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Wenn wir uns heute in unserer Welt umse-

Wie kann ich den hen, dann hat sich seit damals gar nicht so
viel verändert. Die Unsicherheit ist
geblieben. Ein Cartoonist hat sie einmal so
Gott der Bibel dargestellt: In einer Kirche sitzt ein etwas
verzweifelt aussehender Mann und betet:
kennen lernen? „Lieber Gott, wenn es dich gibt, dann rette
meine Seele, falls ich eine habe!”

1. Drei Weltbilder
Der unbekannte
Wer heute durch eine beliebige europäische
Gott Großstadt spaziert, wird eine Vielzahl von
religiösen Angeboten entdecken. Neben ver-
Als der Apostel Paulus von schiedenen Kirchen und Gemeinden werben
Tarsus nach Athen kam östliche und westliche, traditionelle und neu
und durch die Großstadt entstandene Religionen um Anhänger. Die
wanderte, fand er unter all Frage nach Gott ist heute noch genauso
den Götterbildern eines mit zentral wie zu allen Zeiten. Umfragen haben
der Aufschrift „Dem unbe- ergeben, dass zwar das Interesse an die reli-
kannten Gott (geweiht)” giösen Institutionen wie Kirchen oder festen
(Apostelgeschichte 17, 23). Die Griechen Religionsgemeinschaften sinkt, die Frage
waren ein sehr religiöses Volk. Die Überliefe- nach Gott aber nach wie vor die Menschen
rungen ihrer Vorfahren strotzten nur so von fesselt.
Göttergeschichten. Für nahezu jeden
Lebensbereich gab es einen Gott oder eine Doch gerade hier ist auf Grund der Fülle von
Göttin. Angeboten eine große Verwirrung eingetre-
ten. Wer ist Gott, und wie ist er? Gibt es nur
Im Laufe der Zeit hatte das Weltbild jedoch einen bestimmten Gott, und alle anderen
Risse bekommen. Der Philosoph Protagoras sind gar keine? Oder ist Gott für den einen
stellte die Gottesfrage neu und radikal, so und für den anderen anders? Ist er so,
indem er verkündete: „Von den Göttern weiß wie ich ihn mache? Kommt es am Ende nur
ich nichts. Ich weiß weder, ob sie existieren, darauf an, dass man an irgend etwas glaubt,
noch kann ich sagen, dass sie nicht existie- egal an was? Oder kann ich zu einer letzten
ren. Denn vieles beeinträchtigt unsere Gewissheit in der Gottesfrage kommen?
Erkenntnis. Dies liegt sowohl an der Dunkel-
heit der Sache selbst wie auch an der Kürze Weltbild 1: „Es gibt keinen Gott”
des menschlichen Lebens.”
Auf dem Weg zu dieser Gewissheit kann es
Mit dieser resignierenden Weisheit wollte hilfreich sein, sich einmal die verschiedenen
man sich jedoch nicht abgeben. Immer wie- Möglichkeiten anzuschauen, wie die Frage
der versuchten Menschen, auf die eine oder nach Gott beantwortet werden kann. Die
andere Weise, die Existenz eines Gottes erste Möglichkeit ist relativ einfach: Es gibt
oder mehrerer Götter zu beweisen. In die- keinen Gott, die sichtbare Welt ist alles, was
sem Zusammenhang ist der Gedenkstein für existiert. Diese Antwort auf die Frage nach
den „unbekannten Gott” besonders interes- Gott ist allerdings eine moderne
sant. Hatten da einige eher praktisch den- Erscheinung. Tatsächlich existiert der Athe-
kende Leute das Problem auf ihre Weise ismus, also die Leugnung eines göttlichen
gelöst? Etwa nach dem Motto: „Wir wissen Wesens, erst wenige hundert Jahre. Zudem
zwar nicht, ob es einen oder mehrere Götter hat er nur in einem begrenzten Teil der Welt
gibt und wenn ja, wie sie aussehen. Aber wirklich breitere Volksschichten ansprechen
falls dort oben jemand existiert, dann soll er können.
wenigstens nicht böse auf uns sein, weil wir
ihn nicht verehrt haben.”

