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Kommunismus

Hans Lohmann

Der Bolschewismus und die christliche Gemeinde

London im Jahre 1903: Kongreß der »Russischen Sozialdemokratischen Partei». Die


Lenin-Gruppe gewinnt über die Gemäßigten, die »Menschewiki«, eine Zufallsmehrhei
t und nennt sich jetzt »Bolschewiki«, gleich Mehrheit.
»Bolschewismus» heißt also die russische, die maßgebende Form des Kommunismus.
Ihr System nennen die Bolschewisten »Marxismus Leninismus«. Auf Lenin berufen si
e sich alle, in Moskau wie in Peking, in Belgrad wie in Bukarest. Ist unser Jahr
hundert ein »Jahrhundert Lenins«?
Der Jurist Wladimir Iljitsch Uljanow (1870-1924) wurde seit 1899, nach dreijähri
ger Verbannung, «Lenin» genannt, nach einem Fluß in Sibirien. An seinem 50. Tode
stag im Jahre 1974 hat man ihn zu Recht als den »Begründer der Sowjetunion« gefe
iert. Auch die Zeitung »Prawda« (Wahrheit) geht auf ihn zurück.
Die deutsche Form des Bolschewismus habe ich als Student in Berlin in den Jahren
1929 - 1933 sehr drastisch erlebt. Ernst Thälmann ist mir als Redner, etwa im »
Sportpalast», wohlvertraut. Innerhalb des Studiums war mir die Beschäftigung mit
Schriften Lenins möglich. Und dann - den Rat zur Nachahmung gebe ich an alle Le
ser weiter - studierte ich die Veränderung der Weltkarte seit 1946, eine sehr er
regende und bedrückende Beschäftigung!
Von dem dänischen Theologen Sören Kierkegaard (gest. 1855) stammt folgende Gesch
ichte: In einem dichtgefüllten Theater warten die Zuschauer auf den Beginn der V
orstellung. Da tritt mit ernstem Gesicht ein Clown vor den Vorhang:
»Meine Herrschaften, verlassen Sie bitte in völliger Ruhe den Zuschauerraum; den
n hinten im Fundus ist Feuer ausgebrochen!» Einen Augenblick herrscht Totenstill
e; dann lacht einer, dann lachen mehrere, zuletzt viele: Eine herrliche Clownsze
ne! Der Schauspieler wiederholt seine Bitte, diesmal andringend! «Großartig, wie
er das macht!» Der Beifall steigert sich. Leidenschaftlich, schreiend gar, besc
hwört der Clown sein Publikum. Es hilft nichts; der Beifall schwillt immer mehr
an bis der Rauch durch den Vorhang dringt.
Wir blicken jetzt nach Osten nicht deshalb, weil «ex oriente lux» - Licht aus de
m Osten - käme, sondern weil uns von dort Notschreie und Hilferufe erreichen. De
r Osten - eine »Fundgrube« für Christenverfolgungen in allen Stufen, ein Schaupl
atz von Martyrien, wie es ihn bisher in keinem Jahrhundert gegeben hat.
Was für ein Gebilde ist diese Weltgefahr und welche Ziele hat sie?
Der Bolschewismus versteht sich als eine Bewegung, die sich berufen fühlt, die g
anze Menschheit von irdischen Nöten zu erlösen: er will, er kann, er wird! Das F
ernziel ist die »klassenlose Gesellschaft«, in der es keine Unterdrückung durch
Machtmenschen und keine Ausbeutung durch Kapitalisten gibt. Der lange Weg zu die
sem Ziel führt über die Diktatur der Arbeiterklasse.
Zur bolschewistischen Soziallehre gehört der Atheismus, die Gottesleugnung, hinz
u, wie zu einer Münze die andere Seite. Urmarxismus und Atheismus sind untrennba
re siamesische Zwillinge.
Aber dieser Atheismus ist kein philosophisches Gedankenspiel, wie hier bei uns,
sondern er ist militant aggressiv mit dem Ziel der Ausrottung - nicht der geisti
gen Überwindung! - jeglichen Gottesglaubens. Der Kampf gegen die Religion wird n
icht allein mit geistigen Waffen geführt, sondern mit politischen Machtmitteln,
mit dem «Schwert».
Hinter dieser Kampfesweise steht die richtige Erkenntnis, daß der Mensch erst da
nn ein knetbares »Material« für die materialistisch sozialistische Ideologie wer
den kann, wenn er sich ganz vom Himmel hat ablösen lassen.
Wird geleugnet, daß eine überirdische Macht uns Irdische zur Verantwortung zieht
, dann läßt sich mit der Masse Mensch nach Gesichtspunkten umspringen, wie sie i
m Augenblick zweckmäßig scheinen; so wie es ein Kapitalist, der atheistisch ist,
ebenso tut, wenn er kann!
Der Mensch - Verbrauchsmaterial für eine Erlösungslehre! Eine solche »Heilslehre
« zu sein gab auch der Nationalsozialismus vor. Hüben wie drüben eine »totale Re
ligion« mit einem höchsten, »eschatologischen« Ziel, mit heiligen Büchern und Pr
opheten und dem »unfehlbaren Lehramt», der Parteispitze!
Weil sich der Bolschewismus als Erlösungslehre für die ganze Menschheit versteht
, ist ihm ein unbeschränkter Eroberungsdrang eigen mit dem Ziel der Weltherrscha
ft. Dieser Drang gehört so wesensnotwendig dazu, wie zum Auto der Treibstoff. Da
s Weltherrschaftsziel aufgeben, heißt für den Bolschewismus, sich selbst entmann
en.
Zur Durchsetzung dieses Ziels ist dem Bolschewismus jedes Mittel recht so lehr
t Lenin, so lehrt und bezeugt es die bluttriefende Geschichte. Jedes Mittel: Ver
träge, Wirtschaftshilfe, Übertölpelung, Unterwanderung, List, Lüge, Terror, Krie
g. Und desgleichen Koexistenz»! Wie Lenin in schöner Offenheit sagte:
«Koexistenz ist eine Frage der Zeit und der taktischen Notwendigkeiten!«, ist al
so ein Zuwarten auf eine günstige Eroberungslage. Eine vortreffliche Deutung bie
tet Fritz Erler (in »Politik und nicht Prestige«, 1962):
»Friedliche Koexistenz ist in Wahrheit die sowjetische Vokabel für den kalten Kr
ieg. In diesem Sinne ist auch der Status quo (der Stand der Dinge, wie sie im Au
genblick sind) für die Sowjetunion eine dynamische Größe. Er darf zu ihren Gunst
en verändert werden, aber nie zu ihren Ungunsten. Die friedliche Koexistenz bede
utet nach ihrer Auffassung das Recht anderer Staaten, kommunistisch zu werden, a
ber nicht etwa das Recht eines kommunistisch regierten Volkes, eine freiheitlich
e Lebensordnung zu wählen ...«
Die Sowjetunion ist also kein normaler Staat, neben dem sich leben ließe, sonder
n ist wie eine Krake mit unheimlichen Fangarmen.
Die Moral dieser »imperialistischen Religion« ist die, keine zu haben. Hier gilt
, wie in allen atheistischen Staatslehren, der einzige Richtsatz: »Gut ist, was
der jeweiligen Ideologie nützt!«
Wie viele Staaten sind seit 1946 tributpflichtige Vasallen geworden! Wie oft ist
jeglicher Widerstand gegen die »Befreiung vom kapitalistischen Joch» mit Blut w
eggespült worden! Wo der Bolschewismus eindringt, da entstehen zwei Ströme, ein
Blutstrom und ein Flüchtlingsstrom, und oft kommt - siehe Afrika - der Hunger da
zu. Das verheißene «Goldene Zeitalter» führt Eisen mit, das zu Ketten umgeschmie
det wird. Diese sind manchmal mit Wattepackung getarnt, damit sie nicht so klirr
en, aber sie schließen!
Aus dem asiatischsten Land Europas hat uns diese »Heilslehre« überflutet. Früher
sagte man in Rom: »Der Orontes (ein asiatischer Fluß in Syrien) fließt in den T
iber!» Für uns gilt: »Die Moskwa fließt in den Rhein«.
Als Vorhut, sozusagen zur »Einführung«, ist eine «Fünfte Kolonne» tätig. Wenn he
rvorragend organisierte Wühlarbeit Bewunderung verdient, dann diese.
Die Bolschewisten verstehen sich vorzüglich darauf, «Trojanische Pferde» zu zimm
ern. Wir haben einige Gestüte davon in gutem Futter stehen und schniegeln sie mi
t Beflissenheit.
Als exzellenter Exportartikel hat sich das Gedankengut erwiesen, das mit einem S
ammelnamen «Kultur-Bolschewismus» heißt.
Wie eine Sturzflut ist diese trübe Säure über uns hinweggeschwappt: Auf Autoritä
ten - außer denen im Osten wird »scharf geschossen«, gegen Staat, Eltern, Lehr
er. «Antiautoritäre Erziehung - herrlich!« Für den Westen natürlich nur. Ehe u
nd Moral werden unterminiert; das Arbeitsethos wird lächerlich gemacht; die Erot
ik verwildert. Der Erfolg ist umwerfend: Die Perversen und Pornographen werden ö
ffentlichkeitsreif, und die Gotteslästerer »künstlerisch wertvoll«. Eine «In Wel
t-Verschmutzung» ohnegleichen! Seit den siebziger Jahren haben die Tabu Zertrümm
erer, die Terroristen und Kriminellen aufgeatmet, eingebettet in eine »permissiv
e Gesellschaft«; nur der normale Bürger atmet schwer durch.
Und tumbe Überläufer strömen nur so hin zur »Progressivität», zum Fortschritt, u
nd fort schreitet von dem weg, was den Menschen trägt und hält, hin in den Moras
t der «Freiheiten», uferlose Liberalerei, an der wir von innen her verrotten d
ie beste »Muttererde« für den Bolschewismus! Wir taumeln ihm als morsches Gebild
e vor die Fänge.
Indes, die »Freiheit, die ich meine« (d. h. minne, liebe) steht auf dem festen F
undament der Zucht und der Verantwortlichkeit, der «Moral», wie Lenin richtig er
kannt hat:
»Wenn wir eine Nation vernichten wollen, so müssen wir zuerst ihre Moral vernich
ten. Dann wird uns die Nation als reife Frucht in den Schoß fallen!«
Jene »Fermente der Dekomposition«, jene Mittel der Zersetzung, werden in ausgekl
ügelter Tar¬nung eingesetzt. Da tragen Kommunisten Friedenstauben vor uns her, a
ls Sichtblenden für ihre Raketen; wie wenn ein Berufsdieb für den Schutz des Eig
entums demonstriert! Und diese Kostümierung wird beklatscht, die Schar der Koll
aborateure wächst.
Wir ahnen nicht, wie viele »Bewegungen« von bolschewistischen Krebsfäden durchzo
gen sind, aus denen sehr bald Drähte für Marionetten werden können. Zur Zeit ste
ht die sogenannte Friedensbewegung im Zielfernrohr, mit großer «Strecke«; ist si
e doch gegenüber Moskau außerordentlich friedsam; warum bildet sie keine Mensche
nkette entlang der deutsch deutschen Mauergrenze?
Innerhalb der sowjetischen Führung gibt es eine Abteilung für »desinformazija»,
zur Irreführung der öffentlichen Meinung; sie geht wie könnte es anders sein!
auf Lenin zurück. Chef der Geheimpolizei KGB und damit auch dieser Abteilung w
ar 15 Jahre lang Juri Andropow, seit dem 16. Juni 83, just am Vortage des Aufsta
ndes von 1953, auch Staatsoberhaupt. Aus einer seiner Reden vom Jahre 1977 (voll
ständig abgedruckt in »Welt am Sonntag«, Juni 1983):
»... In solchen Fällen verbitten wir uns, daß andere uns die längst zerbrochene
Schallplatte über Humanität vorspielen. Nach unserer Ansicht bedeutet 'Menschlic
hkeit' die Verteidigung der Interessen unserer Gesellschaft...«
Die Sowjetzone, die Ungarn, die Tschechen und Slowaken, die Polen, die Afghanen
sie alle haben diese Form der »Menschlichkeit« notvoll erlitten.
Die aus der christlichen Überlieferung erwachsenen sogenannten Menschenrechte si
nd für den Bolschewismus nicht nur belanglos, sie sind für sein System sogar exi
stenzgefährdend; sie zerstören den Sockel der ganzen Ideologie, nämlich das Rech
t der Partei, zu bestimmen, was gerade »recht» ist!
Andropows »Desinformazija Abteilung« hat, dank ihrer Kunst der Augenwischerei, b
ei uns bestürzende Erfolge: «Der Fundus brennt gar nicht!» Aus dem zielstrebigen
Aggressor wird ein Angstbeißer gemacht. Wünsche, Sehnsüchte, Hoffnungen der fre
ien Welt gelten, in militanter Leidenschaft vorgebracht, plötzlich als Realitäte
n.
Und was sagt dazu ein »Klassiker« des Bolschewismus?
»Der Krieg bis zum Äußersten zwischen Kommunismus und Kapitalismus ist unvermeid
lich. Heute sind wir natürlich nicht stark genug, um anzugreifen. Unsere Stunde
wird aber kommen. Die Bourgeoisie muß eingeschläfert werden. Wir werden deshalb
damit beginnen, die spektakulärste Friedensbewegung auszulösen, die je existiert
hat. Die kapitalistischen Länder werden, einfältig und dekadent, mit Freuden an
ihrer eigenen Zerstörung mitarbeiten. Sobald die Wachsamkeit nachläßt, werden w
ir sie zerschmettern ... » (Dimitri Manuliski, Mitarbeiter Lenins, im Jahre 193
1)
Die Abwiegler hatten schon 1939 ihre große Stunde. Unter unseren späteren Kriegs
gegnern gab es wortreiche Stimmen, die Hitler als maßvoll und harmlos ausschilde
rten; sie wirkten wie eine Planierraupe für seine Kriegsfahrzeuge. Die Schutzbeh
auptung, «es wäre doch alles nicht so schlimm», ist kein Zeichen milder Gesinnun
g, sondern nur von Sachblindheit; vielleicht wird sie aus Bequemlichkeit und Bef
lissenheit sorgsam gepflegt.
Schon haben die Rosa-Nebel Werfer eine verhängnisvolle Sehtrübung erzeugt: Angst
vor Raketen, die es noch nicht gibt, und Gelassenheit gegenüber Raketen, die se
it Jahren auf uns gerichtet sind. Die uns schützen wollen, werden angespien; die
uns verschlingen wollen, werden gestreichelt.
Befremden muß der Vorschlag, gegenüber dem Bolschewismus «vertrauensbildende Maß
nahmen» einzuleiten. Wie leichtfertig! Wer Lenin gelesen hat und trotzdem an jen
em Vorschlag festhält, handelt bewußt fahrlässig. Wie darf man «Vertrauen» aufbr
ingen gegenüber einem »Partner«, der jeglichen ethischen Werten abgeschworen hat
und versprochen hat, sie zu mißbrauchen? Oder ist drüben die Berufung auf Lenin
nur ein historischer Scherz?
Der ist trefflich beraten, der sein «Vertrauen»auf das setzt, was Lenin gesagt u
nd getan hat, und was seine Epigonen ebenfallssagen und tun. Aber das einzige, w
orauf die freie Welt fest »vertrauen» darf, das stufen Schönredner mit blumigen
Worten ab. Als ob man durch Streicheln einen Bolschewisten zu einem »politisch A
ndersdenkenden« umfunktionieren könnte!
In dieser Linie einer blauäugigen Leichtfertigkeit geben die Pazifisten den Rat,
das «Feindbild abzubauen»; sie geben also den Rat, die harte Wirklichkeit umzuf
älschen, zu verniedlichen. Wer frischt denn eigentlich - damit die freie Weit nu
r ja nicht vergesse, mit wem sie es zu tun hat! - das Feindbild immer wieder auf
? Der pazifistische Wischlappen kommt dagegen nicht an!
Welche Wirkung haben eigentlich die »frischen Farben» auf die Politiker? Diese:
Die den »Menschenrechten« zugetanen Staaten sitzen neben den grundsätzlichen Ver
ächtern eben dieser Rechte und lassen diese Verächter «partnerschaftlich» über R
echt und Unrecht mitbestimmen.
Und erst bei uns: Siehe die sanfte, «tolerante» öffentliche Hand: Kommunisten so
gar als Lehrer! Sie marschieren, mit breitem Grinsen, durch die Institutionen, u
nd wir lächeln milde dazu. Wir sind so frei, uns vergiften zu lassen. Wir tragen
, wie jemand gut gesagt hat, »Bazillen ins Krankenhaus«!
Aber »ist denn am Bolschewismus 'alles' schlecht»? Nein. Auf einem Piratenschi
ff und in einem gut geleiteten Zuchthaus ist auch nicht «alles schlecht»! »Ein p
aar Löffel Honig in einem Faß voll Teer!« Der »Teer«: die abgründige Menschenver
achtung.
Von Lenin stammt das Wort, daß die Kapitalisten den Strick verkaufen, an dem man
sie aufhängt. Dieser Handel hat überwältigende Zuwachsraten. Die Politik ist be
schattet durch eine virtuose Heuchelei: Mit den Hintermännern der Sperrmauer, mi
t den Chefs der Straflager und psychiatrischen Kliniken wird schöngetan. Der fre
ie Westen hat den Bolschewismus zum starken Mann gemacht; er »ist so frei«, zur
Reparaturwerkstatt für den Unterdrückungsfuhrpark der bolschewistischen Unterneh
mer hinabzugleiten.
In unserer Bundesrepublik krempeln sich Menschenrechts Festredner die Ärmel hoch
und lassen ihre Muskeln spielen gegen undemokratische Länder irgendwo in der Fe
rne; aber das Elend vor unserer Haustür wird »diplomatisch» überschwiegen. Orang
en aus Südafrika machen mehr Wirbel als die Mauer gleich nebenan. Der kleine sch
wache Sohn bekommt Prügel für seine Unarten, sein großer starker Bruder aber Sch
okolade trotz seiner Verbrechen.
Lenin kann mit den Armeen der Gegenseite siegen, weil die Gegenseite von »gegen»
nichts mehr wissen will.
Im Jahre 1920 ist eine amerikanische Karikatur erschienen: Lenin hält in seiner
Hand einen französischen General und antwortet auf dessen Frage, mit welchen Arm
een er, Lenin, Frankreich erobern wolle: »Mit den Ihrigen, Herr General!«
Was lehrt die Geschichte? Als die satte »Geschäftswelt« in Karthago ihren Feldhe
rrn Hannibal «sitzenließ», da kamen ihnen die kriegerischen Römer über den Hals.
Als die Römer in ihrem Reichtum und in ihren Lastern versackten, war die Stunde
der hungrigen Germanen mit ihrem geringen »Lebensstandard» gekommen. Fortsetzun
g folgt! Das »Jahrhundert Lenins«?
Die »Moral von der Geschicht«? In unserer Bundesrepublik ist, gebadet in Speck u
nd Honig, eine Generation aufgewachsen, die nie je Not und Entbehrung kennengele
rnt hat. Ein Teil dieser Generation «genießt» nur, ist aber nicht bereit, ein Le
ben in Recht und Freiheit zu verteidigen.
Nichts Neues in der Weltgeschichte?
»Rom fiel, weil seine Anführer ermüdeten, weil seine Bürger sich absonderten, ve
reinzelten, versagten, verzagten...« (Golo Mann)
Und der Kulturhistoriker Will Durant schreibt:
»In diesem grauenvollen Schauspiel des Auseinanderfallens eines großen Staates w
aren die inneren Ursachen die unsichtbaren Darsteller; die Barbaren drangen nur
dort ein, wo die Schwäche bereits die Tore geöffnet hatte und wo der Schiffbruch
der biologischen, ethischen, wirtschaftlichen und politischen Staatskunst die B
ühne dem Chaos, der Mutlosigkeit und dem Verfall überlassen hatte ... »
Schmieröl für den Bolschewismus ist die pazifistische Weltanschauung in der fr
eien Welt natürlich wieder nur! Diese entstammt nicht biblischem Glauben. Sie re
chnet damit, daß der Friede aufgrund vernünftiger Vereinbarungen verständiger Le
ute zu erstellen und zu erhalten sei.
Ferner glaubt der Pazifismus erwarten zu dürfen, daß Krieg mittels einseitiger A
brüstung zu vermeiden wäre. Diese an sich verlockende Meinung wird allerdings du
rch 5000 Jahre Menschheitsgeschichte widerlegt.
Der Regen hört nicht auf, wenn man den Regenschirm zerbricht. Hohlräume haben Sa
ugwirkung. Dann wäre es also nichts etwa mit der Haltung von Gandhi (ermordet 19
48)? Dazu ein Wort des Philosophen Karl Jaspers (gest. 1969):
»... Wohl aber eignet sich Gandhis Lehre von der Gewaltlosigkeit für solche Poli
tiker, die, selber ohne Grund im Überpolitischen, sie nur nützen, um die Welt zu
täuschen. Welches Verhängnis, wenn Menschen gutgläubig nachgeben, auf Gewalt ve
rzichten, weil sie an die Gewaltlosigkeit glauben! Sie werden dann nur um so rad
ikaler von der Gewalt überwunden ...«
(Aus «Die Atombombe und die Zukunft des Menschen», 1958)

Und die christliche Gemeinde?


Sie wird sich zunächst daran erinnern müssen, daß die großen Übel in der Gegenwa
rt ihre Vorge¬schichte in der Vergangenheit haben: Der Bolschewismus hätte ohne
schwere soziale Versäumnisse vor seiner Zeit nicht den »Spielraum« in dieser uns
erer Zeit finden können.
»Ihre Werke folgen ihnen nach!« Im Bolschewismus holen uns Irrgänge der kapitali
stischen Vergangenheit wieder ein.
Diese Erkenntnis entbindet die Gemeinde nicht davon, sich über den Bolschewismus
heute ein klares Urteil zu bilden. Manche Christen sind durch Wirkung des roten
Chloroforms! heimgesucht von einer Verharmlosungs Bemühung, die gar noch als »
Frömmigkeit» und »Friedensdienst» gelten soll. Aber gewollte Blindheit ist kein
Beitrag zum Frieden.
Der Gemeinde tut ein realistischer und darum leidvoller! Blick für die «Welt,
in der wir leben« den besten Dienst. Diese Welt ist allenthalben von Sünde und
Bosheit durchseucht. Menschliche Bemühungen und guter Wille können das Grundübel
ein wenig eingrenzen, aber nicht beseitigen.
Und der Krieg? »Da sei Gott vor!« Richtig! Allein in Seiner Hand liegt die letzt
e Entscheidung. Die Bibel versteht den Krieg als eine Zuchtrute Gottes, die alle
in durch Buße und Gebet »aufgehalten« werden kann, wenn Er es so will. Aber der
Prophet Joel muß dazu aufrufen:
»HEILIGET EINEN STREIT! ERWECKT DIE STARKEN... MACHT AUS EUREN PFLUGSCHAREN SCHW
ERTER UND AUS EUREN SICHELN SPIESSE ...!« (Kap. 4, Vers 9 10)
Der evangelische Theologe Karl Barth (gest. 1968) sagt in seiner »Kirchlichen Do
gmatik« Bd. 3, Seite 515:
»Der Krieg ist die Offenbarung der notorischen Lebensunfähigkeit, des Gerichtes,
das der Mensch schon im Frieden auf sich zu laden dauernd im Begriff ist ...«
Ein Volk kann in einen Notstand geraten, in dem sein Leben physisch, geistig und
geistlich bedroht ist. Dann geht es nicht nur um «verletzte» Werte, wie etwa di
e politische Freiheit, die auch »eine gute Gabe Gottes« ist, sondern es geht sog
ar um die »köstliche Perle«, um den Gottesglauben. Noch einmal Karl Barth:
»Die Diktatur ist als solche die Bedrohung des rechten Friedens. Im Zeitalter de
r Diktaturen muß die Kirche in allen von ihnen noch nicht beherrschten Ländern m
it dem Willen zum rechten Frieden auch die Bereitschaft zu dessen Verteidigung g
utheißen und fördern. Sie hat um des Evangeliums willen und durch die Verkündigu
ng des Evangeliums den demokratischen Staat aufzurufen, um jeden Preis, auch um
den von Not und Untergang, ein starker Staat zu sein; das heißt: den Diktaturen
an seinen Grenzen mit allen Mitteln Halt zu gebieten. ..» (Aus einem Brief vom
Jahre 1937 an eine Holländerin).
Die christliche Gemeinde muß sich davor hüten, in den ihr zustehenden Friedensdi
enst schwärmerische Gedanken einströmen zu lassen. Ein Krieg wird nicht dadurch
vermieden, daß man ihn im Namen des Glaubens verurteilt; auch nicht dadurch, daß
man dem eigenen Staat die Mittel zur Abwehr eines Angriffs aus der Hand schlägt
. Durch einen »Friedensdienst» dieser Art wird unsere Bundesrepublik ein begehre
nswerter, glatter Bissen, der sich ohne Risiko verschlucken läßt.
Schutzlosigkeit hat bisher noch immer die Erpresser ermutigt; und Angst stärkt d
en Übermut eines jeden Räubers. Wer die Dämme einreißt, verhindert die Sturmflut
nicht; schon einzelne Löcher sind gefährlich.
In einer Erklärung des »Reformierten Bundes« war jüngst zu lesen: «Im Vertrauen
auf Gott sind wir bereit zu ersten, auch einseitigen Schritten der Abrüstung. ..
»
Aber wo in aller Welt steht geschrieben, daß der Bolschewismus durch das Gottv
ertrauen seiner Opfer sein Wesen ändert? Oder ist Gottvertrauen gleich der Unter
werfung unter die bolschewistische Unterdrückungsgier? »Lieber rot als tot!» ist
kein Einstieg zum Frieden, sondern ist »Tod durch Rot!«
Und die Bergpredigt? In ihrem Geltungsanspruch ist sie ein Ganzes. Nicht sachgem
äß ist es, einzelne, gerade gefällige Worte herauszuklauben. Wer diese scharfkan
tige Jesus Rede aus der Kommode hervorholt, sollte sie zunächst ganz und gründli
ch lesen. Dann wird er darüber erleichtert sein, daß diese Predigt keine Lebensr
egel sein kann für eine politische bürgerliche Gesellschaft, die sich insgesamt
dem Anspruch Jesu entzieht. Die Bergpredigt ist eine Lehre für den einzelnen im
innersten Kreis der Christusnachfolger. Und: »Politik untersteht nicht Maßstäben
, die der Welt des Politischen fremd sind.« (Prof. Kurt Sontheimer)
Der »Friede Jesu Christi« deckt sich nicht mit dem Völkerfrieden. Die christlich
e Gemeinde muß daher »DEM KAISER GEBEN, WAS DES KAISERS IST»!
Im Bereich Ethik stellt sich ihr die Aufgabe, mit allen Kräften einen Frieden, d
er mit dem Recht und mit der Freiheit geeint ist, zu wahren, zu fördern und zu e
rneuern. Die Sicherung dieses Friedens muß die Gemeinde bejahen, samt den dazuge
hörenden Mitteln.
Der Herr der Geschichte hat es uns z. Zt. auferlegt, inmitten nuklearer Waffen z
u leben das ist eine harte Wahrheit. Darum tritt die christliche Gemeinde ein
für Abrüstung mit ausgewogenem Kräfteverhältnis; sie betet für eine Null Lösung
an allen Fronten.
Aber sie hat weder den Sachverstand noch die Vollmacht, politische und militäris
che Sachentscheidungen zu treffen. Einige Kirchenmänner allerdings empfehlen sic
h als Fachberater für Wirtschafts und Verteidigungspolitik - wohl ein noch nich
t erkanntes Reservoir für Staatssekretäre.
Dazu, daß die Gemeinde ihren besonderen Auftrag, ihr «Sondergut», erkenne, möge
uns Luthers biblisch begründete Lehre »Von den beiden Bereichen« verhelfen.
Im Verhör vor Pilatus sagt Jesus: »MEIN REICH IST NICHT VON DIESER WELT; WÄRE ME
IN REICH VON DIESER WELT, MEINE DIENER WÜRDEN KÄMPFEN ... !» (Joh. 18,36)
Luthers Deutung dieses und verwandter Schriftworte:
Gott regiert die ganze Welt in ihren beiden Bereichen. Den «Bereich der Natur« r
egiert er »mit der linken Hand«; den »Bereich der Gnade« (oder Erlösung) »mit de
r rechten Hand».
Der Christ hat an beiden Lebensbereichen Anteil: Als Staatsbürger lebt er im Ber
eich der Linken; als Christ ist er Glied der Gemeinde Jesu Christi, also im Bere
ich zur Rechten. Diese »Doppelrolle» macht, wie sie gerade in der Gegenwart wied
er am Tage liegt, manche Entscheidung schwierig.
Der Lebensbereich, der »mit der linken Hand« regiert wird, umfaßt Lebensordnunge
n wie den Staat, die Obrigkeit, die Familie, die Ehe, die Gesellschaft. Das sind
Erhaltungsordnungen, die durch die Machtmittel der Gesetze, der Polizei und vie
lleicht gar der Soldaten geschützt werden müssen. Diese Ordnungen sollen das im
Menschen lauernde Chaos bändigen.
Anders steht es in dem Bereich, den Gott «mit der rechten Hand« leitet. Im «Bere
ich der Gnade« ist die Gemeinschaft derjenigen Menschen angesprochen, die »mit E
rnst Christen sein wollen«. Hier gilt die Erlösungsordnung.
Eines ist also die Handhabung gesetzlicher und politischer Mittel im »Bereich de
r Natur«; ein anderes ist die geistliche Leitung im «Bereich der Gnade«. Die Waf
fen aus dem »Bereich zur Linken« dürfen hier nicht geschwungen werden, sondern e
s gilt, den »HARNISCH GOTTES« (Eph. 6, 11) anzulegen; dieser besteht nicht aus E
isen.
Die »geistliche Waffenrüstung»: Das Wort Gottes, das Gebet, die Sakramente und d
ie Gemeinschaft der Christen miteinander. Um diese »Waffen« sammelt sich die Sch
ar der Gläubigen, die das Wort hört und durch Gebet und Lobgesang antwortet.
Sie ist frei von dem künstlich geschürten Modegefühl der Angst durch die Gewißhe
it: »Es kann mir nichts geschehen, als was ER hat ersehen!«
Die Gemeinde vermittelt der Welt, was diese am nötigsten braucht, die Frohe Bots
chaft von der »Versöhnung der sündigen Menschen mit dem heiligen Gott durch Jesu
s Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen« (Paul Althaus).
Die Gemeinde weiß, daß der Sehnsuchtsruf »FRIEDE AUF ERDEN!« (der zweite Satz de
r Engel Botschaft aus dem Weihnachtsevangelium, Luk. 2) nur erfüllt werden kann
durch den Gehorsam gegen den ersten Satz: «EHRE SEI GOTT IN DER HÖHE!»
Ein besonderer Segen liegt über den Christen, die opfern oder gar leiden können
um ihres Glaubens willen. Die Märtyrer Geschichte zeigte und zeigt, daß im »Bere
ich der Gnade« der Sieg durch Verfolgung und Leiden gewonnen wird. Das Leiden wä
hlen statt des Wohlergehens, das ist die Waffe der durch den Bolschewismus bedrä
ngten Christen.
Die christliche Gemeinde hat mit ihrer «Spezialausrüstung» dem Bolschewismus Wid
erstand zu leisten; sie hat gleichzeitig für den einzelnen Bolschewisten vor Got
t einzutreten.
Die Christenheit hier im freien Westen ist wohl bestallt und gut gebettet. Für u
ns sind die Glaubensgeschwister im Osten, besonders in den Straflagern und Gefän
gnissen, ein unbequemes Mahnmal. Ihnen zu dienen durch Opfer und durch Gebet, is
t eine hohe Aufgabe.

Weitere Informationen zum Thema Kommunismus:

1. Atheismus ein Weg? - Pfr. Richard Wurmbrand


2. Karl Marx und Satan - R. Wurmbrand
3. Chinas roter Himmel - Leslie T. Lyall
4. Warum bin ich Revolutionär? - R. Wurmbrand
5. Zerstörte Jahre Chinas Kulturrevolution
6. Im Osten - Corneli Martens
7. Der Kommunismus - Kurt E. Koch
--
China-Revolution
TSCHENG JEN-YUAN

Zerstörte Jahre

Die Erfahrungen eines Mädchens, das im chinesischen Kommunismus aufwuchs.

Inhalt
Die Wang Po Dynastie
Entsetzliche Alpträume
Umzug nach Nantschang
Der Steuerhinterziehung beschuldigt
Die Rolle Maos an den Schulen
Verirrte Kinder mit löchrigen Körben
Alles aus Eisen
Sturmzeichen für unsere Familie
Am Rande der Verzweiflung
1959-1961 eine Zeit größter Schwierigkeiten
Noch schlimmere Zeiten
Fragen, die ich immer wieder stellte
Das Vorrecht, eine Bibliothek zu haben
Die Falle des Massenberichtes
Eine Menge Insekten und wenig Wasser
Schläge für gestohlene Bohnen
Um ein Haar getötet
Es ist verboten, das Bewußtsein zu verlieren!
Verletzung der Menschenrechte
Der Sturm der Kulturrevolution
Weitere Lehrer als Opfer
Entweihte Buddhas und verbrannte Bibeln
Plünderung aller Häuser
Ausreden der Plünderer
Junge Menschen werden ausgeschaltet
Bergtragödien
Meine Flucht in die Freiheit

VORWORT
Tscheng Jen-yuan wurde im Sommer 1947 in Nantschang, der Hauptstadt der Provinz
Kiangsi im Osten Chinas geboren. Sie wuchs mit dem Kommunismus auf. Um eine bess
ere Ausbildung zu erhalten, versuchte sie zunächst, Musterschülerin zu werden. A
ber sie gab dieses Ziel auf, als sie einsehen mußte, daß sie die ungeheure Überb
eanspruchung, den Hunger und die Sinnlosigkeit eines Lebens ohne Hoffnung auf Fr
eiheit nicht mehr ertragen konnte.
Gegen Ende des Jahres 1973 schlich sie sich nachts mit zwei Freundinnen aus der
Kommune, in der sie drei Jahre gelebt hatte. Nach ungefähr einmonatigem, strapaz
iösen Fußmarsch erreichten sie Hongkong mit seinen funkelnden Lichtern - und die
Freiheit.
Mit Hilfe der Free China Relief Association kam Tscheng Jen-yuan am 9. April 197
4 nach Taiwan. Dort sah sie ihre älteren Geschwister wieder, die in die Geburtss
tadt Tainan in Süd-Taiwan zurückgekehrt waren, bevor das Festland in die Hände d
er Kommunisten fiel.
Ihr Vater, ein gebürtiger Taiwanese und von Beruf Arzt, starb auf dem chinesisch
en Festland, nach Gefangenschaft und ständiger Schikane durch die Kommunisten. I
hre Mutter und die jüngeren Geschwister befinden sich noch immer in China. Seit
ihrer Flucht hat Tscheng Jen-yuan jedoch nichts mehr von ihnen gehört.
Dieser Bericht von Tscheng Jen-yuan erschien zunächst als Fortsetzungsgeschichte
in der chinesischen Ausgabe des Youth Warrzor Daily in Taipeh vom 30. April bis
11. Mai 1974. Die englische Ausgabe wurde von der Free China Relief Association
veranlaßt.
»Wenn rosige Wolken und einsame Enten gemeinsam dahinfliegen, verschmelzt sich d
er Herbsthimmel mit den Fluten des Wassers.«

Wang Po Tang Dynastie

Diese Zeilen vermitteln einen Eindruck davon, wie es früher einmal in Nantschang
gewesen sein mag. Nantschang liegt an dem Fluß Kan, der in den nahegelegenen Po
jangsee im östlichen zentralchinesischen Becken mündet. Diese Gegend ist für ihr
en Reisanbau bekannt. Die Hauptstadt der Provinz Kiangsi, in der ich geboren wur
de, war einmal von Legenden umwoben, ebenso wie die Geburtsstadt meiner Eltern,
Tainan, die im Süden Taiwans liegt.
Aber heute ist Nantschang eine unter vielen chinesischen Orten auf dem Festland,
an dem sich erschöpfte Menschen von einer Finsternis zur anderen schleppen. Leg
enden gibt es nicht mehr. Sie wurden durch die Peitsche ersetzt. Die einzige Far
be, die sich aus dieser primitiven Finsternis erhebt, ist rot, auch das Rot des
Blutes von unzähligen, unschuldigen Opfern.

Entsetzliche Alpträume
Ich bin eine von denen, die im Kommunismus groß wurden. Könnte der Mensch die an
haltende Versklavung ertragen, würde die Zeit rückwärts gehen und die Geschichts
ordnung verändert. Wer vom chinesischen Festland geflohen ist, kann nur mit Grau
en zurückblicken. Die Erinnerungen sind so schmerzlich, daß sich selbst der härt
este Mensch elend fühlt und seine Tränen nicht unterdrücken kann. Die Jahre auf
dem Festland waren für mich ein einziger, entsetzlicher Alptraum.
Im Sommer 1949, kurz nach meinem zweiten Geburtstag, rückten die Kommunisten übe
r den Jangtse vor und besetzten Nantschang. Wie sich später herausstellte, unter
lief meinem Vater, einem Arzt und Ladenbesitzer, der folgenschwere Fehler, nur d
en Schafspelz, aber nicht die Wölfe darunter, zu sehen.
Vater konnte nicht ahnen, was auf uns zukam. Und als er erkannte, daß er seine F
amilie nach Taiwan in Sicherheit hätte bringen sollen, war es zu spät. Ich glaub
e jedoch, daß er wußte, daß uns noch Schlimmeres bevorstand, nachdem er das erst
e Mal mit den Kommunisten Schwierigkeiten bekam.

Umzug nach Nantschang


Ich muß ein paar Jahre zurückgreifen, um die Lage meines Vaters verständlicher z
u machen. Im Zweiten Weltkrieg, als Taiwan unter der Herrschaft Japans stand, ar
beitete mein Vater als Arzt in Taiwan auf Taiwan. Als er eines Tages an einem Wa
chtposten vorüberging, vergaß er, den japanischen Soldaten zu grüßen. Daraufhin
wurde er brutal ins Gesicht geschlagen. Vaters chinesisches Blut begann zu koche
n. Er beschloß, so bald als möglich auf das Festland zu ziehen, wo er unter sein
em eigenen Volk leben konnte.
Als der Widerstandskrieg Chinas gegen Japan mit einem chinesischen Sieg endete,
zog Vater mit seiner Familie von Tainan nach Nantschang (Festlandchina), wo er w
ieder als Arzt arbeitete. Gleichzeitig eröffnete er sein Geschäft für Arzneimitt
el und Gemischtwaren. Auf diese Weise ließ es sich ganz gut leben.
Eines Tages schrieb meine Großmutter aus Tainan (Taiwan) an Vater und bat darum,
ihre größeren Enkelkinder an ihrem siebzigsten Geburtstag bei sich haben zu dür
fen. Meine vier älteren Geschwister, die schon selbstständig genug waren, fuhren
mit dem Schiff nach Taiwan. Das war im Frühjahr 1949, als die Kommunisten im No
rden eine Stadt nach der anderen einnahmen. Vater wußte, daß sie eines Tages auc
h Nantschang erobern würden, aber er konnte sich nicht dazu überwinden, alles au
fzugeben, wofür er in dieser Stadt gearbeitet hatte. Wer hätte ahnen können, daß
die Familie ein halbes Jahr später geteilt und die Zurückgebliebenen einem Lebe
n in Terror ausgeliefert sein würden, die anderen jedoch auf Taiwan ihr Leben fr
ei nach ihren Wünschen gestalten konnten?

Der Steuerhinterziehung beschuldigt


Ich weiß nur noch wenig, was um mich her geschah, als ich noch klein war. Aber i
ch erinnere mich noch sehr gut daran, daß ich 1953 eines Tages vom Kindergarten
nach Hause kam und feststellte, daß etwas Schlimmes geschehen sein mußte. Vater
war nirgends zu sehen und Mutter schien völlig aufgelöst. Meine Geschwister ware
n verstört und ausdruckslos wie Zikaden bei kaltem Wetter. Wir wagten kaum, unse
re Mutter anzusprechen, denn sie weinte ununterbrochen und wollte uns nicht sage
n, was sich zugetragen hatte. Wir spürten, daß wir sie nicht bedrängen durften.
Ängstlich warteten wir, bis unser Vater spät in der Nacht heimkehrte. Er sah geq
uält aus. Vater und Mutter weinten, als ob die Schleusen ihres Herzens aufgebroc
hen wären. Vater wiederholte immer wieder, man habe ihn zu Unrecht beschuldigt.
Er habe sich nichts zuschulden kommen lassen und man habe ihn sehr mißhandelt.
Später erfuhren wir, daß frühmorgens ein Kadermitglied gekommen war, Vater mitge
nommen und ihn beschuldigt hatte, gegen das Gesetz verstoßen und Steuergelder unt
erschlagen zu haben." Sie beharrten darauf, daß er schuldig sei und belästigten
ihn mit Fragen, die mit dieser Sache überhaupt nichts zu tun hatten. Sie verhört
en ihn den ganzen Tag über, bis er sich ihrem Druck schließlich beugte und eine E
rklärung der Selbstüberprüfung" gegen besseres Wissen unterschrieb.
Das war zu der Zeit, als die Drei-Anti-Kampagne" gegen Korruption, Verschwendung
und Bürokratie" sich plötzlich in die viel umfassendere Fünf-Anti-Kampagne" gegen
Bestechung, Steuerhinterziehung, Diebstahl von Staatseigentum, Betrug bei Regie
rungsverträgen und Spionage in der staatlichen Wirtschaft umwandelte. Die Kommun
isten erklärten, daß sie dem mit Milde begegneten, der seine Schuld offen einges
tand, aber kein Pardon kennen, wenn sich jemand weigerte, dies zu tun. Jedermann
in der Stadt lief entweder selbst in die Falle oder wurde in diese hineingestoß
en.
Nach ihrem Einmarsch in Nantschang hatten sich die Kommunisten zu Einhaus-Einfuhr
-beschränkungs und Reformmaßnahmen" für Kaufleute und Ladenbe¬sitzer bekannt. Ma
n machte diese Berufsgruppe glauben, daß die Kommunisten auf ihrer Seite stünden
. Aber die Kaufleute mußten bald feststellen, daß sie hilflos dem Treibsand ausg
eliefert waren, aus dem sie sich nicht mehr selbst befreien konnten.
Als mein Vater das erste Mal verhaftet wurde, hatten die Kommunisten ihre Maske
schon fallen lassen. Tschen, ein Freund meines Vater aus Kaoshiung in Südtaiwan,
der in Nantschang ein Textilwarengeschäft führte, wurde der Steuerhinterziehung
beschuldigt und eingesperrt. Er wurde isoliert und auf das Brutalste verhört. A
ber er blieb standhaft. Er hatte nichts zu gestehen und die Beschuldigungen entb
ehrten jeder Grundlage. Er wurde gefoltert und mußte allerlei Qualen über sich e
rgehen lassen. Als man ihn schließlich halbtot in seiner Zelle liegenließ, erhän
gte er sich mit seinem Gürtel.
So klein ich war, spürte ich doch, wie entsetzlich das war. Als ich von Onkel Ts
chens letzten Tagen erfuhr, begann ich mich vor den Kommunisten zu fürchten.
Onkel Tschens Tod warf seine Schatten auf Vater, weil er ihn von Taiwan kannte.
Wochenlang hatten wir keinen Frieden mehr. Vater wurde immer wieder vorgeladen,
zur Ehrlichkeit ermahnt und aufgefordert, seine Bilanz in Ordnung zu bringen. Es
waren böse Zeiten für ihn und für uns, wenn wir zu Hause saßen und auf ihn wart
eten.

Die Rolle Maos an den Schulen


1954 kam ich in die Fuhua Grundschule. Am ersten Tag legte unser Lehrer, Herr Ts
chu, ein Mitglied der Chinesischen Kommunistischen Jugendliga, seine Hand auf me
inen Kopf und sagte: Tscheng Jen-yuan, du bist Taiwanesin und dein Vater ist Arzt
. Wir hoffen, daß du dich, wenn du groß bist, nicht gegen unser Volk stellst.« W
as wußte ich, ein siebenjähriges Kind, davon, was es hieß, sich gegen das Volk z
u stellen? Wir kamen als unbeschriebene Blätter in die Schule, aber die Kommunis
ten verloren keine Zeit, unsere Denkweise zu beeinflussen. Selbst die Schulkinde
r wurden in zwei Kategorien, in eine rote und eine schwarze eingeteilt. Die Komm
unisten hatten »fünf rote Kategorien« und »fünf schwarze Kategorien« aufgestellt
. Der ersten Gruppe gehörten Kinder von Arbeitern, Bauern, Revolutionären (Solda
ten und Märtyrer) und Kaderangehörigen an. Die zweite setzte sich aus den Kinder
n der Landbesitzer, reichen Bauern, Gegenrevolutionären, Kriminellen und Rechtsg
erichteten wir so lange unsere Granaten werfen, bis sich unser Lehrer zufriedeng
ab.
An einem drückend heißen Tag wurde einer meiner Schulkameraden von einer solchen
Granate am Kopf getroffen. Der Junge schrie vor Schmerz, aber der Lehrer zeigte
kein Mitleid. Der Junge mußte vielmehr nachsitzen und weiterhin Granaten werfen
. Außerdem bezichtigte ihn der Lehrer mangelndem Klassenbewußtseins.
Später wurde die Ausbildung an Holzgewehren und Granaten sogar auf die Kindergär
ten ausgedehnt. Die Beeinflussung begann schon frühzeitig, Ausnahmen gab es nich
t.
Der Stundenplan für die Grundschule hörte sich eindrucksvoll an. Die unteren Kla
ssen hatten Mathematik, Sprachkunde, Sport, Musik und Zeichnen, die Mittelstufe
zusätzlich Geschichte, Erdkunde und militärische Ausbildung und für die oberen K
lassen kam noch Frühgeschichte, Gesundheits- und Hygieneunterricht hinzu. Sämtli
che Klassen wurden von der kommunistischen Ideologie durchdrungen. Die Gesellsch
aft wurde entweder als sklavisch, feudalistisch, kolonialistisch oder halbkoloni
alistisch eingestuft und das Ziel war unausweich¬lich eine sozialistische Gesell
schaft. Etwas anderes kam nicht in Frage. Die Kommunisten erteilten den Erdkunde
unterricht so, als gäbe es außer der kommunistischen Welt nichts anderes.
Als ich klein war, konnte ich den Konflikt zwischen der menschlichen Natur und d
er doktrinären Ordnung, die uns die Kommunisten aufzwangen, nicht verstehen, abe
r jetzt begann ich allmählich an den Lebensumständen zu erkennen, daß der Kommun
ismus zum Scheitern verurteilt ist.

Die Komplizen der Jugendliga


Die »Jungen Pioniere« der Schule waren Bestandteile der Chinesischen Kommunistis
chen Jugendliga, die ihrerseits wieder der Kommunistischen Partei angehörte. Wen
n man bis zur fünften Klasse nicht bei den Jungen Pionieren aufgenommen wurde, d
urfte man kein Gymnasium besuchen, auch wenn man sehr gute Noten hatte. Ebensowe
nig durfte man zur Universität, wenn man im Gymnasium nicht in die Jugendliga ge
wählt wurde. Als wir die oberen Klassen erreichten, galt unser Interesse immer m
ehr der Politik anstatt dem Lernstoff. Anstatt sich mit unseren Büchern zu besch
äftigen, schrieen wir unsere Parolen und bemühten uns um die Gunst der Lehrer.
Das erwies sich für manchen als gefährliche Falle. Ein Mädchen aus der fünften K
lasse namens Lan Jui-uchu bemühte sich besonders um die Aufnahme zu den Jungen P
ionieren. Unter dem Vorwand, den Mädchen bei den Schularbeiten zu helfen, nutzte
der Aufsichtslehrer, der Parteimitglied war, die Möglichkeit, mit ihr nach der
Schule allein sein zu können. Als sich die Nachricht verbreitete, daß Jui-uchu (
Perlenknospe) entehrt worden sei, schämte sich das Mädchen so sehr, daß es sich
im Fluß ertränkte. Man flüsterte oft über derartige Vorfälle, aber keiner wagte
es, dagegen anzugehen, weil es die Tragödie nur noch verschlimmert hätte.

Neue Definition der Faulheit


In der Grundschule nahmen wir auch an sogenannten »Kampagnen der fleißigen Arbei
t und des sorgfältigen Studiums« teil. Hinter dieser Kampagne steckte nichts and
eres als Ausbeutung und Kinderarbeit. Jeden Tag wurden ein paar Stunden bestimmt
, in denen Kindergruppen zu »fleißiger Arbeit und sorgfältigem Studium« in die F
abriken gingen. Das bedeutete viel Arbeit und wenig Unterricht, und alle mußten
daran teilnehmen. Wer nicht mitmachte, wurde in der Schule geächtet. Jeder melde
te sich freiwillig zu dieser Arbeit. In Nantschang nagelte ich Kisten zusammen,
trug Sand und Erde, klebte Umschläge und fertigte Streichholzschachteln. Als Fre
iwillige arbeiteten wir genauso wie die regulären Arbeiter, nur daß wir keinen L
ohn dafür erhielten. Wer es wagte, sich darüber zu beklagen, wurde bei Versammlu
ngen kritisiert und zur Selbstkritik aufgefordert. Diese Versammlungen dauerten
oft viele Tage lang, bis das »Volk« davon überzeugt war, daß ein Schüler genug b
ereut hatte. Und damit war man noch gut bedient, denn jeder konnte gebrandmarkt
oder wie es die Kommunisten bezeichneten »mit Narrenkappen gekrönt« werden. Wem
das zuteil wurde, der hatte keine Möglichkeit mehr, jemals wieder zu Ansehen zu
kommen.
Diese Narrenkappen konnte man sich unversehens einhandeln. Konnte eine schwanger
e Frau sich zum Beispiel nicht mehr in einen vollbesetzten Zug drängen und ersch
ien zu spät zur Arbeit, dann wurde sie nicht der »Drückebergerei« oder »Faulheit
« beschuldigt, sondern der »Sabotage der sozialistischen Produktion.« Somit war
sie ein »Staatsfeind« und ein »öffentlicher Feind des Volkes.«
Alles, was im Konflikt zur kommunistischen Autorität und Ordnung steht, ist ein
»Verbrechen gegen das Volk«. Wenn die Kommunisten Menschen umbringen, so geschie
ht das im Namen des Volkes. Es hat überhaupt den Anschein, als sei das Wort »Vol
k« die größte Entdeckung kommunistischer Führer, denn im Namen des Volkes kann a
lles getan werden.
Wir Kinder wagten nicht, uns zu widersetzen und nicht an der »Kampagne der fleiß
igen Arbeit und des sorgfältigen Studiums« teilzunehmen, weil wir uns den Willen
des »Volkes« beugen mußten und als »Volksfeinde gegolten hätten, was uns das Le
ben gekostet hätte.

Kampfübungen im offenen Gelände


Um für den Ernstfall vorbereitet zu sein, mußten die Schüler der höheren Grundsc
hulklassen sich einer Kampfausbildung im Gelände unterziehen. Dazu gehörten vers
chiedene Übungen, wie zum Beispiel Schilder zu lokalisieren, Himmelsrichtungen f
estzustellen und Landschaftsstrukturen zu unterscheiden. Das war Bestandteil des
wöchentlichen Unterrichtsprogramms und wurde bei jedem Wetter durchgeführt. Die
Verantwortlichen suchten sich ein Gelände mit Hügeln, Flüssen, Dörfern und Stra
ßen aus. Dann zeigten sie uns eine Landkarte und sagten uns, wo Schilder aufgest
ellt waren. Diese mußten wir finden. Wir durften nicht eher zurückkehren, bis wi
r alle ausfindig gemacht hatten.
Die meisten Kinder hatten Schwierigkeiten, den Weg zu finden. Sie verirrten sich
oder liefen im Kreis. Selbst wenn die Nacht hereinbrach, durfte ihnen keiner he
lfen. Ich glaube nicht, daß ein Schüler der freien Welt nachfühlen kann, was wir
da mitmachen mußten.

Kohlesammlung für Hochöfen


1958 begannen die chinesischen Kommunisten ihren »großen Sprung vorwärts« und si
e riefen zur volksweiten Mitarbeit in der Stahlproduktion auf. Alle Schulen wurd
en mobilisiert.
Wir waren zunächst völlig verblüfft, als wir erfuhren, daß auch unsere Schule St
ahl produzieren sollte. Was brauchten wir dazu und wie wurde das überhaupt gemac
ht? Keiner wußte es, Aber die Parolen »große Stahlproduktionskampagne« und »Alle
für die Stahlproduktion« beeindruckten uns. Als die Kinder ihre Eltern baten, i
hnen das zu erklären, erhielten sie für gewöhnlich die Antwort, es handle sich h
ier um »Lao-min Bhang-tsai«, was soviel bedeutet, das Volk ermüden und Vorräte v
ergeuden. Nicht jedes Kind verstand diesen chinesischen Ausdruck, und manche gla
ubten, daß es sich dabei nur um eine andere Bezeichnung für das handelte, was wi
r in der Schule tun würden. Sie sagten den anderen Klassenkameraden, wir würden
jetzt in der Schule »Lao-min Bhang tsai« tun.
Als das den Lehrern zu Ohren kam, verlangten sie eine Untersuchung. Wer zur Verb
reitung des seiner Meinung nach so hübschen Ausdrucks beigetragen hatte, wurde s
charf gemaßregelt. Viele Eltern wurden vorgeladen und getadelt.
Wie sich später herausstellte, war das Stahlprojekt ein völliger Fehlschlag. Ein
ungeheurer Aufwand an Zeit, Kraft und Vorräten war verschwendet worden. Wer jed
och das Ergebnis vorhergesehen hatte und so unklug gewesen war, seine Meinung zu
m Ausdruck zu bringen, wurde zur Selbstüberprüfung und Selbstkritik aufgefordert
.
Zu Beginn des Stahlprojekts sagten die Lehrer, es würde Erfolg haben, da »Tu-fa
shan ma« mit im Spiel sei, was wörtlich heißt, ein Pferd auf die ursprüngliche A
rt zu besteigen. Sie meinten damit, daß man auf alte Arbeitsweisen zurückgreifen
werde, auf eine Mischung aus abend- und morgenländischen Verfahren. Diese Ausdr
ücke wurden speziell für dieses Projekt geprägt.
Vielleicht waren unsere Lehrer ebenso darüber verblüfft wie wir.
Das Projekt begann mit Pauken und Trompetenschlag. Extraausgaben von Wandzeitung
en erschienen, die die Schüler aufforderten, Kohlestückchen und sämtliches altes
Eisen, das sie zu Hause finden konnten, in die Schule mitzubringen. Je mehr, de
sto besser. Dies sei eine Möglichkeit, dem Volk zu dienen, und jeder solle sich
bemühen seine Vaterlandsliebe unter Beweis zu stellen. Obwohl wir erst zehn Jahr
e alt waren und nur wenig Kraft besaßen, erwartete man von uns, die Arbeit von E
rwachsenen zu tun und den Befehlen zu gehorchen, wenn wir Kritik vermeiden wollt
en.

Verirrte Kinder mit löchrigen Körben


Jeden Tag strömten die Kinder nach der Schule zum Bahnhof, denn dort konnte man
am ehesten Kohle finden. Oft waren es so viele Kinder, daß der Zugverkehr ins St
ocken geriet. Der Bahnhofvorsteher mußte den Zug manchmal schon vor dem Bahnhof
anhalten und konnte ihn nur langsam einrollen lassen, nach dem die Jugendlichen,
von denen es nur so wimmelte, vertrieben worden waren.
Das galt nicht nur für Nantschang. Auch die Züge der Hangtschou-Sutschou-Linie k
amen oft mit zwei oder dreistündiger Verspätung bei uns an. Am Gesichtsausdruck
der Reisenden konnten wir erkennen, daß sie sich über uns ärgeren, aber keiner w
agte, sich zu beklagen.
Am Bahnhof gab es bald nichts mehr zu holen, und wir Kinder mußten entlang den G
leisen suchen. Wir sahen genauso schäbig und kümmerlich aus wie die löchrigen Kö
rbe auf unserem Rücken. Hände und Gesichter waren von Schmutz, Kohlestaub und Sc
hweiß überzogen. Die Gesichter der Kinder sahen im Schein der Fackeln gespenstis
ch aus, aber wir mußten weitersuchen.
Es kam auch vor, daß Kinder zu weit gingen und dann zu müde waren, um noch nach
Hause zu gehen. Sie konnten ihre kostbare Kohle nicht wegwerfen. So blieben sie
sitzen, wo sie sich gerade befanden. Die Eltern machten sich in der Zwischenzeit
auf die Suche nach ihnen. Sie folgten den Gleisen und riefen nach ihren Kindern
. Es war eine gefährliche Arbeit, und viele Kinder wurden vom Zug überrollt.

