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Die Bibel

für Menschen von heute.

Ein Seminar.
Eine Aneignung.
Eine Herausforderung.

Roland Potthast

Ein Buch für Christen und Atheisten, Fragende und Agnostiker, progressive und
konservative, einfache und komplizierte Menschen, Männer und Frauen, Junge und Alte,
gefühlsbetonte und vernunftbetonte, katholische, evangelische oder freikirchliche Christen
und für jeden, der mehr von unserer Kultur verstehen will.
2 Die Bibel für Menschen von heute ...

Von 1987-93 studierte der der Autor Physik, Mathematik und Philosophie. Die Promo-
tion wurde 1994, eine Habilitation in Mathematik 1999 abgeschlossen. 1999-2000 arbeitete
er in einer Unternehmensberatung in Köln, im Jahr 2000 an der Brunel-University in West-
London. Seit 2001 ist er Dozent am Fachbereich Mathematik der Universität Göttingen.
Seit 1996 leitet der Autor das Evangeliumsnetz, ein überkonfessionelles christliches Netz-
werk in Deutschland. Er ist verheiratet mit Regina, sie haben drei Kinder Klara, Ina und
Erik im Alter von 1 bis 6 Jahren.
Roland Potthast 3

Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung 11

1 Ein neuer Morgen ... das Evangelium des Mattäus. 13


1.1 Einer dreht durch ... - die Bergpredigt (Matthäus 5-7) . . . . . . . . . . . . 13
1.1.1 Für Eilige: ein Hologramm Gottes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
1.1.2 Ein Gang durch die Bergpredigt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
1.1.3 Genauer nachfragen! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
1.1.4 Wort beim Wein: was ist Theologie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
1.2 Man kann es ja mal lesen ... - Wundergeschichten (Matthäus 8+9) . . . . . 16
1.2.1 Für Eilige: man kann es ja mal lesen ... . . . . . . . . . . . . . . . . 16
1.2.2 Bibelseminar: was? wie? warum? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
1.2.3 Rundgang durch die Wundergeschichten . . . . . . . . . . . . . . . . 18
1.2.4 Worauf hin heilt Jesus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
1.3 Wofür hält er sich? ... - vom Anspruch Jesu (Matthäus 10+11) . . . . . . . 20
1.3.1 Für Eilige: Von meinem Selbstbewußtsein . . . . . . . . . . . . . . . 20
1.3.2 Den Anspruch Jesu entdecken: Wofür hält er sich? ... . . . . . . . . . 20
1.3.3 ”Nehmt meine Herrschaft auf euch ...” - wie mach ich das? . . . . . 21
1.3.4 Wort beim Wein: Bin ich theologisch genug gebildet, um mitreden
zu können? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
1.4 Ich versteh dich nicht! ... - von den Gleichnissen (Matthäus 13) . . . . . . . 23
1.4.1 Für Eilige: das Gleichnis vom Schatz im Acker . . . . . . . . . . . . 23
1.4.2 ”Ich versteh dich nicht! ...” - Zugänge zu den Gleichnissen . . . . . . 24
1.4.3 Beobachtungen aus der Wirklichkeit - Gedanken zur Auslegung ei-
niger Gleichnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
1.4.4 Wort beim Wein: An einen anonymen Theologen - von einem an-
onymen Freund. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
1.5 Die letzte Reihe ... - von großem Glauben (Matthäus 15, 21-28) . . . . . . . 29
1.5.1 Für Eilige: von der Freundschaft ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
1.5.2 Von großem Glauben (Matthäus 15, 21-28) . . . . . . . . . . . . . . 29
1.5.3 Seid aller anderen Diener! ... - wie macht man das? . . . . . . . . . . 30
1.5.4 Wort beim Wein: Bereit für ein Leben mit Gott? . . . . . . . . . . . 31
1.6 Mit Jesus leben ... - große und kleine Schritte (Matthäus 16 & 17) . . . . . 32
1.6.1 Für Eilige: im Zentrum der Liebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
1.6.2 Schritte beim Leben mit Jesus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
1.6.3 Perspektive: Modernes Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
1.6.4 Wort beim Wein: Bibelverstaendnis und Erkenntnistheorie . . . . . . 36
1.7 Kriege, Klugheit und Barmherzigkeit ... - die große Perspektive (Matthäus
22 bis 25) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
1.7.1 Für Eilige: nun mal langsam ...! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
1.7.2 Bin ich gerecht? Warnungen! - Matthäus 23 . . . . . . . . . . . . . . 38
1.7.3 Die große Perspektive - Matthäus 24 + 25 . . . . . . . . . . . . . . . 39
1.7.4 Wort beim Wein: Wann, wie, warum Begründungen? . . . . . . . . . 40
4 Die Bibel für Menschen von heute ...

1.8 Manches Ende ist ein Anfang ... - Kreuzigung und Auferstehung (Matthäus
26 bis 28) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
1.8.1 Für Eilige: Manches Ende ist ein Anfang ... . . . . . . . . . . . . . . 40
1.8.2 Die Ereignisse und ihre Bedeutung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
1.8.3 Ist Jesus auferstanden? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
1.8.4 Ein Lied über Ende und Anfang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
1.8.5 Wort beim Wein: von einem Liebesbrief . . . . . . . . . . . . . . . . 44

2 Drei Stimmen quer durch die Zeit ... - Jeremia, Jesaja und Hesekiel 46
2.1 Gottes Probleme ... - Berufung eines Propheten (Jeremia 1-3) . . . . . . . . 46
2.1.1 Für Eilige: Gott spricht Menschen an! . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
2.1.2 Gottes Probleme ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
2.1.3 Berufung gestern und heute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
2.1.4 Komm zur klaren lebendigen Quelle! . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
2.2 Einer packt aus ... - Von neuen Grundlagen (Jeremia 30+31) . . . . . . . . 50
2.2.1 Für Eilige: die Grundlage von Beziehung . . . . . . . . . . . . . . . . 50
2.2.2 Einer packt aus ... beeindruckende Worte! . . . . . . . . . . . . . . . 50
2.2.3 Altes Testament lesen - aber wie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
2.2.4 Leben im Geist Gottes ... Skizzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
2.3 Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen ... - vom Frieden (Jesaja
9-11) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
2.3.1 Für Eilige: Gerechtigkeit und Friede . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
2.3.2 Blicke hinein in Gottes Frieden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
2.3.3 Das Buch des Jesaja - eine Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
2.3.4 Standpunkt: Prophet in Deutschland? . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
2.4 Das neue Testament im Alten ... - vom leidenden Gottesknecht (Jesaja 50-53) 60
2.4.1 Für Eilige: get the Message! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
2.4.2 Der Text: das Neue Testament begreifen . . . . . . . . . . . . . . . . 60
2.4.3 Prophetisches Reden erfahren und verstehen . . . . . . . . . . . . . 62
2.4.4 Wort beim Wein: Hoffnungen und Möglichkeiten für Deutschland . . 63
2.5 Brich mit dem Hungrigen dein Brot! ... - von der Umkehr (Jesaja 55 bis 58) 64
2.5.1 Für Eilige: Wie Gott es meint ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
2.5.2 Einladung und Ermahnung - Jesaja 55 bis 58 . . . . . . . . . . . . . 65
2.5.3 Gottes unerfaßbare Wege (Jes.55,8-11) . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
2.5.4 Wort beim Tee: christlicher Erlebnispark, christliches Studienzentrum 67
2.6 Die Währungsreform ... - von Gottes Schöpferkraft (Jesaja 65 + 66) . . . . 68
2.6.1 Für Eilige: Die Währungsreform ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
2.6.2 Blick in eine neue Schöpfung (Jes. 65+66) . . . . . . . . . . . . . . . 69
2.6.3 Gottes fürchterliche Strafe - die Hölle . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
2.6.4 Schwierigkeiten mit der Hölle. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
2.6.5 Glaube im Alltag - Erinnerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
2.7 Klare Maßstäbe und individuelle Beurteilung - von Gottes Recht (Hesekiel
18) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
2.7.1 Für Eilige: Klare Maßstäbe ...! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
Roland Potthast 5

2.7.2 Von Gottes Recht (Hesekiel 18) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73


2.7.3 Gottes Recht und Jesus Christus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
2.7.4 Wort beim Wein: Vertrauen konkret ... . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
2.8 Endlich Leben ...! - vom Geist Gottes (Hesekiel 36 + 37) . . . . . . . . . . . 76
2.8.1 Für Eilige: Von innen her neu werden ... . . . . . . . . . . . . . . . . 76
2.8.2 Der Geist Gottes und Gottes Eingreifen (Hesekiel 36 + 37) . . . . . 77
2.8.3 Schichten prophetischen Redens bei Hesekiel und im Alten Testament 79
2.8.4 Wort beim Wein: Machen Sie mit, Gott braucht Sie! . . . . . . . . . 80

3 Zurück in die Zukunft ... - die Bücher Mose 82


3.1 Ein großes Reagenzglas ... - die Schöpfung (1.Buch Mose, Kapitel 1+2) . . . 82
3.1.1 Für Eilige: Die Schöpfung ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
3.1.2 Die Schöpfung der Welt (1.Mose 1+2) . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
3.1.3 Schöpfung oder Evolution? Mythologisch oder wörtlich? . . . . . . . 85
3.1.4 Mann und Frau im Garten Eden (1.Mose 2) . . . . . . . . . . . . . . 87
3.1.5 Wort beim Wein: Träume und Realität . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
3.2 Großer Krach mit Nachspiel ... - der Sündenfall (1.Buch Mose, Kapitel 3+4) 90
3.2.1 Für Eilige: Blickwinkel auf das Böse ... . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
3.2.2 Der Sündenfall (1. Mose 3) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
3.2.3 Der Tod in der Weltgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
3.2.4 Das Nachspiel (1. Mose 4 ff) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
3.2.5 Wort beim Wein: Die Bibel als Wort Gottes erfahren ... . . . . . . . 95
3.3 Eine Familiensaga ... - Abraham & Co (1. Buch Mose, Kapitel 12-25) . . . . 96
3.3.1 Für Eilige: Gott in der persönlichen Geschichte . . . . . . . . . . . . 96
3.3.2 Eine Familiensaga ... Abraham & Co (1. Mose 12-25) . . . . . . . . . 97
3.3.3 Abrahams Leben im Spiegel der Geschichte . . . . . . . . . . . . . . 100
3.3.4 Wort beim Wein: Gottes Geschichte heute . . . . . . . . . . . . . . . 101
3.4 Parabel oder Realität ...? - Mose und der Auszug aus Ägypten (2.Mose 1-14)102
3.4.1 Für Eilige: Gottes Sicht geht tiefer ... . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
3.4.2 Die Berichte von Mose und dem Auszug aus Ägypten . . . . . . . . 102
3.4.3 Christus in der Geschichte von Mose . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
3.4.4 Wort beim Wein: Herausforderung für Dich! . . . . . . . . . . . . . . 104
3.5 Ethik braucht Leitlinien ... - die 10 und weitere Gebote (2.Mose 20-24) . . . 105
3.5.1 Für Eilige: ”Du sollst (nicht)!” - wozu Ethik? . . . . . . . . . . . . . 105
3.5.2 Die 10 Gebote verstehen - ein Versuch . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
3.5.3 Die Rolle weiterer Gebote und der Gott, der durch sie redet . . . . . 108
3.5.4 Wort beim Wein: Persönliches Wort zwischen den Kirchen, Organi-
sationen und Werken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
3.6 Mein Haus, mein Auto, mein Boot ... - von Sabbatjahr und Erlaßjahr (3.
Mose 25) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
3.6.1 Für Eilige: Wem gehört die Welt ...? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
3.6.2 Wirtschaftsgesetzgebung nach Gottes Herzen - Sabbatjahr und Er-
laßjahr in 3.Mose 25 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
3.6.3 Christen und Wirtschaft im 21.Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . 114
6 Die Bibel für Menschen von heute ...

3.6.4 Ein Gebet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116


3.7 Sieg der Angst ... - Kein Einzug nach Kanaan (4. Mose 13+14) . . . . . . . 117
3.7.1 Für Eilige: Glaube und Wirklichkeit ... . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
3.7.2 Sieg der Angst ... - 4.Mose 13+14 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
3.7.3 Einladung zum Glauben: Jesus Christus . . . . . . . . . . . . . . . . 119
3.7.4 Wort beim Wein: Glaube im 21.Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . 120
3.8 Grundgesetz zum Leben ... - das alte Testament/der alte Bund (5. Mose
29+30) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
3.8.1 Für Eilige: Ein Bund zum Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
3.8.2 Der ”alte” Bund - Mose 5, 29+30 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
3.8.3 Ein neuer Bund durch Jesus Christus . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
3.8.4 Wort beim Wein: Leben und Tod in Göttingen? . . . . . . . . . . . . 124

4 Ringen um die klare Linie ... - Römer-, Galater-, Epheserbrief 126


4.1 Hauptverhandlung im Bundesverfassungsgericht ... - von Gericht und Glau-
be (Römerbrief Kapitel 1-3) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
4.1.1 Für Eilige: Hauptverhandlung im Bundesverfassungsgericht ... Pau-
lus legt los! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
4.1.2 Grundlegendes verständlich ausgedrückt - der Römerbrief Kapitel 1-3126
4.1.3 Glaube versus Werke - Paulus versus Jakobus, Reformation versus
katholische Kirche ??? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
4.1.4 Wort beim Wein: Komm, glaube und tu! . . . . . . . . . . . . . . . . 130
4.2 Die Quelle einer besonderen Lebenskraft... - Leben im Glauben (Römerbrief
Kapitel 7,8 und 12) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130
4.2.1 Für Eilige: Die Quelle von Lebenskraft ... . . . . . . . . . . . . . . . 130
4.2.2 Zugang zur Quelle und Leben im Glauben. . . . . . . . . . . . . . . 131
4.2.3 Die Rolle des jüdischen Gesetzes bei Paulus. . . . . . . . . . . . . . . 133
4.2.4 Wort beim Wein: eine Vision - mach mit! . . . . . . . . . . . . . . . 134
4.3 Die Freiheit nehm ich mir ...! - Schwacher und Starker Glaube (Römerbrief
Kapitel 14) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
4.3.1 Für Eilige: Die Freiheit nehm ich mir ...! . . . . . . . . . . . . . . . . 135
4.3.2 Freiheit - wie, wovon, wieweit, wozu? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
4.3.3 Starker und Schwacher Glaube . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
4.3.4 Wort beim Wein: Paulus nutzt Paradoxien . . . . . . . . . . . . . . . 141
4.4 Konsequenzen für Fälscher! ... - vom klaren Evangelium (Galaterbrief Ka-
pitel 1) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
4.4.1 Für Eilige: Konsequenzen für Fälscher . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
4.4.2 Klares Evangelium und Warnungen bei Paulus . . . . . . . . . . . . 142
4.4.3 Probleme mit dem Evangelium heute . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
4.4.4 Wort beim Wein: Von den Besserwissern . . . . . . . . . . . . . . . . 146
4.5 Von der Freundschaft ... - Geist Gottes in dir (Galaterbrief 5+6) . . . . . . 147
4.5.1 Für Eilige: Freundschaft und Gottes Geist . . . . . . . . . . . . . . . 147
4.5.2 Was bedeutet Freundschaft? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147
4.5.3 Freundschaft, Wahrheit und Gott in dir . . . . . . . . . . . . . . . . 150
Roland Potthast 7

4.5.4 Wort beim Wein: Enttäuschungen mit Freunschaft . . . . . . . . . . 151


4.6 Der ganz alltägliche Wahnsinn ... - von Einheit und Vielfalt der Gemeinde
(Epheser 4) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
4.6.1 Für Eilige: Der ganz alltägliche Wahnsinn ... . . . . . . . . . . . . . 152
4.6.2 Was ist Gemeinde? Antworten nach Epheser 4 . . . . . . . . . . . . 152
4.6.3 Vollmacht und Auftrag durch Gott?! . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
4.6.4 Wort beim Wein: Laß dich berufen! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
4.7 Wie steht es um deinen Charakter ...? - Vom alten und neuen Menschen
(Epheser 4+5) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
4.7.1 Für Eilige: Charakter ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
4.7.2 Was bildet meinen Charakter? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
4.7.3 Charakter in Epheser 4 und 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
4.7.4 Wort beim Wein: ”Be different - sei anders!” . . . . . . . . . . . . . 161
4.8 Durchsetzungsfähigkeit gefragt ... - die geistliche Waffenrüstung
(Epheser 6) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
4.8.1 Für Eilige: Situationsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
4.8.2 Die geistliche Waffenrüstung nach Epheser 6 . . . . . . . . . . . . . 163
4.8.3 Was ist Sache? Kontroverse Themen! . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
4.8.4 Wort beim Wein: The fight of peace ... . . . . . . . . . . . . . . . . . 166

5 Weisheit oder Erkenntnis? ... - Salomo, Sprüche, Korintherbrief 167


5.1 Rat einer Freundin ... - von der Weisheit (Sprüche 1-4) . . . . . . . . . . . . 167
5.1.1 Für Eilige: Was ist Weisheit? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
5.1.2 Rat einer Freundin (Sprüche 1-4) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
5.1.3 Weisheit und die Realität der Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
5.1.4 Wort beim Wein: Steps to Wisdom! . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
5.2 Rückkehr der Kindheit ... - von Gottes Liebling (Sprüche 8) . . . . . . . . . 172
5.2.1 Für Eilige: Rückkehr der Kindheit ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
5.2.2 Einladung und Verheißung der Weisheit . . . . . . . . . . . . . . . . 172
5.2.3 Gottes Liebling, die Weisheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
5.2.4 Wort beim Wein: Vorsicht mit naivem Vertrauen! . . . . . . . . . . . 175
5.3 1000 Tipps für Lebenskünstler ... - Worte der Weisen (Sprüche 22-28) . . . 176
5.3.1 Für Eilige: 1000 Tipps für Lebenskünstler . . . . . . . . . . . . . . . 176
5.3.2 Lebensklugheit und ein klarer Blick für Gott . . . . . . . . . . . . . 177
5.3.3 Die Lebenskünstler ... eine Einladung! . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
5.3.4 Wort beim Wein: Gebet und Lebenskunst . . . . . . . . . . . . . . . 179
5.4 Aufgeblasen und nichts dahinter ... - von der Vergänglichkeit (Prediger Sa-
lomo 1-3) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
5.4.1 Für Eilige: Es ist alles nutzlos ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
5.4.2 Aufgeblasen und nichts dahinter ... (I) - das Leben (!) . . . . . . . . 181
5.4.3 Aufgeblasen und nichts dahinter ... (II) - das Sterben (!) . . . . . . . 183
5.4.4 Wort beim Wein: Einladung zur Hoffnung ... . . . . . . . . . . . . . 183
5.5 Ein desillusionierter Akademiker ... - am Ende einer Suche (Prediger Salomo
8-12) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
8 Die Bibel für Menschen von heute ...

5.5.1 Für Eilige: am Ende einer Suche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185


5.5.2 Lebenseinsichten mit Durchblick ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
5.5.3 Wirtschaft, Politik und Familie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187
5.5.4 Nimm das Leben als ein Fest! ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
5.6 Moderne Tiefseetaucher ... - Gottes Weisheit in Christus (1.Korinther 1+2) 189
5.6.1 Für Eilige: Die Weisheit vom Kreuz ... . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
5.6.2 Von Torheit und Weisheit (1.Kor.1+2) . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
5.6.3 Vom Geist Gottes - vom geistlichen Menschen . . . . . . . . . . . . . 191
5.6.4 Wort beim Wein: Vom Vergnügen eines Bibelseminares ... . . . . . . 193
5.7 Und hätte ich die Liebe nicht ... - das Hohelied der Liebe (1. Korinther 13) 194
5.7.1 Für Eilige: Liebe und Berechnung ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
5.7.2 Wie ist die Liebe? Mal ernsthaft! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
5.7.3 Zwischen heute und Zukunft - was wir wissen ... . . . . . . . . . . . 196
5.7.4 Wort beim Wein: Lets start today! Come and join us, now! . . . . . 197
5.8 Mit dem Holzhammer kann man nicht Geige spielen ... von der Schwachheit
(2.Korinther 12) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198
5.8.1 Für Eilige: Von der Schwachheit ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198
5.8.2 Lass dir an meiner Gnade genügen” (2.Kor 12) . . . . . . . . . . . . 199
5.8.3 Christlich Leben: Schwachheit und Glaube ?!? . . . . . . . . . . . . 200
5.8.4 Biblebrunch: Relax in Christ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201

6 Zwischen Realität und Realität ... - Apostelgeschichte und Offenbahrung203


6.1 Startrek mal anders ... - von Christi Himmelfahrt (Apostelgeschichte 1) . . 203
6.1.1 Für Eilige: Startrek mal anders ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
6.1.2 Zwischen Realität und Realität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
6.1.3 Christi Himmelfahrt: was kann man damit heute noch anfangen? . . 205
6.1.4 Wort beim Wein: Eine fast unmögliche Sache! . . . . . . . . . . . . . 206
6.2 Besser als die neuste Droge ... Pfingsten (Apostelgeschichte 2) . . . . . . . . 207
6.2.1 Für Eilige: Besser als die neuste Droge ... . . . . . . . . . . . . . . . 207
6.2.2 Apg 2 im Original: Petrus wird deutlich! . . . . . . . . . . . . . . . . 208
6.2.3 Vom heiligen Geist im neuen Testament . . . . . . . . . . . . . . . . 209
6.2.4 20.Jahrhundert: Streit um den heiligen Geist . . . . . . . . . . . . . 211
6.2.5 Wort beim Wein: wir brauchen ihn - er ist da! . . . . . . . . . . . . . 212
6.3 Das Original ... - die erste Gemeinde (Apostelgeschichte 2-4) . . . . . . . . 212
6.3.1 Für Eilige: Das Original ... eine Begegnung . . . . . . . . . . . . . . 212
6.3.2 Die erste Gemeinde ... Zeitsprung und Abenteuer . . . . . . . . . . . 213
6.3.3 Wie leben Christen ... ? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214
6.3.4 Wort beim Wein: Enttäuschungen mit Christen und Gemeinden . . . 215
6.4 Warum verfolgst du mich? - Erfahrungen eines Schlächters (Apostelge-
schichte 9) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216
6.4.1 Für Eilige: Erfahrungen eines Schlächters . . . . . . . . . . . . . . . 216
6.4.2 Vom Christenverfolger zum Chefmissionar: Paulus . . . . . . . . . . 217
6.4.3 Vom Umgang mit Kritikern und anderen Religionen . . . . . . . . . 219
6.4.4 Wort beim Wein: Wahrheit und Modernismus . . . . . . . . . . . . . 220
Roland Potthast 9

6.5 Wort zur Lage - der Bundespräsident spricht ... - die sieben Sendschreiben
(Offenbahrung 2+3) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
6.5.1 Für Eilige: der Bundespräsident spricht ... . . . . . . . . . . . . . . . 222
6.5.2 Die Sendschreiben I: lieben wie am Anfang ... . . . . . . . . . . . . . 222
6.5.3 Die Sendschreiben II: Armut, Reichtum, Wachsein . . . . . . . . . . 224
6.5.4 Jesus Christus bei seiner Gemeinde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
6.5.5 Vertrauen Sie Jesus - werden Sie heute Christ! . . . . . . . . . . . . 227
6.6 Ein Blick quer zur Realität ... - vor Gottes Thron (Offenbahrung 4+5) . . . 228
6.6.1 Für Eilige: Vor Gott stehen ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228
6.6.2 Quer zur Realität - vor Gottes Thron . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
6.6.3 Die Erzählung vom Lamm und vom Buch mit den sieben Siegeln . . 232
6.6.4 Leben und ”die Offenbarung” im 21. Jh. . . . . . . . . . . . . . . . . 234
6.7 Bilder über Bilder ... - 7 Siegel, 7 Posaunen, 7 Schalen des Zorns (Offb.6-20) 235
6.7.1 Für Eilige: vom Sinn der Bilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235
6.7.2 Die 7 Siegel - Offenbarung 6-8 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236
6.7.3 Die 7 Posaunen - Offenbarung 8-14 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
6.7.4 Die 7 Schalen des Zorns - Offenbarung 15-18 . . . . . . . . . . . . . 241
6.7.5 Was ist dran? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
6.8 Städteplaner aktiv ... - das neue Jerusalem (Offenbahrung 21+22) . . . . . 243
6.8.1 Für Eilige: Städteplaner aktiv ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243
6.8.2 Der neue Himmel und die neue Erde . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243
6.8.3 The End! ... - zwischen Realität und Realität! . . . . . . . . . . . . . 247
6.8.4 Wort beim Wein: und nun? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249

7 Ein Arzt und ein Philosoph ... - die Evangelien von Lukas und Johannes250
7.1 Was mir wichtig ist ... - vom großen Festessen (Evangelium des Lukas 14) . 250
7.1.1 Für Eilige: Was mir wichtig ist ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250
7.1.2 Das Gleichnis vom grossen Fest (Lukas 14) . . . . . . . . . . . . . . 250
7.1.3 Auf Gottes Fest . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
7.1.4 TeaTime: Was wir verpassen ...! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253
7.2 Parlamentarischer Untersuchungsausschuß ... - Gleichniss von den Wein-
bauern (Lukas 20) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254
7.2.1 Für Eilige: Parlamentarischer Untersuchungsausschuß . . . . . . . . 254
7.2.2 Das Gleichnis von den Weinbauern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
7.2.3 Bibel lesen und verstehen: viele Dimensionen . . . . . . . . . . . . . 257
7.2.4 TeaTime: Die Bibel ist vielschichtig. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
7.3 Drei Philosophen blicken durch ... - vom ewigen Leben (Evangelium des
Johannes 3) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
7.3.1 Für Eilige: Drei Philosophen blicken durch ... . . . . . . . . . . . . . 259
7.3.2 Nikodemus und die neue Geburt (Joh. Kap. 3) . . . . . . . . . . . . 260
7.3.3 Johannes der Täufer: Leben heißt Umkehren! . . . . . . . . . . . . . 262
7.3.4 CoffeeBreak: klarer Blick, ruhige Vernunft . . . . . . . . . . . . . . . 263
7.4 Der Online-Provider Gottes ... - vom Weinstock (Johannes 15) . . . . . . . 264
7.4.1 Für Eilige: Der Online-Provider Gottes ... . . . . . . . . . . . . . . . 264
10 Die Bibel für Menschen von heute ...

7.4.2 Gleichnis vom Weinstock (... ja, er lebt!) . . . . . . . . . . . . . . . . 264


7.4.3 Von Haß und Anfeindung - Bitte Anschnallen! . . . . . . . . . . . . 267
7.4.4 Abschluß des Bibelseminars. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268
Roland Potthast 11

0 Einleitung
Die Bibel ist eines der faszinierendsten Bücher der Weltgeschichte. Sie steht einzigartig
dar und sticht in ihrer Breite und den vielfältigen Geschichten und Berichten aus einem
Zeitraum über rund 3000 Jahre hinweg klar aus allen anderen literarischen Zeugnissen der
Menschheit hervor.
Die Bibel ist ein Buch für Jung und Alt. Ob Familienvater oder Rentner, Teenie oder
Student - für alle hat dieses Buch etwas zu bieten. Es geht um das Leben - mit allem, was
uns in dieser Welt angeht. Es geht um Hoffnung und Angst, um Solidarität und Hilfe, um
Liebe und Haß, um Gesellschaft und Gemeinschaft, um Geboren-Werden und Sterben, um
Sinn und Ziel des Lebens.
Die Bibel kann man nicht an einem Tag lesen. Zu lang und zu weitreichend die
Erzählungen, die vielfältigen Bilder, die Gedanken und Überlegungen von Propheten und
den neutestamentlichen Aposteln. Die Bibel ist ein Buch, daß einen Menschen das ganze
Leben hindurch begleiten kann - und selbst wenn man sie täglich liest, kann man täglich
darin etwas Neues entdecken.
Die Bibel ist kein wissenschaftliches Buch. Ihr geht es um das Leben mit allem, was
dazugehört. Die Bibel wendet sich an Menschen jeder Bildung, von den ganz einfachen
Zeitgenossen bis zu den Professoren und führenden Köpfen jeder Epoche.

Wie liest man die Bibel? Man läßt sich ein auf die Erzählungen und Geschichten, die
Gedanken und Bilder, die Erörterungen und Ermahnungen. Man läßt sich darauf ein mit
allem, was man an Wissen und Möglichkeiten zur Verfügung hat. Wir wollen die Bibel als
Menschen von heute lesen und ernst nehmen.
Sie ist ein spannendes Buch für Schüler und ihre Lehrer, Patienten und ihre Ärzte, für
jede Art von Beruf und Handwerk - weil es um den Menschen geht, wie er lebt, was er
glaubt und denkt, was er fühlt und was er tut.
Die Bibel ist ein Buch für kluge ebenso wie für dumme, für praktische ebenso wie für
intellektuelle Menschen. Mit ihr beschäftigen sich Schriftsteller, Komponisten, Wissen-
schaftler, Theologen und Prediger. Wieviel herausragende Musik ist in den Jahrhunderten
entstanden, weil Menschen durch die Bibel inspiriert und ermutigt worden sind. Wieviele
Predigten sind über dieses Buch gehalten worden. Wieviele Bücher sind entstanden, weil
die Schriftsteller sich anregen lassen durch die Gestalten der Bibel, ihre Fehler und ihr
Ringen um den Glauben.
Wir wollen gemeinsam die Bibel lesen. Wir nennen das ein Bibelseminar. Es ist keine
trockene Angelegenheit, sondern eher vergleichbar mit einem Tanzkurs. Man kann das
Tanzen nicht lernen, wenn man am Tisch sitzt und die Schritte an die Tafel malt. Man
muß schon aufstehen und die Füße bewegen. Man muß einen Partner in die Arme schließen
und mit ihm den Tanz Schritt für Schritt einüben. Erst geht man dabei nur wenige Meter,
bis die Grundschritte sitzen. Dann kann man ein Gefühl für die Musik entwickeln. Es
beginnt Spaß zu machen, weil man merkt, daß da der ganze Mensch mit Leib und Seele in
Bewegung gerät. Glauben ist wie so ein Tanz. Christ-Sein ist wie ein Tanz, der das ganze
Leben verändert und ausfüllt.
12 Die Bibel für Menschen von heute ...

Hinweise für dieses Bibelseminar:

+ Besorgen Sie sich eine Bibel in moderner Übersetzung. Wir werden zum Teil aus dem
aktuellen Text der Luther-Bibel (Deutsche Bibelgesellschaft) zitieren, zum Teil aus der
”Guten Nachricht - die Bibel in heutigem Deutsch” (ebenfalls Deutsche Bibelgesellschaft).

+ Das Seminar besteht aus 52 Abschnitten, die in 7 Meilensteine gegliedert sind. Es


ist so aufgebaut, daß Sie jeweils einen Abschnitt pro Woche als Arbeitshilfe, Impuls und
Anregung zum Ausprobieren nutzen können.

+ Die Abschnitte beziehen sich jeweils auf Bibeltexte, zum Teil wenige Verse, manch-
mal auch mehrere Kapitel eines biblischen Buches. Wir haben den biblischen Originaltext
nur in kleinen Teilen aufgenommen. Sie sollten also jeweils den Originaltext selbst le-
sen und können dann das Seminar als Verständnishilfe oder Anregung zum Nachdenken
nutzen.

+ Die Bibel ist kein neutrales Buch. Sie will Glauben wecken in uns Menschen. Sie
möchte, daß wir Gott kennenlernen und Christen werden. Wir werden uns mit unserem
Seminar genau an diesem Ziel orientieren. Wir werden uns mitnehmen lassen von der Bibel
und ihren Autoren zu Jesus, zu Gott und in ein Leben im christlichen Glauben.

+ Bis heute können wir die Bibel nicht abschließend analysieren und einordnen. Es gibt
verschiedene zeitgenössische Ansätze zum Bibelverständnis. Neben der klassischen Lesart
der katholischen und evangelischen Kirchen und Freikirchen findet man historisch-kritische
Ansätze, tiefenpsychologische Herangehensweisen und entmythologisierendes Vorgehen.
Wir werden, soweit es uns möglich ist, nah am erzählten Text bleiben und die Aussa-
gen zuerst einmal so aufnehmen, wie sie von der Bibel gemacht werden. Die verschiedenen
Stimmen unserer Zeit sollen dann Gehör finden. Sie werden hier kein abgeschlossenes
System vorfinden, sondern das quicklebendige Lesen eines modernen Wissenschaftlers,
Schriftstellers und Musikers, der sich mit der Bibel auseinandersetzt und dabei Gottes
Stimme vernimmt.
Roland Potthast 13

1 Ein neuer Morgen ... das Evangelium des Mattäus.


1.1 Einer dreht durch ... - die Bergpredigt (Matthäus 5-7)
1.1.1 Für Eilige: ein Hologramm Gottes
Einer dreht durch ... das kennen Sie. Da stimmt nichts mehr zusammen. Total verrückt,
völlig durchgeknallt. Genau so kann einem schnell die Bergpredigt Jesu vorkommen: völlig
daneben. Unrealistisch. Weltfremd. Überzogen.
Und doch. Irgendwas ist dran an all dem Verrückten! Was steckt dahinter?

Selig sind die Armen!


Selig sind die Barmherzigen!
Selig sind, die reinen Herzens sind!
Seid fröhlich und getrost ...!

Für die Eiligen sei gesagt: wir wollen lernen, was dahintersteckt. Dazu dienen 52 Ab-
schnitte, über ein Jahr verteilt. Die Bergpredigt ist mehr, als die Bergpredigt! Diese kleine
Predigt ist ein Hologramm Gottes - im Kleinen das Bild des Ganzen. Das Ganze im Teil.
Gottes Liebe ausgegossen und konzentriert wie nie zuvor. Eben total durchgeknallt, hef-
tiger Stoff.

Unsere Tipps für diese Woche:


1) Nehmen Sie sich Zeit - und lesen Sie die Bergpredigt. Lesen Sie im Evangelium
des Matthäus, Kapitel 5-7. Lesen Sie es, wenn etwas Zeit da ist - denn um dieses total
Verrückte zu verstehen, braucht man Zeit!
2) Bitten Sie zuerst Gott, Ihnen doch beim Verstehen der Dinge zu helfen. Letztlich
kann Ihnen nur Gott erklären, was er eigentlich meint. Unser Seminar kann bestenfalls
eine Krücke dabei sein.

1.1.2 Ein Gang durch die Bergpredigt


Was macht Jesus da eigentlich in der Bergpredigt? Was redet er und warum?
Der Evangelist Matthäus berichtet zuerst die Seligpreisungen. Die stehen übrigens in
etwas anderer Form auch bei Lukas - dem Arzt und Begleiter des Paulus, nebenbei Chronist
(er schrieb die Apostelgeschichte) und der dritte der vier Evangelisten.
Seligpreisungen - das heißt: ihr dürft glücklich sein! Und glücklich sein dürfen die, die
bisher auf dieser Erde nicht vom Glück verfolgt waren. Das ist wirklich revolutionär - wer
da ruhig bleibt, hat nichts verstanden!
Jesus will, daß die Menschen gleich von Anfang an merken: hier kommt etwas anderes!
Es geht nicht so weiter, wie ihr es gewohnt seid! Hört mir zu! Selig sind die Armen!

1.1.3 Genauer nachfragen!


Warum sind die Armen selig? Kann man das verstehen? Warum sind die Barmherzigen
selig? Warum die, die reinen Herzens sind? Was soll das?
14 Die Bibel für Menschen von heute ...

Jesus macht uns auf das aufmerksam, was letztlich zählt: Es zählt die Zuwendung und
Barmherzigkeit Gottes, des Ersten und Letzten, Alpha und Omega, Anfang und Ende.
Wer nichts hat, dem ist Gottes Zuwendung gewiß - das verkündet Jesus laut. Und: wer
barmherzig ist, der kann auf Gottes Barmherzigkeit hoffen.
Die Seligpreisungen greifen mitten hinein in unser Wertegefüge - mitten hinein in unser
Land, in unsere Stadt. Die Reichen müssen auch heute hören: selig sind die Armen! Jesu
Worte sprechen auch uns an, die wir unser Leben in vielem auf Leistung und Besitz,
auf Können und Überfluß von Dingen, Fähigkeiten und Möglichkeiten aufbauen. Jesus
formuliert eine Anfrage an unseren Umgang miteinander: wollen wir unser Leben, unsere
Maßstäbe von dem was wichtig und gut ist, weiter auf Reichtum und Leistung bauen? Wir
können im Angesicht seiner Worte nicht so bleiben, wie wir sind!
Nicht erst neuzeitliche Philosophen wie Nietzsche haben die Umwertung aller Werte
erfunden. Jesus macht hier mit Gottes Werten klar, was wirklich zählt: Gottes Barmher-
zigkeit, die in uns und an anderen praktisch werden möchte.

Wir gehen jetzt weiter und setzen unseren Rundgang durch die Bergpredigt fort. Nach
den Seligpreisungen sagt Jesus:
”Ihr seid das Salz dieser Erde! Ihr seid das Licht der Welt!”
Das sagt Jesus zu denen, die ihm zuhören ... damals, ... und wir hören es ja bis heute.
Was zeichnet eigentlich die aus, die Salz der Erde und Licht der Welt sind? Jesus beant-
wortet es selbst in der Bergpredigt. Das Salz der Erde besteht aus Menschen, die Jesus
zuhören. Wer auf Jesus hört, ist auf dem Weg, Salz der Erde zu sein. Der zweite Schritt
ist etwas aktives: das Salz soll salzen, also andere anstecken. Das Licht soll leuchten, also
andere mehr sehen lassen und andere hell werden lassen. Jesus spricht von Handlungen,
die ein solches Licht sind.
Es ist viel philosophiert worden über das Salz der Erde und das Licht der Welt. Starke
Bilder - die doch von uns gefüllt und verstanden werden müssen. Das können wir hier noch
nicht einmal anreißen. Aber wir können festhalten, daß zum Salz der Erde und Licht der
Welt auf jeden Fall Jesus dazugehört und auch ein Leben, daß Salz ist und hell macht.

Dann spricht Jesus vom ”Gesetz”. Damit meint er das Gesetz des Mose, das jüdische
Gesetz. Wir werden uns in späteren Abschnitten ausführlich mit diesem faszinierenden
Gesetz befassen. Halten wir hier nur fest, daß sich Jesus an dieses Gesetz vollständig
halten bzw. daß er dieses Gesetz erfüllen will.

Danach redet Jesus vom Handeln und vom Leben:


Roland Potthast 15

vom Töten,
vom Ehebrechen,
vom Schwören,
vom Vergelten,
von der Feindesliebe,
vom Spenden,
vom Beten,
vom Fasten,
vom Verurteilen,
vom Bitten und Geben,
vom Gehorsam,
von guten Fundamenten.

Wir werden diese einzlelnen Bestandteile unseres Hologrammes ”Bergpredigt” anspre-


chen, wenn wir in den 52 Abschnitten die Bibel kennenlernen. In der Bergpredigt, die wir
hier in einigen Schlagworten umrissen haben, sind viele Leckerbissen. Man kann die Zeilen
kaum ausschöpfen in ihrer Bedeutung. Die Ethik Jesu ist in nichts oberflächlich. Es geht
ihm um den ganzen Menschen, nicht nur um einige Handlungen. Es geht ihm um unser
Verhältnis zueinander und unser Verhältnis zu Gott. Er durchbricht die Kreisläufe des
Hasses und des Egoismus. Lesen Sie im Detail diese Abschnitte der Bergpredigt!
Bei allem lenkt Jesus unsere Aufmerksamkeit auf Gott, von dem alle Dinge kommen
und der zu allem fähig ist. Gott sollen wir uns anvertrauen. Gott sollen wir unsere Sorgen
sagen und geben. Gott möchte die Verantwortung für uns übernehmen. Und Gott soll
unser Schatz sein oder werden.
Jesus öffnet bei dieser Bergpredigt weit eine Tür, durch die wir zu ihm eintreten dürfen.
Es ist ein neuer Morgen - der neue Morgen der Nähe Gottes. Und am Ende der Bergpredigt
macht Jesus klar, wie dieser Tag seine volle Kraft entfalten wird: wenn wir unser Haus auf
Fels bauen und ihm damit ein festes Fundament geben.
Dieses Fundament ist Jesus. Wir bauen darauf, indem wir seinen Worten zuhören und
sie in die Tat umsetzen.

1.1.4 Wort beim Wein: was ist Theologie?


Eng verknüpft mit dem Bibellesen ist die Theologie. Theologie, das kommt aus dem Grie-
chischen: theos=Gott, logos=Lehre, Geist, Wort, Denken...
Zwei Gedanken beim Wein: (1) Theologie ist systematisches Nachdenken über Gott.
Das kann sehr hilfreich sein! Das kann sich aber auch sehr irren und völlig abgleiten in
realitätsferne Konstruktionen. Schaut man sich die Theologie mancher Philosophen und
von einigen Theologen an, so hat das mit dem biblischen Gott wenig zu tun.
(2) Theologie muß sein. Als menschliche Gemeinschaft - und gerade als christliche
Gemeinschaft kommen wir um die Theologie nicht herum. Das liegt daran, daß Menschen
nachdenken. Das liegt daran, daß alles intellektuelle Wissen in dieser Welt im Gespräch
und Diskurs erkämpft werden muß - weil ein Einzelner sich schnell irren kann.

Welche Rolle hat die Theologie für den Glauben? Welches Verhältnis hat die Theologie
16 Die Bibel für Menschen von heute ...

zur Bibel und zum Gottesverhältnis des einzelnen Christen? Kann ein Christ nur durch
Theologen etwas von Gott wissen?
Zu der letzten Frage: Nein, ein Christ kann nicht nur durch Theologen oder durch
kirchliche Verlautbarungen etwas von Gott wissen. Gott möchte Menschen ansprechen -
und das tut er auf ganz unterschiedliche Weise. Manchmal bedient er sich eines Theologen.
Manchmal nutzt er kirchliche Angestellte, Pastoren, Diakone, Vikare, Priester ... Aber oft
nutzt Gott ganz normale Christen, Gläubige, Missionare, oder das vor Hunderten von
Jahren aufgeschriebene Wort der Evangelisten und Apostel, christliche Literatur, Musik
und vieles mehr. Also:
Verzichten Sie nicht darauf, persönlich nachzufragen. Wer nach Gott sucht, kann sich
auf dessen Verheißung berufen: wer mich aus ganzem Herzen sucht, von dem will ich mich
finden lassen. Suchen Sie, es lohnt sich!

1.2 Man kann es ja mal lesen ... - Wundergeschichten (Matthäus 8+9)


1.2.1 Für Eilige: man kann es ja mal lesen ...

Wundergeschichten Jesu - warum sollte man sie nicht mal lesen? Wir lesen sie heute
meist wie Märchen und Sagengeschichten. Von der Beherrschung der Naturgewalten wird
berichtet: z.B. der Stillung eines Sturmes auf das bloße Wort Jesu hin. Und Jesus heilt:
Aussätzige, Gelähmte, Fiebrige, Besessene, Blinde und Stumme.
Hören wir ein wenig zu! ”Als Jesus den Berg wieder hinunterstieg, folgte ihm eine
große Menschenmenge. Da kam ein Aussätziger zu ihm, warf sich vor ihm nieder und
sagte: ”Herr, wenn du willst, kannst du mich gesund machen.” Jesus streckte die Hand
aus und berührte ihn. ”Ich will es”, sagte er, ”sei gesund!” Im selben Augenblick war der
Mann vor seinen Augen vom Aussatz geheilt.”

Was erzählen uns diese Geschichten? Sie sagen zuerst: Jesus macht gesund an Leib
und Seele! Die Wundergeschichten erzählen von dem Wunder, das uns in Jesus Christus
begegnet.
Sie können die Wundergeschichten als Märchen lesen, als Mythologie aus einer vergan-
genen Zeit, als reine Fiktion. Diese Geschichten können auch dann erbaulich und ermuti-
gend sein.
Manche Menschen lesen die Wundergeschichten als verschlüsselte Botschaften Gottes in
der Wundersprache eines vergangenen Zeitalters. Die Wundergeschichten werden dann zu
kleinen Gleichnissen über Dinge, die nicht körperlich oder materiell sind: zu Gleichnissen
über den Glauben, über Geist und Seele.
Sie könne damit beginnen, die Wundergeschichten mit historischen, wissenschaftlichen,
soziologischen oder juristischen Mitteln zu untersuchen. Je nach Ihren Vorraussetzungen
bei einer solchen Recherche werden Sie zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen.
So ist die Entstehung von Schulen und Strömungen in der wissenschaftlichen Theologie
verständlich, die je nach Ausprägung, Hintergrund und methodischem Ansatz zu ihren
Aussagen über die Texte kommen. Ein methodisches Vorgehen ist ein wichtiges Mittel,
wenn man die Bibel systematischer in den Blick nehmen möchte.
Roland Potthast 17

Die Geschichten über die Wunder Jesu erzählen jedoch von Ereignissen, die über die
von uns untersuchte wissenschaftliche Welt hinausgehen, auch wenn sie mitten darinnen
stattfinden. Die Wunder Jesu zeigen, daß Gott hier die Grenzen unserer Welt durchbricht.
Jesus tut das Unmögliche: er heilt an Leib und Seele. Beides ist in dieser Welt unmöglich.
Beides wird in den Geschichten von Gott durch Jesus gewirkt.

Unsere Tipps für diese Woche:


1) Lesen Sie die Wundergeschichten. Aber lesen sie diese Geschichten als das, was sie
sein wollen: Geschichten, die uns über unser beschränktes Leben in dieser Welt hinauswei-
sen und auf Gottes Möglichkeiten aufmerksam machen wollen.
2) Nehmen Sie sich ein Beispiel an den Personen dieser Geschichten, und gehen Sie auch
heute mit Ihren Leiden, Gebrechen und Problemen zum auferstandenen Jesus Christus im
Gebet.

1.2.2 Bibelseminar: was? wie? warum?


Warum dieses Bibelseminar? Warum nehmen Sie teil? Warum lesen wir gemeinsam in der
Bibel? Wir gehen davon aus, daß Sie so neugierig sind wie wir auch. Daß Sie wissen wollen,
was dran ist an den verschiedenen Texten der Bibel. Daß Sie die Texte kennenlernen und
verstehen wollen.
Wie gehen wir vor? Wie liest man die Bibel am besten? Wie spricht man darüber? Wir
lesen die Bibel als wache Menschen des beginnenden 21.Jahrhunderts. Das bedeutet, daß
wir sie mit dem Einsatz all dessen lesen, das uns als modernen Menschen zur Verfügung
steht. Dabei spielen wissenschaftliche Kentnisse genauso eine Rolle wie der Einfluß aller
soziologischen, philosophischen, psychologischen, humanistischen, medizinischen, juristi-
schen und technologischen Entwicklungen der vergangenen Jahrhunderte.
Eine Frage im Hintergrund wird während des Seminars bleiben: wie kann ein Mensch
im beginnenden 21. Jahrhundert die Bibel angemessen verstehen?
All dies bedeutet: Sie werden in unserem Seminar keine einseitig psychologisieren-
de Interpretation finden. Wir werden uns nicht mit theologischen oder theoretisierenden
Abhandlungen zufrieden geben. Sie werden bei uns keine einseitige Ablehnung oder Über-
betonung medizinischer oder technologischer Entwicklungen finden. Wir werden keinen
ernstzunehmenden kritischen Fragen ausweichen.
Wie spricht man am besten über die Bibel? Das hängt natürlich von den beteiligten
Menschen und Themen ab. In unserem Seminar werden wir das Hauptaugenmerk auf das
Verständnis zentraler Themen und Fragestellungen legen. Unsere Sprache und Stil folgen
der Tatsache, daß diese Themen spannend, bedeutungsvoll und hochaktuell sind.
Was für Themen werden aufgegriffen? Was sind die zentralen Fragestellungen? Was
wird behandelt?
Eine Liste mit Themen der 52 Abschnitte gibt uns das Inhaltsverzeichnis. Es sind
Themen, welche die jeweiligen Bibeltexte mitten hinein in unsere heutige Zeit stellen.
Jeder der 52 Abschnitte des Seminars greift darüber hinaus weitere Themen aus Thelo-
gie, Wissenschaft oder Gesellschaft auf und stellt sie in unterhaltsamer und nachdenklicher
Weise in den Zusammenhang biblischer Texte.
18 Die Bibel für Menschen von heute ...

Wir werden im Laufe der Zeit auf wichtige theologische Disziplinen und Fragen zu spre-
chen kommen. Wir werden gesellschaftliche Strömungen ansprechen und wissenschaftliche
Grundkonzepte in ihrem Verhältnis zu den Gedanken, Geschichten und Worten der Bibel
in den Blick nehmen.

1.2.3 Rundgang durch die Wundergeschichten

Lassen Sie uns einen kurzen Blick auf die Abfolge der Heilungen in Matthäus 8 und 9 tun.
Die Heilung des Aussätzigen haben wir schon angesprochen. Es folgen die Heilung

* des Knechtes des Hauptmanns von Kapernaum


* der Schwiegermutter des Petrus
* viele Besessene

Dann wird die Stillung des Sturmes durch Jesus berichtet, die Beherrschung der Na-
turgewalten durch das gesprochene Wort. Jesus heilt ferner:

* einen Gelähmten
* eine blutflüssige Frau
* die tote Tochter des Jairus
* zwei Blinde
* einen Stummen
* alle Krankheiten
* alle Gebrechen

Die letzten beiden Bemerkungen von Matthäus 9 deuten an, daß der Autor des Evan-
geliums seine Wundergeschichten nur als Beispielgeschichten aus einer viel größeren Zahl
weiterer Begebenheiten sieht.
Wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, daß zwischen den körperlichen Heilungen
auch noch eine Reihe weiterer Begebenheiten erzählt werden. Diese haben auch einiges mit
”Heilung” zu tun - mit der Heilung der Seele bzw. der Heilung der Grundlagen und Aus-
richtung unseres Lebens. Heilung wird hier immer als etwas verstanden, das Körper, Geist
und Seele betrifft. Zur Heilung gehört die Ausrichtung meines Lebens. Dazu gehören die
Bindungen, die mich festhalten. Heilung kann auch die Lösung meines Lebens von materi-
ellem Besitz, Traditionen, Heimat, Beruf und vielem mehr bedeuten. Zur Heilung gehört
ein Leben in der Nachfolge des großen Arztes Jesus, der uns in ein neues vertrauensvolles
Verhältnis zu Gott hineinführen möchte.
Die Heilung durch Jesus hat viele Aspekte - das haben wir angesprochen. Und mit
einer ungeheuren Macht bricht sich hier die heilende Kraft Jesu ihre Bahn. Eine riesige
Herde von Schweinen wird in einen See getrieben. Tote stehen wieder auf. Stumme reden.
Blinde sehen. Eingefleischte Steuereintreiber verlassen Haus und Geld, um sich von der
größeren Kraft führen zu lassen. Tobende Gewalten werden still und friedlich - Besessene
ebenso wie die tosenden Kräfte der Natur.
Roland Potthast 19

1.2.4 Worauf hin heilt Jesus?

Viele Menschen in der Weltgeschichte haben bei Heilungen ihre Hoffnung auf Gott gesetzt.
Viele Menschen beten auch heute in kleinen und großen Krankheiten und Bedrängnissen.
Viele davon erleben eine Gesundung - andere manche ernüchternden Erfahrungen. Weitere
geben enttäuscht ihren Glauben auf, weil ihre Krankheit nicht besser werden will.
Die Zusammenstellung der Heilungen in Matthäus legt es nahe, einmal hier direkt
nachzulesen, worauf hin Jesus eigentlich in diesen Wundergeschichten die Menschen geheilt
hat.
Schauen wir einmal genauer hin:

• die Heilung des Aussätzigen erfolgt auf eigene Anfrage,

• die Heilung des Knechtes des Hauptmanns auf Anfrage eines Dritten,

• die Heilung der Schwiegermutter des Petrus erfolgt ohne jede Aufforderung,

• die Stillung des Sturmes erfolgt nach einem Hilferuf der Jünger,

• die Heilung der Besessenen erfolgt trotz deren negativer Worte gegenüber Jesus - sie
sind ja auch ganz in der Gewalt der Dämonen,

• der Gelähmte wird geheilt als Reaktion auf die Handlungen der Verwandten bzw.
Freunde, und dies erst, nachdem Jesus auf das Chaos im Leben des Kranken hinge-
wiesen hat,

• die Heilung des Matthäus erfolgt auf dessen schüchternes Interesse hin,

• ... und vieles mehr.

Das einzige Muster ist, daß es kein Muster gibt. Jesus heilt, wie es gerade kommt und
wie es der Situation angemessen scheint. Oft heilt er hier auf Anfrage, aber nicht immer.
Wer ein System sucht, ist auf dem falschen Weg.
An jeder Heilung kann man etwas spezielles lernen - Stoff für Hunderte und Tausende
von Vorträgen, Büchern, Abhandlungen, Predigten und Gesprächen! Auch für die Wun-
dergeschichten gilt: hier sind viele Leckerbissen zu finden.
Wir müssen aber auch einen Blick über die Heilungsgeschichten bei Matthäus hinaus
wagen und feststellen: das neue Testament garantiert nicht die körperliche Heilung jedes
Glaubenden zu seinen Lebzeiten! Das ist nicht Gottes Weg mit den Menschen - auch wenn
er immer wieder seine Macht zeigt und (bis heute) heilend in die Weltgeschichte eingreift.
Gott führt uns einen persönlichen Weg, der in der Regel mit unserem Tod und der
Verwesung unseres Körpers endet. Aber durch diesen Tod hindurch soll und kann uns
die Gemeinschaft mit Jesus Christus begleiten und leiten. Über diesen Tod hinaus hält
die Liebe Gottes - der seine Macht über den Tod viele Male und eindrucksvoll in der
Auferstehung Jesu gezeigt hat. Aber zu diesem Thema kommen wir erst später.
20 Die Bibel für Menschen von heute ...

1.3 Wofür hält er sich? ... - vom Anspruch Jesu (Matthäus 10+11)
1.3.1 Für Eilige: Von meinem Selbstbewußtsein

Dunkle Kravatte, grauer Anzug, Vorstandsetage ... gediegenes Selbstbewußtsein, kulturell


interessiert.
Halstuch, T-Shirt, Strickpuli. Ökotüte und Ersteweltladen. Strom aus Wasserkraft und
den Grünenaufkleber am Fahrrad, Zeit für die Sonne im Schwimmbad.
BMW, Sonnenbrille und Haargel. Fetzige Musik bei offenem Fenster. Nicht viel Geld,
aber noch ein Rest für die Spritztour am Feitag Abend. Gutaussehende Freundin und eine
Menge Kumpels, auf die man sich verlassen kann - und manchmal auch nicht.
Wie sieht es aus mit Ihrem Selbstbewußtsein? Für was halten Sie sich? Welche Rolle
spielen Sie persönlich? Mit was ist Ihre Rolle gedeckt? Ist das nötige Kleingeld vorhanden?
Die nötige Bildung? Sind sie cool genug? Haben Sie Nerven genug?
Heute geht es im Bibelseminar darum, wofür sich Jesus hält. Wie sieht sein Steckbrief
aus? Und ist seine Rolle durch die Realitäten gedeckt?

Unsere Tipps für diese Woche:


1. Fragen Sie sich einfach einmal, was eigentlich einen Menschen ausmacht! Wie ist das
mit Rollen und Realitäten? Wofür halten sich die Leute, die mit Ihnen täglich umgehen?
Wo sind ihre Stärken und ihre Schwächen?
2. Verurteilen Sie nicht andere Menschen! Versuchen Sie stattdessen, ihre Mitmenschen
in ihrer ganzen Tiefe zu verstehen.
3. Machen Sie einmal den Versuch, eine positive Perspektive für jeden der Menschen
zu entwickeln, mit denen Sie in dieser Woche zu tun haben. Aber denken Sie daran: es
soll eine Perspektive sein, die diesem Menschen wirklich angemessen ist! Bitte Sie Gott
um den Blick für eine solche Perspektive.

1.3.2 Den Anspruch Jesu entdecken: Wofür hält er sich? ...

Wer wachen Geistes die Geschichten der Bibel von Jesus liest, stößt früher oder später auf
diese Frage: wer ist dieser Jesus? Wofür hält er sich eigentlich?
Kennen Sie diese Gedanken? So etwa:
”Der denkt wohl, er sei der Chef. Meint er, er sei das Maß aller Dinge? Kommandiert
herum, erzählt uns, was wir tun und lassen sollen.”
In den Kapiteln 10 und 11 im Evangelium des Matthäus ist es besonders deutlich: Jesus
verhält sich anders, als andere Menschen es tun. Solche Worte sagt keiner, der nicht mehr
in sich hätte als andere - oder der völlig verrückt wäre, reif für die geschlossene Abteilung
der Psychatrie. Jesus läßt stellt uns vor die Wahl. Entweder ist er verrückt, oder er ist
mehr als Gut oder Böse, mehr als wir Menschen. Entweder ein Geisteskranker oder mehr
als all unser Arbeiten und Dichten, mehr als unser stupides oder kreativs Leben, mehr als
ein Handeln mit Mühe oder voller Kraft ...
”Geht und sprecht ...” sendet Jesus seine Leute aus, ” ... das Himmelreich ist nahe
herbeigekommen.” Das klingt uns noch erträglich. Doch die Provokation steht erst am
Roland Potthast 21

Anfang: ”Wenn euch jemand nicht aufnehmen und eure Rede hören will ... dem Land der
Sodomer und Gomorrer wird es erträglicher gehen am Tage de Gerichts als dieser Stadt.”
Jesus hält seine Worte für maßgeblich. Er geht so weit, sogar die Worte seiner Leute als
maßgeblich zu setzen gegenüber den anderen Menschen. Sorgt euch nicht, was ihr reden
sollt ..., sagt er den Jüngern, ... eures Vaters Geist wird durch euch reden!
Wofür hält sich Jesus? Er hält sich für den, an dem sich alles entscheidet. Er hält
sich für denjenigen Menschen, an dem sich das Schicksal eines jeden anderen Menschen
entscheidet.
”Wer nun mich bekennt, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem himmlischen
Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor
meinem himmlischen Vater.”
Und Jesus sagt:
”Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.”
”Wer sein Leben findet, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben verliert um mei-
netwillen, der wird es finden.”
All diese Worte müssen eine Zumutung sein und bleiben, wenn nicht Jesus so derart
kostbar und zentral ist, daß dieser Wert, den sich hier in seinem Anspruch ausdrückt,
gedeckt ist durch die Realität.
Und Jesus weist auf die Zeichen, die aus dieser Realität seiner Person entspringen:
Blinde sehen und Lahme gehen. Aussätzige werden rein und Taube hören. Tote stehen auf
und Armen wird das Evangelium gepredigt.
Und wieder bekräftigt er seinen Anspruch: selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.
Warum nur? Wie kann Jesus einen solchen unglaublichen Anspruch mit sich herum-
tragen? Jesus gibt eine kleine Antwort in Matthäus, Kapitel 11: ”Alles ist mir übergeben
von meinem Vater.”
Jesus als der Bevollmächtigte Sohn Gottes. Das ist es, wofür sich Jesus hält. So redet
Jesus. So handelt Jesus. So stirbt Jesus. Noch aber ist es in diesen Zeilen nicht so weit. Noch
ist Jesus da, um Menschen zu rufen und zu senden. Diese direkte und klare Aufforderung
Jesu, zu ihm zu kommen, ist kaum klarer im neuen Testament zu finden als hier im
Evangelium des Matthäus:
”Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.”

1.3.3 ”Nehmt meine Herrschaft auf euch ...” - wie mach ich das?
”Nehmt auf euch mein Joch ...” sagt Jesus. Das heißt heute: nehmt meine Herrschaft auf
euch. Nehmt meine Leitung auf euch. Laßt mich den Chef über euer Leben, Denken und
Fühlen sein.”
Jesus sagt gleich dazu den Grund für seine Aufforderung: ”... denn ich bin sanftmütig
und von Herzen demütig.” Aus diesem Grund sollen wir Menschen Jesus den Chef sein
lassen in unserem Leben. Und Jesus kündigt die Konsequenzen an:
”... so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.” Ruhe für das eigene Leben - das meint:
die Suche und Sehnsucht des Lebens hat sein Ziel gefunden: Jesus. All mein Lebenshunger
und Lebensdurst kann hier gestillt werden. Bei Jesus sind wir am Ziel des menschlichen
Lebens angekommen.
22 Die Bibel für Menschen von heute ...

Nun werden Sie sagen: wie geht das denn? Wie geh ich heute zu Jesus? Er ist mir doch
gar nicht mehr zugänglich.
Es funktioniert heute noch genauso wie damals. Es ist genauso leicht. Es ist genaus
schwer. Es gibt keine feste Zahl von Handlungen, die ich tun muß, um definitiv bei Jesus
anzukommen.
Es geht um den Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Die Herrschaft Gottes in
meinem Leben - die nach und nach alles heilen kann, was mich beschwert, krank macht
und belastet.
Und natürlich kann man einige erste Schritte vorschlagen: Gehen Sie im Gebet zu
Gott. Bitten Sie ihn, in ihr Leben sichtbar hineinzukommen und seine Verheißungen wahr
zu machen. Bitten Sie Jesus, Sie zu erquicken und zu erleichtern.
Und dann beginnen Sie damit, sich zu Jesus auch öffentlich zu stellen. Erzählen Sie
anderen Menschen von ihrem Entschluß, mit Jesus Christus zu leben - dabei können Sie
sehen, wie es ist, sich zu Jesus Christus zu bekennen, und außerdem kann ein solches
Gespräch sehr spannend sein. Zur Freundschaft gehört die Solidarität - in diesem Fall die
Solidarität mit Jesus Christus.
Und nehmen Sie die Herrschaft Jesu ernst. Folgen sie seinen Worten - es lohnt sich!
Suchen Sie die Gemeinschaft von Christen! Sie werden tolle Erfahrungen machen mit der
Nachfolge, und sie werden feststellen, daß man wirlich sein Leben findet, wenn man es an
Jesus Christus verliert.

1.3.4 Wort beim Wein: Bin ich theologisch genug gebildet, um mitreden zu
können?

Wir haben uns auf den spannenden Weg gemacht, in einem Jahr quer durch die Bibel zu
lesen. Dabei reden wir über die Bibel, wir reden über Gott, wir bleiben nicht still, sondern
wir werden aktiv und reden mit!
Moment mal!
Halt, so einfach geht es nicht. Mitreden in theologischen Fragen - da würde ich gerne
einmal deine Scheine kontrollieren. Kirchengeschichte? Christologie? Latein? Grichisch?
Redaktionsgeschichte? Quellenkunde und Quellenkritik? Leben-Jesu-Forschung? Dogma-
tik? Literarkritik? Traditionsgeschichte? ...
Die Frage nach dem Wert des Wortes ist oft die Frage nach der Kompetenz. Die
wird allerdings von dem einen oder anderen jeweils anders beurteilt. ”Ich vertrau meinem
Pastor, der spricht mir aus dem Herzen.” sagen manche Gemeindemitglieder, und erteilen
damit den jungen Löwen unter den Theologen eine Abfuhr.
In manchen frommen Kreisen wird an solchen Stellen ganz anderes ins Feld geführt.
Da zählen die Jahre der Gemeindezugehörigkeit, des Predigtdienstes, des Christseins, die
an den Bibelschulen verbrachten Monate oder Jahre.
Wem zeigt Gott sein Herz? Wem zeigt Gott seine Wege? Knüpft Gott das Geschenk
seines heiligen Geistes an das Theologiestudium? Oder knüpft er es an die Jahre des
Dienstes in der Gemeinde?
Immer wieder fällt mein Blick auf das elfte Kapitel des Matthäusevangeliums:
Roland Potthast 23

”Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der
Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast, und hast es den Unmündigen
offenbahrt.”
Und immer wieder muß ich daran denken, wieviel tiefe Weisheit Gottes ich in den
ungeübten Worten derer gefunden habe, die nichts über Barth und Bultmann wußten,
und die doch tief hineingeblickt hatten in das Herz Gottes.
Da gibt es natürlich auch noch die Neunmalklugen - die sich für sehend halten in den
Fragen der Kirchen, der Prophetien und allen Fragen der Schrift. Es gibt die Unruhestifter
um des Rechthabens willen. Herr, erbarme dich unser, um frei zu werden von dem Geist
des Streites und Zanks.
Und dann gehen wir neu heran an Jesus, an Gott, an die Bibel:
Wir haben uns auf den spannenden Weg gemacht, in einem Jahr quer durch die Bibel
zu lesen. Dabei reden wir über die Bibel, wir reden über Gott, wir bleiben nicht still,
sondern wir werden aktiv und reden mit!
Wir dürfen mitreden, weil Gott den direkten und persönlichen Weg zu ihm freigeschau-
felt hat durch Jesus. Wir können damit noch nicht Grichisch oder Latein (wenn natürlich
mancher es in der Schule gelernt hat, so wie ich persönlich). Aber im Allgemeinen sind
wir noch keine Gelehrte in Fragen der Kritik oder Geschichte. Dazu brauchen wir die
Fachgelehrten und sie haben ihre große Verantwortung.
Doch jeder Christ hat das Recht, über den Glauben zu reden und seine Fragen zu
stellen. Er hat das Recht, seine Antworten zu suchen und mit Theologen, Pastoren, Ver-
bandsleitern, Predigern und vielen mehr darüber ins Gespräch zu kommen.
Lassen Sie sich nicht mundtot machen, durch den unangemessenen Kompetenzan-
spruch, den so viele vor sich hertragen. Locken Sie die Theologen aus ihren Festungen,
um Christus zu bekennen und ihm zu folgen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Ihre Herzen und Sinne in
Christus Jesus!

1.4 Ich versteh dich nicht! ... - von den Gleichnissen (Matthäus 13)
1.4.1 Für Eilige: das Gleichnis vom Schatz im Acker
Wie steht es um die Gegenwart Gottes heute in der Welt? ”Gott heute” - was bedeutet das
eigentlich? Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie es in der Gegenwart Gottes
heute aussieht? Wie ist das: Leben im Angesicht Gottes?

Wie ist Gott?

Der Evangelist Matthäus redet vom ”Himmelreich”, wenn er über die Gegenwart Got-
tes heute spricht. ”Himmel” - das kennen Sie, denn es ist vielfach verarbeitet worden
in der Geschichte der Christenheit. Aber ”Himmel” muß heute neu buchstabiert werden,
wenn wir diesen Himmel - das Himmelreich Gottes - verstehen wollen. ”Himmel” bedeutet:
”Leben in der Gegenwart Gottes”!
Damit sind wir mitten im Gleichnis vom ”Schatz im Acker.” Jesus erzählt eine Ge-
schichte darüber, was es mit dem Leben in der Gegenwart Gottes auf sich hat.
24 Die Bibel für Menschen von heute ...

”Mit dem Leben in der Gegenwart Gottes ist es wie mit einem riesigen Vermögen,
das mit einer innovativen Idee zu verdienen ist. Ein junger intelligenter Unternehmer
entdeckt diese Idee. Und er gibt seine letzten Ersparnisse, um das Patent an dieser Idee
zu erwerben.”
So ist es mit der Gegenwart Gottes auch heute. Sind Sie bereit, alles zu geben und
alles loszulassen, um in die Gegenwart Gottes hineinzutreten?

1.4.2 ”Ich versteh dich nicht! ...” - Zugänge zu den Gleichnissen


Wie bekomme ich einen Zugang zu den Gleichnissen Jesu? Gibt es da ein Rezept? Wie
geht es vonstatten? Studieren? Bestimmte Regeln? Was kann ich tun?
Wir wollen den Versuch wagen, einiges zu den Gleichnissen zu sagen. Wir wollen
grundsätzlich überlegen, wie ich einen Zugang bekommen kann. Und es sollen (unter Teil-
abschnitt 3) einige Gleichnisse ausgelegt werden.
Dürfen wir zugeben, was wir an den Gleichnissen nicht verstehen? Ja wir dürfen und
sollen es zugeben. Mit dem Entschluß, unsere Unwissenheit zu Gott zu tragen, gleichen
wir dem Sünder, der vor Gott steht und ihn um Erbarmen bittet.
Die Gleichnisse sind nicht ohne weiteres zu durchschauen: Der Evangelist Matthäus
zitiert Jesajas Reden über die Worte Gottes: ”Mit den Ohren werdet ihr hören und werdet
es nicht verstehen, und mit den Augen werdet ihr sehen und werde es nicht erkennen. Denn
das Herz dieses Volkes ist verstockt ...”
Es ist unsere Gottesferne, die uns Schwierigkeiten beim Verständnis der Gleichnisse
macht. Wie aber können wir die Gleichnisse verstehen? Wie bekommen wir einen Zugang
zu ihnen? Sie werden beim weiteren Lesen feststellen, daß wir einen Zugang zu den Gleich-
nissen gar nicht in den Gleichnissen selbst sehen, sondern in Ihrem Verhältnis zu Gott.
Bitte lassen Sie sich einfach einmal drauf ein ...!
Roland Potthast 25

Tipps zum Verständnis der Gleichnisse:

Die folgenden Tipps erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit! Wir wollen nicht
behaupten, daß es genau so und nicht anders sein muß! Diese Tipps wollen kleine Hilfen und
vorsichtige Anregungen sein für Menschen, die mehr wissen wollen über Gottes Gleichnisse.

a. Gehen Sie zu Gott und bitten Sie ihn, sich Ihnen zu zeigen in seiner Gegenwart. Bittes
Sie Gott, in ihr Leben hineinzutreten. Nur durch Gott selbst können Sie die Gleichnisse
verstehen. Die Bitte um Verständnis können Sie täglich wiederholen!

b. Rechnen Sie damit, daß es einige Zeit braucht, bis Gott Ihnen mehr von sich selbst
zeigen kann. Richten Sie sich auf einen längeren Veränderungsprozess ein. Gott möchte Sie
umgestalten mit Ihrer ganzen Person - und mit jedem Schritt dieser Veränderung werden
Sie mehr von den Gleichnissen verstehen. Sie brauchen keine Angst zu haben, denn:

c. Gott geht mit uns kleine Schritte, die wir ertragen können und zu denen wir den Mut
finden. Wir brauchen uns nicht zu fürchten, daß uns Gott etwas überstülpt. Nein, wir wer-
den entdecken, wie unermeßlich befreiend und erleichternd die Gegenwart Gottes für uns
ist! Ein erlöstes Kind Gottes gleicht einem oder einer Heimgekommenen, die schluchzend
in der Ecke sitzt und die Freude noch gar nicht fassen kann!

d. Bitten Sie Gott konkret um Weisheit für die einzelnen Gleichnisse und Worte, die
Sie nicht verstehen. Und dann geben Sie Gott die Zeit, Sie hineinzuführen in ein tieferes
Verständnis der jeweiligen Geschichte. Denken Sie daran, daß schon die Heilung eines
gebrochenen Beines Wochen dauert. Wie soll es da mit der Heilung einer gebrochenen
Seele und eines schwer erkrankten Verstandes sein? Gott wird unseren Blick heilen, wenn
wir es zulassen ... im Laufe der Zeit!

e. Öffnen Sie ihr Herz für Gottes Wege! Wie öffnet man sein Herz? Wir können nur
einige Dinge ansprechen, die Ihnen vielleicht weiterhelfen können ... Mit etwas Mut for-
mulieren wir die folgenden Zeilen.

1) Werfen Sie ihre Träume über Bord und wenden Sie sich Gottes Träumen zu. Werfen
Sie ”sich selbst” über Bord und wagen Sie Gedanken und Schritte, die ganz Gott gelten.
Aber denken Sie daran, daß Gott sie höher schätzt als alles, was sie sich an Wert dieser
Welt denken können. Behandeln Sie sich ebenso!

2) Gestehen Sie sich Ihre Verletzungen ein und bringen Sie diese zu Jesus Christus!
Legen Sie sich mit Ihren Fragen und Problemen Gott zu Füßen. Gestehen Sie sich selbst
und Gott zu, wo es bei Ihnen drunter und drüber geht, und sei der äußere Schein noch so
perfekt!

3) Lassen Sie die Überzeugung fallen, Sie könnten sich Gottes Zuwendung verdienen
durch Ihre Leistung. Hören Sie auf, um die Anerkennung Gottes durch Taten, Geld, Worte
oder Gedanken zu kämpfen.
26 Die Bibel für Menschen von heute ...

4) Gehen Sie als ein Kind zu Gott und hören Sie unvoreingenommen seine Worte! Lesen
Sie neu und unvoreingenommen die Bibel! Werfen Sie allen Ballast an Lehren, Theorien,
Grundsätzen und persönlichen Erfahrungen über Bord, um sich einen Augenblick völlig
einzulassen auf die Worte Jesu, der durch das neue Testament auch heute zu Ihnen reden
möchte.
Mancher Wissenschaftler muß bei diesem Ratschlag, Lehren oder Theorien über Bord
zu werfen, sicherlich stutzen. Aber schon unter Wissenschaftlern ist es eine gute Übung,
jeden Tag eine der Lieblingstheorien über Bord zu werfen, um die Freiheit zu kreativem
Denken und Schlußfolgern zu erlangen. Wieviel sinnvoller ist dies, wenn es um ein tieflie-
gendes Verständnis der Bibel geht.

1.4.3 Beobachtungen aus der Wirklichkeit - Gedanken zur Auslegung einiger


Gleichnisse
Die Gleichnisse von Matthäus 13 sind vielfältig. Wir möchten Ihnen einige Gedanken an
die Hand geben, die zum Verständnis helfen. Auch hier gilt: unsere kleinen Kommentare
können nicht die Fülle der Literatur und tiefen Gedanken ausschöpfen, die von Christen
und Theologen in der Zeitgeschichte gesammelt wurden. Hören Sie auf die Weisheit, die
von hingegebenen Nachfolgern Gottes ausgeht, es lohnt sich!

Das Gleichnis vom Sämann. Ein Gleichnis über die Ablenkungen von der Gegen-
wart Gottes. Es gibt so viele Dinge, die uns Menschen näher sein können als der Ursprung
unseres Lebens und unserer Existenz! Es gibt so viele Dinge, die Gottes neues Leben in
uns wieder ersticken wollen.
Beobachtungen aus der Wirklichkeit: Wie wichtig werden uns im Laufe der Zeit ganz
verschiedene Dinge: Freunde, Familie, Kinder, Job, Auto, Wohnung, Geld, Aussehen, Wir-
kung, Ansehen, Dauerhaftigkeit etc etc etc.
Wo bleibt Gottes Gegenwart das bestimmende Moment? Wo bleibt Gottes Liebe die
treibende Kraft unseres Lebens?

Das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen. Eine Warnung, nicht vor der Zeit
die Guten von den Bösen trennen zu wollen - in und außerhalb der christlichen Gemeinde.
Wer kann von sich sagen, daß er klar ein Sproß des Guten wäre? Wer kann ausschließen,
von Gott abzufallen und Gott zu verleugnen?
Beobachtungen aus der Wirklichkeit: Christen sind nicht besser als andere Menschen.
Gerade in christlichen Gemeinden wachsen die Ansprüche und es wächst oft der Zank und
Streit. Aber es kann auch anders sein. Überall gibt es Menschen, die ruhig und bescheiden
den Weg Jesu gehen. An diesen Menschen sollten wir uns orientieren!

Das Gleichnis vom Senfkorn. Eine Ermutigung für alle, die verzweifeln wollen an
der Ohnmacht des Reiches Gottes. Es ist wie der winzigste Beginn, und wird doch so groß
werden, daß sie alle Unterschlupf suchen, groß und klein!
Beobachtungen aus der Wirklichkeit: Unter dem großen christlichen Dach versuchen
sich heute viele zu bergen. Die Pflanze ist groß geworden ... und doch ist sie immer noch
Roland Potthast 27

klein, wo es um ein Handeln ganz aus dem Geist Jesu heraus geht - um die Liebe und den
Dienst, der aus der Demut Gottes heraus gewachsen ist!

Das Gleichnis vom Sauerteig. Das Wort Gottes kann nicht ohne Wirkung zurück-
kommen. Das Reich Gottes muß um sich greifen und die Umwelt beeinflussen! Es ist wie
eine wichtige Nachricht, die von ihrem Ursprung überall hin weitergetragen wird, bis sie
jeden direkt oder indirekt erreicht hat.
Beobachtungen aus der Wirklichkeit: Die ganze Welt scheint durchtränkt von den Ge-
danken Jesu - ohne sie als solche zu identifizieren. Menschenrechte, Würde des Menschen,
Naturschutz, Gerechtigkeit und Solidarität und vieles mehr, sind ganz im Kern der Liebe
Jesu zu finden.
Hoffen wir darauf, nicht nur viele Menschen indirekt mit christlichen Gedanken zu
erreichen, sondern auch ganz konkret zu Nachfolgern Jesu heute zu machen!

Das Gleichnis von der Kostbaren Perle. Ein Gleichnis über die Bedeutung des
Reiches Gottes für einen Menschen. Die Gegenwart Gottes ist mehr wert, als alle anderen
Dinge. Sie ist wie eine bahnbrechende Entdeckung, die ein Wissenschaftler tat. Und er gab
alle andere Forschung auf, um diese eine viel wichtigere Sache zu verfolgen.
Beobachtungen aus der Wirklichkeit: Nicht viele Menschen schaffen den Sprung von
der Bewunderung der kostbaren Perle zu ihrem Erwerb unter Einsatz ihres Lebens. Doch
nichts weniger ist der Weg Jesu Christi: Wer nicht alles aufgibt, was er hat, der kann nicht
mein Jünger sein! Wir wollen diesen Anspruch Jesu besser vermitteln und den Menschen
um uns her bekannt machen, um der Liebe willen!

Das Gleichnis vom Fischnetz. Die Gegenwart Gottes ist eine Einladung an jeder-
mann! Jeder Mensch kann und soll kommen. So ist es mit dem Fischnetz, mit dem Wort,
daß gesprochen wird und auf Antwort wartet. Es erreicht viele verschiedene Menschen.
Am Ende der Zeit wird Gott entscheiden, was es mit den Fischen im Netz auf sich hat.
Dann erst werden wir entgültig wissen, wie es um uns selbst bestellt ist. Was sich heute
abzeichnet und was Gott vorbereitet, wird dann seine Vollendung finden!
Beobachtungen aus der Wirklichkeit: Bis heute fehlen Menschen, die das passende
Netz auswerfen und mit modernen Worten die moderne Botschaft vom lebendigen Je-
sus verständlich machen. Wollen Sie selbst sich heute berufen lassen von Jesus Christus,
um andere zu ihm zu rufen?

1.4.4 Wort beim Wein: An einen anonymen Theologen - von einem anonymen
Freund.
Lieber Theologe!
Bitte erlaube mir ein offenes Wort an dich. Weil ich dir nicht persönlich schrei-
be, kann ich heute ehrlicher und direkter sein, als ich es persönlich sein dürfte.
Ich möchte Dich auf deinen Dienst als Pfarrer und Theologe ansprechen und
auf dein Verhältnis zu Gott. Dabei geht es auch ein wenig um Deine Lehren
und Deine Theologie.
28 Die Bibel für Menschen von heute ...

Du hast deine Ausbildung genossen unter dem Einfluß der zeitgenössischen


theologischen Schulen. Ich denke es ist gut, daß es all diese verschiedenen Ge-
danken und Ansätze gibt, die Bibel zu untersuchen und zu hinterfragen. Es
sind Fragen, die man sich bei einem systematischen und kritischen (=unter-
scheidendem) Vorgehen machen muß.

Aber ich habe den Eindruck, daß du bei all diesen Dingen nicht zum klaren
Glauben an Jesus Christus durchgedrungen bist. Sind dir die Theorien nicht
eher eine Last und ein Hindernis, um Gott näher zu kommen und den leben-
digen Jesus Christus auch heute zu entdecken?

Verzeih bitte meine Direktheit, aber es ist mir sehr wichtig. Ich denke auch
nicht, daß das kritische Denken einen Menschen von Gott fernhalten muß.
Aber ich beobachte immer wieder, daß gerade manche Pfarrer oder Theologen
nicht den Durchbruch schaffen. Wie kann man Dir behilflich sein, wie ein Kind
vor Gott zu stehen und dann auch andere Menschen an diesem wunderbaren
Verhältnis Teil haben zu lassen.

Verstehst du, wie wichtig dieses ist? Es ist für dich selbst wichtig, weil doch
Gott sich so sehr danach sehnt, daß du hinter den Interpretationen ihn selbst
entdeckst. Und es ist für die Menschen in deiner Gemeinde unendlich wichtig,
weil du für Sie zum Hirten berufen bist, der ihnen Gott so nahebringen soll, daß
Sie auf das Wort Gottes hin glauben können an den lebendigen Jesus Christus.

Deine Theologie ist eng verknüpft mit Deinem Verhältnis zu Gott. Es macht
einen riesigen Unterschied, ob Du eher dem Verstand und theologischen Ka-
pazitäten vertraust, oder Gott, der durch das neue und alte Testament zu Dir
spricht. Die theologischen Kapazitäten haben ihre Weisheit auch nur aus einer
Interpretation der Bibel. Ist das nicht ein guter Grund, sich (unter Berücksich-
tigung der in der Geschichte geschriebenen Argumente) zuerst auf die Quellen
selbst einzulassen?

Bitte bedenke, daß Du mit dem, was Du den Menschen von Gott erzählst,
einen Unterschied machst! Wer an Jesus glaubt, der lebt in der Gnade Gottes.
Zu diesem Glauben kannst Du beitragen! Es ist kein abstrakter Glaube, son-
dern die persönliche Begegnung mit dem lebendigen Jesus Christus durch sein
geschriebenes, gepredigtes und weitergegebenes Wort, durch die Erfahrungen
seiner Nachfolger und im Gebet - persönlich oder in der Gemeinschaft von
Christen!

Bitte versteh meine Worte nicht als Angriff, sondern als ehrliche und aufrichtige
Nachfrage getrieben von dem Wunsch, daß die Menschen in deiner Gemeinde
mehr von dem wunderbahrsten Wesen dieses Universums kennenlernen - von
Jesus Christus, von Vater, Sohn und heiligem Geist.

Dein anonymer Freund.


Roland Potthast 29

1.5 Die letzte Reihe ... - von großem Glauben (Matthäus 15, 21-28)
1.5.1 Für Eilige: von der Freundschaft ...
”Die zwei Freunde kannten sich schon seit Jahren. Sie waren gemeinsam durch Dick und
Dünn gegangen, hatten gute und schlechte Zeiten miteinander durchgestanden. Freund-
schaft - dieses Wort hatte für beide eine eine tiefe Bedeutung gewonnen und war durch
ihr Leben mit Erfahrung erfüllt.
Wie hatte diese Freundschaft angefangen? Wie hatten die zwei sich kennengelernt?
Manchmal dachten sie zurück an die Anfänge ihrer Gemeinsamkeit. Damals wußten sie
nicht viel voneinander, sie waren sich im Grunde fremd und unbekannt. Sie hatten nur
einige Projekte gemeinsam durchzuziehen. Doch eine tiefliegende Gemeinsamkeit brachte
sie enger zueinander ... und ihr Weg begann.
Es war kein einfacher Weg. Ihre Freundschaft wurde oft in Frage gestellt. Zu unter-
schiedlich waren sie trotz ihrer Gemeinsamkeiten. Doch gerade in solchen kritischen Au-
genblicken faßten sie immer wieder beide den Entschluß, sich treu zu bleiben - dem anderen
zu vertrauen und auf die Freundschaft zu setzen, die alle Schwierigkeiten überwindet.”

Kennen Sie solche Momente, wo Sie auf die Freundschaft gesetzt haben, trotz aller
Probleme? Kennen Sie die Momente des Vertrauens, wo Sie sich einlassen auf die Freund-
schaft des anderen, daß er Ihnen gut gesinnt ist und sie nicht hängen läßt? Um diese Art
von Glauben wird es gehen, wenn wir über den ”großen” Glauben reden - und von der
letzten Reihe im Reich Gottes.

Tipps für diese Woche:


1) Versuchen Sie sich in der Freundschaft. Pflegen Sie eine alte Freundschaft - und
suchen Sie eine neue in dieser Woche.
2) Denken Sie einmal darüber nach, was es mit der Freundschaft zu Gott auf sich
haben könnte!

1.5.2 Von großem Glauben (Matthäus 15, 21-28)


”Und Jesus zog sich zurück in die Gegend von Tyros und Sidon. Und eine kanaanäische
Frau kam zu Jesus aus dem Gebiet. Und sie sprach ihn an: Ach, Herr, du lange verspro-
chener Sohn von Gottes Diener David! Erbarme dich meiner Tochter, sie leidet sehr unter
einer unbekannten Krankheit. Aber Jesus sprach kein Wort mit ihr. Und seine Jünger
kamen zu ihm und baten ihn: laß sie gehen! Denn sie schreit uns nach. Er aber sagte zu
ihnen: ihr wißt, daß mein Auftrag ist, zum Volk Israel zu gehen und die Menschen zu
Gott zu bringen, die verloren sind, nicht mehr! Die Frau aber kam und warf sich vor ihm
auf den Boden und sprach: Hilf mir! Er aber sagte zu ihr: es ist nicht in Ordnung, wenn
ein Vater seinen Kindern das Essen vom Teller nimmt, um es den Haustieren zu füttern.
Sie sagte: Herr, du hast recht. Und doch fressen die Haustiere das, was die Kinder fallen
gelassen und ausgespuckt haben. Da antwortete Jesus und sagte zu ihr: Dein Glaube ist
groß! Es soll so geschehen, wie wie du es willst. Und ihre Tochter wurde gesund zu dieser
Stunde.” (Matthäus 15, 21ff)
30 Die Bibel für Menschen von heute ...

Die Geschichte von Matthäus 15 möchte uns einiges klarmachen über das Leben, über
den Glauben und über die Bedeutung der letzten Reihe!

1. Das Leben. Das Leben fängt dort an, wo wir vor Gott zum Bittsteller werden.
Für uns hat dieses Wort Bittsteller heute einen eher negativen Klang - doch so ist das
nicht gemeint. An anderer Stelle wird von der ”Kindschaft” geredet. Solche Kinder Gottes
sind Menschen, die Gott in seiner Größe erkennen und die um sich selbst wissen. Jesus
sagt selbst: ”Wenn ihr nicht wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Reich Gottes
gelangen.” Darum gehen sie zu dem, der allein das Leben ist, zu Jesus Christus. Die Frau
in unserem Gleichnis ist ein solcher Mensch. Sie erkennt das Leben: Jesus, den verheißenen
Sohn des Davids.

2. Der freundschaftliche Glaube. Die Frau hat diesen freundschaftlichen Glauben,


den wir im ersten Teilabschnitt geschildert haben. Sie vertraut fest darauf, daß Gott sie
nicht leer ausgehen läßt, daß sie sich auf Jesus verlassen kann. Sie vertraut darauf, obwohl
dies nicht durch Recht oder Ansprüche abgedeckt ist. Das ist Freundschaft. Das ist der
freundschaftliche Glaube, den Jesus bei uns sucht.

3. Die letzte Reihe: von großem Glauben. Die Frau stellt sich selbst in die letzte
Reihe. Sie erkennt und sagt klar, daß andere zuerst kommen! Sie drängt sich nicht nach
vorne, um die anderen auszustechen. Aber doch vertraut sie darauf, daß bei Gott die letzte
Reihe einen überwältigenden und machtvollen Reichtum bedeutet, der für sie vollauf genug
ist. Das ist großer Glaube, der nach Gottes Herzen ist.

1.5.3 Seid aller anderen Diener! ... - wie macht man das?
Wir haben gerade über die letzte Reihe gesprochen. An anderer Stelle sagt Jesus seinen
Jüngern: wer der größte unter euch sein will, der soll der letzte sein und aller Diener!
(Markus 9)

Wie macht man das heute: Diener sein? Dienerin sein? Wir haben einige Gedanken
zusammengestellt, was das dienen heute bedeuten kann - und was es nicht bedeutet.

Dienen bedeutet:

+ auf ein wenig Vergnügen zu verzichten, um eine andere Art von Vergnügen zu gewinnen:
die Erfahrung, einem anderen ohne Eigennutz helfen zu können.
+ ein Stück Berechnung aufzugeben und nicht zu erwarten, etwas wiederzubekommen, um
die Freiheit zu spüren, die aus diesem Dienst entspringt.
+ auch auf diese indirekten Belohnungen zu verzichten, um sich ganz auf Gott einzulassen,
der uns ein wahrer Freund sein will.
+ das eigene Leben nicht höher zu schätzen als das eines jeden anderen Menschen. Jeder
soll das Notwendige bekommen und jedem soll ein Leben in Geborgenheit und Vertrauen
ermöglicht werden.
Roland Potthast 31

Dienen bedeutet n i c h t:

+ allen immer alles recht machen zu wollen.


+ immer nur einzustecken.
+ ungerechte Ansprüche widerspruchslos zu dulden.
+ sich immer oder meistens ausnutzen zu lassen.
+ sich selbst schlecht zu behandeln oder schlecht behandeln zu lassen.
+ anderen nicht an passender Stelle die klare Wahrheit zu sagen, auch wenn sie unange-
nehm ist.
+ andere immer nur lieb und nett zu behandeln.
+ Rechtsbrüche ungestraft zu lassen.
+ sich immer allem und jedem einfach unterzuordnen.

Dienen kann bedeuten:

+ auf Verantwortung in bestimmten Dingen zu verzichten, aber auch:


+ Verantwortung zu übernehmen im Kleinen und im Großen.
+ auf Macht bewußt zu verzichten, aber auch:
+ Macht bewußt auszuüben und darin Jesus treu zu bleiben.
+ dem Lebenspartner in den alltäglichen Dingen zur Hand zu gehen, aber auch:
+ den Lebensparner bestimmte Aufgaben erledigen zu lassen.

Dienst im Sinne des neuen Testaments ist immer zuerst ein Leben in der Freiheit und
in der Freundschaft Jesu Christi, gebunden an ihn und seine Worte.

1.5.4 Wort beim Wein: Bereit für ein Leben mit Gott?
Wir haben so viel über Dienst gesprochen - das hat zu tun mit einem Leben mit Gott.
Beim letzten Treffen ging es um das Verstehen der Gleichnisse ... und auch dort sind wir
auf die Frage gestoßen: wie ist das mit unserem Leben? In welchem Verhältnis stehen wir
zu Gott?
Ich möchte die Frage einmal anders stellen: sind wir bereit für ein Leben mit Gott?
Bin ich es? Sind Sie es?
Bitte geben Sie keine schnelle Antwort. Denken Sie einmal in einer ruhigen Stunde
darüber nach - vielleicht bei einem Glas Wein oder mit einem Spaziergang. Reden Sie
einmal mit einem Freund darüber: bin ich bereit für ein Leben mit Gott?
Vielleicht haben Sie durch christliche Freunde, Bücher, Webpages, Emails oder das
Evangeliumsnetz schon einiges über dieses Leben mit Gott mitbekommen. Sie wissen also
zumindest ein wenig, was das eigentlich bedeutet, oder?
Fragen Sie sich einmal, ob sie dazu bereit sind, mit diesem Gott durch das Leben zu
gehen. Fragen Sie sich, ob Sie Gott Ihr Leben voll und ganz anvertrauen würden. Wenn Sie
diese Frage mit Ja beantworten können, dann möchte ich Sie fragen: haben Sie das denn
schon getan? Haben Sie Gott ihr Leben anvertraut und vertrauen Sie sich ihm täglich neu
an?
32 Die Bibel für Menschen von heute ...

Machen Sie es jetzt (wieder neu) fest! Das Vertrauen verdient es, täglich ausgesprochen
und täglich erneuert zu werden. Gott hat dies schon lange ausgesprochen, indem er sagt:
siehe, meine Güte ist jeden Tag neu! Vertrauen ist ja keine einmalige Aktion, sondern ein
Zustand. Aber Vertrauen braucht immer wieder auch klare Entscheidungen.
Wenn Sie noch zögern, lassen Sie sich nicht zu sehr drängen. Räumen Sie in aller Ruhe
Ihre inneren Bedenken aus dem Weg. Aber bedenken Sie auch:

Vertrauen ist immer ein Wagnis.


Freundschaft braucht immer Mut!
Liebe braucht täglich den Mut
ein klares Ja zu sagen zum anderen!

1.6 Mit Jesus leben ... - große und kleine Schritte (Matthäus 16 & 17)
1.6.1 Für Eilige: im Zentrum der Liebe
Was bedeutet das Leben mit Gott? Was ist das Wesentliche? Und wie sieht dieses Leben
aus?
Das Wesentliche des Lebens mit Gott ist die Liebe. Wer Gott kennenlernt, der lernt
die Liebe kennen - und bei einem Leben mit Gott macht ein Mensch einen Schritt hinein
in dieses Zentrum ... hinein in das Zentrum der lebendigen und ursprünglichen Liebe.
Jeder Mensch kennt die Liebe ... zumindest würden die meisten Menschen das wohl von
sich behaupten. Wir Menschen sind zur Liebe gemacht, im körperlichen Sinne genauso wie
im Sinne unserer gesamten Persönlichkeit: zur Liebe zwischen Mann und Frau, zur Liebe
zu den Mitmenschen und zur Liebe zu Gott, dem Schöpfer und Vater.
Und doch ist die Liebe Gottes noch etwas viel Tiefergehendes, als wir uns das denken
können. Hier begegnen wir nicht nur einem liebenden Wesen - hier begegnen wir dem
Ursprung und der Quelle aller Liebe selbst - und einer Liebe mit einer unübertroffenen
Freiheit, Reinheit, Intensität und Tiefe.
Die Liebe Gottes ist an die Wahrheit und das Recht gebunden und füllt beide voll
aus. Diese Liebe ist voller Barmherzigkeit und Wahrhaftigkeit ... geradezu unfaßbar und
überwältigend. Ein Leben mit Gott kann von dieser Quelle nehmen und geben ...

1.6.2 Schritte beim Leben mit Jesus


Die Begegnung mit der Liebe Gottes lebt nicht im Abstrakten. Ganz konkret hat Jesus
seine Nachfolger durch verschiedenste Situationen geführt ... und sie so weiter hinein in
die Liebe und Wahrheit Gottes gebracht.
Wir wollen anhand der Abschnitte von Matthäus 16 und 17 einige Bestandteile dieses
Lebens mit Jesus Christus kennenlernen.

1) Überwindung des Zweifels (Matth.16, 1-12). Vertrauen kann nicht durch


Beweise gewonnen werden. Vertrauen muß gewagt werden aufgrund der Worte und des
Charakters eines Menschen ... oder Gottes! Darum ist es ein verkehrtes Geschlecht, welches
das Vertrauen auf Zeichen gründen will - es geht grundsätzlich vorbei am Wesen Gottes
Roland Potthast 33

und am Wesen der Liebe! Es ist ein kleiner (und doch auch großer) Schritt des Lebens mit
Jesus, dieses wichtige Fundament der Liebe zu verstehen und zu betreten.

2) Einblick in tiefere Zusammenhänge (Matth. 16, 13-20). Petrus erkennt und


bekennt Jesus als den Christus, den heilenden Sohn Gottes. Auch dieses ist ein wichtiger
kleiner (und wesentlicher) Schritt eines Lebens mit Jesus. Es ist eine Frage der Wahrheit
und des persönlichen Anteils an der Wahrheit, Jesus als den zu sehen und zu bekennen,
der er ist.

3) Bereitschaft zum vollen Einsatz (Matth. 16, 24). Jesus sagt: ”Will mir je-
mand nachfolgen, der verleugne sich selbst.” Konkret heißt das: wichtig ist Jesus, ich selbst
bin nur, insofern ich an Jesus einen Anteil habe! Das ist ein weitreichender Schritt im Le-
ben mit Jesus - und doch auch so elementar, daß man ohne einen Anfang darin kaum
etwas von dem wirklichen Jesus mitbekommen wird. Es ist ein Merkmal der Liebe, sich
zu verleugnen um des anderen willen. Die Liebe überwindet die falsche Perspektive eines
Menschen, der sich selbst im Mittelpunkt sieht ... und stellt den Geliebten in den Mit-
telpunkt. Und in der Begegnung mit dem anderen findet sich der Liebende wieder selbst
im Mittelpunkt - durch die Liebe, die ihm erwiesen wird.... nur um diese Aufmerksamkeit
selbst wieder weiterzugeben an den anderen, um wieder herauszutreten aus der Mitte und
dem anderen den vollen Raum einzuräumen ... Die Selbstverleugnung ist die treibende
Kraft des wundervollen belebenden Wechselspiels der Liebe.