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Ist Gott eine Projektion? nichts über die Existenz dieses Gottes aus.
Vielleicht kann ein Beispiel das Dilemma auf-
Im letzten Jahrhundert kritisierte der Philo- zeigen, in dem sich Feuerbachs Religionskri-
soph Ludwig Feuerbach den Glauben an tik befindet. Stellen wir uns einmal vor,
Gott als ein Trugbild, das der Mensch sich Robinson sitzt auf seiner einsamen Insel und
selbst vorgaukle. Seitdem wird immer wieder hat von seinem eintönigen Speiseplan
behauptet, Gott sei nur eine Projektion (immer nur Fisch und zum Nachtisch eine
menschlicher Wünsche. Die Menschen Kokosnuss) die Nase voll. Und so träumt er
sehnten sich nach einem himmlischen Vater. von einem schönen, saftigen Steak. Allein
Sie bildeten sich diesen Wunsch am Him- bei dem Gedanken läuft ihm schon das Was-
melsgewölbe ab, von wo sie seither ein ser im Mund zusammen.
himmlischer Vater anstrahle. Der Wunsch
sei also Vater des Gedankens. Der Mensch Sein eingeborener Freund namens Freitag
wünsche sich so sehr, dass es einen Gott kann das nicht verstehen. In seiner Welt gibt
gibt, dass er anfängt, an dessen Existenz zu es keine Rinder, also auch keine Steaks.
glauben. Und so hält er die bis ins Detail gehenden
Beschreibungen Robinsons, wie ein Steak
Ein zweiseitiges Argument aussieht, duftet und schmeckt, für reine Pro-
dukte seiner Phantasie. Die beiden fangen
Nun ist das sicher ein starkes Argument an zu diskutieren. Freitag, der anhand eines
gegen jeden Versuch des Menschen, sich Philosophiebuchs aus der Schiffsbibliothek
einen eigenen Gott zu entwerfen. Man sollte lesen gelernt hat, bringt sein Wissen gleich
jedoch beachten, dass das Argument in an: „Robinson, deine Vorstellung von der
beide Richtungen zielt. Genauso wie Men- Existenz einer solchen Speise rührt gerade
schen sich wünschen, dass es einen Gott von ihrem Nichtvorhandensein her. Du
geben möge, ist denkbar, dass man sich wünschst sie dir so intensiv und stellst sie dir
intensiv wünscht, es möge keinen Gott so lebhaft vor, bis du glaubst, dass es sie
geben. gibt. Aber schau dich doch um, nirgendwo
hier auf der ganzen Insel findet sich so
Dafür gibt es eine ganze Reihe von Motiven: etwas wie ein Steak. Ein Steak gibt und gab
Gott ist zu unbequem, zu bedrohlich. Wenn es nicht und wird es auch niemals geben!”
es einen Gott gibt, dann könnte er mich zur
Verantwortung rufen. Wenn es einen Gott Robinson kann das natürlich nicht stehen
gibt, dann gibt es eine letzte Instanz, die lassen: „Ich träume von einem Steak, weil es
über mir ist, die mich beurteilt, die mich mög- eins gibt. Woher hätte ich denn sonst die
licherweise lenkt und beeinflusst, vielleicht Vorstellungen? Leider gibt es auf dieser
sogar, ohne dass es mir bewußt ist. Ein fran- Insel keine Rinder, aber in England, wo ich
zösischer Schriftsteller schrieb einmal: ”Ich herkomme. Und da habe ich nicht nur einmal
hatte genug Gründe zu wünschen, dass kein Steak gegessen. Die Tatsache, dass ich es
Gott sei, deshalb gab es für mich auch kei- mir überhaupt wünschen und vorstellen
nen Gott.” Ein anderer drückte die Unwillig- kann, zeigt doch, dass es Steaks tatsächlich
keit, Gottes Existenz zu akzeptieren, folgen- gibt.” Soweit die Diskussion auf der Insel.
dermaßen aus: „Wenn Gott existierte, wer
könnte dann ertragen, nicht Gott zu sein?” Wie wir sehen, lässt sich Feuerbachs Argu-
ment in beide Richtungen verwenden. Die
Beide Wünsche sind also denkbar: dass es Tatsache, dass wir uns etwas wünschen,
einen Gott geben möge und dass es keinen beweist noch nicht, dass das, was wir uns
Gott geben möge. Das hängt ganz vom ein- wünschen, tatsächlich existiert. Umgekehrt
zelnen ab. spricht mein Wunsch aber auch nicht gegen
die Existenz des Gewünschten. Ob ich mir
Philosophie auf einer einsamen Insel etwas wünsche oder nicht, sagt also nichts
über das Gewünschte selbst aus. Ich muss
Die Tatsache, dass Menschen sich einen daher einen anderen Zugang zu der Sache
Gott wünschen können, sagt also noch gar suchen, denn Feuerbachs Argument beweist

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nichts. Es zeigt nur auf, was wir sowieso wis- Zudem ist der Atheismus ein Weltbild, das
sen: Nämlich, dass viele Menschen an einen die Menschen vor große Belastungen stellt.
Gott glauben und andere nicht, und was die In seiner letzten Konsequenz heißt das:
Motivation dabei sein kann. Über die Frage, Wenn kein Gott über den Menschen
ob Gott existiert, unabhängig von Wünschen herrscht, wenn es keinen letzten Richter gibt,
in diese oder jene Richtung, kann Feuerbach dann ist der Mensch dem Menschen ausge-
aber nichts sagen. liefert. Dann kann der Stärkere den Schwä-
cheren ungestraft und unbemerkt unterdrü-
Es ist nämlich auch eine andere Überlegung cken. Dann ist brutale Machtpolitik das ange-
möglich: In der Weltwirklichkeit entspricht ein messene Mittel, um voran zu kommen. Dann
menschliches Begehren oder Bedürfnis nor- haben die Tyrannen und Diktatoren recht
malerweise einer Realität, die dieses Begeh- gehabt, die nur nach ihrem eigenen Vorteil
ren oder Bedürfnis erfüllt. So entspricht dem entschieden haben und nach der Devise leb-
Durst, also dem Bedürfnis zu trinken, das ten, dass der Zweck die Mittel heiligt. Wenn
tatsächliche Vorhandensein von Getränken. es keinen Gott gibt, gibt es auch keinen ewi-
Dem Hunger entspricht die Tatsache, dass gen Richter, vor dem sich jeder verantworten
es Speise gibt. Und so weiter. muss.

Könnte es nun sein, dass der Wunsch des Ein russischer Dichter des letzten Jahrhun-
Menschen nach Kontakt mit dem Ewigen, derts, Dostojewski, hat deutlich gesehen,
dem Unendlichen, also mit Gott, auch der was geschieht, wenn sich der Mensch selbst
Wirklichkeit entspricht? Durch die ganze zur absoluten Autorität macht: „Wenn es kei-
Geschichte hindurch haben sich Menschen nen Gott gibt, gibt es kein Bild vom Men-
immer wieder mit Gott oder den Göttern schen, keinen Entwurf des Menschen, nach
beschäftigt. Bereits die frühesten Zeichnun- dem er sich zu richten hätte. Er müsste
gen in den Höhlen der Steinzeitmenschen selbst festlegen, was gut und was böse ist.
sind religiöse Kunst. So abweichend die Vor- Es gibt ja keinen Gott, der es ihm vorschrei-
stellungen von Gott in den einzelnen Kultu- ben könnte.”
ren auch sein mögen, eines haben sie
gemeinsam: Alle gehen von der Existenz Wenn es keinen Gott gibt, ist der Mensch
eines oder mehrerer göttlicher Wesen aus. sich selbst und den Naturgewalten hilflos
ausgeliefert. Dann verhallen die Schreie der
Offenbar sind wir alle also Wesen, die auf Sterbenden, der zu Unrecht Gequälten und
eine letztgültige Beziehung hin angelegt Gefolterten ungehört im leeren Weltall. Dann
sind. In einem Gebet drückte der Kirchenva- ist es letztlich nicht möglich und auch
ter Augustin diesen Sachverhalt mit den sinnlos, bestimmte Handlungen als gut und
Worten aus: „Zu dir hin hast du uns geschaf- andere als verwerflich zu bezeichnen. Denn
fen, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe dann bestimmt der Einzelne oder die Gruppe
findet in dir.” der Stärksten, was gut und was schlecht ist.

