelegenen Dorf Neu Barnim Angehörige des
9. Gardepanzerkorps ermittelt. In Neu Barnim wurden 19 Einwohner tot aufgefunden
. Die Leiche der Gastwirtsfrau war verstümmelt und an den Füßen mit Draht zusamm
engebunden. Hier wie in den anderen Ortschaften sind die Frauen und Mädchen gesc
händet worden, in Kerstenbruch sogar eine beinamputierte 71 jährige Greisin. Plü
nderungen und mutwillige Zerstörungen vervollständigen in diesen Dörfern des Ode
rbruches ebenso wie überall in den deutschen Ostgebieten das Bild der von den So
wjettruppen begangenen Gewaltverbrechen.
Pommern
Aus Pommern lagen für den Monat Februar 1945 nur verhältnismäßig wenige Meldunge
n vor, da die eigentlichen Durchbruchskämpfe hier erst Ende des Monats einsetzte
n. Ein Bericht des georgischen Leutnants Berakagvili, der, vom Georgischen Verbi
ndungsstab zur Fahnenjunkerschule Posen kommandiert, dort mit anderen Offizieren
der Freiwilligenverbände an der Verteidigung der Festung teilgenommen und sich
in Richtung Stettin durchgeschlagen hatte, vermittelt immerhin einige Eindrücke
für das Gebiet südöstlich von Stettin."') So waren überall nicht nur Parteimitgl
ieder und Hitlerjungen, sondern überhaupt zivile Uniformträger wie Eisenbahner u
sw. erschossen worden. Durch Genickschuß getötete Soldaten und Zivilpersonen säu
mten oft die Straßen, »stets halb entblößt und in jedem Falle ohne Stiefel«. Leu
tnant Berakagvili war Zeuge der brutalen Vergewaltigung einer Bauersfrau im Beis
ein der schreienden Kinder bei Schwarzenberg und fand allenthalben Spuren von Pl
ünderung und Zerstörung. »Grausam zerstört« war die Stadt Bahn, in deren Straßen
»viele Leichen von Zivilisten« lagen, die, wie Rotarmisten erklärten, von ihnen
»zur Vergeltung« ermordet worden waren.
Die Verhältnisse in den Ortschaften um Pyritz bestätigten vollauf diese Beobacht
ungen. In Billerbeck waren der Gutsbesitzer sowie alte und kranke Leute erschoss
en, Frauen und Mädchen bis hinab zum Alter von zehn Jahren vergewaltigt, die Woh
nungen geplündert, die übrigen Einwohner verschleppt worden. Auf Gut Brederlow s
chändeten Rotarmisten die Frauen und Mädchen, von denen eines anschließend ebens
o wie die Frau eines geflüchteten Wehrmachturlaubers erschossen wurde. In Köseli
tz wurden der Amtsvorsteher, ein Bauer, ein auf Urlaub befindlicher Leutnant, in
Eichelshagen der Ortsgruppenleiter und eine sechsköpfige Bauernfamilie ermordet
. Die Täter waren in allen Fällen Angehörige der 61. Armee gewesen. Ähnliches ge
schah in den Dörfern um Greifenhagen südlich von Stettin. So waren in Jädersdorf
zehn evakuierte Frauen und ein 15 jähriger Junge niedergeschossen, die noch leb
enden Opfer mit Bajonetten und durch Pistolenschüsse getötet sowie auch ganze Fa
milien mit Kleinkindern von Angehörigen der 2. Gardepanzerarmee »hingeschlachtet
« worden. In Rohrsdorf erschossen die Sowjetsoldaten zahlreiche Einwohner, darun
ter einen verwundeten Heimaturlauber. Frauen und Mädchen wurden geschändet und d
anach zum Teil ebenfalls ermordet. In Groß Silber bei Kal¬
lies vergewaltigten Rotarmisten des 7. Gardekavalleriekorps eine junge Frau mit
einem Besenstiel, schnitten ihr die linke Brust ab und zertrümmerten ihren Schäd
el. In Pr. Friedland erschossen Sowjetsoldaten der 52. Gardeschützendivision ach
t Männer und zwei Frauen und vergewaltigten 34 Frauen und Mädchen. Ein grauenhaf
tes Vorkommnis meldete der Kommandeur eines deutschen Panzerpionierbataillons de
r 7. Panzerdivision.11) Zu Ende Februar 1945 trieben sowjetische Offiziere der 1
. bzw. 160. Schützendivision mehrere Kinder im Alter von 10 bis 12 Jahren nördli
ch von Konitz zur Erkundung in ein Minenfeld. Die deutschen Soldaten vernahmen »
das jammervolle Schreien« der durch hochgehende Minen schwerverletzten Kinder, »
die mit aufgerissenen Körpern hilflos verbluteten«.
Ostpreußen
Auch in dem schwer umkämpften Ostpreußen dauerten die Greueltaten unter Mißachtu
ng etwa entgegenstehender Befehle im Februar 1945 unvermindert an. So wurden an
der Straße bei Landsberg deutsche Soldaten und Zivilpersonen von Angehörigen der
1. Gardepanzerarmee durch Bajonettstiche, Kolbenhiebe und Nahschüsse getötet un
d zum Teil massakriert.
In Landsberg trieben Sowjetsoldaten der 331. Schützendivision die überraschte Be
völkerung einschließlich der Frauen und Kinder in die Keller, zündeten die Häuse
r an und schossen auf die in Panik Fliehenden. Viele Menschen verbrannten lebend
igen Leibes.
In einem Dorf an der Straße Landsberg - Heilsberg wurden 37 Frauen und Mädchen v
on Angehörigen derselben Schützendivision sechs Tage und Nächte lang in einen Ke
ller gesperrt, dort zum Teil angekettet und unter Beteiligung der Offiziere tägl
ich mehrfach vergewaltigt. Zwei dieser Sowjetoffiziere schnitten »mit einem halb
runden Messer« zwei Frauen der entsetzten Schreie wegen vor aller Augen die Zung
en heraus. Zwei anderen Frauen waren die aufeinandergelegten Hände mit einem Baj
onett auf dem Fußboden festgenagelt worden. Nur wenige der Unglücklichen konnten
schließlich von deutschen Panzersoldaten befreit werden, 20 Frauen waren den Mi
ßhandlungen erlegen.
In Hanshagen bei Pr. Eylau erschossen die Rotarmisten der 331. Schützendivision
zwei Mütter, die sich der Vergewaltigung ihrer Töchter widersetzten, und einen V
ater, dessen Tochter zu gleicher Zeit aus der Küche geschleppt und von einem sow
jetischen Offizier vergewaltigt wurde. Ermordet wurden ferner das Lehrerehepaar
mit drei Kindern, ein unbekanntes Flüchtlingsmädchen, der Gastwirt und ein Landw
irt, dessen 21 jährige Tochter vergewaltigt wurde.
In Petershagen bei Pr. Eylau ermordeten die Angehörigen dieser Division zwei Män
ner und einen Jungen im Alter von 16 Jahren namens Richard von Hoffmann, während
sie den Frauen und Mädchen brutale Gewalt antaten.
Sowjetische Truppen waren zu Anfang Februar 1945 überraschend in den westlichen
Teil des Samlandes eingedrungen und hatten eine große Anzahl von Ortschaften in
ihre Gewalt gebracht. Es gelang den Deutschen, die vorgedrungenen Kräfte nach we
nigen Tagen zu zerschlagen und teilweise zurückzudrängen und durch ein kühnes An
griffsunternehmen größeren Ausmaßes am 19. und 20. Februar 1945 die unterbrochen
e Land- und Seeverbindung nach Königsberg wiederherzustellen. Das Oberkommando d
er Armeeabteilung Samland bzw. der Heeresgruppe Nord führte mit Hilfe der Polize
i Untersuchungen über das Schicksal der Bevölkerung in den wieder befreiten Gebi
eten durch, deren Ergebnisse freilich nur für wenige Ortschaften vorliegen.
So ermordeten Angehörige des 271. Besonderen Motorisierten Bataillons (Kradschüt
zen) der 39. Armee in Georgenwalde vier Zivilpersonen und warfen die Leichen in
das Feuer des angezündeten Gutes. Frauen und Mädchen, noch im Kindesalter, wurde
n von Offizieren und ihren Rotarmisten grausam geschändet.
In Kragau wurden von Angehörigen der 91. Gardeschützendivision zwei junge Frauen
vergewaltigt und erwürgt, in Medenau von Angehörigen der 358. Schützendivision
mindestens elf Zivilpersonen ermordet. Vor einem Hause lagen hier die Leichen zw
eier ermordeter Frauen, eines Kleinkindes und eines Säuglings. Zwei ältere Männe
r und ein 14 Jahre alter Junge waren erschlagen worden, ebenso zwei Frauen und z
wei kleine Mädchen nach der Vergewaltigung. Die völlig entkleidete Leiche einer
etwa 30 jährigen Frau wies Stichwunden in der Brust auf, ihr war der Schädel ges
palten worden, und sie war von Schüssen durchbohrt.
In Groß Ladtkeim erschossen Angehörige der 91. Gardeschützendivision zwei deutsc
he Kriegsgefangene und vier Zivilpersonen, unter ihnen den Bürgermeister und des
sen Frau. Von der 18jährigen Tochter fehlte jede Spur. Doch wurde die Leiche ein
es jungen Mädchens aufgefunden, dem nach der Vergewaltigung die Brüste abgeschni
tten und die Augen ausgestochen worden waren.
Die über Thierenberg bis in den Raum Krattlau Germau vorgedrungene sowjetische 9
1. Gardeschützendivision ist am 7. Februar 1945 eingeschlossen und in harten Käm
pfen teilweise zerschlagen worden. Schwere Völkerrechtsverletzungen sind in den
von ihr besetzten Ortschaften festgestellt worden.
In Thierenberg wurden 21 aus dem Heim für Kriegsversehrte bei Sorgenau dorthin v
erschleppte deutsche Soldaten ermordet. Elisabeth Homfeld wurde vergewaltigt und
mit ihrem Schwager durch Kopfschüsse getötet, ebenso Minna Kottke, die sich der
Vergewaltigung hatte erwehren wollen, und der Sohn des Pfarrhofpächters, Ernst
Trunz. In einem Schuppen sind durch eine hineingeworfene Handgranate drei dort e
ingesperrte Frauen und ein Mann getötet, mehrere Personen schwer verletzt worden
. Sowjetische Offiziere und Soldaten haben in der Kriegsgefangenschaft später zu
gleich gestanden, sich an Frauen und selbst an minderjährigen Mädchen pausenlos
und »auf tierische Weise« vergangen zu haben.
In Krattlau ermordeten Angehörige des Gardeschützenregimentes 275 der 91. Gardes
chützendivision sechs Männer und zwei deutsche Soldaten durch Bajonettstiche ode
r Kopfschüsse. Alle Frauen und Mädchen einschließlich der Dreizehnjährigen wurde
n ununterbrochen vergewaltigt, manche Frauen »5 bis 8 mal am Tage von jeweils 6
bis 8 Soldaten geschlechtlich mißbraucht«. Drei bis vier der jüngsten Frauen bli
eben den Offizieren vorbehalten, die sie nach vollendetem Notzuchtverbrechen an
ihre Untergebenen weiterreichten
In Annental fanden die deutschen Befreier die Leichen zweier Frauen, die, eine a
uf einem Dunghaufen, geschändet und anschließend erwürgt worden waren.
Eingehende Erhebungen konnten in Germau angestellt werden, wo immerhin der Stab
der 91. Gardeschützendivision und der Stab mit Teilen des Gardeschützenregimente
s 275 gelegen hatten.
In Germau wurden die Leichen 21 ermordeter Männer, Frauen und Kinder aufgefunden
. Elf Personen hatten die ungeheuerlichen Torturen nicht ertragen und ihrem Lebe
n selber ein Ende gemacht. 15 deutsche Verwundete waren durch Zerschlagen des Ko
pfes ermordet und einem von ihnen war eine Mundharmonika gewaltsam in den Mund g
etrieben worden. Nach Feststellungen von Stabsarzt Dr. Tolzien wies eine Frauenl
eiche folgende Verletzungen auf: Kopfdurchschuß, Zertrümmerung des linken Unters
chenkels... Einer anderen Frau ebenso wie einem der Kleidung beraubten jungen Mä
dchen war der Hinterkopf zerschmettert worden. Ermordet aufgefunden wurden die E
heleute Retkowski, die Eheleute Sprengel mit drei Kindern, eine junge Frau mit z
wei Kindern und ein unbekannter Pole. In einem Gemeinschaftsgrab lagen die Leich
en einer unbekannten Flüchtlingsfrau, der Rosa Thiel, geb. Witte und eines 21 jä
hrigen polnischen Mädchens, alle drei nach der Vergewaltigung grausam ermordet,
ferner die Leichen zweier Handwerksmeister des Ortes, von denen einer, der Mülle
r Maguhn, erschossen worden war, weil er seine minderjährige Tochter vor der Ver
gewaltigung hatte schützen wollen.
An der Straße Germau Palmnicken, bei Kilometerstein 5, wurden zwei kleine Mädche
n aufgefunden. Beide hatten Nahschüsse im Kopf und einem waren die Augen ausgest
ochen worden. Die weibliche Bevölkerung von Germau, etwa 400 Frauen und Mädchen,
war auf Befehl des Kommandeurs der 91. Gardeschützendivision, Oberst Koganov, i
n der Kirche eingeschlossen worden, angeblich, so jedenfalls der kriegsgefangene
Major Kostikov, um sie vor Ausschreitungen zu bewahren. Sowjetische Offiziere u
nd Soldaten drangen dennoch in die Kirche ein und führten auf der Empore >Massen
vergewaltigungen< durch. Auch in den umliegenden Häusern wurden die Frauen in de
n folgenden Tagen, meist von Offizieren, pausenlos geschändet, junge Mädchen in
einer Nacht bis zu zwanzigmal, die 13 jährige Eva Link in der Glockenstube der K
irche von einem Offizier und mehreren Rotarmisten achtmal vor den Augen der fass
ungslosen Mutter, die anschließend das gleiche Los traf.
Die Geschehnisse in dem westlich von Königsberg gelegenen Villenvorort Metgethen
, der in der Nacht vom 30./31. Januar 1945 von Einheiten der sowjetischen 39. Ar
mee (Schützenregimenter 192, 292, 338) besetzt und am 19.Februar nach verlustrei
chen Kämpfen von Teilen der deutschen 1. Infanteriedivision und der 5. Panzerdiv
ision wieder befreit worden war, sind bereits mehrfach in der Literatur und unlä
ngst auch in einer Veröffentlichung der russischen Zeitschrift NOVOE VREMJA unte
r der Überschrift »Verbrechen der Rotarmisten« beschrieben worden. Verwiesen sei
auch in diesem Zusammenhang auf den amerikanischen Völkerrechtler Alfred M. de
Zayas, der den Vorgängen in Metgethen in seinen Untersuchungen besondere Aufmerk
samkeit widmet.
Die deutschen Soldaten hatten in Metgethen und in der näheren Umgebung grauenhaf
te Entdeckungen gemacht. Die Überlebenden, so der ehemalige 3. Generalstabsoffiz
ier im Stabe des Festungskommandanten von Königsberg, Major d. R. Professor Dr.
G. Ipsen, befanden sich »in einem Zustand, der an Wahnsinn grenzte«.
Schon an den Zugängen wurden die Leichen einiger hundert zum Teil bis zur Unkenn
tlichkeit verstümmelter deutscher Soldaten gefunden, in fast allen Häusern und G
ärten lagen erschlagene Männer, Frauen und Kinder, die Frauen deutliche Spuren d
er Vergewaltigung aufweisend, die Brüste oftmals abgeschnitten. An einer Stelle,
so der ehemalige Ordonanzoffizier im Stabe der 561. Volksgrenadierdivision, K.
A. Knorr, waren zwei etwa 20 jährige Mädchen von Fahrzeugen auseinandergerissen
worden. Auf dem Bahnhof stand mindestens ein Flüchtlingszug aus Königsberg. In j
edem Waggon lagen die Leichen »bestialisch ermordeter Flüchtlinge jeden Alters u
nd Geschlechtes«. Auf dem Tennisplatz in Metgethen waren deutsche Kriegsgefangen
e und Zivilpersonen zusammengepfercht und alsdann war eine Sprengladung zur Expl
osion gebracht worden. Man fand Teile menschlicher Leichen noch 200 m von dem ri
esigen Sprengtrichter entfernt. Noch am 27. Februar 1945 entdeckte der Hauptmann
aus dem Stabe des Festungskommandanten Sommer hinter einem Hause in einer Kiesg
rube an der Straßen- und Bahnkreuzung vor Metgethen durch Zufall die Leichen 12
völlig entkleideter Frauen und Kinder in »einem wirren Haufen« zusammenliegend;
sie waren durch Bajonett- und Messerstiche zerfleischt worden.
Außer den in dem ganzen Villenort verstreuten Einzelleichen, die sich auf mehrer
e hundert beliefen, wurden mehrere große Erdhügel entdeckt, unter denen, wie sic
h ergab, Hunderte, nach Hauptmann Sommer und Professor Dr. Ipsen 3000 Tote versc
harrt waren. Die Ermittlungen der von dem Festungskommandanten, General der Infa
nterie Lasch, eingesetzten Untersuchungskommission gestalteten sich so schwierig
, weil die Sowjets die Leichenhaufen mit Benzin übergossen und versucht hatten,
sie zu verbrennen. Dennoch konnte festgestellt werden, daß die meisten Opfer nic
ht erschossen, sondern oft durch Hieb- und Stichwaffen grausam ermordet worden w
aren. Bei einem großen Teil dieser Toten handelte es sich zudem nicht um Deutsch
e, sondern um ukrainische Flüchtlinge, die sich in einer Größenordnung von 25.00
0 bei Metgethen aufgehalten hatten, sowie um Angehörige des zwangsrekrutierten (
und von den Deutschen schlecht behandelten) sogenannten ukrainischen »Werkdienst
es«, die, wie viele ihrer Landsleute an anderer Stelle, den sowjetischen Racheak
ten nunmehr zum Opfer gefallen sind.
Westlich von Metgethen, so Hauptmann Sommer, lagen an der Straße bis hin nach Po
wayen überall Leichen von Zivilpersonen, ermordet entweder durch Genickschuß ode
r »völlig entkleidet, vergewaltigt und dann in viehischer Weise mit Bajonettstic
hen oder Kolbenschlägen umgebracht«. An der Straßenkreuzung vor Powayen waren vi
er unbekleidete Frauen von einem sowjetischen Panzer zu Tode geschleift worden.
Bezeugt von Hauptmann Sommer wie auch von Major Professor Dr. Ipsen ist eine ger
adezu symbolische Schandtat der Sowjetsoldaten in der Kirche von Groß Heydekrug.
Dort war ein junges Mädchen gekreuzigt und rechts und links von ihm war je ein
deutscher Soldat aufgehängt worden. Dies alles geschah vor den Toren der Provinz
ialhauptstadt Königsberg. Die unsäglichen Greuel und Verbrechen, die von den auf
gehetzten Sowjetischen Soldaten dann nach der Eroberung der Stadt vom 7.- 9. Apr
il 1945 begangen worden sind, entziehen sich jeder Beschreibung und haben auch i
n den Tagebüchern der Ärzte Deichelman und Graf von Lehndorff einen nur andeutun
gsweisen Niederschlag finden können.
Durch die auf deutschem Boden begangenen Völkerrechtsverletzungen hatten große T
eile der Roten Armee sich außerhalb der Traditionen herkömmlichen Soldatentums g
estellt. Straftaten gegen Wehrlose wie die vorstehend nur beispielhaft geschilde
rten als Massenerscheinung und nach Anstiftung und unter Beteiligung der militär
ischen Führer waren in den Armeen anderer europäischer Staaten selbst im Zweiten
Weltkrieg unbekannt und wären von den Kommandostellen auch niemals geduldet wor
den. Und die deutsche Wehrmacht machte hiervon keine Ausnahme. Raub und Plünderu
ng, ganz zu schweigen von Mord und Notzuchtverbrechen, waren nach zwingenden Vor
schriften des Militärstrafgesetzbuches mit schweren Strafen bedroht.
Die Kriegsgerichte haben auch schon in den sowjetischen Gebieten zur Wahrung der
militärischen Disziplin Vergehen und Verbrechen von Wehrmachtsangehörigen an de
r Zivilbevölkerung in der Regel mit harten Strafen geahndet und oft nicht gezöge
rt, selbst die Todesstrafe zu verhängen. Fragt man daher nach den Verantwortlich
en für die in den deutschen Ostprovinzen begangenen Kriegsverbrechen, so würde e
s sich, folgte man dem alten militärischen Grundsatz, daß die Vorgesetzten in je
dem Fall für die Handlungen ihrer Untergebenen verantwortlich sind, bei der Mehr
zahl der dort eingesetzten Befehlshaber und Truppenführer auch im Sinne des Nürn
berger Statutes um »Kriegsverbrecher« gehandelt haben. ...
Es sind immer nur wenige Namen, die an dieser Stelle aufgeführt werden können. D
och dieses eine lassen sie erkennen, daß Offiziere aller Rangstufen vom Marschal
l der Sowjetunion bis hin zum Leutnant, Generale, Stabs- und Oberoffiziere der R
oten Armee, sich gleicherweise der Begehung von Kriegsverbrechen an der Zivilbev
ölkerung und an wehrlosen Gefangenen schuldig gemacht haben. (Habe hier die Name
nsnennung weggelassen,H. Koch)
. . . Angesichts der in der Roten Armee herrschenden Atmosphäre der Verhetzung u
nd des Hasses war es allerdings nicht einfach und mit ausgesprochenem Risiko ver
bunden, Kritik an der barbarischen, »jeglicher menschlichen Gesittung hohnsprech
enden Behandlung« der Bevölkerung und der Kriegsgefangenen laut werden zu lassen
, weil sofort das Einschreiten der politischen Überwachungsorgane drohte. Sowjet
ische Kriegsgefangene bestätigten »einstimmig«, es sei »strengstens verboten, se
ine sittliche Entrüstung der Führung gegenüber zu äußern, da man dadurch Gefahr
läuft, als Hitlergänger bezeichnet und behandelt zu werden«.
Als etwa der unten noch genannte Hauptmann Beljakov seinem Vorgesetzten die brut
ale Vergewaltigung eines 17 jährigen Mädchens im Beisein der Mutter durch acht R
otarmisten meldete, wurde er von dem Zampolit, Oberstleutnant Bondarec, zurechtg
ewiesen, ob er sich zum »Verteidiger dieser Zivilisten aufspielen« wolle. Er sol
le sich zu seinem Bataillon scheren. Mit anderen Kritikern wurde rigoroser verfa
hren. So erschoß Hauptmann Efremov, Bataillonskommandeur in einem Regiment des 4
. Gardepanzerkorps, der in Lindenhagen bei Cosel am 2. Februar 1945 eine Frau ve
rgewaltigt hatte, kurzerhand einen Rotarmisten, der diese Tat verurteilte. An an
derer Stelle wurden, wie ein kriegsgefangener Unterleutnant aussagte, mehrere Of
fiziere von den aufgehetzten Rotarmisten erschossen, weil sie »sich für die Zivi
lbevölkerung einsetzten und die Ausschreitungen verhindern wollten«
Es wird von Panzerbesatzungen berichtet, die die Einwohner vor der Grausamkeit d
er nachfolgenden Einheiten warnten, und es gab immer wieder sowjetische Offizier
e und Soldaten, die den Frauen und Kindern halfen oder Brot an sie austeilten.
Leuchtende Zeichen der Menschlichkeit haben Hauptmann Aleksandr Solzenicyn und M
ajor Lev Kopelev gesetzt, die ihr Eintreten für die mißhandelte Zivilbevölkerung
in Ostpreußen mit jahrelanger Deportation in die Konzentrationslager des GULag
bezahlen mußten. »Bürgerlich humanistische Propaganda, Mitleid mit der Feindbevö
lkerung und Verleumdung der sowjetischen militärischen Führung«, so lauteten die
Beschuldigungen, die sie trafen.
Das grauenhafte Geschehen ist von dem späteren Nobelpreisträger Aleksandr Solzen
icyn in seiner Veröffentlichung »Ostpreußische Nächte« der Nachwelt in dichteris
cher Form überliefert worden.
Mitunter vermochten sowjetische Offiziere den uniformierten Verbrechern erfolgre
ich entgegenzutreten, vielleicht weil sie ähnlich denkende Vorgesetzte hatten, w
ie denn überhaupt immer viel von »der Einstellung des jeweiligen Kommandeurs« ab
hing. So war selbst in der 91. Gardeschützendivision »Duchacina« das Verhalten n
icht einheitlich gewesen. Während der Divisionsstab und das Gardeschützenregimen
t 275 in Germau und Umgebung fürchterliche Greuel begingen, wurden aus Orten wie
Willkau, die von anderen Einheiten der Division besetzt waren, keine Morde und
Vergewaltigungen gemeldet.
Als einem in Germau neu eingesetzten Kommandanten die vielen Untaten vorgetragen
wurden, wies dieser die Kirche umstehenden Posten sogar an, ein Herausschleppen
von Frauen nicht mehr zuzulassen, »widrigenfalls sie auf die eigenen Soldaten z
u schießen hätten«. Unterschiedlich waren die Verhältnisse auch in der 72. Schüt
zendivision des Kriegsverbrechers Generalmajor Jastrebov. Während etwa das 3. Ba
taillon des Schützenregimentes 14 schwere Verbrechen beging, wurden die Rotarmis
ten des 3. Bataillons des Schützenregimentes 187 ermahnt, sich der Bevölkerung g
egenüber nichts zu schulden kommen zu lassen.
Doch dies alles scheinen letzten Endes Ausnahmen gewesen zu sein. Der Chef der A
bteilung Fremde Heere Ost des Generalstabes des Heeres, Generalmajor Gehlen, in
dessen Dienststelle alle einschlägigen Meldungen zusammenliefen, registrierte in
Einzelfällen zwar ebenfalls ein »korrektes Verhalten« sowjetischer Offiziere un
d Soldaten, sah sich zugleich aber gezwungen, darauf hinzuweisen, daß »ein große
r Teil der Offiziere Ausschreitungen stillschweigend duldet, ja vielfach selbst
sie durchführt« . 41) So ist der bereits erwähnte Hauptmann Beljakov, Kommandeur
des 1. Bataillons des Schützenregimentes 510 der 154. Schützendivision der 2. G
ardearmee der 3. Weißrussischen Front, am 10. Februar 1945 in Dulzen bei Pr. Eyl
au zu den deutschen Truppen übergelaufen, weil, wie er erklärte, »ich nicht läng
er mehr ansehen konnte, wie die Rotarmisten in den von uns eroberten Gebieten mi
t der deutschen Zivilbevölkerung umgingen«.10) Hauptmann Beljakov, der zuvor ein
en in flagranti ertappten Sergeanten seines Bataillons und einen anderen Rotarmi
sten erschossen hatte, weil sie in einer abgelegenen Scheune ein minderjähriges,
schon völlig verstörtes Mädchen in viehischer Weise vergewaltigten, glaubte der
bevorstehenden Verhaftung durch das NKVD Organ SMERs nur noch durch seine Fluch
t zu den Deutschen entgehen zu können.
Schlußbetrachtung
Der deutsch sowjetische Krieg war unvermeidlich. Nur noch die Frage war offen, w
elche der beiden Mächte dem Gegner zuvorzukommen vermöchte. Schon die gewaltige
und immer schneller anwachsende Rüstungsüberlegenheit der Sowjetunion, besonders
an Panzern, Flugzeugen und Artillerie, über die nunmehr in ganz Europa verstreu
ten Truppen der Wehrmacht ließ den Juni 1941 als den letztmöglichen Termin ersch
einen, um überhaupt noch einen präventiven Krieg führen zu können. Jedes weitere
Zuwarten mußte auch den einzigen Vorteil der Deutschen, ihren besseren Ausbildu
ngsstand, zunichte machen. Aus jüngsten Funden sowjetischer Akten wissen wir heu
te, wie weit Aufmarsch und Kriegsvorbereitung der Roten Armee in der Tat bereits
gediehen waren. ...
Was die Deutschen angeht, so war ihnen das tatsächliche Ausmaß der Stärke der So
wjetarmee verborgen geblieben, wenngleich sie offensichtliche Angriffsvorbereitu
ngen an ihrer Ostgrenze durchaus registriert hatten. Die deutschen Kommandobehör
den zeigten sich nach dem 22. Juni 1941 aber überrascht von dem gegnerischen Pot
ential, auf das sie östlich der Grenze stießen. Von Hitler sind Äußerungen überl
iefert, die der Reichspropagandaminister Dr. Goebbels in seinen Tagebüchern auch
bestätigte, daß ihm nämlich der Entschluß zum Angriff noch weitaus schwerer gef
allen wäre, wenn er das volle Ausmaß der Stärke der Roten Armee vorher gekannt h
ätte. Es mag im übrigen der Phantasie überlassen bleiben sich auszumalen, was au
s Deutschland und anderen europäischen Ländern geworden wäre, wenn Hitler am 22.
Juni 1941 nicht das Signal zum Angriff gegeben und stattdessen umgekehrt Stalin
den von ihm geplanten Vernichtungskrieg hätte führen können. Natürlich liegt da
rin nicht eine Rechtfertigung der politisch und moralisch so verderblichen Metho
den, die Hitler nun seinerseits in Rußland (und in Polen) anwandte. Auch Hitler
plante einen Eroberungskrieg. Und er führte den Krieg gegen die Sowjetunion im G
eiste eines Ausspruches von Benjamin Disraeli, Earl of Beaconsfield: »Die Rassen
frage ist der Schlüssel zur Weltgeschichte.« ...
Stalin, der geplant hatte, die an seiner Westgrenze konzentrierten Kräfte der We
hrmacht in einer gewaltigen Angriffsoperation in mehreren wuchtigen Schlägen zu
vernichten, war auch durch den präventiven Angriff Hitlers anfangs nicht aus dem
Konzept gebracht worden. Im Vollgefühl der gewaltigen Überlegenheit der Sowjetu
nion und wohlunterrichtet von den mannigfachen Schwächen der nunmehr in einem Zw
eifrontenkrieg befindlichen deutschen Wehrmacht waren Stalin und die Führung der
Roten Armee auch nach dem 22. Juni 1941 noch von absoluter Siegeszuversicht erf
üllt. Erst als der deutsche Angriff sich wider Erwarten erfolgreich entwickelte,
zerrannen mit einem Schlage alle Illusionen. Nach einer kurzen Phase der Lethar
gie indessen begann das bolschewistische Regime (Stalin, das Politbüro und das n
eugegründete Staatliche Verteidigungskomitee) einen >vaterländischen< Krieg zu p
roklamieren, der in seiner Radikalität den auf deutscher Seite erst nach >Stalin
grad< ausgerufenen sogenannten >totalen< Krieg nur noch als bloße Redensart ersc
heinen läßt.
Stalin und der Stavka war es in erster Linie darum zu tun, die wankenden Fronten
wieder zum Stehen zu bringen. Es geschah dies durch rücksichtslose Anwendung de
r bewährten stalinistischen Methoden, der Methode einmal einer zügellosen Propag
anda und zum anderen der Methode brutalsten Terrors. Das System war ebenso einfa
ch wie probat: Wer der Propaganda nicht glaubte, der bekam den Terror zu spüren.
Man war sich natürlich darüber im klaren, daß es nicht genügen würde zu versuch
en, die Rotarmisten mit »glühendem und lebenspendendem Sowjetpatriotismus«, mit
»grenzenloser Ergebenheit zur Sache der Kommunistischen Partei«, mit »grenzenlos
er Liebe zur Partei und Regierung, zu dem Genossen Stalin« zu erfüllen und zu be
geistern und wie dergleichen Parolen sonst lauteten. Wichtiger noch war der Appe
ll an die niederen Instinkte. Es mußten Haß- und Rachegefühle gegen die fremden
Eindringlinge, gegen >Faschisten<, gegen deutsche Okkupanten und deren Verbündet
e, wachgerufen werden. Und in dieser Hinsicht sollte die Sowjetpropaganda unter
der maßgeblichen Beteiligung von Ilja Ehrenburg denn auch einen in seiner Primit
ivität und Niedertracht noch kaum dagewesenen Tiefpunkt erlangen.
Zuallererst aber kam es darauf an, in der Roten Armee und Seekriegsflotte eine A
tmosphäre der Furcht und des Terrors zu erzeugen und Bedingungen zu schaffen, di
e den Sowjetsoldaten keinen anderen Ausweg mehr ließen, als für die »Sowjetheima
t« (was immer das sein mochte), »für Partei und Regierung«, »für den geliebten S
talin« bis zur »letzten Patrone«, bis zum »letzten Blutstropfen«, zu kämpfen und
dann zu sterben. Die Möglichkeit, sich in die Kriegsgefangenschaft der deutsche
n oder verbündeten Truppen zu salvieren, hat es für Angehörige der Roten Armee e
ntgegen den Behauptungen deutscher Geschichtsinterpreten auch nicht zu einem Aug
enblick gegeben. Stalin, Molotow und andere führende Sowjetfunktionäre, unter ih
nen auch die Botschafterin Kolontaj, haben bei verschiedenen Gelegenheiten darüb
er nicht den geringsten Zweifel gelassen. Die Sowjetunion als einziger Staat hat
te aus diesem Grunde die Haager Landkriegsordnung von 1907 aufgekündigt und es a
uch abgelehnt, die Genfer Kriegsgefangenenkonvention von 1929 zu ratifizieren. D
er Begriff von Kriegsgefangenen war in der UdSSR unbekannt. Hier kannte man in Ü
bereinstimmung mit den Militärgesetzen und dem Ugolovnyj kodeks nur die Begriffe
von Verrätern und Deserteuren, der Flucht auf das Territorium des Klassenfeinde
s und der antisowjetischen Zusammenarbeit mit ihm. Sowjetische Fliegerkräfte sin
d denn auch nachweislich dazu übergegangen, gezielte Bombenangriffe auf Kolonnen
sowjetischer Kriegsgefangener zu fliegen. Gegen die Familienangehörigen von Kri
egsgefangenen wurden nach dem in der Sowjetunion herrschenden Prinzip der Sippen
haftung brutale Repressalien bis hin zur Erschießung ergriffen.
Den Maßnahmen zur Unterbindung einer Flucht nach vorn entsprachen die Maßnahmen
zur Unterbindung einer Flucht nach hinten. Ein in den Armeen anderer Staaten und
enkbares System der Bespitzelung und Bewachung durch den Politischen Apparat, du
rch die im Verborgenen arbeitende NKVD Organisation der Besonderen Abteilungen u
nd deren Agenten, durch die terroristische Tätigkeit der Absperrabteilungen, Mil
itärtribunale sowie durch die in den Stalinbefehlen Nr. 270 und 227 angekündigte
n Maßnahmen sollten den Rotarmisten keinen Ausweg mehr lassen. Dies und die mass
enweisen Erschießungen von Soldaten, Angehörigen des Kommandobestandes einschlie
ßlich vieler Generale bis hin zum Frontoberbefehlshaber stellten sicher, was in
der Geschichte des »Großen Vaterländischen Krieges« bis in unsere Tage hinein al
s >Massenheroismus< und >Sowjetpatriotismus< gepriesen wird. Russische Soldaten
sind gemeinhin von todesverachtender Tapferkeit. Nur eben läßt sich wahrer Heroi
smus nicht durch Terror erzwingen. Die Menschenverluste der gewöhnlich wie Vieh
in das feindliche Feuer getriebenen Rotarmisten waren denn auch ungeheuer und ha
ben schon im sowjetisch finnischen Winterkrieg 1939/1940 mindestens das Fünffach
e der finnischen Verluste betragen. »Menschenleben dürfen nicht geschont werden«
, das war die Stalindevise, auf der die sowjetische Kriegführung auch in Hinblic
k auf die eigenen Soldaten und Zivilpersonen beruhte.
Bei der Darstellung des Stalin'schen Vernichtungskrieges erwies es sich so hei
kel die ganze Thematik auch sein mag als unumgänglich, vergleichend kurz auf d
ie Massenmorde einzugehen, die das Stalinregime, vereinfachend gesagt, aus klass
enkämpferischen, das Hitlerregime aus rassenkämpferischen Motiven heraus begange
n hat. Denn diese politisch ideologisch bedingten Untaten, die in der Weltgeschi
chte ihresgleichen suchen, waren auch Teil des Propagandakrieges, der neben dem
Krieg der Waffen zwischen der Sowjetunion und Deutschland geführt wurde. Man muß
freilich, um einen adäquaten Maßstab zu gewinnen, daran erinnern, daß, bevor di
e Mordkommandos des Reichsführers SS überhaupt in Aktion treten konnten, von der
Sowjetmacht übereinstimmenden Schätzungen zufolge bereits mindestens 40 Million
en Menschen ihres Lebens beraubt worden waren.
Kolyma, nur eines der Zentren im System des GULag, mit drei Millionen Toten, lag
zeitlich gesehen eben vor Auschwitz. Schon unmittelbar nach Beginn des deutsch
sowjetischen Krieges setzten auf Befehl Stalins hin die Erschießungen echter ode
r vermeintlicher politischer Gegner in allen Landesteilen ein, in Ostpolen, den
baltischen Staaten, in Weißrußland, der Ukraine, auch in Großrußland und schließ
lich im Kaukasus. Dem NKVD auf dem Fuße aber folgten die Einsatzgruppen der Sich
erheitspolizei und des SD, die, in Lemberg noch als sogenannte Vergeltung für da
s zuvor begangene sowjetische Massaker, die hieran doch völlig unschuldige jüdis
che Bevölkerung zu erschießen begannen und das ganze Land mit einer Blutspur dur
chzogen. Im Ersten Weltkrieg noch hatten Österreicher und Deutsche, das Besatzun
gsregime des Oberbefehlshabers Ost, wie auch Hugo von Hofmannsthal hervorhebt, G
erechtigkeit gegen jedermann, einschließlich der durchaus deutschfreundlichen jü
dischen Bevölkerung, walten lassen. Was sich nun aber in den besetzten Ostgebiet
en abspielte, undenkbar einfach unter dem ancién regime, war der Ausdruck schon
eines neuen barbarischen Zeitalters. Mit deutschen Traditionen hatten solche Ak
tionen jedenfalls nichts mehr zu tun. Und sie sind auch ohne Kenntnis oder gar Z
ustimmung der Deutschen durchgeführt worden.
Eine Reihe von Mordstätten hat in dem deutsch sowjetischen Propagandakrieg eine
hervorgehobene Bedeutung gewonnen. Lemberg, Kiew, Char'kow, Minsk stehen, wenngl
eich in unterschiedlicher Relation, für Untaten der beiden Kriegführenden. Katyn
und Vinica fallen in den Verantwortungsbereich Berijas, Majdanek und Auschwitz
in den Himmlers. Ihre jeweiligen Auftraggeber waren Stalin und Hitler.
Die Konzentrationslager im System des GULag allerdings lagen außerhalb des östli
chen Kriegsschauplatzes und bleiben in diesem Zusammenhang daher außer Betracht.
Die Sowjetunion, militärisch und politisch zunächst in die Defensive gedrängt,
vermochte propagandistisch zunehmend an Boden zu gewinnen, nachdem im Zuge der d
eutschen Rückwärtsbewegung die antijüdischen Exzesse der Einsatzgruppen zutage t
raten. Eine >Außerordentliche Staatliche Kommission< als geeignetes Instrument z
ur Verschleierung der bolschewistischen und zur Propagierung der faschistischen
Untaten wurde niedergesetzt. Katyn und Vinica wurden den an sich wohl unterricht
eten alli¬ierten Regierungen gegenüber wahrheitswidrig als Verbrechen der >Fasch
isten< hingestellt. Die endlosen Massengräber von Bykovnia, Darnica und Bielhoro
dka in der Umgebung von Kiev mit Hunderttausenden von Opfern verschwanden hinter
dem Begriff der Altweiberschlucht Babij jar, die freilich noch große Rätsel auf
gibt. Und auch die Massaker des NKVD von Char'kov, Minsk und Lemberg wurden von
dem sowjetischen Propagandagetöse über die dort ebenfalls begangenen >faschistis
chen< Untaten übertönt.
Nachdem im Zuge des weiteren Vordringens der Truppen der Roten Armee die Konzent
rationslager des Generalgouvernements Polen, vor allem Majdanek und Auschwitz, z
u Ende 1944/Anfang 1945 eingenommen worden waren, gewann die Sowjetpropaganda da
nn aber die Oberhand. Die Schreckenstaten in den Vernichtungslagern in Polen, de
ren sich die >Außerordentliche Staatliche Kommission< sofort mit Genugtuung anna
hm, schienen alle bisherigen Behauptungen zu bestätigen und hinterließen besonde
rs in den alliierten Ländern einen verheerenden Eindruck. Daß die Opferzahlen in
diesem Zusammenhang eine Überhöhung erfuhren, blieb in der Auseinandersetzung
und dies bis in die Gegenwart hinein ohne Belang. Ja, heute gilt es schon fas
t als strafwürdig, wenn »die Verluste unter den Juden als ungeheuer übertrieben
dargestellt werden«. Der Historiker wird hierdurch freilich nicht wenig in Verle
genheit versetzt, denn auf der einen Seite sieht er sich der politischen Justiz
und einem entsprechenden Spitzel und Denunziantentum ausgesetzt, auf der andere
n Seite steht er in einer berufsmäßigen Wahrheitspflicht, in der Verpflichtung n
ämlich zu größtmöglicher Zahlengenauigkeit.
So wird, um ein instruktives Beispiel anzuführen, im Hinblick auf die Menschenve
rluste durch die anglo amerikanischen Luftangriffe auf die offene Stadt Dresden
im Februar 1945 bis heute immer die Minimalzahl von 35.000 Todesopfern genannt,
obschon selbst die Stadtverwaltung der Landeshauptstadt Dresden in einem Schreib
en vom 31. Juli 1992 aufgrund von »gesicherten Angaben« 250.000 300.000 Todesopf
er, überwiegend Frauen und Kinder, als »realistisch« bezeichnete. Im Hinblick au
f die Menschenverluste des Vernichtungslagers Auschwitz aber gilt umgekehrt imme
r die Maximalzahl von vier Millionen Todesopfern, wenngleich diese Zahl doch nac
hweislich vom sowjetischen NKVD aufgebracht worden. ist. Diese Opferzahl hat im
Jahre 1990 allerdings eine starke Herabminderung erfahren, sie beträgt nach letz
ten Meldungen und nicht weniger furchtbar heute zwischen 631.000 und 711.000
und scheint sich damit einer realistischen Vorstellung anzunähern. Daß die doku
mentarisch verbürgte Zahl von 74.000 nur einen Teil der tatsächlichen Verluste u
mfassen kann, dürfte im übrigen nicht zu bezweifeln sein. Allgemein muß es aber
zu denken geben, wenn nachweislich niemand anderer als der Menschheitsverbrecher
Ilja Ehrenburg schon am 4. Januar 1945 von sechs Millionen jüdischer Opfer des
Nationalsozialismus gesprochen und diese Größenordnung in die sowjetische Auslan
dspropaganda eingeführt hat. Wie, so ist zu fragen, kam er darauf? Das Konzentra
tionslager Auschwitz mit so wurde berichtet vier bis fünf Millionen Todesopf
ern ist von sowjetischen Truppen doch überhaupt erst am 23. Januar 1945 eingenom
men worden! Es bedarf dies noch einer Antwort.
Stalins >Vernichtungskrieg< andererseits begann mit dem 3. Juli 1941, auch wenn
er selbst den Begriff erstmals am 24. Jahrestag der >Großen Sozialistischen Okto
berrevolution<, am 6. November 1941, offiziell gebrauchte. Die Mordtaten an deut
schen Kriegsgefangenen setzten bereits am ersten Kriegstage ein, am 22. Juni 194
1, spontan und auf der ganzen Linie der Front und nicht etwa, wie behauptet, als
angebliche Reaktion auf die sowjetischerseits anfangs überhaupt nicht bekannten
und im übrigen im Mai 1942 auf Druck des deutschen Heeres hin wieder aufgehoben
en Kommissarrichtlinien. Morde an wehrlosen deutschen und verbündeten Soldaten w
urde nicht selten von sowjetischen Offizieren, vielfach solchen höherer Ränge, b
efohlen, zumindest aber geduldet, auch wenn manche Kommandostellen, schon aus Gr
ünden der Feindaufklärung, immer wieder, und das heißt vergeblich, versuchten, e
igenmächtige Erschießungen zu unterbinden. Was aber war von der Masse der Rotarm
isten auch anderes zu erwarten, wenn sie in Abständen von wenigen Tagen von der
Frontpropaganda unter der Anführung eines Ehrenburg dazu aufgerufen wurden, »all
e Deutschen zu töten, die in unser Land eingedrungen sind«, »sie ganz einfach zu
vernichten«, »diese menschenfreundliche Mission zu erfüllen«, die Deutschen »un
ter die Erde« zu schaffen, sie ganz einfach »vom Erdboden zu vertilgen«. Angesic
hts der in der Roten Armee erzeugten Pogromstimmung, die sich nicht etwa gegen d
ie >Faschisten<, sondern grundsätzlich gegen alle Deutschen richtete, war es für
den gemäßigten Teil des sowjetischen Kommandobestandes schwierig (und manchmal
nicht ungefährlich), dem zügellosen Treiben Einhalt gebieten zu wollen.
Nach dem Eindringen der Sowjettruppen in das deutsche Reichsgebiet im Oktober 19
44 waren es dann nicht nur wehrlose Kriegsgefangene allein, sondern auch deutsch
e Zivilpersonen, Männer, Frauen und Kinder, die der aufgehetzten Soldateska zum
Opfer fielen. Mindestens 120.000 von ihnen sind erschlagen worden, 100.000 200.0
00 weitere in Gefängnissen und Lagern zugrundegegangen. 200.000 Zivilpersonen st
arben als Arbeitssklaven nach der Deportation in die Union Sozialistischer Sowje
trepubliken und, unzählige andere, in Königsberg allein 90.000, sind verhungert.
Insgesamt wurde in den späteren >Vertreibungsgebieten< eine Zahl von 2,2 Millio
nen >ungeklärter Fälle< geschätzt, die in ihrer Mehrheit bei weiterer Begriffsau
slegung als >Verbrechensopfer<, das heißt als Opfer des antideutschen Genocides,
anzusehen sind. Die sowjetischen Frontoberbefehlshaber, die anfangs selber zu R
acheakten aufgerufen hatten, sahen sich bald genötigt, gegen die Verwilderung, j
a Vertierung von beträchtlichen Teilen ihrer Truppen einzuschreiten. Alle solche
Bemühungen mußten jedoch wirkungslos bleiben angesichts der antideutschen Haßpr
opaganda, die unter der Federführung Ehrenburgs bis kurz vor Kriegsschluß weiter
lief und die in der Forderung gipfelte, mit »Deutschland ein Ende zu machen«, in
dem Anliegen, das Ehrenburg »bescheiden und ehrenwert« nannte, nämlich, die »Be
völkerung von Deutschland zu vermindern«, wobei es nur noch darauf ankomme zu en
tscheiden, ob es besser sei, »die Deutschen mit Äxten oder Knüppeln zu erschlage
n«.
Die deutsch sowjetische Auseinandersetzung, von jeder der beiden Mächte auf ihre
Weise in den Formen eines Vernichtungskrieges geführt, würde den absoluten Tief
stand jahrhundertealter deutsch russischer Beziehungen darstellen, wenn es nicht
doch einen hoffnungsvollen Aspekt gegeben hätte. Wendet man den Blick zurück au
f den Anfang des Krieges, so springt schon in die Augen, mit welcher Freundlichk
eit große Teile der Bevölkerung, wenn auch nicht gerade in den großen Industriez
entren, so doch sonst im allgemeinen auf dem flachen Lande, in den Städten und D
örfern, die deutschen Truppen empfangen hatten. Das gilt für die baltischen Staa
ten und Ostpolen ebenso wie für Weißrußland und die Ukraine, aber auch für Großr
ußland bis weit über Smolensk hinaus, für die Krim und 1942 auch für den Kaukasu
s. »Je weiter man nach Osten kommt«, so das Oberkommando des Heeres am 12. Juli
1941, »desto freundlicher scheint sich die Stimmung der Bevölkerung der deutsche
n Wehrmacht gegenüber, vor allem auf dem Lande, zu gestalten.«
An nicht wenigen Stellen wurden die Deutschen geradezu als Befreier begrüßt. Abe
r selbst dort, wo das nicht direkt der Fall war, wo die Bevölkerung ihnen nur mi
t zurückhaltender Freundlichkeit oder abwartender Neugier begegnete, würde das d
er Sowjetdoktrin nicht minder widersprochen haben. Unberechtigte Requisitionen u
nd teilweise auch Plünderungen und sonstige Übergriffe deutscher Soldaten, gegen
die die Kommandobehörden im allgemeinen freilich einschritten, haben stellenwei
se wohl eine Ernüchterung herbeigeführt, ohne daß das gegenseitige Verhältnis hi
erdurch aber schon ernsthaft getrübt worden wäre. Erst in weiterer Entwicklung s
ollte ein Umschwung in der Haltung der Bevölkerung eintreten. Er wurde bewirkt d
urch das Ausblei¬ben eines konstruktiven Besatzungsprogrammes und durch manche U
nterdrückungsmaßnahmen ebenso wie durch die blindwütigen, auch Unbeteiligte in M
itleidenschaft ziehenden Versuche zur Bekämpfung des in kalter Berechnung eröffn
eten völkerrechtswidrigen Partisanen und Freischärlerkrieges. Auch die Judenver
folgungen haben in manchen Kreisen der russischen Bevölkerung vielleicht einen t
ieferen Eindruck hinterlassen, als die Deutschen wohl meinten. Es sollte allerdi
ngs hinzugefügt werden, daß die unter Militärverwaltung verbleibenden Heeres un
d Armeegebiete trotz vieler Unbilden sich oft positiv von den unter Zivilverwalt
ung befindlichen Gebieten abhoben. Die im Kaukasus stehende Heeresgruppe A hatte
auch politische Vollmachten erhalten, so daß sich die Verhältnisse zu den dort
lebenden Minderheitenvölkern, zu den Kosaken, aber auch zu dem russischen Bevölk
erungsteil, überaus positiv gestalteten. In Kaukasien waren mit deutscher Hilfe
sogar Vorformen unabhängiger Staaten dieser Völker, einschließlich eines Kosaken
staates, im Entstehen begriffen.
Vergegenwärtigt man sich zudem, daß allen Terrormaßnahmen zum Trotz es schon im
Jahre 1941 nicht weniger als 3,8 Millionen sowjetischer Soldaten gewesen waren,
die sich in deutsche Kriegsgefangenschaft begeben hatten, dann wird deutlich, wi
e günstig die Aussichten auch für ein politisch militärisches Zusammengehen der
>Russen< mit den >Deutschen< an sich gewesen sind. Die unabdingbare Voraussetzun
g hierfür aber hätte in einer Anerkennung Rußlands als eines verbündeten Staates
bestanden. Von Kriegsbeginn an haben sowjetische Offiziere aller Rangklassen in
deutscher Kriegsgefangenschaft, unter ihnen eine ganze Reihe von Armeeoberbefeh
lshabern, immer wieder die Grundbedingung für ein Zusammengehen mit Deutschland
gegen das Stalinregime genannt: Die Bildung »einer russischen Nationalregierung
und einer russischen Befreiungsarmee mit vollkommen russischer Führung«, die »t
atsächliche Anerkennung einer russischen Nationalregierung« und einer »eigenen N
ationalarmee«. ...
Es war Hitler, der die sich bietenden Möglichkeiten einer deutsch russisehe Alli
anz verstreichen ließ und realistisches Handeln durch >rassenideologische< Prinz
ipien ersetzte. So war seine Politik der Eroberung, der Unterdrückung und Ausbeu
tung zum Scheitern verurteilt. Und dennoch, obwohl das geringste Zugeständnis au
sblieb, hat neben Hunderttausenden sowjetischer Soldaten, Unteroffizieren und Of
fizieren auch eine kleine Gruppe sowjetischer Generale sich im Vertrauen auf ein
e schließlich unausbleibliche Änderung der Verhältnisse dazu entschlossen, den K
ampf an der Seite Deutschlands aufzunehmen: Der Stellvertretende Oberbefehlshabe
r der Volchovfront, Generalleutnant Wlassow, der Armeekommissar und zeitweilige
Führer der 32. Armee Zilenkov und die Generalmajore Arcezo (Assberg), Blagovegsc
enskij, Bogdanov, Malygkin, Sapovalov, Sevast'janov, Truchin und Zakutnyj.
Die entgegen dem ursprünglichen Willen Hitlers seit 1941 aus kleinsten Anfängen
heraus sich entwickelnde militärische Zusammenarbeit war auch politisch gesehen
vielleicht die positivste Erscheinung des deutsch sowjetischeu Krieges. Mochten
deutscherseits anfangs weniger politische als militärisch praktische Erwägungen
maßgebend gewesen sein, so war die Aufstellung der Freiwilligenverbände aus Ange
hörigen der Völker der Sowjetunion doch das einzige Feld, auf dem den verhängnis
vollen Bestrebungen Hitlers im Osten erfolgreich entgegengearbeitet werden konnt
e. Hitler hatte noch am 8. Juni 1943 erklärt, niemals eine russische Armee aufba
uen zu wollen, weil er damit »von vornherein die Kriegsziele völlig aus der Hand
geben« würde. Die mit Unterstützung so gut wie aller Oberbefehlshaber des Osthe
eres unter tatkräftiger Beiwirkung des zuständigen Gruppenleiters II in der Orga
nisationsabteilung des Generalstabes des Heeres, Major i. G. Graf von Stauffenbe
rg, betriebene Aufstellung der Freiwilligenverbände ließ sich indessen nicht meh
r rückgängig machen, nahm vielmehr jetzt einen neuen Aufschwung. Aus den Ostlegi
onen der nichtrussischen Minderheitenvölker der Turkestaner, Nordkaukasier, Azer
bajdianer, Georgier, Armenier und Wolgatataren entwickelten sich nationale Befre
iungsarmeen der Völker Turkestans und des Katikasus. Entstanden waren Verbände d
er Krimtataren, ein Kalmykisches Kavalleriekorps, ein Kosakenkavalleriekorps als
Befreiungsheer der Don , Kuban , Terek und Sibir Kosaken und, in Divisionsstär
ke, auch ein Ukrainisches Befreiungsheer.
Alle Soldaten russischer Nationalität im deutschen Heeresgefüge aber durften sic
h ab 1943 als Angehörige einer damals freilich erst dem Namen nach bestehenden R
ussischen Befreiungsarmee betrachten. Doch nach der in Prag am 14. November 1944
erfolgten Gründung des Komitees zur Befreiung der Völker Rußlands (KONR) sollte
eine Russische Befreiungsarmee (ROA), die über ein eigenes Oberkommando und übe
r alle Waffengattungen einschließlich einer kleinen Luftwaffe verfügte, unter de
r Bezeichnung Streitkräfte des Komitees zur Befreiung der Völker Rußlands (VS KO
NR) wirklich ins Leben treten. General Wlassow als Vorsitzender des Komitees, da
s einer Exilregierung gleichkam, wurde in Personalunion auch Oberbefehlshaber de
r Streitkräfte, bei denen es sich um eine de facto und de jure völlig unabhängig
e, mit dem Deutschen Reich nur noch verbündete russische Nationalarmee handelte.
Das Wort Hitlers war damit in sein Gegenteil verkehrt worden. Und wenn, wie sch
on Aleksandr Solzenicyn schrieb, Hunderttausende, in Wirklichkeit, wie wir wisse
n, aber eine Million sowjetischer Soldaten aller Grade in einem als groß und vat
erländisch apostrophierten Krieg im Lager des Feindes den Kampf gegen das eigene
Regime aufnahmen, dann kann es sich in der Tat nicht mehr um einen wie auch imm
er gearteten Verrat gehandelt haben, dann haben wir es mit einer elementaren pol
itischen Erscheinung zu tun, die es in diesem Ausmaß in der Geschichte wohl noch
niemals gegeben hat. Dieses einzigartige historische Phänomen wäre schon für si
ch genommen eine glatte Widerlegung des gedankenlosen Schlagwortes von der unein
geschränkten Gültigkeit eines sogenannten >Sowjetpatriotismus< und >Massenherois
mus<.
Der Krieg des Deutschen Reiches und der Union Sozialistischer Sowjetrepubliken i
st von beiden Seiten mit Methoden geführt worden, die der jeweils vertretenden I
deologie entsprachen. Stalin selbst hatte nach der Schlacht von Kiev 1941 von Be
rija im Kreml gefordert, kein Mittel auszulassen, um gegen alles Deutsche »Haß,
Haß und nochmals Haß« zu entfachen. Und am 6. November 1941 hatte er expressis v
erbis die Führung eines Vernichtungskrieges gegen die Deutschen proklamiert. Sch
ließlich aber waren es Soldaten beider Seiten, die als erste eine Brücke über di
ese Abgründe des Hasses hinweg schlugen. »In den Jahren des gemeinsamen Kampfes«
, so rief General Wlassow seinen Truppen anläßlich der Übernahme des Oberbefehls
am 10. Februar 1945 auf dem Truppenübungsplatz Münsingen zu, »entstand eine Fre
undschaft des russischen und deutschen Volkes. Die Fehler, die von beiden Seiten
gemacht wurden, und ihre Verbesserung beweisen die Gemeinsamkeit der Interessen
. Die Hauptsache ist das Vertrauen, das gegenseitige Vertrauen in die Arbeit auf
beiden Seiten. Ich danke den deutschen und russischen Offizieren, die an der Au
fstellung dieses Verbandes teilnahmen.«
Das waren Wendungen, wie man sie in diesem Vernichtungskrieg bisher noch kaum ge
hört hatte. Wlassow schloß seine mit freudiger Zustimmung aufgenommene Ansprache
mit den Ausruf: »Es lebe die Freundschaft des deutschen und russischen Volkes!
Es leben die Soldaten und Offiziere der russischen Armee!« Von Hitler und von St
alin war nun nicht mit einem Wort mehr die Rede. Die Russische Befreiungsbewegun
g, die auch das Ziel einer Vereinbarung mit einem erneuerten Deutschland verfolg
te, ist an der Ungunst der Verhältnisse des Jahres 1945 zwar gescheitert, aber s
ie ist nicht vergebens gewesen, wie denn gerade auch mißlungene Befreiungsversuc
he in der Geschichte der Völker eine besondere Ausstrahlungskraft erlangen könne
n.