4) Meine Identität (Matth. 16, 25). Das Wechselspiel der Liebe findet sich auch
in der Frage meiner Identität ... der Frage danach, was ich bin. ”Wer sein Leben findet,
der wird es verlieren” sagt Jesus.
Wer sich nicht verlieren will, der geht verloren - weil er die Liebe nicht verstehen kann
und will.
Und Jesus sagt: ”wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.” Hier
bindet Jesus das Leben nicht nur an die Liebe, sondern auch an ihn selbst. Er selbst i s t die
Liebe - die ursprüngliche Liebe in Wahrheit und in tiefem Leben. Jesus sagt hier, daß seine
Worte nicht nur eine Lebensphilosophie beschreiben (wie man bei den tiefsinnigen Worten
über die Liebe denken könnte). Es geht um Wahrheit und Kraft - einer ursprünglichen
Lebenskraft, an der wir durch unser Leben mit Jesus Anteil bekommen.

5) Die richtige Währung (Matth. 16, 26+27). Womit kann ein Mensch seine Seele
auslösen? Wo bekommt ein Mensch eine Währung, mit der er in Lebensfragen bezahlen
kann?
Die richtige Währung des Lebens heißt Jesus Christus ... heißt ”Glaube” an Jesus
Christus. Dieser Glaube ist die Substanz, aus dem das Leben mit Jesus gemacht ist ... und
dieser Glaube ist der Gang durch die Türen und Vorhänge, die uns vom Leben trennen.

6) Grenzen überwinden (Matth. 17, 1-13). Die Jünger sehen in einer Vision,
einem Traum, einem Bild den schneeweißen verklärten Jesus.
34 Die Bibel für Menschen von heute ...

Ist das Ausnahme und einmaliges Ereignis? Nein, dieser Blick der Jünger ist ein tiefer
Blick in die Wahrheit. Er ist ein Blick quer durch die oft so undurchdringlichen Schranken,
die unser Erkennen, Denken und Leben behindern.
Es gehört zum Leben mit Jesus, die Grenzen unseres Denkens zu überwinden und
Jesus auch heute in seiner ganzen Herrlichkeit sehen zu lernen. Das apostolische Glau-
bensbekenntnis nimmt diese umfassende Macht Jesu in den Blick: ”.. er sitzt zur Rechten
Gottes. Von dort wird er kommen, um die Lebenden und Toten zu richten.”

7) Möglichkeiten und Schwierigkeiten (Matth. 17, 14-23). ”Oh du ungläubiges


und verkehrtes Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein?” fragt Jesus seine Jünger. Und
dann: ”Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn ...”
Zum Leben mit Jesus gehören die Möglichkeiten Gottes und unsere Schwierigkeiten,
die Wahrheit und Wirklichkeit zu erfassen und in unserem Leben Wirklichkeit werden zu
lassen.
Zum Leben mit Jesus gehören die kleinen und großen Schritte, mit dem Glauben und
Gottes Macht täglich kleine und große Erfahrungen zu machen.

8) Leben im Umgang mit kirchlichen Strukturen (Matth. 17, 24-27). Kaum


hat ein Mensch neu begonnen, Gott zu entdecken und mit Jesus Christus zu leben, kom-
men die kirchlichen Strukturen und erheben ihre Ansprüche. In der Geschichte von der
Tempelsteuer wird das ganz praktisch erzählt.
Von wem nehmen die Könige auf Erden Zoll und Steuern? fragt Jesus. Und stellt fest:
so sind die Kinder frei! Die Freiheit der Kinder ... das ist die Freiheit der Liebe.
Jesus gibt ein ungeheures Vorbild für diese Freiheit der Liebe - auch zur Kirche, ja
sogar zu einer Kirche, die zu Unrecht Ansprüche stellt. Er weist die Ansprüche zurück ...
und zahlt dann dennoch.
Das Leben mit Jesus wird auch ein Leben mit anderen Christen und mit ganz unter-
schiedlichen Formen von Kirche (also von Gemeinschaft von Christen) sein. Nur die Liebe
Jesu wird uns die Kraft geben, in dieser Gemeinschaft auf Dauer zu leben, wirkliche tiefe
Gemeinschaft zu finden und zu erhalten.

1.6.3 Perspektive: Modernes Deutschland


Im folgenden finden Sie einige Entwürfe christlichen Lebens und Glaubens für ein modernes
Deutschland. Es handelt sich um eine kleine Auswahl von Skizzen. Lassen Sie sich einfach
einmal mit hineinnehmen in Visionen, was der Geist Gottes unter uns bewirken kann.

An den Straßenecken. Und an warmen Sommerabenden spielten sie neue und alte
Anbetungslieder an den Straßenecken ... und die Menschen blieben stehen, hörten zu oder
sangen mit.

Jesus loves me. Ein Mann im dicken BMW hielt am Straßenrand. Während er aus-
stieg, brummelte er leise vor sich hin. ”Das kann doch nicht so weitergehen. Da muß ich
doch einfach mal anhalten, Jesus.” Der ältere Herr schlenderte zu dem Penner an der
Ecke und sprach ihn an. ”Sag mal, hast du schon gegessen heute Abend? Ich lade dich
Roland Potthast 35

ein - es gibt da einen guten Italiener um die Ecke.” Und einen Augenblick später konnten
die anderen Passanten die beiden gemeinsam mit dem BMW um die nächste Straßenecke
biegen sehen. Und sie entdeckten auch den kleinen Aufkleber über dem Nummernschild:
Jesus loves me ... and you!

Sag mal, Susi, du hast die verändert. ”Sag mal, Susi, irgendwie hast du dich
verändert.” meinte die hübsche junge Dame im Straßencafe zu ihrer Freundin. ”Was meinst
du denn, Beatrice?” Susi beugte sich aus Interesse ein wenig vor, um Beatrice besser folgen
zu können. ”Nun, du bist soviel gelöster als noch vor einiger Zeit. Wie kommt das nur
...?” Susi strich sich mit der Hand ihre langen Haare aus der Stirn. ”Ja, weißt du ...”
- einen Augenblick zögerte sie, nach passenden Worten suchend. ”Es sind alle gelöster
und freundlicher geworden, seit wir mit Jesus leben, findest du nicht?” Beatrice nickte,
während ihr klar wurde, wie sehr Susi hier ins Schwarze getroffen hatte. Dieses Land hatte
sich wirklich verändert durch den lebendigen christlichen Glauben.

Auch der Haß auf die Ungerechtigkeit verzerrt die Züge. Karl war seit Jugend
als faul verschrien. Schon im Kindergarten ließ er sich nur schwer dazu bewegen, aktiv
und mit Initiative irgendetwas Sinnvolles zu tun. Diese Wesensart hatte sich in der Schule
fortgesetzt und brachte Karl nicht viel Vergnügen mit Noten und dem Urteil seiner Lehrer
und Eltern. So schloß er sich bald einer Truppe von Prahlern und Unruhestiftern an,
einfach weil er dort nichts zu tun brauchte, um etwas zu gelten. Karl war inzwischen 15
und auf dem besten Weg, aus der Schule herauszufliegen wegen seiner schlechten Noten
und seines Verhaltens.
An diesem Morgen war die erste Stunde der Deutschunterricht. Werner Fassner unter-
richtete die Klasse seit zwei Jahren - und er hatte es kaum erlebt, daß Karl seine Aufgaben
auch nur halbwegs ordentlich erledigt hätte. Doch diesmal war alles anders. ”Wer möchte
etwas über die Literatur im zweiten Weltkrieg erzählen?” ”Ich möchte!” meldete sich Karl.
Und während Werner Fassner noch mit seinem Erstaunen beschäftigt war, begann Karl
zu erzählen, was er am Abend vorher gelesen hatte - zu aller Krönung waren es Zitate
aus dem Lehrbuch. ”Auch der Haß auf die Ungerechtigkeit verzerrt die Züge.” Zitate von
Berthold Brecht. ”Wissen Sie”, begann Karl zu erzählen. ”das kenne ich. Ich kenne diesen
Haß - auf die Leute, die mich nicht schätzen. Ungerecht finde ich das! Aber es macht mich
nicht hübscher, wenn ich darüber in Rage gerate. Und es nützt auch nichts. Es ist ja nicht
mein Fehler.”
Werner Fassner war Profi genug, um sich vor der Klasse nichts anmerken zu lassen.
Aber er war doch etwas verstört. Da Karl recht ruhig schien, fragte er nach: ”wie kommst
du denn darauf?”.
”Wollen Sie das wirklich wissen?” fragte Karl. ”Das geht nicht in einem Satz.” Und
Karl wunderte sich offensichtlich selbst über seinen Mut, hier vor der Klasse solche Themen
anzuschneiden. ”Erzähl, wir haben Zeit”, entschied Werner Fassner, der sich etwas wieder
gefangen hatte.
Und dann begann Karl von den letzten Tagen und Wochen zu erzählen. Er hatte
einige überzeugte junge Christen kennengelernt. Und diese Jugendlichen hatten ihm eine
Begegnung mit Jesus ermöglicht. Eigentlich war es zuerst nur ein Lesen der Bibel gewesen.
36 Die Bibel für Menschen von heute ...

Aber bald schien es Karl, als würde Jesus aus dem Buch heraussteigen, und ganz lebendig
in sein Leben hineintreten. Und er begann, etwas mehr von sich selbst zu verstehen. Er
entdeckte den Haß, von dem auch Bert Brecht etwas zu sagen wußte. Und viele Blockaden
fielen von ihm ab, so daß er seine Geschichte jetzt sogar vor der ganzen Klasse voller
Begeisterung erzählen konnte.
In der Pause nach dieser Stunde war Karl umlagert von einigen Mitschülern. Sie woll-
ten einfach mehr hören. Einige fanden seinen Mut cool. Karl stand mit einem mal im
Mittelpunkt, nur weil er wirklich etwas ernsthaftes v o n s i c h erzählt hatte, weil er die
Mauern eingerissen hatte, die selbst die Teens schon voneinander trennt.

1.6.4 Wort beim Wein: Bibelverstaendnis und Erkenntnistheorie


”Bibelverständnis ...”
Die Bibel ist ein tiefes Buch - und schon viele einfache und gelehrte Leute haben
versucht, sie zu verstehen und nach ihr zu leben.
Die Bibel zu verstehen hat seine ganz eigenen Schwierigkeiten. Dies merkt jeder auf-
merksame Leser schnell und unausweichlich. In Tausenden von Jahren sind die Texte ent-
standen. Die Kulturkreise haben sich verändert ... und selbst bei Kenntnis des gesellschaft-
lichen Umfelds einer Passage treten schnell weitere Fragen und Verständnisschwierigkeiten
auf.

”Erkenntnistheorie ...”
Erkenntnistheorie beschäftigt sich mit dem menschlichen Verstehen. Sie fragt, was
der Mensch von sich und der Welt erkennen kann, wie er Erkenntnis gewinnt und wie
Erkenntnis gesichert wird. Es geht dabei sowohl um ganz praktische Techniken als auch
um die philosophischen Grundlagen - um die Kritik der Vernunft und des Verstandes.
In der Bibel selbst beschäftigen sich einige der Texte direkt oder indirekt mit dem Er-
kennen. Große Teile des neuen Testaments sind sogar aus dem Grund geschrieben worden,
Menschen zu der Erkenntnis bestimmter Sachverhalte und zu der Begegnung mit einem
Menschen zu führen: mit Jesus Christus. Das neue Testament hat viel mit dem Erkennen
zu tun.

”Herausforderungen ...”
Eine moderne Erkenntnistheorie, die auch die biblischen Texte angemessen erfassen
will, muß sich mit den inhaltlichen Erkenntnisaussagen der Bibel beschäftigen. Sie muß
sich etwa mit dem Anspruch auseinandersetzen:
”Denn die Juden fordern ein Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber
predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit;
denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft
und Gottes Weisheit.” (1.Kor.22 ff)
Diese Rolle Jesu zu erfassen, ist eine ungelöste und herausfordernde Aufgabe für eine
analytischen Philosophie, die dem christlichen Glauben wirklich mit Verständnis begegnen
will. Haben wir eine Vorstellung davon, wie der heilige Geist unser Erkennen verändert?
Wie wirkt er ein auf Logik und Begriffsbildung, auf Wahrnehmung und das identifizie-
ren von Zusammenhängen? Welche Modelle und Vorstellungen nutzen wir, wenn wir über
Roland Potthast 37

unser eigenes Erkennen nachdenken? Müßte es nicht so etwas wie eine christliche Erkennt-
nistheorie geben, welche die erkenntnisbezogenen Aussagen der Bibel in geeigneter Weise
erfaßt? Geben uns die analytischen Ansätze des 20. Jahrhunderts hier neue Möglichkeiten
und neue Ideen?

Philosophie und Glaube. Die Geschichte der europäischen Philosophie ist in weiten
Teilen eng verknüpft mit den theologischen Grundfragen, auf die wir auch heute mit der
Bibel geraten. Das liegt u.a. daran, daß über 1000 Jahre die Philosophie als Magd der
Theologie (ancilla theologicae) verstanden wurde.
Viele Fragen sind in der Geschichte schon aufgegriffen, viele Antworten schon in den
Epochen europäischer Geistesgeschichte durchgedacht worden. Es kann für den wachen
und philosophisch interessierten Christen von heute sehr nützlich sein, sich mit diesen
Grundfragen und Grundaussagen zu beschäftigen. Nicht, daß wir so Gott finden könnten.
Nicht, daß dies unser Leben zur Erfüllung führen würde. Man findet die Quelle des Lebens
nicht durch die Philosophie - das macht das neue Testament unmißverständlich klar. Aber
es schützt vor Überheblichkeit und Irrtümern, wenn man sich die kritischen Fragen aus
zwei Jahrtausenden ansieht und die unterschiedlichen Konzepte kennenlernt.
Die heutige Welt kann man verstehen, wenn man ihr Wachstum und ihr Entstehen
kennenlernt. Es ist nicht etwas für jedermann, denn ein Mensch benötigt hier Interesse und
Begabung. Wir dürfen uns freuen, daß es eben nicht das Wissen ist, daß einen Menschen
Gott nahe bringt. Es ist nicht das Wissen, das einen Menschen mit der Quelle des Lebens
verbindet. Und doch kann Wissen für den Begabten schön sein wie die Musik, wie Sinfonien
oder die Pop-Alben und Pop-Konzerte der Gegenwart, weiterführend wie die Dichtung oder
die Malerei. Wissen ist gut, solange es nicht zum Abgott wird für uns!
Zur tiefliegenden Positionsbestimmung gehören die Klassiker des Platon und Aristo-
teles, die Stoiker, Epikureer und Skeptiker, aber auch die alten Schriften des Hinduismus
und Buddhismus. Dazu gehören die Werke der Kirchenväter wie Augustinus (Patristik),
der Zeit des Mittelalters und der Scholastik, Gründung der ersten Universitäten, Albertus
Magnus und Thomas von Aquin, Dante und Roger Bacon, die Zeit der Reformation mit
Luther, Calvin und anderen, Nicolaus Cusanus, Giordano Bruno, Francis Bacon, Jakob
Böhme, Descartes, Leibnitz, Pascal, Spinoza, Newton, die Aufklärung mit Locke, Berkeley,
Hume, Voltaire, Rousseau, Friedrich dem Großen, Immanuel Kant, Romantik und Idealis-
mus mit Herder, Fichte, Schelling, Hegel, die Zeit des Positivismus und Materialismus mit
Comte, Spencer, Feuerbach und Marx, dann Schopenhauer, Kierkegaard und Nietzsche,
schließlich die Existenzphilosophie, Phänomenologie, Sprachphilosophie, die evolutionären
Theorien und Systeme, kritischer Rationalismus, Konstruktivismus, Utilitarismus, Diskur-
sethik, Logik, analytische Philosophie und vieles mehr im 20. Jahrhundert.
38 Die Bibel für Menschen von heute ...

1.7 Kriege, Klugheit und Barmherzigkeit ... - die große Perspektive


(Matthäus 22 bis 25)
1.7.1 Für Eilige: nun mal langsam ...!

Das neue Testament hat einiges zu bieten. Es nimmt uns mit hinein in die Welt Jesu
und der ersten Christen. Sie haben sicher bemerkt in den bisherigen Abschnitten des
Bibelseminars, daß dem aufmerksamen Leser der Bibel einiges zugemutet wird. ”Nun mal
langsam!” werden einige sagen: ”Immer mit der Ruhe!” Genau darum soll es gehen im
Bibelseminar des Evangeliumsnetzes. Wir sehen uns der Reihe nach die Bibel an - mit Ruhe
und Ausdauer. Wir versuchen, einen Zugang zu den Texten zu bekommen. Dazu gehört
es, mal naiv den Gedankengängen zu folgen, dann wieder einen Schritt zurückzutreten
und sich die Worte Jesu im Zusammenhang anzusehen. Diese Woche geht es um meine
Gerechtigkeit und um die große Perspektive der Welt und des Glaubens.

Tipps für diese Woche:


1) Fragen Sie sich, ob sie selbst auch manchmal zu den Narren und Blinden gehören,
die Jesus in Matthäus 23 so derb zurechtweist.
2) Machen Sie sich Gedanken darüber, ob und wie Sie in der großen Perspektive vor
Gott bestehen können.

1.7.2 Bin ich gerecht? Warnungen! - Matthäus 23

Matthäus 23 enthält harte und weitreichende Worte Jesu: Weh euch ...! ruft er viele Ma-
le. Und er benennt Verhaltensweisen, die sich katastrophal auf unser Verhältnis zu Gott
auswirken. Er nennt zerstörerische Verhaltensweisen, die einen Menschen und andere Men-
schen von Gott trennen und fernhalten. Bitte lesen Sie einmal Matthäus 23 und fragen
Sie sich, ob das ein oder andere nicht auch auf Ihr Verhalten zutreffen könnte!
Vielleicht fühlen Sie sich schuldig. Dann gibt es zwei Dinge zu sagen: 1. Kehren Sie
um und ändern Sie Ihr Verhalten. 2. Bekennen Sie ihre Schuld vor Gott - und Sie dürfen
darauf vertrauen, daß Gott Ihre Schuld vergibt!
Vielleicht fühlen Sie sich aber auch nicht schuldig. Vielleicht tun Sie sogar viel für
die christlichen Helden, verehren Sie und denken, daß Sie selbst in der Tradition der
guten Menschen leben. Dazu sagt Jesus: ”Weh euch ..., die ihr den Propheten Grabmäler
baut und die Gräber der Gerechten schmückt, und sprecht: Hätten wir zu Zeiten unserer
Väter gelebt, so wären wir nicht mit ihnen schuldig geworden am Blut der Propheten!
Damit bezeugt ihr euch selbst, daß ihr Kinder derer seid, die die Propheten getötet haben.
Wohlan, macht das Maß eurer Väter voll!”
Wir wollen uns um das Verständnis dieser Worte bemühen. Warum trennt es mich von
Gott, wenn ich mich als guten Menschen sehe?
Es trennt mich nicht von Gott, wenn ich mich als guten Menschen sehe, sondern es zeigt
nur, wie sehr ich von Gott getrennt bin. Das liegt daran, daß kein Mensch im Angesicht
der Heiligkeit und Liebe Gottes bestehen kann - jeder ist völlig verdorben. Im Angesicht
Gottes entdecke ich diese Verlorenheit und Verdorbenheit - und erst damit beginnt meine
Roland Potthast 39

Heilung. Im Angesicht Gottes sehe ich, daß ich auch wie die anderen Menschen gehandelt
hätte ... mit der gleichen Gleichgültigkeit, Blindheit und Bosheit!
Es gehört zu den Paradoxien des christlichen Denkens, daß ich Gerechtigkeit erst er-
lange, wenn ich meine Ungerechtigkeit entdecke und bekenne. Darin liegt eine tiefe und
fast unauschöpfliche Wahrheit.

1.7.3 Die große Perspektive - Matthäus 24 + 25

In den Kapiteln 24 und 25 seines Evangeliums stellt Matthäus Worte Jesu zu der großen
Perspektive des Lebens zusammen. Er berichtet von Kriegen, Erdbeben, Hungersnöten -
von der Geschichte der Menschheit von Christus bis heute. Jesus spricht die Treue und
Geduld an, die im Leben eines Christen eine wesentliche Rolle spielt. Ohne das geduldige
Warten wird niemand Gott sehen. Das wird in den Gleichnissen vom treuen und vom
bösen Knecht und auch im Gleichnis von den Jungfrauen erzählt. Ohne Geduld kann man
das Reich Gottes nicht erben.
Jesus nimmt auch das Ende dieser Welt in seinen Blick - in einer riesigen Perspektive
stellt er uns quasi mitten hinein in das Geschehen am Ende, in die Zeit, wo Gott dem
Treiben der Bösen und Guten ein Ende bereitet, um seine Herrschaft zu vollenden.
Die Erzählungen vom Weltgericht reichen weit über unser Fassungsvermögen. Können
wir uns diese Geschichten zeitlich vorstellen? Unsere Welt ist doch so derart kontinuier-
lich und durch die Naturgesetze verläßlich ..., wie kann es sein, daß plötzlich die ganze
Geschichte der Menschheit ein Ende haben soll? Oder sollen wir diese Geschichten als
reine Parabel verstehen, die uns etwas über Gott sagt? Das allein ist sicherlich nicht ge-
meint, sondern die Bibel redet hier von einer Zukunft, die jeden Menschen spätestens mit
dem Zeitpunkt seines Todes erreicht. Und gerade dort ist und bleibt das Reden über das
Danach und Dahinter unserem Verstehen entzogen.
Aber wir können die Teile der Texte begreifen, die über Gottes Maßstäbe und Gottes
Wesen erzählen. Wir können Gottes unendlich liebevolle Solidarität entdecken, der sich mit
dem Geringsten zu 100% identifiziert. Bei jedem Menschen dieser Welt haben wir es mit
Gott selbst zu tun, und jedes unserer Worte bestimmt unser Verhältnis zu dem Herrn der
Herren und Schöpfer der Welt und ihrer Kreaturen. Es wird daher unsere eigene Barmher-
zigkeit sein, die über unser Schicksal entscheidet. Barmherzigkeit ist das zentrale Thema
des Endgerichts - und es ist ein wesentliches Thema für das gesamte neue Testament.

• Das neue Testament ist auf die Barmherzigkeit Gottes gegründet: ein neuer Bund,
ein neuer Vertrag mit dem einen Inhalt: Barmherzigkeit!

• Die Barmherzigkeit ist der Inbegriff der Liebe Gottes - so wie er sie in seinem Sohn
Jesus gelebt und gezeigt hat.

• Die Barmherzigkeit ist der reinste Ausdruck des Glaubens an Jesus Christus und
das Zeichen der Gemeinschaft mit ihm.
40 Die Bibel für Menschen von heute ...

1.7.4 Wort beim Wein: Wann, wie, warum Begründungen?

Wie sieht es aus mit dem Seminar? Was lernst du? Ist es wissenschaftlich? Welche Be-
gründungen werden für die Thesen gegeben?
Lassen Sie uns beim Wein über die Begründungen für die Texte und Aussagen des
Seminars reden. Manchen sind die Gedanken schon zu kompliziert, zu wissenschaftlich, zu
philosophisch. Andere möchten gerne mehr Begründungen, mehr Diskurs, mehr Theologie.
Das Ziel des Seminars sind nicht zuerst Begründungen. Es geht darum, thematisch
einleitende Impulse zu geben. Es sollen Schwerpunkte gesetzt werden - anders kann man
die Bibel auch nicht in so kurzer Zeit angehen und so im Überblick und Zusammenhang
kennenlernen.
Begründungen sind eine wichtige Sache. Es ist wichtig, darüber nachzudenken, warum
die Dinge so sind, wie sie behauptet werden. Wer nicht nachdenkt und nach Begründungen
sucht, der kann sehr schnell unwissend in die Irre laufen. Darum ist es auch wichtig, sich
der Kritik zu stellen und offen für Korrektur zu sein. Das ist genauso wichtig wie die
Standhaftigkeit und Treue zu Gottes Worten.
Begründungen bemühen sich in der Regel, eine Sache auf andere Dinge zurückzuführen
oder in einen Zusammenhang zu stellen. Welcher Mensch eine Begründung als stichhaltig
oder wasserdicht ansieht, ist nicht von vornherein klar. Es kommt auf den persönlichen
Standpunkt, das Vorwissen, Ausbildung, Charakter, Erfahrung und vieles mehr an.
Wenn Sie auf der Suche nach Begründungen sind, fragen Sie bitte im Bibelgesprächs-
kreis oder im Thelogenforum des Evangeliumsnetzes konkret nach! Bei konkreten Fragen
kann man sich Gedanken darüber machen, was die Voraussetzungen der Frage sind und wie
eine Antwort aussehen kann. Nur Mut, einer der Grundsätze des Evangeliumsnetzes ist die
Offenheit für Fragen und das Bemühen vieler unterschiedlicher Christen und Theologen
um Antworten und Gemeinschaft.

1.8 Manches Ende ist ein Anfang ... - Kreuzigung und Auferstehung
(Matthäus 26 bis 28)
1.8.1 Für Eilige: Manches Ende ist ein Anfang ...

Wer war und ist Jesus? Auf diese Frage geben die Berichte von seinem Tod und seiner
Auferstehung eine zentrale Antwort.
Jesus ist der heilende Sohn Gottes, der im Auftrag Gottes die Schuld der Welt auf sich
nimmt. Als Unschuldiger übernimmt er die Todesstrafe, die der heilige Gott den Menschen
auferlegt ihrer Schuld, Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit wegen.
Jesus stirbt am Kreuz. Dort am Kreuz findet sich der Angelpunkt der Welt bis heute.
Dort am Kreuz ist jener archimedische Punkt, an dem die Welt aus den Angeln gehoben
wird: der Weg zu Gott ist wieder frei und Gottes Liebe ist dort für jeden Menschen
zugänglich.
Als ein Siegel dieser Wahrheit und als Zeichen der Treue Gottes wird die Auferstehung
Jesu zum öffentlichen Ereignis und zur Botschaft: Jesus wird am dritten Tag auferweckt
von den Toten.
Roland Potthast 41

Die Auferstehung ist keine zahnlose alte Geschichte, sondern die lebendige Macht Got-
tes bis heute! Der Tod Jesu ist nicht das Ende, sondern dieses Ende ist ein Anfang:
a. der Anfang des neuen Lebens Jesu - Jesus ist der Anfang einer neuen Schöpfung
Gottes, an dem er den Menschen Anteil geben will.
b. der Anfang der christlichen Gemeinde: Anfang des neuen Bundes Gottes. Wer an
Jesus Christus glaubt, hat Anteil an diesem Bund. Es ist der Bund des Vertrauens, der
Wahrheit und des Lebens Jesu - der Bund unendlich tiefer Liebe.
b. die Auferstehung ist mein persönlicher Anfang. Die Auferstehung wird durch meinen
Glauben an den auferstandenen Jesus Christus ein Teil meines Lebens. Ich erfahre die
Kräfte, die von Kreuz und Auferstehung ausgehen, auch heute.

Tipps für diese Woche:


1) Ringen Sie um ein persönliches Verständnis des Kreuzes Jesu! Die Botschaft vom
Tod und der Auferstehung Jesu will nicht abstrakt bleiben, sondern will Sie - und jeden
Menschen - erreichen.
2) Nehmen Sie die Zusagen Jesu ernst: bei jedem Glaubenden zu sein bis an das Ende
der Welt. Sprechen Sie ihn an und bitten Sie ihn, in ihr Leben hinein zu kommen und
seine Wahrheit in Ihrem Leben Realität werden zu lassen.

1.8.2 Die Ereignisse und ihre Bedeutung


Mit den Erzählungen vom Tod und von der Auferstehung Jesu erreichen wir das Ende
des ersten großen Abschnitts unseres Seminars und auch das Ende des Evangelium des
Matthäus. Tod und Auferstehung Jesu sind zentrale Botschaft des Evangeliums und stehen
auch heute im Zentrum jedes christlichen Denkens und Lebens.
Jesus wird gefangengenommen, nachdem er mit seinen Jüngern ein später sehr bekannt-
gewordenes Abendessen gehabt hat: das Abendmahl. In den christlichen Kirchen wird es
als Zeichen der Erinnerung, als Feier des lebendigen Jesus Christus und zum Bekenntnis
des persönlichen Anteils an dem Leben und Bund Jesu gefeiert.
Jesus wird zum Tod verurteilt für seinen Anspruch, der Sohn Gottes zu sein. Er stirbt
am Keuz von Golgatha (Matthäus 27,50). Dieser Tod Jesu ist etwas Besonderes - etwas
unfaßbar Bedeutungsvolles! Matthäus beschreibt unglaubliche Ereignisse.
a. Der Vorhang im Tempel, der das Allerheiligste, den Raum Gottes in diesem Gebäude,
von dem übrigen Teil des Tempels getrennt hat, reißt von oben nach unten entzwei. Hier
zeigt sich in einem Wunder, was viel wunderbarer durch den Tod Jesu gewirkt wird: die
Trennung von Mensch und Gott wird überwunden. Schuld und Sünde wird bezahlt.
b. Die Erde bebt, Felsen zerrissen, Gräber taten sich auf. Auch hier zeigt sich die
Macht und Gewalt dieses für die ganze Welt bedeutsamen Ereignisses. Die Überwindung
des Todes deutet sich an durch die offenen Gräber und Erscheinungen.
Jesus wird schließlich begraben in dem Grab des Josef von Arimathäa. Da man Grab-
räuber fürchtet, wird das Grab von höchster Stelle polizeilich bewacht. Die Auferstehung
Jesu war angekündigt, darum diese Vorsichtsmaßnahme, um Betrug zu verhindern.
Am Tag nach dem Sabbat kommen einige Frauen zu dem Grab. Die Frauen begegnen
zuerst einer Erscheinung - nach Matthäus einem Engel des Herrn. Der berichtet ihnen
42 Die Bibel für Menschen von heute ...

die Auferstehung Jesu und schickt sie zu den Jüngern. Die Frauen begegnen sogar Jesus
selbst, der eine Verabredung mit den Jüngern in Galiläa ausrichten läßt.
Die Jünger gehen nach Galiläa und treffen Jesus auf einem Berg. Jesus spricht über
seine Macht, die ihm über alle Dinge im Himmel und auf Erden gegeben worden ist. Und
er sendet die Jünger in die Welt, um alle Menschen (Völker) zu seinen Nachfolgern zu
machen, sie zu taufen und sie all das zu lehren, was er aufgetragen hat. Jesus sagt den
Jüngern seine Gegenwart zu bis an das Ende der Welt.

1.8.3 Ist Jesus auferstanden?


Wir müssen uns die Frage stellen, was es denn auf sich hat mit der Auferstehung Jesu.
Wie war es damals? Was ist geschehen? Was können wir heute darüber sagen?
Viele Theologen und Wissenschaftler haben sich schon weitreichende Gedanken über
diese Auferstehung gemacht. Sie wurde bekannt ebenso wie geleugnet. Sie wurde in das
Reich der Fabeln verwiesen. Sie wurde zerlegt und mit Argumenten für unmöglich erklärt,
die den Anspruch erheben, ”wissenschaftlich” zu sein. Andere halten die Einwände der
Kritiker nicht für stichhaltig und sehen die Auferstehung Jesu als eines der bestbelegten
Ereignisse des Altertums.
Es geht hoch her im Zusammenhang mit der Auferstehung. Bis heute erscheinen in
führenden Magazinen Deutschlands alljährlich Artikel über den ”toten Jesus”. Für eine
Schlagzeile zur Weihnachtszeit ist dieser Jesus gerade gut. So kann man auf die traditionelle
Kirche dreinschlagen und alle jene dem Spott aussetzen, welche sich zum auferstandenen
Jesus stellen.
Darum direkt gefragt: lebt Jesus? Lebt er nicht nur in unseren Gedanken, in unserer
Erinnerung? Lebt er ”wirklich” - in dieser neuen Wirklichkeit, dieser neuen Schöpfung, in
die uns die neutestamentlichen Texte mit hineinnehmen wollen? Lebt er mehr als in der Art
und Weise, uns durch sein kurzes Leben bis heute zu beeinflussen? Lebt er? Kann man ihn
ansprechen und antwortet er uns auch heute mit seiner Macht und seinen Möglichkeiten?
Ich persönlich bin überzeugt davon, daß Jesus lebt. Er ist weit lebendiger, als wir
Menschen es in dieser Welt jemals sein können. Er lebt in voller Einheit mit Gott, dem
Schöpfer. Er lebt, hört uns, ist kurz und knapp der Herr, jener Herr, als den ihn das neue
Testament bezeichnet.
Ich habe keinen Beweis im naturwissenschaftlichen Sinne für sein Leben. Ich kann
ihnen vielleicht einige seiner Fußstapfen zeigen, aber man kann sich beliebig lange darum
streiten, ob es denn nun SEINE Fußstapfen sind, oder alles nur ein merkwürdiger Zufall.
Wir Menschen sind kaum in der Lage, die Ereignisse in unserem Leben und unserer Welt
in ihrer Gesamtheit zu beurteilen und einzuordnen.
Ich habe den heiligen Geist Gottes, den Geist Jesu, in tausenden von Erlebnissen
und Zusammenhängen erfahren. Er ist mir eine unzweifelbare Realität, genauso wie die
Mächte, die Gott entgegenstehen. Ich lebe als Teil der geistigen Welt - und hier kann ich
nicht zweifeln an den Grundaussagen des alten und neuen Testaments, weil sie mir tägliche
Realität sind so wie das Fahrrad, mit dem ich morgens ins Institut fahre.
Ich bin Skeptiker genug, kritischer Rationalist genug, um meine eigenen Konzepte und
Aussagen immer wieder über Bord zu werfen, um immer wieder nachzuhaken und Gott
Roland Potthast 43

besser zu verstehen, um immer wieder die Möglichkeit zuzulassen, daß ich schief gewickelt
bin, daß mein Glaube oder meine Überzeugungen in der ein oder anderen Sache oder als
Ganzes falsch sind.
Ich bin Mathematiker und als solcher arbeite ich täglich mit Voraussetzungen meiner
Argumente. Ich weiß, daß die Voraussetzungen den Ausgang einer Argumentation be-
stimmen. Wer mit atheistischen Voraussetzungen die Auferstehungsberichte liest muß sich
nicht wundern, wenn er sie als unhaltbar ”entlarft”. Er hat ja schon sein Resultat in seine
Argumentation hineingesteckt, bevor er oder sie begonnen hat.
Ich bin Informatiker und ich weiß um die Schwierigkeit von Sprache, die Probleme der
Modellierung von Ereignissen und Zusammenhängen mit Hilfe von Worten, formalen oder
natürlichen Sprachen. Die Begegnung mit dem Auferstandenen, der durch Wände geht,
der in seiner Gestalt nur in lichten Augenblicken von den Jüngern erkannt wird, der seine
Narben noch hat und doch so anders aussieht - all das scheint mir im Grenzbereich unseres
Lebens, im Grenzbereich dessen, was wir überhaupt beschreiben, geschweige denn denken
und beurteilen können.
Doch bei all den Schwierigkeiten bin ich in meinem Leben zu der einen Schlußfolgerung
gekommen: die tiefliegende und konkrete Realität von Tod und Auferstehung Jesu ist der
feste Punkt, mit dem ein Mensch die Welt aus den Angeln heben kann. Tun Sie sich etwas
Gutes und lassen Sie sich darauf ein: Jesus lebt!

1.8.4 Ein Lied über Ende und Anfang


Manches Ende ist ein Anfang

1.Strophe:
Manches Ende ist ein Anfang,
manche Nacht das Morgengraun.
Mancher Tod bringt neues Leben
und Verzweiflung mehr Vertraun.

Refrain:
Geh den Weg mit bis zum Ende,
geh den Weg mit durch die Nacht.
Geh durch Tod mit und durch Sterben,
und dann zeig uns deine Macht.

2.Strophe:
Deine Hand ertast ich zitternd,
ängstlich horch ich, was du sagst.
Und ich fange an zu ahnen,
daß du liebst, selbst wenn du plagst.

Refrain:
Geh den Weg mit bis zum Ende,
geh den Weg mit durch die Nacht.
44 Die Bibel für Menschen von heute ...

Geh durch Tod mit und durch Sterben,


und dann zeig uns deine Macht.

3.Strophe:
Manches Ende ist ein Anfang,
manche Nacht das Morgengraun.
Mancher Tod bringt neues Leben
und Verzweiflung mehr Vertraun.

Refrain:
Geh den Weg mit bis zum Ende,
geh den Weg mit durch die Nacht.
Geh durch Tod mit und durch Sterben,
und dann zeig uns deine Macht.

Text: Jürgen Werth, Melodie: Johannes Nitsch, Rechte: Hänssler-Verlag, Neuhausen-Stuttgart

1.8.5 Wort beim Wein: von einem Liebesbrief


Welche Rolle spielt das Evangelium des Matthäus (oder eines der anderen Evangelien)
in meinem Leben? Was mach ich mit diesen Geschichten, Gleichnissen, Erzählungen und
Berichten?
Manche beachten die Bibel wenig. Sie ist nicht mehr als ein Stück der unendlichen
Weltliteratur, und wenige lesen viel. So entstehen die Urteile über die Bibel durch das, was
an Echos der Geschichten durch die alltägliche Kultur schwingt ... oft durch mannigfaltige
Interferenzen verzerrt und bis zur Unkenntlichkeit entstellt!
Andere sind in einem christlichen Umfeld aufgewachsen. Die biblischen Geschichten
sind ihnen von Jugend auf bekannt, sie sind Bestandteil der Alltagskultur. Ob sie dabei in
ihrer ganzen Tiefe verstanden werden und ob die Liebe Jesu die Herzen erreicht, ist eine
andere Frage. Wir Christen sind oft nicht besser als das Volk Israel, das trotz überreicher
Schätze der Überlieferung über große Zeiträume ihrer Geschichte geistlich ein Bettlerdasein
führte.
Manche studieren die Bibel von Berufs wegen. Man kann mit verschiedenen intellek-
tuellen Werkzeugen an die Bibel herangehen: Textkritik, Formkritik, Literarkritik und
vielem mehr. Aufgeschlossene und systematische Gedanken können nützlich sein, um uns
in dem Verständnis mancher Dinge weiter zu bringen. Diese Werkzeuge können uns aber
auch vom Wesentlichen ablenken und ein Leben lang beschäftigen.
Andere schlachten die Bibel für ihrer Romane, Geschichten und Artikel aus - Autoren
und Journalisten. Die Bibel als ein Steinbruch voller tiefliegender Erzählungen. Die Bibel
als eine Schatzkiste des Allzu-Menschlichen. Die Bibel als ein Ideengeber und als Ort der
Inspiration.
Die Bibel kann all das sein - und doch ist sie mehr: Sie ist der Liebesbrief Gottes an die
Menschheit! Die Bibel möchte uns Menschen zum Menschsein führen - zu dem ersten und
einzigen wirklich wahrhaftigen Menschen Jesus Christus. Die Bibel möchte uns dabei zu
Gott führen - wir dürfen die Lebendigkeit Gottes kennenlernen, uns ihr anvertrauen und
Roland Potthast 45

ihre Macht in unserem Leben erfahren. Wir dürfen uns von diesem Liebesbrief anstecken
lassen. Der heilige Geist Gottes wird unser Leben verändern und neu gestalten.
Das Evangelium des Matthäus erreicht dann sein Ziel in meinem Leben, wenn es für
mich zu dem lebendigen Wort von Jesus wird, dem ich mich anvertraue.
46 Die Bibel für Menschen von heute ...

2 Drei Stimmen quer durch die Zeit ... - Jeremia, Jesaja


und Hesekiel
2.1 Gottes Probleme ... - Berufung eines Propheten (Jeremia 1-3)
2.1.1 Für Eilige: Gott spricht Menschen an!
Propheten sind Menschen, die in Gottes Namen reden - ja die sogar Gottes Worte an
andere Menschen weitergeben. Gott hat in der Weltgeschichte darum Propheten berufen,
weil er Menschen ansprechen wollte, und weil er uns auch heute ansprechen will.
Jeremia ist einer der großen Propheten Gottes für das Volk Israel und für uns Christen
heute. Jeremia, Jesaja und Hesekiel sind die drei Säulen Gottes. Wir haben in unserer
Überschrift von drei Stimmen gesprochen, die quer durch die Zeit von Gott berichten,
Menschen ansprechen und sie in die Gegenwart Gottes rufen - auch uns heute.
Wir geraten mit dem großen Meilenstein über die Propheten mitten hinein in das
Alte Testament und damit in die Geschichte Gottes mit dem jüdischen Volk, mit Israel.
Dabei werden sich Ihnen viele verschiedene Fragen stellen - zum inhaltlichen Verständnis
der Texte, zu dem historischen Umfeld, in dem sie entstanden und zu verstehen sind, zu
historischen und redaktionellen Untersuchungen und Debatten und vielem mehr.
Wir werden wieder einen thematischen Zugang zu den Texten suchen: worum geht es
dem Propheten, worum dem Autor der Bücher? Was sagt Gott zu den Menschen und zu
uns heute? Was können wir über Gott lernen?
Zunächst kommen wir diese Woche zur Berufung des Propheten Jeremia etwa 630
vor Christus. Der Grund für diese Berufung liegt in Gottes Problemen mit Israel. Es
sind Probleme, die Gott sicherlich auch heute in ähnlicher Form mit der Christenheit
in Deutschland und Europa hat - es ist ein sehr aktueller Abschnitt, der unser Leben
verändern kann, wenn die Worte darin unser Herz erreichen.

Tipps für diese Woche:


1) Überlegen Sie einmal, womit Gott Probleme in Ihrem Leben haben könnte. Über-
legen Sie, worin die Probleme mit der Christenheit in Ihrer Heimatstadt und Ihrem Hei-
matland liegen könnten?
2) Stellen Sie einmal dar, wie eine Umkehr und geistliche Erneuerung aussehen könnte!
Reden Sie mit Bekannten über diese Möglichkeiten. Gehen Sie selbst kleine und große
Schritte in diese Richtung.

2.1.2 Gottes Probleme ...


Gott hat Probleme mit Israel. In einem ersten Durchgang durch Jeremia 1-3 wollen wir
nachfragen, worin diese Probleme bestehen.
Jeremia 1, 16: Gott sagt: ”Und ich will mein Gericht über sie ergehen lassen um all
ihrer Bosheit willen, daß sie mich verlassen und anderen Göttern opfern und ihrer Hände
Werk anbeten.”
Es ist zuerst die Gottlosigkeit, mit der Gott hier Probleme hat. Zweitens ist es die
Tatsache, daß Israel anstelle des wirklichen Gottes geschaffene Mächte und Dinge anbetet
Roland Potthast 47

und an die Stelle Gottes setzt.


Gottes Verhältnis zu Israel wird in den Bildern einer Liebesbeziehung, einer Ehe,
erzählt. So spricht Gott in Jeremia 2,2 von der ”Treue deiner Jugend und der Liebe deiner
Brautzeit.” Und so eifersüchtig wie ein Liebender oder eine Liebende eifert Gott um die
Anbetung Israels.
Der Glaube und Unglaube macht sich an ganz konkreten Dingen fest. Zuerst sieht
Gott hier den 10ten - also die Abgabe, welche jeder Israelit von seinem Einkommen an die
Glaubensgemeinschaft gab. Dieser Zehnte ist ein Indikator für die Gottesbeziehung eines
Menschen.
Immer wieder fragt Gott die Hörer: warum habt ihr nicht nach mir gefragt und gesucht?
Und: warum folgt ihr anderen Göttern, nicht mir?
Und Gott beginnt, mit Israel zu rechten - also ins Gericht zu gehen. Gott kann nicht
anders, als das Unrecht anzusprechen und zu strafen. Das sind ganz handfeste Probleme,
die Gott hier mit Israel hat.
Gott vergleicht in Vers 21 (Jeremia 2) das Volk Israel mit einem edlen Weinstock, der
zum wilden und schlechten Weinstock geworden ist. Und er spricht davon, wie tiefliegend
diese Schwierigkeiten sind. Keine Lauge und Seife kann helfen, alles äußerliche Waschen
ist völlig unnütz.
Die Bilder des Textes sind faszinierend und eindrücklich. Wie eine Kamelstute in der
Brunstzeit ist Israel anderen Göttern hinterher gelaufen.
Ich frage mich bei solchen Bildern stets: was sind es heute für Götter, denen wir mo-
dernen Menschen in ähnlicher Weise anhängen? Ist es unser Vertrauen in die Wissenschaft,
das sicher ähnlich zu bewerten ist wie das Vertrauen eines israelitischen Menschen vor fast
dreitauesend Jahren in die Kraft von Pferden, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten
oder sogar das Vertrauen auf die Hilfe von diversen Göttern und Mächten. Gott wirft in
dem Jeremia-Text die Vertrauensfrage auf, und diese Vertrauensfrage berührt auch heute
unseren Lebensnerv.
Jeremia 2,31 wirft auch die Frage nach Freiheit und Bindung des Menschen auf. Ist
Freiheit von Gott oder Freiheit von allen Bindungen unser Ziel oder Leitbild? Freiheit -
dieses moderne und wichtige Thema im vereinten Deutschland und in den USA. Kulturell,
privat, wirtschaftlich, theologisch ... überall geht es heute um Freiheit. Doch Gott stellt
hier klar, daß ein Leben im Glauben viel mit Bindung zu tun hat - mit einer Bindung, die
erst frei macht. Wer diese Bindung löst, gerät in die Abhängigkeit von vielen Mächten. Er
löst sich von der Beziehung zu Gott - dies benennt die Bibel mit dem Wort ”Sünde.”
Und Gott sucht Einsicht in die Realität bei seinem Volk Israel. Doch er findet diese
Einsicht nicht. In Jeremia 2,35 geht er darauf ein. Einsicht in die Verfehlungen wäre eine
Basis, um zu vergeben. Aber ohne Einsicht bleibt Gott nur das Gericht.
Jeremia 3 ist ein einziger intensiver und dringender Apell an das Volk Israel, zu Gott zu
kommen und eine klare Linie zu fahren. Ein Einziges ist notwendig: erkenne deine Schuld
und kehr um! Gott möchte vergeben und möchte die Liebesbeziehung fortsetzen, die er
mit diesem Volk begonnen hatte.
Und auch hier bleibt der biblische Text klar nach vorn gerichtet und hat eine Per-
spektive, die über den Tag und das Jahr hinausgeht: es wird die Zeit angekündigt, wo die
Bundeslade nicht mehr die zentrale Rolle spielen wird. Es wird ein neuer Bund kommen,
48 Die Bibel für Menschen von heute ...

ein Bund, an dem alle Heiden Anteil haben. Wir Christen leben heute in diesem Bund,
den Gott durch das ”Neue Testament” (=neuer Bund) durch seinen Sohn Jesus Christus
begonnen hat.
Bei diesen wunderbaren Perspektive bleibt leider festzuhalten, daß im Verhältnis nur
recht wenige Menschen in Israel den Durchbruch schafften. Immer wieder kehrt der Prophet
zu den drückenden Problemen zurück - und das ganze Buch Jeremia gibt Zeugnis von dem
Ausmaß der Schwierigkeiten.
Wir können bis heute viel lernen von diesen Schwierigkeiten Jeremias, um unsere ei-
gene Welt besser zu verstehen. Das Problem der Gottlosigkeit in einem Land mit vielen
Kirchenmitgliedern ist uns nicht fremd. Das Problem der Orientierungslosigkeit in geist-
lichen Fragen, der Drang nach Freiheit ohne die Bindung an den lebendigen Gott, das
Vertrauen zu allem und jedem, nur nicht zu der Macht und Gegenwart Gottes ... all diese
Dinge prägen unser Leben und sind zu sehen im Lichte dessen, der uns sagt (Jeremia
3,22): ”Kehrt zurück, ihr von mir fortgelaufenen Kinder, so will ich euch heilen von eurem
Ungehorsam.”

2.1.3 Berufung gestern und heute


Jeremias Berufung ist faszinierend und wichtig für unser Verständnis des ganzen Jeremia-
Buches. Was ist das für ein Text, der hier vorliegt? Dichtung oder eine Erfindung des
Jeremia? Ist es ein fiktiver Text?
”Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.” sagt Gott zu Jeremia. Das ist absoluter
Wahnsinn: Gott redet durch sterbliche Menschen! Gott redet durch die Worte des Jeremia
- damals und bis heute!
Gott redet durch Menschen - das ist durchgängig in der gesamten Bibel der Fall. Die
Bücher des Mose, die Propheten und auch das gesamte neue Testament ... immer reden
hier Menschen in ihrer ganz speziellen historischen Situation - und immer ist es Gott, der
durch diese Menschen redet.
Wie müssen wir die Texte lesen, wenn Gott durch Jeremia redet? Dies führt uns mitten
hinein in wichtige Fragen der Exegese, also der Auslegung der biblischen Texte. Hier gibt
es viele sehr tiefreichende und grundsätzliche theologische Fragen, die strittig oder unbe-
antwortet sind. Wenn Gott durch Jeremia redet, ist dann jedes der Worte des Jeremia frei
von Irrtum? Oder redet Gott trotz mancher Irrtümer? Wie sieht es aus mit redaktionellen
Bearbeitungen des Buches von Jeremia (und anderer biblischer Bücher)? etc etc.
Wir wollen und können diese Fragen hier nicht beantworten. Wir möchten nur die
Tragweite der Berufungserzählung des Jeremia verdeutlichen: Gott spricht durch ihn. Gott
spricht, um die Menschen damals anzusprechen. Und Gott spricht uns bis heute an durch
diese Schriften und ermutigt uns zum Vertrauen in den wirklichen Gott und zur persönli-
chen Umkehr zu ihm.
Auch heute möchte Gott durch Menschen reden, die sich ihm für diese Aufgabe zur
Verfügung stellen. Das können Pastoren sein oder Prediger, aber auch ganz normale Chri-
sten in unserer Umgebung. Gott kann auch durch uns selbst zu anderen Menschen spre-
chen. Gott beruft auch heute noch Menschen in seinen Dienst. Berufungsfragen sind sehr
wichtig für ein Leben als Christ, weil es unsere Aufgaben in der Gemeinde - dem Leib
Roland Potthast 49

Christi auf Erden - betrifft. Berufung hat auch heute direkte Auswirkungen auf des Reich
Gottes und das Schicksal von Menschen!
Wie geschieht Berufung nun ganz praktisch? Können wir dabei von Jeremia etwas
lernen?
Sicherlich ist Jeremia eine wichtige und herausragende Persönlichkeit, mit dem wir
uns in der Regel nicht im geringsten messen können. Und doch sind die Texte des alten
Testaments zur Ermutigung und zur Lehre geschrieben - auch um in Berufungsfragen
etwas zu lernen.
Als erste praktische Frage drängt sich auf: Wie konnte Jeremia das Wort Gottes hören?
Hörte er eine Stimme? Oder gab es Klarheit im Gebet?
Wichtig ist, daß darüber nichts im Text gesagt wird. Wir sollen nicht festgelegt werden
auf eine bestimmte Art, Gott zu hören. Wir können Gott sicherlich durch die Bibel hören
- durch die Schriften des alten und neuen Testaments. Und wir können Gott um Weisheit
und Erkenntnis für uns persönlich bitten.
Wichtig ist auch, daß die Berufung des Jeremia nicht auf Menschenwort gegründet
ist und nicht auf Berufung durch die Strukturen der Kirche. Gerade weil auch wunde
Punkte der Kirche angesprochen werden sollen, braucht es einen Menschen, der Gott ohne
Rücksicht auf die kirchliche Institution treu ist.
Wichtig ist auch, daß Gott Jeremia viele Probleme ankündigt. Er sagt ihm darin seine
volle Unterstützung und Behütung zu. Eine Berufung durch Gott kann also viel Schwie-
rigkeiten, Angriffe, Probleme und Streit mit sich bringen. Dabei ist es wesentlich, daß der
Streit nicht durch die Sünde und Fehler des Propheten ausgelöst sind. Nicht der Streit
zeigt, daß ein Mensch von Gott berufen ist, sondern seine Treue zu Gottes Wort!

2.1.4 Komm zur klaren lebendigen Quelle!


Was hätte Jeremia heute zu sagen? Was sagt Gott in dieser Woche und diesem Jahr zu
unserem Leben?
Gott sagt: ”Komm zur klaren und lebendigen Quelle! Komm zu mir, ändere dein Leben
und laß dich voll und ganz auf das Vertrauen ein zum Schöpfer und zu seinem Sohn Jesus
Christus.”
Gott sagt: ”Sieh hinter allen liturgischen und anti-liturgischen Traditionen den Einen,
den Gott des Himmels und der Erde! Laß dich nicht blenden von Kirchen, Äußerlichkeiten,
Halbherzigkeiten, Institutionen, Machtkämpfen, Angriffen, Zweifeln, Fragen, engen oder
liberalen Theologen ... sondern: sieh mich, den Herren, den Lebendigen hinter all dem
Allzu-Menschlichen!
Ich, der Herr, bin derselbe von Ewigkeit zu Ewigkeit. Sieh meine Liebe, die ich dir
schenke durch meinen Sohn Jesus. Vertraue und höre auf Jesus, den Christus, den Leben-
digen!
Beginne ein Leben im Glauben, ein Leben im Vertrauen, der Wahrheit, der Hoffnung
und Liebe! Siehe, meine Güte ist jeden Tag neu. Lebe in dieser Güte. Sei ehrlich und
freimütig, aber sei auch klug unter den Menschen dieser Zeit.
Lebe in der Wahrheit und Treue zu mir und meinem Wort! Dies wird dich aufblühen
lassen und du wirst viel Frucht bringen in meinem Reich. Lebe in meinem heiligen Geist,
50 Die Bibel für Menschen von heute ...

den ich allen schenke, die darum bitten. Lebe in der Treue zu Jesus Christus allezeit!”
Das sagt Gott heute.

2.2 Einer packt aus ... - Von neuen Grundlagen (Jeremia 30+31)
2.2.1 Für Eilige: die Grundlage von Beziehung
Worauf bauen Sie Ihre Beziehungen zu anderen Menschen? Auf Sympathie? Interessen?
Gemeinsamen Hobbies?
1. In einem Unternehmen werden manche Beziehungen auf Interessen gebaut. Einer will
etwas verdienen durch den anderen, und darum pflegt man gute Beziehungen - geschäftlich
gepflegte Abende in Restaurants oder Biergärten.
2. Viele Menschen pflegen Beziehungen im Bereich ihrer Hobbies. Musik im Orchester
oder das Engagement für ein Pflegeheim können Menschen zusammenbringen - und Be-
ziehungen beruhen dabei oft auf den gemeinsamen Hobbies, die zum Kristallisationspunkt
für das Miteinander werden. Oft sind auch die Beziehungen in der Gemeinde eher von der
gerade beschriebenen Art: es ist das ”Hobby” Gemeinde, das Menschen zusammenbringt.
3. Andere Menschen bauen Beziehungen auf die persönliche Sympathie. Wer mir sym-
patisch ist, zu dem suche ich Kontakt. Wenn die Sympathie nachläßt, werden meist auch
die Beziehungen schwächer.
In Jeremia 31 beschreibt Gott eine ganz andere Grundlage von Beziehung. Es ist die
Begegnung mit Gottes tiefer Liebe, Heiligkeit und seinem unverdienten Erbarmen. Wenn
unsere Beziehung zu Gott und zu anderen Menschen auf diesem Erbarmen Gottes steht,
auf seiner grundlosen Zuwendung in tiefer Liebe, dann beginnt im Verständnis der Bibel
erst unser Leben. Dann bauen wir tragfähige und zukunftsweisende Beziehungen - zu
Gott und zu anderen Menschen, die schon ”ewiges” Leben sind und in das ewige Leben
hineinmünden.

Tipps für diese Woche:


1) Überlegen Sie einmal, worauf ihre Beziehung zu den verschiedenen Freunden, Be-
kannten und Partnern steht? Interesse? Hobby? Sympathie?
2) Versuchen Sie sich einmal klarzumachen, wie Gott Beziehungen aufbauen will? Ha-
ben Sie schon einmal eine solche Beziehung erlebt?
3) Wagen Sie Beziehungen, die wie Gott auf einer freien und offenen Liebe und Zu-
wendung beruhen und die Sympathie übersteigt. Probieren Sie es heute noch im kleinen
aus!

2.2.2 Einer packt aus ... beeindruckende Worte!


Lesen Sie gemeinsam mit uns Jesaja 30 und 31. Die Worte Gottes, die hier wiedergegeben
werden, sind tief beeindruckend.
Zuerst geht es mitten hinein in die Geschichte Israels. Wann genau sind die Worte
gesprochen? Wir wissen es nicht genau und sind auf Vermutungen und Schlußfolgerungen
angewiesen. Israel ist in Gefangenschaft und Unfreiheit. Gott sagt zu, das Volk wieder in
Roland Potthast 51

das Land zu bringen, das er Abraham und den anderen Vätern des Volks zugesagt hatte.
Lassen Sie uns in den Text einsteigen:
”Aber dich ich will ich wieder gesund machen und deine Wunden heilen, spricht der
Herr, weil man dich nennt: die Verstoßene und Zion, nach der niemand fragt. So spricht
der Herr: Siehe, ich will das Geschick der Hütten Jakobs wenden und mich über seine
Wohnungen erbarmen, und die Stadt soll wieder auf ihre Hügel gebaut werden, und die
Burg soll stehen an ihrem rechten Platz. Und es soll aus ihr erschallen Lob und Freuden-
gesang; denn ich will sie mehren und nicht mindern, ich will sie herrlich machen und nicht
geringer.” (Jeremia 30, 17ff)
Diese Zusagen Gottes sind ganz konkret in eine Situation der Bedrängnis gesprochen.
Wenn man nach den Gründen für die Probleme sucht, kommt man immer wieder zu
den Problemen Gottes, über die wir schon gesprochen haben. Das Volk Israel hat Gott
mit Ignoranz und Untreue behandelt, hat sich an Mächte gehängt, die es schließlich ins
Verderben gezogen haben. Und Gott hat dem Volk seinen Willen gelassen - Gottes Gericht
vollzieht sich, indem er den Menschen in sein bewußt gewähltes Verderben rennen läßt.
Das ist der grimmige Zorn des heiligen Gottes.
Aber hier zeigt sich nun, wie sehr Gottes Liebe zum Ziel kommt. Das treulose Volk
wird vom Erbarmen Gottes eingeholt und Gott sieht eine friedvolle Zukunft: ”Ihr sollt
mein Volk sein, und ich will euer Gott sein.” (Jeremia 30,Vers 22)
Und damit löst sich Jeremia 31 mehr und mehr von der konkreten Situation und blickt
weiter in die Zukunft. ”Ich habe dich je und je geliegt, drum habe ich dich zu mir gezogen
aus lauter Güte.” (Jeremia 31, Vers 3)
Die bildhafte Ausdrucksweise des Buches Jeremia ist stark und eindrucksvoll: die Jung-
frau Israel schmückt sich, Pauken schlagen und sie geht heraus zum Tanz. Weinberge
werden gepflanzt und die Früchte werden genossen. Mit Freuden jauchzen die Menschen,
singen und rufen laut: Der Herr hat uns geholfen!
Gott redet von Trost und Geleit. Von Wasserbächen und ebenen Wegen. Menschen
sind angenommen als Söhne Gottes, reich beschenkt und mit Gaben in Fülle gesegnet.
Im Hintergrund all dessen steht die Umkehr Israels zu dem Gott, der Himmel und Erde
gemacht hat. Hart erzogen in Leid und unter fremden Mächten wurde das Volk gestraft.
Jetzt aber geschieht das Wunder der mächtigen Gnade Gottes.
Und dann packt Gott vollends aus, was er tun will und tun wird. Einen ”neuen Bund”
(Jeremia 31, Vers 31) will er mit Israel schließen, den Bund des Erbarmens. Er will sein
Gesetz, daß sie nicht halten konnten, in ihr Herz geben. Er will sich selbst den Menschen
zeigen - klein und groß. Er will ihre Schuld vergeben und ihrem Leben in Gottlosigkeit nie
mehr gedenken.
Gott kündigt hier in Jeremia den neuen Bund an, den er durch seinen Sohn Jesus
Christus hat Wirklichkeit werden lassen. Wenn ein Mensch zum Christen wird, tritt er
hinein in diesen neuen Bund, den Gott mit Israel und aller Welt geschlossen hat: den
Bund des Erbarmens Gottes durch Jesus und des Glaubens an Jesus Christus.
Darum lassen Sie uns zum Abschluß im Original (nach der Luther-Übersetzung) noch
einmal die Zeilen lesen:
”Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit
dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit
52 Die Bibel für Menschen von heute ...

ihren Vätern schloß, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägypten zu führen, ein
Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern
das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht
der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen
mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den anderen fragen noch
ein Bruder den anderen lehren und sagen: Erkenne den Herren, sondern sie sollen mich
alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat
vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.” (Jeremia 31, 31-34)
Wenn wir die ganze Bedeutung dieses Textes verstehen wollen, müssen wir das neue
Testament gut lesen und kennen ... und durch Jesu Worte werden die vollen Tiefen des
Alten Testaments und auch des Jeremia-Buches erschlossen!

2.2.3 Altes Testament lesen - aber wie?


Wie kann man das Alte Testament lesen und verstehen? Was ist dazu notwendig. Wir
geben einige Tipps und Anregungen, die Ihnen weiterhelfen können.
Tipp 1: Das Alte Testament enthält ganz viel Geschichte des Volkes Israel. Es kann
sehr hilfreich sein, sich mit dieser Geschichte zu beschäftigen. Als erste Quelle kann da-
bei aber auch die Bibel selbst dienen: wir können das Alte Testament zu einem Teil als
Geschichtsbuch über Gottes Weg mit Israel lesen. Einfach loslegen und gut zuhören ...
Tipp 2: Das Alte Testament hat zwei geistliche Linien oder Stränge. Der erste Strang
ist der alte Bund, der durch Mose geschlossen wird. Im Zentrum dieses Bundes steht die
Zusage Gottes: lebt so, wie es meiner Heiligkeit entspricht (nach den 10 Geboten und den
weiteren Gesetzen Mose - z.B. dem Gesetz der Nächstenliebe, des Erbarmens etc.), dann
will ich euch segnen und ihr werdet in Ewigkeit mit mir leben. Zu dieser ersten Linie
gehört auch der Ungehorsam Israels und die vielen Strafen Gottes. Er gibt Israel in die
Hände derjenigen fremden Mächte, mit denen sie ihn betrogen haben. Das Tragische an
all diesen Geschichten ist immer, daß der Mensch sein Leid selbst gewählt hat und blind
ist für die wahren Dinge hinter dem Schein.
Der zweite Strang ist die Verheißung der Gnade Gottes durch Jesus Christus. Dabei
wird von Jesus in vielfachen Bildern und Formen geredet - wir werden das noch weiter
kennenlernen. Jesus wird als großer Prophet angekündigt, als Herrscher, als Kind, als Frie-
defürst, als Elender und Geschlagener, als Lamm Gottes und vieles mehr. Versuchen Sie
beim Lesen des Alten Testaments jeweils herauszuhören, welcher Strang gerade im Vor-
dergrund steht. Die zwei Stränge sind eng verflochten und gehen teils fließend ineinander
über ...
Tipp 3: Das alte Testament muß vom Neuen Testament her verstanden werden. Im
neuen Testament ist der zweite Strang - das Erbarmens Gottes - ganz rein und klar sicht-
bar. Von dieser Basis ausgehend kann man Strang 2 von der Schöpfungsgeschichte an bis
zu den Propheten klar erkennen.
Tipp 4: Gehen Sie davon aus, daß Gott auch heute durch das alte Testament klar und
verständlich zu Ihnen sprechen möchte. Hören Sie mit Ihrem Herzen zu! Verstehen Sie,
was Gott Ihnen sagen möchte. Es ist relevant und wichtig für Ihr Leben! Beurteilen Sie
aber die Sätze im Rahmen des neuen Testaments: was ist Vergangenheit, was ist Realität
Roland Potthast 53

im neuen Bund? Sie dürfen und müssen das beurteilen!


Tipp 5: Suchen Sie die Gemeinschaft von Christen, um sich gegenseitig weiterzuhelfen
im Verständnis des alten Testaments. In jeder Gemeinde gibt es Menschen, die die Verhält-
nisse der beiden Testamente tief verstanden haben und die Ihnen mehr erklären können
über das teils drastische Verhalten Gottes im alten und neuen Testament. Gemeinschaft
und inhaltliches Gespräch mit Christen ist elementar wichtig!
Tipp 6: Versuchen Sie, Gott als den zu sehen, als der er sich durch die beiden Testa-
mente zeigt: der heilige und gerechte Gott, der Schuld nicht ungestraft lassen kann - und
der liebende und vergebende Gott, der selbst durch seinene Sohn Jesus die Schuld ans
Kreuz trägt und damit Befreiung schafft für jeden, der diesen stellvertretenden Tod Jesu
für sich annehmen will und kann.
Tipp 7: Bleiben Sie nicht beim rein intellektuellen Hören stehen. Nehmen Sie die Worte
Gottes in Ihren Alltag. Erst durch den aktiven Umgang mit den Worten Gottes werden
Sie mehr davon verstehen. Erst durch die Tat schaffen Sie ein haltbares Fundament für
den Glauben und Ihr Zuhören auf Gottes Worte.
Tipp 8: Versuchen Sie Gottes Handeln sowohl in der jeweiligen Zeit der Texte zu
verstehen - in der historischen und kulturellen Situation der beteiligten Personen - als
auch in der übergeschichtlichen Perspektive eines Gottes, der durch die konkrete Situation
hindurch spricht für alle Menschen bis heute!
Tipp 9: Gehen Sie bei Fragen oder Unverständnis davon aus, daß es ein tiefliegendes
und klares Verständnis jedes Teiles der Texte gibt, das
a) der historischen Situation angemessen ist,
b) in Einklang mit allen anderen Texten steht und
c) unserem modernen Verstand zugänglich ist,
falls wir uns von falschen Voraussetzungen unseres Denkens befreit haben. Rechnen Sie
aber auch damit, daß ein weitreichendes Verständnis der Bibel Ihnen nur durch jahrelanges
Leben mit Gott und seinem Wort und nur in Ansätzen gelingen kann.
Tipp 10: Bitten Sie Gott täglich darum, Ihnen Verständnis seiner Worte in der Bibel
zu schenken. Ohne dieses anhaltende Gebet wird Ihnen der Großteil der Worte und ihrer
Bedeutungen verborgen bleiben.

2.2.4 Leben im Geist Gottes ... Skizzen


Was geschieht, wenn Gott uns sein Gesetz in unser Herz gibt? Wie geht das vor sich?
Im neuen Testament wird davon geredet, daß der Geist Gottes uns erfüllt und wir in
diesem Geist leben. Wie sieht das Leben im Geist aus ...?

Skizzen

... Ich erkenne meine Wut und meinen Haß. Es ist, als hielte Gott mir selbst den Spiegel
vor und ich könnte ein Stück weit hineinblicken in meine eigene Person. Kann man sich
denn sonst so verborgen sein? ... Ja, ja. Erst durch Jesus Christus beginne ich, mich selbst
kennenzulernen. ...
... Gott gibt meinem Leben eine Orientierung, es ist, als ob ich Kontakt zu einem
großen Felsen habe und darauf verankert bin. Das Treiben der Wellen um mich her kann
54 Die Bibel für Menschen von heute ...

mich nicht mehr hin und herwerfen. Ich habe Wurzeln bekommen, Wurzeln in Gott durch
seine Worte. Auch wenn ich manchmal ins nichts abzugleiten drohe, sind diese Wurzeln
doch fester Halt. ...
... Im Lichte Jesu ist es möglich, die Heuchlerei vieler Menschen und meiner selbst erst
zu erkennen. Puh, ... es ist ein helles Licht, Jesus, das von dir ausgeht. Du bist so klar,
rein und konsequent. Wie könnte ich da bestehen? Und doch, deine Zuwendung vertreibt
allen Zweifel, dein Erbarmen hält mich fest - auch wenn meine Ungerechtigkeit bestehen
bleibt, machst du mich gerecht. Wer soll diese Realität verstehen, die mich erfüllt? ...
... Was ist mir wichtig? Was treibt mein Leben und meine Entscheidungen? Wie ver-
bringe ich meine Tage? Seit ich mein Leben in Gottes Hände gelegt habe, möchte ich gar
nicht mehr von Ihm weggehen. Ich könnte stundenlang mit Christen und in Kirchen ver-
bringen - aber auch in der Natur und seiner Gegenwart, oder im Engagement für Jesus,
bei der praktischen Hilfe für andere. Und wenn ich gebe ist es jedesmal, als würde ich reich
beschenkt nach Hause kommen. Unglaublich! ...
... Ich habe von Gott die Dankbarkeit gelernt. Ich habe die Freude wieder neu erfahren
- eine tiefe und kindliche Freude ... ich dachte, sie gäbe es nicht mehr. Er hat alle Bitterkeit
in mir besiegt - und hat mich mitten hindurchgehen lassen wie durch einen Vorhang, der
von mir abgestreift ist und ich stehe im Licht! ...

2.3 Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen ... - vom Frieden
(Jesaja 9-11)
2.3.1 Für Eilige: Gerechtigkeit und Friede
Wochen und Monate des Luftkrieges. Krieg in Fernsehen und Zeitschriften. Krieg der
Presseerklärungen und Diplomatie um das Kosovo. Dann endlich Waffenruhe: das Ende
der Bomben. Eine internationale Schutztruppe soll den Frieden sichern ... Deutschland
macht Erfahrungen mit Krieg und mit Frieden - 1999!
Friede - endlich Friede! Wieviele Menschen in Deutschland sehnen 1945 den Frieden
herbei? Und dann ist er da: Kapitulation ... Friede! Schließlich die Suche nach den Tätern
- die Nürnberger Prozesse ... die Suche nach Gerechtigkeit im Frieden ...
Wieder Deutschland: 1989. Massenkundgebungen und Militär. Deutsche Demokrati-
sche Republik. Eine Mauer im stillen Krieg. Flüchtlingsströme ... dann die Öffnung der
Mauer. Freiheit und Friede. Es beginnt der Rechtsstreit um Eigentum und der wirtschaft-
liche Kampf um das Überleben. Ein Krieg im Frieden ... auch heute.
Dreimal Krieg - dreimal Friede - dreimal die Zerstörung der Illusion von Frieden, der
harte Kampf mit der schwierigen Realität:
Wie sieht er aus, der Friede?
Was ist wirklicher Friede?
Wie kommen wir hin zum Frieden?
Der Prophet Jesaja beschreibt in den Kapiteln 9 und 11 des Buches Jesaja Gottes
Sicht und die biblische Vision vom Frieden:

Mitten in unserer Welt -


und doch die Welt unendlich überschreitend.
Roland Potthast 55

Schon jetzt -
und doch noch lange nicht.
Ganz Gottes Werk -
und doch jedem von uns
verantwortlich als Aufgabe überlassen ...

Tipps für diese Woche:


1) Wie stellen sie sich wahren Frieden vor? Denken Sie einmal über wirklichen Frieden
nach - in gesellschaftlicher Hinsicht, in persönlicher Hinsicht, in globaler Hinsicht und
in geistlicher Perspektive - Friede mit Gott und den Menschen! Was wird wahrer Friede
praktisch bedeuten?
2) Lassen Sie sich auf Jesaja 11 ein. Berührt Sie die Vorstellung vom Frieden dort?
Nimmt Sie diese Vision mit und lädt der Text Sie zum Vertrauen auf Gottes Frieden ein?
Wagen Sie das Vertrauen, indem Sie Gott um seinen lebendigen Frieden für Ihr Leben
bitten!

2.3.2 Blicke hinein in Gottes Frieden


Wir möchten gemeinsam mit dem Propheten Jesaja hineinblicken in Gottes Frieden. Aus
verschiedenen Blickwinkeln beleuchten die Zeilen von Jesaja 9 bis 11 den Frieden Gottes.
Im folgenden werden Ausschnitte der Texte zusammen mit einführenden oder erklärenden
Worten zusammengestellt.
Jesaja 9, 1-6: ”Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über
denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du
machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte,
wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die
Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage
Midians. Denn jeder Stifel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut
geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein
Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-
Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf daß seine Herrschaft groß werde und des
Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, daß er’s stärke und
stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der
Eifer des Herrn Zebaoth.”
Wer ist das Volk, das im Finstern wandelt? Wer ist es, der im Dunkeln lebt? Was ist das
für eine Finsternis? Gott redet hier durch Jesaja. Und die in dem Abschnitt angesprochene
Finsternis hat mehrere Bedeutungen, die man aus dem Zusammenhang und den weiteren
Ausführungen dieser Kapitel entnehmen kann:
- Es ist die Finsternis der Verhaltensweisen Israels, ihre Ungerechtigkeit, Treulosigkeit,
Bosheit, Gottlosigkeit.
- Es sind ihre bedrückenden Lebensumstände, die durch Fremdherrschaft und Armut
geprägt sind.
- Es ist ihre Gottesferne und Verlorenheit, die ihr ganzes Leben, Denken, Fühlen, Reden
und Handeln prägt.
56 Die Bibel für Menschen von heute ...

Wer ist nun dieses Volk, von dem hier gesprochen wird. Es ist zuerst das Volk Israel,
dem Jesaja angehört und das mit Gott eine jahrtausendelange Geschichte hat. Es ist aber
darüber hinaus jedes Volk dieser Erde, es ist jeder Mensch, der hier angesprochen wird.
Das Volk, das im Finstern lebt, sieht ein großes Licht. Seit 2000 Jahren haben Christen
dieses Licht in Jesus Christus gefunden. Vor ihm wird alles hell und erkennbar. In seiner
Gegenwart wird Ungerechtigkeit offenkundig, aber auch Gottes liebende Gegenwart zur
befreienden Realität.
Es wird hier vom Jubel gesprochen und von der Befreiung. Und wie so oft in der Bibel
hat dies sowohl ganz konkrete als auch weitreichende und zunächst unfaßbare Auswirkun-
gen.
Und es wird von einem Kind gesprochen, das die Herrschaft auf seiner Schulter trägt.
Christen haben später in diesem Kind das Jesus-Kind wiedergefunden - den als schutzlosen
Säugling zum Menschen gewordenen Sohn Gottes, Jesus Christus. Die Zeilen deuten auf
den hin, der durch seine Schutzlosigkeit zum Retter wird, der ans Kreuz geschlagen wird
und leiden muß, und dem alle Macht gegeben wird im Himmel und auf Erden.
Der Eifer des Herrn Zebaot, der Eifer des einzigen und wahren Gottes, wird diesen für
uns Menschen so merkwürdigen und tiefsinnigen Weg Jesu Christi gehen, um sein Gericht
umzusetzen und um sich mit den Menschen zu versöhnen.

Jesaja 10, 1-4: ”Weh denen, die unrechte Gesetze machen, und den Schreibern, die
unrechtes Urteil schreiben, um die Sache der Armen zu beugen und Gewalt zu üben am
Recht der Elenden in meinem Volk, daß die Witwen ihr Raub und die Waisen ihre Beute
werden. Was wollt ihr tun am Tage der Heimsuchung und des Unheils, das von Ferne
kommt? Zu wem wollt ihr fliehen um Hilfe? Und wo wollt ihr eure Herrlichkeit lassen?
Wer sich nicht mit den Gefangenen solidarisiert, wird unter den Erschlagenen fallen. Bei
all dem läßt sein Zorn nicht ab, seine Hand ist noch nicht ausgereckt.”
Zum Frieden Gottes gehört untrennbar und unverzichtbar die Gerechtigkeit. Ohne Ge-
rechtigkeit geht es nicht! Immer und immer wieder hämmern uns die Propheten des alten
Testaments und die Schreiber des neuen diese elementare Wahrheit Gottes ein. ”Was wollt
ihr tun am Tage des Gerichts?” fragt Jesaja im Namen Gottes. ”Was wollt ihr tun?” Und
auch hier spricht Gott uns Menschen Trost zu und schafft selbst Gerechtigkeit: die Gerech-
tigkeit des Sohnes Gottes Jesus Christus. Diese tiefgreifende Gerechtigkeit Jesu ist jedem
Menschen durch den Glauben zugänglich und führt mitten hinein in den Frieden Gottes.
”Wer an ihn glaubt, ist gerecht”, schreibt der Apostel Paulus, ”und wer ihn bekennt, wird
gerettet.”

Jesaja 11, 1-10: ”Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig
aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der
Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis
und Furcht des Herrn. Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des Herrn. Er wird
nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine
Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen
den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen
schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der
Roland Potthast 57

Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. Da werden die Wölfe bei
den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird
Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden
zusammen weiden, daß ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen
wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes
Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. Man wird nirgends mehr Sünde
tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis
des Herrn sein, wie Wasser das Meer bedeckt. Und es wird geschehen zu der Zeit, daß das
Reis aus der Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die Völker. Nach ihm werden die Heiden
fragen, und die Stätte, da er wohnt, wird herrlich sein.”
Das Reis aus dem Stamme Isais ist von allen Christen aller Zeiten mit Jesus identi-
fiziert worden. Jesus, der Jude - der Nachkomme Abrahams, Isaaks und Jakobs. Diesem
Jesus ist der Geist Gottes abzuspüren durch alle Überlieferungen und Verzerrungen bis
heute - bis ins 21. Jahrhundert. Wer die Worte Jesu hört und versteht, muß mit einem
unausprechlichen Erstaunen auf die Weisheit und Stärke dieser Worte reagieren und sich
in Furcht und Anbetung vor diesem Menschen beugen.
Jesu Urteil ist um nichts weniger bemerkenswert. In vielen Streitgeprächen überliefert
stellt er sich auf die Seite derer, die nichts haben und nichts ihr eigen nennen. Gerade
diejenigen, die ihre Unfähigkeit erkennen, finden Gnade vor Gottes Augen. Gerade die sich
als die Ungerechten erkennen, können Eingang finden in die einzig tragende Gerechtigkeit:
durch das Vertrauen auf Jesus Christus und seinen stellvertretenden Tod am Kreuz.
Das Gericht Gottes durch Jesus ist allgegenwärtig, und doch unvollendet. Die Worte
Jesu sind heute schon Realität, und doch ist er noch nicht fertig mit der Welt und dem
Universum, noch ist Zeit, zu suchen und zu finden.
Es ist das Friedensreich Gottes eine Realität, die sich in der Hoffnung Bahn bricht.
Noch ist nicht alles Leid besiegt. Noch ist der Schmerz und der Tod eine Macht, die ihre
letzten Züge auslebt und auskostet, die Menschen in ihren Bann zieht und in tiefster Seele
schreckt. Und mitten in diesem Leid zeigt sich das Friedensreich Gottes und breitet sich
mit Macht aus. Der Tod ist überwunden. Die Feindschaft ist besiegt. Wölfe wohnen bei
den Lämmern - und die kleinen Knaben treiben alle miteinander.
Begreifen Sie die tiefe Realität dieser Bilder? Lassen Sie sich anstecken von diesem
Blick, der quer durch die Welt hindurchgeht bis in die Ewigkeit Gottes? Gottes Reich
möchte heute in Ihnen und durch Sie Realität werden mitten in dieser Welt.

2.3.3 Das Buch des Jesaja - eine Einführung


Wir haben uns bisher auf inhaltliche Impulse zum alten Testament beschränkt. Wir haben
einfach damit begonnen, z.B. Jeremia oder Jesaja zu lesen und ausgehend vom neuen
Testament den Gehalt der Texte zu verstehen.
Natürlich stellt sich auch die Frage nach der Entstehung der Bücher des alten Testa-
ments, nach den geschichtlichen Hintergründen, nach den wissenschaftlichen Erkenntnis-
sen zu den Jahrtausende alten Texten und Schriften.
Für konkrete Fragen zu theologischen Themen möchten wir auf das Theologie-Forum
unseres Netzes hinweisen, für wissenschaftliche Fragen auch auf des Wissenschafts-Forum.
58 Die Bibel für Menschen von heute ...

Natürlich gibt es einen umfangreichen Katalog von Literatur, in der unterschiedlichste


Fragen aufgegriffen, mit sehr verschiedenen Methoden behandelt und zum Teil wider-
sprüchlich beantwortet werden.
Wir geben im folgenden exemplarisch und in geraffter Form eine kurze Einleitung
in das Buch des Jesaja. Für eine allgemeinverständliche Einleitung möchten wir das im
R.Brockhaus Verlag erschienene Buch ”Handbuch zur Bibel” empfehlen, für theologisch
Interessierte die englischsprachigen Einführungen: ”An Introduction to the New Testa-
ment” und ”An Introduction to the Old Testament” von D.A.Carson, Douglas J. Moo
und Leon Morris, Zondervan Publishing House, USA. Im folgenden Ausschnitte aus dem
zuerst zitierten Buch.

”Das Buch des Jesaja. Jesaja lebte im 8. Jahrhundert vor Christus in Jerusalem. Im 6.
Kapitel berichtet er über seine Berufung, die im Todesjahr des Königs Usia erfolgte (um 740
v. Chr.). Er wirkte über 40 Jahre lang, in der Regierungszeit der Könige Jotham, Ahas und
Hiskia.”
”Das Wirken Jesajas war von seiner ersten Vision Gottes in all seiner Herrlichkeit ge-
prägt (Kap.6). Er hatte Gott als den Heiligen Israels gesehen. Das konnte er nie vergessen.
Andererseits hatte er die abstoßende Wirklichkeit menschlicher Sünde gesehen, die sich ihm
unauslöschlich einprägte. Er hatte Vergebung erfahren und war von Gott in seinen Dienst ge-
nommen worden. Sein Leben lang verkündigte er Gottes Gerechtigkeit, warnte vor dem Gericht
über die Sünder und tröstete sein Volk, indem er es an Gottes Liebe, seine Vergebungsbereit-
schaft und all den Segen für seine Getreuen erinnerte.”
”Das Buch Jesaja enthält eine Sammlung von Visionen und Reden, die aus verschiedenen
Lebensabschnitten des Propheten stammen. Es ist nicht immer leicht zu verstehen. Einmal
sind uns Sprache und Wesen eines Propheten und Visionärs nicht vertraut. Zum andern wis-
sen wir nicht, nach welchen Grundsätzen der Stoff so zusammengestellt wurde, wie er uns
heute vorliegt. Manches wurde nach der zeitlichen Abfolge zusammengestellt, anderes nach
Themen. Außerdem springen die Gedanken des Sehers oft unvermittelt von einem Abschnitt
zum anderen.”
”In den letzten Jahrzehnten gab es viele Diskussionen über die Unterschiede zwischen
den Kapiteln 1-39 und 40-66. Viele Theologen nehmen an, daß das Buch mehr als einen
Verfasser hat. Möglicherweise wurden dann verschiedene Teile schon früh auf eine Schriftrolle
geschrieben, so daß auch das neue Testament von einem Verfasser ausgeht. Diese Theorie muß
vor allem deshalb in Frage gestellt werden, weil sie von der Voraussetzung ausgeht, daß die
prophetischen Bücher keine echten Voraussagen über die Zukunft enthalten können. Jesaja
hätte - so sagt man - im 8.Jahrhundert nicht mit solcher Genauigkeit Ereignisse vorhersagen
können, die erst lange nach seinem Tod eintraten [...]. Diese Voraussetzung steht aber im
Widerspruch zu den Grundgedanken von Jesaja 40-48: Gott zeigt, daß er allein Gott ist, indem
er schon im voraus ankündigt, welche Ereignisse nach seinem Plan in der Zukunft eintreten
werden.”
Roland Potthast 59

2.3.4 Standpunkt: Prophet in Deutschland?

Brauchen wir Propheten wie Jesaja auch heute in Deutschland? Ja - wir brauchen solche
Propheten ganz dringend und notwendig! Wir brauchen sie nicht, um noch grundsätzlich
neue Dinge über Gott zu lernen. Alles Wesentliche ist mit Jesus gesagt - die Offenbarung
Gottes ist abgeschlossen. Die heutigen Propheten sind neutestamentlich, d.h. in vielem
ganz anders - aber nicht von weniger Bedeutung.
Wir brauchen Menschen, die vor einer großen Öffentlichkeit zum Vertrauen auf den
lebendigen Gott einladen, die klare Worte finden und von Gott selbst bevollmächtigt sind.
Wir brauchen Menschen, die sich im Kleinen und Großen ganz auf Gott einlassen und
verlassen, die damit andere Menschen mitziehen und zu einem Leben in der Wahrheit Jesu
Christi ermutigen.
Wir brauchen Menschen mit einem Wort, das die Festungen der Eitelkeiten, der Selbst-
sucht, der Traditionen und Seilschaften zerschlägt. Wir brauchen sie, die im reinen und
wohltuenden Vertrauen auf den Schöpfer des Himmels und der Erde leben und handeln
und damit vielen anderen zum Segen werden.

Wir brauchen keine Menschen, die sich selbst gefallen, sondern die Gott nahe sind und
in der Demut Jesu leben und reden.
Wir brauchen keine Kirchen und Verbände, die mehr an ihrem Verbandsleben als an
Gottes Liebe oder Gerechtigkeit interessiert sind. Sondern wir brauchen Menschen, die
Gottes Liebe Realität werden lassen - diese Liebe, die jedem persönlich und unvoreinge-
nommen begegnet.

Wo sind die Propheten in Deutschland, die heute klar und vernehmlich Gottes Worte
sprechen - die Worte Jesu weitergeben, leben und auslegen?
Wo sind die Menschen, die ganz rein auf die Liebe und die Gerechtigkeit Gottes hin-
weisen? Kann man sie hören in den Medien?
Wo werden ihre Worte weitergetragen und mannigfaltig reflektiert?
Es gibt solche Menschen. Gott hat Menschen gerufen und begabt. Gott liebt uns und
gibt uns Hoffnung!
Gott möchte auch heute jeden Menschen in Deutschland und darüber hinaus persönlich
ansprechen, ihm seinen Trost sagen und ihn zu einem Leben in der Gerechtigkeit Jesu
einladen!

Helfen Sie mit, die Propheten in Deutschland zu finden, sie zu hören und ihre Worte zu
verbreiten! Werden Sie zu einem Nachfolger und Diener Jesu in diesen Dingen - praktisch
und täglich: im Beruf, in der Familie, in Ihrer Freizeit.
Gott ruft auch Sie heute zu sich! Er möchte, daß jeder Christ ein kleines Stück weit
zu einem Propheten wird, der von Gottes Evangelium erzählt. Der Auftrag Jesu, allen
Menschen in der Liebe Gottes zu begegnen, gilt heute und gilt allen Christen. Zögern Sie
nicht, sich seiner Liebe anzuvertrauen. Es lohnt sich.
60 Die Bibel für Menschen von heute ...

2.4 Das neue Testament im Alten ... - vom leidenden Gottesknecht (Je-
saja 50-53)
2.4.1 Für Eilige: get the Message!
”Get the Message!” sagen wir heute. ”Hör zu, was wir zu sagen haben! ... Hör auf die
Sprecher der Nachrichten - und auf den Inhalt ihrer Worte!”
Wie anders klingt solches in den bildhaften Worten orientalischer Rethoriker. Wie viel
mehr Tiefe und Bedeutung wird vermittelt durch die biblischen Text des Jesaja, wenn
er formuliert: ”Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die Frieden
verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die zu Zion sagen: Dein Gott ist König!”
Get the message! Worum geht es den Boten Gottes, von denen hier die Rede ist?
Worum geht es uns heute, wenn wir ihre Worte weitergeben?
Es geht um das Neue Testament im Alten - um das Evangelium von Jesus Christus.
Wenn sie die Message des Neuen Testaments verstehen wollen, müssen Sie schon einmal
etwas genauer hinhören. Es lohnt sich, den Worten der Nachrichtensprecher (der Botschaf-
ter) zuzuhören. Es lohnt sich, sich auf Gott einzulassen.
Dies ist die Einladung, das Neue Testament zu verstehen und hineinzutreten in den
”neuen Bund” Gottes mit Israel und allen Menschen. Es ist die Einladung, zum lebendigen
Glauben an Jesus Christus zu kommen - heute!

Tipps für diese Woche:


1) Fragen Sie sich wiederholt, ob Sie die Nachricht vom leidenden Gottesknecht, wie sie
in Jesaja 53, aber auch vielfach im neuen Testament beschrieben wird, verstanden haben.
Klären sie offene Fragen!
2) Treten Sie (neu?) hinein in den neuen Bund Gottes mit den Menschen, indem Sie
sich mit Ihrem ganzen Leben, Besitz, Denken, Wünschen, Fühlen, Reden und Handeln der
Herrschaft Gottes und seines Sohnes Jesus Christus unterstellen.
Gehen Sie diesen Schritt ganz explizit im Gebet!
Suchen Sie dann Christen auf, um mit ihnen konkret weitere Schritte zu besprechen.

2.4.2 Der Text: das Neue Testament begreifen


Wir wollen in diesem Abschnitt unseres Bibelseminars den Text nicht von vorn nach
hinten lesen, sondern unterschiedliche Abschnitte herausgreifen. Zunächst geht es hier um
das neue Testament und seine Bedeutung, wie sie bei Jesaja mitten im Alten Testament
erklärt und vermittelt wird. Teil 3. beschäftigt sich dann mit der Art, wie hier prophetisch
inmitten einer konkreten geschichtlichen Situation geredet wird.
Neues Testament - worum geht es dabei? Was sagt Jesaja hier seinen Zeitgenossen und
allen nach ihm lebenden Menschen? Wir lesen Jesaja 52, Vers 13 bis Jesaja 53,12.
Jesaja sagt Worte Gottes: ”Siehe, meinem Knecht wird es gelingen, er wird erhöht und
hoch erhaben sein.”(Jes.52,13) Christen haben in diesem Knecht Gottes, von dem hier
geredet wird, von Beginn an und mit wachsendem Verständnis Jesus Christus gesehen.
Von dem Knecht Gottes wird hier weiter gesagt: ”Wie sich viele über ihn entsetzten,
weil seine Gestalt häßlicher war als die anderer Leute und sein Aussehen als das der
Roland Potthast 61

Menschenkinder, so wird er viele Heiden besprengen, daß auch Könige ihren Mund vor
ihm zuhalten. Denn denen nichts davon verkündet ist, die werden es nun sehen, und die
nichts davon gehört haben, die werden es merken.” (Jesaja 52,14+15)
Der erste Teil des Satzes wird in der Regel so verstanden, daß Jesus kein großer Krieger
mit stattlicher Statur war, sondern eher unbedeutend und häßlich. Manche Ausleger sehen
auch Jesu Leidensweg hier durchschimmern, der ihn an das Kreuz führt und zum Spott
und Abschaum der Menschheit macht. Der zweite Satzteil bezieht sich auf die Wirkung,
die Jesus Christus in der Weltgeschichte hat. Selbst Könige, Staatsmänner und Präsiden-
ten beugen sich vor ihm. Gerade die Völker der Erde, die nicht seit jahrtausenden die
prophetischen Überlieferungen des Volkes Israel zur Verfügung haben, sondern die nichts
von ihm gehört haben, kommen zum lebendigen Glauben an Jesus Christus.
Die nun folgenden Zeilen Jesajas bilden einen zentralen Abschnitt und Kern des neuen
Testaments. Hier geht es ganz konkret um den Weg und die Rolle Jesu. Wir lesen den
Text:
”Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten
ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer
Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf
ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.”
Wir werden durch diesen Text mitten hineingeführt in die Situation bei der Kreuzi-
gung Jesu. Wie erniedrigend und abstoßend sind die Schmerzen Jesu, sein Leid und sein
Erscheinungsbild. Doch dieses Leid hat eine tiefgehende Bedeutung! Es ist ”unser” Tod
und ”unsere” Strafe, die Jesus leidet. Der Sprecher des Textes stellt sich hier an die Seite
der unzähligen Leser des Jesaja-Buches. Er stellt sich an die Seite derer, die nicht gerecht
sein können, die dringend auf Rettung aus dieser Situation angewiesen sind.
”Wir gingen in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf
unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund
nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das ver-
stummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht
hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der
Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. Und man gab
ihm ein Grab bei den Gottlosen und bei den Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er
niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Mund gewesen ist.”
Später wird einer der Titel Jesu ”Lamm Gottes” werden - also derjenige, der wie ein
Lamm für Gott und die Menschen gelitten hat. Lamm Gottes ist das wichtige Bild, in dem
im neuen Testament bis hin zur Offenbahrung von Jesus geredet wird.
Hier wird vom Tod Jesu geredet - vom Tode eines Unschuldigen Boten Gottes. Es
wird auch schon klar gesagt, daß Jesus stellvertretend für die Missetat des Volkes leidet
und stirbt. Dieses s t e l l v e r t r e t e n d e Sterben Jesu ist einer der wesentlichen
Punkte des ganzen neuen Testaments, das immer und immer wieder aus unterschiedlichen
Blickwinkeln aufgegriffen und erläutert wird.
”So wollte ihn der Herr zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schul-
dopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des Herrn
Plan wird durch seine Hand gelingen. Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das
Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht,
62 Die Bibel für Menschen von heute ...

der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. Darum will
ich ihm die Vielen zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben, dafür daß
er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die
Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.”
Jesaja stellt klar, daß das stellvertretende Sterben Jesu Gottes Wille und Plan ist. Und
es wird auf die Auferstehung und die Wirkungsgeschichte Jesu bis heute verwiesen: er hat
Nachkommen in Fülle. Gottes Plan der Versöhnung gelingt durch die Hand Jesu. Wo sich
Menschen persönlich Ihm unterstellen und in seiner Nachfolge leben, kann wahrer Friede
einkehren! Viele Millionen von Menschen haben bis heute zu Jesus Christus gefunden. Sie
sind s e i n Eigentum geworden ... in der bildlichen Sprache Jesajas der ”Raub” Jesu -
seine Beute. Jesus macht diese Menschen völlig gerecht vor Gott durch seinen Tod am
Kreuz. Das ist neues Testament: frohe und befreiende Botschaft von Jesus Christus.
”Das neue Testament begreifen” ... haben wir unseren Abschnitt überschrieben. Zu
diesem ”Begreifen” gehört es, den Text intellektuell zu erfassen und ihn praktisch zu e
r greifen. Das intellektuelle Begreifen haben wir in wichtigen Eckpunkten angesprochen.
Das praktische Ergreifen ist nun ihre persönliche Sache. Sie können den Tod Jesu als
einen stellvertretenden Tod annehmen und mit dem lebendigen Jesus auch heute leben!
Sie können an seiner Gerechtigkeit durch den Glauben teilhaben und ein Kind Gottes
werden und sein. Sie können heute im Gebet hineintreten in den lebendigen Glauben an
das Lamm Gottes - Jesus Christus.
Dies ist die auf den Texten unmittelbar aufbauende Einladung, diese wichtigen Schritte
zu gehen. Es ist auch die Einladung des Bibelseminars des Evangeliumsnetzes heute!

2.4.3 Prophetisches Reden erfahren und verstehen


Lassen Sie uns nun den Text noch einmal unter der Frage nach der Prophetie in historischer
Perspektive ansehen. Wie redet Jesaja damals? In welcher Situation redet er? Und wie
kann man seine Zeilen angemessen verstehen - ohne die Geschichte zu vernachlässigen,
und ohne Gottes Reden über die konkrete Situation hinaus zu ignorieren?
Alles Reden der Propheten von Jesaja bis Maleachi nimmt seinen Ausgangspunkt
von ganz konkreten historischen Situationen. Immer wieder spricht Gott mitten hinein in
die historische Situation eines kleinen Volkes - des Volkes Israel. Immer wieder greift er
seine eigene Geschichte mit diesem Volk auf, erinnert an die Bundesgeschichte und nimmt
aktuellen Bezug zu den Ereignissen und Verhaltensweisen des jüdischen Volkes.
Doch immer und immer wieder bricht das Reden Gottes in den prophetischen Texte
heraus aus der konkreten historischen Situation und wendet sich den zukünftigen Ereig-
nissen zu - den Plänen Gottes mit den angesprochen Menschen oder der Menschheit als
ganzem. Geradezu unvermittelt führen einzelne Verse oder ganze Abschnitte den Leser
hinaus aus seiner konkreten geschichtlichen Situation und zeigen ihm jahrtausende der
kommenden Geschichte Gottes, der Erde und des Universums.
Schon früh haben jüdische Theologen in vielen der Texten das Reden vom Messias
gehört. Die Erwartung des ”Gesalbten” Gottes war gerade zur Zeit Jesu groß. Das Volk
Israel war von Gott vorbereitet darauf, daß etwas Besonderes und Weitreichendes gesche-
hen würde. Unser Jesaja-Text ist ein wichtiger Teil dieser Vorbereitung!
Roland Potthast 63

Wie kommen wir nun heute zu einem angemessenen Verständnis der prophetischen
Texte des alten (und des neuen) Testaments?
Unsere Überzeugung ist es, daß die Auslegung prophetischer Texte eine herausfordern-
de und schwierige Aufgabe ist und bleibt. Einzelne Christen können dabei eine wichtige
Rolle spielen. Auch wird es immer wesentlich sein, in der Gemeinschaft von Christen und
Theologen und im Diskurs einen Weg zu einem befriedigenden, tiefen und angemessenen
Verständnis zu suchen. Genauso wichtig für ein Verständnis ist auch das Leben im Glau-
ben - das tägliche praktische Ringen in der Nachfolge Jesu Christi. Erst das Zuhören u n d
Tun wird uns nach dem neuen Testament (Johannes Evangelium, z.B. 7,17) zur Erkenntnis
Gottes und seiner Worte führen!
Die wichtige Rolle einzelner Christen wird im neuen Testament anhand der Geschichte
der Begegnung des Philippus mit dem Minister aus Äthiopien ganz klargestellt (Apostel-
geschichte 8,26ff). Dieser Minister hat den von uns besprochenen Text aus Jesaja gelesen
und nicht verstanden. Dann legt Philippus den Text auf Jesus Christus hin aus. Der Mi-
nister aus Äthiopien versteht daraufhin die weitreichende Bedeutung der Worte, kommt
zum Glauben an Jesus Christus und läßt sich taufen.
Das führt uns wieder zu einer wichtigen Sache, die wir schon in den vorausgehenden
Abschnittes unseres Bibelseminars angesprochen haben: die prophetischen Texte erschlie-
ßen sich von Jesus Christus her, denn sie verweisen auf ihn und führen zu ihm hin. Und
die prophetischen Texte möchten uns zum Glauben helfen ... sie sind die immer neue und
immer wieder ursprüngliche Einladung zu einem Leben in Gemeinschaft mit dem Schöpfer
der Erde, dem Gott und Vater Jesu Christi.