Leben ohne Gott Selbst wenn man diese drastischen Folgen


eines atheistischen Weltbildes verneint,
Die „Lösung”, dass man die Existenz Gottes dann bleibt noch ein weiteres Problem. Die
schlichtweg verneint, scheint daher nur sehr Leugnung eines göttlichen Wesens ist im
unbefriedigend zu sein. So gibt es gerade in höchsten Maße anfechtbar. Das Robinson-
den Ländern des ehemaligen Ostblocks, wo Beispiel hat das deutlich gemacht. Freitag,
die Menschen ja eine lange Tradition athe- der die Nichtexistenz eines Steaks behaup-
istischer Erziehung hinter sich haben, neue tete, hatte von vornherein die schlechteren
religiöse Aufbrüche. Die Menschen strömen Karten. Denn er musste nicht nur alle
in die Kirchen und zu anderen religiösen Berichte Robinsons als Lügen oder Irrtümer
Gruppen und fragen nach Gott. Offenbar gibt überführen, sondern wäre auch von dem
es eine tiefe Sehnsucht im Menschen, die Augenblick an widerlegt, wo Robinson von
sich auch durch ein atheistisches Weltbild irgendwoher ein Steak bekäme, das er Frei-
nicht auf Dauer unterdrücken lässt. tag zeigen könnte.

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Auf die Frage nach Gott übertragen, bedeu- sterblich. So erwarteten die Germanen am
tet das: Wer sich zum Atheismus bekennt, Ende der Zeiten die „Ragnaröck”, die „Göt-
muss zumindest für sich eine Lösung finden, terdämmerung”, bei der nicht nur die Men-
wie er mit den religiösen Erfahrungen seiner schen, sondern auch die Götter zu Grunde
Umwelt umgeht. Denn die Welt ist voll von gehen würden.
Erfahrungen, die religiös interpretiert werden.
So wird in jeder Religion von Wundern Wozu braucht man Götter?
berichtet, von spontanen Heilungen, von der
Antwort auf Gebete. Hieran kann ein Atheist Dennoch hatten die Götter eine große
nicht einfach vorbeigehen, wenn er sein Macht. Sie waren letztlich für den Erfolg oder
Weltbild begründen möchte. Jede einzelne Misserfolg bei Ernten verantwortlich, in ihren
dieser Erfahrungen ist ja ein „Gegenargu- Händen lag damit das Wohl der Menschen.
ment” gegen den Atheismus, solange sie Die Götter waren es auch, die Völker aufei-
sich nicht auch ohne Gott erklären ließe. nander hetzen konnten, so dass es zu Krie-
gen kam. Deswegen musste man sich mit
Wahrscheinlich ist hierin der Grund dafür zu den Göttern gut stellen, sonst könnten sie
finden, weshalb es nur ganz wenige wirkliche zornig werden.
Atheisten gibt. Die meisten räumen auf
genauere Nachfragen ein, in der Gottesfrage Aber nicht nur die Menschen waren auf die
letztlich keine Antwort zu haben. Sie sind Götter angewiesen, umgekehrt waren auch
Agnostiker, Menschen, die wie Protagoras die Götter von den Menschen abhängig. In
ehrlich zugeben, dass sie über Gott nichts drastischer Weise stellt diesen Sachverhalt
wissen. Aber deswegen möchten sie sich das babylonische Gilgameschepos dar, eine
auch nicht einfach einem Gottesbild Parallelerzählung zum biblischen Sintflutbe-
anschließen, denn das wäre genauso unehr- richt (1. Mose 6-9). Dort vernichten die Göt-
lich wie die Leugnung Gottes. ter die Erde mit einer großen Flut. Nur der
Held mit dem schönen Namen Utnapischtim
Weltbild 2: „Gott ist ein Teil der Welt” überlebt mit einigen Getreuen auf einem
Schiff. Als das Wasser zurückgegangen war,
Wahrscheinlich liegt es an diesen opferten sie den Göttern. Darauf hatten
Problemen, dass sich der Atheismus aufs diese schon lange gewartet. Sie kamen gie-
Ganze betrachtet nur wenig durchsetzen rig von allen Ecken des Himmels herbei.
konnte. Im Altertum jedenfalls wurde jeder Denn mit der Flut hatten sie einen Fehler
öffentliche Zweifel an der Existenz der Götter begangen: Weil die Götter von den Opfern
bekämpft und oft sogar strafrechtlich geahn- der Menschen lebten, zerstörten sie mit
det. Wer die Götter in Frage stellte, der deren Ausrottung auch ihre eigene Existenz-
stellte das Fortbestehen des Gemeinwesens grundlage.
in Frage.
Das Weltbild des Altertums beruhte also auf
Diese Auffassung ist für uns heute einem immer währenden Kreislauf. Die Men-
unverständlich. Sie erklärt sich aber aus dem schen opferten den Göttern, damit diese sich
damaligen Weltbild. Danach stellte man sich gnädig zeigten und die Ernten gelingen lie-
die Götter als Teil der Welt vor. Sie wohnten ßen. Das zeigt aber auch, warum eine Leug-
zwar auf einer höheren Ebene, die man sich nung der Götter so gefährlich war. Zwar ver-
oft als Berg (etwa den Olymp in Griechen- langte niemand, dass die Tempelbesucher
land) vorstellte, waren aber im ganzen eine besonders gute Meinung von den Göt-
betrachtet nur eine Art höhere Menschen. In tern hatten, aber die Opfer durften nicht
vielem waren sie den Menschen ähnlich. unterlassen werden. Die Folgen wären sonst
Zum Beispiel hatten sie die gleichen Schwie- katastrophal. Die Existenz des Staates
rigkeiten mit dem Zusammenleben. In der könnte auf dem Spiel stehen, wenn die Göt-
griechischen Mythologie werden immer wie- ter zornig werden würden. Auf diesem Hin-
der Ehebrüche und Streitereien der Götter tergrund erklärt sich ein Teil der
berichtet, bei denen es keineswegs glimpf- Christenverfolgungen. Hier verweigerte zum
lich zuging. Denn auch die Götter waren ersten Mal eine größere Gruppe die Opfer