Alles aus Eisen


In der Schule wurde die Kohle gewogen. Wer nicht genug gebracht hatte, sah schwe
ren Zeiten entgegen. Ein Mädchen aus meiner Klasse namens Wang war so dünn und k
lein, daß sie kaum ein paar Pfund tragen konnte. Zwei Tage lang kam sie weder na
ch Hause noch zur Schule. Die ganze Zeit über versuchte sie verzweifelt, an den
Gleisen genug Kohle zusammenzutragen, um sie dem Lehrer zu bringen.
Wenn man es heute betrachtet, hatte das Eisensammeln auch seine heitere Seite, a
ber damals war die Sache uns todernst. Alles, was nicht mehr oder fast nicht meh
r gebraucht wurde und aus Eisen oder Stahl war, mußten wir von zu Hause mitbring
en: Töpfe, Schaufeln, Hacken, Dosen, Nägel und was wir sonst noch fanden. Aber u
nsere Lehrer bemängelten stets, daß es nicht genug sei, um einen Hochofen zu füt
tern. So opferten wir Fenster, Türen und Stühle, alles, was irgendwie Eisen enth
ielt oder an sich hatte und was beweglich war. Manches mußten wir abreißen und h
eraus¬brechen. Kein Haus blieb verschont. Die Kampagne wandte sich nicht nur an
die Schüler sondern an alle.
Wer sich weigerte, wurde sofort von angriffslustigen »Helfern« entdeckt. Bald be
gannen die Menschen Liedchen vor sich hinzusummen: »Es gibt kein Eisenwerkzeug m
ehr, es gibt keine Kohle mehr. Jetzt ist einfacher, den Himmel emporzuklettern a
ls Eisen oder Kohle zu bekommen.« Und das galt nicht nur für Nantschang, das gan
ze Land war geplündert.
Ich erinnere mich an einen Vorfall in der sechsten Klasse. Ein Junge war so eifr
ig und auch so verzweifelt, daß er das einzige Küchenmesser seiner Mutter zur Sc
hule brachte. Als sie das entdeckte, nahm sie sich es so zu Herzen, daß sie sich
das Leben nehmen wollte. Sie war gerade dabei, sich zu erhängen, als ihr Mann h
ereinstürzte und sie rettete.
In einer Ecke unseres Schulgeländes wurden drei behelfsmäßige Hochöfen aus Backs
tein gebaut. Unten wurde die Kohle und oben die Eisenstücke hineingeschoben, die
wir gesammelt hatten. Da die Hochöfen rund um die Uhr brennen mußten, schürten
die Schüler der oberen Klassen nachts das Feuer. Diese Tätigkeit nannten sie »Au
sübung der Nachtkampfpflicht.«
Trotz all dieser Bemühungen kam kein Stahl aus den Hochöfen, sondern nur ein Hau
fen formloser Metallstücke mit viel Sand und Schmutz. Es war doch »Laomin shang-
tsai« gewesen. Unzählige Menschen hatten unzählige Stunden geopfert, um unzählig
e Dinge zu zerstören.

Sturmzeichen für unsere Familie


Ich muß auf das Jahr 1956 zurückgreifen, als sich Vater nach seinen bösen Erfahr
ungen während der »Drei-Anti - und Fünf-Anti-Kampagnen« plötzlich in einem Sturm
befand, der in einem Tag alles zerstörte, was er unter Mühen in all den Jahren
in Nantschang aufgebaut hatte.
Wie ich schon berichtete, waren die Kommunisten der Bevölkerung unserer Stadt mi
t ihren »Einigkeits-, Beschränkungs- und Reformmaßnahmen« nahegetreten, die die
»Privatbesitzreformkampagne« ermöglichten und in deren Zug die Kommunisten alles
Privateigentum beschlagnahmen konnten. Als die Fabrik- und Ladenbesitzer von di
eser Kampagne hörten, erinnerten sie sich an die »Drei-Anti« und »Fünf-Anti-Kamp
agnen« und sie waren alarmiert. Sie fürchteten, daß diesmal noch Schlimmeres bev
orstand.
Jeder machte sich große Sorgen, was aus seinem Besitz unter allgemeiner Eigentüm
erschaft werden sollte. Mein Vater bildete hier keine Ausnahme. Er schränkte sei
ne Arbeit ein und legte sein ganzes Geld in Gegenständen an, die leicht zu verbe
rgen waren. Wertvolles brachte er aus dem Laden nach Hause, in der Hoffnung, daß
es nicht in den Allgemeinbesitz übergehen würde. Aber auch hier traf das alte c
hinesische Sprichwort zu: »Wenn der Gerechtigkeit ein Fuß wächst, so wachsen dem
Bösen Dutzende von Füßen.«
Das immer man unternahm, die Kommunisten schienen stets einen Schritt vorauszuse
in.
Die Parteimitglieder und Kader des Rats für öffentliche Sicherheit bildeten zahl
reiche Arbeitsgruppen für die Privatbesitzreformkampagne. Schon bald befanden si
e sich überall und brachten ganz Nantschang unter ihre Kontrolle. Sie unterstand
en der direkten Aufsicht des Parteisekretärs und zogen durch sämtliche Geschäfte
. Sie machten eine Bestandsaufnahme von allem, was sie finden konnten. Die Artik
el wurden klassifiziert, in Listen eingetragen und numeriert.
Die meisten Geschäfte befanden sich in den Wohnhäusern der Besitzer und wurden v
on den Besitzern auch selbst geführt. Man konnte nur schwer feststellen, welche
Artikel nur für den Privatgebrauch. und welche zu gewinnbringenden Zwecken verwe
ndet wurden. Aber die Kommunisten sorgten dafür, daß dies nach ihrem Gutdünken f
estgelegt wurde. Ich kann mich noch gut erinnern, wie eine solche Gruppe in unse
r Haus kam. Um acht Uhr früh kamen zwei Partei- und ein Kaderangehöriger des Sic
herheitsbüros mit einer dicken Akte, und sie blieben bis vier Uhr nach¬mittags.
Zuerst überprüften sie Vaters Arztausrüstung und notierten sich die Zahl der Ste
thoskope, Plessimeter, Thermometer, Mundinstrumente, Spritzen, Nadeln, Scheren u
nd Skalpelle. Sie inspizierten das ,Mobiliar einschließlich des Schreibtisches,
der Stühle und Operationstische. Vater mußte ihnen den Inhalt jeder Flasche und
jedes Fläschchen auf den Regalen angeben. Nicht einmal der Spucknapf wurde übers
ehen!
Dann waren die pharmazeutischen Mittel und die Gemischtwaren an der Reihe. Namen
, Marken, Einzelangaben, Herkunft, Menge und Preise wurden sorgfältig notiert.

Keiner durfte weggehen


Keiner von uns, nicht einmal die Kinder, die zur Schule gehen sollten, durfte da
s Haus verlassen, solange die Männer Bestandsaufnahme machten. Vater saß mit zus
ammengezogenen Augenbrauen da. Es schien mir, als habe er einiges mehr zu sagen
als nur die Namen all der kostbaren Dinge, für die er in diesem Jahrzehnt in Nan
tschang gearbeitet hatte. Aber er wußte, daß das seine Lage nur verschlimmern wü
rde.
Als die Kommunisten die Praxis und den Laden sorgfältig durchsucht hatten, erklä
rten sie uns, daß nichts verkauft oder weggenommen werden durfte. Sie drohten un
s mit schwerer Strafe bei Zuwiderhandlung. Dann gingen sie nach oben und notiert
en unsere persönliche Habe. Sogar die Sofas wurden als Teil der Praxisausstattun
g eingestuft. Die Uhr im Wohnzimmer hätte ihrer Meinung nach nicht aus dem Gesch
äft genommen werden dürfen.
Die ganze Praxis und der Laden gingen an diesem Tag in den öffentlichen Allgemei
nbesitz über. Es handelte sich ab jetzt um Volksbesitz und wir durften nicht meh
r darüber verfügen. Wir waren der Meinung, daß es unser gutes Recht sei, damit z
u tun und zu lassen, wie es uns gefiel, aber diese grundsätzliche Freiheit wurde
uns verweigert.
Aber die Kommunisten deckten noch immer nicht alle Karten auf. Sie waren dem Pri
vatbesitz gegenüber so lange tolerant, so lange er einigermaßen unverdächtig war
. Aus diesem Grund beharrten sie darauf, daß die Sofas und die Uhren nicht im Wo
hnbereich hätten sein dürfen.

Am Rand der Verzweiflung


Als die Reformgruppen alle privaten Einrichtungen in Nantschang erfaßt hatten, b
efand sich die Stadt im Chaos und in Verzweiflung. Ein chinesischer Ausdruck für
eine Situation, in der alles verloren ist, lautet: »Die Henne ist weggeflogen u
nd die Eier sind zerbrochen.« So war uns zumute. Die Henne und die Eier befanden
sich in der Hand der Kommunisten.
Da alles in der Stadt registriert war, brauchten sich die Kommunisten keine Sorg
en zu machen, daß etwas wegfliegen oder zerbrechen würde. Jetzt waren sie für di
e »öffentliche, private, allgemeine Aktion« bereit, was nichts anderes bedeutete
als ein Monopol der kommunistischen Partei. Mochten sie es nennen, wie sie es w
ollten, sie bezweckten dadurch, allen Privatbesitz an sich zu bringen.
Unter dieser öffentlichen, privaten, allgemeinen Aktion wurden alle, die Geschäf
te besaßen oder führten zu privaten »Mitgeschäftsführern« gemacht, aber sie hatt
en überhaupt keinen Einfluß auf finanzielle oder geschäftliche Angelegenheiten m
ehr. Es war nichts weiter als ein Titel ohne Funktion. Die öffentlichen Geschäft
sführer der kommunistischen Partei hatten alles in ihren Händen.
Die Eigentümer mehrerer großen Geschäfte in Nantschang begingen Selbstmord. Aber
für die Kommunisten bedeuteten weniger Mitgeschäftsführer weniger zu zahlende G
ehälter. Geschäfte ohne private Repräsentanten gingen ganz einfach in den vollen
Staatsbesitz über.
Aber damit waren die Kommunisten noch nicht am Ende ihrer Taten. Der nächste Sch
ritt zielte darauf ab, die Besitzer aus ihren Häusern zu vertreiben, in denen si
ch auch die Geschäfte befanden. Sie begründeten mit der Erklärung, daß unter der
öffentlichen Eigentümer¬schaft Frauen und Kinder kein Recht mehr hätten, einen
Teil des Geschäfts zu bewohnen. So mußten auch wir zwangsläufig unser Haus verla
ssen.
Als der Sommer zu Ende ging, zogen wir in ein kleines, muffiges Lehmhaus am Rand
der Stadt. Danach hatte ich oft Alpträume, was wohl als nächstes geschehen würd
e. Unser Haus in der Stadt, in dem ich aufgewachsen war, wurde sofort in ein »Ka
mpfclubhaus« für die Kommunisten verwandelt. Onkel Tschens Haus auf der gegenübe
rliegenden Straßenseite diente den Kommunisten als Versammlungsraum.

1959 - 1961, eine Zeit größter Schwierigkeiten


Die Zeit von 1959 bis 1961 war sehr schwer. Sogar die Welt war über die Nachrich
ten entsetzt, die durch den Bambusvorhang sickerten. Für diejenigen, die sie am
eigenen Leib verspürten, waren die Leiden dieser Jahre unbeschreiblich.
Jeder nannte sie eine Zeit der Schwierigkeiten. Die Kommunisten mißbilligten die
sen Ausdruck, aber sie wußten, daß er zutraf. Ein weiterer Ausdruck, der in dies
er Zeit geprägt wurde, lautete Kua-tsai-tai (Kürbis-und Gemüsegeneration). Es ga
b keinen Reis, so betrachteten sich die Menschen schon als glücklich, wenn sie K
artoffeln, Bohnen, Kürbisse oder Blattgemüse hatten. Meistens mußten wir uns jed
och mit dem begnügen, was überhaupt eßbar war. Dazu gehörte auch Unkraut und Blä
tter von Bäumen.
1959 kam ich in die sechste Klasse und nach Beendigung der Fuhua-Grundschule kam
ich im folgenden Jahr an die Erste Mittelschule von Nantschang.
Eines Morgens hielt der Parteisekretär eine lange Rede an der Schule, die für un
s Kinder völlig nichtsagend war. Er beendete seine Worte, indem er schrie, wir a
lle müßten unseren Gürtel enger schnallen, denn das »Vaterland« wolle den Russen
alles zurückzahlen, was es ihnen schulde.
Da begriffen wir, daß der Honeymoon (Flitterwochen) der chinesischen Kommunisten
mit dem »großen Bruder« Rußland zu Ende war. Die Russen forderten nicht nur Rüc
kzahlung, sondern stellten auch ihre technische und finanzielle Hilfe ein. Außer
dem hatte das Land gerade anstatt des erhofften »Sprungs vorwärts« einen »großen
Sprung rückwärts« hinter sich. Jetzt wußten wir, daß die Absicht der Chinesen,
innerhalb von fünfzehn Jahren mit den Engländern gleichzuziehen, nichts als Illu
sionen waren. Zu allem Übel kamen noch große Mißernten hinzu und die Bevölkerung
kämpfte gegen unbeschreibliche Umstände. Im gesamten Land waren die Menschen en
tweder mit Anti-Überschwemmungs- oder Anti-Dürre-Aktionen beschäftigt. Aber alle
s war umsonst. Der Boden verweigerte die nötigen Ernten. Keiner hatte genug zu e
ssen.
Die Schüler unserer Schule wohnten auch gleichzeitig da und nahmen auch gemeinsa
m die Mahlzeiten ein. Heranwachsende Kinder haben einen gesegneten Appetit, aber
die Reisschüssel wurde bald durch Haferschleim ersetzt, und der wurde auch imme
r dünner. Wir waren überglücklich, wenn wir in der großen Schüssel mit Reissuppe
auch einmal ein Stückchen Kartoffel fanden. Fleisch gab es nie und nirgends war
eine Spur von Öl zu entdecken.
Das Warten auf die Mahlzeiten fiel uns so schwer, daß Schüler das Klassenzimmer
mit der Ausrede verließen, sie hätten Magenschmerzen. Andere stahlen sich hinaus
, wenn der Lehrer der Klasse gerade den Rücken kehrte. Wieder andere waren von d
en Gerüchen aus der Küche so angezogen, daß sie zur letzten Stunde vor dem Essen
überhaupt nicht mehr erschienen.

Strohkuchendiät
Die Mahlzeiten waren katastrophal. Wir mußten uns in langen Reihen anstellen, di
e Suppe in unsere Schüssel schöpfen und dann weitergehen. Wir waren böse auf die
jenigen, die das Klassenzimmer schon vorzeitig verlassen hatten, um unter die er
sten zu kommen, und es war schwer, uns unter Kontrolle zu halten. Die Aufsichtsl
ehrer liefen hin und her. Sie schrieen wie Sklavenaufseher, nur daß ihnen die Pe
itsche fehlte. »Stellt euch in eine Reihe! Ruhe! Haltet den Mund!« Aber sie konn
ten sich oft nicht durchsetzen.
Der Gedanke, daß die Schüler an der Spitze sich das Beste aus dem Topf holten, b
evor man selbst an die Reihe kam, war unerträglich. Manchmal weinten wir, weil u
nser Magen so knurrte, daß wir den Gedanken kaum noch unterdrücken konnten, nach
vorn zu stürzen und alles an sich zu reißen, was noch zu haben war. Jeder Strei
t artete in ein Kampfgetümmel aus. Wenn wir Mädchen in der Nähe des Topfes stand
en, bekamen wir bestenfalls eine Ladung Reissuppe ins Gesicht. Dann mußten wir w
ütend und hungrig bis zur nächsten Mahlzeit warten. Wir konnten nur hoffen, daß
wir dann mehr Glück hatten. In dem Topf nach einem Stückchen Kartoffel zu fische
n erwies sich als fast so schwer, wie eine Stecknadel in einem Heuhaufen zu such
en.
Trotzdem konnten wir uns noch glücklich preisen, denn bald schon sollten wir »St
rohkuchen« vorgesetzt bekommen. Wegen der anhaltenden Dürre gab es nur noch Reis
stroh. Dieses Stroh wurde zusammen mit Reiskleie, Reisbrei, Kartoffelpulver und
Salz vermischt, zu Knödeln geformt, gekocht und dann uns als Hauptmahlzeit gegeb
en. Man konnte es kaum als Essen bezeichnen, aber etwas anderes hatten wir nicht
. Das Schlucken gestaltete sich trotz sorgfältigen Kauens äußerst schwierig. Man
chmal wurde dem Strohkuchen etwas Grünzeug beigefügt, wenn wir Glück hatten. Das
Gemüse bestand aus »Kuhspinat«, wie wir es nannten, und war etwas, was man norm
alerweise nicht als Essen servieren würde.
Noch schlimmere Zeiten
Bevor diese schwere Zeit zu Ende ging, hatten wir so ziemlich alles gegessen, wa
s man normalerweise wegwerfen würde. Die Kommunisten waren Meister im Erfinden v
on ungenießbaren Zusammenstellungen. Eine davon nannte sich "Pilzbällchen". Sie
sagten, dieses Zeug diene als Magenfüller, und so begannen sie eine nationale Ka
mpagne. Sie waren wohl der Meinung, daß die Bevölkerung ihren Hunger vergessen w
ürde, wenn man sie mit einem Produktionsprojekt für Nahrungsmittel beschäftigte.
Nicht einmal hungrige Tiere fraßen diese Pilze, aber die Kommunisten drängten u
ns, alle Quellen zu erforschen und das Ungenießbare zum Genießbaren zu machen.
Diese Pilzbällchen sind dunkelbraun und wachsen im Sommer an schattigen Plätzen.
Wir sollten nun eine Massenproduktion beginnen und diese Pilze an allen zur Ver
fügung stehenden Ecken unseres Schulbereichs anpflanzen. Jedes Stück Land mußte
einen bestimmten Ertrag abwerfen. Wurde dieser nicht erreicht, so durfte man nic
ht so viele Pilze essen. Und das war das kleinere Übel, denn es war schon eine S
trafe, diese Pilzbällchen essen zu müssen. Sie wurden zu einem ekelerregenden Du
rcheinander zerkleinert und als Pastete zubereitet. Nicht genug, daß es entsetzl
ich aussah, es schmeckte auch greulich. Da wir die Pilze selbst gezüchtet hatten
, wußten wir, daß sie wochenlang mit natürlichem Dünger übergossen wurden. Viell
eicht war es nur die psychologische Wirkung, aber der Geruch war abstoßend. Selb
st wenn wir hungrig wie die Wölfe waren, brachten wir höchstens einen oder zwei
Bissen Pastete hinunter. Der Magen wehrte sich gegen dieses gräßliche Zeug. Ein
Junge erfand ein Liedchen, das sofort an der ganzen Schule die Runde machte:
»Pilzbällchen sind entsetzliche Pasteten. Man muß sie essen, weil man hungrig is
t, aber man bringt sie nicht hinunter, weil sie stinken.«
Die Kinder waren von der anhaltenden Unterernährung dünn und blaß. Es gab kein e
inziges dickes Kind mehr in oder außerhalb der Schulen. Wer besonders waghalsig
war, schlich sich nachts aus den Schlafsälen und schlich sich zum Bahnhof, um Na
hrungsmittel, die für das Militär bestimmt waren, zu stehlen. Manchmal gelang es
ihnen, einen Sack Getreide oder einen halben Sack Mehl an sich zu bringen. In s
olchen Augenblicken gerieten wir außer uns vor Freude, einmal einen Bissen gutes
Essen zu Bekommen. Wer jedoch erwischt wurde, wurde so geschlagen, daß er nicht
einmal mehr nach Hause kriechen konnte.
In dieser Hungerszeit befanden wir uns in einem Stadium, in dem wir das Essen zu
einem normalen Wachstum dringend benötigt hätten. Ich blieb sehr zierlich und h
abe noch heute unter sehr angegriffener Gesundheit zu leiden. Und ich werde dies
e Zeit nie vergessen.
Es ereigneten sich entsetzliche Dinge, wenn die Menschen hungrig waren. Wir hört
en, daß ein sechzehnjähriger Junge aus den Bergen bei Fukien und Kwangtung seine
kleine Schwester zerstückelte, um sie aufzuessen. Ein Taiwanese, der von der Kü
ste von Fukien nach Nantschang kam, berichtete uns davon. Der Junge war mit sein
er sechs- bis siebenjährigen Schwester allein in dem Bauernhaus in den Bergen. D
ie Eltern befanden sich auf Nahrungssuche. Da verlor der Junge die Beherrschung
und das kleine Mädchen bot sich ihm als Opfer. Die Kommunisten verhafteten den J
ungen und verhörten ihn. Sie kamen aber zu dem Schluß, daß Kannibalismus, wenn a
uch bedauernswert, so doch unter diesen Umständen entschuldbar sei. Ich bin davo
n überzeugt, daß dies nicht der einzige Vorfall dieser Art war. In jenen Jahren
der Kürbisse und des Gemüses besaßen wir weder Kürbisse noch Gemüse. Niemand wei
ß, wieviele sich durch das Fleisch anderer Menschen über Wasser hielten.

Fragen, die ich immer wieder stellte


Als ich in die Mittelschule kam, war ich alt genug, um den sich verstärkenden Dr
uck der Kommunisten zu spüren. Manchmal hatte ich das Gefühl, daß uns Kindern en
tweder der Mund gestopft wurde oder daß man uns wie eine Viehherde von einem Ort
zum anderen stieß. Keiner durfte leben, wie er wollte. Weder das geringste pers
önliche Interesse noch der kleinste Wunsch war erlaubt. Alles mußte in Übereinst
immung mit den Anordnungen der Führer geschehen, ob es sich nun um einen Schluck
Wasser, ein paar Schritte oder um ein paar geschriebene Zeilen handelte. Wer ni
cht genügend rot oder begeistert war, durfte keine höhere Schule besuchen, auch
wenn er seinen Lernstoff noch so gut beherrschte. Stammte man aus einer verdächt
igen Familie, hatte man keine Zukunft, so sehr man sich auch bemühte.
Die Schulen, selbst die höheren Schulen, besaßen keine oder nur wenige Nachschla
gwerke. Unsere Lehrer machten selbst zu unseren Büchern nur vage Aussagen. Manch
mal waren ihre Antworten ziemlich unbefriedigend, aber wir hatten sonst niemand
und es fehlte auch an Büchern, die wir zu Rat hätten ziehen können. Wir konnten
nur unsere Phantasie walten, uns von unseren Gefühlen leiten lassen oder einfach
drauflos raten, aber das befriedigte nicht, und die Schlüsse, die wir zogen, wa
ren wohl mehr falsch als richtig. In den Geschichtsbüchern der Mittelschule stan
d zum Beispiel, daß Dr. Sun Jat-sen der Sache des Volkes genützt habe, als er di
e Mandschu-Dynastie gestürzt hatte. Aber das war 1911, und die Kommunisten began
nen mit ihrer »Herrschaft« über das chinesische Festland erst 1949. Dazwischen w
ar nichts. Aber wir spürten, daß die Antworten, nach denen wir suchten, mit heik
len Fragen verbunden waren, die wir nicht zu stellen wagten.
Die Kommunisten waren auch immer darauf bedacht, zu betonen, daß die Arbeiter da
s wahre Proletariat darstellten. Wir wußten, daß die Arbeiter schlecht bezahlt w
urden, und fragten uns, weshalb dies der Fall war, wenn sie doch so hoch eingest
uft wurden, und weshalb das sonst niemand zu interessieren schien.

Das Vorrecht, eine Bibliothek zu haben


Die Erste Mittelschule von Nantschang besaß eine Bibliothek, aber wir hatten dav
on keinen praktischen Nutzen. Es gab dort kaum Bücher, die uns interessiert hätt
en. Es gab zahlreiche politische Lehrbücher, aber von denen hatten wir genug. Es
waren noch ein paar Bücher aus der Zeit der »Bourgeoisie« übrig, wie »Der Traum
des roten Zimmers« oder »Alle Menschen sind Brüder«, oder auch Übersetzungen vo
n Tolstoi oder Balzac aus dem älteren China. Wir durften sie zwar ausleihen, abe
r wir mußten kritische Berichte darüber schreiben und sie mit den Büchern wieder
abliefern. Trotzdem wollten die Schüler sie lesen, auch wenn sie sechs bis sieb
en Monate Wartezeit in Kauf nehmen mußten.
Da die Schulbücherei die Wünsche der Schüler nicht zufriedenstellen konnte, bega
nnen die Schüler Abschriften von anderen Quellen in Umlauf zu bringen. Das mußte
jedoch heimlich geschehen, weil es gegen die Vorschriften verstieß, vor allem,
wenn es sich dabei um verdächtige Bücher handelte. Ein Schüler namens Li wurde e
rwischt, als er Bruchstücke eines aufrührerischen Stücks eines polnischen, zeitg
enössischen Dichters verbreitete. Dieser erklärte, daß das Volk der vielen Arbei
t überdrüssig sei, daß die Äpfel aus Polen nicht einmal den eigenen Kindern zugu
te kämen, daß Kinder gezwungen würden, zu lügen, und daß sie nach Jahrzehnten ve
rgeblicher Hoffnung immer noch darauf warteten, daß die Gerechtigkeit siege. Die
ses Gedicht gefiel den Schülern so gut, daß es die ganze Schule flüsterte. Die L
ehrer merkten jedoch, daß etwas im Gang war, und Li wurde als Übeltäter entlarvt
. Er mußte drei Tage lang bereuen und eine Erklärung schreiben, was er unternehm
en wolle, um das »Verbrechen vergifteten Denkens« wieder gut zumachen.

Die Falle des Massenberichts


Das Gedicht setzte den Endstrich unter unseren Ausflug in die Weltliteratur. Wi
r wurden wieder in die Wüste zurückgestoßen, ohne eine Oase der Kultur. Ich las
sehr gerne. Vielleicht war das der Anlaß, daß ich die Kommunisten zu hassen bega
nn, und daß ich später sogar mein Leben für die Freiheit aufs Spiel setzte.
Ein andermal erlebten wir eine Welle pornographischer Literatur. Irgendwie war s
ie in unsere Schule eingedrungen, und mehrere Schüler zogen sie Marx, Lenin und
Mao vor.
Eine weitere unliebsame Entwicklung war der »Massenbericht der Gedanken.« Man hä
tte dies besser als »Gedankenfalle« bezeichnet, denn man beabsichtigte damit, al
les oberflächliche, unbestimmte oder wankelmütige Denken so festzunageln, daß ma
n sicher sein konnte, daß jeder nur noch streng kommunistisch dachte. Es wurden
»Gedankenversammlungen« organisiert. Auf diese Weise wurden die Schulen zu reine
n Rezitationsstätten der Gedanken Maos mit dessen Gebot, daß »die Politik vor al
lem stehe.« Diese Versammlungen wurden zum Ausgangspunkt der Irrsinnstaten der R
oten Garden, die die Kulturrevolution unterstützten.
Jede Klasse mußte mindestens eine »Gedankenversammlung« in der Woche abhalten. F
ür diesen »Massenbericht der Gedanken« mußte als erster ein Lehrer, der gleichze
itig Führer war oder die Voraussetzungen besaß, ein solcher zu werden, und der d
arüber hinaus noch Mitglied der Chinesischen Kommunistischen Jugendliga war über
die neuesten politischen Anweisungen des Zentralkomitees der Partei berichten.
Der Text einer Mao-Rede wurde noch einmal durchgearbeitet und gelernt, als wäre
er die Bibel. Danach mußten wir Schüler unsere Ansichten äußern. Natürlich durft
e keine Kritik geäußert werden. Wir waren schlau genug, den »Vorsitzenden« nur i
n Superlativen zu loben.
Aber Schüler sind keine Redner, und manche von uns hatten Schwierigkeiten, die r
ichtigen Worte zu finden. Es war nicht erlaubt, etwas zu wiederholen, was andere
schon gesagt hatten. Einmal wollte ein Junge etwas wirklich Gutes vorbringen, u
nd er sagte in allem Ernst: »Der Vorsitzende Mao würde zweifellos seinem Namen g
erecht werden, selbst wenn er der Sohn von Marx wäre.« Er wollte Marx und Mao nu
r ein Kompliment machen, aber anstatt dessen hatte er die Kommunisten beleidigt.
Er wurde nun kritisiert, weil er noch immer nicht in der Lage sei, sich selbst
aus den Grenzen »überalterter, moralischer Vorstellungen« zu befreien. Die Kommu
nisten konnten offensichtlich die Vorstellung nicht ertragen, daß Mao sich vor M
arx verbeugen sollte, wie es ein Sohn normalerweise vor seinem Vater tat. Sie wa
ren so wütend, daß sie den Jungen als nicht geeignet für höhere Bildung bezeichn
eten.
Diese »Gedankenversammlungen« sollten unser Denken anregen und formen. Nach jede
r Versammlung mußten die Schüler einen Bericht schreiben. Aber was konnte man üb
er ein so beschränktes Thema schreiben? Diese wöchentliche Pflichtübung war schl
immer als erzwungene, körperliche Arbeit. Wir waren jedesmal den Tränen nahe, we
nn wir hörten: »Morgen sind die Berichte fällig.«
Alle Berichte wurden von der Jugendliga-Abteilung der Schule genauestens durchge
sehen. Nur Schüler galten als annehmbar, die das schrieben, was die Kommunisten
von ihnen erwarteten. Man erhielt keine Auszeichnungen dafür, aber wer weniger t
at, als erwartet wurde, oder wer es wagte, einschlägige Fragen zu stellen, konnt
e sicher sein, daß er in Schwierigkeiten geriet.
Eine weitere Art der Abmagerung
»Versetzungen nach unten« (auch Landaufenthalt genannt) war gleichbedeutend mit
Zwangsarbeit und ein weiterer Ausdruck zur Vertuschung von Ausbeu¬tung in Form v
on Schülerarbeit.
Ein Semester an der Mittelschule oder am Gymnasium dauerte viereinhalb Monate. I
n dieser Zeit wurde jeder von uns für mindestens einen Monat zur »Versetzung nac
h unten« eingeteilt. Ausnahmen gab es nicht. Viele Schüler der Ersten Mittelschu
le von Nantschang wurden in das Kohlebergwerk von Pinghsiang geschickt, das etwa
dreihundert Kilometer mit der Eisenbahn südwestlich von Nantschang an der Grenz
e zur Provinz Hünan liegt. Keines der Kinder besaß die Kraft, um die Arbeit eine
s Bergarbeiters zu verrichten. Sie kamen alle völlig abgemagert und ausgezehrt w
ieder zurück. Da ich sehr klein war, kam ich auf einen Bauernhof, worüber ich no
ch froh sein mußte.
Die Schüler, die im Bergwerk arbeiteten, berichteten daß man sie sehr streng beh
andelt hatte, fast ebenso streng wie ihre erwachsenen Arbeitskollegen. Die regul
ären Arbeiter mußten der Arbeitergewerkschaft beitreten und sich ohne Murren der
Kontrolle dieser Gewerkschaft unterwerfen. Jede Kleinigkeit wurde sofort gemeld
et. Jedes Anzeichen oder jeder Versuch, sich zu widersetzen wurde sofort bestraf
t. Die Arbeitsanforderungen stiegen ständig. Verstieß je¬mand gegen die Vorschri
ften, wurde er entlassen, erhielt keine Essensmarken mehr, werde von seinen Ange
hörigen getrennt oder gezwungen, sich durch Zwangsarbeit zu läutern, oder er wur
de hingerichtet. Das Leben war kostbar, aber bedeutungslos. Man mußte schuften,
damit man schuften durfte.
1963 kam es zu einem Unglück, von dem die Schüler betroffen waren, die man in da
s Bergwerk von Pinghsiang geschickt hatte. Wegen unzureichender Sicherheitsmaßna
hmen kam es zu einer Gasexplosion. Einhundert Bergarbeiter, darunter sechs Schül
er, wurden lebendig begraben. Als wir in der Schule davon hörten, waren wir betr
übt. Die Eltern der Kinder weinten zu Hause hinter verschlossenen Türen. Eine öf
fentliche Zurschaustellung von Gefühlen, selbst bei derartigen Anlässen, war bei
den Kommunisten nicht erwünscht. Die Tragödie war ihnen nicht wichtig. Die Schü
ler der folgenden Semester mußten in demselben Bergwerk unter unveränderten Bedi
ngungen arbeiten.
Ich selbst nahm achtmal an solchen Aktionen teil. Die Art der Arbeit variierte n
ach der Jahreszeit. Ich half den Bauern beim Säen oder Ernten oder bei Maßnahmen
zur Dürrebekämpfung. Wir brauchten zwar nicht wie die Schüler in den Bergwerken
ständig um unser Leben zu fürchten, aber das Leben auf dem Land erwies sich als
ebenso unerträglich. Mein einziger Trost war, daß ich nicht immer auf dem Land
leben mußte und nicht ständig die Qualen eines bäuerlichen Lebens zu ertragen ha
tte.
Im Herbst 1961, als ich gerade vierzehn war, wurde ich das erste Mal aufs Land g
eschickt. Das Dorf trug den schönen Namen Feng-huang-kang, Phönixhügel, und alle
zwei- bis dreihundert Familien hießen mit dem Nachnamen Wang. Von einem Hügel a
us konnte man die malerischen Bauernhäuser und die Reisfelder überblicken. Es wa
r Erntezeit, aber die Dürre hatte so lange gedauert, daß die Erde von tiefen Ris
sen durchzogen war, und die Reishalme fast nichts trugen. Hier und dort sah man
ein paar Hülsen, an denen Insekten saßen. Eine Gruppe von ländlichen Kaderan¬geh
örigen leitete die Kampagne gegen die Insekten. Ihre Methode war äußerst primiti
v. Jeder Bauer entfernte die Insekten mit einer Bürste von den Halmen und zertra
t sie dann mit den Füßen.
Eine Menge Insekten und wenig Wasser
Als die Kommunisten merkten, daß dieses Vorgehen zu zeitraubend war, befahlen si
e, nachts Feuer anzuzünden, um die Insekten anzulocken. Die Schüler mußten tagsü
ber sieben bis acht Stunden Insekten abbürsten und zertreten und anschließend bi
s Mitternacht die Feuer schüren. Wir Stadtkinder waren nicht an so lange körperl
iche Arbeit gewöhnt. Oft saßen wir vor dem Feuer und dösten vor uns hin. So gesc
hah es manchmal, daß der Wind sich drehte und die Reishalme in Brand steckte. We
nn wir dann aufwachten, stand der Reis in Flammen.
Die Angehörigen der ländlichen Kader waren sehr streng, wenn ihnen zu Ohren kam,
daß der Reis wegen unserer Unachtsamkeit in Brand geraten war. Ein Junge aus un
serer Klasse namens Tschen Hsiang-li unterstand einem Kadermitglied, das stets s
chlecht gelaunt war. Er schlug ihn bis der ganze Körper blutunterlaufen war und
sagte, der Junge habe aus böser Absicht das Getreide des Volkes zerstört. Er wer
de den Vorfall den zuständigen Behörden melden.
Ein andermal wurden etwa achtzig Schüler unserer Schule in Gruppen zu vier einge
teilt. Die Kommunisten brachten zwanzig hölzerne Wassertretmühlen. Jede war an d
er Spitze mit zwei Paar Pedalen ausgerüstet. Diese Pedale trieben eine Kette mit
waagrechten Holzbrettern an, die das Wasser durch einen Kanal pumpten. Das Wass
er mußte zu den höhergelegenen Reisfeldern hinaufgetreten werden. Vier Kinder ha
tten ein Fördergerät zu bedienen und es den ganzen Tag und oft auch noch nachts
in Gang zu halten. Zwei von uns befanden sich oben, hielten uns an hölzernen Que
rbalken und traten die Pedale, als ob wir Treppen steigen wollten. Die Tage ware
n lang und heiß. Wir bekamen Krämpfe, Blasen und Schwielen, und es flimmerte uns
vor den Augen. Nach einem Monat im Einsatz gegen die Dürre bei wenig Essen und
wenig Schlaf waren wir zu Skeletten abgemagert.

Schläge für gestohlene Bohnen


Es schien mir, als habe es in den ländlichen Gebieten mehr Widerstand gegeben al
s in den Städten. Die Bauern wurden beim geringsten Anlaß von den Kommunisten be
straft. Obwohl sie für Nahrungsmittel schuften mußten, waren sie immer unterernä
hrt, auch wenn es eine gute Ernte gegeben hatte. Bei einem meiner Landaufenthalt
e wurde ich Zeuge, wie ein über sechzigjähriger Mann mit nacktem Oberkörper mit
den Händen an einen über ihm hängenden Ast gebunden und ausgepeitscht wurde. Das
war eine Demonstration zum Wochenende, um uns zu zeigen, was mit Dieben gescheh
en würde. Er wurde bestraft, weil er ein paar Sojabohnen gestohlen hatte.
Sie hatten Wang eines Abends dabei erwischt, wie er in seiner Küche Bohnen röste
te. Als ein Funktionär ihn fragte, woher er die Bohnen hatte, konnte er keine be
friedigende Antwort geben. Man nahm ihm die Bohnen weg und berief eine öffentlic
he Versammlung ein. Alle Dorfbewohner mußten daran teilnehmen. Nachdem die Kommu
nisten den alten Mann ausgepeitscht hatten, gossen sie Salzwasser über seine Wun
den. Dann schütteten sie die Bohnen auf den Boden und Wang mußte sie einzeln auf
lesen. Die Kommunisten sagten, es genüge nicht, daß er sie zu zweien oder dreien
auflese, weil er den alleinigen Besitz von Volksgut angestrebt hatte. So mußte
er die Bohnen einzeln an das Volk zurückgeben.
Ich frage mich, ob die Dorfbewohner auch nur eine einzige von diesen Bohnen wied
ergesehen haben. Ich glaube vielmehr, daß sie entweder einzeln oder zu mehreren
mit Wein von den ländlichen Funktionären, die dem Volk dienten, verspeist wurden
.
Die Zustände auf dem Land waren zweifellos auch nicht besser als in den Minen, e
her schlimmer. Zum Schutz der Kinder wurde nichts unternommen. Selbst Kinder unt
er dreizehn Jahren mußten wie Erwachsene zwölf bis sechzehn Stunden am Tag arbei
ten. Ein zwölfjähriger Junge arbeitete einen Tag und eine Nacht in einer Mühle u
nd mußte anschließend eine Viehherde hüten. Er war so erschöpft, daß er völlig e
ntkräftet zu Boden fiel und einschlief. Die Ortszeitung bezeichnete diesen »klei
nen Verbrecher« als faul und verdorben. Als Strafe bekam er mehrere Mahlzeiten n
acheinander nichts zu essen.
Um ein Haar getötet
Als 1963 das letzte Jahr an der Mittelschule heranrückte, fürchtete ich, daß ich
die Universität vielleicht nicht besuchen dürfte, weil ich nicht Mitglied der J
ugendliga war. Man hielt mich für zu wenig rot und nicht genug begeistert. So ma
ßte ich beweisen, daß ich ein »positives Element« war.
Zu diesem Zeitpunkt fürchteten die chinesischen Kommunisten, daß die Truppen der
Russen von Norden und die der Republik China von Taiwan zur Küste von Fukien vo
rdringen könnten. Sie hielten schon das Gras und die Bäume für Feinde. Tag und N
acht wurden Vorbereitungen getroffen. Anstatt des Unterrichts mußten wir Luftsch
utzkeller graben.
Ich dachte, ich könnte ein positives »politisches Denken« beweisen, indem ich fl
eißig grub. Ich war stets die erste, die auf das Hügelgelände hinter unserer Sch
ule zurannte. Diese Arbeit war eine Art Wettbewerb. Wir kämpften verzweifelt dar
um, die beste Klasse zu sein und auch persönlich als Modellschüler eingestuft zu
werden. Mit Hacke und Schaufel bemühte ich mich, stets die fleißigste zu sein.
Aber meine körperlichen Kräfte waren begrenzt. Ich war nicht einmal einen Meter
fünfzig groß und wog keine vierzig Kilo. Ich war daß und hatte nicht viel Kraft
in meinen dünnen Armen. Die Hacke drang. nicht weit genug in den Boden, sosehr i
ch mir auch Mühe gab. Ich biß meine Zähne zusammen und nahm die gelbe Erde in An
griff, die bald darauf zwei Menschenleben und ein Dutzend Verletzte forderte, da
runter auch ich.
Der Gang führte etwa drei Meter senkrecht hinunter und schob sich dann waagrecht
in den Hügel. Die Erde war zäh und hielt zunächst ganz gut zusammen. Aber dann
regnete es ein paar Tage. Wir befanden uns im Luftschutzkeller und waren gerade
dabei, lange Bänke aus den Wänden herauszugraben, als plötzlich die Erde über un
s mit lautem Dröhnen zusammenbrach. Ein Schüler war so tief verschüttet, daß jed
e Hilfe zu spät kam. Ein weiterer starb an den Verletzungen. Ein weiteres Dutzen
d wurde verletzt. Mein linkes Bein war gebrochen und ich mußte über einen Monat
im Bett liegen.
Zwei Schüler waren ums Leben gekommen, aber die Schulbehörde bekundete nicht ein
mal ihre Anteil¬nahme. Solche Ereignisse waren unvermeidlich und man mußte sie i
m Zug der Kriegsvorbereitungen einfach in Kauf nehmen.
Aus Angst vor einem Angriff führten die Kommunisten Militärausbildung als Pflich
tfach in den Oberschulen ein. Wer in diesem Fach versagte, bekam keinen Schulabs
chluß und hatte somit auch keine Möglichkeit, die Universität zu besuchen. So ma
chte ich es mir zur Gewohnheit, morgens früher aufzustehen, um an einer Sonderau
sbildung im »Achthundert-Meter-Kampflauf« teilzunehmen, mit dem Sturmgepäck auf
dem Rücken. Eines Tages fühlte ich den Boden unter meinen Füßen wanken. Ich hatt
e noch nicht einmal die Hälfte der geforderten Strecke zurückgelegt. Als ich wie
der zu mir kam, lag ich auf dem Boden des Klassenzimmers. Meine Freunde erzählte
n mir, daß sie mich hierhergetragen und lange gewartet hätten, bis ich das Bewuß
tsein wiedererlangte. Das war von nun an öfter der Fall. Jetzt zeigten sich wohl
die Folgen der langanhaltenden Unterernährung in der »Zeit der Schwierigkeiten.
« Ohne Hoffnung, ein »positives Element« zu werden und auf Grund meines schlecht
en Gesundheitszustands wurde ich nun pessimistisch und passiv.
Es ist verboten, das Bewußtsein zu verlieren!
Als Mittelschüler mußte ich eine Zeitlang auf dem Land in großen Kasernen zubrin
gen und die Kleider der Soldaten der »Volksbefreiungsarmee« waschen. Die Uniform
en und die Unterwäsche waren schwer, schmutzig und voller Flicken. Da wußte ich,
daß nicht einmal die Soldaten ein erträgliches Leben führten.
Eines Tages trug ich ein Bündel mit annähernd fünfzig Kleidungsstücken zum Dorfb
runnen und begann sie zu waschen. Ich nahm mir die etwas leichteren Kleidungsstü
cke vor. Ich konnte die baumwollgefütterten Hosen und Jacken kaum halten, wenn s
ie naß waren. Die Mittagssonne brannte heiß und stechend. Ich schwitzte und beka
m kaum noch Atem. Die anderen Schüler arbeiteten auf den Feldern und niemand war
in der Nähe, als ich zusammenbrach. Ich muß zwei Stunden in einer Pfütze gelege
n haben, bevor ich wieder zu mir kam. Ich konnte nicht mehr Weiterwaschen, so gi
ng ich nach Hause und berichtete, was geschehen war.
Anstatt mich medizinisch zu betreuen, wurde ich zurechtgewiesen und als »unvernü
nftig widerspenstig« bezeichnet. Sie sagten, meine Haltung sei ein Beweis meines
»sturen Widerstands« gegen den Grundsatz einer »Versetzung nach unten«, mit and
eren Worten, es war mir verboten, das Bewußtsein zu verlieren.
Als wir wieder zur Schule zurückkehrten, wurde eine Kritikversammlung speziell f
ür mich einberufen. Der Parteisekretär drückte es sehr vornehm aus. Er sagte, di
e Kritik sei dazu da, um mir zu helfen. Man betonte ständig, daß ich einer bourg
eoisen Klasse entstamme, daß ich für Härtefälle nicht geschaffen sei, daß die id
eologische Bürde zu schwer auf mir laste. Sie wollten nicht zugeben, daß ich kör
perlich zu schwach war. Sie kamen zu dem Schluß, daß ich sofort etwas unternehme
n müsse, um mich von meiner bourgeoisen Denkweise zu befreien.
Ich dachte bei mir, daß es besser gewesen wäre, wenn sie mir diese schweren, sch
mutzigen Uniformen nicht gegeben hätten, und ich fragte mich, warum es bei den K
ommunisten ein Verbrechen war krank zu sein. Ich war wütend, aber äußerlich mußt
e ich ruhig, gehorsam und überaus reumütig erscheinen. Ich mußte meine ganzen Kr
äfte aufbieten, um nicht aus Protest aufzustehen und hinauszugehen.
Verletzung der Menschenrechte
Am unglücklichsten schienen diejenigen zu sein, die Nervenzusammenbrüche erlitte
n. Die Kommunisten betrachteten das nicht als Krankheit. Ein Lehrer unserer Schu
le, Herr Lin, litt an krankhafter Schlaflosigkeit. Er war dünn und daß. Er wurde
zusehends schwächer und ruheloser, aber die Kommunisten hörten nicht auf sein B
itten, ihm etwas Ruhe zu gönnen, weil er einem Nervenzusammenbruch nahe war. Ans
tatt ihn behandeln oder einfach in Ruhe zu lassen, damit er sich erholen konnte,
fütterten sie seinen ohnehin schon überforderten Verstand mit Ideologie, bis er
den Verstand verlor.
Selbst in Liebesangelegenheiten war man nicht frei. Herr Su war ein junger Lehre
r unserer Schule. Er hatte ein hohes kulturelles Niveau. 1957 hatte man ihn alle
rdings als rechtsextrem abgestempelt und seine Zukunft war dadurch zunichte gema
cht. Man versetzte ihm einen Schlag nach dem anderen im Zug der »Anti-Rechtsextr
eme-Kampagne«, und er wurde später namentlich in den »fünf schwarzen Kategorien
der Bevölkerung« aufgeführt. Er hatte es schwer, den Mut nicht zu verlieren.
Dann kam eine junge Frau aus einer Arbeiterfamilie an unsere Schule, um dort zu
unterrichten. Sie verliebte sich in Herrn Su. Aber der Parteisekretär duldete ni
cht, daß man sie zusammen sah. Herr Su wurde angeklagt, »den Versuch unternommen
zu haben, die Nachkommen des Proletariats zu verführen und unehrenhafte Zuneigu
ng zu zeigen«. Aber damit nicht genug. Es wurde eine große Versammlung in der Sc
hule einberufen. Als alle Lehrer und Schüler versammelt waren, mußte Herr Su vor
treten. Er wurde aufgefordert, ehrlich zu bekennen, wie es ihm gelungen sei, sic
h die Lehrerin zu angeln. Er durfte nicht die kleinste Tatsache auslassen und zu
geben, daß er völlig verfehlt gehandelt habe und versprechen, daß er nie wieder
versuchen werde, dem Proletariat Schaden zuzufügen.
Der Sturm der Kulturrevolution
Die Große Proletarische Kulturrevolution begann 1966, als ich kurz vor dem Absch
luß der Mittelschule stand. Es war ein furchterregender Sturm, wie ein Gewitter
mit pechschwarzen Wolken, durchbrochen von Blitz und Donnerschlag. Die Schulen s
chlossen und die jungen Menschen, angefangen von den Erstklässlern bis zu den St
udenten unterstützten die beispiellose Kampagne. Sie studierten und lernten die
Worte Maos und lernten, wie man Opposition anfacht.
Angestachelt von den Arbeitsgruppen der Kulturrevolution wandten sich die Schüle
r zuerst gegen die »reaktionären Lehrer, die versuchten, bourgeoise Autorität au
szuüben«. Es handelte sich hierbei um Lehrer von hohem, kulturellem Niveau, die
sich der kommunistischen Partei jedoch nicht genügend unterwarfen. Die Kinder ko
nnten auch Lehrer angreifen, die ihnen aus irgendeinem Grund mißfielen.
Die ersten Monate der Kulturrevolution bestanden hauptsächlich nur aus Wortangri
ffen. Überall erschienen Wandzeitungen und unzählige Kritikversammlungen wurden
einberufen. Man gebrauchte viele böse Ausdrücke und neue, entsetzliche Ausdrücke
wurden geprägt. Man ließ die Roten Garden wie wilde Jagdhunde los. Was nun folg
te war unbeschreiblich und schrecklich.
An der Ersten Mittelschule von Nantschang suchten sich die Roten Garden einen Ch
inesischlehrer namens Tschiang als Ziel aus. Er war sehr gebildet, Ende vierzig
und für seine aufrechte Gesinnung bekannt.
Die Roten Garden brachten einen Stapel Schüsseln aus der Schulküche, zerbrachen
sie in Scherben und verstreuten sie vor dem Haupttor der Schule. Dann zogen sie
Tschiang heraus, hängten ihm ein Seil als »Halskette« um mit einem zehn Kilogram
m schweren Stein als Anhänger. Die Roten Garden rollten ihm die Hosenbeine hoch
und befahlen ihm, auf die Scherben zu knien. Tschiang weigerte sich. Er hatte ni
chts getan und sah auch keinen Grund, weshalb er sich den jungen Rebellen unterw
erfen sollte. Da schleiften, traten und schlugen sie ihn. Schließlich wurde er e
inem Dutzend Jugendlicher übergeben, die ihn demütigen sollten. Sie zwangen ihn
schließlich mit einem Schlag auf die Knie. Wir sahen, wie das Blut von seinen Kn
ien floß. Dann brachte jemand Pinsel und Tintentöpfe mit roter und schwarzer Tin
te. Lachend malten sie groteske Figuren auf Tschiangs Gesicht und die ganze Zeit
über schrien die Schüler häßliche Schimpfworte. Es war furchtbar, dabeistehen u
nd zusehen zu müssen. Wir waren traurig und böse, aber wir konnten Tschiang nich
t helfen. Wir sollten ihn anstarren und ihn mit den anderen verspotten. Hätten w
ir Mitleid mit ihm gezeigt, dann hätte man auch uns der Gruppe der »bösen Teufel
« end »bösen Geister« zugeordnet und uns ebenso behandelt.
Weitere Lehrer als Opfer
Zwei weitere Lehrer, ein Physiklehrer namens Lai und ein Mathematiklehrer namens
Yang begingen Selbstmord, nachdem sie von den Roten Garden angegriffen worden w
aren. Das einzige, was sie getan hatten und was die radikalen Schüler gegen sie
aufbrachte, war, daß sie strenge Noten gaben. Schlechte Schüler, die nichts gele
rnt hatten und es bei den strengen Lehrern schwer hatten, nützten die Kulturrevo
lution aus, um sich zu rächen. Die beiden Lehrer wurden auf den Sportplatz gezer
rt, wo sie Gesicht an Gesicht niederknien sollten. Sie wehrten sich, wurden aber
zusammengeschlagen. Gesicht, Arme und Beine waren von Wunden bedeckt. Dann befa
hl man ihnen, sich gegenseitig zu schlagen. Aber auch dazu mußte man sie erst mi
t der Peitsche überreden. Als sie sich eine Weile geschlagen hatten, mußten sie
sich mit den Fäusten traktieren, bis ihre Lippen aufgeplatzt und die Zähne ausge
schlagen waren.
Nach einer Pause, die ihnen die Roten Garden zugestanden hatten, erhielten sie g
ekochte »Weizenkuchen«, aber was man hineingetan hatte, drehte einem den Magen u
m. Die Lehrer konnten und wollten sie nicht essen, so wurden sie dazu gezwungen.
Die Roten Garden hielten ihnen den Kopf, öffneten ihnen gewaltsam den Mund und
stopften ihnen das Zeug hinein, das ich nicht mit Namen nennen will. Daraufhin ü
bergaben sich die Lehrer und ein paar der Roten Garden bekamen ihren vollen Ante
il ab. Daraufhin wurden sie so wütend, daß sie die Lehrer bewußtlos schlugen. Es
war unbeschreiblich grausam, aber keiner wagte zu protestieren. Nachts krochen
die beiden Lehrer zu einer Anhöhe und stürzten sich in die Tiefe, um ihrem Leben
ein Ende zu bereiten.
Eine Physiklehrerin war wegen ihrer Abneigung gegen Würmer bekannt. So viel ich
weiß hatte sie nichts getan, aber die Roten Garden wollten sie auf die Probe ste
llen. Sie fesselten sie und setzten ihr ein paar haarige Raupen an den Hals. Ihr
e Reaktion war entsprechend. So beschlossen die Roten Garden, sie mit dem zu füt
tern, was sie am meisten verachtete. Sie begannen, ihr Vorhaben in die Tat umzus
etzen, aber die Lehrerin machte nicht mit. Bevor sie den Wurm noch geschluckt ha
tte, verlor sie den Verstand.
Ich muß hinzufügen, daß nicht alle Schüler den Roten Garden angehörten. Nur die
Kinder der höheren Parteifunktionäre und andere, die sich für besonders progress
iv hielten, führten das Pack an und befahlen, was zu tun war. Es waren auch nich
t alle Jugendlichen venückt. Viele hatten so viel Verstand, daß sie wußte, daß s
ie verrückt spielen und Greueltaten verüben mußten, wenn sie nicht das Schicksal
der bedauernswerten Lehrer und anderer Unschuldiger teilen wollten.
Ich kann nur ein paar Beispiele all dieser unglaublichen Vorfälle nennen, die si
ch in China abspielten. Sie waren so entsetzlich, daß es mir bei dem bloßen Geda
nken daran übel wird. Ich habe versucht, sie zu vergessen, und ich wünsche, all
das hätte sich nie zugetragen.
Entweihte Buddhas und verbrannte Bibeln
Die Kulturrevolution breitete sich von den Schulen auf die ganze Gesellschaft au
s und stellte das ganze Land auf den Kopf. Die Kommunisten waren fest entschloss
en, die »vier alten Dinge« auszurotten, die alte Denkweise, die alte Kultur, die
alten Bräuche und die alten Gewohnheiten. Diese wurden durch die »vier neuen Di
nge« der proletarischen, sozialistischen Denkweise, Kultur, Bräuche und Gewohnhe
iten ersetzt. Die Roten Garden wußten, wie man diese Umwandlung am besten durchf
ührte. Rücksichtslos machten sie sich daran, die Kultur zu zerstören, die Tausen
de von Jahren die Wurzel des Lebens der Bevölkerung gewesen war. Die Kommunisten
schafften sämtliche Festtage ab, die für Chinesen charakteristisch waren. Mit d
er Ahnenverehrung wurden auch die Gräber abgeschafft oder zerstört. Tempel wurde
n geplündert und Götzenbilder aller Formen dem Vandalentum ausgesetzt.
Schon von Beginn der Machtübernahme an durch die Kommunisten waren religiöse Akt
ivitäten verboten. Ausländische Missionare wurden als »Spione« oder »imperialist
ische Agenten« verfolgt. Die chinesischen Pfarrer wurden als Gegenrevolutionäre
und als rechtsgerichtet abgestempelt. Die Kirchen und ähnliche Organisationen wu
rden geschlossen und ihr Eigentum wegen angeblicher politischer und geheimdienst
lerischer Tätigkeit beschlagnahmt. Buddhisten, Taoisten, Mohammedaner und Christ
en wurden gleichermaßen verfolgt.
Aber die Kommunisten wußten, daß in Privathäusern noch immer Bibeln versteckt wa
ren. So organisierte die Kulturrevolution eine Kampagne der Bibelsuche. Allein i
n Nantschang fanden die Roten Garden über achttausend Bibeln. Sie wurden beschla
gnahmt, auf dem Marktplatz aufgestapelt und verbrannt.
Bei dieser Kampagne kam es zu keinem Blutvergießen, aber es kam zu einer kleinen
Episode, die bei den Einwohnern von Nantschang als die »Geschichte der Bibelwäc
hter« die Runde machte.
Ich muß hier klarstellen, daß ich kein Christ bin und auch nie war. Aus unserer
Familie ist niemand getauft. Ich berichte hier nur von den »Bibelwächtern«.
Ein altes Ehepaar wohnte in einer engen Gasse in Nantschang. Es hielt heimlich a
n seiner letzten Bibel fest, auch noch als ihm fast der gesamte Besitz genommen
worden war. Als überzeugte Christen mit beachtlicher Bildung nahmen sie ihre Bib
el hervor, wenn sie allein waren. Sie lasen darin, beteten und fanden trotz alle
m Frieden.
Als sie hörten, wie gründlich die Roten Garden nach den Bibeln suchten, wußten d
er alte Mann und seine Frau, daß man auch ihre Bibel früher oder später finden u
nd sie ihnen nehmen würde. So verbrannten sie sie selbst, lösten die Asche in Wa
sser auf und tranken das Ganze.
Irgendwie kam die Geschichte den Roten Garden zu Ohren. Ich hörte, daß die alten
Leute eine schlimme Lektion erhielten, weil sie sich so »stur« gezeigt hatten.
Aber ich weiß nicht, was aus ihnen wurde.
Plünderung aller Häuser
Die Ausrottung der »vier alten Dinge« war von unverhüllter Plünderung begleitet.
Die Chinesen haben einen Ausdruck, der bezeichnet, daß man sich am Unglück ande
rer bereichert. Er lautet, ein Haus auszurauben, das in Flammen steht. Genau das
taten die Kommunisten mit ihren Roten Garden als Werkzeug, unter dem Vorwand, n
ach verbotenen Dingen, wie Bildern von Tschiang Kai-schek, nationalistischen Fah
nen oder nicht registriertem Gold zu suchen.
Uns hatte man aus der Stadt in ein schäbiges Haus in den Außenbezirken vertriebe
n. Trotzdem kamen die Roten Garden auch zu uns. Da meine Eltern aus Taiwan stamm
ten, sagten die Roten Garden, wir hätten vielleicht ein Bild oder eine Fahne ver
steckt, die unsere Verbindung zu der Nationalistischen Partei bewiesen. Sie durc
hsuchten das Dach, die Wände, Kisten, Schachteln, ja, sie gruben sogar d?? Fußbo
den um. Sie konnten nichts von dem finden, was sie gesucht hatten, aber als sie
gingen, fehlte ein Paar Armreifen meiner Mutter.
Bei einer Familie in der Stadt wurde ein altes Schulbuch gefunden, das einmal we
ggeräumt und dann vergessen worden war. In diesem Buch befanden sich Bilder von
Tschiang Kai-schek und der Fahne der Republik China. Alle Familienmitglieder wur
den sofort als Kriminelle abgestempelt. Man zerrte sie aus dem Haus und sie mußt
en auf der Straße knien. Sie wurden beschuldigt, »Gedanken zu horten, die die ne
ue Ära bekämpften« und mit Kot überschüttet. Man verfolgte sie mit Haß und behan
delte sie als böse Geister und verdorbene Teufel, die die Roten Garden niedersch
lagen und auf denen sie herumtrampeln sollten.
Einmal erfuhren die Kommunisten von Informanten, daß ein Ehepaar Gold versteckt
hatte. Als die Frau verhaftet wurde, sagte mai, ihr Mann habe behauptet, daß sie
eine Unze Gold als Teil ihrer Mitgift versteckt halte. Die Kommunisten hatten d
as frei erfunden, aber die Frau ging in die Falle. Sie wurde wütend und sagte, s
ie besitze nicht mehr als eine dreiviertel Unze, aber ihr Mann habe vier goldene
Ringe unter einem Krug in der Küche versteckt. Er müsse angeklagt werden. So ve
rloren sie ihr ganzes Gold.
Ausreden der Plünderer
Intellektuelle wurden am schlimmsten verfolgt. Bei ihnen dauerten die Haussuchun
gen oft tagelang. Alles, was auch nur den geringsten Wert hatte, wurde entweder
mit oder ohne Wissen des Eigentümers mitgenommen. Die kommunistischen Zeitungen
gaben zwar zu, daß die Kampagne zur Zerstörung der vier alten Dinge die Moral de
r Kampagnenhelfer beeinträchtige, aber die Zeitungen sprachen nur von »Stehlen i
m Vorübergehen», was so viel heißen sollte, daß nicht vorsätzlich gestohlen wurd
e, sondern daß die Gegenstände so günstig herumlagen, daß man sie ganz einfach n
icht übersehen konnte.
Es konnte nicht ausbleiben, daß diese jungen Rebellen allmählich untereinander S
treit bekamen. Der Machtkampf, den Mao Tse-tungs Frau Tschiang Tsching für ihren
Mann führte, war wie das Gezänk von Räubern um die Beute. Tschiang Tsching präg
te den Wahlspruch: »Greift mit Worten an und verteidigt euch mit Waffen!« Damit
wollte sie die Roten Garden ermuntern, ihre Gegner mit Gewalt anzugreifen. Junge
Menschen reagierten darauf wie entfesselte wilde Tiere. Sie richteten überall Z
erstörung an. Viele von ihnen durchzogen das ganze Land in Gruppen, um revolutio
näre Gedanken untereinander auszutauschen.
Wo immer die Roten Garden hinkamen, veränderten sie Straßennamen. Sie kratzten d
ie alten Bezeichnungen ab und schrieben in greller Handschrift Namen ihrer Wahl
hin. Überall erschienen Namen wie »Anti-Revisionismus-Straße« und »Revolutions-S
traße«. Auch die Namen von Krankenhäusern, Geschäften und anderen Einrichtungen
wurden geändert, wenn sie auch nur im entferntesten an die alte Zeit erinnerten.
Als ob sie nicht schon genug Unheil angerichtet hätten, marschierten die Roten
Garden schließlich zu den Kasernen, um die Waffen der »Volksbefreiungsarmee« an
sich zu bringen. Sie handelten in Übereinstimmung mit der Aussage Mao Tse-tungs,
daß politische Macht aus Gewehrläufen kommt.
Fast jeden Tag hörten wir von Zusammenstößen zwischen Roten Garden und Soldaten.
Der Aufruf: »Greift mit Worten an und verteidigt euch mit Waffen!« hatte sich z
um offenen, bewaffneten Kampf ausgeweitet. Zahlreiche Schüler und andere Kinder,
die sich nicht mehr schnell genug in Sicherheit bringen konnten, wurden getötet
.
Im Winter 1967 veranlassten ein Dutzend Roter Garden etwa eine gleiche Anzahl Sc
hüler, die keine Roten Garden waren, sich mit ihnen zusammenzutun. Gemeinsam sch
lichen sie sich in eine Kaserne in Nantschang, von wo sie mit fünf oder sechs Ge
wehren, Munition und einer Anzahl Handgranaten wieder zurückkehrten. Als die Sol
daten das entdeckten, verfolgten sie die Jugendlichen, die sich in einem Haus in
der Befreiungsstraße (es war Nr. 20, ich kann mich noch gut daran erinnern) ver
steckten und vom dritten Stock auf die anrückenden Soldaten schossen. Diese kame
n jedoch näher und erwiderten das Feuer.
Die meisten Leute der Umgebung brachten sich in Sicherheit, aber ein Teil der Ha
usbesetzer saß in der Falle. Schließlich rückten die Soldaten mit Granatwerfern
an und beschossen das Haus. Sie richteten großen Sachschaden an und sechs Rote G
arden kamen ums Leben. Zwei Schüler, Hsu und Huang, wurden in diesem Gefecht get
ötet. Ich hatte sie beide gekannt. Außerdem kam ein dreijähriges Kind ums Leben,
das sich in dem Haus befand.
Wir durften nirgends hingehen. Die chinesischen Familien, die vor der kommunisti
schen Machtübernahme von Taiwan auf das Festland gezogen waren und ihre Kinder,
die in China zur Welt kamen, wurden von den Roten sehr schlecht behandelt. Viele
bezeichnete man kategorisch als »reaktionär« und »Verschwörer der Kräfte von au
ßen«. Mit anderen Worten, sie erklärten uns für »ch'ih-le p'a-wai«, d. h. wir ar
beiteten für die Interessen einer gegnerischen Gruppe zum Nachteil der Kommunist
en. Sie behaupteten weiterhin, daß wir mit den taiwanesischen Behörden zusammena
rbeiteten und mit den amerikanischen Imperialisten gemeinsame Sache machten. Abe
r keiner von uns hätte es gewagt, hinter dem dichten Bambusvorhang derartige Kon
takte nach außen zu knüpfen. Wir hätten auch gar nicht die Möglichkeit dazu geha
bt. Die Anschuldigung, mit den Amerikanern gemeinsame Sache zu machen, diente nu
r dazu, uns gefügig zu machen. Wir Taiwanesen galten von Anfang an als verdächti
g. Wir wurden aufs schärfste bewacht. Nichts, was wir sagten oder taten, entging
den Kommunisten. Kaum einmal erhielten wir eine Reisegenehmigung. Wir konnten n
ur von einem Ort zum anderen reisen, wenn wir die Kommunisten überzeugt hatten,
daß wir nichts Böses im Schild führten. Unsere Post wurde zensiert. Man nahm sog
ar chemische Mittel zu Hilfe, um zu sehen, ob wir eventuell unsichtbare Tinte be
nutzt hätten.
Wir waren in vieler Hinsicht sehr eingeengt. Wir durften die Wohnung oder die Ar
beit nicht ohne Erlaubnis wechseln. Auch war uns verboten, mit Fremden zu sprech
en und ohne Erlaubnis in eine andere Stadt zu reisen. Wer gegen diese Regel vers
tieß, mußte mit dem Schlimmsten rechnen.
Korrespondenz mit Verwandten oder Freunden auf Taiwan konnte den Tod bedeuten. E
inmal hatte irgendein Verwandter unsere Adresse erfahren und uns vom Ausland ein
en Brief geschickt. Wir erhielten den Brief nie. Aber Vater wurde von den Kommun
isten verhaftet und eingesperrt. Sie bestanden darauf, er solle ein Geständnis a
blegen. Vater wußte überhaupt nicht, was er gestehen sollte. Später sagten ihm d
ie Kommunisten, daß er von einer bestimmten Person einen Brief erhalten habe. Va
ter konnte sich nicht einmal an den Namen erinnern. Er sagte dies und fügte hinz
u, er habe nie versucht, irgend jemand im Ausland einen Brief zu schreiben.
Als Vater die Antworten, die die Kommunisten hören wollten, nicht geben konnte,
hingen sie ihn an den Händen auf und schlugen ihn. Er wurde Tag und Nacht ununte
rbrochen verhört, mit glühenden Eisen gebrannt und mit dem Kopf in kaltes Wasser
getaucht. Vater sagte ihnen, bei dem Briefschreiber handle es sich vielleicht u
m einen entfernten Verwandten, daß er weder früher einen solchen Brief erhalten
noch an irgend jemand irgendwelche Geheimnisse weitergegeben hätte. Aber die Kom
munisten gaben sich nicht damit zufrieden. Acht Monate lang hielten sie Vater in
Gewahrsam und quälten ihn weiter.
Wir durften ihn nicht besuchen. Die Leute mieden uns aus Furcht, in die Sache hi
neingezogen zu werden. Mutter weinte ständig. Vater war ein wandelndes Skelett,
als sie ihn schließlich freiließen. Er hatte ein langes Geständnis geschrieben,
aber sein Haß gegenüber den Kommunisten war jetzt abgrundtief.
Das Schicksal der schwarzen Gruppe
Jeder, der aus Taiwan stammte, kam allmählich in die schwarze Gruppe. Wir wurden
immer strenger kontrolliert und die Strafen verschärft. Ein gewisser Tscheng au
s Jünlin in Zentraltaiwan wurde dabei erwischt, als er sagte, er glaube nicht, d
aß die Bevölkerung Taiwans Bananenschalen essen müsse. Die Kommunisten hatten de
r Bevölkerung gesagt, die Nahrungsmittel auf Taiwan seien so knapp, daß sich die
Inselbewohner glücklich priesen, wenn sie Bananen¬schalen bekommen könnten. Tsc
heng glaubte das nicht. Er konnte eine derartige Lüge über Taiwan, wo er geboren
war, nicht hinnehmen.
Die Kommunisten legten diesen Widerspruch als großes Verbrechen aus und schleift
en Tscheng zur »Kritik und Bestrafung« aus dem Haus. Sie malten sein Gesicht sch
warz an, setzten ihm eine Narrenkappe aus Zeitungspapier auf, gaben ihm eine alt
e Waschschüssel in die Hand und banden ihm ein Seil um die Hüfte. Er wurde durch
die Stadt gezogen und mußte auf die Schüssel schlagen und rufen, er sei des Tod
es schuldig, da er ein Verräter und Untergrundagent sei. Danach sahen wir Tschen
g nicht wieder. Niemand wagte zu fragen, wo er geblieben war und was man mit ihm
gemacht hatte.
Lin war ein einfacher Geschäftsmann. Er besaß Textilwarengeschäft, das nicht wei
t von unserem Geschäft entfernt lag, als wir noch in der Stadt wohnten. Man erwi
schte ihn beim »Ausführen einer anti-revolutionären Tat«. Die Kommunisten behaup
¬teten, er verkaufe Informationen nach Taiwan.
Lin war Durchschnittsgeschäftsmann. Er besaß überhaupt keine Möglichkeiten, Nach
richten über innere Angelegenheiten der Kommunisten zu bekommen, geschweige denn
, sie weiterzugeben. Ich bezweifle sogar, ob er die Bedeutung der Anklage überha
upt begriff.
Lin wußte, daß er als gebürtiger Taiwanese sorgfältiger sein mußte. Aber er hatt
e unter dem Dach ein altes Radio verborgen. Als die Kommunisten beschlossen, ein
e weitere Haussuchung bei ihm durchzuführen, fanden sie das staubbedeckte Radio.
Sie behaupteten jedoch, daß der Knopf und der Anzeiger nicht staubig gewesen se
ien. Die Kommunisten beschuldigten ihn, »die Stimme der amerikanischen Imperiali
sten« und Sendungen aus Taiwan gehört zu haben.
Lin beteuerte, das Radio sei schon lange nicht mehr benützt worden, wie man am S
taub erkennen könne, aber sie ließen das nicht gelten. Die Kommunisten beschloss
en, ihn einzusperren. Dann schlugen sie ihn, um zu sehen, wie lange er sich stur
stellte. Sie gaben ihm nichts zu essen und er kam in Einzelhaft. Lin hielt ein
halbes Jahr durch, ohne etwas zuzugeben, was er nicht getan hatte. Als die Kommu
nisten sahen, daß sie Lin das gewünschte Geständnis nicht abfordern konnten, ent
ließen sie ihn. Er mußte jedoch jeden vieren Tag beim Amt für öffentliche Sicher
heit vorsprechen und alles berichten, was er in der Zwischenzeit gesagt oder get
an hatte.
Das Leben wurde ihm so unerträglich, daß er sich eines Nachts das Leben nahm. Ab
er damit war das Unglück noch nicht zu Ende. Da mein Vater Lin gekannt hatte, be
lästigten ihn die Kommunisten nun jeden Tag mit Fragen. Sie behaupteten, Lin müs
se vor seinem Tod etwas gesagt haben, irgendetwas, wie er seine Nachrichten an d
en Mann gebracht hatte.
Das war zu viel für Vater. Seine Gesundheit war ohnehin schon angegriffen, und d
iese zusätzliche Quälerei machte ihn vollends krank. Er litt auch noch an den in
neren Verletzungen, die ihm von seinem Gefängnisaufenthalt geblieben waren, als
man ihn wegen des Briefes eingesperrt hatte, dessen Absender ihm nicht einmal be
kannt war. Er wurde bettlägerig und starb bald darauf.
Ich selbst habe mehrmals erwogen, Selbstmord zu begehen. All diese Tragödien so
kurz nacheinander, wurden mir zuviel. Aber dann fragte ich mich, was aus Mutter
würde, wenn auch ich nicht mehr da wäre. Ich tröstete mich nur mit dem Gedanken,
daß auf die Dunkelheit die Dämmerung folgen mußte.
Junge Menschen werden ausgeschaltet
Um die Tätigkeit der Roten Garden zu verschleiern und den bewaffneten Auseinande
rsetzungen zwischen den Jugendlichen und den Soldaten ein Ende zusetzen, regten
die Kommunisten großangelegte »Versetzungen nach unten« an. Das löste sowohl das
Problem der Jugendarbeitslosigkeit als auch das Bestreben der Jugendlichen nach
weiterer Ausbildung. Die Kommunisten konnten die Jugendlichen mit Schulbildung
von den armen Bauern der niedrigsten Klasse »umerziehen« lassen und gleichzeitig
diejenigen ausbeuten, die in den Städten nicht mehr nützlich waren.
Ich befand mich in einer Gruppe von über zweihundert Jugendlichen, die von den K
ommunisten in die Berge von Tschiauling geschickt wurden, wo die Provinzen Kiang
si, Fukien und Kwangtung zusammentreffen.
In den drei Jahren, die ich dort verbrachte, bekam ich nie eine ordentliche Mahl
zeit. Es gab nie genug Öl, und es war ein Wunder, wenn man einmal etwas braten k
onnte. Man wischte die Pfanne mit ein klein wenig Fett aus, bevor man das geschn
ittene Gemüse hineingab.
Unsere Arbeit begann normalerweise von Sonnen¬aufgang und dauerte bis Sonnenunte
rgang. Wir nannten das die Dunkelheit mit den zwei Köpfen, »liang-t'ou-heh«. Das
Leben in der Kommune war nicht nur stumpfsinnig, es war eine Qual.
Wir wohnten in einer Scheune über dem Vieh und dem Ackergerät. Lange vor Sonnena
ufgang wurden wir durch einen Gong geweckt, stolperten vom Heuboden zum Fluß hin
unter, um uns zu waschen, aßen, was immer es gerade zum Frühstück gab und gingen
dann zur Arbeit. Manchmal mußten wir eine Stunde gehen, bevor wir unseren Arbei
tsplatz erreichten. Mittag- und Abendessen gab es im Freien.
In der Tschiauling-Kommune gab es keine Elektrizität, dafür aber um so mehr Mosk
itos. Nachts mußten wir unsere Öllampen unter das Moskitonetz nehmen, wenn wir l
esen wollten. Wir waren jung. Man hatte uns aus dem Familien- und Schulleben ger
issen. Das Verlangen nach Büchern und Wissen wurde immer stärker, je mehr man un
s dies verweigerte. Einmal fing ein Moskitonetz Feuer, unter dem mehrere von uns
saßen. Danach durften wir nachts nicht mehr lesen, ja, man verbot uns sogar, na
chts miteinander zu plaudern. Wir kamen uns halb blind und halb taub vor.
Bergtragödien
Die Eintönigkeit des Berglebens machte uns alle ein wenig seltsam. Ein Milizführ
er Anfang vierzig vernarrte sich in ein attraktives neunzehnjähriges Mädchen aus
gutbürgerlichem Hause. Sie versuchte, ihn zu ignorieren, aber er ließ sich nich
t abweisen. Schon vor der Dämmerung erschien er entweder mit Lohn oder Strafe. A
llmählich ging sie ihm in die Falle und bald darauf wurde sie schwanger. Jetzt w
ar es umgekehrt, denn sie mußte ihm nachlaufen. Der einzige Ausweg bot sich in e
iner Heirat, aber da sagte er, er habe in der Stadt eine Frau. Daraufhin schrieb
sie nach Hause und bat um Hilfe. Ihre Eltern gingen vor Gericht. Das Urteil war
nicht nur unerwartet, sondern auch völlig absurd. Das Gericht sagte, das Mädche
n habe versucht, sich eine Versetzung nach oben zu erködern. Der Milizführer war
über allen Verdacht erhaben, und sie war die Schuldige. Sie wußte keinen andere
n Ausweg mehr, als sich von einem Felsen in die Tiefe zu stürzen und sich das Le
ben zu nehmen.
In der Tschangtschou-Kommune in derselben Gegend starb ein junges unverheiratete
s Mädchen bei der Geburt ihres Kindes, während ihr Freund hilflos zusehen mußte.
Die beiden wußten, daß sie ein Kind erwarteten, aber sie wußten auch, daß sie n
icht heiraten durften. Die zukünftige Mutter hatte sich eng geschnürt, um ihren
Zustand zu verbergen. Als die Stunde der Geburt kam, war es mitten in der Nacht,
und nur der Freund war zur Stelle. Aber er wußte nicht, was zu tun war.
Meine Flucht in die Freiheit
In der Tschiauling-Kommune maßte ich zunächst wie die anderen auf den Feldern ar
beiten. Es war nicht einfach, den ganzen Tag in der heißen Sonne im Reisfeld zu
knien, die Hände tief im Schlamm vergraben, und das hartnäckige Unkraut herauszu
ziehen. Abends konnte ich mich kaum noch erheben. Ich hatte Schmerzen, als habe
man mich auf die Folterbank gespannt. Zweimal verlor ich auf den Feldern das Bew
ußtsein, aber man sagte mir, ich versuchte nur, mich vor der Arbeit zu drücken.
Ich maßte bitten und flehen, bis ich sie überzeugt hatte, daß ich für die Feldar
beit nicht kräftig genug war.
Schließlich wurde ich zur Wasch- und Küchenarbeit eingeteilt, aber ich war auch
zu schwach, um die Kleider sauber zu bekommen und der Reis wurde oft klebrig ode
r brannte an. Das Gemüse schmeckte nicht, weil wir kein Öl hatten. Ich wurde stä
ndig vor den arbeitenden Massen« beschuldigt, irgendetwas verpfuscht zu haben.
Nachts konnte ich oft nicht einschlafen. Manchmal wenn ich von meinem Bett aus d
em Mond sah, dachte ich daran, daß derselbe Mond auch über Taiwan schien, und ic
h fragte mich, weshalb ich dieses Joch nicht abwerfen und weglaufen konnte. Die
Welt draußen konnte doch nicht so schlecht sein.
Zwei meiner Klassenkameradinnen vom Gymnasium waren ebenfalls in Tschiauling. Ir
gendwie hatten sie ein kleines Radio organisiert. Wir drei schlichen uns oft in
dem Kuhstall, wenn die anderen schon schliefen und hörten die Stimme des freien
China, die von Taiwan ausgestrahlt wurde, aus einer Entfernung von knapp fünfhun
dert Kilometern östlich von uns. Je öfter wir die Sendung hörten, desto entschlo
ssener wurden wir, zu fliehen.
Im Oktober 1972 hörten wir im Radio, wie der Doppel-Zehn-Nationalfeiertag der Re
publik China (der 10.10.) auf Taiwan gefeiert wurde und was die Insel in wirtsch
aftlicher, kultureller und erziehungswissenschaftlicher Hinsicht erreicht hatte.
Die Kommunisten hatten uns viel Schlechtes über Taiwan erzählt, aber wir glaubte
n ihnen schon lange nicht mehr. Wir hatten das Elend auf dem chinesischen Festla
nd am eigenen Leib erfahren und wir wußten, daß es draußen nur besser sein konnt
e. Die Rundfunksendungen bestätigten uns darin, und da wußten wir, daß wir nicht
mehr länger warten konnten.
Ein paar Tage später, Mitte Oktober, verließen meine Freundinnen und ich die Kom
mune, in der wir drei Jahre gelebt hatten. Wir besaßen einen Kompaß und eine Tas
chenlampe. Tagsüber versteckten wir uns und nachts gingen wir. Die Entfernung vo
n Tschiauling nach Hongkong beträgt etwa dreihundertsechzig Kilometer Luftlinie.
Zu Fuß ist es natürlich mehr. In den Wochen, in denen wir zur Grenze unterwegs
waren, lebten wir in ständiger Furcht, entdeckt und wieder zurückgeschickt zu we
rden.
Nie werden wir die Nacht vergessen, in der wir über die Grenze krochen und nach
Kaulun (Kowloon) kamen. Plötzlich sahen wir Millionen von Lichtern unterhalb der
Hügel und auf der anderen Seite des Wassers. Hongkong! Mir rollten die Tränen ü
ber die Wangen und es wurde mir ganz schwach. Meine Beine waren ganz gefühllos.
Meine Freundinnen stützten und schüttelten mich. »Tscheng Jen-yuan, reiß dich zu
sammen. Wir sind frei! Wir brauchen uns nicht mehr zu fürchten!«