Der Text wurde geringfügig gekürzt, auch die Hervorhebungen wurden von mir vorge
nommen. Horst Koch, Herborn, im März 2009
www.horst-koch.de
info@horst-koch.de
Joachim Hoffmann (* 1. Dezember 1930 in Königsberg; 8. Februar 2002 in Freiburg
im Breisgau) war ein deutscher Historiker und Publizist, der sich vor allem mit
der Militärgeschichte des Zweiten Weltkrieges beschäftigte.
Die Familie Hoffmanns stammte aus Königsberg in Ostpreußen, von wo sie infolge d
es Zweiten Weltkrieges in den Westen Deutschlands fliehen musste und sich in Ber
lin niederließ. Ab 1951 studierte er Neuere Geschichte, Osteuropäische Geschicht
e und Vergleichende Völkerkunde an der FU Berlin und der Universität Hamburg. 19
59 promovierte er zum Dr. phil. mit Die Berliner Mission des Grafen Prokesch-Ost
en 1849-1852. Von 1960 bis 1995, als er in den Ruhestand ging, war er am Militär
geschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr tätig, zuletzt als im Range eines W
issenschaftlichen Direktors. Sein dienstliches Forschungsgebiet waren die Streit
kräfte der Sowjetunion. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Aufsätze zur po
litischen, diplomatischen und militärischen Geschichte des 19. Jahrhunderts und
zur Geschichte des Krieges gegen die Sowjetunion.
Einen Schwerpunkt der Arbeit Hoffmanns im Militärgeschichtlichen Forschungsamt b
ildete die Rolle der Orientvölker der Kaukasusregion während des Zweiten Weltkri
eges. Er veröffentlichte mehrere Bücher zu diesem Thema. Angesichts der aktuelle
n Nationalitätenkonflikte, welche zum Zusammenbruch der Sowjetunion mit beigetra
gen haben, trugen die Abhandlungen dazu bei, deren historische Dimension aufzuze
igen.
--