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für die alten Götter. So machte man sie ver- der Welt, er ist nur anders „verteilt” als zum
antwortlich für alles, was im Staat schief lief, Beispiel in antiken Vorstellungen.
denn sie waren es ja, die den Zorn der Göt-
ter erregt hatten. Grundsätzlich leiden alle diese Weltbilder an
einem ähnlichen Mangel wie der Atheismus:
Verschiedene Formen … Zwar kann man nun religiöse Phänomene
verstehen und als solche stehen lassen,
In den einzelnen Ausformungen kann dieses aber die Frage nach der Moral ist noch nicht
Weltbild ganz unterschiedlich sein. Im Alter- endgültig gelöst. Auch die Götter sind ja ein
tum glaubte man, die Götter verkörperten Teil dieser Welt und verhalten sich nicht
jeder für sich einen besonderen Bereich. Es gerade vorbildlich, sondern nutzen ihre
gab einen Kriegsgott, eine Göttin für die Macht aus, um es sich gut gehen zu lassen.
Liebe und die Fruchtbarkeit, einen Gott, der
für den Handel zuständig war, und so weiter. Noch schwieriger ist es im Pantheismus.
Doch kann dieses Weltbild auch ganz Hier liegt ja offenbar ein Zwiespalt in Gott
anders aussehen. In anderen Kulturen stellt selbst vor, denn unsere Welt sieht nicht so
man sich die Götter eher als Geistwesen vor, aus, als ob jedes Wesen von dem gleichen
die an bestimmten Plätzen wohnen. Sie ver- göttlichen Geist durchdrungen wäre. Man
körpern nicht die Fruchtbarkeit an sich, son- hilft sich zwar, indem man sagt, das Ganze
dern herrschen über ein bestimmtes Gebiet. sei ein Erkenntnisproblem. Wenn jeder
Wenn man dort etwas anbauen möchte, Mensch erkennen würde, dass er ein Teil
muss man sie gut stimmen, ebenso wenn desselben göttlichen Geistes ist wie die
man dort ein Geschäft eröffnen möchte. anderen, dann würde er in Harmonie mit sei-
Bestellt man woanders einen Acker, so muss nen Nachbarn und der Natur leben.
man andere Götter zufrieden stellen. Eine
solche Vorstellung liegt zum Beispiel den Doch das wirft zwei Fragen auf: Warum
Baalen und Ascheren zu Grunde, die im erkennt nicht jeder Mensch von sich aus,
Alten Testament erwähnt werden. dass er Gott ist? Was trübt seine Sicht?
Andererseits, worin liegt der Fortschritt,
Die Götter können sich aber auch mit Fami- wenn ich erkenne, dass ich Gott bin wie alles
lien oder bestimmten Gruppen verbinden. So andere auch? Und warum soll das Auswir-
gibt es bestimmte Volksgottheiten, die dafür kungen auf mein Verhalten haben?
sorgen, dass ihr Volk die Kriege gewinnt.
Unterliegt es, dann zeigt das, dass der Weltbild 3: „Gott ist jenseitig”
andere Gott stärker war als der eigene.
Ein drittes Weltbild liegt den Religionen zu
… dasselbe Weltbild Grunde, die sich auf die biblische Tradition
berufen: dem Judentum, dem Christentum
Doch wie man sich den Bereich der Götter und dem Islam. Nach der Bibel ist Gott jen-
auch immer vorstellen mag, allen Weltbildern seitig, er steht außerhalb unserer Welt. Er
ist eines gemeinsam: Die Götter werden als war schon, bevor die Welt entstanden ist,
Teil der Welt gedacht. Sie stehen nicht und er wird auch dann noch sein, wenn die
außerhalb, sie sind nicht unabhängig von der Welt nicht mehr existiert. Gott ist der Schöp-
Welt. Im Gegenteil, sie sind Teil des Welt- fer dieser Welt. Er rief sie ins Leben und
kreislaufes. Mit der Entstehung der Welt sind steht ihr gegenüber.
auch sie entstanden, mit ihrem Ende werden
auch sie vergehen. Weil Gott außerhalb der Welt existiert, ist er
In diesem Zusammenhang ist auch der nicht abhängig von ihr. Sein Dasein verdankt
Pantheismus zu nennen. Seiner Ansicht er nicht der Welt. Er existiert nicht, weil sie
nach ist die ganze Welt „durchgottet”. Alles existiert, er ist auch nicht abhängig von den
ist Gott: die Menschen, die Tiere, die Pflan- Opfern der Menschen. Gott ist jenseitig.
zen, einfach alles. Diese Vorstellung bedeu- Umgekehrt gilt aber: Weil Gott die Welt
tet noch keine grundlegende Veränderung geschaffen hat, ist diese abhängig von ihm.
des Weltbildes. Auch hier ist Gott innerhalb Weil er ihr das Leben eingehaucht hat, kann