2.4.4 Wort beim Wein: Hoffnungen und Möglichkeiten für Deutschland


Ich möchte von Hoffnungen und Möglichkeiten Gottes heute erzählen. Es sind meine Hoff-
nungen - und ich hoffe sehr, daß sie auch Ihre Hoffnungen sind oder werden.
Was kann Gott tun? Was ist heute möglich?
* Gott kann Thema der Gespräche zwischen Menschen in Deutschland werden: am
Stammtisch, im Cafe, im Theater, in Kneipen und Restaurants ... Die Message von Je-
sus Christus ist es wert, von vielen einfachen und gebildeten Menschen besprochen und
ausgetauscht zu werden! Glaubend aufgenommen und umgesetzt wird diese Nachricht von
Jesus Christus unser Zusammenleben und unsere Gesellschaft verändern!
* Gott kann Thema der Medien werden. In unterschiedlichsten Sendungen in Radio
und Fernsehen können die aktuellen biblischen Themen zu einem tiefliegenden, wichtigen
und belebenden Element werden. In den Zeitungen können sich liberalere und strengere
Theologen um das bessere Verständnis der Worte Gottes unterhalten. Überall wird einge-
laden zu einem Leben, das sich an Jesus Christus orientiert... und Millionen von Menschen
folgen diesen Einladungen!
* Unzählige Menschen richten ihr Leben konkret an Jesus Christus aus. Das hat re-
volutionäre Konsequenzen. Wenn jede Familie mit einem Gesamt-Einkommen von 3500
DM netto plötzlich 300,- DM für Bedürftige andere Menschen in Deutschland und der
Welt gibt, wird dies die Welt und die Weltgeschichte verändern. Wenn wir nicht mehr
zuerst uns selbst sehen, sondern bereit werden zum Dienst an anderen - auch wenn es
64 Die Bibel für Menschen von heute ...

Kraft und Mühe kostet ... wie wunderbar wird diese Gesellschaft sein? Entscheidend ist
die persönliche Hingabe an Jesus Christus, den Sohn Gottes.
* Der Geist Gottes erfüllt unser Zusammenleben. Zuerst äußert sich dies in Bescheiden-
heit - in der Fähigkeit, k e i n e Ansprüche an andere Menschen zu stellen. Es äußert sich
in der Fähigkeit, anderen zuzuhören. Es wird Wirklichkeit in der Kraft, Demütigungen
zu ertragen und den anderen Menschen dennoch zugewandt zu bleiben. Gottes Macht ist
unfaßbar tief und weitreichend ... und sie ist jedem Menschen in Deutschland, Europa und
der ganzen Welt unmittelbar zugänglich durch den lebendigen Glauben an Jesus Christus!
* Ich hoffe und glaube an eine Renaissance des christlichen Glaubens in Deutschland
und Europa. Ich glaube an die Kraft Gottes, sich auch heute einen Weg zu unseren ver-
steinerten Herzen zu bahnen. Ich glaube daran, daß unzählige Menschen heute mit Jesus
Christus leben möchten, weil er der erste und einzige wahre Mensch gewesen ist. Weil
wir bei ihm tiefen Frieden finden können für unser Leben und unser Sterben. Weil er uns
in eine Gemeinschaft mit Gott hineinführt, die unfaßbar und wunderbar ist und tiefste
Sehnsucht eines jeden Menschen von Anbeginn bis in heute.

2.5 Brich mit dem Hungrigen dein Brot! ... - von der Umkehr (Jesaja
55 bis 58)
2.5.1 Für Eilige: Wie Gott es meint ...
Wie sieht ein Leben mit Gott aus? Was für Menschen möchte Gott eigentlich haben?
Leben im Glauben, wie ist das gemeint?
Oft scheint ein verhängnisvolles Mißverständnis um sich zu greifen, was denn ”Glau-
ben” sei.
- Das regelmäßige Beten macht noch keinen Glauben!
- Etwas für wahr zu halten macht noch keinen Glauben!
- Sonntags in die Kirche zu gehen, ja zu Fasten und bestimmte Dinge zu unterlassen macht
noch keinen lebendigen Glauben.

Gott meint beim Glauben die Umkehr meiner ganzen Person zu ihm und seiner Art.
Eine solche Umkehr hat Konsequenzen - das kann nicht oberflächlich oder äußerlich blei-
ben.

Wie meint es Gott?

Gott meint es ernst!


Gott meint es ehrlich!
Gott meint es liebevoll ...
und liebevoll eifernd um Recht und Barmherzigkeit!

Unser heutiger Bibelabschnitt hat viel davon zu berichten, wie Gott es meint.

Tipps für diese Woche:


1) Untersuchen Sie Ihre eigenen Gewohnheiten darauf, ob dabei ”leere” Verhaltenswei-
sen sind, die nicht der Liebe und dem Willen Gottes entsprechen.
Roland Potthast 65

2) Gehen Sie Ihre eigenen Schritte eines Lebens, wie Jesaja es beschreibt: teilen Sie Ihr
Vermögen zumindest teilweise mit denen, die nichts oder wenig haben. Helfen Sie denen,
die gegängelt werden und sich nicht wehren können. Sorgen Sie für gesunde Beziehungen
und für Versöhnung in Ihrer Familie.

2.5.2 Einladung und Ermahnung - Jesaja 55 bis 58


Wir lesen nun Teile der Kapitel 55 bis 58 des Jesaja-Buches. Wir lassen uns mitnehmen
von den Einladungen, die hier formuliert werden. Diesmal folgen wir der Übersetzung der
”Guten Nachricht.”
”Komm her, wer Durst hat! Hier gibt es Wasser! Auch wer kein Geld hat, kann kom-
men! Kauft euch zu essen! Es kostet nichts! Kommt Leute, kauft Wein und Milch! Zahlen
braucht ihr nicht! Warum gebt ihr euer Geld aus für Brot, das nicht taugt, und euren
sauer verdienten Lohn für Nahrung, die nicht satt macht? Hört doch auf mich, dann habt
ihr es gut und könnt euch an den erlesenen Speisen satt essen! Hört doch, kommt zu mir!
Hört auf mich, dann werdet ihr leben!” (Jesaja 55,1-3)
Wasser, Brot, Nahrung umsonst ... kann das etwas Gutes sein? Jesaja schockt sein
Publikum mit der Umwertung aller Werte.
Brot, das nichts taugt ... der Prophet spricht von den Dingen, an die wir unser Leben
hängen und von denen wir leben. Für den einen ist dieses Brot der wirtschaftliche Erfolg.
Für den anderen Ruhm, Bekanntheitsgrad, Anerkennung im Freundeskreis, für wieder
einen anderen Sex und der Erfolg bei Frauen, für andere Macht und Einfluß hinter den
Kulissen. Weitere leben vom Vergnügen wie von einer süßen Flüssigkeit ... vom Fernse-
hen, der Faszination der Schocker, der Science Fiction Serien, der Liebesromanzen, der
Seifenopern ... doch all das macht nicht wirklich satt!
Wo gibt es Brot, das satt macht? Jesus Christus selbst behauptet später von sich, daß
er ”das Brot des Lebens” (Johannes 6, 35) sei, das wahre Brot und der wahre Wein. Er
behauptet, daß man bei ihm wirklich satt werden könne (lesen Sie das Johannes Evange-
lium). Und hier in Jesaja redet der Prophet ähnlich, indem er (600 Jahre vor Jesus) die
Worte Gottes wiedergibt, der zum wahren Brot einlädt und seinen neuen Bund (das neue
Testament) bekanntmacht:
”Ich will mit euch einen unauflöslichen Bund schließen. Die Zusagen, die ich David
gegeben habe, sind nicht ungültig geworden, an euch werde ich sie erfüllen.” (Jesaja 55,3)
Und Gott konkretisiert seine Einladung und seinen Aufruf zur Umkehr: ”Wendet euch an
den Herrn, denn er will sich euch zuwenden. Bringt eure Not zu ihm, denn er will euch
hören! Wer sich gegen den Herrn aufgelehnt hat, wer seine eigenen Wege gegangen ist, soll
umkehren und zum Herrn kommen. Der Herr wird ihn wieder annehmen, denn er ist voll
Güte und Erbarmen.” (Jesaja 55,6+7)
In Jesaja 56-58 wird dann beschrieben, wie die Zuwendung zu Gott konkret aussieht.
Haltet Gottes Ordnungen - heißt es. Das meint z.B.:

• Die Ausländer sollen voll anerkannt und aufgenommen werden.

• Die Zeugungsunfähigen sollen nicht mit Verachtung betrachtet (damals weitverbrei-


tet), sondern als vollwertig angenommen werden.
66 Die Bibel für Menschen von heute ...

• Zauberei und Hurerei sollen unterbleiben.

• Abgötterei jeder Art soll unterbleiben - es gibt nur einen Gott und einen Mittelpunkt
allen Lebens. Es gibt nur ein Brot, das wirklich satt macht!

Gott stellt klar, daß er nicht nur ein Gott der Starken, Gerechten und Erfolgreichen
ist. Ganz klar hören wir Gottes Zusagen in Jesaja 57,15:
”Ich wohne in der Höhe, in unnahbarer Heiligkeit. Aber ich wohne auch bei den Ge-
demütigten und Verzagten, ich gebe ihnen Hoffnung und neuen Mut.”

Im 58 Kapitel beschreibt Jesaja dann ein ”Fasten, an dem Gott Gefallen hat.” Fasten
- Ausdruck einer religiösen Verhaltensweise ... Fasten, Ausdruck für ein Leben, daß dem
Gesetz (den Ordnungen) Gottes genügt. Hier sagt Gott nun, wie das wahre Fasten, das
echte, wirkliche Fasten aussieht:
Seht doch, was ihr an euren Fastentagen tut! Ihr geht euren Geschäften nach und beutet
eure Arbeiter aus. Ihr fastet zwar, aber ihr seid zugleich streitsüchtig und schlagt sofort
mit der Faust drein. Darum kann euer Gebet nicht zu mir gelangen. Ist das vielleicht ein
Fasttag, wie ich ihn liebe, wenn ihr nicht eßt und trinkt, euren Kopf hängen laßt und euch
im Trauerschurz in die Asche setzt? Nennt ihr das ein Fasten, das mir gefällt? Nein,
Fasten, wie ich es haben will sieht anders aus! Löst die Fesseln eurer Brüder, nehmt das
drückende Joch von ihrem Hals, macht jeder Unterdrückung ein Ende! Gebt den Hungrigen
zu Essen, nehmt Obdachlose in euer Haus, kleidet den, der nichts anzuziehen hat, und helft
allen in eurem Volk, die Hilfe brauchen!
Gott bindet diese Gebote an starke Verheißungen:
Dann strahlt euer Glück auf, wie die Sonne am Morgen, und eure Wunden heilen
schnell; eure guten Taten gehen euch voran, und meine Herrlichkeit folgt euch als starker
Schutz. Dann werdet ihr zu mir rufen, und ich werde euch antworten; wenn ihr um Hilfe
schreit werde ich sagen: hier bin ich! (Jesaja 58, 4-9)

2.5.3 Gottes unerfaßbare Wege (Jes.55,8-11)


”Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege,
spricht der Herr, sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine
Wege höher als eure Wege und meine Gedanken höher als eure Gedanken. Denn gleichwie
der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern
feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und läßt wachsen, daß sie gibt Samen, zu säen,
und Brot, zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird
nicht wieder leer zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und es wird gelingen,
wozu ich es sende.”
Der erste Punkt: Gottes Wege sind tiefer und höher als unsere Wege. In Ansätzen
kann man das erahnen, wenn man das alte Testament studiert, die Verheißungen und den
Umgang Gottes mit seinem Volk Israel - und dann das neue Testament liest und versteht:
Jesus Christus als die Erfüllung dieser Verheißungen in seiner Geschichte bis heute.
Roland Potthast 67

Mysterium Christi - Geheimnis Christi ... so wird in den ”alten” Kirchen (insbesondere
den orthodoxen Kirchen des Ostens) bis heute diese unausschöpfliche Weisheit Gottes
genannt. Obwohl Gott sich in Christus als Mensch gezeigt hat, obwohl wir viel wissen und
verstehen, bleibt der Weg Gottes mit uns und dieser Welt doch auch immer geheimnisvoll,
unseren Verstand übersteigend, bewundernswert weitreichend.
Der zweite Punkt sind Gottes Ausführungen über sein Wort. Wort Gottes ...

das gesprochene,
das aufgeschriebene,
das weitergetragene und gelebte,
das in Jesus Mensch gewordene und dann wieder
in mündlicher und schriftlicher Form weitergegebene
gepredigte, ausgelegte, besprochene,
diskutierte und geliebte Wort Gottes.

Es bewirkt wie der Regen bei einem riesigen Feld das Wachstum des ”Reiches Gottes”
mitten in der Welt. Das Reich Gottes wächst und breitet sich aus durch das Wort Gottes
- durch nichts anderes!
Es ist eines der Geheimnisse Gottes, daß er Glauben weckt und Menschen zu sich
einlädt nicht durch Armeen, Geld oder Macht, sondern durch seinen Geist, der sein Wort
erfüllt und lebendig macht.

2.5.4 Wort beim Tee: christlicher Erlebnispark, christliches Studienzentrum


Wie können Menschen in Deutschland heute etwas erfahren über Jesus Christus, die Bibel,
den lebendigen Glauben und über die Geschichte der vielen unterschiedlichen christlichen
Kirchen dieser Welt und dieses Landes?
Bei einem Besuch im Phantasialand bei Köln am heutigen Morgen ging mir der folgende
Plan nicht mehr aus dem Sinn.
Stellen Sie sich einen christlichen Erlebnispark vor, bei dem jung und alt etwas über
den Glauben an Jesus Christus lernen kann. Man kann teilnehmen an den biblischen
Geschichten. Es gibt Spiele, in denen man christliches Verhalten spielerisch ausprobieren
kann. Die vielen Würstchen und Getränkebuden werden dabei kaum stören, sondern dafür
sorgen, daß Leib und Seele aufnahmefähig bleiben.
Bei näherer Betrachtung wurde mir klar, daß dies kaum so kommerzialisiert wie das
Kölner Disneyland ablaufen kann. Aber dennoch: die einladende Atmosphäre eines solchen
Parks kann die Einladung Jesu unterstützen und das Evangelium kann darin vermittelt
werden.
Natürlich kamen weitere Gedanken. Als Wissenschaftler wünsche ich mir ein dem Er-
lebnispark angegliedertes Studienzentrum mit der Möglichkeit preiswerter Unterkünfte,
wo der christliche Glaube in tieferer Dimension studiert und besprochen werden kann.
Ich wünsche mir einen Teil des Parks, wo in sehr ernsthafter Weise die Geschichte des
Christentums dargestellt wird, eine Art ”Modernes Museum des christlichen Glaubens.”
Ich wünsche mir, daß im Rahmen dieses Parks auch kranke, leidende und angeschlagene
Menschen Hilfe finden können - ein christliches Seelsorge-Zentrum mit Erholungsheim.
68 Die Bibel für Menschen von heute ...

Ich wünsche mir, daß er Park auch die Möglichkeit von wirklicher Ruhe bietet. Es
muß also ausreichend Platz in der Natur vorhanden sein, welches den gedrängten Teil
des Erlebnisbereiches ergänzt. Ideal wäre ein Waldstück mit Wanderwegen, Bächen und
weiten Wiesen.
Könnten Sie sich vorstellen, einen solchen christlichen Erlebnispark zu unterstützen und
mit aufzubauen? Könnten Sie sich vorstellen, einen Verein oder eine GmbH zu gründen, die
aus dem Glauben an den lebendigen Jesus Christus heraus ein solches Projekt in Angriff
nimmt?
Wenn Sie es sich vorstellen können, dann gehen Sie ins Gebet: bitten Sie Gott für das
Projekt, um Leitung und Weisheit und seine Führung. Bitten Sie Gott, daß er Menschen
in diese Arbeit sendet und uns in allen Dingen führt. Bitte schreiben Sie mir über die
Ergebnisse Ihres Gebetes. Sollte Gott dieses Projekt in die Hand nehmen, ich wäre liebend
gerne mit Leib und Seele dabei, wenn er sein Reich baut und auf diese Weise an die
Öffentlichkeit tritt.

2.6 Die Währungsreform ... - von Gottes Schöpferkraft (Jesaja 65 + 66)


2.6.1 Für Eilige: Die Währungsreform ...
Währungsreform ... für Deutschland ist das Zeichen eines Neuanfangs und Neubeginns.
Währungsreform ... Zeichen, daß etwas Grundlegendes anders und neu geworden ist.
Die Kapitel 65 und 66 des Jesaja Buches lassen uns hineinblicken in eine neue Schöpfung,
die Gott ankündigt: eine neue Welt mit einer neuen Währung. Dort wird mit neuem Geld
gezahlt und gerechnet, und die Zehner, Hunderter und Tausender heißen:
Glaube, Liebe, Hoffnung!
Jesaja beschreibt die neue Welt Gottes, und er beschreibt die Bilanz, die zu ihrem
Beginn gezogen wird: Was ist die alte Währung wert, die wir bringen? Was sind unsere
Worte und Taten wert vor Gott?
Die beiden Kapitel verschweigen auch nicht die andere Welt, die nicht teilhat an dem
Reich Gottes. Die Lage der Menschheit ist sehr ernst! Das wird angesprochen, es geht
nicht unter in einer universellen Allversöhnung. Denn die Heiligkeit Gottes fordert Gericht
und Vergeltung.
Wir werden diese beiden zentralen Themen des Textes im Detail besprechen - und in
den Zusammenhang des Neuen Testaments und unserer Weltgeschichte stellen - von Jesaja
600 v. Chr. bis heute.

Tipps für diese Woche:


1) Können Sie Gottes Schöpferkraft erahnen, wenn Sie die Welt um sich her erblicken?
Gott wird mit derselben unfaßbaren Kraft seine neue Welt erschaffen. Schon jetzt wächst
das Reich Gottes im Verborgenen ... mit allen Menschen, die zum Glauben an Jesus
Christus gefunden haben.
2) Lassen Sie sich von den Blicken Gottes in seine neue Welt bewegen und prägen! Ihr
Alltag, Ihr ganzes Fühlen, Denken und Leben soll davon beeinflußt und erfaßt werden ...
um heute schon Realität werden zu lassen, was sich bald sichtbar Bahn brechen wird: die
neue Schöpfung Gottes mit der neuen Währung, bestehend aus Glaube und Liebe.
Roland Potthast 69

2.6.2 Blick in eine neue Schöpfung (Jes. 65+66)

Wir wollen uns zunächst auf diejenigen Teile der beiden Kapitel 65 und 66 beschränken,
in denen Gott uns seine neue Schöpfung hineinblicken läßt.
Es heiß dort: ”Ich ließ mich suchen von denen, die nicht nach mir fragten, ich ließ mich
finden von denen, die mich nicht suchten. Zu einem Volk, das meinen Namen nicht anrief,
sagte ich: Hier bin ich!” (Jesaja 65,1)
Aus der Retrospektive des neuen Testamentes ist dies eine Prophezeihung Gottes,
die mit der Mission Jesu an seine Apostel und Nachfolger, alle Menschen zu Jüngern
zu machen, seine unmittelbare Erfüllung gefunden hat. Die vielen Völker der ”United
Nations” sind aufgerufen, Gott zu hören und ihm zu folgen.
Und ab dem Vers 16 dreht Gott so richtig auf: ”Wer sich segnen wird auf Erden, der
wird sich im Namen des wahrhaftigen Gottes segnen, und wer schwören wird auf Erden,
der wird bei dem wahrhaftigen Gott schwören. Denn die früheren Ängste sind vergessen
und vor meinen Augen verschwunden.” ”Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine
neue Erde schaffen, daß man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen
nehmen wird. Freut euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe,
ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude.[...]” (Jes.65,16-18)
Und in den nun folgenden Versen beschreibt Gott konkret und in sehr menschlichen
Worten, wie die neue Welt aussehen wird. Leid und menschlicher Streit sind vergangen.
Arbeit bekommt gerechten Lohn. Gott ist nah und lebt mit den Menschen:
”Und es soll geschehen: ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will
ich hören. Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das
Rind, aber die Schlange muß noch Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden
tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der Herr.” (Jes. 65, 24+25)
Die umfassende Vision des Friedens, die hier in Kapitel 65 ähnlich wie schon im elften
Kapitel des Jesaja Buches offengelegt wird, kann keinen Menschen kalt lassen. Doch wird
sie das Leben verändern? Tun wir diese Bilder als unrealistische Wunschvorstellungen ab,
oder lassen wir uns von ihnen auf Gott hin leiten und zum Leben helfen?
Gottes weitere Worte über seine neue Schöpfung nehmen die Form einer sich veraus-
gabenden Liebeserklärung an:
”Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom
und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem
Arme getragen werden und auf den Knien wird man sie liebkosen. Ich will euch trösten, wie
einen seine Mutter tröstet; ja ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.” (Jes. 66, 12+13)
Wir müssen klar sehen und zugestehen, daß diese neue Welt Gottes noch keine Realität
ist in dieser Welt. Trotz aller Errungenschaften moderner Staatswesen (die ja auch stark
durch das römische Recht und Staatswesen geprägt wurden) sind wir weit entfernt von
dem Frieden, den Jesaja uns vor Augen malt. Die Worte Gottes, die Jesaja hier überliefert,
gehen weit über die Welt hinaus, so wie wir sie kennen.
Wie könnten wir uns die Realisierung dieser neuen Erde vorstellen? Im Laufe der 2000
Jahre haben Menschen in unterschiedlichsten Bilder einen Zugang zu dieser neuen Welt
gesucht. Wird inmitten unserer physikalischen Welt der Mensch so sehr verändert, daß er
”neu” ist? Wird die Welt zugrunde gehen und es gibt im physikalischen Sinne ein neues
70 Die Bibel für Menschen von heute ...

Universum, eine neue Erde ...?


Wir wollen und können hier keine Antwort auf diese weitreichenden Fragen geben.
Sie dürfen diese Fragen gerne in den Foren des Evangeliumsnetzes bereden und weiter
erforschen. Uns ist wichtig, wie sehr Gott den Zugang zu uns Menschen auch durch diese
Visionen und Bilder seiner neuen Schöpfung sucht. Er möchte unser Herz erreichen und
unsere Persönlichkeit auf ihn hin verändern und erneuern. Wir dürfen auf diese Einladung
Gottes täglich neu antworten und uns von Gottes Geist darin leiten lassen.

2.6.3 Gottes fürchterliche Strafe - die Hölle


Zu unserer unvoreingenommenen Tour durch das Jesaja Buch gehören auch die warnenden
Worte Gottes. Gott ist der Schöpfer und Herr, er ist das maßgebliche Wesen des Univer-
sums und der Schöpfung und er ist und bleibt ihr Zentrum und Mittelpunkt, auf den hin
alles geschaffen ist. Gott ist heilig, rein, ohne Schuld und ohne einen Hauch von Bosheit.
Nur vor diesem Hintergrund sind die Worte der Strafe, der Vergeltung und des Gerich-
tes zu verstehen. Und Gott geht deutlich zur Sache.
”Die sollen ein Rauch werden in meiner Nase, ein Feuer, das den ganzen Tag brennt.
Siehe es steht vor mir geschrieben: ich will nicht schweigen, sondern heimzahlen; ja, ich
will es ihnen heimzahlen. beides, ihre Missetaten und ihrer Väter Missetaten miteinander,
spricht der Herr, die auf den Bergen geräuchert und mich auf den Hügeln geschändet
haben. Ja, ich will ihnen heimzahlen ihr früheres Tun.” (Jes 65, 5-7)
Die Worte Gottes sind eindrücklich und klar - in der ungefilterten Sprache der Zeit
des Jesaja. .”..wohlan, euch will ich dem Schwert übergeben, daß ihr euch zur Schlachtung
hinknien müßt;...” (Jes. 65,12)
Kann man sich im angesicht von Humanismus und moderner Toleranz nicht nur er-
schreckt und verabscheut von solchen Versen abwenden? Wie kann man ernsthaft solche
grausamen Worte als die Worte Gottes erfassen und verstehen? Will Gott Menschen ab-
schlachten und grausamsten Qualen überlassen?
Die Lösung für unser Problem wird von vielen Theologen heute in einer Distanz zu
den biblischen Texten gesehen. Wenn hier nicht Gott redet, sondern Menschen reden, sind
wir alle Schwierigkeiten los. Dann können wir uns Gott als umfassend gutmütig vorstellen,
einen Gott, der niemandem etwas zuleide tut.
Allerdings gerät man mit der eben geschilderten Auffassung auf einen Pfad, bei dem
man sich nicht konsistent und ernsthaft auf die Bibel als der Quelle der eigenen Gedanken
berufen kann. Die Bibel wird dann allenfalls als eine Art Steinbruch genutzt, aus dem
man sich das herausbricht, was gerade passt und gefällt. Mit christlichem Glauben hat
das nicht viel zu tun!
Eine zweite Lösung für unser Verständnisproblem nimmt unsere Gottes- und Weltvor-
stellung selbst in den Blick. Wie stellen wir uns Gott und Mensch vor? Wie ordnen wir
den Tod und das Leid dieser Welt geistlich und historisch ein? Die Bibel beschreibt Gott
als Schöpfer der Welt, und der Tod ist Gottes Strafe für eine Menschheit, die sich gegen
die Liebe entschieden hat. Der Tod ist gerechtes und wichtiges Werkzeug Gottes. Die Hei-
ligkeit Gottes läßt kein anderes Handeln zu, als Mord und Lieblosigkeit mit Leid und Tod
zu ahnden. Wir geraten hier mitten hinein in die tiefen theologischen und philosophischen
Roland Potthast 71

Fragen nach dem Wesen und Charakter Gottes. Die Bibel sieht im Tod ein Mittel der Liebe
und Heiligkeit Gottes, den er einsetzt und überwindet gleichzeitig.
Es gibt zwei Stufen der Strafe Gottes. Die erste Stufe ist eine Strafe, die zur Umkehr
führen soll. Alle Strafe Gottes in dieser Welt gehört zu dieser ersten Stufe seiner Strafen.
Unser Text weiß aber auch von einer zweiten Stufe der Strafe Gottes zu berichten:
”Und jeder Mensch wird jeden Monat und jeden Sonntag kommen, um mich anzubeten,
spricht der Herr. Und sie werden hinausgehen und die Leichname derer sehen, die von mir
abgefallen waren; denn ihr Wurm wird nicht sterben, und ihr Feuer wird nicht verlöschen,
und sie werden allen Menschen ein Greuel sein.” (Jes. 66, 23+24)
Die zweite Stufe ist die entgültige und ewige Trennung von Gott - ein Leid, aus dem es
keinen Ausweg mehr geben wird. Das ist es, was in der Kirche später als ”Hölle” bekannt
geworden ist. Hölle - der Ausdrück für ein hoffnungsloses Leid ohne jeden Ausweg.
Die Hölle ist schrecklich und grausam. Und es ist tragisch und unfaßbar, daß Menschen
selbst diese Hölle wählen und sie mehr lieben als das Leben in Gottes Gemeinschaft. Und
doch entspricht dieses Szenario nach dem neuen Testament der Realität in unserer Welt.
Die Hölle ist die letztliche Konsequenz aus einem Leben, das von Gott nichts wissen
möchte. Ein Leben, das nicht nach Gott fragt. Ein Leben, das Gottes Liebe nicht nötig
hat. Ein Leben, das aus eigener Kraft gelebt werden kann. Ein Leben, in dem Gott nicht
der Mittelpunkt ist.
Das neue Testament nennt Jesus Christus als den, der unsere Strafe getragen hat.
Jeder Mensch, der seine Schuld und Gottes heiligen Zorn erkennt, kann Vergebung finden
durch den Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes. Gott hat also selbst den Ausweg
aus der Hölle geschaffen und bietet jedem Menschen diesen Weg an. Auch das gehört
zur Schöpfungskraft Gottes. Teil der neuen Währung ist der Glaube, der Jesus Christus
vertraut.

2.6.4 Schwierigkeiten mit der Hölle.

Ich hatte im Laufe der Jahre viele Gespräche mit Menschen, die mit der Hölle ihre Schwie-
rigkeiten haben - Christen und Nichtchristen. Ich kann vieles davon absolut nachvollziehen.
Kann ein Gott, der die Liebe ist, ernsthaft Menschen entgültig in ihr Verderben laufen
lassen? Kann ein Gott, der sogar seinen Sohn Jesus ans Kreuz schickt, um uns alle zu
retten, noch Menschen verurteilen?
Jesus sagt zu genau diesem Punkt (Johannes Evangelium 3,16ff): ”Wer sich auf den
Sohn Gottes verläßt, der wird nicht verurteilt. Wer sich aber nicht auf ihn verläßt, der ist
schon verurteilt, weil er Gottes einzigen Sohn ablehnt. So wird das Urteil vollstreckt: Das
Licht ist in die Welt gekommen, aber die Menschen hatten die Dunkelheit lieber als das
Licht; denn ihre Taten waren schlecht.”
Wir sind also mitten drin im Gericht. Das Gericht am Ende der Zeit wird kommen und
ist doch schon da: heute entscheiden wir uns und unsere Entscheidung ist Gottes Gericht
an uns. Wir wählen die Hölle selbst.
72 Die Bibel für Menschen von heute ...

2.6.5 Glaube im Alltag - Erinnerungen


Gott ist da - auch wenn wir nach fünf Stunden Autofahrt auf der A1 zwischen Wuppertal
und Köln in 14 Kilometern Stau stehen.
Gott möchte Frieden stiften in unserem Leben - auch wenn es gerade wieder einmal
überhaupt nicht nach Frieden bei uns aussieht.
Gott behütet uns - auch und gerade wenn wir an manchen Dingen leiden und Gottes
Schutz im Schmerz nun wirklich nicht erkennen können.
Gott führt uns einen geraden Weg - auch wenn uns dieser Weg wie ein Zick-Zack-Kurs
ohne Sinn und Linie erscheint.
Gott möchte mehr machen aus unserem Leben - auch wenn wir uns vor Ansprüchen
und Herausforderungen nicht retten können und eher weniger als mehr brauchen können.
Gott kennt einen Ausweg - auch wenn wir gerade keine Auswege sehen, wenn wir ratlos
am Wegesrand stehen bleiben möchten.
Gott zeigt sich erkennbar - auch wenn wir ihn gerade nicht sehen, hören oder erkennen
können, auch wenn wir sehen, und doch nicht verstehen, wenn wir hören, und doch taub
bleiben.
Gott weiß einen Weg für unseren Alltag - auch wenn wir Gottes Gegenwart und Liebe
kaum in den Sorgen und Notwendigkeiten von Job, Familie und Freundeskreis durchschim-
mern sehen.
Gott ist da - was uns auch immer gerade wieder von seiner Gegenwart ablenken will.

2.7 Klare Maßstäbe und individuelle Beurteilung - von Gottes Recht


(Hesekiel 18)
2.7.1 Für Eilige: Klare Maßstäbe ...!
Wie können, dürfen und sollen wir leben? Gibt es Maßstäbe, die unser Leben bestimmen?
Gibt es Regeln, Grundsätze, Leitlinien, die unser Denken und Handeln leiten?
Was schränkt die Entfaltung unseres Lebens ein? Was behindert uns, zu leben? Was
hindert uns, so zu leben, wie es gut, richtig, lebensvoll ist? Wie kann, darf und soll unser
Leben aussehen?
Bei den Fragen nach der Gestaltung des Lebens sind Konflikte zwischen Menschen
vorprogrammiert. Leben wir Menschen mit der Gestaltung unseres Lebens in einem freien
Raum? Sind wir unabhängig - nur der Gemeinschaft verpflichtet, in und mit der wir leben?
Wie weit darf die Gemeinschaft unser Leben bestimmen? Ja, darf überhaupt etwas in die
Gestaltung unseres Lebens eingreifen?
Wir sind mitten hineingeraten in die jede Gesellschaft und jeden Staat bewegenden
grundlegenden Fragen nach Recht und Lebensgestaltung. Gibt es grundlegende Rechte,
die in jeder menschlichen Gemeinschaft gelten sollen oder gelten müssen?
Zwischen Love-Parade, freiem Sex, Individualismus, Wirtschaftsliberalismus, Okkul-
tismus, Spaßkultur, Sozialismus, Konservatismus, Traditionalismus etc. etc. etc. sind die
Fragen nach dem Leben heute mehr denn je entfacht!
Woher kommt der Mensch? Wie ist er gemacht? Wie sieht das Recht aus, daß diesem
Menschen entspricht?
Roland Potthast 73

Wir wollen uns heute über G o t t e s Rolle beim Menschenrecht Gedanken machen.
Wir wollen Gottes Grundsätze für die Gestaltung unseres Lebens kennenlernen und auch
ansehen, was Gottes Rolle als ”Herr der Welt” und ”ewiger Richter” bedeuten.
Freuen Sie sich auf ein spannendes und weitreichendes Thema! Aber bereiten Sie sich
auch auf hartes Vollkornbrot vor: Gedanken, die nicht an der Oberfläche bleiben.

Tipps für diese Woche:


1) Lesen Sie einmal die ersten Seiten des deutschen Grundgesetzes im Original. In
Verantwortung vor Gott und den Menschen haben die Väter des Grundgesetzes hier ele-
mentare Grundsätze des Zusammenlebens formuliert.
2) Versuchen Sie in einzelnen Schritten einmal, die Regeln Gottes für das menschli-
che Leben in die Tat umzusetzen. Damit begeben Sie sich auf die spannende Reise der
Nachfolge Jesu Christi ... ein Leben in der vertrauensvollen Beziehung zu dem Gott, der
Himmel und Erde geschaffen hat.

2.7.2 Von Gottes Recht (Hesekiel 18)


Das 18. Kapitel des Buches Hesekiel beschäftigt sich mit Gottes Recht. Gott setzt klare
Maßstäbe für das Handeln und kündigt entsprechende Konsequenzen an. Wir greifen aus
den Themen des Kapitels drei wichtige Punkte auf.
1) Ein großer Teil des Kapitels beschäftigt sich mit der Frage, für w e n und w i e
Gottes Recht gilt. Ein wesentlicher Grundsatz ist, daß Gottes Recht p e r s ö n l i c h
ist, d.h. jeder Mensch wird für seine Handlungen persönlich zur Verantwortung gezogen.
Nicht die Familie oder die Gemeinschaft oder der Staat wird zur Verantwortung gezogen,
sondern der einzelne Mensch.
Hören wir auf das Original:(Hes.18,20) ”Denn nur wer sündigt, der soll sterben. Der
Sohn soll nicht tragen die Schuld des Vaters, und der Vater soll nicht tragen die Schuld
des Sohnes, sondern die Gerechtigkeit des Gerechten soll ihm allein zugute kommen, und
die Ungerechtigkeit des Ungerechten soll auf ihm allein liegen.”
2) Zweiter wichtiger Grundsatz ist das Interesse Gottes am Leben eines jeden Men-
schen. Gott möchte, daß jeder Mensch durch das Gericht hindurchkommt und leben
darf. Dazu ist allerdings Umkehr notwendige Bedingung. Im Original klingt das wie folgt
(Hes.18,23):
”Meinst du, daß ich Gefallen habe am Tode des Gottlose, spricht Gott der Herr, und
nicht vielmehr daran, daß er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?”
und (Hes.18,31+32):
”Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein
neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel?
Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht Gott der Herr. Darum bekehrt
euch, so werdet ihr leben.”
3) Gott hat klare Maßstäbe. Das Kapitel des Buches Hesekiel nennt viele Dinge, die
einen Menschen in den Tod führen, und es nennt Einstellungen, Gedanken und Hand-
lungen, die einen Menschen zum Leben führen. Wir finden in den Versen 6-18 Konkretes
genannt.
74 Die Bibel für Menschen von heute ...

Leben und Tod nach Hesekiel 18:

* geschaffene Mächte als Götter zu verehren führt zum Tod


* Ehebruch führt zum Tod
* Unterdrückung von Mitmenschen führt zum Tod
* Betrug führt zum Tod
* gewaltsames Aneignen von Dingen führt zum Tod
* andere hungern zu lassen führt zum Tod
* nicht nach Gottes Gesetzen zu leben führt zum Tod

Umgekehrt gibt es klare Maßstäbe für das Leben:

* Wer Gott als den verehrt, der er ist: Gott und Schöpfer des Himmels und der Erde,
* und die Ehe achtet und hält,
* und keinen Mitmenschen unterdrückt,
* keinen betrügt,
* keinem Gewalt antut und sich nichts aneignet,
* mit den Bedürftigen seinen Besitz teilt
* und nach Gottes Gesetzen lebt,

dieser Mensch wird als Gerechter leben.

Wichtiger Hintergund: Die Worte des Propheten Hesekiel sind auf dem Hintergrund
des ”Alten Bundes” geschrieben - des Vertrages zwischen Gott und dem Volk Israel. Dieser
alte Bund sagt: wer gerecht lebt, der wird leben. Wer ungerecht lebt, wird sterben. Es
geht darum, dem Charakter und Wesen Gottes und der ursprünglichen Bestimmung des
Menschen gemäß zu leben: menschlich, d.h. auf Gott hin orientiert und ihm vertrauend!
Die Besonderheit Israels dabei liegt in der Nähe Gottes durch seine Worte, Gebote und
Unterstützung.
Die Worte Hesekiels weisen schon auf den ”Neuen Bund” hin: macht euch ein neues
Herz!” (Hes 18,31). Kein Mensch kann so leben, wie Gott ist - und darum bleiben die
Gebote Gottes ein weltumfassender Hinweis auf den Sohn Gottes Jesus Christus, welcher
Gottes Gebote erfüllt und Gerechtigkeit erwirbt für jeden Menschen aus Liebe.
Wir wollen diesen Spannungsbogen vom Alten Bund zum neuen Testament in einem
weiteren Abschnitt genauer beschreiben und verstehen.

2.7.3 Gottes Recht und Jesus Christus


Man kann als Christ die Worte des Hesekiel nicht lesen, ohne an Jesus Christus und seine
Apostel erinnert zu werden und Gottes Gebote im Licht des Neuen Testaments zu sehen.
Im Brief an die Römer greift Paulus die wichtigen Grundsätze von Gottes Recht im
Detail auf. .”.. der einem jeden geben wird nach seinen Werken” (Römer 2,6) schreibt
Paulus. Das neue Testament greift die juristischen Grundsätze Gottes auf und bestätigt
sie. Aber es kommt ein völlig neues Element hinzu, das die Vergangenheit in einem neuen
Licht sehen läßt und eine neue Zukunft eröffnet.
Roland Potthast 75

”Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind alle Sünder und ermangeln des Ruhmes,
den sie bei Gott haben sollten,...” schreibt Paulus (Röm 3,23). Kein Mensch verdient sich
vor Gott das Leben durch das Gesetz Gottes! Kein Mensch ist gerecht vor Gott.
Prüft euch! so ruft Paulus es uns Menschen entgegen. Fragt euch: seid ihr wirklich
gerecht vor Gott? Und Paulus selbst muß feststellen: er will wohl das Rechte tun. Aber er
ist unfähig dazu. Und mit ihm alle anderen Menschen. Jeder einzelne. Gefallene Schöpfung
- unfähig, in Liebe zu leben!
Und doch hat Paulus einen Weg entdeckt, auf dem Gerechtigkeit wohnt. Er schreibt
(Röm 3,24): ” ... und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung,
die durch Jesus Christus geschehen ist.”
Die Evangelien erzählen von Jesus, dem menschlichen Sohn Gottes. Sie beschreiben,
wie er im Vertrauen auf seinen unsichtbaren Vater lebte und starb. Er wurde grausam am
Kreuz hingerichtet von Menschen, die in ihm einen Gotteslästerer und Aufrührer sahen
und ihn nach den Gesetzen Gottes des ”Alten Testaments” hingerichtet haben.
Durch Jesus wurde das Recht des Alten Testaments erfüllt: wer gegen das Gesetz
verstößt, muß sterben!
Doch hier muß jeder Mensch widersprechen: wie kann Gott einen Unschuldigen sterben
lassen? Wieso der Tod seines eigenen Sohnes, um seines Gesetzes willen?
Wir sind an einer zentralen Stelle des alten und neuen Testaments. Gottes Charak-
ter und Wesen ... es fordert Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit. Gottes Charakter fordert
gleichzeitig alles überwindende Liebe und Zuwendung. Und durch Jesus versucht Gott,
uns Menschen beides vereint verständlich und zugänglich zu machen!
Jesus stirbt den Tod, den jeder Mensch sterben muß wegen der Heiligkeit und Gerech-
tigkeit Gottes. Kein Mensch kann vor Gott bestehen ... doch: Jesus, der Mensch Jesus, der
hat es geschafft und ist vertrauensvoll geblieben, wahrhaftig und gerecht vor dem Schöpfer
und seinem Vater.
Das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu löst das existentielle Problem jedes Men-
schen: wie werde ich Mensch?
Ich werde Mensch, indem ich mich von der Menschlichkeit Jesu anstecken lasse! Ich
werde Mensch, indem ich an der Menschlichkeit Jesu Anteil habe.
Der Glaube an Jesus ist der Anfang einer Beziehung zu Gott, die uns zurück führt
zu der ursprünglichen Bestimmung und Schöpfung des Menschen als Kinder Gottes ...
geliebte und vertrauende Geschöpfe.

2.7.4 Wort beim Wein: Vertrauen konkret ...

Wie geht das Vertrauen auf Jesus Christus konkret? Wie mach ich das: vertrauen? Was
erwartet mich beim vertrauen?
Vertrauen in Jesus Christus hat viele verschiedene Ebenen und Konsequenzen. So ganz
allgemein kann man das kaum sagen ... und doch gibt es viele sehr konkrete Ratschläge,
die praktisch weiterhelfen.
Das neue Testament ist voll von konkreten Hilfen, wie der Glaube gelebt und umgesetzt
werden kann.
76 Die Bibel für Menschen von heute ...

Dabei muß eine erste Warnung ausgesprochen werden: lesen Sie die Anweisungen des
neuen Testaments als Hilfen zum Glauben, nicht als Gesetz oder rein ethische Handlungs-
anweisungen. Immer wieder sind in der Welt- und Kirchengeschichte diese Hilfen zum
Glauben und Leben gründlich mißverstanden worden und geradezu zum Glaubenshinder-
nis geworden.
Gott geht es um das Leben - ein Leben, das seine Heiligkeit und Liebe kennengelernt
hat und das sich darin entfaltet. Dazu gehören Regeln als wichtige Hilfen, aber mehr sind
sie nicht und mehr dürfen sie nicht sein: das Gesetz ist für den Menschen da!
Vertrauen konkret fängt heute abend oder heute morgen bei Ihnen an. Sie schalten
den Fernsehen aus und hören im Gebet und Bibellesen auf Gott, was er Ihnen sagt. Mit
Augenmaß und Vernunft setzen Sie das dann in die Tat um.

Beispiele:

• Sie verbringen den Abend ohne Alkohol.

• Sie rufen einen Widersacher an, um Probleme zu klären.

• Sie sortieren Ihre Finanzen neu, um verantwortlich denen zu helfen, die Hilfe brau-
chen.

• Sie vergeben Ihrem ärgsten Feind.

• Sie hängen sich nicht länger an Ihre Leistung als Wertmaßstab sich und anderen
gegenüber.

Fragen Sie Gott im Gebet, er wird Ihnen schnell wichtige Dinge zeigen!

2.8 Endlich Leben ...! - vom Geist Gottes (Hesekiel 36 + 37)


2.8.1 Für Eilige: Von innen her neu werden ...
Was ist das Wesentliche, das christliches Leben ausmacht?

Gott geht es um die Erneuerung des Menschen.


Gott geht es um Heilung und neues Leben!

Immer und immer wieder wird im alten und neuen Testament dieses neue Leben von
allen Seiten beleuchtet:
* Das neue Leben durch Jesus Christus ist etwas, das von i n n e n her kommt. Es hat
zentral mit dem Geist Gottes zu tun, der Menschen als ”neuer” Geist gegeben wird und
sie zu einer neuen Kreatur macht.
* Das neue Leben durch Jesus hat mit dem Herzen des Menschen zu tun. Das Herz -
unser ganzes Fühlen, Denken und Wollen wird von Gott geheilt und erneuert.
Wie geht Erneuerung vor sich? Wie soll sich das alles abspielen? Was für eine Realität
steckt hinter Gottes Geist?
Wir wollen uns auf diese Fragen einlassen.
Roland Potthast 77

Tipps für diese Woche:


1) Bitten Sie Gott, als lebendiger Herr und mit seinem heiligen Geist in ihr Leben zu
kommen und Sie zu erneuern!
2) Fragen Sie Gott, wie sich die Erneuerung konkret in ihrem Leben auswirken soll
und kann. Hören Sie auf die leise Stimme des heiligen Geistes in ihrem Gebet und ihrem
Leben!

2.8.2 Der Geist Gottes und Gottes Eingreifen (Hesekiel 36 + 37)


Hesekiel ist der dritte der drei großen Propheten neben Jeremia und Jesaja. Während
Jeremia vieles aus Sicht Gottes des Vaters darstellt, redet Jesaja schwerpunktmäßig von
Gottes Sohn und Hesekiel von Gottes Geist.
Wenn wir das Kapitel 36 des Buches Hesekiel ansehen, begegnen wir Gott mit der
Verheißung der Versöhnung nach ausgeführter Strafe. Gott will Israel zurückbringen in
das Land Israels. Gott will das Volk blühen und froh sein lassen.
Das Thema unseres Abschnitts führt uns mitten hinein in in die Art, wie Gott mit
Israel umgehen will - es geht um die innere Erneuerung des Volkes: durch seinen Geist. In
den Versen 24ff heißt es (in der Übersetzung der ”Guten Nachricht”):
”Ich hole euch aus allen Völkern, ich sammle euch aus allen Ländern und bringe euch
wieder in eure Heimat zurück. Dann besprenge ich euch mit reinem Wasserund wasche den
ganzen Schmutz ab, der durch den Umgang mit euren Götzen an euch haftet. Ich gebe
euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Ich nehme das versteinerte Herz aus eurer
Brust und schenke euch ein Herz, das fühlt. Ich erfülle euch mit meinem Geist und mache
aus euch Menschen, die nach meinem Willen leben, die auf meine Gebote achten und sie
befolgen.”
Verblüffend und klar: Gott selbst reinigt sein Volk. Keine Taten oder Leistungen sind
hier maßgeblich: im Gegenteil! Gott stellt klar, daß Israel es nicht selbst erarbeitet hat:
(Vers 32) ”Ich tu das nicht, weil ihr ihr es etwa verdient hättet. Ganz im Gegenteil,
ihr habt allen Grund, euch zu schämen! Das sage ich, der Herr.”
Gottes Handeln erneuert die Menschen von innen her! Neue Menschen werden mit
einem neuen Herz und einem neuen Geist ausgestattet. Gefühle sind Folge dieser Operation
Gottes. Und die neuen Menschen leben nach dem Willen Gottes - sie achten auf seine
Gebote und befolgen sie.
Wichtig ist hier die Reihenfolge, die der Ethik Gottes zugrundeliegt. Nicht das Befolgen
der Gebote macht Menschen zu neuen Menschen. Sondern erst kommt die Erneuerung als
Geschenk. Das nennt das neue Testament ”Gnade.”
In einem zweiten Schritt folgt das Aufblühen der neuen Menschen, die jetzt in neuer Art
und Weise leben können und dies auch tun: Ethik in Gottes Reich bedeutet das Befolgen
der Gebote von Herzen. Wer die Gebote Gottes zähneknirschend befolgt zeigt damit nur,
daß er gerade nicht als erneuerter Mensch lebt oder handelt.
Für die Kirche und die Gemeinde sind die Passagen im Buch des Hesekiel von zentraler
Bedeutung. Zu lange haben wir weltweit Menschen in die Kirche eingefügt (durch die
Taufe) und dann von ihnen die Ethik des erneuerten Menschen verlangt. Es kann aber nur
dann zu einer Erneuerung kommen, wenn diese von Gott durch seinen Geist geschenkt
78 Die Bibel für Menschen von heute ...

wird. Erst muß die Erneuerung durch Liebe und Glauben kommen - und dann die Ethik, die
aus diesem Erneuerungsprozess heraus wächst! Es wird dann keine Ethik der Forderungen
einer hohen Moral sein, sondern eine Ethik, die erneuerte und im Prozess der tiefen Heilung
stehende Menschen in Dankbarkeit leben. Dieses ”erst - dann” ist allerdings nicht zeitlich
zu verstehen, sondern in seiner inneren Abhängigkeit. Ein erneuerter Mensch wird immer
auch sein Verhalten ändern.
Dann erzählt Hesekiel von einer weitreichenden Erfahrung:
”Sein Geist ergriff mich und brachte mich hinaus in die Ebene. Der ganze Boden war
mit Totengebeinen bedeckt. [...] Dann fragte er mich: Du Mensch, können diese Knochen
wieder zu lebendigen Menschen werden? Ich antwortete: Herr, das weißt nur du! Und er
fuhr fort: Sprich in meinem Auftrag zu diesen Gebeinen! Ruf ihnen zu: Ihr vertrockneten
Knochen, hört, was Gott, der Herr, euch sagen läßt: Ich bringe Leben in euch! Ich lasse
Sehnen und Fleisch auf euch wachsen und überziehe euch mit Haut. Ich hauche euch
meinen Atem ein, damit ihr wieder lebendig werdet. Ihr sollt erfahren, daß ich der Herr
bin.” (Hes. 37, 1-6)
Hesekiel tut, wie ihm Gott befohlen hat. Und er sieht das Fleisch und die Sehnen
wachsen. Dann soll Hesekiel den Lebensgeist in dieses Fleisch hineinrufen. Und so werden
die Knochen und das Fleisch lebendig: Eine riesige Menschenmenge entsteht.
Gott selbst deutet dieses Bild von den Knochen. Es geht um Israel: es geht um die
Menschen, die zwar leben, aber doch wie die toten Knochen sind! Erst Gottes Geist macht
Menschen lebendig. Erst Gottes Geist macht Menschen neu und läßt Sie im Vertrauen zu
Gott als neu geschaffene Kreaturen leben.
Der Geist Gottes greift hier mit Macht ein - mit der Schöpferkraft des Vaters, mit der
Macht des Sohnes Gottes Jesus Christus. Gott und der Geist Gottes sind eins - und doch
werden Sie unterschieden. Wir haben wieder einmal einen kleinen Blick hinein getan in
das Geheimnis des einen Gottes: Vater, Sohn und heiliger Geist.
Ein gesundes Wissen um den heiligen Geist ist für alle Menschen heute von zentraler
Bedeutung.
* Wer nicht im Vertrauen zu Gott lebt, muß den Geist Gottes bitten, zur Erneuerung
in sein Leben zu kommen und Glauben zu schenken.
* Wer in seiner Kirche wenig von Jesus Christus und dem heiligen Geist Gottes mitbe-
kommen hat, muß die Bibel kennenlernen mit ihren tiefen und weitreichenden Berichten
von der Erneuerung des Lebens durch Gottes Sohn und Gottes Geist.
* Wer von manchen extremen und emotionalen Gruppen oder Gemeinden verschreckt
ist, muß eine gesunde und lebendige Lehre vom Geist Gottes kennenlernen, um nicht
das Kind mit dem Bade auszuschütten und sich nicht den Gaben des Geistes Gottes zu
verschließen.
* Wer den Geist Gottes aus seiner Einheit mit dem Vater und Sohn und den biblischen
Erklärungen herausgelöst hat und fast nur noch verschiedensten Geisterfahrungen hinter-
herläuft, muß die ganze Klarheit und Nüchternheit biblischer Lehre vom Geist Gottes,
vom Vater, Sohn und heiligen Geist kennenlernen und darin leben.
Roland Potthast 79

2.8.3 Schichten prophetischen Redens bei Hesekiel und im Alten Testament

Die beiden Kapitel 36 und 37 führen uns noch einmal mitten hinein in die verschiedenen
Schichten prophetischen Redens im alten Testament.
a. Zuerst stellen wir fest, daß die Worte des Propheten ganz konkret an die Menschen
seiner Zeit gerichtet sind. Die Worte Gottes gelten stets zuerst den Menschen der Zeit,
in der sie gesprochen wurden. Sie greifen konkrete Probleme auf und beantworten diese
Probleme durch einen Blick auf die unmittelbare Zukunft.
Als Beispiel blicken wir auf Hes. 36,1+2: ”Gott, der Herr, hat gehört, wie die Feinde
Israels über euch reden.” Das ist konkrete historische Situation. ”Die Edomiter und die
anderen Völker [...] sollen j e t z t meinen Zorn zu spüren bekommen.” Gott spricht in der
Gegenwart zu den Menschen und löst aktuelle Probleme.
b. Wer aber die Worte nur auf die konkreten Probleme zu beziehen versucht, kommt
schnell an Verständnisprobleme. So weitreichend und universell wird hier geredet. Ist es
nur die blumige Ausdrucksweise der Verfasser? Oder soll hier mehr gesagt werden, als die
konkrete Situation als Anlaß vermuten läßt?
Wenn wir dem Text in Hes.36 folgen, stoßen wir spätestens in den Versen 26ff auf die
Schilderung einer Situation, die weit über eine historische Situation hinausgehen muß, um
realistisch zu sein. ”Dann werdet ihr n i e m e h r aus dem Land vertrieben werden”,
heißt es etwa, und weiter: ”Ich werde keine Hungersnot mehr über euch bringen.” ... Und
spätestens in Kapitel 37 sind die Grenzen des Menschenmöglichen überschritten: ”Sie
werden nach meinen Weisungen leben und meine Gebote befolgen.[...] Ich schließe mit
ihnen einen Bund für alle Zeiten und verbürge ihnen Glück und Frieden. ...”.
Der Prophet blickt weit hinein in Gottes Pläne mit Israel und der Menschheit. Doch
noch ist dieser Blick hier verschleiert ... bleibt ahndungsvoll und andeutungsvoll hinter der
konkreten Situation verborgen.
In Jesaja und Jeremia haben wir ähnliches prophetisches Reden beobachten können,
mit einem manchmal noch weit klareren Blick in die Zukunft und Gottes Weltgeschichte
- bis hin zum Friedensreich Gottes, einem neuen Himmel und einer neuen Erde.
c. Die thematischen und inhaltlichen Aspekte der Worte Gottes sprechen jeden Men-
schen gleich welcher Zeit unmittelbar an und möchten ihn zum Vertrauen einladen.
”Ich gebe ihnen einen neuen Geist und ein neues Herz” heißt es da zum Beispiel. Oder
das Bild der toten Knochen, die Gott in seiner Macht lebendig macht, denen er den Geist
des Lebens schenkt.
Selbst diese konkreten prophetischen Zeilen sind die immer neue und immer kreative
Einladung zu einem Leben mit Gott!
d. Gottes Umgang mit Hesekiel und seine Aufgabe sind Muster und Lehre für Men-
schen, die heute mit Jesus Christus leben. Hesekiel wird von Gott als Prophet und Prediger
gesandt. Hesekiel wird mit Vollmacht ausgestattet und auf sein glaubendes Wort hin erlebt
er Wunder und Leben.
”Und er fuhr fort: Sprich in meinem Auftrag ...” (Hes.37,4) zeigt uns beispielhaft, was
jedem Christen konkret durch die Missionsbefehle Jesu gegeben ist: ”Geh und erzähle den
Menschen von mir! Mach die Menschen zu meinen Nachfolgern. Lehre sie, alles zu halten,
was ich gesagt habe. Denn ich bin bei euch alle Tage.”
80 Die Bibel für Menschen von heute ...

Bis heute können wir lernen von den Propheten, die von Gott gesandt wurden um
sein Reich lebendig werden zu lassen. Jeder Christ ist ein kleiner Prophet an seinem ganz
speziellen Platz und mit seiner ganz speziellen Aufgabe, die Gott ihm gibt. Im neuen
Testament wird das durch die vielen Texte über ”geistliche Gaben” ausgeführt. Dabei
sind die Gaben des Geistes vielfältig. Sie reichen von Predigt bis hin zur Diakonie, zum
praktischen Hilfsdienst, zur Seelsorge, zur Lehre und vielem mehr. Es ist das spannende
und bereichernde Leben in der Gemeinschaft mit Jesus Christus durch seinen heiligen
Geist.

2.8.4 Wort beim Wein: Machen Sie mit, Gott braucht Sie!
”Machen Sie mit, bitte machen Sie mit!” möchte ich Ihnen heute Abend schreiben und zu-
rufen. Es ist so wichtig, daß Sie als Christ Ihre geistlichen Gaben entdecken und einsetzen.
So vieles hängt davon ab!
Sind Sie jung oder alt? Sind Sie erfahren oder ein Greenhorn? Sind Sie mutig oder
zurückhaltend? Gott braucht Sie so, wie Sie sind! Wir brauchen Sie! Andere Menschen
brauchen Sie!
Gottes Reich ist etwas unfaßbar Wunderbares. Gottes Gegenwart und Gottes Reich
sind real, sind erfahrbar und lebendig heute und in Ewigkeit. Aber Gottes Reich ist ein
sanftes Reich - die leise Stimme des Geistes Gottes möchte zu Ihnen durchdringen und
durch Ihre sanfte Stimme andere Menschen heilen und anderen wohl tun!
Gott möchte durch Sie ganz konkret anderen ein Segen sein. Dabei wird er Ihre Be-
gabungen entfalten und Sie selbst mehr beschenken, als Sie sich dies in ihren kühnsten
Träumen vorstellen können. Nicht immer wie wir es erwarten ist das Reich Gottes tiefer,
schöner, herrlicher als alles, was wir Menschen kennen.
Nachfolge Jesu beginnt mit dem Gebet: Herr, komm in mein Leben! Herr, nimm mich
und mein Leben und mach mich neu!
Nachfolge Jesu beginnt dann zu wachsen in der Liebe zu Gott und den Menschen.
Lassen Sie sich die Nachfolge nicht durch die Trägheit der Kirchen und anderer Christen
mies machen! Geben Sie Ihr Leben und Ihren Besitzt für Gott und für die Menschen. Öffnen
Sie ihr Herz und ihre Türen. Bleiben Sie offen trotz aller Verletzungen, die Menschen
Ihnen dann zufügen werden. Bleiben Sie offen und verletzlich wie Jesus auf dem Weg an
das Kreuz.
Halten Sie sich fern von allem Eifer um Macht und Einfluß - sei es im weltlichen oder
im christlichen Bereich. Nicht die Mitgliedschaft in einer spezielle Kirche oder Gemein-
schaft ist wesentlich, sondern die Liebe Gottes in Jesus, der Glaube und die konsequente
Nachfolge in allen Dingen. Gleichzeitig ist es wichtig, konkret Gemeinschaft mit Christen
zu leben, in den Gemeinden mitzuarbeiten und am Reich Gottes auch in den Strukturen
von Kirche mitzubauen! Suchen Sie eine Gemeinde, in der Sie glaubende Nachfolger Jesu
finden und in der Sie zum Glauben immer neu ermutigt werden.
Helfen Sie auch ganz konkret in christlichen Organisationen und Projekten. Wichtig
sind christliche Medien und Zeitungen, die vielen Hilfsorganisationen, Seelsorge, Lehre,
Studium, und die ganze Bandbreite des Lebens. Bitte geben Sie auch mir eine Rückmel-
dung über Ihren Glauben und Ihr Leben.
Roland Potthast 81

Denken Sie daran: niemand ist wie Sie! Niemand kann Liebe so schenken, wie Sie es
können. Niemand hat Ihre Begabungen und Fähigkeiten. Niemand kann Sie ersetzen an
dem Platz, an den Gott Sie gestellt hat.
82 Die Bibel für Menschen von heute ...

3 Zurück in die Zukunft ... - die Bücher Mose


3.1 Ein großes Reagenzglas ... - die Schöpfung (1.Buch Mose, Kapitel
1+2)
3.1.1 Für Eilige: Die Schöpfung ...
Woher kommt die Welt, die uns täglich begegnet? Können wir die Welt und uns Menschen
verstehen? Wozu sind wir gemacht? Was ist der Sinn, der unserem Leben Ziel und Richtung
gibt?
”Zurück in die Zukunft ...” ist das dritte Kapitel unseres Bibelseminares überschrieben:
Es geht darum, aus den Anfängen und der Geschichte zu lernen, wohin wir gehen und was
uns erwartet.
Am Anfang ... da wollen wir uns auf ein großes Reagenzglas einlassen, auf das Reagenz-
glas Gottes, die Schöpfung! In den ersten beiden Kapiteln Mose begegnen uns Berichte
von der Schöpfung des Himmels und der Erde, von der Schöpfung der Pflanzen und Tiere
... und vom Menschen, geschaffen als Mann und Frau.
Horchen Sie mit, wenn es um den Odem des Lebens geht, um die Erkenntnis des Guten
und Bösen, um Mann und Frau, die füreinander gemacht sind.
Horchen Sie mit uns gemeinsam unvoreingenommen und auf Gott hörend, was er uns
durch diese alten Erzählungen sagen kann und möchte. Über Jahrtausende konnten sich
Menschen kaum der tiefen und vielfältigen Kraft der Schöpfungsberichte entziehen, den
Erzählungen vom Paradis, von dem Garten in Eden, vom Baum des Lebens ...
Horchen Sie mit, wie Adam die Eva entdeckt als ein Wesen, daß ihm gleich sei. Lassen
Sie sich mit hineinnehmen in die Begegnung von Menschen, die nackt voreinander ste-
hen ... und doch ohne Scham, offen füreinander, voller Interesse, Hingabe, Annahme und
Zuwendung.

Tipps für diese Woche:


1) Denken Sie einmal nach über die Ursprünglichkeit einer unvoreingenommenen Be-
gegnung zwischen zwei Menschen nach. Können Sie sich eine ganz offenen und unvoreinge-
nommene Begegnung vorstellen? Versuchen Sie einmal vorsichtig, anderen Menschen offen
und unvoreingenommen entgegenzugehen!
2) ”Zurück in die Zukunft” ... Können Sie sich vorstellen, daß ein Verständnis der
Vergangenheit für Sie eine neue und weitreichende Zukunft eröffnet? Beschäftigen Sie sich
einmal mit der Vergangenheit:
* Mit Ihrer persönlichen Vergangenheit, von Kindheit, Schule, Ausbildung bis heute.
Wie sehr bestimmt Ihre eigene Vergangenheit Ihren persönlichen Umgang mit der Zukunft?
* Mit der Vergangenheit unseres Landes. Wie viele gesellschaftliche Zustände sind
verständlich auf dem Hintergrund der Geschichte?
* Mit der Vergangenheit und Geschichte der Kirchen und Freikirchen. Verstehen Sie
die Rolle von Kirchen und Gemeinden auf dem Hintergrund der christlichen Geschichte?
* Mit der Geschichte der Welt und des Menschen. Was für Mächte und Gewalten
prägen diese Geschichte? Wie wird die Geschichte verständlich? Unter welchen Blickwin-
keln können wir die Entwicklung von Staaten, Gesellschaft, Kultur, Religion, Technologien
Roland Potthast 83

und Wissenschaft wirklich in ihrem Inneren verstehen? Welche Perspektiven gibt es für
die Zukunft?

3.1.2 Die Schöpfung der Welt (1.Mose 1+2)


”Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war
finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach:
Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott
das Licht von der Finsternis, und nannte das Licht Tag, und die Finsternis Nacht. Da
ward aus Abend und Morgen der erste Tag.”
Schöpfung ... Anfang der Welt ... Anfang des Universums ... des Himmels und der Erde.
Wir möchten Sie mit hineinnehmen in die Erzählungen des ersten Buches Mose. Wir
möchten die Augen öffnen für dieses Lied, das hier die Bibel eröffnet und den Grund legt
für alles weitere, das von Gott und den Menschen erzählt wird.
”Am Anfang schuf Gott ...!” Kein Zweifel ist hier über den Akteur dieser Stunde: den
Herren und Schöpfer der Welt. Einfach und doch tiefgreifend wird eine Geschichte erzählt.
Zuerst schafft Gott Himmel und Erde. Der Geist Gottes ist an der Schöpfung beteiligt.
Gott schafft durch sein Wort: ”Es werde ...!” Schöpfung aus der Macht und Kraft Gottes
heraus.
Lesen Sie die sechs Schöpfungstage im Detail. Lesen Sie über die Schaffung des Him-
melsgewölbes am zweiten Tag, über die Schaffung der Meere und der Kontinente, die Schaf-
fung der Pflanzen am dritten Tag. Am vierten Tag werden in diesem ersten Schöpfungs-
bericht die Planeten, Sonne und Mond als ”Lichter” oder ”Lampen” am Himmelszelt
befestigt. Am fünften Tag schafft Gott die Tiere und die Fische. Gott schafft die Fort-
pflanzung und Fruchtbarkeit. Und immer wieder stellt diese Ballade fest: Gott sah, daß es
gut war.
Schließlich nähert sich diese Schöpfung ihrem Höhepunkt am sechsten Tag: ”Lasset
uns Menschen Machen, ein Bild, das uns gleich sei!” Die Erschaffung des Menschen ist von
zentraler Bedeutung. ”Füllet die Erde und nehmt sie in Besitz!” Der Mensch als höchst
entwickeltes Lebewesen wird mit Gottes-Ähnlichkeit geschaffen. Unfaßbar ... und unausfor-
schlich scheint dieses Gleichnis zu sein. Mensch und Gott ... wir werden die theologischen
Konsequenzen dieser Worte noch genauer auszuloten haben!
Schließlich der siebte Tag: Gott ruhte von allen seinen Werken. Gott schafft die Ruhe,
die Erholung, die kreative Pause. Auch dies ist von unermeßlicher Bedeutung für uns
Menschen ... bis hin zur Hektik und getriebenen Aktivität moderner Tage. ”Gott segnete
den siebten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte ...”
Wir haben den ”ersten Schöpfungsbericht” aufgenommen. Wir haben uns ansprechen
lassen von weitreichenden Worten. Nun werden Sie fragen: wie können wir diesen Bericht
verstehen? Wie war es denn damals, zum Beginn des Universums? Sie werden fragen: was
haben all diese Dinge zu bedeuten?
Wir möchten Stellung nehmen zu diesen Fragen und damit Anregungen geben zum
Weiterdenken. Dabei können wir nicht alle Fragen klären oder alle tiefliegenden Probleme
beantworten. Das muß im Diskurs von Theologie, Wissenschaft und Glauben geschehen.
Hier zunächst einige einleitende Gedanken.
84 Die Bibel für Menschen von heute ...

Der Schöpfungsbericht ist zunächst einmal unzweifelhaft ein Lied - eine Ballade, in der
über viele Jahrtausende hindurch eine jüdische und christliche Sicht auf die Erde und die
Schöpfung vermittelt wird. (Ich habe damit noch nichts darüber gesagt, ob diese Texte
mehr sein können als ein Lied und was es meint, ein Lied zu sein.)
Durch den Schöpfungsbericht spricht Gottes Weisheit und Geist zu den Menschen
geschichtlicher Zeiten, von dem Volk Israel Jahrhunderte vor Christus bis heute, bis in
die moderne Zeit wissenschaftlicher Denkmodelle. Als Beispiel sei die Deutung von Sonne,
Mond und Sternen als ”Lampen” am Himmel genannt. Dies ist eine zentrale Aussage für
alle die Völker und Menschen, welche Kräfte und Gewalten in den Gestirnen verkörpert
sehen und sahen, bis hin zur heutigen Astrologie. Dieser Schöpfungsbericht stellt klar: all
diese Planeten sind von Gott geschaffen, so wie alle Wesen der sichtbaren und unsichtbaren
Welt.
Der Schöpfungsbericht bedient sich der Weltsicht des Altertums. Es werden Bilder des
Himmelsgewölbes aufgegriffen und es wird mit diesen Bildern argumentiert. Es handelt
sich nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung, die unmittelbar in wissenschaftliche
Aussagen übersetzt werden kann! Die eigentlichen Aussagen liegen eine Ebene unter der
bildhaften Argumentation dieser inspirierten Liedzeilen. Auch die Abfolge der Schöpfungen
von Licht und Finsternis, Tag und Nacht, Sonne und Mond lassen sich nicht ohne weiteres
mit heutigen Vorstellungen von unserem Sonnen- und Zeitsystem in Einklang bringen.

Der Schöpfungsbericht stellt uns Menschen die Aufgabe, der Schöpfung Gottes mit
Ehrfurcht und Neugier zu begegnen. ”Macht euch die Erde untertan” führt in letzter
Konsequenz mitten hinein in die moderne Wissenschaft der Neuzeit. Der mit Intelligenz
und Vernunft begabte Mensch erforscht und ordnet die Welt um sich her.
Die Herausforderung für den Menschen besteht in besonderem Maße im Rahmen seiner
Ebenbildlichkeit Gottes. Was bedeutet es, nach dem Bilde des Schöpfers geschaffen zu sein?
Der Schöpfungsbericht legt uns nicht fest auf eine bestimmte wissenschaftliche Vorstel-
lung von der Entstehung der Erde. Wissenschaftliche gesprochen bedeutet dies: die Bilder
müssen als Bilder verstanden und in ihrer wissenschaftlichen Relevanz bewertet werden.
Theologisch ist dies die Einsicht von Gottes Wort im Menschenwort - Gott spricht durch
fehlbare und zeitgebundene Menschen zu uns Menschen bis heute. Gott spricht! Und Gott
sagt: versteht, was ich sage. Hört zu.

Wir können die Aussagen des ersten Schöpfungsberichtes in der Weltgeschichte bis
heute wiederfinden. Der Mensch hat sich die Erde untertan gemacht. Der Mensch hat wie
kein anderes Wesen Besitz von der Erde ergriffen. Der Mensch hat in seiner Kreativität sei-
ne Ebenbildlichkeit zu Gottes Schöpferkraft gezeigt und zeigt sie auch heute. Der Mensch
braucht die kreativen Pausen. Der Mensch braucht den Ruhetag am siebten Tage - sei es
am Samstag (dem Sabbat) oder am Sonntag. Der Mensch braucht einen ”geheiligten” (das
heißt einen herausgenommenen) Tag, der ihm Ruhe und neue Kraft für sein Leben gibt.

Nach den Schöpfungsberichten ist der Mensch geschaffen nach dem Bilde Gottes. Der
Mensch ist damit in besonderer Weise mit Gott verbunden - und bis heute kennen wir
kein anderes Lebewesen, für welches dies in gleicher Weise gelten könnte.
Roland Potthast 85

Wir werden in der kommenden Woche davon hören, wo dieses Bild Gottes zerstört
und verdorben wurde, wo es immer noch seine Wirkungen zeigt, und wir werden über die
Konsequenzen und Realitäten dieser Welt nachdenken!

3.1.3 Schöpfung oder Evolution? Mythologisch oder wörtlich?


Wie ist die Welt entstanden, wie ist der Mensch entstanden?
Dieses WIE hat verschiedene Dimensionen. Da ist die wissenschaftliche Dimension.
Es geht darum, die physikalischen, chemischen und biologischen Abläufe zu klären. Es
geht darum, die Entstehung von Planeten, Meeren, Algen und Pflanzen, Tieren und des
Menschen in ihrer Gestalt auf die Realisierung von Naturgesetzen zurückzuführen. Es geht
darum, die einzelnen Schritte zeitlich einzuordnen.
Es gibt dann die Dimension Gottes. Die Bibel gibt ja keine konkrete Erklärung, w i e
Gott in der Schöpfung wirkt. Er ist nicht nur der erste Beweger, auf den ihn die Philosophie
in der Neuzeit reduzieren wollte. Er ist der in der Schöpfung beständig wirkende Schöpfer
und Herr. Gott wirkt nicht nur über oder außerhalb der Naturgesetze. Er bedient sich
ganz selbstverständlich der Naturgesetze. Somit ist es kein Widerspruch, das Handeln
Gottes auf Naturgesetze zurückführen zu können. Es ist geradezu natürlich, daß wir dazu
in vielem in der Lage sind.
Betrachte etwa die ersten drei Sätze der Bibel. Ich habe keine Schwierigkeiten darin,
die konkrete Realisierung des ”es werde Licht” in einem Prozess zu sehen, in dem sich die
Verbrennungsvorgänge der Sonne entzünden und ein Sonnensystem im geradezu wörtlichen
Sinne ”ins Licht” getaucht wird. Ich habe aber auch keine Schwierigkeiten darin, mit einem
Wirken Gottes zu rechnen, bei dem alle mir bekannten Gesetze der Physik, Chemie und
Biologie verletzt und durchbrochen sind. Bisher erfahre ich jedoch das Handeln Gottes in
der Regel in ganz erklärbaren Dingen. Gott geht ”verläßlich” mit uns um, und eine solche
Verläßlichkeit begegnet uns unter anderem in Form von Naturgesetzen. Ich gehe davon
aus, daß diese Naturgesetze auch erfüllt sind, wenn ich willentlich den Satz formuliere,
den Sie gerade lesen. Ich entscheide, ich führe aus - und wenn sie nachboren, dann werden
sie doch nur physikalisch die Schrift, das Papier, meine Arme, meine Nerven und mehr
finden, aber den Geist und Willen, mit dem ich das steuere, der wird Ihnen zumindest auf
dieser Ebene verborgen bleiben.
Betrachten wir den sechsten Vers der Bibel: ”Im Wasser soll ein Gewölbe entstehen,
das die Wasser trennt.” Wir können hier die Vorstellung von dem Urmeer sehen, von
dem jetzt der Himmel getrennt wird. Ist das nun ”mythologisch”? Es ist eine Erzählung.
Und doch kann man in den Bildern jener Zeit einen Vorgang beschrieben sehen, wie sich
Ozeane, Kontinentalplatten und die Atmosphäre unseres Planeten getrennt haben. Ver-
steht man die Bilder als einen Weg, mit den Menschen einer Epoche zu kommunizieren,
so ist dieser Schöpfungsakt absolut zutreffend so beschrieben, wie wir ihn uns derzeit in
wissenschaftlicher Terminologie denken.
Mit dieser Art des Lesens nehmen wir die biblischen Schöpfungsberichte ernst, lesen
sie aber so, wie sie gesprochen sind in bildlicher Redeweise jener Epoche, in der sie zuerst
sprechen. Ihre Bedeutung kann dann durch geeignete Übertragung erschlossen werden -
Gott spricht und es geschieht.
86 Die Bibel für Menschen von heute ...

Eine Frage ist es, was es mit den Schöpfungstagen auf sich hat. Kann man die als ”Tage”
verstehen, also als 24 Stunden á 60 Minuten? Ich sehe nicht, wie wir damit weiterkämen.
Eine solche Interpretation passt nicht in alles, was wir über die Zeit heute gelernt haben.
Und ich sehe keinen Ansatzpunkt, wie wir dann die Funde und Rekonstruktionen der
Wissenschaft halbwegs plausibel erklären könnten.
Schauen wir uns einmal einige physikalische Hintergründe an. Die Zeit ist nicht das
gleichmäßige Etwas, als das sie der Mensch im Alltag oft erlebt. Die Zeit ist biegsam, eine
vierte Dimension, die in enger Wechselwirkung mit der Dynamik und der Struktur des
physikalischen Raumes steht. Hier gibt die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie und
die Erkenntnisse der Quantenfeldtheorie und der Quantenchromodynamik tiefliegenden
Einblick. Für den Normalbürger sind das unbekannte Welten. Doch die moderne Physik
kann nachweisen, daß die Zeit von der Bewegung eines Körpers beeinflußt wird. Sie wird
auch von der Masse von Körpern beeinflußt.
Zeit ist verblüffend - und ich würde als Konsequenz aus allem, was ich über die Zeit
und über Gott gelernt habe, einen ”Schöpfungstag” auf eine völlig unbestimmte (d.h.
mir unbekannte und unzugängliche) Länge von uns bekannten ”Jahren”, ”Jahrtausenden”
oder ”Jahrmillionen” datieren.
Läßt man also die Länge eines ”Schöpfungstages” offen, so entsteht die Möglichkeit,
die heutige Sichtweise von vielen Millionen Jahren Entwicklung des Universums und des
Lebens mit den biblischen Erzählungen in Einklang zu bringen. Wir dann keine Schwie-
rigkeiten, die Entstehung des Universums, der Erde, der Pflanzen und Tiere zu verstehen.
”Dann befahl Gott: Im Wasser soll sich Leben regen, und in der Luft sollen Vögel fliegen!”
Es ist durchaus möglich, hier die Entwicklung von Arten zu denken, die über Jahrmillionen
geschah. Heute datiert man die Entstehung des pflanzlichen Lebens auf den Zeitraum seit
rund 1,5 Milliarden Jahren. Aber hier sind sicherlich noch einige Überraschungen beim
wissenschaftlichen Fortschritt zu erwarten.
Um eines ganz klar zu sagen: ich sage nicht, daß es so gewesen sein muß! Ich lasse
mich auf den Gedanken ein, daß es so gewesen sein könnte, und ich frage mich, wie dies
zu belegen ist und was dagegen spricht. Die Evolutionstheorie ist eine Theorie, die viele
Beobachtungen integriert, aber es bleibt eine Theorie. Wissenschaftliche Theorien kommen
und werden durch bessere oder andere ersetzt - so ist der Lauf der Wissenschaft. Auch
die mechanistische Vorstellung des Atoms mußte um 1920 aufgegeben werden und wurde
durch eine wesentlich bessere Theorie, die Quantentheorie, ersetzt.
Kommen wir zur Entstehung des Menschen. Am sechsten Schöpfungstag, so 1.Mose
26, wurde der Mensch als Mann und Frau geschaffen, ein Wesen, das Gott gleich sei. Die
heute bekannten ältesten Menschenfunde werden mit dem Neandertalers auf rund 180.000
- 118.000 v.Chr. datiert. Die Chro Magnon Funde datiert man auf einen Zeitraum zwi-
schen 118.000 bis 10.000 vor Christus. Dabei sieht man den Übergang vom Neandertaler
zum Chro Magnon Menschen um 60.000 vor Christus. Hier werden vielfältige Werkzeug-
funde berichtet. Die Entstehung der Kunst des Menschen wird auf etwa 60.000-40.000
vor Christus datiert, im wesentlichen durch Funde von Kleinstkunstwerken in datierbaren
Gesteinsschichten.
Die frühen Hochkulturen finden sich z.B. in Ägypten, Mesopotamien, Indien in einer
Zeit zwischen 10.000 vor Christus und 3.000 vor Christus. Irgendwann in dieser Zeit setzt
Roland Potthast 87

der Übergang von der Vorgeschichte zur ”Alten Geschichte” ein. Städtische Siedlungen
entstehen um 3.000 vor Christus in Ägypten und Vorderasien, wenig später auch in In-
dien. Es ist äußerst spannend, daß uns die ersten Teile des ersten Mose-Buches genau
in diese frühen Hochkulturen hineinführt. Die Bibel führt uns damit zurück in eine Zeit,
als der Mensch mit seiner Kultur zu dem wurde, was wir als ”menschlich” ansehen. Es
ist verblüffend, die frühen Zeugnisse der Menschen zu studieren - griechische Mythologie,
die Upanishaden in Indien und weiteres. Der Schöpfungsbericht der Bibel hält in meinen
Augen absolut stand gegenüber dem Zahn der Zeit und der Entwicklung der Wissenschaft
und der menschlichen Einsicht seit 4000 oder 5000 Jahren bis heute. Das ist ein sehr
seltenes Phänomen in der Menschheitsgeschichte.
Schauen wir uns nun den zweiten Schöpfungsbericht an.

3.1.4 Mann und Frau im Garten Eden (1.Mose 2)


Der zweite Schöpfungsbericht steht im zweiten Kapitel des ersten Mosebuches ab Vers 5.
Dabei geht es im wesentlichen um die Erschaffung des Menschen - als Mann und Frau.
”Da machte Gott den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des
Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.”
Der Mensch ist von Erde genommen! Das ist eine der ersten Einsichten dieses Schöpfungs-
berichtes. Der Mensch ist Teil dieser Schöpfung - gemacht aus Kohlenstoff, Wasser und
weiteren Zutaten. Dabei könnte man sich fast in ein heutiges Chemielabor versetzt sehen.
Und dann werden wir mitgenommen in den Garten von Eden, in den Gott den Men-
schen hineinsetzt. Dieser Garten bietet verlockende Bäume und Früchte - und den Baum
des Lebens inmitten des Gartens. Irgendwo zwischen tiefer Wahrheit und orientalischer
Erzählkunst wird der moderne Betrachter mit verschiedenen Erzählebenen konfrontiert.
Die Ströme Pischon, Gihon, Tigris und Euphrat fließen aus dem Strom des Gartens von
Eden. Auch hier finden wir visionäre Kraft der überlieferten Zeilen verbunden mit der
ganz konkreten Lebenswelt der Zuhörer. Gott spricht Menschen an.
”Und Gott gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im
Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen;
denn an dem Tage, da du von ihm issest, mußt du des Todes sterben.”
Ein Gebot Gottes im Garten. Wort Gottes zur Weisung und Hilfe. Wort Gottes, um ihm
zu vertrauen und sich ihm anzuvertrauen. Wort Gottes, um Entscheidung zu ermöglichen
- Freiheit zwischen Leben und Tod!
Die unfaßbaren weltumspannenden Auswirkungen dieser Zeilen werden wir in der kom-
menden Woche streifen ... heute soll es primär um Mann und Frau gehen, um den Men-
schen.
”Und Gott sprach: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe
schaffen, die zu ihm paßt.”
Da ist der Mensch: Mann und Frau. Was ist der Mensch?
Wie zentral für die Weltgeschichte sind die Fragen nach dem Menschen, nach Mann
und Frau! Die Herrschaft des Menschen über den Menschen ... Sklaverei und Rassismus.
Die Herrschaft des Mannes über die Frau: Patriarchat und sexuelle Erniedrigungen. Die
Emanzipationsbewegungen, Schulen für Jungen und Mädchen, Unterschiede und Quoten-
88 Die Bibel für Menschen von heute ...

regelungen ... wie dürfen wir das Wort von der ”Hilfe” verstehen, von der ”Männin”, von
dem Menschen, der dem ersten Menschen zur Ergänzung und zum Gegenüber geschaffen
wurde?
Zuerst müssen wir klarstellen, daß die Bibel das Wort ”Hilfe” nicht als Abqualifizierung
versteht, daß hier keine Hirarchie etabliert wird. Gott selbst, der Herr und Herrscher,
bezeichnet sich als ”Hilfe” des Menschen - als Mutter und Vater, als Freund und Stütze.
Nein: ”Hilfe” für die Frau ist ein Ehrentitel Gottes! Es bedeutet Macht und Ehre, eine
Hilfe sein zu können.
Die Frau ist Fleisch vom Fleisch des Menschen. Die Frau ist voller und ganzer Mensch.
Der erste Mensch hat das begriffen und ruft begeistert: ”Das ist doch Bein von meinem
Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie ”Männin” nennen, weil sie vom Manne
genommen ist.” Die Frau als Gegenüber des Mannes ist ein vollwertiges Gegenüber und
gleichwertiger Mensch.
Und die Gemeinschaft von Mann und Frau wird über die Gemeinschaft der Familie,
über Vater und Mutter gesetzt. Sie werden ”ein Fleisch” sein ... weitreichende Worte!
Zwei Menschen und doch wie ein Lebenwesen, wie ein Fleisch. Zwei Wesen und doch
verbunden durch Liebe und Ehe ... hier wird über eine Gemeinschaft gesprochen, die
wir nur ansatzweise heute erleben können - über die von Gott im Anfang geschaffenen
Gemeinschaft von Mann und Frau.
”Und sie waren beide nackt, der Mann und seine Frau, und schämten sich nicht.”
Nackt sein - das heißt, nichts voreinander verbergen zu können. Offen und verletzlich
voreinander stehen - und dabei doch zugewandt und liebevoll zu bleiben ist der Traum und
die unerreichbare Hoffnung einer menschlichen Beziehung bis heute. Hier wird klargestellt,
wie Gott die Beziehungen schuf: sie waren nackt und schämten sich nicht.
Heute wird der Bericht vom Garten Eden wieder neu aktuell. Gemeinschaft von Mann
und Frau in einer durch Jesus Christus wiederhergestellten ursprünglichen Beziehung zu
Gott. Nicht die Gleichheit der beiden komplementär aufeinander hin geschaffenen Men-
schen ”Mann” und ”Frau”, sondern ihre Gleichwertigkeit in ihrer ganz spezifischen Be-
sonderheit. Nicht einer der Herrscher des anderen, sondern zwei Liebende, die aufeinan-
der bezogen sind: Geschenke füreinander! Unschätzbarer Wert der von Gott geschaffenen
Geschöpfe.
Kirche muß heraustreten aus dem Kampf, den sich die gefallene Schöpfung liefert ...
und muß ein Vertrauen leben, das auf den Garten Eden hinweist, auf das Reich Got-
tes. Mann und Frau in ungetrübter liebender Gemeinsamkeit. Vollendete Gleichstellung,
Emanzipation und Achtung von Menschen, die sich einander gegenseitig unterordnen. Die
Vergangenheit wird zur neuen Zukunft .... eine neue Schöpfung, in der Gerechtigkeit wohnt.
Mehr als alle anderen Texte der Bibel sind schon diese ersten Zeilen Vision des Reiches
Gottes, auf das wir hoffnungsvoll zugehen und das wir zusammen mit der ganzen leidenden
Schöpfung voller Vorfreude hoffend erwarten.

3.1.5 Wort beim Wein: Träume und Realität


Die Schöpfungsberichte verweisen uns auf eine ursprüngliche Realität, die doch heute von
den Ereignissen des Sündenfalles überlagert sind. Sie führen uns mitten hinein in die Frage
Roland Potthast 89

nach der Realität des Reiches Gottes, in die Frage nach Träumen und Realität christlicher
Botschaft ...
Die vorausgehenden Abschnitte bringen viele Beispiele der unmittelbaren Realität der
biblischen Bilder. Die Ebenbildlichkeit Gottes in Kreativität und Machtstellung des Men-
schen. Die Ruhebedürftigkeit des Schaffenden. Die Gleichheit und Bezogenheit von Mann
und Frau. Die Sehnsucht nach Nacktheit und Akzeptanz.
Und doch haben diese Visionen von Paradis etwas Träumerisches. Wo in der Welt
werden sie Realität? Wo setzen sich diese Dinge durch und können eine Gemeinschaft
prägen?
”Das Reich Gottes kommt nicht so, wie ihr es erwartet.” sagt Jesus. ”Das Reich Gottes
ist in euch.” Der Sohn Gottes sieht das Paradis schemenhaft Realität werden schon heute,
schon seit Pfingsten. Die Kraft Gottes verändert und erneuert Menschen ... schrittweise
und in einem Prozess des Wachstums ... mit einem unmerklichen Beginn - und doch mit
der Zeit groß wie die Bäume, die unser Alleen säumen, die weithin sichtbar sind und die
uns Schutz vor Wind und Wetter geben können.
Das Paradis beginnt schon, neue Realität zu werden. Durch den heiligen Geist Gottes
ist das Paradis jedem Menschen heute zugänglich, der an Jesus Christus glaubt. Inmit-
ten des Leidens und Schmerzes der Schöpfung keimt neues Leben. Dieses neue Leben ist
gleichzeitig Hoffnung und Realität - schon und noch nicht ... machtlos und doch kraftvoll.
Wenn wir vor Jesus Christus stehen, ist der Garten Eden erfahrbare Realität. Wenn wir
der Liebe Gottes durch die beiden Testamente begegnen, wird der Garten Eden Wirklich-
keit. Wo wir uns Gott anvertrauen, finden wir uns mitten im Garten Eden wieder ... auch
wenn wir noch Teil dieser Welt sind, die sich vom Vertrauen in den Schöpfer gelöst hat.
Auch wenn wir viele Leiden und Rückschläge ertragen müssen, den Menschen ausgeliefert,
dem Hass und der Verachtung.
Ich würde gerne mit Ihnen ins Gespräch kommen über die Realität des Reiches Gottes.
Es wird ein Gespräch über Vater, Sohn und heiligen Geist werden
... über Erfahrungen und Hoffnungen,
... über jubelnde und trostlose Stunden,
... über den Schöpfer in seiner unermeßlichen Schönheit,
... und uns Menschen ... mit unseren guten und bösen Zügen

Öffnen Sie sich für ein Gespräch


... im kleinen Kreis,
... oder im großen Kreis,
... unter uns,
... oder unter vielen,
... unter Christen,
... und mit vielen Religionen
... mit vielen Konfessionen und christlichen Kirchen
... im Evangeliumsnetz!
90 Die Bibel für Menschen von heute ...

3.2 Großer Krach mit Nachspiel ... - der Sündenfall (1.Buch Mose, Ka-
pitel 3+4)
3.2.1 Für Eilige: Blickwinkel auf das Böse ...

Was ist das Böse? Wie kommt es, daß Menchen andere Menschen quälen und ihnen Böses
tun? Wo ist der Ursprung für all diese negativen Seiten der Schöpfung?
Die Bibel erzählt in ihrem dritten Kapitel (1. Mose 3) den ”Sündenfall” des Menschen
- die Trennung von Gott und damit den Beginn jenes tragischen Dramas, das wir als
Weltgeschichte mit Licht und Schatten kennen und mit der wir uns durch die Zeiten
bewegen.
Dieser Sündenfall ist wie ein Schlüssel für unser Verständnis der Welt, in der wir leben.
Wie ein kleiner Kristall, in dem sich das Licht von vielen Seiten bricht und der uns durch
immer neue Drehungen und Blickwinkel mehr und mehr von sich zeigt, so wollen wir die
Erzählung vom Sündenfall aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten.
Da ist an erster Stelle die Aufkündigung des Vertrauens durch Adam, durch den ersten
Menschen. Gottes Wort steht gegen das Wort der Schlange.
Da ist die Rolle des Gehorsams - eines für Deutschland so schwierig gewordenen Wortes
nach dem Mißbrauch durch den Nationalsozialismus und die jahrhundertelangen Unter-
drückungen von Menschen durch unterschiedlichste Gruppen von anderen Menschen.
Der Sündenfall sagt aber auch etwas aus über Willen und Motive von Menschen, über
das Verhältnis von Mann und Frau, über die Mühsal des Lebens und Arbeitens, über
Egoismus und Selbstsucht ...
Der Sündenfall berührt das Thema von einer bösen die Schöpfung beherrschenden
Macht, von Satan und seinem Einfluß, bis heute. Es geht um die Faszination, zu sein wie
Gott in dieser oder jener Beziehung.
Nicht zuletzt geht es beim Sündenfall um die Vertreibung aus dem Paradis, um die
Sterblichkeit des Menschen und damit um die Perspektive jedes menschlichen Lebens, um
Hoffnung, um Tod und Leben selbst.
Die Erzählung vom Sündenfall ist bis heute unmittelbar am ”Puls der Zeit”, eine
zentrale und wegweisende Erzählung ...
Nun aber los mit dem Studium des Originals!

Tipps für diese Woche:


1) Die Bibel sieht in der Aufkündigung des Vertrauens gegenüber Gott den Ursprung
allen Übels in dieser Welt. Können Sie verstehen, daß Menschen, die Gott nicht mehr
”von innen her” kennen und ihn als absolut vertrauenswürdiges Gegenüber wissen, schnell
durch ihre Handlungen auch anderen Leid zufügen?
2) Denken Sie einmal nach, wie ein Vertrauensbruch geheilt werden kann! Kann Ver-
trauen durch Gesetze wiederhergestellt werden? Kann man Vertrauen wiederherstellen,
indem man sich eine bessere Beziehung erarbeitet? Vertrauensbruch kann nur durch neues
Vertrauen, durch ”Glauben” geheilt werden, wenn sich dieses Vertrauen im Leben bewährt!
Haben Sie damit schon Erfahrungen gemacht?
Roland Potthast 91

3.2.2 Der Sündenfall (1. Mose 3)


Wir wollen hier zunächst die Erzählung vom ”Sündenfall” des Menschen kennenlernen.
Der Rahmen dieser Geschichte wird durch 1. Mose 2 mit der Erschaffung des Menschen
als Mann und Frau gegeben und mit den Geboten Gottes, nicht vom Baum der Erkenntnis
zu essen.
”Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht
hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen
Bäumen im Garten? Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der
Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt:
Esset nicht davon, rührt sie auch nicht an, daß ihr nicht sterbt! Da sprach die Schlange
zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tag, da
ihr davon eßt, werden eure Augen aufgehen, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was
gut und böse ist.”
Wir sind hier im Zentrum und Mittelpunkt der Vertrauensfrage. Was hat Gott gesagt?
Wie meint es Gott mit mir? ...
Die erste Frau steht mitten in einem Konflikt. Sie kennt das Wort Gottes ... und hier
hört sie das Wort der Schlange: ”Ihr werdet keineswegs des Todes sterben.” ...
Es geht um das Vertrauen: wem vertraut diese Frau? Es geht auch um den Kampf
zwischen verlockenden Angeboten und einer gesetzten Grenze, einer hier von Gott selbst
gesetzten Grenze.
Bevor wir weitere wichtige Details ansprechen, wollen wir den zentralen Handlungs-
strang weiter verfolgen:
”Und die Frau sah, daß von dem Baum gut zu essen wäre und daß er einen Genuß für
die Augen sei und verlockend, weil er klug macht. Und sie nahm von der Frucht und aß
und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß.”
Schnell nimmt das Drama seinen Lauf. Der Entschluß wird nicht weiter diskutiert -
er äußert sich in der Tat! Die Früchte sind gegessen und die Konsequenzen kommen in
großen Schritten auf diese Menschen zu. Hören wir weiter.
”Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, daß sie nackt
waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.”
Die erste Konsequenz der beiden ersten Menschen beim Sündenfall ist das Versteck-
spiel. Sie können sich nicht mehr offen begegnen - sie fühlen sich nackt und unbedeckt.
Erst spielen sie voreinander Versteck, dann vor Gott.
Das Versteckspiel der Menschen voreinander bis heute können wir täglich beobachten,
unter Kollegen und Freunden, in unserer Familie und auch im öffentlichen Bereich, in
Politik und Wirtschaft.
Weitere Konsequenzen werden nun geschildert. Zuerst ist es nun Gott, der handelt.
Gott erkennt das Problem, spricht zunächst Adam und dann die Frau darauf an. Und
Gott verflucht die Schlange.
An diesem Punkt kommen wir nicht darum herum, nach dieser Schlange zu fragen.
Wer war es, der hier die erste Frau verführte? Wofür steht die Schlange? Handelt es sich
um ein konkret identifizierbares Wesen oder eine Person?
Wenn man sich die weiteren Bücher der Bibel ansieht, finden wir immer wieder die
92 Die Bibel für Menschen von heute ...