Wie viele Auschwitz-Opfer?


Revision aus unerwarteter Richtung:

Wie viele Auschwitz-Opfer?

Von Jan Dammann

Die Zahl von sechs Millionen von Deutschen und ihren Verbündeten im Zweiten Welt
krieg umgebrachten Juden ist offiziell von höchster politischer wie moralischer
Bedeutung. Es gibt eine ins Unermeßliche gehende Menge von Büchern, Broschüren,
Zeitschriften, Artikeln, in denen aus jener Zahl weitreichende politische, finan
zielle, erzieherische und sogar religiöse Folgerungen gezogen werden.
Innerhalb der Gesamtzahl getöteter Juden spielt das "Vernichtungslager Auschwitz
", so die heute offizielle Bezeichnung, eine entscheidende Rolle. Es lag in Pole
n und wurde am 27. Januar 1945 von der Sowjetarmee besetzt. Etwa fünf Wochen spä
ter, am 1. März 1945, wurde in Moskau eine amtliche Erklärung veröffentlicht, wo
nach in diesem Konzentrationslager "mindestens fünf Millionen Menschen vernichte
t worden sind".

Ilja Ehrenburg als erste Quelle


Dr. Joachim Hoffmann, mehrere Jahrzehnte lang Historiker des zum Bundesverteidig
ungsministerium gehörenden Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (früher Freibu
rg, jetzt Potsdam), zuletzt dort Wissenschaftlicher Direktor, hat in seinem 1995
erschienenen Buch "Stalins Vernichtungskrieg 1941 bis 1945", das derzeit in 6.
Auflage vorliegt, darauf hingewiesen, daß der in der sowjetischen psychologische
n Kriegführung an prominenter Stelle eingesetzte Schriftsteller Ilja Ehrenburg b
ereits am 4. Januar 1945, also fast einen Monat vor der sowjetischen Besetzung d
es Lagers Auschwitz, in einem Aufsatz unter der Überschrift "Noch einmal - Erinn
ere Dich!" geschrieben hatte, die Deutschen hätten sechs Millionen Juden vernich
tet.
Wenige Wochen darauf sollte die Opferzahl allein im KZ Auschwitz fünf Millionen
betragen - jedenfalls nach amtlicher Verlautbarung der sowjetischen Regierung. A
us dieser Behauptung zog vor dem Internationalen Militärgerichtshof der sowjetis
che Ankläger Oberjustizrat Smirnow den politischen Schluß, als er von "Hundertta
usenden und Millionen Verbrechern" unter den Deutschen sprach, die für die Tötun
g der Millionen Juden verantwortlich gewesen seien.
In den Nachkriegsjahren variierten die bekannt gegebenen Totenzahlen erheblich.
Trotz der amtlichen sowjetischen Behauptung von zunächst sechs, dann fünf Millio
nen ging der Internationale Militärgerichtshof in Nürnberg in seiner Urteilsbegr
ündung von drei Millionen Opfern in Auschwitz aus. Des ungeachtet stand viele Ja
hre lang vor der Gedenkstätte des KZs Auschwitz ein Mahnmal mit der Inschrift, h
ier seien vier Millionen ermordet worden. Und auch die heute im Handel befindlic
hen deutschen Lexika, so beispielsweise Meyers Großes Taschenlexikon in 24 Bände
n, berichten von "2,5 bis 4 Millionen Menschen", die im Vernichtungslager Auschw
itz umgekommen seien.
Im April 1990 wurde ohne Aufhebens die Vier-Millionen-Inschrift vor dem KZ Ausch
witz korrigiert. Eine neue Tafel berichtet, es seien 1,5 Millionen zu Tode gebra
cht worden. Als seinerzeit der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, H
einz Galinski, in einer Fernsehsendung gefragt wurde, ob die Reduzierung der Aus
chwitz-Opfer nicht auch Auswirkungen auf die Gesamtzahl von sechs Millionen jüdi
scher Opfer habe, wies er diese Anmutung brüsk zurück.
Inzwischen ist auch die Zahl von 1,5 Millionen Toten ins Wanken geraten, ohne da
ß es eine Korrektur des Erinnerungssteines mit sich gebracht hätte. Im Mai-Heft
2002 der wissenschaftlichen Zeitschrift "Osteuropa", herausgegeben von der Deuts
chen Gesellschaft für Osteuropakunde e. V., deren Präsidentin die ehemalige Bund
estagspräsidentin Prof. Dr. Rita Süssmuth ist, stieß man auf einen Beitrag des L
eitenden "Spiegel" - Redakteurs Fritjof Meyer mit der Überschrift "Die Zahl der
Opfer von Auschwitz - Neue Erkenntnisse durch neue Archivfunde". Man fragt sich
zunächst, warum ein "Spiegel"- Redakteur seine bemerkenswerten Erkenntnisse nich
t im "Spiegel" publiziert, sondern in einer von der Öffentlichkeit kaum wahrgeno
mmenen Fachzeitschrift.