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er es jederzeit wieder entziehen. Gott Papier leben. Wir könnten uns dicht darüber
braucht die Welt nicht, aber die Welt braucht beugen und die Männchen beobachten. Wir
ihn. können sie sehen, denn uns als dreidimensi-
onalem Wesen bereitet es keine Probleme,
Man kann dies philosophisch folgenderma- nur zwei Dimensionen wahrzunehmen. Gen-
ßen ausdrücken: Gott ist das Subjekt, und auso wie ich die Buchstaben auf diesem
die Welt ist sein Objekt. Sie ist das Objekt Blatt erkennen kann, so kann ich auch die
seiner Fürsorge, denn er hat sie nicht nur lebendigen Strichmännchen erkennen.
geschaffen, sondern sorgt auch dafür, dass
sie weiterbesteht, indem er in ihr immer wie- Umgekehrt ist das jedoch unmöglich. In der
der neu Leben entstehen lässt. Weil Gott Welt der Strichmännchen gibt es kein oben
aber das Subjekt ist und die Welt sein und unten, sondern nur links, rechts, vorne
Objekt, kann Gott zwar die Welt erkennen, und hinten. Insofern können sie unser
umgekehrt ist das jedoch nicht so einfach Gesicht, das darüber gebeugt ist, auch nicht
möglich. Gott, der die Welt geschaffen hat, wahrnehmen. Wenn man ihnen erzählen
ist größer als die Welt. Daher kann sie ihn würde, es gebe einen dreidimensionalen
nicht fassen. Wir können nur das, was inner- Raum, so würden sie das wahrscheinlich
halb unserer Welt ist, erkennen. Was sich nicht verstehen. Sie können sich gar nicht
nicht wahrnehmen lässt, was nicht messbar vorstellen, worin die zusätzliche Dimension
oder erfahrbar ist, was also nicht Teil unse- bestehen sollte, ähnlich wie wir uns die vierte
rer Welt ist, darüber können wir nichts Dimension, die Zeit bzw. die Ewigkeit, nicht
sagen. vorstellen können.

Insofern sind sich der Atheismus und die Das Verhältnis zwischen Gott und uns dreidi-
Bibel in diesem Punkt einig: Gott ist nicht ein mensionalen Wesen ist ähnlich. Gott ist
Teil unserer Welt. Der Unterschied bezieht sozusagen eine Dimension über uns, deswe-
sich auf die Frage nach dem Jenseits. Wäh- gen können wir ihn nicht wahrnehmen.
rend es nach der Bibel ein Jenseits, einen Umgekehrt ist das aber kein Problem. Und
Bereich Gottes gibt, der die Welt umschließt, noch etwas anderes lässt sich an diesem
leugnet der Atheismus die Existenz dieses Beispiel deutlich machen: Wir können ohne
Bereiches und damit Gottes. Schwierigkeiten im selben Augenblick das
ganze Blatt Papier überblicken. Das kann
Ein Ausflug in die Welt der Strichmänn- eines unserer Strichmännchen jedoch nicht.
chen Es nimmt nur seine unmittelbare Umgebung
wahr, weil es sich nicht einfach auf einen
Letztendlich herausfinden kann man die Hügel stellen kann, um weiter zu schauen.
Wahrheit von uns aus jedoch nicht. Denn Denn diese Dimension „Höhe” existiert ja für
wie sollen wir die Grenze zwischen unserem das Strichmännchen nicht. Also muss es von
Diesseits und dem Jenseits Gottes überwin- einem Ende des Blattes zum anderen laufen,
den? Ein Beispiel kann deutlich machen, um wenn es sehen will, was dort los ist. An die-
was es dabei geht: Stellen wir uns einmal ser Stelle beantwortet sich also die Frage,
vor, es gäbe zweidimensionale Wesen. Wir wie denn der biblische Gott überall gleichzei-
leben ja in drei Dimensionen: Länge, Breite tig sein kann.
und Höhe. Bei den zweidimensionalen
Wesen fällt eine dieser Dimensionen weg. Wie sieht Gott aus?
Sie haben nur noch Länge und Breite. Und
folglich leben sie auch nicht in einem dreidi- Wenn man nun mit diesen Männchen Kon-
mensionalen Raum wie wir, sondern in takt aufnehmen will, dann bleibt nur eine
einem zweidimensionalen, auf einer Fläche. Möglichkeit: Man muss selbst als zweidimen-
Ein zweidimensionales Wesen ist also eine sionales Wesen in dieser zweidimensionalen
Art lebendiges Strichmännchen. Welt auftauchen. Eine Möglichkeit wäre, mit
dem Finger auf das Blatt zu tippen.
Wenn es solche Strichmännchen gäbe, dann Für die Strichmännchen würde das folgen-
würden sie zum Beispiel auf einem Blatt dermaßen aussehen: Ein riesiger

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Fingerabdruck materialisiert sich plötzlich Hinweisen nachgehen, die die Bibel gibt.
und verschwindet dann wieder genauso rät- Denn Gott ist hiernach kein Gedankenge-
selhaft. Wo kam er her? Wo ging er hin? bäude, sondern eine Person, die mit uns in
Diese Fragen kann man in der Welt der Kontakt treten möchte. Gott redet „vielfach
Strichmännchen nicht beantworten. und auf vielerlei Weise” (Hebräerbrief 1, 1).
Im folgenden soll einiges davon genannt
Wenn man nun die Strichmännchen fragen werden:
würde, wie denn das Wesen aussieht, das
sich da offenbart hat, dann wäre die Antwort Gott redet in der Schöpfung
ganz klar: Es ist ein riesiger Fingerabdruck.
In gewisser Weise stimmt das ja auch. Mein Der erste und allgemeinste Weg der Kom-
Fingerabdruck ist ja wirklich ein Teil von mir, munikation Gottes ist die Schöpfung. Jeder
er ist genauso unverwechselbar wie ich Teil der Schöpfung trägt in sich einen Finger-
selbst. Allerdings ist er nur ein Teil von mir. abdruck seines Schöpfers. Die Schönheit
Aber das meiste von dem, wie ich aussehe, der Berge, die unermessliche Weite der
lässt sich in einer zweidimensionalen Welt Meere und des Himmels, die Erhabenheit
nicht vermitteln. der großen Naturschauspiele, sie alle weisen
von sich weg auf den, der das erdacht und
Eine andere „Offenbarung” könnte zum Bei- geschaffen hat.
spiel mein Fußabdruck sein. Die Strichmänn-
chen würde das vielleicht verwirren. Wie Dennoch ist das kein eindeutiger Hinweis auf
kann ein Wesen gleichzeitig wie ein Finger- Gott, da es in der Natur auch Negatives gibt,
und wie ein Fußabdruck aussehen? Das wie Erdbeben, Katastrophen oder das Ver-
Problem löst sich jedoch, wenn man drängen der einen Lebensform durch eine
bedenkt, dass man es hier mit der Offenba- andere. Es besteht ein Bruch in der Schöp-
rung eines dreidimensionalen Wesens in fung, der durch die Worte Krankheit, Tod
einer zweidimensionalen Welt zu tun hat. So und Sünde gekennzeichnet ist. So können
ähnlich ist es auch mit Gott. Vieles von dem, wir nicht auf Grund der Schöpfung allein ein
was in unserer Welt widersprüchlich angemessenes Bild von Gott erhalten.
erscheint, ist es nicht, wenn man „eine
Dimension weiter” schaut. Gott redet in der Geschichte