Ergänzende Literatur zum Thema Kommunismus:


1. Karl Marx und Satan - Richard Wurmbrand
2. Der Weltkommunismus Dr. René Monod
3.Der Bolschewismus und die Gemeinde Jesu - Hans Lohmann
4. Chinas roter Himmel - Lelie T. Lyall
5. Im Osten - Corneli Martens
--
Richard Wurmbrand
RICHARD WURMBRAND

CHRISTUS WIRD SIEGEN, WAS IMMER GESCHIEHT

Aus dem Leben des deutsch-rumänischen Judenchristen Richard Wurmbrand

Inhaltsverzeichnis
I. In Rumänien
Kindheit und Armut
Christian Wölfkes
Meine erste Begegnung mit Jesus
Isaak Feinstein
Jom Kippur 1937
Mission unter Juden
Magne Solheim
Auf der Suche nach des Vaters Haus
Isaak Feinsteins Märtyrertod
Unser Dienst am jüdischen Volk
Begegnungen mit Rabbinern
In den Wirren des Krieges
Mein Dienst an den Russen
Im Gefängnis
Kurze Freiheit
Gherla
Unsagbare Folterungen
Mein Gethsemane
II. Im Westen
Es gibt keine Null in der Bibel
Christen aus dem Westen besuchen Osteuropa
Im schönen Norwegen
Die erste Mission wird gegründet
Wie ich bekannt wurde
Meine Begegnung mit Deutschland
Weitere Missionen werden gegründet
Neue Versuchungen im Westen
Unser Jubiläum
III. Die Rückkehr nach Rumänien
Rückkehr im Triumph
Eine Trauer nur - kein Heiliger zu sein
Eine Heldin des Glaubens
Kollaborateure der Kommunisten
Die Verräter
Ein zentraler Ort in meinem Leben
Zähle Deine Sekunden
Den Feind lieben
Warum so viel Leiden
- Zusammengestellt und herausgegeben von Horst Koch, Herborn; im Herbst 1998
-

I. In Rumänien
Kindheit und Armut
Am 24. März 1909 wurde ich in Bukarest, Rumänien, geboren. Mein Vater starb als
ich 9 Jahre alt war. In unserer Familie war das Geld immer knapp, und oft genug
auch das Brot. Ein Bekannter wollte mir einmal einen Anzug schenken, doch als wi
r in den Laden kamen und der Kaufmann seine Ware brachte, sagte er: "Das ist vie
l zu schön für einen solchen Jungen." Ich kann mich immer noch an seine Stimme e
rinnern.
Meine Schulausbildung war recht mangelhaft, doch wir hatten viele Bücher zu Haus
e. Noch ehe ich zehn Jahre alt war, hatte ich sie alle gelesen und wurde genau s
o ein großer Zweifler wie Voltaire, den ich verehrte. Da es in meiner Familie ke
inerlei religiöse Unterweisung gab, wurde ich durch das Lesen atheistischer Büch
er und die ständige Armut schon mit vierzehn Jahren zu einem verhärteten Gottesl
eugner. Ich hasste geradezu jede Vorstellung von Religion.
Dennoch zog mich ständig etwas unerklärliches in die Kirchen. Es fiel mir schwer
, an einer vorbeizukommen und nicht hineinzugehen. Jedoch verstand ich dann nie,
was in diesen Kirchen vor sich ging. Ich lauschte den Predigten, aber sie drang
en nicht zu meinem Herzen. Von Gott hatte ich keinerlei Vorstellung, aber ich hä
tte zu gerne gewußt, ob irgendwo im Zentrum dieses Weltalls ein liebendes Herz e
xistierte. Ich hatte nur wenig Freude in meiner Kindheit und Jugend erfahren. De
shalb sehnte ich mich danach, daß irgendwo ein liebendes Herz auch für mich schl
agen möchte.Ich war ein Atheist, aber der Atheismus gab meinem Herzen keinen Fri
eden.
Als ich erwachsen war, trat ich ins Geschäftsleben in Bukarest ein. Meine Sache
machte ich gut. Noch keine fünfundzwanzig Jahre alt, hatte ich bereits eine Meng
e Geld zur Verfügung. Ich gab es in prunkvollen Bars aus und für die Mädchen von
Klein-Paris, wie man die Hauptstadt nannte. Nach den Folgen fragte ich nicht, s
olange nur mein Hunger nach immer neuen Reizen gestillt wurde. Das war ein Leben
, um das mich viele beneideten. Doch mir selbst brachte es nur Herzeleid. Ich wu
ßte, daß ich in mir etwas achtlos zerstörte, was gut war und für andere genützt
werden sollte.
Auch nach meiner Heirat jagte ich weiter nach Vergnügungen, log, betrog und tat
anderen Menschen weh. Da mein Körper durch die Entbehrungen der Kindheit geschwä
cht war, führte dieses ausschweifende Leben dazu, daß ich mit siebenundzwanzig J
ahren an einer Tuberkulose erkrankte. Zu jener Zeit war die Tb noch eine fast un
heilbare Krankheit, und eine Zeitlang sah es so aus, als würde ich sterben. Ich
hatte Angst.
In einem Sanatorium auf dem Land kam ich zum ersten Mal in meinem Leben zur Ruhe
. Ich lag da, schaute in die Baumkronen und dachte über die Vergangenheit nach.
Sie tauchte in meinem Gedächtnis wie Szenen aus einem grausigen Schauspiel auf.
Meine Mutter und meine Frau weinten um mich, und viele schuldlose Mädchen hatten
ebenfalls geweint. Ich hatte verführt, verleumdet, gespottet und geprahlt, nur
um Eindruck zu schinden. Da lag ich nun, und die Tränen kamen mir.
In diesem Sanatorium betete ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gebet eines A
theisten. Ich sagte etwa: "O Gott, ich weiß, daß es dich nicht gibt. Falls es di
ch doch gibt, so ist es deine Sache, dich mir zu offenbaren. Es ist nicht meine
Pflicht, nach dir zu suchen.
Nach einigen Monaten ging es mir etwas besser und ich siedelte in ein Bergdorf ü
ber, um mich weiter zu erholen.

Ein Deutscher zeigt einem Juden den Weg zu Christus


Man schrieb das Jahr 1937. Hitler war an der Macht. In einem kleinen Bergdorf in
Siebenbürgen betete der betagte Zimmermann Christian Wölfkes täglich folgendes
Gebet: Oh Herr, laß mich nicht eher sterben, bis ich einen Juden zu Christus gefü
hrt habe, weil Jesus vom jüdischen Volk kam. Aber ich bin arm, alt und krank. In
meinem Dorf sind keine. Bringe du einen Juden in mein Dorf, und ich will mein B
estes tun, um ihn zu Christus zu führen.
Der erste Jude, der in jenem Frühling in das Dorf kam, war ich selbst. Nachdem W
ölfkes sich mit mir angefreundet hatte, gab er mir eines Tages eine Bibel. Ich h
atte schon vorher die Bibel gelesen, aber sie hatte nie Eindruck auf mich gemach
t. Aber die Bibel, die ich jetzt in der Hand hielt, war von anderer Art. Erst sp
äter entdeckte ich ihr Geheimnis. Wölfkes und seine Frau verbrachten Stunden dam
it, für meine Bekehrung zu beten. So war diese Bibel eigentlich nicht in Buchsta
ben, sondern in Flammenzeichen der Liebe geschrieben. Ich konnte sie nur mit Müh
e lesen. Die Tränen begannen jedesmal zu fließen, wenn ich mein schlechtes Leben
mit dem Leben Jesu verglich, meine Unreinheit mit seiner Reinheit, meinen Haß m
it seiner Liebe.
Wölfkes ließ die Bibel und seine Gebete in meinem Herzen wirken. Er sprach kaum
mit mir. Instinktiv wußte er, was so viele ausgebildete Missionare nicht wissen,
daß die wirksamste missionarische Methode in der Zurückgezogenheit, dem Schweig
en und dem konzentrierten Gebet liegt, um der Seele, die man gewinnen will, Frie
den zu geben. Man soll zufrieden sein, daß man ein Samenkorn ausgestreut hat. Di
eses wird mit der Zeit Wurzeln schlagen und wachsen.
Eine lange Zeit verging, bis der alte Mann mich eines Abends besuchte. Er redete
in einfachen Worten mit mir, Worten, die von Herzen kamen, über Dinge, die ein
Jude hätte wissen müssen: über die Erfüllung der messianischen Verheißungen in J
esus; von Jesu sanfter Aufforderung, mit der er sein Volk rief; von der Liebe, d
ie Gott immer noch zu den Juden hat um ihrer Vorväter willen, die Träger des Gla
ubens waren.
Gott öffnete mein Herz, so daß ich imstande war dem Evangelium zu glauben. So ga
b dieser bescheidene Zimmermann den ersten Anstoß zu meiner Bekehrung. Später tr
at auch meine Frau dem Glauben bei. Sie führte andere Seelen mit sich, die wiede
rum andere brachten, und so ging es weiter, bis in Bukarest eine judenchristlich
e Gemeinde gebildet wurde, die viele Jahre kräftig gedieh.
In diesen ersten Tagen meines Glaubens kam mir plötzlich ein Erlebnis aus meiner
Kindheit ins Gedächtnis. Ich hatte es völlig vergessen, aber in meinem Unterbew
ußtsein war es doch fest verankert. Es war meine allererste Begegnung mit Jesus.