"Produkt der Kriegspropaganda"


In einer Vorbemerkung erklärt der Autor, daß die von der sowjetischen Untersuchu
ngskommission 1945 verbreitete Zahl von vier Millionen Opfern im Lager Auschwitz
-Birkenau "ein Produkt der Kriegspropaganda" gewesen sei. Er, Meyer, habe jetzt
zwei neue Belege "zur Kapazität der Krematorien" ausgewertet, aus denen hervorge
he, daß es mehrere hunderttausend weniger Opfer, als bisher behauptet, gegeben h
abe. "Damit", so der "Spiegel"- Historiker, "rückt die Dimension des Zivilisatio
nsbruches endlich in den Bereich des Vorstellbaren."
Meyer wurde fündig beim Studium des soeben in Bloomington/USA erschienenen Buche
s "The Case for Auschwitz - Evidence from the Irving Trial" von Professor Robert
Jan van Pelt. Van Pelt war als Gutachter für Deborah Lipstadt vor dem Gericht i
n London gegen David Irving aufgetreten. Irving hatte bekanntlich Frau Lipstadt
angezeigt, weil sie ihn einen Auschwitz-Leugner genannt hatte. Von Frau Lipstadt
waren zahlreiche internationale Sachverständige aufgeboten worden, die Irvings
Thesen widerlegen sollten, in Auschwitz-Birkenau habe es keine Gaskammern zur Me
nschentötung gegeben. Zu den Gutachtern gehörte Professor van Pelt, der sich als
Verfasser von Büchern über Auschwitz einen Namen gemacht hat.
Dem neuen Buch van Pelts entnimmt Meyer, daß die Vergasungen nicht in den als Le
ichenkellern gedachten Räumen bei den alten Krematorien innerhalb von Auschwitz-
Birkenau stattfanden (diese waren dazu technisch nicht geeignet), sondern "überw
iegend in den beiden umgebauten Bauernhäusern außerhalb des Lagers". Deren Gaska
mmern faßten zusammen etwa 900 Opfer und waren in einem Fall von Frühjahr 1942 e
in Jahr lang in Betrieb, in dem anderen Fall von Dezember 1942 bis zur Einstellu
ng der Gasmorde im November 1944.
Schlimm genug
Meyer berichtet von der Aussage des Lagerführers Aumeier im Oktober 1945, wonach
Himmler Ende 1942 befohlen habe, unter strengster Geheimhaltung "alle schwachen
, kranken oder arbeitsunfähigen jüdischen Gefangenen zu vergasen, um einer weite
ren Ausbreitung der Epidemien vorzubeugen". Beim ersten Versuch habe sich heraus
gestellt, daß der bisher als Leichenkammer benutzte Raum für Vergasungen gänzlic
h ungeeignet war. Daher sei angeordnet worden, bei der Errichtung neuer Kremator
ien Gaskammern mitzubauen.
Meyer untersucht akribisch das Fassungsvermögen der neuen im Juni 1943 fertigges
tellten Krematorien. Auch diese wiesen so viele Mängel auf, daß sie nicht ständi
g in Betrieb sein konnten. Der erste Ofen fiel bereits nach neun Tagen aus und m
ußte lange Zeit still liegen, um repariert werden zu können. Den anderen erging
es ähnlich. Mitte Mai 1943 war das Krematorium III unbrauchbar geworden.
Nach den vorhandenen Unterlagen errechnet Meyer, daß in den Tagen, in denen die
Krematorien in Betrieb waren, insgesamt 313 866 Tote verbrannt worden seien. Der
ehemalige Auschwitz-Kommandant Höß hatte ausgesagt, darüber hinaus seien 107 00
0 Leichen aus den Massengräbern, die bis November 1942 angelegt worden waren, au
f Scheiterhaufen verbrannt worden. Hinzu kommen noch 12 000 aus einem alten Krem
atorium, so daß nach Meyer insgesamt rund 433 000 Leichen in Auschwitz verbrannt
worden seien. "Diese Zahl korrespondiert fast genau mit der Summe, die sich aus
den Einlieferungen in das Lager Auschwitz-Birkenau abzüglich der Überstellungen
in andere Lager ergibt." Und Meyer meint auch errechnet zu haben, daß sie in Üb
ereinstimmung zu bringen ist mit der Kapazität der neuen Gaskammern in den beide
n Bauernhäusern.

"Geständnis" unter Folter


Immer wieder trifft man in der einschlägigen Literatur auf die Aussage des ehema
ligen Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß, wonach drei Millionen Menschen in Ausch
witz ums Leben gekommen seien. 2 500 000 davon seien vergast worden. Meyer schil
dert, wie diese Aussage zustande gekommen ist.
Höß wurde von britischen Truppen gefangengenommen. "Nach drei Tagen Schlafentzug
, gefoltert, nach jeder Antwort verprügelt, nackt und zwangsweise alkoholisiert,
war die erste Vernehmung unter ,schlagenden Beweisen' zustande gekommen." Meyer
zitiert den amerikanischen Professor van Pelt, der britische Vernehmer Sergant
Clarke habe ausgesagt, man habe Höß eine Fackel ins Gesicht "gerammt", endlos se
i er geschlagen worden, immer wieder mit Fäusten ins Gesicht. Dann schließlich u
m 2.30 Uhr nachts schrieb Höß das gewünschte Geständnis nieder. 1947 wurde er hi
ngerichtet.
Meyer gelangt zu dem Schluß, insgesamt seien in Auschwitz 510 000 Menschen zu To
de gekommen, davon wahrscheinlich 356 000 im Gas. Von den zunächst behaupteten f
ünf Millionen sind damit zehn Prozent übriggeblieben. Entsetzlich genug.
Der Historiker Joachim Hoffmann, Anfang dieses Jahres verstorben, schrieb in sei
nem schon erwähnten Buch: "Sie (die Auseinandersetzung über das Auschwitz-Proble
m) wird nicht wenig beeinträchtigt durch amtlich dekretierte Denk- und Formulier
ungsverbote, über deren Einhaltung das politische Denunziantentum argwöhnisch wa
cht. Die hierin liegende Behinderung der freien Erörterung eines bedeutenden zei
tgeschichtlichen Problems, so mißlich sie heute auch manchmal sein mag, wird auf
die Dauer freilich keinen Bestand haben. Denn erfahrungsgemäß läßt sich die fre
ie Geschichtsforschung durch strafrechtliche Maßnahmen nur zeitweise behindern."
--
Blut und Tränen
Richard Wurmbrand

Blut und Tränen

- Dokumente zur Christenverfolgung in kommunistischen Ländern -


WER IST RICHARD WURMBRAND?
Pfarrer Wurmbrand ist zur Zeit wahrscheinlich der Pfarrer, der in der ganzen wes
tlichen Welt am meisten beachtet wird. Woran liegt das?
Dieser Mann trägt Orden und Ehrenzeichen, die kein westlicher Pfarrer mehr aufzu
weisen hat. Wer hat ihm diese Orden verliehen? Die Kommunisten!
Die Kommunisten? Dann muß es wohl der Leninorden sein, den Niemöller auch besitz
t. Nein, dieses Zeichen des Verrates am christlichen Glauben trägt Wurmbrand nic
ht.
Dieser Mann hat höhere Orden. Er trägt die durch Leiden und Opfer geheiligten Ze
ichen des Märtyrers an seinem Leibe: 18 tiefe Foltermerkmale kommunistischer Beh
andlung. In 14jähriger Haft sind sie ihm eingebrannt, eingeschnitten, eingerisse
n, eingeschlagen worden.
Kein Wunder, daß die Kommunisten die Aussagen dieses Mannes fürchten. Und nur zu
sehr verständlich, daß die Handlanger dieses Terrorsystems ihn nun bekämpfen, u
m sich dadurch rein zu waschen.
Die eigentliche Tragödie ist aber nicht, daß Kommunisten ihn bekämpfen, sondern
daß auch einige Christen mit diesen gemeinsame Sache machen.
Das Buch Gefoltert für Christus" ist also auch unter Christen zu einem Zeichen ge
worden, dem widersprochen wird. So sehr ist es dem kommunistischen System gelung
en, sich zu tarnen.
In diese Turbulenz von Angriff und Verteidigung kommt nun dieses neue Buch Blut u
nd Tränen". Es ist im Grunde nur eine Dokumentation der Wahrhaftigkeit von Wurmb
rands Aussagen. Eine hohe Instanz der freiheitlichen Welt, eine Kommission des a
merikanischen Parlaments, ließ sich die Dokumente von Wurmbrand in einem grandio
sen Verhör vorlegen und prüfte sie gewissenhaft nach. Man kann Wurmbrand angreif
en, ihm widersprechen, aber man kann diese Dokumente nicht widerlegen.
Dr. Kurt E. Koch - im Jahre 1969

Kongreß der Vereinigten Staaten - Abgeordnetenhaus - Ausschuß für nichtamerikani


sche Betätigungen - Washington, den 30. November 1967

- ÖFFENTLICHES VERHÖR -
Ein Unterausschuß des Komitees für nichtamerikanische Betätigungen wurde einberu
fen und versammelte sich in Zimmer 429 des Cannon House Office Building, Washing
ton D. C.
Vorsitz hatte William M. Tuck.
Mitglieder des Unterausschusses waren:
Abgeordneter William Tuck aus Virginia,
Vorsitzender Edwin E. Willis aus Louisiana,
Vorsitzender des vollständigen Komitees John C. Culver aus Iowa,
Richard L. Roudebush aus Indiana und
Albert W. Watson, aus Süd-Carolina.
Anwesend waren folgende Unterausschußmitglieder: die Abgeordneten Tuck, Willis u
nd Roudebush. Ferner beteiligten sich die Komiteemitglieder John M. Ashbrook aus
Ohio und Del Clawson aus California.
Außerdem war die Anwesenheit einiger Mitglieder des Stabes zu verzeichnen: Direk
tor Francis J. Mc Namara, Hauptbeirat Chester D. Smith und Beirat Alfred M. Nitt
le.
Der Vorsitzende, der Abgeordnete William Tuck, eröffnete die Sitzung. In der ein
leitenden Ansprache erläuterte der Herr Vorsitzende den Sinn und die Aufgabe der
kommenden Verhandlung. Die Erfahrungen von Herrn Pfarrer Wurmbrand in der Zeit
seiner Gefangenschaft standen zur Diskussion.
Vorsitzender: Pfarrer Wurmbrand, wollen Sie bitte dem Komitee Ihren vollen Namen
nennen?"
Wurmbrand: Mein Name ist Richard Wurmbrand."
Smith: Wo und wann sind Sie geboren?" Wurmbrand: Ich bin am 24. März 1909 in Bukar
est, Rumänien, geboren."
Smith: Haben Sie die amerikanische Staatsbürgerschaft?"
Wurmbrand: Nein, ich bin ein rumänischer Staatsangehöriger, ein Ausländer."
Von Rumänien bis USA
Smith: Wann kamen Sie in die Vereinigten Staaten und aus welchem Land?"
Wurmbrand: Das erste Mal kam ich im April 1966 von Rumänien über Norwegen in die
Vereinigten Staaten."
Smith: Wie kam es, daß Sie nach hierher kamen?"
Wurmbrand: Man hat mich von Rumänien losgekauft. Durch kirchliche Organisationen
wurde ich für ein Lösegeld von der rumänischen Regierung freigekauft. Ich kam na
ch Norwegen, und dort wurde ich eingeladen, in der Amerikanisch-Lutherischen Kir
che und vor einer Versammlung von NATO-Personal zu predigen.
Ich erzählte ihnen, was in Rumänien vor sich geht. Besonders bei der NATO-Versam
mlung kam es zu
einem interessanten Zwischenfall. Ein Oberst der amerikanischen Streitkräfte fra
gte mich: ,Was halten Sie von einer friedlichen Koexistenz mit dem Kommunismus?'
,Im Gefängnis bin ich so viele Jahre mit Taschendieben zusammen gewesen, so daß
ich die Gelegenheit hatte, ihr Handwerk zu studieren. In einem unbewachten Augen
blick war der Geldbeutel des Obersten in meiner Tasche. Dann reichte ich ihm die
Hand und sagte: ,Lassen Sie uns in Frieden miteinander leben. Doch Ihr Geldbeut
el bleibt in meiner Tasche."
Das ist das Ziel der Kommunisten. Sie haben halb Europa eingesteckt. Sie haben C
hina genommen und auch Rumänien. Sogar Rußland haben sie durch Gewalt an sich ge
rissen.
Es gibt kein Land, in dem die Kommunisten durch freie Wahlen an die Macht gelang
ten. Sie haben ein Drittel der Welt gestohlen, und jetzt sagen sie: ,Laßt uns in
Frieden nebeneinander koexistieren'. Sie müssen zurückgeben, was sie gestohlen
haben.
Die Soldaten, die in der Amerikanisch-Lutherischen Kirche und in der Militärkape
lle anwesend waren, wurden durch meine Predigt sehr bewegt. Sie legten sofort da
s Geld zusammen, damit ich nach Amerika reisen konnte, um dort die gleichen Beri
chte zu geben.
Pfarrer Myrus Knutson von der Our Savior's American Lutheran Kirche in Los Angel
es und Oberst Sturdy, einem Militärgeistlichen, möchte ich hier meinen Dank auss
prechen sowie den unbekannten Spendern, die dazu beigetragen haben."
Smith: Wie waren Sie in der Lage, Rumänien zu verlassen?"
Wurmbrand: Ich bin in Rumänien 14 Jahre lang im Gefängnis gewesen. Mein Urteil la
utete auf 25 Jahre, aber 1964 wurde ich infolge einer allgemeinen Amnestie freig
elassen.
Zu dieser Zeit war eine Delegation unserer rumänischen Regierung in Amerika, um
Anleihen aufzunehmen und Handelsbeziehungen anzuknüpfen. Dabei kam es ihnen zu O
hren, daß die Regierung der Vereinigten Staaten stark von der öffentlichen Meinu
ng beeinflußt werde. Die Delegation hörte auch, daß die öffentliche Meinung des
Westens gegen die Inhaftierung so vieler Menschen stehe.
Nach dieser Information trieb man uns schon am nächsten Tag aus dem Gefängnis. S
oviel kann Amerika für die versklavten Völker tun!
Nach der Entlassung nahm ich erneut die christliche Untergrundarbeit auf. Bald f
ingen die Kommunisten jedoch wieder an, diejenigen zu verhaften, die sie freigel
assen hatten. Ich schwebte daher wieder in Gefahr. Doch es kam Hilfe. Kirchliche
Organisationen, bes. die Norwegische Israelmission, bezahlten für mich ein Löse
geld in Höhe von 29 000 DM."
Smith: Hatten die Behörden keine Angst, Sie aus Rumänien herauszulassen?"
Wurmbrand: Das ist eine sehr interessante Frage. Die rumänischen Behörden haben e
inige der Inhaftierten aus Rumänien herausgelassen. Wir haben uns nach dem Grund
gefragt. Die kommunistischen Stellen verlassen sich sehr auf die Gehirnwäsche,
die sie an den Gefangenen vorgenommen haben. Dieses Vertrauen besteht nicht ohne
Grund. Ich will hier keine Namen nennen, aber es sind in Amerika einige rumänis
che Geistliche, die mit mir zusammen im Gefängnis gewesen sind. Sie sind genauso
wie ich gefoltert worden. Unter dem Einfluß der Gehirnwäsche, der sie im Gefäng
nis ausgesetzt waren, loben einige von ihnen hier den Kommunismus. Man hat ihnen
gegenüber allerlei Drohungen geäußert, so daß sie es nicht wagen, gegen den Kom
munismus auszusagen. Aber es gibt auch noch einen anderen Grund. Als man einem k
atholischen Priester einen Reisepaß aushändigte, der es ihm erlaubte, nach Westd
eutschland auszureisen, fragte er die Geheimpolizei: ,Haben Sie denn keinerlei B
efürchtungen, daß Sie mich nach Deutschland reisen lassen? Sieben Jahre lang bin
ich im Gefängnis gewesen. Ich habe soviel Schreckliches durchgemacht. Im Westen
werde ich diese Dinge erzählen.'
Lachend antworteten sie: ,Sie können ruhig dort diese Dinge erzählen. Erzählen S
ie ihnen aber ja nur alles! Beschreiben Sie ihnen die schlimmsten Dinge! Je mehr
Sie erzählen werden, desto weniger wird man Ihnen Glauben schenken. Niemand wir
d Ihnen vertrauen.'
Amerika hat nicht an Hitlers Gaskammern geglaubt, bis die amerikanischen Truppen
sie vorfanden. So ist es auch mit den kommunistischen Greueltaten. Sie kommen e
inem einfach unglaublich vor.
Ich frage mich manchmal selbst des Nachts, ob alles nicht ein Alptraum gewesen i
st. So unglaubhaft sind die kommunistischen Grausamkeiten.
Die Kommunisten schüchtern ehemalige Gefangene durch Drohungen ein und haben des
halb kaum die Befürchtung, daß die Gefangenen aussagen werden."
Smith: Was sind Sie von Beruf?"
Wurmbrand: Ich bin ein lutherischer Pfarrer und arbeite jetzt für eine Mission, d
ie sich ,Mission für Europas Millionen' nennt. Ihr Ziel ist es, das Evangelium i
n Europa zu verbreiten. Ich bin mit der Missionsarbeit in den kommunistischen Lä
ndern beauftragt."
Forderung nach Dokumenten
Smith: Haben Sie irgendwelche Beglaubigungsschreiben, mit denen Sie sich und Ihre
Betätigungen ausweisen können?"
Wurmbrand: Ja.
Als wir Rumänien verließen, war es uns nicht erlaubt, auch nur ein Stück Papier
mitzunehmen. Ich habe viele Leute gebeten, die mich in Rumänien gekannt haben, m
ir ein Beglaubigungsschreiben zu geben.
Hier habe ich ein Schreiben von einem Mitglied unserer königlichen Familie vorzu
weisen. Es heißt darin: ,Ich kann mit Bestimmtheit behaupten, daß es sich bei Wu
rmbrand um einen Mann edlen Charakters handelt. Ich habe über ihn seit 1947 gewu
ßt .. . Er hat mich tief beeindruckt. Was er berichtet, stimmt mit dem, was ich
weiß, überein. Es freut mich, daß Sie an diesem Mann ein wahres Interesse haben,
denn er ist es wirklich wert ...'
Ein anderes stammt von Peter Dinisiu, Baptistenprediger rumänischer Herkunft. Es
lautet: ,Ich kenne Pastor R. Wurmbrand seit 1936. Er war der Leiter der Schwedi
schen Israelmission und Vertreter des Weltkirchenrates, einer der bekanntesten l
utherischen Pastoren Rumäniens.'
Ferner ist hier ein Beglaubigungsschreiben von einem der größten christlichen Ob
erhäupter Rumäniens. Dieser Brief ist aus Rumänien herausgeschmuggelt worden. Um
seiner persönlichen Sicherheit willen kann ich den Namen nicht nennen. In dem S
chreiben heißt es: ,Ich kann Herrn Wurmbrand als einen der treuesten Nachfolger
Jesu Christi empfehlen.'(In der Zeit zwischen dem Verhör und der Veröffentlichun
g des Protokolles ist dieser rumänische Kirchenführer gestorben. Darum darf jetz
t sein Name genannt werden. Es handelt sich um Dr. Friedrich Müller, ehemaliger
Bischof der Deutschen Evangelischen Landeskirche.)
Hier habe ich ferner ein anderes Dokument von dem Baptistenpastor in Akron, Alex
ander Bale. Er ist auch rumänischer Herkunft. Er schreibt: ,Ich kannte Wurmbrand
in Rumänien persönlich. Er ist einer der bekanntesten lutherischen Pastoren. Er
war der Leiter der Schwedischen Israelmission und Vertreter des Weltkirchenrate
s. In Rumänien ist er allgemein als ein Kämpfer gegen den Kommunismus bekannt.'
Hier ist ein anderer Brief von Myrus Knutson von der Our Savior's American Luthe
ran Kirche in Los Angeles. Darin heißt es: ,Man hat das Leben und die Berichte W
urmbrands eingehend nachgeprüft. Wurmbrand ist vertrauenswürdig und zuverlässig.
'
Hier liegt ferner ein Dokument vor von der Missionsgesellschaft ,Freunde Israels
in Philadelphia. Es heißt darin: ,Wir kennen Wurmbrand. Seine wertvollen Dienst
e, die er seiner Gemeinde in den Zeiten der Not geleistet hat, und seine vollkom
mene Hingabe für die Sache Jesu Christi haben Richard Wurmbrand zu einem der bem
erkenswertesten protestantischen Pastoren und Christen unserer Zeit gemacht.'
Ein anderes Schriftstück stammt aus der Feder von Robert Tobias, dem ehemaligen
stellvertretenden Sekretär des Weltkirchenrates in Genf. Er schrieb: ,Herr Wurmb
rand war Vertreter des Weltkirchenrates.'
Der Leiter der Lutherischen Weltföderation in Israel, Magne Solheim, der damals
in Rumänien war, spricht auch über meine Arbeit im Weltkirchenrat und über die 1
4 Jahre im Gefängnis. Ich lese aus seinem Brief: ,In der Zeit von 1946 1948, als i
ch auch als Vertreter der Wiederaufbauabteilung des Weltkirchenrates in Rumänien
weilte, arbeitete Pastor Wurmbrand mit mir zusammen, und er leistete sehr wertv
olle Dienste.'
Wenn wir schon lutherische Kirchenführer als Zeugen nennen, dann nehmen Sie bitt
e auch diesen Brief zu den Akten. Herr Fredrik Schiotz, Präsident der lutherisch
en Kirchen, schrieb: ,Wir wissen, daß Pfarrer Wurmbrand 14 Jahre um Christi will
en in kommunistischen Gefängnissen saß. Wir achten ihn um des Kreuzes willen, da
s er trug.'
Hier habe ich ferner einen interessanten Brief eines rumänischen Pfarrers. Es ha
ndelt sich um Milan Haimovici, der selbst sieben Jahre in kommunistischen Gefäng
nissen verbrachte und auch gefoltert wurde. Er schreibt: ,Nachdem man viele Frag
en im Blick auf Pfarrer Wurmbrand an mich gerichtet hat, muß ich als einer, der
selber gefoltert worden ist, bekennen, daß ich aus eigener Erfahrung weiß, wie P
farrer Wurmbrand gefoltert worden ist. Die Folterungen bestanden unter anderem d
arin, daß unser ganzer Körper und unsere Fußsohlen stundenlang geschlagen wurden
. Oft ließ man uns auch über lange Zeiträume hinweg hungern. Oder man sperrte un
s wochenlang in besonders kleine Zellen, in denen man nur stehen konnte. Die Kom
munisten haben uns manchmal auch gezwungen, aus Töpfen zu essen, in die wir unse
re Notdurft verrichtet hatten. Ich muß gestehen, daß ich selbst aus einem solche
n Topf gegessen habe. Manchmal haben sie uns auch gezwungen, uns barfuß auf bren
nende Kohlen zu stellen.
Im Namen Gottes kann ich schwören, daß ich all diese Folterungen durchgemacht ha
be, und nicht nur ich, sondern viele Tausende anderer Gefangener auch, und ebens
o Pfarrer Wurmbrand.'
Ein weiteres Zeugnis, das ich bei mir habe, stammt von Peter Trutza, einem Bapti
stenprofessor am Northern Baptist Theological Seminary, rumänischer Herkunft. Au
ch dieses Schriftstück gibt Auskunft über meine Vertretungen beim Weltkirchenrat
, und daß ich als lutherischer Pfarrer und Kämpfer gegen den Kommunismus in Rumä
nien bekannt war und bin.
Der Priester Galdau der rumänischen Orthodoxen Kirche in New York stellte mir fo
lgendes Zeugnis aus: 'Wurmbrand ist ein lutherischer Pfarrer, der während seiner
Rumänienzeit durch seinen Kampf gegen den Kommunismus bekannt wurde. Er ist der
Verfasser einiger Bücher, die dieses Thema behandeln.
Zusammen mit Pfarrer Magne Solheim vertrat er den Weltkirchenrat in Rumänien.
Die Internationale Juden-Christliche Allianz gab mir folgende Bestätigung: ,Man
hat Pfarrer Wurmbrand von Rumänien für eine große Summe Lösegeld losgekauft, und
unsere Organisation hat sich maßgeblich daran beteiligt, um diese Summe von glä
ubigen Christen aufzubringen.'
Der schwedische Pfarrer Gote Hedenquist, ehemaliger Sekretär des Weltkirchenrate
s, erwähnt meine vierzehnjährige Gefängniszeit und meine Arbeit für diese Organi
sation.
So könnte ich noch gut 50 andere Beweise erbringen, aber ich glaube, daß die gen
annten genügen. Ausdrücklich will ich hier betonen, daß durch die Vorlage dieser
Papiere die angeführten Personen keinerlei Verantwortung für meine Aussage trag
en. Ich spreche nur in meinem eigenen Namen, als ein Privatmann. Weder diese Bri
efschreiber, noch meine Mission sind zu Rate gezogen worden, und sie haben keine
rlei Verantwortung für das, was ich aussagen werde. Ich möchte auch besonders zu
m Ausdruck bringen, daß ich auf keinen Fall mit der freundlichen Einstellung des
Weltkirchenrates dem Kommunismus gegenüber einverstanden bin, obwohl ich für di
ese Organisation gearbeitet habe."
Die Kommunisten und die Juden
Vorsitzender: Herr Wurmbrand, sind Sie deutscher Abstammung?"
Wurmbrand: Nein, ich bin Jude."
Vorsitzender: Darf ich eine Frage an Sie richten?
Werden die Juden hinter dem Eisernen Vorhang genauso verfolgt wie die Christen?"
Wurmbrand: In Rumänien bin ich zusammen mit jüdischen Rabbinern im Gefängnis gewe
sen. Ich kann einige Namen nennen: Schoenfeld, Deutsch, Junior und viele andere.
Ich kann mich nicht mehr an all die Namen erinnern.
Die Kommunisten machen in ihrer religiösen Verfolgung keinen Unterschied.
So bezeugt zum Beispiel Svetlana Stalina, daß ihr Mann in Rußland nur deswegen e
lf Jahre zwangsweise verschickt worden ist, weil er ein Jude war. Es lag kein an
derer Grund vor. Sie sagte auch, daß ihre Schwägerin ebenfalls nur deswegen depo
rtiert worden ist. Sie ist in einem Konzentrationslager getötet worden. Über die
se Tatsachen muß die Öffentlichkeit mehr und mehr informiert werden."
Vorsitzender: Diese Tatsachen müssen allgemein bekannt werden. Ich bin Ihnen, der
Sie jüdischer Abstammung sind, dankbar, daß Sie diese Vorfälle ans Licht bringe
n. Das schätze ich sehr."
Wurmbrand: Man sagt den Antikommunisten sehr oft nach, daß sie gegen die Juden ei
ngestellt sind. Leider ist das manchmal wahr, aber viel häufiger trifft das nich
t zu. Auf jeden Fall kann man mir das nicht vorwerfen, denn ich bin ein Jude und
liebe mein jüdisches Volk. Gewöhnlich wird angenommen, daß Stalin gegen die Jud
en eingestellt war. Stalin aber hat nicht einen einzigen Juden umgebracht. Er ha
t seine Schergen gehabt, und diese hießen Mikojan, Chruschtschow, Kossygin und B
reschnjew. Sie waren mit ihm zusammen Mitglieder des Zentralkomitees, als man di
ese antisemitische Politik betrieb. Es ist heller Wahnsinn, wenn einige Juden in
Amerika und in andern Teilen der Welt bereit sind, für diesen antisemitischen K
ommunismus zu sterben.
Djilas, ein alter Kommunist, den Tito verhaftete, erwähnt in seinem Buch den Ant
isemitismus, der im Kreml herrscht, und vor dem er sich selbst fürchtete.
Ein Christ kann die Juden nur lieben, denn von menschlicher Seite her, vom Volks
tum her, ist das Christentum jüdischen Ursprungs.
Vom religiösen Standpunkt aus gesehen, werden die Juden in Rußland schrecklich b
ehandelt. In Kiew gibt es ungefähr 300.000 Juden, die nur eine Synagoge besitzen
, der ein achtzigjähriger Rabbiner noch vorsteht.
In Vilnus gibt es auch nur eine einzige Synagoge.
Den Hauptrabbiner von Georgien hat man an den Füßen aufgehängt.
In Taschkent hat erst kürzlich eine Judenverfolgung stattgefunden. Man hat Juden
in Rußland zum Selbstmord getrieben, indem man sie vor der Geheimpolizei ersche
inen ließ, die ihnen auftrug, De-monstrationen gegen Israel zu organisieren.
Diesem Auftrag konnten sie nicht Folge leisten, erstens, weil Israel im Recht is
t, und zum anderen, weil sie selbst zu Israel gehören. Und sie bereiteten ihrem
Leben lieber selbst ein Ende, als ins Gefängnis zu gehen.
In der vergangenen Woche wurden aus der polnischen Armee Offiziere jüdischer Abs
tammung entlassen.
Man hat die Einstellung der Kommunisten gegenüber den Juden in der kürzlichen Kr
ise im Nahen Osten gesehen, wo alle kommunistischen Länder auf Seiten der Feinde
Israels waren.
Ich bedauere es sehr, daß es immer noch einige Juden gibt, die es nicht begreife
n, daß ein Kommunist zu sein gleichzeitig bedeutet, zum Verräter an den Juden zu
werden."
Vorsitzender: Ihre Aussage ist für mich von großer Wichtigkeit. Ich bin froh, daß
dies im Protokoll zum Ausdruck kommt. Ich bitte Sie, diesen Punkt etwas zu erlä
utern."
Wurmbrand: Karl Marx war antisemitisch. Obwohl er selbst jüdischer Abstammung gew
esen ist, hat er ein heftiges antisemitisches Buch mit dem Titel ,Das jüdische P
roblem' geschrieben. Ich kann Herrn Aptheker, dem Theoretiker der amerikanischen
kommunistischen Partei, nur empfehlen, dieses Buch zu lesen.
Die offizielle Linie der "Kommunistischen Internationale* den Juden gegenüber is
t in einem Buch von Heller mit dem Titel ,Der Untergang des Judentums?' festgele
gt. Dies ist eines der grundsätzlichen Bücher der Kommunistischen Internationale
n Organisation. Die Erstauflage dieses Buches erschien in Deutschland. In dieser
Veröffentlichung wird behauptet, daß der Kommunismus das Ende für das Judentum
bedeutet.
Ich nehme an, daß Herr Aptheker, für den ich wie für jeden Menschen Gefühle der
Liebe hege, dieses Buch nicht gelesen hat. Ich würde ihm dieses Buch sowie das B
uch von Marx ,Das jüdische Problem' zum Lesen empfehlen.
Der Kommunismus ist von Anfang an antisemitisch gewesen.
Meines Wissens ist die Anzahl der jüdischen Kommunisten gering. Nur wenige Juden
sind Kommunisten, aber diese wenigen machen viel Lärm, so daß es fälschlicherwe
ise den Anschein hat, als ob es viele gäbe."