Interpretationen dieser Schlange. Sie gilt als Bild für das Wesen mit Namen ”Satan” oder
”Teufel”, den gefallenen Engel Gottes - ein Teil der geistigen Welt, welche die bekannte
physikalische Welt umfaßt und deren Teil jeder Mensch durch seinen Geist ist.
Die Erzählung vom Sündenfall ist ein Prototyp einer Geschichte, die sich millionen-
und billionenfach bis heute ereignet hat: Satan und die gefallene geistliche Welt verführt
Menschen zum Mißtrauen gegenüber Gott. Diese Geschichte vom Sündenfall ist der Beginn
eines Dammbruches, der sich durch die ganze Menschheitsgeschichte zieht: der Mensch
mißtraut Gott und fügt seinen Mitmenschen Leid zu.
Unsere Geschichte sagt aber noch wesentlich mehr aus, als wir bisher angesprochen
haben. Gott zieht klare Konsequenzen: zuerst wird die Frau bestraft durch Leiden in
der Schwangerschaft und durch eine Unterordnung im Verhältnis zu ihrem Mann. Die
modernen Menschen unter uns werden aufschreien und sich empören über Gott, der hier
das Patriarchat begründet. Der zweite Schöpfungsbericht stellt die Verhältnisse innerhalb
der Schöpfung als eine Strafe und Konsequenz des souveränen Gottes, eine Reaktion auf
das Verhalten der Frau dar. Das ist oft als Mittel einer von Männern geprägten Gesellschaft
gesehen worden, um die Frauen zu unterdrücken. Als Kritiker sehen wir hier nicht Gottes
Konsequenz, sondern die Machtpolitik von Unterdrückern am Werk. Aber das liegt daran,
daß wir nichts von Gottes Liebe, seiner eigenen Unterordnung und Hingabe kennen. Das
liegt daran, daß die Männer die Unterordnung, die hier der Frau verordnet wird, nicht als
ein Grundprinzip Gottes erkannt haben, welches für sie selbst ebenso gilt. Gott ist der
Herr - und doch macht er sich als solcher zum Diener der Menschen. Der Mann aber hat
das in der Weltgeschichte zur Unterdrückung genutzt - welch eine tragische Entwicklung.
Zwei wichtige Dinge sind anzumerken:
1. Die Zeilen beschreiben, was dann Tatsache war. Der Mann hat die dominanten Rolle
in der menschlichen Gesellschaft gespielt und tut es zum Teil bis heute.
2. Jesus hebt diese Strafe Gottes auf bzw. er nimmt die Verlorenheit des Menschen
auf sich! Durch das Handeln Jesu Christi geht das hier beschriebene Wort Gottes auf in
einer neuen Gesellschaftsordnung: der Gemeinschaft in der umfassenden Liebe Gottes. Das
neue Testament greift unmittelbar diese Strafe Gottes auf, schlägt sie auf den Sohn Gottes
und befreit damit Mann und Frau zu einem neuen und gleichberechtigten Verhältnis im
kommenden Reich Gottes. Mann und Frau sind gleichberechtigt vor Gott und werden
aufeinander verwiesen!
Weitere Konsequenzen des Sündenfalls sind festzuhalten:
Der Mensch muß mit Schweiß und Mühen sein Brot verdienen und sich ernähren. Auch
dies sind unzweifelhaft Dinge, die wir in der Welt um uns her täglich erleben und die zu
den prägenden Erfahrungen der Menschheit bis heute gehören.
Und als weitreichendste aller Konsequenzen verdammt Gott den Menschen zum Tode -
er muß wieder zu Erde werden, von der er genommen ist. Der Tod beherrscht die Schöpfung
bis heute ... heißt es im neuen Testament. Erst die Auferstehung Jesu Christi beendet
den immerwährenden Lauf des Geboren-Werdens und Sterbens - und schafft eine neue
Hoffnung auf ewiges Leben in der Gemeinschaft mit Gott.
Wir können die Bedeutung dieser Zeilen kaum erfassen. Der Tod kam in die Schöpfung.
Es begann nun eine Schöpfung, die wesentlich verschieden war von dem, was Gott vorher
Roland Potthast 93

gemacht hatte. Es war eine Schöpfung geworden, die vom Tod beherrscht wird.

3.2.3 Der Tod in der Weltgeschichte


Bei allen Detailfragen danach, was sich von der Erzählung des Sündenfalls genau wie
ereignet hat, was Bild und Gleichnis ist, was konkrete Realität, bleibt die wesentliche
Frage nach dem Tod und der Stellung des Todes für den Menschen:
* Ist der Tod die Normalität für das menschliche Leben? Ist der Tod Teil unserer Natur,
so wie es viele Menschen es im Angesicht des Hauptstromes wissenschaftlicher Theorien
heute verstehen?
* Oder ist der Tod etwas Unnatürliches, gegen das sich jeder Mensch mit Recht auf-
lehnt? Ist der Tod der Stachel, der uns Menschen quält und uns zu diesen oder jenen
Torheiten nur noch mehr anstachelt?
* Was ist die Ursache und Konsequenz unseres Verhaltens, des menschlichen Ver-
haltens? Darf der Mensch ewig leben? Oder ist der Tod die Erleichterung und einzige
Möglichkeit für den Menschen, so wie wir ihn in unserer Welt kennen?
* Handelt es sich bei dem Tod, von dem im zweiten Schöpfungsbericht gesprochen
wird, um einen ”geistlichen Tod”? Oder geht es um mehr, auch um den physikalischen
Tod des menschlichen Körpers?
Wir dürfen beeindruckt und sogar erschlagen sein von den unendlichen Auswirkun-
gen dieser Fragen nach Leben und Tod, nach Schuld und Vertrauen, nach Bosheit und
Gerechtigkeit.

Die Frage der historischen Realität. Ich möchte nun die Frage nach der histori-
schen Realität des Sündenfalls aufgreifen. Was ist wann geschehen? Wie können wir diese
Erzählung sinnvoll in unsere historische Vorstellung der Weltgeschichte einordnen?
Vorherrschende Theorie über die Entstehung des Lebens ist heute die Evolutionslehre.
Das Evolutionskonzept sieht im Tod vieler Individuen erst die Möglichkeit einer Entwick-
lung der Population Es wäre der Tod dann integraler und sogar wichtiger Bestandteil des
Mensch-Seins. Durch den Tod bekommt in dieser Philosophie die Menschheit eine Entwick-
lungschance. Das Evolutionskonzept sieht also im Tod eine treibende Kraft der Evolution,
weil die besser angepaßten Individuen sich besser durchsetzen und so Fortschritt hervor-
bringen, die Entwicklung der Arten und des Menschen.
Ich sehe einige Schwierigkeiten, das Todeskonzept der Evolutionstheorie mit den christ-
lichen Erfahrungen und der Gesamtheit des alten und neuen Testaments in Einklang zu
bringen. Hier gibt es meiner Ansicht nach eine ernsthafte Herausforderung für den christ-
lichen Glauben.
Aber machen wir uns zuerst die Situation klar. Die Evolutionstheorie stellt sich in
Schulbüchern gerne als historische Wahrheit dar. Doch sie ist noch nicht einmal eine
wissenschaftlich belegte Theorie, sie ist stattdessen ein Konzept, eine Philosophie, ein
Programm. Wie genau sich die ”Entwicklung der Arten” abgespielt hat, ist uns heute
verborgen. Es gibt weder realistische bio-mathematische Modelle noch klare Belege für die
kontinuierliche Entwicklung der Arten auseinander. Wir beginnen gerade erst, uns mit den
Mechanismen auseinanderzusetzen, wie Gott das Leben konkret geschaffen haben könnte.
94 Die Bibel für Menschen von heute ...

Der Tod ist von den Menschen immer als Störenfried empfunden worden. Schaut man
sich das Verhältnis der Menschen aller uns zugänglicher Zeiten und Epochen an - also
bis hin zu den frühen Hochkulturen, dann ist das menschliche Dasein durch die intensi-
ve Auseinandersetzung mit dem ”Feind” Tod geprägt. Selbst in den alten hinduistischen
Schriften, den Upanishaden, geht es um Leid und Tod und ihre Überwindung durch das
Eins-Werden mit dem pantheistisch verstandenen Gott des Universums. In allen Weltreli-
gionen geht es um die Überwindung des Todes, der dem Menschen als im Grunde auf Dauer
angelegtem Einzelwesen entgegensteht. Der Menschliche Tod ist vom ersten Menschen an
genau das, als was er im Schöpfungsbericht beschrieben wird: das Ende von Leben, das
für mehr gemacht ist!
Schaut man sich die Bibel als Ganzes an, betrachtet man die Weltgeschichte und die
verschiedenen Religionen so komme ich zu dem Schluß: es muß mehr historische Wahrheit
an diesem Schöpfungsbericht dran sein, als die psychologisierende Deutung uns geben kann.
Und wir dürfen uns noch auf viele Überraschungen und Veränderungen der Evolutionslehre
einstellen - sie wird nicht so haltbar sein, wie sie von einer Reihe von Wissenschaftlern
konzipiert worden ist.
Machen wir uns abschließend klar: Es ist bekannt, daß die Theorie der Entwicklung des
Menschen durch Mutation und Auslese ihre tiefliegenden Probleme hat, und wir sollten
sie als das behandeln, was sie ist: ein Erklärungskonzept, an und mit dem gearbeitet wird.
Die Zeit der kulturellen Entwicklung seit etwa 6000 v.Chr. ist winzig im Vergleich zu den
Zeiträumen, in denen sich evolutionäre Prozesse abspielt haben müßten. Der Mensch, dem
wir in dieser Zeit begegnen, ist im wesentlichen stets der gleiche Mensch geblieben - in
biologische-genetischer Hinsicht wie in seiner Kapazität zu Denken und Sprache, Kultur
und Gesellschaft. Der Mensch als Mensch, so wie wir ihn kennen, ist erst seit maximal
50.000-10.000 vor Christus ein Teil der Weltgeschichte. Seit 10.000-3.000 entstehen die
ersten Hochkulturen, in ihrer Nachfolge Schrift und Städte. Und schon ist hier die Bibel
mitten drin und redet von Gott, dem Schöpfer, der die Menschen wiederzufinden sucht,
die verloren sind.

3.2.4 Das Nachspiel (1. Mose 4 ff )


Wir haben schon andeutungsweise von dem Nachspiel des Sündenfalls gesprochen: von
der Weltgeschichte bis heute. In diese Weltgeschichte steigt das vierte Kapitel des ersten
Mosebuches unmittelbar ein.
Kain und Abel sind die Söhne Adams und Evas, der ersten beiden Menschen. Und die
Erzählung steigt in die Geschichte ein ”nach etlicher Zeit”, also hat sich einiges getan nach
diesen Menschen Nummer 3 und 4. Beide opfern, d.h. sie geben etwas ihnen Wertvolles
für Gott. Nun behandelt Gott aus irgendeinem Grund die Opfer verschieden: er nimmt
das Geschenk des Abel an, aber das Geschenk des Kain weißt er zurück. Dann gibt es
Streit: Kain wird zornig über die Zurückweisung seines Opfers und zeigt damit, was in
ihm steckt: das Mißtrauen und die Mißgunst. Und Kain erschlägt seinen Bruder Abel -
die Weltgeschichte beginnt mit einem Brudermord.
Das vierte Kapitel des 1.Mose führt uns mitten hinein in die vielfachen Fernsehsendun-
gen des 21. Jahrhunderts. Im Action und Romantik um 20:15 Uhr sehen wir täglich das
Roland Potthast 95

immer wiederholte Morden - immer neu die uralte Geschichte von den ersten Menschen,
die sich aus Mißgunst aus dem Weg schaffen. Keiner kann sagen, die Bibel sei kein absolut
aktuelles Buch!
Und bis heute herrscht der Betrug und das Mißtrauen zwischen den Menschen und
zwischen Gott und den Menschen. Es herrscht bis auf einen einzigen Punkt: wo Menschen
durch den Glauben dieses Mißtrauen überwinden. Das Vertrauen überwindet das Mißtrau-
en ... wir werden das in den weiteren Abschnitten immer und immer wieder kennenlernen:
’der Glaube ist es, der die Welt überwindet’ (Paulus)!

3.2.5 Wort beim Wein: Die Bibel als Wort Gottes erfahren ...

Was ist das eigentlich für ein Bibelverständnis, daß Sie lehren? Wenn Sie den Schöpfungs-
bericht als ”Lied” verstehen, können sie alles in der Bibel anzweifeln und bahnen damit
den Kritikern ihren Weg. So und ähnlich argumentieren manche der Leser und Zuhörer
unseres Seminars. Darum die Anfrage und Antwort: wie verstehen wir die Bibel? Was ist
Bibelverständnis und Lehre über die Bibel? Ich will diese Frage mit folgendem kleinen
Bericht beantworten, der gleichzeitig eine Art Anweisung zum Bibelverständnis gelesen
werden kann. Die Bibel wird hier also als praktisches Buch gelesen. Es ist eine aktions-
und kommunikationsbasierte Erkenntnistheorie.
Wir müssen einige Schritte gehen, um angemessen über die Bibel und unser Bibel-
verständnis reden zu können. Hier einige Schritte, die Sie auch persönlich gehen können:
1. Schritt: die Bibel ist ein überlieferter Text, den ich lese.
Das sagt zunächst einmal nicht viel über die Bedeutung der Inhalte aus. Ich lese einfach
die Geschichten und lassen mich überraschen. Ich lesen offen und hörend, worum es dabei
wohl geht.
Wichtig: was anderes sollte ich als ersten Schritt tun? Solle ich mit weiterreichenden
Überzeugungen an die Bibel herangehen? Wenn ich die Bibel als ”Gottes Wort” vordefinie-
re, beraube ich mich der Unbefangenheit. Wenn ich die Bibel als ”menschliche fehlerhafte
Texte” vordefiniere, beraube ich mich genauso der Unbefangenheit. Darum: ich lese einen
Text, der mir überliefert wurde - das ist die Bibel definitiv! - und versuche, das Gelesene
zu verstehen. So versuche ich, mir ein eigenes Bild von der Bibel zu machen. Natürlich
mache ich mir dabei auch Gedanken über all das, was andere Menschen, Wissenschaftler
oder Theologen über die Bibel und ihre einzelnen Teile sagen!
2. Schritt: nach ersten Verständnisversuchen stelle ich fest, daß hier weitreichende
Dinge gesagt werden. Ein Mensch namens Jesus spricht in großen Teilen des neuen Te-
staments über den Menschen und über Gott. Was er sagt, finde ich in meiner Erfahrung
wieder und seine Verheißungen sprechen mich an. Jesus begegnet Menschen in einer Weise,
die fasziniert und völlig beeindruckt. Das bleibt nicht ohne Konsequenzen.
3. Schritt: ich komme an den Punkt, wo ich mich persönlich vor die Frage nach dem
Vertrauen auf Jesus gestellt sehe. Vertraue ich ihm, so wie er durch diese Texte zu mir
spricht? Oder gehe ich an ihm vorüber? Ich entscheide mich für das Vertrauen in diesem
und jenem Punkt, in einem ersten Schritt, dann einem zweiten und so fort. Dabei mache
ich Erfahrungen mit diesem Vertrauen.
96 Die Bibel für Menschen von heute ...

4. Schritt: vorbereitet durch Vertrauen in einzelnen Schritten und den Erfahrungen


finde ich mein Vertrauen immer und immer wieder bestätigt. Auch diverse Krisen führen
mich doch wieder zu diesem Jesus. Ich stehe vor der Frage, ob ich nicht mein ganzes Leben
diesem Jesus von Nazareth (dem Christus) und seinem Gott anvertrauen möchte. Ich gehe
diesen Schritt!
5. Schritt: Zuerst passiert nichts. Doch weil mich Jesus Christus immer und immer
neu begeistert und anzieht, lerne ich mehr und mehr von ihm und der Bibel intensiv
kennen. Ich bin erschlagen von der Tiefe dieses heiligen Buches - von den Auswirkungen
der Worte auf mich und mein Leben. Und ich beginne vorsichtig, meinen Weg zu gehen
als ein Nachfolger Jesu.
6. Schritt: Ich beginne, Verantwortung zu übernehmen in kleinen Dingen für Jesus.
Ich nehme seine Worte und auch seine Befehle sehr ernst. Das führt zu vielen Erfahrungen
mit Gott und mit dem heiligen Geist Gottes. Die Berichte des neuen Testaments halten
Einzug in mein Leben - ich erfahre die Gaben des heiligen Geistes und ihre Realität auch
heute.
7. Schritt: Gott ruft mich in tiefere und weitere Verantwortung. Er gibt mir weitrei-
chende Aufgaben und eine klare Berufung. Ich gehe diesen Weg und erfahre durch viele
Anfechtungen und Schwierigkeiten, daß sein Wort und seine Berufung Wahrheit ist und
Wirklichkeit. Und ich lerne unendlich viel von der Demut und Liebe Gottes kennen, der
so anders ist als wir Menschen es sind - heilig und voller Liebe.
8. Schritt: Die Verantwortung, die Gott mir gibt, führt mich immer und immer wieder
in ein tieferes Bibelverständnis hinein. Doch es gibt auch viele tiefliegende Probleme, die
ich nach und nach kennenlerne. Die Brüche der christlichen Gemeinschaften und Kirchen,
die Gemeinheit von Brüdern und Schwestern bei ihrem Kampf, die von ihnen vermeintlich
erkannte Wahrheit durchzusetzen ... und die echten wissenschaftlichen und theologischen
Fragen, die unbeantwortet eine ganze christliche Generation lahmlegen.
9. Schritt: Gott gibt mir klare Aufgaben, und doch kenne ich nicht den Weg, den
er mich führen wird. Noch ist die Zukunft offen und die Antworten sind nicht klar. Noch
bin ich durch viele ganz alltägliche Dinge abgelenkt und mit Familie und Beruf belegt ...
während ich u.a. in langen Abendstunden und vielen Wochenenden meinem Ruf folge und
Gottes Weisheit nachspüre. Ich hoffe auf Brüder und Schwestern, die mir unter die Arme
greifen, und die Gott in seiner tiefen Weisheit mir zur Ergänzung und Belehrung begabt
und ausrüstet ... damit wir gemeinsam diesen spannenden Weg weitergehen können.

3.3 Eine Familiensaga ... - Abraham & Co (1. Buch Mose, Kapitel 12-25)
3.3.1 Für Eilige: Gott in der persönlichen Geschichte

Wo ist Gott? Was kann ein Mensch mit Gott erleben und von Gott erfahren? Ist Gott
abstrakt und ferne - weit entfernt von jeder persönlichen Geschichte?
Das ganze alte (und neue) Testament wimmelt von persönlichen Geschichten, in de-
nen Gott mit ganz konkreten Menschen unterwegs ist. Gott ist nicht der abstrakte Gott
... sondern es ist ”der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs”! Gott ist ein Gott, der mit
Menschen unterwegs ist und der sich durch sein Wort, seine Zusagen und sein Handeln als
Roland Potthast 97

ein menschlicher und naher Gott zeigt ... als ein Gott, der dem Menschen nachgeht und
nachspürt.
Unser heutiger Bibelabschnitt umfaßt die gesamte Geschichte Gottes mit Abraham.
Über 13 Kapitel des ersten Mosebuches werden die Wege und Erlebnisse Abrahams ge-
schildert. Mit spannenden Zusagen Gottes macht sich Abraham auf den Weg ... und er
erlebt über Jahre und Jahrzehnte, daß Gott seine Zusagen einlöst.
Wir dürfen einsteigen in eine spannende Familiensaga, bei der Gott sich mit seinen
Plänen für die Welt und die Menschheit an einen ganz konkreten Menschen bindet: an
Abraham. Und wir dürfen nachdenken darüber, von welch weitreichender Bedeutung ein
solches Verhalten Gottes für unser Verhältnis zu Gott und die praktische Gestaltung un-
seres Lebens ist.

Tipps für diese Woche:


1) Sind Sie ganz persönlich mit Gott unterwegs und im Gespräch? Vertrauen Sie Gott
auch in den praktischen Dingen Ihres Lebens? Erleben Sie Gottes Führung und Eingreifen?
Machen Sie sich neu auf den Weg, sich Gott in den praktischen Fragen Ihres Lebens
anzuvertrauen!
2) Kennen Sie persönliche Verheißungen Gottes für Ihr Leben? Rechnen Sie damit, daß
Gott Ihnen auch heute solche kleinen und großen Verheißungen geben möchte? Hören Sie
auf Gott im Gebet und lassen Sie sich darauf ein, Gottes Pläne für Ihr Leben zu erfahren!
Glauben Sie Gott seine Worte und Zusagen, so wie Abraham es tat.

3.3.2 Eine Familiensaga ... Abraham & Co (1. Mose 12-25)


Das Leben und die Erlebnisse Abrahams können wir im ersten Buch Mose ab Kapitel
12 kennenlernen. Wir möchten mit Ihnen einen Durchgang durch dieses Leben Abrahams
machen ... zunächst, um einfach diese Geschichte im Original kennenzulernen und zu
verstehen.

* Berufung und Weg nach Kanaan (Kap 12)


Die Bibel erzählt Abrahams Berufung als eine klare Anweisung Gottes: Geh... in ein
Land, das ich dir zeigen werde. Gott gibt Abraham (der zu diesem Zeitpunkt noch den
Namen Abram trägt) weitreichende Verheißungen mit auf den Weg: ”ich will dich zum
großen Volk machen und dich segnen ... und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter
auf Erden.” Unfaßbar große und weitreichende Verheißungen ... dies alles steht in einem
deutlichen Kontrast zu dem kleinen Leben Abrams. Allerdings darf man sich Abram nicht
als mittellosen Wanderer vorstellen. Sein Umgang mit den Pharaos in Ägypten schildern
einen selbstbewußten und einflußreichen Besitzer von Vieh, Silber und Gold. Abram glaubt
Gottes Verheißung und Auftrag und zieht nach Kanaan. Gott verheißt dort diesem Abram
und seinen Nachkommen das Land ... eine Zusage, die bis heute in Israel für Unruhe und
Kämpfe sorgt.

* Abram und Sarai in Ägypten (Kap 12)


Durch eine Hungersnot wird Abram nach Ägypten getrieben. Dabei gibt er seine Frau
Sarai als seine Schwester aus (was keine Lüge war, da sie Tochter seines Vaters war).
98 Die Bibel für Menschen von heute ...

Aber durch diese Halbwahrheit wird Sarai in das Haus des Pharaos gebracht. Das ist aber
Ehebruch, der hier klar als Unrecht erkannt und von Gott bestraft wird. Der Schwindel
fliegt auf und Abram wird aus Ägypten verwiesen.

* Abram und Lot trennen sich (Kap 13)


Abrams Neffe Lot ist mit Abram nach Kanaan gezogen. Nun kommt es zum Konflikt
zwischen den Großfamilien. Die beiden Familienclans teilen das Land unter sich auf: Lot
wählt den fruchtbaren Teil am unteren Jordan (im Osten) und Abram wohnt im Lande
Kanaan bei Hebron. Gott wiederholt und bestätigt seine Verheißungen an Abram.

* Abram rettet Lot und wird von Melchisedek gesegnet (Kap 14)
Verschiedenste Stadtkönige jener Zeit liefern sich Auseinandersetzungen und Streitig-
keiten. Bei einer solchen Auseinandersetzung wird auch Lot bei einer Eroberung Sodom
und Gomorras verschleppt. Abram erfährt von der Verschleppung, stellt den Entführern
nach und befreit Lot. Bei der Rückkehr von diesem Sieg wird Abram von einem König
und Priester namens Melchisedek beschenkt und gesegnet, den die Bibel als ”Priester des
Höchsten” beschreibt. Diesem Melchisedek gibt Abram den Zehnten Teil seiner Beute.
Melchisedeks Autorität und die Zahlung des ”Zehnten” lassen ihn später als eine Vorab-
bildung des Messias erscheinen.

* Bund Gottes mit Abram und Verheißung eines Sohnes (Kap 15)
Abrams Frau Sarai ist nicht in der Lage, Kinder zu bekommen. Diese wurde von der
Gesellschaft, in der Abram lebte, als riesige Demütigung und Schande angesehen. Gott
verheißt in dieser aussichtslosen Lage dem Abram einen leiblichen Sohn, der sein Erbe und
Nachfolger sein soll, und dem das Land Kanaan gehören wird. Dazu sagt die Bibel: ”Abram
glaute dem Herrn, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.” Gott besiegelt diese Zusage
in einem wundersamen Erlebnis des Abrams, in dem er ein Feuer durch einige zerteilte
Tiere hindurchfahren läßt - in der Sprache der damaligen Zeit eine unmißverständliche
Bestätigung der Zusage Gottes.

* Abram versucht, die Erfüllung der Verheißung selbst in die Hand zu nehmen: sein
Sohn Ismael. (Kap 16)
Nachdem Jahre vergehen, ohne daß Abram und Sarai ein Kind bekommen, greift Ab-
ram zu einer damals wohl anerkannten Sitte: er zeugt mit einer Magd einen Sohn. Es
kommt zum Konflikt zwischen dieser Magd namens Hagar und der Hausherrin Sarai.
Hagar wird verstoßen - und durch Eingreifen der Engel Gottes gerettet. Es kommt zur
Rückkehr Hagars in das Haus Abrams.

* Ewiger Bund und neue Namen. Verheißung Isaaks und die Beschneidung. (Kap 17)
Gott spricht erneut Abram an und schließt einen Bund (Vertrag) mit Abram. Gottes
Leistung in diesem Vertrag besteht in der Zusage eines Sohnes und der Zusage reichen Se-
gens für die Nachkommen Abrams. Abrams Leistung und die seiner Nachkommen besteht
in einem Leben nach Gottes Maßstäben. Zeichen und Bestandteil dieses Bundes ist die Be-
schneidung aller Männer und männlichen Knaben, am achten Tag nach ihrer Geburt. Eine
solche Beschneidung muß durchaus gängige Praxis bei einigen Völkern jener Zeit gewesen
Roland Potthast 99

sein - hier wird diese Verhaltensweise von Gott in sein Verhältnis zu Abram eingebunden
und mit einem neuen Sinn erfüllt. Um die Bedeutung dieses Bundes aufzuzeigen, erhalten
Abram und Sarai neue Namen: Abram wird in Abraham umbenannt, Sarai in Sara.

* Der Herr besucht Abram und Abram bittet für Sodom. (Kap 18)
In Form dreier Reisender begegnet Abram Gott selbst in seinem Heimatort. Diese
Reisenden bestätigen die Zusage eines leiblichen Sohnes mit Sarai. Diese Reisenden ziehen
weiter nach Sodom und machen das ungerechte und verfehlte Leben der Menschen dieser
Stadt zum Thema. Abram bittet für die Stadt, sollten sich dort einige Gerechte aufhalten.
Gott in Form der Reisenden läßt sich auf diese Diskussion ein.

* Der Untergang Sodom und Gomorras. (Kap 19)


Gott vernichtet die Städte Sodom und Gomorra. Lot wird dabei von zwei Engeln Gottes
vor dem Untergang gerettet. Berichtet wird von Feuer und Schwefel ... in Übereinstimmung
mit einer archäologisch belegten Katastrophe, die der Besiedlung in diesem Bereich ein
Ende machte. Die Salzfelsen am Toten Meer zeugen noch heute vom Schicksal von Lots
Frau, die sich weigerte, mit ihm Sodom zu verlassen, und als Opfer der Katastrophe vom
Salzregen verschüttet wurde.

* Erneute Reisen und Schwierigkeiten mit Sara (Kap 20)

* Isaaks Geburt (Kap 21) und Streit um Ismael


Schließlich erfüllt sich nach 25jährigem Warten die Verheißung eines leiblichen Sohnes
für Abraham. Isaak kommt als Sohn Abrahams und Saras zur Welt. Es kommt dann zum
Konflikt zwischen Sara und Ismael - und wieder wird Hagar mit Ismael vertrieben. Wieder
werden beide in wundersamer Weise gerettet. Diesmal bleibt Hagar mit Ismael dem Haus
Abrahams fern. Gott hat auch ihr verheißen, die Nachkommen Ismaels zu einem großen
Volk zu machen. Bis heute werden die Araber - die arabischen Völker - dieser Wurzel
zugeschrieben.

* Versuchung Abrahams durch Opfer Isaaks, Bestätigung der Verheißung (Kap 22)
Es kommt zur Prioritätenfrage zwischen Gott und Abraham. Was ist Abraham wich-
tiger, Gott oder sein Sohn Isaak? Gott klärt diese Frage durch eine klare Anweisung an
Abraham: Opfere deinen Sohn Isaak zum Brandopfer auf einem Berge. Abraham folgt
dieser Anweisung und wird erst im letzten Augenblick von Gott selbst an diesem Mord
gehindert. Gleichzeitig zeigt das Handeln Abrahams, daß er Gott die erste Stelle in seinem
Leben einräumt und daß selbst der so lang ersehnte Sohn nicht zwischen ihnen steht. Gott
erkennt im Handeln Abrahams den uneingeschränkten Vertrauensbeweis und bestätigt die
weitreichenden Verheißungen an Abrahams Nachkommen.
* Abrahams Frau Sara stirbt (Kap 23)
* Abraham sucht eine Frau für Isaak und findet mit Gottes Hilfe Rebekka (Kap 24)
* Abraham heirat ein zweites mal, ordnet seinen Nachlaß und stirbt. Isaak übernimmt
seine Rolle und Gott segnet den Sohn Abrahams.
100 Die Bibel für Menschen von heute ...

3.3.3 Abrahams Leben im Spiegel der Geschichte

Das Leben Abrahams hat seit vielen Jahrtausenden die Menschen bewegt und hat die
weitere Bibel und die Weltgeschichte in tiefer Weise beeinflußt. Dieses Leben ist nur der
Anfang der Familiensaga, die sich über Isaak und Jakob, Mose, die Richter und Könige
Israels bis hin zu David und Salomo erstreckt und dann weiter fortsetzt.
Wir haben uns mit hineinnehmen lassen in einen Anfang, der spannender und aktueller
als jeder Roman und jedes Geschichtsbuch mitten hineinreicht in die Kultur-, Rechts- und
Gesellschaftsgeschichte der Welt bis zu den modernen Kriegen um Kuwait, um Siedlungs-
gebiete in Palästina, bis hin zu Auseinandersetzungen im Kosovo, arabisch-israelische und
arabisch-christliche Konflikte und Schwierigkeiten. Wir sind mit der Familiengeschichte
des Abraham mitten in unserer heutigen Weltgeschichte!
Abrahams Leben ist ein Leben, das sich an erster Stelle als ein Leben im Bezug zu
Gott entfaltet und dort seinen wesentlichen Bezugspunkt hat. Abraham ist der Prototyp
des glaubenden Juden und Christen ... das Modell des Gott vertrauenden und sich Gott
anvertrauenden Menschen. Als solcher Urvater des Glaubens hat Abraham die großen
Weltreligionen der Juden, Christen und den Islam in zentraler Weise beeinflußt. Abraham
ist damit in kultureller Hinsicht wahrlich zu einem Vater unzählbarer Völker geworden.
Gott hat seine Verheißungen in einer Weise zur Realität werden lassen, die kaum erahnbar
oder denkbar gewesen wäre zu Lebzeiten Abrahams.
Die großen Züge der Familiensaga um Abraham lassen uns erschauern und beein-
druckt stille werden. Doch auch die kleinen Details können uns unendlich viel lehren über
Gott, der mit den Menschen den Bund des Vertrauens schließen möchte. Die Berichte und
Erzählungen von Abraham laden uns ein, es diesem Menschen gleich zu tun und Gott
zu vertrauen. Der Umgang Gottes mit Abraham, aber auch mit dessen Magd Hagar und
seinem Sohn Ismael müssen uns tief beeindrucken: Bei Gott ist niemand abgeschrieben!
Gott sieht und liebt jeden Menschen - ungeachtet der Aufgaben und Verheißungen, die er
ihm gibt.
Der Bund, den Gott mit Abraham schließt, ist bis heute die Grundlage für das Leben
der Juden in aller Welt. Er wird von glaubenden Juden auch als die eigentliche Grundlage
für den Staat Israel gesehen, der 1948 neu in Palästina entstanden ist. Hier leben und
handeln Menschen, die sich in der unmittelbaren Nachfolge Abrahams befinden, auf denen
die Zusage und Verheißung Gottes bis heute ruht: ”ich will dein Geschlecht segnen [...]
und durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden.”
Der Bund, den Gott mit Abraham schließt, mündet ein in den ”neuen Bund”, der
uns allen als das ”Neue Testament” bekannt ist. Wir geraten hier mitten hinein in die
neutestamentliche Theologie, wie sie zum Beispiel Paulus im Brief an die Römer formuliert
und ausführt. Der neue Bund als die Überwindung des alten Bundes, den die Nachkommen
Abrahams nicht zu halten in der Lage waren! Der neue Bund durch Jesus Christus als die
Erfüllung des Lebens Abrahams: Leben in einem Glauben, der Gerechtigkeit schenkt.
Die Familiensaga Abrahams ist so derart direkt, persönlich und menschlich, daß wir
uns in den Erlebnissen und Handlungsweisen wiederfinden können. Da geht es nicht um
ferne Stars oder um die Trugbilder, die uns moderne Werbung und Strategien gerne von
Politikern und Leitern vor Augen malen möchten. Die Bibel erweist sich in ihrer Deut-
Roland Potthast 101

lichkeit und Klarheit gegenüber dem allzu Menschlichen als ein wahrhaftiges Buch, als ein
menschliches Buch. Und doch geht diese Menschlichekeit immer weit hinaus über die welt-
liche Gesellschaft. In jeder Zeile können wir Gottes Gegenwart und Gottes Leben spüren
... es ist der Geist Gottes, der hier zu uns spricht, der uns persönlich ruft und zum Glauben
an diesen Gott Abrahams einladen möchte.

3.3.4 Wort beim Wein: Gottes Geschichte heute

Wie sieht Gottes Geschichte heute aus? Können wir Ähnliches erleben wie Abraham da-
mals? Oder ist heute alles ruhig und langweilig geworden - was für Erfahrungen mit Gott
kennen wir?
Gottes Geschichte mit der Welt und uns Menschen ist nicht am Ende! Es ist und bleibt
spannend - und mehr denn je ist der Weg zu einem Leben mit Gott heute offen durch Jesus
Christus. Wie bei Abraham kann jeder Mensch sich auf den Weg machen, auf Gott im
Gebet zu hören, persönlich Gottes Verheißungen für sein Leben zu empfangen und im
Ringen um die lebendige Hoffnung die Erfüllung dieser Verheißungen zu erwarten. Gott
möchte, daß wir persönlich mit ihm leben!
Dieser Weg mit Gott ist nicht frei von vielen Schwierigkeiten und Irrwegen. Das war
schon bei Abraham eines der großen Probleme: Abraham hat so oft auf menschliche Wege
vertraut und die Verheißungen Gottes selbst in die Tat umsetzen wollen. Sind wir besser
als Abraham? Die meisten von uns Glaubenden heute haben ähnliche Probleme.
Glücklich ist der Mensch, der Gott solches Vertrauen wie Abraham entgegenzubringen
vermag - ich will ihm meine Hochachtung aussprechen und vor ihm zurücktreten!
Gottes Geschichte heute ist noch mehr als damals eine Geschichte des Erbarmens.
Durch Jesus hat das Erbarmen Gottes eine menschliche Gestalt und unfaßbare Macht
bekommen. Gott erbarmt sich der Kirchen und christlichen (Dach)Verbände - und sie alle
und wir alle haben dieses Erbarmen ungeheuer nötig! Wie bei Abraham ist das Erbarmen
Gottes eine unverdiente und freie Zuwendung und Liebe. Gott beschenkt jeden von uns so
reich, daß aller Neid, alle Mißgunst, alle Not und alle Unbefriedigung dabei voll und ganz
geheilt und gestillt werden.
Gott erbarmt sich auch der vielen Religionen und der verweltlichten Menschen - wo
auch immer auf dieser Erde sie leben!
Wir Christen können nicht anders, als jedem Volk und jedem Menschen unseren Frieden
zuzusprechen und anzubieten. Über die Grenzen jeder Gerechtigkeit hinaus müssen wir
helfen, zuhören, unsere Hand ausstrecken und mit Geld, Bildung, Know-How, Achtung,
Liebe und Glaube aktiv sein.
Machen Sie mit, gehen Sie den Weg Jesu Christi, und lassen Sie sich nicht entmutigen!
Denn der Herr lebt, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist lebendig bis heute.
102 Die Bibel für Menschen von heute ...

3.4 Parabel oder Realität ...? - Mose und der Auszug aus Ägypten
(2.Mose 1-14)
3.4.1 Für Eilige: Gottes Sicht geht tiefer ...
Es gibt Ereignisse und Geschichten, die würden wir als ganz simple Dinge sehen ...: so
war es halt. Doch in manchem verbirgt sich mehr, als wir Menschen sehen können: Gottes
Sicht geht tiefer ...
Die Erzählung von Mose und dem Auszug aus Ägypten ist eine solche Begebenheit.
Da scheint es sich auf den ersten Blick nur um eine Geschichte zu handeln - im Besten
Fall um ein historisches Ereignis viele Jahre vor unserer Zeit. Und doch ist es mehr ... viel
mehr! Gott sieht tiefer und möchte uns vieles klarmachen durch die Ereignisse.
Wir wollen uns auf die Spurensuche begeben, wollen die Berichte studieren und dabei
fragen: was hat Gott sich dabei gedacht, auf genau diese Art mit den Menschen umzuge-
hen? Wie ist Gottes Sicht auf die Dinge?

Tipps für diese Woche:


1) Denken Sie einmal darüber nach, wo Gott Ihnen in Ihrem persönlichen Leben etwas
durch ganz alltägliche Ereignisse sagen möchte. Formulieren Sie die Dinge (schriftlich) und
sprechen Sie es mit einem befreundeten Christen durch.
2) Gott hat über Jahrhunderte versucht, das Volk Israel auf das Leben Jesu Chri-
sti vorzubereiten. Können Sie das nachvollziehen? Verstehen Sie Gottes Weg mit Jesus
Christus voll und ganz? Formulieren Sie Ihre Frage und stellen Sie diese Fragen in Ihrem
Bekanntenkreis und im Evangeliumsnetz!

3.4.2 Die Berichte von Mose und dem Auszug aus Ägypten
Mose - ein Kind wird im Nil ausgesetzt. Hintergrund ist die Unterdrückung eines ganzen
Volkes: Israel in der Sklaverei in Ägypten.
Die Geschichte ist faszinierend und verblüffend. Ein Kind levitischer Eltern wird von
der Tochter des Pharao aufgenommen und erzogen. Mose wächst am ägyptischen Hof auf
und wird zu einem Teil der Elite Ägyptens.
Irgendwie muß Mose von seiner Herkunft erfahren haben. Und Mose ist das Volk Israel
nicht gleichgültig. Er nimmt Anteil an dem Leiden und mischt sich ein. Mose wird zum
Rächer und Mörder und muß fliehen aus Ägypten.
Dieser Mose flieht nach Midian und wird dort von einer Familie aufgenommen. Er
heiratet und findet für 40 Jahre ein Heimat in der Fremde. Mose wird zum Schafhirten
dort in Midian.
Doch mitten zwischen den Schafen wird die Geschichte des Mose erst spannend. Jeder
heute kennt die Erzählung von dem brennenden Dornbusch, durch den Gott zu Mose
spricht. Gott beruft Mose, um Israel aus seinem Leid zu führen. Nach vielen Diskussionen
geht Mose los, um seinen Auftrag zu tun.
Dann beginnt der große Streit zwischen dem Pharao und Gott, vertreten durch seinen
Gesandten Mose. Aaron hilft Mose, weil er ein guter Redner ist und weil Mose mit dem
Reden seine Schwierigkeiten hat.
Roland Potthast 103

Es kommt zur Auseinandersetzung mit dem Pharao, die sich von Seiten Gottes durch
die Plagen, von Seiten des Pharao durch die immer stärkere Unterdrückung des Volkes
Israel zeigt. Diese Plagen finden ihren Höhepunkt in der zehnten Plage: der Tötung der
Erstgeburt der Ägypter - also der verantwortlichen Erben jedes Hauses.
Diese zehnte Plage wird begleitet von der ”Einsetzung des Passafestes” - ein tief be-
deutsames Ritual wird begründet durch eine Anweisung Gottes selbst. Ein fehlerloses
männliches Lamm soll geschlachtet und das Blut soll an die Türpfosten gestrichen wer-
den, um den Tod an jenem Haus vorüberziehen zu lassen. Dieser Tag soll Gedenktag sein
für ganz Israel für die Befreiung, die Gott bewirkt.
Gott führt seinen Plan durch - und die erstgeborenen Söhne der Ägypter sterben in
jener Nacht. So kommt das zahlreiche Volk Israels frei und beginnt seinen Marsch in die
Heimat. Das Passafest wird begründet - das Fest des Auszuges mit ungesäuertem Brot -
wegen der Eile der Flucht.
Und der Pharao verfolgt das Volk Israel, nachdem er zur Besinnung gekommen ist.
Dramatisch die Szenen, die nun folgen: eingekeilt zwischen dem Schilfmeer und den her-
anrückenden Streitmächten Ägyptens ist das Volk Israel gefangen. Es wird dann von jenem
Zug Israels durch das Meer berichtet: Das Meer teilt sich und die Menschen können le-
bend an das andere Ufer gelangen. Die Streitmächte Ägyptens aber, die hier folgen wollen,
werden durch das zurückströhmende Wasser vernichtet.
Abschließend faßt die Bibel zusammen: ”So errette der Herr an jenem Tage Israel aus
der Ägypter Hand. Und sie sahen die Ägypter tot am Ufer des Meeres liegen. So sah Israel
die mächtige Hand mit der der Herr an den Ägyptern gehandelt hatta. Und das Volk
fürchtete den Herrn, und sie glaubten ihm und seinem Knecht Mose.” (2.Mose 14,30ff)

3.4.3 Christus in der Geschichte von Mose


Die Erzählung von Mose ist voll von bedeutsamen Bildern, tiefliegenden Zeichen und
vorbildhaften Handlungen und Erfahrungen. Kurz gesagt: Gott sieht viel mehr in den
Erfahrungen des Mose, als die einfachen dies Handlungen hergeben könnten!
Bevor wir in deuten und interpretieren muß gefragt werden: was war damals eigentlich
los? Was hat Gott damit zu tun? Und: was kann uns heute nach vielen Jahrtausenden
diese Geschichte zu sagen haben?
Mose und der Auszug aus Ägypten: Parabel oder Realität? ... das war der Titel unseres
Abschnitts. Da ist an erster Stelle die Frage, was sich damals ereignet hat. Dies ist eine
Frage an die historichen Untersuchungen - an die Geschichtswissenschaft und Archäologie,
welche die alten Berichte der Tora in ihren historischen Wurzeln studiert und bewertet.
Wir gehen davon aus, daß diese Berichte der Bibel die historischen Ereignisse treffen:
Israelitische Stämme, die in Ägypten Schutz vor einer Hungersnot gesucht und gefunden
haben. Dann eine Zeit, in der die Schutzmacht zur Unterdrückungsmacht wurde. Ein
Führer Israels, der am Hof Ägyptens aufgewachsen ist und Mose hieß - und der nach
vielen Auseinandersetzungen mit den ägyptischen Machthabern sein Volk aus dem Lande
führen konnte.
Die Erzählungen von Mose sind in der Geschichte des Judentums und des Christentums
ohnegleichen. Tief sind die Interpretationen und Deutungen. Mose, der große Prophet ...
104 Die Bibel für Menschen von heute ...

der nur durch Jesus Christus selbst übertroffen wird: durch den Sohn Gottes, der Gottes
Liebe offenbahr macht. Mose, der demütige Diener Gottes, der das Volk Israel aus Ägyp-
ten und bis zu dem gelobten Land führt. Mose, der mit Gott selbst geredet hat ... als
Mittler und Sprachrohr. Mose, der Überbringer der 10 Gebote und der Gesetze Gottes:
heiliges Leben mit Konsequenz, Nächstenliebe und Akzeptanz für Ausländer, Feinde und
Widersacher.
Die Anweisungen Gottes zum Passafest und die Bedeutung des Lammes, welches sein
Blut lassen mußte um Israel zu retten, wurde in der Geschichte des neuen Testaments
immer klar auf Jesus Christus bezogen. Jesus ist das wirkliche und wahre Lamm Gottes,
auf das der Auszug aus Ägypten gleichnishaft verweist. Jesus ist die Erfüllung dieser
bildhaften Prophetie, die Gott durch reale Ereignisse in die Geschichte hinein schreibt.
Jesus Christus ist das Ziel und Zentrum der Geschichte.
Geradezu unfaßbar schreibt Gott uns die Geschichte direkt in unser Herz hinein. Durch
reale Ereignisse möchte Gott zu uns reden und uns verständlich machen: ich gebe mich
für dich hin. Ich rette dich. Ich begleite dich und sorge für dich. Vertraue mir!
Wir dürfen uns auf den Weg machen, die vielen weiteren Bedeutungen der Geschichte
des Mose zu verstehen. Da ist das Wasser des Schilfmeeres - später aufgegriffen in der Taufe,
durch die ein Christ stirbt und neues Leben empfängt. Da ist der lange Weg durch die
Wüste ... ein Weg zu dem Land des Glaubens und der Verheißung. Da ist die Schwierigkeit,
an Gottes Stärke zu glauben trotz erlebter Größe Gottes.
Die Geschichte des Mose ist eine Geschichte gelebten Glaubens. Hier kämpfen Men-
schen um den Glauben. Es versagen Menschen. Doch manche dringen durch zum Vertrau-
en ... Die immer alte und neue Geschichte des Glaubens ist geschichtliche Realität in den
Büchern des Mose, des großen Propheten und Dieners Gottes.
Wir dürfen uns anstecken und ermutigen lassen, dem Glauben des Mose auch heute
nachzufolgen - in unsere persönlichen Geschichte mit der Welt und mit Gott.

3.4.4 Wort beim Wein: Herausforderung für Dich!


Wir möchten dich gerne mit hineinnehmen in eine Aufgabe, die du nur mit Gottes Hilfe
und dem lebendigen Glauben meistern kannst. Es geht um den Dienst im Reich Gottes.
Es geht um ein Leben, das etwas von Gott wiederspiegelt und dabei anderen Menschen
zum Segen wird. Ob du bereit bist, dich auf ein solches Unternehmen einzulassen?
Wir möchten einfach mal einige Schritte beschreiben, die dich in ein solches Leben
hineinführen können. So muß es nicht unbedingt sein - aber so k a n n es sein. Darum die
Ermutigung: versuch es doch einmal!
1. Öffne dich und dein Leben für Jesus Christus. Geh im Gebet zu Jesus, sag ihm, daß
du dein Leben voll und ganz mit ihm leben möchtest. Sag ihm, er soll Herr und Heiland
deines Lebens sein.
2. Mach dich auf den Weg, die Worte Jesu jeden Tag in die Tat umzusetzen. Laß
dich nicht durch Mißerfolge ermutigen. Jesus ist bei dir im Alltag. Er wird dir jeden Tag
helfen, Gott besser kennenzulernen und mit ihm persönlich zu leben. Jesus wird dir die
Liebe Gottes zeigen!
3. Übernimm Verantwortung für Jesus. Beteilige dich in einer christlichen Gemeinde,
Roland Potthast 105

wo lebendige Christen leben. Mach mit Augenmaß und Engagement dort mit und beteilige
dich mit den Begabungen, die Gott dir geschenkt hat! Suche Gemeinschaft mit anderen
Christen.
4. Erzähle anderen Menschen von Jesus Christus und deinen Erfahrungen mit ihm. Laß
dich auf Gespräche und Fragen ein. Wenn du etwas nicht beantworten kannst, so beteilige
christliche Freunde und Bekannte an dem Gespräch.
5. Unterstütze christliche Missionswerke und Projekte durch Gebet, Spenden und durch
Mitarbeit. Übernimm verantwortliche Aufgaben im Kleinen und im Großen! Nimm dir ein
Beispiel an Mose, der so lange ein unbedeutender Schafhirte war: Gott möchte dich und
dein Leben anderen zum Segen setzen!
Schreib mir von deinen Erfahrungen, von deinen Schwierigkeiten und Hoffnungen!
Schreib mir von deinem Glauben und von Gott!

3.5 Ethik braucht Leitlinien ... - die 10 und weitere Gebote (2.Mose
20-24)
3.5.1 Für Eilige: ”Du sollst (nicht)!” - wozu Ethik?
Du sollst nicht ... du darfst nicht ... du mußt dieses tun und jenes lassen ... Was steuert
mein Verhalten?
Der eine will dieses ... der andere jenes ... nicht nur zwischen einer Mutter und der
zweijährigen Tochter gibt es so Konflikte! Auch die Unterdrückung ganzer Völker und die
Probleme aller Staats- und Regierungsformen haben bei der Frage nach dem Verhalten
und dem Umgang miteinander ihre Quelle. Wem gehört was? Wer darf Dinge nutzen und
einsetzen? Wer soll sich wie verhalten?
Wir sprechen von Ethik, wenn wir über Regeln für das Verhalten reden. Ethik sagt,
was ein Mensch tun soll und was er nicht tun soll.
Kein Mensch kommt um Ethik herum! Jeder Mensch und erst recht jede Gemeinschaft
von Menschen braucht und entwickelt Regeln und damit Ethik.
So ist das auch mit der Gemeinschaft jener Menschen, die mit Gott gemeinsam leben.
Und Gott gibt diesen Regeln einen hohen Stellenwert: die 10 Gebote werden nicht nebenbei
ausgetauscht und die weiteren Gebote sind praxisnah und weitreichend.
Die Gebote aus dem 2. Buch Mose greifen in alle Bereiche meines Lebens hinein: in
mein Verhältnis zu Gott, meine Worte und Reden, den Sonntag, Verhältnis zu den Eltern,
Verhältnis zum Ehepartner, Besitz und Diebstahl ..., ja sogar in mein Wollen und meine
Wünsche, wenn es um den Besitz oder die Ehepartner anderer Menschen geht. Bis hin
zur Feindesliebe, zum Verkauf und Wiedergewinn von (Acker-)Land, dem Verhältnis zu
den Schwachen und Armen und vielem mehr gibt Gott hier Leitlinien für eine gelingende
Gestaltung menschlichen Lebens.
Wir dürfen uns mit Neugier auf die Ratschläge und Gebote Gottes einlassen, sie in
unserem Leben in die Tat umsetzen und dabei erfahren, wie tiefliegend und weitreichend
sie unser Leben verändern, heilen und bereichern.

Tipps für diese Woche:


1) Schauen Sie sich einmal ihr eigenes Verhalten daraufhin an, ob es den 10 Geboten
106 Die Bibel für Menschen von heute ...

und den weiteren Regeln und Geboten aus dem zweiten Mosebuch entspricht. Beachten
Sie dabei die Bemerkungen aus den Abschnitten 2 und 3.
2) Überlegen Sie sich, wie ihr Leben aussehen müßte, um den Regeln Gottes zu folgen.
Probieren Sie einmal einen Tag lang, so zu leben. Und ziehen Sie abends Bilanz! Versuchen
Sie es am folgenden Tag besser zu machen.

3.5.2 Die 10 Gebote verstehen - ein Versuch

Schon viele haben den Versuch unternommen, die 10 Gebote zu verstehen. Predigten,
Interpretationen und Essais sind entstanden. Auch wir wollen Sie mitnehmen zu einem
Rundgang durch die 10 Gebote und mit Gedanken und Erläuterungen versuchen, der
Bedeutung dieser alten Regeln Gottes nachzuspüren. Wir lesen die Gebote in einer Übert-
ragung des Evangeliumsnetzes, welches die universale Bedeutung dieser Gebote in den
Mittelpunkt stellt.
1.Gebot: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus der Abhängigkeit von weltlichen
Mächten geführt hat. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.
Erläuterung: Wörtlich heißt es: ”dein Gott, der dich aus Ägypten, aus der Sklaverei,
geführt hat.” Gott nimmt hier in der speziellen historischen Situation Israels Bezug auf
ihre persönliche Geschichte. Dieser Bezug muß heute durch unsere ganz individuelle Ge-
schichte ergänzt werden, um der Bedeutung dieses Gebotes zu entsprechen. Gott befreit
in einer konkreten persönlichen Situation! Diese Befreiung ist sein Ausgangspunkt, um
unser Gottesverhältnis zu heilen und um unser Leben zu erneuern. Sie dürfen hier ihre
persönlichen Erfahrungen einsetzen!
Das Gebot, nur diesen einen Gott als wirklichen Gott zu verehren, ist weiterhin Spreng-
stoff in der pluralistischen Götterwelt des modernen Globus. Christen können nicht andere
Götter anbeten - und sie haben eine unmißverständliche Meinung zu dem Thema, wer oder
was denn der einzige Schöpfer des Universums und ”der Herr” (die tiefliegendste Macht
der Welt) ist.
2. Gebot: Du sollst nicht versuchen, Gott durch Bilder oder Skulpturen zu personi-
fizieren, auch nicht Gleichnisse oder geistliche Bilder. Du sollst diese Bilder, Skulpturen
oder Gleichnisse nicht anbeten, denn ich bin ein eifernder Gott, der die Gottlosigkeit nicht
ohne Folgen sein läßt für dich und deine Nachkommen.
Erläuterung: Wie stellen wir uns Gott vor? Was für ein Bild von Gott machen wir uns?
Gott warnt hier klar: euer Bild ist so unvollkommen und mißverständlich, daß es euch zum
Hindernis in eurer Beziehung zu mir wird! Ich bin der Herr, der Gott des Himmels und
der Erde. Euer Bild von mir wird euch zum Abgott, zum Gottesersatz! Hütet euch davor!
Das Bilderverbot hat in der christlichen Geschichte zu viel Tragik geführt. In der Ost-
kirche des römischen Reiches haben sich zwischen 600 und 800 die Ionoklasten und ihre
Gegner erbitterte Kämpfe geliefert und so wesentlich zur Vorbereitung der großen Kirchen-
spaltung von orthodoxer und römisch-katholischer Kirche beigetragen. Es ging darum, ob
in Form der Ikonen Bilder von Jesus Christus, Maria und den Heiligen gemalt, verehrt
und angebetet werden dürften. Die theologische Dimension dieser Frage wurde durch eini-
ge Konzilien schließlich geklärt: Verehrung von Heiligenbildern und Christusbildern wurde
Roland Potthast 107

erlaubt, ihre Anbetung klar verboten. Doch die soziale Dimension des Streits konnte nicht
voll aufgelöst werden.
3. Gebot: Du sollst den Namen Gottes nicht mißbrauchen, denn der Herr, dein Gott,
wird den Menschen nicht ohne Strafe lassen, der seinen Namen mißbraucht.
Erläuterung: Gottes Namen zu mißbrauchen, ist unserer modernen Gesellschaft eine
riesige Gefahr. Ob es die ”christliche” Gesellschaft als ganzes ist oder das ”christliche”
Menschenbild der ”christlichen” Parteien in Deutschland. Wie schnell wird Gottes Name
in leichtfertiger Weise im Mund geführt. ”Mein Gott ...” hört man immer wieder, nur
um festzustellen, daß der Sprecher mit Gott doch wenig anzufangen weiß. Du sollst den
Namen Gottes nicht mißbrauchen ist ein sehr aktuelles Gebot. Seine Einhaltung würde
viele Menschen zu einem bewußten und neuen Glauben führen ... welch eine Chance!
4. Gebot: Beachte den Sonntag (Sabbat, in vorchristlicher Zeit der Samstag), daß
du ihn unterscheidest von den anderen Tagen (heiligst) und deine Arbeit an diesem Tag
ruhen läßt.
Erläuterung: Wir können die Bedeutung des Sonntags für den Menschen und die Ge-
sellschaft kaum ermessen. Wie schnell geht dieser Sonntag verloren - wenn Arbeit, sozialer
Aktivismus, Ignoranz gegenüber kreativen Pausen und der Drang nach Ausnutzung aller
wirtschaftlichen (oder wissenschaftlichen) Ressourcen die Überhand gewinnen. Die jüdi-
sche Tradition feiert den Sabbat von Sonnenuntergang zu Sonnenuntergang, ein weiser
Ratschlag für uns Menschen bis heute. Und Gott segnet die Ruhe, die wir uns ganz bewußt
für 24 Stunden einmal in der Woche gönnen - als einzelne und gemeinsam als Gemeinde
und Gemeinschaft ... dies ist einen Versuch wert!
5. Gebot: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, so daß du ein langes Leben
hast dort, wohin dich dein Gott führt.
Erläuterung: Ein Gebot, welches weit hineingreift in unser Verhältnis zu Autoritäten
und in unser eigenes Leben mit der Entwicklung zwischen Abhängigkeit und Selbstständig-
keit. Du sollst Vater und Mutter ehren spricht mitten hinein in unseren Nerv von Bezie-
hung, eine Beziehung, die für jeden Menschen zuerst die Beziehung zu Mutter und Vater
oder deren Ersatz ist. Wir sind aufgefordert, mit Achtung all dem zu begegnen, das unsere
leiblichen und geistlichen Eltern uns gegeben haben (und mag es noch so viele Probleme
dabei geben). Wir dürfen den Menschen, die uns Beziehung im Guten und Bösen gelehrt
haben, mit Ehrung gegenübertreten. Welch ein tiefgreifendes Gebot!
6. Gebot: Du sollst niemanden töten.
Erläuterung: Das Gebot als Verneinung des Mordes gelesen ist heute klar verständlich.
Aber wie sieht es mit der Todesstrafe aus? Wie steht es um Abtreibung, Euthanasie und
Selbstmord? Die Entwicklung der medizinischen Technologie und die Möglichkeiten der
Lebenserhaltung bringen viele Fragen mit sich. Ein weiterer Bereich ist die Frage nach
dem Krieg, nach Verteidigung und Wehrpflicht, nach Berufssoldaten und ihrem Auftrag.
”Du sollst niemanden töten” ... töte ich durch ”nicht-Töten”? So klar das Gebot in seiner
unmittelbaren Form ist, so schwer ist die praktische Linie zu finden, das Gebot in die
Wirklichkeit umzusetzen.
7. Gebot: Du sollst die Ehe, die öffentliche und vertrauende lebenslange Gemeinschaft
eines Mannes und einer Frau, nicht brechen.
108 Die Bibel für Menschen von heute ...

Erläuterung: Es ist nicht selbstverständlich überhaupt zu wissen, was ”Ehe” im positi-


ven Sinne biblischen Verständnisses überhaupt bedeutet. Darum hat unsere Übertragung
den biblischen Ehebegriff mit hineingenommen in dieses Gebot. Ehe ist eigentlich die im-
mer neue Hingabe und der selbstlosen Einsatz jedes der zwei Partner füreinander. Im Hin
und Her der Liebe finden beide eine Erfüllung, die nur das immer neue grundlose Geschenk
von Zuneigung, Zuwendung und Zärtlichkeit geben kann. Ich gebe mich ganz dem anderen,
der in freier Entscheidung mein Geschenk erwidert und mich durch seine Hingabe zu einer
völlig neuen Persönlichkeit macht ... gelebte Schöpfung durch die Liebe!
8. Gebot: Du sollst nicht stehlen und nicht etwas an dich nehmen, das anderen Men-
schen gehört.
Erläuterung: Diebstahl fängt nicht mit dem Raub der Kasse einer Bankfiliale an. Dieb-
stahl beginnt im Kleinen: wo wir unseren Eltern ein paar Mark abschwindeln. Wo wir
unseren Freunden einiges abnehmen. Wo wir unseren Arbeitgeber betrügen durch un-
berechtigte Ausnutzung der Ressourcen des Unternehmens oder des Staates. Die Bibel
erkennt das Eigentum von Menschen an - auch wenn sie es in eine soziale Verantwortung
stellt. Diebstahl berücksichtigt die bestehenden Gesetze und Verordnungen. Heute aktuell
ist der Diebstahl von Steuern, Software, Arbeitszeit und Subventionen. Wir dürfen den
Schritt wagen, unseren Diebstahl zu beenden und ehrlich zu werden im Kleinen und im
Großen!
9. Gebot: Du sollst nichts Falsches über einen anderen Menschen sagen oder bezeugen.
Erläuterung: Wie schnell sind böse oder herabwürdigende Worte über die Lippen ge-
gangen. Schnell übertreiben wir Menschen, wenn wir erregt sind oder wenn uns Unrecht
getan wurde. Und doch sind solche Worte Gift für unser eigenes Leben und die Gemein-
schaft, in der wir leben. Nichts Falsches über einen anderen Menschen zu sagen muß uns
oftmals den Mund verschließen ... und wird eine segnende und heilende Auswirkung auf
all unsere Beziehungen haben. Wir dürfen uns auf die Wahrheit einlassen ... und sie wird
unser Leben erneuern!
10. Gebot: Du sollst das Haus deines Nachbarn nicht besitzen wollen. Du sollst nicht
die Frau, Sekretärin, Chouffeur, Auto, Geld noch irgendetwas, was ein Bekannter hat, für
dich haben wollen.
Erläuterung: Schwerer als alle Handlungen sind unsere Gedanken und unser Wille
zu steuern und zu beeinflussen. ”Du sollst nicht begehren ...” greift mitten hinein in die
Grundlagen unseres Lebens, in Wünsche und Ziele, in Willen und Ausrichtung unserer Exi-
stenz. Damit ist dieses Zehnte Gebot wie das erste Gebot ein direkter Weg zur Bergpredigt
Jesu im neuen Testament: wer eine Frau ansieht und sie begehrt, hat die Ehe gebrochen
in seinem Herzen. Gott möchte unsere ganze Person mit Glauben, Zielen, Worten und
Handlungen erneuern und für sich gewinnen.

3.5.3 Die Rolle weiterer Gebote und der Gott, der durch sie redet
Wir haben uns die 10 Gebote angesehen ... und doch ist die Rechtsordnung und Ethik
Gottes, die im zweiten Buch Mose formuliert wird, noch mehr und weitreichender als diese
zehn Meilensteine. Wir möchten mit Ihnen einige ausgewählte und zentrale Bestandteile
dieser Ethik Gottes kennenlernen.
Roland Potthast 109

A. Das Sabbatjahr im siebten Jahr. Sowohl in 2.Mose 21,2 als auch in den Passagen
von 2.Mose 23,10ff wird das Sabbatjahr behandelt. Das Prinzip des Ruhetages wird auf
das siebte Jahr übertragen: dieses Jahr soll der Acker unbestellt bleiben und seine Früchte
für jeden zur freien Verfügung sein. Doch das Gebot des Sabbatjahres geht noch weiter:
Hebräische Sklaven sollen im siebten Jahr freigelassen werden - das Eigentumsrecht wird
hier aufgelöst und die Menschen erhalten ihre Würde wieder. Im dritten Buch Mose,
Kapitel 25 wird eine weitere Eskalation dieses Prozesses angeordnet: im 50sten Jahr, also
nach sieben mal sieben Jahren, soll jeder wieder zu seinem Acker und Eigentum kommen.
Es wird ein Befreiungs- und Versöhnungstag ausgerufen. Wir begegnen hier schon im Alten
Testament einer praktischen Ausprägung der Weisheit Jesu Christi des Neuen Bundes: ihr
seid alle Gäste und Fremdlinge auf Erden. Ihr habt nichts hineingebracht, ihr werdet auch
nichts mit hinausnehmen können. Wir werden darauf zurückkommen.
B. Vergehen an Leib und Leben (2.Mose 21,12ff ). Das Alte Testament kennt die Todes-
strafe und es kennt rigorose Strafen für Körperverletzungen. Der Grundsatz heißt: Auge
um Auge, Zahn um Zahn. Dabei sind diese Strafen auf den Schutz der Mißhandelten
oder Geschlagenen und auch der Täter ausgerichtet. Verletzte Sklaven müssen freigelassen
werden ... das sind weitreichende Menschenrechte in der damaligen Zeit!
Bei allen Geboten und Gesetzen müssen wir uns das gesellschaftliche Umfeld vor Au-
gen halten und ihre Bedeutung in diesem Umfeld verstehen. Gott spricht nicht abstrakt
zu den Menschen, sondern in einer verständlichen und für die gesellschaftliche Situation
brauchbaren Weise. In dieser Situation ist die klare Bestrafung angemessen und notwen-
dig. Heute gibt es wesentliche neue Aspekte durch das Leben Jesu Christi und die weitere
Entwicklung der menschlichen Gesellschaft.
C. Ersatzleistungen (2.Mose 21,33 - 2.Mose 22,16). Die Ersatzleistungen regeln das
Verhalten im Fall von Diebstahl oder Veruntreuung. Die Einsicht dieser Regeln ist ver-
blüffend. Immer steht das Interesse des Geschädigten im Vordergrund, aber auch der
Schutz von Menschen vor überzogenen oder unberechtigten Ansprüchen oder vor falschen
Anschuldigungen! Auch diese Regeln müssen in ihrer historischen Situation erfaßt und
verstanden werden.
D. Rechtsschutz für die Schwachen (2.Mose 22,20ff ). Hier wird der Schutz für Ausländer
und Gäste im Lande angeordnet. Auch Waise und Witwen genießen besonderen Schutz
des Einzelnen und der Gemeinschaft. Wer sich Geld leihen muß, soll nicht durch Wucher
niedergehalten werden. Wer Pfand von einem Menschen nimmt, soll ihn damit nicht in
seinen elementaren Bedürfnissen einschränken (ihm nicht seinen Mantel über Nacht weg-
nehmen). Gott zeigt sich hier als einer, der die Schwachen sieht und auf sie in besonderer
Weise hört. Auch hier scheint uns das neue Testament unmittelbar vorweggenommen: selig
sind die Armen!
E. Zauberei und sexuelle Perversion (22,17ff ). Auf Zauberei oder sexuelle Perversion
steht die Todesstrafe in der alten jüdischen Welt. Es werden auf diese Weise Maßstäbe für
ein Leben in voller Realitätsnähe gesetzt: der heilige Gott ist mitten unter den Juden. Die
Bibel geht davon aus, daß die letzte Konsequenz von Zauberei und sexuellen Perversionen
die volle Trennung von Gott und damit der Tod ist.
Für den modernen Menschen sind diese rigorosen Strafen unverständlich und wir ste-
110 Die Bibel für Menschen von heute ...

hen in der Tradition Jesu, der diese Strafen auf sich genommen hat - so sind wir frei,
diesen als ’Gräueln’ beschriebenen Verhaltensweisen ruhig und mit Toleranz zu begegnen.
Überwindet das Böse durch das Gute!
Als Christ kann man die Hexenverbrennungen, an denen sich die Kirche in großem
Stil in den Jahrhunderten beteiligt hat, nur als eine Reihe weitreichender Verirrungen
verstehen. Da haben Menschen die Geduld und Liebe Christi verlassen oder nie gekannt,
auch wenn sie sich auf Jesus Christus berufen. Sie nannten ihn ”Herr, Herr”, ohne ihm
doch zu folgen. Ich bitte an dieser Stelle stets neu um Ihre Vergebung gegenüber der Kirche
und gegenüber all denen, die sich Christen nennen. Wir haben in der Geschichte immer
wieder viel Schuld auf uns geladen und tun das in manchen Punkten auch heute.
Doch kommen wir noch einmal zur Substanz dieser heftigen Strafen zurück. Was kann
uns dabei zum Verständnis führen? Eine Möglichkeit ist es sicherlich, die Schöpfung aus der
Sicht des Schöpfers zu betrachten. Für Gott ist manches Verhalten eine Entgleisung, die er
korrigieren muß. Der Mensch, geschaffen zum Gegenüber und zur Gemeinschaft mit Gott,
darf in seiner Perversion nicht überleben, sondern soll geheilt oder gestoppt werden. Das
neue Testament kennt die Diskussion um das Recht Gottes, das Böse auszumerzen - und
Paulus selbst argumentiert hier für das Recht des souveränen Gottes an seiner Schöpfung
und am Menschen. Es ist aber ein Recht, daß nur Gott selbst hat, nicht der Mensch und
nicht die Kirche. Das werden wir später noch zu diskutieren haben.
F. Gebote der Gerechtigkeit und Nächstenliebe (2.Mose 23). Die Feindesliebe ist keine
Erfindung des neuen Testaments. Schon hier im Alten Testament finden wir die Feindes-
liebe in ganz praktischen Geboten ausgeprägt und umgesetzt.
Und immer wieder wird zur Achtung von Ausländern aufgerufen. Immer wieder zu
Hilfe und Gerechtigkeit für die Wehrlosen und Schwachen.
Gott fordert hier auch klar Zivilcourage: den Mut, nicht einer Gruppe oder Menge von
Menschen auf bösem Weg zu folgen.
G. Gebot, Gott zu dienen und Gott anzubeten. Gott fordert von jedem Menschen sein
ganzes Leben. Immer und immer wieder wird dieses Gebot und dieser Anspruch Gottes
erneuert und in unterschiedlichen Variationen ausgesprochen. ”Gott dienen” lautet der
biblische Fachbegriff. ”Dem Herrn, eurem Gott, sollt ihr dienen.” Der Dienst Gottes be-
steht darin, das ganze Leben in der Beziehung zu dem Schöpfer und Heiland zu leben und
zu gestalten. Es ist schon im alten Bund eine Liebesbeziehung, wo sie den Geboten Gottes
gemäß gelebt wird.
Und immer wieder wird von Anbetung geredet. Gott anzubeten, nicht die weltlichen
Mächte und Gewalten, ist auch heute ein aktuelles Gebot. Anbetung artikuliert sich in
Festen und Feiern, in Lobreden und Gedächtnisveranstaltungen. Zwischen den Film- und
Fernsehpreisen bleibt die Anbetung Gottes gerade heute auf der Strecke. Viele kirchliche
Riten und Symbole sind nicht mehr verständlich ... und es gibt keinen Ersatz an Gesten
und Verhaltensweisen, die den modernen Menschen auf Gott verweisen und zur Anbetung
führen. Charismatische Spezialisten können diese Lücke kaum füllen. Und das erste Gebot
wird zur größten Herausforderung des 21. Jahrhunderts!
H. Der Bundesschluß am Sinai. Gott gibt weitreichende Verheißungen für den Fall,
daß die Menschen und das ganze Volk auf seine Gebote hören und danach leben. Es wird
Roland Potthast 111

ein Vertrag (ein Bund) zwischen dem Volk Israel und Gott gegründet und besiegelt. Dieser
Bund wird durch klare Zeichen und einen Festakt beschlossen und durch ein eindeutiges
Wunder besiegelt.
Der Bundesschluß am Sinai ist eine historisch einmalige Angelegenheit. Bei aller uni-
versalen Bedeutung der Gebote müssen wir die Wirksamkeit dieses Bundes in seiner ge-
schichtlichen und gesellschaftlichen Situation und Beschränkung verstehen. Zunächst ist
dieser Bund wegweisend für die Menschheit und für Israel, wird aber später abgelöst durch
den neuen Bund, den Gott nach Bruch des alten Bundes durch das Leben seines Sohnes
Jesu Christi mit der Menschheit und mit jedem Menschen schließt:
”wer an Jesus glaubt, der wird leben!”

Wir sind heute aufgerufen, die Gebote Gottes im alten Bund in ihrer heilenden und
helfenden Funktion zu begreifen, die dem Glauben eine Linie und eine Orientierung geben
will und kann. Wir dürfen sie als Grundlage und Ergänzung für die Liebe Gottes erfassen,
die uns Menschen gerecht spricht durch das Vertrauen auf den Sohn und Heiland Gottes
Jesus Christus, in der grundlosen Zuwendung und Liebe des einen Gottes: Vater, Sohn
und heiliger Geist.

3.5.4 Wort beim Wein: Persönliches Wort zwischen den Kirchen, Organisa-
tionen und Werken

Ich möchte Sie einmal persönlich ansprechen auf unsere Lage mit den verschiedenen Kir-
chen, christlichen Organisationen und Werken. Sie sind Teil Ihrer Kirche, Ihrer Orga-
nisation ... vielleicht ein Verantwortungsträger, vielleicht aber auch nur Zuschauer und
verwunderter oder aufgebrachter Betrachter.
Wir Christen können nicht anders, als ganz konkret in Kirchen, Gemeinden und Orga-
nisationen unseren Glauben leben. Wir brauchen dabei auch klare Worte, was wir glauben
und was wir als falsch oder schädlich ablehnen.
Und doch haben diese Institutionen immer die Tendenz, andere Christen auszugrenzen
oder zu verurteilen. Die Institutionen haben die fast unvermeidliche Eigenschaft, sich selbst
in den Mittelpunkt zu stellen, Werbung für die eigene Organisation zu machen und andere
Organisationen mit Distanz, Neid oder Ignoranz zu betrachten. Wir lassen uns von anderen
ermutigen, solange sie nicht in direkter Konkurrenz zu uns stehen. Sobald aber diese
Konkurrenz da ist - sei es im Bezug auf Einfluß, öffentliches Interesse, Gelder, Spenden,
Mitarbeiter, Mitglieder und vielem mehr - gibt es heißen oder kalten Krieg.
Machen wir uns klar, daß all dies nicht Gott entspricht. Vielleicht können Sie mit
uns gemeinsam die Gottesferne all dieser Verhaltensweisen und inneren Impulse erkennen.
Sehen Sie, wie sehr wir alle den ”weltlichen” Mächten verfangen sind ...? Sehen Sie, wie
sehr wir es nötig haben, uns von Gott erneuern, heilen und in einzelnen Schritten leiten
zu lassen?
Ich möchte Sie ermutigen, unvoreingenommene Schritte hin zu anderen Menschen zu
gehen. Und ich möchte Ihnen den Segen Gottes zusprechen für ein Leben, Handeln und
Reden, das die Person nicht ansieht, auch nicht die Kirche oder Konfession, sondern das
112 Die Bibel für Menschen von heute ...

dem anderen Menschen in der Liebe und Zuwendung Gottes begegnet, so wie er sie uns
und jedem Menschen in Jesus Christus zeigt.
Es begleite und behüte Sie der allmächtige Gott!

3.6 Mein Haus, mein Auto, mein Boot ... - von Sabbatjahr und Erlaßjahr
(3. Mose 25)
3.6.1 Für Eilige: Wem gehört die Welt ...?

Wem gehört die Welt ...? Gehört die Welt den Grundbesitzern? Ist es die Welt des Geldes,
der Börse, der aufstrebenden dynamischen Jungunternehmer? Eine Welt der großen Kon-
zerne, der multinationalen Konsortien, der Taktik und Strategie? Oder gehört die Welt
dem Staat, den Politikern, den Ideologen, den Öffentlich-Rechtlichen ...? Eine Welt der
Lehrer und Professoren? Oder eine Welt der Verleger, Journalisten und Medienstars?
Gehört die Welt dem Volk? Wir sind das Volk!...? Oder doch eine Welt des Militärs?
Eine Welt, in der letztlich nur militärische und polizeiliche Gewalt für Ordnung sorgen
kann? Vielleicht aber eine Welt der Religion oder Religionen? Eine Welt der Päpste und
Mullahs, der Buddhas, Mohammeds, der Pastoren und Priester? Vielleicht eine Welt der
Wahrsager und Weissager, der Kartenleger, Sternendeuter, Medien und der verborgenen
Mächte?
Wem nun gehört die Welt? Welchen Beitrag liefert die Bibel zu dieser Frage? Steht sie
in der Reihe der Mächte und Gewalten? Die Bibel erzählt von dem Gott, der Himmel und
Erde gemacht hat. Sie erzählt von dem ”Sohn Gottes”, der in ”sein Eigentum” kam, und
dort als Mensch lebte, von Jesus Christus. Sie erzählt von Jesus als einem Menschen, der
seine Macht und Herrlichekeit abgelegt hat, der unter den Mächten der Welt gelitten hat
- bis zum Tod am Kreuz.
Die Welt gehört nicht den vielen Mächten, die in ihr wirken und die viel Einfluß
ausüben! Die Welt ist und bleibt ”sein Eigentum” - eine Welt Gottes, die er seinem Sohn
übergeben hat: die Welt des Vaters, Sohnes und heiligen Geistes. Über alle weltlichen
Mächten wird letztlich die Kraft Gottes ihre ungebrochene Macht zeigen und wird Gottes
Frieden in die Realität bringen. Dieser Zukunft dürfen wir mit Hoffnung entgegengehen
und sie schon heute in unserem Leben Realität werden lassen.
Unser Bibelabschnitt heute führt uns zu einem besonderen Kapitel israelitischer Ge-
schichte: zum Sabbatjahr und Erlaßjahr und damit zu der Wirtschaftsgesetzgebung nach
dem Herzen Gottes! Lesen Sie mehr in Abschnitt 2.

Tipps für diese Woche:


1) Durch ihr Leben, ihr Denken und ihre Entscheidungen geben Sie ein Stück weit Ihre
Antwort auf die Frage: wem gehört die Welt? Was für eine Antwort ist es, die sie geben?
2) Was tun sie mit Ihrem Besitz? Mit Einkommen, Grundbesitz, Häusern und Wohnun-
gen, Aktien und Kapital, mit geistlichen und geistigen Rechten und Besitztümern? Setzen
Sie diese Dinge voll und ganz im Sinne Gottes und als von Gott geliehenes Eigentum ein?
Überlegen Sie einmal, welche Schritte Sie dazu gehen müßten!
Roland Potthast 113

3.6.2 Wirtschaftsgesetzgebung nach Gottes Herzen - Sabbatjahr und Er-


laßjahr in 3.Mose 25

Die Wirtschaftsgesetzgebung Gottes können wir im 3.Buch Mose, Kapitel 25 kennenlernen.


Aber aufgepaßt und festgehalten ...: hier geht es ab, da ist nichts so, wie wir es gewohnt
sind. Gott setzt klare Maßstäbe und bringt unsere schöne heile Wirtschaftsordnung ziem-
lich durcheinander.
”Sechs Jahre sollst du dein Feld besäen und sechs Jahre deinen Weinberg beschnei-
den und die Früchte einsammeln, aber im siebenten Jahr soll das Land dem Herrn einen
feierlichen Sabbat halten; da sollst du dein Feld nicht besäen noch deinen Weinberg be-
schneiden.”(3.Mose 25,3+4)
Können Sie sich das vorstellen? Sie haben ein Geschäft, ein Unternehmen, eine Firma
... und nach sechs Jahren stellen Sie Ihre Arbeit für ein Jahr ein? Gott unterbricht immer
wieder unser Leben - unsere eingefahrenen Wege. Und er tut dies durch diese klaren
Regeln regelmäßig im Abstand von sieben Jahren. In der Landwirtschaft hat man in
Jahrhunderten die weitreichende Funktion von brachliegendem Land gelernt und damit
den Sinn dieser Gebote konkret erfahren.
Doch das war noch lange nicht alles... hören wir zu:
”Und du sollst zählen sieben Sabbatjahre, sieben mal sieben Jahre ...[...] und ihr sollt
das fünfzigste Jahr heiligen und sollt eine Freilassung ausrufen im Lande für alle, die darin
wohnen; es soll ein Erlaßjahr für euch sein. Da soll jeder bei euch wieder zu seiner Habe
und zu seiner Sippe kommen.” (3.Mose 25,8-10)
Zunächst wird die Arbeit im Erlaßjahr völlig verboten: ”Ihr sollt nicht säen und, was
von selbst wächst, nicht ernten, auch was ohne Arbeit wächst, im Weinberg nicht lesen.”
Dieses Gebot hält sich noch nahe an das Sabbatgebot, den Ruhetag am siebten Wo-
chentag. Aber das Erlaßjahr ist weitgehender. Es betrifft das Eigentum, welches durch
Handel seinen Besitzer gewechselt hat:
”Wenn du nun deinem Nächsten etwas verkaufst oder ihm etwas abkaufst, soll keiner
seinen Bruder übervorteilen, sondern nach der Zahl der Jahre vom Erlaßjahr an sollst du
es von ihm kaufen; danach, wieviel Jahre noch Ertrag bringen, soll er dir’s verkaufen.”
(3.Mose 25,14+15)
Im Erlaßjahr wechseln die Dinge ihren Eigentümer und gehen wieder in die Hände
derer über, die in den fünfzig Jahren etwas verkauft haben. Diese Art der Wirtschaft ist
verblüffend: eine Leihwirtschaft. Die Dinge sind einem jeden nur geliehen! Du darfst die
Felder, Gegenstände, Besitztümer nutzen für eine begrenzte Zeit. Dieses Nutzungsrecht
wird ”marktwirtschaftlich” bezahlt. Aber das Erlaßjahr markiert eine Grenze.
Es ist sicherlich interessant, dieses Modell alttestamentlicher Wirtschaft zu analysieren
und seine historische Realisierung zu studieren.
Wir wollen uns hier auf seine neutestamentlichen Bezüge konzentrieren. Wir halten
seine Nähe fest zu dem Wort Jesu: ”Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden!”
(Matthäus 6,19) Jesus lehrt, daß wir Menschen Gäste sind auf der Erde - so wie wir als
Babys hineingekommen sind ohne Besitz, so werden wir diese Welt ohne Besitz wieder
verlassen müssen. In der Zwischenzeit sollen wir uns Kleidung und Essen genügen lassen!
Im Lichte der neutestamentlichen Perspektive gewinnt das alttestamentliche Gebot
114 Die Bibel für Menschen von heute ...

vom Erlaßjahr eine noch größere Tiefe. Es spiegelt sich Gottes Wirklichkeit in den so
praktischen und weltlichen Regeln - inmitten einer Zeit, in der Sklavenhandel und Men-
schenhandel tägliche Wirklichkeit war. Mitten hinein spricht Gott: in meinem Volk ist es
anders! Bei mir und unter allen Menschen, die zu mir gehören, soll es anders sein!
Der Sabbat, das Sabbatjahr und das Erlaßjahr sind teil einer alttestamentlichen Wirt-
schaftsgesetzgebung Gottes. Auch hier wichtig und weiterführend: Gott mischt sich ein
mitten in die weltlichen Gesetze seiner Leute. Gott redet klar mit, wenn es um Geld und
Geschäft geht. Gott hat einen Anspruch auf unser ganzes Leben!
Es ist ein Anspruch, der uns frei macht von der Abhängigkeit von Besitz, von Macht
und Gut. Im Erlaßjahr spiegelt sich diese Freiheit andeutungsweise wieder in dem Gebot,
die erworbenen Güter wieder abzugeben. Wer dieses Gebot befolgt, wird sein Leben an
Wichtigerem ausrichten können als an Geld und Besitz. Wer dieses Gebot befolgt, kann
Gottes Wirklichkeit ungeblendet kennenlernen:
Gottes Liebe und Gottes Erbarmen.
Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit.
Gottes Schönheit und die Schönheit seiner Schöpfung.

3.6.3 Christen und Wirtschaft im 21.Jahrhundert


Welche Rolle können Christen in der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts spielen? Wie könnte
eine christliche Wirtschaftsordnung aussehen?
Wir könenn diese Fragen nur anreißen, können nur einige Impulse geben und einige
Probleme ansprechen. So möchten Sie bitte unser gesamtes Bibelseminar verstehen: als
einen Versuch, die zentralen Themen zu erfassen, den Nerv biblischer Erzählung und der
Worte Gottes zu treffen und weiterzugeben.
a. Zuerst müssen wir die Gesamtsituation ins Auge fassen: Christen in der Welt von
heute. Viele Menschen leben in der Welt, in den sogenannten ”christlichen” oder west-
lichen Ländern und in den vielen weiteren Staaten der Erde. Es gibt nirgendwo einen
”christlichen” Staat - ja es ist noch nicht einmal klar, wie ein solcher Staat denn aussehen
sollte. Der Versuch, einen christlichen Staat zu errichten, ist in der Geschichte vielfach
jämmerlich gescheitert und hat zu Leid und Unterdrückung geführt. ”Mein Reich ist nicht
von dieser Welt” hat Jesus selbst gesagt. Immer sind es Christen als einzelne Menschen
und als Gemeinschaft von Glaubenden, die in einem Staat leben und dort mitwirken an
der Gestaltung der Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung.
b. Christen können viel tun, um in der Gesellschaft und unter den Menschen, mit
denen sie leben, Gottes Frieden auszubreiten. Christen können aus der Kraft Gottes heraus
leben. Christen können unabhängig sein von den Mächten des Geldes und den Mächten
des Erfolges. Christen können eine unverdiente Zuwendung leben und anderen schenken.
Christen können Einsatz geben ohne Lohn, weil sie von Gott getragen und reich belohnt
werden. Christen werden gebraucht, um mit ihrem lebendigen Glauben ”Licht der Welt”
und ”Salz der Erde” zu sein.
c. Christen können durch ihr Wort und ihren Einsatz die Wirtschaftsordnungen dieser
Erde verändern. Gerechtigkeit und Unparteilichkeit können Einzug halten in allen Ländern
der Erde - wenn Menschen bereit sind, dafür zu kämpfen und in Wahrheit und Lauterkeit
Roland Potthast 115

dafür zu leben.
Christen können es nicht hinnehmen, daß der Krieg viele Millionen Menschen täglich
ihrer Lebensgrundlagen beraubt.
Christen können nicht untätig bleiben, wenn der Hunger, die Armut und unwürdige
hygienische Verhältnisse Millionen von Menschen den Lebensmut nehmen - in Entwick-
lungsländern und Schwellenländern ... bis hinein in unsere Großstädte!
Christen müssen helfen, wo immer Katastrophen, Erdbeben, Überschwemmungen und
Stürme Menschen in Not und Armut gebracht haben. Wir brauchen eine organisierte
weltweite Nothilfe genauso wie die kleine, emotionale und mitdenkende Hilfe des Nor-
malbürgers, der mit Geld oder im Bekanntenkreis seinen kleinen Beitrag gibt.
d. Welche Elemente wird eine christliche Wirtschaftsordnung haben? Zuerst müssen wir
feststellen: in dieser Welt bleiben wir in einer gefallenen Welt. Es gibt immer Glauben und
Unglauben, Licht und Schatten, Wahrheit und Lüge in einer geradezu untrennbaren Nähe -
in und außerhalb der christlichen Gemeinden und Gemeinschaften. Jesus rät darum, nicht
vor der Zeit beides trennen zu wollen und die Menschen zu richten - sondern zu warten,
bis Gottes Zeit gekommen ist.
e. Wie nun soll eine ”christliche” Wirtschaftsordnung aussehen, inmitten dieser bipo-
laren Welt? Was ist das ”christliche” an einer Wirtschaftsordnung, welche wir Christen
unterstützen und voranbringen können und sollten? Christliche Wirtschaftspolitik und ei-
ne christlich orientierte Wirtschaftordnung muß der Situation der Welt in ihrer ganzen
Dramatik Rechnung tragen. Das sollte sicherlich bedeuten:

• Schutzrechte aufzubauen für die Schwachen, für die Unvermögenden, für die Armen

• Die Freiheit des Menschen zu akzeptieren und ihr Entfaltungsraum zu geben - im


Guten wie im Bösen.

• Möglichkeiten für aktive Hilfe, organisierte Unterstützung für Menschen und Staaten
zu schaffen.

• Soweit es geht Gerechtigkeit zu fördern - im


- juristischen wie im
- sozialen und
- wirtschaftlichen Sinne.
Gerechtigkeit im Sinne von Wirtschaftsregeln, die allen eine faire Chance geben.
Gerechtigkeit im Sinne von nachvollziehbaren Gesetzen und Gerichten, die unpartei-
isch urteilen können.
Gerechtigkeit im Sinne von klarer Hilfe für die Schwachen, welche sich nicht selbst
helfen können.
Gerechtigkeit im Sinne einer universalen Menschenwürde, welche jeden Menschen in
seiner Einzigartigkeit und seinem unermeßlichen Wert vor Gott und den Menschen
erkennt und fördert.
116 Die Bibel für Menschen von heute ...

f. Christliche Wirtschaftspolitik ist sicherlich nicht fern von dem Leitspruch von ”Frei-
heit in sozialer Verantwortung”, der für die Bundesrepublik Deutschland eine solche Be-
deutung gewonnen hat. Sie hat aber auch zu tun mit der ”Freiheit zur Hingabe und zum
Verzicht”, der im Leben Jesu eine zentrale Rolle gespielt hat, und ganz wesentlich mit
dem Gebot Jesu: ”Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,
so wird euch das alles zufallen.” (Matthäus 6,33)
Christliche Wirtschaftspolitik ist nicht zu trennen von dem Glauben, der sich mit Jesus
Christus auf den Weg macht. Es ist der Glaube, der im Vertrauen eigenen Schritte wagt,
der sich einläßt auf die Realität Gottes heute, auf Gottes Macht und Gottes Wege inmitten
einer sich wandelnden Welt.

3.6.4 Ein Gebet


Herr, Vater des Himmels und der Erde!
Bitte leite unsere Gedanken und Sinne bei dem Versuch, unser Wirtschaftsleben nach
deinem Willen zu gestalten.
Bitte schenke uns deinen heiligen Geist, deine Weisheit und deinen Durchblick, um die
wichtigen wirtschaftlichen Entscheidungen für unseren persönlichen Haushalt und unsere
Städte und Gemeinden zu treffen.
Herr, wir bitte um deine Weisheit bei der Aufteilung unseres Einkommens. Zeige uns,
was wir den christlichen Gemeinden, den Hilfswerken, den internationalen Hilfsorganisa-
tionen geben sollen. Leite unsere Worte und Hände in allen Dingen!
Herr, wir bitten um deine Weisheit bei den Beschlüssen um Haushalte in den Städten
und Kommunen. Leite unsere Gedanken, Diskussionen und Debatten, und unsere Ent-
scheidungen! Wir möchten unser Geld in deinem Sinne in der richtigen und guten Weise
einsetzen, und wir benötigen deine Hilfe dabei!
Herr, wir bitten um deine Weisheit bei den Entscheidungen um den Bundeshaushalt,
um die Aufteilung von Steuern und Abgaben, um die Verteilung von Geldern jeglicher
Art. Bitte hilf uns und schenke uns Weisheit und Wahrheit, Ehrlichkeit und Lauterkeit.
Wir schaffen es nicht allein. Bitte reinige uns und begleite uns in allen Dingen!
Herr, erbarme dich unser! Bitte schenke uns deine unverdiente Gerechtigkeit und Liebe.
Laß uns zu Menschen werden, die dich kennen, welche in deiner Wahrheit und Gerechtigkeit
leben. Laß uns zu Menschen werden, die zum Segen für alle anderen Menschen dieses
Landes und dieser Erde werden. Herr, komm in unser Leben, in unsere Worte, Gedanken,
Taten und unser Land hinein mit deinem Frieden!
Amen.

Es begleite und behüte Sie der allmächtige Gott!


Roland Potthast 117

3.7 Sieg der Angst ... - Kein Einzug nach Kanaan (4. Mose 13+14)
3.7.1 Für Eilige: Glaube und Wirklichkeit ...
Glauben heißt ”nicht wissen” - sagen manche. Glauben - bedeutet das ”vermuten”? In der
Art: ”ja, ich glaub das, es könnte wahr sein”?
Oder vielleicht Glauben im Sinne von: ich halte mich an Ideale, Ziele, Regeln? Glauben
als der Glaube an das Gute oder an die Menschlichkeit?
Das ”ich glaube ihm” kennen wir auch im Sinne von ”vertrauen.” Dies bringt uns
unserer Frage näher: Was hat Glaube mit der Wirklichkeit zu tun?
Die Bibel redet in einem sehr weitgehenden Sinn von ”Glauben.”

• Glauben ist etwas, das sehr realistisch ist. Glaube hat mit der Wirklichkeit zu tun,
denn Glaube erkennt die Realität und Macht Gottes. Glaube vertraut Gott, der
wahrlich vertrauenswürdig ist. Glaube ist damit viel näher an der Wirklichkeit als der
Unglaube, der Gott übersieht und damit nur einen kleinen Teil der Welt wahrnimmt!

• Glaube hat mit meiner eigenen Person zu tun. Ich kann mein Denken, Reden und
Handeln und damit meine ganze Existenz nicht trennen vom Glauben. Glaube be-
einflußt mein Beten und Handeln. Durch Gottes Eingreifen in mein Leben beeinflußt
mein Glauben und Vertrauen mein persönliches Schicksal - ganz real!

• Glaube rettet. Der Glaube an Gott und seinen Sohn Jesus Christus rettet uns Men-
schen vor der Dummheit, ein Leben ohne Gott zu leben und damit das eigentliche
Leben verpassen.
Glaube rettet vor der Katastrophe, auf die jeder Mensch letztlich zusteuert, der ohne
Gott lebt: die Katastrophe eines Lebens ohne den Schöpfer, ohne die lebensstiftende
Macht des Universums.
Und Glaube kann uns vor den vielen kleinen und großen Dummheiten des täglichen
wirklichen Lebens retten - Rettung im Alltag durch ein Leben im Vertrauen zu Gott,
dem Vater, Sohn und heiligen Geist. Rettung ganz konkret in Tausenden von kleinen
Schritten: erfahrbar und real!

Wir werden heute in 4.Mose 14 ein Beispiel des Unglaubens kennenlernen - wo Men-
schen die tiefe Realität Gottes nicht erkennen wollten und sich auf eine Wirklichkeit ohne
Gott eingelassen haben. Dabei geht es um Glaube und Wirklichkeit in seiner ganzen Tiefe
und universalen Dimension.
Wir werden eine Einladung zum Glauben hören, ihr folgen können und dann über
konkrete Schritte nachdenken: Glaube in Europa und der Welt des 21.Jahrhunderts.

Tipps für diese Woche:


1) Denken Sie einmal über die Wirklichkeit nach, in die Sie der christliche Glaube mit
hineinnehmen will. Es ist die Wirklichkeit des auferstandenen Jesus Christus, der durch
seinen heiligen Geist mitten unter uns Menschen ist und der auch in Ihnen wohnen möchte
und ihr Leben segnen und leiten kann.
118 Die Bibel für Menschen von heute ...

2) Machen Sie sich einmal klar, warum die Bibel von Rettung redet, wenn Sie über
Jesus Christus und den lebendigen Glauben spricht. Können Sie erkennen, daß ein Leben
ohne den Glauben an Jesus Christus verloren ist? Nehmen Sie diese zentrale Frage so ernst
wie möglich.

3.7.2 Sieg der Angst ... - 4.Mose 13+14


Die Kapitel 13 und 14 des 4. Buches Mose erzählen, wie die Israeliten nach ihrem Weg
von Ägypten nach Palästina zu den Grenzen des Landes kommen, in welches Gott sie
hineinführen möchte. Das Land ist bewohnt und so werden zunächst Kundschafter aus-
gesandt. Für 40 Tage sind diese Männer unterwegs und kommen schließlich zurück und
berichten:
”Wir sind in das Land gekommen, in das ihr uns sandtet; es fließt wirklich Milch und
Honig darin, und dies sind seine Früchte. Aber stark ist das Volk, das darin wohnt [...].”
(4. Mose 13,27ff)
Das Volk Israel wird hier mitten hineingeführt in einen Konflikt um Glauben und
Realität. Auf der einen Seite ist hier der Glaube, der sich auf Gottes Macht verläßt und
Gottes Leitung folgt. Auf der anderen Seite steht die Angst vor den starken Menschen
dort in jenem Land.
Von diesem Augenblick an leben die Menschen Israels unter dem Sieg ihrer Angst. Die
Angst vor der vermeintlich großen Übermacht gewinnt und im Licht der Angst sprießen
die Gerüchte: ”Das Land, durch das wir gegangen sind, um es zu erkunden, frißt seine
Bewohner und alles Volk, das wir darin sahen, sind Leute von großer Länge. Wir sahen
dort auch Riesen, Anaks Söhne aus dem Geschlecht der Riesen, und wir waren in unseren
Augen wie Heuschrecken und waren es auch in ihren Augen.” (4.Mose 13,32)
Der Angst folgt der Aufstand gegen Gott. Es folgt das Vergessen all dessen, was Gott
in ihrem Leben getan hat. Es folgen Vorwürfe und Beschwerden ganz ungerechter Art:
falsche Anklagen und die Verachtung der erlebten Befreiung. Im Original:
”Und alle Israeliten murrten gegen Mose und Aaron, und die ganze Gemeinde sprach
zu ihnen: Ach, daß wir in Ägqptenland gestorben wären oder noch in der Wüste stürben!”
(4.Mose 14,2)
Es kommt auch zum Konflikt mit den Leitern, mit denjenigen Menschen, die Gott
folgen wollen. Es wird ihnen die Todesstrafe, die Steinigung, angedroht.
Und in diesem Augenblick berichtet die Bibel vom Zorn Gottes, der über die Ungerech-
tigkeit entbrennt und das ganze Volk vertilgen will. Die Bibel nimmt uns mitten hinein in
die Spannung aus der Gerechtigkeit Gottes, der die Gottlosigkeit nicht hinnehmen kann,
und der Barmherzigkeit Gottes, der grundlos vergeben kann und möchte. Dabei spielt hier
das Gebet des Mose eine zentrale Rolle. Mose bittet um Barmherzigkeit und Vergebung
für sein Volk - und sein Gebet wird erhört.
Gott vergibt dem Volk die Ungerechtigkeit. Und doch bleibt das Verhalten des Volkes
Israel nicht ohne Konsequenzen. Trotz der Vergebung ändert Gott sein Verhalten - und
auch das ganze Leben und Schicksal der beteiligten Menschen nimmt eine neue Wendung.
Gott straft diese Menschen mit ihren eigenen Wünschen: sie werden ihr Leben als Hirten
in der Wüste verbringen und dort sterben. Vierzig Jahre soll das Volk durch die Wüste
Roland Potthast 119

wandern und so lernen, ”was es sei, wenn ich [Gott] die Hand abziehe.”
Das Volk Israel jedoch zeigt durch seinen nächsten Schritt, daß es immer noch nichts
gelernt hat und Gott nicht näher gekommen ist. Wieder siegt die Angst: diesmal vor Gott.
Sie wollen jetzt auf eigene Faust ihre Versäumnisse nachholen und in das ”gelobte” Land
einfallen. Nun aber hat sich die Situation geändert. Gott hat ein klares Leitwort gegeben
- dem gehorcht man nicht und die in Kanaan einfallenden Israeliten werden vernichtend
geschlagen und zerstreut.
Dieser mißlungene Einzug in das gelobte Land ist eine der zentralen Erzählungen des
alten Testaments. Es geht um Glauben und um Wirklichkeit. Es geht um die Angst, und
um ein Verhalten, das sich auf Gott verläßt und Gott vertraut.
Wir dürfen ungeheuer viel lernen über die Wirklichkeit und den Glauben aus den
Erzählungen. Der Glaube erfaßt die wahre Wirklichkeit - und ohne den Glauben lassen
wir uns von einer falschen Realität blenden. Die ganze Bedeutung dieser Worte können
wir bis heute kaum erfassen. Gerade angesichts der naturwissenschaftlichen Denkweise ist
es an der Zeit, sich neu auf die Bedeutung des Glaubens einzulassen - Glaube im 21.
Jahrhundert. Wir werden darüber in Abschnitt 4 nachdenken.
Bei allen erschreckenden Konsequenzen des Unglaubens Israels ist die Erzählung doch
eine Einladung zum Glauben. Wir wollen diese Einladung aus alt- und neutestamentlicher
Sicht aufgreifen und uns darauf einlassen. Das wird in Abschnitt 3 geschehen.