Meine erste Begegnung mit Jesus


Da ich von nichtpraktizierenden jüdischen Eltern aufgezogen wurde, hörte ich in
meiner Kindheit weder ein schlechtes noch ein gutes Wort über Jesus. Er war mir
gänzlich unbekannt.
Eines Tages, als ich mit einem anderen Burschen auf dem Weg nach Hause war, blie
b er vor einer Kirche stehen und sagte: Warte einen Moment auf mich. Mein Vater h
at mich gebeten, dem Priester etwas zu sagen." Ich sagte: Ich gehe mit Dir hinein
. Und so überschritt ich zum ersten Mal die Schwelle einer Kirche. Ich war tief b
eeindruckt. Zuerst sah ich das Bild eines Mannes, der gekreuzigt worden war. Ich
hatte keine Ahnung, wer dieser Mann war, aber er mußte schlecht gewesen sein, s
onst hätte man ihm dies nicht angetan. Als Kind wurde ich oft geprügelt, und wah
rscheinlich verdiente ich es auch. Aber dieser Mann, der überall blutete und mit
Nägeln an ein Kreuz befestigt war, - warum?
Ich sah auch das Bild einer wunderschönen jungen Frau, die mich mit großer Liebe
ansah. Einen solchen Ausdruck war ich nicht gewöhnt. Vielmehr wurde ich ja vera
chtet, weil ich ein jüdischer Junge war, dazu noch ärmlich gekleidet, dünn, zart
und klein. Ich war ungeliebt. Aber diese Frau liebte mich. Von diesem Augenblic
k an liebte ich sie auch. - Ich frage mich heute noch, warum manche Christen nie
mals mit Liebe an Maria denken. Die Bibel sagt: Alle Generationen werden sie Gese
gnete nennen". Warum tun wir es nicht?
Die Vernunft sagt mir, daß ich nicht wirklich den Gekreuzigten oder die Jungfrau
sah, sondern nur eine Darstellung. Zu dieser Zeit hatte ich den Eindruck, wirkl
iche Personen zu sehen. Es war eines von mehreren existentiellen Erlebnissen mei
nes Lebens. Ich war damals 8 - 9 Jahre alt.
Der andere Junge sprach mit dem Priester, der dann zu mir herüberkam und mir den
Kopf streichelte. Seine Berührung tat mir wohl, denn ich war ein ungestreichelt
es Kind. Dann fragte er mich: Was kann ich für dich tun, kleiner Mann?" Ich war v
erlegen, weil ich dachte, daß es mir vielleicht nicht erlaubt sei, an diesem fre
mden Ort zu sein. Ich antwortete: Nichts . Er sagte: Das kann nicht sein. Ich gehöre
zu Jesus, der uns gelehrt hat, niemanden an uns vorbeigehen zu lassen, ohne ihm
etwas Gutes zu tun. Es ist Sommer und draußen ist es heiß. Ich werde dir einen
Becher kalten Wassers bringen.
Jesus - was für ein merkwürdiges Wesen! Wahrscheinlich hatten alle anderen Mensc
hen, die ich bis dahin getroffen hatte, seine Lehren nicht gekannt. Sie gaben mi
r kein Spielzeug, keine Schokolade. (Wenn andere Kinder Schokolade aßen, leckte
ich das Papier ab, in dem sie eingepackt war). Jetzt verwandelte Jesus das Wasse
r, das ich erhielt, in Wein . Ich war überwältigt.
Wie ich viel später heraus fand, war es eine orthodoxe Kirche, und der Name des
Priesters war Cavane.
Isaak Feinstein
Ein anderer Mann, der für mich eine besondere Rolle spielte, war Isaak Feinstein
. Er verkörperte einen der größten Siege, den die Gnade Jesu im jüdischen Volk e
rrang.
Zur Zeit seiner Bekehrung war er ein kleinerer Geschäftsmann. Eines Abends hörte
er in einer christlichen Versammlung die Botschaft Jesu. Er glaubte sofort. Als
er heimkam, rannte er in das Schlafzimmer seiner Eltern, weckte sie und rief: Ic
h habe den Messias gefunden!
Von jenem Abend an schwankte er nie mehr in seinem Glauben, obwohl er auf großen
Widerstand seitens seiner Familie stieß. Sein Vater, ein frommer Jude, versucht
e ihn zu überreden, Jesus zu verleugnen. Als das erfolglos blieb, veranlaßte er,
daß die Zeremonie ausgeführt würde, die von den Rabbinern in solchen Fällen vor
geschrieben ist. Er erklärte, sein Sohn sei tot, führte eine symbolische Beerdig
ung mit einem Sarg durch, in den man den Zweig eines Baumes gelegt hatte, zerriß
seine Kleidung und weinte mit seiner Familie sieben Tage lang um den Sohn.
Isaak aber ließ sich in Polen als Missionar ausbilden, trat der Norwegischen Isr
aelmission in Galatz bei, predigte im ganzen Land und veröffentlichte unzählige
Schriften. So wurde er eine bekannte Persönlichkeit unter den Jüngern Jesu, eine
Säule im Tempel Gottes.
Als der Krieg ausbrach, war er gerade siebenunddreißig Jahre alt und Pastor eine
r von ihm in Jassy gebildeten jüdisch-christlichen Gemeinde. Von dort aus verbre
iteten sich seine guten Taten über das ganze Land.
Jom-Kippur 1937
1937, am Nachmittag vor Jom-Kippur, dem großen jüdischen Tag der Reue und des Fa
stens, war ich in Feinsteins Büro. Meine Seele wurde zutiefst gequält. Doch Fein
stein sagte mit seinem unnachahmlichen Lächeln: Lassen Sie sich nicht von dem lei
ten, was Sie sehen. Die Juden, die vor zweitausend Jahren lebten, erkannten in J
esus nichts, was ihn ehrenwert erscheinen ließ, obwohl er die Verkörperung Gotte
s war. Wenn ein Mensch nicht wiedergeboren wird, kann er das Reich Gottes nicht
erkennen.
Schließlich überredete Feinstein mich noch, ihn zu einer Versammlung zu begleite
n, die für Juden abgehalten wurde. Dort wurde ich während der Gebetszeit unwillk
ürlich vom Geist Gottes erleuchtet. Verwundert hörte ich mich zum ersten Mal in
meinem Leben in einer öffentlichen Versammlung laut beten. Ich vernahm meine Wor
te, aber es schienen nicht die Worte zu sein, die ich formuliert hatte. Sie kame
n aus der Tiefe meiner Seele, zu der mein Ich gewöhnlich keinen Zugang finden ka
nn. Ich betete jiddisch, die jahrhundertealte Sprache meines leidenden Volkes, e
ine Sprache, die ich sonst nie sprach. Dies zeigte mir, daß sich tief in meinem
Innern etwas gerührt hatte.
Diesen Vorabend des Jom-Kippur 1937, des großen Versöhnungstages, betrachte ich
als den Tag meiner Wiedergeburt.
Mission unter Juden
In dem im Jahre 1881 gegründeten Königreich Rumänien lebten in der ersten Hälfte
unseres Jahrhunderts ungefähr sechshunderttausend Juden, hauptsächlich in den g
rößeren Städten.
Bis 1919 durften sie kein Land besitzen, und in den Waffenstillstandsverhandlung
en am Ende des 1. Weltkrieges, im Vertrag von Trianon, waren es die Deutschen, d
ie darauf bestanden, daß in Rumänien auch der jüdischen Minderheit die Bürgerrec
hte und die völlige Gleichberechtigung gewährt würden. Eine Missionsarbeit unter
Juden gab es schon seit 1891. Besonders die norwegische Israelmission war eine
anerkannte Arbeit, mit Schwerpunkten in Galatz und Jassy, wo es viele arme Juden
gab.
1893 kam der deutsche Pfarrer Otto von Harling nach Galatz, einer Stadt mit über
hunderttausend Einwohnern. Von Harling gründete dort eine Schule für jüdische M
ädchen, da es damals in Rumänien mit Schulen schlecht bestellt war. Es dauerte n
icht lange, bis die Schule einen guten Ruf hatte. Die Schülerinnen lernten auch
Deutsch, eine Sprache, die damals unter den etwas gebildeteren Juden viel gebrau
cht wurde.
Jeden Sonntagnachmittag hielt von Harling einen Gottesdienst in der Schule für d
ie Schülerinnen und andere Gäste. Die Arbeit erweiterte sich ständig, und Lehrer
und Krankenschwestern aus Norwegen waren die tragenden Säulen. Aus der kleinen
Schule wurde in den folgenden vierzig Jahren eine im ganzen Lande bekannte Missi
onsstation mit dem Namen "Eben-Ezer". Die Arbeit erforderte nun einen vollamtlic
hen Seelsorger, den man bei dem Missionsvorstand in Norwegen beantragte. Doch ke
in norwegischer Theologe war zu finden. So wurde auf Empfehlung des englischen P
astors Adeney in Bukarest der junge Judenchrist Isaak Feinstein aus Bukarest ang
estellt. Er hatte zuerst eine Missionsschule in Warschau und später für ein halb
es Jahr in Leipzig das bekannte "Institutum Judaicum Delitzschianum" besucht, wo
Missionar von Harling einen starken Eindruck auf ihn machte.
Feinsteins Frau Lydia war geborene Schweizerin und Lehrerin an einer der englisc
hen Missionsschulen in Bukarest gewesen. 1930 kamen beide nach Galatz und arbeit
eten in "Eben-Ezer".
Magne Solheim
Im Jahre 1937 bekam Isaak Feinstein Hilfe in dem norwegischen Missionar Pastor M
agne Solheim, der wiederum von Richard Wurmbrand tatkräftig unterstützt wurde. P
astor Solheim nannte Wurmbrand oft Sturmbrand und beide arbeiteten, obwohl sie in
ihrer Art grundverschieden waren, bis zum Jahre 1948 zusammen. Pastor Solheim sc
hildert in seinem Buch Im Schatten von Hakenkreuz, Hammer und Sichel - Judenmiss
ionar in Rumänien von 1937 1948 Richard Wurmbrand als einen in jeder Hinsicht a
ußergewöhnlichen Menschen.
"Im Februar 1939 war ich Taufpate für Wurmbrands Sohn Mihai. Als ich zur Taufe n
ach Bukarest kam, stand Richard Wurmbrand auf dem Bahnhof. Er ging auf dem Bahns
teig ungeduldig auf und ab. Sein ganzes Gesicht strahlte, und er schlenkerte mit
den Armen. Man konnte deutlich erkennen, daß er etwas Erfreuliches auf dem Herz
en hatte. Ich war kaum aus dem Zug ausgestiegen, als er anfing, von einem Mädche
n aus der Schweiz zu erzählen, von dem er unendlich viel Gutes zu berichten wußt
e. Ein besseres Mädchen könnte ich nicht finden, - worin er, wie so oft, recht b
ehielt . . .
Am 26. Juni 1939 wurden Cilgia Gees und ich getraut. Als ich Cilgia heiratete, b
ekam ich eine unschätzbare Hilfe bei der Arbeit. Sie stammte aus der Schweiz und
war einige Monate nach mir als Sprachlehrerin für Englisch, Französisch und Deu
tsch an eine der englischen Missionsschulen in Bukarest gekommen.
Er, Richard, ist einfach der begabteste Mann, den ich je getroffen habe, in Wahr
heit ein Genie. Er wuchs ja in großer Armut auf und erhielt nur wenig Ausbildung
. Während vieler Jahre arbeitete er als Büroangestellter, doch es war unglaublic
h, wieviel er las und studierte. Nur wenige wußten über den Marxismus soviel wie
er, da er ja selbst einmal ein überzeugter Kommunist gewesen war. Nachdem er da
nn 1937 in Siebenbürgen eine Christusbegegnung hatte, widmete er sich mit großem
Eifer und Gründlichkeit dem neuen Glauben. Seine erste seelsorgerliche Hilfe er
hielten er und seine Frau von dem Missionar Feinstein und den englischen Pfarrer
n Ellison und Adeney, die auch die beiden im März 1938 tauften. Nach einiger Zei
t wurde Wurmbrand als Mitarbeiter der englischen Mission "Church Mission to the
Jews" in Bukarest angestellt.
Als 1941 die Engländer das Land verließen, verblieben er und seine Frau allein m
it der ganzen Arbeit.
Es war ganz unglaublich, wieviel Bibelkenntnis und Theologie Wurmbrand sich in w
enigen Jahren angeeignet hatte. Er hatte eine Bibel, in der nach jedem bedruckte
n Blatt ein weißes, unbedrucktes folgte, und bald waren die weißen Blätter seine
r Bibel alle vollgeschrieben. Er lernte Griechisch, - Hebräisch konnte er ja sch
on von früher-, so daß er die Bibel in den Ursprachen lesen konnte. In der engli
schen Mission war eine große Bibliothek mit guten theologischen Büchern. Diese B
ücher waren für ihn von großer Hilfe, und er brauchte nicht lange, um ein Buch z
u lesen. Wenn er zu Bett ging, nahm er gleich mehrere Bücher mit, und am nächste
n Morgen hatte man den Eindruck, daß er sie alle durchgeblättert und dabei die Q
uintessenz erfaßt hatte. Seine bevorzugte Lektüre war Luther. Niemand konnte ja
so wie Luther zu einem Gewissen reden, das sich von Sünden beladen fühlte. Wurmb
rand sprach Rumänisch, Deutsch, Französisch, Russisch, Ungarisch, Englisch und J
iddisch, und mit unglaublicher Geschwindigkeit konnte er das, was er wollte, in
der einen oder anderen Sprache auf der Schreibmaschine tippen.
Er konnte sich schlagartig für eine Sache begeistern, und wenn er zum Beispiel m
it russischen Christen in der Roten Armee in Kontakt kam, und hörte dann, was si
e über ihr Land erzählten, dann schmiedete er sofort Pläne, um dort irgendwie he
lfen zu können. Oft waren solche Überlegungen einfach unrealistisch, aber dank s
einer ruhigen und begabten Frau Sabina war er auch schnell wieder zur Vernunft ge
bracht .
Eines Tages kam Frau Wurmbrand nach Galatz mit der Bitte ihres Mannes, wir müßte
n unbedingt nach Bukarest übersiedeln, denn Bukarest war nach dem Krieg mit über
100 000 Juden zu einem der größten Judenzentren Europas geworden. Ich erzählte
ihr offen von den Zweifeln, die ich bezüglich einer harmonischen Zusammenarbeit
hatte. Einige Tage später erhielt ich einen Brief von Wurmbrand. Er schrieb, wen
n wir in einer Zeit wie dieser nicht zusammenarbeiten könnten, in der wir ja seh
en müßten, wo eigentlich strategisch gesehen unser Arbeitsfeld lag, dann sollten
wir beide aufhören das Evangelium zu verkündigen und lieber Schuster werden.
Er versprach, falls wir nach Bukarest kämen, werde er alles in seiner Macht Steh
ende tun, um wirklich mit mir zusammenzuarbeiten, und in allen Zweifelsfällen so
llte meine Meinung gelten. Nie hat es uns leid getan, daß Cilgia und ich uns übe
rzeugen ließen, und noch heute gibt es Leute, die davon sprechen, was für eine h
armonische Zusammenarbeit wir in Bukarest hatten.
Soweit Pfr. Magne Solheim -
Auf der Suche nach des Vaters Haus
Es wurde mir schnell bewußt, daß die Lehre Jesu nicht klar und deutlich auf eine
Seite geschrieben werden kann, die schon mit anderen Buchstaben beschrieben ist
. Ein völliger Bruch mit dem Vergangenen ist notwendig, sowie ein vollkommener N
eubeginn, dessen Voraussetzung eine dauernde und kompromisslose Überwachung der
eigenen Gedanken ist.
Mich selbst verwunderte diese Veränderung am meisten, war ich doch einst ein käm
pferischer Atheist gewesen, der tatkräftig anarchistische Unruhen unterstützt ha
tte. Mein Wille war nicht frei, als diese Veränderung vor sich ging. Ich war gez
wungen, mich zu bekennen. Alles geschieht mit der Gnade Gottes. So, wie es in de
r Natur einen biologischen Zeitplan gibt, der den Ablauf bestimmt, wann ein jung
er Vogel dem Ei entschlüpft, sich den Zugvögeln anschließt und zu einem festgele
gten Zeitpunkt zurückkehrt, ebenso wie es eine biologische Uhr im physischen Leb
en des Menschen gibt, existiert, so glaube ich, auch ein geistlicher Zeitplan. F
ür jeden von Gott Auserwählten gibt es eine besondere, vorherbestimmte Stunde, i
n der er den Sohn Gottes erkennt, der schon immer in ihm weilte, der aber geduld
ig auf den Augenblick wartete, da Er sich offenbaren soll. In dieser besonderen
Stunde vereinen sich innere und äußere Faktoren, die vor langer Zeit vorbereitet
worden sind, um diese Wiedergeburt zu veranlassen.
Ich hatte mich entschlossen, Jesus in Treue zu dienen. Der Mensch aber, der dies
e Entscheidung getroffen hat, muß erst das wahre Gesicht Jesu unter den unzählig
en Fälschungen, die sich im Laufe der Zeit angehäuft haben, finden.Bevor ich nun
meinen Weg als Christ begann, versuchte ich mich, über die unterschiedlichen Ko
nfessionen so gut wie möglich zu informieren. Aber es war nicht leicht, irgendei
ne Wahl zu treffen. Die Kirchengeschichte ist voll von geistigen Auseinandersetz
ungen und Streben nach Ruhm und Reichtümern. Das Wort Gottes wurde benutzt, um v
ergängliche politische Interessen zu fördern und um die Wahrheit mit Missetaten
zu ersticken. Und bis heute haben einige Glaubensrichtungen die Parole, die Hitl
er einst so formulierte: Wo wir sind, ist für andere kein Platz .
Nach langem Umherirren hatte ich endlich gefunden, was ich suchte:
Mein Bekenntnis ist die Liebe.
Meine Brüder und Schwestern sind all jene, die einander lieben - ganz gleich wel
cher Konfession sie angehören.
Mein Herr ist Jesus, denn er ist die Verkörperung der Liebe. "Die Liebe ist von
Gott" und "wer liebhat, der ist von Gott geboren" (1. Joh. 4,7)."So ist nun die
Liebe des Gesetzes Erfüllung" (Römer 13,10). "Denn das ganze Gesetz ist in einem
Wort erfüllt, in dem: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (Gal. 5,14). Ebens
o Matthäus 22,37-40.
So hatten wir es erst lernen müssen, das Wichtigste in der Lehre der Bibel - die
Liebe - vom Unwichtigeren zu unterscheiden.
Die meisten christlichen Juden, die später unsere Bukarester Gemeinde ausmachten
, nahmen dieselbe überkonfessionelle Haltung an, obwohl unsere Kirche nominell l
utherisch war.
Isaak Feinsteins Ende
Dann kam die Nazizeit. Wir hatten viel zu leiden. Meine Frau und ich wurden mehr
mals verhaftet, geschlagen und vor Nazirichter gezerrt. Feinstein stattete uns i
n Bukarest einen kurzen Besuch ab. In Jassy war die Atmosphäre vom Antisemitismu
s angesteckt und von einem drohenden Pogrom überschattet. Ich machte den Vorschl
ag, er solle nicht nach Jassy zurückkehren, wo der Tod auf ihn lauere.
Feinstein antwortete: "Es ist die Pflicht des Hirten, zusammen mit seiner Herde
zu sterben. Ich weiß, daß sie mich töten werden, aber ich kann meine Brüder nich
t im Stich lassen. Ich werde nach Jassy zurückfahren."
Am 28. Juni 1941, ein paar Tage nach seiner Rückkehr, brach der Pogrom aus. Die
Zahl der getöteten Juden betrug elftausend. Tausende wurden in verschlossenen Vi
ehtransportern zusammengepfercht und unter der sengenden Sonne abtransportiert -
ohne einen Tropfen Wasser -, so daß die meisten erstickten. Unter ihnen war auc
h Feinstein. Die wenigen Überlebenden wurden in einem Konzentrationslager intern
iert. Einige von ihnen berichteten, wie sich Feinstein, als er erkannte, daß der
Tod unmittelbar bevorstand, an einen unweit von ihm stehenden Rabbiner wandte u
nd zu ihm sagte: "Es ist Zeit für uns, die Psalmen zu singen!" Er starb, während
der Rabbiner laut die Psalmen sprach. Bis zuletzt erklärte Feinstein, was diese
Psalmen über Jesus prophezeiten. Als er erstickte, ruhte sein Kopf auf der Schu
lter des Rabbiners. Der Rabbiner selbst starb nur wenige Minuten später.
Nicht ein einziges Mitglied der jüdisch-christlichen Gemeinde in Jassy überlebte
. Nur ein paar Mädchen kamen mit dem Leben davon.
Unser Dienst am Jüdischen Volk
Die Juden litten während des Krieges so sehr, daß, wären wir nur unserem Gefühl
gefolgt, wir nichts anderes getan hätten, als sie zu umarmen und zu trösten. Und
wann immer Gelegenheit war, etlichen zur Flucht zu verhelfen, taten wir es. Abe
r damit konnten wir uns nicht zufrieden geben. Der Prophet Jeremia lebte zur Zei
t der heftigsten babylonischen Angriffe, die den Beginn der Zerstörung des jüdis
chen Staates kennzeichneten; er machte damals den Juden Vorwürfe wegen ihrer Sün
den. Jesus, der von manchen als ein neuer Jeremia bezeichnet wurde, warf den Jud
en ebenfalls ihr sündhaftes Leben vor, als sie unter der ungerechten Herrschaft
der Römer litten. Sowohl Jeremia als auch Jesus wurden von ihren Zeitgenossen fü
r Verräter ihres Volkes gehalten. Wir befanden uns in der gleichen Lage wie die
Propheten in den alten Zeiten: Verzweiflung, grausame Unterwerfung und furchtbar
e Leiden hatten die Herzen der Juden zu Stein werden lassen. Unaufhörlich stieg
ihr Schrei empor: "Gott soll ein anderes Volk wählen. Wir sind es müde, sein Vol
k zu sein!"
Andererseits aber war die kleine Gruppe christlicher Juden von der Wahrheit des
Ausspruches Jesu überzeugt, daß das Heil von den Juden kommen muß, und daß die J
uden eine Aufgabe zu erfüllen haben und verpflichtet sind, sie zu erfüllen . . .
Unser Gedankengang war einfach: Bereits vor viertausend Jahren erhielten die Jud
en die Zehn Gebote, die moralische Grundlage. Ihnen wurde offenbart, daß Gott de
r Eine Gott ist und daß Gott von den Menschen eine Bruderschaft freier Männer un
d Frauen verlangt - eine von Liebe und Wahrheit geleitete Gemeinschaft. Er versp
rach ihnen auch einen Messias, der schließlich ein solches Königreich errichten
würde. Die Juden waren das von Gott erwählte Volk, das allen Völkern diese Offen
barung überbringen sollte. Gott rüstete sie mit den Eigenschaften aus, die sie b
rauchten, um ihre Mission ausführen zu können.
Doch fast zweitausend Jahre nach Mose hatte die Welt noch immer nichts von diese
r Offenbarung gehört. Julius Cäsar schrieb in seinem Werk 'De Bello Gallico', da
ß die Gallier, die Vorfahren der heutigen Franzosen, noch immer aus den Schädeln
ihrer besiegten Feinde Wein trinken würden. Zu jener Zeit waren auch die Teuton
en und Slawen noch wilde Völkerschaften . . .
Und doch erlebten wir immer wieder das göttliche Wunder - selbst als die antisem
itische Tyrannei ihren Höhepunkt hatte - daß etliche den Glauben an Christus emp
fingen. Dem äußeren Anschein nach waren sie erniedrigte und in tiefes Elend gest
oßene Menschen, und doch hatten sie die große Mission der Juden erkannt. Sie hat
ten Jesus als den König ihres Volkes akzeptiert, dessen Aufgabe es war, das Lich
t Gottes in die Welt zu tragen. Voller Freude bekannten diese Juden sich nun zu
ihrem neuen Glauben - gemeinsam mit ihren Brüdern: Rumänen, Ungarn und Deutschen
, die zusammen mit ihnen das geistliche Israel bildeten.
Die Bekehrten kamen nicht aus den gefeierten Kreisen des Judaismus. Aber auch Je
sus sammelte Seine Apostel nicht unter den Höchsten des Landes. Maria Magdalena
war eine Prostituierte. Auch wir hatten Frauen dieser Art. Matthäus und Zachäus
hatten Geld veruntreut und Saulus von Tarsus hatte einem Mord untätig beigewohnt
. Und die meisten Apostel waren ungebildete Handwerker. Im allgemeinen führten w
ir mit den Menschen keine langen Gespräche, sondern verkündeten die Wahrheit, an
statt darüber lange zu diskutieren. Wir offenbarten eine Wahrheit, die jeder von
uns im Grunde unwissentlich in sich trägt, weil die menschliche Seele von Natur
aus christlich ist. Deshalb appellierten wir an das Gewissen und nicht an den V
erstand, denn die Geburt der tiefsten Überzeugungen eines Menschen ist nicht das
Ergebnis eines Gedankenganges. Sondern jenseits der Welt der Erscheinungen, die
wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, liegt die wirkliche, unsichtbare und wesentl
iche Welt, das Unterbewußtsein. Dort wirkt das Göttliche, und was in unserer Nat
ur zu sehen ist, wird davon regiert.
Ich bin davon überzeugt, daß mein persönliches Leben und das aller seiner Kinder
von Gott geplant worden ist und zwar bis in das kleinste Detail. Es dient Gotte
s Zweck und ich darf zuversichtlich sein, selbst wenn ich nichts verstehe. Wer v
on Anfang an dazu ausersehen war, erlöst zu werden, der kam zu uns. Das jüdisch
e Volk ist nicht das einzige auserwählte Volk. Gott hat vielen Völkern besondere
Berufungen zuteil werden lassen.
Das römische Volk war auserwählt, der ganzen Welt die Rechtsprechung zu schenken
. Wo immer in der Welt Gerechtigkeit regiert, steht das römische Recht an erster
Stelle. Wo das römische Recht nicht existiert, erhebt die Ungerechtigkeit ihr H
aupt.
Den Griechen war es vorbehalten, der Welt die Philosophie zu schenken. Man sagt,
seit dem Tod der großen griechischen Denker habe es in der Philosophie keine ne
uen Ideen mehr gegeben, sondern die Menschen hätten statt dessen nur immer wiede
r die Weisheit der alten Griechen wiedergekäut.
Den Deutschen und den Italienern verdankt die Welt großartige Musik;
die Deutschen und die Angelsachsen haben für uns die moderne Technik geschaffen.
Die Schweizer sind von Gott dazu auserwählt worden, der Welt zu zeigen, wie vers
chiedene Nationen, die sich in anderen Teilen der Welt als Feinde gegenüberstehe
n, harmonisch zusammenleben können.
Die Briten waren ausersehen, die großen missionarischen Vorhaben in die Tat umzu
setzen und alle Nationen mit der Bibel vertraut zu machen.
Jedes Volk hat die Pflicht, seine besondere Aufgabe zu erkennen.
Die Juden lehnten ihren Messias ab und tun es auch heute noch, obwohl die Geschi
chte den Beweis erbracht hat, daß ER derjenige war, der die den Juden anvertraut
e Aufgabe bis zur Vollkommenheit erfüllt hat: der Welt ein Licht zu sein.
Den Prophezeiungen Jesu zufolge ist der Weinberg einem anderen Volk übergeben wo
rden.
Menschen aller Nationen, die in die Fußstapfen Abrahams, Isaaks, Jakobs, Mose, d
er Propheten und Jesu treten, bilden zusammen das geistliche Israel.
Sie haben unser vernachlässigtes Erbe übernommen und verbreiten nun in der ganze
n Welt das Licht.
Aber auch aus dem jüdischen Volk gibt es in dieser auserwählten Schar, diesem kö
niglichen Priestertum und in dieser internationalen Bruderschaft der Liebe etlic
he Anhänger Jesu.
Doch die Beiseitesetzung des jüdischen Volkes ist zeitlich begrenzt.
Paulus sagt es so:
"Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne! Blindheit ist Israel zum Teil
widerfahren, bis daß die Fülle der Heiden eingegangen ist, und dann wird das ga
nze Israel gerettet werden. Und wenn schon ihr Fall der Welt Reichtum geworden i
st, wieviel mehr wird es Reichtum sein, wenn Israel in seiner ganzen Fülle gewon
nen wird." Römer 11.
Und da Jesus selbst von einem Abschluß des Irrweges seines Volkes spricht, - 'Je
rusalem wird zertreten von den Heiden, bis der Heiden Zeit erfüllt ist' Lukas 21
,24 - , wußten wir, daß es unsere vorrangige Aufgabe war, unseren jüdischen Volk
sgenossen den Nachhauseweg zum Vaterherzen Gottes zu zeigen.
Den Weg in den Neuen Bund, von Jesus selbst für sein Volk gestiftet, zu den Verh
eißungen der Väter und der Zukunft des messianischen Friedensreiches für Israel
und anschließend alle Völker.
Und so jung ich noch im Glauben war, so stand dies doch klar vor meinem Herzensa
uge: Unsere Missionsarbeit unter den Juden hatte zum Ziel, Israel für Gott zu er
obern. Davor dürfen wir nicht erschrecken, denn ER ist doch auf unserer Seite. U
nd Jesus selbst sagte: "Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn es ist eures V
aters Wohlgefallen, euch das Reich zu geben" Lukas 12,32.
Und so sehe ich jetzt schon Jerusalem als die Hauptstadt der christlichen Welt.
Ich sehe den Triumph des Friedens, der Liebe, der Gerechtigkeit und des gegensei
tigen Verständnisses.
Ich sehe ein Königreich, in das Jesus zurückgekehrt ist, um die Herrschaft anzut
reten. Und ich sehe ein irdisches Dasein, das bewußt als Vorbereitungsstufe zum
ewigen Leben benutzt wird.
Ich sehe Juden auf christlichen Kanzeln, wie sie den Völkern der Erde den vollko
mmenen Weg zur Erlösung zeigen. Der Glaube sieht all diese Dinge, und so wird es
auch sein.
In den Wirren des Krieges
Als die deutsche Armee Rumänien besetzte, hielten wir es für unsere Pflicht, aus
Liebe zu unseren Feinden eine Sonderausgabe des Johannes-Evangeliums drucken zu
lassen und sie kostenlos an deutsche Soldaten zu verteilen. Bei dieser Aktion a
uf den Straßen gestanden die Soldaten unseren Brüdern, daß sie auf alles möglich
e in Rumänien vorbereitet worden seien, nur nicht darauf, von Juden das Wort Got
tes geschenkt zu bekommen.
Als Bukarest bombardiert wurde, fing ich an, systematisch in Luftschutzkellern z
u predigen: dadurch erreichte ich Juden und Rumänen gleichzeitig mit dem Wort Go
ttes. Während der ersten russischen Luftangriffe befand ich mich mit sechs ander
en Brüdern in Haft. Wir wurden gerade vernommen, als die Sirene ertönte. Bewaffn
ete Wächter brachten uns in den Luftschutzraum, wo sich auch Richter, Rechtsanwä
lte und andere Leute einfanden. Als die ersten Bomben fielen, machte ich den Vor
schlag, "Wir wollen alle niederknien und ich werde ein Gebet sprechen".
Sie knieten alle nieder, auch die Offiziere und Wächter. Sie bekreuzigten sich u
nd ich betete laut. Dann predigte ich über die Notwendigkeit, auf die Begegnung
mit Gott vorbereitet zu sein. Ehrfürchtig hörten alle zu. Als jedoch die Entwarn
ung ertönte, packten uns die Wachen beim Kragen und führten uns zurück in den Ge
richtsaal. Und wieder stand ich vor dem Richter, der noch vor einer Viertelstund
e auf mein Geheiß niedergekniet war.
Nach unserer Freilassung rannten wir jedesmal, wenn wir Fliegeralarm hörten, so
schnell wir konnten in einen großen Luftschutzkeller und predigten dort. Einmal
lief ich mit Schwester Olga in den Schutzraum eines großen Wohnblocks. Obwohl es
verboten war, sich nach dem Alarm noch auf der Straße aufzuhalten, verspürte ic
h plötzlich einen Drang, das Gebäude zu verlassen und einen anderen Schutzkeller
aufzusuchen. Das Haus, das wir verlassen hatten, wurde von Bomben zerstört, und
begrub unter seinen Trümmern sehr viele Menschen . . .
Außerdem waren wir ständig mit Dingen beschäftigt, auf denen nach dem Gesetz die
Todesstrafe stand. So halfen wir beispielsweise zahlreichen Juden aus Ungarn, d
ie Grenze illegal zu überschreiten oder retteten Kinder aus Ghettos.
Mein Dienst an den Russen
Weil ich es tief bereute, daß ich ein Atheist gewesen war, wünschte ich nichts s
ehnlicher vom ersten Tag meiner Hinkehr zu Gott, als den Russen ein Zeuge Jesu z
u sein. Die Russen sind heute ein Volk, dessen Menschen von Kindheit an im Athei
smus erzogen werden. Mein Wunsch, gerade Russen für das Evangelium zu gewinnen,
ist erfüllt worden. Schon zur Zeit der nationalsozialistischen Besatzung, als Ta
usende russischer Kriegsgefangener im Lande waren, hatten wir eine geheime missi
onarische Arbeit unter ihnen. Es war eine bewegende, erschütternde Arbeit. Ich b
rauchte selber nicht nach Rußland zu gehen, denn seit dem 23. August 1944 waren
über eine Million russischer Truppen in Rumänien eingerückt . . .
Der Krieg war zu Ende, aber ein neues Drama bahnte sich an. Unser Land wurde aus
geraubt. Über die Hälfte der Handelsflotte, der Güterwagen und Kraftfahrzeuge, d
er landwirtschaftlichen Erzeugnisse, des Viehbestandes und unserer Ölvorkommen w
urden nach Rußland abtransportiert. Die einstige Kornkammer Europas wurde so zum
Hungergebiet.
Gleichzeitig kehrte eine Reihe von Kommunisten aus dem Moskauer Exil zurück und
nahm Einfluß auf die politische Entwicklung. Armee und Polizei wurden entwaffnet
, und König Michael entmachtet. So kamen die Kommunisten an die Macht, entsprech
end der Abmachung der "Großen Drei" auf der Moskauer Konferenz vom Oktober 1944.
Nachdem die Kommunisten einmal an die Macht gekommen waren, gebrauchten sie meis
terhaft das Mittel der Täuschung gegenüber den Kirchen. Denn die Sprache der Lie
be und die Sprache der Verführung klingen gleich. Derjenige, der ein Mädchen zur
Frau nehmen will, und derjenige der es nur für eine Nacht begehrt, beteuern bei
de: "Ich liebe dich".
Jesus mahnt uns in seinem Wort, die Sprache der Verführung von der Sprache der L
iebe zu unterscheiden und einen Unterschied zu machen, zwischen Wölfen in Schafs
kleidern und echten Schafen. Als die Kommunisten die Macht innehatten, wußten Ta
usende von Priestern, Pfarrern und Predigern die beiden Sprachen nicht zu unters
cheiden. Während dieser gewaltigen Umwälzungen vom Faschismus zum Kommunismus gi
ng unsere Arbeit der Seelengewinnung ungebrochen weiter. Nach außen hin hatte ic
h ja eine angesehene soziale Stellung. Ich war Pastor der Norwegischen Lutherisc
hen Mission, und arbeitete gleichzeitig im rumänischen Ausschuß des Weltkirchenr
ates. Diese beiden Ämter gaben mir einen sehr guten Stand gegenüber den Behörden
, die von unserer Untergrundarbeit nichts wußten. Diese umfaßte zwei Arbeitsgebi
ete.
Das erste war die getarnte Arbeit unter den russischen Soldaten.
Das zweite Gebiet bildete unser verborgener Dienst an den unterdrückten Völkern
Rumäniens.
Da ich gut russisch spreche, war es für mich ein leichtes, mit den Soldaten ins
Gespräch zu kommen. Viele junge Christen, die ebenfalls russisch sprachen, halfe
n mir. Heimlich druckten wir das Evangelium und so wurden innerhalb von drei Jah
ren mehr als hunderttausend Bücher in Cafés, Bars, Bahnhöfen und überall, wo Rus
sen zu finden waren, verteilt. Etliche unserer Helfer wurden verhaftet, doch kei
ner hat mich verraten. Die Zahl der Bekehrten war erstaunlich. Auch ihre Natürli
chkeit versetzte uns in Staunen.
Was die Religion anbetrifft, sind die Russen völlig unwissend. Doch es war, als
hätten sie tief in ihrem Herzen schon lange nach Wahrheit gesucht, und nun nahme
n sie diese mit Begeisterung auf. Meistens waren es junge Bauern, die auf dem La
nd gesät, geerntet und gearbeitet hatten. Das Wissen darum, daß irgend jemand de
n Lauf der Natur lenkt, lag ihnen im Blut. Doch man hatte sie atheistisch erzoge
n, und sie glaubten Atheisten zu sein, genauso wie viele Menschen meinen sie sei
en Christen und sind es nicht.
Auch unter den rumänischen Kommunisten arbeiteten wir. Jedes Buch mußte durch di
e kommunistische Zensur. Wir brachten Bücher heraus, welche ein Bild von Karl Ma
rx auf der Titelseite hatten. Dadurch dachte der Prüfer, es handele sich um komm
unistische Literatur und drückte seinen Stempel darauf. Gelegentlich ließ ein Ze
nsor auch einmal einen Titel für eine Flasche Brandy durchgehen. Da der Parteiau
sweis den Unterschied zwischen Sattsein und Hungern ausmachen konnte, wuchs die
Zahl der rumänischen Kommunisten rapide von einigen Tausenden auf Millionen.
Sehr bald schon ließen auch bei uns die Kommunisten die Maske fallen. Am Anfang
hatten sie noch Methoden angewandt, um die Kirchenführer auf ihre Seite zu ziehe
n. Dann aber begann der offene Terror. Tausende wurden verhaftet und enteignet.
Unter den neuen Bedingungen Christus zu predigen, war nicht leicht. Wir versamme
lten uns im geheimen und bereiteten dort die Arbeit in der Öffentlichkeit vor. S
o verteilten wir unsere als Parteilektüre getarnten Broschüren auch bei kommunis
tischen Großveranstaltungen. Bis der Leser ab Seite zehn merkte, daß die Schrift
statt von Karl Marx von Jesus Christus spricht, waren wir wieder im Untergrund
. . .
Bald nahm die Bekämpfung der Religion brutale Formen an. Das gesamte kirchliche
Vermögen wurde verstaatlicht und ein kommunistisches Religionsministerium kontro
llierte die gesamte Pfarrerschaft. Wer sich widersetzte wurde verhaftet. Die Gef
ängnisse waren mit Priestern gefüllt, und Greuelgeschichten von ihrer Behandlung
verbreiteten sich im ganzen Lande. So unterwarfen sich die kleineren Konfession
en der Regierung und harrten auf ihr Schicksal.
Sie brauchten nicht lange zu warten, denn schon bald wurde im Parlamentsgebäude
in Bukarest ein "Religionskongress" einberufen. Dort waren viertausend Priester,
Pastoren und Prediger aller Religionsgemeinschaften versammelt. Diese wählten J
osef Stalin, einen Massenmörder, zum Ehrenpräsidenten. Und einer nach dem andere
n, ob Bischof oder Pfarrer, erhob sich in unserem Parlament und erklärte öffentl
ich, daß der Kommunismus und das Christentum in ihren Grundlagen gleich seien un
d friedlich nebeneinander bestehen könnten. Ein Geistlicher nach dem anderen fan
d preisende Worte für den Kommunismus und versicherte der neuen Regierung die tr
eue Mitarbeit der Kirche.
Meine Frau und ich waren auf diesem Kongress anwesend. Sie saß neben mir und sag
te zu mir: "Richard, steh' auf und wasche diese Schande vom Antlitz Christi."
Ich sagte zu meiner Frau: "Wenn ich das tue, verlierst du deinen Mann." Sie erwi
derte: "Ich möchte keinen Feigling zum Mann haben."
Da stand ich auf und sprach zu diesem Kongress, und ich pries nicht die Mörder d
er Christen, sondern Christus und Gott und sagte, daß wir zuallererst Ihm unsere
Treue schulden. Alle Reden wurden auf diesem Kongress durch Rundfunk übertragen
, und das ganze Land konnte die Botschaft von Jesus Christus hören.
Später mußte ich dafür bezahlen, aber das war es wert gewesen.
Im Gefängnis
Bis zum 29. Februar 1948 war ich in zwei Funktionen tätig: in einer der Öffentli
chkeit sichtbaren und einer im Untergrund verborgenen. An jenem Sonntag wurde ic
h auf meinem Weg zur Kirche von der Straße weg gewaltsam von der Geheimpolizei e
ntführt. Ein geschlossener Wagen der Geheimpolizei hielt unmittelbar vor mir an,
vier Männer sprangen heraus und stießen mich in den Wagen hinein. Ich blieb jah
relang verschwunden. Über acht Jahre wußte niemand, ob ich noch am Leben oder sc
hon tot war. Meine Frau wurde von Geheimpolizisten, die sich als entlassene Mitg
efangene ausgaben, teilnehmend aufgesucht. Sie erzählten ihr, sie wären bei mein
er Beerdigung dabei gewesen. Ihr brach das Herz. Tausende kamen zu jener Zeit in
s Gefängnis. Nicht nur Geistliche wurden in den Kerker geworfen, auch ganz einfa
che Bauern, junge Burschen und Mädchen, die für ihren Glauben eintraten.
Unsagbare Folterungen
Die Folterungen waren oft sehr hart. Ich möchte lieber nicht zuviel darüber spre
chen. Immer, wenn ich es tue, kann ich nachts nicht schlafen. Es setzt mir zu se
hr zu.
Ein Pfarrer mit Namen Florescu wurde mit glühenden Schürhaken und mit Messern ge
foltert. Er wurde arg zusammengehauen. Dann wurden ausgehungerte Ratten durch ei
n Rohr in seine Zelle hineingetrieben. Er konnte nicht schlafen, sondern hatte n
ur damit zu tun, sich die ganze Zeit über zu verteidigen. Wenn er nur einen Auge
nblick ausruhte, griffen ihn die Ratten sofort wieder an. Die Kommunisten wollte
n ihn zwingen, seine Glaubensbrüder zu verraten. Aber er blieb standhaft.
Schließlich brachten sie seinen vierzehn Jahre alten Sohn herbei und begannen, d
en Sohn vor den Augen des Vaters zu peitschen, und drohten, ihn so lange zu schl
agen, bis der Pfarrer aussagen würde, was sie von ihm hören wollten. Der arme Ma
nn war halb von Sinnen. Er hielt aus, solange seine Kraft reichte. Als er es nic
ht mehr ertragen konnte, rief er seinem Sohn zu: "Alexander, ich muß jetzt aussa
gen. Ich kann nicht länger ertragen, wie sie dich schlagen."
Der Junge antwortete: "Vater, tu mir das nicht an, daß ich einen Verräter zum Va
ter habe. Bleibe standhaft gegen sie! Wenn sie mich töten, werde ich sterben mit
den Worten 'Jesus und mein Vaterland '."
Voller Wut fielen die Kommunisten über das Kind her und schlugen es zu Tode, - d
ie Zellenwände waren übersät mit Blutspritzern. Noch im Sterben pries er seinen
Gott. Unser Bruder Florescu aber war nach diesem Erleben nicht mehr derselbe wie
vorher.
Andere wurden in Kühlfächer von Eisschränken gesteckt. Ich selber wurde in eine
solche Eiszelle gesteckt, mit kaum Bekleidung auf dem Leibe. Gefängnisärzte über
wachten uns durch eine Öffnung bis sie die ersten Symptome tödlicher Starre beme
rkten, gaben dann ein Warnzeichen, worauf Wachen herbeieilten, um uns in Empfang
zu nehmen und wieder aufzuwärmen.
Auftauen, dann abkühlen bis ein, zwei Minuten vor Eintreten des Erfrierungstodes
, und wiederum auftauen. Manchmal kann ich es selbst heute nicht ertragen, einen
Kühlschrank zu öffnen.
Wir Christen wurden auch in Holzverschläge gesteckt, die kaum größer waren als w
ir selber. Dutzende spitzer Nägel waren in die Seitenwände getrieben und ragten
mit ihren scharfkantigen Enden in den Verschlag hinein. Wir mußten in diesen Ver
schlägen Stunden um Stunden stehen. Schwankten wir vor Ermüdung, bohrten sich di
e Nägel in unsere Körper.
Ich habe vor dem Unterausschuss für Innere Sicherheit des amerikanischen Senats
meine Aussagen gemacht. Dort habe ich über solche furchtbaren Dinge berichtet, w
ie Christen vier Tage und Nächte lang an Kreuze gefesselt waren. Die Kreuze wurd
en auf den Boden gelegt, und Hunderte von Häftlingen mußten nun ihre leibliche N
otdurft über den Gesichtern und Leibern der Gekreuzigten verrichten. Das hat sic
h in dem rumänischen Gefängnis von Pitesti ereignet.
Das hier Geschilderte ist nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was sich an manche
n Sonntagen dort zugetragen hat. Es geschahen auch Dinge, für die sich einfach k
eine Worte finden. Sie sind zu grauenhaft und zu obszön um niedergeschrieben zu
werden. Aber eure Brüder in Christus haben sie durchlebt und müssen sie noch heu
te durchstehen.
Die Folterungen hielten in ihrer Brutalität ohne Unterbrechung an. Wenn ich zuwe
ilen das Bewußtsein verlor, um den Peinigern noch irgendwelche Hoffnung auf Gest
ändnisse zu machen, wurde ich gewöhnlich wieder in meine Zelle zurückverfrachtet
. Dort lag ich dann halb tot und sammelte wieder etwas Kräfte, damit sie mich vo
n neuem bearbeiten konnten. In diesem Stadium der Folter starben viele.
Aber irgendwie kehrten meine Kräfte immer wieder zurück. Im Laufe der Jahre brac
hen sie mir in verschiedenen Gefängnissen vier Rückenwirbel und mehrere Knochen
im Körper. An zwölf Stellen brannten und kerbten sie mir tiefe Wundmale ein.
Ärzte in Oslo, die all das gesehen haben und dazu die Vernarbungen von einer Lun
gentuberkulose, die ich in jener Zeit durchgemacht habe, erklärten, es sei ein r
eines Wunder, daß ich überhaupt noch am Leben sei. Nach dem Stand der Wissenscha
ft hätte ich schon einige Jahre tot sein müssen. Ich selber weiß nur zu gut, daß
es ein Wunder ist. Gott ist ein Gott der Wunder.
Ich glaube, Gott hat dieses Wunder getan, damit ihr meine Stimme hinausschreien
hört für die unterdrückte Kirche hinter dem Eisernen Vorhang und hinter dem Bamb
usvorhang und in vielen islamischen Ländern.
Kurze Freiheit
Das Jahr 1956 kam heran. Achteinhalb Jahre hatte ich im Gefängnis zugebracht. Ic
h war brutal niedergeschlagen und verspottet worden, vor Hunger fast umgekommen
und bis zum Erbrechen verhört worden. Keines von denen hatte das Ergebnis gezeit
igt, auf das meine Zwingherren aus waren. So ließen sie mich schließlich frei, z
umal bei ihnen ständig Proteste wegen meiner Inhaftierung eingingen. Unauffällig
kehrte ich in meine Arbeit zurück. Meine Familie stand hinter mir. Nun bezeugte
ich wiederum das Evangelium vor verborgenen Kreisen von Gläubigen, wobei ich wi
e ein Geist unter dem Geleit von Freunden zu ihnen kam und wieder verschwand.
Die drei Jahre verhältnismäßiger Freiheit nutzte ich, um ein ganzes Netz von Eva
ngelisten für die Untergrundarbeit auszubilden. Schließlich entdeckte die Geheim
polizei dann doch meine Aktivitäten und am 15. Januar 1959 wurde ich erneut verh
aftet.
Meine zweite Inhaftierung war in mehrfacher Hinsicht schlimmer. Ich wußte zu gen
au, was meiner wartete. Mein körperlicher Zustand verschlechterte sich daher mit
einem Schlage. Es war mir streng verboten, den anderen Häftlingen Gottes Wort z
u sagen. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, daß derjenige, der dabei ertappt wur
de, eine schwere Prügelstrafe erhielt. Der folgende Fall ereignete sich öfter: E
in Glaubensbruder war gerade dabei den anderen Gefangenen zu predigen, als die W
ächter plötzlich hereinstürzten und ihn mitten im Satz überraschten. Sie zerrten
ihn den langen Gang entlang zum "Prügelzimmer". Nach schier endlosen Schlägen s
chleiften sie ihn zurück - blutüberströmt und zerschunden - und warfen ihn auf d
en Gefängnisboden. Langsam richtete er seine zerschlagenen Glieder auf, ordnete
seine Kleider und sagte: "Nun, Brüder, wo war ich stehengeblieben, als ich unter
brochen wurde?" Das waren wunderbare Erlebnisse.
Manchmal waren die Prediger einfache Laien. Schlichte Leute, aber erfüllt vom He
iligen Geist, die das Wort mit Vollmacht verkündigten. Ihr ganzes Herz lag in ih
ren Worten, denn unter solchen Strafandrohungen zu predigen war keine Kleinigkei
t.
Gherla
Während meines dritten Jahres in Gherla wurde unser Leben etwas erträglicher. Wi
r konnten freier reden und bekamen einige Bissen mehr zu essen. Daraus entnahmen
wir, daß die Verhältnisse in der Außenwelt wieder eine Wandlung durchmachten. J
edoch wußten wir weder, in welcher Richtung diese Wandlung verlief, noch war es
uns bewußt, daß die schwersten Prüfungen uns immer noch bevorstanden.
Wir hatten jetzt einen neuen Kommandanten, einen Schinder mit Namen Alexandrescu
. Bis vor kurzem noch ließ man uns hungern, wir wurden geschlagen und beschimpft
, aber kein Mensch fragte nach dem, was wir dachten. "Erfindet in euren Zellen n
ur so viele Regierungen, wie ihr wollt, ihr Banditen, unsere ist in Bukarest," p
flegte der Kommandant zu sagen.
Doch seit einiger Zeit waren im Gefängnis Elektriker am Werk. In vielen Zellen w
urden an den Wänden Lautsprecher angebracht. Wir sollten also Rundfunk bekommen.
Ein Häftling meinte: "Es wird sich kaum um leichte Musik handeln."
Gleichzeitig begann man mit einer Reihe von Schulungsvorträgen. Uns kamen sie ge
radezu albern vor. Einmal erklärte ein junger Politoffizier, daß eine Sonnenfins
ternis bevorstünde. Aber es gäbe keinen Grund zur Unruhe, da die sozialistische
Wissenschaft uns ja vom Aberglauben befreit hätte. Das Ereignis sollte am 15. Fe
bruar stattfinden, und da es die Pflicht der Volksrepublik sei, unseren Horizont
zu erweitern, dürften wir den Vorgang vom Hof aus beobachten. Häftling Weingärt
ner hob die Hand: "Bitte, und wenn es draußen regnet, können wir dann die Sonnen
finsternis in der Halle haben?" "Nein", sagte der Redner ernsthaft, und begann m
it seinen Erläuterungen von vorne.
Diese Schulungen dauerten stundenlang. Die gleichen Gedanken wurden immer wieder
eingebläut. Wenn der Tag zu Ende war, überließ man uns erschöpft und mißgelaunt
unseren eigenen Streitgesprächen.
Im Laufe der weiteren Vorträge machte ich folgende Feststellung: Wenn sie auch d
em Inhalt nach kindisch waren, so steckte doch ein raffinierter Plan dahinter. D
ie Redner verließen allmählich das Thema der Politik und appellierten direkt an
die vergnügungssüchtige, verantwortungslose Seite in uns allen. Sie hielten uns
vor Augen, wieviel wir im Leben versäumen. Sie redeten über Essen, Trinken, Sex,
- alles Themen, mit denen die Redner besser vertraut waren als mit der marxisti
schen Dialektik.
Am Ende jeder Schulung wurde zur Diskussion ermuntert. Einmal sagte der Redner,
nach dem Tode bliebe vom Körper nur noch eine Handvoll chemischer Stoffe übrig.
Ich fragte ihn: "Wenn es sich so verhält, warum haben dann einige Kommunisten fü
r ihre Idee ihr Leben gelassen? Wenn ein Christ sich selbst opfert, mag dies wei
se erscheinen. Wenn man die vergänglichen Dinge aufgibt, um eine Ewigkeit zu gew
innen, so ist es, als wenn man 50 Dollar investiert, um 50 Millionen Gewinn zu m
achen. Aber weshalb sollte ein Kommunist sein Leben opfern, - es sei denn, auch
er kann etwas für sich persönlich gewinnen?"
Der Politoffizier konnte darauf keine Antwort finden. Deshalb wies ich ihn darau
f hin, die Antwort sei schon von Augustinus gegeben worden, als er sagte: Die Se
ele ist von Natur aus christlich. "Der Atheismus ist nur eine Maske für Ihre wah
ren Empfindungen. In der Tiefe Ihres Herzens, welche nur erreicht wird, wenn man
meditiert oder betet, glauben auch Sie, daß es einen Lohn gibt, wenn man für ei
ne Idee lebt. Tief in Ihrem Herzen glauben auch Sie an Gott."
"Wir wollen sehen, was Lenin dazu sagt", meinte der Redner, und las aus einem kl
einen, abgegriffenen Büchlein vor, aus dem er schon oft seine Inspirationen gesc
höpft hatte: "Selbst das Liebäugeln mit der Idee eines Gottes ist eine Verseuchu
ng der abscheulichsten Art. Alle Unflätigkeiten, Gewaltakte und Seuchen sind bei
weitem weniger gefährlich . . ." Er grinste. "Noch eine Frage?"
"Haben Sie ein Kind," fragte ich. "Ich habe eine Tochter, die bei den jungen Pio
nieren ist." "Würden Sie es denn vorziehen, daß sie von einer schrecklichen Kran
kheit befallen wird, als daß sie an ihren Schöpfer gläubig wird? Das ist doch, w
as Lenin sagt, daß Krebs besser ist als der christliche Glaube."
Der Politoffizier ließ mich aufstehen und schlug mir ins Gesicht. In diesem Anst
urm der Umschulung erschien eine Ohrfeige nur ein geringer Preis dafür, daß man
seine Glaubensüberzeugung offen bekennen durfte. Es war jedoch offensichtlich, d
aß uns noch mehr bevorstand.
Wir hatten das Gefühl, ständig bespitzelt zu werden und wunderten uns über die s
tummen Lautsprecher. Die Vorträge zeigten uns auch, daß in der politischen Haltu
ng der Regierung unter Gheorghiu-Dej eine Veränderung im Gange war. Eine Annäher
ung an den Westen, aus wirtschaftlichen Interessen, erforderte eine neue, "demok
ratische" Fassade, in die das Heer der politischen Gefangenen nicht passte. Vor
einer Massenentlassung mußte jedoch unsere "konterrevolutionäre" Denkweise mitte
ls einer Gehirnwäsche geändert werden.
Unter den Häftlingen in Gherla herrschte jedoch Ungewissheit darüber, was bei ei
ner Gehirnwäsche eigentlich vor sich ginge.
Radu Ghinda, ein bekannter Autor und christlicher Schriftsteller, der seit kurze
m in unserer Zelle war, faßte unsere Empfindungen in Worte zusammen. "Wenn sie m
ich in 15 Jahren nicht geändert haben, wie wollen sie es jetzt noch fertig bring
en."
In diesen Tagen kamen viele neue Gefangene. Unter ihnen war der Dichter und Prof
essor für Theologie, Nichifor Daianu. Er kam vom Gefängnis Aiud, um bei uns sein
e 25 Jahre weiter abzusitzen. Daianu hatte in Aiud schwer gelitten. Doch seine G
abe, religiöse Gedichte zu schreiben, war ihm geblieben. So ermunterten Freunde
aus der nazistischen Ära ihn, einige von den Versen, die er in Aiud gedichtet ha
tte, vorzutragen. Es waren Gesänge des Schmerzes und der Reue, schöner als alles
, was er je gedichtet hatte. Seinen Antisemitismus jedoch hatte er, wie auch sei
n Freund Ghinda, aus jener Zeit noch beibehalten. Der Antisemitismus hat ein seh
r zähes Leben, und die beiden waren ihm zum Opfer gefallen.
Als wir an einem Abend die Theorien über die Gehirnwäsche besprachen, spottete G
hinda darüber: "Unsinn! Pawlow hatte den Unfug mit den bedingten Reflexen der Hu
nde in die Welt gesetzt, und die Kommunisten in Korea griffen einige seiner Idee
n auf, um amerikanischen Kriegsgefangenen zu suggerieren, auf ihre Seite überzuw
echseln. Aber solche Methoden funktionieren nicht bei Menschen mit Bildung und I
ntelligenz. Wir sind keine Amis."
Pastor Weingärtner allerdings war anderer Meinung. "Es handelt sich um einen Stu
fenplan. Als nächstes kommen die öffentlichen Schuldbekenntnisse. So haben es un
sere Herren von Peking gelernt. Unter Mao müssen die Chinesen in ihren Fabriken,
Büros und auf den Straßen Schulungen beiwohnen. Danach zwingt man sie zu einer
öffentlichen Selbstanklage, ein Komplott gegen das Proletariat geschmiedet zu ha
ben. Wer nichts bekennt, wird als hartnäckiger Konterrevolutionär eingekerkert.
Wer etwas bekennt, bekommt dafür eine Gefängnisstrafe. Und so versuchen die Mens
chen gleichzeitig zu gestehen und doch nicht zu gestehen. Einer zeigt den andere
n an, alles Vertrauen zwischen Freunden und innerhalb von Familien ist zerstört.
Sie fangen jetzt an, mit uns auf die gleiche Weise zu verfahren."
Inzwischen hatten auch die Lautsprecher ihr Schweigen gebrochen. Doch anstatt Mu
sik kamen Parolen: Kommunismus ist gut, Kommunismus ist gut, Kommunismus ist gut
. Dies ging so die ganze Nacht.
Tagsüber gab es dann die "Kampfversammlungen", wie wir die Vorträge nun nannten.
Unser nächster politischer Redner erzählte uns von dem neuen, wunderbaren Rumän
ien, das unter dem Sechzehnjahresplan von Gheorghiu-Dej erblühte und von dem Par
adies, das diejenigen bereits genossen, welche die Partei für würdig befunden ha
tte. Er beschrieb uns die Vorrechte, die getreuen Arbeitern gewährt wurden: Gute
s Essen, Ströme von Wein, herrlichen Urlaub am Schwarzen Meer, wo es von Mädchen
in Bikinis nur so wimmelt . . .
In seine Augen kam ein Glanz, seine Stimme wurde belegt, als er mit hämischem Gr
insen anfing, uns Brust, Leib und Oberschenkel zu beschreiben. In seine anstößig
e Rede mischte er die Freuden bei, die Wein und Reisen gewährten. Nie habe ich a
uf Gesichtern von Menschen derartige gierige Wollust gesehen wie damals bei der
Mehrzahl von denen, die in der großen Halle um mich herum saßen. Ihre Menschenwü
rde war durch das zügellose Gerede eines Mannes wie weggeblasen. Die nackte Begi
erde, die ein Teil unseres Lebenswillens ist, war auf raffinierte Weise wiederer
weckt worden.
Die nächsten Vorträge waren geprägt von Appellen an unseren Selbstbehauptungstri
eb.
"Sie haben nur ein Leben, es geht schnell vorüber, wieviel bleibt Ihnen noch übr
ig? Machen Sie mit uns gemeinsame Sache."
Nach diesem Appell an das 'Ego' kam der Aufruf an das 'Super-Ego', unser Gewisse
n, unsere sozialen Werte und ethischen Maßstäbe. Die Redner sagten, unser Patrio
tismus sei falsch gewesen und unsere Ideale ein Betrug. An deren Stelle versucht
en sie nun, die kommunistische Ideologie zu setzen.
Während der Stunden, in denen wir keine Schulung hatten, bläute uns das Tonband
ein, daß der Kommunismus 'gut' sei. Die Häftlinge stritten sich und wir alle war
en mit den Nerven völlig am Ende.
Daianu, der Dichter, war der Erste, der zusammenbrach. Am Ende eines Vortrages s
prang er auf und begann über seine Verbrechen gegen den Staat zu faseln.
"Jetzt verstehe ich, jetzt verstehe ich alles, ich habe mein Leben für einen Irr
tum weggeworfen!" Er gab seinen Eltern, die Großgrundbesitzer waren, die Schuld
dafür, daß sie ihn auf die falsche Bahn gebracht hatten.
Keiner hatte ihn aufgefordert die Religion anzugreifen, aber er verleugnete sein
en Glauben, die Religion und die Sakramente. Er tobte gegen den "Aberglauben" un
d lästerte Gott. Es nahm kein Ende.
Dann stand Radu Ghinda auf und fuhr in der gleichen Tonart fort: "Ich bin ein Du
mmkopf gewesen , sagte er. "Ich habe mich von den kapitalistischen und christliche
n Lügen irreführen lassen. Nie wieder will ich meinen Fuß in eine Kirche setzen,
es sei denn, um hineinzuspucken!"
Als Ghinda sich hinsetzte, rief ein zittriger, alter Mann: "Ihr alle kennt mich,
- ich bin General Silveanu von der Königlichen Armee. Ich sage mich los von mei
nem Dienstgrad und meiner Regierungstreue . . . Ich habe den Ausbeutern gedient,
ich habe mein Vaterland entehrt . . ."
Dem General folgte ein ehemaliger Polizeichef.
Einer nach dem anderen standen die Männer auf und plapperten ihre "Geständnisse"
wie Papageien nach.
Dies waren die ersten Früchte von Monaten des planmäßigen Aushungerns, Erniedrig
ungen, Mißhandlungen und des Ausgesetztseins der Massensuggestion.
Die ersten, die nachgaben, waren Menschen, deren Leben durch persönliche Schuld
bereits zerstört war. Bald wurden die "bekehrten" Häftlinge eingesetzt, selbst U
mschulungsvorträge zu halten. Sie taten es mit Leidenschaft in dem Glauben, daß
ihre Freilassung von ihren Anstrengungen abhängig war.
Archimandrit Miron meinte: "Seltsam, daß Menschen, die früher über den christlic
hen Glauben schrieben, so schnell zu Verrätern wurden."
Vielleicht lag die Antwort darin, daß Daianu und Ghinda in ihrer Dichtung Christ
us nur für seine Gaben - Friede, Liebe, Erlösung - priesen.
Ein wahrer Jünger jedoch trachtet nicht nach Gaben, sondern nach Jesus selbst. S
ie waren keine Jünger Jesu, sondern seine Kunden.
1963 wurde ich wieder sehr krank und ins Gefängniskrankenhaus verlegt. Kaum eine
Woche war ich dort, als alle Patienten den Befehl bekamen aufzustehen. Wir half
en uns gegenseitig, in den großen Hof hinauszukommen, wo man das ganze Gefängnis
versammelt hatte. Stehend wohnten wir einem Schauspiel bei, das von dazu bestim
mten Häftlingen vorgeführt wurde. Es war eine einzige Verspottung des christlich
en Glaubens. Am Ende des Spieles erhob Kommandant Alexandrescu seine rauhe Stimm
e, und fragte nach unserer Stellungnahme.
Daianu machte den Anfang. Ghinda folgte ihm. Ein Mann nach dem anderen stand auf
und wiederholte die Schlagworte gegen die Religion.
Als der Kommandant mich aufrief, kamen mir die Worte meiner Frau ins Gedächtnis,
die sie mir vor vielen Jahren auf dem Religionskongress sagte:
"Geh und wasche diese Schande vom Antlitz Christi !" Dadurch, daß ich schon in s
ehr vielen Zellen gewesen war, war ich in Gherla gut bekannt.
Hunderte von Augen waren auf mich gerichtet. Sie alle schienen nur eine Frage zu
stellen: "Wird auch er ein Loblied auf den Kommunismus anstimmen ?"
Major Alexandrescu rief: "Los ! Reden Sie schon !" Er wußte, wenn ein Hartnäckig
er zusammenbrach, - und das war nach seiner Meinung nur eine Frage der Zeit, - d
ann war dies der Beweis für seine erfolgreiche Umschulung.
Ich begann vorsichtig: "Es ist Sonntagmorgen, und unsere Frauen, Mütter und Kind
er beten für uns, in der Kirche oder zu Hause. Wir hätten auch gerne für sie geb
etet, aber stattdessen mußten wir uns dieses Schauspiel ansehen."
Tränen kamen den Häftlingen in die Augen, als ich von ihren Familien sprach. Ich
fuhr fort:
"Viele haben hier gegen Jesus gesprochen. Aber was habt ihr eigentlich gegen ihn
?
Ihr sprecht vom Proletariat, aber war Jesus nicht ein Zimmermann? Ihr sagt, wer
nicht arbeitet soll auch nicht essen. Aber das hat der Apostel Paulus schon vor
langer Zeit in seinem Brief an die Thessalonischer gesagt. Ihr seid gegen die Re
ichen, aber Jesus hat die Wechsler mit der Peitsche aus dem Tempel herausgejagt.
Ihr wollt den Kommunismus, aber vergeßt nicht, daß die ersten Christen in einer
Gemeinschaft lebten und alles, was sie besaßen, miteinander teilten. Ihr möchte
t die Armen erheben, aber das Magnifikat - der Lobgesang der Jungfrau Maria - sa
gt bereits, daß Gott die Armen über die Reichen erheben wird. Alles, was an dem
Kommunismus gut ist, kommt von den Christen."
Major Alexandrescu rutschte auf seinem Stuhl hin und her, aber er unterbrach mic
h nicht. Als ich sah, daß die Häftlinge innerlich bewegt waren, vergaß ich, wo i
ch mich befand, und begann frei über Jesus, und das was er für uns getan hat, zu
predigen. Ich sagte:
"Habt ihr schon jemals von einer Ausbildung ohne Prüfungen gehört? Oder von eine
r Fabrik, wo die Erzeugnisse nicht genau auf ihre Qualität hin geprüft werden? G
enauso werden wir alle geprüft, gerichtet von uns selbst, von unseren Mitmensche
n und von Gott."
Ich sah den Kommandanten an und sagte: "Auch Sie werden gerichtet, Major Alexand
rescu." Er ließ es wieder durchgehen, und ich sprach weiter davon, daß Jesus Lie
be lehrt und das ewige Leben gibt. Als ich mit meiner Rede zu Ende war, brachen
die Häftlinge in Beifallsrufe aus. Auf meinen Platz zurückgekehrt, flüsterte mei
n Nachbar: "Haben Sie den Beifall gehört?"
Ich antwortete: "Das galt nicht mir, sondern dem, was sie in ihrem eigenen Herze
n entdeckt haben."
Wir waren wenige, die sich offen gegen die Gehirnwäsche stellten, aber wir hatte
n doch viele Gleichgesinnte, wenn ihnen auch der Mut oder die Fähigkeit fehlten,
sich selbst zur Wehr zu setzen. Es war auch nicht so einfach. Als Ergebnis mein
er Ansprache verlor ich meinen Platz im Krankenhaus und wurde in die Priesterzel
le zurückgeschickt.
Nach einigen Wochen wurden Daianu und Radu Ghinda vorzeitig entlassen. Das war e
in mächtiger Schlag gegen unsere Widerstandskraft. Sie waren die ersten, die unt
er dem neuen System befreit wurden, aber auch, was wir nicht ahnen konnten, die
letzten.
Leutnant Konya, einer der Politoffiziere, war verantwortlich für die Erfolge bei
den Gesinnungsänderungen. Über mich schien er keine guten Spitzelinformationen
bekommen zu haben. Eines Tages kam er zu mir, um mir zwei Neuigkeiten mitzuteile
n.
Erstens sagte er mir, daß meine Frau im Gefängnis sei, und zwar schon seit länge
rer Zeit. Zweitens sollte ich um zehn Uhr abends ausgepeitscht werden für meine
wiederholte Widerspenstigkeit, die in meiner Rede nach dem 'Schauspiel' ihren Hö
hepunkt erreicht hätte.
Die Nachricht über Sabine war für mich ein schwerer Schlag. Mein Schmerz darüber
kam noch zu der Angst vor der bevorstehenden Auspeitschung. Uns allen graute es
immer vor der Wartezeit. Niemand kam an diesem Abend, um mich zu holen. Sechs T
age lang wurde die Spannung aufrecht erhalten. Dann führte man mich zu dem Raum
am Ende des Korridors. Jeder Schlag brannte wie Feuer. Als es vorbei war, schrie
Leutnant Konya, der das ganze beaufsichtigte: "Gib ihm noch ein paar Hiebe!"
Dann brauchte ich zu lange, um auf die Beine zu kommen. "Noch zehn!" sagte Konya
. Ich wurde zurück in die Zelle geschleppt, wo die Lautsprecher plärrten: Christ
entum ist dumm, Christentum ist dumm, Christentum ist dumm. Gib auf, gib auf, gi
b auf . . . Christentum ist dumm . . .
Manchmal wurden die Schläge in der Zelle vorgenommen. "Hosen herunter, es gibt S
chläge!" Wir ließen die Hosen herunter. "Auf den Rücken legen und die Beine hoch
!" Wir drehten uns auf den Rücken.
Manchmal sagte ein Priester: "Ich rufe doch 'unseren Vater' an, aber welcher Vat
er, welcher Gott ist es, der mich in dieser Weise meinen Feinden ausliefert?" Ab
er wir baten ihn eindringlich: "Gib nicht nach. Bete weiter. Sei hartnäckig, dur
ch Widerstand wirst du deinen Glauben erneuern." Und er konnte unseren Worten G
ehör schenken, weil wir seine Leiden teilten.
Eines Abends befahl mir Leutnant Konya, meine Sachen zu packen. Da die Behandlun
g bei mir nicht angeschlagen hatte, dachte man, daß ein kleiner Aufenthalt in de
r "Sonderabteilung" mir vielleicht 'guttun würde. Es gab viele Gerüchte über dies
e Abteilung des Gefängnisses. Nur wenige kehrten von dort zurück. Entweder starb
en sie, oder sie erlagen der Gehirnwäsche und kamen woanders hin. Ich befand mic
h nun allein in der Zelle mit weißgekachelten Wänden. Die Decke reflektierte gre
lles weißes Licht. Es war Hochsommer, aber die Zentralheizung, die sonst nirgend
s in Gherla funktionierte, lief auf Hochtouren. Konya hatte mich mit Handschelle
n zurückgelassen, so daß ich nur entweder auf dem Rücken oder auf der Seite lieg
en konnte. Ich tropfte vor Schweiß und hatte starke Magenschmerzen. Die Lautspre
cher in diesem Raum hatten eine neue Botschaft zu verkünden:
Niemand glaubt jetzt mehr an Christus, niemand glaubt jetzt mehr an Christus, ni
emand glaubt jetzt mehr an Christus. Keiner geht mehr in die Kirche, keiner geht
mehr in die Kirche, keiner geht mehr in die Kirche. Gib auf, gib auf, gib auf.
Keiner glaubt jetzt mehr an Christus . . .
Am nächsten Morgen erschien Konya und hieß mich ihm den Korridor entlang zu folg
en. Eine neue Zelle und frische Kleidung warteten auf mich. Es gab ein überzogen
es Bett und einen Tisch mit einer Vase mit Blumen. Das war zuviel für mich. Ich
setzte mich hin und fing an zu weinen.
Als Konya gegangen war faßte ich mich wieder. Ich sah mir die Zeitung an, die au
f dem Tisch lag. Darin suchte ich nach der Nachricht, daß die 6. Kriegsflotte de
r US-Streitkräfte ins Schwarze Meer eingelaufen war, um freie Wahlen in besetzte
n Ländern zu fordern. Dieses Gerücht ging gerade in Gherla um. Doch stattdessen
fand ich einen kurzen Artikel über Fidel Castro, der in Kuba die Macht an sich g
erissen hatte und Amerika direkt vor seiner eigenen Tür Schwierigkeiten machte.
Der erste, der mich aufsuchte, war Kommandant Alexandrescu. Er sagte, meine neue
Umgebung sei eine Kostprobe von dem angenehmen Leben, das mir offen stünde. Er
begann, den christlichen Glauben anzugreifen. Christus sei nur eine Erfindung de
r Apostel gewesen, um die Sklaven mit der Hoffnung auf die Freiheit im Paradies
irrezuführen.
Ich griff nach der Zeitung und reichte sie ihm. "Sie trägt das Datum vom Juli 19
63, das bedeutet 1963 Jahre seit der Geburt von jemand, der - wie Sie eben gesag
t haben - nie gelebt hat. Sie glauben nicht an Christus, akzeptieren ihn aber al
s den Gründer unserer Zivilisation."
Alexandrescu zuckte mit den Schultern. "Diese Zeitrechnung ist einfach eine Sitt
e, ohne Bedeutung." "Aber wenn Jesus niemals auf die Welt gekommen ist, wie ist
diese Sitte entstanden?" fragte ich. "Einige Lügner haben es in die Welt gesetz
t." Ich sagte: "Wir müssen die Existenz Christi als eine historische Tatsache an
erkennen, wenn sogar im Talmud von den Pharisäern, seinen schlimmsten Feinden, ü
ber ihn berichtet wird. Dort werden die Namen seiner Mutter und einiger seiner A
postel erwähnt, und dort wird berichtet, daß Christus Wunder gewirkt hat, die si
e allerdings der Kraft der Schwarzen Magie zurechnen.
Und viele heidnische Schreiber bestätigen ihn ebenfalls. Nur die Kommunisten leu
gnen diese klare, geschichtliche Tatsache, und zwar deshalb, weil sie ihnen nich
t in ihre Theorie paßt."
Alexandrescu führte die Auseinandersetzung nicht weiter. Stattdessen schickte er
mir ein Buch "Das Handbuch des Atheisten", ein aus dem Russischen übersetztes N
achschlagwerk. Es fing an mit dem Entstehen der Religion, behandelte die großen
Weltreligionen und besonders das Christentum. Alles wurde als Schwindel hingeste
llt. Die Wissenschaft hatte das bewiesen, und deswegen habe die Kirche immer die
Wissenschaft verfolgt.
Ein ganzes Kapitel schilderte die Kirche als ein Werkzeug des Kapitalismus durch
alle Jahrhunderte. Die Ermahnung Christi, unsere Feinde zu lieben, bedeute nich
ts anderes als sich unter den Ausbeuter zu beugen. Darüber schlief ich ein.
Während der nächsten Wochen lebte ich in ständigem Wechsel zwischen Versprechung
en und Drohungen, zwischen meinem blumengeschmückten Privatzimmer und der Zelle
mit blendend grellem Licht und Lautsprechern, zwischen guten Mahlzeiten und dem
Hunger, zwischen dem Argumentieren und der brutalen Bestrafung.
Mein Gethsemane
Dort befand ich mich, als Wächter kamen, um mich abzuholen. Mit angelegten Hands
chellen und verbundenen Augen führten sie mich ab. Es war wie ein Gang zur Hinri
chtung. In einem abseits gelegenen Teil des Gefängnisses, der die Zentralverwalt
ung sein mußte, wurde ich vor einen Mann in einer Generalsuniform geführt.
Es war Negrea, der stellvertretende Innenminister. Der Politoffizier und einige
Funktionäre aus Bukarest saßen neben ihm. Negrea sagte höflich: "Ich habe gerade
Ihren Fall studiert, Herr Wurmbrand. Ich halte nichts von Ihren Ansichten, aber
ein Mann, der so fest bleibt, der gefällt mir. Wir Kommunisten sind auch hartnä
ckig. Ich glaube, es ist jetzt an der Zeit, daß wir uns auf halbem Wege entgegen
kommen. Wenn Sie bereit sind, das was Sie erlitten haben zu vergessen, werden wi
r das was Sie gegen uns unternommen haben aus dem Gedächtnis streichen. Wir wend
en einfach das Blatt um und werden Freunde anstatt Feinde."
Er hatte eine offene Akte vor sich liegen. "Ich habe sogar Ihre Predigten gelese
n. Sie erklären die Bibel auf eine sehr schöne Art. Aber Sie müssen bedenken, da
ß wir in einem Zeitalter der Wissenschaft leben." "Was wird jetzt kommen?" fragt
e ich mich, als Negrea anfing, mir einen parteiwissenschaftlichen Vortrag zu hal
ten. Hätte ein bedeutender Staatsmann lediglich zu diesem Zweck eine 320 km weit
e Reise unternommen? Wie die Donau nach vielen Schlingen und Kurven schließlich
doch das Meer erreicht, so kam auch seine Rede zum entscheidenden Punkt.
"Wir brauchen solche Männer wie Sie! Wenn Sie bereit sind, uns in unserem Kampf
gegen den Aberglauben zu unterstützen, können Sie sofort ein neues Leben beginne
n. Sie werden eine hochbezahlte Stellung bekommen, und Ihre Familie wird mit Ihn
en in Wohlstand und Sicherheit vereint sein. Ich sagte nichts. Negrea war wohl ü
berzeugt, daß ich sein Angebot annehmen würde. Er lehnte sich über den Schreibti
sch: "Herr Wurmbrand, womit Sie uns helfen können ist dies: Sie haben doch für d
en Weltkirchenrat gearbeitet. Sie sind im Ausland weithin bekannt - wir bekommen
immer noch viele Anfragen über Sie. Wenn Sie Bischof werden, können Sie unseren
anderen Verbündeten aus dem Weltkirchenrat helfen, ein Bollwerk für uns zu baue
n, nicht für den Atheismus, sondern für den Sozialismus und für den Frieden.
Sie erkennen doch sicher den weltumfassenden, menschlichen Idealismus an, der hi
nter unseren Friedenskampagnen und unseren Bemühungen um den Atomwaffensperrvert
rag steht. Sie werden natürlich dabei in der Lage sein, Gott nach Herzenslust an
zubeten. In diesen Bereich werden wir uns nicht einmischen. Der gegenwärtige lut
herische Bischof von Rumänien ist alt. Sie würden also der zukünftige Bischof un
d von Anfang an das eigentliche Oberhaupt Ihrer Kirche in Rumänien sein.
Und denken Sie daran, der Kommunismus hat ein Drittel der Welt erobert. Da muß d
ie Kirche sehen, daß sie mit uns handelseinig wird. Wenn nun ein Mann wie Sie Bi
schof werden würde, so könnten Sie ohne weiteres Ihren Glauben beibehalten und d
ennoch unserer Regierung treu sein. Denn Sie wissen ja, daß Sie der Obrigkeit un
tertan sein sollen, weil sie von Gott eingesetzt ist. Und warum sollten Sie es m
it unserer Regierung nicht auch so halten?"
Ich bat mir Bedenkzeit. Negrea war einverstanden. "Wir werden uns noch einmal tr
effen, bevor ich wieder nach Bukarest fahre, um Ihre Entlassungspapiere in Ordnu
ng zu bringen", sagte er.
Man führte mich wieder in eine Isolierzelle. Dort lag ich viele Stunden und dach
te nach. Ich wußte natürlich, daß meine Antwort "Nein" heißt. Andererseits wußte
ich, daß die offizielle Kirche in einem kommunistischen Land nur bestehen kann,
wenn sie in einem gewissen Maß zu Zugeständnissen bereit ist. Außerdem ist es s
o, daß eine Untergrundkirche für ihre Arbeit eine Deckorganisation braucht. Wenn
diese fehlt, haben Millionen von Menschen keinen Raum, wo sie ihre Gottesdienst
e halten können, keinen Pfarrer, der ihnen die Predigt hält, niemand, der sie ta
uft, traut und ihre Toten beerdigt. Und ich brauchte doch nur gelegentlich einig
e Worte zu Gunsten der Kollektivierung und des sogenannten 'Kampfes für den Frie
den' zu sagen. Außerdem hatte ich meine Frau und meinen Sohn schon jahrelang nic
ht gesehen. Ich wußte nicht, ob sie überhaupt noch am Leben waren.
Ich brauchte Kraft von oben, um Nein zu sagen. Denn das bedeutete 11 weitere Jah
re im Gefängnis, verbunden mit der Aufopferung meiner Familie und dem fast siche
ren Tod unter entsetzlichen Umständen.
Aber in diesem Augenblick war mir das Antlitz Gottes verhüllt, und mein Glaube v
erließ mich. Mit meinem geistigen Auge sah ich die riesenhafte Gestalt des Kommu
nismus, die schon einen so großen Teil der Welt im Griff hatte und auch den Rest
zu schlucken drohte. Ich wurde innerlich erdrückt von der Todesgefahr, von der
Aussicht, immer und immer wieder geschlagen zu werden. Meine Seele glich einem S
chiff, das von einer Seite auf die andere geschleudert wurde, ein Spielball eine
s gewaltigen Sturmes. Während dieser Stunden habe ich den Kelch Christi getrunke
n. Es war mein Gethsemane.
Und wie Jesus warf ich mich mit dem Gesicht auf die Erde, betete in gebrochenen
Schreien und bat Gott, mir zu helfen, diese entsetzliche Versuchung zu überwinde
n.
Nach dem Gebet wurde ich etwas ruhiger. Ich fing an, mir die einfachsten Fragen
des Glaubens zu wiederholen: Ist der Weg der Liebe besser als der Weg des Hasses
? Hat Christus mich von den Bürden der Sünde und des Zweifels befreit? Ist er de
r Erlöser? Schließlich fiel es mir nicht mehr schwer, diese Fragen mit einem Ja
zu beantworten.
Nachdem ich das getan hatte, war mir, als ob eine zentnerschwere Last von meiner
Seele genommen wurde. Dann betete ich wieder und fühlte danach, wie der Friede
in meine Seele zurückkehrte.
Am nächsten Tag wurde ich wieder gerufen. Ich sagte ihnen: "Ich halte mich nicht
für würdig, Bischof zu werden. Sogar der Stand eines einfachen Christen war ein
e Überforderung für mich. Die ersten Christen gingen in den Tod mit den Worten:
'Christianus sum!' - Ich bin ein Christ - und ich habe dies nicht getan. Stattde
ssen habe ich Ihr schmachvolles Angebot in Erwägung gezogen. Aber ich kann es ni
cht annehmen"
"Wir werden einen anderen finden, der es tun wird," drohte Negrea.
Bis zuletzt höflich, schloß er seine Aktentasche, stand auf und ging zum Fenster
hinüber. Dort stand er und schaute hinaus, während die Wächter mir Handschellen
anlegten und mich hinausführten.
Lange Zeit blieb ich in der 'Sonderabteilung', wie lange kann ich nicht mit Best
immtheit sagen. Im Laufe der Zeit schmolzen gewisse Abschnitte meines Gefängnisd
aseins zu einem einzigen ungeheuren Tag zusammen. Die Gehirnwäsche nahm an Inten
sität zu, änderte aber nur wenig an den Methoden. Aus den Lautsprechern tönte es
wieder und wieder: Christentum ist tot, Christentum ist tot, Christentum ist to
t.
Auf einen Tag kann ich mich deutlich besinnen. Man hatte uns Postkarten gegeben,
mit denen wir unsere Familien einladen und sie bitten sollten, uns Pakete zu br
ingen. Als der genannte Tag kam, wurde ich rasiert, gewaschen und bekam ein saub
eres Oberhemd. Stunden vergingen. Ich saß in der Zelle und starrte die weißglitz
ernden Kacheln an, aber niemand kam. Ich konnte damals nicht wissen, daß meine P
ostkarte niemals abgeschickt worden war. Den gleichen Trick spielten sie auch mi
t anderen hartnäckigen Häftlingen. Der Lautsprecher sagte: Jetzt hat dich nieman
d mehr lieb, jetzt hat dich niemand mehr lieb, jetzt hat dich niemand mehr lieb.
Ich fing an zu weinen.
Weiter tönte es: Man will nichts mehr von dir wissen, man will nichts mehr von d
ir wissen . . .
Ich konnte diese Worte nicht mehr ertragen und konnte ihnen doch nicht entfliehe
n. Der nächste Tag brachte wieder eine der brutalen 'Kampfversammlungen' mit sic
h. Viele andere Frauen seien gekommen, sagte der Redner, nur wir seien die Dumme
n, man hätte uns abgeschrieben. Unsere Frauen lägen jetzt mit anderen Männern im
Bett - jetzt in diesem Augenblick. Mit aller Unanständigkeit, die ihm zu Gebote
stand, schilderte er uns, was zwischen ihnen vorging. Und wo seien unsere Kinde
r? Auf der Straße, jedes einzelne von ihnen ein Atheist. Sie hätten keinen Wunsc
h, ihre Väter wiederzusehen. Wie dumm wir doch seien!
In der Sonderabteilung hörte ich tagaus, tagein den Lautsprecher: Christentum is
t tot, Christentum ist tot, Christentum ist tot.
Und mit der Zeit fing ich an zu glauben, was man uns in all den Monaten eingered
et hatte. Das Christentum war tot. Die Bibel sagt einen großen Abfall vom Glaube
n voraus. Ich glaubte, diese Zeit sei gekommen. Da dachte ich an Maria Magdalena
, und vielleicht gerade dieser Gedanke rettete mich vor dem seelentötenden Gift
des letzten und schwersten Stadiums der Gehirnwäsche. Ich erinnerte mich, wie si
e Jesus treu war, selbst als er am Kreuz ausrief:
"Mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
Und als sein Leichnam im Grabe lag, stand sie weinend in der Nähe und wartete, b
is er auferstanden war. Wenn ich auch schließlich glaubte, daß das Christentum t
ot sei, dachte ich, will ich trotzdem daran festhalten und an seinem Grabe weine
n und warten bis er aufersteht . . .
Im Juni 1964 versammelte man alle Häftlinge in der Haupthalle. Der Kommandant, v
on seinen Offizieren begleitet, trat ein, und wir stellten uns auf ein neues Sta
dium der 'Kampfversammlungen' ein. Stattdessen gab Major Alexandrescu bekannt, d
aß unter der von der Regierung erlassenen, allgemeinen Amnestie sämtliche politi
schen Häftlinge freigelassen werden sollten. Ich konnte es nicht glauben. Doch d
iesmal handelte es sich nicht um einen neuen Trick, wie wir zuerst vermuteten. I
m Sommer dieses Jahres wurden viele Tausende von Häftlingen freigelassen. Das ha
tten wir einem sogenannten Tauwetter zwischen Ost und West zu verdanken und eben
falls - wie ich später erfuhr - einer Sinnesänderung unseres Ministerpräsidenten
Gheorghiu-Dej. Dieser kehrte zu dem Glauben zurück, in dem seine Mutter ihn erz
ogen hatte, und dem sie selbst ihr ganzes Leben lang treu geblieben war. Dej kam
zum Glauben durch ein Dienstmädchen in seinem Haus und durch deren Onkel, einem
gutherzigen alten Mann, der oft mit ihm über die Bibel sprach. Der Glaube an Ch
ristus, obwohl er ihn nicht öffentlich bekannte, gab ihm die Kraft, seinen sowje
tischen Gebietern Widerstand zu leisten. Er knüpfte neue Beziehungen mit dem Wes
ten an, und gab damit anderen unterdrückten Ländern ein Beispiel.
Unglücklicherweise starb er einige Monate später. Man sagt, daß sein Tod von sow
jetischen Agenten beschleunigt worden war.
Ich gehörte zu einer der letzten Gruppen von etwa 100 Männern, die in einer groß
en Halle versammelt wurden. Wir waren fast die letzten Häftlinge, die noch in Gh
erla waren. Eine ungewohnte Stille herrschte in den Korridoren. Uns wurden die H
aare geschnitten, und wir bekamen getragene, aber saubere Kleidung. Ich verließ
das Gefängnis in den Kleidern eines anderen Mannes.
Auf den Straßen von Gherla kam ich mir wie geblendet vor. Wagen rasten vorbei, u
nd etwas ängstlich machte ich mich auf den Weg. Mit dem Bus fuhr ich in die nahe
gelegene Stadt Cluj, wo ich Freunde hatte. Von dort rief ich einen unserer Nachb
arn in Bukarest an. Die Stimme, die antwortete, gehörte Sabine.
"Hier ist Richard", sagte ich, "ich dachte, du wärest im Gefängnis".
Ich hörte ein Gewirr von Geräuschen. Mihai nahm den Hörer auf.
"Mutter ist ohnmächtig geworden, bleibe am Apparat!"
Es gab noch mehr eigenartige Laute. Dann sagte Mihai: "Sie kommt wieder zu sich,
wir dachten, daß du tot seiest!"
Ich nahm einen Zug nach Bukarest. Als ich aus dem Zug ausstieg, sah es so aus, a
ls ob alle Leute aus unserer Kirche mir entgegenliefen um mich zu begrüßen. Und
dann umarmte ich meine Frau und meinen Sohn. An diesem Abend erzählte mir Sabine
, daß man ihr schon vor Jahren eine Mitteilung von meinem Tod gemacht hatte. Sie
weigerte sich, es zu glauben, selbst wenn Fremde, die sich für ehemalige Häftli
nge ausgaben, sie besuchten und behaupteten, bei meiner Beerdigung dabei gewesen
zu sein. "Ich will auf ihn warten", hatte sie gesagt. Jahre vergingen, ohne ein
einziges Lebenszeichen von mir, bis mein Telefonanruf kam. Für sie war es, als
sei ich von den Toten auferstanden.
An einem Sonntag, Monate nach meiner Entlassung, machte ich mit einer Gruppe Sch
ulkinder eine kleine Wanderung. Anfangs folgte uns die Geheimpolizei auf den Fer
sen. Aber als sie sahen, daß wir in den Zoo gingen, ließen sie uns zufrieden. Ic
h führte die Kinder zu einem Löwenkäfig und versammelte sie alle um mich herum,
so daß ich leise zu ihnen sprechen konnte: "Eure Vorväter im Glauben an Christus
wurden solchen wilden Tieren vorgeworfen. Sie gingen mit Freuden in den Tod, we
il sie an Jesus glaubten. Die Zeit kann kommen, wo auch ihr ins Gefängnis gehen
und leiden müßt, weil ihr Christen seid. Ihr müßt euch jetzt entscheiden, ob ihr
bereit seid, diesem Tag zu begegnen." Mit Tränen in den Augen sagte einer nach
dem anderen: "Ja". Ich stellte ihnen keine weiteren Fragen.
Dies war der letzte Konfirmandenunterricht, den ich hielt, bevor ich meine Heima
t verließ.
In Washington befindet sich eine große, kupferne Gedenktafel, in der die Verfass
ung der Vereinigten Staaten kunstvoll eingraviert ist. Tritt man jedoch einige M
eter zurück, so daß der Blickwinkel sich ändert, wird das Gesicht von George Was
hington aus dem Text sichtbar. So soll es auch mit all den berichteten Erfahrung
en, die meine Glaubensbrüder und ich in den Gefängnissen gemacht haben, sein:
Alleine Jesus Christus soll sichtbar werden, der uns im Glauben erhielt und die
Kraft zum Überwinden verlieh.