Tarnung beiderseits
Smith: Pfarrer Wurmbrand, sind Sie unter einem anderen Namen oder verschiedenen N
amen bekannt gewesen?"
Wurmbrand: Ja. Aus zweierlei Gründen habe ich in meinem Leben sehr viele verschie
dene Namen gehabt.
Der erste Grund ist, daß ich für die Untergrundkirche gearbeitet habe. Außerdem
habe ich in Rumänien die geheime christliche Missionsarbeit unter den Soldaten d
er sowjetischen Armee geleitet.
Unser Vaterland wurde von ungefähr einer Million russischer Soldaten überrannt.
Ich spreche fließend Russisch, genauso gut wie ich Englisch spreche. Sie werden
natürlich sagen, genauso schlecht, aber jedenfalls beherrsche ich ihre Sprache.
Ich organisierte sofort ein geheimes Werk unter den Soldaten und zur gleichen Ze
it eine Untergrundmission unter den Rumänen selbst. Wohin ich auch immer fuhr, s
ei es in ein Dorf oder sei es in eine Stadt, überall erschien ich unter einem an
deren Namen.
Jetzt verstehe ich Teile der Heiligen Schrift, die mir zuvor nie klar gewesen si
nd. Ich lernte es begreifen, warum es im Neuen Testament heißt: Simon, den er Pe
trus nannte, Jakobus und Johannes, denen er den Namen Donnersöhne gab, Simon, ge
nannt Niger, Johannes mit dem Zunamen Markus usw".
Jetzt verstehe ich diese Zusammenhänge. Die Kirche der Urchristen war eine gehei
me Organisation, also auch ein Untergrundwerk. Die Christen in kommunistischen L
ändern arbeiten genauso unter Decknamen. Und wir stellen uns niemals mit Namen v
or. Ich habe auch unter falschem Namen Bücher herausgebracht.
Die Kommunisten haben übrigens auch ihr Tarnungssystem.
Als ich im Gefängnis eintraf, sagte man mir gleich am ersten Tag: ,Von nun an he
ißen Sie Vasile Georgescu. Ihren richtigen Namen dürfen Sie niemandem sagen.*
Man hat mich nicht auf die übliche Art und Weise verhaftet, sondern einfach auf
der Straße entführt. Das war damals der Brauch der Geheimpolizei.
Man protestierte gegen meine Verhaftung. Der schwedische Gesandte und andere erh
oben Einspruch. Die Kommunisten gaben zur Antwort: ,Man hat Wurmbrand nicht verh
aftet, sondern er ist verschwunden.' Damit kein Wächter, etwa unter Alkoholeinfl
uß, das Geheimnis ausplaudern konnte, daß ich im Gefängnis steckte, durfte er ni
cht meinen richtigen Namen wissen.
Auch griechisch-katholischen Bischöfen und anderen Gefangenen, die im Ausland be
kannt waren, wurden im Gefängnis falsche Namen gegeben."
Smith: Warum war das notwendig?"
Wurmbrand: Für uns in der Untergrundkirche war es eine Notwendigkeit, Decknamen z
u haben, weil uns die Geheimpolizei auf Schritt und Tritt verfolgte. Wenn es in
einem Dorf oder in einer Stadt bekannt geworden wäre, daß ich da bin, hätte man
mich sofort verhaftet. Aber mit diesem falschen Namen konnte ich mich verbergen.
Wenn die Geheimpolizei ihren Gefangenen im Kerker andere Namen gab, so war das
nur der Versuch, vor den Leuten zu verheimlichen, wer im Gefängnis war.
Die Geheimpolizei hatte die Methode, die Leute von der Straße weg zu verschleppe
n. Die unglücklichen Opfer waren dann plötzlich verschwunden. Auf die Anfragen d
er Familie gaben sie unter anderem zur Antwort: ,Ja, wer kann denn wissen, wo er
untergetaucht ist? Vielleicht hat er irgendwo ein Mädchen gefunden, und jetzt i
st er verschwunden.'
Anna Pauker, die damals Leiterin des rumänischen Außenministeriums war, sagte zu
dem schwedischen Gesandten Patrick von Reuterswärde: , Wurmbrand ist nicht verh
aftet worden. Er ist irgendwo untergetaucht; höchstwahrscheinlich ist er aus dem
Land geflohen.'
Das war der Grund, weshalb man uns im Gefängnis falsche Namen gab." Ashbrook: Dar
f ich an dieser Stelle eine Frage an Sie richten?
Pfarrer Wurmbrand, Sie behaupten, daß die Gefängnisverwaltungen, wenn nötig, Ihr
en richtigen Namen und die richtigen Namen anderer religiöser Gefangener in Wirk
lichkeit vor der Öffentlichkeit geheimhalten würden.
Geschah dies aus dem Grunde, weil man sich sonst in Rumänien gegen den Staat weg
en seiner Unterdrückung der Religion empört hätte? Fürchtete sich die Regierung,
der öffentlichen Meinung entgegenzutreten?"
Wurmbrand: Darauf werde ich eine einfache Antwort geben. Ich habe in Kansas City
gepredigt. Dort wurde ich mit den Worten vorgestellt: ,Hier ist ein Pfarrer aus
einem kommunistischen Land.'
Ich protestierte: ,Ich bin nicht aus einem kommunistischen Land. Ich komme aus e
inem christlichen Land, welches von den Kommunisten unterdrückt wird.'

Terror der Minorität


Bei uns ist praktisch beinahe niemand kommunistisch eingestellt. Die Kommunisten
sind eine kleine, eine unendlich kleine Minorität, die durch Terror und Betrug
regiert. Diese Regierung ist uns von den Russen aufgezwungen worden. Rumänien ab
er ist kein kommunistisches Land.
14 Jahre habe ich unter Dieben und Mördern zugebracht und nicht in der Gesellsch
aft vornehmer Herren. Es mag sein, daß ich feine Manieren verlernt habe, und daß
ich unhöflich bin. Ich habe hier aber geschworen, die ganze Wahrheit zu sagen.
Deswegen werde ich einfach berichten, was ich weiß und was ich denke.
Mein Sohn studiert jetzt an einer Universität in Kalifornien. Dort hat man 'Amer
ikanische Mörder' an die Wände geschrieben. An unseren Universitäten kommt so et
was nicht vor. Wenn jemand das in einer rumänischen Universität schreiben würde,
dann würden die rumänischen Studenten dies sofort entfernen.
In unserem Lande könnte niemand eine amerikanische Fahne verbrennen. Die Rumänen
würden auf ihm mit Füßen herumtrampeln. Wir sind kein kommunistisches Land."
Ashbrook: Dann kann man wohl mit Recht annehmen, daß es zum Beispiel unter den Ch
risten in Rumänien nicht allgemein bekannt ist, daß Sie 14 Jahre lang im Gefängn
is waren?"
Wurmbrand: Die Kommunisten befürchteten, daß Unruhen entstehen könnten. Zuletzt w
urde es aber doch bekannt. Die Machthaber hatten nur versucht, die Unruhen solan
ge wie möglich hinauszuzögern. ... Bevor ich Rumänien verließ, mußte ich zweimal
vor der Geheimpolizei erscheinen. Man sagte mir: Jetzt verlassen Sie Rumänien.
Über Jesus können Sie predigen, soviel Sie wollen. Nur uns erwähnen Sie nicht! W
enn Sie über uns zu reden anfangen, werden wir einem Gangster tausend Dollar geb
en, damit er Sie erledigt. Diese Aussage entsprach nicht der Wahrheit, weil die
Kommunisten nämlich schon für 500 Dollar Mörder dingen.
Man drohte mir auch, mich eventuell nach Rumänien zurückzuholen. Daß Menschenver
schleppungen vorkommen, weiß ich aus eigenem Erleben. Ich habe mit einem rumänis
ch-orthodoxen Bischof, Vasile Leul, die gleiche Zelle geteilt. Ihn hatte man aus
Österreich verschleppt und ihn wieder in ein rumänisches Gefängnis zurückgebrac
ht. Es gibt viele andere, die das gleiche Schicksal erlitten haben. Die Geheimpo
lizei warnte mich auch: ,Wir können Sie ebenfalls moralisch erledigen. Wir erfin
den eine Affäre mit einem Mädchen oder die Veruntreuung von Geldern oder etwas Ä
hnliches, und die Leute werden es glauben. Sehen Sie sich deshalb vor, wie Sie h
andeln.' Ich weiß von sehr schlimmen Verbrechen, die erst kürzlich an anderen u
nglücklichen Opfern verübt worden sind."

Mord und Menschenraub


Tschechoslowakische Agenten der kommunistischen Geheimpolizei mit Namen Jaroslav
Kovar, Jindrich Zelenka und Josef Ruzicka haben elf Männer und zwei Frauen, die
in Westdeutschland, der Schweiz und anderen Ländern der freien Welt lebten, get
ötet. Die Kommunisten waren aus irgendeinem Grund der Ansicht, daß deren Leben i
hnen eine Gefahr sein könnte.
Ich habe hier sogar die Namen der ermordeten Personen:
Es handelt sich um Christa Wanninger. Sie wurde in Rom getötet. Marcel Leopold.
Er wurde mit einem vergifteten Pfeil umgebracht. Dr. Paul Stauffer wurde durch f
ünf Schüsse getötet.
Matus Cernak erhielt in seiner Wohnung in München ein Paket. Beim Öffnen explodi
erte es, und drei Personen kamen ums Leben.
Ein Überläufer der tschechoslowakischen Polizei gab die Namen der Mörder bekannt
und berichtete von den verbrecherischen Aktionen.
Was für wunderbare Zustände in unserem Lande herrschen, können Sie an der Tatsac
he ersehen, daß der Bruder unseres Staatspräsidenten Ceaucescu vor ungefähr zwei
Monaten landesflüchtig wurde. Dieser Flüchtling ging nach Frankreich, und von d
ort aus verschleppten ihn die Agenten der rumänischen Geheimpolizei. Er befindet
sich jetzt in einem rumänischen Gefängnis. Ich könnte Ihnen viele solcher Fälle
, die geschehen sind,"

Sie wollen es nicht glauben


Roudebush: Ich möchte noch eine andere Frage an Sie stellen. Sie sagten, daß die
Geheimpolizei bei Ihrer Freilassung keinerlei Furcht vor dem hatte, was Sie beri
chten würden. Die Polizei war der Ansicht, daß die Menschen der freien Welt Ihne
n die Berichte nicht glauben würden."
Wurmbrand: Ja."
Roudebush: Finden Sie, daß diese Behauptung wahr ist?"
Wurmbrand: Sie ist zum Teil wahr. Beinahe jeden Abend predige ich in irgendeinem
Hörsaal oder in einer Kirche irgendeiner konfessionellen Richtung. Ich habe vor
Katholiken, Lutheranern, Juden und vielen anderen gepredigt. Die breite Masse gl
aubt uns. Sie weint, wenn sie hört, was dort geschieht. Nur hat das Volk nicht d
en geringsten Einfluß auf diese Vorgänge.
Wenn man aber zu den Kirchenführern kommt, so schenken einige einem keinen Glaub
en, oder sie bitten mich, ja flehen mich sogar an, nicht über meine Erfahrungen
zu sprechen."
Roudebush: Sie behaupten, daß Sie von Kirchenführern gebeten wurden, über Ihre Er
lebnisse nicht offen zu reden?"
Wurmbrand: Ja, gewiß. Es ist ein Buch von mir erschienen mit dem Titel ,Wurmbrand
s Briefe'. In diesem Buch sind Briefe enthalten, die ich an die Leiter des Weltk
irchenrates und an christliche Organisationen in Amerika und auch an katholische
Kirchenhäupter geschrieben habe. Solche Kirchenführer baten mich: ,Gut, reden S
ie über Jesus! Wir wissen, daß Sie ein sehr begabter Prediger sind, und hierin w
erden wir Sie unterstützen. Aber sprechen Sie nicht gegen den Kommunismus, weil
das den Haß der Menschen auf die Kommunisten und die Russen erwecken würde."
Ich gab zur Antwort: ,Ich bin ein Mann, der nicht aus dem Urwald kommt, sondern
aus dem Dschungel eines unterirdischen Gefängnisses. Ich habe 14 Jahre lang kaum
ein einziges Buch zu Gesicht bekommen. In der gleichen Zeit habe ich von ein od
er zwei Ausnahmen abgesehen nie einen Bleistift in meiner Hand gehalten.
Sie geben mir diesen Rat, aber ich weiß, daß Sie persönlich gegen die Ungerechti
gkeiten, die man den Negern im Süden zufügt, demonstriert haben. Ich bin ein Fre
mder in diesem Land, und ich weiß nicht, ob diese Ungerechtigkeiten wirklich ges
chehen sind, oder ob es sich um unerwiesene Behauptungen handelt.
Nehmen wir an, daß sie tatsächlich wahr sind. Sie haben dagegen einen Protestmar
sch unternommen.
Hatten Sie keine Befürchtungen dabei, daß Sie den Haß der Neger auf die Weißen s
chüren würden?
Warum kann man in jeder amerikanischen Stadt Filme über die Greueltaten der Nazi
s gegenüber den Juden sehen und solche Filme sollte es geben. Es war ein ungeheu
erliches Verbrechen, Millionen von Juden zu töten. Meine Familie ist auch getöte
t worden. Aber ich kann dem nicht zustimmen, daß es nur verkehrt ist, Juden zu t
öten. Man sollte genausowenig Russen töten oder Rumänen und Chinesen. Diese Mens
chen werden aber von den Kommunisten überall getötet. Nennen Sie mir in Amerika
einen Film über diese Greueltaten, die ich aus der Sowjetpresse dokumentarisch b
elegen kann. Es sind ja Greueltaten, die heute geschehen.
Und mir sagten dann solche Kirchenführer: Sprechen Sie nicht über diese Dinge. D
ann fragte ich sie: Wie ist das möglich, daß Sie mir genau den gleichen Rat gebe
n wie damals die Geheimpolizei? Jene haben mir auch aufgetragen: predigen Sie Ch
ristus und reden Sie nicht über den Kommunismus.
Die breite Masse der Christen und Juden kann einfach fühlen, daß ich die Wahrhei
t spreche. Sie reagieren darauf, und sie weinen.
Aber die Kommunisten sind nicht an der breiten Masse interessiert, weil sie wiss
en, daß die Dinge hier nicht entschieden werden. Was nun die kirchlichen Leiter,
die an der Spitze stehen, angeht, so mußte ich die bittere Erfahrung machen, da
ß viele von ihnen nicht meinen Berichten glaubten.