3.7.3 Einladung zum Glauben: Jesus Christus


Das alte und das neue Testament sind die immer neue und immer wieder aktuell formulierte
Einladung zum Glauben an Gott, an seinen Sohn Jesus Christus und an den heiligen Geist
- die Kraft und Weisheit Gottes.
Der Glaube ist etwas ganz Konkretes. Nicht abstrakt und abgehoben, sondern persönlich
und von unmittelbarer Bedeutung in Gedanken, Worten und Handlungen äußert sich Glau-
be - ja er entsteht und wächst erst in der konkreten Umsetzung!
Wir möchten Sie zum Glauben einladen, zum Glauben an Gott, den Schöpfer, zum
Glauben an Jesus Christus, den Sohn und Heiland Gottes, und zum Glauben und Ver-
trauen auf den heiligen Geist, die lebendige Kraft Gottes bis heute.
Erst wenn wir die geradezu unvorstellbare Kontinuität Gottes von den Erfahrungen
Israels vor Tausenden von Jahren bis in unsere Lebenswirklichkeit begreifen, nähern wir
uns der weitreichenden Wirklichkeit Gottes in einer realistischen Weise. So wird unser
Glaube zu einem Vertrauen, das sich hineinstellt in eine 6000 Jahre alte Tradition, die bis
heute in fortschreitender Weise modern geblieben ist durch die lebendige Leitung Gottes
durch Jesus Christus, seinen auferstandenen Sohn.
Glaube an Jesus heute - bitte haben Sie Verständnis, wenn ich dabei immer auch
persönlich werde. Bei aller Universalität der Macht Gottes ist Gott doch immer der Gott,
der uns Christen persönlich begegnet und in unsere Lebenswirklichkeit eingreift. So reden
wir von Gott als dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Es ist der Gott des Mose. Es ist
der Gott, der durch Jesus Christus Mensch wird und uns Menschen noch einmal in ganz
unahnbar menschlicher Weise begegnen möchte.
Es ist wesentlich, daß wir uns mit unserem Leben ganz auf diesen Gott einlassen. Erst
120 Die Bibel für Menschen von heute ...

durch das uneingeschränkte Anvertrauen unseres Lebens erkennen wir die Wirklichkeit
Gottes an, die seine Heiligkeit, universelle Macht und grenzenlose Liebe und Barmherzig-
keit umfaßt.
Wir möchten als Angebot Schritte zum Glauben formulieren. Wir können diese Schrit-
te anbieten - gehen müssen Sie diese Schritte selbst. Es soll auch nicht der Anspruch
erhoben werden, es müsse so und nicht anders laufen. Aber doch können die von uns vor-
geschlagenen Glaubens-Meilensteine Ihr persönlicher Meilenstein auf dem Weg zu und mit
Gott sein. Die zugrundeliegende Erkenntnis besteht darin, daß Glaube konkrete Schritte
braucht, in denen er entsteht und wächst.

1. Schritt: Ich bete zu Gott: Herr, Gott des Himmels und der Erde. Bitte komm in
mein Leben hinein. Zeige mir, wer du bist und wie ich mehr von dir erkennen kann. Bitte
hilf mir, mit mir selbst und mit den Anforderungen an mein Leben fertig zu werden. Ich
brauche dich und deine Hilfe. Herr, erbarme dich meiner!
2. Schritt: Ich bete zu Gott: Herr, Gott des Himmels und der Erde. Laß mich verstehen,
was es mit deinem Sohn Jesus Christus auf sich hat. Laß mich Jesus als den Lebendigen
erfahren, falls er lebt. Schenke mir deinen heiligen Geist und laß mich erfahren, was es
damit auf sich hat!
3. Schritt: Ich beginne damit, Erfahrungen mit Gott und Gottes Wort zu machen.
Ich nehme die Worte Jesu ernst und setze einzelne Teile davon in meinem Alltag um. So
erfahre ich die Realität Gottes im Kleinen und Großen.
4. Schritt: Gebet: Herr, ich möchte mein Leben mit dir leben. Ich möchte dir die
Leitung meines Lebens überlassen und mich dir in allen Dingen anvertrauen. Bitte nimm
mich und mein Leben und gestalte mich nach deinem Willen und aus deiner Liebe heraus.
5. Schritt: Ich erfahre die Heilung Gottes in meinen Gedanken, Worten und Werken.
Ich lerne es, aus der Liebe Gottes und mit den Augen Gottes andere Menschen anzusehen.
Ich lerne es, in Gottes Art zu anderen zu reden. Ich lerne es, barmherzig zu sein. Immer
mehr von den Worten Gottes in der Bibel wird mir verständlich.
6. Schritt: Erfahrungen mit Christen und Nichtchristen. Ich lerne es, meinen Glauben
öffentlich zu vertreten. Ich lerne es, die Fehler und Niederträchtigkeiten von Christen und
Nichtchristen zu kennen und ihnen trotzdem verzeihen: trotz immer neuer Fehler mit ihnen
zu leben. Ich beginne mit meinem kleinen Glauben zu reifen.
7. Schritt: Gebet und Handeln: Herr, ich möchte täglich in allen Dingen so leben, wie
du bist und wie du lebst. Leite mich und hilf mir in den vielen Einzelheiten meines Alltags,
angefangen bei der Zeitgestaltung, über Finanzen und Beziehungen bis hin zur Aufgabe
meines Lebens, Beruf und Berufung, Engagement und Tätigkeiten.

3.7.4 Wort beim Wein: Glaube im 21.Jahrhundert

Wie wird der christliche Glaube im 21. Jahrhundert aussehen? Lassen Sie uns einmal
realistische Perspektiven betrachten!
Dazu die erste Frage: was ist realistisch? Ist es realistisch, sich von dem großen säku-
laren Trend in Europa blenden zu lassen? Ist es realistisch, Angst zu bekommen vor den
Roland Potthast 121

starken Mächten, die uns wegführen wollen von dem realistischen Glauben an Gott, den
Schöpfer, und an seinen lebendigen Sohn Jesus Christus?
Diese alte Geschichte vom Einzug nach Kanaan will uns gerade heute lehren: wir dürfen
der Angst nicht nachgeben. Wir dürfen uns nicht von falschen Realitäten verunsichern und
leiten lassen. Es ist von zentraler Wichtigkeit, heute die Bedeutung des Glaubens neu zu
erfassen.
* Glaube im 21. Jahrhundert wird sich auf die Realität Gottes einlassen!
* Glaube im 21. Jahrhundert wird die Heilung Gottes erfahren - im intellektuellen, im
emotionalen und im gesellschaftlichen Bereich!
* Glaube im 21. Jahrhundert wird in einer jetzt noch nicht erahnbaren Weise die
wissenschaftliche Denkweise versöhnen mit der geistigen und geistlichen Sicht auf unse-
re Welt. Gott wird eine eine ganze Reihe bedeutender Wissenschaftler zum lebendigen
Glauben führen und ihnen tiefe Einsichten in die geistig-geistlichen Zusammenhänge von
Schöpfung, in Glaube, Allmacht und Liebe Gottes und in die historische Wirklichkeit Got-
tes in der Weltgeschichte schenken. Jesus Christus als der menschgewordene Sohn Gottes
wird sich als Herr der Schöpfung erweisen.
* Glaube im 21. Jahrhundert wird verbunden sein mit einer Erneuerung des Glau-
bens in den Kirchen - in der orthodoxen, der katholischen und der evangelischen Kirche
in Deutschland und Europa. Die Mächte des Säkularismus, Pantheismus und der All-
versöhnung werden unterliegen im Angesicht der Heiligkeit und Liebe Gottes, des Vaters,
Sohnes und heiligen Geistes. Wir stehen vor einem ungeahnten geistlichen Aufbruch in
Europa am Anfang des 21. Jahrhunderts: neuem Glauben aus den heutigen Ruinen.
* Glaube im 21. Jahrhundert wir an erster Stelle die Barmherzigkeit des einzelnen
Menschen mit den anderen Menschen sein. Der Glaube wird von Menschen vorangebracht
werden, die sich nicht vordrängen, die nicht über anderen stehen wollen, sondern die Gottes
sanfte Heiligkeit verstehen und die anderen in Gottes heilender Art begegnen können.
Wir dürfen mit Vorfreude und Hoffnung auf den Durchbruch der Macht Gottes warten.
Wir dürfen uns vorbereiten, indem wir in unserem Leben dem Reich Gottes entgegenfie-
bern ... unvollkommen und immer wieder fallend, und doch jeden Morgen erneuert durch
die Liebe und Gegenwart Gottes, des Einen und Ewigen. Wir dürfen uns sattessen an der
Liebe Gottes, die er uns immer und immer wieder neu zuspricht und schenkt.

3.8 Grundgesetz zum Leben ... - das alte Testament/der alte Bund (5.
Mose 29+30)
3.8.1 Für Eilige: Ein Bund zum Leben

Altes Testament ... das Volk der Juden und sein Gott schließen einen Bund - einen Vertrag!
Durch viele Jahrtausende der Weltgeschichte hat dieser Bund die Menschen bewegt und
die Religionen inspiriert!
Das ”Alte Testament” ist ein Bund zum Leben! Es wird ein Vertrag geschlossen, der
Menschen zum vollen und reichen - zu einem gesegneten Leben führen soll. Wenn der
Vertrag erfüllt wird, sind Glück und Reichtum, Wohlergehen und Lebensfreude die Kon-
sequenzen. Bei Nichterfüllung des Vertrages warten auf die menschlichen Vertragspartner
122 Die Bibel für Menschen von heute ...

Scheitern und Verfall, Niedergang und Tod.


Das ”Alte Testament” ist ein den Menschen sehr freundlicher und naher Bund. Die
Worte, in welchen dieser Bund formuliert ist - die Gebote und Gesetze, die dabei eine Rolle
spielen, sie sind verständlich und ”nahe deinem Herzen, daß du sie tust.” Der Alte Bund
ist ein Meisterwerk Gottes - in seiner ganzen Güte, aber auch in seinen weitreichenden
Dimensionen: ”Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und
das Böse.”
Wir werden im heutigen Abschnitt die Bundesschließung kennenlernen und über diesen
so weitreichenden und bedeutenden ”alten Bund” nachdenken. Wir wollen aber auch auf
den ”neuen Bund” - das neue Testament - blicken und verstehen, welche Bedeutung Jesus
Christus für den alten Bund einnimmt. Es erwartet uns ein sehr spannender und zentraler
Teil der Bibel.

Tipps für diese Woche:


1) Haben Sie einmal über ihr eigenes Leben nachgedacht: wie steht es um das, was
sie selbst aus Ihrem Leben machen? Wie verhalten Sie sich gegenüber Kollegen, Nach-
barn, Mitmenschen ...etc? Was bestimmt Ihr Leben? Worauf richten Sie sich aus in ihrem
Denken, Reden und Handeln?
2) Würden Sie dem alten Bund genügen können? Halten Sie alle Gesetze (vielleicht in
geeignet an unsere Lebenswelt angepaßter Form)? Haben Sie nie gestolen, niemals gelogen,
nie das Eigentum eines Mitmenschen für sich haben wollen, immer Gott die erste Stelle in
Ihrem Leben eingeräumt (1.Gebot), den Sonntag herausgehoben und von allen weltlichen
Zielen befreit ... etc?
Könnten Sie mit dem alten Bund leben? Oder bräuchten Sie etwas anderes - etwas
Besseres - besser in dem Sinne, daß es Ihrem Versagen in Bezug auf Gottes Gebote ange-
messener ist? Dann brauchen Sie Jesus Christus!

3.8.2 Der ”alte” Bund - Mose 5, 29+30


Finale - Gipfeltreffen - Verabschiedung des ”Grundgesetzes” - die Repräsentanten treffen
sich und beschließen.
Dann die Pressekonferenz: es wird bekannt gemacht, was beschlossen wurde. Hier stei-
gen wir ein: Mose redet zu Israel.
Zunächst gibt Mose eine Rückschau auf die vergangenen Jahre der Geschichte: Gott
geht voran mit Israel. Auszug aus Ägypten ... der Zug durch die Wüste ... der Sieg der
Angst und die 40 Jahre Wüstenwanderung ... dann er Einzug ins gelobte Land. Mose erin-
nert an die Macht Gottes - und an seine Gerechtigkeit. Er erinnert an die Gebote Gottes:
bleibt bei der Wahrheit! Bleibt Realisten! Für die Lügner, die Giftigen, die Ungerechten
wird nur der Tod bleiben.
Mose erinnert an die weitreichende zeitliche Dimension dieses Bundes: künftige Ge-
schlechter und Generationen! Es geht um ein riesiges Stück Weltgeschichte. Und immer
geht es um die Treue und den Glauben: ”Darum, weil sie den Bund des Herrn, des Gottes
ihrer Väter, verlassen haben, den er mit ihnen schloß, als er sie aus Ägyptenland führte,
und sind hingegangen und haben andern Göttern gedient und sie angebetet, Götter, die
Roland Potthast 123

sie nicht kennen und die er ihnen nicht zugewiesen hat, darum ist des Herrn Zorn ent-
brannt gegen dies Land, daß er über sie hat kommen lassen alle Flüche, die in diesem Buch
geschrieben stehen.” (5.Mose 29,24-26)
Worin nun genau besteht der Bund Gottes mit Israel? Auf Gottes Seite wird Fürsorge,
Hilfe und Segen zugesagt. Gott erhebt Israel in den Status eines ”Volkes Gottes.” Auf
der Seite Israels ist Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes gefordert: kein Diebstahl,
keine Lüge, kein Ehebruch, kein Neid, keine Mißgunst, volles Vertrauen in den wahren
Gott und kein Vertrauen auf andere (falsche) Götter... Gott stellt klar, daß ein Bruch des
Bundes auch den Entzug seiner Hilfe nach sich zieht. Gott kann die Ungerechtigkeit nicht
unterstützen!
5.Mose 30 beschreibt noch einmal die ganze Dramatik dieses Bundes mit der Wahl
zwischen Leben und Tod. Inmitten dieser Beschreibung der juristischen Details finden
sich dabei immer wieder sehr intime Passagen: ”Und der Herr, dein Gott, wird dein Herz
beschneiden und das Herz deiner Nachkommen, damit du den Herrn deinen Gott, liebst
von ganzem Herzen und von ganzer Seele, auf daß du am Leben bleibst.” (5.Mose 30,6)
oder: ”Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern.
[...] Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, daß
du es tust.” (5.Mose 30, 11-14)
Es ist die Liebe, die letztlich zum Leben führt. Diese Liebe äußert sich in Gehorsam und
Hingabe. Der alte Bund vermittelt Gottes Liebe und Gottes Gerechtigkeit gleichermaßen.

3.8.3 Ein neuer Bund durch Jesus Christus


Als Christen können wir nicht vom alten Bund reden, ohne auf den neuen Bund zu sprechen
zu kommen - ohne von Jesus Christus zu erzählen! Der neue Bund ist so eng verwoben mit
dem alten, daß der alte Bund geradezu als Voraussetzung für den neuen Bund erscheint.
Und gleichzeitig ist der neue Bund so andersartig und so unabhängig vom alten, daß er
ohne ein Verständnis des alten Bundes zugänglich ist.

1. Zugang: (ausgehend vom alten Bund)


Gott schließt mit Israel den ”alten” Bund. Doch welcher Mensch konnte den halten?
Wer konnte durch seine Taten und die Gestaltung seines Lebens gerecht werden vor Gott?
Immer wieder sind weitreichende Gerichte Gottes über das Volk Israel hinweggezogen.
Immer wieder sind ganze Generationen des Volkes ”für Gott verloren”, weil sie nichts von
ihm wissen wollen.
In diese Situation hinein beschließt Gott, einen Retter zu senden, der für Abhilfe sorgt
(genauer gesprochen ist das schon längst beschlossen, schon bei Bundesschluß des alten
Bundes, uns Menschen kaum voll zugänglich in zeitlicher Parallelität und einem Handeln
Gottes, der Vergangenheit und Zukunft kennt und in seinem Umgang mit uns berücksich-
tigt). Gott schickt seinen göttlichen Sohn als Menschen in die Welt: Jesus Christus. Jesus
lebt als Mensch und Jude und erfüllt das Gesetz. Jesus leidet und wird nach dem Gesetz
(allerdings unschuldig) hingerichtet. Diesen Tod erkennt Gott als einen stellvertretenden
Tod an für jeden Menschen, der dem Gesetz nicht genügt und darum den Tod verdient
hat, sofern dieser Mensch an seinen Sohn Jesus glaubt und ihm vertraut!
124 Die Bibel für Menschen von heute ...

Im neuen Bund ist nicht mehr das Befolgen der Gebote Gottes maßgeblich für unser
Gottesverhältnis, sondern der Glaube an Jesus Christus und die tiefe Liebe Gottes im
unschuldigen Sterben seines menschlichen Sohnes.
Der neue Bund besiegelt die Kapitulation des Menschen: er kann das Gute nicht tun.
Er kann das Gute nicht wählen. In der Kapitulation ruft er sein ”hilf mir” zu Gott und
Gott beantwortet diesen Hilferuf und schenkt die Gerechtigkeit unverdient durch Jesus.

2. Zugang: (unabhängig vom alten Bund)


Gottes menschlicher Sohn Jesus Christus lebt vor 2000 Jahren in Palästina und zeigt
der Menschheit unendlich viel von Gott. Jesus überzeugt durch seine Worte, durch seine
Taten und seine ganze Person ... und Jesus lädt uns Menschen ein, es ihm gleichzutun und
in einem kindlichen und vertrauenden Verhältnis zu Gott, dem Schöpfer des Universums,
zu leben.
Jesus befreit Menschen damit aus der Gottesferne und ”Verlorenheit.” Wer ihm glaubt
und an ihn glaubt, der findet damit den Weg zu Gott und wird über alle Zeit hinweg in
dieser Gemeinschaft mit Gott leben.
Die Frage der Gerechtigkeit hat bei diesem zweiten Zugang weniger mit dem Gesetz
zu tun, das vielleicht sogar unbekannt ist, als mit der Begegnung mit Gott durch Jesus
Christus. Die Gerechtigkeit Jesu hält mir einen Spiegel vor, in dem ich meine eigene
Ungerechtigkeit vor Gott erkennen kann und die mich gleichzeitig gerecht spricht durch
das Vertrauen auf ihn.

3.8.4 Wort beim Wein: Leben und Tod in Göttingen?


Ein sonniger Sommertag in Göttingen. Ein Teil des Innenstadtringes liegt bei 30 Grad vor
mir, langsam bewegen sich einige Autos durch die grüne Welle und einige studentische
Radfahrer radeln auf den Fahrradwegen entlang. Sonne über Göttingen, gefüllte Eiscafes,
abends die Bierkneipen der Innenstadt - Studentenleben live ....
Wie ist das dabei mit so weitreichenden Dingen wie Leben und Tod, die in den Büchern
des Mose beschrieben werden? Haben diese alten Bücher etwas mit diesem Göttingen zu
tun, das da vor mir liegt und in dem ich lebe?
Jugendzentrum Innenstadt - das Szenezentrum für Alternative und Kommunisten.
Schwarzer Block und Antifa, undogmatische Sozialisten ... Daneben die Geschäftsleute mit
ihren kleinen Läden - Juweliere, Imbißbuden, Karstadt ... Dazwischen die universitären
Institute, die Metallphysik, Biologie, Geschichte, Mathematik, Aula der Universität, Kli-
nikum, ...
Wo ist Gott? Was tut Gott? Was ist mit Jesus Christus?
Ich bin gewiß, daß Gott da ist. Gott sucht auch heute Menschen, die sich ihm zuwenden
wollen, die sich auf ihn einlassen und sich öffnen für Jesus Christus. Gottes heiliger Geist ist
auch heute lebendig - mitten in Göttingen, an dem heißen Sommertag, im Jugendzentrum,
in den Läden, in den Instituten und Aulen! Gott möchte, daß wir ihn kennenlernen auch
heute.
Wir können unserer Wege gehen, können demonstrieren, einkaufen und verkaufen,
können studieren und lehren, forschen und Bücher schreiben - und dabei Gott unbeachtet
Roland Potthast 125

lassen. Oder wir können uns einlassen auf das Abenteuer eines Lebens in der Gegenwart
Gottes. Wir können uns einlassen auf das Vertrauen zu Jesus Christus - um mehr zu lernen
von diesem Ersten und Letzten, um die Religionen zu verstehen und um unserem Leben
ein unendlich reiches, tiefes und wahres Fundament zu geben.
Leben und Tod sind auch heute allgegenwärtig - mitten im modernen Göttingen.

• Leben als der Glaube an den, der Ursprung und Quelle allen Lebens ist: Vertrauen
und Gemeinschaft mit Gott, der durch den leiblichen Tod hindurchträgt.

• Tod als ein Verlorengehen für die tiefe und weitreichende Gegenwart Gottes: an
Quelle, Ziel und Mittelpunkt der Schöpfung vorbei, darin schon tot und einmal
gestorben für immer.

Tiefliegende Dinge an einem sonnigen Sommertag in Göttingen, wo die Welt so ruhig


daliegt, zwischen Eiscafes und Kiessee. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich in Sydney sitze,
in Tokyo oder San Franzisco. Es ist egal, ob neben mir die pulsierenden Lebensadern einer
modernen Metropole vibrieren, oder ob ich in einer ländlichen Umgebung den Gestank
der Schweine einatme. Es ist nicht wichtig, ob ich Millionen von Euro oder Dollar bewege,
oder ob ich von der Sozialhilfe lebe. Jeder Mensch steht unmittelbar vor Gott - wo immer
er lebt. Jeder Mensch kann den Schöpfer entdecken.
126 Die Bibel für Menschen von heute ...

4 Ringen um die klare Linie ... - Römer-, Galater-, Ephe-


serbrief
4.1 Hauptverhandlung im Bundesverfassungsgericht ... - von Gericht
und Glaube (Römerbrief Kapitel 1-3)
4.1.1 Für Eilige: Hauptverhandlung im Bundesverfassungsgericht ... Paulus
legt los!

Hauptverhandlung beim Bundesverfassungsgericht. Da geht es um die grundsätzlichen


Dinge. Wie sieht das Recht aus? Was ist recht und gerecht?
Hauptverhandlung - hier wird entgültig Recht gesprochen. Die Autorität dieser Richter
ist nicht mehr hinterfragbar - keine höhere Autorität steht da für Menschen in Deutschland.
Der Römerbrief des Apostels Paulus beschreibt so eine Hauptverhandlung beim Bun-
desverfassungsgericht. Es geht um die Frage: wie wird ein Mensch gerecht vor Gott? Und
die Antwort ist so klar - so allesdurchdringend:
”Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus
Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): Der Gerechte wird aus Glauben
leben.” (Röm1,17)
Wir werden einen Blick tun hinein in diese Hauptverhandlung. Mitten hinein in die
zentralen Augenblicke, wo es um die Gerechtigkeit geht.
Und wir werden uns Gedanken machen über den Glauben: was ist das eigentlich genau?
Was hat es mit Handlungen zu tun? Welche weltbewegenden Konflikte hat die Frage
nach dem Glauben ausgelöst? Wir sind damit mitten in der Reformation. Aktuelle und
spannende Fragen!

Tipps für diese Woche:


1) Wissen Sie, was christlicher Glaube bedeutet? Nehmen Sie sich Zeit, darüber einmal
nachzudenken!
2) Wie steht es bei Ihnen mit der Gerechtigkeitsfrage? Sind Sie gerecht vor Gott? Wie?
Warum? Klären Sie die Gerechtigkeitsfrage!

4.1.2 Grundlegendes verständlich ausgedrückt - der Römerbrief Kapitel 1-3

Es gibt populäre Fachbücher, die man nur bewundern kann. Da werden komplizierte Sach-
verhalte vereinfacht und klar ausgedrückt. Und oft ist sogar der Fachmann beeindruckt,
weil alles stimmt - nichts Falsches hat sich in die klaren Darstellungen eingeschlichen.
Der Römerbrief des Paulus ist so ein populäres Fachbuch. Das Thema: die Gerech-
tigkeit eines Menschen vor Gott. Einfach verständlich ausgedrückt - und doch unendlich
tiefliegend, beeindruckend, ja geradezu erschlagend in seiner weitreichenden Bedeutung ist
dieser ”Brief an die Römer.”
Der Römerbrief enthält viel Stoff über verschiedene Themen. Wir wollen uns auf das
zentrale Thema konzentriefen: die Frage nach dem Recht. Und da kommt Paulus nach
seinen einleitenden Ausführungen gleich mit einigen Paukenschlägen:
Roland Potthast 127

”Denn Gottes Zort wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Wesen ...” (Röm
1,18)
Kawumm!...Kawumm! Weitreichende Worte, die die Gerechtigkeit Gottes und die Si-
tuation der Menschheit mitten ins Herz treffen. Gottes Zorn wird vom Himmel her of-
fenbart über alles gottlose Wesen. Gottlosigkeit ist die Ursünde und Wurzelsünde der
Menschheit. Abwendung, fehlendes Vertrauen zu dem, der die Wahrheit und die Liebe ist.
Kawumm! ... Kawumm!
Wer hat Paulus diese Worte eingegeben? Was treibt diesen Apostel Jesu Christi? Wir
hören mit und haben Anteil daran ... mitten hinein in die Hauptverhandlung sind wir gera-
ten. Und so treffen uns weiter die Paukenschläge wie Kanonendonner: Kawumm!...Kawumm!
”Denn Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit
der Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt, so daß sie
keine Entschuldigung haben.” (Röm 1,20)
Es wird die Frage der Zurechnungsfähigkeit und Schuldfähigkeit geprüft und entschie-
den. Die Schuld wird zugerechnet. Die Schuldfähigkeit ist da. Die Menschen hätten es
wissen müssen. Es gibt keine Entschuldigung - die Schuld ist da. Kawumm!...Kawumm!
”Denn obwohl sie von Gott wußten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm
gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken, und ihr unverständiges
Herz ist verfinstert. Da sie sich für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden.” (Röm
1,21)
Kawumm! Auch und gerade die Unterlassung ist Schuld. Und welche Unterlassung: dem
Nichtigen verfallen. Abhängigkeit von dem, was keinen Bestand hat. Mit einem Strich wird
Bilanz gezogen und diese Bilanz fällt katastrophal aus! Kawumm!
Und Paulus bleibt nicht im Abstrakten. Jetzt werden die Konsequenzen der Gottlo-
sigkeit im Detail benannt: Scheinwerfer an ... im gleißenden Licht der Hauptverhandlung
kann nichts verborgen bleiben.
.”..schändliche Leidenschaften, Mann mit Mann, Frau mit Frau ... sexuelle Verirrun-
gen.”
und
”Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, Neid, Mord, Hader, List, Nider-
tracht, Zuträger, Verleumder, Gottesverächter, Frevler, hochmütig, prahlerisch, erfinde-
risch im Bösen, den Eltern ungehorsam, unvernünftig, treulos, lieblos, unbarmherzig.”
(Röm 1,24-31)
Wo stehen Sie? Sind sie bei den Gerechten, die nun die anderen in ihrer Schuld sehen?
Paulus läßt die Gerechtigkeit seiner Zuhörer nicht gelten. ”Darum ...” schreibt er,
”Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest.
Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust,
was du richtest.” (Röm 2,1)
Und Paulus spricht auch die an, denen das Gesetz völlig egal ist - die also weder richten
noch sich um Gericht kümmern.
”Du aber mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen...” (Röm 2,5)
”Alle, die ohne Gesetz gesündigt haben, werden auch ohne Gesetz verlorengehen; und
alle, die unter dem Gesetz gesündigt haben, werden durchs Gesetz verurteil werden.” (Röm
2,12)
128 Die Bibel für Menschen von heute ...

Kawumm! ...............
Nachdem Paulus in einem grundlegenden Teil Gottes Gericht in hellem Licht hinaus-
gerufen hat, widmet er sich den etwas komplizierten Fragen der Rolle des jüdischen Volkes
und aller Menschen, die Gottes Gesetz kennen und meinen, sie würden sich daran halten.
Immer wieder stellt er klar, daß Gott die Person nicht ansieht. Das bedeutet: jeder wird
gerichtet nach dem, was er tut. Wer viel weiß, den wird ein härteres Urteil erwarten als
den Unwissenden. Aber alle sind schuldig: jeder hätte viel über Gott wissen und sich daran
halten können!
Paulus widmet sich ausgibig den Fragen nach Israel. Er stellt die Inkonsequenz und
Heuchlerei unter vielen ”Gesetzestreuen” fest und benennt sie ohne falsche Rücksichten.
Für uns Menschen im 21. Jahrhundert ist es interessant zu beobachten, wie Paulus hier
mit den alten überlieferten Worten argumentiert. Er stellt klar: die alten Lieder Davids
sind prophetisch zu lesen. Gott spricht darin über die Menschen - Juden und Christen bis
heute! ”Denn keiner ist da, der Gutes tut, auch nicht einer.” (Röm 3,12)
Und noch einmal hören wir tiefliegende Paukenschläge durch die Worte des Paulus:
.”..weil kein Mensch durch die Werke des Gesetzes vor ihm gerecht sein kann. Denn
durch das Gesetz kommt die Erkenntnis der Sünde.” (Röm 3,20)
Kawumm! ...
Und Paulus beschreibt in seinen Worten das Fundament der Gerechtigkeit, die vor
Gott gilt:
”Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an
Jesus Christus zu allen, die glauben.” (Röm 3,22)
und
”So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein
durch den Glauben.”
Kawumm! ...
In der Stille nach diesen Worten dürfen wir mit Recht nach Luft schnappen. Wie
tiefe Säulen quer durch Raum und Zeit beschreiben die Worte des Paulus den christlichen
Glauben und die weitreichenden Ereignisse um und in Jesus Christus.

4.1.3 Glaube versus Werke - Paulus versus Jakobus, Reformation versus ka-
tholische Kirche ???
Die Frage nach dem Glauben war einer der Hauptfragen der Reformation. Luther hat als
Mönch auf vielfältige Weise versucht, durch Taten vor Gott gerecht zu werden und dabei
den Römerbrief wiederentdeckt mit dem klaren Wasser zum Glauben, das wir gerade
kennengelernt haben.
Nun war die Reformation nicht nur eine geistliche Auseinandersetzung zwischen den
gelehrten Konzilien und Zirkeln, sondern hat viele Könige und Fürsten mit hineingezogen
in eine letztlich doch oft sehr weltliche Auseinandersetzung um Macht und Einfluß. Darum
müßten wir nun konkret die historische und gesellschaftliche Situation ansehen, um etwas
über die Vorgänge damals sagen zu können.
Wir wollen stattdessen einen anderen Weg beschreiten und die geistlichen Fragen an-
gehen, die als Anlaß für die Kriege damals gedient haben. Wir wollen neben den oben klar
Roland Potthast 129

herausgearbeiteten Glauben auch die biblisch bezeugte Rolle der ”Werke” stellen. Nur so
können wir die geistlichen Positionen hinter der katholische Rolle verstehen und erfassen.
Jakobus greift in seinem Brief die Rolle der Werke auf. Er schreibt: ”Was hilft’s, liebe
Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der
Glaube selig machen?” (Jak 2,14)
Stop! Halt! Moment mal! muß jeder von uns hier rufen angesichts der Worte des Paulus,
die wir gerade gehört haben. Ist das nicht unmittelbar widersprüchlich? Haben wir hier
nicht einen klaren Beweis, wie widersprüchlich das neue Testament ist?
Aber so einfach ist die Sache nicht. Jakobus redet ja nicht ”pro Werke” allein, sondern
er will die Werke einordnen in ihrem Bezug zum Glauben: ”So ist auch der Glaube, wenn
er nicht Werke hat, tot in sich selber.” (Jak 2,17) Jakobus stellt die Dinge hier hart gegen
die Glaubensworte des Paulus.” Ich will dir meinen Glauben zeigen aus meinen Werken”
(Jak.2,18). Die katholische Tradition hat diese beiden Briefe vereinigt in ihrem ”Glaube
und Werke.”
Wir wollen das aber so nicht stehen lassen, sondern durch einen Ausflug in den
Philipperbrief nocheinmal eine Stufe tiefer graben. Der Philipperbrief enthält den Aufruf:
”Schaffet, daß ihr selig werden, mit Furcht und Zittern.” (Phil 2,12) Auch hier der Aufruf
zur Tat - mit dem Ziel, selig zu werden. Auch hier spielt die Tat eine wesentliche Rolle:
”Seid unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:...”
(Phil 2,5)
Dies sind hier die Worte des Paulus selbst. Gleichzeitig warnt Paulus vor dem Rückfall
in die Gesetzesgerechtigkeit. Es ist Christus, durch den Gerechtigkeit kommt. Und um
noch einen darauf zu legen setzt Paulus den obigen Satz fort: ”Schaffet, daß ihr selig
werden, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und
das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.”
Weder Glaube, noch Wollen, noch Tun liegt in des Menschen Hand - es ist Gott, der
dieses bewirkt aus Gnade. Die Bibel löst nicht alle Fragen entgültig auf. Es bleiben die
Spannungen bestehen zwischen:

1. Glaube
und
2. Werken,

3. der Verantwortlichkeit des Menschen


und
4. der Unfähigkeit, das Gute zu tun

5. dem freien Willen des Menschen


und
6. der freien Wahl Gottes, der alles wirkt.

Wir dürfen Gott in all diesen Worten nachspüren. Gott will sich finden lassen - durch
die Worte des Paulus, durch die des Jakobus und der weiteren Apostel. Wir dürfen die
tiefe Realität begreifen, die all diesen Paradoxien zugrunde liegt!
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130 Die Bibel für Menschen von heute ...

4.1.4 Wort beim Wein: Komm, glaube und tu!

Das Wort beim Wein soll heute eine Einladung sein, zu glauben, aber auch zu tun! Glaube,
was ist das eigentlich? Erschöpft sich Glaube in einer Meinung? Für wahr halten? Nein,
christlicher Glaube ist etwas, das meine ganze Person betrifft und sie verändert. Glaube
ist eine große Liebe, die mein Denken, mein Fühlen und mein Handeln neu macht und
erfaßt.
Kennen Sie Menschen, die so mit ihrer ganzen Person glauben? Es gibt solche Menschen
auch in Ihrer Umgebung. Oft sind sie ganz unscheinbar, meist posaunen sie ihren Glauben
nicht groß herum. Aber auch die Menschen, die mit ihrem ganzen Leben ”glauben”, haben
und behalten ihre menschlichen Schwächen. Darum lassen Sie sich nicht blenden von dem
Allzu-Menschlichen. Sehen Sie hindurch und entdecken Sie den Glauben, der auch Sie zum
Glauben ermutigen kann!
Glaube ist nur lebendig, wenn er sich in Handlungen, in Worten, in Gedanken und
Verhaltensweisen zeigt und unser Leben prägt! Darum: lassen Sie sich von Gott prägen -
jeden Tag! Gott ist da und wird Sie verändern. Es gibt nichts Schöneres, als Gottes Güte
und Liebe lebendig zu erfahren.

4.2 Die Quelle einer besonderen Lebenskraft... - Leben im Glauben


(Römerbrief Kapitel 7,8 und 12)
4.2.1 Für Eilige: Die Quelle von Lebenskraft ...

Was ist die Quelle des Lebens? Woher nehmen wir besondere Befriedigung? Was gibt uns
besonders viel?
Für unterschiedliche Menschen sind die Dinge sehr verschieden, die unser Leben trei-
ben, die motivieren und bewegen. Für den einen ist es zum Beispiel die Musik, die sein
Leben erfüllt und die ihn antreibt. Musik als Orchestermusiker oder Musik als Gitarrist
in einer Band. Musik ist für manchen die zentrale Kraft in seinem Leben.
Einen anderen treibt die karitative Tätigkeit, Dasein für andere, Helfen und Geben.
Dabei fließt seine Lebenskraft aus dem Gefühl, durch die ”gute” Tätigkeit wertvoll zu sein.
So ist es auch bei manchen Müttern und Hausfrauen.
Da gibt es den erfolgreichen Geschäftsmann und Manager. Er lebt davon, sich im
Mittelpunkt seiner Geschäfte zu fühlen, lebt von der Macht, die ihm der finanzielle Erfolg
gibt und von der Bewunderung der Menschen um ihn herum. Oder eine erfolgreiche Ärztin
- gesellschaftlich anerkannt, gut ausgebildet, fähig und erfolgreich.
Vielleicht begegnen sie der Wissenschaftlerin, die ganz auf das Forschen ausgerichtet
ist. Sie lebt von der Faszination, Grundlegendes zu entdecken und an fundamentalen Fra-
gen zu forschen. Sie lebt von der Verbindung mit den genialen Geistern der Geschichte und
den Jahrhundertfragen ... ebenso wie von den kleinen Fortschritten des Forschungsalltags.

Der Apostel Paulus weist im Römerbrief auf die viel tieferliegende Quelle des Lebens
hin - auf Jesus Christus - und Paulus beschreibt ein Leben im Bezug zu dieser Quelle des
Lebens.
Roland Potthast 131

* Erst im Bezug zu dieser Quelle gewinnen die eben beschriebenen Lebenskräfte ihre
ursprüngliche Rolle zurück: das Leben zu bereichern und dem Menschen in Freiheit zu
dienen.
* Erst ”in Christus” wird der Mensch frei, sein Leben mit Hilfe der Kräfte Gottes
und des Geistes Gottes zu gestalten. Bei Christus gewinnt ein Mensch die ursprüngliche
Beziehung zu Gott zurück: kindliches Vertrauen.
* Erst in der konsequenten Lebensgestaltung können die Kräfte Gottes wachsen, Ge-
stalt gewinnen und so zur unerschöpflichen Quelle persönlicher Lebenskraft werden!

Tipps für diese Woche:


1) Bitten Sie Gott, Ihnen zu zeigen wie ein Leben im Glauben zur Quelle einer beson-
deren Lebenskraft werden kann! Bitten Sie Gott, Sie in ein lebendiges Leben im Glauben
hineinzuführen.
2) Gehen Sie konsequente Schritte des Glaubens in Ihrem persönlichen Leben. Geben
Sie z.B. einen Teil ihres Einkommens für eine christliche Gemeinde oder ein christliches
Werk. Nehmen Sie sich Zeit für andere Menschen - für die Gemeinschaft mit Christen und
für Menschen, die Hilfe nötig haben.

4.2.2 Zugang zur Quelle und Leben im Glauben.


Wir beschäftigen uns mit den Kapiteln 7, 8 und 12 des Römerbriefes. Darin sind zwei
große Themen bzw. Fragestellungen behandelt:
1) Das erste Thema ist die Stellung des jüdischen Gesetzes im Verhältnis zu Christus
und der Gnade Gottes. Dies wird unser Thema im Abschnitt 3 sein.
2) Das zweite Thema ist das Leben im Glauben an Jesus Christus und die Lebensge-
staltung in diesem Glauben. Auf diese Lebensgestaltung wollen wir uns nun einlassen.

Das Tor zur Quelle


Wir steigen ein mitten im Kapitel 7 des Römerbriefes. Paulus ringt um eine gute Le-
bensgestaltung und beschreibt sein Scheitern. Mit zerknirschtem Sinn erkennt er: ”Wollen
habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.” (Röm 7, 18). Seine Lebenskräfte
versiegen. Durch die intensive Auseinandersetzung mit dem jüdischen Gesetz erkennt Pau-
lus, wie sehr sein Leben mit all seinen Erfolgen, seinem Reichtum und seinen tiefen Er-
kenntnissen (Paulus war ein Schriftgelehrter) dennoch gescheitert ist. Paulus lebt nicht so,
wie Gott ist - er lebt nicht nach dem Gesetz. Durch sein eigenes Handeln ist ihm damit
der Zugang zum Leben (zu Gott) versperrt. ”Ich elender Mensch” schreit Paulus aus ”wer
wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?”
Und mitten hinein in die Schilderung der Nichtigkeit und Vergänglichkeit aller mensch-
lichen Lebenskräfte, Ziele und Erfolge beschreibt Paulus den Zugang zur Quelle des Lebens:
”Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn!” (Röm 7, 25) und ”So gibt es nun
keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.” (Röm 8,1)
Gott selbst in Jesus Christus ist die Quelle des Lebens. Gott selbst befreit aus der Nich-
tigkeit der von Gott losgelösten Kräfte und Faszinationen. Gott befreit durch den Glauben
an Jesus Christus: hinein in ein Verhältnis, das Paulus als ”Kindschaft Gottes” beschreibt.
132 Die Bibel für Menschen von heute ...

Wer ein Kind Gottes wird, bekommt damit Zugang zu den Kräften und Schätzen Gottes
- durch den Glauben und durch ein Leben im Glauben.
”Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.” (Röm 8, 14)
Und Paulus beschreibt diese Kindschaft:
”Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, daß ihr euch abermals
fürchten müßtet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen:
Abba, lieber Pappa!

Die Quelle ausschöpfen


Durch Jesus und durch unseren Glauben an Jesus ist die Quelle des Lebens für uns
geöffnet. Wir können und dürfen daraus schöpfen. Dieses Schöpfen nennt die Bibel ”Leben
im Glauben” - es geht darum, aus der Quelle immer und immer wieder zu trinken und
davon satt zu werden. Es geht darum, sich wirklich vom Geist Gottes treiben” zu lassen
- denken Sie an das Zitat aus Römer 8, Vers 14. Es geht darum, geistlich am Leben zu
bleiben und zu wachsen.
Dieses Schöpfen führt dazu, daß ein Christ Jesus selbst immer ähnlicher wird im Laufe
der Zeit. Weil er sich von ihm ernährt, wird er immer mehr wie er. Das hatten wir schon in
den Bildern vom Weinstock Jesu (Matthäus-Evangelium) kennengelernt. Hier beschreibt
Paulus es in Römer 8, Vers 29. Sie werden Christen finden, die viel von Christus ausstrahlen
und denen man die lange Gemeinschaft abspürt. Sie werden allerdings auch viele finden,
die geistlich am Rande des Existenzminimuns leben und bei denen man sich viel Mühe
geben muß, das geistliche Leben zu entdecken, das noch in ihnen glimmt. Auch dabei gibt
Jesus tröstliche und helfende Worte indem er sagt: ”den glimmenden Docht werde ich
nicht auslöschen.” Bei aller ernsten Warnung vor der Halbherzigkeit ist es doch immer das
Erbarmen, welches uns in Jesus begegnet.
Das Schöpfen aus der Quelle des Lebens besteht in konsequentem Leben aus dem Geist
Gottes heraus. Paulus nutzt hier das Bild vom Opfer, das ganz weggeschenkt wird. Gott
möchte ein Leben, das ihm ganz geschenkt wird und nur noch aus der wahren Quelle
trinkt.
Es ist spannend, daß der Mensch an diesem Leben mit seiner ganzen Person beteiligt
ist. Durch Entscheidungen und Handlungen schöpfen wir Christen (oder tun es nicht und
hungern dadurch im spirituell-geistlichen Sinn) aus der Quelle des Lebens mit dem Namen
Jesus Christus.
In dem Verweis auf die lebendige Quelle sind nun auch die ethischen Gebote von Paulus
wirklich ”frohe Botschaft” - wahres Evangelium. Es ist die Aufforderung, immer neu tiefe
Schlucke aus der Quelle des Lebens zu trinken:

• Die Liebe sei ohne Falsch. Haßt das Böse, hängt dem Guten an!

• Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem anderen an Ehr-
erbietung zuvor.

• Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.

• Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.


Roland Potthast 133

• Übt Gastfreundschaft.

• Segnet, die euch verfolgen. Segnet und flucht nicht.

• Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.

• Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet
euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.

• Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.

• Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn
es steht geschrieben (5.Mose 32,35): Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht
der Herr.

• Wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen. Dürstet ihn, gib ihm zu trinken.

• Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

(Römer 12, 9-21)

4.2.3 Die Rolle des jüdischen Gesetzes bei Paulus.


Wir wollen nun die Rolle des jüdischen Gesetzes beschreiben, so wie Paulus sie versteht.
Die Kapitel 7 und 8 des Römerbriefes mit ihren vielen gedanklichen Schleifen und paulini-
schen ”Fachbegriffen” sind meist für den Einsteiger recht schwer zu entschlüsseln. Darum
wollen wir Ihnen eine eigene kleine Darstellung präsentieren. Es ist eine Aufgabe für Fort-
geschrittene, die einzelnen Bestandteile in Eigenarbeit im Originaltext zu finden und zu
übersetzen.

Das Gesetz und Jesus Christus


Wir stellen uns einen Augenblick über die Weltgeschichte und blicken auf viele tausend
Jahre jüdischer und christlicher Geschichte. Es war der eine Gott, der Abraham zu sich
rief, der Mose das Gesetz gab und der den mosaischen Bund, den ”Alten Bund”, mit
dem Volk Israel schloß. Dieses Gesetz haben wir schon besprochen - es ist ein Spiegel der
Heiligkeit und Liebe Gottes, und es stellt Israel unter einen weitreichenden Anspruch: sei
so heilig, wie ich - Gott - bin!
Israel konnte nicht so sein, wie Gott ist. Das Gesetz wurde gebrochen - und immer und
immer wieder hat Gott in ganz weltlichen Gerichten die Boshaftigkeit und Lügenhaftigkeit
des jüdischen Volkes bestraft.
Doch schon im Anfang legte Gott die Verheißungen seiner Liebe und Gnade an - schon
beim Auszug aus Ägypten sprechen die Bilder von ”Christus”, lange vor dem Gesetz. Gott
wird die Menschen erlösen von dem Anspruch, gut zu sein. Er wird den Menschen seine
Heiligkeit unverdient schenken durch den ”Heiland” - durch eine Person, die heilt und
versöhnt.
Paulus stellt sich der Frage, welche Rolle dann noch jenes heilige Gesetz und der alte
Bund hat. Er stellt sich den tiefsinnigen Fragen, ob denn ein Gesetz, daß letztlich nicht
134 Die Bibel für Menschen von heute ...

gehalten werden konnte und damit die Menschen der Strafe ausgesetz hat, nicht ”schlecht”
gewesen sei, also im Grunde nicht heilig, nicht gut - im Grunde gottesfern, also ”sündig.”
Und mit der Antwort ordnet Paulus die Gebote Gottes ein in die Heilsgeschichte (d.h.
in die Ankündigung, das Kommen und die Wirkung Jesu Christi über 5000 Jahre hinweg):
das Gesetz diente der Klarheit und Wahrheit. Das Gesetz macht die Stellung des von Gott
gelösten Menschen ganz eindeutig klar: der Mensch hat sich von der Heiligkeit und vom
Leben entfernt und ist damit gestorben - dem Nichtigen verfallen. Das Gesetz ist damit
eine Hilfe für jeden Menschen: er kann damit Gott selbst und die Rolle und Bedeutung
Jesu besser verstehen. Weil Gott im Gesetz seine Heiligkeit zeigt, ist das Gesetz Hilfe und
Verweis auf Jesus, in dem Gott uns seine Heiligkeit persönlich zuspricht.

Die inneren Kämpfe um das Gesetz


Im ersten Teil des Kapitels 8 des Römerbriefes beschreibt Paulus die inneren Kämpfe,
die jeden Christen erwarten. Paulus beschreibt sie mit den Worten ”Geist” und ”Fleisch”,
die er gegenüberstellt als jene Mächte, die einen Menschen zu beeinflussen suchen. ”Geist”
meint den heilenden Geist Gottes. ”Fleisch” meint die von Gott abgefallene Welt mit all
ihrem Einfluß auf den Körper, die Seele und den menschlichen Geist.
Der spannende Hintergrund der Passagen des Paulus besteht darin, daß offensichtlich
auch ein Christ - also ein Mensch, den der Geist treibt, - nicht völlig frei ist von ”fleisch-
lichem” Handeln. Auch Christen können sich an den weltlichen Mächten orientieren.
Gott befreit Menschen, und ihre Freiheit bleibt erhalten! In einzelnen Handlungen, bei
vielen alltäglichen Entscheidungen, können wir uns an den Geist Gottes halten oder uns
von den gottfernen Mächten beeinflussen lassen.
Auf diesem Hintergrund sind die vielen Gebote verständlich, die das neue Testament
enthält. Die Gebote sind Hilfen für gute Entscheidungen. Die Gebote helfen uns, aus der
reinen Quelle des Lebens - aus Jesus Christus - zu trinken.

4.2.4 Wort beim Wein: eine Vision - mach mit!


Zum Abschluß möchte ich Sie in eine Vision mitnehmen und Sie auffordern, sich doch an
der Umsetzung zu beteiligen. ”Vision” ist hier im allgemeinen Sinn gemeint: ein Bild von
einem Ziel (bzw. einer Situation), zu dem Gott mich drängt und das mir tief am Herzen
liegt.
Blicken Sie mit mir quer durch die deutschen Städte und Dörfer, die Metropolen und
die kleinen Siedlungen überall im Land. Dort in jeder Straße könnte es christliche Ge-
meinschaft geben. Beginnend mit kleinen Gruppen von unvoreingenommenen, ehrlichen
und offenen Christen, die mit moderner Musik Gott loben und die herzlich offen sind für
Gemeinschaft mit anderen Menschen, komme wer wolle! Am Tag oder am Abend könnten
Räumlichkeiten geöffnet sein - so wie jetzt die vielen Restaurants, Kneipen und Hotels.
Man findet dort herzlichen Empfang, offene Ohren, Lobpreis mit klassischer oder fetziger
Musik und vieles mehr ... vor allem aber ehrliche und wahrhaftige Christen und Gemein-
schaft.
In dem Bild gibt es weiterhin die verschiedenen christlichen Kirchen und Konfessionen.
Die Christen gehen Sonntags jeder in seine Kirche, in seine Gemeinde, in seine Konfession.
Roland Potthast 135

Dort hat jeder Christ sein Zuhause und seine Verantwortung. Aber darüber hinaus entsteht
überall die überkonfessionelle Gemeinschaft, unkompliziert, an Jesus Christus orientiert,
praktisch helfend, musikalisch anregend, beruhigend, heilend, einladend ...
Durch Plakatwände und Einladungen erfährt jeder Bewohner und jeder Gast eines
Stadtteils oder einer Straße, wo dort lokal das offene christliche Haus ist. Die Gäste und
Reisenden erhalten so eine Anlaufstation - offene Herzen inmitten der geschlossenen priva-
ten Domizile. Wer Gemeinschaft sucht, kann sie hier finden! Und wer Gott kennenlernen
will, findet hier Menschen mit Hintergrund und Erfahrung, findet Jesus Christus ...
Neben vielen unterschiedlichen Organisationen kann auch das Evangeliumsnetz seinen
Beitrag zu dieser Entwicklung leisten. Wir vernetzen engagierte Christen in ganz Deutsch-
land und darüber hinaus, mit unterschiedlichen Rubriken, Foren, Gesprächen, Aktionen
... Darüber hinaus gibt es die engagierte Arbeit weiterer Werke, z.B. Campus für Christus,
der geistlichen Gemeindeerneuerung oder der charismatischen Erneuerung innerhalb der
katholischen Kirche.
Machen Sie mit! Engagieren Sie sich für eine ortsnahe engagierte christliche Arbeit in
kleinen einladenden und offenen Kreisen, in musikalischen Beiträgen, Lobpreis etc. Das
soll natürlich durch die lokalen Gemeinden geschehen, aber auch über den oft sehr engen
Tellerrand der Gemeinden hinaus, um die ganze Vielfalt des Leibes Jesu Christi wahrzu-
nehmen und um viele Menschen mit dem heilenden Evangelium von Jesus zu erreichen.
Machen Sie mit!

4.3 Die Freiheit nehm ich mir ...! - Schwacher und Starker Glaube
(Römerbrief Kapitel 14)
4.3.1 Für Eilige: Die Freiheit nehm ich mir ...!
Freiheit ist wichtig und in vielem wesentlich:

• die Freiheit, im Land und über Grenzen zu reisen

• die Freiheit, die eigene Meinung zu sagen und die eigene Meinung zu schreiben

• die Freiheit, Handel zu treiben, Firmen und Verlage, Vereine und Zusammenschlüsse
zu bilden

• die Freiheit zu Freundschaften, zur Wahl des Ehepartners

• die Freiheit zu Demonstrationen, Informationen, öffentlichen Aktionen und Zusam-


menkünften

• die Freiheit zur Wahl der Ausbildungsstelle, der Universität, des Studiengangs, der
Arbeitsstelle

• die Freiheit des Glaubens, der Ideale und Überzeugungen

• die Freiheit der Kreativität, der künstlerischen Darstellungen, der Forschung und
Lehre
136 Die Bibel für Menschen von heute ...

• die Freiheit zur Freizeitgestaltung mit Kinos, Theatern, Konzerten, Freunden, Spa-
ziergängen, Unterhaltungen, Parties, Stille, Meditation, Gebet, Wanderungen und
Radtouren ...

• die Freiheit zu einem menschenwürdigen Leben, das die Hilfestellung und Entfal-
tungsmöglichkeiten bekommt, die es benötigt

• die Freiheit von sozialem oder psychischem Druck und Zwang, von Familienklüngel
und der Ausnutzung durch falsche Geschäftspartner, Vorgesetzte oder Freunde

• die Freiheit zu eigenständigen Lebensentscheidungen, zum Erwachsenwerden und zu


einer Reife in Charakter und Persönlichkeit

• die Freiheit zu einem Alter in Würde und in der Zuwendung von Freunden und
Familie

• die Freiheit zur Verantwortung, zum engagierten Einsatz, zur Mitarbeit und Mithilfe

• ...

Heute werden wir über die Freiheit nachdenken - in ihren vielen Aspekten und Aus-
prägungen. Wir werden insbesondere danach fragen, in welchem Verhältnis Freiheit steht
zu dem Leben im Glauben an Jesus Christus. Wir werden anhand einiger Worte des Pau-
lus über die Freiheit des ”starken” und des ”schwachen Glaubens”, Freiheit und Gebote,
Freiheit und Gewissen und über Freiheit und die Beziehungen zwischen Menschen reden.
Die Frage nach der Freiheit trifft den Nerv unserer Gesellschaft. Darum wird es diesmal
besonders spannend. Los gehts!

Tipps für diese Woche:


1) Überdenken Sie die Dinge, die Sie aus der Freiheit Ihres Lebens heraus tun. Was ist
wirklich gut, zu tun. Was sollten Sie lieber lassen?
2) Empfinden Sie den christlichen Glauben als befreiend? Denken Sie sehr ernsthaft
darüber nach, warum Sie ihn in verschiedenen Aspekten so oder so empfinden. An dieser
Frage können Sie erkennen, wieviel Sie von Gott mitbekommen und verstanden haben -
dazu gleich mehr ...

4.3.2 Freiheit - wie, wovon, wieweit, wozu?


Freiheit ist das große Thema der Aufklärung und des ganzen modernen Zeitalters. Die
Suche und der Drang nach Freiheit sind treibende Kräfte bei der Entstehung der sozialen
Bewegungen und des Sozialismus, ja sogar des Kommunismus. Es geht um die Freiheit
des Menschen von der Bevormundung und Ausnutzung durch wirtschaftlich übermächtige
andere Menschen, Unternehmen, Clans, Unternehmer oder Klassen von Menschen. Der
Drang nach Freiheit hat die humanistische Bildung, die Entstehung der Menschenrechte,
die Ausprägung der Forschung und Lehre an unseren Universitäten und an den Schulen
und damit die ganze Gesellschaft tief bewegt und beeinflußt. Der Drang nach Freiheit hat
zum Fall von Staaten und manchmal zu Kriegen und Auseinandersetzungen geführt. Nicht
Roland Potthast 137

zuletzt der Fall der DDR ist ein Ausdruck des nicht zu unterdrückenden Verlangens des
Menschen nach Freiheit.
Freiheit ist eines der Hauptthemen Jesu im neuen Testament. Wieder einmal kommt
unsere moderne Zeit damit den Quellen des Christentums unendlich nahe und wir streifen
die tiefen Wurzeln unserer Kultur und unserer Zeit. Hören wir Jesus zu:
”Jesus antwortete ihnen und sagte: Ich sage es euch wie es ist: Wer Sünde tut, ist
ein Dienstleister [Knecht] der Sünde. Der Dienstleister bleibt nicht lange im Haus; der
Sohn des Eigentümers aber ist der Erbe und bleibt. Wenn nun der Sohn euch von eu-
rem Abhängigkeitsverhältnis frei macht, so seid ihr wirklich frei.” (Übertragung aus dem
Evangelium des Johannes, Kapitel 8, Vers 34ff)
Freiheit im Sinne Jesu ist
• Freiheit von der Gottesferne, also die Freiheit zum Vertrauen auf Gott

• Freiheit von Schuld, Bitterkeit, Hoffnungslosigkeit

• die Freiheit zum Guten, zum Vertrauen, zur Sorglosigkeit, zur Kindlichkeit, zur Lie-
be, zur Herzlichkeit, zur Freundlichkeit ...
Diese phantastische Aussicht werden wir noch weiter beleuchten und vertiefen. Lassen
Sie uns hier das Thema dieses Abschnitts aufgreifen und klarlegen:

Freiheit: wie?
Wie komme ich in die Freiheit hinein, die Jesus meint? Ich trete ein durch den Glauben
und das Vertrauen auf Jesus Christus. Ganz praktisch kann das durch ein Gebet geschehen:
”Herr, komm in mein Leben und laß mich in Dir und für Dich leben in der Freiheit, dem
Vertrauen und der Kindlichkeit, die Gott entspricht!”
Die Freiheit Jesu - die Freiheit Gottes, des Schöpfers - ist nicht ohne Gott zu haben. Wer
nicht in der lebendigen Beziehung zu Gott lebt, kommt unweigerlich in die Abhängigkeit
von weltlichen Mächten - die ”Knechtschaft” oder das Dienstleistungsverhältnis, von dem
Jesus oben spricht. Freiheit hat also auch im ganz weltlichen Sinne mit Macht zu tun -
mit der Macht Gottes, der Menschen befreit!

Freiheit: wovon?
Worin macht Jesus frei? Dazu gibt es zahlreiche Stellen der Bibel. Wir wollen hier den
Brief des Paulus an die Galater herausgreifen. Dort heißt es in Kapitel 5, Vers 19ff: ”Of-
fenkundig sind aber die Handlungen, die dem Verhalten eines Lebens ohne Gott [Werken
des Fleisches] entsprechen, als da sind:

• Geringachtung der lebenslangen mit Liebe erfüllten sozialen und sexuellen Gemein-
schaft von Mann und Frau [Unzucht/Ehebruch],

• Leben mit mißgünstigen, verlogenen, falschen Gedanken, Motiven, Worten und Wer-
ken [Unreinheit],

• haltloses und disziplinloses Leben, das über die Grenzen des Gesunden hinweggeht
[Ausschweifung],
138 Die Bibel für Menschen von heute ...

• Leben in der Ausrichtung auf Dinge, Menschen, Mächte, Ideale, Ziele, Betätigungen,
die nicht Gott sind [Götzendienst],

• Beeinflussung von Ereignissen durch verborgene Mächte oder durch Leben mit Ver-
haltensweisen, die solche Mächte zu etwas bewegen sollen [Zauberei],

• Feindschaft,

• Streit,

• Eifersucht,

• Zorn,

• Zank,

• Zwietracht,

• Spaltungen,

• Neid,

• Saufen,

• Fressen

... und dergleichen. Davon habe ich euch vorausgesagt und sage noch einmal voraus:
die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben.” (Übertragung) Was an die Stelle
der Unfreiheit tritt, werden wir mit der letzten Frage weiter unten beantworten.

Freiheit: wieweit?
Wieweit geht die Freiheit, die Gott schafft? Diese Frage gewinnt angesichts der Ent-
wicklung mancher Teile der Landeskirchen in Deutschland eine weitreichende Bedeutung.
Darf man einem Menschen mit seinem Leben den Segen Gottes absprechen? Soll man
nicht alle segnen und lieben, egal, was sie tun und wie sie leben?
Jesus stellt klar: man soll jeden segnen, um ihm die Nähe und den Segen Gottes
zuzusprechen. Aber man soll nicht jedes Verhalten segnen! Es gibt Verhaltensweisen, die
einen Menschen von Gott trennen.
Ganz konkret: ist die Freiheit Gottes auch die Freiheit zur freien Liebe und freien
Sexualität? Ist die Freiheit Gottes die Freiheit zur Gemeinheit, zur Lüge, zum Mord, zur
Zauberei, zur Gemeinschaft mit den von Gott gelösten Mächten, mit den Geistern des
Todes und der Totenwelt?
Unsere Rolle ist nicht die der Anklage oder der Anprangerung von Mißständen. Aber
um des Glaubens willen müssen wir an dieser Stelle deutliche Worte sprechen: Leider
haben manche der Amtsträger christlicher Kirchen jegliches Gefühl dafür verloren, was
es mit Gottes Heiligkeit und mit der Freiheit des Glaubens z u m G u t e n auf sich
hat. Die Freiheit Jesu ist immer auch die Freiheit zu einem verbindlichen Leben in der
Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes. Das kostenlose Angebot der Liebe Gottes und seiner
Roland Potthast 139

Freiheit ist verbunden mit dem Geschenk eines neuen Lebens in Wahrheit. Die Freiheit
Gottes kann nur mit dem Einsatz meiner ganzen Person und Persönlichkeit angenommen
und gewonnen werden!
Im Original des neuen Testaments kling das wie folgt: ”Ich bin das A und O, der
Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers
umsonst. Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und
er wird mein Sohn sein. Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und
die Ehe verachtenden [Unzüchtigen] und verschiedenste Mächte beeinflussenden [Zauberer]
und auf verschiedenste Dinge mit ihrem Leben ausgerichteten Menschen [Götzendiener]
und alle Lügner, deren Teil wird in dem Loch [Pfuhl] sein, das voll von Feuer und Schwefel
brennt; das ist der zweite Tod.” (Offenbahrung Kapitel 21, Vers 7+8)
Sie lernen hier, woher die mittelalterlichen Vorstellungen von der Hölle stammen: aus
der Bibel. Aber Sie lernen auch, daß das neue Testament keinen Zweifel läßt an der Ernst-
haftigkeit der Entscheidung und des Lebens. Es geht um Leben oder Tod – und die Freiheit
zum Leben bedeutet nicht gleichzeitig die Freiheit, auch noch tot zu sein!

Freiheit: wozu?
Das neue Testament füllt die Freiheit Jesu - die Freiheit des Lebens in der vertrau-
ensvollen und kindlichen Beziehung zu Gott in immer neuen Passagen, Beschreibungen,
Anregungen, Ermahnungen und Aufforderungen. So soll echte Hilfestellung gegeben wer-
den - Hilfe zum Leben. Wir nehmen hier die oben zitierten Passagen des Galaterbriefes
auf und lesen im Original: ”Die Auswirkung des heiligen Geistes ist

• Liebe,

• Freude,

• Friede,

• Geduld,

• Freundlichkeit,

• Güte,

• Treue,

• Sanftmut,

• Keuschheit;

gegen all diese ist das Gesetz des Mose nicht. Die aber zu Jesus Christus gehören, die
haben ihr weltliches Leben ans Kreuz von Golgatha gehängt mit all ihren Leidenschaften,
Wünschen, Zielen und Begierden. Wenn wir im Geist Gottes leben, so laßt uns auch im
Geist Gottes handeln und unser Leben gestalten. Laßt uns nicht nach vergänglicher Ehre
suchen, uns nicht gegenseitig herausfordern und beneiden.” (Galater Kapitel 5, Verse 22-
26)
140 Die Bibel für Menschen von heute ...

4.3.3 Starker und Schwacher Glaube

Die Freiheit des Glaubens führt stets zu einer Reihe von Entscheidungen. Gott gibt zwar
viele Hilfestellungen - aber ”Kindlichkeit und Vertrauen” bedeuten eben nicht, daß ein
lückenloses Regelwerk mit Eindeutigkeit präsentiert wird. Wer das neue Testament als
unmißverständliches ethisches Regelbuch liest, geht an Gott gründlich vorbei: Wo Freiheit
ist, sind auch Entscheidungen von Menschen. Und um diese Entscheidungen geht es Paulus
im Kapitel 14 und dessen Umfeld im Brief an die Römer.
”Der eine glaubt, er dürfe alles essen; wer aber schwach ist, der ißt kein Fleisch.”
schreibt Paulus. Der Hintergrund sind die alttestamentlichen Speiseregeln: Verbot des
Götzenopfers und damit auch die Konsequenz, nicht das den Götzen geopferte Fleisch zu
essen. Die Gebote und damit die Probleme haben - wie wir schon wiederholt festgestellt
haben - auch ihre Bestätigung im neuen Testament.
Paulus spricht hier von ”Schwäche” dessen, der kein Fleisch ißt. Gemeint ist ein ”schwa-
cher” Glaube, ein schwaches Vertrauen auf die Liebe und Güte Gottes. Es gibt viele Men-
schen, die möchten Gott gefallen; und Teil ihrer Hingabe ist es, alles zu vermeinden, das
nicht im Sinne Gottes sein könnte. Dabei gewinnen manche alttestamentliche Gebote einen
starken ja einen unangemessenen Raum, der einem Leben in der Liebe Gottes - ”in Jesus”
- nicht entspricht. Für Paulus ist das schwacher Glaube. Hat nicht Jesus gesagt (Matthäus
Kap. 15, Vers 17): ”Was zum Mund hineingeht, das geht in den Bauch und wird danach ins
Klo ausgelehrt.” Ist es nicht dem Menschen erlaubt, alles zu essen? Der mit dem starken
und gereiften Glauben vermag Gott auch ohne solche äußerlichen Dinge zu vertrauen.
Aber Paulus vermeidet eine letztgültige Wertung. Paulus erkennt, daß jeder Mensch
seinen persönlichen Weg finden und gehen muß! Dabei gibt er eine Reihe von grundsätzli-
chen Leitlinien: Wer Gott treu sein möchte, in dem er nicht von dem den Götzen geopfer-
ten Fleisch ißt, der soll nicht die sorglos vertrauenden Menschen verachten, wenn sie ohne
Bedenken essen. Und die vertrauenden Menschen in ihrer Sorglosigkeit sollen nicht die
gewissenhaften und genauen Menschen verachten, die hier Gottes Gebot berührt sehen.
Wir erleben in den Worten des Paulus klare und aktuelle Worte zu den Verhaltenswei-
sen von Christen und Kirchen, wenn es um das Leben im Glauben geht. ”Geht über eure
Grenzen von Lehre und Denken, wenn ihr anderen Christen begegnet!” sagt uns Paulus
bis heute. Im Original: ”Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat
zu Gottes Lob.” (Röm. 15,7)
Gleichzeitig nennt Paulus das Gottlose gottlos und das Böse böse. Es geht also nicht
darum, alles gleichzuschalten, es geht nicht um die Vereinigung von Gottes Heiligkeit
und der Gottlosigkeit und Verlorenheit der Welt. Es ist wie beim Übergang vom Tag
zur Nacht: man kann graduell verschiedene Grenzen ziehen, aber zweifellos gibt es einen
fundamentalen Unterschied zwischen Tag und Nacht zwischen Licht und Finsternis.
Paulus nennt einige Punkte, die in seiner Zeit und Kultur von zentraler Bedeutung
waren: Götzenopferfleisch und die Beachtung von Feiertagen. Der Ratschlag des Paulus
für die damals aktuellen Streitpunkte: ”keiner lebt sich selber und keiner stirbt sich selber.
Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir
leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder
lebendig geworden, daß er über Tote und Lebende Herr sei.” (Röm 14,7-9)
Roland Potthast 141

Jeder Mensch wird an Gott verwiesen. Keiner soll in solchen Dingen seinen Bruder
(seinen Mitchristen) richten. Und Paulus gebietet, daß wir Christen uns einander unter-
ordnen sollen - gegenseitig. Jeder soll so leben, daß es den anderen in seinen Überzeugungen
respektiert und ihn unterstützt (ohne sich von ihm knebeln zu lassen).
Wo sind die Punkte, die uns heute bewegen? Wo sind die Streitpunkte im Verhalten
von Christen?
Es bedarf einiger Weisheit, in den Entscheidungen und Problemen um den richtigen
Weg einen friedlichen und Gott angemessenen Pfad zu finden.
In der Auseinandersetzung zwischen Konservativen und Progressiven, zwischen Evan-
gelikalen und Liberalen, zwischen offenen und konsequenten Christen treffen die fast zwei-
tausend Jahre alten Worte des Paulus mitten ins Schwarze. Wo immer wir ein Leben
gestalten im Vertrauen auf Jesus Christus, laßt uns die Gemeinsamkeit des heiligen Gei-
stes feiern und zum Segen werden lassen in Konsequenz, Offenheit und Liebe!

4.3.4 Wort beim Wein: Paulus nutzt Paradoxien

Gehören Sie eigentlich zu den Starken im Glauben?


Bei dem tieferen Nachsinnen über diese Frage mußte ich einsehen, wie viel tiefer diese
Etiketten des Paulus reichen, als ein erster und oberflächlicher Blick es enthüllt.
Stark im Glauben ... das sind doch eigentlich die Konsequenten, die engagiert Glau-
benden, oder? Stark im Glauben sind die Leute, die sich an Gottes Geboten orientieren,
die ihr Leben nach diesen Geboten ausrichten. Wenn Menschen konsequent sind in ihrem
Glauben, dann sind sie doch die eigentlich Starken, oder nicht?
Und dann sind da die, die sich keinen Kopf machen um diese oder jene göttliche Regel.
Das sind doch eigentlich die Schwachen ... die nicht zur Konsequenz Jesu Christi finden
können! Ist nicht die Inkonsequenz nahe an der Grenze zur Halbherzigkeit? Sind nicht
diese ”Schwachen im Glauben” in der Gefahr, aus Gottes Reich herauszufallen?
Paulus dreht die Etiketten um - er will hier unseren Hochmut zerstören. Die eigentlich
”Starken” werden zu den Schwachen ... alles wird auf das Vertrauen in die Güte Chri-
sti reduziert. Und die schwächlichen Nachfolger werden zu den ”Starken” gemacht: sie
empfangen im Blick auf den Herrn. Sie bauen auf die Güte Gottes ohne die Krücken der
Verhaltensweisen.
Das scheint so nicht ganz im Einklang mit den ernsthaften Ermahnungen zu einem
Leben in der Nachfolge Jesu Christi. Und doch ist es in der Paradoxie - der scheinbaren
und offen kundigen Widersprüchlichkeit - genau im Einklang mit dem Leben und Werk
Jesu. Jesus stellt das Gesetz vom Kopf auf das Herz. Er bestätigt, erfüllt und löst damit
auf. Jesus stellt die Gerechtigkeit von der Tat auf die Gnade. Er bestätigt die Tat, handelt
und macht damit die Tat zweitrangig.
Übrigens denke ich, daß die Freiheit in der überwältigenden Liebe Gottes uns zur
Konsequenz führen wird. Die Liebe Gottes wird den ”schwachen” Glauben stark und den
”starken” Glauben schwach machen... So ist die Liebe :-)
142 Die Bibel für Menschen von heute ...

4.4 Konsequenzen für Fälscher! ... - vom klaren Evangelium (Galater-


brief Kapitel 1)
4.4.1 Für Eilige: Konsequenzen für Fälscher
Überall, wo es etwas Gutes und Originales gibt, entstehen schnell auch ähnliche Dinge ... es
gibt abgekupferte Versionen, es gibt Variationen, es gibt Nachahmungen und Fälschungen.
Auf Fälschung steht in jedem Fall in unserer Gesellschaft eine Strafe. Wer etwas fälscht,
der verändert es und behauptet, es sei das Original. Fälschung ist eine gezielte Lüge.
Fälschung ist eine Straftat und wird entsprechend schwer geahndet.
Auch bei Nachahmungen haben wir ja etwas anderes vorliegen als das Original. Solange
eine Nachahmung nicht behauptet, das Original zu sein, ist sie oft nicht strafbar. Aller-
dings gibt es nicht wenige Situationen, in denen Nachahmung von Dingen katastrophale
Auswirkungen haben kann und in den Bereich der Fälschung rückt: Immer dann, wenn
etwas mit der Nachahmung nur Äusserlich das trifft, was es nachahmen möchte, wenn das
Eigentliche fehlt. Ein nachgeahmtes Medikament ohne die eigentlichen Wirkstoffe kann für
den Patienten schwerwiegende Schäden nach sich ziehen. Ein vorgegaukelter Experte ohne
das nötige Fachwissen wird die Probleme nicht lösen können. Ein nachgeahmtes Produkt
hat oft nicht annähernd die Qualität des Originals.
Mit den unterschiedlichen Versionen und den Variationen liegen die Dinge noch an-
ders. Es können unterschiedliche Versionen eines Originals vorliegen - sie können zum
Original dazugehören. Es können auch unterschiedliche Lesarten oder Verständnisweisen
eines Originals vorliegen. Die wesentliche Frage ist oft, wie genau das Original aussieht
und was noch zum Original gehört. Eine ungeschickte oder falsche Variation kann das
ganze Original zerstören ... es können also auch Variationen katastrophale Auswirkungen
haben.
Wir werden uns heute mit dem Original des Evangeliums beschäftigen und mit der Fra-
ge nach Fälschungen, Nachahmungen und Variationen. Zuerst lesen wir die Ausführungen
des Paulus zu dem Thema. Dabei wird es auch um die Konsequenzen gehen, die Fälschun-
gen oder Verdrehungen mit sich bringen. Paulus ist hier sehr rigoros.
Dann fragen wir danach, wie denn das Original genau aussieht und schliesslich schauen
wir, welche Art von Fälschungen, Nachahmungen und Variationen es gibt.

Tipps für diese Woche:


1) Versuchen Sie sich einmal klar zu machen, wie das Original des Evangeliums aussieht.
Lesen Sie noch einmal Passagen aus den Evangelien und aus den Briefen der Apostel zum
Evangelium.
2) Lauschen Sie auf die Stimmen um Sie her zum ”christlichen” Glauben. Was daran ist
wirklich originales Evangelium, was ist klare Fälschung, was ist Nachahmung ohne innere
Substanz und wo sind die Variationen, die den Sinn des Originals verdrehen?

4.4.2 Klares Evangelium und Warnungen bei Paulus


Der Galaterbrief des Paulus greift gleich zum Beginn ein schwerwiegendes Problem der
Gemeinde in Galatien auf. Paulus kommt gleich zur Sache:
Roland Potthast 143

”Mich wundert, daß ihr euch so bald abwenden laßt von dem, der euch berufen hat in
die Gnade Christi, zu einem andern Evangelium, obwohl es doch kein andres gibt; nur daß
einige da sind, die euch verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren.” (Galater,
1, Verse 6+7)
Es geht um das Problem des Originals. Paulus schreibt engagiert und heftig, weil er
das originale und eigentliche Evangelium von Jesus Christus in Gefahr sieht. Dabei sind
die wesentlichen Punkte des Paulus:

• Es gibt nur e i n Evangelium

• Das Evangelium ist so wichtig und wesentlich, dass jede Veränderung und Verdre-
hung katastrophale Folgen hat sowohl für den Fälscher als auch für die Betrogenen.
Das Evangelium hat Konsequenzen!

• Die ein anderes Evangelium predigen als die Gute Nachricht von der Liebe Gottes in
Jesus Christus werden schlimmste Strafen erleiden. ”Verflucht sei, wer ...” schreibt
Paulus. Verflucht zu sein bedeutet die entgültige Trennung von Gott, ein Leben ohne
die Mitte und Quelle des Lebens und der Wahrheit.

Paulus hat das klare Evangelium schon gleich im Anfang seines Briefes formuliert:
”Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Chri-
stus, der sich selbst für unsre Sünden dahingegeben hat, daß er uns errette von dieser
gegenwärtigen, bösen Welt nach dem Willen Gottes, unseres Vaters; dem sei Ehre von
Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.” (Galater 1,Verse 3-5)
Die Zuwendung Gottes ist in Jesus Christus zu bekommen. Jesus selbst hat sich durch
seinen Tod am Kreuz für uns dahingegeben, um uns Menschen aus der von Gott entfrem-
deten Welt zu retten in die Liebe und Zuwendung Gottes.
Der wesentliche Streitpunkt des Paulus in der Auseinandersetzung mit den Galatern
ist die Rolle der Werke - also die Spannung zwischen dem alten Bund durch Mose und
dem neuen Bund durch Jesus Christus. Der Mensch wird gerecht durch den Glauben an
Jesus Christus, nicht durch seine Taten und Handlungen.
Wir haben dieses Spannungsverhältnis zwischen Glauben und Handeln schon einige
male aufgegriffen. Heute treffen wir wieder darauf bei dem Nachdenken über Fälschung
und Variationen. Paulus stellt hier klar: wer den Werken vor Gott einen falschen Platz
zumisst, der predigt damit ein falsches Evangelium und gehört zu den Fälschern.
Warum ist das so wichtig?
Das falsche Evangelium kann nicht in die durch Jesus Christus neu geschaffene vertrau-
ensvolle und kindliche Beziehung zu Gott hineinführen. Das falsche Evangelium ist damit
Betrug und der Fälscher hält Menschen von Gott fern! Das ist tragisch und unendlich
schlimm.
Handlungen von Menschen haben Konsequenzen - so ist der Hintergrund der Ausführun-
gen des Paulus. Menschen können andere Menschen von Gott fernhalten durch ihre Hand-
lungen. Schon Jesus selbst hat ja im Evangelium des Markus gewarnt: (Mk 9, 42ff) ”Und
wer einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser,
daß ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde.”
144 Die Bibel für Menschen von heute ...

Darum lassen Sie uns noch einmal im Originalton des Paulus lesen, wie er über das
originale Evangelium schreibt. Es ist das Evangelium von Jesus Christus und der Gerech-
tigkeit durch den Glauben an Jesus.
”So war es mit Abraham: Er hat Gott geglaubt, und es ist ihm zur Gerechtigkeit ge-
rechnet worden (1. Mose 15,6). Erkennt also: die aus dem Glauben sind, das sind Abrahams
Kinder. Die Schrift aber hat es vorausgesehen, daß Gott die Heiden durch den Glauben
gerecht macht. Darum verkündigte sie dem Abraham (1. Mose 12,3): In dir sollen alle
Heiden gesegnet werden. So werden nun die, die aus dem Glauben sind, gesegnet mit dem
gläubigen Abraham. Denn die aus den Werken des Gesetzes leben, die sind unter dem
Fluch. Denn es steht geschrieben (5.Mose 27,26): Verflucht sei jeder, der nicht bleibt bei
alledem, was geschrieben steht in dem Buch des Gesetzes, daß er’s tue! Daß aber durchs
Gesetz niemand gerecht wird vor Gott, ist offenbar; denn der Gerechte wird aus Glauben
leben (Habakuk 2,4). Das Gesetz aber ist nicht aus Glauben, sondern: der Mensch, der es
tut, wird dadurch leben (3. Mose 18,5). Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des
Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns; denn es steht geschrieben (5. Mose 21,23): Ver-
flucht ist jeder, der am Holz hängt, damit der Segen Abrahams unter die Heiden komme
in Christus Jesus und wir den verheißenen Geist empfingen durch den Glauben.” (Galater
Kap. 3, Verse 6-14)

4.4.3 Probleme mit dem Evangelium heute


Wir haben anhand des Galaterbriefes einige Schwierigkeiten kennengelernt, die zur Le-
benszeit des Paulus mit dem Evangelium bestanden. Es war vielen Juden schwer, die
Rolle des für sie so zentralen Gesetzes des Mose in neuem Licht zu sehen ... und so kam es
zu Variationen und Veränderungen der Botschaft von der Liebe Gottes in Jesus. Irgendwo
muss sich ein wesentlicher Übergang vollzogen haben von der Gerechtigkeit durch Jesus
zu einer Gerechtigkeit durch das gerechte Leben - ein Übergang, der die Menschen von der
Liebe Gottes entfernte - der sie aus der frisch gewonnenen Gemeinschaft mit Gott durch
den lebendigen Jesus wieder hinausführte.
Interessant sind die Ausführungen des Paulus aus einer ganzen Reihe aktueller Gründe.
Da sind
a) die Beobachtung, dass Paulus mit Menschen redet, die sehr vehement einer religiösen
Überzeugung nachgehen. Er redet doch eigentlich mit ”Glaubenden” über den Glauben.
Nur glauben diese Menschen in einer Art, die sie nach Paulus Gott nicht nahe bringt und
die sie nicht in die Gerechtigkeit Gottes hineinführt.
b) Paulus und mit ihm das neue Testament lassen ein oft angeführtes Argument:
”jeder hat halt seinen Glauben” oder ”ich bin doch auch Christ” nicht gelten. Es geht
eben doch darum, worin dieser Glaube bzw. dieses Christsein eigentlich bestehen. Das
falsche Evangelium und damit auch der falsche Glaube können nicht retten und bringen
einen Menschen nicht zu Gott.
Damit sind wir mitten in der aktuellen Diskussion zwischen den Menschen in unse-
rem Land über die Rolle des christlichen Glaubens und über den christlichen Glauben
selbst. Da gibt es geradezu unendlich viele Versionen und Variationen des ”christlichen”
Glaubens. Und wir müssen sehr genau hinsehen, was die verschiedenen Glaubenssätze
Roland Potthast 145

und Überzeugungen mit dem originalen Evangelium von Jesus Christus zu tun haben. Um
diese Arbeit kommen wir nicht herum.

Lassen Sie uns einige Punkte herausgreifen!


(1) Nicht wenige Menschen setzen den christlichen Glauben mit Humanität gleich. Es
ist sicherlich richtig, dass originale Christen immer sehr humane und menschenfreundliche
Menschen sein werden. Solidarität und weitgehende Hingabe sind Grundprinzipien des
Lebens Jesu. Doch die Reduktion [Verkürzung] des Glaubens auf rein humanitäres Handeln
und das Verschweigen der weitreichenden Aussagen Jesu über sich als Sohn Gottes und
über Gottes Heiligkeit, Liebe und Macht sind eine echte Fälschung, eine modernisierte
”Version” des Evangeliums, die in nichts einer vollen Fälschung nachsteht.
(2) Andere setzen den christlichen Glauben mit Liebe gleich. Es ist sicherlich richtig,
dass der Glaube an Jesus unendlich viel mit Liebe zu tun hat - mit der heiligen Liebe
Gottes, der sich in seiner verzehrenden Liebe selbst schenkt und für den Menschen in
den Tod gibt. Allerdings verwechseln wir zu schnell diese heilige Liebe Gottes mit unseren
selbstbezogenem Liebesbegriff und vergessen, wie schmerzhaft Gott sein Lieben gekommen
ist am Kreuz. Es geht so weit, dass unter dem Deckmantel der ”Liebe” zerstörerische
Verhaltensweisen salonfähig gemacht werden. Wir vergessen, dass Gott nicht nur die Liebe,
sondern auch die Wahrheit und die Heiligkeit in Person ist. Damit wird das Evangelium
von dem machtlosen und zahnlosen ”lieben Gott” zu einer ausgewachsenen Fälschung. Sie
hat leider katastrophale Auswirkungen, weil sie in nicht wenigen unserer Kirchen gepredigt
und von Millionen von Menschen mit dem wahren Evangelium verwechselt wird.

Dies sind zwei wichtige Beispiele aktueller Fälschungen des originalen Evangeliums von
Jesus Christus. Die Worte des Paulus an die Galater treffen uns Christen und Kirchen in
Deutschland gerade heute! Und weil die Dinge so aktuell sind, müssen wir auch über den
Umgang mit den Fälschungen reden.
Wir fragen daher: Wie gehe ich mit den Leitern, Pastoren, Priestern oder Presbytern
meiner Gemeinde oder Kirche um, wenn ich die modernen Variationen und Fälschungen
des Evangeliums entdecke?

Verhaltensvorschläge:
A. Ruhe bewahren. Wenn Sie sich aufgeregt haben, regen Sie sich wieder ab und
schlafen erst einmal eine Nacht darüber. Vorschnelle Briefe, Telefonate, Worte sind selten
gut gewählt und erreichen selten etwas, das im Sinne Gottes ist.
B. Denken Sie zuerst darüber nach, wo das wesentliche Problem liegt. Worin besteht
Ihrer Meinung nach die Verdrehung in den Verhaltensweisen, Überzeugungen, Worten oder
Texten, die Sie ins Auge gefasst haben?
C. Sorgen Sie dafür, dass Sie für Ihre Kritik ein sorgfältig bestätigtes biblisches Funda-
ment haben. Sie sollten z.B. die Dinge mit einem Freund oder einer Freundin durchspre-
chen, bevor Sie sich mit einem ausgebildeten Theologen auf ein Streitgespräch einlassen.
D. Machen Sie sich klar, was Sie eigentlich erreichen wollen. Ist es im Sinne Jesu
Christi? Entspringt es der Liebe und Heiligkeit Gottes, oder sind Ihre Motive vielleicht
eher Ihre eigenen Verletzungen, Neid, Missgunst ...?
146 Die Bibel für Menschen von heute ...

E. Schliessen Sie zuerst für sich Frieden mit der Person, die Sie auf die Fälschungen
ansprechen wollen. Können Sie frei und ausgeglichen in ein Gespräch hineingehen?
F. Bitten Sie Gott für die Person, die Sie auf ein schiefes oder falsches Evangelium
ansprechen wollen. Segnen Sie diese Person aus ganzem Herzen und bitten Sie Gott, die
Gespräche zu leiten und mit dabei zu sein durch seinen heiligen Geist.
G. Im Gespräch selbst fragen Sie zuerst offen nach, ob Sie eigentlich die Verhaltenswei-
sen oder Worte richtig verstanden haben. Lassen Sie sich die Dinge zunächst bestätigen,
bringen Sie dann erst Ihre Kritik an.
H. Erwarten Sie nicht, stets im ersten Anlauf Erfolg zu haben oder ohne Widerspruch
zu bleiben. Seien Sie dabei lernfähig, auch sich selbst und die eigenen Überzeugungen zu
korrigieren, falls dies den Worten der Bibel entspricht. Bleiben Sie fest im Vertrauen auf
Jesus Christus und sagen Sie SEINE Wahrheit ruhig und klar!

4.4.4 Wort beim Wein: Von den Besserwissern


Beim Nachdenken über die Fälschungen und die gefährlichen Variationen des Evangeliums
können uns nicht wenige Beispiele in den Sinn kommen von Entleerungen der Worte Jesu.
In zu vielen Predigten fehlt die originale Kraft und das tiefe Verständnis des lebendigen
Jesus.
Es sollte uns im Umgang mit den kraftlosen Predigern und kraftlosen ”Christen” zuerst
die Barmherzigkeit leiten: der ruhige Frieden Gottes, die lebendige und lebensspendende
Kraft des auferstandenen Jesus Christus.
Leider gibt es eine Macht, die auch die tiefste Erkenntnis über Jesus Christus zerstören
will, indem sie zum Zetern und zu heftigen Attacken gegen den vermeindlichen Fälscher
aufwiegelt. Diese Macht hat mit Gott nichts zu tun! Diese Macht spielt mit den ”Bes-
serwissern”: der Böse verführt all jene, die nicht auch im Angesicht der Ungerechtigkeit,
Lüge, Bosheit und Gemeinheit ihren Ruhepunkt haben in einem Leben in der Wahrheit
Christi. Die Macht des Bösen will zur Überheblichkeit verführen. Auch die Ansichten, alles
zu wissen, alles klar zu sehen, es sei doch alles schwarz auf weiss niedergeschrieben etc.
haben mit Gott wenig zu tun.

Gott, behüte uns vor der Seuche der Besserwisserei!


Herr, Jesus, erbarme dich unser!
Roland Potthast 147

4.5 Von der Freundschaft ... - Geist Gottes in dir (Galaterbrief 5+6)
4.5.1 Für Eilige: Freundschaft und Gottes Geist
Jeder Mensch hat Sehnsucht nach Freundschaft - nach Freunden oder Freundinnen.
Ein Freund ist ein Mensch, der mich persönlich kennt und akzeptiert, ein Mensch, den
ich sympathisch finde und der seinerseits mich mag.
Freundschaft bedeutet noch mehr: einem Freund oder einer Freundin kann man viel
von sich anvertrauen, da kann man offen sein, ohne Ablehnung oder Spott fürchten zu
müssen. Mit Freunden kann man in unbefangener Weise Dinge unternehmen, Gespräche
führen und ein Stück Weg gemeinsam zurücklegen.
Jeder Mensch sehnt sich nach Freundschaft - und das hat viel mit Gott zu tun und der
Art, wie Gott Menschen geschaffen hat. Gott möchte in einem tiefen und umfassenden Sin-
ne unser Freund sein! Gott möchte uns mit seinem Geist erfüllen und so in unbegreiflicher
Nähe mit uns leben.
Wir werden uns gleich eingehender über die Freundschaft unterhalten. Um verschie-
denste Bestandteile von Freundschaft geht es in Teil 2. Die Frage nach Wahrheit in der
Freundschaft greifen wir in Teil 3 auf. Schließlich fragen wir nach den Enttäuschungen,
die jeder Mensch immer wieder in Freundschaften erleben kann.

Tipps/Fragen für diese Woche:


1) Was haben Sie für eine Vorstellung von einer ”schönen” oder ”guten” Freundschaft?
Welche Erwartungen haben Sie an den Freund oder die Freundin? Was bringen Sie selbst
in die Freundschaft ein? Was erwarten Sie von sich selbst?
2) Haben Sie schon einmal Gott als Freund sehen können? Wie könnte eine Freund-
schaft mit Gott aussehen? An welchen Punkten bleiben Sie hängen und denken: ”irgendwie
paßt doch Freundschaft nicht dazu, wie ich mir Gott vorstelle”? Versuchen Sie einmal, Gott
als einen Freund zu sehen, der Ihre Freundschaft sucht!

4.5.2 Was bedeutet Freundschaft?


Freundschaft beinhaltet ganz unterschiedliche Dinge. Einige haben wir oben schon ge-
nannt. Wir wollen nun die Kapitel 5 und 6 des Galaterbriefes unter der Frage lesen: was
sind Bestandteile von Freundschaft. Wir werden einen reichen Fang machen. Freundschaft
bedeutet:

Freiheit
”Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest und laßt euch nicht wieder das
Joch der Knechtschaft auferlegen!” schreibt Paulus in Galater 5, Vers 1. Die Freiheit in der
persönlichen Zuwendung gehört zur Freundschaft. Diese Zuwendung kann nicht erzwungen
sein - nicht befohlen oder diktiert. Zur Freiheit in der Freundschaft mit Gott gehört es,
daß Jesus Christus uns Menschen durch seinen Tod am Kreuz von der Forderung Gottes
befreit, heilig und tadellos zu sein, bevor wir mit ihm in eine engere Beziehung treten
können. Der Weg zu Gott ist durch Jesus Christus freigeräumt und jeder Mensch kann
diesen Weg durch den Glauben an Jesus betreten.
148 Die Bibel für Menschen von heute ...

Einstehen für den anderen


”Ihr aber, liebe Brüder, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, daß ihr durch die
Freiheit nicht den gottfernen Mächten [orig. ”dem Freisch”] Raum gebt, sondern durch die
Liebe diene einer dem anderen.” (Gal 5,13) Dieses ”dem anderen dienen” kann vielfach
gefüllt werden. Wir haben hier an erster Stelle die Solidarität und das einstehen für den
anderen herausgegriffen. In Kapitel 6, Vers 2 schreibt Paulus die bekannten Worte ”Einer
trage die Last des anderen, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.” Also gehören zum
Dienst am anderen Menschen - dem Dienst am Freund auch:

Hilfe
Die persönliche und die tatkräftige Hilfe mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung
stehen. Dazu zählen Zeit, Geld, Macht, Einfluß, Worte, Taten ...

Einsatz und Verzicht


Lasten zu tragen hat immer in der ein oder anderen Weise mit Verzicht zu tun. Da ist
der Verzicht auf freie Zeit, der Verzicht auf Entfaltung, die vielleicht in dieser Zeit möglich
gewesen wäre. Es ist Verzicht auf Geld nötig, das jetzt für den Freund eingesetz wird. An
anderer Stelle fordert Paulus sogar den Verzicht auf das Recht: ”warum laßt ihr euch nicht
lieber Unrecht tun?” (Was nicht bedeutet, daß nicht Unrecht ein Unrecht bleibt, aber es
soll auf Gerichtsprozesse vor Ungläubigen verzichtet werden.)

Freundschaft bedeutet weiter:

Liebe
”Denn das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem (3.Mose 19,18):Liebe deinen
Nächsten wie dich selbst!” (Galater 5,14) Die Liebe ist immer wieder das Zentrum des
neuen Testaments. Und dabei geht es um Gottes heilige Liebe ... das wird von Paulus
in den nun folgenden Abschnitten im einzelnen dargelegt: ”Lebt im Geist, so werdet ihr
die Begierden der gottfernen Mächte [des Fleisches] nicht leben.” (Gal 5,16). Wir haben
die Verse 19 bis 23 aus Galater 5 schon vor Wochen angesprochen und greifen nun einige
wichtige Dinge heraus. Freundschaft bedeutet

Wahrheit
zwischen den Freunden. Die Freundschaft darf nicht auf Lügen oder Übertreibungen
aufgebaut sein und diese dürfen nicht darin vorkommen. Nur wenn man sich auf den
Freund oder die Freundin verlassen kann, wird die freundschaftliche Beziehung Bestand
haben. Paulus fordert in Galater 6,1 klar, in der Freundschaft klare und wahre Worte zu
finden, wenn der Freund oder die Freundin auf einem falschen Weg ist. Auch dieser Mut
zum klaren Wort gehört zur Freundschaft.

Vertrauen und Glaube


Vertrauen spielt eine wesentliche Rolle, wenn es um Jesus Christus geht. Glaube ist
ein Vertrauen, welches Konsequenzen in Gedanken, Worten und Taten hat. Paulus selbst
vertraut hier inmitten all seiner Ermahnungen den Christen in Galatien, wenn er schreibt:
”Ich habe das Vertrauen zu euch in dem Herrn, ihr werdet anders gesinnt sein.” Vertrauen
Roland Potthast 149

kann ermahnen, wird dann aber den Freund loslassen und ihm die Freiheit geben, selbst
zu entscheiden.