II. IM WESTEN

Christen aus dem Westen besuchen Osteuropa


Im Juni 1964 wurde ich aufgrund einer Generalamnestie aus der Haft entlassen, na
chdem ich vierzehn Jahre von meinem Urteil, das auf 25 Jahre lautete, abgesessen
hatte. Ich war somit innerhalb der weiter gefaßten Grenzen eines Gefängnisses,
welches die kommunistische Welt genannt wird, frei . . .
An einem Nachmittag ging ich zur deutschsprachigen Baptistenkirche Bukarests. De
r englische Pfarrer Stuart Harris, der Leiter der Europäischen Christlichen Miss
ion und späterer Leiter der Internationalen Christlichen Mission für die kommuni
stische Welt, war dort. Er hatte Bruder John Moseley bei sich, der damals für di
e US-Mission für Europas Millionen tätig war. Sie hatten beide schon von mir geh
ört. Sie hatten mich zwar gesucht, aber nicht gewagt, sich bei jemandem nach mir
zu erkundigen.
Nach dem Gottesdienst stellte ich mich ihnen auf Englisch vor. Als ich mich umdr
ehte, sah ich, daß wir von Spitzeln umgeben waren, aber zum Glück konnte keiner
von ihnen Englisch. Ich lud Stuart Harris und John Moseley zu mir nach Hause ein
. Ich konnte ihnen meine Adresse nicht direkt sagen, da die Spitzel dies verstan
den hätten. Daher zählte ich die Buchstaben, die den Straßennamen bildeten, in g
ewissen Abständen nacheinander auf.
Am Abend kamen sie zu der Dachkammer, in der wir damals wohnten. Am nächsten Tag
trafen wir uns wieder. Ich berichtete ihnen, was mit Christen in kommunistische
n Ländern geschah. Der Traum, etwas zu tun, um verfolgten Heiligen zu helfen, wa
r nun nicht mehr der Traum eines Menschen, es war jetzt ein geteilter Traum . .
.
Am 6. Dezember 1965 konnten meine Frau Sabina, mein Sohn Mihai und ich Rumänien
verlassen. Ein Lösegeld in Höhe von 10 000 Dollar war von der norwegischen Israe
lmission, der judenchristlichen Allianz und meiner Familie für uns gezahlt worde
n.
Kommunistische Länder betreiben Sklavenhandel. Sie verkaufen ihre Bürger wie Vie
h. Eine langjährige Freundin von uns, Frau Anutza Moise, hatte das Geschäft mit
den rumänischen Behörden für uns abgewickelt.
Im schönen Norwegen
Wir fuhren zunächst nach Italien, von wo aus ich mit dem Lutherischen Weltbund,
dessen Hauptquartier in Genf war, Kontakt aufnehmen konnte. Anschließend reisten
wir für einige Tage nach Paris.
Von dort aus fuhr das Wurmbrand-Trio nach Norwegen. Ich wußte noch nicht, daß vo
r unserer Ankunft bereits Telegramme eingegangen waren, in denen jedermann gewar
nt wurde, mich predigen zu lassen. Die Absicht war gut: Der Lutherische Weltbund
fürchtete, daß meine Reden gegen den Kommunismus die Lage für die Zurückgeblieb
enen erschweren und jegliche Möglichkeit vereiteln würden, zukünftig andere frei
zukaufen.
Diese Befürchtungen erwiesen sich jedoch als unerheblich. Alle bestätigten, daß
in Rumänien niemand aufgrund meiner Predigten und der Veröffentlichung meiner Bü
cher leiden mußte, sondern daß im Gegenteil die rumänischen Kommunisten zum erst
en Mal das Drucken von Bibeln erlaubten.
Noch heute, allerdings weniger als damals, träume ich fast jede Nacht, daß ich i
m Gefängnis sei. Die Welt der Gefängnisse mit ihren Helden - denen, die gebroche
n worden sind, denen, die singend in den Tod gehen, und denen, die Spitzel gewor
den sind - erscheint mir in der Nacht. Sie alle erwarten von mir, daß ich ihnen
helfe.
Gegen fünf Uhr früh, wenn alle anderen noch schlafen, wache ich mit meinen Brüde
rn und Schwestern auf, die vom Gong aus dem Schlaf gerissen werden - dem Signal,
daß die Sklaven an die Arbeit gehen müssen, die Tausenden von Gefangenen vom Ch
inesischen Ozean bis zur Ostsee und der Donau.
Gefangenenträume sind schön. Die ganze Nacht ist man bei seinen Lieben; man ißt
reichlich; man freut sich, daß man in der Bibel lesen und in die Kirche gehen ka
nn. Da aber schlägt der Hammer auf die Querstange. Die Sklaven erwachen: blasse,
schmutzige "Skelette" mit dunklen Augenschatten und hohlen Wangen. Sie haben An
gst, sich wegen ihrer Häßlichkeit anzusehen, sie werden arbeiten müssen, hungrig
und gepeinigt, manchmal bis zu den Knien im Schnee, ein anderes Mal in sengende
r Hitze.
Ich bin bei ihnen.
Ich bin auch bei den Christen, die in psychiatrische Kliniken eingeliefert wurde
n. Die Tatsache, daß gesunde Menschen beten, wird als ein Symptom für Geistesges
törtheit angesehen; sie werden gebunden, geknebelt, mit Füßen getreten und mit E
lektroschocks traktiert, was sie zum Wahnsinn treiben wird.
Die Schönheit der Untergrundheiligen erstrahlt vor diesem düsteren Hintergrund.
Aufgrund eines "Versehens" war die amerikanische Kirche in Oslo vom Lutherischen
Weltbund nicht vor mir gewarnt worden. Dies war die erste Kirche, in die ich gi
ng. Am Weihnachtstag 1965 berichtete man ihrem Pfarrer, Myrus Knutson, daß eine
merkwürdige Gestalt die Sonntagsschule der Kinder besucht habe. Es sei ein armse
lig gekleideter Mann mit verstörtem Blick gewesen, wahrscheinlich ein aus dem Ge
fängnis oder einer psychiatrischen Klinik Entflohener. Außerdem habe er geweint,
als er die Geschichte von Jesus hörte, die den Kindern erzählt wurde. Wer hat j
e von einem Menschen gehört, der in einer achtbaren Kirche über die Kreuzigung C
hristi weinte?
Pfarrer Knutson ließ mich in sein Büro rufen und bat mich, ihm meine Geschichte
zu erzählen. Er zeigte sogleich Interesse und ging am darauffolgenden Tag zum Ha
uptsitz der Norwegischen Israelmission, um sich zu erkundigen, ob die Geschichte
, die von diesem Wurmbrand erzählt wurde, auch wahr sei. Sie wurde bestätigt. Er
stellte mir die erste Kanzel einer Kirche in der freien Welt zur Verfügung, und
ich predigte dort jeden Sonntag. Ich predigte auch in der amerikanischen Militä
rkapelle, in der Oberst Cassius Sturdy als Pfarrer tätig war.
Diejenigen, die meine ersten Predigten gehört hatten, wurden sich bewußt, daß si
ch etwas Neues ereignete, oder vielmehr etwas Kostbares aus der Vergangenheit wi
eder auflebte.
Der heilige Paulus war nach Thessaloniki gereist um zu predigen. Das Wesentliche
seiner Predigten war, daß "Christus leiden mußte" (Apg. 17,3). Seine Zuhörer er
klärten zu Recht, dies bedeute, "die Welt umzukehren".
Die Juden erwarteten, daß der Messias das beste Geschöpf, ein Bote vom Himmel se
in würde, der der Gerechtigkeit auf Erden zum Sieg verhelfen würde, indem Er so
etwas wie die UNO, den Weltkirchenrat oder Vatikan in Idealformat gründe, besteh
end aus all denen, die an das soziale Evangelium glauben, im langsamen Vormarsch
des Humanismus!
Lange vor Bonhoeffer glaubten die Juden, daß die Menschheit jene geistliche Reif
e erlangt habe, daß sie ein so herrliches Geschöpf mit Sicherheit in die Arme sc
hließen würde.
Nein , sagte Paulus, die leibhaftige Liebe und Wahrheit mußte sterben. Und wie Er we
rden auch alle, die Ihm nachfolgen, Verfolgung leiden müssen. Ich legte dar, daß
die Verfolgung bereits in einem Drittel der Erde auftrete, und daß die übrige We
lt ebenfalls bedroht sei.
Die Aussicht sei düster. Die Kirche müsse auch leiden. Und ihm ward gegeben, zu s
treiten wider die Heiligen und sie zu überwinden (Offb. 13,7).
Die einzige Hoffnung ist, an Christi Erfahrung teilzuhaben, der nach dem Tod von
den Toten auferstanden ist .
Die Gemeinde, in der ich predigte, war Predigten gewohnt, bei denen sie am Ende
des Gottesdienstes sagen konnte: Sie gefiel mir sehr gut. Während meiner Predigt l
itt die Gemeinde und war zu Tränen gerührt.
Da ich von Christi neuen Leiden in Seinem mystischen Leib, der Kirche, sprach, m
ußte ich auch diejenigen mit Namen nennen, die ihn leiden ließen. Ich nannte ein
e politische Macht. Damit wurde das erste Gerücht in die Welt gesetzt, das sich
unaufhaltsam verbreiten sollte: Wurmbrand predigt Politik.
Über diese Frage ist seit damals in Zusammenhang mit meinem Namen oft diskutiert
worden. Die Bibel enthält Bücher, die rein politisch sind, beispielsweise Obadj
a und Esther. Im Buch Esther wird Gott nicht einmal erwähnt. Wahres Predigen umf
aßt alle Lebensbereiche. Politik in Predigten auszuklammern, ist falsch.
Alles in allem wurde ich außerordentlich gut aufgenommen.
Die erste Mission wird gegründet
Jill Holby, eine Engländerin, war Mitglied der amerikanischen Kirche in Oslo. Si
e machte mich mit der Familie eines Lektors, Vermund Skard, bekannt und arrangie
rte eine Einladung bei ihm und anderen Leuten; einer von ihnen war Overbye, ein
Journalist im Ruhestand. Sie legten gemeinsam Hand an, setzten sich mit dem Bisc
hof von Tromsø, Monrad Norderval, einem berühmten Autor, telefonisch in Verbindu
ng und erklärten ihm: Richard Wurmbrand aus Rumänien ist hier bei uns. Die norweg
ischen Kirchen stehen ihm nicht offen. Den Pfarrern hat man gesagt, er könne mög
licherweise die Welt auf den Kopf stellen.
Nordervals Antwort lautete: Schicken Sie ihn her! Daraufhin fuhren wir zum Polarkr
eis hinauf.
Die Kathedrale von Tromsø war die erste lutherische Kirche in Norwegen, in der i
ch predigte, gefolgt von "Philadelphia", der großen Kathedrale der norwegischen
Pfingstler.
Der Bann war gebrochen, und die meisten anderen lutherischen Kirchen öffneten ih
re Portale. Die norwegische Mission hinter dem Eisernen Vorhang wurde ins Leben
gerufen.
Die Presse wurde in unsere Sache eingeschaltet. Die Interviews waren sensationel
l. Im Laufe der Zeit gab es kaum eine Zeitung, die nicht Bilder und Artikel über
die Grausamkeiten veröffentlichte, die im kommunistischen Lager an Christen beg
angen werden.
Man lud mich ein, vor dem NATO-Personal zu sprechen. Die NATO besteht nicht zum
Zwecke der Evangeliumsverkündigung. Tatsächlich hat sie keine Ideologie, wohinge
gen die kommunistischen Offiziellen, die den Warschauer Pakt unterzeichneten, ei
ne bis ins Detail festgelegte Doktrin besitzen, die sie der ganzen Welt aufzwing
en wollen. Ich berichtete dem NATO-Personal vom Kommunismus in Rumänien, über di
e Verfolgung und die Untergrundkirche . . .
NATO-Offiziere führten eine Spendenaktion durch, um meiner Frau und mir eine Rei
se in die Vereinigten Staaten zu ermöglichen.
Wie ich bekannt wurde
Bei meinen Vorträgen in den Vereinigten Staaten bestand ich immer wieder darauf,
daß die Kirche einen Sonderetat schaffen sollte, um den Familien christlicher M
ärtyrer zu helfen, und daß sie das Evangelium hinter dem Eisernen Vorhang verkün
digen sollte. In diesem Sinne schrieb ich viele Briefe an Persönlichkeiten des c
hristlichen Lebens. Ich hörte damit auf, als das Oberhaupt einer Konfession mir
seine Schlußfolgerung mitteilte, zu der es gekommen sei. Meine Vernunft sei getr
übt und mein Verstand verwirrt. Zweifellos hatte dieser Mann mit seiner Diagnose
recht. Niemand, der viele Jahre in nationalsozialistischen und kommunistischen
Gefängnissen verbracht hat und gefoltert wurde, kann geistig völlig gesund sein.
Das zeigte sich bei einer wissenschaftlichen Untersuchung der Opfer von Auschwi
tz.
Aber die Tatsache, daß mein Verstand getrübt sein mag, kann diejenigen, deren Ve
rstand noch intakt ist, nicht von der Verpflichtung entbinden, ihren verfolgten
Glaubensbrüdern zu helfen. Diese Leute benutzten jedoch meine "Geisteskrankheit"
als Entschuldigung dafür, daß sie selbst nichts taten.
Dennoch hat Gott geheimnisvolle Wege, Sein Ziel zu erreichen. Wenn es Sein Wille
war, daß es unsere Mission geben sollte, wurde Er auch die Möglichkeit dazu geb
en.
Zu dieser Zeit war ich in Philadelphia. In der ganzen Stadt kündigten Plakate ei
ne Antivietnam-Demonstration an. Ich war neugierig. Da ich nur schlecht Englisch
konnte, stand ich in der Nähe der Rednertribüne, um jedes Wort mitzubekommen. E
in Pfarrer hielt eine hitzige Rede. Er sprach für den Frieden. Ich stimmte ihm z
u. Als er aber anfing, den Kommunismus zu loben, konnte ich nicht länger tatenlo
s zuhören.
Ich sprang auf die Tribüne, ergriff das Mikrophon und fragte: "Was wissen Sie üb
er den Kommunismus?
Ich habe ein Doktorat im Kommunismus. Ich kann Ihnen das Diplom zeigen." Ich zog
mich bis zur Taille aus und zeigte die Narben an meinem Körper. Das sind die Mal
e kommunistischer Folterungen.
Der Pfarrer fragte, warum ich gefoltert worden sei. Angenommen, ich war ein Mörde
r", sagte ich, "wurde Oswald, der das Attentat auf Präsident Kennedy verübt hat,
gefoltert? Soll man Mörder foltern?
Leute aus dem Publikum riefen: Nein, natürlich nicht." Ich wandte mich weiter an
sie. "Mir wurde nie ein Mord zur Last gelegt. Ich wurde gefoltert, weil ich Chri
st bin. Ich bin Geistlicher wie er, aber er ist ein Judas. Anstatt Christus und
die Märtyrer zu preisen, preist er die Mörder." Viele pfiffen den Pfarrer darauf
hin aus und manche riefen Judas . Sodann schnitt jemand das Mikrophonkabel durch un
d die Kundgebung wurde abgebrochen.
Polizisten umringten mich und führten mich ab. Ich hatte zwei illegale Handlunge
n begangen: ich hatte mich an einem öffentlichen Ort entkleidet und eine ordentl
iche Versammlung gestört. Sobald wir jedoch um die Ecke gebogen und außer Sichtw
eite waren, gaben mir die Polizisten die Hand und gratulierten mir.
Am darauffolgenden Tag erschien mein Bild auf der Titelseite sämtlichen Zeitunge
n. Ein Foto zeigte mich von Polizisten umringt mit der Bildunterschrift: Wäre Ken
nedy so bewacht worden, wäre er nicht ermordet worden.
Als die Nachricht dessen, was sich in Philadelphia zugetragen hatte, in Washingt
on eintraf, wurde ich aufgefordert, vor einem Unterausschuß des US-Senats auszus
agen. Ich dachte, der Ausschuß würde sich aus ein paar Senatoren zusammensetzen.
Zu meiner Überraschung war der Saal jedoch voll von zahllosen Fernsehkameras un
d Vertretern von Nachrichtenagenturen der ganzen Welt: UPI, Associated Press, Re
uter usw. Über Nacht wurde ich in der ganzen Welt bekannt. Ich bekam viele Einla
dungen zu predigen und Vorlesungen zu halten. Das Protokoll meiner Aussagen (Blu
t und Tränen) wurde ein Bestseller der regierungseigenen Druckerei und wurde in
viele Sprachen übersetzt.
Die mir infolge dieser Ereignisse zuteil gewordene Publizität führte mich weiter
auf dem Weg zur Gründung einer internationalen Mission für die kommunistische W
elt, von der ich im Gefängnis geträumt hatte.
Meine Begegnung mit Deutschland
Ich kenne nur Deutschland. BRD und DDR habe ich nicht gekannt. Mein Vater stamm
te aus dem deutschsprachigen Gebiet Bukowina im Norden Rumäniens. Deutsch war me
ine Muttersprache. In unserem Hause sprach man Deutsch und ich besuchte eine deu
tsche Schule. Mein Vater hatte sich im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger für die
österreichische Armee gemeldet.
Eines Tages bestimmten die Nazis, daß wir nicht mehr Deutsche seien. Ich nahm di
es nicht ernst. Damals bestimmten die "deutschen Christen" auch, daß Jesus kein
Jude gewesen sei. Kann ein Diktator oder eine Gruppe von irregeführten Menschen
jemandes Nationalität ändern?
Ich bin Jude. Ich liebe das jüdische Volk und Israel. Ich bin deutsch erzogen wo
rden und liebe das deutsche Volk.
Ein Deutscher, der Zimmermann Christian Wölfkes, brachte mich während der Hitler
zeit zu Christus. Deutsche Gläubige waren uns auch in den Zeiten der größten Jud
enverfolgung treu.
Als meine Frau und ich während der Hitlerzeit in Bukarest vor einem Kriegsgerich
t standen, war der deutsche Baptistenpastor Johannes Fleischer als Zeuge geladen
. Er grüßte mit dem deutschen Gruß, verteidigte aber die verhafteten Juden mit W
ärme. Er erreichte unsere Freilassung.
Nach dem Einmarsch der Sowjetarmee in Rumänien kam es anders: Die Deutschen ware
n vogelfrei. Damals versteckten wir gefährdete Deutsche in unserem Haus. Darunte
r die Halbjüdin Martha Scheel und ihre Geschwister. Sie leitet heute ein christl
iches Kinderheim in Pascani in Rumänien und übersetzt christliche Bücher aus der
deutschen in die rumänische Sprache.
Weder unsere deutschen Brüder noch wir kannten Haß. Gott ist Liebe. Wir sind Sei
ne Kinder. Gott hat alle Menschen geschaffen. Wo bleibt da noch Platz für Judenh
aß und Deutschenhaß?
Es gab den schrecklichen "Holocaust". Auch viele Mitglieder meiner Familie wurde
n getötet. Aber auch bei grausamen Verbrechen ist es nicht christlich, den ander
en zu beschuldigen, sondern sich zu fragen: Wie kam es dazu? Was ist meine Schul
d?
Bevor es das deutsche Volk gab, hatten die Juden bereits die Zehn Gebote und die
Propheten. Der Messias kam zu ihnen. Sie waren berufen, das Licht der Welt zu s
ein.
Sie kamen in viele Länder, auch nach Deutschland. Sie trieben hier Handel und wi
rkten mit in Literatur, Kunst und Politik. Nur eines taten sie nicht: sie erfüll
ten nicht die Rolle eines auserwählten Volkes. Sie waren selbst ohne den Heiland
und betrachteten es nicht als ihre Aufgabe, die Völker zur ewigen Wahrheit zu f
ühren. Sie haben ihre Rolle als Lehrer der Nationen nicht erfüllt.
Viele Völker, auch Deutsche, waren ihnen gegenüber sehr grausam. Ungezogene Schü
ler sind manchmal sehr grausam zu ihren Lehrern. Dies ist zu verurteilen. Trifft
aber den Lehrer, der seine Pflicht nicht erfüllte, keine Schuld?
Die Welt mag denken, wie sie will. Meine Rolle als Kind Gottes besteht nicht dar
in, Menschen zu verurteilen, sondern ihnen zu helfen.
Sollen die Nachkommen der niedergemetzelten Indianer und versklavten Schwarzen d
ie Weißen für immer als ihre Feinde betrachten? Sollen die Armenier die Türken e
wig hassen, weil vor 70 Jahren 1,5 Millionen Armenier getötet wurden? Sollen Rus
sen, Rumänen und Ungarn alle Juden hassen, weil Juden eine große Rolle bei der E
rrichtung roter Diktaturen und deren Geheimpolizei spielten?
Mir waren solche Gefühle fremd. Gott soll richten. Ich liebe die Deutschen wie a
lle anderen Menschen.
Es tut mir leid, daß ich nicht nach Deutschland kommen konnte, sondern nur zu ei
nem Überbleibsel dessen, was einmal Deutschland war und wieder Deutschland sein
sollte. Ich wußte, daß hier viel Judenblut vergossen worden war. Ich erinnerte m
ich auch an das viele unschuldige deutsche Blut, vergossen von Russen und Polen,
sowie an die geschändeten deutschen Mädchen.
Mein Buch Gefoltert für Christus erschien. Niemand kannte mich oder dieses Buch.
Gott sei Dank, daß das Außenamt der evangelischen Kirche jedoch ein Rundschreib
en an alle Pfarrer sandte, man solle vor Wurmbrand und seinem Buch warnen. In di
esem Brief und in anderen Äußerungen dieser Kirche wurde gesagt, daß alle meine
Greuelgeschichten über die Leiden der Christen im Osten übertrieben seien. Eine
Untergrundkirche gäbe es gar nicht; alles sei bloß erfunden.
Daraufhin wetterten eifrige Pfarrer von der Kanzel gegen mein Buch. Dies machte
aus meinem Buch einen Bestseller. Andere Bücher folgten. Mit der Zeit kamen die
Aussiedler aus dem Osten nach Deutschland und bestätigten meine Berichte. Es fol
gte Solschenizyn. Was man meine Erfindungen genannt hatte, wurde jetzt als unbestr
eitbare Wahrheit anerkannt.
Aber auch die sicherste Wahrheit leuchtet nicht allen ein.
In Marburg versuchten linksgerichtete Jugendliche der Philips-Universität einen
unserer Vorträge gewaltsam zu verhindern. Es gab ein Handgemenge. Die Jugendlich
en schrien zwei Stunden lang. Ich sprach trotzdem unter dem Schutz der Polizei.
. .
Es gab viel Kampf in Deutschland, aber auch viel Freude.
Neue Versuchungen im Westen
Ich hatte während meiner 14 Jahre im Gefängnis kein Geld gehabt. Jetzt kam mir d
as minimale Gehalt, das ich bezog und das geringer war als das eines amerikanisc
hen Straßenkehrers, enorm vor. Mit einem Auto fahren zu können - obwohl ich bis
dahin nicht einmal ein Fahrrad besessen hatte -, war eine ungeheure Belastung. G
eldliebe schien sich in mir zu entwickeln.
In jenen vierzehn Jahren hatte ich kaum einmal eine Frau gesehen. Jetzt umgaben
mich Frauen und Mädchen, viele voller Zuneigung und Bewunderung. Ich war ein Gef
angener gewesen, den jeder, wenn er wollte, schlagen und anspucken konnte. Jetzt
las ich Artikel, in denen es hieß, ich sei "der dramatischste Prediger" oder "s
eit Jesus hat niemand mit soviel Liebe gepredigt". Ich wußte, daß solches Lob eb
enso falsch war wie der unberechtigte Hohn während meiner Haft. Es gefiel mir je
doch, und ich geriet in Versuchungen, die ich im Gefängnis ganz vergessen hatte.
In Kolosser 2,13 lesen wir: "Er hat uns vergeben alle Sünden." Obwohl ich in vie
lerlei Hinsicht in diesen vergangenen Jahren gesündigt habe, vertraue ich auf Ch
risti Vergebung und auf die Vergebung derer, gegen die ich gesündigt habe.
Ich war in einen Kampf mit einem gerissenen und verabscheuungswürdigen Feind ver
strickt, und ich bin ständig der Versuchung ausgesetzt, wie der Feind zu werden,
den ich bekämpfe. Feinde werden uns nach ihrem Bild umformen, wenn wir zurücksc
hlagen und ihre eigenen Methoden anwenden.
Ich hatte Schwierigkeiten mich wieder ans Familienleben zu gewöhnen. Meine Frau
hatte sich an die Unabhängigkeit gewöhnt, während ich, der ich mich im Gefängnis
Befehlen beugen mußte, ohne den geringsten Einwand zu erheben, ein starkes Verl
angen nach Selbstbehauptung entwickelt hatte.
Mein Sohn Mihai war mir fremd geworden. Er war der Sohn seiner Mutter, und ich w
ar nur noch eine vage Erinnerung. Er hatte seinen Glauben von mir bekommen, aber
er hatte auch darunter gelitten, meinen Namen zu tragen. Seine Gefühle waren da
her zwiespältig, und er begann sich zu fragen: Wäre es von meinem Vater nicht kl
üger gewesen, die Kirche zu verlassen und zu fliehen, als seinen Sohn soviel Müh
sal auszusetzen?
Nun wurde er, je bekannter mein Name in der Welt wurde, mehr und mehr als "Wurmb
rands Sohn" bekannt. Er war jedoch zweifellos eine unabhängige Persönlichkeit. E
r erwarb schnell drei akademische Diplome, während er gleichzeitig für unsere Mi
ssion tätig war. Er schrieb ein Buch und entwickelte erstaunliche Fähigkeiten au
f dem Gebiet der Verwaltung, die er für unsere Organisation einsetzte. Es lag ih
m fern, ein zweiter Richard Wurmbrand zu sein.
Es war verwirrend, sich an den ungeheuren Unterschied zwischen Menschen im Gefän
gnis und einer einfachen brüderlichen Beziehung zu Menschen zu gewöhnen, die in
einer mir völlig fremden Welt aufgewachsen waren. Es kam zu unnötigen persönlich
en Konflikten. Meine Familie und einige Freunde litten am meisten darunter, aber
sie waren auch diejenigen, die mir in dieser schweren Zeit am meisten halfen. I
ch entschuldige mich an dieser Stelle demütig für all die Leiden, die sie meinet
wegen erdulden mußten.
Berühmt zu werden stellte sich als eine schmerzliche Last heraus. Ich kam mir st
ändig wie ein Dieb vor. Ich predigte und schrieb über die edelsten Geschöpfe der
Menschheit, Glaubenshelden und Heilige, die gestorben sind oder noch in kommuni
stischen Gefängnissen schmachten. Meine Zuhörer projizierten diese Schönheit, vo
n der ich sprach, auf mich und umgaben mich mit dem Heiligenschein, der die Märt
yrer umgibt.
"Du sollst nicht stehlen" (3. Mose, 19,11) bedeutet auch, nicht durch irgendeine
Art von Repräsentation, Publizität oder Schmeichelei, oder indem man andere daz
u verleitet, eine bessere Meinung von sich selbst oder seiner Handlungsweise zu
haben, als man es verdient. Wir müssen die Anerkennung unserer Mitmenschen verdi
enen - nicht stehlen. Sie zu stehlen, war Absaloms Sünde gewesen.
Es war jedoch im Interesse der Mission, meinen Namen publik zu machen; vor allem
in den Vereinigten Staaten, wo im allgemeinen hochentwickelte Werbetechniken an
gewandt werden, um die Leiter religiöser Organisationen in den Brennpunkt des öf
fentlichen Lebens zu rücken.
Keine Werbung zu machen, würde bedeuten, daß kein Geld einginge und kein Geld be
deutete keine Unterstützung für christliche Märtyrer und ihre Familien. Ich vera
bscheute diese Werbung, aber wir mußten von ihr Gebrauch machen. Es war schmerzl
ich für mich, mein Foto in Zeitschriften, auf Plakaten oder im Fernsehen zu sehe
n mit jeder anderen Schlagzeile als ein elender Sünder, allein durch Gottes Gnade
gerettet .
Unser Jubiläum
Das Siegel, das die Welt ihren Auserwählten auf die Stirn drückt, sind Erfolg un
d Beliebtheit. Dieses Siegel ist für die Kinder Gottes nicht von großem Wert.
Während der langen Nacht, durch die die Menschheit geht, waren auch Hitler und S
talin beliebt. Desgleichen viele falsche religiöse Führer, die die von Christus
eingesetzte Kirche verachten und Anhänger durch Lüge gewinnen. Was wirklich zähl
t, ist Sieg in der Wahrheit.
Fünfzehn Jahre sind seit der Gründung unserer internationalen Mission vergangen.
Wir haben damit begonnen, eine äußerst unbeliebte Sache zur Sprache zu bringen.
Es aber zu wagen, für die Wahrheit einzutreten, wenn sie unbeliebt ist, ist das
Siegel Gottes. Wir wußten, daß sich die Leute wenig um Märtyrer kümmern die in
fernen Ländern um Christi willen sterben. Was kümmert sie eine Milliarde Seelen
unter kommunistischer oder islamischer Herrschaft, die gewaltsam von Christus, d
er einzigen Quelle des Heils, ferngehalten werden. Wer weint bei dem Gedanken, d
aß diese Seelen der ewigen Verdammnis anheimfallen können? Die Menschen sind sel
ten von Tragödien ergriffen, die am anderen Ende der Welt geschehen.
Jede Woche sterben rund eine Million Menschen, ohne von Christus zu wissen. Die
Weltbevölkerung nimmt jährlich um 47 Millionen Menschen zu. Angesichts dieser Si
tuation lassen die Anstrengungen der Weltkirche nach, obwohl wir das Gebot des H
errn Gehet und lehret alle Völker (Matth. 28,19) kennen.
Liebe muß, wie das Licht, immer in Bewegung sein; der Mensch muß sie üben, wegge
ben. Wenn sich Licht nicht mit Höchstgeschwindigkeit bewegt, ist es nicht Licht.
Ein Christentum, das nicht sein Äußerstes tut, um die Welt für Christus zu gewi
nnen, ist kein Christentum. Was ist ein selbstsüchtiger GIaube wert, der mir ver
sichert, daß ich in den Himmel komme, mich aber nicht antreibt, das Heil anderer
zu suchen?
Wir sagten der Welt, daß das Evangelium in kommunistischen Ländern verkündet wer
den müsse, und begannen sogleich damit. Wir erzählten auch die Geschichte der He
iligen, die von den Kommunisten verfolgt werden, und begannen den Familien von G
efangenen zu helfen. Wir staunten selbst über unseren Erfolg. Wir hatten das nic
ht erwartet.
Vor der Gründung unserer Mission sagten Antikommunisten: "Der einzige gute Kommu
nist ist ein toter Kommunist." Wir sagen: "Jeder bekehrte Kommunist ist ein Heil
iger."
Unsere Mission widersprach Kommunisten und Antikommunisten in gleicher Weise. Lo
gischerweise hätte sie keinen Erfolg haben dürfen. Sie hatte jedoch Erfolg. Ihre
Existenz und ihre rasche Ausbreitung sind ein Wunder Gottes.
Das Wunder ist um so erstaunlicher, wenn man bedenkt, wie viele ernsthafte chris
tliche Kreise uns entgegentraten. Sie meinten, daß man in kommunistischen Länder
n nicht ohne Tricks arbeiten könne und daß es besser sei, ein Drittel der Welt n
icht zu evangelisieren, als zu lügen.
Wir werden mit denen, die eine solche Ansicht vertreten, nicht streiten. Unsere
Antwort ist: Wir haben einen anderen Engel gesehen als sie. Dieser andere Engel
hat uns das Siegel Gottes aufgedeckt, auf dem geschrieben steht: "Rettet etliche
auf alle Weise" (1. Kor. 9,22), mit gewöhnlichen oder außergewöhnlichen Mitteln
.

III. Die Rückkehr nach Rumänien

Rückkehr im Triumph
Die Kameradschaft von Brüdern und Schwestern aller Nationen und Glaubensbekenntn
isse schätze ich sehr, aber dennoch habe ich mich im Herzen stets nach meinem ru
mänischen Vaterland, dem Land, in dem ich zweimal geboren wurde, gesehnt.
Patriotismus ist heute nicht besonders in Mode. Jesus lehrte uns, selbst unsere
Feinde zu lieben. Wie könnte einer dies tun wenn er nicht sein eigenes Heimatlan
d zuerst liebt? Und so war, wo immer ich auch hinreiste, das Herz das in meiner
Brust schlug, das blutende Herz meines Landes und der unterdrückten rumänischen
Kirche.
Es schien, als gäbe es keine Hoffnung, sie jemals wiederzusehen, außer im Himmel
, wo die große Wiedervereinigung stattfinden wird. Ohne Hoffnungen auf dieser Er
de, hofften meine Frau und ich der Hoffnungslosigkeit zum Trotz und sahen unsere
Hoffnungen erfüllt. Innerhalb weniger Tage stürzte Gott die blutige Diktatur Ce
ausescus. Endlich konnte ich in meine geliebte Heimat zurückkehren.
Meine Frau Sabina und ich bestiegen das Flugzeug in Zürich. Wir waren nicht sich
er, ob uns die Einreise erlaubt würde. Wenige Tage vor unserer Abreise hatten de
r rumänische König Michael I. und Königin Anna versucht zurückzukehren. Obwohl s
ie von den Rumänen sehr geliebt sind, verweigerten ihnen die Roten die Einreise.
Die neue Staatsmacht Rumäniens, der Iliescu als Präsident voransteht, besteht na
ch wie vor nahezu vollständig aus Kommunisten - "Reform-Kommunisten gewiß, aber i
mmer noch Kommunisten. Ein gezähmter Wolf ist immer noch ein Wolf.
Etwa zwei Stunden später hörten wir die beinahe unglaublichen Worte: "Bitte schl
ießen Sie Ihre Sicherheitsgurte und bereiten Sie sich auf die Landung in Bukares
t vor". - Endlich waren wir in Rumänien. Meine Gefühle übermannten mich. Ich küß
te die Erde.
Eine Trauer nur - kein Heiliger zu sein
Ganze 25 Jahre waren vergangen, seit wir Rumänien verlassen hatten. Eine Stimme
lästerte in unsere Ohren: "Warum nicht die Hoffnung aufgeben? Vielleicht wird si
ch niemand mehr an Euch erinnern .
Wir hätten kaum jemals die Menschenmenge vorausahnen können, die sich aus vielen
Städten nah und fern versammelt hatten, um uns willkommen zu heißen! Unsere Fre
ude und unser Erstaunen kannten keine Grenzen.
Die erste Person, die ich sah, war mein ehemaliger Zellengenosse Nicolaie Moldow
anu von der Armee des Herrn, einer rumänischen Version der Heilsarmee, aber ohne
Uniformen und Musikkapellen. Wir waren in derselben Zelle, in dem jahrhundertea
lten Gefängnis von Gherla gewesen.
Die Zustände dort waren sehr hart. Von Zeit zu Zeit schrien die Wärter: "Jeder l
egt sich auf den Bauch!" Es war Winter. Wir hatten keine Pullover, geschweige de
nn Mäntel. Der Boden war aus kaltem Beton ohne auch nur ein bißchen Stroh zum Wä
rmen. Wir durften keinen Laut von uns geben.
Gefangene verfluchten die Brutalität der Wärter. Nicht aber Moldowanu. Er glaubt
e, daß es besser war, Gott zu loben, als die Kommunisten zu verfluchen. Als es u
ns endlich erlaubt wurde, aufzustehen, sagte er mit einem wunderschönen Lächeln
auf seinen Lippen: "Laßt uns die Umgebung vergessen. Ich singe Euch ein Lied vor
, das ich eben komponiert habe, als ich auf meinem Bauch lag." Es war eine Hymne
voller Freude, Hoffnung und Lobpreisung. Sie wird nun in vielen Ländern gesunge
n.
Ich erinnere mich dabei an den orthodoxen Priester Ghiusch, mit dem ich zusammen
im Jilava-Gefängnis in der Nähe von Bukarest war. Das gesamte Gefängnis ist unt
erirdisch, ohne ein Gebäude, durch welches es von außen identifiziert werden kön
nte. Kühe grasen über den unterirdischen Zellen.
Ich war damals im achten Jahr meiner Gefangenschaft und hatte mich an alles gewö
hnt. Aber eines Tages wurde eine ganze Gruppe von Neuen, alle orthodoxe Priester
, hereingebracht. Von Zeit zu Zeit riefen die Wärter: "Alle Priester auf den Kor
ridor!" und verprügelten diese.
Ich setzte mich in die Nähe des Priesters Ghiusch, den ich in der Freiheit gekan
nt hatte. Meine Absicht war, ihm Trost zu spenden. Ich fragte: "Bist Du traurig?
" Er hob den Blick wunderschöner Augen zu mir und antwortete: "Ich kenne nur ein
e Trauer, die, kein Heiliger zu sein."
Moldowanu war dieselbe Art Mann. Was für eine Ehre war es für mich, seinen Brude
rkuß zu empfangen. Ich fühlte mich nicht einmal würdig, seine Schuhbänder zu lös
en.
Eine Heldin des Glaubens
Nachdem ich in Bukarest gewesen war, reiste ich von Stadt zu Stadt. Überall konn
ten wir das Elend des Sozialismus sehen. Dort wo es einst Autos und Lastwagen ge
geben hatte, wird mit Fuhrwerken gefahren. Es gibt keine Waren in den Schaufenst
ern. Die Menschen stehen stundenlang Schlange für Tomaten, Kohl und Milch. Viele
Artikel sind rationiert. Einer Person wird für je zwei Monate ein Kilogramm Fle
isch zugeteilt. Die Straßen und Häuser sind schlecht beleuchtet.
In jeder Stadt habe ich die kleinen und großen Helden des Glaubens getroffen. Da
neben Feiglinge und unverhohlene Verräter.
Eine Heldin, die mit uns an einige Orte reiste, war Dr. Margareta Pescaru.
Im Jahr 1950 lag ich todkrank im Gefängnisspital von Tirgul Ocna. Die Kommuniste
n hatten von dem von ihnen gehaßten Kapitalismus die Vorstellung geerbt, daß jed
es Gefängnis eine Krankenstation und einen Arzt haben müsse. Jedoch sagte man de
n Ärzten: "Sie müssen an diesen Gefangenen Veterinärmedizin praktizieren. Lassen
Sie ihnen jene Medikamente und jene Fürsorge zukommen, die Sie Ochsen oder Pfer
den geben würden, damit sie ihre Sklavenarbeit erfüllen können. Wenn sie nicht m
ehr arbeiten können, lassen Sie sie sterben."
In solchen Gefängnissen erlebten wir zwei Arten von Ärzten. Einige von ihnen, da
runter auch junge weibliche Ärzte, waren bei den Folterungen anwesend und machte
n Witze mit den Rohlingen. Von Zeit zu Zeit fühlte der Arzt einem dann den Puls
und sagte: "Laßt ihn jetzt für eine Weile in Ruhe". Nachdem er oder sie sich ein
e zeitlang mit dem Polizeioffizier amüsiert hatten, erklärten sie: "Jetzt könnt
Ihr wieder anfangen, aber paßt auf, ihn nicht in der Herzregion zu prügeln. Er k
önnte sonst zu früh sterben und Ihr würdet aus ihm keine Informationen mehr hera
usbekommen". Dies war die eine Art Ärzte, wenn man sie überhaupt so bezeichnen k
ann.
Dann gab es die anderen, die ihre erste Pflicht, Leben zu retten, ernst nahmen.
Die hervorragendste unter ihnen war Margareta Pescaru. Als Christin schmuggelte
sie Medikamente in das Gefängnis ein. Ärzte, ebenso wie andere Personen, wurden
bei Betreten des Gefängnisses "gefilzt". Dennoch gelang es ihr immer und immer w
ieder. Auf diese Weise wurden viele Leben, einschließlich meines eigenen, gerett
et.
Wenn ein Arzt beim Schmuggeln erwischt wurde, wurde er schwer verprügelt und ans
chließend selbst zu einer Gefängnisstrafe von mehreren Jahren verurteilt. Das Ri
siko war beträchtlich. Dr. Pescaru stellte den Kontakt zu meiner Familie und mei
nen Freunden her. Sie versorgten mich, und durch mich auch andere, mit Streptomy
cin, der Wundermedizin gegen die Tuberkulose, die im Gefängnis verbreitet war.
Kollaborateure der Kommunisten
Ich traf die Anführer verschiedenster Bekenntnisse. Einige von ihnen waren Kolla
borateure der Kommunisten gewesen. Von schrecklichen Schuldgefühlen erfüllt, wag
ten sie nicht ihre Augen zu heben. Sie zitterten aus Furcht davor, daß die Archi
ve der Geheimpolizei und des Kultusministeriums geöffnet werden würden, und daß
so die Öffentlichkeit alle Einzelheiten ihrer Taten erfahren würde.
Einige von ihnen waren ältere Männer. Unter Berücksichtigung der Tatsache, daß d
er Kommunismus in Rumänien seit 45 Jahren regiert hatte, fragten sie sich vermut
lich, was sie in einem solchen Alter noch tun sollten, wenn sie ihrer Stellung u
nd wahrscheinlich auch ihrer Pension beraubt wären.
Ich versuchte ihr Gewissen zu erleichtern, indem ich ihnen als erstes erzählte,
daß es eine legitime Maßnahme der Kollaboration gegeben habe.
Nicht daß es richtig wäre, sich atheistischen Diktatoren zu unterwerfen, weil Pa
ulus in Römer 13 sagte: Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn
hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott." Ein Regime, das Gott haßt, ist
nicht von Gott. Römer 13 erläutert in Vers 3 und 4, was ein Christ unter dieser
Obrigkeit versteht, der er Gehorsam schuldig ist. Nur der verdient diese Bezeichn
ung, der als Diener Gottes diejenigen lobt, die Gutes tun, über diejenigen ihren
Zorn ausgießen, die Böses tun. Tut ein Herrscher das Gegenteil, bestraft er das
Gute und belohnt das Böse, dann können wir ihn nicht länger als von Gott betrac
hten.
Wenn es dies wäre, wäre Gott wie der jüdische König Saul, der einen Feind, einen
Amalekiter bat, ihn zu töten (2. Samuel 1). Gott würde damit einer Art Selbstmo
rd das Wort reden.
Ich glaube mit Augustinus, daß ohne Gerechtigkeit Staaten nichts anderes sind als
Räuberbanden . Unsere Pflicht ist es, sie wie alle andere Banden zu bekämpfen und
dabei zu versuchen, die Seelen der einzelnen Dazugehörigen zu retten. Warum sch
rieb dann Paulus nicht wie Augustinus? Ich glaube, daß es weise ist, an Tyrannen
, unter deren Joch man zu leben gezwungen ist, solange man sie nicht stürzen kan
n, einige freundliche Worte zu richten. Der Prophet Daniel sagt dem König Nebuka
dnezar, der der Hitler seiner Tage war, einige sehr schöne Dinge. Das diplomatis
che Gespräch gehört zum Arsenal der Christen. Als er den Traum des Königs kommen
tierte, der nur wenig vorher drei Freunde Daniels ins Feuer hatte werfen lassen:
Herr König, möge der Traum jene treffen, die Euch hassen und seine Auslegung Eur
e Feinde! (Daniel 4,16).
Im Herzen mag Daniel gedacht haben: Alle Strafen von Gott, oh König, sind nur ger
echt und ich hoffe, daß Gott seine Meinung nicht ändern wird.
Die Verräter
Es gab nicht nur Kollaborateure. Andere waren schlicht und einfach Verräter, die
das Leben von Unschuldigen für Geld verkauften, obwohl sie selber, genauso wie
Judas, nie mehr als einen Hungerlohn bekamen. Doch dann erinnerte ich mich, daß
Jesus mit Judas an einem Tisch saß, selbst nachdem er ihn verraten hatte. All di
e vielen Worte der Liebe, die Jesus zu den Jüngern beim letzten Abendmahl sprach
, schlossen auch ihn ein.
Jesus sagte: "Euer Herz erschrecke nicht! Glaubet an Gott, und glaubet an mich!"
Dies war für Judas gedacht, dem auch versichert wurde, daß es im Hause Gottes v
iele Wohnungen gebe, auch Platz für einen Jünger, der bereits den Preis des Verr
ates in seiner Tasche trug, wenn er nur bereut.
Als Judas die Soldaten führte, um Jesus zu verhaften und ihm einen verräterische
n Kuß gab, rief ihn Jesus selbst dann einen Freund , denn Seine Freundschaft ist fü
r immer.
Bedauernswerterweise hat aber nicht einer der Verräter seine Schuld zugegeben, a
ußer vielleicht im privaten Gespräch mit Gott. Ich habe auch niemals von jemand
anderem gehört, daß ein Verräter bekehrt worden sei. Herzen werden hart.
Die große Tragödie ist, daß Verräter nicht nur aus den Reihen der schlechtesten
Christen, sondern manchmal auch aus denen der besten rekrutiert wurden, sogar au
s jenen, die geradezu Helden des Glaubens gewesen waren, und die jahrelang Folte
r und Gefängnis erlitten hatten.
Im lateinischen gibt es ein Sprichwort: De hic historia silet - Hierzu schweigt
die Geschichte. Nicht alles muß erzählt werden. Einige Dinge sind zu traurig.

Ein zentraler Ort in meinem Leben


Ich fand mich wieder in der Oltenistraße, wo meine Kirche gewesen war. In dersel
ben Straße waren auch eine orthodoxe Kirche und eine Synagoge gewesen. Ceausescu
benötigte solche Gebäude nicht. Alle wurden niedergerissen.
Was für Erinnerungen hatte ich an diesen Ort! Hier hatte ich unter vielen Tränen
mein erstes öffentliches Reuegebet gesprochen. Der Gottesdienst war von dem ang
likanischen Pastor Adeney, von der Mission für die Juden, gefeiert worden. Er ha
tte sein Leben den Juden gewidmet und hatte etwa 40 Jahre gepredigt, ohne erkenn
bare Früchte gewinnen zu können. Aber er gab seine Mission nicht auf.
Bald wurde es klar, daß er nicht umsonst gearbeitet hatte. Er hatte Isaac Feinst
ein zu Christus geführt, der später ein bekannter judenchristlicher Prediger wur
de und den Märtyrertod starb. Ein anderer war Ascher Pitaru, der später mit mir
zusammen in kommunistischen Gefängnissen war. Alle nannten ihn in gleicher Weise
"Herr 1. Korinther 13", weil dieses Kapitel, ein Hohelied der göttlichen Liebe,
sein Hauptthema war, egal mit wem er sprach, selbst mit den Wärtern, die ihn re
spektvoll behandelten.
Als Pitaru vor Gericht stand, war ein christlicher Freund und Mithäftling von ih
m Hauptzeuge der Anklage gegen ihn. Er sprach niemals anders, als mit Liebe von
diesem Mann. Niemals erwähnte er seine Sünde.
Diese und viele andere waren die Früchte von Adeneys Diensten.Der Hauptprediger
war Pastor Ellison, der auch jüdischer Abstammung war.
Olteni war der Ort meiner Bekehrung und später meines Pastorates. Die Kirche wur
de von allen "Die Kirche der Liebe" genannt, weil, obwohl nominell lutherisch, s
ie der einzige interkonfessionelle Ort in Rumänien war.
Gläubige aller Richtungen, Orthodoxe, Katholiken, Baptisten, Mitglieder der Pfin
gstbewegung, Nazarener, Adventisten - wen man auch nennt - alle fühlten sich in
diesem Nest zuhause.
Wenn jemand, der an die Kindertaufe glaubte, sein Kind brachte, freuten wir uns
alle mit ihm. Wenn ein anderer die Taufe als Erwachsener empfangen wollte, waren
jene, die Kinder tauften, anwesend, um mitzufeiern. Mein Kollege, Pastor Solhei
m, predigte seinen Glauben, daß wir in der heiligen Kommunion mit dem Brot und d
em Wein das wirkliche Fleisch und Blut Christi empfangen. Ich sagte, daß ich an
eine symbolische Gegenwart glaube. Niemand stritt darüber. Jesus hatte gesagt "N
ehmet, eßt, trinkt!", er hatte nicht gesagt "Zankt Euch darüber, welche Interpre
tation die richtige ist!" Die Kommunion ist was sie ist, und nicht was wir darüb
er denken.
In dieser Kirche sorgten wir gut für die Armen und halfen ebenso vielen anderen
Kirchen. Es war von hier aus, daß wir die erste geheime Mission zu der sowjetisc
hen Armee begannen, die in unser Land eingefallen war. Neue Testamente und Evang
elienbücher wurden für sie gedruckt.
Noch aus einem anderen Grund hat die Olteni-Kirche einen besonderen Platz in mei
nem Herzen: hier trafen wir heimlich auf dem Dachboden, der meine Pfarrerwohnung
war, Rev. Stuart Harris und seinen Freund, Pastor Moseley aus den USA. Sie ware
n die ersten ausländischen Besucher, die sich nicht durch die offiziellen Führer
der Kirche zum Narren halten ließen.
Zähle Deine Sekunden
Einer der rührendsten Ereignisse während dieses Besuches in Rumänien war die Beg
egnung mit Brüdern und Schwestern die sagten, daß sie mich schon vor dreißig, vi
erzig oder sogar fünfzig Jahren hatten predigen hören.
Ich glaube, daß das Hören einer Predigt ein existenzielles Ereignis sein soll, e
twas, welches das Leben verändert. In einer Predigt soll der Prediger nicht nur
über Christus sprechen, sondern ihn verkörpern. Ein Schauspieler spricht nicht ü
ber Faust oder Romeo; er ist die Person, wenn er auf der Bühne ist. Während des
Schauspiels im Theater wird sein persönliches Leben vollständig beiseite gelegt.
Er spricht genau so, wie Romeo sprechen würde wenn er Julia begegnet. Ebenso de
r Pastor. Nicht nur durch seine Worte, sondern auch durch seine Gesten, durch de
n Ausdruck in seinem Gesicht, durch seinen Blick, den Klang seiner Stimme und du
rch das Licht seines Geistes, das durch ihn hindurch scheint, muß er den Eindruc
k vermitteln: Ich bin heute Jesus begegnet. Er spricht zu mir.
Jemand erinnerte mich an eine dreißig Jahre alte Predigt über Psalm 90,12. Wiede
rum hatte ich mit einer Geschichte begonnen, denn an Predigten ohne Illustration
en erinnert man sich nicht:
Ein Mann mußte spät in der Nacht zu einem weit entfernten Dorf gehen. Die Reise
war eintönig, besonders da es dunkel war und er die Straße kaum sehen konnte. Au
f einmal stolperte er über etwas auf seinem Weg. Er griff nach unten und hob ein
en kleinen Sack voller Steinchen auf. Um sich abzulenken, warf er von Zeit zu Ze
it eines in den Fluß, der neben der Straße, auf der er wanderte, floß. Plitsch..
. Plitsch... Das Geräusch des Platschens war sein harmloses Vergnügen.
Als er sein Ziel erreichte, waren nur noch zwei Steinchen übrig. Im beleuchteten
Haus sah er, daß es Diamanten waren. Er hatte ein Vermögen verschleudert.
Unsere Tage bestehen aus Sekunden. Es sind zweiunddreißig Millionen Sekunden in
einem Jahr. Ein Mensch, der dreißig Jahre gelebt hat, ist für eine Milliarde Sek
unden verantwortlich.Jede Sekunde ist uns von Gott gegeben, um sie in seinem Die
nst zu verwenden. Wenn wir dies nicht tun, kehrt die Sekunde traurig zu Gott zur
ück und berichtet, daß wir sein kostbares Geschenk mißachtet haben.
Dann erzählte ich von einem General der ehemaligen königlichen Armee, mit dem ic
h zusammen im Gefängnis gewesen war. Er war todkrank. Wenn ich zu ihm von Gott s
prach, zeigte er kein Interesse. Aber dann kam seine letzte Stunde, und er bat u
m einen Priester.
Es waren genügend Priester in diesem Gefängnis, aber es brauchte Zeit, um einen
von einer anderen Zelle herzuholen. Als er kam, konnte der General nicht mehr sp
rechen und die Beichte ablegen. Der Priester gab ihm die Kommunion, aber er konn
te die Hostie nicht schlucken. Er starb, ohne Beichte und Kommunion. Er erkannte
den Wert des Schatzes erst, als die letzten Diamanten im Sack verblieben waren.
Ich sprach davon, wie gut Jesus seine Sekunden genutzt hatte, selbst als er gekr
euzigt wurde: Verzeihung für seine Kreuziger, Erlösung für einen Räuber, gute Wo
rte an seine heilige Mutter und einen geliebten Schüler, die Versicherung, daß a
lle Dinge, die für unser Heil benötigt werden, erfüllt sind, und ein vertrauensv
olles Gebet an Gott. Selbst unter diesen schrecklichen Umständen waren die Augen
blicke nicht verloren. Nütze Deine Zeit gut. Zeit ist das kostbarste Gut. Verloren
es Geld kannst Du wiedererlangen, nicht aber verlorene Zeit. Nütze Deine Zeit im
Dienste des Herrn.
Du empfingst einen Engel
Ich war im christlichen Heim eines Paares, das ich etwa vierzig Jahre vorher get
raut hatte. Sie erinnerten mich an das, was ich bei ihrer Hochzeit gepredigt hat
te.
Ich hatte ihnen erzählt, daß ich am Abend zuvor, mich fragend, was ich ihnen bei
der Feier sagen sollte, nicht schlafen konnte. Meine Frau schlief bereits. Ich
hatte erhebliche Schwierigkeiten, einen passenden Text für die Gelegenheit zu fi
nden. Nur ein Bibelvers kam mir immer wieder in den Sinn: Gastfreundlich zu sein
vergesset nicht, denn dadurch haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt (Heb
räer 13,2). Wie konnte man daraus eine Hochzeitspredigt machen?
Ich versuchte herauszufinden, wer von den vielen, die in unserem Heim beherbergt
wurden, ein Engel war. Einige erwiesen sich später als nette Menschen, andere a
ls Teufel, aber Engel? Niemand fiel in diese Kategorie.Während ich darüber nachd
achte, blickte ich zu meinere schlafenden Frau hinüber und sagte mir: Das ist ein
Engel, der von mir ohne es zu wissen unterhalten wird.
Dies wurde zum Text meiner Hochzeitspredigt. Du, der Bräutigam, empfänst jetzt ei
nen Engel. Meistens werden Engel nicht berücksichtigt. In Sodom wurden Engel sch
lecht behandelt. Gib Du Deiner Braut die Ehre, die einem Engel gebührt.
Vierzig Jahre sind vergangen. Er nennt sie heute noch immer nicht bei ihrem Name
n, sondern Engel .