Irregeführt
Als ich nach Amerika kam, war ich leichtgläubig. Ich glaubte, daß ein Leiter des
Weltkirchenrates oder des National Council oder der Presbyterianischen Kirche o
der der Lutherischen Kirche ein Vertreter Christi hier auf Erden sei. Ich ging z
u solchen Männern wie zu Brüdern. Aber ich fand bei ihnen nicht das Mitgefühl fü
r die Märtyrerkirche, das Christus hatte.
Ich kann nicht wirklich zum Ausdruck bringen, was mich beseelt. Ich bin nur ein
schwacher Mensch. Wenn die Menschen der westlichen Welt schlafen, so kann ich es
nicht. Die schrecklichen Erfahrungen der Vergangenheit stehen mir vor der Seele
. Wenn ein Christ der westlichen Welt zur Kirche geht, so hört er dort die chris
tlichen Lieder. Ich aber höre die Schreie der gefolterten Märtyrer. Es gibt ein
anderes christliches Lied, welches man in den kommunistischen Ländern singt: ,Ha
aa, haaa, haaa, schlagt mich nicht, schlagt mich nicht!' Das ist ein christlich
er Gesang, den ich 14 Jahre lang Tag und Nacht zu hören bekam. Auch jetzt, nachd
em ich in der freien Welt lebe, höre ich immer noch diesen Gesang. Meine Seele u
nd meine Erinnerung ist darin verwickelt; und ich meine, daß jeder Christ so wie
ich mit den Gefolterten mitfühlen muß. Wir Christen sind ein Leib. Und selbst,
wenn Sie nicht Christ sein sollten, dann sind Sie aber ein Mensch, und Sie müsse
n mit anderen Menschen empfinden. Ich würde auch für einen Mohammedaner fühlen.
Ich fühle für einen Kommunisten, wenn man ihn foltert. Ich fühle mit einem Verbr
echer. Einen Verbrecher sollte man nicht foltern.
Während meines Aufenthaltes in Philadelphia berichteten die Zeitungen von einer
Massenversammlung gegen den Vietnamkrieg. Ich habe niemals eine Demonstration ge
gen die Regierung meines Landes gesehen. So etwas gibt es in den kommunistischen
Ländern einfach nicht.
So ging ich aus Neugierde hin, und ich stand in der Nähe des Rednerpultes. Ein p
resbyterianischer Pfarrer leitete die Demonstration. Solange er gegen den Präsid
enten Johnson und gegen den Krieg sprach, berührte mich das nicht. Ich bin ja ei
n Ausländer. Ich werde mich niemals in die inneren Angelegenheiten Amerikas misc
hen. Aber dann fing er an, den Kommunismus zu loben. Das konnte ich nicht ertrag
en. Und da er ein kleiner Mann war und ich groß bin, machte ich nur eine Handbew
egung. Damit war der Redner von der Plattform weggefegt. Ich stand oben. Ich sag
te dann diesem Redner: ,Wie können Sie es wagen, die Kommunisten zu rühmen? Die
Kommunisten foltern Christen/ Er fragte mich: ,Was wissen Sie über den Kommunism
us?'
Da antwortete ich ihm: ,Ich bin ein Doktor des Kommunismus, und ich werde Ihnen
meinen Doktortitel zeigen.' Damit zog ich mich bis zur Hüfte aus und zeigte mein
en Oberkörper. Ich habe 18 Narben. Ich wußte nicht, daß es in Ihrem Lande verbot
en ist, sich in der Öffentlichkeit zu entkleiden. Als ich auf meine Narben wies,
erklärte ich: ,Diese Wunden stammen von der Behandlung der Kommunisten.'
Ein Zuhörer fragte mich: , Warum haben die Kommunisten Sie so behandelt?' Ich an
twortete: ,Weil ich ein Mörder bin? Glauben Sie, daß man Mörder foltern sollte?
Ist Oswald (Mörder von Präsident Kennedy) gefoltert worden? Hat man Ruby (Mörder
von Oswald) gefoltert? Sind Sie wirklich der Meinung, daß man Mörder foltern so
ll?" Die Anwesenden antworteten: 'Nein!'
'Gut', sagte ich, 'ich bin niemals des Mordes angeklagt gewesen. Ich bin ein Gei
stlicher, genau wie der Redner hier. Dieser Mann ist aber ein Judas. Er lobt die
Kommunisten anstelle von Jesus.'
Und dann wurde dieser presbyterianische Pfarrer von seinen Anhängern als ein Jud
as mit Pfui-Rufen überschüttet. Jemand zerschnitt die Leitung des Mikrophons, di
e Polizei führte mich hinaus."
Vorsitzender: Herr Pfarrer, ich will mich nicht gegen Ihre Aussage wenden, aber S
ie behaupten Dinge, die man hier nur schwer glaubt."
Wurmbrand: Ja, ich bin mir dessen bewußt. Unglaubliche Dinge geschehen. Es gibt e
inige amerikanische Pfarrer, die den Kommunismus öffentlich loben."
Vorsitzender: Es ist unvorstellbar, daß es verantwortliche religiöse Führer gibt,
die nicht haben wollen, daß Sie gegen den Kommunismus aussagen, und Sie dazu no
ch warnen, darüber zu sprechen. Das kommt mir in der Tat unerhört vor."
Wurmbrand: Wenn Sie mir es erlauben, so werde ich Ihnen Dokumente aus der Sowjetp
resse zeigen, welche die Verurteilung von Christen bezeugen. Wenn ich diese Zeit
ungen lesen kann, dann kann sie jeder andere in Amerika auch lesen und sich die
Zeitungen übersetzen lassen.
Wegnahme der Kinder
Meine russischen Dokumente bezeugen, daß man Kinder von ihren Eltern weggenommen
hat, weil sie von ihnen über Christus unterrichtet worden sind. Wie.würde es Ih
nen, meine Herren, gefallen, wenn man Ihnen die Kinder wegnähme? Ich kann Ihnen
alle diese Dokumente hier vorlegen.
Die Dokumente bezeugen auch die Beschlagnahmung der Bibeln. Sie beschreiben alle
Greuel, die sie begehen. Ich ging mit solchen Dokumenten zu christlichen Kirche
nführern. Einige von ihnen waren mit anderen Problemen beschäftigt. Sie hatten g
egen den Krieg in Vietnam vor dem Weißen Haus zu demonstrieren und hatten daher
keine Zeit für meine Dokumente. Ich spreche hier nicht über das Für und Wider de
s Vietnamkrieges. Ich habe kein Verlangen, mich hier einzumischen. Warum haben a
ber diese Kirchenführer nicht vor der russischen Botschaft für ihre gefolterten
Brüder in Christus demonstriert?
Ich übergebe Ihnen hiermit diese Unterlagen. Wenn die Kirchenführer bisher falsc
h informiert gewesen sind, so können sie es von nun an nicht mehr behaupten. Ich
bin bereit, mich sowohl mit den Leitern der kommunistischen Partei als auch mit
den Führern der kirchlichen Organisationen auseinanderzusetzen. Wenn sie behaup
ten, daß es in den kommunistischen Ländern religiöse Freiheit gibt, dann sollen
sie aber meine Gegenbeweise widerlegen. Man kann an mir zweifeln, aber nicht an
meinen Dokumenten.
Sokrates sagt: ,Man kann mich widerlegen. Aber die Wahrheit kann nicht widerlegt
werden. Man kann Sokrates einfach als einen Homosexuellen abschreiben, aber sei
ne Philosophie läßt sich nicht so abschreiben. Mich können Sie auch abschreiben.
Ich bin ein Sünder. Meine Dokumente aber, die ich Ihnen hier vorlege, können ni
cht widerlegt werden. Jemand schrieb mir einen Brief: ,Ich kenne eine Ihrer Sünd
en, die Sie im Jahre 1930 begangen haben.' Vielleicht hat dieser Briefschreiber
von einem Rumänen davon gehört. In diesen Worten lag eine Drohung und die Hoffnu
ng, daß ich in der Zukunft schweigen werde.
Meine Antwort an diesen Brief Schreiber lautete: '1930 war ich zwanzig Jahre alt
und kein Christ. Ich kann Ihnen eine Liste mit 50 Sünden, die ich 1930 begangen
habe, schicken und eine andere mit 50 Sünden, die ich heute begehe. Glauben Sie
denn nicht an die Vergebung der Sünden durch das Blut Jesu Christi?' Wie kann e
in christliches Kirchenoberhaupt mich an eine Sünde erinnern wollen, die seit la
ngem durch die Vergebung und die Taufe weggewaschen worden ist?
Mich braucht also niemand daran erinnern, daß ich ein Sünder bin. Über diese Ank
lage kann man aber nicht die Tatsachen widerlegen, daß die Kommunisten die Angeh
örigen der Religion verfolgen. Diese Tatsachen müssen Amerika und der ganzen fre
ien Welt bekannt gemacht werden. Die Christen sind in den Ostblockstaaten unterd
rückt. Sie werden dort tyrannisiert. Ich überbringe Ihnen den Schrei derjenigen,
die man unterdrückt. Wenn es mir erlaubt ist, so werde ich Ihnen ein Dokument z
eigen."
Smith: Herr Vorsitzender, Pfarrer Wurmbrand hat dem Komitee vor einigen Monaten ü
ber 50 Dokumente zugesandt, die wir bei seiner heutigen Aussage vorlegen wollen.
Diese Dokumente sind in russischer Sprache. Auf die Bitte des Komitees hin hat
die Bibliothek des Kongresses diese Dokumente ins Englische übersetzt. Jedoch ha
t Pfarrer Wurmbrand jetzt Dokumente neueren Datums, die er mit seiner Aussage un
terbreiten wird.
Weil dem Komitee nicht genügend Zeit zur Verfügung stand, sich diese Dokumente i
ns Englische übersetzen zu lassen, wird Pfarrer Wurmbrand bei seinem Vortrag jew
eils den Inhalt der Schriftstücke zusammenfassen.
Ich ersuche um Erlaubnis, daß alle diese Dokumente, sowohl diejenigen, die man u
ns zuvor zugesandt hat, als auch die, welche er heute unterbreiten wird, zu eine
m Teil des Protokolls gemacht werden. Später soll dann festgestellt werden, ob m
an sie als Beweismittel vervielfältigt."

Doppelte Kirche
Vorsitzender: Ich kann diese Dokumente akzeptieren, die aus Rußland stammen. Ich
muß aber doch bekennen, daß es für mich unglaubhaft klingt, daß ein verantwortun
gsbewußter Geistlicher oder ein verantwortungsbewußter Mensch in Amerika es vers
uchen würde, Ihr Reden gegen den Kommunismus zu unterdrücken."
Wurmbrand: Der Ausdruck 'Kirche' ist ein zweideutiges Wort. Es gibt eine Kirche,
die Gemeinde Jesu, die Braut Christi. Ich habe viele dieser Kirche für Jesus ste
rben sehen. Es gibt aber auch eine Kircheneinrichtung, in der man ein Oberhaupt
werden kann, wenn man die richtigen akademischen Qualifikationen dafür besitzt,
und nicht etwa deshalb, weil man von einer brennenden Liebe für Jesus beseelt is
t. Es ist eine Kirche, in der man keine Tränen für diejenigen vergießt, die zu T
ode gefoltert werden.
Die wahre Kirche weint und jubiliert mit. Wenn Sie es gestatten, lege ich Ihnen
nur ein einziges Dokument vor, das ich aus der Vielzahl der anderen ausgesucht h
abe."
Tuck: Vorausgesetzt, daß es zum vorgeschlagenen Verfahren des Beirates keinen Ein
wand gibt, können Sie fortfahren."
Smith: Pfarrer Wurmbrand, Sie haben die Eröffnungsrede des Herrn Vorsitzenden geh
ört, in der er darauf hinwies, daß die kommunistische Partei der Vereinigten Sta
aten im Gegensatz zu ihrer alten Propagandalinie der Unvereinbarkeit von Kommuni
smus und Religion jetzt behauptet, daß sich Christentum und Kommunismus vereinba
ren lassen. Sie fordern, daß Christen mit den Kommunisten zusammenarbeiten solle
n, und daß dies zu ihrem gegenseitigen Nutzen gereichen könnte.
Die Zeitschrift Political Affairs (Politische Affären) ist ein offizielles Organ
der kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten. In der Juliausgabe dieser Z
eitschrift vom Jahre 1966 steht ein Artikel von Herbert Aptheker.
Herbert Aptheker ist als der Theoretiker der kommunistischen Partei anerkannt. I
ch zitiere: 'Natürlich bekämpft der Marxismus die religiöse Verfolgung und bekäm
pft vor allem die Zwangsmethoden, welche sich gegen die Religion richten.'
Ferner zitiere ich einen anderen Verfasser, Fräulein Betty Gannet, eine hohe Par
teifunktionärin der kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten. Sie ist gege
nwärtig die Herausgeberin der Political Affairs. Sie schreibt in der gleichen Nu
mmer zu dem Thema 'Religion in der Sowjetunion' folgendes: 'Entgegen der in unse
rem Land allgemein verbreiteten falschen Auffassung hat die Sowjetunion niemais
Gesetze erlassen, welche die Gewissensfreiheit oder das Recht der Religionsausüb
ung einschränken. Im Gegenteil, sie hat nicht nur Religionsfreiheit proklamiert,
sondern gesetzlich garantiert. Kein Organ der Sowjetregierung hat je eine antir
eligiöse Propaganda angeordnet.'
Haben Sie heute irgendwelche Dokumente bei sich, die beweisen, daß diese Behaupt
ungen falsch sind?"
Wurmbrand: Zuallererst habe ich die doktrinären Feststellungen unserer Kommuniste
n. Hier in Amerika behaupten sie, was von Ihnen vorgelesen worden ist.
Als die Kommunisten bei uns in Rumänien an die Macht gelangten, waren sie sehr s
chwach. Sie gaben deshalb vor, Freunde der Religion zu sein. Unsere kommunistisc
he Partei hatte nur 10 000 Mitglieder, als sie die Regierungsgewalt an sich riss
en. Diese Regierung ist uns von den Russen aufgezwungen worden. Wyschinski war z
u unserem König gegangen, hatte mit der Faust auf den Tisch geschlagen und erklä
rt: ,Sie müssen diese kommunistische Regierung nominieren.'
Damals, als sie sich schwach fühlten, haben sie in Rumänien eine Konferenz für d
ie Vertreter aller Religionen in unserem Parlamentsgebäude anberaumt. Es waren d
amals 4000 Priester, Pfarrer, Rabbiner und Mullahs anwesend. Der Premierminister
der kommunistischen Regierung hielt eine Rede und erklärte: ,In alten Zeiten ha
t man in Rußland schlimme Dinge gegen die Religion unternommen. Diese Zeiten sin
d längst vorbei. Sie sollten auf unserer Seite stehen. Wir werden die Religionen
und Kirchen unterstützen.' Der Innenminister, Teohari Georgescu, ein alter Komm
unist, bekreuzigte sich großartig und küßte die Ikonen (Heiligenbilder).
Wir haben das gesehen. Und die Priester glaubten ihnen. 4000 Priester und Pfarre
r spendeten dem kommunistischen Premierminister Beifall. Unter diesen 4000 befan
d sich nur ein Pfarrer, der an Ort und Stelle protestierte. Ein Pfarrer unter Vi
ertausendl Dieser kam ins Gefängnis. Er steht heute vor Ihnen.
Überall in der Welt sagen die Kommunisten, daß sie Freunde der Religion sind, bi
s sie am Schalthebel sitzen. Dann ändern sie ihre Taktik.
Ich werde Ihnen jetzt zeigen, was sie tun, wenn sie einmal die Regierung übernom
men haben. Ich habe hier Hunderte von Dokumenten. Ich kann Ihnen gar nicht alle
unterbreiten und habe nur aus allerjüngster Zeit ausgewählt, etwa Ende 1966 und
1967. Ich habe aber auch Dokumente älteren Datums.

Aggressiver Atheismus
Zuerst lege ich Ihnen zwei doktrinäre Erklärungen der Kommunisten vor. In der Pr
awda vom 12. Januar 1967 lesen wir folgendes:
,In wahrem Einklang mit den Leninistischen Traditionen werden die Probleme des A
theismus von unserer Partei stets mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Der Kampf
gegen religiöse Überreste ist nicht von der Beschaffenheit einer Kampagne eines
vereinzelten und in sich abgeschlossenen Vorfalles. Vielmehr ist der Kampf ein u
ntrennbarer Teil der ganzen ideologischen Aktivität der Parteiorganisation. Die
Partei ist in ihrer ganzen Organisation und ihren ideologischen Institutionen au
f eine aggressive atheistische Aktivität ausgerichtet.'
Diese Erklärung kam gerade einige Tage, bevor Podgorny eine Audienz beim Papst e
rhielt. In der Parteizeitschrift Der Kommunist der Armee vom Februar 1967 lesen
wir folgendes:
"Religion und wissenschaftlicher Kommunismus können weder etwas gemeinsam haben,
noch sind sie miteinander verwandt, was durch die Schüler des Marxismus-Leninis
mus nachgewiesen wurde. In der Zukunft wird man alle Formen der Religion auf den
Abfallhaufen der Geschichte werfen."
In dieser Ausführung ist bedeutsam, daß alle Formen der Religion einmal absolvie
rt werden, auch diejenigen, mit denen der Kommunismus heute zusammenarbeitet.
Wie die praktische Seite dieser kommunistischen Doktrinen aussieht, werde ich Ih
nen jetzt anhand der Verurteilung von Christen erläutern.
In der Zeitung ,Bakinsky Rabotshi' (Der Arbeiter von Baku) wird in der Nummer vo
m 20. Februar 1967 der Bericht über einen Schauprozeß gegeben. Der Artikel ist ü
berschrieben: ,Die Fanatiker dürfen nicht Hand an Kinder legen.' Hunderte von Ar
beitern von allen Fabriken und auch die Studenten wurden gezwungen, in einem gro
ßen Auditorium an dem Schauprozeß teilzunehmen. Die abkommandierten Zuhörer müss
en während der Verhandlungen die Verachtung des Angeklagten durch Pfuirufe ausdr
ücken. In dem vorliegenden Fall handelte es sich um einen Vassily Romanov. Die A
nklageschrift sagte aus, daß sein Verbrechen darin bestand, daß er viele Kinder
und Jugendliche für Christus gewonnen hatte. Der Mann hatte über das Jüngste Ger
icht und die bevorstehende Wiederkunft Christi gepredigt. Sein schlimmstes Verbr
echen bestand darin, daß er sagte: ,Wir müssen unsere Feinde lieben.' Feindeslie
be gilt also in der kommunistischen Welt als Verbrechen.
Ein Beispiel aus meiner eigenen Familie. Mein Sohn besuchte eine kommunistische
Schule. In den Anfangsklassen der Volksschule brachte man ihnen das Rechnen in f
olgender Weise bei: ,Wenn du von 22 Amerikanern 18 erschossen hast, wie viele bl
eiben dann übrig?' Um einen solchen Haß säen zu können, müssen die Kommunisten n
atürlich die Feindesliebe bekämpfen.
In dem erwähnten Schauprozeß wurde dann der Angeklagte Romanov gemäß § 141 des S
trafgesetzbuches der Sowjetrepublik verurteilt. Dieser Paragraph gilt bis heute.
Und die amerikanischen Kommunisten sagen, daß es kein Gesetz gibt, das einem Me
nschen verbietet, die Religion auszuleben oder über Jesus zu sprechen.
Weitere Artikel werden diesen Sachverhalt noch deutlicher machen.
Dieser verurteilte Christ Romanov hat unter anderem Kindern religiöse Filme geze
igt, die in unser Land eingeschmuggelt worden sind. Die Missionsgesellschaft, de
r ich angehöre, hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, heimlich religiöse Filme i
n die kommunistischen Länder einzuführen. Romanov hat ferner die Kinder unterric
htet und sie gelehrt, Seelen zu gewinnen und religiöse Gedichte in der Schule zu
verteilen. In der Sowjetpresse hieß es dann in dem Kommentar über die Verurteil
ung Romanovs: ,Wir haben religiösen Sekten gegenüber Geduld, solange sie ihre Hä
nde von unserer Jugend lassen.' Ihnen macht es nichts aus, wenn eine Frau von 70
Jahren gläubig ist.
In dem gleichen Hetzartikel gegen die Christen heißt es, daß die Kinder von Adve
ntisten am Samstag nicht zur Schule kommen wollen. Ferner hat ein Schüler, Alexa
nder Zhukov, unter dem Einfluß des christlichen Glaubens sich geweigert, die rot
e Fahne zu tragen.
Unsere christliche Jugend trägt die rote Fahne nicht, weil sie weiß, daß diese m
it dem Blut der Christen besudelt ist. Ich habe eine große Hochachtung für diese
tapfere christliche Jugend.
In einer unserer Schulen erzählte der Professor, daß der Mensch vom Affen abstam
mt. Dann fragte er die Schüler: ,Was ist eure Meinung?' Ein junges Mädchen stand
auf und sagte: ,Genosse Professor, ich bin Ihnen für das dankbar, was Sie uns h
eute gelehrt haben. Ich habe mich immer gewundert, wie es kommt, daß die Kommuni
sten so schlecht sind. Sie haben es mir jetzt erklärt. Sie stammen von den Affen
ab'.
Eine andere kommunistische Zeitung Prawda Vostoka (Wahrheit des Ostens) brachte
am 22. Oktober 1966 einen Artikel mit der Überschrift: 'Chrapov, Sie werden nich
t Ihres Glaubens wegen verurteilt.'
In diesem Artikel schrieb der Reporter folgendes: ,Ich habe mit dem Angeklagten
gesprochen. Er erklärte, daß er für seinen Glauben leide. Das ist aber nicht der
Fall.' Dann berichtet der Reporter, warum Chrapov vor Gericht gezogen worden w
ar. Chrapov, Bohn, Hartfeld und andere waren Mitglieder einer illegalen Baptiste
ngemeinde in Taschkent. Dies sind die Baptisten, die nicht auf einen Kompromiß m
it dem Kommunismus eingehen wollen. Sie veröffentlichten ein religiöses Blatt De
r Heilsbote. Nun wurde dem Angeklagten zur Last gelegt, daß sie in diesem Blatt
die folgenden verbrecherischen Sätze veröffentlicht haben: ,Der auferstandene Go
tt will uns von jeglicher sklavischen Abhängigkeit von der Welt frei machen. Jed
e Freundschaft mit der Welt ist geistliche Prostitution.'
Chrapov hatte auch die Brüderliche Gemeinschaft der Christlichen Jugend organisi
ert. Das ist eine Jugendvereinigung ähnlich wie der CVJM. Dieser christliche Ver
ein besaß eine heimliche Druckerpresse
für christliche Literatur. Kinder, die zu dieser Jugendorganisation gehörten, we
igerten sich, die roten Halstücher zu tragen. Das ist der Sachverhalt, der in de
m erwähnten Artikel dargestellt wurde.
Zu den Berichten stelle ich Ihnen auch Bilder zur Verfügung. Zunächst einmal aus
der Prawda Ukrainy vom 4. Oktober 1966. Es ist eine Aufnahme von Prokofiev, ein
em der größten Helden des christlichen Glaubens in Rußland. Er ist bereits dreim
al im Gefängnis gewesen, weil er heimlich Kindergottesdienste gehalten hat. Imme
r, wenn er aus dem Gefängnis entlassen worden war, nahm er seine Tätigkeit wiede
r auf. Und jetzt steht er wieder mit anderen vor Gericht.
Über einen anderen Prozeß berichtet die Sowjetskaya Rossiya vom 23. August 1966.
Die Überschrift des Zeitungsartikels lautet: ,Dem muß Einhalt geboten werden/ U
m was geht's? In Rostow am Don wurden eine Reihe von Christen vor Gericht gezoge
n. Man legte ihnen zur Last, daß sie am 2. Mai 1966 eine religiöse Demonstration
in den Straßen organisiert und an diesem Tage 40 Jungen und Mädchen getauft hat
ten. Was für ein Greuel! Jungen und Mädchen zu taufen! Den Angeklagten konnte au
ch nachgewiesen werden, daß sie im Besitz einer illegalen Druckerpresse waren.
Eine andere Gruppe von Angeklagten wurde beschuldigt, Kindergottesdienste gehalt
en zu haben, in denen Kinder von acht bis elf Jahren im Worte Gottes unterrichte
t worden sind. Auch diese Christen wurden aufgrund von § 142 des Strafgesetzbuch
es der Russischen Republik verurteilt.
Wem soll ich jetzt glauben? Herrn Aptheker oder der russischen Presse? Wer kennt
den Kommunismus besser?
Die kommunistische Partei von Amerika sagt, daß es keine Gesetze gegen die Relig
ion in der Sowjetunion gibt, und ich habe Ihnen bereits bewiesen, daß man Urteil
e aufgrund von § 141 und 142 ausgesprochen hat. Die Christen wurden zu verschied
en langen Gefängnisstrafen verurteilt, schrieb die Tagespresse. Man gab die Läng
e der Urteile nicht an. Es kann sich um 20 Jahre handeln.
Unter den 40 getauften Jungen und Mädchen befanden sich ein Medizinstudent, ein
Student einer Technischen Hochschule, ferner Mitglieder der kommunistischen Juge
ndorganisation. Die kommunistische Zeitung sagt, daß die Entlastungszeugen, die
vor Gericht zu erscheinen hatten, eine fanatische Haltung zeigten.
In der illegalen Literatur, die man unter der Jugend verbreitete, wurde zur chri
stlichen Aktivität aufgefordert: »Ergreift das geistliche Schwert, das Wort Gott
es». Sie behaupten, daß die Bücher der Baptisten gefährlich sind. Ein Ausspruch,
der bei der Gerichtsverhandlung den Beschuldigten vorgeworfen wurde, lautete: ,
Nehmt Kinder zu Beerdigungen mit, damit sie sehen, daß es sich nicht lohnt, sich
mit vergänglichen Dingen zu befassen.'
Dem materialistisch eingestellten Kommunismus sind solche Dinge natürlich ein Gr
euel. Ich selbst muß bekennen, daß ich durch Besuche von Friedhöfen innerlich au
fgeweckt worden bin. Ich sagte mir, daß ich selbst einmal auf dem Friedhof enden
werde. Schnee wird auf mein Grab fallen. Hier habe ich politische und alle mögl
ichen Ideale, und es ist mein Wunsch, Geld zu haben und Mädchen, und alles wird
einmal mit einer Beerdigung enden. Und dann entdeckte ich eine andere Partei, di
e ewiges Leben geben kann. Ich habe diese Partei gewählt, es ist die Gemeinde Je
su Christi.