Geduld
Die Geduld eines Freundes ist besonders wichtig, wenn es Meinungsverschiedenheiten
oder Unklarheiten gibt. Gerade bei ernsthaften Unterschieden in Plänen oder Ansichten
kann es schnell Streit geben - und dann ist die Sanftmut und Geduld der Freundschaft
gefragt. Damit haben wir noch eine weitere wichtige Eigenschaft der Freundschaft:

Sanftmut (Friede)

Paulus nennt noch weitere wichtige Eigenschaften bzw. Verhaltens- oder Denkweisen.
Zur Freundschaft gehört die

Güte
”Darum, solange wir noch Zeit haben, laßt uns Gutes tun an jedermann, allermeist
aber an des Glaubens Genossen.” (Galater 6,10) .”..laßt uns Gutes tun und nicht müde
werden.” (Gal 6,9) .”..der gebe Anteil an allem Guten.” (Gal.6,6)
Die Güte gehört zur Freundschaft. Die Güte ist zuerst eine Einstellung, die aber dann
vielerlei Konsequenzen hat. Wer wird einen wahrhaft gütigen Menschen fürchten? Wer
wird einem Menschen Mißtrauen, der Gottes Güte ausstrahlt und verbreitet. Auch hier
sieht man allerdings, daß Geben allein nicht wesentlich ist, sondern der Geist, der in all
dem steckt und sich in der Güte ausdrückt. Zur Freundschaft gehört auch die

Freundlichkeit, freundliche Zuwendung


Wie wohltuend für die Seele kann ein freundliches Wort sein. Wie herzlich erfrischend
und belebend sind Zuwendung und Worte eines Freundes oder einer Freundin.

Treue
Die Treue macht die Freundschaft zu einer lebenslangen Beziehung, die auf Dauer und
Bestand angelegt ist. Treue läßt den anderen nicht im Stich, auch wenn es schwierig wird
oder Nachteile in Kauf genommen werden müssen. Treue gehört zu jeder Freundschaft
dazu.

Bescheidenheit
”Laßt uns nicht nach vergänglicher Ehre trachten, einander nicht herausfordern und
nicht beneiden.” schreibt Paulus in Galater 5,26. Und etwas später fügt er hinzu: ”Es
sei fern von mir mich zu rühmen als allein des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus
...” (Galater 6,14). Bescheidenheit bedeutet nicht, sich kleiner zu machen als man ist (und
damit unwahrhaftig zu werden). Sondern Bescheidenheit bedeutet, daß in der Freundschaft
eine wahre und gleichberechtigte Begegnung erfolgt, die nicht durch Neid und die Suche
nach Bestätigung durch Äußerlichkeiten belastet wird.
150 Die Bibel für Menschen von heute ...

4.5.3 Freundschaft, Wahrheit und Gott in dir


Das Thema Freundschaft und Wahrheit wollen wir in zwei wichtigen Aspekten weiter
ausführen.
A. Bei der Freundschaft mit Gott treffe ich auf Gottes Wesen!
B. Wahrheit im persönlichen Umgang muß sehr sorgfältig bedacht werden.

Lassen Sie uns zuerst den Punkt A angehen. Die Bibel läßt keinen Zweifel daran, daß die
Freundschaft mit Gott sofort auf seine Heiligkeit trifft und davon grundlegend beeinflußt
wird. Wir haben schon gelesen, wie Paulus uns auffordert: ”Lebt im Geist!” (Gal 5,16).
Der Geist Gottes möchte Menschen erfüllen und ”Wohnung in ihnen nehmen.” Das kann
er nur, wenn Menschen durch den Glauben an Jesus vor Gott heilig geworden sind. Und er
kann es nur insofern sich diese Menschen nicht wieder in Teilen oder im Ganzen den von
Gott gelösten Mächten hingeben. Aus diesem Grund haben die Ermahnungen des Paulus
einen nicht zu vernachlässigenden Stellenwert: lebt im Geist. Folgt nicht den gottfernen
Mächten, sondern laßt euch vom Geist erfüllen. Paulus bringt ein Bild, worin der Geist
mich und mein Leben führen und leiten will. Der Geist Gottes möchte sich gleichsam ”in
mir” ausbreiten und mich ganz in das Reich Gottes hineinwachsen lassen. Und ich habe
Anteil an diesem Wachstum durch die Entscheidungen, die ich täglich treffe. Ich kann z.B.
dem Zorn Raum geben oder dem Frieden, der aus dem Geist Gottes heraus wächst.
Der christliche Glauben mit all seinem Reichtum und seinen Schwierigkeiten hat damit
zu tun, daß Gott eben nicht mein Diktator, sondern mein Freund sein möchte. Er ist ein
heiliger und mächtiger Freund, der mich aber in seiner Macht nicht erdrückt, sondern zur
Entfaltung bringen möchte. Er ist ein Freund, der die Wahrheit ist und der Richter. Gott
weiß als Schöpfer, was dem Menschen zu einem gesunden und heilen Leben hilft. Und
doch will er mich mit seinem Wort nicht gängeln, sondern wirkliche Hilfe zu einem solchen
heilen Leben leisten.
Gottes erste und fundamentale Tat der Freundschaft ist die Erlösung von meiner zwin-
genden Verurteilung durch seine unbestechliche Gerechtigkeit. Jeder Mensch muß von dem
heiligen Gott verurteilt werden um seiner Bosheit, seines Neides, seiner Unwahrhaftigkeit
und Schlechtigkeit willen. Doch Gott, der Freund, hat diese Strafe auf sich selbst genom-
men durch seinen Sohn Jesus Christus. Wer das annimmt, ist frei und ”durch das Gericht
hindurchgekommen.”
Gottes Freundschaft sucht über das Kreuz Jesu hinaus die lebendige Gemeinschaft mit
jedem Menschen. Er möchte seinen Geist in den Menschen hinein senden und so diesen
Menschen zu einem Teil seines Lebens werden lassen. Das wird in den Bildern von den
Christen als Teil des Leibes Jesu Christi oder vom Geist Gottes, der Wohnung in einem
Christen nimmt, ausgedrückt. Diese Bilder werden zu lebendigen Erfahrungen bei allen
Menschen, die ernsthaft und beständig mit Jesus Christus unterwegs sind.

Punkt B: Wahrheit im persönlichen Umgang muß sehr sorgfältig bedacht werden.


Freundschaft braucht Wahrheit, das haben wir in Teil 2 festgestellt. Doch wie ist das
mit den Gedanken, Wünschen, Vorstellungen und dem ganzen Innenleben eines Menschen.
Bedeutet ”Wahrheit”, den Freund nun mit all dem zu konfrontieren, was in mir vorgeht?
Roland Potthast 151

Die Bibel stellt an vielen Stellen klar, daß der Mensch immer ein ”vor Gott gefallener”
Mensch ist und bleibt. Der Mensch ist nicht von sich aus ”gut”, er ist nicht ohne Neid,
ohne Lüge, ohne Heuchelei. Der Mensch ist nicht rein von sich selbst her. Darum muß
jeder Mensch sorgfältig mit der Wahrheit über sich selbst umgehen. Die Liebe zur Wahr-
heit muß sich mit der Fürsorge verbinden. Nicht jeder Unrat, der mir durch den Kopf
oder durch meine Gefühle geht, soll meinen Freund erreichen. Paulus verlangt eine gute
Portion Selbstdisziplin von uns Christen, wenn wir mit anderen Menschen - mit Freunden
- umgehen! Die meisten seiner Gebote dienen dazu, mich einerseits mit der ernüchternden
Wahrheit über mich zu konfrontieren und gleichzeitig dazu aufzurufen, mich bewußt davon
zu lösen und mich von Gott verändern zu lassen.
Ein wichtiges Beispiel ist der Zorn. Paulus ermahnt uns wiederholt, nicht dem Zorn
freien Raum zu lassen. Stattdessen soll der Grund des Zornes im sofortigen Gespräch mit
dem christlichen Bruder angesprochen und geklärt werden. Der Zorn ist zunächst einmal
die Wahrheit über meine Gefühle. Der Zorn ist die Wirklichkeit. Und dennoch soll diese
Wahrheit den Freund nicht ungefiltert erreichen - nicht kopflos und unbedacht. Ohne die
Wahrheit einzuschränken soll diese Wahrheit in einer hilfreichen, weiterführenden und
heilenden Weise angesprochen werden.
Man kann im Umgang mit der Wahrheit an zwei Seiten vom Pferd herunterfallen. Der
eine verheerende Fehler ist es, ”um der Liebe willen” die Wahrheit zu verschweigen. Das
kann und wird nicht funktionieren - und Gott macht uns im alten und neuen Bund auch
etwas ganz anderes vor. Die andere Seite, auf der man vom Pferd herunterfallen kann, ist
die ungefilterte und unbedachte Umgang mit der Wahrheit. Wer die Wahrheit allein um
der Wahrheit willen sagt, hat schon völlig Gott aus den Augen verloren. Gott sagt die
Wahrheit um des Freundes willen in sanfter und heilender Klarheit!
Es geht darum, die Wahrheit hilfreich und heilend, in voller Achtung und Zuwendung
zu sagen.

4.5.4 Wort beim Wein: Enttäuschungen mit Freunschaft


Wer Freundschaften eingeht und kennt, lernt auch die Enttäuschungen kennen, die tiefe
Beziehungen zu anderen Menschen mit sich bringen.
Enttäuschungen hängen mit Erwartungen zusammen, die wir an uns oder an andere
haben. Nur wo eine Erwartung ist, kann auch eine Enttäuschung kommen.
Welche Art von Enttäuschung haben Sie mit Freunden erlebt? Vielleicht haben Sie sich
an der einen oder anderen Stelle Treue erhofft - und sind dann im Stich gelassen worden.
Oder sie haben Wahrheit erwartet - und sind doch nur zum Teil eingeweiht gewesen oder
sogar belogen worden. Oder ein Freund hat sich abfällig vor anderen über Sie geäußert.
Solche und tausend andere Dinge können schmerzhafte Wunden hinterlassen. Ich selbst
bin voll von solchen Wunden, die ich immer klarer sehe, je länger ich mit Gott unterwegs
bin.
Unsere natürliche menschliche Reaktion bei Verletzungen und Enttäuschungen ist der
Rückzug und die Abhärtung. Wir erwarten dann gar nichts mehr - wir haben in diesem
oder jenem Bereich die Freundschaft aufgegeben.
Machen wir uns klar, daß die natürliche Reaktion zu einem Absterben von Beziehung
152 Die Bibel für Menschen von heute ...

in diesem oder jenem Bereich führt. Erwartungen in die Freundschaft eines Freundes oder
einer Freundin gehören zum Leben dazu - und die Erwartungen umfassen all das, was
Freundschaft ausmacht. Wir erwarten mit Recht eine gesunde und heile Beziehung! Wo
Leben ist, ist auch die Gefahr von Verletzungen da.
Ich kenne nur eine einzige Möglichkeit, in gesunder Weise mit den Verletzungen und
den Enttäuschungen von Freundschaften unzugehen. Es ist die Begegnung mit Gott selbst,
mit der Quelle des Lebens, der Liebe, der Freundschaft und aller Heilung, welche diese
Welt kennt. Bei Gott werden meine Enttäuschungen aufgefangen und geheilt. Bei Gott
selbst kann ich neue Kraft tanken und dann den Freunden im Frieden begegnen. Bei Gott
kann ich meinen Haß und meinen Zorn abladen. Gottes lebendige Kraft erfahre ich immer
und immer wieder gerade in Fragen der Freundschaft - persönlich und im Umgang mit
Christen, Gemeinden und christlichen Werken.

4.6 Der ganz alltägliche Wahnsinn ... - von Einheit und Vielfalt der
Gemeinde (Epheser 4)
4.6.1 Für Eilige: Der ganz alltägliche Wahnsinn ...
Das Zusammenleben von Menschen ist nicht immer einfach. Da reibt sich einer am ande-
ren, es gibt unterschiedliche Ziele, Vorlieben, Gewohnheiten. Einer versteht etwas so, ein
anderer anders, und schon bilden sich Gruppen und Fraktionen. Streit und Schwierigkeiten
gehören dazu, wo immer Menschen miteinander zu tun haben!
Gerade auch in der christlichen Gemeinde geht und ging es oft drunter und drüber.
Man ist wahrlich geneigt, da vom alltäglichen Wahnsinn zu reden. Die einen wollen etwas
Besonderes gelten, die anderen sind beleidigt, weitere lehnen Dritte grundweg ab, die einen
taufen auf diese, andere auf eine andere Weise. Wir sind mit unserer Kirche oder Gemeinde
bis heute nicht wesentlich weitergekommen seit Paulus an die Gemeinde in Ephesus schrieb.
Der Epheserbrief mit seinen Kapiteln zu Gemeinde spricht mitten hinein in unsere Zeit!
Wir werden heute von Gottes Reden über Gemeinde nachdenken. Wir fragen:
Gemeinde, was ist das eigentlich?
Wie steh ich persönlich in der Gemeinde?
Was ist m e i n e Rolle und Aufgabe?

Tipps für diese Woche:


1) Kennen Sie ein lebendiges Gemeindeleben, das nicht nur gelegentliche Gottesdienste,
sondern auch ein tägliches Leben in der Gemeinschaft von Christen kennt?
2) Kennen Sie I h r e Aufgaben in Gottes Reich? Kommen Sie diesen Aufgaben, mit
denen Gott Sie beschenkt hat, praktisch nach?

4.6.2 Was ist Gemeinde? Antworten nach Epheser 4


Gemeinde ... Paulus beschreibt in immer neuen Anläufen Kennzeichen und Leben der
Gemeinde, so wie Gott sie durch Jesus Christus berufen hat. ”Lebt so, wie Gott euch
gemacht und bestimmt hat”, schreibt Paulus in Epheser 4, 1+2. ”Lebt in Demut, Sanftmut
und Geduld.”
Roland Potthast 153

Demut, Sanftmut ... können wir das füllen? Wissen wir, wie wir dahin kommen können,
demütig und sanftmütig zu sein? Demut ist sicherlich nicht das Gegenteil von Mut, sondern
von Hochmut bzw. von Stolz. Demütig zu sein bedeutet, nicht stolz auf sich selbst und die
eigene Leistung oder Position zu sein. Der Demütige kann von sich aufblicken, um seine
Mitmenschen und Gott zu erkennen.
”Ertragt einer den anderen in Liebe.” sagt Paulus weiter. Ein solches Ertragen kann
und darf nicht beständig klagen und meckern ... wer jemanden in Liebe erträgt, der wird
still werden und zur Akzeptanz auch schwieriger oder unangenehmer Seiten des anderen
finden.
”Seid darauf bedacht, die Einheit im Geist zu bewahren durch das Band des Friedens.”
Mensch Paulus, ist man geneigt zu sagen. Wem sagst du das? Hättest du die heutige
Situation der Kirchen erlebt, wäre dir das Ermahnen vergangen. Wo ist die Einheit im
Geist? Wo ist das Band des Friedens? Doch die Ausführungen des Paulus haben ihre eigene
Kraft auch heute. Hören wir zu!
.”..ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu e i n e r Hoffnung eurer Berufung:
ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch
alle und in allen.” (Epheser 4,4-6)
Diese Ermahnungen gehen heute in die Situation von katholischer und evangelischer
Kirche, von verschiedenen Freikirchen, konservativen, evangelikalen, liberalen und charis-
matischen Gruppen und Gemeinden. Es ist an der Zeit, zur Einheit des Glaubens und zur
Einheit der Anbetung Gottes zurückzukehren! Es ist an der Zeit, e i n H e r r zu sagen.
E i n e Hoffnung auf Jesus Christus. E i n e Taufe, das Zeichen des gekreuzigten und
auferstandenen Jesus Christus. E i n himmlischer Vater, der uns ruft und beruft!

Paulus verläßt das Thema der Einheit der Gemeinde und widmet sich nun den Aufga-
ben und Fähigkeiten, die verschiedenen Menschen durch Gott gegeben sind. ”Einem jeden
ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi ...” (Epheser 4,7)
Paulus sieht die Gaben (Geschenke) Jesu an jeden einzelnen Menschen als individuelle
Gaben und Aufträge, wie wir sofort sehen werden. Die Gaben sind verschieden, es ist aber
e i n Ursprung der Gaben, das ist Christus, und es ist e i n e Kraft, das ist die Kraft
Jesu Christi. ”Und er [Gott/Jesus] hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten,
einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer ...” (Epheser 4,11) Paulus benennt
verschiedene Aufgaben:

Apostel waren die Gesandten und bevollmächtigten Vertreter Jesu. Sie hatten in der
Anfangszeit des Christentums im wesentlichen die Aufgabe, Gemeinden zu gründen und
Gemeinden zu leiten. Dabei galt ihr Wort weit über die Grenzen einer einzelnen Gemeinde
hinaus ... die Apostel waren die Säulen der ganzen weltweiten christlichen Gemeinde.
Propheten sind Menschen, die von Gott beauftragt waren, seine Worte und seine
Botschaften weiterzugeben. Im Neuen Testament war es allerdings nicht mehr die Auf-
gabe der Propheten, grundsätzliche Lehrfragen oder Gottes Wege mit der Menschheit
zu offenbaren. Diese Offenbarung war in Jesus Christus zu einer nicht zu übertreffenden
Vollendung gekommen. Nur in wenigen Ausnahmen - etwa im Leben des Paulus oder bei
der Offenbarung des Johannes, finden wir weitreichende prophetische Elemente auch im
154 Die Bibel für Menschen von heute ...

neuen Testament. Die Aufgabe der Propheten im neuen Testament war ansonsten we-
sentlich kleiner und praktischer: die einzelnen Gemeinden auf ihrem konkreten Weg zu
begleiten.
Evangelisten sind Menschen, die das Evangelium von Jesus Christus bekannt mach-
ten. In besonderer Weise hat Gott manchen Menschen diese Begabung und Aufgabe ge-
geben.
Hirten sind Menschen, welche eine Gemeinschaft von Christen leiten und mit allem
notwendigen versorgen konnten. Hirten - oder ”Pastoren” sind bis heute wichtige und
zentrale Figuren jeder Gemeinde.
Lehrer können anderen Menschen die Worte Gottes erklären und die Zusammenhänge
verständlich darstellen. Auch Lehrer sind sehr wichtig für die Versorgung und das Wachs-
tum der Gemeinde.

Paulus nennt auch das Ziel all dieser Begabungen: es geht darum, den ”Leib Christi”,
das meint die Gemeinschaft aller Christen, damit zu entwickeln und zu versorgen. Zentrales
Ziel ist ”die Erkenntnis des Sohnes Gottes” (Eph. 4,13) - also das Kennenlernen Jesu
Christi, des Lebendigen. Es geht darum, von der unendlichen ”Fülle Christi” zu nehmen
und reich beschenkt zu werden.

Schließlich widmet sich Paulus den ganz praktischen Auswirkungen der ”Erkenntnis
Christi.” Es ist Wahrhaftigkeit und Liebe. Es ist ein Leben, daß sich nicht an der Vergäng-
lichkeit der Welt orientiert, sondern an Jesus Christus.
”Zieht den neuen Menschen an!” schreibt Paulus in Eph 4,24. Den Menschen, ”der nach
Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit!” Das ist die Aufforderung, heilig
zu sein! Unfaßbar weitreichend beschreibt Paulus ein Leben, das schon heute viel von der
kommenden Welt Gottes, vom Reich Gottes, in sich trägt.

• ”Legt die Lüge ab!”

• ”Redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten!

• ”Stehlt nicht!”

• ”Arbeite für deinen Lebensunterhalt!”

• ”Redet kein faules Geschwätz!”

• ”Alle Bitterkeit, Grimm, Zorn, Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt
aller Bosheit.”

• ”Seid untereinander freundlich und herzlich. Vergebt einer dem anderen, wie auch
Gott euch vergeben hat in Christus.”

Die Worte des Paulus beschreiben ein Leben, wie Gott es in seiner Gemeinde ha-
ben möchte. Wenn wir auch nur im kleinsten Anfang etwas davon realisieren, so werden
sich unser Leben, unsere Familien, unsere Freundschaften und Bekanntschaften, unsere
Roland Potthast 155

Arbeitswelt, und unsere Gemeinden so grundlegend verändern, daß wir überrascht und
überwältigt sein werden.
Lassen Sie uns die Zeilen nicht wieder unbeachtet an uns vorüberziehen lassen! Gottes
Worte möchten uns tief ins Herz fallen, den Verstand und unseren Willen durchdringen,
und heute ”Geburt Jesu” lebendig werden lassen - Gottes Nähe in mir und Jesu Friede
mitten in meinem Alltag und meinem Leben!

4.6.3 Vollmacht und Auftrag durch Gott?!


Wir haben eben gelesen, daß Gott Menschen zu bestimmten Aufgaben begabt und beruft.
Das sind die Worte des Paulus über die Gemeinden im ersten Jahrhundert nach Christus
und das neue Testament läßt keinen Zweifel daran, daß dies der Weg der christlichen
Gemeinde bis heute ist und bleibt.
Verschiedene Fragen entstehen nun, wenn es um die konkreten Aufgaben und Beru-
fungen bis heute geht.

• Wie erkennt man eine Berufung?

• Wie wird die Berufung in der Kirche oder den Gemeinden anerkannt oder nachvoll-
zogen?

• Gibt es in einer konkreten Gemeinde die Möglichkeit, das die Mitglieder ihre Beru-
fungen entfalten?

Ein aktuelles Problem sieht wie folgt aus: In den Kirchen hat sich im Laufe der Zeit
ein ausgeklügeltes System von Ämtern entwickelt, die auf die biblischen ”Ämter” bzw.
Aufgaben zurückgeführt werden. Auch in verschiedenen Freikirchen gibt es starke Ämter-
Lastigkeit des Berufungs- bzw. Aufgabenverständnisses. Oft scheinen Ämter ohne Rück-
sicht auf die persönliche Berufung Gottes vergeben zu werden. Und die Amtsinhaber wer-
den nicht durch eine lebendige Gemeinde aufgefangen, ergänzt und korrigiert.

Wir wollen einige Eckpunkte des Berufungsverständnisses des Neuen Testaments fest-
halten:

1. Im Neuen Testament sind die Gaben Christi und auch die Aufgaben über die ganze
Gemeinde verteilt. Die Gemeinde wird immer als Ganzheit, als eine Einheit, be-
griffen. Jeder hat s e i n e Gaben und Aufgaben - und nur wenn alle gemeinsam
füreinander arbeiten, kann der ”Leib Christi” gesund leben.

2. Gaben sind Geschenke Jesu an einen einzelnen Menschen. Sie sind auf die Gemein-
schaft bezogen, sollen der Gemeinschaft in Demut dienen und können sich nur in
diesem Dienst wirklich entfalten.

3. Menschen sollen ihren Dienst in der Vollmacht Gottes tun. Gott steht mit seiner
ganzen Macht und seinen Möglichkeiten hinter dem einzelnen Diener, den er selbst
156 Die Bibel für Menschen von heute ...

begabt und mit dem er seinen Weg geht. Ein solcher Weg kann schwer sein und kann
viel Widerstand beinhalten. Darum ist es um so wichtiger, die Berufung Gottes klar
verstanden zu haben und sich der Aufgaben gewiß zu sein.

4. Die Aufträge und Begabungen Gottes stehen immer im Gesamtzusammenhang des


neuen Testaments. Seine Gaben können natürlicher oder übernatürlicher Art sein -
sie können ganz unterschiedliche Prägungen haben. Stets aber werden Sie Menschen
mehr von der Liebe, Wahrhaftigkeit und Sanftmut Jesu Christi lehren und Menschen
zu Jesus Christus hinführen.

5. Das neue Testament läßt keinen Zweifel daran, daß die Teilnahme an Gottes Kraft
durch Begabungen (damit sind auch die Gaben des heiligen Geistes gemeint, die
sogenannten Charismen) und konkrete Aufgaben für jeden Menschen der Gemeinde
ein neutestamentliches und lebendiges Prinzip Gottes sind. So geht Gott mit uns
Menschen um - wir sind zu Kindern, zu Söhnen und Töchtern berufen, und wir sind
begabt und beauftragt, in Gottes Namen zu reden und zu handeln.

Wir dürfen auch heute mit Gottes Berufung rechnen. Wir dürfen diese Berufung Got-
tes, die sich in geistlichen Gaben und menschlichen Begabungen äußert, an anderen Men-
schen erleben und für uns selbst ernst nehmen.

4.6.4 Wort beim Wein: Laß dich berufen!


Gott beruft jeden Christen zu seinen ganz persönlichen Aufgaben. Darum können und
sollen wir weitergeben:

Laß dich von Gott berufen!

Das ist eine Aufforderung und Ermutigung Gottes für Sie und mich heute. Ein Leben in
der Berufung wird uns in der Nähe zu Jesus Christus wachsen lassen. Wir werden erfahren,
daß wir auf diese Weise Gott besser und besser kennenlernen!

Laß dich von Gott berufen!

Gottes Berufung ist zuerst die zu einem Leben im Glauben an Jesus Christus. Es ist
die Berufung zur Liebe, Wahrheit und Sanftmut Jesu, zu seiner Geduld, seiner Reinheit,
seiner Konsequenz und Ehrlichkeit.

Laß dich von Gott berufen!

Gottes Berufung besteht in seinen Geschenken, die er Dir persönlich mit auf den Weg
gibt. Gottes Gaben können natürlicher oder übernatürlicher Natur sein. Sie werden stets
dazu helfen, andere Menschen zu beschenken und andere näher zu Jesus Christus zu
bringen. Es wird eine Entfaltung in der Liebe und Wahrheit Gottes sein.

Laß dich von Gott berufen!


Roland Potthast 157

Lerne es täglich neu und täglich mehr, Gottes sanfte und klare Stimme zu hören. In
der Bibel, in den Worten anderer Christen, in Taten und Ereignissen zeigt sich Gott und
redet mit uns an jedem Tag. Seine Güte ist jeden Morgen neu!

4.7 Wie steht es um deinen Charakter ...? - Vom alten und neuen Men-
schen (Epheser 4+5)
4.7.1 Für Eilige: Charakter ...
Charakter ... das ist die Art, wie ein Mensch ist, wie er sich verhält, wie er redet, handelt,
arbeitet, fühlt, entscheidet ...
Charakter ist mehr. Charakter ist die Art, in der ich andere Menschen behandle. Cha-
rakter meint die Art, in der ich mein Leben gestalte.
”Der hat Charakter!” sagt man über manche Menschen. Und man spricht von gu-
tem oder üblem Charakter, von einer guten oder schlechten Art, mit sich und anderen
umzugehen.
Wie steht es um deinen Charakter? So fragt das Thema unseres heutigen Bibelsemi-
nars. Wir werden uns damit beschäftigen:

• was die Bibel zum Thema Charakter zu sagen hat,

• was der Glaube an Jesus Christus mit unserem Charakter zu tun hat,

• wie Gott meinen Charakter verändert,

• wie ich selbst meinen Charakter prägen kann und ihn zwangsläufig präge,

• was Gott zu Charakter beim Zusammenleben von Mann und Frau sagt.

Es wird persönlich heute, aber auch tiefsinnig beim Thema: ”ich und mein Charakter”.

Tipps für diese Woche:


1) Was haben Sie für einen Charakter? Ist es ein ehrlicher Charakter, ein schmeicheln-
der, ist Ihr Charakter angepaßt, eigen, selbstbezogen, gutherzig, unbeteiligt, empfindlich?
Sind Sie opportunistisch? Vielleicht erfolgsorientiert? Was macht Ihren Charakter aus?
2) Fragen Sie einmal Gott, was er zu Ihrem Charakter denkt und zu sagen hat! Fra-
gen Sie im Gebet ganz direkt und persönlich. Und dann lassen Sie Gott heran an Ihren
Charakter ... es lohnt sich!

4.7.2 Was bildet meinen Charakter?


Charakter, wie komm ich eigentlich dazu? Wie kam es zu meinen Eigenheiten? Warum
bin ich so, wie ich bin?
Die Frage nach dem, was mich, mein Sein und mein Verhalten, bestimmt, ist komplex
und hat viele Dimensionen und Aspekte. Wir nennen einige davon.
158 Die Bibel für Menschen von heute ...

A. Wissenschaftlich untersuchte Fragen


Die Medizin und Biologie untersucht die physiologischen und genetischen Grundlagen
meines Körpers und damit auch die biologisch-medizinischen Gegebenheiten, die mich als
Mensch und die meinen Charakter ausmachen.
Die Psychologie fragt nach den psychischen Bestandteilen meiner Seele und meines
Geistes. Viele Aspekte meines Charakters sind Reaktionen und Ergebnisse meiner Ver-
gangenheit, wurden herausgebildet durch Kindheit und die Erfahrungen meines Lebens.
Die Soziologie fragt nach den gesellschaftlichen Umständen, in denen sich Charakter
ausbildet und die ich durch Charakter mit beeinflusse.
Die Pädagogik fragt, wie man Charakter durch Bildung und Erziehung prägen und
ausbilden kann.
Eine etwas andere Perspektive prägt den folgenden Gedanken: Charakter hat Auswir-
kungen auf meine wissenschaftliche Arbeit, auf die Art, in der ich Fragen und Probleme
angehe und löse. Ob ich einführende Bücher schreibe, ob man von mir wissenschaftliche
Durchbrüche und Kreativität erwarten kann, oder ob ich verschiedene Fachgebiete zusam-
menführe, hat mit meinem Charakter zu tun.

B. Persönliche Beziehungen privat und beruflich


Bekannte, Kollegen und Freunde werden bei der Frage nach dem Charakter die persönli-
chen Beziehungen, gemeinsame Unternehmungen und Gespräche, im Vordergrund sehen.
Wie begegne ich ihnen und was prägt ihr Verhältnis zu mir. Charakter ist dabei eine
wesentliche Variable!
Charakter hat einen Einfluß darauf, ob meine Worte und mein Verhalten verläßlich
ist. Mein Charakter wird mein Verhalten in vielen Situationen bestimmen - angefangen
bei der Sorgfalt, mit der ich meine Arbeit und Aufgaben erledige bis hin zur Treue und
Rücksicht, mit der ich andere behandele.

C. Gottes Sicht meines Charakters


Gottes Sicht meines Charakters umfaßt alle angesprochenen Punkte. Gottes Analyse
und Sicht meines Charakters geht allerdings weit tiefer, als die wissenschaftlichen und
persönlichen Beobachtungen es könnten.
Gott sieht nach dem neuen Testament zunächst einmal tief hinein in die Abgründe
meines Charakters. Es heißt da: kein Mensch konnte gerecht und gut leben, nicht einer
von ihnen! (siehe z.B. Römerbrief, Kapitel 3, Vers 20ff) Gott sieht zuerst einmal den
”Bankrott” meines Charakters, wenn es um ein Leben im Bezug auf die Quelle des Lebens
geht. Gottes Reaktion auf mein Versagen ist die konkrete Hilfe. Durch Jesus Christus
reagiert Gott auf die Schwierigkeiten, die ich mit meinem Charakter habe - mit der Art,
wie ich bin. Jesus nimmt die Versäumnisse meines Charakters auf sich! Jesus heilt dadurch
meinen Charakter.

Das neue Testament geht von den folgenden Grundtatsachen aus, in denen es um
meinen Charakter geht:
Erstens: ich selbst kann mich nicht ohne Gottes Eingreifen verändern. Ich bin gefangen
durch die ”Mächte dieser Welt”, durch ”die Sünde”, d.h. durch Mächte und Zustände, die
von Gott entfernt, entfremdet und getrennt sind.
Roland Potthast 159

Zweitens: wenn Gott mich befreit, werde ich verändert und erneuert. Gott heilt und
heiligt mich und mein Leben. Ich bin schon heilig und gerecht vor Gott, ohne mein Tun
und ohne meinen Charakter. Dann: Gott bildet und formt mich und meinen Charakter
durch seinen heiligen Geist und seine umfassende Macht. Diese Befreiung geschieht ”durch
den Glauben an Jesus Christus”!
Drittens: ich bin aktiv beteiligt an der Bildung meines Charakters. Ich bilde meinen
Charakter täglich durch meine Entscheidungen, meine Gedanken, Worte und Werke. Ich
bin selbst gefordert, meinen Charakter nach Gott auszustrecken und von Gott formen zu
lassen unter meiner aktiven Mithilfe.

4.7.3 Charakter in Epheser 4 und 5


Die Worte des Apostels Paulus im Brief an die Epheser, Kapitel 4 und 5, stehen auf dem
Hintergrund der Situation unseres Charakters, wie wir ihn im zweiten Abschnitt dargestellt
haben.
”So sage ich nun [...], daß ihr nicht mehr leben dürft, wie die Heiden leben in der
Nichtigkeit ihres Sinnes.” (Eph.4,17)
Paulus sieht den Charakter und die Ausrichtung von Menschen, die von Gott entfrem-
det sind und wenig über Gott wissen, den ”Heiden.” Und Paulus fordert von den an Jesus
Christus glaubenden Menschen (den ”Christen”), daß sie anders leben. Dabei geht es um
bewußte Entscheidungen von Menschen mit freiem Willen. Es geht um die Prägung des
eigenen Lebens und des eigenen Charakters durch Entscheidungen und Taten.
”Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch
betrügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn
und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit
und Heiligkeit.” (Eph.4,22-24)
Paulus setzt voraus, daß Gott schon die Veränderung unseres Charakters vorbereitet
hat. Der ”neue Mensch” ist schon geschaffen - wir müssen ihn nur noch ”anziehen.” Dieses
Bild beschreibt die Situation des Menschen zwischen der Macht Gottes, die allein unsere
Veränderung bewirken kann, und der Rolle des eigenen Willens, mit dem ich selbst durch
meine Entscheidungen die Veränderungen mit herbeiführe.
Paulus beschäftigt sich nun mit den inhaltlichen bzw. qualitativen Bestandteilen des
Charakters. Wie sieht denn g u t e s Denken und Handeln aus? Paulus beschreibt das ganz
konkret und wir haben schon viele male einige Aufstellungen solcher Verhaltensweisen
durchgesprochen. Da ist stets an erster Stelle die Wahrheit: ”legt die Lüge ab!” (Eph.4,25)
Wir wollen hier noch einmal die Situationsbeschreibung des Paulus ins Auge fassen, mit
der er den Menschen zwischen Gut und Böse beschreibt. Paulus und das neue Testament
kennen verschiedene Formen, in denen sich ”das Böse” zeigt und uns begegnet:
- Das Böse begegnet mir in Form meiner Natur und meines natürlichen Charakters,
der von Gott entfremdet ist. Mein Neid, meine Ziele und meine Worte sind nicht so, wie
sie sein müßten vor dem heiligen Gott.
- Das Böse begegnet mir in Form der Ignoranz anderer Menschen, die mir nicht in
Freundlichkeit und Liebe begegnen. Das Böse begegnet mir aber auch in der Form meiner
eigenen Ignoranz, der ich nicht besser bin als die anderen und die anderen auch nicht liebe
160 Die Bibel für Menschen von heute ...

und ihnen nicht mit einer tiefen und wahrhaftigen Freundlichkeit entgegengehe.
- Das Böse begegnet mir in Form von Zuständen oder Verhältnissen, die mich von der
Entfaltung und Entwicklung abhalten. Das können familiäre Zwänge sein, gesellschaftliche
Strukturen, meine Situation am Arbeitsplatz oder sogar meine Beziehungen im Bekannten-
oder Freundeskreis. Solche Zustände können Armen und Reichen entgegenstehen, Jungen
und Alten, Intelligenten und Dummen!
- Das Böse begegnet mir in der Person des ”Teufels” oder ”Satans.” Das ist ein gei-
stiges Wesen, ein ”gefallener” (d.h. von Gott entfremdeter) ”Engel”, der die größte und
bestimmende Macht in dieser Welt ist und der - direkt und indirekt - Einfluß auf mein
Denken, mein Leben und meine Entscheidungen gewinnen möchte.
Paulus fordert uns auf, nicht ”Gemeinschaft zu haben mit den Werken der Finsternis”
(Eph.5,11) Es ist in seinen Augen unsere Aufgabe, in eigener Verantwortung hier Entschei-
dungen zu treffen und selbst zu wählen. Einen Augenblick später geht er sogar so weit,
zum Aufwachen aufzufordern, ja zum ”Lebendig-Werden”:
”Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuch-
ten.” (Eph. 5,14)
Auch hier liegt wieder eine neutestamentliche Situationsbeschreibung zugrunde, die
vom Evangelium des Matthäus bis zur Offenbarung durchgehalten wird: die Menschen ohne
eine lebendige Verbindung zu Gott werden als ”tot” bezeichnet. Erst duch den Glauben
wird ein Mensch ”neu geboren” (vgl. Evangelium des Johannes, Kapitel 3).
Und wieder geht Paulus auf den Charakter ein, wenn er in Epheser 5,18 vor dem
unmäßigen Alkoholgenuß warnt. Das ”unordentliche Wesen”, wie es Luther übersetzt, das
ist der Charakter des Menschen. Auch hier sehen wir wieder viele kleine Entscheidungen,
die dann den Charakter bestimmen und zentralen Einfluß auf das Leben eines Menschen
haben. Diese Warnung ist nur eine unter vielen - der Ermahnung zur sorgfältigen

Zeiteinteilung und Zeitplanung


für den modernen Menschen zwischen Job, Familie, Freunden und Freizeit und Ge-
meinde sicherlich eine wichtige Sache! Paulus schätzt die

Musik
”Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und
spielt dem Herrn in eurem Herzen.” Das kann ganz klassisch mit Streichinstrumenten oder
Klavier sein, aber auch mit Orgel in dicken Kirchenmauern, mit Band, E-Gitarren und
Keyboard in großen Arenen, in der kleinen Gemeinschaft zu Hause oder in den Haus- und
Bibelkreisen ... wo immer es um ein Leben im Geist Jesu Christi geht!
Schließlich widmet sich Paulus dem

Leben von Mann und Frau und der Familie


Die letzten Passagen des Epheserbriefes sind heiß diskutiert und heftig umstritten in
und außerhalb der christlichen Gemeinschaft. Redet Paulus da aus der Situation seiner
Zeit heraus? Oder orientiert er sich an zeitlosen Dingen (der ”Schöpfungsordnung”) - an
der Art, wie der Mensch in Mann und Frau geschaffen ist?
Die westliche Gesellschaft hat die Fragen längst auf ihre Art beantwortet: keine Unter-
ordnung von irgendwem unter den anderen, sondern ”gleiche Rechte” und ”Gleichheit in
Roland Potthast 161

allem für Mann und Frau.” Die Gleichheits- und und Freiheitsprinzipien unserer Gesell-
schaft sind in vielen Dingen sehr nah an den Geboten Jesu für seine Nachfolger: Ich bin
euer Meister, ihr aber seid a l l e B r ü d e r!
Gleichzeitig aber vergißt unsere Gesellschaft in vielem, daß nur in der Hingabe an
Gott und der persönlichen Aufgabe des ”alten” Wesens durch den Glauben an Jesus
Christus Menschen wirklich lebendig werden können. Es geht eben nicht um eine falsch
verstandene Souveränität des von Gott gelösten Menschen, sondern um die Souveränität
des Gott vertrauenden und sich Gott anvertrauenden Kindes Gottes.
Erst auf dem klaren Verständnis und Hintergrund, daß Mann und Frau in der kindlich
vertrauenden Beziehung zu Gott leben, macht im biblischen Sinne die Frage nach dem
Verhältnis von Mann und Frau und ihren ganz spezifischen Fähigkeiten und Aufgaben in
der Ehe Sinn. Erst wenn sowohl Mann aus auch Frau sich von der Liebe Gottes erfüllen
lassen, können wir uns auf die Suche nach der Bedeutung der Worte des Paulus machen:
”Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist,
[...]”(Eph.5,23) Diese Beziehung zwischen Mann und Frau in der Abhängigkeit beider von
Gott kann und wird nie zu einer irgendwie gesellschaftlich sanktionierten oder unterstütz-
ten Unterwerfung der Frau unter den Mann führen, sondern im Gegenteil zur Entfaltung
beider Partner in ihren geschlechtsspezifischen Besondernheiten.
Um es noch einmal ganz klar zu sagen: wo immer in der Geschichte Christen oder
die Kirche das Patriarchat - die Herrschaft von Männern über Frauen - unterstützt oder
gefördert haben, sind sie verhängnisvollen Mißverständnissen des neuen Testaments auf-
gesessen und haben tiefe Schuld vor Gott auf sich geladen! Wo immer Christen oder
die Kirche die ungebundene Emanzipation fordern, verlassen sie den Weg Jesu, der zu-
erst in der Selbstaufgabe und Unterordnung bestand: ”Seid so unter euch gesinnt, wie es
auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: [...] entäußerte sich selbst und nahm
Knechtsgestalt an, [...] er erniedrigte sich selbst ...” (Philiper 2,5ff). Im Angesicht blinder
Unterordnungsforderungen von Teilen der Kirchen in der Geschichte und bis heute kann
man allerdings die Rebellion vieler Frauen und vieler Männer unterschiedlichster Positio-
nen gut verstehen, die sich gegen den Mißbrauch der Worte Jesu aus machtpolitischem
Unverstand sperren und einen eigenen, dem lebendigen Jesus angemessenen und nahen
Weg suchen.

4.7.4 Wort beim Wein: ”Be different - sei anders!”

Der Epheserbrief kann uns ermutigen, gemeinsam mit anderen den ”Weg Jesu” zu gehen:

Be different - sei anders!

Dies ist die Aufforderung und Ermutigung, einen Charakter zu bilden, der dem leben-
digen Jesus Christus nahe ist. Gott möchte uns auch heute erfüllen und prägen in seiner
freundlichen Art.

Be different - sei anders!


162 Die Bibel für Menschen von heute ...

Laß dich nicht von den Wertmaßstäben deiner Mitmenschen zu sehr prägen, sondern
sieh, wie Gott ist und wie stark seine heilige Liebe dich verändern und erfüllen kann und
will.

Be different - sei anders!

Folge nicht den Schlagworten und Werbesprüchen deiner Zeit. Die ”schnellste Innova-
tion” - die ”populärste Sängerin” - die ”größte Datenbank” ... das sind nicht Gottes Wege!
Gerade die christlichen Gedanken, Werbesprüche und Aktionen müssen auf andere Weise
werben ... mit etwas Charakter.

Be different - sei anders!

Setze deine Ziele nicht durch geheime Absprachen, Beeinflussung, persönliche Geldmit-
tel oder durch Ausnutzung von Freundschaften durch. Sei ehrlich mit anderen Menschen
und fair deinen Konkurrenten gegenüber.

Be different - sei anders!

Gestalte dein Leben in der Gemeinschaft mit Jesus Christus. Nimm Jesus als den heute
Lebendigen ernst, du wirst seine Gegenwart erfahren und seinen Frieden kennenlernen. Er
wird dich durch seinen heiligen Geist in jedem Einzelpunkt lehren und dein Leben in guter,
gesunder und weiterführender Weise prägen.
Hab den Mut, heute und an jedem Tag neu dein Leben, deine Gedanken, Worte und
Werke, deinen Charakter und dein Wesen gestalten zu lassen von dem lebendigen Gott,
Vater, Sohn und heiligem Geist!

Be different - sei anders!

4.8 Durchsetzungsfähigkeit gefragt ... - die geistliche Waffenrüstung


(Epheser 6)
4.8.1 Für Eilige: Situationsanalyse
Was ist die Situation eines Menschen zwischen anderen Menschen, zwischen Gott und den
Mächten dieser Welt?
Wir haben im Seminar schon viel vom Verhältnis eines Menschen zu Gott gesprochen,
von der Rolle Jesu, von menschlicher Schuld und Vergebung. Immer wieder sind wir auf
die unfaßbar tiefe Liebe Gottes gestoßen. Wir haben aber auch die Schwierigkeit kennenge-
lernt, diese Liebe Realität werden zu lassen in unserem Leben, unserem Alltag, in Familien
und Gemeinden, Freundschaften und Partnerschaften.
Heute wird es um die Durchsetzungsfähigkeit dieser Liebe Jesu Christi gehen: Durch-
setzungsfähigkeit gefragt! Mit der ”geistlichen Waffenrüstung” redet der Apostel Paulus
davon, in welchen Konflikten ein Christ steht. Und er beschreibt Schutzmechanismen und
Möglichkeiten eines an Gott orientierten Umgangs mit den verschiedenen menschlichen,
Roland Potthast 163

weltanschaulichen, knallhart machtpolitischen oder sogar kriegerischen Konflikten, die uns


beständig begegnen.

Tipps für diese Woche:


1) Machen Sie sich einmal Gedanken darüber, wie ihr persönlicher Umgang mit Kon-
flikten aussieht. Weichen Sie Konflikten eher aus? Lösen Sie Konflikte? Wenn ja - w i e
lösen sie Konflikte? Mit Gewalt? Durch Gespräch und Diskussion?
2) Welche tiefen geistlichen Konflikte in dieser Welt (in Deutschland heute) können Sie
erkennen? Sehen Sie die Wurzeln der Konflikte? Was bewegt die Konfliktparteien? Welche
Wege Jesu gibt es für den Umgang mit den Konflikten?

4.8.2 Die geistliche Waffenrüstung nach Epheser 6


Mit der geistlichen Waffenrüstung begegnet uns ein wichtiger Abschnitt des Epheserbrie-
fes. Und doch kann er auch schnell mißverstanden werden und ruft unterschiedlichste
Reaktionen herauf. Wir wollen in diesem Abschnitt zunächst einmal lesen und verstehen.
Unter Abschnitt 3. werden wir dann die verschiedenen kontroversen Fragen aufgreifen.
”Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke.” (Eph.6,10) schreibt Paulus.
Die Macht Gottes ... die Stärke Gottes ... Menschen aller Jahrhunderte hatte ihre Schwie-
rigkeiten damit, diese Macht zu verstehen und einordnen zu können. Warum scheint Gott
in vielem nicht einzugreifen? Wie kann man die offensichtliche Schwäche Jesu verstehen,
der elend an das Kreuz geschlagen wird? Wie soll man stark sein in der Macht Gottes? Ist
der Weg Jesu seine Stärke?
Paulus fährt fort: ”Zieht die Waffenrüstung Gottes an, damit ihr gegen die listigen
Anschläge des Teufels bestehen könnt.” (Eph.6,11) Wir werden diese Waffenrüstung sofort
im Detail kennenlernen. Hier ist zunächst die Beschreibung der Situation hochinteressant.
Der Teufel ist lebendig und jeder Mensch muß mit seinen ”listigen Anschlägen” rechnen.
Was ist das für eine Weltsicht, aus der Paulus hier schreibt und argumentiert. Wir werden
das in Abschnitt 3 noch einmal aufgreifen. Hier halten wir nur fest: Paulus argumentiert auf
der Basis einer physischen und einer geistigen Welt. Konkret schreibt er zur Erläuterung:
”Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und
Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den
bösen Geistern unter dem Himmel.” (Eph.6,12)
Von den Herren der Welt wird im neuen Testament an ganz unterschiedlichen Stellen
gesprochen. Jesus selbst sagt, daß sein Reich ”nicht von dieser Welt” sei. Es steht ”der
Welt” entgegen, und wächst doch mitten darinnen. Wir werden uns mit diesem Verhältnis
gleich noch weiter beschäftigen.
”Ergreift die Waffenrüstung Gottes ...” schreibt Paulus, ”damit ihr an dem bösen Tag
Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt.” (Eph.6,13) Was
bedeutet dieses ”das Feld behalten”? Was bedeutet das ”Überwinden” des Bösen? Es geht
Paulus nicht um einen Kampf mit gleichen Mitteln. Es geht nicht um einen Krieg Panzer
gegen Panzer, um Macht gegen Macht im weltlichen Sinn. Ganz klar stellt Jesus das durch
seinen Satz: ”Überwindet das Böse durch das Gute!” sowie durch das Gebot ”Liebe deine
Feinde!”
164 Die Bibel für Menschen von heute ...

Nun können wir die Rüstung Gottes im Detail kennenlernen.

1. An den Hüften der Gürtel der Wahrheit

2. umhüllt vom Panzer der Gerechtigkeit,

3. mit den Stiefeln der Bereitschaft, für das Evangelium des Friedens einzutreten, das
ist ein offener und evangelistischer Lebensstil,

4. ausgestattet mit dem Schild des Glaubens. Der Glaube kann wie ein Schutzschild
benutzt werden, um die ”feurigen Pfeile des Bösen” auszulöschen. Glaube: das Ver-
trauen in Jesus Christus, die Bereitschaft zu Entscheidungen, der Weg in vertrau-
ensvoller Nachfolge.

5. Schutz bietet auch der Helm des Heils. Dieser Helm ist die Gewißheit um die Liebe
und Zuwendung Gottes, gerade auch wenn man in schweren Situationen steckt. Der
Helm des Heils ist gefüllt mit der Befreiung und Heilung, die Gott meiner ganzen
Person schenkt.

6. Die einzige offensive Waffe des Christen ist das Schwert des Geistes, ”welches ist das
Wort Gottes”. Die von Gott gesprochenen und weitergegebenen Worte haben eine
ungeheure Macht bis heute. Diese Macht dürfen wir erfahren und auf unserem Weg
in Anspruch nehmen.

7. Schließlich gehört zur Waffenrüstung Gottes das beständige Gebet, das dringende
und drängende Flehen ”im Geist” für ”die Heiligen”, d.h. für die anderen Christen.

Die Worte des Paulus sind Ermutigung und Aufforderung in einem. Lebt mit dieser
Waffenrüstung, schreibt er drängend an die Gemeinde in Ephesus. Macht Erfahrungen mit
den Waffen Gottes! Wir dürfen uns bis heute diese christlichen Waffen ergreifen und uns
zu eigen machen.

• Wir dürfen in unseren Worten ganz wahrhaftig werden.

• Wir dürfen durch den Glauben an Christus gerecht werden und dürfen diese Gerech-
tigkeit auch ganz praktisch in unserem Leben umsetzen.

• Wir dürfen offen unseren Glauben bekennen.

• Wir dürfen durch den Weg des Glaubens die vielen Anfechtungen ergreifen und ihnen
beherzt begegnen - nicht in Flucht oder Angst vor Argumenten, Worten, Artikeln
oder Polemik, sondern offen und ausgestattet mit der Weisheit des Geistes Gottes
und der intellektuell soliden Grundlage des christlichen Glaubens.

• In den Schwierigkeiten des Lebens dürfen wir unseren Glauben bewahren durch die
Gewißheit, daß Gott auch von den Toten erweckt und uns halten wird.

• Wir dürfen selbst aktiv werden und mit dem Wort Gottes Menschen begegnen,
Menschen zu Jesus Christus rufen und im Glauben wachsen lassen.
Roland Potthast 165

• Und wir dürfen im Gebet beständig Gemeinschaft mit Gott pflegen und erleben.
Gott will den Weg des Lebens gemeinsam mit uns gehen - in einer ernsthaften,
tiefen und lebendigen Beziehung.

4.8.3 Was ist Sache? Kontroverse Themen!


Nicht wenige Sachfragen unseres heutigen Abschnitts sind umstritten - werden oft kontro-
vers diskutiert und führen zu Mißverständnissen und manchmal auch zu Verleumnungen.
Worum geht es? Drei Punkte:
a. Wie sieht die Situation dieser Welt aus? Gibt es den Satan, den Teufel? Für vie-
le Menschen ist dieses Wesen eine Sagengestalt und hat in einem aufgeklärten Zeitalter
nichts zu suchen. ”Das Böse” wird eher als Entgleisung vom Guten betrachtet ... meist in
abstrakter Weise. Das personalisierte Böse - eine lebendige Person ”Satan” kennt das mo-
derne Weltbild nicht. Parallel zu den geschilderten weltanschaulichen Dingen gibt es eine
wachsende Gruppe von Menschen, die sich mit esoterischen, astrologischen oder sonstigen
”geistigen” Welten und Mächten beschäftigt. Viele dieser Menschen in Deutschland oder
auch in anderen Staaten (Industriestaaten wie Japan oder vielen Entwicklungsländern)
erleben die geistige Welt als real und machtvoll.
Weiter verwickelt wird diese Situation durch viele Vorurteile und Miß-Urteile, die Men-
schen über andere haben, welche die geistige Welt ernst nehmen. Christen werden schnell
als ”konservativ” oder ”fundamentalistisch” empfunden oder bezeichnet, wenn sie mit der
Macht geistiger Mächte oder Wesen rechnen. Eine unvoreingenommene Haltung und eine
offene Auseinandersetzung mit den Fragen und Zusammenhängen ist wichtig und notwen-
dig!
b. Machtfragen werden mit der Machtpolitik der großen Kirchen (oder in kleinen Kir-
chen mit den negativen Erfahrungen mit manchen Leitern) verbunden. Zu schnell geht es
den Kirchen um ihren Einfluß, ihren Bekanntheitsgrad, die Anzahl ihrer Mitglieder, die
Schönheit ihrer Kirchen, die Durchsetzungsfähigkeit ihrer Dogmen und Beschlüsse. Ganz
anders aber ist die Macht, von der Paulus und Jesus reden: die Macht der Wahrheit und
Liebe, der Hingabe und konsequenten Hilfe für andere. Gerade auch die Kirchen müssen
sich und ihre Institutionen immer und immer wieder vor das Kreuz Jesu legen und dort
ganz klein werden.
c. Das Wort Gottes wird von vielen Menschen benutzt und genutzt. Das ist aber leider
nicht immer im Sinne Gottes. Schon die Versuchungen Jesu berichten davon, daß hier
der Satan selbst das Wort Gottes benutzt - er mißbraucht es, um Jesus vom Vertrauen
zu seinem Vater wegzuführen. Jesus verteidigt sich dabei genau mit diesem Wort Gottes
- in Form von Zitaten aus dem (heute) Alten Testament. Wenn wir heute als Christen
die Bibel zitieren, müssen wir immer auf der Hut sein, daß wir nicht zum Mißbrauch
des Wortes Gottes verleitet werden. Dieses Wort soll Menschen heilen, nicht Menschen
erschlagen. Dieses Wort soll in alle Wahrheit leiten, also zum Verständnis helfen. Es soll
nicht als Mittel zum Beenden von Gesprächen oder Abwürgen von Fragen benutzt werden!
Es soll zu guten und weiterführenden Fragen ermutigen und im Gespräch Menschen mit
Menschen zusammenbringen und Menschen mit Gott in Beziehung setzen.
Das Wort Gottes ist weiterhin ein großes, wunderbares und lebensspendendes Reden -
166 Die Bibel für Menschen von heute ...

auch wenn es mißbraucht, zerpflückt, geschunden und vielfach mißverstanden worden ist.

4.8.4 Wort beim Wein: The fight of peace ...


Sind sie dabei? Machen Sie mit und stehen Sie in der Reihe, bei dem großen ”fight of
peace”, dem Kampf des Friedens? Dann passen Sie auf - werden Sie ganz wach und munter!
Es wird ernst, und es ist wirklich ein harter Kampf, mit dem der Frieden errungen werden
muß.
The fight of peace ist nicht durch Nachlässigkeit zu gewinnen. Wie schnell sind wir
selbst hereingefallen durch Bitterkeit, Lügen, Betrug, Neid, Selbstsucht. Wie schnell haben
wir Gott aus den Augen verloren, haben das Schild des Glaubens sinken lassen und sind
von den ernsthaften Anfechtungen schwer getroffen.
Wie schnell zieht das Mißtrauen in die Gemeinschaft von Christen ein. Und oft mit
Recht, wenn es um weltliche Macht geht und nicht im Geist Jesu gelebt wird. Doch gerade
wenn eine Institution oder ein Werk in wichtigen Fragen abgleitet vom christlichen Weg,
gerade dann müssen wir die geistliche Waffenrüstung anziehen und dort um den Frieden
und die Liebe Jesu kämpfen! Nicht im Mißtrauen, nicht in der Distanz, nicht durch wil-
de Beschimpfungen. Gerade dann benötigen wir den Helm des Heils und den Schild des
Glaubens. Dort werden wir selbst zum Frieden finden, mit dem wir dann auch den in die
Gottesferne gefallenen anderen Christen begegnen können. Wir brauchen den engagierten
Einsatz und das intensive Gespräch, das uns gemeinsam zurückführt zu Gott, dem Vater,
und zu seinem Sohn Jesus Christus!
Es ist ein Kampf, in dem Jesus gestanden hat. In diesem Kampf ist er bis ans Kreuz
gegangen, durch den Tod hindurch, auferstanden durch die Liebe und Macht Gottes. Sein
Weg hat den ”fight of peace” begonnen und vollendet in einem.

Kämpfen Sie mit - es lohnt sich:


Fight the fight of peace!
Roland Potthast 167

5 Weisheit oder Erkenntnis? ... - Salomo, Sprüche, Korin-


therbrief
5.1 Rat einer Freundin ... - von der Weisheit (Sprüche 1-4)
5.1.1 Für Eilige: Was ist Weisheit?

Was ist Weisheit? Weisheit hat etwas mit Tiefblick zu tun, mit Ausgeglichenheit, mit
Einsicht. Aber Weisheit ist mehr als bloße Erkenntnis. Nicht nur das Wissen um die
Zusammenhänge oder die Bestandteile - sondern auch der gute, der weiterführende, der
gesunde Umgang mit den Dingen, mit anderen Menschen und mir selbst gehören zur
Weisheit.
Zur Weisheit gehören Recht und Gerechtigkeit, es gehören zur Weisheit Wahrheit und
Klarheit, aber auch Sanftmut, Freundlichkeit. Zur Weisheit gehört ein gerader Weg. Die
Weisheit hat Ethik zu tun, mit Entscheidungen und mit dem Denken, Reden und Handeln.
Bei all dem werden wir feststellen, daß die Weisheit unendlich viel mit Gott zu gemein-
sam hat. Die Weisheit wird mit den biblischen Bildern als ”Liebling” Gottes beschrieben,
sie war bei der Schöpfung dabei und gestaltet seitdem die Schöpfung in allen Dingen. Die
Weisheit wird als eigene Person beschrieben, als Spielgefährtin Gottes. Die Weisheit ist
diejenige Freundin, die mit dem heiligen Geist bei den Menschen einziehen möchte.
Wir möchten uns in den kommenden Abschnitten des Seminars auf die Entdeckungs-
reise zur Weisheit machen. Es werden spannende und faszinierende Abschnitte ...

Tipps für diese Woche:


1) Versuchen Sie einmal aufzuzählen, was für Sie ”weise Verhaltensweisen” sind.
2) Bitten Sie Gott um Weisheit und um die Möglichkeit, die Weisheit Gottes zu ver-
stehen!

5.1.2 Rat einer Freundin (Sprüche 1-4)

”Dies sind die Worte Salomos, des Sohnes Davids, des Königs, von Israel, um zu ler-
nen Weisheit und gutes Verhalten und zu verstehen verständige Worte, daß man annehme
Zurückhaltung, die klug macht, Gerechtigkeit, Recht und Redlichkeit, daß die Unverständi-
gen klug werden, die jungen Menschen vernünftig und besonnen.” (Sprichwörter 1,1-4)
Die Bücher der Sprüche beschäftigen sich mit dem ”guten und gesunden Verhalten” -
mit der Weisheit. Inmitten der ganz praktischen Einsicht in die Zusammenhänge der Welt,
von ”Business” und ”Staat”, vom Gerangel um Macht und Einfluß, vom Vergnügen und
den Menschlichen Bedürfnissen stellt ein hochgebildeter und begabter ”Bundeskanzler”
die Frage nach dem gesunden und guten Leben.
”Wer weise ist, der höre zu und wachse an Weisheit, und wer verständig ist, der lasse
sich raten, daß er verstehe Sprüche und Gleichnisse, die Worte der Weisen und ihre Rätsel.”
(Spichwörter 1, 5+6)
Es gibt viel zu beobachten am Umgang Salomos mit der Weisheit. Einige Schwerpunkte
werden wir beim Durchgang durch den sehr reichen Text setzen. Zuerst stellen wir fest:
168 Die Bibel für Menschen von heute ...

Es geht um Wachstum an Weisheit. Weise zu werden ist ein Wachstumsprozess. Niemand


ist auf einen Schlag weise.
Und gleich zu Beginn macht dieser Text die Basis deutlich, auf der Weisheit steht und
auf der allein Weisheit zu erlangen ist: ”Die den Menschen ganz erfassende Hochachtung
vor Gott [die Furcht des Herrn] ist der Anfang der Erkenntnis.” (Sprichwörter 1,7)

1. Schwerpunkt: Vom Zuhören


Die Sprichwörter bilden eine konkrete Situation nach: ein Vater und eine Mutter ma-
chen sich Gedanken über die Gesundheit ihres Söhne und ihrer Töchter. Ein Vater, der
mit der Begabung (dem Charisma=Geistesgabe) der Weisheit beschenkt ist, redet und
schreibt seinem Sohn.
”Mein Sohn, gehorche den Regeln deines Vaters und verlaß nicht das Gebot deiner
Mutter...” Mitten hinein in jeden Erziehungskonflikt zwischen Eltern und Kindern, zwi-
schen verantwortlichen Leitern und anvertrauten Menschen spricht die Bibel hier klare
Worte: Weisheit erlangt ein Mensch, indem er zuhört und sein Hören auch praktisch um-
setzt. Weisheit bedarf des Rates - des Rates von weisen Vätern und Müttern in diesem
speziellen Fall - allgemeiner des Rates der Weisheit selbst, dieser göttlichen Urkraft und
Mitschöpferin (dazu in einem späteren Abschnitt unseres Seminars mehr).

2. Schwerpunkt: Konsequenzen
Dann wird Salomo konkret. Nicht irgendein abstraktes Verhalten ist weise, sondern
ganz konkrete Regeln werden hier gegeben: kein Blutvergießen, kein Raub, Diebstahl,
nicht Unschuldigen Böses tun, kein unrechter Gewinn.
Es werden auch die Konsequenzen eines unrechten Verhaltens geschildert. Es führt ins
Verderben, es führt letztlich zum Tode. Diese betrübliche Konsequenz, welche die Bibel
von der ersten bis zur letzten Zeile schildert, wird auch hier offen und klar ausgesprochen.
Dem Weg ins Verderben wird der ”Ruf der Weisheit” entgegengestellt: ”Die Weisheit
ruft laut auf der Straße und läßt ihre Stimme hören auf den Plätzen. Sie ruft im lautesten
Getümmel, am Eingang der Tore, sie redet ihre Worte in der Stadt: Wie lange wollt ihr
Unverständigen unverständig sein und ihr Spötter Lust zu Spötterei haben und ihr Toren
die Erkenntnis hassen? Kehret euch zu meiner Zurechtweisung! Siehe, ich will über euch
strömen lassen meinen Geist und euch meine Worte kundtun.” (Sprichworte 1,20-23)
Wie können wir diesen ”Ruf der Weisheit” begreifen? Meint Salomo die Weisen, die
auf Plätzen und an den Toren lehren? Oder müssen wir diesen Ruf der Weisheit tiefer
verstehen: den Geist Gottes begreifen, der immer und überall zu den Menschen reden
möchte, zu einem jeden, der sich ihm öffnet und zuwendet !? In jedem Fall ist die Aussage
klar: es sind die Menschen, die ihre Ohren verschließen. Die Weisheit Gottes ist laut
und klar vernehmlich zu hören, selbst im Getöse heutiger Städte, selbst im Gewühl der
Fußgängerzonen und selbst im Winter- und Sommerschlußverkauf.
Und immer wieder geht es um die Konsequenzen des Umgangs mit der Weisheit. Mit
diesen Konsequenzen verhält es sich ähnlich wie mit dem christlichen Glauben ganz allge-
mein: der Mensch lebt nicht im neutralen Raum, ja es kann letztlich diesen neutralen Raum
gar nicht geben. Es gibt das Hören auf die Weisheit - und seine Konsequenz ist das Leben.
Roland Potthast 169

Es gibt die Ignoranz gegenüber der Weisheit, und die Konsequenz ist die Katastrophe und
der Tod. Im Originalton hören wir:
”Denn den Unverständigen bringt ihre Abkehr den Tod, und die Toren bringt ihre
Sorglosigkeit um; wer aber mir gehorcht, wird sicher wohnen und ohne Sorge sein und
kein Unglück fürchten.” (Sprichwörter 1,32+33)

3. Schwerpunkt: Wissenschaft und die Erkenntnis Gottes


”Mein Sohn, wenn du meine Rede annimmst und meine Gebote behälst, so daß dein
Ohr auf Weisheit acht hat, und du dein Herz der Einsicht zuneigst, ja, wenn du nach
Vernunft rufst und deine Stimme nach Einsicht erhebst, wenn du sie suchst wie Silber und
nach ihr forschest wie nach Schätzen, dann wirst du die Furcht des Herrn verstehen und
die Erkenntnis Gottes finden. Denn der Herr gibt Weisheit und aus seinem Munde kommt
Erkenntnis und Einsicht.” (Sprichwörter 2,1-6)
* Einsicht,
* Vernunft,
* Wissenschaft
stehen der Weisheit Gottes nicht entgegen. Salomo stellt ganz klar, daß Erkenntnis
und Weisheit von Gott kommt. Christen müssen es stets hoch schätzen, wenn Menschen
sich der Erkenntnis und der Einsicht widmen. Interessant ist hier, daß die Konsequenz
von Einsicht und Erkenntnis nach der Auffassung Salomos die Erkenntnis Gottes sein
wird. Wer ihn aufrichtig sucht, von dem wird Gott sich finden lassen - das ist eine der
Verheißungen des alten und neuen Testaments und auch die Jahreslosung des Jahres 2000.
Leider bedeutet dies noch nicht, daß jede wissenschaftliche Theorie auch richtig oder weise
wäre und leider auch nicht, daß jeder Wissenschaftler bei Gott ankommt und zu einem
lebendigen Christen wird. Doch grundsätzlich gibt Gott sein klares Ja zur Wissenschaft!
”Der Herr hat die Erde durch Weisheit gegründet und nach seiner Einsicht die Him-
mel bereitet. Kraft seiner Erkenntnis quellen die Wasser der Tiefe hervor und triefen die
Wolken von Tau.” (Sprichwörter 3,19-20)

4. Schwerpunkt: Gott beschützt die Frommen


Das alte Testament kennt die Zusage des Schutzes Gottes für all diejenigen, die sich
nach seiner Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit ausstrecken. In unserem Text wird dies sehr
klar und geradezu änstößig” deutlich ausgesprochen: ”Er läßt es den Aufrichtigen gelin-
gen und beschirmt die Frommen. Er behütet, die recht tun, und bewahrt den Weg seiner
Frommen.” (Sprichwörter 3,7+8) und weiter unten ”denn die Gerechten werden im Lan-
de wohnen und die Frommen darin bleiben, aber die Gottlosen werden aus dem Land
ausgerottet und die Treulosen daraus vertilgt.” (Sprichwörter 3,21+22)
In orientalischer Sprache heißt es überdeutlich: ”Der Gerechten Pfad glänzt wie das
Licht am Morgen, das immer heller leuchtet bis zum vollen Tag. Der Gottlosen Weg aber
ist wie das Dunkel; sie wissen nicht, wodurch sie zu Fall kommen werden.” (Sprichwörter
4,18) Wie können wir diese klaren Schwarz-Weiß-Bilder mit unseren Erfahrungen zusam-
menbringen? Wir greifen dieses umfangreiche Thema im dritten Abschnitt auf: Weisheit
und die Realität der Welt.
170 Die Bibel für Menschen von heute ...

5. Schwerpunkt: Weisheit, Verstand, Böses


Die Sprichwörter greifen auch die Frage nach den Prioritäten von Glauben und Weisheit
auf, von Vertrauen und Erkenntnis.
”Verlaß dich auf den Herren von ganzem Herzen, und verlaß dich nicht auf deinen
Verstand, sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen.
Dünke dich nicht, weise zu sein, sondern fürchte den Herrn und weiche vom Bösen!”
(Sprichwörter 3,5-6)
Der Hintergrund für diese Ermahnungen ist die tiefe und umfassende Weisheit Gottes,
die der Mensch nicht ausschöpfen kann. Daher ist es nur konsequent, Gott mehr zu ver-
trauen als dem eigenen menschlichen Verstand. Ich will damit nicht hinter die Gedanken
der Aufklärung zurück, die den Verstand von den Fesseln einer engen und in meinen Augen
in vielem schiefen Theologie befreit hat. Doch Gottes Fürsorge geht über unser Verstehen
hinaus ... dazu gleich noch mehr! Für ein weises Verhalten gilt:

• das Vertrauen in Gottes Weisheit soll über die eigene Weisheit hinausgehen!

• die Ermahnung ”Weiche vom Bösen” wird jede wirkliche Weisheit als Grundlage und
elementaren Bestandteil beinhalten.

• Weisheit bedeutet nicht, immer alles zu verstehen!

5.1.3 Weisheit und die Realität der Welt


Nicht erst die Neuzeit ist mit tiefliegenden und schwierigen Fragen konfrontiert gewesen,
wenn es um Gottes Umgang mit den Menschen - insbesondere mit ”seinen” Leuten (also
mit den Frommen) ging. Viele alttestamentliche Geschichten greifen das Problem auf, daß
gerechten und ehrlichen Menschen Böses begegnet und geschieht. Nicht zuletzt das ganze
Buch Hiob ist eine weitreichende Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Schicksal,
eine weitreichende Verteidigung (Apologie) eines Vertrauens in Gott, das Verstand und
manchmal sogar Erfahrung übersteigt.
Wie ist das nun mit unseren Erfahrungen? Ist der ”Pfad des Gerechten” so, daß er
immer glänzen und beständig heller werden würde? Ist nicht die durchgängige Erfahrung
dieser Welt genau eine andere, die sich in dem Satz ”Der Ehrliche ist der Dumme” wie-
derspiegelt? Sind es nicht die Gauner und Halunken mit und ohne Nadelstreifenanzug, die
sich im Kleinen und Großen, im Dorf oder auf den glänzenden Pfaden der Globalisierung
und internationalen Wirtschaft durchsetzen können? Regiert nicht das Geld die Welt?
Das Wort Gottes in Form der gesammelten Sprichwörter stellt sich hier und an vielen
anderen Stellen gegen diese Erfahrungen. In direkter Konfrontation wird dem Bösen die
Macht abgesprochen, dem Bösen in welch glänzender Form auch immer.
Wir dürfen verschiedene Schichten des Problems und verschiedene Spitzen der Aussa-
gen Gottes erkennen:
A. Die Schicht der persönlichen Erfahrung. Es wird dem Gerechten die Hilfe Gottes
zugesagt. ”Ich will dich den Weg der Weisheit führen; ich will dich auf rechter Bahn
leiten, daß, wenn du gehst, dein Gang dir nicht sauer werde, und wenn du läufst, du nicht
strauchelst.” (Sprichwörter 4,11+12) Wenn wir mit Menschen reden, die über lange Jahre
Roland Potthast 171

den Weg des Glaubens gegangen sind, wird diese Zusage Gottes auf mannigfaltige Weise
bestätigt und mit konkreten Erfahrungen gefüllt.

B. Die Schicht der Wirksamkeit und historischen Bedeutung. Es wird dem Weisen eine
weitreichende Wirksamkeit zugesprochen. ”Achte sie hoch, so wird sie dich erhöhen und
wird dich zu Ehren bringen, wenn du sie beherzest. Sie wird dein Haupt schön schmücken
und wird dich zieren mit einer prächtigen Krone.” (Sprichwörter 4,8+9) Wir dürfen hier
die unmittelbare Wirkung von Weisheit und Einsicht im Lebensumfeld eines Menschen be-
obachten, aber auch die über Jahrhunderte reichende Wirkung etwa der biblischen Bücher
mit ihrer umfassenden Weisheit.

C. Die Schicht der globalen Sicht Gottes. Gottes Sicht wird durch die Worte über den
glänzenden Pfad des Gerechten beschrieben. Gott sieht die Helligkeit, die von gerechten
Menschen ausgeht. Er sieht das gleißende Licht, das nur noch von seiner taghellen Heiligkeit
übertroffen wird. Aus der Sicht Gottes, der nicht nur inmitten der Schöpfung ist, sondern
der auch über der Schöpfung und über der Geschichte steht, werden die Gerechten einmal
ihre Erfahrungen und Erlebnisse anders als zu Lebzeiten erfassen können. Die Sprüche
Salomos möchten uns heute schon ein klein wenig von dieser Sicht Gottes vermitteln und
uns mit hineinnehmen in die Weisheit, mit der Gott in die Welt hineinschaut.

5.1.4 Wort beim Wein: Steps to Wisdom!


Die Sprichwörter sind solch reichhaltige Nahrung, daß wir eigentlich wenig Gutes hin-
zufügen können. Ermahnungen beschreiben die Schritte zur Weisheit, die ”Steps to Wis-
kom”! Hier sind einige davon:

• Rede kein falsches (unehrliches) Wort!

• Sei kein Lästermaul!

• Wende deinen Fuß vom Bösen!

• Sei bescheiden!

• Laß dich nicht verführen!

• Sei aufrichtig!

• Bleibe besonnen!

• Suche nach Einsicht!

• Hör auf Gott!

• Richte dein ganzes Leben an Jesus Christus aus!


172 Die Bibel für Menschen von heute ...

5.2 Rückkehr der Kindheit ... - von Gottes Liebling (Sprüche 8)


5.2.1 Für Eilige: Rückkehr der Kindheit ...

Wer von uns wünscht sich nicht manchmal in die Kindheit zurück, vielleicht in die eigenen
Erfahrungen von Geborgenheit ... oder in eine erahnte und nie gewesene Kindheit von
Vertrauen und Zuwendung.
Kindheit ... das bedeutet Spiel und Unbefangenheit. Kindheit ist der Ausdruck eines
Lebens ohne die Last von Verantwortung, Kindheit bedeutet ein Leben in einer kindli-
chen und unmittelbaren Freude an vielen interessanten Dingen, die entdeckt und ertastet
werden.
Rückkehr der Kindheit ... ein Traum - für manche auch ein Alptraum. Was dem einen
wünschenswert erscheint, läßt den anderen erschauern. Mancher möchte auch weglaufen
vor den schmerzhaften Erfahrungen der Kindheit ... Jeden von uns hat seine Kindheit tief
geprägt!
In Sprüche 8 nimmt uns die Weisheit Gottes mit zurück in i h r e Kindheit - eine
Kindheit an der Seite Gottes, des Schöpfers. Wir werden mit hineingenommen in die
Schöpfung, als die Meere noch nicht waren und als er die Erde noch nicht gemacht hatte.
Wir nehmen Sie heute mit auf eine spannende Reise zurück in die Kindheit der Schöpfung
und die Kindheit der Weisheit Gottes.

Tipps für diese Woche:


1) Was verbinden Sie mit Kindheit? Forschen Sie einmal in ihre eigene Kindheit hinein
... wie war das mit unbefangenem Spiel, mit Vertrauen, mit Zuwendung und Freude an
den Dingen der Welt?
2) Hören Sie die Weisheit reden in Ihrem Leben? Lieben Sie die Weisheit? Oder gibt es
Dinge in Ihrem Leben, welche Sie von der Weisheit fernhalten? ... Überlegen Sie einmal!

5.2.2 Einladung und Verheißung der Weisheit

A. Wir folgen Sprüche 8 und hören den ”Ruf der Weisheit”:


”Ruft nicht die Weisheit, und läßt nicht die Klugheit sich hören? Öffentlich am Weg
steht sie und an der Kreuzung der Straßen; an den Toren am Ausgang der Stadt und
am Eingang der Pforte ruft sie: Ihr Männer, euch rufe ich und erhebe meine Stimme zu
den Menschenkindern. Merkt auf, ihr Unverständigen, auf Klugheit, und ihr Toren, nehmt
Verstand an! Hört, denn ich rede, was edel ist, und meine Lippen sprechen, was recht ist.”
Wieder und wieder macht die Weisheit im Buch der Sprüche klar, daß sie offen ver-
nehmbar ist: in den Fußgängerzonen, in den Kaufhäusern, an den Ortsausgangsschildern
unserer Städte und Ortschaften. All das macht klar, daß es bei der Weisheit nicht um eine
Geheimlehre geht. Es geht nicht um etwas, das nicht erkannt und begriffen werden könn-
te. Es geht nicht um etwas, das nur durch esoterische Verhaltensweisen erfahren werden
könnte. Die Weisheit ist offen zugänglich, kann verstanden, ausgesprochen und begriffen
werden. Die Weisheit ist mit dem menschlichen Verstand erfaßbar und der Geist Gottes
möchte jeden Menschen teilhaben lassen an seiner Weisheit.
Roland Potthast 173

”Nehmt Verstand an!” ruft die Weisheit. Und über das rein intellektuelle Verstehen
hinaus spricht sie Handeln und Besitz an: ”Nehmt meine Zucht an lieber als Silber und
achtet Erkenntnis höher als kostbares Gold.”

B. Um unser ganzes Leben geht es der Weisheit! Das Erkennen ist ihr genauso zu
eigen wie die Tat und die Macht: ”Mein ist beides, Rat und Tat, ich habe Verstand und
Macht. Durch mich regieren die Könige und setzen die Ratsherren das Recht. Durch mich
herrschen die Fürsten und die Edlen richten auf Erden.” (Sprüche 8, Verse 14-16)
Die enge Verbindung von Macht und Weisheit, die uns dieser Text vermittelt, muß
sicherlich in einer differenzierten Weise verstanden werden. Nicht jeder Fürst dürfte mit
Weisheit regiert haben - nicht jeder Politiker beachtet stets das Recht. Und doch: nur durch
Weisheit kann dauerhaft und mit bleibendem Gewinn regiert werden. Politiker müssen die
Weisheit lieben lernen, soll ihr Wirken der Stadt oder dem Land zum Guten helfen.
Wir kommen mit den Zeilen über die Weisheit der Könige nahe an die neutestament-
lichen Worte des Paulus im Römerbrief: ”jede Obrigkeit ist von Gott” (Römer 13). Hinter
jeder Macht, die einem Menschen gegeben ist, steht Gottes Wirken. Jede Macht ist mit
Verantwortung verbunden, und Gott wird diese Verantwortung einfordern. Darum müssen
gerade diejenigen, die in ihrem Leben Macht und Einfluß erringen, Gott um Weisheit und
Leitung bitten.
Und wir dürfen in den Worten der Weisheit, die sich selbst hinter den Handlungen
der Mächtigen offenkundig macht, Hilfe und Zuspruch dieser Schöpfungsmacht erkennen.
Nicht die Mächtigen sind es, die aus eigener Macht regieren. Sondern durch die Weisheit
regieren die Könige, und nur durch die Weisheit können die Mächtigen ihre Macht erhalten.
Nur durch die Weisheit können die Mächtigen ihre Macht recht einsetzen.
Darum kann und muß die Weisheit ihre ermutigenden Worte abschließen mit einer
messerscharfen Warnung: ”Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich
hassen, lieben den Tod.” (Sprüche 8,36)

C. Weitere ganz materielle Verheißungen werden uns von der Weisheit auf den Weg
mitgegeben: ”Reichtum und Ehre ist bei mir, bleibendes Gut und Gerechtigkeit. Meine
Frucht ist besser als Gold und feines Gold, mein Ertrag ist besser als erlesenes Silber.
Ich wandle auf den Wegen der Gerechtigkeit, mitten auf der Straße des Rechts, daß ich
versorge mit Besitz, die mich lieben, und ihre Schatzkammern fülle.”
Das alte Testament kennt nicht die Trennung von geistlichem und materiellem Wohl-
ergehen. Es gibt auch nicht die Unterschiede von geistlicher und körperlicher Gesundheit.
Beides gehört zusammen: Geist, Seele und Leib (Körper).
Diese Einheit des Menschen ist in vielen christlich beeinflußten Gesellschaften der
Neuzeit in den Hintergrund getreten. Geist und Glaube wurde zu etwas, daß entfernt ist
von der alltäglichen und von der materiell-physischen Welt. Aber das entspricht weder
dem alten noch dem neuen Testament. Stets war Gott derjenige, der a l l e s gemacht hat
und der in a l l e s eingreift. Die Wunder Jesu greifen in Seele und Leib ein - der ganze
Mensch wird geheilt. Das Gericht Gottes soll sogar die ganze Erde erfassen, und das ganze
Universum zusammenrollen wie einen Teppich, um etwas neues zu schaffen.
Wir dürfen die Verheißungen der Weisheit als Kompaß und Zusage für unser eigenes
174 Die Bibel für Menschen von heute ...

Leben nutzen. Eine spannende Entdeckungsreise erwartet uns, wenn wir dem Rat der Weis-
heit folgen und uns das zeigen lassen, was ”besser ist als Gold und feines Gold.” Und wir
dürfen die Schätze entdecken, welche die Weisheit in unsere Schatzkammern hineinräumt
... ganz praktisch den Segen der Weisheit Gottes im geistlichen und materiellen unseres
Lebens erfahren!

5.2.3 Gottes Liebling, die Weisheit


Die Weisheit Gottes nimmt uns mit in die Anfänge der Schöpfung: zurück in die Kindheit:
”Der Herr hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn
her.” (Sprüche 8,22)
Faszinierend und verblüffend: die Weisheit als eine Person, als ein Wesen, das im An-
beginn war. Wir erfahren dann mehr von dieser Beziehung der Weisheit zu Gott: ”Ich bin
eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. Als die Meere noch nicht wa-
ren, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen.” (Sprüche
8,23+24)
Und wir dürfen uns ganz mit hineinnehmen lassen in die Darstellung der Schöpfung,
das Einsenken der Berge, die Gestaltung des Himmels, die Fluten der Tiefe - im Weltbild
des Altertums unterhalb der Erde, die auf Säulen darin ruhte, den ”Grundfesten der Erde.”
Vor all diesem wurde die Weisheit geboren. Bei allen Teilen der Schöpfung war die
Weisheit da! Und ganz zurück in die Kindheit führen uns die Zeilen: ”... da war ich als
sein Liebling bei ihm; ich war seine Freude täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte
auf seinem Erdkreis und hatte meine Freude an den Menschenkindern.” Zurück vor die
Zeit, als die Menschheit sich von Gott löste. Zurück zu den ”guten” Anfängen, zu denen
Gott sagte: ”und Gott sah, daß es gut war” (1. Mose 1).

Wir dürfen und müssen nach den Realitäten fragen, die den beeindruckenden Schilde-
rungen dieser Worte zugrunde liegen. Dazu einige Bemerkungen.
a) Wir dürfen das ”Einsetzen der Berge”, die ”Gestaltung des Himmels”, die ”Grundfe-
sten der Erde”, die ”Fluten der Tiefe” sicherlich als Bilder begreifen, in denen die mächti-
gen Schöpfungsvorgänge bei der Schöpfung angemessen beschrieben werden. Niemand wird
heute zum physikalischen Weltbild des Altertums zurückkehren wollen, mit dem diese Bil-
der in ihrer Zeit als physikalische Beschreibungen verstanden wurden. Doch auch die uns
heute bekannten Realitäten werden durch die Bilder sehr zutreffend, nur eben ”bildhaft”,
beschrieben.
b) Die Personifizierung der Weisheit ist mehr als ein literarisches Stilmittel. Immer
wieder taucht die Weisheit in den kanonischen und apokryphen Schriften auf und agiert als
lebendige Person - als eine der Personen Gottes. Wir werden so mitten hineingeführt in die
Frage nach dem einen Gott in Vater (Schöpfer), Sohn (Jesus Christus) und heiligem Geist.
Diese weitreichende Diskussion können wir hier nur streifen. Festzuhalten ist hier zunächst,
daß Gott in sich, bevor die Erde und die Menschen geschaffen waren, Begegnung, Freude,
Kommunikation war und aus verschiedenen Personen bestand. ”Ich war sein Liebling”
schreibt die Weisheit. ”Ich spielte vor ihm allezeit.” Die Weisheit hat Gott als eigene
Person bei der Schöpfung begleitet - ja ”durch Weisheit hat Gott die Erde gegründet”
Roland Potthast 175

(Sprüche 3,19).
c) Von dem ursprünglichen Gott wird erzählt als B e z i e h u n g - als Gespräch,
Freude, Liebe, Zuwendung. Wir erhalten hier weitreichende Hinweise auf die Ziele Gottes
mit uns Menschen bis heute - so wie es im ganzen neuen Testament immer und immer wie-
der formuliert wird: Gott möchte uns zurückholen in die Gemeinschaft des unbefangenen
Vertrauens und der heiligen Zuwendung. Nichts mehr und nichts weniger als ein ”Zurück
in die Kindheit” bedeutet dieses Ziel - zurück in unsere eigene Kindheit, und zurück in die
Kindheit der Schöpfung. Können wir die ganze Tiefe und Weite dessen ermessen, worum
es dem christlichen Glauben somit geht?

5.2.4 Wort beim Wein: Vorsicht mit naivem Vertrauen!


Wir haben viel über Vertrauen und Zuwendung geschrieben. Darum müssen wir mit einer
klaren und offenen Warnung schließen: Sei vorsichtig mit dem naiven Vertrauen in Men-
schen! Vertrau dich Gott an, aber verlaß dich nicht zu sehr auf andere Menschen. Gerade
wenn Menschen Christen werden und die Liebe Gottes erfahren, kommen oft schnell und
verletzend negative Erfahrungen mit anderen Menschen, tiefe Enttäuschungen mit anderen
Christen.
Christen sind auch nur Menschen, die in einer ”gefallenen Welt” leben und abgrund-
tief von dieser gefallenen Welt beeinflußt sind. Auch Menschen, die von Jesus Christus
angesteckt sind, bleiben Teil der ”Welt” - d.h. sie verletzen immer wieder andere, sind
ignorant, unwahrhaftig in dieser oder jener Sache, blicken nicht durch und tun dadurch
anderen unrecht, reden schlecht über andere, wo sie es nicht tun sollten, sind ungerecht in
ihren Worten oder Urteilen. Darum: Sei vorsichtig mit dem naiven Vertrauen in Menschen!
Wenn wir das Vertrauen aufrichen wollen in unserer Gesellschaft und im privaten
Lebensumfeld, so muß dies immer wieder ein bewußtes und gewagtes Vertrauen sein:

• Vertrauen - wo es eigentlich nicht angebracht ist und unser Vertrauen eher belächelt
oder verachtet wird,

• Liebe - wo keine Liebe uns entgegenkommt und wir liebend in vielem tief verletzt
werden,

• Offenheit, wo die Heimlichkeit regiert und man unsere Offenheit zu unserem Nachteil
ausnutzt,

• Güte, wo um jede Mark gekämpft wird und unser Güte wie Wasser im Sand der
Wüste zu versickern scheint,

• Einsatz, wo Einsatz mißbraucht und ausgenutzt wird und manche Organisation dabei
i h r e Ziele durchsetzen will,

• eine gerade Linie, wo Fahnen nach dem Wind ausgerichtet werden,

• Verbindlichkeit, wo die Unverbindlichkeit und der Eigennutz des Vergnügens an der


Tagesordnung sind.
176 Die Bibel für Menschen von heute ...

Sei vorsichtig mit dem naiven Vertrauen in Menschen! Aber wage das bewußte Vertrauen
der heiligen Liebe Gottes.

Zur Veranschaulichung:

Das Bild vom Raubtier Mensch. Stellen Sie sich vor, sie möchten das Vertrauen
eines Raubtieres erringen. Sollen Sie naiv vorgehen, einfach blind vertrauen und sich fressen
lassen? Nein, naives Vertrauen ist tödlich. Besser ist es, bewußt die Beziehung zu dem
Raubtier suchen. Z.B. könnten Sie ihm regelmäßig Nahrung geben. Sie zeigen sich immer
wieder und das Raubtier wird sie kennenlernen. Sie kommen auch einmal näher heran -
in gebührender Vorsicht. Sie müssen dabei einiges wagen. Wenn das Raubtier in seinen
gewohnten Bahnen reagiert, wird es irgendwann die Tatze heben und sie können dabei
einige Kratzer abbekommen. Darum ist Vorsicht angebracht. Wenn sie beständig und
stetig vertrauenswürdig sind, haben sie zumindest die Chance, daß das Raubtier nach und
nach gezähmt wird. So geht Gott mit uns Menschen um, mit dem ”Raubtier Mensch.” Ja
Gott ist sogar noch weiter gegangen und hat sich fressen lassen: in Jesus Christus ist er
ans Kreuz von Golgatha gegangen, um uns seine Liebe zu zeigen.

5.3 1000 Tipps für Lebenskünstler ... - Worte der Weisen (Sprüche 22-
28)
5.3.1 Für Eilige: 1000 Tipps für Lebenskünstler
Einen so richtigen Lebenskünstler - kennen sie den? Einen, der die Kunst zu Leben ver-
steht? Was ist die Kunst zu Leben?
Einige Menschen sehen in möglichst vielen ”Vergnügungen” die eigentliche Lebens-
kunst. Dabei gibt es sehr unterschiedliche Schwerpunkte bei den Vergnügungen: Parties,
Discos, gepflegte Restaurants, Feinschmecker, Abende mit Freunden beim Spiel, Sport,
Literatur, Pop, Rap oder klassische Musik ...
Einige Menschen denken, die eigentliche Kunst zu leben liegt in besonderem Erfolg
durch Ideen in Wirtschaft oder in der Wissenschaft. Da ist die Vorstellung vom erfolg-
reichen Jungunternehmer oder die vom genialen Wissenschaftler ... Andere haben die
Vorstellung von der alternativen und umweltfreundlichen Lebensweise. Anders sein, sanft,
konsequent, biologisch, naturnah - die eigentliche Lebenskunst ...
Wo liegt die wahre Kunst zu Leben? Ist das Leben einfach Ansichtssache? Was für
Tipps und Einsichten können wir gewinnen für die Lebenskünstler und jeden Menschen,
der nach dem gelungenen Leben, nach der Kunst zu Leben fragt?
Wir werden heute aus der reichen Schatzkammer des Buches der Sprüche schöpfen ...
werden 1000 Tipps für Lebenskünstler zusammenstellen. Eine spannende und praktische
Sache ...

Tipps für diese Woche:


1) Worin besteht für Sie die ”Kunst zu Leben”? Können Sie das formulieren?
2) Haben Sie einmal über Jesus Christus im Zusammenhang mit der Kunst zu Leben
nachgedacht? Können Sie nachvollziehen, daß das neue Testament Jesus als die Tür zur
wirklichen Lebenskunst darstellt? Überlegen Sie einmal!
Roland Potthast 177

5.3.2 Lebensklugheit und ein klarer Blick für Gott


Die einfachen und doch bahnbrechenden Einsichten der ”Sprüche” sind unnachahmlich.
Da werden wir schlicht und doch beeindruckend mit den wichtigen Dingen des Lebens und
der Kunst zu Leben bekannt gemacht: ”Reiche und Arme begegnen einander; der Herr hat
sie beide gemacht.” (Sprüche 22, 2)
Die Bibel greift mitten hinein in die Realität der Welt ... Reiche, Arme, Erfolgreiche und
Erfolglose, Intelligente und Einfache, Gelehrte und Ungelehrte ... sie begegnen einander -
und doch können wir sie erst in der Perspektive ihres Ursprungs in Gott richtig sehen!
Beim Lesen der Sprüche sind zwei Grundlinien zu beobachten:

1. Es wird sehr klar gesagt, daß Gott da ist mitten in der Welt und daß Gott beteiligt
ist an den Ereignissen und den Entwicklungen.

2. Es werden ganz praktische Tipps gegeben, die auf einer allgemeinen Lebensklugheit
beruhen und die typische Entwicklungen aufgreifen.

Die Sprüche sind eine bunte und deftige Mischung aus klaren Anweisungen zum Gu-
ten, aus Lebensansichten, aus Hinweisen auf die Realität Gottes - des Schöpfers und All-
gegenwärtigen - und aus amüsanten Betrachtungsweisen und Beobachtungen, z.B.: ”Der
Faule spricht: ”Es ist ein Löwe draußen, ich könnte getötet werden auf der Gasse.” (Sprüche
22,13)
Wir wollen nicht den aufwendigen Versuch unternehmen, die Sprüche zu gliedern oder
zu sortieren. Nehmen Sie sich einfach die Zeit, hier zu stöbern, sich zu unterhalten und
die unterschiedlichen Hinweise und Aufforderungen auf sich wirken zu lassen.
Wir wollen hier exemplarisch Verweise auf Gott in den Blick nehmen. Da finden wir
z.B. die folgenden Zeilen: ”Damit deine Hoffnung sich gründe auf den Herrn, erinnere ich
daran heute gerade dich.” (Sprüche 22,19) Immer wieder stellen die Sprüche klar: es geht
um ein Leben, daß auf Gott gegründet ist. Es geht um d i c h!
Die Sprüche sagen uns: ”Dein Herz sei nicht neidisch auf den Sünder, sondern trachte
täglich nach der Furcht des Herrn.” (Sprüche 23,17) Wie schnell orientieren wir Menschen
uns am Erfolg, der durch unlautere Mittel oder durch grundsätzlich schiefe Lebensweisen
erzielt wurde. Das ist ”Neid auf den Sünder”, um die es hier geht.
Oder die folgende Verheißung: ”Ein Gerechter fällt siebenmal und steht wieder auf,
aber die Gottlosen versinken im Unglück.” (Sprüche 24,16) Wir müssen die oft verborgene
Hilfe und Gegenwart Gottes als inneren Kern des Spruches begreifen. Diese Verborgenheit
und doch beständige Gegenwart Gottes wird in Kapitel 25 in besonderer Weise klargestellt:
”Es ist Gottes Ehre, eine Sache zu verbergen; aber des Königs Ehre ist es, sie zu
erforschen.” Neben den wesentlichen Aussagen über Gott, der viele seiner Weisheiten vor
den sich für reich haltenden Toren der Welt verbirgt, ist hier auch das positive Verständnis
des alttestamentlichen Königtums zu beobachten.
Schließlich kommen wir zu einigen sehr ”neutestamentlichen” Passagen der Sprüche.
”Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brot, dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser,
denn du wirst feurige Kohlen auf sein Haupt häufen, und der Herr wird dir’s vergelten.”
(Sprüche 25,21) Die Feindesliebe und helfende Art Gottes wird hier klar gelehrt. Wir
178 Die Bibel für Menschen von heute ...

haben diese Feindesliebe schon in den Büchern Mose gefunden - und dann natürlich im
Leben, Sterben und in der Lehre Jesu Christi.
”Wer seine Sünde leugnet, dem wirds nicht gelingen: wer sie aber bekennt und läßt, der
wird Barmherzigkeit erlangen.” (Sprüche 28,13) Auch hier werden wir mitten hineingeführt
in das neue Testament. Die umfassende Vergebung der Sünden auf den Glauben hin - auf
das Bekenntnis und die Umkehr hin - sind Kernbestandteile der Worte Jesu Christi, aller
Schreiber des neuen Testaments und christlichen Kirchen bis heute.

5.3.3 Die Lebenskünstler ... eine Einladung!


Die Sprüche beinhalten die Einladung, zum Lebenskünstler im biblischen Sinne zu werden!
Also machen wir uns auf den Weg. Manche Sprüche sind hart und direkt, andere tiefsinnig
oder tiefblickend. Weitere Sprüche sind saftig und voller Lebensblut, wieder andere sind
sanft und zierlich ... es ist wie ein reiches und vielfältiges Festessen, das Sie hier präsentiert
bekommen ... es sind 1000 Tipps für Lebenskünstler.

• Achten wir auf kommendes Unglück und werden beizeiten aktiv! (Sprüche 22,3)
Nirgendwo in der Bibel wird der blinden Hingabe an das Schicksal das Wort geredet.
• Seien wir demütig und vorsichtig im biblischen Sinne. (Sprüche 22,4)
Das bedeutet: wir konzentrieren uns auf das, was Gott uns als Begabung, Aufgabe
und Lebens-Anteil gegeben hat und kümmern uns nicht um viele Ziele, Möglichkeiten
und Reichtümer.
• Seien wir freigibig gegenüber denen, die weniger oder nichts haben. (Sprüche 22,9)
”Den fröhlichen Geber hat Gott lieb” - klingt dies im neuen Testament wieder.
• Hüten wir unsere Worte und reden nicht leichtfertig über andere Menschen und
Dinge. (Sprüche 22,14)
”Eure Rede sei Ja, ja, nein, nein.” sagt Jesus, ”alles weitere ist von Übel.”
• Hören wir auf die Lehren der Bibel und versuchen, sie wirklich zu verstehen. (Sprüche
22,17ff)
Billige Polemik und leichtfertige Meinungen sind eine riesige Torheit - wo immer sie
auftreten.
• Seien wir unparteiisch und gerecht gegenüber allen Menschen, ob arm oder reich,
ohne Einfluß oder in einflußreicher Position! (Sprüche 22,22)
Diese elementare Lebensweisheit wird leider in viel zu vielen kleinen und großen
Fragen und Verhaltensweisen immer wieder ignoriert.
• Achten wir die Dinge, die unsere Väter geschaffen haben. (Sprüche 22,28)
Die grundsätzliche Achtung vor den Diskussionen, Kämpfen und Leistungen unserer
Eltern ist ein Grundbestandteil der Lebenskunst. Jesus hat hier die 10 Gebote klar
bestätigt: du sollst Vater und Mutter ehren!
Roland Potthast 179

• Bleiben wir vorsichtig, zurückhaltend und diszipliniert in allen Dingen [wende dein
Zerz hin zur Zucht]. (Sprüche 23,12)
Nur durch Disziplin werden die großen Dinge geboren - und nur durch Disziplin
gibt es Bestand in persönlichen Dingen. Die moderne Sprache kennt relativ wenige
positiv belegte Worte, welche die alten Tugenden Treue, Beständigkeit, Disziplin,
Fleiß etc. aufgreifen und in den Lifestyle der Menschen von heute einbauen. Aber
auch wenn wir es schwer modern formulieren können - diese Dinge sind zentral für
ein gelingendes Leben! Wir sagen vielleicht eher:
- sie steht voll dahinter ...
- er macht das konsequent ...
- wir machen in diesem Punkt keine Kompromisse...
- sie ist immer voll dabei...
- er ist echt zuverlässig...