Den Feind lieben


Jeder Ort, den ich in Rumänien betrat, beschwor in mir neue Erinnerungen herauf.
In Bukarest predigte ich in der Dragosvoda-Brüdergemeinde. Dieses Gebäude war zu
vor von meiner Kirche bei ihrem Wandern von einem Ort zum anderen unter den vers
chiedenen Diktaturen verwendet worden.
Es war unmittelbar nach der Invasion Rumäniens durch sowjetische Truppen gegen E
nde des Zweiten Weltkrieges. Ganze Einheiten der Deutschen Armee, die unser Land
besetzt hatte, wurden gefangen genommen. Sie hatten keine Illusionen. Ihr Los w
ürde Sklaverei in Sibirien sein. Für viele würde es den Tod bedeuten. Während ei
ne große Gruppe deutscher Kriegsgefangener in ihre Baracken geführt wurden, gela
ng es zwei Offizieren, der Bewachung zu entfliehen. Noch in ihren Nazi-Uniformen
durchwanderten sie zitternd die Straßen von Bukarest. Ihr einziges Schutzschild
war die Nacht. Wir waren immer noch im Krieg und die Straßen waren nur spärlich
beleuchtet.
Plötzlich erblickten sie einen Strahl der Hoffnung: ein Schild mit der Aufschrif
t Lutherische Kapelle . Sie wußten, daß die Lutherischen Rumäniens deutscher Abstam
mung waren. Hier würde jemand helfen. Was für eine Enttäuschung erwartete sie, a
ls sie hörten, daß wir jüdisch waren! Juden hatten sogar mehr Grund die deutsche
n Soldaten zu hassen als die sowjetischen. Ich beruhigte ihre Befürchtungen. Wir
sind Juden, aber auch Christen und haben unter der deutschen Besatzung gelitten.
Aber Ihr persönlich mögt vielleicht nicht schuldig sein. Auf jeden Fall sind wi
r nicht Eure Richter und geben niemand in die Hand seiner Feinde. Sie sind bei u
ns willkommen. Wir werden Ihnen Zivilkleider geben, damit Sie versuchen können,
Ihren Weg zurück nach Deutschland zu finden.
Damals war ein Dekret erlassen worden, das unter Andohung des Todes verbot, eine
n deutschen Soldaten zu verstecken.
Mit der Zeit entwickelte sich dies zu einer systematischen Arbeit, für Hilfe an
verfolgten Deutschen, genauso wie wir während des Krieges unseren Einfluß verwen
det hatten, um verfolgten Juden zu helfen.
Die Gläubigen in der Brüderbewegung, wo ich nun gebeten wurde zu predigen, wußte
n all dies. Sie wußten, was ich meinte, wenn ich davon sprach, jenen zu vergeben
, die einen mißhandelt haben, selbst den Gott hassenden Kommunisten.
So reiste ich von einem Ort zum anderen. In Bukarest und dann in verschiedenen S
tädten und Dörfern erlebte ich die Vergangenheit wieder.
Orte wiederbesuchend, wo ich gesündigt habe
Ich sah nicht nur Orte angenehmer oder heiliger Erinnerung, sondern auch Orte, w
o ich gesündigt hatte.
Ich sah nochmals die Häuser, in denen meine Familie gelebt hatte, als ich sehr j
ung war. Ich war gegenüber einer Mutter, die sich selbst für ihre Waisenkinder a
ufgeopfert hatte, schlecht gewesen.
Es gab in Bukarest einen Stadtteil, der - ich weiß nicht warum - den Namen "Das
Steinkreuz" trug. Es war das Zentrum der Prostitution. "Freunde" führten mich da
hin, als ich zwölf Jahre alt war. Kein Christ stand vor dem verrufenen Hause, um
Jugendliche davor zu warnen, nicht einzutreten.
Ich sah Spielhöllen, die ich besucht, Orte, wo ich mit anderen Gott geschmäht ha
tte, und auch Orte, wo ich selbst als Christ versagt hatte.
Ich beichtete Gott diese Sünden und glaube, daß Christus alles vergeben hat. Pau
lus schrieb, daß er vorwärts drängte und die Dinge vergaß, die hinter ihm waren.
Aber er konnte nicht seine gesamte Vergangenheit vergessen. Er erzählt uns davo
n.
Hier dachte ich auch an alle Verfehlungen und alle schweren Sünden, die ich währ
end des Vierteljahrhunderts im Ausland begangen hatte.
Ich war glücklich, daß es einen Brunnen gibt, der gefüllt ist mit dem Blut aus de
n Adern Emanuels", und daß ein großes Wunder stattfindet, wenn man sich in diese
m Brunnen reinigt. Nicht nur werden Sünden, sondern sogar Verbrechen vergeben. S
ie werden weiß wie Schnee. Sie werden verwandelt zu sichtbaren Zeichen von Reinh
eit.
Was mit ihnen geschieht, ist jenseits des Beschreibbaren. Jesus wurde für uns zu
r Sünde. Wie ein Töpfer eine luxuriöse Vase aus dem machen kann, was Ton gewesen
war, so tut es Jesus mit sündigem Leben.
Dennoch müssen wir, wie der Ton oder Metalle, die verfeinert werden sollen, erst
durch das Feuer des Leidens hindurch. Dieser Reinigungsvorgang dauert, bis alle
Unreinheit verschwunden ist, was in unserem Fall bedeutet, bis alles Klagen, al
le Rebellion, alle Belästigung Gottes mit der Frage "Warum?", alle Selbstsucht,
jeder Stolz und alles nicht bereit sein zu vergeben, verschwunden sind.
Ein kleines Mädchen beobachtete einen Goldschmied, der das kostbare Metall zur R
einigung in einem Gefäß hielt. Immer wieder nahm er den Kohlengrus heraus, und d
as Metall glänzte immer und immer schöner. Das Mädchen fragte: "Wie lange geht d
as noch weiter?" Er antwortete: "Hab Geduld." Der Goldschmied mußte die Worte no
ch oft wiederholen, während er auf den Moment wartete, der der Silberblick genannt
wird. Der Moment, da er sein Ebenbild im Metall erblickte.Und so arbeitet der h
immlische Goldschmied. Ein Sünder, der seine Reinigung erlebt hat, hat eine Schö
nheit wie nie zuvor, eine Schönheit von Christus selbst.
Warum so viel Leiden?
Es gibt einen Schmerz, der alle anderen Schmerzen, die Rumänen und Bewohner ande
rer Länder erdulden müssen, übersteigt, und das ist, nicht zu wissen, warum es d
iesen Schmerz gibt? Dieser Gedanke lähmt den Geist.
Es wird angenommen, daß in der UdSSR ca. fünfzig Millionen Unschuldige getötet w
urden und noch einmal fünfzig Millionen in China. Niemand weiß genau, wie viele
es in Rumänien und in anderen Ländern waren.
Eine Person war dafür im Gefängnis, daß er ein Jude war, der andere, weil er ein
Antisemit war. Pastoren wurden für die Verbreitung religiöser Propaganda inhaft
iert, atheistische Vortragende dafür, daß sie in ihrer antireligiösen Propaganda
nicht wirkungsvoll genug waren. Antikommunisten litten neben überzeugten Kommun
isten, die mit ihrer Partei wegen der Interpretation irgendeines Grundsatzes der
marxistischen Lehre angeeckt waren.
Kommunisten haben früher ganze Familien verurteilt, wenn ein Familienmitglied ei
ne Verfehlung begangen hatte. Ich erinnere mich an einen Vater, der zusammen mit
seinen vier Söhnen in meiner Zelle war. Seine Frau und seine Töchter waren in a
nderen Gefängnissen.
Hungrige, verprügelte Gefangene verzichteten auf die wenigen Stunden Schlaf die
ihnen zugestanden wurden, um endlos Fragen wie "Warum ist dies alles über uns un
d die Welt gekommen?", "Gibt es einen Gott?", "Wo ist Gott bei all diesem Gesche
hen? Er soll allmächtig und alliebend sein. Er hätte verhindern können, daß dies
e Dinge geschehen, oder ihnen zumindest ein Ende setzen. Warum tut er es nicht?"
zu diskutieren. Ich habe niemals auch nur einen Leidenden getroffen, der mit de
r Erklärung zufrieden war, daß alles Böse - Auschwitz, der Gulag, Pitesti und so
weiter - letzten Endes der Tatsache zuzuschreiben ist, daß Adam und Eva die ver
botene Frucht aßen: Ihre Sünde wurde von ihren Nachfahren in allen Generationen
geerbt. Sie ist sogar in die Natur übergegangen. Lämmer werden von Wölfen gefres
sen, kleine Fische von großen Fischen, und Kinder werden vor ihren EItern von ko
mmunistischen Folterern bis aufs Blut geprügelt, damit diese gestehen. Dies alle
s, weil vor vielen tausend Jahren dies eine Paar etwas Obst gegessen hat. Die Er
bsünde ist an allem schuld.
Es mag an der sündigen Natur liegen, die wir als die Nachfahren Adams geerbt hab
en, daß wir diese Erklärung nicht verstehen können. Tatsache ist aber, daß auch
die Bibelfestesten nur vorgeben, sie anzunehmen.
Andere Erklärungen, die ich in diesen Marathon-Diskussionen hörte, und die über
Jahre hinweg endlos wiederholt wurden, waren etwa: "Es gibt keinen Gott und dahe
r keinen Sinn." Es ist die Strafe für unsere eigenen persönlichen Sünden." "Das L
eiden ist nicht wirklich, es ist maya. Es gehört zu einer Welt der Täuschung." K
eine der Antworten war befriedigend. Gläubige, die Gott persönlich kennen, sollt
en ihm vertrauen, ohne zu fragen. Wir sind immer noch klein und haben keinen Ver
stand, der die allerletzten Antworten verstehen kann.
Das jüdische Volk, das allgemein als sehr intelligent angesehen wird, hatte den
fleischgewordenen Jesus in seiner Mitte. Er sprach zu ihnen in einfacher Sprache
, aber sie konnten ihn selbst dann nicht verstehen, wenn er in sehr einfachen Gl
eichnissen sprach. Auch die Jünger verstanden ihn nur teilweise.
Aber sie glaubten an den unbegreiflichen Jesus. Das ist Glaube. Er ersetzt die V
ernunft, die nur einen unendlich kleinen Bereich der Dinge in diesem riesigen Un
iversum erfassen kann. Wir wissen noch immer nicht, was ein Atom ist. Alle paar
Jahre wechselt das Bild des Atoms, das uns die Wissenschaft zur Verfügung stellt
. Wie können wir dann Gott verstehen?
Eines Tages "werde ich erkennen, gleich wie ich erkannt bin" (1. Korinther 13,12
).Von allen Erklärungen, die als Antwort zur Frage "Warum so viel Leiden?" gegeb
en werden, ist die zwingendste einfach: "Wir wissen es nicht." Eines Tages wird
Gott alles in allem sein, was bedeutet, daß er alles in Richard Wurmbrand sein w
ird. Es wird keinen geben, der fragt, keinen der gefragt wird, und keine Frage.
Wir werden ein Geist sein.
Jesus sagte: "Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu si
tzen, wie ich überwunden habe und mich gesetzt mit meinem Vater auf seinen Thron
", (Offenbarung 3:2 1).
Irgendwo gibt es einen Thron, von welchem aus die Welten geschaffen und regiert
werden. Heute muß ich all das geduldig lernen, was ich im Moment der Inthronisie
rung benötigen werde. Die Kenntnis des Leidens ist ein Teil des Lehrplanes. Jesu
s selbst wurde durch Leiden vollkommen. Wenn wir am Ende Jesus begegnen, werden
wir erkennen, daß unsere Leiden im Vergleich zu dem, was wir erlangt haben, unbe
deutend waren. Narben werden eine Zierde sein. Die Verwundeten werden um das, wa
s sie verloren haben, bereichert werden. Die, die getötet wurden, werden übersch
äumendes Leben haben.
Christen stehen nicht dem Problem des Bösen gegenüber, sondern seiner Herausford
erung. Probleme bedrücken einen, Herausforderungen hingegen spornen zu richtigen
Taten an.
David war unser Vorbild. Er schrieb in Psalm 9 über den tragischen Tod eines sei
ner Söhne. Aber er beklagt sich nicht über Gott und sein eigenes Schicksal. Er s
agt das, was er bei der Geburt eines Sohnes gesagt hätte: "Ich werde Dich loben
, o Herr, mit meinem ganzen Herzen."
Das Ehepaar Wurmbrand, mit dem meine Familie seit 1973 eng befreundet war, lebte
bis an ihr Lebensende am südlichen Ende des Grossraumes Los Angeles.Bei einem A
ufenthalt in Los Angeles im Dezember 1995 traf meine Familie das Ehepaar Wurmbra
nd ein letztes mal in ihrem Heim in Palos Verdes.
Am 11. August 2000 verstarb Sabine Wurmbrand. Ehemann Richard folgte ih
---
Überwindung des Marxismus
Überwindung des Marxismus Eine unvollendete Aufgabe

Von Prof. Dr. jur. Konrad Löw

Marx einer unserer Besten?


- Hinführung -
Was heißt "Marxismus"? Das Wort ist mehrdeutig und kann meinen: authentischer Ma
rxismus. Neomarxismus, Marxismus Leninismus u.a.
In diesem begrenzten Rahmen soll nur der authentische Marxismus zum Gegenstand d
er Betrachtung gemacht werden. Alle anderen Formen haben ihn als Grundlage und A
usgangspunkt. Die Abweichungen untereinander sind nicht fundamental.
Authentischer Marxismus meint die Lehre des Karl Marx und seiners Alter Ego (ander
en Ichs) Friedrich Engels.
3,3 Millionen Zuschauer haben sich vor knapp einem Jahr (29. 11. 03) an der Abst
immung zu "Unsere Besten" im Zweiten Deutschen Fernsehen beteiligt. Für Karl Mar
x stimmte über eine halbe Million, was ihm nach Konrad Adenauer und Martin Lut
her Rang drei einbrachte. Die Bewohner der neuen Bundesländer halten Marx mehr
heitlich sogar für "unseren Besten".
Schon allein daraus folgt die Aktualität und Brisanz unseres Themas. Wenn seine
Befürworter über ihn Bescheid wissen, dann ist die Herausforderung besonders gro
ß, da sie dann offenbar seine Lehre für etwas Wertvolles und Wichtiges halten; w
enn nicht, dann besteht in hohem Maße Aufklärungsbedarf.
Wir beschränken uns auf jene Aussagen des authentischen Marxismus, die für uns u
nd unsere zeit besonders wichtig sind. Sie stehen und dies sein schon vorab gesa
gt - zur christlichen Lehre in scharfem Widerspruch, was in den folgenden Abschn
itten aufgezeigt und belegt werden soll.

Marxismus und Religion


Es ist unschwer möglich, den Marxismus als Ersatzreligion nachzuweisen mit zahlr
eichen Parallelen zur christlichen Heilslehre: Paradies, Sündenfall, Jammertal,
Jüngstes Gericht und Erlösung. Auf den ersten Blick erscheinen so die christlich
en Religion und der Marxismus als austauschbare Größen mit einem ähnlichen Weltb
ild, einer ähnlichen Zukunftserwartung. Also eine gute Basis für Zusammenarbei
t!?
Dieser Anschein ist trügerisch. Der Marxismus verneint Punkt für Punkt die wesen
tlichen Bestandteile des christlichen Glaubens:
Marx war Atheist. Der Marxismus leugnet Gott ohne Wenn und Aber, ohne nähere Beg
ründung. Die Nicht-Existenz Gottes ist eine Selbstverständlichkeit. Die Wissensc
haft hat mir zu beweisen, daß es keinen Gott gibt, und nicht zu prüfen, ob es Go
tt gibt oder nicht.
Jede Religion ist den Freunden verhaßt. Marx nennt sie "Opium des Volkes", und E
ngels meint: "Diese Heuchelei führen wir auf die Religion zurück, deren erstes W
ort eine Lüge ist oder fängt die Religion nicht damit an. daß sie uns etwas Mens
chliches zeigt und behauptet, das sei etwas Übermenschliches, Göttliches? Weil w
ir aber wissen, daß alle diese Lüge und Unsittlichkeit aus der Religion folgt, d
aß die religiöse Heuchelei, die Theologie der Urtypus aller andern Lügen und Heu
chelei ist, so sind wir berechtigt, den Namen der Theologie auf die gesamte Unwa
hrheit und Heuchelei der Gegenwart auszudehnen..."
Der Mensch ist kein Geschöpf, sondern aus sich selbst hervorgegangen. Marx biete
t dafür den folgenden"unwiderstehlichen Beweis": "Indem aber für den sozialistis
chen Menschen die ganze sogenannte Weltgeschichte nichts anders ist als die Erze
ugung des Menschen durch die menschliche Arbeit, als das Werden der Natur für de
n Menschen, so hat er also den anschaulichen unwiderstehlichen Beweis von seiner
Geburt durch sich selbst, von seinem Entstehungsprozess". (Daß dieser "unwiders
tehliche Beweis" nichts anderes ist als eine bloße Behauptung, ist auf den erste
n Blick erkennbar.)
"Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch [und nicht etwa Got
t] das höchste Wesen für den Menschen sei..."

Marxismus und Sittengesetz


Es gibt also keinen Gott; es gibt keine gottgewollte Ordnung. Es gibt auch kein
zeitloses Sittengesetz. Für Marx ist Moral eine "Phrase"; jede Zeit habe ihre ei
gene Moral. Marx brüstet sich: "Die Kommunisten predigen überhaupt keine Moral..
.", und zwar deshalb, weil es doch nichts nütze. Engels: Wir weisen demnach eine
jede Zumutung zurück, uns irgendwelche Moraldogmatik als ewiges, endgültiges, fe
rnerhin unwandelbares Sittengesetz aufzudrängen, unter dem Vorwand, auch die mor
alische Welt habe ihre bleibenden Prinzipien, die über der Geschichte und der Vö
lkerverschiedenheit stehen. Wir behaupten dagegen, alle bisherige Moraltheorie s
ei das Erzeugnis, in letzter Instanz, der jedesmaligen ökonomischen Gesellschaft
slage".
Es ist nur konsequent, wenn auch die Unterscheidung von gut und böse ausdrücklic
h bestritten wird.
Gut ist nach der christlichen Lehre neben der Gottesliebe die Nächsten- und die
Feindesliebe. Für Marx und Engels aber ist das Postulat der Nächstenliebe nur ei
n Anlaß, um sich zu mokieren. Haß, Verachtung anderer, Hohn und Spott, Racheschw
üre, ja Terror und Mord, also die Gegensätze von Liebe, werden andererseits ausd
rücklich bejaht.
Diese Feststellung ist so gewichtig und andererseits für die Marxisten so belast
end, daß eine eingehende Begründung notwendig ist:
Nächstenliebe, mit einem Fremdwort auch "Philanthropie" genannt, sowie Brüderlic
hkeit, französisch: fraternité, werden ausdrücklich abgelehnt.
In einem seiner ersten Briefe an Marx berichtet Engels die Einstellung der Arbei
ter, denen er in Paris begegnet: Milde, Sanftmut, warme Brüderlichkeit. Ich hab'
sie aber gehörig gerüffelt, jeden Abend bracht' ich ihre ganze Opposition von fü
nf, sechs, sieben Kerls ... zum Schweigen".
Philanthropie und Humanismus nennt Engels ausdrücklich "antirevolutionäre Untuge
nden". Besonders deutlich werden Marx und Engels in einem "Zirkular", d. h. Rund
schreiben, das sich gegen einen ehemaligen Gesinnungsgenossen namens Kriege, der
an die Nächstenliebe appelliert, wendet:
"Dieser Liebessabbelei entspricht es, daß Kriege ... den Kommunismus als den lie
bevollen Gegensatz des Egoismus darstellt und eine weltgeschichtliche revolution
äre Bewegung auf die paar Worte: Liebe Haß, Kommunismus Egoismus reduziert .
.. Welche entnervende Wirkung auf beide Geschlechter diese Liebesduselei ausüben
und welche massenweise Hysterie und Bleichsucht sie bei den Jungtrauen hervorru
fen muß, darüber möge Kriege selbst nachdenken".
"Es versteht sich, daß Krieges Liebessabbelei und Gegensatz gegen den Egoismus w
eiter nichts sind als die schwellenden Offenbarungen eines durch und durch in Re
ligion aufgegangenen Gemüts. Wir werden sehen, wie Kriege, der sich in Europa im
mer für einen Atheisten ausgab, hier sämtliche Infamien des Christentums unter d
em Wirtshausschilde des Kommunismus an den Mann zu bringen sucht und ganz konseq
uent mit der Selbstschändung des Menschen endigt".
Haß und Verachtung, Hohn und Spott werden gepredigt. In Versform lautet das Prog
ramm:
"Nichts Schöneres gibt es auf der Welt als seine Feinde zu beißen,
als über all die plumpen Geselln seine schlechten Witze zu reißen".
Voll Stolz schreibt Engels an Marx, daß ein britischer Gewerkschaftsführer namen
s Jones "ohne unsere Doktrinen nicht auf den richtigen Weg geraten wäre und nie
gefunden hätte, wie man ... den instinktiven Klassenhaß der Arbeiter gegen die i
ndustriellen Bourgeois nicht nur beibehalten, sondern noch erweitern, entwickeln
und der aufklärenden Propaganda zugrundelegen kann."
Marx nennt sein System, das "System of mockery and contempt , das System der Verhö
hnung und Verachtung.
Noch einige weitere Zitate, die ohne jeden Kommentar eindeutig für sich sprechen
: "Bei uns ist eher Haß nötig als Liebe". "Es war gerade die Verachtung und der
Spott, mit dem wir die Gegner behandelten, die uns in den sechs Monaten bis zum
Belagerungszustand fast 6000 Abonnenten einbrachte..."
"Diese freie Luft muß das Blatt Der Social Demokrat nach Deutschland hineintragen,
und dazu dient vor allem, daß der Gegner mit Verachtung behandelt, verhöhnt wir
d .
Nicht sich drehen und winden unter den Schlägen des Gegners, heulen, winseln und
Entschuldigungen stammeln: so böse war's nicht gemeint; wie noch so viele tun.
Widerhauen muß man, für jeden feindlichen Hieb zwei, drei zurück. Das war unser
e Taktik von jeher, und wir haben bis jetzt, glaub' ich, noch so ziemlich jeden
Gegner untergekriegt."
Racheorgien werden mit schauerlicher Genüßlichkeit als Menetekel an die "Wand" g
emalt: "Der heilige Kirchenvater wird sich doch sehr wundern. wenn der Jüngste T
ag, an dem sich dies alles erfüllet, über ihn hereinbricht ein Tag, dessen Mor
genrot der Widerschein brennender Städte am Himmel ist, wenn unter diesen himmlis
chen Harmonien die Melodie der Marseillaise und Carmagnole mit obligatem Kanonend
onner an sein Ohr hallt, und die Guillotine dazu den Takt schlägt; wenn die verr
uchte Masse ca ira, ca ira brüllt und das Selbstbewußtsein vermittels der Laterne
aufhebt".
Doch damit nicht genug. Marx und Engels fordern Rache, ja, sie wollen selbst "bl
utige Rache" üben und die Leitung der Volksrache in die Hand nehmen: "Vergeßt nu
r keine Euch und allen unsern Leuten getane Niedertracht, die Zeit der Rache kom
mt und muß redlich ausgenutzt werden".
"Nun, ich hoffe, daß der Volkszorn endlich geweckt und Rache genommen wird. Es w
ird Zeit".
"Und für diesen feigen, niederträchtigen Verrat an der Revolution (Die Slawen ha
ben sich 1848/49 mehrheitlich konservativ verhalten.) werden wir einst blutige R
ache an den Slawen nehmen".
"Weit entfernt, den sogenannten Exzessen, den Exempeln der Volksrache an verhaßt
en Individuen oder öffentlichen Gebäuden, an die sich nur gehässige Erinnerungen
knüpfen, entgegenzutreten, muß man diese Exempel nicht nur dulden, sondern ihre
Leitung selbst in die Hand nehmen".
Auch wer Marx und Engels geistige Väter des Terrorismus nennt und ihnen die Verh
errlichung von Mordtaten vorwirft, tut ihnen kein Unrecht, sondern nimmt sie nur
beim Wort. Schon das bisher Zitierte würde eigentlich genügen. Denn was ist "bl
utige Rache" anderes als mörderischer Terror? Aber Marx und Engels werden noch d
eutlicher:
"Die resultatlosen Metzeleien seit den Juni und Oktobertagen, das langweilige O
pferfest seit Februar und März, der Kannibalismus der Konterrevolution selbst wi
rd die Völker überzeugen, daß es nur ein Mittel gibt, die mörderischen Todeswehe
n der alten Gesellschaft, die blutigen Geburtswehen der neuen Gesellschaft abzuk
ürzen, zu vereinfachen, zu konzentrieren, nur ein Mittel den revolutionären Te
rrorismus".
"Auf die sentimentalen Brüderschaftsphrasen, die uns hier im Namen der konterrev
olutionärsten Nationen Europas dargeboten werden, antworten wir, daß der Russenh
aß die erste revolutionäre Leidenschaft bei den Deutschen war und noch ist; daß
seit der Revolution der Tschechen und Kroatenhaß hinzugekommen ist und daß wir,
in Gemeinschaft mit Polen und Magyaren, nur durch den entschiedensten Terrorism
us gegen diese slawischen Völker die Revolution sicherstellen können ... Dann Ka
mpf ... Vernichtungskampf und rücksichtslosen Terrorismus nicht im Interesse D
eutschlands, sondern im Interesse der Revolution"!
"Wir sind rücksichtslos, wir verlangen keine Rücksicht von euch. Wenn die Reihe
an uns kommt, wir werden den Terrorismus nicht beschönigen .
Blenden wir wieder zurück zum Wesen des Christentums. Als christliche Tugend wur
de die Wahrhaftigkeit erwähnt. Im Marxismus findet sie nirgendwo, auch nur ansat
zweise und theoretisch, einen Anwalt. Engels betont ausdrücklich, daß ihm als Rev
olutionär jedes Mittel recht (sei), das zum Ziele führt, das gewaltsamste, aber
auch das scheinbar zahmste".
Jedes Mittel !, die Lüge also eingeschlossen. Und wir können ganz exakt nachweisen,
daß sie, wenn es opportun schien, bedenkenlos geheuchelt und gelogen und sich d
abei einvernehmlich zugeblinzelt haben.
So ist die Frage naheliegend und berechtigt: Was haben sie von ihrer Lehre selbs
t geglaubt?
Sie haben sich als Schöpfer des dialektischen Materialismus verstanden und werde
n als solche gefeiert. Doch bei Licht betrachtet verflüchtigt sich der dialektis
che Materialismus, das Grundgesetz des Alls und allen Lebens, wie es in ekstatis
cher Blindheit oder teuflischer Blendsucht genannt wird, teils in Selbstverständ
lichkeiten, teils in Anleitungen, wie man immer recht behält, auch wenn man sich
noch so sehr geirrt hat.

Die marxistische Ideologie ist durchsetzt mit Rabulistik, der Kunst der Wortverd
rehung, der Diabolik, der Fähigkeit, alles durcheinander zu werfen, zu verwirren
. Das lateinische Wort Diabolus kommt daher wie unser deutsches Lehnwort Teufel . D
ie Diabolik widerstreitet der Wahrhaftigkeit geradewegs. Begnügen wir uns mit ei
nem Marx Zitat, das recht eindeutig für die Richtigkeit der aufgestellten Behaup
tung spricht: "Es ist möglich, daß ich mich blamiere. Indes ist dann immer mit e
iniger Dialektik wieder zu helfen. Ich habe natürlich meine Aufstellungen so geh
alten, daß ich im umgekehrten Fall auch recht habe".
Zur christlichen Ethik gehört schließlich die Verantwortlichkeit für das eigene
Tun. Nach Marx und Engels jedoch bestimmt das gesellschaftliche Sein das Bewußts
ein der einzelnen Menschen. "In seiner Wirklichkeit ist es [das menschliche Wese
n] das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse . Die Umwelt, die Umstände sin
d an allem "schuld". Marx klagt alles (und alle) an, nur nicht sich selbst. Ein
Confiteor kennt diese Ersatzkirche in ihrer ursprünglichen Gestalt nicht. Selbst
kritik hat Marx nie geübt. Sie ist Sache jener, die nicht an der Spitze stehen.
Zweites Zwischenergebnis: Das Sittengesetz, insbesondere Liebe, Wahrhaftigkeit,
Gerechtigkeit, ist für Marx und Engels keine, zumindest keine wirksame, keine bi
ndende Realität. Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewußtsein. "Verantwort
lich" sind die Gegebenheiten.

Marxismus und christliches Menschenbild


Zum christlichen Welt- und Menschenbild gehören, über das Gesagte hinaus, Ehe un
d Familie. Marx und Engels hingegen sehen in Ehe und Familie schädliche Institut
ionen, die es zu beseitigen gelte. Engels: "Welchen Einfluß wird die kommunistis
che Gesellschaftsordnung auf die Familie ausüben? Sie wird das Verhältnis der be
iden Geschlechter zu einem reinen Privatverhältnis machen, welches nur die betei
ligten Personen angeht und worin sich die Gesellschaft nicht zu mischen hat. Sie
kann dies, da sie das Privateigentum beseitigt und die Kinder gemeinschaftlich
erzieht und dadurch die beiden Grundlagen der bisherigen Ehe, die Abhängigkeit d
es Weibes vom Mann und der Kinder von den Eltern vermittels des Privateigentums
vernichtet".
Nochmals Engels: "Es wird sich dann zeigen, daß die Befreiung der Frau zur erste
n Vorbedingung hat die Wiedereinffihrtug des ganzen weiblichen Geschlechts in di
e öffentliche Industrie, und daß dies wieder erfordert die Beseitigung der Eigen
schaft der Einzelfamilieii als wirtschaftlicher Einheit der Gesellschaft." So we
rden heute Mütter von ihren Kindern "befreit", damit sie im Erwerbsleben eingese
tzt werden können, während andererseits Millionen arbeitslos sind, die keine Kin
der zu betreuen haben.
Marx: "Die positive Aufhebung des Privateigentums, als die Aneignung des menschl
ichen Lebens, ist daher die positive Aufhebung aller Entfremdung, also die Rückk
ehr des Menschen aus Religion, Familie, Staat etc. in sein menschliches, d. h. g
esellschaftliches Dasein".
Auch der Staat ist also ein Übel und nicht minder das Privateigentum zumindest
an den Produktionsmitteln.
Drittes Zwischenergebnis: Ehe und Familie, Staat und Privateigentum sind zwar Re
alitäten, doch sollen sie möglichst rasch verschwinden.
Wege zur Überwindung
Die Wege zur Überwindung kenne ich nicht. Aber ich mache mich gerne mit Ihnen zu
sammen auf die Suche und darf dabei die nächsten Minuten vorangehen.
Eines scheint sicher: Eine Patentlösung für diese Herausforderung gibt es nicht.
Und was ich an Rezepten zur Überwindung zu bieten habe, kann mich nicht voll bef
riedigen. Daher weiß ich auch nicht, ob diese Aufgabe gelingt. Aber ich tröste m
ich mit der Überzeugung: Wir werden nicht nach unseren Erfolgen gerichtet, sonde
rn nach unserein guten Willen und unseren Taten, danach, ob wir versucht haben,
unsere Verantwortung nach besten Kräften wahrzunehmen.
Wen oder was jeder am ehesten steuern kann, ist die eigene Person, auch wenn der
Alte Adam in uns nicht immer parieren möchte: Der Geist ist zwar willig, "aber da
s Fleisch ist schwach".
Kein gangbarer, erfolgversprechender Weg ist der schlichte Appell an die säkular
isierte Gesellschaft, zur christlich abendländischen Ethik zurückzukehren. Solch
e Appelle verhallen leider ungehört, wenn sie nicht sogar Gelächter auslösen. So
ist unsere Zeit.
Mehr Außenwirkung verspreche ich mir von Aufklärung, Aufklärung über die Anstößi
gkeit und Verlogenheit des Marxismus (1), Aufklärung über die möglichen furchtba
ren Konsequenzen dieser Lehre (2). Aufklärung schließlich darüber, daß diese Leh
re nicht die Frucht humanitärer Gesinnung ist, sondern dem Wahn der Selbstvergot
tung entspringt, verbunden mit der Verachtung all dessen ist, was andere geschaf
fen haben (3). Ich glaube, ich weiß, wovon ich rede, habe ich doch über Jahrzehn
te hinweg Vorlesungen über Marxismus abgehalten und referiere auch heute noch üb
er das Thema in allen Variationen. Kurz zu den drei Punkten:

Zu 1. Insofern darf ich auf das eben Vorgetragene verweisen.


Zu 2. Ganz kurz zu den Konsequenzen: 1998 erschien das "Schwarzbuch des Kommunis
mus". Es beweist, daß Kommunisten, Menschen, die sich zu Marx bekannt haben, als
o bekennende Marxisten, ab 1917 weltweit den Tod von mindestens 85 Millionen Men
schen verschuldet haben. Die Frage lautet: Haben sich diese Verbrecher zu Recht
auf Marx berufen, oder basiert diese Berufung auf einem Mißverständnis; handelt
es sich gar um eine Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener? Hunderte von Seit
en lassen sich mit Zitaten füllen, die zeigen, daß diese Berufung das geistige E
rbe von Marx nicht vergewaltigt und pervertiert. (Konrad Löw Das Rotbuch der komm
unistischen Ideologie. Marx und Engels, die Väter des Terrors .)
Zu 3. Daß die Handlungsmotive der beiden Freunde nicht Nächstenliebe und Mitleid
gewesen sind, läßt sich ganz exakt belegen. Dafür reicht leider die vorgegebene
Zeit nicht aus. Wer insofern näher einsteigen möchte, der sei insbesondere auf
das Buch "Der Mythos Marx" verwiesen. (Konrad Löw Der Mythos Marx und seine Mache
r. Wie aus Geschichten Geschichte wird ).
Wer die Erfolgsaussichten skeptisch beurteilt, braucht dennoch nicht zu verzagen
. Er soll hoffen gegen alle Wahrscheinlichkeit. Blicken wir 20 Jahre zurück. Dam
als war unsere Gefährdung durch Staaten, die sich zum Marxismus bekannten, ganz
gewaltig, da sie gleichzeitig ein ungeheures militärisches Potential verkörperte
n. Gleichsam über Nacht verschwand dieses Gespenst des Kommunismus, so daß wir u
m unsere äußere Freiheit nicht besorgt sein müssen. Auch wenn die Wahrscheinlich
keit nicht groß ist, aber die Möglichkeit ist nicht von der Hand zu weisen, daß
gute Argumente Frucht tragen.
Viel wahrscheinlicher ist jedoch, daß leidvolle Erfahrungen, die Konsequenzen ei
nes amoralischen Lebens, zerbrochener Familien, suchtkranker Kinder, die Einsich
t in die Notwendigkeit eines Umdenkens fördern. Denken Sie nur an den Pisa Schoc
k, wobei es verfrüht wäre, schon jetzt von einem Erfolg dieses Schocks zu sprech
en. Aber die Erschütterung hält doch beachtlich lange vor.
Ganz wichtig erscheint mir auch, alternativ zu leben, alternativ zu marxistisch
heißt hier schlicht: christlich. Einen wunderbaren Wirkungsbereich bildeten für
mich über Jahrzehnte hinweg neben den eigenen Kindern meine Studenten. Ich hab
e mich ihnen gegenüber stets zu meinen, zu unseren Werten bekannt Lind dabei nie
Schiffbruch erlitten. Dabei war es gar nicht notwendig, von meinen Werten zu sp
rechen, sondern von der Wertordnung des Grundgesetzes. Das Grundgesetz für die B
undesrepublik Deutschland stellt die Würde des Menschen über alles, nachdem es v
orher die Verantwortung vor Gott und den Menschen bekannt hat. Das Grundgesetz b
ejaht explizit nicht nur die Menschenrechte, sondern auch das Sittengesetz. Fern
er heißt es ausdrücklich: "Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz de
r staatlichen Ordnung. Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht
der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht." Wenn wir darauf hinwei
sen, so muten wir anderen nicht unsere eigene höchst subjektive Meinung zu, sond
ern das, was die Väter und Mütter des Grundgesetzes nach wochenlangen Debatten a
ls gleichsam historischen Kompromiß beschlossen haben. Zugleich negieren wir die
Kernaussagen des Marxismus.
- Wenige Wochen, bevor Michail Gorbatschow im März 1985 zum Generalsekretär d
er KPdSU gewählt wurde, schrieb ich in der Bayerischen Staatszeitung unter der Ü
berschrift "Noch ist Deutschland nicht verloren! : Ist es wirklich reine Utopie, zu
hoffen, daß sich unter den jüngeren sowjetischen Kommunisten anständige Leute b
efinden, die schrittchenweise die Konsequenzen aus den leeren Versprechenungen d
es Marxismus-Leninismus ziehen; denen das Glück der Mitmenschen mehr wert ist al
s die eigene Macht? ... Das ist unsere Hoffnung, die Chance der freien Welt, der
Menschen in Ost und West.
Warum ich das erwähne, liegt auf der Hand. Schneller, als selbst von mir erwarte
t, ist diese Hoffnung in Erfüllung gegangen. Und so brauchen wir auch die Hoffnu
ng nicht aufgeben, daß das geistige Erbe des Marxismus überwunden wird.

Dieses Referat wurde gehalten am 14. Oktober 2004 beim VII. Europäischen Ökumeni
schen Bekenntnis Kongreß in Freudenstadt.
Prof. Dr. jur. Konrad Löw (* 1931 in München) war nach staatlichen Diensten in M
ünchen und Bonn von 1972 bis 1999 Professor für Politikwissenschaft an den Unive
rsitäten Erlangen und Bayreuth. Er ist verheiratet und Vater von 5 Kindern und l
ebt im Ruhestand in der Nähe von München.
---
Corneli Martens