Die Untergrundkirche
Damit habe ich eine Reihe von Verbrechen aufgedeckt, für die man in Rußland ins
Gefängnis kommt. Sie haben damit gleichzeitig das Schicksal der Menschen der Unt
ergrundkirche gesehen. Der Führer der Untergrundkirche ist ein Ingenieur. Diese
Kirche existiert nämlich auch innerhalb der russischen Intelligenz. Wir haben St
udenten, Ingenieure und Akademiker in unseren Reihen. Sie fordern die Kinder auf
, die Bibel zu lesen. Später reißen dann die so beeinflußten Kinder ihre roten H
alstücher weg.
Hier lege ich Ihnen eine andere Zeitung vor, die Prawda Ukrainy. Am 12. Juli 196
6 erschien ein Artikel mit der Überschrift: ,Sie erhielten das, was sie verdient
en.' Es handelt sich hier wieder um einen Schauprozeß in der Stadt Nikolayew geg
en Zaitshenko, Maria Yakimenko und andere. Die Namen dieser Märtyrer sollten im
Munde aller Christen sein. Die heilige Thérèse, den heiligen Basilius und den he
iligen Martin kennen wir alle, obwohl sie vor Hunderten von Jahren lebten, aber
die Märtyrer der Gegenwart werden niemals erwähnt.
Zu einem der größten Kirchenführer Amerikas sagte ich einmal: ,Ich habe hier in
meiner Tasche eine Liste mit 150 protestantischen Pfarrern, die kürzlich nach Si
birien deportiert worden sind. Nicht alle von ihnen sind dort angekommen. Einige
sind den Folterungen erlegen.' Der Kirchenführer bat mich nicht um diese Liste.
Auch als ich ihn fragte: ,Wollen Sie nicht diese Namen auf Ihrer Gebetsliste ha
ben?' gab er keine Antwort.
Ein weiterer Anhaltspunkt für die Christenverfolgung in Rußland gibt uns die Pra
wda Ukrainy vom 4. Oktober 1966. Der Artikel ist überschrieben: Das Gesetz gilt
für jeden. Die Christen Bundarenko, Velitchko, Overtshuk und andere wurden aufgr
und des § 138 des Gesetzes der Ukraine vor Gericht gestellt. Daraus geht hervor,
daß jede Republik einen Paragraphen gegen die Religion in ihrem Gesetz hat. Es
gibt viele Republiken in der Sowjetunion.
Den Angeklagten wurden folgende Aussprüche zur Last gelegt: ,Wenn die Kirche sic
h menschlichen Satzungen unterwirft, verliert sie den Segen Gottes.' ,Heute dik
tiert Satan, und die Kirche akzeptiert allerlei Entscheidungen, welche sich gege
n das Gebot Gottes richten.' Den Angeklagten wurde auch vorgehalten, daß sie das
atheistische Begräbnis eines christlichen Kindes verboten haben. Ferner haben d
ie Angeklagten die jungen Leute aufgefordert, sich um Christus zu sammeln. Das U
rteil für diese Aufrührer war zwei und drei Jahre Zuchthaus.
Der zynische Schlußsatz dieses Zeitungsartikels lautet: ,In unserem Lande wird n
iemand seiner religiösen Gesinnung wegen verurteilt. Aber niemand hat das Recht,
das sowjetische Gesetz zu übertreten.'
Das ist die Taktik der Kommunisten. Sie sagen, diese verurteilten Christen haben
nichts weiter getan, als ihren christlichen Glauben verbreitet. Die Religion se
lbst ist frei, aber es ist einem Sowjetbürger nicht erlaubt, das Gesetz zu übert
reten. Und das Gesetz sagt, daß es nicht erlaubt ist, christliche Propaganda zu
machen.
Im Vergleich zu den Zeitungslügen in Rußland sind die Lügen der Kommunisten in A
merika sehr klein.
Die Zeitung ,Sowjetskaya Rossiya' berichtet am 22. November 1966 den Prozeß gege
n drei Frauen, die ihren Kindern den christlichen Glauben gelehrt haben. Es ist
häufig vorgekommen, daß Kinder gegen das Verbot ihrer Eltern das Haus verlassen
und den Kindergottesdienst besucht haben. Hinterher erklärten die Kinder ihren E
ltern: ,Wenn ihr mich nicht dorthin gehen laßt, dann werde ich weglaufen.'
In Rumänien habe ich selbst einen derartigen Fall von Treue erlebt. Ein Mädchen
kam in unseren heimlichen Kindergottesdienst. Die Eltern hörten davon und verbot
en dem Kind den Besuch. Das Mädchen antwortete: ,Wenn ihr mich nicht gehen laßt,
dann werde ich nichts mehr essen.' Drei Tage lang hungerte das Kind. Die Eltern
bekamen es mit der Angst zu tun, und sie gaben schließlich die Erlaubnis und sa
gten: ,Du kannst gehen, aber nimm Nahrung zu dir.' Sie war die einzige Tochter u
nd antwortete: ,Nein, ich werde nicht gehen, es sei denn, ihr kommt mit.' Das Mä
dchen gewann tatsächlich ihre Eltern für Christus.
So kämpfen in der kommunistischen Welt Kinder für Jesus. In diesem Zeitungsartik
el der ,Sowjetskaya Rossiya' rühmen sich die Kommunisten, daß sie diese drei Fra
uen ins Gefängnis gesteckt haben.
Und in Amerika gibt es sogar Kirchenführer, die bestreiten, daß es eine Untergru
ndkirche gibt. Auch in anderen Ländern bezweifelt man die Existenz der Untergrun
dkirche.
Hier lege ich ein Flugblatt der Untergrundkirche vor. Das Blatt ist auf einer ge
heimen Druckerpresse in Rußland gedruckt worden. Es gibt ja in Rußland viele Geh
eimdruckereien, auch geheime Kindergottesdienste und eben auch eine geheime Unte
rgrundkirche. Ich frage mich, warum die Untergrundkirche nicht beim Weltkirchenr
at vertreten ist. Der Erzbischof und andere hohe Würdenträger, die kommen aus de
n kommunistischen Ländern heraus. Natürlich soll man sie empfangen. Ich liebe je
den Menschen. Aber warum werden die Helden der Untergrundkirche niemals eingelad
en? Und als einer kam, wollten eure amerikanischen Kirchenführer, daß er schweig
e. Was mich betrifft, ich habe in kommunistischen Gefängnissen nicht geschwiegen
und werde es auch hier nicht tun.
Mit diesen Berichten haben Sie über die Tatsachen der Verurteilung von Christen
erfahren. Ich selbst habe ein Buch herausgebracht mit dem Titel Gefoltert für Ch
ristus. Das Buch enthält viele Berichte über die Leiden und die Verfolgungen der
Christen in der Sowjetrepublik. Auch mein zweites Buch Wurmbrands Briefe bringt
Dokumente aus der gleichen Quelle.

Folter und seelischer Terror


Nach der Pause versammeln sich die Abgeordneten Tuck, Roudebush, Clawson und and
ere.
Vorsitzender: Die Sitzung ist hiermit wieder eröffnet. Herr Pfarrer Wurmbrand, Si
e können mit Ihrem Bericht fortfahren."
Wurmbrand: Ich glaube, daß die schon berichteten Tatsachen ausreichen. Wenn jeman
d wissen möchte, wie man verhaftete Christen behandelt, dann schlage ich vor, da
ß der Betreffende zu mir kommt. Ich will ihm dann die Folterstellen an meinem Kö
rper zeigen.
Jesus zog sich vor dem Apostel Thomas aus, als dieser ihm nicht glauben wollte.
Ich rühme mich nicht der Narben, die ich habe. Es sind nicht meine, sondern es s
ind die Ehrenzeichen der verleumdeten christlichen Gemeinde.
Jedes Jahr gibt es in der kommunistischen Welt Märtyrer. Hmara aus dem Dorf Kulu
nda war nur drei Monate im Gefängnis. Sein Leichnam wurde dann seiner Familie zu
rückgegeben. An Händen und Füßen konnte man Brandwunden feststellen. Der Unterle
ib war zum Teil aufgeschlitzt, und der ganze Körper war grün und blau geschlagen
.
Hier ist eine Aufnahme des Gefängnisses in Kasan, wo sich viele christliche Gefa
ngene befinden. Und hier ist die Insel Novaya Zemlya, ebenfalls mit einem Gefäng
nis.
Ich habe mich oft gewundert, wie es kommt, daß das arme Rußland mit Amerika in d
er Herstellung von Raketen konkurrieren kann. Im Grunde genommen ist das sehr ei
nfach. In den USA muß man für einen Ingenieur 20 000 oder 30 000 Dollar jährlich
bezahlen. Die Russen machen es sich einfacher. Sie verhaften die Ingenieure, un
d dann müssen diese Männer ohne Gehalt für sie arbeiten. Dazu werden diese Intel
lektuellen noch geschlagen und gefoltert. Auf der Insel Novaya Zemlya arbeiten c
hristliche Gefangene an Raketen und Raketengeschossen.
Über die Behandlung im Gefängnis habe ich schon mehrmals berichtet. Es gibt aber
noch eine viel größere Not als ein Gefängnisaufenthalt. Deshalb will ich Ihnen
mitteilen, was die Sowjetpresse über die Wegnahme der Kinder von ihren Eltern be
richtet. Ich weiß, wie es mir selbst zumute war. Sie können es mir glauben, daß
ich im Winter meinen nackten Oberkörper gegen die eiskalten Eisenstäbe gedrückt
habe, um das Feuer der Sehnsucht nach meinem Kind zu löschen. Ich weiß, was es b
edeutet, von seinen Kindern jahrelang getrennt zu sein.
Ich habe hier eine Moskauer Zeitung Znamya Yunosti vom 29. März 1967 vor mir. De
r Fall von Frau Antonina Ivanovna Sitsh wird hier berichtet. Das Gericht in Kali
ningrad entzog ihr das Elternrecht und nahm ihr den Sohn Vsetsheslav weg. Der Gr
und war, daß sie ihren Sohn über Jesus gelehrt und ihn dazu angestiftet hatte, d
ie Augen zu schließen, wenn in der Schule atheistische Bilder gezeigt wurden. Ic
h möchte den amerikanischen Kindern auch einen solchen Rat geben, wenn manchmal
Schmutz im Fernsehen gezeigt wird.
Die Zeitung sagt ferner, daß diese Frau Sitsh ein zweites Verbrechen beging. Sie
hat nicht nur ihre Kinder im christlichen Glauben erzogen, sondern sie hat auch
ihren Jungen Vsetsheslav von der atheistischen Schule gestohlen und hat ihn zu
gläubigen Menschen in der Stadt Vitebsk geschickt.
Der Junge wurde dort aber wieder entdeckt, weil er es nicht lassen konnte, für J
esus zu zeugen. Er wurde zurückgebracht. Unter der Beihilfe eines Angestellten d
er atheistischen Schule schmuggelte dann die Mutter ein Notizbuch mit Bibelverse
n für ihren Sohn in diese Schule hinein.
Ihr zweites Kind, der achtjährige Leonid, der wohl weiß, daß sein Bruder von der
Mutter weggenommen worden ist, zeigte die gleiche Haltung. Einmal sagte er sein
em Lehrer: ,Sie tun mir leid, Sie werden in die Hölle kommen, weil Sie nicht an
Jesus glauben.' Der Junge hat auch den roten Stern von der Wand heruntergerissen
.
Ein anderes Kind machte viel von sich reden. Es ist der neunjährige Junge Kolya
Sviridov. Bereits in diesem jugendlichen Alter zeigte er einen außergewöhnlichen
Glauben. Die Zeitung deutet an, daß der Junge wahrscheinlich der alten Herrsche
rfamilie Rußlands angehört.
Wegen seines starken Glaubens wurde der Junge von seiner Mutter weggenommen. In
der atheistischen Schule fuhr er fort zu beten und für Jesus zu zeugen. Schließl
ich übergab man ihn einem berüchtigten Hauptmann der kommunistischen Geheimpoliz
ei. Sein Name ist Hutorin. Dieser Rohling hatte nun das Kind umzustimmen. Der Be
amte zwang das Kind und brachte es soweit, daß es sagte: ,Es gibt keine Gottheit
en.' Die Zeitung ,Komsomolskaya Prawda' vom 22. Mai 1966 ist sich nicht sicher,
was der Junge damit gemeint hat. Vielleicht sollte das nur eine Absage an die my
thologische Götterwelt sein und keineswegs etwa ein Treuebruch gegenüber dem chr
istlichen Gottesglauben. Die Folterknechte haben den Jungen seelisch so ruiniert
, daß er nicht einmal mehr seine Mutter erkannte, als sie ihn besuchen durfte. D
ie Ärzte haben festgestellt, daß der Junge mit seinen neun Jahren bereits an ein
er Herzmuskelentzündung leidet. Und hier in Amerika verbreitet man die Lüge, daß
in der Sowjetunion Religionsfreiheit herrsche.
Hier kann ich Ihnen ein Foto aus Oshkol'noye Vospitaniye vom März 1966 vorlegen.
Die Geheimpolizei ist in das Haus einer christlichen Familie eingedrungen und h
at vier Kinder beim Beten ertappt und sie den Eltern weggenommen.
Hier ist eine Aufnahme von dem Prozeß gegen Frau Makrinkova. Man hat ihr sechs K
inder entrissen. Wer kann nachfühlen, was das Mutterherz an Schmerz dabei erleid
et?
So gibt es manche Mütter, und ich habe solche gekannt, denen man alle Kinder weg
genommen hat. In einem Haus, das vom Lärm und Kinderlachen erfüllt war, herrscht
jetzt eine große Stille.
Ich habe diese Mütter getroffen, sie waren wie versteinert. Man konnte nicht mit
ihnen sprechen. Aus einer Einzelfamilie sechs Kinder wegnehmen und das wird heu
te Religionsfreiheit genannt, sogar von einigen Kirchenführern des Westens.
Hier lege ich Ihnen ,Ogonyok' vor, eine Moskauer Zeitschrift. Der Christ Lazarev
hat in dieser kleinen Hütte, die ich Ihnen hier auf dem Foto zeige, heimlich Ki
ndergottesdienst gehalten. Dafür wurde er vor Gericht geschleppt und verurteilt.
Viele solcher Tatsachen könnte ich Ihnen berichten. Ich habe Ihnen nur wenige au
sgewählt, wo man Vätern und Müttern das Elternrecht abgesprochen hat.

Die Bibel in Rußland


Nun einige Berichte über die Bibel. Die Bibel gilt als Opium, als Gift. Sie ist
nicht erlaubt.
Hier in dieser Moskauer Zeitung vom 6. Juli 1966 ist ein Foto, das Hunderte von
beschlagnahmten Bibeln zeigt. Die Kommunisten sagen: ,Wir lassen es nicht zu, da
ß man unser Volk vergiftet.' In diesem Artikel beschuldigen sie Herrn Murrey, ei
nen der Direktoren der Britisch-Christlichen-Europamission und der Amerikanische
n Mission für Europas Millionen, zu der ich auch gehöre.
Sie haben ihn mit Recht beschuldigt. Er hat tatsächlich versucht, diese Bibeln n
ach Rußland einzuschmuggeln.
Hier lege ich Ihnen eine handgeschriebene Bibel in Litauisch vor. Die Christen s
chreiben Bibeln und auch christliche Bücher mit der Hand ab, weil sie eben keine
Druckerlaubnis haben.
In Moskau gibt es eine katholische Kirche. De Gaulle hat sie besucht. In dieser
Kirche hätte er diesen Katechismus lesen können. (Wurmbrand zeigt den Katechismu
s.) Der Katechismus ist auf einem Vervielfältigungsapparat abgezogen worden. Es
gibt keinen gedruckten Katechismus in der katholischen Kirche von Moskau.
Hier ist wiederum die Zeitung Ogonyok, die die Geschichte einer Frau Persis brin
gt. Sie wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil sie heimlich Kerzen und
Ikonen hergestellt hatte.
Ich selbst bin ein Protestant. Wir benutzen keine Ikonen. Aber ich sehe es als e
in Verbrechen an, jemanden ins Gefängnis zu stecken, nur weil er sich einige Iko
nen anfertigt. Das ist also die Religionsfreiheit', wie sie von der Sowjetpresse
verkündigt und von der westlichen Welt vielfach geglaubt wird.
Wer kennt den Kommunismus besser? Die Prawda, Kossygin oder Herr Aptheker, der T
heoretiker der amerikanischen kommunistischen Partei? Wem von ihnen sollen wir g
lauben? Aptheker sollte zu Herrn Kossygin fahren, und sie sollten zusammen berat
en, welche Aussagen sie machen wollen.
In der Bibel steht geschrieben, daß Jesus durch unwahre Zeugenaussagen belastet
werden sollte. Man suchte eine Handhabe, um ihn töten zu können. Aber die Zeugen
aussagen stimmten nicht überein. Ich würde den Kommunisten vorschlagen, wenn sie
lügen wollen, daß sie vorher zusammenkommen und vereinbaren, was sie verbreiten
wollen.
Schließen der Kirchen
Jeder der Kommunisten hat eine andere Aussage.
Die amerikanischen Kommunisten reden über die Religionsfreiheit in Rußland, aber
ihre Genossen in Rußland verleugnen sie.
Nun einiges über das Schließen der Kirchen. Meine eigene Kirche in Bukarest ist
jetzt ein Kino. Es ist das Gebäude der rumänisch-lutherischen Kirche in Bukarest
. Nur ein Pfarrer kann wissen, was das bedeutet. Man liebt doch seine Kirche, wi
e man sein eigenes Kind liebt.
Aber dies ist nur eine meiner Behauptungen. Und jetzt die Beweise.
Ich lege Ihnen hier die Sowjetskaya Moldavia vom 13. August 1966 vor. Ich kann a
uf mein Vaterland stolz sein. Sie wissen, was Moldau ist. Es ist ein Teil Rumäni
ens, den die Russen uns gestohlen haben, unser Bessarabien.
In diesem Teil der Sowjetunion ist die Untergrundkirche am stärksten. Die Russen
konnten uns zwar das Land wegnehmen, den christlichen Glauben konnten sie nicht
ausmerzen. Hier ist der Artikel mit der Überschrift: ,Wo die Glocken klangen.'
Es wird berichtet, daß die Kirchen in Nikolayew, ferner die Kirchen in den Dörfe
rn Floreshti, Cretzoaia und in anderen geschlossen worden sind. Diese Kirchen si
nd in Apotheken, in Schulen, in Tanzlokale und Museen umgewandelt worden.
Hier lege ich Ihnen Aufnahmen von verschiedenen Kirchen vor, die ihres Zweckes e
ntfremdet worden sind. Zum Beispiel hier diese Aufnahme von der Kirche des Gewan
des der Jungfrau Maria. Und hier ist die Kathedrale der Ankündigung jetzt ein Mu
seum.
Hier ist die Aufnahme der neuen Kirche in Klaipeda, die erst 1960 fertiggestellt
worden ist. Den Turm hat man zerstört. Die Kirche selbst wird als Konzerthalle
benutzt.
Die Kathedrale von Vilna ist jetzt ein Museum der Künste. Hier haben Sie zum Bei
spiel eine Aufnahme eines Konzertes in diesem Museum.
Die Jesuitenkirche und das Kloster in Kaunas sind jetzt Warenlager. Wenn Sie die
Kirchen sehen wollen, die noch offen sind, dann betrachten Sie einmal diese lut
herische Kirche. Sie hat ein Dach aus Gras.
Und dann sagen die Kommunisten: ,Wir haben offene Kirchen.' Hier können Sie also
an dem Bildmaterial sehen, wie die Sachlage ist.
Roudebush: Pfarrer Wurmbrand, Sie haben gesagt, daß einige Kirchen offen sind. Si
e erwähnten die katholische Kirche, in der General de Gaulle in Leningrad zum Go
ttesdienst gegangen ist."
Wurmbrand: Jawohl, de Gaulle ist in eine Kirche gegangen."
Roudebush: Wissen Sie von irgendwelchen zuverlässigen Kirchenführern, außer denen
der Untergrundkirche, in der kommunistischen Welt? Haben Sie Kenntnis von vertr
auenswürdigen religiösen Oberhäuptern außerhalb der Untergrundkirche?"
Wurmbrand: Ja. Ich bin selbst ein Protestant, aber ich liebe die Wahrheit mehr al
s den Protestantismus. Zuallererst muß ich Kardinal Wyszynski von Polen meine An
erkennung aussprechen. Er ist im Gefängnis gewesen, und er fährt fort, dem Kommu
nismus entgegenzutreten.
Solche offiziellen Kirchenführer existieren auch. Es gibt einige lutherische Bis
chöfe in der DDR, die in derselben Lage sind. Vereinzelt gibt es auch in Rumänie
n offizielle Baptistenpfarrer, die ihren Glauben nicht verleugnet haben. Im allg
emeinen wird die Leitung der Kirchen vollkommen von den Kommunisten beherrscht u
nd kontrolliert. Ich werde Ihnen sofort den Beweis dafür erbringen."
Roudebush: Es gibt also doch noch echte Kirchenoberhäupter?"
Wurmbrand: Ja, es gibt einige, die Christus treu ergeben sind"