• Seien wir nicht neidisch auf andere Menschen. (Sprüche 23,17)


”Du sollst nicht begehren ...” heißt das 9. und 10. Gebot. Neid ist eine Wurzel vielen
Übels ... bis heute.

• Lassen wir nicht unserem Zorn über die bösen Menschen freien Lauf. Ereifern wir uns
nicht über die Menschen, die Gott nicht kennen und nicht mit Gott leben. (Sprüche
24,19)

Wir möchten diese wenigen Zeilen nur als einen Einstieg anbieten. Erst wenn Sie sich
vertraut gemacht haben mit den Sprüchen, werden Sie wirklich weiterkommen und zum
Lebenskünstler werden. In jedem Satz steckt mehr, als man zunächst denken kann. Es
macht Sinn, sich die Worte auf der Zunge zergehen zu lassen und immer wieder darüber
nachzusinnen!
Tauchen Sie ein in die Sprüche - und nach einiger Zeit werden Sie die immer wie-
derkehrenden Grundthemen kennen. Die Dinge schlagen dann Wurzeln in Ihrem Leben!
Beobachten Sie die Menschen und ihre Umwelt im Licht der Sprüche. Sie werden erstaunt
sein, wieviel Lebensweisheit Sie hier finden. Die Sprüche öffnen Ihren Blick für die Zusam-
menhänge des Lebens und menschlicher Gesellschaften!
Bei allem denken Sie daran: ”Wenn du einen siehst, der sich weise dünkt, da ist für
einen Toren mehr Hoffnung als für ihn.” (Sprüche 26,12)

5.3.4 Wort beim Wein: Gebet und Lebenskunst


Wie könnten wir über Lebenskunst reden, ohne über das Gebet zu sprechen. Gebet - das
Gespräch mit Gott in Reden und Hören - gehört ohne Zweifel zum Kern jeder echten
Lebenskunst!
Warum eigentlich Gebet? Wozu und wie bete ich?
180 Die Bibel für Menschen von heute ...

Gebet im biblischen Sinne ist das Gespräch mit Gott. Dazu gehört es, vor Gott zu
treten. Ein Mensch öffnet sich mit seinem Leben für den Schöpfer. Der Mensch spricht
den Schöpfer an und bringt ihm seine Lebenssituation: Gutes und Schwierigkeiten. Zum
Gebet gehört auch das Hören auf Gott, das Lauschen auf das Reden des heiligen Geistes.
Jedes Gebet steht in einer persönlichen Situation. Und je mehr der Beter von Gott
mitbekommt, um so besser weiß er: es kommt letztlich darauf an, daß ich mich mit meinen
Gedanken, Worten, Werken, Zielen, Plänen, Wünschen, Gefühlen, Hoffnungen, Verlet-
zungen, Enttäuschungen, Idealen, Eigenheiten, Fehlern, Sünden, Ecken und Kanten Gott
anvertraue und mich von ihm führen und leiten lasse.

Der wahre Lebenskünstler ist der Beter, der sich Gott in allen Dingen seines Lebens
anvertraut!

Gebet im biblischen Sinn wird den Beter weiter in der Erkenntnis Gottes führen.
Der Beter spricht Gott an und stellt sich in jenem Augenblick vor Gott, den Ersten und
Letzten. Auch wenn er noch nicht weiß, warum er sich Gott nähern kann und darf - der
Geist Gottes wird ihm die Nähe und Liebe Gottes vermitteln. Und der Beter wird die
Heiligkeit Gottes erfassen können - dieses gerechten Schöpfers des Himmels und der Erde.
Die Heiligkeit Gottes ist heute zugänglich - für jeden Menschen. In Jesus Christus dürfen
wir uns Gott nähern. Jeder kann Gott suchen, zu Gott beten und Gott ansprechen. Jeder
wird von Gott gehört und erhört, wenn er sich nur ernsthaft und ehrlich an den Schöpfer
wendet. Versuchen Sie es: sprechen Sie Gott heute an! Beten Sie zum Schöpfer, zu dem
Gott Jesu Christi. Bitten Sie ihn, sich Ihnen zu zeigen - er wird es tun. Öffnen Sie Ihr
Leben für den Gott, der in Jesus Christus seinen Sohn auf die Erde sandte, und der bis
heute durch Jesus und seine Nachfolger die Menschen ansprechen und heilen möchte.
Herr, mein Gott! Laß mich zu einem ehrlichen und wahrhaftigen Lebenskünstler in
deiner Nachfolge werden. Zeige dich mir in all deiner Herrlichkeit. Hilf mir, deinen Weg
zu gehen. Führe meine Gedanken, Worte und Werke von heute an in allen Dingen! Amen.

5.4 Aufgeblasen und nichts dahinter ... - von der Vergänglichkeit (Pre-
diger Salomo 1-3)
5.4.1 Für Eilige: Es ist alles nutzlos ...
Was bringt das Leben? Was lohnt sich, zu tun? Was ist ”echt geil”? Was bleibt gut? Wenn
wir ernüchtert die Welt betrachten: ist nicht letztlich alles nutzlos? Was lohnt, daß wir es
tun?
Wir lernen heute einen Menschen kennen, der schon viele verschiedene Dinge auspro-
biert hat in seinem Leben ... Dieser Mensch ist zu dem Schluß gekommen: ”es ist alles im
Grunde Unsinn ... und wie der Versuch, den Wind einzufangen.” Worum geht es dabei?

• Es geht um die Mühe, die der Mensch hat unter der Sonne: Arbeit, Ziele, Probleme
...

• Es geht um die täglichen Abläufe, um das Wasser, das beständig ins Meer läuft, das
verdunstet, das wieder herabregnet ... immer und immer wieder. Inovationen, und
Roland Potthast 181

wieder, immer wieder die neuste Innovation, der Durchbruch ... zum 100.000 mal der
Durchbruch ...

• Es geht um das Neue ... das doch im Grunde nur das Alte ist, schon geschehen ...
vor langer Zeit ... ob modern oder ”leading edge” ...

• Es geht um das Vergessen, um die Menschen, die früher gewesen sind. An wen
erinnert man sich wirklich?

• Es geht um Dummheit und Intelligenz ... auch die sind nutzlos. Ob Dummkopf
oder Genie ... niemanden kennt man für immer. Warum hast du dann nach Wissen
gesucht?

• Es geht um die Verzweiflung. Um das Verzagen am Leben und am Sterben. Die


Flucht in Alkohol oder Drogen. Die Flucht ins einfache Leben. Doch auch das ist
nutzlos und ohne Sinn.

... und dieser Mensch findet im Guten und im Bösen, in der Dummheit und in der
Intelligenz, in der Hoffnung und in der Verzweiflung den einen Haltepunkt: ”Doch dies sah
ich auch, daß es von Gottes Hand kommt. Denn wer kann fröhlich genießen ohne ihn?”
Ist das ein Punkt, der wirklich hält? Ist der nicht auch ”nutzlos”? In der Begegnung mit
dem Prediger Salomo können wir einen der weitblickensten Menschen der Weltgeschichte
kennenlernen. Kommen Sie mit ...!

Tipps für diese Woche:


1) Was macht wirklich Sinn? Denken Sie ernsthaft darüber nach!
2) Kennen Sie Gottes Rolle in der Frage nach dem Sinn des Daseins? Was bedeutet
Ihnen Jesus Christus, Gottes Sohn? Haben Sie Jesus als den heute lebendigen Sohn Gottes
kennengelernt?

5.4.2 Aufgeblasen und nichts dahinter ... (I) - das Leben (!)
Im Buch Kohelet - dem Buch des Predigers Salomo wird das Leben betrachtet mit seinen
unterschiedlichen Facetten und Möglichkeiten. Und der Prediger Salomo stellt bei den
unterschiedlichsten Dinge fest: es ist nichts dahinter. Es ist doch ganz nutzlos (eitel).
Wir möchten Sie einfach mitnehmen in den Originalton. Hören wir zu und beginnen
wir, die tiefe Ernüchterung Salomos zu verstehen: ”Was hat der Mensch für Gewinn von
all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne?” (Salomo 1,3)
Etwas moderner würden wir sagen: was bringt der ewige Wettlauf um die neusten
Innovationen, um Leadership und Wirtschaftsmacht, um Wettbewerbe, Talkshows, Lotto-
gewinne ...?
”Ich sah alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und
Haschen nach dem Wind.” Der treusorgende Familienvater oder das kinderlose Ehepaar
mit doppeltem Einkommen aus leitender Stellung ... was bringt das Sorgen, wohin führt
es uns? Macht es uns besser, voller Stolz, tief befriedigt ...? Was bleibt am Ende wirklich
übrig? Klammern wir uns an den eingebildeten Erfolg unseres Lebens?
182 Die Bibel für Menschen von heute ...

Salomo ist ernüchtern ehrlich und ohne jede Illusion. ”Ich tat große Dinge: ich baute mir
Häuser, ich pflanzte mir Weinberge, ich machte mir Gärten und Lustgärten und pflanzte
allerlei fruchtbare Bäume hinein [...] Als ich aber ansah alle meine Werke, die meine Hand
getan hatte, und die Mühe, die ich gehabt hatte, siehe, da war es alles nutzlos [eitel] und
Haschen nach Wind und kein Gewinn unter der Sonne.” (Prediger 2,5-11)
Und Salomo kommt zur Verzweiflung und zur Verachtung aller Hoffnung: ”Darum
verdroß es mich zu leben, denn es war mir zuwider, was unter der Sonne geschieht, daß
alles eitel ist und Haschen nach dem Wind.” (Prediger 2,17)
Salomo erkennt inmitten dieser Dinge, daß alles von Gott kommt: ”Doch dies sah ich
auch, daß es von Gottes Hand kommt. Denn wer kann fröhlich essen und genießen ohne
ihn?” (Prediger 2,24) Ist hier nun der Ruhepunkt und eine Überwindung des Nihilismus
(einer alles für Nichts achtenden Einstellung) des Salomo erreicht? Nein - auch in Gottes
Umgang mit den Menschen sieht Salomo hier das Haschen nach dem Winde: auch Gottes
sehr verschiedener Umgang mit unterschiedlichen Menschen scheint ihm eitel (nutzlos)
und ein Haschen nach dem Wind...!

Eine weitere Entwicklung der Empfindungen und Gedanken des Predigers Salomo erle-
ben wir im dritten Kapitel des Buches der Prediger. ”Alles hat seine Zeit ...” heißt es hier.
Nicht mehr ”alles ist eitel (nutzlos).” Nein ...! Nachdem Salomo sich den Zweifeln und der
Hoffnungslosigkeit ohne Verdrängung ausgesetzt hat, kommt ein Stück weit die Auflösung
seiner Gefühle durch die Einsicht und den tiefen Blick hinein in die Weltgeschichte: ”alles
hat seine Zeit!”

Geboren werden hat seine Zeit.


Sterben hat seine Zeit.
Pflanzen hat seine Zeit.
Ausreißen hat seine Zeit.
Töten hat seine Zeit.
Heilen hat seine Zeit.
Weinen hat seine Zeit.
Lachen hat seine Zeit.
Klagen hat seine Zeit.
Tanzen hat seine Zeit.

Immer noch bleibt die Sicht des ernüchternten Predigers: ”man hat keinen Gewinn
davon ...” (Prediger 3,9) Doch auch hoffnungsvolle Momente erwachen: ”Und Gott hat die
Ewigkeit in das Herz des Menschen gelegt.” (Prediger 3,11)
Selbst in seinem Nihilismus und seiner bodenlosen Ernüchterung stellt der Prediger
fest: ”Gott wird richten den Gerechten und den Gottlosen.” (Prediger 3, 17+18) Salomo
schließt diese Passage mit dem Rat: ”So sah ich denn, daß nichts besseres ist, als daß der
Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil.” (Prediger 3,22)
Roland Potthast 183

5.4.3 Aufgeblasen und nichts dahinter ... (II) - das Sterben (!)
Die Begegnung mit dem Prediger Salomo und seinen ernüchternden Einsichten in das
menschliche Leben führen uns direkt zur Frage nach dem Sterben. Wenn das Leben so
nutzlos ist ... wie ist es mit dem Tod bestellt ... was zählt wirklich? Gibt es ein Leben nach
dem Tode? Dabei werden wir mitten hineingeführt in das neue Testament ... in tiefere und
weiter reichende Einsichten in die Zusammenhänge von Leben und Tod!
Lassen Sie uns die Fortsetzung der Geschichte ansehen und auch die Aufgeblasenheit
und Nutzlosigkeit des Todes und der Vergänglichkeit erfahren. Ja, gerade diese Grenze
allen menschlichen Lebens - ja allen Lebens dieser Erde überhaupt - hat seine Schranke:
”Der Tod ist verschlungen vom Sieg” (1.Korinter 15)
Im Neuen Testament wird dieser Sieg immer und immer wieder bekannt gemacht: ”Und
sie gingen eilends weg vom Grab ... da begegnete ihnen Jesus.” (Matth. 28,11) – ”Was sucht
ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.” (Lukas 24,5+6) –
”Diesen Jesus hat Gott auferweckt; dessen sind wir alle Zeugen.” (Apostelgeschichte 2,32)

Und im Lichte der Auferstehung wird ein ganz neues Licht auch auf das menschliche
Leben, die menschlichen Mühen und Arbeit geworfen. Paulus spricht dies klar aus im
Korinterbrief: ”Darum, meine lieben Brüder, seid fest, unerschütterlich und nehmt immer
zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wißt, daß eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem
Herrn.” (1. Korinther 15,58) Darum kann Paulus triumphierend, ja geradezu übermütig
ausrufen:

Tod, wo ist dein Sieg?


Tod, wo ist dein Stachel?

Die Nutzlosigkeit des Todes ist besiegt. Die Verzweiflung ist vorüber durch die Macht
Gottes in Jesus Christus.

5.4.4 Wort beim Wein: Einladung zur Hoffnung ...


Wir möchten Sie heute einladen zur Hoffnung. Das bedeutet: zu einer Hoffnung über
die Mühen und Schwierigkeiten des Lebens hinaus. Aber auch: zu einer Hoffnung über
die Freuden und schönen Dinge des Lebens hinaus. Zu einer Hoffnung auf ein Leben in
ungetrübter Gemeinschaft mit dem, der Anfang und Ende ist ”Alpha und Omega”, der
Erste und Letzte, der ”Menschensohn”, ”Wunderrat, ewig Vater, Friedefürst”.
Wir laden Sie ein zu einem Leben im Glauben an Jesus Christus, den Sohn und Heiland
Gottes. Es ist ein Leben, daß über den Tod hinaus denkt und handelt, hofft und glaubt.
Der Geist Gottes heilt und erneuert unsere Hoffnung an jedem Tag.
Beginnen Sie ein Leben mit Jesus Christus im Gebet, im direkten Gespräch mit Gott,
dem Schöpfer des Himmels und der Erde, und mit seinem Sohn Jesus Christus ... er sitzt
zur Rechten Gottes, von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.
Glauben Sie mit uns, wie die Apostel glaubten. Dieser Glaube ist zusammengefaßt im
Apostolischen Glaubensbekenntnis.
184 Die Bibel für Menschen von heute ...

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,


den Schöpfer des Himmels und der Erde,
- einziger Gott, Schöpfer aller Mächte und Gewalten -
und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn,
- den Sohn Gottes, Gott von Ewigkeit -
empfangen durch den heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
- Mensch geworden, wirklicher und voller Mensch -
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
- er trug unsere Schuld, er litt für uns -
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
- Beginn einer neuen Schöpfung,
Macht Gottes über Körper und Geist -
er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;
- er ist bei den Seinen in jeder Minute ihres Lebens -
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
- Gott schafft Gerechtigkeit. -
Ich glaube an den heiligen Geist,
- der uns erfüllt, heilt, besänftigt -
die heilige christliche Kirche,
- heilig trotz aller ihrer Fehler und Irrtümer,
heilig durch das stellvertretende Leiden
und Sterben Jesu Christi -
Gemeinschaft der Heiligen,
- die Gemeinschaft von Menschen, die an
Jesus Christus glauben, mit ihm heute leben und
durch Gottes Geist verbunden sind -
Vergebung der Sünden,
- das offene Tor zu Gott durch Jesus Christus -
Auferstehung der Toten
- Tod, wo ist dein Sieg? -
und das ewige Leben!

Mit der Einladung zum Glauben schließt die Bibel:


Und der Geist und die Braut [die Gemeinde],
sie sprechen: Komm!
Und wer es hört, der spreche: komm!
Und wer da Durst hat, der nehme das Wasser
des Lebens umsonst! (Offb. 22,17)
Roland Potthast 185

5.5 Ein desillusionierter Akademiker ... - am Ende einer Suche (Prediger


Salomo 8-12)
5.5.1 Für Eilige: am Ende einer Suche
Da hat einer viele Bücher gelesen, er hat studiert und viel gelernt, Er hat sich in der
Praxis bewährt, hat viele Dinge angefaßt, Großes bewegt, ist als Repräsentant, als Poli-
tiker, als Führer vieler Menschen zu Macht und Ansehen gelangt. Nun zieht er ein Fazit
seines Weges, ist am Ende seiner Suche nach Wissen, Macht, Erkenntnis und Weisheit
angekommen.
Wir begegnen Salomo, dem großen König Israels, bzw. einem Prediger, der in der Rolle
und Nachfolge Salomos redet. Die Autorenfrage werden wir übrigens ausklammern und
stets einfach von ”Salomo” sprechen, dem Autor (bzw. den Autoren) des Buches Salomo.
Salomo nimmt uns mit in die ernüchternden Tiefen seiner Weisheit - er ist ein desillu-
sionierter Akademiker, aber auch ein weitblickender Herrscher und Machthaber.
Wir werden uns heute auf die Frage führen lassen, wie es um das verborgene Wirken
Gottes steht. Es wird Stellung bezogen zur Frage nach dem Schicksal ... und Salomo hat
uns eine ganze Reihe wichtiger Hinweise in amüsanter oder in eindringlicher Form mit auf
den Weg zu geben ...

Tipps für diese Woche:


1) Haben Sie sich schon einmal darüber geärgert, daß es Leuten gut geht, die anderen
Gewalt antun oder die ihren Reichtum erschwindelt haben? Wie, denken Sie, sieht Gott
diese Dinge? Denken Sie einmal vorsichtig darüber nach!
2) Welche gesunde Einstellung gibt es zu Genuß und Arbeit, zu zielgerichteter Lebens-
gestaltung oder einem ”Carpe Diem” - einem am jeweiligen Tag ausgerichteten Leben?
Wie gestalten Sie Ihr Leben in dieser Spannung? Beschäftigen Sie sich damit!

5.5.2 Lebenseinsichten mit Durchblick ...


Den Ausführungen des Predigers Salomo kann man sich auf ganz unterschiedliche Weise
nähern. Die einen lesen munter drauf los ... und lassen sich vom Autor durch die Hügel und
Täler der Gedanken und Einsichten begleiten. Andere suchen systematisch ein Thema nach
dem anderen heraus und gruppieren die Einsichten thematisch ... schön sortiert und immer
der Reihe nach. (Natürlich gibt es auch noch die redaktionskritischen, literarkritischen,
historischen, skeptischen, systematischen und weitere Herangehensweisen, die wir aber
hier nur im Hintergrund stehen lassen und nicht explizit in den Blick nehmen.)
Wir wollen uns heute ein klein wenig am zweiten Vorgehen orientieren und einige
Themen anschneiden.

I. Thema: das Schicksal von Gerechten und Ungerechten, von Gläubigen


und Ungläubigen. Salomo beobachtet messerscharf, daß der Glaube an Gott nicht unbe-
dingt weltliches Wohlergehen nach sich zieht. ”Und weiter sah ich Gottlose, die begraben
wurden und zur Ruhe kamen; aber die recht getan hatten mußten hinweg von heiliger
Stätte und wurden vergessen in der Stadt. Das ist auch nutzlos.” (Prediger 8,10)
186 Die Bibel für Menschen von heute ...

”Es ist nutzlos, was auf Erden geschieht: es gibt Gerechte, denen geht es, als hätten
sie die Werke der Gottlosen getan, und es gibt Gottlose, denen geht es, als hätten sie die
Werke der Gerechten getan. Ich sprach: Das ist auch nutzlos.” (Prediger 8,14) Salomo ist
völlig desillusioniert. Und er hält dem Glaubenden nicht als ein Muß die Hoffnung entgegen,
nicht leere Worte: Gott wird schon alles richten. Nüchtern und ohne jede Kraftanstrengung
mühsamer Positivität stellt er fest:
”Es begegnet dasselbe dem einen wie dem andern: dem Gerechten wie dem Gottlosen,
dem Guten und Reinen wie dem Unreinen; dem, der opfert wie dem, der nicht opfert.
[...] Das ist das Unglück bei allem, was unter der Sonne geschieht, daß es dem einen geht
wie dem andern.” (Prediger 9,2+3) ”Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner
Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit.” (Prediger 7,15)
Bei all dem müssen wir die Art und Weise der Ernüchterung Salomos festhalten. Salomo
ist ernüchtert im Angesicht Gottes, d.h. er ist nicht gottlos in seinem Durchblick und
seinem Skeptizismus. Gerade weil Salomo Gott ganz treu und zugewandt ist, werden seine
Worte um so gewichtiger und reiner. Keine Falschheit ist in den Einsichten, keine Anklage,
kein Haß.
Sie mögen vielleicht einwenden, daß Salomo hier doch nur einen kleinen Teil der Wahr-
heit sieht, durchaus zu recht. Aber gerade diese Beschränktheit seines Blicks - ja des
menschlichen Blicks für die Zusammenhänge der Welt überhaupt - wird von Salomo sehr
klar und deutlich erkannt. Damit sind wir bei Thema II:

II. Thema: Verborgenheit des Handelns Gottes . Die Verborgenheit Gottes und
seines Handelns in der Weltgeschichte und dem Leben von Menschen hat verschiedene
Aspekte. Da ist die Unwissenheit des Menschen: bei all seiner Einsicht in die Natur und
die Naturvorgänge (z.B. die Naturgesetze) ist er doch blind für die Gesamtzusammenhänge
und blind für Gottes Wirken in der Welt.
Salomo schreibt: ”Denn er [der Mensch] weiß nicht, was geschehen wird, und wer will
ihm sagen, wie es werden wird?” (Prediger 8,7) ”Und ich sah alles Tun Gottes, daß ein
Mensch das Tun nicht ergründen kann, das unter der Sonne geschieht. Und je mehr der
Mensch sich müht, zu suchen, desto weniger findet er. Und auch wenn der Weise meint,
ich weiß es, so kann er es doch nicht finden.” (Prediger 8,17)
Ein zweiter und zentraler Aspekt der Verborgenheit Gottes ist die Verborgenheit des
Gerichtes. Salomo kommt immer wieder zu den zwei Fundamenten seiner Einsicht in das
Gericht Gottes zurück:

1. Fundament: jedes Vorhaben, jeder Gedanke, jedes Wort und jede Handlung wird
gerichtet werden zu seiner Zeit (Existenz des Gerichts). Dabei tut Salomo einen tiefen
Blick hinein in das, was im ganzen alten und neuen Testament als die abgrundtiefe Sünde
(Zielverfehlung) des Menschen beleuchtet wird: ”Denn jedes Vorhaben hat seine Zeit und
sein Gericht, und des Menschen Bosheit liegt schwer auf ihm.” (Prediger 8,6).
2. Fundament: das Gericht Gottes liegt teils innerhalb, teils jenseits der weltlichen
Lebenswirklichkeit des Menschen (Immanenz und Transzendenz des Gerichts). Salomo
schreibt: ”Weil das Urteil über böses Tun nicht sogleich ergeht, wird das Herz der Menschen
voll Begier, Böses zu tun.” (Prediger 8,11) ”... aber wisse, daß Gott dich um alles vor
Roland Potthast 187

Gericht ziehen wird.” (Prediger 11,9)


Daß dieses Gerichtsthema nicht unwesentlich ist, macht spätestens das Fazit am Ende
des gesamten Salomo-Buches klar. Der letzte Satz versucht dem Leser die Dringlichkeit
noch einmal ganz ungeschminkt vor Augen zu malen: ”Laß uns die Hauptsumme aller
Lehre hören: Fürchte Gott und halte die Gebote; denn das gilt für alle Menschen. Denn
Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, alles, was verborgen ist, es sei gut oder böse.”
(Prediger 12,13+14)

III. Thema: Wertlosigkeit der Weisheit. Nach viel Lob der Weisheit, das wir
in den Abschnitten über die Sprüche kennengelernt haben, holt uns hier Salomo wieder
auf den Boden der Tatsachen zurück. Salomo rückt die Wertlosigkeit der Weisheit in den
Blickpunkt unserer Aufmerksamkeit. Er stellt die Wertlosigkeit der Weisheit in eine Reihe
mit der Wertlosigkeit von Stärke, Schnelligkeit, Geschicklichkeit ...:
”Wiederum sah ich, wie es unter der Sonne zugeht: Zum Laufen hilft nicht schnell sein,
zum Kampf hilft nicht stark sein, zur Nahrung hilft nicht geschickt sein, zum Reichtum
hilft nicht klug sein; daß einer angenehm sei, dazu hilft nicht, daß er etwas gut kann,
sondern alles liegt an Zeit und Glück.” (Prediger 9,11) Oder: ”Des Armen Weisheit wird
verachtet und auf seine Worte hört man nicht.”
Auch hier müssen wir verstehen, daß Salomo uns nicht ein System zur Gesamtbeur-
teilung der Welt geben will. Wir werden mit verschiedenen - ja in mancherlei Hinsicht
widersprüchlichen Einsichten konfrontiert, die man wie kleine Meßlatten an einen ver-
schlungenen Weg oder eine gebirgige Landschaft legen kann.

IV. Thema: zwischen Jugend und Alter. ”So freu dich, Jüngling, in deiner Jugend
und laß dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen.” (Prediger 11,9) Salomo gibt
guten Rat allen jungen Leuten, Jugendlichen genauso wie den jungen Familien und den
reifen Vierzigern.
A. Nutzt die Zeit, die euch gegeben ist! - so der erste Rat des Predigers. Nutzt die
Zeit und genießt das, was euch zur Verfügung steht. ”So geh hin und iß dein Brot mit
Freuden und trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst
gefallen.” (Prediger 9,7)
B. Denke frühzeitig an deinen Schöpfer und verlaß dich nicht auf Jugend oder Kraft!
So lautet der zweite Rat des Predigers. (vgl. Prediger 12,1) Denk daran, daß du alt und
zittrig werden wirst, daß deine Kräfte nachlassen und du schließlich wieder zu Erde wirst,
wovon du genommen bist.
C. Tu, was dir Freude macht und was dich erfüllt, aber bedenke, daß dich Gott um alles
zu Gericht ziehen wird. (Prediger 11,9) Den Rat Salomos, das Leben als Fest zu begehen,
werden wir im Abschnitt 4 aufgreifen.

5.5.3 Wirtschaft, Politik und Familie


Wir wollen nun einige weitere Worte des Salomo zu Wirtschaft, Politik und Familie ken-
nenlernen und versuchen, ihre heutige Bedeutung herauszufinden.
1. Hüte dich davor, daß viel gute Mühe verdorben wird durch ein wenig Bosheit. Im
Original sagt Salomo: ”Weisheit ist besser als Kriegswaffen; aber ein einziger Bösewicht
188 Die Bibel für Menschen von heute ...

verdirbt viel Gutes.” (Prediger 9,18) ”Tote Fliegen verderben gute Salben.” (Prediger
10,1)
Modern: Einige korrupte Politiker verderben eine ganze Partei. Ein bestechliches Vor-
standsmitglied zieht das Unternehmen in den Bankrott. Kluge Voraussicht spart viel Geld,
aber wer auf schnellen Gewinn aus ist, hat keinen Sinn für dauerhaften Wohlstand.
2. Toren halten oft andere für Toren und sich selbst für klug. ”Auch wenn der Tor auf
der Straße geht, fehlt es ihm an Verstand, doch er hält jeden andern für einen Toren.”
(Prediger 10,3) ”Der Tor macht viele Worte.” (Prediger 10,14) Modern: Sei vorsichtig,
wenn jemand vorgibt, in vielem Bescheid zu wissen! Wer viel redet, kann nicht in allem
richtig liegen. Wenn einer meint, andere belehren zu müssen, da ist für jeden Unwissenden
mehr Hoffnung als für den.
3. Gelassenheit in Turbulenzen bringt Gewinn. ”Wenn des Herrschers Zorn wider dich
ergeht, so verlaß deine Stätte nicht; denn Gelassenheit wendet großes Unheil ab.” (Pre-
diger 10,4) Modern: Wenn du in Ärger und Vorwürfen steckst, da bleibe ruhig, denn das
Gewitter wird vorüberziehen! Verschlimmere nicht den Zorn von Menschen durch deine
eigene Reaktion, sondern bleibe ruhig und besänftige sie, um dann in Ruhe die Sachfragen
klären zu können.
4. Fleiß baut ein Haus auf und bringt Wohlstand. ”Durch Faulheit sinken die Balken,
und durch lässige Hände tropft es im Haus.” (Prediger 10,18) ”Die Arbeit ermüdet den
Toren.” (Prediger 10,15) ”Wenn ein Eisen stumpf wird und an der Schneide ungeschliffen
bleibt, muß man mit ganzer Kraft arbeiten. Aber Weisheit bringt Vorteil und Gewinn.”
(Prediger 10,10) Modern: Mit dem richtigen Werkzeug kann man in Minuten leisten, was
sonst Tage oder Wochen dauert. Wer fleißig und zuverlässig ist, der wird geschätzt und
dessen Rat und Arbeit wird gesucht. Dem Fleißigen gibt seine Arbeit neue Kraft.
5. Vorsicht und Umsicht sind wichtig. ”Wer eine Grube gräbt, der kann selbst hinein-
fallen, und wer eine Mauer einreißt, den kann eine Schlange beißen. Wer Steine bricht, der
kann sich dabei wehe tun, und wer Holz spaltet, der kann dabei verletzt werden.” (Prediger
10,9) Modern: Wer mit dem Auto fährt, kann einen Unfall haben. Eine Investition kann
verloren gehen. Bei der Hausarbeit kann man sich verletzen. Wer Sport treibt, kann sich
Zerrungen und Prellungen holen. Im Winter bekommt man schnell eine Grippe.
6. Rede nicht schlecht über andere, auch nicht in deinen eigenen vier Wänden oder
in Gedanken. ”Fluche dem König auch nicht in Gedanken und fluche dem Reichen auch
nicht in deiner Schlafkammer; denn die Vögel des Himmels tragen die Stimme fort, und die
Fittiche haben, sagen es weiter.” (Prediger 10,20) Modern: Wünsche keinem Mächtigen
oder Reichen Böses - auch nicht in Gedanken oder bei dir zu hause im Geheimen.

5.5.4 Nimm das Leben als ein Fest! ...


Salomos Fazit seiner Erfahrungen ist die Aufforderung, das Leben fröhlich zu leben. Er
beschreibt das Leben als Feier oder Fest: ”Laß deine Kleider immer weiß sein, laß deinem
Haupt Salbe nie mangeln.” (Prediger 9,8)
Diese Ermutigung zum bewußten Genuß wollen wir uns noch ausführlicher ansehen:
”Genieße das Leben mit deiner Frau, die du lieb hast, solange du das nutzlose Leben hast,
das dir Gott unter der Sonne gegeben hat; denn das ist dein Teil am Leben und bei deiner
Roland Potthast 189

Mühe unter der Sonne.” (Prediger 9,9) Weiter heißt es: ”Alles, was dir vor die Hände
kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu; denn bei den Toten, zu denen du fährst, gibt
es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.”
Salomo ermutigt hier klar, daß Leben zu nutzen, zu genießen und in der Verantwortung
vor Gott alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Wie kann man nun diese Aufforderungen im
Licht des neuen Testaments sehen? Sie werden einerseits relativiert und auf neue Art und
Weise bestätigt.
Durch das Leben Jesu ist ein völlig neues Moment in das Leben des glaubenden Men-
schen getreten. Jesus räumt alle Schuld zwischen Gott und dem Menschen weg, Jesus öffnet
die unbeschränkte Gegenwart des heiligen Geistes und ermöglicht dem sich Gott öffnenden
Menschen weitreichende Gemeinschaft mit Gott. Diese Gemeinschaft begründet ein ganz
neues Fest: das Fest der Gegenwart Gottes und eines Lebens in kindlichem Vertrauen.
Das sehr weltliche Fest des Lebens, das uns der Prediger Salomo nahelegt, wird durch
Jesus Christus mit neuem Leben erfüllt: ”Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns,
daß er seinen menschgeborenen Sohn gesandt hat ...”
Es sind dann auch nicht mehr alle weltlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, sondern
der Weg und die Botschaft Jesu führen zu einer neuen Bewertung der Möglichkeiten. Was
wirklich wichtig ist, ist das Leben und die Botschaft Jesu Christi: das Evangelium. Denn
durch das Evangelium erlangen Menschen Kenntnis von der Liebe Gottes und durch das
weitergegebene Wort Jesu können sie die heilende Gegenwart Gottes erfahren.
Fazit: wir sind seit der Entstehung des neuen Testaments zu einem weiterreichenden
Fest des Lebens eingeladen: das Fest der heilenden Liebe Gottes in Jesus Christus.

5.6 Moderne Tiefseetaucher ... - Gottes Weisheit in Christus (1.Korin-


ther 1+2)
5.6.1 Für Eilige: Die Weisheit vom Kreuz ...
Wir haben heute von einer Weisheit zu berichten, die ist nicht so ohne weiteres zu begreifen.
Man kann sich sogar streiten, ob es überhaupt eine Weisheit ist für viele. In einer Zeit, in
der alles für alle zugänglich ist, soll diese Weisheit doch vielen verborgen sein! Das ist eine
ungeheuerliche Zumutung!
Die Weisheit um die es geht ist ”das Wort vom Kreuz” - der Bericht vom Tod Jesu
Christi als Verbrecher und Aufrührer am Kreuz der Schädelstätte ”Golgatha.” Was hat
ein solcher Bericht mit ”Weisheit” zu tun? Wir werden uns das fragen. Wir werden uns
auch mit ”weltlicher Weisheit” beschäftigen, das meint: Weisheit, die unsere Gesellschaft
als Weisheit sieht und empfindet.
Weisheit heute bedeutet: Wissenschaft, Engineering Science, Technologie, neue und
alte Medien, Medizin, Geschichtsforschung, Literatur und Kunst, Film und Theater ...
überall finden wir Weisheit! Fragen Sie mit uns nach dem Verständnis des Apostels Paulus
von der Weisheit. Fragen Sie mit uns nach Gottes Weisheit und was sie heute bedeutet!
Unsere Tour durch die Bibel ist und bleibt spannend.

Tipps für diese Woche:


1) Denken Sie einmal darüber nach, was das Ziel von Weisheit ist. Formulieren Sie
190 Die Bibel für Menschen von heute ...

Ziele!
2) Können Sie im Tod Jesu eine Weisheit erkennen? Was könnte den Zugang zu dieser
Weisheit ermöglichen?

5.6.2 Von Torheit und Weisheit (1.Kor.1+2)


Woraus besteht Weisheit und Erkenntnis? Was ist das Fundament von Weisheit? ”Ich
danke meinem Gott allezeit ...”, schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth,
”dass ihr in allen Stücken reich gemacht seid, in aller Lehre und in aller Erkenntnis.”
Hohes Lob aus apostolischem Mund. Doch Paulus erklärt auch, warum er so voll der
positiven Worte über diese Gemeinde ist: ”Denn die Predigt von Christus ist in euch
kräftig geworden, so dass ihr keinen Mangel habt an irgendwelcher Gabe und wartet nur
auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus.”
Paulus stellt Christus in den Mittelpunkt der Weisheit und der Erkenntnis. Durch die
”Predigt von Christus” kommt Weisheit ... diese Predigt ”wird mächtig”, die Predigt von
Christus hat geradezu eine eigene Macht. Dabei distanziert sich Paulus in aller Weisheit
von ”klugen Worten”: ”Denn Christus hat mich nicht gesandt, zu taufen, sondern das
Evangelium zu predigen - nicht mit klugen Worten, damit nicht das Kreuz Christi zunichte
werde.”
Es ist eine verblüffende Einsicht, dass ”kluge Worte” eine Weisheit zerstören oder
zumindest ihre Wirkung zunichte machen können. Doch für das Evangelium von Christus
scheint das zuzutreffen: es muss in einfachen Worten weitergegeben und erklärt werden!
Dann kommt Paulus zu tiefliegenden Ausführungen über die Weisheit Gottes. Er er-
klärt die Art und Weise, wie die Weisheit vom Kreuz erfasst und verstanden werden kann.
”Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir
selig werden, ist’s eine Gotteskraft.”
Das ist eindeutig: nicht für jeden ist die Weisheit erkennbar - einige betrachten sie
als Torheit. Ja ist denn die Weisheit nicht für jeden da? Doch, aber es erscheint doch
vielen als eine Torheit. Und Paulus stellt klar, dass es sich hierbei nicht um ein Versehen
handelt, nicht um eine eher hilflose Erklärung der Nachfolger Jesu. Gott selbst hat es so
gewollt: ”Denn es steht geschrieben: Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen,
und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen. Wo sind die Klugen? Wo sind die
Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen diese Welt?”
Das ist harter Toback ... wie schon so oft erklärt Paulus in seiner geradlinigen Art
fundamentale Zusammenhänge und vermittelt grundlegende Einsichten. ”Hat nicht Gott
die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit
Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott, durch die Torheit der
Predigt selig zu machen, die daran glauben.”
Paulus redet hier auf verschiedenen Ebenen. Einmal benutzt er die Terminologie der
weltlichen Menschen - also ”Weisheit” für das, was Menschen als ”Weisheit” empfinden
und was sie darunter verstehen. Mit dieser Weisheit haben sie jedoch Gott nicht erkennen
können - darum machte Gott durch ”die Torheit der Predigt” Menschen selig. Auch hier
ist ”Torheit der Predigt” wieder im Denken der weltlichen Menschen formuliert - denn
nur für sie, die nicht zu Gott finden können, ist die Predigt Torheit. Darauf spielt Paulus
Roland Potthast 191

dann später an, wenn er sagt:


”Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine
Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir
reden von von der Weisheit Gottes ...” (1.Kor.2,6+7)
Zunächst aber beschäftigt sich Paulus mit der Weisheit der Welt ganz konkret. Er ana-
lysiert das Verhalten von Juden und Griechen - die hier mit ihrem Weisheitsverständnis
sehr verschiedene Wege gehen. Die Juden ”fordern Zeichen”, d.h. sie suchen Gott durch
Beweise seiner Macht in Form von Wundern oder wunderähnlichen Ereignissen zu erken-
nen. Die Griechen dagegen ”fragen nach Weisheit”, d.h. sie wollen über den Verstand einen
Zugang zu Gott bekommen, sie suchen das Logos, die der Welt innewohnende Weisheit
und die Erkenntnis, die durch den menschlichen Geist zu erreichen ist.
Heute sind wir nicht so weit entfernt von diesen damals machtvollen geistigen Strömun-
gen. Die Weisheit im Europa des 21. Jahrhunderst haben wir schon angedeutet: Wissen-
schaft und Kultur sind unsere Weisheit, welche uns tiefe Einsichten in die Welt gebracht
hat. Kultur ist eine schöpferische Kraft, die den Menschen erfüllen und reich machen kann
- und in jeder guten Kultur liegt viel Weisheit. Gleichzeitig will unsere Kultur Gott prak-
tisch erleben. Das Erleben und Erfahren ähnelt in vielem der Suche der neutestamentlichen
Juden nach den Zeichen des Messias. Das Erkennen Gottes, der seine Boten in die Welt
sendet, ist heute nicht leichter geworden als zu Lebzeiten Jesu!
Paulus hat eine klare Antwort auf die Frage nach der Weisheit und die Frage nach
Gott: ”denen aber, die berufen sind, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes
Weisheit.”
Christus ist das Zentrum der Weisheit Gottes. Christus - zu ihm gehört sein Leben,
aber auch sein Sterben am Kreuz, zu ihm gehört die Auferstehung und die Himmelfahrt,
das Kommen des Geistes Gottes und die beständige Gegenwart des Sohnes Gottes: ”Siehe,
ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.” (Evangelium des Matthaus)
Paulus bietet uns dann eine Form von statistischer Analyse von Gottes Berufung. ”...
nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind
berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen
zuschande mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er
zuschande mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat
Gott erwählt, das was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein
Mensch vor Gott rühme.”
Paulus stellt klar: Es geht um Jesus Christus, den Gekreuzigten. Nicht um weise Ein-
sichten, nicht um tiefliegende Erkenntnisse, nicht um schöngeistige Worte. Es geht um
nackte und machtvolle Tatsachen: ”Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu
wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten ... damit euer Glaube nicht stehe auf
Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.” (1.Kor.2, 2+5)

5.6.3 Vom Geist Gottes - vom geistlichen Menschen


Paulus schreibt immer wieder über den Geist Gottes. Gerade angesichts einer jahrhunderte-
währenden Vernachlässigung des Redens über den Geist Gottes und einer in einigen christ-
lichen Bewegungen des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts üblichen starken Fokussie-
192 Die Bibel für Menschen von heute ...

rung auf Geistesphänomene müssen wir uns die reichen neutestamentlichen Passagen über
den Geist Gottes mit besonderer Sorgfalt ansehen.
Paulus leitet seine Ausführungen über den Geist Gottes ein mit Worten über die Er-
kenntnis Gottes: ”Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines
Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.” (1.Kor.2, 9)
Es ist eine neue Zeit angefangen mit der Ausschüttung des heiligen Geistes zu Pfing-
sten. Nachdem Jesus Christus alle menschliche Schuld auf sich genommen hat, nachdem
die Strafe vollstreckt und der Tod eingetreten ist, nachdem Gott sich zu seinem Sohn be-
kannt und ihn von den Toten auferweckt hat, ist der Weg frei für eine uneingeschränkte
menschliche Gemeinschaft mit Gott. Diese Gemeinschaft ist eine Gemeinschaft ”durch den
heiligen Geist”.
In den Passagen von Kapitel 2 des 1. Korintherbriefes geht es zunächst um die durch
den Geist Gottes vermittelte Erkenntnis. Paulus schreibt von direkten Offenbarungen
”durch den Geist”: ”Uns aber hat Gott offenbart durch seien Geist; denn der Geist er-
forscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.”
Der Geist Gottes ist lebendiges Wesen, wird als Person behandelt, die forscht, die
offenbart, die redet, die lehrt. ”Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt,
sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.”
Paulus stellt klar, dass der Geist Gottes etwas ”übernatürliches” ist - besser sollten
wir wohl sagen ”überweltlich”, denn er ist nicht der ”Geist der Welt” ... es ist der ”Geist
aus Gott.” Die durchgängige Behandlung des Geistes Gottes als Gott, die wir im neuen
Testament fast von der ersten bis zur letzten Zeile beobachten, legt die altkirchliche Lehre
von der Trinität sehr nahe: Gott in Vater, Sohn und heiligem Geist. Doch unsere Aufgabe
ist es nicht, Dogmen zu vertreten oder zu rechtfertigen, sondern herauszuarbeiten, in
welchen biblischen Berichten und Passagen sie ihren Ursprung haben. Der Geist Gottes
handelt wie Jesus, der Sohn Gottes, in göttlicher Kompetenz und Autorität.
Und noch einmal stellt Paulus die weltliche Weisheit dem Geist Gottes gegenüber:
”Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann,
sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Men-
schen.”
Wie zwei Welten scheinen die ”weltliche” Welt und die ”geistliche” Welt voneinander
getrennt. Unüberbrückbar und ohne eine Möglichkeit der Kommunikation: ”Der natürliche
Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es
nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden.”
Sicherlich dürfen wir hier fragen, wie denn der natürliche Mensch Gott kennenlernen
soll, wenn er nichts vom Geist Gottes vernimmt. Die Antwort hat Paulus schon selbst
gegeben: durch die ”Torheit der Predigt” wird jeder Mensch angesprochen - durch die
Berichte, Lieder, Vorträge, Erzählungen von Christen. Ein Mensch kann hineintreten in
die Gegenwart Gottes und zum ”geistlichen Menschen” werden, kann sich öffnen für das
Kreuz Jesu und für die Realität des Geistes Gottes.
Roland Potthast 193

5.6.4 Wort beim Wein: Vom Vergnügen eines Bibelseminares ...


Die Worte über den Geist Gottes, und die Erfahrungen, die ich wieder beim erstellen dieses
Bibelseminares machen möchte, sind eng miteinander verwoben und ich möchte Sie heute
ein wenig daran teilhaben.
Der Geist Gottes lehrt - heißt es in den Passagen. Das erlebe ich immer und immer
wieder, wenn ich mich intensiv mit der Bibel auseinandersetze. Ich versuche, die Passagen
zu verstehen und bitte Gott, mich bei meinen Gedanken und beim Erstellen der Texte zu
leiten. Oft weiss ich selbst vorher nicht so recht, wie ich es anfassen soll. Ich weiss sicherlich
vieles über die Texte, habe fast alle Texte schon viele male studiert, durchgearbeitet, in
Bibelstunden oder Predigten bearbeitet oder etwas darüber gehört. Und doch braucht
es mehr, wenn ich wirklich weiterkommen will: es braucht den Geist Gottes, der mir die
Zeilen erklärt, sie in den Zusammenhang stellt, und der mich belebt und meinen Sinn klar
macht.
Ich erlebe die Gegenwart des Geistes Gottes übrigens sehr real und praktisch. Ich
denke, das muss nicht unbedingt so sein - jeder Mensch hat eine ihm eigene Art zu emp-
finden, zu arbeiten, zu denken. Aber bei mir ist es ganz warm und voller Liebe, wenn
der Geist Gottes sich mir direkt zuwendet. Er befreit mich von jedem Zwang, von jeder
Selbstüberschätzung, von vielen Dingen, an die ich mich immer wieder innerlich hängen
will. Es ist ganz unbeschreiblich - aber wunderschön und ermutigend, diese Erfahrungen
zu machen. Glücklicherweise kommen diese Momente immer und immer wieder - gerade
wenn ich intensiv die Bibel studiere und auch gerade, wenn ich die vielen Stunden des
Bibelseminares zusammenklaube.
In meiner Lebenserfahrung habe ich festgestellt, dass der Geist Gottes mich nicht
immer vor Irrtümern bewahrt. Das ist letztlich aber auch sehr tröstlich. Ich darf meine
Einsichten ernst nehmen, aber ich bin auf andere Menschen angewiesen, an denen ich die
Dinge messe und die mir zur Korrektur gegeben werden. Solche Korrektur mussten selbst
Petrus oder Paulus erfahren, und das empfinde ich als sehr beruhigend und befreiend.
Wir haben über die Einfachheit gesprochen, über ”das Geringe”, welches Gott erwählt.
So leitet der Geist Gottes mich deutlich dazu, nicht ein Bibelverständnis in ausgeklügelten
Theorien zu suchen, sondern die einfachen Worte ernst zu nehmen, sie aber auch in den
Zusammenhang des neuen und alten Testaments zu stellen. Er selbst will sie dann erklären
- sowohl unmittelbar als auch durch die Einsichten, Worte und Texte von Christen aus
vielen Jahrtausenden.
Ich möchte Ihnen ähnlich erwärmende Erfahrungen mit dem Geist Gottes wünschen
und herzlich zusprechen: nehmen Sie hin den heiligen Geist! Sie erfahren damit bruchstück-
haft, worauf alle Christen warten, wenn das Reich Gottes zu ganzer Macht durchdringt
und Gott seine Herrschaft aufgerichtet hat.
194 Die Bibel für Menschen von heute ...

5.7 Und hätte ich die Liebe nicht ... - das Hohelied der Liebe (1. Ko-
rinther 13)
5.7.1 Für Eilige: Liebe und Berechnung ...
Und hätte ich die Liebe nicht ... nicht nur Jugendliche entdecken in der Liebe die wichtig-
sten Dinge, die ein Mensch im Leben geben und erfahren kann!
Und hätte ich die Liebe nicht ... sagt Paulus, und wenn ich noch so schön Singen oder
Reden könnte, noch so gelehrt, noch so mitreissend ... ich wäre doch wie eine hohle Glocke,
eine laute Leere, viel Lärm um nichts!
Und hätte ich die Liebe nicht ... alle Anstrengungen, Gott zu gefallen, alle Opfer und
Entbehrungen, alle Hingabe, aller Gehorsam, all das Befolgen von Regeln und Gesetzen,
es wäre mir nichts, aber auch gar nichts nütze!
Und hätte ich die Liebe nicht ... alle Wissenschaft, alle Theologie, ob Literaturwis-
senschaft, Parteivorsitz, Geld, Erfindungen, Ehre, Erfolge ... ob Bücher oder Veröffentli-
chungen, Bestseller, Talkshows, Hits, Videos ... alles wäre mir nichts, aber auch gar nichts
nutze!
Warum all das? Warum die Liebe? Was hat es auf sich mit der Liebe?
Darüber wollen wir uns unterhalten. Es bleibt spannend im Bibelseminar :-).

Tipps für diese Woche:


1) Was ist für Sie Liebe? Wann fühlen Sie sich von einem anderen Menschen geliebt?
Beobachten Sie sich und andere ... ganz unterschiedlich sind die Empfindungen von Liebe!
2) Woran denken Sie, wenn Sie hören, dass Gott ”die Liebe” ist? Was bedeutet das
überhaupt?

5.7.2 Wie ist die Liebe? Mal ernsthaft!


Wie ist die Liebe?
Die Frage ist gar nicht so einfach, wie sie zuerst scheint ... auch wenn Sie vielleicht
sagen: klar, Liebe ist doch ... so und so.
Es ist nicht so einfach, ”die Liebe” zu beschreiben. Denn einmal versteht jeder Mensch
etwas ein klein wenig anderes unter Liebe, und dann haben wir mit ein paar Erfahrungen
mit menschlicher Liebe noch nicht ”die” Liebe verstanden ... wir haben Gott noch nicht
kennengelernt, der als ”die Liebe” bezeichnet wird.
Paulus schreibt im ”Hohelied der Liebe” über die Liebe. Er sagt:

• die Liebe ist absolut notwendig!


Wenn ich ohne Liebe handele, ist es vor Gott nichts wert. Ein Handeln ohne Liebe
nützt mir nichts vor Gott, es ist hohl und leer. Paulus spricht insbesondere machtvolle
Worte und Redevermögen an, ferner Macht und Hingabe. Ja, gerade das, was doch
der Liebe am nächsten zu sein scheint: das Opfer, gerade das Opfer oder die Hingabe
ohne die Liebe ”wäre mir nichts nütze” (1. Korinther 13,3).

• Liebe ist mehr als Hingabe und Liebe ist mehr als ”Taten der Liebe”!
Roland Potthast 195

Paulus versucht die Beschreibung ”der Liebe.” Dabei geht er negativ wie positiv vor,
d.h. er beschreibt, was Liebe nicht ist und er stellt eine ganze Reihe von Handlungen
oder Wesenszügen vor, welche die Liebe auszeichnen.
Es ist hilfreich, sich diese Wesenszüge der Liebe vor Augen zu halten:

• Liebe hat langen Atem

• Liebe ist freundlich

• Liebe wird nicht schnell zornig

• Liebe ist nicht mutwillig

• Liebe bläht sich nicht auf

• Liebe hält sich an gesellschaftliche Regeln

• Liebe versucht nicht, eigene Vorteile zu erringen

• Liebe wird nicht bitter

• Liebe rechnet jemandem Böses nicht an

• Liebe freut sich über Wahrheit und freut sich nicht über Ungerechtigkeit
Und am Ende blickt Paulus gleichsam tief hinein in eine Welt, die von der Liebe
geführt wird:

• Die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, duldet alles. (1.Korinther 13,7)

Diese Liedzeilen über die Liebe scheinen wie aus einem deftigen Heimatfilm. Sind
sie nicht gleichsam weltfremd, schön, traumhaft, und auch ein klein wenig unwirklich?
Wie wirklich sind die Zeilen des Paulus über die Liebe? Wieviel Illusion, Selbstbetrug,
Täuschung, Rausch und Flucht ist in unserer Traumwelt von der Liebe?
Wir müssen die Beschreibung der Liebe durch den Apostel Paulus zusammen mit den
vielen anderen Texten zur Liebe betrachten, die das neue Testament uns mit auf den Weg
gibt: ”Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und
von ganzem Gemüt. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.”(Matth.22,37)
Die Liebe ist nicht als schöner Traum gedacht, nicht als eine Flucht aus der Wirk-
lichkeit, sondern die Liebe ist die wahre Wirklichkeit! ”Gott ist die Liebe, und wer in der
Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm.” (1.Joh. 4,16)
Die Liebe ist der Raum, in dem Christen leben und in dem allein sie leben können.
Wo die Liebe nicht ist, ist der Tod! Und weil nur in der Liebe Leben ist, müssen sich die
Apostel im neuen Testament immer wieder der Frage stellen: wie ist die Liebe? Was ist
Liebe in diesem Augenblick, gegenüber dem Mitmenschen, gegenüber den Dingen, mit den
Zielen, Gedanken, Notwendigkeiten ...
Und in immer neuen Beschreibungen wird Gott beschrieben, der die Liebe ist, die einzig
wahre und lebendige Liebe. ”Furcht ist nicht in der Liebe” schreibt der Apostel Johannes
196 Die Bibel für Menschen von heute ...

im 1. Johannesbrief. Auch er kommt zu den Liebesliedern, zu den Beschreibungen Gottes,


zu den Realitäten der Liebe, so wie Paulus im Hohenlied der Liebe.
Die ganze Bibel ist ein Liebesbuch, ein Liebeslied, ein Gesang und Zeugnis einer tiefen
und unersättlichen Liebe: der Liebe Gottes zu den Menschen und der Liebe einzelner
Menschen zu Gott. ”Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser ...” schreibt der Psalmist
im 42 Psalm ... Worte der Liebe, Worte der Sehnsucht: ”..so schreit meine Seele, Gott, zu
dir.”

5.7.3 Zwischen heute und Zukunft - was wir wissen ...


”Denn unser Wissen ist Stückwerk ...” schreibt Paulus. ”Und unser prophetisches Reden
ist Stückwerk.”
Es geht darum, was wir Menschen von Gott wissen können. Unvollständig sind unsere
Erkenntnisse, sie sind immer nur ein sehr vorsichtiger und nebelbehafteter Blick hinein in
eine andere Wirklichkeit.
”Jetzt sehen wir durch einen Spiegel ein dunkles Bild,” schreibt Paulus. Wir dürfen uns
die Spiegel paulinischer Zeiten wie unser Spiegelbild in einem Fluss oder Weiher vorstellen,
dunkel und schemenhaft!
”Jetzt erkennen wir stückweise!” ... Den Theologen und Besserwissern moderner und
vergangener Zeiten möchte man diese Zeilen unter die Augen reiben. Gerade von dem
Apostel, dem von Gott ungeheuer viel gezeigt wurde, der die intellektuell anspruchvollste
neutestamentliche Theologie formulieren durfte, der bis heute die Gemüter und Geister
bewegt und prägt ... gerade dieser Paulus schreibt klar und ohne Zögern: Unser Wissen
ist Stückwerk!

Und Paulus erhebt seinen Blick und schaut in die Zukunft hinein - in eine Welt, in
der Gottes Gegenwart zur sichtbaren Realität geworden ist. ”Wenn aber kommen wird
das Vollkommene” ... heisst es in der übersetzung nach Luther, also: wenn Gott seine
Herrschaft aufrichtet, wenn Gottes Reich für alle sichtbar Realität geworden ist, ”dann
wird das Stückwerk aufhören.”
Paulus vergleicht diese kommende Erkenntnis mit dem Erwachsenwerden. Kinder sehen
nur unvollständige Teile der Wirklichkeit. Die genaueren Zusammenhänge sind ausserhalb
ihres Fassungsvermögens.
Und schliesslich besinnt sich Paulus auf das, was Bestand hat. Was wird den Um-
bruch überleben, den Umbruch von dieser weltlichen Welt, von der christlichen Gemeinde
inmitten von Gottesferne und modernen Irrtümern?
Wird die theologische Lehre überleben? Paulus sagt: nein! Wenn das Vollkommene
kommt, wird dieses Stückwerk aufhören!
”Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;” schreibt der Apostel. Diese
drei werden bleiben... bleiben in der Gegenwart Gottes!

Glaube: das lebendige handelnde Vertrauen auf Gott - Vater, Sohn und heiligen Geist.
Hoffnung: die Zuversicht in die Güte und Hilfe Gottes in allen Dingen.
Liebe: das vertrauende und sich schenkende Verhältnis umfassender Zuneigung.
Roland Potthast 197

Und Paulus bringt zum Abschluss seiner ”Millennium-Worte” die Wichtigkeiten noch
einmal in die Richtige Reihenfolge: ”Aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.”

5.7.4 Wort beim Wein: Lets start today! Come and join us, now!
Lets start today!
Starten wir heute!
Gehen wir heute los,
und gehen Gottes Wege,
folgen wir heute den Spuren der Liebe!

Ganz praktisch wollen wir uns herausfordern lassen,


eine reale und realistische Liebe
zu leben, zu verwirklichen, zu glauben!
Liebe:
endlich ernsthaft den Millionen Hungernden helfen,
in den Ländern Afrikas, Asiens, Lateinamerikas!
Liebe:
die Kriegstreiber achten und ihnen mit
Sanftmut und Bestimmtheit entgegentreten.
Liebe:
endlich ernsthaft den Jugendlichen Raum geben,
den Erfolgreichen und Angepaßten,
aber auch den Außenstehenden,
den Drogenabhängigen, Hauptschülern,
Aufsässigen, Widerspenstigen!
Liebe:
die Natur ernst nehmen und den Dreck verwerten,
die Dosen im Park genauso wie die
Atombrennstäbe. Erst denken, dann Müll machen!
Liebe:
ehrlich werden gegenüber Geschäftspartnern,
nicht mit falschen Zahlen arbeiten,
die Angestellten achten und ihre Entfaltung fördern.
Liebe:
die Arbeitszeit mit vollem Einsatz nutzen,
die Firma, den Staat und den Chef nicht betrügen
um Zeit, Einsatz, Geld ...
Liebe:
auch keine faulen Kompromisse. Flieht die
Ungerechtigkeit, die Lüge, den Betrug!
198 Die Bibel für Menschen von heute ...

Liebe:
Zeit haben für andere, für sich selbst, für Gott.
Du sollst den Sonntag (Sabbat) heiligen!
Liebe:
die falschen Ziele loslassen! Nicht mehr sich
selbst in den Mittelpunkt stellen, sondern
Gott, den Schöpfer und allein wahrhaft Liebenden.
Liebe:
keine falschen Nachrichten mehr. Nicht mehr
die Ablenkung mit gemachten Schlagzeilen.
Nicht mehr die Dummheit zum Kommerz.
Liebe:
den Menschen fördern und entfalten.
Die Kranken pflegen. Die Alten achten und sie
in den Mittelpunkt stellen. Den Jungen
Verantwortung geben. Die Familien entlasten.
Liebe:
Gott, den Lebendigen, als Realität erleben.

5.8 Mit dem Holzhammer kann man nicht Geige spielen ... von der
Schwachheit (2.Korinther 12)
5.8.1 Für Eilige: Von der Schwachheit ...
”Zukunft wird aus Ideen gemacht ...” wirbt ein leistungsfähiger deutscher Telekommunika-
tionskonzern. ”Nichts ist unmöglich ...!” klingt es durch die Spots eines Automobilherstel-
lers. Wir leben in einer Zeit, in der die Stärke zählt, nicht die Schwäche. Leistungsfähigkeit
ist gefragt!
Stärke, das kann vieles sein. Wenn es den politischen Parteien um Stimmenanteile geht,
geht es ihnen um politische Stärke. Stärke in der Wirtschaft kann in Umsatz und Gewinn
vor Steuern gemessen werden. Wer andere Unternehmen schlucken kann, demonstriert
damit Stärke. Wer viele Menschen beschäftigt, demonstriert Stärke.
Aber auch im Privaten kennen wir die vielen kleinen Symbole von Erfolg und Stärke:
den PS-starken Motor unter der Haube, die Grösse des Hauses oder der Wohnung, Ein-
richtungsgegenstände, ... oder einfach den modernen PC, der durch den Laptop ergänzt
wird. Vielleicht noch ein Palmtop mit mobilem Internetzugang in der Manteltasche...?
Stärke in der Wissenschaft: uralte Probleme lösen. Neue Gebiete einführen. Viel wissen,
viele ”Paper” und viele Bücher schreiben, Editor sein von vielen Zeitschriften, Plenarvor-
träge auf Konferenzen ... Stark sein.
Echt stark, ey! Stärke bedeutet: Möglichkeiten! Stärke bedeutet: nicht abhängig sein.
Stärke ist schön ...! Wir lieben starke Menschen, ihre Fähigkeiten, ihre Souveränität.
Was hat dies mit der Schwachheit zu tun? Warum spricht Gott mit Paulus über die
Schwachheit? Wir werden danach fragen!
Roland Potthast 199

Tipps für diese Woche:


1) Überlegen Sie einmal, in welchen Situationen Sie schwach sind. Wie fühlen Sie sich
wenn Sie schwach sind?
2) Was bedeutet Ihnen Stärke und Schwäche?

5.8.2 Lass dir an meiner Gnade genügen” (2.Kor 12)


Der Apostel Paulus war ein ”starker Typ.” Mit einer unendlichen Energie hat er seine
Ziele verfolgt. Er ist für seine Überzeugungen eingetreten, war gebildet und ist so in der
jüdischen Karriereleiter weit emporgestiegen: er hatte den offiziellen Auftrag, die Chri-
sten zu verfolgen und zu erledigen - ein Auftrag, den ihm sein Eifer gegen die Christen
eingebracht hatte.
Dieser Paulus hat nach seiner Bekehrung mit demselben Eifer Jesus Christus (den
Auferstandenen und lebendigen Jesus) unter den Menschen im Mittelmehrraum bekannt
gemacht. Von Ort zu Ort ist er gezogen in vielen Missionsreisen, um Menschen zu Jesus
zu bringen, um zum Glauben einzuladen!
Paulus hat tiefe Einsicht erlangt in die alten Schriften der Juden. Und er hat viel
erfahren von Jesus Christus - hat Erfahrungen mit Gott gemacht, Visionen und ”un-
beschreibliche” Erlebnisse gehabt. Davon schreibt Paulus in 2.Korinther 12 (nach der
Lutherübersetzung):
”Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren - ist er im Leib gewesen?
ich weiss es nicht; oder ist er ausser dem Leib gewesen? ich weiss es auch nicht; Gott
weiss es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben
Menschen - ob er im Leib oder ausser dem Leib gewesen ist, weiss ich nicht; Gott weiss es
-, der wurde entrückt in das Paradis und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch
sagen kann. Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht
rühmen außer meiner Schwachheit.”
Paulus spricht hier von sich selbst wie von einem anderen Menschen - wenn er über
die tiefen Erlebnisse schreibt, in die Gott ihn geführt hat und die letztlich die Grundlage
seiner Tätigkeit als Missionar gewesen sind. Er stellt dies seiner ”Schwachheit” gegenüber,
derer er sich rühmen will.
Ruhm der Schwachheit. Warum das? Stellen Sie sich einen modernen Werbespot im er-
sten deutschen Fernsehen vor: ”Paulus, Missionar in seiner Schwäche. Er kann es nicht. Er
ist krank, geschlagen, misshandelt, verfolgt, in Ängsten. Kommen Sie zu Jesus Christus!”
Die menschliche Schwäche spielt für den Glauben eine wichtige Rolle. Die Rolle der
Schwäche ist ganz vielfältig und zieht sich durch die Evangelien und die Briefe der Apostel
hindurch. Doch wir müssen genau hinsehen - es geht nicht um die Schwäche an sich, nicht
um eine Verherrlichung der Schwäche! Auch der Ruhm der Schwachheit, den Paulus hier
ausspricht, hat einen klaren Zielpunkt: Paulus stellt seine Schwäche der vermeintlichen
Stärke seiner innergemeindlichen Kontrahenden gegenüber.
Einige kleine Beispiele zur Rolle der Schwachheit im Matthäusevangelium: ”Ich bin
gekommen, die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.” sagt Jesus nach Matthäus 9,13.
Jesus ruft die Schwachen. Die Tür zum Reich Gottes öffnet sich für all diejenigen Menschen,
die ihre Verlorenheit ohne Gott erkennen. ”Kommt alle her, die ihr mühselig und beladen
200 Die Bibel für Menschen von heute ...

seid.” (Matthäus 11,28) – ”Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet
ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind,
der ist der Grösste im Himmelreich.” (Matthäus 18,3+4) – ”Ein Reicher wird schwer ins
Himmelreich kommen.” (Matthäus 19,23)
Paulus wird inmitten seiner Stärke und seiner Schwachheit von Gott gelehrt: ”Lass
dir an meiner Gnade genügen...”. Dieser eine Satz stellt alles Ringen um Gerechtigkeit,
allen Einsatz für Gott, alle menschliche Stärke und Leistung ”auf die Füsse”: Es ist Gottes
unverdiente Gnade und Zuwendung, aus der heraus ein Mensch vor Gott gerecht wird und
aus der heraus wir Gottes Liebe und Zuwendung empfangen.
Nicht die Leistung und Stärke ist das Fundament der Beziehung und Annahme Gottes,
sondern Gott wendet sich uns zu in unserer Schwäche, in unserer ganz spezifischen Art
mit unseren Stärken und unserem Versagen! Er selbst spricht uns gerecht ”in Christus.”

5.8.3 Christlich Leben: Schwachheit und Glaube ?!?


Christ sein bedeutet immer, an der Entwicklung des Reiches Gottes teilzunehmen. Gott
hat grundsätzlich jeden Christen zu einem ”Arbeiter” in seinem Reich berufen, hat ihn
mit Fähigkeiten und ”geistlichen Gaben” ausgestattet und ihm seinen Platz geschaffen,
an dem er (Gott) den Christen einsetzen möchte.
Paulus hatte sicherlich eine zentrale Stellung für die Verbreitung des Evangeliums und
die Gründung von Gemeinden vor 2000 Jahren. Für diese Stellung wurde Paulus mit
Visionen vorbereitet und ”von Kindesbeinen an” von Gott begleitet. (Wir dürfen davon
ausgehen, dass Gott jeden Menschen von Kindesbeinen an begleitet und vorbereitet, auch
wenn ein Mensch noch nicht zu Jesus gefunden hat, wie Paulus vor seiner Bekehrung.)
Paulus schreibt: ”Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe,
ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten
schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn
gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade
genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am al-
lerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.” (2.Kor
12,7ff)
Die Schwäche des Paulus ist so wichtig, weil in dieser Schwäche Gott seine Stärke
erkennen lassen will. Gott möchte unseren Blick nicht durch die Leistungen und den Glanz
der Stärke ablenken! Es geht um Kindschaft im Reich Gottes ... es geht darum, dass wir bei
der Bekehrung und in unserem Leben als Christen wirklich freie und ausgeglichene Kinder
des grossen Gottes sind. Es geht nicht um ein Regelwerk ethischer Religiösität, wenn auch
Regeln und Verhaltensweisen sehr wichtig sind. Zuerst aber geht es darum, Gott nahe zu
kommen ohne über unsere eigene vermeintliche Stärke in religiösen oder weltlichen Dingen
zu stolpern.
Gott selbst hat schon im alten Testament das Fundament für das Wachstum seines
Reiches formuliert: ”Nicht durch Herr oder Macht soll es geschehen, sondern durch meinen
Geist, spricht der Herr.” (Sach 4,6)
Tief verknüpft mit dem Charakter und der Art Gottes sind diese Einsichten in Gottes
Umgang mit der Welt. Es geht um einen neuen Geist, es geht um die Sanftmut, die auch
Roland Potthast 201

Jesus Christus zeigt und mit der uns einlädt, mit Gott zum leben. In dem Vertrauen auf
die Macht Gottes, der in unserer Schwäche seine Stärke zeigen wird, dürfen wir Christen
am Reich Gottes mitarbeiten und mitwirken. Nur dieser Glaube und dieses Vertrauen wird
Bestand haben, nicht die vermeintliche Stärke des Geldes oder der ”christlichen” Organi-
sationen! Gott kann die Stärke oder das Geld nutzen und tut dies auch immer wieder: Wo
Menschen in ihrer Kindschaft zu Gott nicht gefährdet sind, in Abhängigkeit von Geld oder
Macht zu geraten, segnet Gott nicht selten auch durch ganz weltlichen Reichtum, Einfluss,
Jahrhundert-Ergebnisse, geniale Kreationen oder Kompositionen. Johann Sebastian Bach
etwa hat mit seiner christlichen Musik Milliarden von Menschen bewegt und bereichert -
ein klarer Segen Gottes. Die Gedichte Paul Gerhards sind bis heute unerreichte Kleinode
dichterischer Einfachheit und Durchdringlichkeit.
Und Gott segnet auch Menschen, die noch ausserhalb der christlichen Gemeinschaft
stehen. Die bahnbrechenden Ergebnisse Albert Einsteins in seiner speziellen und allge-
meinen Relativitätstheorie sind Segen Gottes an einen Menschen, der in seiner Genialität
immer bescheidener Mensch geblieben ist, auch wenn er nie zu einer wirklich tiefen Einsicht
in die Rolle Jesu Christi kam und in vielen zentralen christlichen Fragen an der Oberfläche
steckengeblieben ist.
Unsere christliche Arbeit soll ein klein wenig vor der Liebe und dem Segen Gottes
wiederspiegeln: den Glaube an die Macht und Möglichkeiten Gottes, auch wenn wir selbst
schwach sind. Die Gestaltung unseres Lebens als Kinder des Höchsten, bei dem nicht
Leistung zählt, sondern die Liebe und die Freundlichkeit.

5.8.4 Biblebrunch: Relax in Christ!


Leben als Kind Gottes bedeutet Entspannung. Entspannung: Relax in Christ!
An alle Faulen unter uns: diese Entspannung meint nicht den Schlendrian. An alle
Süchtigen: die Entspannung meint nicht, der Sucht entspannt weiter nachzugehen. An alle
Unfreundlichen: die Entspannung meint nicht, jetzt entspannt andere Leuten anzumachen!
Entspannung in Christus bedeutet zuerst einmal: das Leben auf eine solide und span-
nungsfreie Grundlage zu stellen: auf Gottes unverdiente Zuwendung und das Geschenk
seiner Gerechtigkeit. Die Bibel nennt das ”Gnade”, die Gnade Gottes, die durch den
Glauben an Jesus Christus vermittelt wird.
Die Entspannung in Christus hat eine Reihe von praktischen Auswirkungen. Wenn wir
entspannt in Christus leben, wird das auch unser Verhalten beeinflussen.
Warnung an alle Religiösen: versuchen Sie nicht, die Entspannung zu imitieren. Es
ist so unecht, als ob Sie als Mann versuchen, Frau zu spielen, als Europär ein Chinese
sein wollen oder als ob sie ihren Hund imitieren, wenn er Ihnen begeistert im Vorgarten
entgegenspringt.
Die Entspannung in Christus wird von innen nach aussen gehen, vom Geist des Men-
schen zu seinen Worten, Gedanken und Verhaltensweisen.

Praktische Auswirkungen:

• Anderen Menschen ausgeglichen begegnen, weil das eigene Selbstbewusstsein nicht


an Äußerlichkeiten hängt, sondern vom Geist Gottes und dem Zuspruch Gottes
202 Die Bibel für Menschen von heute ...

getragen wird.

• Gott um Hilfe oder um Erkenntnis bitten und dann abwarten. Gott antwortet, auch
wenn es manchmal Wochen, Monate oder Jahre braucht.

• Sich in der Erkenntnis nicht über andere Menschen stellen, sondern in Bescheidenheit
die Wahrheit suchen, andere ernst nehmen in ihren Meinungen, sich an den heilenden
Worten Gottes und seiner Evangelisten orientieren, wie sie in der Bibel überliefert
sind.

• Nicht krampfhaft Menschen mit der ”guten Nachricht” (dem Evangelium) totschla-
gen, sondern warten, bis ihre Zeit gekommen ist. Gott selbst ruft Menschen zu sich.
Und ein jegliches Ding hat seine Zeit: geboren werden hat seine Zeit!

• Mit dem Sonntag Gott ehren, indem wir für 24 Stunden unsere Arbeiten, Hobbies
und sonstigen Aktivitäten unterbrechen und uns einfach Zeit nehmen, Mensch zu
sein, der im Angesicht Gottes lebt und sich gezielt Gott zuwendet.

Relax in Christ, der Herr ist treu.


Roland Potthast 203

6 Zwischen Realität und Realität ... - Apostelgeschichte und


Offenbahrung
6.1 Startrek mal anders ... - von Christi Himmelfahrt (Apostelgeschich-
te 1)
6.1.1 Für Eilige: Startrek mal anders ...

Vielleicht gehören Sie auch zu der Gruppe der Fans der Fernsehserie ”Startrek” - in
Deutschland auch als ”Raumschiff Enterprise” bekannt. ”Beam me up, Scotty” gehört
zu den immer wieder rezitierten Klassikern der Trekki-Welt: der Transport von Personen
von der Oberfläche eines Planeten in ein Raumschiff in der Erdumlaufbahn ist eines der
faszinierenden Reisemöglichkeiten der Star-Trek-Welten. Sicherlich: viele Episoden der Se-
rie Enterprise mögen nicht zu den tiefsten literarischen Schöpfungen der Neuzeit gehören.
Aber unsere Phantasie wird doch angeregt durch faszinierende Entwürfe einer aus ver-
schiedensten Zivilisationen bestehenden auf friedlicher Koexistenz angelegten intergalak-
tischen Föderation. Und einen Anknüpfungspunkt für Gespräche über die Himmelfahrt
Christi (und manch andere christliche Berichte) bietet die Serie allemal.
Wir bewegen uns mit dem aktuellen Bibelseminar hinein in die Apostelgeschichte und
damit in die Zeit gleich nach dem Tode und der Auferstehung Jesu. Bis hin zur Offen-
barung, die als letztes biblisches Buch den sogenannten Kanon des Neuen Testaments
abschließt, werden wir uns mit dem christlichen Glauben beschäftigen, wie er ohne die
leibliche Anwesenheit Jesu seinen Weg in die Welt hinein und damit in die Weltgeschichte
findet. Darum müssen wir heute fragen: Christi Himmelfahrt - was hat es damit auf sich?
Was können wir heute mit dem ersten Kapitel der Apostelgeschichte anfangen?
Ganz kurz hier die biblische Version zum Merken und Nachdenken: Jesus wurde ge-
kreuzigt, Jesus starb am Kreuz, er wurde begraben. Am dritten Tag wurde er von Gott
auferweckt. Dann begegnet Jesus vielen seiner Jünger und Nachfolger, bis er schließlich an
Himmelfahrt bis zu seiner Widerkehr in unbestimmter Zukunft auf einer Wolke in Rich-
tung Himmel verschwindet. Als Stellvertreter sendet er Pfingsten den heiligen Geist (dazu
mehr im kommenden Abschnitt dieses Seminars).
Weitere unserer Fragen: was bedeutet Himmelfahrt? Handelt es sich um ein biblisches
Märchen? Oder ist das knallharte Realität? Kann man das denn heute, im 21. Jahrhundert,
noch ernsthaft so glauben? Ist die Wissenschaft und Theologie nicht schon viel weiter?
Verstehen wir die Apostelgeschichte?

Tipps für diese Woche:


1) Als wie real haben Sie bisher Gott und den heiligen Geist erlebt? Wo beginnt für
Sie die Realität des Glaubens?
2) Glauben Sie, daß Gott ganz konkret in Ihr Leben eingreifen kann? Glauben Sie, daß
Gott Sie erneuern möchte, daß er einen (guten) Plan für Ihr Leben hat?
3) Versuchen Sie, Gott ernst zu nehmen in einigen ausgewählten Punkten. Gehen
Sie die realen Schritte des Glaubens und reden Sie mit befreundeten Christen über Ihre
Erfahrungen!
204 Die Bibel für Menschen von heute ...

6.1.2 Zwischen Realität und Realität


Der sechste Meilenstein unseres Seminars beschäftigt sich mit der Apostelgeschichte und
mit dem Buch der Offenbarung, dem letzten Buch des neuen Testaments. Dabei wird es
immer wieder um unsere Realität gehen. Immer wieder werden wir ringen und diskutieren
um die richtige, gute, passende, angemessene Beurteilung dessen, was Realität ist.
In der Apostelgeschichte geht es zunächst ganz konkret und historisch um die Erfah-
rungen und Erlebnisse der ersten Christen und der ersten Gemeinden. Dabei werden wir
auch Paulus begegnen, dem großen Heidenapostel und zentralen Missionar Jesu Christi.
Die Offenbarung schließlich führt uns in einem geradezu unfaßbaren Bogen hinein
und hindurch durch die Weltgeschichte bis heute. In weitreichenden visionären Bildern
beschreibt der Apostel Johannes in diesem Buch die Situation der Gemeinden um 100
nach Christus. Gleichzeitig reicht der Blick durch Weltreiche und Zeitabschnitte hindurch
bis zum Handeln Gottes am ”Jüngsten Tag”, bis zum Ende der Geschichte, dem Ende der
alten Erde, bis zu einer Zeit, in der die Realität Jesu für alle offensichtlich werden wird.
Auch hier werden wir uns wieder mit Realität zu beschäftigen haben: mit der Realität des
auferstandenen Jesus Christus.
Zwischen Realität und Realität - worauf spielt das an? Wir möchten versuchen, das
durch die folgende Gegenüberstellung zu verdeutlichen.

Realität der Welt:


Wir leben alle als Menschen in der Realität unserer Zivilisation und Gesellschaft. Diese
Realität und unser Realitätsbewußtsein wird wesentlich durch die Einsichten und Haltun-
gen der Gesellschaft als ganzes bestimmt. Wir lernen über die Geschichte in den Schulen.
Wir lesen Bücher, die von Autoren bestimmter Strömungen verfaßt wurden. Wir lernen
so Wissenschaft, Kunst, Politik, Soziologie, Musik, Hören und Sehen, Denken und Kate-
gorien, Fühlen und Reden ...! Es gilt als real”, was in einer Gemeinschaft von Forschern
oder Künstlern oder Politikern als real” anerkannt ist. Die Entwicklung der modernen
Wissenschaft mit ihren Regeln spielt dabei eine zentrale Rolle. Heute ist real, was für die
Wissenschaft als real gilt. Und es ist real, was von den Medien als real” verbreitet wird.
Diese Realität ist die Realität der menschlichen Gesellschaft und Zivilisation.

Die Realität des auferstanden Jesus Christus:


Die Bibel redet in vielen Dingen von der oben beschriebenen weltlichen Realität. Doch
dieser Realität wird eine völlig neue und weitere Dimension und Realität eröffnet: die
Realität des lebendigen Jesus, des lebendigen Gottes und des lebendigen heiligen Geistes.
Die Realität Jesu ist nicht unbedingt in allem vergleichbar mit den Fakten der Alltags-
welt oder mit den Experimenten und Beweisen der wissenschaftlichen Welt. Es handelt
sich um eine andere Art von Realität. Sie ist nicht weniger real”, nicht weniger bedeut-
sam, nicht weniger mächtig und nicht weniger einflußreich für das persönliche Leben jedes
Menschen. Und doch ist die Realität Jesu anders als die Realität der Welt. Die Realität
Jesu - das Reich Gottes - lebt für uns bis heute im Verborgenen. Sie ist da, ohne immer
offensichtlich erkannt zu werden. Das Reich Gottes benötigt den lebendigen Glauben, um
erkannt und erfahren zu werden. Die Realität Jesu möchte, daß wir uns ihr anvertrauen
und uns ihr öffnen, damit wir ihre umfassende Wirklichkeit wahrnehmen können.
Roland Potthast 205

Vielleicht sind die Beschreibungen und Erklärungen der vorausgehenden Abschnitte


für Sie unverständlich - vielleicht fragen Sie sich: was meint er, wenn er dies so schreibt?
Ein erster Schritt ist es, wenn ich Sie neugierig gemacht habe auf die Realität, die Jesus in
den Evangelien und im neuen Testament beschreibt. Schauen Sie sich das genau an! (Z.B.
Johannes 18,36 oder Lukas 17,20). Es lohnt sich, die Erlebnisse der Nachfolger Jesu zu stu-
dieren und zu erleben, wie diese die Realität Gottes in ihrem Leben in manchen scheinbar
ganz ”weltlichen” Dingen erfahren. Fragen Sie sich und Gott nach Seiner Realität!

6.1.3 Christi Himmelfahrt: was kann man damit heute noch anfangen?
Christi Himmelfahrt wird in Apg 1 (Apostelgeschichte 1) beschrieben. Schauen Sie mal in
die Verse 6 ff. hinein. Da heißt es:
”Die Jünger nun, als sie zusammengekommen waren, fragten ihn [Jesus] und sagten:
Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her? Er sprach zu ihnen: Es ist
nicht eure Sache, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater [Gott] in seiner eigenen
Vollmacht festgesetzt hat. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der heilige Geist auf
euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in
ganz Judäa und Samaria und bis an die Enden der Erde. Und als er dies gesagt hatte, wurde
er vor ihren Blicken emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg.
Und als sie gespannt zum Himmel schauten, wie er auffuhr, siehe, da standen zwei Männer
in weißen Kleidern bei ihnen, die auch sprachen: Männer von Galiläa, was steht ihr und
seht hinauf zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen
worden ist, wird so kommen, wie ihr ihn habt hingehen sehen in den Himmel. Da kehrten
sie nach Jerusalem zurück von dem Berg, welcher Ölberg heißt, der nahe Jerusalem ist,
einen Sabbatweg entfernt.” (Elberfelder Übersetzung 1992)
Eine spannende Geschichte: da ist der auferstandene Jesus mitten unter seinen Jüngern.
Er verspricht Ihnen, sie auszustatten für die Aufgabe, die er ihnen anvertraut hat: macht
alle Menschen zu meinen Nachfolgern, macht alle zu ”Christen”, weckt in ihnen den Glau-
ben - das umfassende kindliche Vertrauen. Tauft Sie. Lehrt sie alles zu halten, was ich
euch mitgegeben habe! Die Ausstattung besteht in dem kraftvollen heiligen Geist. Kraft
zum Zeugnis für Jesus. Kraft zur Nachfolge und die Autorität eines heiligen Geistes, der
eins ist mit Gott, dem Vater, und Jesus, dem Sohn.
Mitten hinein in diese unfaßbaren und geradezu unglaublichen Berichte von der Auf-
erstehung und den Gesprächen mit dem Auferstandenen lesen wir die Berichte von der
Himmelfahrt Jesu: da verschwindet der gerade glücklich wieder erschienene Jesus nun
vollends, um die Jünger als Einzelne und als Gemeinschaft in die Welt hinein zu senden.
Ganz offen gesprochen: ”puh..., muß ich sagen.” Da überstürzen sich die Ereignisse
und ein Bericht ist heftiger als der andere. Leben Jesu, die Wunder, seine Worte (die
wunderbarer sind als alle offensichtlichen Wunder!), dann der Tod Jesu, seine schmähliche
Hinrichtung in Leiden und Verspottungen ... all das ist schon schwierig zu verfolgen. Die
Auferstehung ist wunderbar und unverständlich. Nun ist er wieder da, der Jesus. Gott
hat gesprochen: ”dies ist mein geliebter Sohn, dem sollt ihr glauben!” Entgültig durch die
Auferstehung bestätigt: Jesus. Und dann geht er wieder, fährt hinauf in den Himmel.
”Puh..!” Christi Himmelfahrt ist kein leichter Stoff. Was kann man damit heute noch
206 Die Bibel für Menschen von heute ...

anfangen?
Sie werden vielleicht mitbekommen haben, daß nicht wenige Menschen, ja sogar nicht
wenige Theologen, heute mit der Himmelfahrt als konkretem historischem Ereignis wenig
anfangen können. Es werden manche Modelle und Gründe angeführt, die Erzählungen
”mythisch” zu verstehen, d.h. als Überlieferungen der ersten Gemeinden, welche ”ihren”
Gott als göttlich darzustellen bestrebt waren. Berichte von Himmelfahrten gibt es durchaus
einige in alter Literatur.
Wir möchten Sie aber dennoch ermutigen, die Berichte der Wunder, die Passionsbe-
richte genauso wie die Auferstehungsberichte und in dieser Linie auch die Erzählung von
der Himmelfahrt Jesu Christi in ihrem historischen Kern als real und wichtig anzunehmen.
Wir denken, daß dies auch im 21. Jahrhundert richtig und zeitgemäß ist. Ja es ist und bleibt
sogar ein wesentlicher Bestandteil des Christlichen und ein Schlüssel zum Verständnis der
Realität Jesu Christi heute.
Immer wieder stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage: soll ich denn nun diese
”Märchen” einfach für wahr halten und ist das dann christlicher Glaube? Aber aus einem
reinen ”Für-wahr-halten” alter Geschichten besteht der Glaube an Jesus Christus eben
nicht! In seinem Brief sagt Jakobus sogar: ”Du glaubst, daß nur einer Gott ist? Das glauben
die Dämonen auch und zittern.” Es geht nicht um das für wahr halten irgendwelcher
Geschichten. Glaube ist vielmehr ein Teilnehmen an der Realität Jesu! Indem ich mich
Jesus anvertraue, öffnet sich mir seine Realität und damit bekomme ich ein völlig neues
und anderes Verhältnis zu den Berichten und Erzählungen.
Also nochmal gefragt: wie kann ich mit Christi Himmelfahrt etwas anfangen? Wie
kann ich mit der Auferstehung etwas anfangen? Wie kann ich mit den Wundern und
Heilungsgeschichten etwas anfangen? Indem ich beginne, Jesus zuzuhören und - wenn ich
ihn zu verstehen beginne - mich ihm glaubend anvertraue. Dann kann ich in sinnvoller
und vernünftiger Weise zu einem begründeten Glauben kommen. So kann ich auch im 21.
Jahrhundert in moderner und zeitgemäßer Weise die Himmelfahrt Christi ernstnehmen.
Dann kann ich inmitten von Kunst, Kultur und Wissenschaft die Realität Gottes mit
seiner wunderbaren und unausschöpflichen Macht bis heute kennenlernen.

6.1.4 Wort beim Wein: Eine fast unmögliche Sache!


Haben Sie schon einmal versucht, die Realität Gottes ernstzunehmen? Sind Sie Christ?
Vielleicht haben Sie es mit dem Glauben versucht und haben frustriert nach einiger Zeit
aufgegeben?
Wir kennen die Schwierigkeiten des Glaubens und haben darum den Titel dieses vier-
ten Abschnitts gewählt: eine fast unmögliche Sache! Glauben ist fast unmöglich - ja: wenn
ein Mensch an Jesus Christus glaubt und in einem solchen lebendigen Glauben lebt (was
ein und dasselbe ist), so ist dieses ein genauso großes Wunder wie die Heilung des Gicht-
brüchigen, die Stillung des Sturmes oder die Erweckung des Lazarus von den Toten. Wir
Menschen sind von unseren ”natürlichen” Anlagen nicht so, daß wir ohne weiteres Gott
vertrauen würden. Wir sind selbstbezogen, sind an den unmittelbaren sichtbaren Tatsa-
chen der Welt orientiert und denken in kurzfristigen Zeitabschnitten... kurz: wir sind zum
Leben im Glauben an Jesus Christus eigentlich völlig unfähig! Kein Mensch kann glauben
Roland Potthast 207

(und Paulus bestätigt, daß kein Mensch ohne die Gnade Gottes in Jesus gerettet werden
kann). Darum wundern Sie sich nicht, wenn Sie mit dem Glauben Schwierigkeiten haben.
Sie sind nicht allein! Nur wenn man sich selbst etwas vormacht, hat man keine Schwie-
rigkeiten mit dem Glauben. Nehmen Sie ihre Schwierigkeiten als das an, was sie sind:
unmißverständlicher Hinweis auf die Richtigkeit der Bibel in altem und neuem Testament
in ihrer Beschreibung der Verlorenheit des Menschen. Mit dem Sündenfall des Menschen
ist die ganze Schöpfung einen Weg gegangen, der sie in die Gottesferne katapultiert hat.
Nun ist die von uns beschriebene Unfähigkeit des Menschen zum Glauben nur die
eine Seite der Wahrheit. Durch die Macht Gottes in Jesus Christus ist die Fähigkeit zum
Glauben vorhanden. In Jesus möchte uns Gott den Glauben mit all seinen Konsequenzen
zum Geschenk machen. Gott möchte an jedem Menschen persönlich ein herrliches Wunder
vollbringen und echten Glauben wecken.
Glaube entsteht und wächst ... wie ein neugeborenes Kind gedeiht der von Jesus ge-
schenkte Glaube in einem Menschen. Das bedeutet nicht, daß er nicht auch Anfechtungen
und viele Fragen mit sich herumtragen würde. Um den Glauben muß immer wieder gerun-
gen werden. ”Kämpft den Kampf des Glaubens!” schreibt Paulus, .”.. daß ihr den Siegpreis
erringt!”. Das neue Leben ”in Christus” ist angefochten und bedroht - es ist aber auch
beschützt durch Gott, den Herren des Universums und der Erde.
Wir möchten Sie ermutigen, die fast unmögliche Sache zu verfolgen, den Glauben
an Jesus Christus zu suchen und im Glauben zu reifen. Es ist nicht immer leicht. Die
Schwierigkeiten und manche Enttäuschung möchten uns entmutigen. Doch es ist eine un-
beschreibliche Freude, wenn wir uns Gott entgegenbewegen und IHN in seiner liebenden
und eifernden, unendlich heiligen, tiefblickenden und geduldigen Art erfahren und kennen-
lernen.

6.2 Besser als die neuste Droge ... Pfingsten (Apostelgeschichte 2)


6.2.1 Für Eilige: Besser als die neuste Droge ...

Besser als die neuste Droge ... Wow, was kann das sein? Was bringt die Droge? Wohlgefühl
und den Eindruck des Fliegens? Das Gefühl, erfüllt zu sein? Sinn und Ziel für das Leben,
wenigstens für eine kurze Zeitspanne? Den Kick, der sich einfach nur gut anfühlt? Etwas,
das über unsere eigenen natürlichen Möglichkeiten hinausgeht? Oder nur den Kater oder
die Übelkeit am nächsten Morgen?
Heute geht es in unserem Seminar etwas, das besser ist als alle Drogen - besser als die
neuste Droge und der neuste Trend! Es geht um den heiligen Geist Gottes. Es geht um
Gott pur, Gott nahe, Gott in Aktion und Gott real!
Der heilige Geist Gottes ist eine Kraft und lebendiges Wesen, der von Gott kommt und
der die Menschen beeinflussen und ”bewohnen” möchte. Heiliger Geist, Kraft Gottes ...
heiliger Geist, die Macht, so zu leben, wie Jesus Christus lebte, und von Jesus zu erzählen
wie er war und ist. Heiliger Geist ist ein wesentliches Bindeglied zwischen Gott in seiner
unendlichen Größe und der täglichen Lebenswirklichkeit des Menschen: der heilige Geist
ist da und bringt uns Gott nahe.
Wir werden uns heute intensiv mit diesem heiligen Geist Gottes beschäftigen. Von
208 Die Bibel für Menschen von heute ...

einigen verschiedenen Seiten werden wir seine Realität und sein Wirken bis ins 21. Jahr-
hundert beleuchten. Übrigens sprechen einige feministische orientierte Pastorinnen auch
von ”Geistin”, weil das ursprüngliche griechische Wort ”pneuma” femininum, also weib-
lich, ist. Wie auch immer Sie das handhaben wollen, die Sache mit dem heiligen Geist ist
eine ganz spannende Geschichte.

Tipps für diese Woche:


1) Überlegen Sie einmal, wo Sie bei einem anderen Menschen die Gegenwart des Heili-
gen Geistes erleben! Machen Sie sich Gedanken darüber, wie Sie die Gegenwart des Geistes
Gottes erkennen.
2) Sind Sie bereit, sich dem Geist Gottes zu öffnen? Die wesentliche Frage hierbei ist
es, ob Sie Gott in ihr Leben hineinlassen möchten. Gott, der Allmächtige - darf er in Ihr
Leben hineinsprechen und es verändern? Darf Gott das Böse, Ignorante, Stolze und Gott-
Ferne hinauswerfen und die Charakterzüge Jesu Christi in Ihr Leben hineinbringen und
wachsen lassen?

6.2.2 Apg 2 im Original: Petrus wird deutlich!


Tun Sie sich etwas Gutes - lehnen Sie sich zurück und lauschen Sie auf den Originalbericht
aus der Apostelgeschichte. Es geht um das Pfingsterlebnis und um den Augenblick, als
Petrus deutlich wird. Wir folgen der ”Guten Nachricht - die Bibel in heutigem Deutsch”,
herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft.
”Am jüdischen Pfingstfest waren wieder alle, die zu Jesus hielten, versammelt. Plötz-
lich hörte man ein mächtiges Rauschen, wie wenn ein Sturm vom Himmel herabweht. Das
Rauschen erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Dann sah man etwas wie Feuer,
das sich zerteilte, und auf jeden von ihnen ließ sich eine Flammenzung nieder. Alle wur-
den vom Geist Gottes erfüllt und begannen in verschiedenen Sprachen zu reden, jeder wie
es ihm der Geist Gottes eingab. Nun lebten in Jerusalem fromme Juden aus aller Welt.
Als sie das mächtige Rauschen hörten, strömten sie alle zusammen. Sie waren bestürzt,
denn jeder hörte die versammelten Jünger in seiner eigenen Sprache reden. Außer sich
vor Staunen riefen sie: Die Leute, die da reden, sind doch aus Galiläa! Wie kommt es
dann, daß wir sie in unserer Muttersprache reden hören? Unter uns sind Parther, Meder
und Elamiter, Leute aus Mesopothamien und Kappadozien, aus Pontus und aus der Pro-
vinz Asien, aus Phrygien und Pamphylien, aus Ägypten, dem libyschen Zyrene und aus
Rom, aus Kreta und Arabien, Menschen mit jüdischer Herkunft und solche, die sich der
jüdischen Gemeinde angeschlossen haben. Und trotzdem hört jeder sie in seiner eigenen
Sprache die großen Taten Gottes verkündigen. Erstaunt und verwirrt fragten sie einander,
was das bedeute. Andere machten sich darüber lustig und meinten: Die Leute sind doch
betrunken!
Da standen Petrus und die elf anderen Apostel auf, und Petrus rief laut: Ihr Juden
aus aller Welt und alle Bewohner Jerusalems! Hört mir zu und laßt euch erklären, was
hier vorgeht.”
- Werbepause: Der Geist Gottes ist in diesem Bericht machtvoll aktiv. Wir dürfen
ihn bewundern und uns freuen an dem machtvollen Eingreifen Gottes. Aber allein die
Roland Potthast 209

Faszination des Übernatürlichen ist nicht das Wesentliche an der Sache. Allein die Aus-
strahlungskraft der erlebten und praktischen Nähe Gottes ist nicht das, worum es Gott
hier geht. Darum ist das Pfingsterlebnis nicht ohne die Pfingstpredigt des Petrus zu haben
und zu lesen. Hier einige Auszüge... -
”Petrus rief laut: Ihr Juden aus aller Welt und alle Bewohner Jerusalems! Hört mir zu
und laßt euch erklären, was hier vorgeht. Diese Leute sind nicht betrunken; es ist vielmehr,
was Gott durch den Propheten Joel angekündigt hat: Wenn die letzte Zeit anbricht, sagt
Gott, werde ich alle Menschen mit meinem Geist erfüllen. Männer und Frauen in Israel
werden dann zu Propheten, alte wie Junge haben Träume und Visionen. Allen, die mir
dienen, Männern und Frauen, gebe ich meinen Geist, und sie werden als Propheten reden.
[...] So kündigt sich der große und strahlende Tag des Herrn an. Wer sich dann zum Herrn
bekennt und seinen Namen anruft, wird gerettet.
Ihr Leute [Anm: jetzt redet wieder Petrus] von Israel, hört, was ich euch zu sagen habe!
Jesus von Nazareth kam zu euch im Auftrag Gottes; das konntet ihr an den wunderbaren
Taten sehen, die Gott durch ihn geschehen ließ. [...] Diesen Jesus hat Gott vom Tod
erweckt, das können wir alle bezeugen. Er wurde zu dem Ehrenplatz an Gottes rechter
Seite erhoben und erhielt von seinem Vater die versprochene Gabe, den heiligen Geist,
damit er ihn an uns weitergibt. Was ihr hier seht und hört, sind die Wirkungen dieses
Geistes. [...] Alle Menschen in Israel sollen daran erkennen, daß Gott diesen Jesus, den
ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Retter der Welt gemacht hat. Dieses Wort traf die
Zuhörer mitten ins Herz, und sie fragten Petrus und die anderen Apostel: Brüder, was
sollen wir tun? Petrus antwortete: Kehrt jetzt um und macht einen neuen Anfang! Laßt
euch alle auf den Namen Jesu Christi taufen! Dann wird Gott euch eure Schuld vergeben
und euch seinen heiligen Geist schenken. [...] Etwa 3000 Menschen führte der Herr an
diesem Tag der Gemeinde zu.” (siehe Apostelgeschichte 2)
Petrus wird deutlich: Jesus lebt. Jesus ist beim Vater und sendet den heiligen Geist.
Dabei geht es um Umkehr: macht einen neuen Anfang! Kehr um! Im gleichen Absatz sagt
er auch: ”Laßt euch erretten von dem Verderben, das über diese schuldbeladene Generation
hereinbricht!”
Wenn die zitierten Zeilen und unsere Worte bei Ihnen nicht im Kleinen und Großen eine
Umkehr und einen neuen Anfang bewirken, wenn nichts in Ihr Herz fällt, dann werden alle
Erklärungen und Erläuterungen dieses Seminars ins Leere gehen. Darum ist es wesentlich,
daß Sie den Weg zum lebendigen Glauben an Jesus Christus finden.