2. Wege zur Gewissheit Für viele Menschen ist die Geschichte ein
Ort, an dem Gott redet. Er spricht dort zwar
Damit sind wir scheinbar an einem toten so verborgen wie in der Schöpfung, aber er
Punkt angelangt. Unser Beispiel mit den redet. Auch für Christen ist es nicht in jedem
Strichmännchen hat gezeigt, dass wir den Fall möglich, einzelne Ereignisse der
jenseitigen Gott von uns aus nicht erkennen Geschichte eindeutig als Handeln Gottes zu
können. Wir sind darauf angewiesen, dass identifizieren. Dennoch ist die Bibel getragen
er sich offenbart. Von Gott kann der Mensch, von der Gewissheit, dass alles, was
der Teil der Schöpfung ist, also nur wissen, geschieht, auf eine für uns verborgene
was Gott von seiner Seite aus dem Men- Weise von Gott mitbestimmt und gelenkt
schen zu erkennen geben will. Ein Wissen wird.
über den jenseitigen Gott kann deshalb nur
von ihm selbst kommen. Nur wenn Gott in Das bedeutet nicht, dass Gott direkt verant-
die Welt hineinredet, kann der Mensch, der wortlich ist für alles, was geschieht. Vielmehr
in der Welt gefangen ist, etwas von ihm ver- erlaubt er dem Menschen einen großen Frei-
nehmen. raum für eigenes, auch sündhaftes, wider-
göttliches und zerstörerisches Handeln.
Hinweise auf Gott
Dennoch ist es möglich, Ereignisse der Welt-
Doch die Lage ist nicht hoffnungslos. Wenn geschichte wie zum Beispiel den Fall der
wir herausfinden wollen, ob der biblische Berliner Mauer oder den Zusammenbruch
Gott existiert, dann können wir den des „Dritten Reiches” unter dem Vorzeichen

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zu verstehen, dass hier Gott gehandelt hat. ersten beiden Teilen des Alpha-Kurses darü-
Die Bibel ist voll von solchen rückblickenden ber nachgedacht. Jesus zeigt uns, wie Gott
Interpretationen. Vor allem in den Psalmen ist und wie wir zu ihm kommen können.
wird Gottes Tun in der Geschichte Jesus ist die Tür zu Gott. Er ist der Weg zum
besungen. An vielen Stellen fordert der Vater. Er ist das ewige Wort. Er ist Gottes
Psalmbeter auf, Gottes große Taten zu prei- verbindliche Botschaft an uns.
sen. Die grundlegenden Ereignisse im Leben
des Volkes Israel werden als Handlungen Die Frage, ob Gott in Jesus verbindlich und
Gottes angesehen. für alle nachvollziehbar gesprochen hat, ent-
scheidet sich letztlich an der Frage, ob Jesus
In diesem Lobpreis der großen Taten Gottes tatsächlich auferstanden ist. Wenn Jesus
wird die Glaubensaussage gemacht, dass von den Toten auferstanden ist, dann stimmt
Gott es ist, der an den entscheidenden auch sein Anspruch, das Fenster zu sein,
Brennpunkten der Geschichte nach seinem durch das wir den verborgenen Gott sehen
Willen die Geschicke der Völker bestimmt. können. Dann ist er tatsächlich der Sohn
Das schließt aber nicht aus, dass die Men- Gottes, der Bote vom Vater im Himmel.
schen selbst handeln. Ihnen ist jedoch zum Dann ist der Tod Jesu am Kreuz nicht der
großen Teil gar nicht bewußt, dass im Hin- Endpunkt, das heroische Scheitern eines
tergrund Gottes Hand ihre Entscheidungen großen Menschheitslehrers, sondern das
lenkt. entscheidende Ereignis in der Geschichte,
durch das Menschen wieder mit Gott ver-
Gott redet im persönlichen Leben söhnt werden. An dieser Stelle können wir
die verschiedenen Hinweise auf die Aufer-
Aber Gottes Handeln ist nicht nur in den gro- stehung Jesu nicht im Einzelnen be-
ßen Zusammenhängen der Weltgeschichte sprechen. Dies ist ja auch schon im ersten
zu entdecken. Er handelt nach Aussage der Teil dieses Kurses geschehen.
Bibel auch im Bereich des persönlichen
Lebens von einzelnen Menschen. Die Bibel 3. Biblische Bilder von Gott
ist voll von Berichten von Menschen, die die
Hilfe Gottes erfahren haben. Und auch heute Wenn Jesus tatsächlich von den Toten auf-
noch gibt es solche, auch in diesem Alpha- erstanden ist, dann ist er ein sicherer Zeuge.
Kurs. Denn er ist der einzige, der im Jenseits war
und zurückgekehrt ist. Wenn wir also wissen
Gott redet vor allem in Jesus wollen, wie Gott ist, müssen wir uns den Gott
anschauen, der sich in Jesus gezeigt hat.
Doch alle diese Hinweise erlauben nur ein
verschwommenes Bild von Gott. Sie reichen Hier fällt zunächst eines auf: Jesus stellt sich
nicht aus, um wirkliche Gewissheit zu ganz in die Tradition des Alten Testamentes.
bekommen. Wir brauchen deshalb ein ein- Dort werden verschiedene Ausdrücke
deutiges Reden Gottes. Nach der Bibel ist gebraucht, um den Charakter und das Wir-
das in Jesus geschehen: „Nachdem Gott ken Gottes zu beschreiben. Jeder dieser
vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise Begriffe zeigt einen besonderen Aspekt. Es
geredet hat zu den Vätern durch die Prophe- ist gut, sich einmal Zeit zu nehmen, über
ten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns jeden dieser Begriffe nachzudenken und sich
geredet durch den Sohn, den er eingesetzt zu fragen, was er für uns persönlich bedeu-
hat zum Erben über alles, durch den er auch tet. Die einzelnen Bilder werden hier nicht
die Welt gemacht hat” (Hebräerbrief 1, 2). ausführlich besprochen, sondern nur kurz
genannt:
In Jesus ist etwas völlig Neues passiert. Gott
ist Mensch geworden. Der jenseitige Gott ist Gott ist der Hirte, der uns nachgeht und
ein Teil dieser Welt geworden, aber dennoch sucht, auch wenn wir uns von ihm entfer-
Gott geblieben. Mit diesem Anspruch ist nen (Psalm 23).
Jesus aufgetreten. Er ist die letztgültige
Offenbarung Gottes. Wir haben schon in den