Die Spitzel
Wurmbrand: Ja, es gibt Ausnahmen. In der Regel verhält es sich aber anders. Wenn
Sie mir erzählen, daß ein Mann in Amerika der Pfarrer einer lutherischen Kirche
ist, dann weiß ich, daß er auf einem Seminar ausgebildet worden ist. Man muß mir
das nicht ausdrücklich sagen, denn sonst wäre der Mann ja nicht Pfarrer einer K
irche.
Wenn man mir sagt, daß jemand ein offizieller Pfarrer einer russischen Kirche is
t, weiß ich, daß er in der Regel ein Spitzel der Kommunisten ist, sonst hätte er
nicht diesen Posten.
Am Sonntag predigt dieser Pfarrer. Am Montag hat er vor einem Vertreter des Kult
usministeriums zu erscheinen. Dann muß der Gemeindepfarrer alle Fragen beantwort
en, die ihm vorgelegt werden. Sie können lauten: ,Wer ist in Ihrer Kirche gewese
n? Wer waren die Jugendlichen? Wer versucht, Menschen für Christus zu gewinnen?'
Wenn jemand gebeichtet hat: ,Was ist gebeichtet worden?' Weitere Fragen: ,Wer i
st im Gebet ernst und treu? Was für eine politische Gesinnung haben Ihre Gemeind
eglieder?
Der Pfarrer hat alle diese Fragen klar und eindeutig zu beantworten.
Natürlich gibt es auch solche, die versuchen, so wenig wie nur möglich zu sagen,
um die Behörden irrezuführen. Es gibt aber auch Pfarrer, die mehr sagen als ges
chieht. Diese Männer haben an ihrem Spitzeldienst Gefallen gefunden.
Die kommunistische Geheimpolizei versucht natürlich auch, die Untergrundkirche z
u infiltrieren. Andererseits versuchen wir dasselbe bei der kommunistischen Gehe
impolizei.
Es gibt Mitglieder der Untergrundkirche, die der Geheimpolizei beitreten. Schlie
ßlich können heimliche Mitglieder der Untergrundkirche auch Leiter der offiziell
en Kirche werden. Sie berichten uns dann, was dort vor sich geht und wie wir uns
schützen können. Es handelt sich hierbei um sehr aufrichtige Christen.
Ich habe Ihnen mit diesen Tatsachen ein wenig die Augen geöffnet über all die Vo
rgänge in den kommunistischen Ländern.
Wer aber sind die offiziellen Kirchenführer?
Karev ist der Vorsitzende der russischen Baptisten. Er veröffentlichte in der Ze
itschrift Sowjetisches Leben vom Juni 1966: ,Baptisten haben das Recht, ihre Kin
der im Geiste ihres Glaubens zu erziehen.'
Soll ich jetzt Karev glauben? Oder soll ich das für wahr halten, was die sowjeti
schen Zeitungen berichten, daß die Kinder von ihren Eltern weggenommen werden, w
enn diese sie im Glauben unterweisen?
Der orthodoxe Erzbischof Pimen nannte Svetlana Stalina einen Judas Ischariot, we
il sie landesflüchtig wurde. Diese Kirchenführer sind willenlose Werkzeuge der K
ommunisten.
Herr Orlow, der ehemalige zweite Vorsitzende des All-Union Council (Dachorganisa
tion aller christlichen Vereinigungen), der Union der evangelischen Baptisten, h
at erklärt:
,Die evangelischen Baptisten sowie alle anderen Christen der Sowjetunion loben u
nd danken Gott, daß die sowjetische Regierung im Verlaufe der letzten 40 Jahre n
ach den hohen Idealen des Christentums gehandelt hat, weil dies auch die Ideale
des Evangeliums sind.'
So hat also die Sowjetregierung nach den hohen Idealen des Christentums gehandel
t, als sie die baltischen Länder stahl, ebenso die Hälfte von Polen und Bessarab
ien? Sie handelte gemäß den hohen Idealen des Christentums, als sie Ungarn überr
annte? Sie handelte nach dem Evangelium, als sie unter Stalin Millionen unschuld
iger Menschen tötete? Der Baptist Orlow pflichtet all diesen Schrecken dieser ga
nzen Jahre bei.
Eine andere Erklärung dieses sogenannten Baptistenführers zeigt seine Gesinnung:
,Wir halten unsere sowjetische Regierung, die uns die religiöse Freiheit gegebe
n hat und sie vor jeglicher Zuwiderhandlung beschützt, in hohen Ehren. In unsere
m Lande erfreuen sich alle Kirchen und Religionen der vollkommenen und gleichen
Freiheit.'
Das sind die hauptsächlichen Tatsachen über Rußland, die ich Ihnen vorzulegen ha
tte. Wenn Sie wollten, könnte ich stundenlang fortfahren."
Politik des Hasses
Wurmbrand: Ich habe Ihnen nun viele Dokumente vorgelegt."
Smith: Pfarrer Wurmbrand, Roger Garaudy, der Theoretiker der kommunistischen Part
ei Frankreichs, wird in der Zeitschrift ,Look' vom 2. Mai 1967, Seite 36 angefüh
rt, daß er folgende Behauptung während seiner Vorträge in den Vereinigten Staate
n gemacht hat: ,Man sagt uns Kommunisten, ihr bietet eure Hand an, wenn ihr nich
t an der Macht seid, und eure Faust, wenn ihr an der Macht seid.'
Am Anfang kam der Marxismus in Länder, wo das Christentum reaktionär war. Man be
kämpfte es wie eine politische Partei und nicht wie eine Religion. Diese Angst v
or der Verfolgung ist von politischen Stellen aus verbreitet worden und nicht vo
n religiösen. Was ist Ihre Stellungnahme aufgrund Ihrer Erfahrungen zu dieser Be
hauptung?"
Wurmbrand: In allererster Linie haben die Kommunisten in den Artikeln, die ich Ih
nen vorgelegt habe, keinerlei politische Anklage gegen diejenigen hervorgebracht
, die sie ins Gefängnis gesteckt haben. Sie sagen, daß die Verurteilten nur ihre
religiösen Glaubensüberzeugungen weitergetragen haben. Die Frau Sitsh hat man n
icht etwa angeklagt, weil sie ihrem Kind irgendwelche konterrevolutionären Lehre
n beigebracht hatte. Sie hatte es nur im Evangelium unterrichtet.
Damit geben doch die Kommunisten zu, daß sie Menschen aus rein religiösen Gründe
n ins Gefängnis werfen.
Selbst wenn das, was Herr Garaudy sagt, wahr wäre, so würde er dadurch nichts er
reichen. Es ist auch ein Verbrechen, jemanden aus politischen Gründen zu verfolg
en.
In Rußland und in anderen kommunistischen Ländern bringt man eben nicht nur Kont
errevolutionäre ins Gefängnis, sondern auch Kommunisten, Parteiangehörige selbst
.
Ich bin mit dem kommunistischen Führer Rumäniens, Patrashcanu, der dem Kommunism
us in Rumänien zur Macht verholfen hatte, im Gefängnis gewesen. Er war mit mir z
usammen in derselben Zelle, und man hat ihn so gefoltert, bis er verrückt wurde.
Und dann hat man ihn erschossen.
Anna Pauker, Vasile Luca und andere kommunistische Führer sind mit mir im gleich
en Gefängnis gewesen.
Die Kommunisten bringen also selbst die ins Gefängnis, die ihnen zur Macht verho
lfen haben. Ich schlage Herrn Gus Hall, dem Generalsekretär der KP Amerikas, Her
rn Aptheker und anderen amerikanischen Kommunisten vor, daß sie in eine Kirche g
ehen und zu Gott beten, an den sie nicht glauben, daß der Kommunismus in Amerika
niemals an die Macht kommt. Solange nämlich der Kapitalismus in Amerika herrsch
t, sind diese kommunistischen Führer frei.
Wenn der Kommunismus an die Macht kommt, werden sie erschossen. In Rußland, Rumä
nien und Bulgarien haben die Kommunisten die kommunistischen Führer getötet.
In Bulgarien hat man Kostov aufgehängt. In Ungarn wurde Rajk gehängt.
Bei uns hat man Anna Pauker ins Gefängnis gesteckt. Trotzki, Zinoviev und andere
wurden getötet. Kommunisten töten sich gegenseitig.
Der Kommunismus ist eine Religion des Hasses. Kirchenführer in Amerika haben mir
gesagt, wir müßten versuchen, mit den Kommunisten ins Gespräch zu kommen. Ich s
elbst bin sehr für einen Dialog. Zuallererst sollten die Kommunisten aber ins Je
nseits gehen und mit den Bischöfen und Christen reden, die sie zu Tode gefoltert
haben. Das würde ein ganz interessantes Gespräch geben.
Bei uns in Rumänien hat man fast alle katholischen Bischöfe unter Folterungen ge
tötet. Vielleicht sind zwei oder drei von ihnen mit dem Leben davongekommen.
Bischof Aftenie ist im Gefängnis als Geisteskranker gestorben. Ich habe ihn zuvo
r gekannt. Er war nicht verrückt. Er hat unter den Folterungen seinen Verstand v
erloren.
Auch Bischof Durkowitsch habe ich persönlich gekannt. Katholiken haben ihm nachg
esagt, daß das bloße Berühren seiner Kleidung heilen konnte. Dieser Mann ist im
Gefängnis getötet worden.
Deshalb sollten die Kommunisten einmal in den Himmel gehen und dort mit denen sp
rechen, die von ihnen getötet worden sind.
Und sie töten immer noch: Protestanten, Katholiken und Griechisch-Orthodoxe.
In Rotchina werden jetzt Tausende von Christen getötet. Rote Garden haben Diplom
aten auf den Straßen, wie jedermann sehen konnte, zum Froschmarsch gezwungen. Di
e gleichen Männer haben in chinesischen Gefängnissen den christlichen Gefangenen
die Ohren und die Zungen abgeschnitten oder ihnen die Beine abgehackt, wenn sie
nicht Jesus verleugnen wollten.
Ein Christ, über den man das auch berichtet hat, ist der bekannte chinesische gl
äubige Schriftsteller Watchman Nee. Die Kommunisten sollen also zu diesen zu Tod
e gefolterten Christen gehen und mit ihnen ein Gespräch beginnen. Das wäre die r
ichtige Art von Dialog.

Frieden mit den Kommunisten?


Kirchenführer in der westlichen Welt haben mir gesagt, wir sollten versuchen, da
s kommunistische System zu vermenschlichen und mit ihm Frieden zu schließen. Wie
steht's damit?
Ich lege Ihnen hier die Kazakstanskaya Prawda vom 4. März 1967 vor. Dies ist ein
Artikel mit der Überschrift: ,Die Schule der Unversöhnlichen.' Unter dieser Übe
rschrift beschreiben die Kommunisten das Institut des wissenschaftlichen Atheism
us. Ihre Lehre lautet: ,Niemals Aussöhnung, niemals Frieden mit dem Christentum.
' Frieden kann man nicht einseitig schließen. Der Gangster bedroht mich mit dem
Gewehr, und ich will Frieden haben. Aber wenn er sein Gewehr nicht niederlegt, d
ann muß ich gegen ihn kämpfen, und ich muß etwas unternehmen.
Einige Leute sagen: ,Wir werden nicht kämpfen.' Aber die Kommunisten ihrerseits
kämpfen.
Hier habe ich das Verzeichnis der Werke, die in Moskau gegen die Religion erschi
enen sind. Allein im Jahre 1967 liegen so viele Titel vor, daß sie gar nicht all
e überschaut werden können. Nur einmal ein Zitat aus einem solchen Werk. Es stam
mt aus dem Buch Semia I Shkola: ,Alle Geistlichen sind Analphabeten und verlogen
.' Und hier im Westen sagen die Kommunisten zu den Pfarrern: »Bitte kommt und di
skutiert mit uns, wir werden wohl noch gute Freunde werden/ Ich kann nicht verst
ehen, wie das möglich ist. Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken, aber als Suha
rto in Indonesien an die Macht kam, wurden Hunderttausende von Kommunisten getöt
et. In der Presse habe ich öffentlich gegen dieses Massaker protestiert. Ich hab
e gesagt: ,Ich habe unter den Kommunisten gelitten, aber ich kann es nicht zulas
sen, daß ein Mensch, ohne vor Gericht gezogen
zu werden, einfach umgebracht wird. Einen Rebellen kann man nicht töten, bevor m
an ihn nicht angehört hat. Aus diesem Grund habe ich protestiert.
Es gibt hier im Westen Christen, die wissen, daß man ihre Brüder im Glauben mart
ert. Sie können alle diese Dokumente haben. Ich bin ein armer Mann, und ich konn
te mir diese Übersetzungen leisten. Sie können auch Übersetzer haben, die ihnen
all diese Berichte in ihre Sprache übertragen. Jeder Mensch in der westlichen We
lt kann um den Inhalt dieser Dokumente wissen.
Wer also mit den Kommunisten Frieden schließen will, sollte zuerst einmal zu Her
rn Garaudy und Aptheker und den anderen Kommunistenführern sagen: ,Sie wünschen
einen Dialog? Gehen Sie zuerst nach Moskau, nach Peking, nach Bukarest, und habe
n Sie einen Dialog mit Ihren eigenen Genossen, und sagen Sie ihnen, daß sie zuer
st die christlichen Gefangenen freilassen sollen, und daß sie den Eltern ihre Ki
nder zurückgeben möchten.'
Kossygin hat hier im Westen geäußert, daß Israel Jerusalem den Arabern zurückgeb
en müsse. Ich habe in der Bibel gelesen, daß das ganze Jerusalem Israel gehört.
Kossygin sagt, daß Israel die eroberten Gebiete zurückgeben soll. Warum gibt er
nicht selbst welche zurück? Er hat Litauen, Lettland, Bessarabien, Ungarn und an
dere Gebiete eingesteckt. Warum gibt er sie nicht zurück? Warum gibt er nicht di
e Kinder zurück, die man den Eltern weggenommen hat?
Dieser Wunsch nach einem gemeinsamen Gespräch, nach einem Dialog, ist eine Lüge.
Aber weil das Interesse an diesem Dialog mit den Kommunisten zunimmt, will ich
zum Ausdruck bringen, daß der Erzpriester Borovoi aus Rußland auf einer Sitzung
des Weltkirchenrates in Genf wörtlich gesagt hat, daß Rußland ein Beispiel "glüc
klicher Zusammenarbeit" zwischen der kommunistischen Revolution und den Christen
sei.
Daraufhin habe ich an die Leiter des Weltkirchenrates folgendes geschrieben: ,Ic
h kann dem, was Borovoi sagt, zustimmen. Wir haben auf sehr erfreuliche Weise zu
sammengearbeitet. Wir boten unseren Rücken an, und sie gaben uns die Peitsche. W
ir gaben unsere Freiheit, und sie gaben uns das Gefängnis. Wir gaben unsere Kind
er, und sie hatten das Vergnügen, sie auf ihre atheistische Weise zu erziehen. W
ir boten unser Genick dar, und sie hatten die Kugeln dafür. So hat die glücklich
e Zusammenarbeit ausgesehen.' Im ganzen Weltkirchenrat gab es nicht einen einzig
en Mann, der diesem Borovoi ins Gesicht schlug.
Als Arius auf dem Konzil von Nicäa (325) sagte, daß Jesus nicht Gott ist, stand
der Hl. Nikolaus auf und schlug ihn dafür. Und nach der Legende der Orthodoxen k
am die Jungfrau Maria und legte ihm sein Bischofsgewand um. Das beweist, daß es
eine gewisse Situation gibt, wo man nicht anders handeln kann.
Für Borovoi gab es keine Pfuirufe.
Als der Erzbischof Nikodim sagte, daß es in Rußland vollkommene Religionsfreihei
t gäbe, obgleich seine Genossen von der Sowjetpresse das Gegenteil sagen, ging e
iner der größten Kirchenführer Amerikas auf ihn zu und küßte ihn.
Was soll ich dazu sagen? Ich muß bekennen, daß ich in Amerika mehr leide als in
den kommunistischen Gefängnissen.
In den kommunistischen Gefängnissen war ich mit Jesus zusammen. Ich vergaß darüb
er, daß der Kommunismus existiert. Wenn ein Kind gestorben ist, dann heilt die W
unde nach ein oder zwei Jahren, und man ist nicht mehr so traurig. Aber wenn man
ein Kind sterben sieht, das ist dann schrecklich.
Die Unabhängigkeit Rumäniens ist bereits tot. Aber hier in Amerika sehe ich dies
e Infiltration, dieses Verbreiten von kommunistischen Lügen. Die Jugend glaubt i
hnen. Ich habe mehr Tränen vergossen, seit ich in Ihrem reichen Amerika lebe, al
s ich in der 14jährigen Gefängniszeit vergoß.
Ich war in dem Heim eines amerikanischen Millionärs. Ich hatte niemals zuvor ein
en amerikanischen Millionär gesehen. Ich stellte fest, daß er genauso wie jeder
andere Mensch aussieht.
Er lebte in einem wunderschönen Heim. Ich, der ich niemals in meinem Leben ein F
ahrrad besessen habe, war jetzt in einem reichen Haus. Man bewirtete mich großar
tig. Ich fing zu weinen an. Mein Gastgeber fragte mich: ,Warum weinen Sie?' Ich
sagte: ,Wegen Ihrer Kinder. Sie spielen da auf dem Teppich mit ihrem Spielzeug.
Für einen Augenblick war es mir, als hätte ich sie gesehen, wie man sie auf die
Fußsohlen schlägt, wie man mich geschlagen hat. Das wird eintreten, wenn Sie sic
h nicht gegen diese schreckliche Lüge des Kommunismus wehren werden.'
Ich habe Ihnen heute Tatsachen unterbreitet. Noch einmal rufe ich die Leiter der
kommunistischen Partei und die Kirchenführer auf, die behaupten, daß es in Rußl
and Religionsfreiheit gibt, sie sollen kommen und meine Dokumente widerlegen. Si
e sollen im Fernsehen erscheinen, wo immer es auch sein mag. Ich werde mich zur
Diskussion stellen. Sie sollen beweisen, daß meine Dokumente falsch sind. Sie kö
n¬nen aber nicht widerlegt werden."
Smith: Pfarrer Wurmbrand, der neue Entwurf des Programms der kommunistischen Part
ei in den USA enthält folgende Behauptung: ,Volle Gewissens- und Religionsfreihe
it wird den sozialistischen Vereinigten Staaten garantiert werden.' Wissen Sie v
on Tatsachen, die sich auf die Wahrheit oder Unrichtigkeit dieser Behauptung bez
iehen?"
Wurmbrand: Zuerst einmal, wo auch immer die Kommunisten in der Opposition standen
, haben sie das immer versprochen. Lenin hatte den protestantischen Freikirchen
in Rußland seinen Schutz zugesagt, bis er an die Macht gekommen war. In Rumänien
geschah das gleiche.
Wenn das bisher überall so war, daß die Kommunisten zuerst die Freiheit versproc
hen und dann die Unterdrückung gebracht haben, so heißt das nicht, daß die ameri
kanischen Kommunisten das auch tun werden. Aber wir möchten von ihnen einen Bewe
is ihrer Aufrichtigkeit.
Sind die Kommunisten gegen die Verfolgung der Christen? Und die Geistlichen, die
behaupten, daß es in Rußland eine Religionsfreiheit gibt, sind sie wahrhaftig g
egen die Verfolgung der Christen?
Dann möchte ich diesen Pfarrern einen Vorschlag machen. Ich habe einmal Menschen
vor dem Weißen Haus demonstrieren sehen. Ich ging hin und stellte mich vor. Ich
erzählte ihnen meine Geschichte und sagte: ,Falls Sie etwas gegen den Präsident
en Johnson haben, geht es mich nichts an. Ich bin weder für noch gegen ihn. Ich
habe nichts mit eurer amerikanischen Politik zu tun. Sie können gegen ihn demons
trieren, soviel Sie wollen. Aber Sie sind Geistliche, und Sie sind Christen. Kom
men Sie mit mir und demonstrieren Sie vor der sowjetischen Botschaft.'
Die Pfarrer sollen den Beweis erbringen, daß sie gegen die Verfolgung der Christ
en sind und deshalb gegen die sowjetische, chinesische und rumänische Regierung
Stellung beziehen.
Sie sollten den kommunistischen Botschaften sagen: ,Wir sind gegen euch. Wir sin
d eure Feinde, weil ihr die Christen verfolgt, und wir erklären hiermit öffentli
ch, daß wir die Christen lieben und daß wir mit ihnen Freundschaft haben wollen.
Diejenigen, die unsere Freunde verfolgen, sind nicht unsere Ka¬meraden. Verschw
indet! Macht, daß ihr fortkommt!'
Wenn die Pfarrer dies Kossygin und dem Rest der kommunistischen Führer sagen wer
den, dann will ich ihnen glauben, daß sich die Lage wirklich geändert hat.
Wenn die Pfarrer nicht dazu bereit sind, dann sind ihre Behauptungen sinnlos."
Smith: Pfarrer Wurmbrand, wissen Sie um Leute, die man in Rumänien kürzlich ihres
Glaubens wegen verhaftet hat?"
'Wurmbrand: Ja, ich kann Ihnen die Namen nennen: Ghelbegeanu, Alexandru, Gabriele
scu, Balautza, Janos, Irina, Istvan und viele andere."
Smith: Auf was lautet die Anklage?"
Wurmbrand: Die letzten Verhaftun