IM OSTEN
- Auszüge -

Der 86jährigen Evangelist Corneli Martens ist Autor der Bücher "Taten Gottes im
Osten" und "Unter dem Kreuz". Er hat noch das Zarenreich erlebt, aber auch die
bolschewistische Revolution und die ersten zehn Jahre ihrer entsetzlichen Herrsc
haft. Hier einige Berichte aus seinem Leben
Pionier des Evangeliums in Rußland
52 Jahre lebte ich in Rußland und lernte durch aktive Mitarbeit die Prediger der
Baptisten und der Evangeliumschristen kennen. Mit vielen von ihnen bin ich pers
önlich befreundet. Wenn ihre Lebensgeschichte auch nicht bekannt ist, so ist doc
h ihr Name und ihr Dienst in das Gedächtnis Gottes eingeschrieben. Ein tapferer
Streiter Jesu soll aber hier in das Licht der Öffentlichkeit gestellt werden.
Arkady Aljochin war der Sohn reicher Aristokraten. Seine Eltern ließen ihm eine
ausgezeichnete Bildung zuteil werden. Sein Bruder war Oberbürgermeister der Stad
t Kursk. Nach der Absolvierung des technischen Institutes seiner Heimat besuchte
er die Universität. Nach der Abschlußprüfung erhielt er als Erbteil ein großes
Gut im Umfang von fünftausend Desjatinen (Hektar). Das war ein Rittergut, wie es
in diesem Umfang im heutigen Deutschland wohl keines mehr gibt.
Nach menschlichem Ermessen war nun für die Existenz dieses Edelmannes gesorgt. U
nd doch blieb er bei allem wissenschaftlichen und äußeren Erfolg innerlich unbef
riedigt. Er fing deshalb an, die Schriften von Leo Tolstoi zu lesen. Die Lehre d
ieses großen Sozialisten und Schriftstellers eroberte seinen Geist und seine See
le. Sollte das der Weg für ihn sein, Frieden zu finden durch Einfachheit und Bed
ürfnislosigkeit? Würde er dabei nicht zur Ruhe kommen, wenn er alle seine Kostba
rkeiten ablegen würde, sein Vermögen den Armen gäbe und ein naturgemäßes und got
twohlgefälliges Leben führte?
Aljochin zahlte diesem gesuchten Frieden den ungeheuren Preis. Er verschenkte se
ine fünftausend Hektar den Bauern der Umgebung mit der Bedingung, daß sie ihm so
viel zum Leben lassen sollten, daß er als einfacher Bauer unter ihnen seine Exis
tenz hätte. Kaum hatte er allerdings den Bauern alles notariell verschrieben, so
drückten sich die Beschenkten von ihren Verpflichtungen. Aliochin ging am Bette
lstab. Schlimmer als diese Erfahrung war die Entdeckung, daß er durch die freiwi
llige Armut nicht den erhofften Frieden gefunden hatte.
Sollte ihm nicht Tolstoi weiterhelfen können? Aljochin stellte sich den Mann gem
äß seiner Lehre vor. Das sollte nun die zweite große Enttäuschung seines Lebens
werden. Er mußte zuerst lange Gesuche machen, bis er endlich nach Tagen vorgelas
sen wurde. Als er dann in Petersburg seinen Palast betrat, verschlug es ihm fast
den Atem. Das war nicht der Tolstoi im einfachen Bauernkittel, wie die Fotos in
den Büchern ihn zeigten. Eine ungeheure Pracht schon in den Vorzimmern! Tolstoi
fertigte seinen Besucher in einem der Vorzimmer mit einigen dürren Worten ab. W
elche Kluft zwischen Büchern und Leben! Und dafür hatte er seinen ganzen Reichtu
m und seine Stellung geopfert, die Tolstoi nicht zu opfern gewagt hatte!
Um diese schwere Enttäuschung reicher, unbefriedigt und bettelarm kehrte er zurü
ck. Dazu quälte ihn noch das Bewußtsein, daß er Frau und Kinder in Jammer und El
end gebracht hatte. Seine Frau stammt ja aus den gleichen Verhältnissen wie er u
nd war durch ihn nun völlig verarmt Wo sollte es für ihn Frieden geben?
In der Umgebung von Charkow konnte er sich schließlich mit fremder Hilfe fünf He
ktar Land mit einer ganz kümmerlichen Hütte kaufen. Dort trat Aljochin nun in me
inen Gesichtskreis.
An einem Sonntagmittag besuchte ich ihn mit einem anderen Bruder zusammen. Er em
pfing uns freundlich. Wie erschraken wir über seine Einfachheit und Armut. Mitte
n in der Stube ein Tisch, dessen Füße in den Lehmboden getrieben waren. Längs de
r Wand ein breites Brett auf eingerammten Pfählen angebracht. Ein paar Pelze und
Schaffelle war die nächtliche Lagerstatt, die Kleidung äußerst ärmlich. Das war
also die Behausung des ehemals so reichen Edelmanns, und Tolstoi hat an diesem
Unglück entscheidenden Anteil. Anderen Menschen ein schweres Joch auf die Hälse
legen, das man selbst nicht zu tragen gewillt ist!
An diesem Sonntagmittag nun brachten wir dem enttäuschten Mann und seiner Frau d
ie Botschaft, die ihm Frieden geben konnte. Er sog alles gierig in sich auf. Das
Samenkorn des Wortes Gottes fiel bei diesem schwer heimgesuchten Menschen auf b
ereiteten Boden.
Schon am nächsten Sonntag kam er mit seiner Frau in unsere kleine Gebetsgruppe.
Er nahm nach kurzer Zeit den Herrn Jesus an. Nun fand er, was er bei Tolstoi ver
geblich gesucht hatte: Friede mit Gott. Er wurde später nach entsprechendem Unte
rricht in die Charkower Gemeinde aufgenommen.
Eine neue Prüfung sollte seiner warten. Die Frau und Kinder, die ihm bisher auch
beim Hören des Evangeliums gefolgt werden, distanzierten sich nun, als es um di
e letzte Entscheidung für Jesus ging. Sie verließen ihn alle. Nun war er menschl
ich gesehen ein völlig bankrotter Mensch. Verlust seines großen Vermögens, die s
chreckliche Enttäuschung mit Tolstoi, Verlust seiner ganzen Familie - und das al
les, um Frieden zu finden!
Aljochin gehörte zu den Menschen, die alles für Jesus in die Waagschale legen. E
r wurde ein eifriges und einsatzbereites Glied der Charkower Gemeinde. Nichts wa
r ihm zuviel. Durch seine Bildung und Intelligenz wurde er vielen zum seelsorger
lichen Führer. Er ist eine Gestalt wie der Zöllner Levi, von dem es in Lukas 5 h
eißt: Er stand auf, verließ alles und folgte Jesus nach.
Im Jahr 1922 trafen wir uns wieder auf der Allgemeinen Jahreskonferenz der russi
schen Evangeliumschristen und Baptisten in Moskau. Dort erzählte er mir eine int
eressante Begebenheit. Aljochin hatte zusammen mit Lenin und dessen Leibarzt Sem
eschko studiert. Durch diese Jugendbekanntschaft erreichte er es, daß er bei Len
in vorgelassen wurde. Lenin bot mit seinem zunehmenden Irrsinn ein klägliches Bi
ld. Er kroch auf dem Zimmerboden umher, packte die Stuhl und Tischbeine und sch
rie in seiner Verzweiflung: "Rettet Rußland! Rettet Rußland!" Dann kam wieder de
r Zustand der Selbstanklagen über ihn, und er bat die Zimmermöbel um Verzeihung
für seine Verbrechen. Damit hatte ihm Gott wieder an einem Großen dieser Erde ge
zeigt, wie Lehre und Leben auseinanderklaffen, wenn man nicht Jesus hat.
1925 trat Aljochin wieder in meinen Gesichtskreis. Er wurde auf der Ukrainischen
Konferenz als Vorsitzender und Sekretär des Ukrainischen Bundes gewählt. Als es
mir gelang, Rußland zu verlassen, stellte er mir noch ein Zeugnis aus. Bei mein
er Abreise sagte er mir: "Wir werden uns wiedersehen!" Da er keine Fluchtpläne h
atte, konnte er nur gemeint haben, daß wir uns in der Ewigkeit wiedertreffen wer
den. Und das ist wahrhaftig mein Wunsch.
Dieser lautere Zeuge Jesu war ein Mann besonderer Prägung. Ein stark gebauter Ma
nn mit kräftig lauter Stimme und doch so bescheidenen Wesens. Von ihm gilt das W
ort des Herrn: "Wer verläßt Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder M
utter oder Weib oder Kinder oder Acker um meines Namens Willen, der wirds hunder
tfältig nehmen und das ewige Leben ererben" (Matth. 19,29). - Corneli Martens
Bukreew, der Blutzeuge
Der Evangelist Bukreew hat noch in der Zarenzeit und dann in der kommunistischen
Zeit das Evangelium verkündigt. Seine Ausbildung hat dieser Zeuge Jesu in Deuts
chland erhalten, wo er drei Jahre lang eine Bibelschule besucht hatte. Nach sein
er Rückkehr nach Rußland diente er mit besonderen Gaben der gläubigen Gemeinde.
Da die russischen Prediger kein Gehalt erhielten, sondern ihr Brot selbst verdie
nen mußten, schaffte sich Bukreew eine Existenz als Industriearbeiter. Sein Wirk
ungskreis war das Donezbecken. Er predigte einfach, aber "in Beweisung des Heili
gen Geistes und der Kraft" (1. Kor. 2,14). Bei der Arbeiterevölkerung war er seh
r beliebt, weil sie ihn als einen der ihren anerkannten. An seinem Wohnort, der
Stadt Grischeno, wurden die Evangeliumschristen von dem Priester und den Kirchen
leuten verfolgt. Der Pope entfaltete eine furchtbare Hetze gegen die Gläubigen.
Als der Mitarbeiter von Bukreew eines Sonntags wieder auf der Kanzel stand, um z
u predigen, kam einer der aufgehetzten Fanatiker in die Kirche. Er lief unter di
e Kanzel und schoß den Prediger auf der Kanzel nieder. Solche Ereignisse gab es
also auch in der sonst ruhigen Zarenzeit. Ob nicht diese Greuel mit eine Ursache
dafür waren, daß durch die Sowjets ein so hartes Gericht über die russische Kir
che hereingebrochen ist?
Was in der Zarenzeit immerhin einzelne Terrorakte waren, das wurde unter den Sow
jets zur allgemeinen Lage. Die Kommunisten schonten unmittelbar nach der Revolut
ion Bukreew, weil sie ihn eben als Bergarbeiter ansahen. Bald stand er aber auf
der schwarzen Liste. Eines Tages wurde er beim Aussteigen aus dem Zug durch eine
n Schuß ins Gesicht schwer verletzt. Er kam dieses Mal mit dem Leben noch davon,
doch sein Gesicht war verstümmelt. Der zweite Schlag gegen ihn war seine Verhaf
tung und die anschließende Verbannung. Jahrelang war er nun verschwunden, und ic
h hörte nichts mehr von ihm.
Die Zeit der Verbannung ging vorüber, und er kam in seine Heimatstadt Grischeno
zurück. Nicht lange konnte er sich der Freiheit erfreuen. Kurz vor dem zweiten W
eltkrieg wurde er abermals verhaftet und im Gefängnis furchtbaren Quälereien aus
gesetzt. Eines Tages rief man seine Frau. Ihr Mann wurde aus dem Gefängnis herau
sgeführt. In Gegenwart seiner Frau schlug man ihm mit einem eisernen Gewicht den
Schädel ein. Dann wandte man sich zynisch an seine Frau und sagte ihr: "Da hast
du deinen Mann. Pflege ihn gesund." Die leidgeprüfte Frau führte ihren Mann, de
ssen Augen schon verglast waren, am Arm nach Hause. Dort brach er zusammen und s
tarb. Das war das Ende dieses tapferen Blutzeugen, der mit seinem Zeugnis, seine
m Leiden und Sterben seinen Herrn verherrlichte. Nun kann der tapfere Märtyrer d
as sehen, was er im Leben geglaubt und verkündigt hat. Die Herrlichkeit ist die
Krone seiner Leidenszeit.
C.M.
Nahe den letzten Schrecken
Bei meinen vielen Evangelisationsreisen in Rußland lernte ich auch den Leiter de
r Gemeinde in Kiew, Demitry Prawowerow, kennen. Die Gemeinde in dieser Stadt der
vielen Klöster setzte sich aus Arbeitern und Dienstboten zusammen. Prawowerow w
ar in jungen Jahren zum Glauben gekommen. Er bewährte sich in der schnell wachse
nden Gemeinde so gut, daß er zum Prediger und Altesten ordiniert wurde. Seine ev
angelistische Gabe brachte ihm viele Einladungen nach auswärts ein. Wie alle rus
sischen Evangelisten seiner Zeit litt er erst unter den Verfolgungen der orthodo
xen Kirche und dann nach der Revolution von seiten der Bolschewiken.
In der zaristischen Zeit wurde er und seine Gehilfen eines Tages von der Polizei
zu einer religiösen Diskussion eingeladen. Solche Diskussionen wurden immer vom
Popen der Stadt inszeniert. Die orthodoxe Kirche hatte damals sogenannte Missio
nare eingesetzt, die den Auftrag hatten, die Evangeliumschristen und Baptisten i
n einem öffentlichen Religionsgespräch theologisch zu überwinden. Damit sollten
die "Sektierer" in den Schoß der orthodoxen Kirche zurückgeführt werden. Diese ö
ffentlichen Streitgespräche waren oft eine Falle für die Gläubigen, da in der Za
renzeit immer noch das Gesetz galt, daß keiner ungestraft öffentlich die Heilige
n und Heiligenbilder (Ikonen) schmähen durfte. Die Priester hatten es stets dara
uf abgesehen, gerade solche Punkte in der Diskussion anzuschneiden, in denen die
Gläubigen aufs Glatteis geführt werden konnten. Nun war also in Kiew eine solch
e öffentliche Diskussion angesetzt. Durch den nötigen Druck der Polizei war eine
ganze Menge Brüder aus der Gruppe der Evangeliumschristen gekommen. Nach der ei
nleitenden Rede des Missionars wurden die Gläubigen aufgefordert, sich zu äußern
. Keiner wagte es, da die hinterhältigen Fallen zur Genüge bekannt waren. Da fin
g der Pope an zu spötteln: "Wir leuchten mit unserem Glauben wie ein Licht auf d
em Tisch, aber die Sektierer leuchten wie eine Lampe unter dem Tisch. Sie wagen
nicht einmal, den Glauben zu verteidigen." Da stand Frau von Bordajewskaja auf.
Es war eine gläubige Dame aus den aristokratischen Kreisen von Petersburg, die g
erade zugereist war. Bei ihrer Wortmeldung witzelte der Missionar: "Da seht ihr'
s, die Sektierer haben nicht einmal einen Mann, der ihren Glauben vertreten kann
. Eine Frau muß das tun, und ihr wißt ja, eine Frau hat zwar langes Haar, aber e
inen kurzen Verstand." Frau von Bordajewskaja antwortete ruhig: "Der liebe Missi
onar beruft sich immer auf Gottes Wort und spöttelt auf das lange Haar und einen
kurzen Verstand der . rau. Aber ich meine fast, daß er in der Bibel nicht die W
orte gelesen hat, daß ein Mann, der kurzes Haar trägt, manchmal einen sehr kurze
n Verstand besitzt. Lesen Sie es jetzt doch wenigstens nach. Dieses Wort steht i
n Matth. 29,28." Der Missionar schlug sogar seine Bibel auf und wollte diese Ste
lle suchen. Er fand aber nur 28 Kapitel und erklärte: "Es gibt ja kein 29. Kapit
el." "Warum suchten Sie es dann? Sie sind doch ein Missionar und hätten das wiss
en können, daß es dies nicht gibt. Wer von uns beiden hat nun den kurzen Verand
gehabt? Der Gouverneur und die hohen Beamten, die zugegen waren, fingen an zu lac
hen. Der Missionar war in der öffentlichen Meinung erledigt. Daraufhin belegte d
ie gläubige Dame mit großer Freude die Haltung der Evangeliumschristen mit klare
n Bibelstellen. Der Missionar wagte nicht mehr aufzutreten.
Am Schluß dieser öffentlichen Diskussion meldete sich Prawowerow. Er redete den
anwesenden Oberpfarrer der Kirche, Archieej, an und sagte ihm: "Sie wissen doch
sehr gut, daß in Ihrer Kirche Huren, Ehebrecher, Diebe, Verräter, ja sogar Mörde
r sind. Jeder darf zum Abendmahl ohne wirkliche Buße kommen. Niemand wird ermahn
t oder ausgeschlossen. In unseren Gemeinden wird das nicht geduldet. Die Übertre
ter werden von den Ältesten vorgenommen und ermahnt. Wenn das nicht hilft, werde
n sie vor die ganze Gemeinde gebracht. Nützt das auch nichts, dann werden sie au
sgeschlossen. Das ist der biblische Weg, den Ihre große Kirche schon längst verl
assen hat." Darauf parierte der Oberpfarrer und gab das unumwunden zu: "Sie habe
n recht. Wir können das bei der großen Masse nicht mehr durchführen. Warten Sie
noch 50 Jahre, bis Ihre Zahl gewachsen sein wird, ob Sie dann noch alles so mach
en können wie heute." Damit war dieses öffentliche Streitgespräch zu Ende.
Prawowerow ging seinen geraden Kurs weiter und mußte dafür wie alle seine Brüder
die Folgen tragen. Vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges wurde er als "Verdummer
des Volkes" und "Opiumvertreter" ins Gefängnis der Geheimpolizei eingeliefert.
Er wurde darin furchtbar gemartert. Die roten Henker rissen ihm den Bart und die
Kopfhaare mit einer Zange aus. In diesem Zustand mußte er unter furchtbaren Lei
den in der Zelle schmachten, bis er zum Skelett abgemagert war. Eines Tages wurd
e das Gefängnis von einem höheren Polizeibeamten revidiert. Zu seinem großen Ers
taunen entdeckte er hier Prawowerow, mit dem er früher gut befreundet war. Er er
kannte ihn sofort und redete ihn an: "Demitry, wie kommst du hierher?" "Ja, mein
Freund, ich weiß es nicht, warum ich hier bin. Ich habe niemand etwas zuleide g
etan." Nach kurzer Beratung gab der hohe Beamte den Befehl, den verstümmelten Ge
fangenen sofort freizulassen. Da er vor Schwäche und Elend nicht mehr gehen und
stehen konnte, rief man seine Frau, die ihn heimbrachte. Kurz darauf ist dieser
Gottesstreiter eingeganen zu seines Herrn Freude.
Welch ein Heer von Märtyrern ist doch aus dem russischen Volk hervorgegangen. Ob
diese blutige Saat in Rußland noch inmal Frucht bringen darf? Soll das das Ende
sein, daß eine Clique von Mördern das Volk weiterregiert und diesen Teror auf d
ie ganze Welt ausdehnen darf? Wie wird einmal das Ende der westlichen Welt sein,
deren Schuld auch gen Himmel schreit? Sind wir in der freien Welt besser als di
e im versklavten Teil der Menschheit? Ich glaube, daß alle diese Ereignisse ein
Zeichen dafür sind, daß wir nahe den letzten Schrecken sind, die uns erwarten. D
ie Zahl der Märtyrer wird voll werden - und dann kommt der Herr. C. M.
In der Verbannung
Bei meinen Kaukasusreisen kehrte ich oft bei Bruder Kwotschenko ein. Er gehört a
uch zu den Pionieren des Evangeliums in Rußland. Sein evangelistischer Dienst un
d das rasche Anwachsen der Gläubigen erregte bei der orthodoxen Kirche Aufsehen
und Ärger. Schließlich war es soweit, aß er um des Glaubens willen für 12 Jahre
nach Nordbirlen verbannt wurde. Als Wohngebiet waren ihm die Steppen der Samojed
en angewiesen. Von diesem wilden Stamm wird berichtet, daß sie noch im letzten J
ahrhundert Kannibalen waren. Die nächste Stadt war Irkutsk, immerhin 2500 km ent
fernt. Für Kwotschenko und seine Familie war diese Verbannung eine ungeheure Ums
tellung. Das Gebiet der Samojeden zwischen den beiden Flüssen Jenissej und Lena
liegt ja im Polarkreis. Während sechs Monaten ging die Sonne nicht unter, die an
dere Jahreshälfte war Nacht. Getreide konnte nicht angebaut werden, weil der Som
mer zu kurz war. Die Erde taut in den beiden heißen Monaten nur oberflächlich au
f. Dennoch ist es ein Gras und Waldgebiet.
Das Leben stellte an die Verbannten harte Anforderungen. Nach ihrer Ansiedlung b
auten sie sich zuerst eine primitive Erdhütte. Gegen Einsturz und gegen Regen sc
hützten sie die Hütte mit abgestochener Grasnarbe und mit Schilf. Die Ernährung
war zwar durch den Fischreichtum der Gewässer und die vielen Wildenten gesichert
, aber sie war sehr einseitig. Das Fleisch wurde im Sommer eingekocht und dann i
n einem Eiskeller aufgestapelt. Solche Eiskeller anzulegen, war denkbar einfach,
da 1m tief der Boden überhaupt nie auftaute. An diesem Ufergebiet des Jenissej
gibt es auch noch eingefrorene Mammute. Bruder Kwotschenko hat audi eir derartig
es Tier entdeckt und sich einen 1m langen Stoßzahn herausgehauen.
Der lange Winter mit seiner ewigen Nacht war eine schwere Belastung für das Gemü
t. Die Verbannten konnter sich um der hohen Kältegrade willen (50 70') nur in de
r Erdhütte aufhalten. Da Fensterglas einen solchen Frost nicht aushält, mußten s
ie die Rahmen mit durchsichtigem Leder bespannen.
Sobald der Frost nachließ, fuhren sie im Renntierschlitten auf Pelztierjagd. Vor
allem erlegten sie die sogenannten sibirischen Hunde, die dort in großen Rudeln
leben und deren Felle sehr kostbar sind. Diese Felle wurden aufgestapelt, bis e
in russisches oder ausländisches Schiff den Strom hinauffuhr. Das war nicht in j
edem Jahr der Fall, da die Flüsse oft durch Eisbarrieren nicht befahrbar waren.
Einmal im Jahr fuhr man auch mit dem Schlitten nach Irkutsk. Es war dann jeweils
eine Reise, bei der 5 000 km zurückzulegen waren. Was der Schlitten faßte, wurd
e aufgeladen und dort eingetauscht.
Post und Bahnverbindungen gab es in diesen Steppen ja nicht. Sie konnten höchst
ens bei der Fahrt nach Irkutsk beim dortigen Postamt nachfragen, ob etwas für si
e da war. Straßen gab es in dieser Einöde ebenfalls nicht. Die Orientierung war
nur nach dem Himmel und nach dem Kompaß möglich. Wer das nicht schnellstens erle
rnte, war rettungslos verloren. Nachbarn, die bei einer Erkrankung behilflich se
in konnten, waren auch keine vorhanden. Der Mensch war wie ein Urbewohner auf si
ch selbst angewiesen. Die Gläubigen sind dennoch nicht der Verzweiflung anheimge
fallen, da sie alles im Gebet vor ihren Herrn brachten.
Im übrigen erwies sich der Pelztierhandel als ein einträgliches Geschäft. Die Ge
schwister wurden in dieser Verbannung reich. Als sie nach 12 Jahren zurückgekehr
t waren, konnten sie sich in Armawir zahlreiche Häuser kaufen. Andere blieben fr
eiwillig in der Verbannung. Als die Bolschewiken auch Sibirien eingenommen hatte
n, war es mit diesem Reichtum schlagartig vorbei. Es gehört ja zu diesem System,
daß alle Reichen arm und die Armen noch ärmer werden.
Für die russische Regierung waren diese Verbannungen nutzbringend. Auf diese Wei
se wurden die bisher unerforschten Steppen und Wälder erkundet. Auch viele Boden
schätze wurden entdeckt. Im Reich Gottes gelten allerdings nicht nur kulturelle
Leistungen. Mit diesen Verbannungen kam das Evangelium auch zu den Eskimos und d
en Samojeden, die sonst von keinem Missionar dazumal erreicht wurden. Auch wurde
den Tausenden von Verbrechern und Straffälligen aller Art, die nach dem hohen N
orden verschickt worden waren, auf diese Weise das Evangelium gebracht.
Bruder Kwotschenko ließ sich von dem erworbenen Reichtum und den weiteren Gewinn
möglichkeiten nicht zurückhalten. Er kehrte in seine Heimat zurück. Dort geriet
er aber in die Fänge der Sowjets und mußte sich in den Höhlen des weiten Kaukasu
s verstecken. Alle Stufen der Trübsal und Anfechtung mußte er durchlaufen. Um Je
su willen verfolgt und verjagt, um Jesu willen arm und reich, um Jesu Willen flü
chtig und nie seines Lebens sicher: das ist das Los derer, die um ihres Herrn wi
llen alles drangeben und in der Herrlichkeit alles ererben. C. M.
In der Wüste
Wie viele russische Evangelisten hatten auch die Brüder Grigorij und Timotej Mam
ontow ein Leben, nach dem ein Roman gestaltet werden könnte. Ihre Eltern wurden
um des Glaubens willen in die weiten Steppen des Terek Gebiete verbannt. Als die
se unglücklichen Menschen nach einer langen Fahrt in einer Entfernung von einige
n 1 000 km aus geladen worden waren, schlossen sie sich erst zu einer Gebetsvers
ammlung zusammen. Der Vater steckte eine Gabel in die Erde und erklärte: "So, hi
er ist unsere neue Heimat. Und nun wollen wir uns zuerst dem Herrn befehlen."
Dann warfen sie sich alle auf die Knie, und der Vater betete: "Herr um deines Na
mens willen sind wir in diese regen und wasserlose Steppe verschickt worden. Nu
n versorge du uns! Gib uns Regen, Wasser und Brot! Wir vertrauen dir. Schütz uns
! Ernähre uns, kleide uns, wärme uns! Bewahre uns vo den wilden Tieren, die hier
in großer Zahl leben." Das war der Start in der Wüste, aber mit dem Herrn, der
die Wüste zum Gottesgarten umgestalten kann. Eines war diesen Verbannten allerdi
ngs geblieben. Vor der zaristischen Polizei hatten sie Ruhe. Sie durften hier ih
res Glaubens leben.
Nach menschlichem Ermessen waren sie ein abgetriebenes Häuflein Menschen. Die Tü
rken hatten in früheren Jahren versucht, diese Steppen mit Kurden zu besiedeln.
Da es aber in diesen Steppen jahrzehntelang nicht einmal regnete und auch kein G
rundwasser zu finden war, gaben sie diesen Versuch wieder auf. Und nun waren wie
der Menschen da, die unter völlig neuen Voraussetzungen auch einen Besiedlungsve
rsuch wagen mußten. Der Grundstein zu dieser neuen Heimat war das Wort: "Rufe mi
ch an in der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen" (Ps. 50,
15). Und was geschah? Schon nach einigen Wochen fiel der erste Regen. Beim Brunn
engraben stießen sie auf Grundwasser. Das hohe Steppengras wurde mühsam gemäht u
nd gerodet. Der bearbeitete Boden gab den ersten Ertrag. Von dem benachbarten Pe
rsien kauften sie auf Kredit Schafe und Rinder. Auf der Viehzucht lag ein besond
erer Segen. Von der nächsten Bahnstation, die allerdings 2 000 km entfernt lag,
wurde ein Gesuch an die russische Regierung geschickt. Sie baten um die offiziel
le Verpachtung des Landes, das sie bisher urbar gemacht hatten. Da in den Augen
der russischen Regierung alles unfruchtbare Steppe war, erhielten sie einen sehr
günstigen Pachtvertrag. Pro Hektar mußten sie nur 5 Kopeken (5 Pfg.) bezahlen.
Als die Brüder Mamontow durch die Viehzucht und die nach Persien verkaufte Wolle
einige finanzielle Rücklagen hatten, kauften sie das Land. Auch dieses Mal war
der Preis äußerst gering, 50 Kopeken pro Hektar. Aus der unfruchtbaren Wüste war
nun tatsächlich ein Gottesgarten geworden. Die Getreideernten waren außerordent
lich gut, die Schafe vermehrten sich in einer Weise, daß sie von den Besitzer ni
cht mehr zu zählen waren. Zuletzt schätzten sie eine halbe Million Schafe. So ha
t sich hier das Wort Jesu erfüllt: "Wer verläßt Häuser oder Brüder oder Schweste
rn oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Acker um meines Namens will
en, der wird's hundertfältig nehmen!" (Matth. 19, 29).
Dieser Reichtum wurde anderen verfolgten und bedrängten Glaubensbrüdern zum Sege
n. Die Brüder Mamontow berichteten in ihre Heimat ihren großen wirtschaftlichen
Erfolg und luden ihre Glaubensgenossen ein, sich in ihrem Gebiet anzusiedeln. Di
ese Einladung leisteten viele Glaubensgeschwister Folge. Es wurden im Umkreis de
s erschlossenen Landes eine ganze Reihe Dörfer gebaut. Diese Dörfer erwiesen sic
h wiederum als ein Missionszentrum für die weitere Umgebung. Es wurden die Terek
und die Kuban Kosaken mit dem Evangelium erreicht. So hat sich auch hier die V
erbannung von gläubigen Menschen zum Segen der russischen Reichgottesarbeit gewa
ndelt. Ich selbst hatte oft Gelegenheit, diese Dörfer zu besuchen, allerdings er
st dann, als die erste Eisenbahn dorthin gebaut war. Ich bin selbst Zeuge für di
e Umgestaltung der unfruchtbaren Steppe in ein gesegnetes Land und auch Zeuge da
für, mit welchem Eifer diese Siedler ihren Glauben in unerschlossene Gebiete wei
tertrugen.
Auch über diese gesegneten Dorfgemeinden kam dann die rote Invasion. Jahrelang
wohl bis 1927 hatten sie Ruhe gehabt. Nun aber brach diese Flut furchtbar übe
r sie herein. Der ganze Besitz wurde enteignet. Nackt und verarmt, unter großer
Angst und großem Schrecken mußten sie wieder fliehen. Doch hielten sie ihrem Her
rn die Treue. Die Brüder Mamontow lebten zuletzt in der Stadt Mosdok. Dort bin i
ch noch einige Male bei ihnen eingekehrt. Nie habe ich diese ergrauten Glaubensz
eugen traurig gesehen. Sie hatten den Raub ihrer Güter mit Freuden erduldet und
sich derer würdig erwiesen, von denen Paulus in 2. Kor. 6,10 schreibt: "Als die
nichts innehaben und doch alles haben."
In Mosdok ließ man sie aber auch nicht in Ruhe. Eines Tages sollte ein Zug mit l
auter Moskauer Kommissaren dorthin kommen. Der Bahnhof war mit Geheimpolizei ums
tellt und abgesichert. Doch ist es Grigorij Mamontow und mir gelungen, uns hinte
r dem Wasserturm zu verstecken. Von dort aus gelangten wir auf den Bahnsteig und
erlebten die Ankunft der Kommissare mit. Ein Kommissar, mit Namen Petrowsky, hi
elt den Angekommenen eine Begrüßungsrede und sprach von der herrlichen Zukunft i
m sowjetischen Reich. Mit mächtiger Stimme brüllte er: "Sonne und Mond werden ve
rschwinden, aber nie die Sowjetregierung." Diese damaligen Kommissare sind bei d
en vielen Säuberungsaktionen fast alle jämmerlich umgekommen. So hat der Herr de
n Schreiern den Mund gestopft.
Es ist merkwürdig. Diese politischen Fanatiker versprachen den Menschen das Para
dies und brachten die Hölle. Interessant ist noch eine besondere Beobachtung im
Terek-Gebiet. Als man den Gläubigen dort alles enteignet hatte, streikte die Nat
ur. Der Regen blieb wieder aus, und eine gewaltige Dürre brachte eine große Hung
ersnot. Also sind die Gläubigen auch in diesem Sinn das Salz der Erde. Wo nicht
gebetet wird, regiert die Hölle.
Seit 1927 habe ich die beiden Brüder Mamontow aus dem Gesichtskreis verloren. Si
e sind wohl schon längst bei ihrem Herrn, dem sie vertraut haben. C. M.
Der Trommler des Herrn
In der Zeit, als ich in Millerowo unsere Fabrik leitete und auch unserer Gemeind
e vorstand, lud ich eines Tages Wilhelm Fetler zur Evangelisation ein. Er war ei
n energiegeladener Mann, der die Herzen und die Hände seiner Zuhörer bewegen dur
fte. Von Hause aus war er Lette. Er hatte das Gymnasium besucht und ging dann zu
seiner weiteren Ausbildung nach London. Dort absolvierte er das Baptistensemina
r. Nach seiner Ausbildung siedelte er sich in Petersburg an.
In dieser Aristokratenstadt durfte der tatkräftige Glaubensmann vieles erreichen
. Er entfaltete eine rege Tätigkeit, so daß eine blühende Gemeinde entstand. Es
bereitete ihm auch keine Mühe, einen stattlichen Gemeindesaal zu bauen, dem er d
en Namen "Haus des Evangeliums" gab. Die Baugelder hat er bei seinen evangelisti
schen Vorträgen zusammengebracht. Er gab auch Zeitschriften heraus, z. B. "Golos
Wera", Stimme des Glaubens, und ließ viele Traktate drucken. So wurde er bei al
len Gläubigen in Rußland durch Wort und Schrift bekannt. Er war ein Mann, der au
fs Ganze ging: die ganze Hingabe für Jesus und die völlige Bereitschaft, dem Her
rn mit allem zur Verfügung zu stehen.
Als Fetler eines Tages die reichen, gläubigen Gutsbesitzer im Kaukasus besuchte,
gab ihm ein solcher reicher Bruder 100 Rubel für seine Tätigkeit. Fetler wies d
iese Gabe mit Entrüstung zurück. Für die guten Verhältnisse des reichen Mannes w
ar ihm diese Gabe zu gering. Natürlich war das eine Beleidigung für den Gutsbesi
tzer, hoffentlich aber heilsam. Fetler hat für das Reich Gottes große Geldsummen
zusammengebracht. Persönlich blieb er arm wie er war. Sein Kollektieren wurde i
hm manchmal von seinen Freunden angekreidet. Vor allem wurde er aus modernisiert
en Kreisen angegriffen. Der vielfache Millionär Rockefeller hat ihm einmal 15 00
0 Dollar überwiesen. Diesen Betrag ließ Fetler zurückgehen, weil er der Überzeug
ung war, daß Rockefeller nicht auf dem Boden des vollen Evangeliums stand. Diese
r entschiedene Zeuge Jesu wollte durchaus keine zweifelhaften oder unheiligen Ga
ben haben. In dieser Radikalität kann er vielen Werken der Reichgottesarbeit in
der Gegenwart ein Zeugnis und ein Vorbild sein. Mir imponierte die Gradlinigkeit
dieses Jüngers Jesu. Darum hatte ich ihn auch nach Millerowo eingeladen.
In meiner Gemeinde arbeitete er in großem Segen. Die Art seiner Verkündigung war
sehr einprägsam. Er konnte z. B. seiner großen Zuhörerschaft ein evangelistisch
es Lied beibringen. An einem Abend war es das Lied Jesus, der Löwe aus Juda, hat
am Kreuz auf Golgatha allen den Sieg gebracht." Dann sprach er über die übertünc
hten Gräber (Matth. 23), die auswendig schön erscheinen, aber inwendig voller To
tengebeine sind. Meine Fabrikarbeiter hatten das nie vergessen. Ein Former unser
er Eisengießerei sang bei seiner Arbeit immer das gelernte Lied. Er war ursprüng
lich ein Gottesleugner gewesen, bekehrte sich aber nach dieser Evangelisation un
d blieb dadurch vor dem Kommunismus bewahrt. So wirkten Fetlers Predigten und Li
eder noch lange nach.
Während des ersten Weltkrieges stand Fetler auf der schwarzen Liste und wurde ve
rfolgt. Dank seiner ausländischen Beziehungen wurde er rechtzeitig gewarnt. Er k
onnte noch nach Amerika ausreisen. Dort richtete er eine Bibelschule für Russen
ein. Nach dem ersten Weltkrieg kam er zurück nach Polen, Rußland und Lettland. D
ieser rastlose, eifernde Mann war in seiner Kraft immer noch nicht verbraucht. I
n Riga baute er das große Bethaus "Tabernakel", das insgesamt 3000 Sitzplätze au
fwies. Auch richtete er eine Bibelschule für Russen ein, die dort zu Predigern a
usgebildet wurden. Bei der Einweihungsfeler durfte ich selbst dabei sein. Nach d
em Zweiten Weltkrieg, als seine Arbeit in Lettland völlig unmöglich gemacht wurd
e, reiste er wieder nach Amerika aus. Er setzte sich für die Herausgabe neuer Bi
belausgaben und Übersetzungen ein und betreute auch seine früheren Bibelschüler.
Mitten in seiner Evangelistentätigkeit erkrankte er dann in Los Angeles und gin
g heim zu seinem Herrn.
Er ist ein Mann, über dessen Leben das Pauluswort steht: "Ich vermag alles durch
den, der mich mächtig macht, Christus" (Phil. 4,13). Er hat Tausende zu Christu
s führen dürfen. Wieviel Bethäuser und Bibelschulen hat er gebaut! In Riga brach
te er in jedes Haus eine Bibel. In vielen Ländern beobachtet man die segensreich
e Spuren seiner Wirksamkeit. Alles was er war, war er nicht durch sich selbst, s
ondern durch Jesus! C. M.
Mit dem Evangeliumsschlitten unterwegs
Einer meiner engeren Freunde war der Evangelist Jakob Fröse. Er stammt aus der M
ennonitengemeinde. Er war der Sohn reicher Bauern, wählte aber den freiwilligen
Weg der Armut, um restlos für den Herrn da zu sein.
Vor dem Ersten Weltkrieg machten wir zusammen unsere erste Missionsreise. Es war
um die Winterzeit. Wir reisten zunächst in das Gebiet von Woronesch. Von dort g
ing es per Schlitten von Dorf zu Dorf. Es war ein Distrikt, in dem noch keine gl
äubigen Gemeinden zu finden waren. Gewöhnlich suchten wir in jedem Dorf ein Haus
, das uns freundlich aufnahm. Tagsüber machten wir dann Hausbesuche und luden zu
der Abendveranstaltung ein. Normalerweise reichte der Platz nicht aus. In dem e
rsten Dorf war auch der Stellvertreter des Bezirksrichters gekommen. Vermutlich
erfolgte sein Besuch nur zu unserer Kontrolle. Das Wort Gottes sprengt aber auch
die festen Schlösser. Dieser Mann hat sich bei diesem einmaligen Besuch bekehrt
. An einem anderen Abend warf sich plötzlich ein Mann auf die Erde und schrie: "
Ich bin ein Dieb. Ich habe das gestohlene Gut im Boden unter dem Heuschober vers
teckt." Ein zweiter schloß sich diesem Bekenntnis an und erklärte: "Ich bin gena
u so ein Dieb." Die Beichten dieser beiden Männer machten auf die Anwesenden ein
en solchen Eindruck, daß viele an diesem Abend noch ihre Sünden bekannten und ih
r Leben dem Herrn Jesus auslieferten. Selbstverständlich bin ich mir bewußt, daß
es besser ist, wenn Sündenbekenntnisse unter vier Augen mit dem Seelsorger abge
legt werden. Öffentliche Sündenbekenntnisse haben gewöhnlich für die Beichtenden
unangenehme Folgen. Wer wollte aber in diesem Fall dem Geist Gottes wehren? Ich
fühlte mich nicht berufen, das Wirken des Heiligen Geistes zu dämpfen.
Diese Evangelisationsfahrten waren oft mit recht schwierigen Begleitumständen ve
rbunden. In diesen Dörfern des Woronesch Gebietes hatten wir meist eine recht dü
rftige Unterkunft. So schliefen wir in dem einzigen Raum eines Bauernhauses, all
e nur auf Stroh mit unseren Pelzen zugedeckt. In dem gleichen Raum befanden sich
aber auch die Hühner, ein Hund, zwei Schweine und ein Kalb. Alle diese Tiere ha
tten schon an der Abendveranstaltung teilgenommen und sind dann auch unsere Nach
tgenossen geblieben. Über den Geruch und die dicke Atmosphäre der niedrigen Hütt
e braucht man wohl keine Worte verlieren.
Gelegentlich gab es auch andere Erfahrungen im Blick auf die äußere Versorgung.
So waren wir eines Tages Gäste auf dem Gutshof des General Tschertkow. Diese Ari
stokratenfamilie war gläubig geworden. Als ein Ausdruck ihrer Entscheidung für C
hristus verteilten sie ihr Landgut in Größe von 20 000 ha an die armen Bauern ih
rer Umgebung. Sie behielten nur zwei Gutshäuser und wenige Hektar Land für sich
selbst zurück. Nicht genug damit. Diese Familie sorgte auch für die Verkündigung
des Evangeliums unter den beschenkten Bauern. Die adlige Familie selbst hielt B
ibelstunden für all ihre Nachbarn. Sie sind nicht die einzigen, die um ihres Gla
ubens willen ihre Ländereien verschenkten. Es gab viele Glieder des hohen Adels,
die sich zu diesem Schritt entschlossen. Allerdings konnten sie damit die allge
meine russische Situation nicht mehr retten.
1927 arbeitete ich noch einmal mit Fröse zusammen in Moskau. Anschließend erhiel
t ich meinen Paß und konnte nach dem Ausland abwandern. Fröse wirkte weiter, kam
aber bald in das Gefängnis der Geheimpolizei, von der er furchtbar gequält wurd
e. Ich habe ihn seither aus den Augen verloren. Fröse ist jedenfalls nicht mehr
unter den Sterbenden, sondern unter denen, die leben. Er durfte das Wort seines
Herrn hören: "Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das eu
ch bereitet ist von Anbeginn der Welt" (Matth. 25,34). C. M.
Der Kreisrichter
Während des Ersten Weltkrieges fuhr ich im Gouvernement Saratow mit einigen Offi
zieren zu einer Brautwerbung. Als ich das reiche Elternhaus der Braut betrat, sa
h ich im Salon eine große Fotografie von Prediger Wieler an der Wand hängen. Gan
z erstaunt fragte ich die Hausbesitzer. "Wie kommen Sie zu diesem Bild? Das ist
doch einer meiner Freunde." "Das ist unser geistlicher Vater", war die Antwort.
"Diese Geschichte würde mich sehr interessieren", fuhr ich fort. "ja, das wollen
wir Ihnen gern erzählen." Und nun hörte ich einen interessanten Bericht.
Der Großvater dieser vornehmen Familie war Gutsbesitzer und Kreisoberst. In dies
er Stellung war er der Kreisrichter für die Stadt und Umgebung. Eines Tages hatt
e er einen Arrestanten im Gefängnis zu verwahren, bis dieser weiter transportier
t werden konnte. Der Gefangene mußte wohl ein schlimmer Mensch sein, denn er war
in Ketten gefesselt. Der Richter hat sich um die Akten des Häftlings nicht gekü
mmert, da er ja am nächsten Tag weiterbefördert werden sollte. Nachts konnte der
Oberst jedoch nicht schlafen. Immer wieder kam ihm der Gefesselte ins Gedächtni
s. Jedenfalls hat der Gefangene es war Prediger Wieler für seine Peiniger un
d auch für diesen Oberst gebetet. Der Richter ließ den Häftling kurzerhand in de
r Nacht aus dem Gefängnis holen und fragte ihn nach der Ursache seiner Verurteil
ung. Darauf zog Bruder Wieler ein russisches Testament aus der Tasche und erklär
te: "Wegen dieses Buches wurde ich verhaftet. Ich stehe vor Ihnen als völlig uns
chuldiger Mann." Bei der kurzen Befragung und der anschließenden Unterhaltung le
gte Wieler Zeugnis ab für Jesus. Seine Worte trafen den Obersten ins Herz. In de
r gleichen Nacht wandte sich dieser hochstehende Herr Jesus zu.
Und nun handelte er an dem Gefangenen, wie es seinerzeit der Kerkermeister in Ph
ilippi an Paulus und Silas getan hatte. Er ließ den Gefangenen, Bruder Wieler, e
ntkleiden. Bruder Wieler durfte im Bad des Obersten baden und sich erfrischen. D
ann wies ihm der Oberst sein eigenes Bett als Nachtlager an. Ein gewaltiges Wund
er war an diesem Kreisrichter geschehen. Der Oberst setzte sich dann mit den Beh
örden in Verbindung und erreichte, daß die Verbannung Wielers in eine Ausweisung
nach Rumänien umgewandelt wurde.
1936 unternahm ich eine Evangelisationsreise nach Rumänien. Dort zeigte mir mein
Freund Gerasimenko die Kirche, in der Bruder Wieler seinen Tod gefunden hat.
Und nun zurück zur Brautwerbung. Der Kreisoberst war in seiner Nachfolge Jesu so
treu, daß auch seine Kinder und Enkel den Weg zum Herrn gefunden haben. In dies
em Hause wurde ich nun mit Freuden aufgenommen und fand auch in meinem Anliegen
Gehör. Diese Familie ist wieder eine Bestätigung des Bibelwortes aus Apg. 16,31:
"Glaube an den Herrn Jesus Christus, so wirst du und dein Haus selig." C. M
.
Auf der Suche nach Brot
In den bisherigen Zeugnissen berichtete ich, was andere Evangelisten und Glauben
sbrüder alles erlitten haben. Nun will ich auch mein eigenes Schicksal kurz dars
tellen. Nach meiner Ausbildung auf einer technischen Schule in Charkow siedelte
ich mich in Millerowo an. Dort richtete ich eine Reparaturwerkstatt ein, die ras
ch aufblühte. Nach einigen Jahren ging es mir wirtschaftlich schon so gut, daß i
ch mit zwei Teilhabern zusammen eine Maschinenfabrik baute. Wir stellten landwir
tschaftliche Maschinen her und richteten Mühlbetriebe und Ölpressereien ein. Das
Geschäft florierte. Darüber hinaus hatte ich bei meinen vielen Geschäftsreisen,
die mich durch ganz Rußland und bis weit nach Sibirien führten, Gelegenheit, da
s Evangelium zu verkündigen.
Nach der Revolution und dem Eindringen der Sowjets in unsere Stadt stand ich nat
ürlich als Fabrikant auf der schwarzen Liste. Wir wurden eines Nachts kurzerhand
aus der Wohnung geholt und völlig enteignet. Für meine Familie begann eine hart
e Zeit. In der Stadt herrschten wie überall durch die Sowjets turbulente Verhält
nisse. Einer unserer Arbeiter wurde als Direktor der Fabrik eingesetzt. Dieser s
chlichte Mensch hatte natürlich keine Ahnung und kein Geschick, ein solches Werk
zu leiten. Ein anderer Arbeiter von uns, ein Schlosser, wurde der Bürgermeister
der Stadt. Schlichte Knechte und Mägde erhielten die leitenden Amter bei den Be
hörden. Das war für die gesamte Wirtschaft und das öffentliche Leben eine Katast
rophe, da diese Menschen gar nicht die Voraussetzungen hatten, um solche Ämter z
u bekleiden. Um diese öffentlichen Zustände konnte ich mich aber kaum noch kümme
rn, da ich alle Hände voll zu tun hatte, um den bedrängten Glaubensgenossen beiz
ustehen und auch die eigene Familie zu versorgen. Eine solche Fahrt nach Brot wi
ll ich jetzt darstellen.
Es war im Jahr 1920. Von der Moskauer Zentralvereinigung unseres Bundes wurden d
ie Komiteemitglieder der Kaukasusvereinigung sofort nach Moskau berufen. Es ging
um folgende Fragen. Die Sonntagsschulen in unseren Gemeinden sollten verboten w
erden. Jugendliche unter 18 Jahren sollten in Zukunft die Gottesdienste nicht me
hr besuchen dürfen. Alle Gottesdienste und die Namen der Prediger mußten bei der
Gottlosen Organisation gemeldet werden. Das waren die neuen Bestimmungen, welch
e die Sowjets in Moskau herausgegeben hatten. Für die Gläubigen und alle christl
ichen Gemeinden kam eine Zeit schwerer Feuerproben. Die Bibeln wurden beschlagna
hmt und sollten vernichtet werden. Das waren die Gründe, warum wir drei Komiteem
itglieder aus dem Kaukasus eiligst nach Moskau kommen sollten. Bei dieser Fahrt
gelang es mir, 40 deutsche Testamente zu kaufen. Sie stammten aus dem deutschen
Pastoreninstitut in Moskau und waren nach der Beschlagnahmung von einem jungen M
ann, der nicht zu unserer Gemeinde gehörte, gestohlen worden. Da er als Russe mi
t den deutschsprachigen Testamenten nichts anzufangen wußte, bot er sie mir an.
Mit großer Freude kaufte ich sie ihm alle ab und brachte sie mit meinen beiden a
nderen Brüdern zusammen durch alle Sperren hindurch bis zu unserem Wohnort. Ich
wußte, daß diese 40 deutschen Testamente für die vielen gläubigen Volksdeutschen
einen großen Schatz darstellten. Ich überlegte lange, wie ich diesen Schatz in
die richtigen Hände leiten konnte.
Unsere persönlichen Verhältnisse wiesen uns bald den Weg. Der blanke Hunger quäl
te uns Tag für Tag. In dieser Notzeit dachte ich an die gläubige deutsche Koloni
e Gnadenburg. Dieses Dorf war bisher von den Sowjets noch nicht so heimgesucht w
orden. Dort, unter den volksdeutschen Siedlern hoffte ich, alle meine Testamente
loszuwerden und gleichzeitig Brot für meine Familie zu finden. Kurz entschlosse
n, vom Gebet meiner Lieben begleitet, machte ich mich auf den Weg.
Das Reisen war nach der Revolution mit entsetzlichen Strapazen verbunden. Die Zü
ge fuhren unregelmäßig und waren teilweise stark demoliert. Türen und Fenster wa
ren weggerissen, alle Waggons mit Menschen überfüllt. Viele saßen auf den Puffer
n oder auf dem Dach. An den Trittbrettern hingen die Menschen wie Trauben. Mir g
ing es nicht besser. Mit Mühe bekam ich einen Platz auf der unteren Treppe eines
Wagens und mußte nicht nur mich selbst, sondern auch den Koffer festhalten. Sch
ließlich halfen mir einige Mitreisende, daß ich wenigstens eine Ecke des Koffers
aufstellen konnte. Nach einer Fahrt von 300 km kam ich trotz dieser Strapazen a
n den Zielbahnhof. Von hier ging es zu Fuß weiter, und ich erreichte schließlich
das wunderbar gelegene Dorf Gnadenburg. Diese Siedlung gläubiger Volksdeutscher
war wie eine Burg gelegen. Auf der einen Seite fließt der reißende Fluß Terek,
auf der anderen Seite steigt das hohe Gebirge an. Das Dorf ist so geschickt ange
legt, daß es nur einen Ausgang hat. Damit war es gegen die Überfälle der wilden
Bergvölker gut gesichert. Da ihre Nachbarn, die Auulen, scharfe Gegner der Sowje
ts waren, waren hier noch nicht so viele Enteignungen durchgeführt worden.
Wie fühlte ich mich unter diesen gläubigen Familien so wohl. Ich war schon einig
e Jahre vorher zur Verkündigung des Evangeliums hier gewesen. Die Leute kannten
mich alle und nahmen mich mit großer Gastfreundschaft auf. Alle Bewohner dieser
Kolonie leben in einer klösterlichen Gemeinschaft zusammen. Sie sind nach Offb.
12,13 17 und Jes. 35,7 8 auf das Kommen des Herrn ausgerichtet. Es sind tiefgläu
bige Kinder Gottes, die wunderbare Ordnungen haben. Die Jugend darf nicht allein
ausgehen, ohne daß nicht einige Väter dabei sind. Abends um 8 Uhr läutet die Gl
ocke, und alle Familien im Dorf versammeln sich in ihren Häusern zum Bibellesen
und zum Gebet. Nach dem Betläuten darf niemand im Dorf abends das Haus verlassen
, es sei denn zum Besuch des Abendgottesdienstes. Um 22 Uhr ist alles im Bett. N
ur die Wächter sind auf den Straßen. Morgens um 8 Uhr läutet die Glocke wieder.
Alle Familien versammeln sich zur Morgenandacht, und dann erst geht es an die Ar
beit. Fluchen und Schimpfen oder Streitereien sind kaum in der Gemeinde zu finde
n. Die Kinder sind ihren Eltern gehorsam. Obwohl sie Weinbau treiben, gibt es im
Dorf keine Trinker. Sie üben strenge Sonntagsheiligung und Kirchenzucht. Die St
raße ist am Sonntag gesperrt. Einige erfahrene Männer der Gemeinde sind speziell
für die Jugendarbeit verantwortlich. Auf dieser Kolonie ruhte sichtlicher Segen
. Alle waren wohlhabend. In dieser Musterkolonie war ich nun mit meinen 40 Testa
menten gelandet.
Als man mich nach dem Preis der Testamente fragte, sagte ich den Geschwistern ga
nz offen: "Liebe Brüder und Schwestern, meine Familie leidet Not. Wir wissen nic
ht, von was wir leben sollen, da wir durch die Enteignung alles verloren haben.
Wenn ihr mir für ein Testament ein Pfund Mehl gebt, so meine ich, daß das keine
Überforderung bedeutet." In der Tat war das ein äußerst geringer Preis. In norma
len Zeiten hätte man in Rußland für ein Testament 15 bis 20 Pfund Mehl erhalten.
Die Glaubensgeschwister erklärten mir sofort, daß dieser Preis viel zu gering w
äre, und sie luden mir so viel Lebensmittel auf, daß nur zwei Männer sie tragen
konnten. Zunächst einmal waren es 280 Pfund Mehl, die sie mir in zwei große Säck
e verpackten. Diese Säcke galten nach der Revolution als eine Kostbarkeit, da si
e zur Herstellung von Kleidern und Anzügen verwendet wurden. Dazu beluden sie mi
ch mit Speck, Weißbrot und anderen guten Dingen. Nun war guter Rat teuer. Wie so
llte ich das alles rein gewichtsmäßig abtransportieren und dazu noch durch die v
ielen Zug und Bahnhofssperren bringen. Ich hatte keine andere Möglichkeit, als
einfach die Hände zu falten und zu sagen: "Herr Jesus, du hast mich mit diesem S
egen überschüttet. Nun bringe du mich gut nach Hause."
Meine Freunde aus Gnadenburg taten noch ein übriges. Sie brachten mich mit einem
Fuhrwerk bis zum Terekfluß. Dann setzten sie mich an einer Stelle ab, wo ein Ko
sake einige Male am Tag eine Fähre über den breiten Fluß steuerte. Nun mußte ich
von der Fährstelle aus zwei km bis zur Stanitze Pawlodolsk zu Fuß gehen. Es war
nicht anders möglich, als daß ich zuerst einen Sack mit 140 Pfund diesen Weg sc
hleppte, den Sack im Gebüsch versteckte und dann den zweiten Sack nachholte. Ein
e anstrengende Tour! Schließlich kam ich wohlbehalten in dem Dorf an und suchte
einen gläubigen Bruder auf, der mir vom früheren Evangelistendienst her bekannt
war. Dieser Bruder war mir wiederum ein Engel Gottes. Obwohl es außerordentlich
gefährlich war, soviel Lebensmittel zu transportieren, brachte mich dieser Mann
mit einem Wagen zu dem 15 km entfernt gelegenen Steppenbahnhof. Wären wir unterw
egs kontrolliert worden, so hätte man uns zunächst alles abgenommen und dazu wär
en wir noch bestraft worden. Wie sollte ich aber nun mit diesen vielen Lebensmit
teln den Bahnhof betreten und dann gar noch den Zug besteigen können? In diese G
efahr wollte ich mich nicht begeben. Einige 100 m in der Nähe des Bahnhofs legte
ich mich kurzerhand mit meinen Säcken an den Bahndamm und wartete, bis der Zug
kam. Das Auf und Abspringen auf die fahrenden Züge war ohnehin nach der Revolut
ion an der Tagesordnung. Das ging ohne Gepäck ganz leidlich. Mit meinem Ballast
war es aber völlig unmöglich. Ich kann es nicht anders sagen als so, daß ich unu
nterbrochen meine Lage im Gebet vor den Herrn brachte. Es ging ja nicht darum, m
ich zu bereichern, sondern einfach, um meine Angehörigen zu versorgen. Hätten un
s die Roten nicht das ganze Vermögen weggenommen, wäre ich ja nie in diese bedrü
ckte Lage geraten. Während ich mich meinen Gedanken hingab, rollte ein Güterzug
heran. Ich sprang auf und zeigte dem Lokomotivführer ein großes Stück Brot. Mein
e Berechnung stimmte. Der Zug hielt sofort an. Ich eilte mit meinen Lasten zur L
okomotive und schaffte alles in den Kohlenraum. Der Lokführer selbst half mit, d
ie kostbare Ladung zu verstecken. Ganz bewegt und mit großem Dank sagte dieser M
ann: "Sie hat der liebe Gott geschickt, um meinen Hunger zu stillen." Er verzehr
te augenblicklich das ihm gereichte Brot. Auf diese Weise kam ich 100 km weiter.
Wie sollte ich aber bei der nächsten Umsteigestelle durchkommen? 500 m vor dem
Umsteigebahnhof fuhr der Lokführer sehr langsam und half mir vom fahrenden Zug h
erunter.
Wieder lag ich am Bahndamm. Mein erprobtes Spiel mit dem Stück Brot wiederholte
sich. Wie war ich nun für die reichlichen Gaben meiner Brüder von Gnadenburg dan
kbar. Der zweite Zug hielt wieder. Mein nahrhafter Ausweis öffnete überall die T
üren. Was ist doch das für ein herrliches Sowjetparadies, daß Zugführer für ein
Stück Brot den Zug anhalten! Auf jeden Fall wurde es mir geschenkt, mit dieser g
efährlichen Last alle Sperren zu umgehen und wohlbehalten meine Heimat zu erreic
hen. Welche Dankbarkeit lösten die reichen Gaben unserer Glaubensgeschwister aus
. Wieviel Freude hat dann noch meine Gattin anderen Hungernden bereitet, denen s
ie von unseren Schätzen abgab. Wir selbst haben uns damit über die Hungerzeit hi
nwegretten können, bis der Herr uns wieder neu versorgte. C. M.
Die Hirtenflöte
Einer meiner Freunde aus Petersburg erzählte mir die Bekehrungsgeschichte der fü
rstlichen Familie in Petersburg. Ein ungläubiger Fürst machte mit seiner Familie
eine Ferienreise nach seinem entlegenen Landgut. Eines Tages besichtigten sie i
hre Vieh- und Schafherden. Der kleine 6jährige Fürstensohn war mit seiner Pflege
rin auch dabei und wollte unbedingt noch bei den Schafherden zurückbleiben. Der
kleine Junge hatte sich schnell mit einem 16jährigen Hirten angefreundet, der au
f einer Hirtenflöte wunderbar zu spielen verstand. Der Fürstensohn fragte den Hi
rten: "Wer hat dich das schöne Spielen gelehrt?" Der Hirte antwortete: "Der lieb
e Gott hat es mich gelehrt." "Wo wohnt der liebe Gott?", fragte der 6jährige. "D
ort oben im Himmel wohnt er, und er wird alle Menschen einmal nach ihrem Leben r
ichten." "Wo hast du denn die Flöte her?" "Die habe ich mir selbst gemacht", war
des Hirten Antwort. "Ja, wer hat dir das denn beigebracht?" "Auch der liebe Got
t, der den Menschen Gaben gibt, aber sie auch einmal zur Verantwortung zieht, wa
s sie mit ihren Gaben angerichtet haben." Bei dieser Unterredung wurde die Pfleg
erin des Fürstensohnes unwillig, denn sie war genau wie ihre fürstliche Herrscha
ft eine gottlose Person. Sie führte den Knaben gewaltsam zurück zu seinen Eltern
. Die einfachen Worte des gläubigen Hirtenjungen waren aber dem Kind ins Herz ge
fallen und ließen es nicht mehr los.
Als die fürstliche Familie nach Petersburg zurückgekehrt war, sagte eines Tages
der Junge bei Tisch: "Papa, ich weiß etwas." "Na, dann erzähle es uns, was du we
ißt", erwiderte der Fürst. "Es gibt einen lieben Gott, und alle Menschen müssen
sich vor ihm verantworten." "Ja, wo hast du denn das dumme Zeug her? Wer hat dir
das eingeredet?" "Oh, das war der Hirte, der unsere Schafe hütet", gab der Knab
e zur Antwort. Bei dieser Auskunfl war der Fürst ganz erbost, und er gab der Pfl
egerin seines Sohnes einen strengen Verweis. Die Mutter, die das Gespräch mit an
hörte, wurde davon seltsam berührt.
Dieser unangenehme Zwischenfall bei Tisch wurde im Laufe der nächsten Monate ver
gessen. Eines Tages veranstaltete der Fürst eine Festlichkeit, zu der verschiede
ne Verwandte und Freunde eingeladen wurden. Bei Tisch hatte der Fürstensohn sein
en Platz neben seinem Onkel. Plötzlich fing der junge wieder ein ähnliches Gespr
äch an wie dazumal: "Onkel, ich weiß etwas, was du nicht weißt." "Na, mein Junge
, das interessiert mich wahrhaftig, was ich nicht wissen sollte." "Es gibt einen
lieben Gott, der den Menschen Gaben gibt und sie darüber einmal zur Verantwortu
ng zieht." "Aber Junge, wo hast du diesen Unsinn her?" Es gab eine ärgerliche St
örung. Die Fürstin erhob sich und nahm verärgert den Jungen von der festlichen T
afel, führte ihn hoch oben unter dem Dachgeschoß in ein kleines Zimmer und schlo
ß hinter ihm zu.
Anderntags um die Mittagszeit fragte die Fürstin die Pflegerin: "Wo ist denn uns
er Wanja?" "In der Rumpelkammer oben." "Ja, warum hast du ihn denn nicht herausg
elassen?" "Sie haben doch den Schlüssel", antwortete die Pflegerin. Erschrocken
eilte die Fürstin zur Kammer und öffnete. "Wanja, bist du hier?" rief sie. "Ja M
utti", antwortete das Kind "und der liebe Gott war auch hier." Die Fürstin war v
on dem schlichten Zeugnis ihres Jungen so bewegt, daß sie von nun an den Umgang
mit gläubigen Menschen suchte. Es dauerte nicht lange, da wurde sie an den Herrn
Jesus gläubig. Nun waren in der fürstlichen Familie schon zwei Bollwerke des He
rrn. Der junge Fürstensohn, der kindlich gläubig geworden war, und seine Mutter,
die Jesus nachfolgte. Nicht lange danach schlug auch der Fürst diesen Weg ein.
Der Anfang dieser ganzen Umwälzung war jenes fromme Spiel des Hirtenjungen gewes
en. So hat Gott aus dem Mund der Unmündigen sich ein Lob zugerichtet. C. M.
Kirchenvorsteher und doch ein Heide
Zeugnis eines Russen
Ich war Vorsteher einer griechisch katholischen Kirchengemeinde in einem Kaukasu
sdorf. Dieses Amt vertraute man gewöhnlich nur angesehenen Gliedern der Gemeinde
an. Die innere Stellung des Betreffenden zu Christus wurde kaum berücksichtigt.
Wer hätte das in der Kirchengemeinde auch tun sollen? Die Popen waren zum große
n Teil selbst keine Jünger Jesu. Ihr Haß gegen die Evangeliumschristen, Baptiste
n und Mennoniten war nur zu bekannt. Viele Gläubige mußten ja in der russischen
Kaiserzeit auf Betreiben der Priester in die Gefängnisse und in die Verbannung.
Auf Grund meiner Wohlhabenheit, meiner allgemeinen Beliebtheit und meines sicher
en Auftretens war ich also Präsident der Kirchengemeinde geworden. Das hinderte
mich nicht daran, daß ich wie ein Heide lebte. In der Gemeinde war man es ja zuf
rieden, daß ich doch einigermaßen regelmäßig zum Gottesdienst kam. Damit war ich
noch besser als mancher, der dem Popen geflissentlich aus dem Wege ging. Wer ko
nnte mir schon etwas Böses nachsagen?
Diese Kirchhofsruhe sollte eines Tages gestört werden. Ein Evangelist der Stundi
sten kam ins Dorf und predigte in einer Weise, die Aufruhr brachte. Menschen wur
den unruhig und bekehrten sich. Von der Kirche her nahm man gegen diesen Eindrin
gling Stellung. Wir haben doch alles! Was will dieser Hergelaufene?
Soweit wäre mich das alles persönlich nichts angegangen. Aber nun bekehrte sich
meine eigene Frau. Damit kam die Unruhe in mein Haus. Mich packte die Wut. Weiß
denn diese Frau nicht, was sie mir, dem Vorsteher der Kirchengemeinde schuldig i
st? Sie besucht die Bibelstunden der Stundisten und betet auch zu Hause. Ist den
n die Kirche nicht genug? Weiß nicht der Pope allein, wie richtig zu beten ist?
Was nehmen sich diese Stundisten heraus, so mit ihrem Herrgott auf du und du zu
stehen?
Ich verbot meiner Frau den Besuch der Bibelstunden, verbot ihr das Bibellesen un
d das Beten zu Hause. Es war mir als Kirchenvorsteher wahrhaftig genug, daß wir
diese Spaltung in der Gemeinde hatten. Ich wollte das auf keinen Fall zu Hause d
ulden. Schließlich mußte ich doch als Mitverantwortlicher der Gemeinde mit gutem
Beispiel vorangehen.
Meine Frau, die mir in allem untertänig war, hörte nicht auf diese Verbote. Schl
ießlich wurde es mir zu bunt. Als sie wieder vor dem Essen die Hände zum Gebet f
altete, schlug ich ihr so auf die Finger und Hände, daß sie bluteten und verbund
en werden mußten. Nach dieser Maßregelung betete sie nur noch heimlich. Doch auc
h das reizte mich zum Zorn. Ich legte mich auf die Lauer. Als ich sie dann eines
Tages auf den Knien liegend und betend antraf, zerschlug ich ihr die Knie derar
tig, daß sie ebenfalls verarztet werden mußten.
Trotz dieser Mißhandlungen blieb meine Frau mir gegenüber freundlich und geduldi
g. Und gerade das versetzte mich noch in größere Wut. Ich erklärte meiner Frau:
"Du bist nicht mehr mein Weib!" Und ich jagte sie weg. Sie ging aus dem Hause un
d sagte mir beim Abschied: "Ich werde trotzdem für dich beten." Im Dorf gab dies
e barsche Trennung Aufsehen. Dem Popen erklärte ich, daß ich mit einer Sektierer
in nicht zusammenleben könnte. Dem Priester war mein Handeln ein Zeichen von Kir
chentreue. Er war zufrieden. Die anderen mischten sich nicht darein. Schließlich
besaß ich doch einiges Ansehen.
Nicht lange danach nahm ich mir wieder eine Frau. Nun sollte mein Leben schöner
werden. Den Unruheherd hatte ich ja ausgeräumt. Die zweite Frau ließ sich zwar w
illig an, aber sie war wirtschaftlich unerfahren und ungeschickt. Es zerrann ihr
alles unter den Händen. Was ich mit meiner ersten Frau erspart hatte, war bald
dahin. Mich wurmte das ungemein. Wie sollte ich mich aus dieser Schlinge ziehen?
Ich sagte mir, diese Frau bringt mich um Haus und Hof. Nach langem Überlegen un
d manchen schlaflosen Stunden in der Nacht entschloß ich mich, auch diese zweite
Frau wieder laufen zu lassen. Für mein Amt als Vorsteher war das nicht gerade z
uträglich. Doch meinte ich, es auch auf diese Kraftprobe ankommen lassen zu könn
en. Tatsächlich hörte ich keine Stimmen, die mir mein Amt streitig gemacht hätte
n.
Nun war ich aber wieder ohne Frau, und auf dem großen Hof ging es ohne Bäuerin n
icht. Deshalb suchte ich meine erste Frau wieder auf und bat sie, zu kommen und
die Wirtschaft zu führen. Sie willigte unter der Bedingung ein, daß ich ihr den
Besuch der Bibelstunden und das häusliche Beten erlauben würde. Um wieder eine F
rau zu haben, war ich damit einverstanden. So war sie nun abermals im Hause, die
mir eines Tages zum Anstoß der Nachfolge Jesu werden sollte. Bis dahin war es a
ber ein noch weiter Weg. Wie früher ärgerte ich mich auch jetzt über ihr Beten u
nd Bibellesen. Doch ich nahm es als unumgängliches Übel hin, da ja die große Hau
shaltung ohne die Hausfrau nicht sein konnte. Was mich innerlich am meisten fert
ig machte, war die große Liebenswürdigkeit der Frau, die mit Gleichmut und gewin
nender Freundlichkeit alle meine Launen ertrug.
Bei diesen inneren Spannungen verstrich der Winter. Der Frühling begann sich zu
melden. An einem Samstagabend machte ich meinen Wagen fertig und belud ihn mit r
oten Rüben. Ich wollte sie zur Stadt fahren und am Sonntagmorgen verkaufen. Mein
e Frau bat mich jedoch, auf die Sonntagsarbeit zu verzichten. Ihr Wunsch war, do
ch den Tag des Herrn mit Wort Gottes und Gebet in der Kirche zu begehen. Schroff
wies ich sie mit dem Hinweis ab, daß der Sonntagsmarkt der beste wäre. Sie antw
ortete, daß sie merkwürdige Vorahnungen hätte, als könnte mir etwas zustoßen. Au
f jeden Fall würde sie für mich beten.
In aller Frühe fuhr ich los. Auf dem Weg zur Stadt mußte ich einen Fluß kreuzen.
Die Flußpassage war eine gefährliche Stelle. Es war zwar ein kleines Pflaster a
ngelegt, doch rechts und links ging es steil in die Tiefe. Mit großer Vorsicht d
urchquerte ich das Wasser. In diesem Augenblick trat ein Pferde zur Seite und dr
ohte zu versinken. Ich sprang rasch vom Wagen, um Pferd und Wagen zu retten. Mit
großer Mühe gelang mir diese Aktion, jedoch alle meine Rüben fielen ins Wasser.
Über diese Mehrarbeit war ich nicht wenig ärgerlich.
Schließlich war mein Wagen wieder flott und mit den nunmehr gewaschenen Rüben ne
u beladen. Mir kam der Gedanke, daß ich vielleicht die sauberen Rüben gut verkau
fen könnte. Im stillen frohlockte ich auch, daß ich trotz des Gebetes meiner Fra
u den Sonntagsmarkt besuchen würde.
Frierend kam ich beim Markt an. Es standen schon zahlreiche Wagen da. Seltsamerw
eise gingen die Käufer an mir vorüber. Sie dachten wohl, mit den sauber glänzend
en Rüben wäre etwas nicht in Ordnung. So stand ich verdrossen da und fand nicht
einen einzigen Käufer. Dazu hatte ich noch die Unkosten für das Essen und das Pf
erdefutter.
Mißmutig machte ich mich auf den Heimweg. Ich dachte daran, daß meine Frau mit i
hrer ewigen Beterei an allem schuld wäre. Nach meiner Rückkehr wollte ich ihr sc
hon den Marsch blasen. Diese Frommen verpatzen einem doch das schönste Geschäft!
Noch einmal mußte ich die gefährliche Stelle passieren. Ich nahm mir vor, ganz b
esonders gut aufzupassen. Doch dieses Mal kam es noch schlimmer. Ich war zu sehr
auf die andere Seite geraten. Die Pferde sanken rasch ein. Mit einem Fluch spra
ng ich ins Wasser, um Pferde und Gefährt in Sicherheit zu bringen. Mit Wut und I
ngrimm arbeitete und zerrte ich am Geschirr. Das sollte mir mein Weib büßen!
Bei der Bergungsarbeit ging es weit über meine Kräfte. Es fehlte nicht viel, und
ich wäre dabei ertrunken. Schließlich hatte ich alles wieder auf dem Trockenen,
und die Unglücksrüben waren nun schon zum dritten Mal aufgeladen. Ich sah aus,
wie aus dem Moorbad gezogen. Keine trockene Faser mehr am Leib! Der Schlamm verk
lebte mir Beine, Arme und Gesicht. Plötzlich schwanden mir für einenaugenblick d
ie Sinne, und ich rief um Hilfe. Zum Glück war ich schon auf dem festen Ufer, so
nst hätte mich bei dieser Ohnmacht der nasse Tod geholt.
Es ging schon auf Mitternacht, als ich endlich erschöpft und ohne einen Rubel in
der Tasche nacch Hause kam. Ich besaß gerade noch die Kraft, die Pferde auszusp
annen und mit Futter zu versorgen. Dann war es aber mit meinen Kraftreserven zu
Ende. Verschmutzt, mit zerrissenen, nassen Kleidern und völlig ausgepumpt torkel
te ich zum Hauseingang.
Meine Frau nahm mich liebevoll in Empfang und behandelte mich wie ein Kind. Sie
befreite mich von der verdorbenen, durchnäßten Kleidung und steckte mich in die
Badewanne. Nachdem ich wieder menschenähnlich aussah, brachte sie mich ins Bett.
Nun war der Augenblick gekommen, wo ich kapitulierte. Trotz der unsagbaren Müdig
keit wurde ich mit einem Schlage hellwach. Der Geist Gottes arbeitete an meinem
Herzen. Er sagte mir unmißverständlich: "So wie du heute abend als verdreckter L
ump heimkamst, so stehts du auch innerlich als verdreckter und gottferner Lump v
or Gott, So wie deine Frau in ihrer tragenden Liebe dich von deinen verschmutzte
n Kleidern befreit und gereinigt hat, so will dich der Herr von deinem inneren S
chmutz befreien." Jetzt war es aus mit meiner Selbstgerechtigkeit als Vorsteher
der Kirchengemeinde. Nun war es aus mit meiner Selbstherrlichkeit als ehrbarer B
ürger meines Dorfes. Ich war zum elenden Sünder geworden, der um Gnade schrie.
Es war mir bewußt geworden, daß ich trotz meines Amtes als Vorsteher zur Hölle g
efahren wäre, wenn mir dort an dem Flußübergang etwas zugestoßen wäre. Nun aber
durfte ich in dieser furchtbaren Nacht Jesus als meinen Heiland erleben, so wie
es auch meiner lieben Frau geschenkt worden war. Von da an fing mein Leben noch
einmal an. Täglich las ich mit meiner Frau zusammen Gottes Wort und betete mit i
hr. Es begann die glücklichste Zeit meines Lebens. Die verhaßten Stundisten wurd
en meine Brüder und Schwestern. Nur der Pope war mit mir jetzt nicht mehr zufrie
den. Seltsam, solange ich als Kirchenvorsteher alle Gebote übertrat, ließ er mic
h in Ruhe. Nachdem ich aber Vergebung meiner vielen Sünden erhalten hatte und Je
sus nachfolgte, war ich in seinen Augen ein Ketzer geworden. Was will's mit dies
er Kirche werden? Ist in diesem Sinn der sowjetische Sturm nicht ein Gericht Got
tes? Wird nicht dieses oder ein ähnliches Gericht einmal über die verweltlichten
Kirchen in aller Welt hereinbrechen?
--
Richard Wurmbrand

Warum bin ich Revolutionär?