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Gott vergleicht sich auch mit einer uns hindern wollen, zu ihm zu kommen, ver-
Mutter, die ihre Kinder tröstet und bedin- lieren ihre Kraft, wenn wir Gott persönlich
gungslos zu ihnen steht (Jesaja 66, 3). kennen lernen.

Er ist der Herr der Heerscharen, dem alle Jesus hat gesagt: „Wer mich sieht, der sieht
Mächte untertan sind und der seine den Vater!” (Johannesevangelium 14, 9)
guten Pläne mit der Welt am Ende Jesus ist wie ein Fenster ins Innere Gottes.
durchsetzen wird (Psalm 46). Er zeigt uns, wie Gott wirklich ist. Jesus hat
auch gesagt: „Niemand kommt zum Vater,
Gott ist der ewige Fels, der beständig ist außer durch mich.” (Johannesevangelium
und auf den wir uns unbedingt verlassen 14, 6).
können (Jesaja 26, 4).
Jesus ist der Brückenkopf Gottes in dieser
Gott ist der Heilige, der ganz und gar gut Welt. Er ist das Wort Gottes, das eindeutig
ist, und der allem Bösen entgegensteht zu uns spricht (Johannesevangelium 1, 1-12
(Jesaja 41, 14). und Hebräerbrief 1, 14).

Dies sind nur einige der vielen biblischen Bil- Um Gott kennen zu lernen, müssen wir uns
der und Begriffe, die Gott beschreiben und für Jesus Christus öffnen. Das können wir
deutlich machen, wie er zur Welt und zu uns tun, indem wir zu ihm beten und ihn bitten, in
steht. unser Leben einzutreten. In der Person des
Heiligen Geistes nimmt Gott Wohnung in
Der Vater des verlorenen Sohnes unserem Herzen: „Wie viele ihn aufnahmen,
denen gab er die Vollmacht (das heißt: das
Aber Jesus hat nicht nur das Gottesbild des Recht und die reale Möglichkeit), Gottes Kin-
Alten Testaments bestätigt, er hat auch der zu werden” (Johannesevangelium 1, 12).
selbst in einem Gleichnis, einer Erzählung,
die einen Sachverhalt verdeutlichen soll, Gott will mit uns in Kontakt treten. Er will eine
gezeigt, wie Gott ist. Dieses Gleichnis persönliche Beziehung zu uns aufbauen.
berichtet von einem jungen Mann, der sich Was das bedeutet, hat Paulus erfahren: „Ist
sein Erbe auszahlen lässt und sich ein schö- Gott für uns, wer kann dann wider uns sein?”
nes Leben damit macht. Als er kein Geld (Römerbrief 8, 31)
mehr hat, kommt er ängstlich zurück, um bei
seinem Vater als Tagelöhner zu arbeiten. Zum Weiterlesen:
Weil er das Geld seines Vaters verprasst
hat, wagt er es nicht mehr, sich Sohn zu Floyd McClung: Das Vaterherz Gottes,
nennen. Jugend mit einer Mission Verlag Tübin-
gen 51989, ca. 13 DM.
Doch der Vater ist ganz anders als der Sohn J. B. Phillips: Dein Gott ist zu klein, Bren-
gedacht hat: Er steht jeden Tag am Tor und dow-Verlag 1991, ca. 15 DM.
wartet darauf, dass sein Kind zu ihm zurück-
kommt. Als er es dann sieht, schließt er es in
die Arme und veranstaltet ein großes Fest.
Das Geld ist vergessen. Alles was zählt, ist,
dass der Sohn wieder zu Hause ist. Gott ist
unser liebender Vater, der sich um jedes sei-
ner Kinder persönlich sorgt (Lukasevange-
lium 15).

Wir können Gott persönlich kennen ler-


nen

Das ist das Angebot, das Gott uns macht.


Die Zerrbilder, die wir von Gott haben, die

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Gottesbilder, die uns bestimmen
(von Pater Rudi Wenk, Passau)
Der „Aprilwetter-Gott”
Die Frage: „Warum glaubst du an Gott?”
führt uns zwangsläufig dazu, auch darüber Dann ist da das Bild des „Aprilwetter-
nachzudenken, wie wir uns Gott vorstellen Gottes”. Dieser Gott ist launisch, wie
und welche Eigenschaften wir ihm zuschrei- Aprilwetter; jetzt so, kurz darauf wieder
ben - kurz gesagt unser Gottesbild. anders. Mal zeigt er sich von der
heiteren, mal von der düsteren Seite.
Viele faszinierende oder abstoßende Bilder Einmal ist er weich und rührend besorgt,
drängen sich uns auf, haften uns im Hirn und dann wieder schroff und abweisend. Wir
Herz, regen unsere Phantasie an oder auf. schwanken stark zwischen Vertrauen
und Misstrauen. Diplomatisches Verhal-
Auch die Bilder, die uns von Gott im Innern ten und Unaufrichtigkeit sind vorprogram-
haften, prägen unser Leben, machen es eng miert.
oder weit, arm oder erfüllt, ängstlich oder
befreit, langweilig oder spannend; voller Der „Mafia-Gott”
Abenteuer. Die bildhaften Vorstellungen von
Gott werden maßgeblich von unserer Erzie- Dann gibt es noch das Bild des „Mafia-
hung geliefert. Wir müssen sie kritisch über- Gottes”. Wir kennen sie alle, die Mafia,
prüfen, vor allem im Licht des biblischen die kriminelle Bande im Untergrund, die
Gottesbildes. bereit ist, einflussreiche Leute zu schüt-
zen, wenn sie diese entsprechend
Der „Polizisten-Gott” „schmieren”, eine erhebliche Vorleistung
erbringen. Dieser Gott stellt knallharte
Viele Menschen sind noch vom Bild Vorbedingungen: „Wenn du brav bist und
eines autoritären Gottes beeinflusst. Die- mir angemessene Opfer bringst, werde
ser Gott knechtet und missbraucht uns ich dich beschützen.” Daraus folgt: Ich
für sein System. Angst und Schrecken gelte nur, insofern ich etwas Positives
sind die Stützen seines Throns. leiste. Ich werde nur angenommen,
geschätzt, geliebt, wenn ich Gutes getan,
Einem solchen Gott können wir nur miss- mich als liebenswürdig erwiesen habe.
trauen, um ihn einen großen Bogen Doch wer kann das schon immer? Das
machen, vor ihm in Deckung gehen. führt zu einer unaufrichtigen Haltung, zu
Damit verbunden ist oft auch das Bild doppelter Moral. Wir haben dann mehr
des Polizisten-Gottes. „The big brother is Angst vor dem Bösen und seinen unan-
watching you!” genehmen Folgen, als Mut und Liebe
zum Guten, zur Echtheit.
Der „liebe Gott”
Alle diese Bilder sind Fratzen, Zerrbilder von
Dann ist da das Bild des „lieben Gottes.” Gott und bewirken, dass wir verzerrt und ent-
Diese Fratze von Gott ist brav und harm- fremdet leben.
los. Sie erwartet nicht viel von uns und
tut uns nicht weh. Er bewahrt uns vor Von diesen kleinkarierten Fratzen von Gott
allem Ungemach. Einem solchen Gott hebt sich der Gott, wie die Bibel ihn zeichnet,
können wir nur mit gemischten Gefühlen wohltuend ab. Er hat es nicht nötig, andere
begegnen. Es besteht immer die Gefahr, klein zu halten, um selbst groß rauszukom-
dass er uns mit seinen überbehütenden men. Er ist großartig und voller Liebe.
Armen umschlingt, fesselt und verein-
nahmt. Wir fühlen uns bei ihm wie in Daher braucht er nicht mit Angst zu
einem goldenen Käfig. arbeiten. Immer wieder heißt es, wenn er
den Menschen begegnet: „Fürchtet euch
nicht!”

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Er befreit, führt in die Weite, wie die Isra- Halbheit und Oberflächlichkeit aufer-
eliten aus dem Sklavenhaus der Ägypter stehen.
durch die Wüste ins Gelobte Land.
Der biblische Gott ist einer, der uns bedin-
Er traut uns Menschen etwas zu. Er lässt gungslos liebt, der uns in seiner zärtlichen
uns aber nicht allein strampeln, sondern Zuwendung herausfordert zu einem weiten,
geht alle Wege mit uns. „Und müsste ich freien, erfüllten Leben, das schon hier zu
durch eine dunkle Schlucht gehen, ich einem faszinierenden Abenteuer werden
fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir” kann.
(Psalm 23, 4). Ja, mit ihm können wir die
größten Hürden nehmen: „Mit meinem
Herrgott spring ich über Mauern” (Psalm
18, 30)

Vor ihm dürfen wir Fehler machen, ja uns


total verrennen und den rechten Weg
verfehlen. Wir können ihm den Rücken
kehren und Irrlichtern nachjagen. Des-
halb zieht er sich nicht in den Schmoll-
winkel zurück; deshalb lässt er uns nicht
links liegen; deshalb gibt er uns nicht auf;
deshalb schließt er uns sein Haus nicht
zu. Nein: „Sein Haus hat offene Türen”.
Wir können jederzeit zurückkehren, wenn
wir es in unseren selbstgestrickten
Sicherheiten nicht mehr aushalten. Wenn
wir heimkehren, erwartet er uns, macht
uns keine Vorwürfe, sondern nimmt uns
wieder selbstverständlich als Töchter und
Söhne an. Er ist einfach glücklich, dass
wir wieder daheim sind und inszeniert ein
großes Fest (vgl. das Gleichnis vom Bar-
mherzigen Vater im Lukasevangelium
15, 11-32).

Er geht in seiner Liebe zu uns so weit,


dass er uns seinen einzigen Sohn
schickt. Dieser teilt unser ganzes Leben,
selbst die Versuchung. Er setzt sich mit
„Zöllnern und Huren” an einen Tisch,
nimmt sich gerade der Menschen an, um
die andere einen großen Bogen machen.
So zeigt er, dass Gott keine Berührungs-
ängste kennt und niemandem von seiner
Liebe ausschließt. Selbst der gemie-
denste Mensch, der letzte Tropf darf sich
in seiner Liebe geborgen wissen.
Am Ende lässt sich Jesus für uns aufs
Kreuz legen, wird für uns zum Sünden-
bock, entlastet uns vom Druck des per-
sönlichen Versagens. Wir können wieder
aufatmen und hoffen, dass nicht alles
beim alten bleibt, dass wir in seiner Kraft
aus dem Grab unserer Sünde, unserer

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