Die Antwort auf diese Frage ist klar. Eine Revolution ist nötig. Das Establishme
nt wird von Millionären beherrscht. Die Bevölkerung ist eingeteilt in eine Oberk
lasse, die im Luxus schwelgt, eine Mittelklasse, die sich um nichts kümmert, und
eine Armenklasse, die von den Brotkrumen lebt, welche vom Tisch der Reichen fal
len, obwohl die Armen es sind, die alle Güter produzieren.
Die weiße Rasse ist privilegiert. Und so sind es einige wenige imperialistische
Länder. Die schwarzen, gelben und roten Menschen können hungern. Sie und ihre Re
chte zählen nicht.
Millionen wurden in Weltkriegen geopfert. Ein neuer Weltkrieg wird auch die vers
chlingen, die heute jung sind...
Es gibt genug Gründe, um ein Revolutionär zu sein. Die Geschichte kennt viele fo
lgenreiche Revolutionen. Die französische, die amerikanische und die kommunistis
chen Revolutionen in Rußland, China und Kuba. Wir haben vor uns das Beispiel gro
ßer revolutionärer Denker und Kämpfer, Marx, Lenin, Stalin, Mao, Castro, Guevara
, Marcuse. Auch wollen wir nicht das Blut Unschuldiger vergessen, das an vielen
Plätzen der Welt von Kämpfern vergossen wurde. Wird auch unsere Revolution Erfol
g haben?
Der Erfolg, einmal erreicht, wird uns die volle Freiheit geben. Wir werden uns l
ieben, anstatt Kriege führen. Wir werden zu unserem Vergnügen arbeiten, und nich
t aus Zwang. Die Jugend, die die Zukunft vertritt, wird herrschen, erleuchtet vo
n dem unfehlbaren Licht der großen, revolutionären Philosophen.
Das ist ein Ideal, für das es sich zu leben lohnt, und es ist ein Ideal, für das
es sich zu töten lohnt. In dem Dienst dieses Ideals ist es richtig, Steine und
Molotow Cocktails auf Schweine zu werfen. Einige von uns gehen sogar noch weiter
. Wir bewundern diejenigen, die im Dienste dieses Ideals, das die Bruderschaft d
er Nationen und Rassen schaffen wird, Bomben legen oder Guerilla Kriege führen.
Im Dienste dieses Ideals möchte ich meinen kleinen Beitrag leisten und denke, di
es ist die richtige Antwort auf die Frage: Warum bin ich ein Revolutionär?
Aber Du hast noch nicht die andere Frage beantwortet, die aus denselben Worten w
ie die erste besteht und nur die Betonung auf ein anderes Wort legt: "Warum bin
ICH ein Revolutionär?" Warum führe gerade ich diesen revolutionären Kampf? So vi
ele werden unterdrückt, so viele leiden unter der Ungerechtigkeit, und so viele
andere sehen sie. Ihre und meine Reaktion ist unterschiedlich. Einige sind gleic
hgültig, andere glauben an Reformen, an eine langsame Evolution auf einen besser
en Zustand der Gesellschaft hin, andere sind religiös, andere sind Schüler Chris
ti, die sagen, daß Du jene, die böse handeln, lieben sollst, daß Du Schlechtes m
it Gutem vergelten und auch die andere Wange hinhalten sollst, wenn Du auf die e
ine geschlagen wirst.
Mit all diesen Meinungen stimme ich nicht überein. Ich gehöre zu einer revolutio
nären Minderheit. Meine Gründe dafür mögen sehr gut sein. Aber wie kommt es, daß
ich diese Überzeugung habe und die anderen nicht? Was unterscheidet mich von de
n anderen? Was macht mich zum Revolutionär?
Sokrates sagte: "Lerne dicht selbst kennen", ein anderer Denker sagte: "Prüfe di
ch selbst!" Der große Revolutionär Jesus sagte mehr als das: "Verleugne dich sel
bst", was bedeutet: "Löse dich von der Tatsache, daß du Du bist und denke über D
ich selbst nach, als ob Du eine absolut wahrheitsliebende und unvoreingenommene
Wesenheit wärest." Was macht Dich zu einem Revolutionär?
Die Antwort kann sehr unterschiedlich sein.
Einige sind Revolutionäre, weil ihre Eltern es auch waren. Sie haben revolutionä
re Ideen mit der Muttermilch eingesogen.
In den USA ist Bettina Aptheker eine der führenden Persönlichkeiten der Kommunis
tischen Partei, so wie ihr Vater es auch war.
Der Revolutionsgeist einer solchen Jugend hat ebensoviel intellektuellen Wert, w
ie die Tatsache, daß jemand Katholik ist, nur weil seine Eltern Katholiken waren
und ihn in dieser Religion taufen ließen. Eine solche Jugend hat also von Kindh
eit an die revolutionären Schlagworte und Lieder in sich aufgesogen, genau wie d
er Sohn eines Millionärs, der mit einer Vielzahl von Bediensteten aufwächst, von
Kindheit an genau weiß, daß er zu einer privilegierten Klasse gehört und deren
Mentalität annimmt.
Aber wie kommt es, daß andere junge Männer und Frauen Revolutionäre geworden sin
d, während ihre Klassenkameraden oder Kollegen in der Fabrik nicht an den Umstur
z der Welt denken? Warum bin gerade ich ein Revolutionär?
Was einen Einzelnen zu einem Revolutionär macht, ist gewöhnlich ein Trauma, das
er in seinem Leben erlitten hat, manchmal eine peinliche Begebenheit, auf die er
verweisen kann, aber meistens ist es unbewußt. Das kann auch für meinen Fall ge
lten. Ich bin ein Revolutionär, also das, was die Presse des Establishment einen
"Störenfried" nennt, weil ich vorher von etwas tief gestört wurde.
Wir wollen das anhand einiger sehr bekannter Beispiele erläutern.
Karl Marx begann mit dem christlichen Glauben. Seine erste Schrift war ein Komme
ntar über das Evangelium des Johannes. (Siehe Riazanov, Karl Marx - der Mann - d
er Kämpfer - der Denker). Er war ein Genie, aber sein Genius stieß auf große Hi
ndernisse. Das erste war seine jüdische Abstammung, denn schon in jener Zeit gab
es in Deutschland eine Anzahl dummer antisemitischer Vorurteile. Deshalb konnte
er nicht vorankommen. Er hatte wenig Chancen für eine akademische Laufbahn und
war ein Fremder in seinem Lande. Er selbst schrieb nachher: "Wenn Titus (ein röm
ischer General, der die jüdische Rebellion im Jahre 71 unterdrückte) nicht mein
Vaterland zerstört hätte, wäre ich kein Gegner aller Vaterländer." Er akzeptiert
e nicht sein nationales Schicksal.
Das zweite Hindernis war ein Konflikt mit seinem Vater wegen übermäßiger Ausgabe
n und mangelnden Studieneifers. Wo immer der Vater nicht die Liebe seines Sohnes
hat, wird die Rebellion gegen den Vater auch eine Rebellion gegen das väterlich
e Prinzip, d. h. gegen die Autorität in Staat, Kirche und gesellschaftliche Rege
ln.
Wer Marx gelesen hat, erkennt die furchtbaren Bedingungen des Frühkapitalismus,
unter denen sogar Kinder ausgebeutet wurden. Das rechtfertigte den Kampf. Aber M
arx kämpfte auf revolutionäre Art, während andere, obwohl sie dieselben Bedingun
gen sahen und unter ihnen lebten, entweder gleichgültig blieben oder, wie etwa d
er Christ Lord Shaftesbury und viele Fabrikinspektoren des bürgerlichen Staates,
die Marx in "Kapital" lobend zitiert, mit friedvollen Methoden versuchten, eine
Verbesserung der Lage der Ausgebeuteten zu erreichen.
Was machte Marx zu einem Revolutionär? Es waren Umstände seines privaten Lebens.
Zuerst sein Judentum. (Juden, wie viele andere Minderheiten, die eine lange Ges
chichte der Verfolgung hinter sich haben, bringen im allgemeinen eine große Anza
hl von Revolutionären hervor, weil sie selbst auf viele Fehler der Gesellschaft
stoßen und weil sie eine zweitausendjährige Geschichte von ungerechtfertigten Le
iden durchgemacht haben.)
Der Konflikt mit seinem Vater war der zweite Faktor, Hat es irgend etwas in mein
em Leben gegeben, das mich zu einem Revolutionär machte?
Betrachten wir auch den Fall Lenin. Lenin gehörte dem Adel an. In seiner Jugend
glaubte er an Gott und praktizierte die orthodoxe Religion. Im Alter von 16 Jahr
en traten neue Interessen in sein Leben, wie in das Leben eines jeden jungen Man
nes. Er war weniger darauf erpicht, in die Kirche zu gehen, als vorher. Sein Vat
er fragte einen Popen, was man dagegen unternehmen solle. Der junge Wladimir Len
in hörte das Gespräch zwischen seinem Vater und dem Popen. Der Vertreter der Rel
igion gab den Rat: "Schlage ihn und schlage ihn!" Entrüstet riß Lenin sich das K
reuz, das er bisher getragen hatte, vom Halse. Nie wieder wollte er etwas über R
eligion hören.
Dieses jugendliche Erlebnis weckte in ihm ein solch starkes Vorurteil gegen die
Religion, daß er später an Maxim Gorki schrieb: "Tausende von Krankheiten und Na
turkatastrophen müssen dem geringsten Gedanken an Gott vorgezogen werden." Kein
vernünftiger Mensch würde zustimmen, daß Krebs besser ist als die Religion. Aber
das ist es, was Lenin eigentlich sagt. Man erfährt aus diesem Satz nicht, was R
eligion ist, sondern was Lenin ist: Ein Mann mit starken Vorurteilen, der nicht
objektiv denken kann.
Stellen wir uns vor, daß Lenins Vater - wie es gut möglich gewesen wäre - von ei
nem anderen Diener der Religion den Rat bekommen hätte, die Probleme des Pubertä
tsalters zu verstehen und geduldig zu sein. Lenin hätte sein Kreuz nicht herunte
rgerissen. So aber entschied er im Alter von 16 Jahren mit einem noch unreifen V
erstand über das schwierigste Problem des Denkens - über die Existenz Gottes, üb
er den Wert Christi, den Wert der Kirche, die Existenz des ewigen Lebens, den We
rt des Gottesdienstes aufgrund eines einzigen dummen Wortes eines Dieners der Re
ligion, das er zufällig gehört hatte.
Dies ist psychologisch verständlich; so werden Komplexe der Abneigung gebildet.
Aber es kann intellektuell nicht gerechtfertigt werden.
Lenin hatte noch ein zweites Trauma. Sein Bruder wurde wegen eines erfolglosen V
ersuchs, den russischen Zaren zu töten, aufgehängt. Damit war Lenins eigene Zuku
nft in der Gesellschaft zerstört. Er konnte niemals in irgendeine Stellung aufrü
cken, obwohl seine treibende Kraft der Wille zur Herrschaft war, wie es sogar se
ine engen Freunde beobachteten. Er war zum Führer geboren, konnte aber innerhalb
der etablierten Gesellschaft wegen dieses Fleckens auf seinem Namen nicht aufst
eigen. So wurde er zum revolutionären Führer.
Es gab viel Ungerechtigkeit im zaristischen Rußland. Irgend jemand mußte ja ein
revolutionärer Kämpfer gegen den autokraten Zaren und gegen die Junker sein, die
tausende von Morgen mit leibeigenen Bauern besaßen. Jemand mußte gegen geringe
Löhne des industriellen Proletariats und gegen die Unterdrückung von nationalen
Minderheiten kämpfen. Aber was gerade Lenin zu einem Revolutionär machte, war da
s unglückliche Zusammentreffen mit einem einzelnen unwürdigen Diener der Religio
n und der Flecken auf dem Namen seiner Familie.
Der Mann, der den Kommunismus in Rumänien zur Macht brachte, war ein Kommunist m
it Namen Lucretiu Patrascanu. Er gehörte auch der oberen Klasse an. Aber während
des 1. Weltkrieges war sein Vater auf der Seite der Deutschen, als kleiner Quis
ling im Dienste der ausländischen Eindringlinge in Rumänien. Die rumänische Regi
erung aber war auf Seite der Alliierten. Als die Deutschen den Krieg verloren, v
erfiel er dem gesellschaftlichen Boykott. Es stand für Lucretiu Patrascanu außer
jeder Frage, daß er, Sohn eines Mannes, der als Verräter betrachtet wurde, jema
ls irgend etwas erreichen könnte. So zog er es vor, ein Mitglied der Kommunistis
chen Partei zu werden. Sein Ende war tragisch. Er schaffte den kommunistischen T
riumph in Rumänien, wurde dann aber von seinen eigenen Genossen gefoltert und er
schossen.
Viele Jahre nach seinem Tode wurde er rehabilitiert, was unsinnig war, denn die
Kommunisten glauben ja nicht an die Existenz einer ewigen Seele. Entsprechend ih
rer Philosophie des dialektischen Materialismus bedeutet der Tod das totale Vers
chwinden des ganzen Menschen für immer. Wen rehabilitierten sie denn dann, wenn
doch nach der kommunistischen Lehre Lucretiu nicht mehr existiert? Wie dem auch
sei, das ist die Geschichte, wie Patrascanu ein Revolutionär wurde.
Es ist nicht notwendigerweise so, daß dieser ganze Prozeß bewußt war, daß er ode
r Lenin für sich selbst Überlegungen der Art anstellten: "Da die anderen es mir
nicht erlauben, eine hohe Stellung zu erringen, werde ich mich auf die Seite der
er schlagen, die die herrschende Klasse wegfegen." Diese Entscheidung wird in se
elischen Tiefen getroffen, die der Vernunft nicht zugänglich sind. Man braucht e
ine Menge psychologischer Untersuchungen, um die wahren Gründe unseres Tuns zu e
ntdecken, welche sich von den intellektuellen Argumenten, mit welchen wir es rec
htfertigen, unterscheiden.
Bist Du etwa durch das Zusammentreffen mit einem unwürdigen Pfarrer oder Christe
n von der Religion abgeschreckt worden? Gab es irgendein Hindernis in Deinem per
sönlichen Leben, vielleicht Armut oder Hässlichkeit, einen physischen Defekt, ei
nen Flecken auf Deiner Familie, welche Dir Misserfolg bringen könnten, es sei de
nn, Du schlägst Dich auf die Seite der Revolution?
Tito war ein katholischer Kroate. Er kannte von seiner Kindheit her die Tatsache
, daß landgierige Mönche ihre Hände auf einen großen Teil der besten Besitztümer
gelegt hatten. Aber Tito wußte nicht, daß die christliche Religion auch Heilige
und Märtyrer gehabt hat und noch hat. Das Laster steht in der Öffentlichkeit, d
ie Tugend nicht.
Begehe ein Verbrechen, und Dein Bild wird auf der ersten Seite der morgigen Zeit
ung sein. Liebe Deinen Nachbarn, sorge für eine alte, einsame Frau, hilf den Arm
en, tröste jemand, der in Sorge ist, gehe in entfernte Länder und bringe Licht z
u den primitiven Völkern, leide im Gefängnis wegen Deines christlichen Glaubens,
wie es Hunderttausende in kommunistischen Ländern heute tun Dein Name wird un
bekannt bleiben.
Tito kannte die Mönche, die Ausbeuter waren. Die Heiligen waren für ihn nur Bild
er in der Kirche. Er hatte nicht von den lebenden Heiligen gehört. Und dann kam
der furchtbare Augenblick der Bildung des emotionalen Komplexes in Titos Leben,
ein Augenblick, ähnlich demjenigen, der die Wahrheit in jedem von uns verzerrt.
Tito war Ministrant. Eines Tages schlug ihn der Priester in der Sakristei, weil
Tito ihm seine Messgewänder nicht schnell genug reichte. Das war sicherlich unge
recht. Aber ich kenne keinen Menschen, der niemals etwas Unrechtes tut, nur habe
n wir in uns den Mechanismus der emotionalen Komplexe. Falls sich Tito von Vernu
nft hätte leiten lassen, hätte er sich gesagt: "Dieser eine Priester hatte einen
schlechten Augenblick, in dem er unfair handelte. Der Wert oder Unwert der Reli
gion kann nicht nach der isolierten Handlung eines Menschen beurteilt werden. Es
ist logisch falsch, allgemeine Schlüsse aus einem besonderen Augenblick zu zieh
en."
Aber Vernunft leitet keinen von uns. Eine falsche Geste eines Vertreters einer R
eligion kann einen psychologischen Komplex der Abneigung gegen alles Religiöse f
ür ein ganzes Leben schaffen. Die Wahrheit wird durch das Ressentiment unterdrüc
kt. Emotionale Komplexe sind der größte Feind des richtigen Denkens. Tito wurde
Atheist. Er tötete Hunderttausende seiner Gegner, eine Menge von unschuldigen Me
nschen. Er war sich nicht bewußt, warum er es tat. Im guten Glauben war er überz
eugt, hierdurch der arbeitenden Klasse zu dienen. Es gibt psychologische Tiefen,
deren der Mensch sich nicht bewußt wird. In Wirklichkeit rächte sich Tito an je
dem, den er töten ließ, für den Schlag, den er in seiner Kindheit von einem Prie
ster erhalten hatte.
Erhieltest Du ungerechtfertigte Prügel? Ist es das, was hinter Deinen revolution
ären Idealen steckt? Bist Du ein Opfer der Ungerechtigkeit gewesen?
Hitler hasste seinen Vater, der Alkoholiker war. Als Hitler ein Kind war, schlug
sein Vater ihn und seine Mutter. Der Vater repräsentierte die Autorität im Haus
e. Dieses brachte Hitler dazu, alle Autoritäten zu hassen, die nicht mit ihm übe
reinstimmten, die Führer der politischen Parteien, Religionen und des Auslandes.
Er respektierte nur seine eigene Autorität. Es ist ein psychologisches Gesetz,
daß des Kindes gefühlsmäßige Haltung gegenüber seinem Vater der Prototyp für sei
ne Haltung gegenüber den leitenden Persönlichkeiten und gegenüber der Gesellscha
ft selbst wird. Die kommunistische Partei, die Baader-Gruppe, APO oder irgendein
e andere revolutionäre Organisation wird "der gute Vater", nach dem Du Dich währ
end Deiner Kindheit umsonst gesehnt hast.
Bist Du vielleicht das Produkt eines zerrütteten Elternhauses? Vielleicht hast D
u die Liebe während Deiner Kindheit vermißt. Dies macht Dich kontaktscheu. Die e
motionalen Gründe für Dein Rebellieren mögen Dir vollkommen unbekannt sein. Du m
agst an eine bessere Gesellschaft, für die Du kämpfst, ehrlich glauben. Die Gere
chtigkeit Deiner Sache erklärt, warum Du ein Revolutionär bist. Aber warum gerad
e Du ein Revolutionär bist und nicht irgend ein anderer, das hat einen psycholog
ischen Grund. Dieser ist subjektiv und daher außerhalb der Sphäre der Wahrheit.
Du kämpfst, Du magst für Deine Sache leiden, aber Du vertrittst nicht die Wahrhe
it. Du hast den revolutionären Gesichtspunkt. Aber jeder Gesichtspunkt ist ein P
unkt der Blindheit, weil er es Dir unmöglich macht, irgendeinen anderen Standpun
kt zu verstehen. Wenn Du in einem Zimmer in einer gewissen Position sitzest, sie
hst Du nicht, daß das Zimmer eine Tür hat, von einer anderen Position aus siehst
Du das Fenster oder die Decke nicht. Du hast die Vorstellung des ganzen Zimmers
nur, wenn Du Gesichtspunkte aufgibst, wenn Du die Wirklichkeit als etwas von
den verschiedenen Standpunkten der Menschen, die über sie nachdenken vollständ
ig Unabhängiges betrachtest.
Revolutionäre haben einen bitteren Haß gegen das Establishment, gegen die Polize
i, die Ausbeuter und gegen die verachtete Bourgeoise. Sie hassen auch jeden, der
nicht mit ihnen in allem, was sie denken und fühlen, übereinstimmt. Deshalb töt
ete Stalin seine eigenen Genossen. Deshalb gibt es Castroisten, Maoisten, Trotzk
isten, Anarchisten. Alle sind Revolutionäre, aber sie alle haben eine tiefverwur
zelte Feindschaft in ihren Herzen, eine Feindschaft, die das Ergebnis irgendeine
s emotionalen Traumas in ihrer Kindheit oder in ihrer Jugend ist.
Diese Feindschaft zeigen sie nicht nur gegenüber dem Klassenfeind, sondern auch
gegen den Genossen, der es wagt, in einer bestimmten Frage anders zu denken als
sie.
Feindschaft, dieser unbewußte emotionale Komplex in Deinem Denken, führt unverme
idlich zu schlechter Planung und zu einem bitteren Schicksal. Feindschaft ruinie
rte die Französische Revolution, die das Ideal der "Freiheit, Gleichheit, Brüder
lichkeit", das sie proklamierte, nicht vollendete. Feindschaft ruinierte die ame
rikanische Revolution. Amerika ist nicht das ideale Land, das es sein sollte. Si
e ruinierte die kommunistische Revolution. Ihr Schlachtruf war: "Friede, Brot un
d Freiheit". Vier Jahre Bürgerkrieg, ein Weltkrieg und ein nicht endender Bürger
krieg in China folgten. Rußland, früher die Kornkammer Europas, importiert heute
Weizen aus Kanada. An Stelle der Freiheit herrscht dort eine Diktatur, deren Gr
ausamkeit sogar von Chruschtschow und von Stalins Tochter gerügt wurde.
Die Millionen junger Deutscher, die unter dem Ruf "Heil Hitler" tapfer ihr Leben
hingaben, waren ernsthaft überzeugt, daß ihr Opfer der Baustein für ein großes
und reiches Deutschland sein würde. Sie irrten sich. Aber die Deutschen haben he
ute ein zerstückeltes Land und eine geteilte Hauptstadt.
Die vielen jungen Russen, die für die Ideen Lenins oder Stalins starben, hofften
sicher auf etwas anderes als das, was heute sowjetische Wirklichkeit ist. Diese
ist prosaisch und häßlich. Denke nur einmal an die Tatsache, daß keine kommunis
tische Zeitung eines Landes jemals den Namen derer gedenkend erwähnt, die ihre F
reiheit und ihr Leben für die Revolution gaben. Kommunisten glauben nicht an ein
ewiges Leben, also gibt es auch keine Belohnung im Himmel. Die von der Revoluti
on Begünstigten erinnern sich nicht an die Märtyrer des Kommunismus. So viele Id
ealisten haben ihr junges Leben hingegeben. Umsonst. Sowjetische Bürokraten habe
n den Vorteil davon. Sie können jetzt ein Leben in Luxus führen.
Nach so vielen traurigen Erfahrungen in unserer eigenen Generation, durch die wi
r erkennen falls wir ehrlich zu uns sind , daß unser Revolutionismus nicht da
s Ergebnis einer objektiven Suche nach Wahrheit, sondern das einer subjektiven E
rfahrung ist, wie können wir da noch von der Richtigkeit unserer Ansichten überz
eugt sein?
Bevor ein junger Mann oder ein junges Mädchen sich entscheiden, Revolutionär zu
werden, sollten sie ernsthaft Wirtschafts- und Staatswissenschaft studieren, ebe
nso Geschichte, demographische und geographische Probleme, sowie die von verschi
edenen Denkern, konservativen wie liberalen, sozialistischen wie kommunistischen
, anarchistischen wie christlichen, usw., vorgeschlagenen Lösungen. Man muß erst
alle Pro und Kontras hören, um die rechte Wahl zu treffen. Das bedeutet Jahre d
es Studiums. Wir haben uns zu schnell entschieden, unter der Eingebung eines Aug
enblicks, getrieben von unbewußten Kräften, die außerhalb unserer Kontrolle lieg
en. Und hinterher gaben wir unseren emotionalen Entscheidungen einen rationalen
Überbau. Können wir wirklich sicher sein, daß Überzeugungen, die einen solchen U
rsprung haben, die letzte Wahrheit sind, eine Wahrheit, für die man zu sterben b
ereit sein sollte? Die Grundlage der modernen Wissenschaft ist Unsicherheit. Sie
schreitet nur vorsichtig voran, indem sie ihre Aussagen ändert, so oft neue Tat
sachen entdeckt werden. Und wir, die die Probleme nie wirklich studieren, sind a
bsolut sicher, daß wir Recht haben.
Der Kapitalismus ist schlecht, ebenso ist es die Demokratie. Aber da die Mensche
n nicht ideal sind, können sie auch keine idealen sozialen Systeme aufbauen. Wel
che Garantie haben wir, daß uns der Umsturz etwas Besseres bringt? Der Stalinism
us war sicherlich nicht besser als der Zarismus. Unter Zar Nikolaus dem Zweiten
starben die Revolutionäre in den Gefängnissen. Stalin übertraf ihn. Er tötete ni
cht nur seine Gegner, sondern auch seine engsten Genossen; er warf sogar Mitglie
der der eigenen Familie ins Gefängnis. Die deutsche Weimarer Republik hatte viel
e schlechte Seiten, gegen welche Radikale von links und rechts revoltierten. Abe
r die schlechten Seiten der Weimarer Republik erreichten nie solche Ausmaße wie
die Hochöfen von Auschwitz, noch brachte sie solche Probleme wie die Teilung der
deutschen Nation in zwei sich gegenüberstehende Staaten mit einer Mauer, die di
e Hauptstadt in zwei Hälften trennt.
Du tust gut daran, Dich mit politischen und sozialen Problemen zu beschäftigen.
Gesellschaftliche Zustände bilden Charakter. Charakter kann sich nicht in gleich
er Art in einem Elendsviertel bilden, wie in einem ruhigen Heim, dessen materiel
le Basis gesichert ist. Obwohl es auch Ausnahmen für diese Regel gibt. Jeder ist
ein Mensch und hat das Recht, frei zu sein, geliebt zu werden, sein tägliches B
rot und seine Bildung zu haben. Dieses gilt für die arbeitende Klasse wie für di
e Adeligen, für die Weißen, Schwarzen, Gelben und Juden, sowie für die Araber.
Aber eine Sache ist es, die schlechten Seiten und die Probleme zu sehen und eine
andere, Lösungen zu finden. Die Revolutionen geben leichte Lösungen, kurzformul
ierte und leichtverständliche Schlagworte. Aber man sollte diesen Schlagworten m
ißtrauen, gerade weil die Lösungen so einfach sind. Jede leichte Lösung des Prob
lems, wie man eine Stahlbrücke baut oder ein Düsenflugzeug entwirft, ist kindisc
h. Du mußt 20 Jahre studieren, um Ingenieur zu werden. Und es braucht Jahrhunder
te der wissenschaftlichen Entwicklung, um überhaupt Ingenieure zu haben, die die
Wunder der modernen Technik bauen können.
Wir Christen sind auch Revolutionäre. Wir wünschen auch, daß sich die Gesellscha
ft radikal ändert. Wir wünschen, daß sie sich in ein Königreich Gottes verwandel
t, wobei wir unter Gott das verstehen, was die Bibel über Ihn mit den Worten "Go
tt ist Liebe" sagt. Aber das Wort Liebe ist kein universelles Heilmittel. "Mach
Liebe, nicht Krieg" klingt sehr attraktiv. Aber Breschnew, der Generalsekretär d
er Kommunistischen Partei der Sowjetunion, erklärte bei der Parade zum 1. Mai 19
70, daß die Sowjets immer noch entschieden für den Kommunismus in der ganzen Wel
t kämpfen.
Das bedeutet, wie es die Beispiele in Ungarn und der Tschechoslowakei zeigen, di
e Besetzung anderer Länder mit der ganzen Grausamkeit, die damit verbunden ist.
Sie haben sich selbst durch Betrug und Terror etabliert und sind auch nachher er
barmungslos geblieben. Mao Tse Tung wünscht den revolutionären Krieg. Die arabis
chen Herrscher haben erklärt, daß sie die Israelis in das Meer werfen wollen. Di
e Juden waren schon in Gaskammern und Verbrennungsöfen. Der verbliebene Teil die
ses hartgeprüften Volkes will nicht ertränkt werden. "Mach Liebe" ist ein hübsch
es Wort. Liebe unter welchen Bedingungen? Gibt es irgendeine Garantie, daß, währ
end die westliche Jugend Liebe macht, die kommunistischen Länder uns nicht ihre
Diktatur auferlegen? Wir brauchen Liebe, plus Wachsamkeit, plus eine kluge Polit
ik, plus Friedensanstrengungen, plus Verteidigungsmaßnahmen im Fall eines Angrif
fs, plus Kampf, wenn wir angegriffen werden.
Es gibt durch die Menschen, die voller Sünde und Lust sind, keine Verzauberung i
n eine perfekte Gesellschaft der Liebe.
Unsere jugendliche Kritik ist oft negativ und entbehrt auch der Ehrfurcht. Es ma
g wahr sein, daß unsere Väter rückständig, reaktionär und konservativ sind, ja A
nalphabeten im Vergleich zu der jungen Generation. Aber eine Tugend können sie a
ufweisen. Sie haben dieser Welt, uns, eine neue Generation weiser Männer bescher
t, sie haben hart gearbeitet und Universitäten und Laboratorien gebaut, wie sie
sie selbst nicht gehabt haben. Sie haben Steuern bezahlt, so daß die Jugend Stra
ßen hat, auf denen sie ihre Demonstrationen, Love ins und Sit ins abhalten oder
zum Polizistenschießen fahren kann.
Die Idealisierung von Marx, Stalin, Trotzki, Castro, Mao oder Guevara gehört zum
selben geistigen Zustand, der die Menschen der Antike dazu brachte, sich vor eh
rfurchtgebietenden Götzenbildern in Form von Habichten, Stieren und Kopfjägern z
u beugen.
Wir haben uns dem Unterbewußten mit seinen dunklen Kräften unterworfen. Als die
Deutschen von dem Nazi-Alptraum aufwachten, war es zu spät. Sie waren von Blut b
esudelt. Die Russen erstarrten in Schrecken, als Chruschtschow den Massenmord St
alins entlarvte. Sie hatten ihn als das größte Genie gelobt und verehrt, als den
Vater und die Sonne der Nationen.
Die Ungerechtigkeit, gegen die Du kämpfst, existiert. Aber Du kämpfst nicht aus
gerechten Gründen. Du selbst bis ungerecht. Blicke zurück und denke daran, wie o
ft Du Deine Mutter zum Weinen gebracht hast, wie oft Du Deinem Vater Kummer gema
cht hast, wie gleichgültig Du gegen die warst, die Dich liebten, wie vielen Mens
chen Du Unrecht getan hast.
Wenn unser eigener Charakter so viele Flecken hat, wie können wir da hoffen, die
Welt zu verbessern?
Wir haben nicht einmal uns selbst gebessert. Wir haben es nicht fertiggebracht,
unsere eigenen Familien glücklicher zu machen. Wenn Revolution von Männern gemac
ht wird, die sich selbst nicht revolutioniert haben, kann sie vielleicht als Aus
scheidungsoperation nützlich sein, aber sie vermag keine besseren Institutionen
zu schaffen.
Wir beklagen uns über Ausschreitungen und Brutalität der Polizei. Wie steht es m
it Deiner Brutalität? Wie denken Deine Idole über die Freiheit? Mao Tse Tung sch
reibt in "Neue Demokratie": "Wer sich entscheidet, gegen den Kommunismus zu oppo
nieren, muß darauf gefaßt sein, vom Volke verprügelt und in Stücke gerissen zu w
erden. Wenn Du Dich bis heute noch nicht entschieden hast, verprügelt und zerfet
zt zu werden, dann wird es weise sein, nicht gegen den Kommunismus zu opponieren
. Das sollten die antikommunistischen Helden als ernsten Rat von mir annehmen."
Im Westen protestieren Maoisten gegen die Ausschreitungen und Brutalität der Pol
izei. In Rotchina hat Mao seine Drohungen wahrgemacht. In den meisten kapitalist
ischen Ländern haben wir die Freiheit, in eine Maoistische Partei einzutreten. A
ber versuche einmal in Rotchina einer Anti Maoisten Fraktion anzugehören. Man wü
rde Dich verprügeln und zerfetzen. Sind unsere Klagen über Brutalität richtig au
sgewogen?
Wenn die Revolution Erfolg hat, werden wir ihre Gegner erschießen. Wir müssen da
s machen, sonst kann unsere Revolution nicht siegreich sein. Aber die französisc
he und russische Revolution haben gezeigt, daß, wenn man einmal angefangen hat,
aus Notwendigkeit zu töten, man am Töten Freude bekommt. Und man macht mit dem T
öten weiter, unvernünftig, grausam. Wenn keine Feinde mehr übrig sind, wirst Du
Deine eigenen Genossen töten. Erinnere Dich nur, wie Stalin und Mao ihre eigenen
Genossen, Trotzki oder Liu Pin Chao und unzählige andere, liquidieren ließen.
Wie können wir einen Mann als Idol darstellen, der in seinem roten Buche schreib
t: "Macht kommt aus den Gewehrläufen"? Jeder Gangster würde diesen Satz untersch
reiben. Wir glauben, daß die Macht nicht jenen gehört, die zufällig mehr Gewehre
haben. Sie sollte in den Händen derer sein, die die meiste Liebe, Anteilnahme,
Weisheit und Wissen für die Probleme einer Gemeinschaft zeigen.
Es gibt persönliche, meist unbewußte, Motive, die uns zu Revolutionären machen.
Wir beunruhigen die Gesellschaft, weil wir selbst unruhig sind.
Aber welche andere Möglichkeit außer der, ein Revolutionär zu sein, gibt es? Sol
l man ein selbstgefälliger Mensch sein, der sich einer ungerechten Gesellschaft
anpaßt und versucht, das Beste für sich selbst daraus zu machen? Das wäre schlim
m. Doch was können wir sonst tun? Die Antwort gabt uns eine Stimme in unserem ei
genen Gewissen.
Gerade wie es ein Unbewusstes gibt, das Dich verführt, das Dich einen Revolution
är, einen Terroristen, einen höchst unruhigen Unruhestifter werden läßt, so gibt
es ein Überbewusstes, einen Ruf Gottes, der der Schöpfer des Universums ist und
auch Dein Schöpfer. ER ruft jetzt Dein Herz, fordert Dich auf zur Ruhe, Stille,
Meditation, konstruktivem Leben, dauerndem Glück und ewiger Erlösung.
Sollen wir Christen werden? Hierzu ist die erste Antwort: Die Kirche ist unaktue
ll geworden. Sie hat nichts zu sagen. Und dann haben wir, die Revolutionäre, sog
ar Männer der Kirche, die auf unserer Seite sind. Sie stehen mit uns als Streikp
osten und demonstrieren bei verschiedenen Gelegenheiten, sie unterstützen unsere
Sache und übernehmen unsere Verteidigung. Wenn die Kirche wichtig ist, dann dur
ch diese linksorientierten Priester und Pastoren. Sie bringen uns nicht ihre eig
ene Botschaft, sie akzeptieren und verbreiten die unsrige.
Ich bin ein Mann, der die Priester und Pastoren gut kennt. Du hast die Geschicht
e der Kirche nicht genau studiert. Ich habe es getan. Mit vielen ehrenwerten Aus
nahmen stand der Klerus immer auf der Seite der Mächtigen. Sie haben die Sklaven
halter umschmeichelt, die feudalen Grundherren, die absoluten Könige, also die K
apitalisten, und sie haben ihre Loyalität so oft gewechselt wie auch die Dynasti
en wechselten. Die Mehrheit des Klerus in den kommunistischen Ländern unterstütz
t die atheistischen Diktatoren, sogar dann, wenn sie Christen verfolgen. Der Kle
rus hat Christus zum Tode verurteilt.
Einige des Klerus sind auf Deiner Seite. Hüte Dich vor diesen Kirchenmännern. Es
sind die schlimmsten von allen. Sie glauben nämlich, daß Ihr die zukünftigen Ma
chthaber seid. Das ist es, das sie ihren Meister Jesus verraten läßt, dem sie ei
nen Eid geschworen haben; und sie sind auf Eurer Seite, bereit Euch im Stich zu
lassen in dem Augenblick, an dem Ihr geschlagen seid. Gebraucht sie als Mitläufe
r, wenn Ihr wollt, aber wisset: sie sind nicht vertrauenswürdig, weder vom chris
tlichen noch vom revolutionären Standpunkt.
Aber abgesehen von diesem unwürdigen Klerus, ist die Kirche wirklich unwichtig?
Ist es zum Beispiel unwichtig, ob der Mensch nur wenige Jahrzehnte lebt und dann
für immer verschwindet, oder ob das Leben ewig ist? Der Unterschied ist doch ri
esig.
Falls wir nur aus Materie bestehen, die nach dem Tod zerfällt, und wir für immer
aufhören zu existieren, so würde selbst das reichste und gerechteste Leben, das
wir durch unsere revolutionären Taten auf Erden schaffen, nur einem Festessen g
leichen, das man einem zum Tode verurteilten Manne kurz vor seiner Hinrichtung g
ibt. Ich werde, umgeben von Gerechtigkeit, Überfluß und Liebe, leben. Das wird m
ich das Leben schätzen lassen. Und wenn es gerade am schönsten ist, wird der Tod
kommen. Der Fortschritt der Medizin wird es möglich machen, das Leben um 20 ode
r 30 Jahre zu verlängern. Die Tatsache, daß ich diese Verlängerung wünsche, zeig
t, daß ich den Tod nicht will. Aber er ist unvermeidlich.
Die Sache der Revolution kann mir einen vorzeitigen Tod bringen. Viele Revolutio
näre werden getötet. Ich könnte der Nächste sein. Wie werde ich herausfinden kön
nen, ob meine Sache gerecht war, ob mein Opfer wirklich eine bessere Form der Ge
sellschaft brachte? Das Opfer zehntausender junger Nazis stellte sich hinterher
als vergeblich heraus. Das könnte auch mit mir geschehen. Und selbst wenn es nac
hher eine bessere Gesellschaft gäbe, kann ich mich an ihr nicht erfreuen. Ich we
rde nicht einmal die Befriedigung haben, zu wissen, ob andere sich ihrer erfreue
n.
Die Kirche erklärt, daß Christus ewiges Leben gibt. Wenn sie das beweisen könnte
, würde sie sicherlich die wichtigste Institution der Welt sein, so falsch ihre
Stellung zu politischen Fragen auch immer sein mag und so wenig vertrauenswürdig
sich auch viele ihrer Kirchenmänner erwiesen haben. Aber die Christen wissen ge
wiß, daß es ein ewiges Leben gibt. So gewiß, daß sie sagen können: "Sterben ist
Gewinn", "Dahinscheiden ist viel besser". Das ist genau das Gegenteil von Shakes
peares Worten:
Der Tod ist etwas Furchtbares; das mühsamste und abscheulichste Erdenleben, das
der Natur Leid, Armut und Inhaftierung auferlegt, ist ein Paradies im Vergleich
zu dem, was wir vom Tod befürchten.
Was ist es, das die Christen zu dem Glauben bewegt, daß für sie der Tod ein Gewi
nn ist?
Es ist vor allem die Gewißheit, daß sie mehr sind, als bloße Materie. Sie glaube
n, daß sie Geist sind, der vorübergehend in einem Körper wohnt, wie ein Juwel in
einer Juwelenschatulle. Und ein Juwel ist auch ohne Schatulle schön.
Gibt es ein Argument für die Annahme, daß der Mensch nicht nur Körper, sondern v
or allem Geist ist? Hast Du Geduld dieses zuzuhören? Der menschliche Körper brau
cht für seine volle Zufriedenheit vier Dinge, nämlich Nahrung, Wärme (Kleidung,
Wohnung), Ruhe und in einem gewissen Alter einen Partner des anderen Geschlech
ts. Dieses letzte Bedürfnis kann auch unbefriedigt bleiben.
Wenn der Körper von diesen Dingen genügend zur Verfügung hat, ist er vollkommen
zufrieden. Aber ab und zu hören wir von Millionären, die Selbstmord begehen aus
Schwermütigkeit. Warum waren sie schwermütig? Der Körper hatte alles, was er bra
uchte. Der Millionär ist aber nicht nur Körper. Er hat auch eine Seele, die furc
htbar traurig sein kann, während der Körper von Luxus umgeben ist.
Sieh andererseits auf die Gefangenen, die wegen einer Sache, die sie als gerecht
ansehen, eingekerkert sind; sieh auf die Opfer religiöser, nationaler oder poli
tischer Verfolgung. Sie hungern, sie zittern vor Kälte, sie werden geschlagen, s
ie sind ohne ihre Frauen. Ihre Körper leiden, aber sie singen sogar in Ketten. W
as macht sie glücklich? Ihr Körper? Sicherlich nicht, denn der wird gefoltert. A
ber sie sind nicht nur Körper. Sie sind Seele. Die Seele zeigt Unabhängigkeit vo
m Körper. Sie kann in Ekstase verzückt sein, während der Körper leidet. Sie ist
etwas anderes als der Körper.
Da sie ein Wesen für sich ist, weichen Grund haben wir zu glauben, daß sie stirb
t, wenn der Körper stirbt? Sie hat ihre eigene Entwicklungslinie, die manchmal v
on der des Körpers sehr verschieden ist. Wegen psychologischer Motive (Psyche is
t das griechische Wort für Seele) kann ein Mensch Selbstmord begehen, was bedeut
et, daß die Seele entscheiden kann, den eigenen Körper zu töten. So weit geht di
e Unabhängigkeit der Seele.
Du hast eine Seele, die ewig ist. Eine Zwei Liter-Flasche kann niemals fünf Lite
r Flüssigkeit enthalten. Wie kann mein Körper, etwa 1,60 m bis 1,80 m hoch, vor
einigen Jahren geboren und dazu bestimmt, bald zu sterben, den Gedanken der Ewig
keit und Unendlichkeit enthalten? Ereignisse weit in der Vergangenheit, Perspekt
iven der Zukunft, Länder in weiter Entfernung, Milchstraßen und Galaxien erfülle
n das Leben meiner Seele. Mein Körper könnte all dies nie fassen. Der Körper ist
nur daran interessiert, seine sofortigen Bedürfnisse zu befriedigen. Warum soll
te er an den Problemen wie etwa die Unendlichkeit oder Endlichkeit des Universum
s, der Astronomie, an Problemen rein wissenschaftlichen Charakters, an Kunst um
der Kunst willen, an Philosophie, an Religion oder an der Verneinung der Religio
n interessiert sein? Philosophie, Religion oder Atheismus haben keinen Einfluß a
uf meine Nieren. Sie haben keinen Einfluß auf meinen Körper. Es ist mein Geist,
der diese Dinge untersucht; auf diese Weise zeigt er, daß er über Zeit und Raum
steht, über der Möglichkeit zu sterben.
Du bist ewig. Diese erste Botschaft, die Dir die Kirche bringt, ist sicherlich w
ichtig. Sie ändert Deinen ganzen Standpunkt. Die Eile des Revolutionärs, schnell
sein Ideal zu erreichen, verschwindet. Wir haben eine Ewigkeit vor uns, eine Ew
igkeit des Dienstes.
Es besteht ein biologischer Zeitplan. Die normale Zeit der Schwangerschaft beträ
gt neun Monate. So gibt es auch einen Zeitplan für das Junge eines Vogels. Es da
uert eine Zeit, bis es ausgebrütet ist und wieder eine Zeit, bis es zu fliegen b
eginnt. Gottes Zeitplan ist die Ewigkeit.
Einen Augenblick bitte ich brachte Gott in das Bild. Du wirst sagen: "Komm mir
nicht mit diesem alten Zeug. Es gibt keinen Gott. Alles existiert zufällig, dur
ch die Entwicklung der Materie, ohne irgendjemandes Entwurf."! Ich möchte Dir nu
r ein Argument entgegenhalten:
Die Zeiten des Aberglaubens sind vorbei. Wir leben jetzt im Zeitalter der Wissen
schaft. Die Wissenschaft basiert auf der Mathematik, auf der Statistik. Der welt
bekannte Statistiker, George Gallup, sagt: "Ich könnte Gott statistisch beweisen
. Nehmen Sie nur den Körper allein die Wahrscheinlichkeit, daß die Lebensfunktio
nen eines Menschen zufällig entstanden sein sollen, ist eine statistische Monstr
osität". Also muß es einen weisen Schöpfer geben.
Und da wir gerade bei dem Kapitel Wissenschaft sind, es gab da doch einen Mann,
der sie kannte: Einstein. Das Universum trägt seinen Namen. Er schreibt in seine
m Buch "Die Welt, wie ich sie sehe" folgendes: "Wenn wir das Judentum der Prophe
ten und das Christentum, wie Christus es lehrte, reinigen von allem, was nachher
kam, besonders von dem Pfaffentum, dann haben wir eine Religion, die die Mensch
heit von all ihren Übeln erlösen kann. Es ist die höchste Pflicht eines jeden Me
nschen, sein Bestes zu tun, um diese wirklich menschliche Religion zum Triumph z
u bringen." Was die Wissenschaft betrifft, sind wir, im Vergleich zu Einstein, a
lle Zwerge.
Der Marxismus nennt sich selbst "wissenschaftlicher" Sozialismus. So wollen wir
also den wissenschaftlichen, d. h. den Einsteinschen Standpunkt zum Problem der
Existenz Gottes nehmen. Wenn wir Marx als Autorität auf dem Gebiet der sozialen
Probleme akzeptieren, so sollten wir Einstein als Autorität in dieser Frage gelt
en lassen und an Gott glauben.
Aber damit ändert sich das Bild. Wir müssen nun nicht mehr alle Probleme allein
lösen. Es gibt einen Schöpfer. Wir haben einen Vater. Wir haben bis heute gesünd
igt, indem wir nicht an Ihn glaubten, indem wir nicht herauszufinden versuchten,
für welchen Zweck Er uns geschaffen hat, und indem wir nicht fragen, was Sein W
ille für uns sein könnte. Seine Gesetze stehen in der Bibel. "Liebe den Herrn, D
einen Gott mit Deinem ganzen Herzen, mit Deiner ganzen Seele, mit Deiner ganzen
Kraft" und "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst". Wir haben es nicht getan. Wi
r waren nicht fromm. Wir haben nicht jeden Menschen als unseren Nächsten betrach
tet. Wir haben das Herz unserer Eltern gebrochen, wir haben Menschen beleidigt.
Wir sind selbstsüchtig und unrein gewesen.
Aber Er ist der Vater. Und der Vater wünscht nicht den Tod seines Kindes, wenn d
ieses sündigt; er möchte, daß es auf einen besseren Weg zurückkehrt.
In jedem Menschen gibt es den psychologischen Mechanismus der Übertragung. Man k
ann das in der Revolution sehen. Wir übertragen den Haß, den wir gegen unsere El
tern hegen, weil sie vielleicht ihre Pflicht an uns versäumt haben, oder den Haß
, den wir gegen einen unwürdigen Priester empfinden, auf eine Gesellschaftsklass
e oder auf eine Rasse. Derselbe Mechanismus bringt uns dazu, Menschen zu lieben,
die mit etwas verbunden sind, das wir gerne haben. Gott gebraucht diesen unsere
n Mechanismus der Übertragung. Wir haben die religiösen und moralischen Gesetze
des Universums gebrochen, wir haben Taten begangen, die durch unsere eigenen eth
ischen Normen verurteilt werden. In stillen Augenblicken müssen wir uns selbst e
ingestehen, daß wir schuldig sind. Aber kann man die Schuld übertragen?
In früheren Zeiten hatten die Menschen Sündenböcke, auf die sie ihre Sünden ablu
den. Die Monarchie, die Bourgeoisie, die Schwarzen, die Weißen, die Trotzkisten,
die Maoisten oder die Revisionisten, die Polizei usw. sind die Sündenböcke, auf
denen wir unsere eigenen ungelösten emotionalen Komplexe abladen. Warum nicht u
nsere Schuld auf einen wirklichen Sündenbock legen? Jesus kam auf die Erde als g
rößter Revolutionär aller Zeiten. Er gab uns die Möglichkeit, unser eigenes Herz
zu revolutionieren. Diejenigen, die ein Gespür für geistige Dinge hatten, erkan
nten in Ihm Gott, der ein Mensch geworden war. Als Er im Namen des Schöpfers kam
, nahm Er die ganze Verantwortung auf sich für alle Dinge, die die Menschen fals
ch gemacht haben. Er forderte uns auf, den Mechanismus der Übertragung zu gebrau
chen.
Lege auf Ihn, den Sohn Gottes, alle Deine Sünden, Er nimmt sie willig an. Er tru
g die Strafe für unsere Sünden, indem Er als ein Missetäter am Kreuz starb, obwo
hl Er unschuldig war, der Gerechte für die Ungerechten. So wurden unsere Sünden
getilgt.
Christi Auferstehung zeigte, daß Gott Sein Opfer für die Sünder annahm. Durch de
n Glauben an Ihn sind wir erlöst.
Unbelastet durch unsere Schuld, gereinigt durch Sein Blut, das auf Golgatha verg
ossen wurde, sehen wir die Dinge mit neuen Augen. Wir lieben den Schöpfer, obwoh
l wir nicht immer Seine Taten verstehen. Wir lieben Christus. Wir lieben alle Me
nschen. Wir haben Mitleid mit jenen, die Ausbeuter oder Tyrannen sind. Wir tun u
nser Bestes, die sozialen Ungerechtigkeiten zu verbessern. Die Anwendung der Gew
alt wird unter gewissen Umständen nicht ausgeschlossen. Aber was uns belebt, ist
die allumfassende Liebe. Die Verteidigung eines unschuldigen Kindes, das von ei
nem Gangster bedroht wird, kann uns verpflichten, auf diesen Gangster zu schieße
n, aber das schließt den Gangster von unserer Liebe nicht aus, die versucht, ihn
, wenn möglich, von seinen schlechten Wegen abzubringen. Polizisten sind nicht m
ehr "Schweine", sondern Menschen, manche von ihnen christliche Glaubensbrüder. J
eder vernünftige Mensch, sogar der Revolutionär, wendet sich an sie, wenn sein W
agen gestohlen wurde.
Die Welt wird schön, weil Du nicht mehr von einer Menge Menschen umgeben bist, g
egen die Du Neid und Ressentiments hast, sondern von geliebten Menschen, deren D
ienste Du gerne annimmst, und denen Du gerne dienst.
Die Liebe hat die Gesellschaft geändert. Es gibt viele Unzulänglichkeiten in der
Bundesrepublik, in den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern der Freien We
it, aber es gibt keine Sklaverei mehr, keine Kinderarbeit, und die harten Lebens
bedingungen der arbeitenden Klassen, die im letzten Jahrhundert herrschten, gibt
es ebenfalls nicht mehr. Der Fortschritt der Menschheit ist langsam, aber wo im
mer Liebe praktiziert wird, schreitet die Menschheit fort. Wir sollten die Liebe
stärken, und der Fortschritt wird schneller sein.
Wir werden nicht mehr von solchen Männern wie Castro und Mao, die selbst Sünder
sind, hoffen, daß sie eine glückliche Gesellschaft der Zukunft aufbauen. Wir war
ten auf die Wiederkunft Christi, der sie versprochen hat. Dann werden wir das Kö
nigreich Gottes auf Erden haben, ein Königreich der Gerechtigkeit, Wahrheit und
Liebe. Wir bereiten den Weg und arbeiten für dieses Königreich.
Vergib und vergiß die Dinge, die Dich zu einem Revolutionär machten und tritt in
die ewige christliche Gemeinschaft ein.
Jesus wird in der Bibel "das Wort" genannt. Wenn Du Dich mit Ihm vereinigst, wer
den Deine Worte an Gewicht gewinnen. Vereinige Dich mit Seinem Geiste. Dann wirs
t Du jedesmal, wenn Du wieder eine der Reden der Revolutionäre hörst, die Geschi
chte eines alten Mönches zu würdigen wissen, der einem jüngeren lange Zeit bei e
iner Abhandlung über eine schwierige religiöse Frage zugehört hatte. Als der jun
ge Bruder einen Augenblick pausierte, um Atem zu schöpfen, sagte der Alte: "Was
für ein glücklicher Mann bist Du doch, daß Du diese wunderbare Gabe der Rede has
t. Wir andern müssen erst denken, bevor wir sprechen."
Du wirst auch lernen, gründlich zu denken, bevor Du wieder redest.
Nehmen wir die Frage über Vietnam. Die USA haben nicht interveniert, als Tibet v
on Rotchina geschluckt wurde. Das Resultat war Massaker, Deportation der Bevölke
rung und grausame Folterungen. Die USA haben nicht interveniert, als die Tschech
oslowakei besetzt wurde. Das Resultat ist, daß dieses Land heute unter dem russi
schen Stiefel liegt. Die USA haben nicht zugunsten Biafras interveniert. Großbri
tannien hat an seiner Liquidierung teilgenommen. Das Resultat? Zwei Millionen un
schuldige Menschen starben. Die amerikanische Einmischung in Vietnam wird, wie a
lles in einer Welt von Sündern, durch Ausschreitungen, Gewinnsucht, Korruption,
Brutalität und Einzelfälle von Massakern kompliziert. Amerika hat Heilige und Kr
iminelle. Ziehe den Kriminellen Uniformen an, und sie werden genauso brutal sein
, wie sie es auf den Straßen Amerikas sind, Aber was passiert, wenn Amerika sich
aus Vietnam zurückzieht?
Wo auch immer der Kommunismus an die Macht gekommen ist, hat er Millionen unschu
ldiger Menschen getötet, Menschen eingesperrt und gefoltert. Dies sind keine iso
lierten Tatsachen, für die die Schuldigen vor Gericht gebracht werden können, wi
e bei den amerikanischen Kriegsverbrecher. Bei den Kommunisten ist das Staatspol
itik.
Gott hat uns ein Gehirn gegeben, um zu denken, um in unseren Urteilen fair zu se
in. Kein Problem wird durch die Schlagworte "Kampf bis zum Sieg" oder "Raus aus
Vietnam" gelöst. Um den Sieg zu erringen, muß man viele unschuldige Männer töten
. Sich aus Vietnam zurückziehen, wäre eine Einladung an Rotchina, einzumarschier
en und noch mehr Menschen zu töten.
Die Lösung, die uns Schlagworte anbieten, könnte viel schlimmer sein als die heu
tige Lage es ist, und diese ist schlimm genug, Sie ist so, wie sie in einer Welt
von Sündern nicht besser sein kann.
Lies die Geschichte Indiens, das zum britischen Weltreich gehörte. Viele Ungerec
htigkeiten wurden unter der englischen Verwaltung begangen. Britannien ist kein
Land von Heiligen, so wenig, wie andere Nationen. Aber die Briten haben ein Erzi
ehungssystem, Krankenhäuser, Lepraanstalten, Waisenhäuser und eine Vielzahl phil
anthropischer Institutionen gegründet. Es gab Beschwerden über Brutalität und Au
sbeutung. Aber eines Tages, nach einem langen Kampf, erhielt Indien seine Unabhä
ngigkeit. Das unmittelbare Resultat war die Abschlachtung von 4 Millionen Indern
durch Inder. Moslems töteten Hindus und Sikhs, Hindus und Sikhs töteten Moslems
. Ein unbeschreibliches Blutbad. ("Leben und Tod Mahatma Gandhis" von Robert Pay
ne). So etwas hätte unter der britischen Verwaltung in dem Maße nie passieren kö
nnen.
Dann kam die Separation Pakistans von Indien. Das Ergebnis? Beide Staaten zitter
n vor der Möglichkeit einer kommunistischen Machtübernahme. Und ein Elend, wie d
as jetzige in Bangladesch gab es unter den Engländern nie. Gandhi hat gesagt: "I
ch kann euch eine Vision der Zukunft geben: Wenn wir aus irgendeinem Grund nicht
freundschaftliche Beziehungen zueinander aufrecht erhalten können, nicht nur zu
den Moslems in Indien, sondern auch zu den Moslems Pakistans und der ganzen Wel
t, so müssen wir wissen - wir werden Sklaven werden, und so werden wir unsere ha
rt erkämpfte Freiheit verlieren."
Die Prophezeiung wird sich nun wahrscheinlich erfüllen. Indien und Pakistan sind
nicht Freunde geworden. Millionen sind dem Fanatismus zum Opfer gefallen, etwas
, das unter britischer Verwaltung nicht stattgefunden hat. Lohnte sich das Opfer
all jener, die gegen die Briten kämpften?
Lohnte es sich, für die Unabhängigkeit Nigerias von britischer Verwaltung zu käm
pfen? Man hat Großbritannien vieles vorgeworfen, aber nie, daß es zwei Millionen
Nigerianer getötet hat. Das blieb ein Privileg der freien emanzipierten Schwarz
en. Die ältere Generation der Ibos hatte gekämpft, um sich von der britischen Re
gierung zu befreien. Sie hatten Erfolg. Nun waren sie unter sich, Schwarze und i
hre Seelenbrüder. Sie schlachteten die Ibos ab oder ließen sie verhungern.
Ideale müssen gründlich geprüft werden, bevor man ihnen sein Leben weiht.
Ich bin kein Fachmann für Politik und werde mich auch zurückhalten, in politisch
en Angelegenheiten zu entscheiden. Aber einer Sache bin ich vollständig sicher:
Weder die rechts noch die links orientierten Volksverhetzer haben irgend etwas E
rwähnenswertes für die Menschheit getan. Der Christ Frederick Douglas arbeitete
in aufopfernder Weise 58 Jahre in den Sümpfen von Bengalen. Der Christ Charles F
ox arbeitete 60 Jahre lang in dem heißen Klima der Salomon-Inseln, um Gutes zu t
un. Weder Schlagworte noch Sit-ins hätten da geholfen. Sie arbeiteten. Kliniken,
Schulen, Waisenhäuser, das Verbreiten des Alphabetismus sind die Zeugen, daß da
s geduldige Überlegen, gefolgt von geduldiger Arbeit, das ist, was Erfolg hat.
Charles Pean von der Heilsarmee kämpfte friedlich 18 Jahre lang um die Abschaffu
ng der berüchtigten Strafkolonie auf den Teufelsinseln. Er hatte Erfolg.
Townsend, der Gründer der Wycliff-Bibel-Übersetzer, aß geröstete Ameisen bei dem
Cakchiquel-Stamm in Guatemala, aber er hinterließ ihnen fünf Schulen, ein Krank
enhaus, eine Druckerei, Hunderte von gebildeten Menschen und viele Kirchen. Die
Christin Marianne Slocum arbeitete hart, aber sie hob den Tseltal-Stamm von Mexi
ko von der Barbarei auf die Stufe der Zivilisation. Albert Schweitzer gründete i
n einem Dschungel das Spital von Lambarene.
Ich kann verstehen, daß Du von der gewaltigen Armut in der Welt betroffen bist.
Nimm einmal an, wir hätten Erfolg, die Menschen reicher zu machen. Wären sie auc
h glücklicher? In den zivilisierten Ländern begehen viele, die nicht arm sind, s
ondern ihre eigenen Autos, Fernsehgeräte und Bankkonten haben, Selbstmord. Drei
Millionen Menschen versuchten es letztes Jahr.
Ich selbst bin unter den Ärmsten gewesen. Ich habe 14 Jahre in kommunistischen G
efängnissen verbracht und war doch glücklich, obwohl ich hungrig und zerschlagen
war.
Die Armut muß bekämpft werden in dem Wissen, daß es höhere Werte gibt als materi
elle Reichtümer. Gott zu kennen, das ewige Leben, Christus zum Freund zu haben,
all das hat den Vorrang vor materiellen Problemen.
Ich kann verstehen, daß Du für Gedankenfreiheit kämpfst, um Tyranneien abzuschaf
fen. Du selbst hast die Freiheit zu denken. Wieviele Stunden am Tag denkst Du? W
ieviele Stunden denkst Du nach, bevor Du eine Stunde lang sprichst oder schreibs
t? Siehst Du nicht den Irrtum eines Lebens ohne das Verantwortungsgefühl, das Ch
ristus in einer Seele erweckt? Die Kirche Christi ist wichtig. Sie lehrt Dich ke
ine kurzen Schlagworte, sie lehrt Dich denken. In seinem heiligen Buch sagt der
Apostel Paulus: "Verändere Dich durch Erneuerung Deines Sinnes". Bei einigen von
uns braucht der Sinn nicht einmal erneuert zu werden, sondern er muß dazu gebra
cht werden, zum ersten Mal unabhängig zu arbeiten, anstatt zu akzeptieren, was e
inige linke Professoren lehren.
Ernsthaftes Nachdenken wird Dich zum Glauben an Christus bringen. Mit einem erne
uerten Geist wirst Du ein nützliches Mitglied der Gesellschaft werden.
Nur dann wird das wirklich heroische Leben für Dich beginnen. Revolutionäre leid
en und sterben für ihre Weltanschauung. Aber das macht sie nicht zu Helden. Sie
sind Anti Helden. Sie kämpfen mit Mut und Einsatz, um eine kommunistische Gesell
schaft zu schaffen, in der das Heldentum gesetzlich verboten sein, dagegen aber
Sklaverei herrschen wird. Denke nur an das Schicksal der kommunistischen Schrift
steller, die den Mut hatten, eine andere Meinung als die der Regierung zu äußern
. Dafür sitzen sie im Gefängnis, Auch Freiheitskämpfer und Christen, die für ihr
en Glauben einstanden, wurden ins Gefängnis geworfen. Sie sind die Helden. Aber
diejenigen, die unter großen persönlichen Opfern gekämpft haben, um eine soziale
Struktur aufzubauen, in der solche Helden eingekerkert und getötet werden, sind
am anderen Pol des Heidentums. Sie sind Anti Helden.
Der wirkliche Held ist derjenige, der seine eigenen Begierden und Leidenschaften
überwindet, der sich selbst verleugnet, um sich mit seinem Schöpfer zu vereinig
en. Aus dieser Vereinigung kommt die Stärke, die den Fortschritt der Menschheit
begründet. - Richard Wurmbrand
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