6.2.3 Vom heiligen Geist im neuen Testament


Wir möchten Sie mit hineinnehmen in die Geschichte des heiligen Geistes mit der Gemein-
de. Darum begleiten Sie uns auf einen kleinen Streifzug durch das neue Testament, um zu
entdecken, wie eng verwoben die Geschichte der christlichen Gemeinden mit dem Wirken
des heiligen Geistes ist.
Spot 1: Hananias und Saphira betrügen den heiligen Geist. (Apostelgeschichte
5) Da sind zwei Mitglieder der Gemeinde, die lügen über ihr Vermögen gegenüber den
Leitern der Gemeinde. Nicht, daß jemand sie zu Auskünften verpflichtet hätte! Hananias
und Saphira wollen als groß gelten und schließen sich dem Trend zur Spende des eigenen
210 Die Bibel für Menschen von heute ...

Vermögens an. Allerdings betrügen sie dabei die Gemeinde und behalten Geld für sich,
von dem sie offiziell behaupten, es gespendet zu haben. In unfaßbarer Weise kommen beide
zu Tode durch das Wirken des heiligen Geistes.
Spot 2: Hinrichtung des Stephanus. (Apg. 7,55) Stephanus aber blickte [im Au-
genblick seiner Hinrichtung] zum Himmel empor, vom Geist Gottes erfüllt. Dort sah er
Gott in seiner Herrlichkeit und Jesus an seiner rechten Seite und rief: ”Ich sehe den Himmel
offen, und an der rechten Seite Gottes steht der Menschensohn.”
Spot 3: Vision des Petrus. (Apg. 10) Der heilige Geist zeigt dem Leiter der welt-
weiten Gemeinde, dem Apostel Petrus, in einer Vision, daß er alles essen darf, daß die
Reinheitsgebote des alten Testaments ausgesetzt sind durch das, was in Jesus Christus
geschehen ist.
Spot 4: Paulus und Barnabas werden vom heiligen Geist auf die erste Mis-
sionsreise gesandt. (Apg.13) Der heilige Geist redet zu den Propheten und Lehrern der
Gemeinde von Antiochia, Paulus und Barnabas auszusenden.
Spot 5: Weisungen durch den heiligen Geist. (Apg 16,6) Der heilige Geist erlaubt
Paulus nicht, in der Provinz Asien die gute Nachricht zu verkündigen. Stattdessen sendet
er sie durch Phrygien und Galatien [heutige Türkei] nach Mazedonien [Griechenland].
Lesen Sie die Apostelgeschichte, und Sie werden vielfältigste Berichte vom Wirken des
heiligen Geistes finden! Aber auch in den Evangelien, in den Briefen des Apostels Paulus,
den weiteren Briefen und der Offenbarung ist der Geist Gottes in tiefgreifender Weise aktiv
und an der Gestaltung des Geschehens beteiligt.
Spot 6: Die Aufgabe des heiligen Geistes nach dem Evangelium des Johan-
nes. (Joh.16, 7 ff.) Jesus sagt dort: .”.. es ist gut für euch, wenn ich fortgehe, denn sonst
wird der Stellvertreter nicht zu euch kommen. Wenn ich aber fortgehe, dann werde ich
ihn zu euch senden. Wenn er kommt, wird er den Menschen dieser Welt beweisen, daß
sie schuldig sind, und er zeigt ihnen, was Sünde ist und Gottes Gerechtigkeit und sein
Gericht. [...] [...] Wenn der Geist der Wahrheit kommt, wird er euch in die ganze Wahrheit
einführen. Was er sagen wird, hat er nicht von sich selbst, sondern er wird euch sagen,
was er hört. Er wird euch in Zukunft den Weg weisen. Er wird meine Herrlichkeit sichtbar
machen.”
Spot 7: Das neue Leben der Christen nach Epheser 4, 17 ff. ”Ihr dürft nicht
mehr wie die Gottlosen leben, die von ihrem verkehrten Denken in die Irre geführt werden.
[...] Laßt eure Gesinnung vom Geist Gottes erneuern! Zieht den neuen Menschen an, den
Gott nach seinem Bild geschaffen hat und der so lebt, wie Gott es haben will. Der Weg
dazu ist euch durch das Wort der Wahrheit eröffnet, das nicht trügt.”
Wenn Sie es ernst meinen, mit Gott und Jesus Christus Ihr Leben zu gestalten, dann
werden Sie viele spannende Erfahrungen manchen mit dem heiligen Geist Gottes. Und er
wird mit Ihrer Hilfe auch andere Menschen zu Jesus Christus einladen, so wie dies in den
letzten Absätzen der Bibel, im Buch der Offenbarung beschrieben ist:
”Und der Geist und die Braut [=die Gemeinde] sprechen: Komm! Und wer es hört, der
spreche: Komm! Wer durstig ist, der komme zu mir und nehme das Wasser des Lebens
umsonst!” (Offenbarung 22,17ff)
Roland Potthast 211

6.2.4 20.Jahrhundert: Streit um den heiligen Geist

Die Sache mit dem heiligen Geist ist nicht immer einfach gewesen in den christlichen
Gemeinden. Es gab handfesten Streit um den Geist Gottes, um seine Wirkungen und
seine Gegenwart.
Ein wenig vom Streit um den heiligen Geist, der im 1. Jahrhundert nach Christus
aktuell war, können wir in den Briefen des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth
nachlesen, z.B. in den Kapiteln 12 folgende. Dabei geht es um die sogenannten ”Charis-
men”, die Gaben des Geistes Gottes. Einige Christen scheinen diese Gaben stark über-
bewertet zu haben. Paulus muß mit viel Mühe und Geduld den mehr gefühls- und den
geistbetonten Christen zureden. Fragen von Legetimität und Autorität haben vor 2000
Jahren eine wichtige Rolle gespielt. In langen Passagen versucht Paulus, die Sachverhalte
so klar wie möglich zu machen und die Gemeinde zusammenzuhalten, die ”ein Leib” ist
mit ”vielen Gaben.”
Auch das 20. Jahrhundert kennt viele tiefe Auseinandersetzungen um den Geist Gottes,
die durchaus mit denen des 1. Jahrhunderts nach Christus vergleichbar sind. Charisma-
tische Bewegungen entstanden Anfang des Jahrhunderts mit der Pfingstbewegung, dann
mit der charismatischen Erneuerung innerhalb der evangelischen und katholischen Kir-
chen, schließlich mit der sogenannten ”dritten Welle des Geistes”, bei der sich eine weitere
Schwerpunktverschiebung in Richtung der ”Macht” und ”Zeichen” Gottes vollzieht. Dabei
sind die Kennzeichen des Streits nicht nur in unterschiedlichen Lehrauffassungen zu finden,
sondern die Meinungsverschiedenheiten gehen bis an den Nerv des Christseins. Da verur-
teilt die ”evangelikale” Welt, die sich als ”bibeltreu” versteht, die ”Pfingstler” als ”von
unten”, also von Satan, getrieben. (siehe Berliner Erklärung vom 15. Sept. 1909). Auf der
anderen Seite können Pfingstler oft nicht verstehen, daß sich geistgetaufte Christen weiter
in den ”alten” Kirchen aufhalten, die sich vom Weg Jesu abgewandt haben. Sehr viele
weitere solcher Verurteilungen und Machtkämpfe sind traurige Realität in der deutschen
und europäischen Christenheit. Eine tiefere Analyse der verschiedenen Gemeinden und
Richtungen der charismatischen Bewegung würde ebenso den Rahmen dieses Seminars
sprechen wie die Darstellung der Reaktionen und der Situation in den alten Kirchen. Wir
können Sie nur herzlich einladen, regelmäßig verschiedene Gemeinden und Christen zu
besuchen, um ein Verständnis für deren Haltung zu entwickeln und in Ihnen ernsthaft an
Jesus Christus orientierte Brüder und Schwestern zu entdecken. Auf dieser Basis können
Sie dann ein Gespräch beginnen, um die Wahrheit Jesu nächer zu erforschen und gemein-
sam nach der Wahrheit und Realität des auferstanden Jesus und des heiligen Geistes zu
suchen.
Eine biblische Hilfe zur Verständigung möchten wir Ihnen noch geben. Bedenken Sie:
nicht jeder Christ muß in gleicher Weise den Geist Gottes in seinem Leben erfahren und
in seinem Denken von Gott präsent haben. Vergleichen Sie die drei großen Propheten des
alten Testaments: Jeremia, Jesaja und Hesekiel. Jeremia hat als Fokus Gott den Vater. Je-
saja stellt Jesus Christus, den Sohn Gottes, in zentraler Weise heraus. Und Hesekiel ergänzt
dieses Bild um das Wirken des heiligen Geistes. Drei zentrale Propheten - drei Begabun-
gen und drei Sichtweisen möchten uns die Toleranz lehren und möchten sich ergänzen, um
Gottes Größe wiederzuspiegeln in menschlichen Erfahrungen und Worten.
212 Die Bibel für Menschen von heute ...

6.2.5 Wort beim Wein: wir brauchen ihn - er ist da!

Wir brauchen den heiligen Geist. Nur durch ihn können wir Gott vertrauen. Er schafft in
uns den Glauben an Jesus Christus! Ohne ihn wären wir nicht in der Lage, Jesus heute
durch die Worte der Bibel zu verstehen. Wir brauchen ihn - er ist da!

Wir brauchen den heiligen Geist. Nur durch ihn können wir tun, was Gott will. Er
schafft in uns die Fähigkeit, Jesus zu folgen, nur er erschafft die Liebe Gottes in uns! Ohne
ihn wären wir nicht in der Lage, heute das zu halten, was Jesus uns aufgetragen hat. Wir
brauchen ihn - er ist da!

Wir brauchen den heiligen Geist. Nur durch ihn wissen wir, wohin uns Gott führt. Er
befähigt uns, Gottes Willen zu erkennen! Ohne ihn wären wir nicht in der Lage, auf den
lebendigen Gott in konkreten Situationen zu hören. Wir brauchen ihn - er ist da!

Wir brauchen den heiligen Geist. Nur durch ihn lebt die Hoffnung in uns. Er erneu-
ert jeden Morgen unsere Geduld und Liebe! Ohne ihn wären wir nicht in der Lage, mit
Zuversicht in den Tag zu gehen. Wir brauchen ihn - er ist da!

6.3 Das Original ... - die erste Gemeinde (Apostelgeschichte 2-4)


6.3.1 Für Eilige: Das Original ... eine Begegnung

Wie leben Christen? Wie ist christliche Gemeinschaft? Haben Sie sich schon einmal gefragt,
wie denn ein Leben aussieht, das der Gemeinschaft mit Jesus Christus entspricht?
Anders herum gefragt: wie wird das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen wirk-
lich gesund, wohltuend, beständig? Was muß geschehen? Wie sieht ein solches Leben aus?
Unsere Tour durch die Apostelgeschichte führt uns heute mitten hinein in die er-
ste christliche Gemeinde und damit auf die Frage, wie eigentlich Christen zusammenle-
ben. Wir werden die Höhepunkte eines vom heiligen Geist geprägten Gemeinschaftslebens
kennenlernen. Wir werden auch einen Blick werfen in die Schwierigkeiten, die eine enge
menschliche Gemeinschaft mit sich bringt.
Die Begegnung mit dem Original von christlicher Gemeinde - mit der ersten Gemeinde
- ist spannend und interessant. Wir bleiben aber nicht nur in historischer Perspektive,
sondern fragen auch nach dem Leben von Christen und Gemeinden heute.

Tipps für diese Woche:


1) Notieren Sie einmal, was sie von einer gesunden Gemeinschaft von Menschen erwar-
ten. Notieren Sie zu jeder Erwartung auch, wo diese Erwartung einige oder alle Menschen
überfordern könnte.
2) ”Gesunde Gemeinschaft benötigt letztlich Menschen, welche die Quelle und den
Mittelpunkt ihres Lebens in Gott gefunden haben.” Können Sie dieses Grundprinzip nach-
vollziehen? Suchen Sie Argumente pro und contra :-).
Roland Potthast 213

6.3.2 Die erste Gemeinde ... Zeitsprung und Abenteuer

Zeitsprung! Reisen wir zurück etwa in das Jahr 33 anno domini. Ort: Jerusalem, Palästina.
Ein markanter ehemaliger Fischer predigt vor einer großen Menschenmenge. Er hat Mühe,
das erregte Volk zu beruhigen, die Feuerzungen und das Sprachenwunder zu erklären. ”Ihr
Juden aus aller Welt und alle Bewohner Jerusalems” ruft er, ”hört mir zu!”
Im letzten Abschnitt unseres Seminars konnten Sie mit uns erleben, wie Petrus über
Verlorenheit und Rettung redete, wie er Jesus Christus als den Sohn und Heiland Gottes
vorstellt und Sie einlädt, in Gemeinschaft mit Jesus zu leben. Dort springen wir hinein in
die Geschichte, nachzulesen in der Apostelgeschichte Kapitel 2, Vers 40 folgende:
”Petrus beschwor und ermahnte sie noch weiter: Laßt euch retten vor dem Verder-
ben, das über diese schuldbeladene Generation hereinbricht! Viele nahmen seine Worte zu
Herzen und ließen sich taufen. Etwa 3000 Menschen führte der Herr an diesem Tag der
Gemeinde zu.”
Wir erleben den Ursprung, sind Zeugen des Originals: der ersten christlichen Gemein-
de. Später wird man sagen: ”der Glaube kommt durch die Predigt.” 3000 Menschen folgen
an diesem Tag der Stimme Gottes und der Stimme ihres Herzens. Sie bekennen mit der
Taufe, daß sie ”mit Christus gestorben” sind und ”in ihm leben.” Wir werden mit hinein-
genommen in eine faszinierende Gemeinschaft. Schauen wir weiter hinein:
”Sie alle blieben beständig beisammen, ließen sich von den Aposteln unterweisen und
teilten alles miteinander, feierten das Mahl des Herrn und beteten gemeinsam. Durch die
Apostel geschahen viele wunderbare Taten, und jedermann in Jerusalem spürte, daß hier
wirklich Gott am Werk war.”
Die Gemeinschaft dieser ersten Christen ist in einer weitreichenden Weise auf das Leben
Jesu ausgerichtet. Gemeinschaft von Nachfolgern Jesu bedeutet: gemeinsam mit anderen
Christen den Glauben besprechen und leben, sich helfen und ermutigen, gemeinsam han-
deln. Die Apostel sind von Christus gelehrt worden und geben das Gelernte nun weiter.
Alle teilen alles miteinander: das Eigentum des Einzelnen wird nebensächlich angesichts
der Gegenwart Gottes. Jesus ist da durch seinen heiligen Geist. Zu dieser Gemeinschaft
gehört das, was später als ”Sakrament” in die Kirchen einging: Abendmahl - das Erinnern
und Teilnehmen am Tod Jesu. Abendmahl - die Teilnahme an dem ”neuen Bund” in Jesu
Blut. Diese tiefen und viele tausend Jahre alten Bilder aus dem alten Testament, die Jesus
aufgreift und zu ihrer Vollendung bringt, versuchen wir Christen bis heute auszuschöpfen
und zu begreifen.
Die erste Gemeinde betet! Sie weiß um die offenen Ohren des lebendigen Gottes. Sie
weiß um ihre Abhängigkeit von Gott – wie die Abhängigkeit von Kindern von ihren Eltern.
Gottes Macht zeigt sich in ”vielen wunderbaren Taten.” Für die Christen ist die Gegenwart
Gottes offensichtlich und gewiß!
Kennen Sie persönlich christliche Gemeinschaft, die gesund und ermutigend die leben-
dige Gegenwart Gottes widerspiegelt? Kennen Sie die lebendige Gemeinschaft von wachen
Christen? Suchen Sie diese Gemeinschaft in Ihrer Stadt! Sie ist da, es gibt sie! Haben
Sie schon einmal Zeiten erlebt, in denen Gott in Ihrem Leben mit wunderbaren Taten
eingegriffen hat? Es hat solche Zeiten gegeben und wird sie wieder geben. Gott wirbt und
bemüht sich um jeden Menschen. Öffnen Sie Ihre Augen und sehen Sie Seine Gegenwart.
214 Die Bibel für Menschen von heute ...

Wir wollen mit Ihnen gemeinsam noch ein wenig an der Freude und Ausgelassenheit
der ersten Gemeinde teilnehmen.
”Alle, die zum Glauben gekommen waren, taten ihren ganzen Besitz zusammen. Wenn
sie etwas brauchten, verkauften sie Grundstücke und Wertgegenstände und verteilten den
Erlös unter die Bedürftigen in der Gemeinde. Tag für Tag versammelten sie sich im Tempel
und in ihren Häusern feierten Sie in jubelnder Freude und mit reinem Herzen das gemein-
same Mahl. Sie priesen Gott und wurden vom ganzen Volk geachtet. Der Herr führte ihnen
jeden Tag weitere Menschen zu, die er retten wollte.” (Apg 2,44ff)
Als Folge der Ausrichtung auf Jesus erlebt die erste Gemeinde eine beispiellose Blüte.
Wir erfahren in den Kapiteln 3 und 4 der Apostelgeschichte viele weitere Details und
spannende Dinge:

• Wunder: die Christen und die Apostel erleben das wunderbare Eingreifen Gottes
durch Krankenheilungen.

• Widerstand: die Leiter der Gemeinde erfahren erbitterten Widerstand durch staat-
liche Stellen und die etablierte religiöse Schicht.

• Furchtlosigkeit: ”Gib uns deinen Dienern jetzt die Kraft, deine Botschaft mutig und
entschlossen zu verkünden. [...] Und alle wurden vom heiligen Geist erfüllt. Ohne
Furcht verkündeten sie allen die Botschaft Gottes.” (Apg. 4, 29-31)

• Einheit: ”Die ganze Gemeinde war ein Herz und eine Seele. Wenn einer ein Vermögen
hatte ... ” (Apg 5,32f)

• Versorgung: ”Niemand in der Gemeinde brauchte Not zu leiden.” (Apg 5,34)

... lesen Sie selbst!

6.3.3 Wie leben Christen ... ?

Die Berichte von der ersten Gemeinde sind spannend und ermutigend. Doch sie sind nicht
die einzigen Berichte und Passagen im neuen Testament, in denen es um das Zusammen-
leben von Christen geht. Sie sind ein Anfang, ein (vielleicht einmaliger) Höhepunkt. Sie
sind aber auch Maßstab und Hinweis auf das, was Gott möglich machen kann. Sie zeigen
was Wirklichkeit wird, wenn Menschen konsequent im Glauben an Jesus Christus leben.
Wie leben Christen? Wir möchten heute ernsthaft diese Frage stellen. Wie leben Chri-
sten im 20. oder 21. Jahrhundert? Müssen alle Christen ”Gütergemeinschaft” haben? Ha-
ben sich heute die sogenannten ”christlichen” Gesellschaften weit entfernt von der Lehre
Jesu? Ist die Gegenwart Christi uns verlorengegangen und sind wir damit wieder herausge-
fallen aus dem Reich Gottes? Sind wir in Deutschland und Europa nicht im Sinne Christi
längst in vielem eine ”verlorene” Gesellschaft?
Wie leben Christen? Lassen Sie uns einen realistischen Bick hineinwerfen in unsere
Gesellschaft und in das neue Testament. Einige Highlights, die zum Denken anregen:
Roland Potthast 215

A. Christsein reduziert sich für viele auf Kirchenmitgliedschaft, einige Rituale bei Ge-
burt, Heirat und Tod und auf ”christliche Ethik” im Sinne von Ehrlichkeit und Barmher-
zigkeit. All das ist gut, aber Gott selbst - seine lebendige Gegenwart und sein Anspruch
auf die Gesamtheit des Lebens - ist verschüttet! Aber: Christen leben in der Gegenwart
Gottes und des auferstandenen Jesus Christus durch seinen heiligen Geist.

B. Christen leben mit ”Ziel Jesus”! Nur wer so lebt, ist damit einer der ”Jesus anhängt”
- ist damit ein Christ. Ob Sie in einer sakramentalen Kirche zum ”Christen” getauft wurden
oder durch Umkehrerlebnisse in einer evangelikalen Veranstaltung ”Christ” geworden sind.
Es wird die lebendige Beziehung zu Jesus sein, die Sie ”Rebe am Weinstock” sein läßt. Es
ist ”der Herr”, der Sie von innen her hell macht und ”Licht der Welt” sein läßt - Licht
Ihrer Umgebung durch die Verbindung zu Jesus!

C. Christen leben nicht ohne Mühe, Rückschläge und Probleme. ”Geduld ist nötig,
damit ihr den Siegpreis erringt.” Zum Leben mit Gott gehört es dazu, die Ansprüche an
ein gesichertes Leben abzubauen. Gott selbst will der Fels sein! Wenn wir uns auf Geld,
Gut, Gesundheit, Menschen oder Fähigkeiten verlassen, verdrängen wir Gott aus seiner
ureigensten Position. Sicherheit gibt es nur im Vertrauen auf den, der ”Anfang und Ende”
ist, ”Alpha und Omega”, allmächtiger Herr.

D. Christen leben im Gehorsam. Es ist wichtig und wesentlich, Jesus zuzuhören und
zu tun, was er sagt. Lesen Sie das neue Testament unvoreingenommen und offen. Es gibt
kein moderneres Buch! Es gibt keinen gesunderen und aufgeklärteren Lebensstil als auf
Jesus zu hören.

E. Christen können nichts tun ohne Jesus. Darum suchen Christen das Gebet und
die Gegenwart Gottes. Darum fragen Christen nach dem Willen Jesu für ihr Leben. Dar-
um warten Christen auf das lebendige Handeln Jesu in ihrer Umwelt, unter Freunden,
Kollegen, Kunden, Bekannten, Nachbarn und Verwandten.

Schauen Sie selbst genau hin, wie ”Christen” und ”Christen” handeln, denken, leben!
Aber lassen Sie sich nicht entmutigen, denn der Herr lebt, Jesus Christus ist überall da.

6.3.4 Wort beim Wein: Enttäuschungen mit Christen und Gemeinden


Zum Leben als Christ/in gehört die verbindliche Gemeinschaft mit anderen Christen.
Das ist mehr als ein Nett-Sein, mehr als gelegentliche Ermutigungen im Urlaub oder am
Wochenende. Verbindliche Gemeinschaft bedeutet Verantwortung, Beständigkeit, Nähe.
Zu ihr gehört es, sich ernsthaft auf andere Christen einzulassen - gemeinsam Gott zu
folgen.
Jede engere Gemeinschaft führt zu Reibung, Spannungen und Konflikten. Wo immer
wir Verantwortung wahrnehmen werden wir mit den Charakterzügen der anderen Men-
schen konfrontiert, mit ihren (nicht selten verletzenden) Maßstäben, mit ihren Schwächen
und den Brüchen in ihrem Denken und Handeln. Die anderen stoßen in gleicher Weise auf
unsere eigenen Stärken und Schwächen, auf unsere Ecken und Kanten.
216 Die Bibel für Menschen von heute ...

Engere Gemeinschaft führt zu Enttäuschungen - das macht keine Ausnahme bei Chri-
sten oder bei christlichen Gemeinden. In jeder Gemeinde gibt es Spannungen, Brüche,
Verletzungen, Meinungsunterschiede und Enttäuschungen. Werfen Sie alle Illusionen über
Bord, es würde anders sein!
Wie gehe ich mit den schwierigen Dingen in den Gemeinden und beim Umgang mit
anderen Chisten um? Einige Gedanken:
A. Leben Sie aus der Quelle! Bauen Sie Ihr Christsein und Ihr christliches Leben auf
Jesus Christus. Bauen Sie nicht auf Menschen - auch nicht auf christliche Menschen! Gehen
Sie im Gebet direkt zu Jesus. Lesen Sie seine Worte unmittelbar in einer guten modernen
Übersetzung der Bibel. Überfrachten Sie nicht die Gemeinde oder ihren Pastor mit zu
großen Erwartungen. Aber erwarten Sie viel vom lebendigen Jesus.
B. Gestehen Sie anderen Menschen und vor allem Christen Fehler zu! Erlauben Sie
auch wiederholtes Fehlverhalten, selbst wenn es nicht von diesen als solches erkannt und
nicht ”bereut” wird. Warten Sie nicht auf eine Entschuldigung, bevor Sie verzeihen! Lassen
Sie sich nicht von der Schuld anderer an Ihnen gefangen nehmen, sondern bleiben Sie in
der Freiheit Jesu. Aber: sagen Sie anderen klar, womit Sie Probleme haben und was Sie
verletzt! Sprechen Sie umgehend und ohne Umschweife, aber sanft und mit Rücksicht auf
den anderen.
C. Lassen Sie sich von Gott in verantwortliche Aufgaben führen nach Ihren Begabungen
und Gaben, die der Geist Gottes Ihnen gibt. Arbeiten Sie mit in einer Gemeinde und einem
Missionswerk und dienen Sie so anderen Menschen. Erwarten Sie dabei weder Lohn noch
Anerkennung! Tun Sie die Arbeit, weil es richtig ist und Gottes Willen entspricht. Arbeiten
Sie sorgfältig, zuverlässig und beständig! Lassen Sie sich die Bestätigung von Gott direkt
geben im Gebet - Gott gibt mehr als alle Menschen es jemals könnten.

6.4 Warum verfolgst du mich? - Erfahrungen eines Schlächters (Apo-


stelgeschichte 9)
6.4.1 Für Eilige: Erfahrungen eines Schlächters

Schlächter hat es in der Weltgeschichte immer wieder gegeben: Menschen, die mit brutaler
Gewalt ihr Weltbild durchsetzen wollten. Menschen, die über Leichen gegangen sind, wenn
es um ihre Auffassung der ”Wahrheit” ging - ihrer Wahrheit.
Auch Paulus, der spätere große Apostel, war ein solcher Schlächter. Unnachsichtig
verfolgte er die, welche den jüdischen wahren Glauben zu zerstören drohten. Unnachsichtig
verfolgte er Jesus Christus und seine Anhänger.
Die Frage nach dem Umgang mit den Schlächtern ist aktuell wie eh und je. Die Span-
nungen zwischen den Weltreligionen sind am Anfang des 21. Jahrhunderts nach Christus
keineswegs aufgelöst. Ob in Indien, in China oder in der arabischen Welt - überall gibt es
Ausbrüche von Gewalt, wenn es um die ”wahre” Religion geht. Die Spannungen um den
Staat Israel und in Jerusalem sind nur ein Teil der Geschichte. Oft vermischt sich Glaube
mit rein gesellschaftlichen Entwicklungen, politischen Fragen und sozialen Spannungen,
die mit dem Glauben selbst wenig zu tun haben. Auch heute wird mit Gewalt die Ausrot-
tung des Andersdenkenden und Andersglaubenden betrieben, auch in Deutschland - auch
Roland Potthast 217

mitten in Europa.
Demgebenüber steht der Relativismus - die Auffassung, daß nichts endgültig wahr sei.
Zumindest alle Glaubensdinge werden von diesem Relativismus erfaßt. Und der Relati-
vismus versucht, sich global mit institutioneller Gewalt durchzusetzen - still, aber nicht
weniger machtvoll! Da wird verboten, einen Unterschied im Lichte der Wahrheit zu ma-
chen. Jeder Glaube an Wahrheit wird als Fundamentalismus in die rechte oder linke Ecke
gestellt. Jede Wahrheit ist ”diskriminierend” - und darum darf es keine Wahrheit geben
(außer der Wahrheit, daß keine Wahrheit ist). Wo ist die gesunde Akzeptanz für die An-
deren, die dennoch nicht die Offenheit für die Frage nach der Wahrheit aufgegeben hat?
Auf unserer Tour durch die Apostelgeschichte begegnen wir heute dem Umgang Gottes
mit einem Schlächter: Paulus! Diese spannende Geschichte sollten Sie sich nicht entgehen
lassen und ihre vielen Aspekte wie einen funkelnden Edelstein von verschiedenen Seiten
betrachten. Es lohnt sich wirklich!

Tipps für diese Woche:


1) Wie gehen Sie mit Menschen um, die völlig entgegengesetzt zu Ihren Ansichten
stehen? Welchen Umgang wünschen Sie sich von anderen, die nicht Ihrer Grundüberzeu-
gungen sind, mit Ihrer Person?
2) Wie reagieren Sie auf Gewalt? Wie reagieren Sie auf tätliche Gewalt, wie auf stille
und institutionelle Gewalt? Bleiben Sie dabei in der Wahrheit?
3) Was erhoffen Sie sich von Gott, wie er mit der Gewalt in der Welt umgehen soll?
Was können Sie darüber sagen, wie Gott real mit Gewalt umgeht?

6.4.2 Vom Christenverfolger zum Chefmissionar: Paulus


Unsere Tour durch die Apostelgeschichte führt uns heute zu den Erlebnissen des Paulus,
zu den Erfahrungen eines Schlächters mit Jesus Christus.
Steigen Sie mit ein im Kapitel 9 der Apostelgeschichte. Es geht um Saulus, der später
Paulus genannt wurde, nach den Ereignissen, die uns gerade mit Lichtgeschwindigkeit
entgegenkommen:
”Unterdessen ging Saulus noch imer heftig gegen die Jünger des Herrn vor und tat
alles, um sie auszurotten. Er ließ sich vom Obersten Priester Empfehlungsbriefe an die
jüdischen Gemeinde in Damaskus geben. Auch dort wollte er nach Anhängern des neuen
Glaubens suchen und sie gefangen nach Jerusalem bringen, Männer wie Frauen.” (Apg. 9,
Verse 1+2)
Paulus war gebildet, konsequent, hatte gute Beziehungen und folgte voll ”der Wahr-
heit”, er folgte Gott und seinen Geboten, wie er und die Mehrheit der Juden jener Zeit sie
verstanden. Als Musterjude und gleichzeitig römischer Staatsbürger konnte er eine einzig-
artige Mission durchführen und den neuen christlichen Glauben überregional bekämpfen.
Paulus war ein Schlächter aus heutiger Sicht - er war jemand, der mit menschenverachten-
der Gewalt brutal gegen die neue Religion vorging. Paulus bejahte den brutalen Mord. Wir
verstehen das Verhalten des Paulus aber nur richtig, wenn wir es im Lichte des alten Testa-
ments und damit im Lichte Gottes selbst sehen. Für den konsequenten nicht-christlichen
Juden des ersten Jahrhunderts stand jeder Christ außerhalb des jüdischen Glaubens und
218 Die Bibel für Menschen von heute ...

damit außerhalb der Heiligkeit und Heilsordnung Gottes. Gott hatte sich ja durch Abra-
ham, Isaak und Jakob SEIN Volk erwählt. Gott hatte ja alle falschen Götter verurteilt
und sie dem Tod hingegeben. Auf Götzendienst stand die Todesstrafe, die Paulus hier in
aller Konsequenz durchführte.
Der jüdisch-christliche Konflikt des ersten Jahrhunderts beruht aus christlicher Sicht
auf einem tragischen und weitreichenden Mißverständnis der jüdischen Tradition, welcher
ein beträchtlicher Teil des jüdischen Volkes erlegen war. Die Apostel Jesu waren Juden,
welche Jesus als Ziel und Erfüllung der jüdischen Tradition erkannten: Gott selbst zeigt
sich in Jesus, der als Mensch Gottes Liebe und Heiligkeit für alle Menschen öffnet. Gott
begegnet uns bis heute im Neuen Testament und damit durch Juden - vorbereitet über
Jahrhunderte durch das jüdische Volk. Durch die Nachkommen Abrahams soll allen Men-
schen Gesundheit und Heilung zukommen. Christen haben als Mutter das jüdische Volk -
bis heute! In aller Tragik der Gewalt, Konflikte und der Toten über die letzten 2000 Jahre -
es ist ein Brudermord, der sich damals bei Paulus vollzog, der in den antisemitischen Aus-
brüchen des Mittelalters tobte, der im Holocaust in Deutschland Millionen von Menschen
unfaßbares Leid und den Tod brachte, und der bis heute die Weltgeschichte durchzieht.
Doch kehren wir zurück zu den Ereignissen um ”Saulus”, hören wir, wie Gott ihm
begegnete und sich sein Leben veränderte: ”Auf dem Weg nach Damaskus, kurz vor der
Stadt, umstrahlte ihn plötzlich ein Licht vom Himmel. Er stürzte zu Boden und hörte
eine Stimme: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Wer bist du, Herr? fragte er. Ich bin
Jesu, den du verfolgst, sagte die Stimme. Doch nun steh auf und geh in die Stadt! Dort
wirst du erfahren, was du tun sollst. Den Männern, die Saulus begleiteten, verschlug es
die Sprache. Sie hörten zwar die Stimme, aber sie sahen niemand. Als Saulus aufstand
und die Augen öffnete, konnte er nicht mehr sehen. Da nahmen Sie ihn an der Hand und
führten ihn nach Damaskus. Drei Tage lang war er blind. Während dieser Zeit aß und
trank er nichts.” (Apg. 9, 3-9)
Gott selbst tritt dem Saulus entgegen. Gott selbst hat schon detaillierte Pläne, wie wir
gleich genauer erfahren werden. Licht umstrahlt Paulus - Licht ist im neuen Testament
das Bild für die Wahrheit. Licht ist das, wo alles hell und erkennbar wird. Im Licht zu
sein bedeutet, den Grund des Glaubens und die Wirklichkeit der Welt klar und deutlich
erkenne zu können. Paulus gerät mitten hinein in dieses Licht. Und im Licht redet Gott
mit ihm: direkt und offen.
Mit der Berufung des Paulus, deren Zeugen wir gerade werden, sind wir erneut an
einem der wenigen einmaligen Höhepunkte der Weltgeschichte. Selten hat Gott oder Jesus
in so klarer und unmittelbarer Weise direkt gesprochen. Meist ist Sein Reden indirekt -
durch andere Christen vermittelt. Meist spricht Gott durch das stille Reden des heiligen
Geistes - durch Texte, Predigten und Gespräche mit anderen Christen. Hier spricht Jesus
direkt zu Paulus, doch auch dabei wird Paulus sogleich auf Christen verwiesen, die ihm
genaueres mitteilen. Auch hier verweist Gott gleich auf die christliche Gemeinschaft, in
welcher jeder Mensch nur ein Teil am Gesamtorganismus ist - ein ”Glied” am ganzen Leib
Jesu Christi.
”In Damaskus lebte ein Jünger Jesu namens Hananias. Dem erschien der Herr und
sagte: Hananias. Ja, Herr, antwortete er. Der Herr sagte: Geh in die Gerade Straße in das
Haus von Judas und frage nach Saulus aus Tarsus. Er ist dort und betet. In einer Vision
Roland Potthast 219

hat er gesehen, wie ein Mann namens Hananias zu ihm kommt und ihm die Hände auflegt,
damit er wieder sehen kann. [....]”
Hananias hat Bedenken. Soll er doch zu dem Schlächter gehen, zu dem, der die Christen
ins Gefängnis werfen läßt und tötet? Doch er geht diesen Weg, den Gott ihm aufträgt. Er
legt Saulus die Hände auf und Saulus erhält sein Augenlicht zurück. Das unglaubliche -
ja unmögliche - geschieht: Saulus geht gleich los und setzt die neuen Einsichten in die Tat
um: er geht in die Synagogen und sagt allen, daß Jesus der Sohn Gottes ist, durch den ein
Mensch geheilt und neu werden kann.
Lesen Sie selbst weiter in dieser Geschichte. Und bedenken Sie, wie Gott hier durch
wenige Worte einen seiner scharfen Gegner besiegt durch Zuwendung und Wahrheit. Paulus
wird in die Knie gezwungen durch die Begegnung mit dem heiligen Gott. Seine körperliche
Blindheit macht ihm die geistige Blindheit erlebbar. Und ”in die Knie” gegangen wird er zu
einem gesunden und neuen Menschen - er wird zu jemandem, der die Liebe Gottes erfährt
und der später zu solchen Glanzleistungen fähig ist wie dem ”hohen Lied der Liebe” und
seinen Briefen an die Korinther, Epheser oder Galater.
Paulus lernt die Toleranz durch den lebendigen Gott ... dazu mehr in unserem dritten
Abschnitt.

6.4.3 Vom Umgang mit Kritikern und anderen Religionen


Wie gehen Menschen mit ihren Kritikern um? Wie geht Paulus mit seinen Kritikern um?
Wie behandelt Gott selbst seine Kritiker?
Was ist mit den anderen Religionen? Wie stehen Christen zu Juden, zu Moslems, zu
Hindus, zu Buddhisten, zu den Atheisten und den Relativisten moderner Prägung? Was
sagt Gott zu den verschiedenen Religionen?
Als Paulus noch ein nicht-christlicher Jude ist, spricht Gott über ihn (vgl. Apg 26,
15ff): ”Doch steh nun auf; denn ich bin dir erschienen, um dich in meinen Dienst zu
nehmen. Du sollst weitersagen, was du heute gesehen hast und was ich dir noch zeigen
werde. Ich sende dich zu Juden wie Nichtjuden und werde dich vor ihnen schützen. Du
sollst ihnen die Augen öffnen, damit sie aus der Finsternis ins Licht kommen, aus der
Gewalt des Satans zu Gott. Denn wenn sie mir vertrauen, werde ich ihnen ihre Schuld
vergeben, und sie erhalten einen Platz unter denen, die Gott erwählt hat.”
Gott beruft Menschen, die noch nicht Christen sind. Gott wendet sich Menschen zu, die
weder ihn noch seinen Sohn Jesus kennen. Gott liebt die Menschen in unaussprechlicher
Weise. Die Liebe Gottes opfert sich für diejenigen, die ihn hassen, ignorieren, foltern und
hinrichten. Jesus ist damit ”tolerant” in einem weitreichenden und umfassenden Sinn!
Jesus erträgt die Menschen in ihrer Ungerechtigkeit. Jesus als der ”wahre” Mensch ist
solidarisch mit allen Menschen!
Diese Liebe Gottes setzt den Maßstab für den Umgang mit allen Religionen, mit den
Andersdenkenden, den Nicht-Christen und Andersartigen. Christen werden Menschen in
einer erfrischenden und wohltuenden Akzeptanz begegnen. Einem Menschen, der Jesus
Christus folgt, kann man vertrauen und sich ihm anvertrauen
- auch wenn viele Gegner dieses Vertrauen madig machen wollen und die Christen hart
attakieren und beschimpfen,
220 Die Bibel für Menschen von heute ...

- auch wenn in der Geschichte immer wieder Menschen als sogenannte ”Christen”
andere vergewaltigt und getötet haben in voller Verwirrung ihres Fühlens, Denkens und
Handelns,
- auch wenn Christen nicht fehlerlos sind, wenn sie fallen und Vertrauen enttäuschen,
aber lebendige Christen werden immer wieder aufstehen und bereuen, einen neuen
Anfang suchen und damit lebendig Jesus Christus nachfolgen!

Annahme und Wahrheit. Die Liebe Gottes nimmt Menschen an, sie mutet al-
len Menschen aber auch die Wahrheit und Wirklichkeit Gottes zu: seine Heiligkeit, seine
Maßstäbe und seine brennende Gerechtigkeit. Nur dort am Kreuz Jesu kann ein Mensch
volle Gerechtigkeit erhalten durch den Tod dessen, der unschuldig die Schuld der Welt auf
sich nahm. Nur durch Jesus können wir Menschen wirklich leben! Wir kommen also nicht
darum herum, klar zu sagen:

• Der Relativismus ist ein Abgott, eine Macht, die sich an die Stelle Gottes setzt.

• Bei allen Wahrheiten, die die Religionen in ihren Lehren verarbeitet haben, bleibt
ein Mensch ohne die heilende Macht Jesu doch ”verloren.” Es gibt viele Götter
und viele weitreichende Mächte in der Welt. Es gibt viele Gebete zu den Quellen
der Religionen, die erhört werden, weil es eine geistige Welt mit Mächtigen und
Gewaltigen darin gibt. Aber sie gehen am Schöpfer vorbei - und damit führen sie
den Betenden in eine tragische Abhängigkeit von falschen Göttern!

• Durch die Macht Jesu können Christen heute die Menschen zu Gott einladen und
durch das Evangelium heilend und wohltuend einwirken auf Glauben und Überzeu-
gungen. Durch den Tod Jesu können Christen anderen Menschen - gleich welchen
Glaubens - mit Akzeptanz, Toleranz und Liebe begegnen. Wir müssen und wer-
den einander helfen, uns annehmen und gemeinsam leben! Und wir werden über
die Wahrheit ins Gespräch kommen, und die Wahrheit wird ihre Macht zeigen: der
lebendige Schöpfer schweigt nicht.

6.4.4 Wort beim Wein: Wahrheit und Modernismus


Am Anfang des 21. Jahrhunderts gibt es verschiedene Strömungen, welche den Verstand
und die Diskussion der modernen Menschen prägt. Wir möchten einige wichtige Strömun-
gen herausgreifen:

Der Relativismus: Wir haben ihn schon mehrfach erwähnt und im Abschnitt 3 als
Macht eingeordnet, die sich jeder Suche nach Wahrheit in Fragen nach Gott entgegen-
stellt. Der Relativismus läßt nicht zu, daß eine Wahrheit (außerhalb seiner selbst) ange-
nommen wird. Gleichzeitig tritt der Relativismus mit absolutem Wahrheitsanspruch auf.
Er geht mit Macht und Gewalt gegen diejenigen vor, die sich dem Relativismus nicht
unterordnen wollen. Zum Relativismus gehört als konkrete Auswirkung zum Beispiel das
Neutralitätsgebot des Staates in jener Lesart, die das offene Bekenntnis der Betroffenen
verbietet. Man verbietet z.B. muslimischen Frauen das Tragen des Kopftuches im Dienst,
Roland Potthast 221

weil es nicht ”neutral” genug bzw. ein Zeichen der Unterdrückung sei. Aber diese Art von
”Neutralität” wird damit selbst zur sich mit Macht durchsetzenden Weltanschauung. Mit
der gleichen Argumentation könnte man das Kreuz verbieten, weil es einerseits Bekenntnis
und andererseits durch die Kreuzzüge ein Zeichen des Völkermords ist.

Die Spaßgesellschaft: Als moderne Form alter helenistischer und römischer Philoso-
phien tritt uns die Grundüberzeugung entgegen, daß an erster Stelle der Spaß oder die
Freude am Leben das wirklich erstrebenswerte sei. Die Spaßgesellschaft hat die jugendliche
Variante, die mit schicken Kleidern und super Parties die Cliquen prägt. Aber auch die Bil-
dungsreisen, die Kreuzfahrt-Euphorie und manche Extravaganzen in Film und Fernsehen
sind Ableger der Spaßgesellschaft. Hier ist Gott der Spaß, und er herrscht mit eisernem
Regiment!

Die Businessgesellschaft: Sie ist globale Gesellschaft, mit den Seitenansichten Börse,
New Economy und Gründer-Society. In neuem Gewand finden wir hier alte Tugenden. Es
gilt etwas, wer etwas leistet. Geld regiert die Welt. Wie mit neuer Fähigkeit zu fliegen
heben die jungen und alten Wilden der Businessgesellschaft ab zur Schwerelosigkeit in
der kommerziellen Welt. Und wie prägend sind die Erfahrungen von Macht, Einfluß und
Achtung, die mit dem Erfolg in wirtschaftlicher Hinsicht verknüpft sind. Die Businessge-
sellschaft hat den Erfolg als Gott, dem sie völlig erlegen ist.

Die Mediengesellschaft: Der existiert, über den man spricht und der in Film, Fern-
sehen, Presse, Zeitungen und Magazinen präsent ist. Es geht darum, Aufmerksamkeit
zu erregen - ob durch ”gute” oder ”anstößige” Mittel. Da werden Glitzer und Glimmer
aufgefahren, High-Tech der vierten Generation, oder machmal auch einfach Bar-Code auf
nackten Hintern in Wandgröße an jeder Plakatwand. Die Mediengesellschaft hat einen kla-
ren Gott: den Bekanntheitsgrad. Gebetserhörungen werden an Einschaltquoten gemessen
und in Umfragen zur Sympathie und Popularität.

Ein Leben mit dem lebendigen Gott braucht eine klare Distanz zu den vielfältigen
Göttern, die in der Gesellschaft verehrt werden. Wir möchten Sie heute ermutigen, in
jener gesunden Distanz zu leben, die Jesu Christus uns vorgelebt hat und in die er uns
heute täglich neu hineinführt. Es ist eine Distanz, die sich den Menschen öffnet, ohne den
Abgöttern zu erliegen.
222 Die Bibel für Menschen von heute ...

6.5 Wort zur Lage - der Bundespräsident spricht ... - die sieben Send-
schreiben (Offenbahrung 2+3)
6.5.1 Für Eilige: der Bundespräsident spricht ...
Sie alle kennen die Aufmerksamkeit, die der Bundespräsident in der politischen und kul-
turellen Landschaft in Deutschland findet. Wenn der höchste Repräsentant des Staates
redet, dann hören alle zu. Hier können Worte etwas bewirken, selbst wenn keine exekutive
Macht hinter den Worten steht. Die Präsidenten in Deutschland haben diesen Einfluß gut
genutzt. Weizsäcker, Herzog, Rau ... sie haben als moralische Instanzen friedensstiftend
in die Gesellschaft hinein gewirkt. Wenn Jesus Christus das Wort erhebt, geschieht sehr
viel mehr als beim Bundespräsidenten: Jesus, der Sohn Gottes, - von Gott eingesetzt zum
Herrn und Heiland - redet mit Autorität und Vollmacht. Was das eigentlich bedeutet, was
es damit auf sich hat, und worum es inhaltlich dabei geht, ist unser heutiges aktuelles
Thema.
Die Geschichte des auferstandenen Jesus Christus mit seiner Gemeinde - in ihren vielen
unfaßbaren Dimensionen - führt uns heute hinein in das Buch der Offenbarung. Wir erle-
ben, wie Jesus für jede Gemeinde individuell ein ”Wort zur Lage” redet. Jesus analysiert
die Situation und stellt sie hinein in seine Geschichte mit der Welt. In einer Mischung aus
liebevollem Werben und umfassender Unbestechlichkeit begegnet uns Gott, der Herr der
Erde, in den vom Apostel Johannes aufgeschriebenen Worten des lebendigen Jesus.
Mit den Sendschreiben an die Gemeinden von Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira,
Sardes, Philadelphia und Laodizea sind uns kostbare Analysen überliefert, die bis heute
von einer unbeschreiblichen Aktualität in jede Form von Gemeinde und Kirche hineinspre-
chen. Gleich mehr dazu ...

Tipps für diese Woche:


1) Analysieren Sie einmal Ihre persönliche Lage! Wie ist es um Sie bestellt, wie steht
es um Ihren Glauben und Ihr Verhältnis zu Gott?
2) Verstehen Sie die kraftvollen Bilder, in denen die Offenbahrung von den Realitäten
der Welt redet? Nehmen Sie die Bilder auf, und sprechen Sie mit befreundeten Christen
über die Bedeutung dieser Bilder!
3) Jesus schreibt in dem Brief an die Gemeinde von Ephesus tiefreichende Worte:
”Ihr liebt mich nicht mehr wie am Anfang? Kehr um!” Jesus zeichnet der Gemeinde die
Konsequenz ihres Weges auf: ihr Leuchter wird vom Platz gestoßen werden. Die ”erste
Liebe” ist wichtig, ja wesentlich! Beschäftigen Sie sich mit diesem zentralen Punkt des
christlichen Glaubens!

6.5.2 Die Sendschreiben I: lieben wie am Anfang ...


Bevor wir näher in die Offenbarung hineinschauen, müssen wir uns noch einmal die gesamte
Situation vergegenwärtigen, in der wir sind und die uns das neue Testament vor Augen
malt: Jesus Christus, menschlicher Sohn und Heiland Gottes, ist nach seinem Tod am
Kreuz auferstanden. Jesus lebt. Er erschien den Jüngern, lehrte sie und klärte sie auf über
die Zusammenhänge dieses unfaßbaren Geschehens. Wie geht uns modernen Menschen
Roland Potthast 223

das heute: können wir die Realitäten erfassen, mit der die Bibel uns konfrontiert? Sind
wir offen für die Realität des auch heute lebendigen und gegenwärtigen Jesus Christus?
Glauben, erleben und erfahren wir die Gegenwart und Begleitung Jesu ... dieses Jesus, der
hier an sieben Gemeinden neutestamentlicher Zeit schreibt? Erfahren Sie persönlich die
tiefe Liebe Gottes?
Vielleicht können Ihnen die Situationsanalysen und persönlichen Worte Jesu an die
Gemeinden von damals heute weiterhelfen, mehr von der Realität zu sehen? Vielleicht
können gerade diese Worte für Sie den Vorhang öffnen und Ihre Sinne bereit machen für
das Reich Gottes! Hören wir einfach einmal zu: ”Diese Botschaft kommt von dem, der die
sieben Sterne in seiner rechten Hand hält und zwischen den sieben goldenen Leuchtern
einhergeht.” (Offenbarung, 2.Kapitel, Vers 1)
Die sieben Sterne sind die sieben Gemeinden - auch die sieben goldene Leuchter sind
diese Gemeinden. Sie sind ”Licht der Welt” (dies hat Jesus in den Evangelien für seine
Nachfolger so formuliert). Diese Gemeinden hält Jesus in seiner Hand. Er kennt sie, er geht
zwischen ihnen hin und her. Jesus macht klar, daß er lebendig ist, kein Mythos, der die
Gemüter trösten soll. Keine Hoffnung aus dem Nichts. Keine Vertröstung auf ein Später.
Jesus ist da!
”Ich kenne euer Tun. Ich weiß, wieviel Mühe ihr euch gebt und wie geduldig ihr seid. Ich
weiß, daß ihr keine schlechten Menschen duldet. Die Leute, die sich als Apostel ausgeben,
aber keine sind, habt ihr geprüft und ihre Lügen aufgedeckt. Ihr habt Ausdauer. Um
meinetwillen habt ihr gelitten und doch nicht den Mut verloren.” (Offenbahrung 2, Vers
2ff) Jesus lobt zuerst einmal seine Gemeinde und macht klar, daß er ihr Engagement
sieht und es schätzt. Mühe, Ehrlichkeit, Ausdauer, Leidensfähigkeit ... all das atestiert
der lebendige Jesus seiner Gemeinde in Ephesus. Diese Tugenden sind der Gemeinde und
Jesus wichtig.
Doch dann folgen zentrale Zeilen, welche das Engagement und die Tugenden erst in
das richtige Licht rücken. All die aufgezählten Dinge sind nicht das Wesentliche ... es geht
um viel mehr:
”Aber etwas habe ich an euch auszusetzen: Ihr liebt mich nicht mehr wie am Anfang.
Denkt darüber nach, von welcher Höhe ihr herabgestürzt seid! Kehr um und handelt
wieder so, wie zu Beginn! Wenn ihr euch nicht ändert, werde ich zu euch kommen und
euren Leuchter von eurem Platz stoßen. Doch eins spricht für euch: Ihr haßt das Treiben
der Nikolaiten genauso wie ich. Wer hören kann, der achte auf das, was der Geist den
Gemeinden sagt!”
Es geht um viel mehr als um gutes Handeln, und darum sagt Jesus: ”Ihr liebt mich
nicht mehr wie am Anfang.” Die Luther Übersetzung schreibt: ”ich habe wider dich, daß
du deine erste Liebe verläßt!” Alle Tugenden, alle Mühe und Ausdauer, aller Kampf ist
nicht das Wesentliche. All das muß seinen Grund haben und finden: die erste Liebe!
Worum geht es beim christlichen Glauben? Was steht im Vordergrund? Was macht
den Glauben und einen Christen aus? Jesus sagt hier, was für ihn selbst das Wesentliche
ist: bleibe in der ersten Liebe. Das ist das höchste Gebot: du sollst Gott, deinen Herrn,
lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit deinem ganzen Gemüt, Fühlen, Denken,
Wissen, Willen und Verstand. Gott möchte uns erfüllen mit der Liebe wie mit einem
feinen, lebendigen und wunderbaren Wasser. Für die erste Liebe kann man nur poetische
224 Die Bibel für Menschen von heute ...

Worte finden, kann man nur schweigend stille werden, oder mit schüchternen Versuchen
ungelenke Silben wagen. Man kann aber auch das immerwährende Feuer der ersten Liebe
wahrnehmen ... einer Liebe, die sich ganz und für immer anvertraut, die nicht zu besiegen
ist, die ihre Quelle direkt bei dem hat, der Leben ist aus sich selbst heraus: der heilige
Gott.
”Denkt darüber nach, aus welcher Höhe ihr herabgestürzt seid.” sagt Jesus zu de-
nen, welche die erste Liebe verlassen haben. Jesus beschreibt Abgründe - und durch diese
Beschreibung hindurch schimmert das Ringen des heiligen Gottes um die Liebe des Men-
schen. Es schimmert hindurch die lichtjahreweiten Distanzen zwischen der Welt Gottes
und einer in die Gottesferne geratenen Menschheit. ”Zwischen dieser und jener Welt aber
ist ein großer Graben, den niemand überwinden kann.” - so beschreibt Jesus in Lukas 16
die Distanzen, die zwischen der Welt der ersten Liebe liegen und der anderen Welt, die
Gottes Liebe zurückgewiesen hat. Wir verstehen so auch die eindringliche Warnung Jesu:
”wenn ihr euch nicht ändert, werde ich kommen und euren Leuchter von seinem Platz
stoßen.” Wenn ein Mensch die erste Liebe verliert, verliert er damit auch den wesentlichen
Bestandteil dessen, was ”Reich Gottes” ausmacht. Johannes beschrieb das in seinen Brie-
fen durch die bekannten Zeilen: ”Denn Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der
bleibt in Gott und Gott in ihm.”
Es geht bei all dem um Gottes heilige Liebe - sie wird im griechischen Agape genannt
und ist vom Eros, der körperlichen Liebe zwischen Mann und Frau unterschieden. Got-
tes Liebe ist größer, weiter, heiliger und umfassender als alles, was wir Menschen in der
menschlichen Liebe kennenlernen. Menschliche Liebe ist ein schwaches Abbild der Liebe
Gottes. Doch heute können wir der Liebe Gottes begegnen und direkt aus der Quelle trin-
ken. Jesus öffnet diese Quelle und wir haben Anteil daran im Glauben durch den heiligen
Geist.
”Wer den Sieg erlangt”, sagt Jesus, ”dem gebe ich das Recht, vom Baum des Lebens
zu essen, der im Garten Gottes wächst.” Den Sieg erlangen - es geht um ein Leben in
der ersten Liebe. Es geht um die lebendige Begegnung mit dem reinen Wasser, welches
Jesus auch heute für Sie, mich und jeden Menschen täglich bereit hält. Ob in München,
Köln oder Berlin ... in ländlichen oder städtischem Umfeld, Sie sind herzlich eingeladen,
umzukehren zu dem lebendigen Gott und an seiner heiligen Liebe teilzuhaben.

6.5.3 Die Sendschreiben II: Armut, Reichtum, Wachsein


Wir möchten mit Ihnen einen Blick in weitere Sendschreiben werfen. Wir greifen im folgen-
den einige wichtige Aspekte heraus. Lassen Sie sich nicht von dem Vergnügen abbringen,
die Sendschreiben in voller Länge in der Offenbarung nachzulesen!
”Diese Botschaft kommt von dem, der der Erste und Letzte ist, der tot war und wieder
lebt. Ich weiß, daß ihr verfolgt werdet und daß ihr arm seid. Aber in Wirklichkeit seid ihr
reich! Ich kenne die üblen Nachreden, die von Leuten über euch verbreitet werden, die sich
als Angehörige des Gottesvolkes ausgeben. Aber das sind sie nicht, sondern sie gehören
zum Satan. [...] Wer hören kann, der achte auf das, was der Geist den Gemeinden sagt!”
(Offb. 2,8-11)
Jesus hat einen klaren Blick für Armut und Reichtum. Nicht die blinkenden Glaspaläste
Roland Potthast 225

der modernen Businesswelt sind entscheidend. Es geht nicht um globale Wirtschaft und
um die Innovationspreise der Medienkonzerne und staatlicher Organisationen. Es geht um
den Reichtum, der aus der Verbindung mit der lebendigen Quelle des Lebens kommt. Es
geht um den Frieden, den nur Gott selbst in das Herz eines Menschen legen kann. Es geht
um das Voll-Sein mit dem Geist, der am Anfang war und der am Ende sein wird. ”Macht
euch Geldbeutel, die nicht rosten!” sagt Jesus in den Evangelien.
Wir ”aufgeklärten” Menschen glauben nicht mehr an Geister - und damit ist sicherlich
vielem Hokus-Pokus der Boden zu Recht entzogen. Aber die geistige Welt haben wir
damit leider oft aus den Augen verloren oder nehmen nur noch eine reduzierte Version
davon wahr. Wir wissen nichts mehr zu sagen über die ”Mächtigen und Gewaltigen unter
dem Himmel”, von denen Paulus redet, von den ”geistigen Mächten.” Der Satan wird
als Comic-Figur mit rotem Fell und kleinen Hörnern dargestellt. Welch ein Zerrbild der
wirklichen Verhältnisse. Dies ist nicht der Ort, die Situation genauer zu analysieren. Doch
nehmen wir zur Kenntnis, daß der Satan im neuen Testament als aktives machtvolles
Wesen beschrieben wird, der mit seiner Herrschaft viele Menschen in einer Art ”Unkenntnis
Gottes” gefangen hält.
An die Gemeinde in Pergamon schreibt Jesus: ”Diese Botschaft kommt von dem, der
das scharfe und zweischneidige Schwert hat. [...] Ihr seid mir treu geblieben und habt euer
Bekenntnis zu mir nicht widerrufen. [...] Unter euch gibt es Anhänger der Lehre Bileams.
Der stiftete Balak an, die Israeliten zur Sünde zu verführen. [...] Kehr um! [...] Wer hören
kann, der achte auf das, was der Geist den Gemeinden sagt!”
Das scharfe zweischeidige Schwert ist die Richtermacht Gottes, ”die schneidet Seele und
Geist, Mark und Bein.” Jesus ist der Herr, der Richter, der die ganze Welt richten wird. Die
Sendschreiben gehen in den Bildern der Selbstbeschreibung Jesu durch die wesentlichen
Eigenschaften Christi und sind als solche selbst Evangelium. Jesus macht klar, daß er
”Sünde” nicht duldet und ruft zur Umkehr auf. Es ist also im neuen Testament nicht
gleichgültig, wie man sich verhält. Die Liebe Gottes tüncht nicht alles Böse und jedes
dem Menschen unwürdige Verhalten über. Sondern im Licht Gottes wird alles sichtbar,
offenkundig und aufgedeckt. Jesus selbst deckt die Dinge auf und spricht ja in diesen
Sendschreiben das Verhalten seiner Leute an.
Werfen wir einen Blick auf das Sendschreiben an die Gemeinde in Thyatira: ”Diese
Botschaft kommt von dem Sohn Gottes, dessen Augen wie Feuer glühen und dessen Füße
wie gleißendes Gold glänzen. Ich kenne euer Tun. Ich kenne eure Liebe, euren beständigen
Glauben, euren Dienst und eure Ausdauer. [...] Aber eins habe ich an euch auszusetzen:
Ihr duldet diese Isebel, die sich als Prophetin ausgibt. Mit ihrer Lehre verführt sie meine
Diener zu Sexualität außerhalb der lebenslangen verbindlichen Gemeinschaft von Mann
und Frau, und Fleisch von Tieren zu essen, die als Götzenopfer geschlachtet worden sind.
Ich habe ihr Zeit gegeben, sic zu ändern; aber sie will ihr zuchtloses Leben nicht aufgeben.
Darum werde ich sie aufs Krankenbett werfen. [...] Ich werde mit jedem von euch nach
euren Taten verfahren.”
Der, dessen Augen glühen wie Feuer ... der Sohn Gottes beschreibt seine Allwissenheit
und seine Macht. Hier geht es um die Herrlichkeit Jesu Christi, die in Bildern, Visionen und
Erlebnissen schon zu seinen Lebzeiten für die Jünger sichtbar wurde. Die dann folgenden
Passagen über Isebel müssen uns erschrecken und das sollen sie auch. Denn es geht um
226 Die Bibel für Menschen von heute ...

schreckliche und weitreichende Dinge: um Gottes Gericht, welches gerecht und heilig ist,
unbestechlich und konsequent. Die heftige Realität Jesu bis heute ist auch die Realität
des Gerichtes Gottes über die Ungerechtigkeit, die Lieblosigkeit, die Falschheit und jedes
Leben, welches nicht in der Heiligkeit Gottes lebt. Es ist damit die fortdauernde Geschichte
des Todes Jesu Christi am Kreuz von Golgatha, der Schädelstätte. Nur unter dem Kreuz
Jesu ist heilende Gerechtigkeit. Außerhalb von Jesus ist nur das Verderben. Beim Kreuz
Jesu treffen sich die Gerechtigkeit Gottes und die lebendige Liebe Gottes - nur dort können
wir Gott in seiner ganzen Universalität und Größe kennenlernen und verstehen. Und nur
dort finden wir persönlich volle Gerechtigkeit.
Wir blättern weiter durch die Sendschreiben und kommen zur Botschaft an Sardes:
”Diese Botschaft kommt von dem, dem die sieben Geister Gottes dienen und der die
sieben Sterne in der Hand hält. Ich kenne euer Tun. Ich weiß, daß man euch für eine
lebendige Gemeinde hält; aber in Wirklichkeit seid ihr tot. Werdet wach und stärkt das,
was noch Leben hat, bevor es abstirbt.”
Die Unbestechlichkeit Jesu ist schweißtreibend! Er schaut nicht auf äußerliche Formen,
nicht auf Aktivitäten, nicht auf all das, was ”die Welt” für ’lebendig’ hält. Ganz knallhart
sagt er dieser Gemeinde: ihr seid tot! Ihr seid eingeschlafen - keinen lebendigen Glauben
kann man bei euch finden. Werdet wach! Wenn Sie das heute einer Gemeinde sagen -
ob sie einer der großen deutschen Landeskirchen angehört oder einer Freikirche ... sie
werden heftige Widerworte ernten und haben sich damit selbst vom weiteren Gespräch
ausgeschlossen. Das aber bestätigt nur das Problem und darum: Jesus selbst geht hier
in die volle Konfrontation mit seiner Gemeinde. Knallhart und ehrlich analysiert er die
Situation.
Wir brauchen Gemeinden, die hören, was der Geist Gottes heute zu sagen hat. Wir
brauchen Gemeinden und viele viele Christen die fragen: sind wir nicht im Grunde tot?
Trifft nicht auf uns das zu, was Jesus an Sardes zu sagen hatte? Machen wir uns klar:
diese Ermahnung kann nicht von den Angehörigen einer Gemeindeform an die Angehörigen
einer anderen Kirche kommen - sie muß aus den einzelnen Gemeinden vorgebracht werden!
Lebendige Christen wissen, wie sehr sie zu kurz laufen, denn sie kennen den heiligen Gott!
Darum sind lebendige Gemeinden auch selbstkritische Gemeinden. Sie sind Gemeinden
auf dem Weg, Gemeinden unterwegs mit Jesus!
Das vorletzte Sendschreiben geht an die Gemeinde in Philadelphia: ”Diese Botschaft
kommt von dem, der heilig und zuverlässig ist. Er hat den Schlüssel Davids. Wo er öffnet,
kann keiner mehr zuschließen, und wo er zuschließt, kann keiner mehr öffnen. [...] Ich habe
euch eine Tür geöffnet, die keiner mehr zuschließen kann.”
Jesus ist verläßlich und als solcher wurde ihm von Gott der Schlüssel des Reiches Gottes
anvertraut: das ist die Richterrolle Jesu. Die Worte Jesu hier reichen jedoch weiter. Es geht
um den Glauben und um die Ausbreitung des Glaubens. Es geht darum, daß Menschen
das Evangelium hören und annehmen. Jesus selbst kann hier ”Türen öffnen” - ja er kann
Türen offen oder geschlossen halten. Machen Sie sich die unfaßbare Macht klar, die hier
beschrieben wird. Nicht Sie selbst haben ihren Glauben in der Hand. Nicht Sie selbst
haben den Glauben anderer in der Hand. Mit all Ihrem Engagement können Sie nichts
Bleibendes schaffen. Doch Jesus hat den Schlüssel Davids. Wenn er ihnen und anderen
Türen aufschließt, dann kann keiner mehr zuschließen. Wo er aber die Türen zuschließt,
Roland Potthast 227

kann keiner mehr öffnen ...


Und schließlich spricht Jesus Christus zur Gemeinde in Laodizea: ”Diese Botschaft
kommt von dem, der Amen heißt. Er ist der wahrhaftige und treue Zeuge, von dem alles
kommt, was Gott geschaffen hat. Ich weiß, daß ihr weder warm noch kalt seid. [...] Ihr seid
lauwarm. Darum werde ich euch ausspucken aus meinem Mund.”
Der treue Zeuge: Jesus macht uns Menschen Gott bekannt. Durch die Evangelien, die
Briefe der Apostel und die Offenbarung können wir Gott kennenlernen und Gott kennen.
Gott ist heilig, wahrhaftig und treu. Die Wahrhaftigkeit Jesu haben wir schon in verschie-
denen Sichtweisen kennengelernt. Hier nun lernen wir, daß es bei dem Weg Jesu keine
Halbheiten geben kann, keine Lauheit. So sehr Menschen immer wieder die scharfe Grenze
angreifen und aufzuweichen versuchen, die im neuen Testament gezogen wird - sie ist Rea-
lität und wird hier von Jesus bestätigt. Es geht um das Ganze. Es ist nicht möglich, Gott
und anderen Göttern gleichzeitig zu dienen. Sie können nicht Christ und Muslim sein,
nicht Christ und Hindu, nicht Christ und Buddhist, nicht Christ und Atheist, nicht Christ
und geldgierig, nicht Christ und ruhmorientiert, nicht Christ und gleichzeitig jemand, der
sein Leben auf die Wissenschaft, auf Sympathie, auf einen anderen Menschen oder eine
Gruppe gründet.
Und immer wieder werden wir aufgefordert: ”Wer hören kann, der achte auf das, was
der Geist den Gemeinden sagt!” Wer hören kann, der achte darauf ... auch in dieser Woche!

6.5.4 Jesus Christus bei seiner Gemeinde


Wie ist die Situation heute? Die sieben Sendschreiben sind alt und für viele lang vergangene
Geschichte. Auch sind sie ja an Gemeinden gerichtet, die vor fast 2000 Jahren lebten und
die uns heute kaum interessieren ... oder?
Nein, Jesus ist heute bei der Gemeinde - so wie vor knapp 2000 Jahren bei den sieben
Gemeinden. Jesus ist lebendig, ist da. Und auch heute spricht er durch seinen Geist zu
allen, die hören möchten und hören können. Heute, und nehmen Sie das aktuelle Datum,
– heute ist Jesus da. Heute ringt er um Ihre erste Liebe ... um die ganze Gemeinde als
lebendigen Organismus!
Wie bei den sieben Gemeinden läßt Jesus nicht einfach eine Gemeinde fallen. Auch
wenn eine Gemeinde längst tot ist (der Pastor mag ja immer noch Sonntags vor wenigen
oder vielen seine Predigt halten), gibt Jesus die Gemeinde nicht auf. ”Werde wach und
stärke, was absterben will!” sagt der Auferstandene.

Werden Sie heute wach!


Stärken Sie, was absterben will!
Wecken Sie, was eingeschlafen ist!
Wecken Sie die erste Liebe.

6.5.5 Vertrauen Sie Jesus - werden Sie heute Christ!


”Hört gut zu”, sagt Jesus zu der Gemeinde in Laodizea. ”Ich stehe vor der Tür und klopfe
an. Wenn jemand meine Stimme hört und öffnet, werde ich bei ihm einkehren. Und ich
werde das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.” (Offb. 3,20)
228 Die Bibel für Menschen von heute ...

Sie hören heute die Stimme Jesu, wenn Sie diesen Abschnitt lesen. Er spricht die obigen
Worte durch die alten Texte zu ihnen auch heute: ”Ich stehe vor deiner Tür und klopfe
an!”
Jesus steht vor ihnen und möchte eingelassen werden. Er möchte die Leitung in ihrem
Leben übernehmen, möchte Sie zur Liebe Gottes führen. ”Kommt her zu mir, die ihr
mühselig und beladen seid ... ich will euch erquicken.” Und sein Wesen ist sanftmütig und
von Herzen demütig. Man kann sich Jesus anvertrauen.
Gehen Sie im Gebet jetzt diesen Weg. Übergeben Sie ihr Leben Jesus Christus - dem
lebendigen und auferstandenen Sohn Gottes. Öffnen Sie jetzt, gehen Sie in eine ruhige
Ecke Ihres Zimmers, setzen Sie sich oder gehen Sie auf die Knie, heben Sie die Hände und
geben Sie Gott ihr Leben.
Herr, mein Gott. Herr Jesus Christus! Heute möchte ich mein Leben in deine Hände
legen. Ich möchte die Liebe zu dir lernen, ich möchte, daß du mich erfüllst mit deinem
Heiligen Geist! Bitte vergib mir meine Schuld und laß mich erkennen, wer du bist und wie
ich so leben kann, wie du es gelehrt und vorgelebt hast. Herr, nimm mein ganzes Leben
in deine Hand! Amen.
”Wenn jemand meine Stimme hört und öffnet, zu dem werde ich einkehren.” sagt Jesus.
Er kommt und der Heilige Geist nimmt Wohnung bei Ihnen. Er nimmt Sie beim Wort und
stellt Ihr Leben unter seinen Schutz und seine Herrschaft.
”Ich werde das Abendmahl mit ihm halten.” sagt Jesus. Das Abendmahl ist das Mahl
der Verbundenheit mit dem stellvertretenden Tod Jesu am Kreuz. Er starb für Sie, er hat
Ihre Schuld auf sich genommen und Sie dürfen damit frei und wie ein Kind vor Gott stehen.
Es ist das Mahl des neuen Bundes in seinem Blut, er hat Sie ein für allemal angenommen
als sein Kind.
Rejoice, rejoice! - freu dich, sing vor Freude! sagt ein modernes englisches Gemeindelied.
Rejoice, rejoice, Christ is in you, the lord of glory in your heart. He lives, he lives, his breath
is in you ... Freu dich, Christus ist in dir, der berühmte Herr in deinem Herzen. Er lebt,
er lebt, sein Atem ist in dir ... Rejoice!
Wenn Sie den Weg zu Jesus gefunden haben, dürfen Sie an dieser kindlichen Freude
teilnehmen!

6.6 Ein Blick quer zur Realität ... - vor Gottes Thron (Offenbahrung
4+5)
6.6.1 Für Eilige: Vor Gott stehen ...

Im Rahmen der unserer modernen säkularisierten Weltsicht gehört es eher in den Bereich
der Märchen, vor Gott zu stehen. Da fallen uns alte Geschichten ein ... manchen Gebil-
deten die Sagen und Mythen der Griechen, anderen Kindergeschichten vom lieben Gott,
die vielleicht Großeltern noch erzählt haben mögen, wieder anderen kommen Gedanken
zu buddhistischen und hinduistischen Traditionen und Tempeln. Manche eher kirchlich
geprägten Zeitgenossen verbinden mit dem ”vor Gott stehen” vielleicht Augenblicke ihrer
eigenen Hochzeit (wo sie vor dem Altar einer Kirche gestanden haben), oder die Taufe
der eigenen Kinder ... zarte Säuglinge, mit denen man ”vor Gott” getreten ist. Moderne
Roland Potthast 229

Jugendliche denken eher an die Heldensagen von Xena und Herkules, die allsonntaglich
über die Satellitenkanäle die alten Göttersagen in Form bequemer seichter Unterhaltung
lebendig werden lassen. Und viele Horrorfilme greifen die Macht von Dämonen und bösen
Geistern auf und spielen damit wie im Negativ eines Bildes mit der Realität geistiger
Mächte und mit der Realität Gottes.
Gott - der große Unbekannte? Wie ist es, vor Gott zu stehen? ”Niemand hat Gott
je gesehen” - heißt es im neuen Testament. Und doch nimmt uns die Offenbarung mit
hinein in eine Begegnung mit dem lebendigen Gott in Form einer Vision des Johannes, in
der Form eines visionären Erlebnisses. Wir werden uns auf dieses Erlebnis des Johannes
einlassen, werden miterleben, wie er zu Gottes Thron mitgenommen wird und werden über
die Realität, die er dort erlebt, nachdenken.

Tipps für diese Woche:


1) Die Bibel sagt, daß niemand Gott je gesehen hat. Sie sagt aber auch, daß Gott uns
in seinem Sohn Jesus begegnet - ”wer Jesus sieht, sieht den Vater [Gott].” Wie kommen
Sie persönlich zu Ihren Ansichten über Gott?
2) Ist Ihnen der lebendige Gott eine Realität, die in ihr Leben hineinwirkt, die in der
Welt aktiv ist? Oder verschwindet die Realität Gottes für Ihr Leben hinter anderen Dingen
- ihrer unmittelbaren Umgebung, Fernsehen, Literatur, Musik ... etc.?
3) Schreiben Sie einen Brief an Gott, indem Sie alles zusammenfassen, was Sie ihn
immer schon mal fragen wollten. Wenn Sie ihn beendet haben, dann nehmen Sie sich einen
stillen Ort, sprechen Sie Gott im Gebet an und lesen Sie ihm den Brief vor. Erwarten Sie
eine Antwort in absehbarer Zeit - Tage, Wochen, Monate ...!

6.6.2 Quer zur Realität - vor Gottes Thron


Fernsehgala, Staatsbanquett, Abschlußabend ... die Bilder der Offenbarung und die Er-
lebnisse des Johannes vor dem Thron Gottes finden in ihrer Intensität und tiefliegenden
Bedeutung kaum eine Entsprechung in unserem kulturellen Leben. Kommen Sie nun mit
und begegnen Sie Gott, ”dem der ist, und der war, und der kommt und den sieben Geistern
vor seinem Thron.”
”Danach blickte ich auf und sah im Himmel eine offene Tür. Die Stimme, die vorher zu
mir gesprochen hatte und die wie eine Trompete klang, sagte: Komm herauf! Ich werde dir
zeigen, was nach diesen Ereignissen geschehen muß. Sofort nahm der Geist von mir Besitz.
Im Himmel stand ein Thron, darauf saß einer. Sein Gesicht glänzte wie die kostbaren
Edelsteine Jaspis und Karneol. Über dem Thron stand ein Regenbogen, der leuchtete wie
ein Smaragd.” (Offb. 4,1-3)
Johannes wird mitgenommen direkt in den Mittelpunkt des Reiches Gottes. Hier im
”Himmel” sieht er Gott auf seinem Thron. Ganz direkt und unumwunden wird er dorthin
gebracht. Er wird geführt vom Geist Gottes - vom heiligen Geist. Das Verblüffendste an
dieser Sache ist es, daß Johannes keinerlei Widerstände überwinden muß, um hier direkt
zu Gott zu gelangen. Der so ferne Gott - der heilige Gott -, mit all der Macht, die wir
gleich noch genauer erleben werden, ist völlig einfach zugänglich: ”im Himmel stand ein
Thron, darauf saß einer.” Erst später fällt Johannes auf, was noch alles um diesen Thron
230 Die Bibel für Menschen von heute ...

herum vor sich geht. Zunächst scheint er geradezu allein zu sein mit Gott. Und er erlebt
Gott wie einen Menschen, dessen Gesicht glänzt und strahlt. Edelsteine mit ihrem hellen
Strahlen sind da ein naheliegender Vergleich. Vielleicht würde Johannes heute die Bilder
der gängigen Fernseh-Galas wählen, um die Erfahrungen seiner Vision weiterzugeben.
”Um den Thron standen im Kreis vierundzwanzig andere Throne. Darauf saßen vier-
undzwanzig Älteste. Sie trugen weiße Kleider und goldene Kronen. Von dem Thron gingen
Blitze, Rufe und Donnerschläge aus. Vor dem Thron brannten sieben Fackeln, das sind
die sieben Geister Gottes. Im Vordergrund war etwas wie ein gläsernes Meer, so klar wie
ein Kristall.” (Offb. 4,4-6)
Nachdem Johannes zunächst Gott selbst mit seinem hellen Glanz sah, schweift seine
Wahrnehmung nun quer durch das ganze Szenario. Er sieht die Ältesten - also die geist-
lichen Leiter des Reiches Gottes. ”Die Ältesten” - das ist für jeden Juden und für jeden
Christen des neuen Testaments ein klarer Begriff. Die Ältesten sind die geistlichen Leiter.
Als solche sind sie liebende, demütige, tiefblickende, zuverlässige und weise Menschen,
welchen von Gott ein großes Stück Verantwortung für seine Gemeinde und sein Reich an-
vertraut wurde. Diesen besonderen 24 Ältesten ist eine große Macht und Verantwortung
gegeben, was die Throne nahe dem Thron Gottes sichtbar machen. Sie sind gemeinsam
mit Gott an der Leitung des Reiches Gottes beteiligt. Merken Sie auf: es sind hier Men-
schen Teil des Reiches Gottes. Es sind Menschen Teil der Leitung des Reiches Gottes -
und zwar Menschen, an die ein weitreichender Anspruch auf Liebe, Demut und Beschei-
denheit gestellt wurde. Es sind Menschen, die Gott selbst ähnlich sind in ihrem Wesen
und Charakter.

Weitere benutzte Bilder sind:


• die weißen Kleider der Ältesten. Weiße Kleider stehen im Neuen Testament stets für
die neu gewonnene Gerechtigkeit und Schuldlosigkeit durch Jesus Christus.
• die goldenen Kronen. Sie sind Zeichen der tiefen Verantwortung und Macht, die Gott
diesen Menschen gegeben hat.
• Blitze, Rufe und Donnerschläge. Sie zeigen die Dynamik des Geschehens und sind
Widerhall der Macht und des Wirkens Gottes.
• sieben Fackeln. Die Zahl Sieben steht im NT stets für die Vollständigkeit der Anzahl.
Sieben x ist eine Auswahl von sieben Vertretern für x, welche diese repräsentieren
und darstellen.
• sieben Geister Gottes. Sowohl das alte als auch das neue Testament kennt die Geister
Gottes. Sie sind Gott selbst bzw. Eigenschaften Gottes. Etwa die ”Weisheit Gottes”
wird in den Psalmen und Sprüchen als ein solcher Geist Gottes beschrieben, der
Gott gleich ist, Teil Gottes ist, und doch bei Gott ist wie ein Kind - mit Gott spielt.
Auch der heilige Geist im neuen Testament hat diese Eigenschaften.
• gläsernes Meer wie Kristall. Die Reinheit und Klarheit Gottes spiegelt sich hier in
den Vordergrund der von Johannes erlebten Szene. Die Eigenschaften Gottes nehmen
Gestalt an, realisieren sich in Dingen, Gegenständen, Lebewesen der Vision.
Roland Potthast 231

Und weiter gehts in die unendlichen Weiten ...


”In der Mitte, rings um den Thron, waren vier mächtige Gestalten, die ringsum voller
Augen waren. Die erste sah aus wie ein Löwe, die zweite wie ein Stier, die dritte hatte ein
Gesicht wie ein Mensch, die vierte glich einem fliegenden Adler. Jede hatte sechs Flügel,
die innen und außen mit Augen bedeckt waren.” (Offb. 4, 6-8)
Die schönsten und machtvollsten Exemplare der Tier- und Menschenwelt, der lebenden
Schöpfung, vertreten hier ihre Spezies und die ganze Schöpfung vor dem Thron Gottes.
Die Flügel sind ihre Mobilität - die Augen zeigen ihre universelle Wahrnehmung. ”Es kann
kein Spatz vom Himmel fallen,” sagt Jesus, ”ohne daß euer himmlischer Vater es zuläßt.”
Hier finden wir das andere Ende dieser universellen Aussage Jesu wieder: die Allwissenheit
Gottes. Und wieder wird die Schöpfung selbst mit hineingenommen in die Betreuung und
Verwaltung des Reiches Gottes und des Universums: Löwe, Stier, Adler, Mensch sind es
selbst, die mit Fähigkeiten ausgestattet die Aufgaben wahrnehmen.
”Tag und Nacht singen sie unaufhörlich: Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der Gott, der
die ganze Welt regiert, der war und der ist und der kommt! Die vier mächtigen Gestalten
singen Lieder zum Lob, Preis und Dank für den, der auf dem Thron sitzt und in alle
Ewigkeit lebt. Jedesmal, wenn sie das tun, werfen sich die vierundzwanzig Ältesten nieder
vor dem, der auf dem Thron sitzt, und beten den an, der ewig lebt. Sie legen ihre Kronen
nieder und sagen:

”Du bist unser Herr und Gott!


Du hast die ganze Welt erschaffen;
weil du es gewollt hast, ist sie entstanden.
Darum bist du allein würdig,
daß alle dich preisen und ehren
und deine Macht anerkennen.”
(Offb.4, 8-11)

Der Gesang der vier mächtigen Gestalten verbalisiert und artikuliert das Leben derer
die im Reich Gottes zu Hause sind: ”Heilig, heilig, heilig ist der Herr.” Die Musik führt
uns hinein in die Tiefen des Denken, Empfindens und Wollens der geheilten Schöpfung.
Alle Lebewesen, welche in die Gegenwart Gottes zurückgefunden haben, werden von der
Liebe Gottes erfaßt und reagieren darauf mit lobenden Worten und Dankbarkeit.
Wie in einem großen Finale sehen wir die Ältesten, die sich niederwerfen vor Gott, dem
Ersten und Letzten. Wir dürfen dies nicht als eine äußere Geste auffassen. Gerade weil wir
Europäer jede Unterwürfigkeit heute als verächtlich empfinden, müssen wir an dieser Stelle
die Verhaltensweisen in ihrem Kern erfassen: die tiefe Achtung und umfassende Hingabe,
welche diese Menschen vor Gott empfinden und zum Ausdruck bringen. Den Ältesten ist
Macht und Gewalt gegeben, in Form der Kronen und Throne. Und doch legen Sie diese
Kronen nieder vor Gott. Gerade die Fähigkeit, nicht an der eigenen Macht festzuhalten,
sondern Sie voll und ganz an Gott abzutreten und sich ihm anzuvertrauen, ist eines der
wesentlichen Charakterzüge eines reifen Christen.
Anbetung ist das tiefe Durchdrungensein von der Liebe, Reinheit, Heiligkeit und Größe
des lebendigen Gottes.
232 Die Bibel für Menschen von heute ...

6.6.3 Die Erzählung vom Lamm und vom Buch mit den sieben Siegeln
”Ende Teil I” ... möchte man sagen. Werbepause, holen Sie sich etwas zu Trinken und
ein paar Chips! Denn gleich geht es weiter mit einem atemberaubenden zweiten Teil.
Actionszene 1: das Buch des Lebens. Actionszene 2: Wer hat den Schlüssel? Actionszene
3: ”Das Lamm” nimmt die Buchrollen. Und Actionszene 4: Billionen von Engeln und alle
Geschöpfe ... [Ende Vorschau]
”Ich sah eine Buchrolle in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. Sie war
innen und außen beschrieben und mit sieben Siegeln verschlossen.” Gott hält in seiner
rechten Hand das Buch des Lebens. Es ist versiegelt mit sieben Siegeln - es ist also un-
zugänglich und verschlossen. Dieses Buch des Lebens steht als Zeichen für die entgültige
und abschließende Weisheit Gottes. Im Lebensbuch sind all diejenigen verzeichnet, die in
Gottes Welt hineingelangen können, vgl. Offb. 21,27. Es sind diejenigen Menschen, die
zum lebendigen Glauben an Jesus Christus gefunden haben und darin leben. Es ist ein
faszinierendes Geheimnis um das Buch des Lebens. Wer verzeichnet etwas darin? Wer
hat die Kontrolle über das Geschehen? Wie hängt der Glauben an Jesus Christus damit
zusammen? Wieviel persönliche Freiheit hat ein Mensch, in das Buch des Lebens hinein-
zukommen?

Das neue Testament kennt zwei auf den ersten Blick widersprüchliche Wahrheiten:
Erstens ist jeder Mensch eigenverantwortlich für seine Taten, seinen Glauben, sein
Denken und Handeln. ”Die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht”, sagt
Jesus. Die Menschen sind die aktiv Handelnden, die sich selbst in der Freiheit des Menschen
entscheiden, ob sie sich auf Jesus Christus einlassen wollen.
Zweitens kann ein Mensch nicht selbst den Entschluß fassen zu glauben. ”Gott wirkt
beides, das Wollen und das Vollbringen”, schreibt Paulus. Jünger werden von Jesus durch
sein direktes Wort zum Glauben gerufen und folgen diesem. Da ist es der lebendige Herr,
welcher handelt.

Es gibt viele philosophische und theologische Diskussionen um diese Fragen. Doch der
Widerspruch ist nur dann ein Widerspruch, wenn man Gottes Umgang mit Menschen als
statisches Geschehen auffaßt. Wir leben aber in der Zeit und damit in einem dynamischen
Geschehen. Das alte Testament lehrt uns in einem zeitlichen Geschehen Gottes Umgang
mit den Menschen. Es ist Gott, der Menschen verstockt. Doch Gott tut dies als Reakti-
on auf das Verhalten der Menschen. Im Bild gesprochen sucht Gott in jedem Menschen
den Glauben und das Vertrauen wie ein Winzer aus einer Rebe den letzten guten Saft
herauszupressen versucht, um sie nicht verwerfen zu müssen. Das Buch des Lebens ist ein
geniales Bild für den Umgang Gottes mit den Menschen und für den Ernst der Sache, die
weitreichenden Entscheidungen, um die es hier geht!
”Und ich sah einen mächtigen Engel, der mit lauter Stimme fragte: Wer ist würdig,
die Siegel aufzubrechen und das Buch zu öffnen? Aber man fand keinen, der es öffnen und
hineinsehen konnte, weder im Himmel, noch auf der Erde, noch unter der Erde. Ich weinte
sehr, weil keiner würdig war, das Buch zu öffnen und hineinzusehen.”
Das Buch des Lebens soll geöffnet werden, die Siegel sollen aufgebrochen werden.
Worum geht es dabei? Bedenken Sie die Bedeutung des Buches des Lebens: die Weisheit
Roland Potthast 233

Gottes und die Entscheidung über Tod oder Leben, über den Lebensweg eines Menschen
und ob er hineingeht in das Reich Gottes, im späteren Bild ”das neue Jerusalem.” Das
Aufbrechen der Siegel ist ein Bild für das Gericht Gottes. Hier wird nach einem gesucht,
der zu diesem Gericht fähig ist, der genug Weisheit, Unvoreingenommenheit, Reinheit,
Recht und Heiligkeit besitzt, um die Menschheit und das Universum zu richten. Es ist
keiner da, der zum Richter taugen würde. Nicht im Himmel, nicht auf der Erde, nicht
unter der Erde (dem Bild für das Reich der Toten, der bösen Geister, der Dämonen - für
die von Gott gelöste geistige Welt.)
”Da sagte einer der Ältesten zu mir: Hör auf zu weinen! Der Löwe aus Judas Stamm
und Nachkomme Davids hat den Sieg errungen. Er kann die sieben Siegel aufbrechen und
das Buch öffnen.”
Der ”Löwe aus Judas Stamm” ist ein Bild für Jesus Christus. Auch ”Nachkomme
Davids” ist ein solches Bild, welches in den alttestamentlichen Prophetien für den Messias
genutzt und im neuen Testament aufgegriffen wird. Ein weiteres zentrales Bild für Jesus
ist ”das Lamm Gottes.”
”Da sah ich mitten vor dem Thron, umgeben von den vier mächtigen Gestalten und
den Ältesten ein Lamm stehen. Es sah aus, als ob es geschlachtet wäre. Es hatte sieben
Hörner und sieben Augen; das sind die sieben Geister Gottes, die in die ganze Welt gesandt
worden sind.”
Johannes sieht hier Jesus Christus im Bild mit seiner persönlichen Geschichte: er ging
an das Kreuz von Golgatha und wurde dort ”das Lamm Gottes, welches die Sünde der
Welt trägt.” Dieser Gang wird in jüdischer Tradition als ”Schlachtung” des Opferlammes
gesehen und knüpft damit an die jahrtausendealten Traditionen nach dem Auszug aus
Ägypten an. Die sieben Hörner und die sieben Augen zeigen die vollständige Macht und
umfassende Allwissenheit Jesu, die sich durch den heiligen Geist in der Welt manifestieren.
”Das Lamm ging zu dem, der auf dem Thron saß, und nahm die Buchrolle aus seiner
rechten Hand. Da warfen sich die vier mächtigen Gestalten und die vierundzwanzig Älte-
sten vor dem Lamm nieder. Jeder der Ältesten hatte eine Harfe und eine goldene Schale
mit Weihrauch, das sind die Gebete des Volkes Gottes. Sie sangen ein neues Lied:
Du bist würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel aufzubrechen! Denn du wurdest
als Opfer geschlachtet, und mit deinem vergossenen Blut hast du Menschen für Gott
erworben, Menschen aus allen Sprachen und Stämmen, aus allen Völkern und Nationen.
Zu Königen hast du sie gemacht und zu Priestern für unseren Gott; und sie werden über
die Erde herrschen. (Offb. 5, 7-10)
Jesus allein besitzt die Heiligkeit und Reinheit, um zu richten. Und nur durch den Tod
Jesu kann ein Mensch an dieser Heiligkeit teilnehmen - nur so können wir ”gesund” werden!
”Kommt zum Licht!” ist die immer wiederkehrende Einladung des neuen Testaments. Das
Licht ist euch offen zugänglich! Macht die Augen auf und nehmt das Wasser des Lebens
umsonst!
Ob wir das Geschehen und den Tod Jesu wirklich verstehen und erfassen können?
Welcher Mensch ist dazu in der Lage? Mit allen modernen Begrifflichkeiten sind wir nicht
weiter als die Zeitgenossen des Johannes wenn es um die Weisheit in geistigen Fragen geht.
Wir haben Technik geschaffen, haben die Wissenschaft entwickelt - und doch sind das eher
mechanische Fähigkeiten. Selbst der Humanismus und die Aufklärung haben niemals die
234 Die Bibel für Menschen von heute ...

Höhe der biblischen Einsichten und Weisheiten berührt, sondern allenfalls in diesen wie in
einem Steinbruch geschöpft und viele Dinge den eigenen säkularen Modellen eingeordnet.
Zum Abschluß wollen wir noch hineinblicken in die wogende Szene, mit welcher die
Offenbarung hier die Episode abschließt.
”Dann sah und hörte ich Tausende und aber Tausende von Engeln, eine unübersehbare
Zahl. Sie standen mit den vier mächtigen Gestalten und den Ältesten um den Thron und
sangen mit lauter Stimme: Das geopferte Lamm ist würdig, Macht zu empfangen, Reichtum
und Weisheit, Kraft und Ehre, Ruhm und Anbetung! Und ich hörte alle Geschöpfe im
Himmel, auf der Erde, unter der Erde und im Meer laut mit einstimmen: Anbetung und
Ehre, Herrlichkeit und Macht gehören ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm, für
immer und ewig. Die vier mächtigen Gestalten antworteten: Amen! Und die Ältesten fielen
nieder und beteten an.”

6.6.4 Leben und ”die Offenbarung” im 21. Jh.

Wie ist das gegenwärtig mit dem Buch der Offenbarung. Wie können und sollen wir damit
umgehen? Was kann uns das Buch nutzen?
Wie wir bei unseren bisherigen Abschnitten sehen konnten, spiegeln viele Teile der
Offenbarung nichts anderes wider, als schon in den Evangelien wiedergegeben ist. Die
Offenbarung bestätigt damit die Evangelien und die Evangelien bestätigen in inhaltlicher
Weise die Offenbarung.
Wir haben auch gesehen, daß die Offenbarung sich mit der Weltgeschichte beschäftigt,
wie sie durch die lebendige Gegenwart des auferstandenen Christus geprägt wird. Das ist
unsere Situation auch heute. Die Bilder und Visionen der Offenbarung können uns somit
helfen, die Gegenwart besser zu verstehen. Insbesondere wenn es um das Gericht und Ein-
greifen Gottes geht, werden wir in den kommenden Abschnitten viel aus der Offenbarung
lernen.
Die Offenbarung beschreibt in überzeugender Weise die Verhältnisse von Gott, dem
Schöpfer und Vater, Jesus Christus, dem Sohn und Heiland Gottes, dem heiligen Geist
und der christlichen Gemeinde. Es werden durch die Offenbarung die Fäden, Erklärungen
und Erläuterungen der Evangelien und Briefe der Apostel vervollständigt und in einer
eindrucksvollen Weise zusammengebunden.
Bei all dem ist die Offenbarung ein in hohem Maße ”evangelistisches” oder ”evangeli-
sches” Buch in dem Sinne, daß es in ansprechender und offener Weise einlädt zum Glauben
an Jesus Christus. Das Drängen und die Liebe Gottes gegenüber allen Menschen, in die
Gemeinschaft des Vertrauens hineinzukommen, findet seinen lebendigen Widerhall in die-
sem letzten Buch der Bibel: ”Und der Geist und die Braut [=die christliche Gemeinde]
sprechen: Komm! Jeder, der dies hört, soll sagen: Komm! Wer durstig ist, soll kommen,
und wer von dem Wasser des Lebens trinken möchte, wird es geschenkt bekommen.” (Offb.
22,17)
Roland Potthast 235

6.7 Bilder über Bilder ... - 7 Siegel, 7 Posaunen, 7 Schalen des Zorns
(Offb.6-20)
6.7.1 Für Eilige: vom Sinn der Bilder

Bilder ... jeder Mensch benötigt Bilder um sich in der Welt zurechtzufinden. Wir sprechen
in Bildern von vielen Dingen, benutzen Bilder, leben mit und in Bildern.
Früher waren die Bilder in Mitteleuropa oft näher an der Natur, waren von der Le-
benswirklichkeit bäuerlicher Landwirtschaft oder aber von königlicher Feudalherrschaft
geprägt. Vor Jahrtausenden hatten die Griechen i h r e speziellen Bilderwelten aufgebaut
und nutzten diese Bilder, um die Welt darzustellen. Die griechischen Götter und Mythen
sind Geschichten, in denen die Lebenswirklichkeit der Menschen gespiegelt werden konnte.
Heute haben wir eher technische oder technologische Bilder. Da werden ”Spannun-
gen” bemüht, um über seelische Zustände zu sprechen - Spannungen ist das technische
Bild, welches aus der Statik, Mechanik oder Elektromagnetik kommt. Auch innerhalb der
Technologie nutzen wir dabei Bilder: z.B. das eben genannte Bild von elektrischen ”Span-
nungen”, welche zur Bewegung der geladenen Teilchen führen, die dann den Strom bilden
- es ist historisch von der Elektrodynamik auch nur geliehen bei der Mechanik.
Wir Menschen denken und leben in Bildern - ob im wissenschaftlichen, gesellschaftli-
chen oder privaten Bereich!
Wir begegnen heute in der Offenbarung einer Reihe weitreichender Bilder, die der Seher
Johannes in einer Vision von Gott empfängt. In tiefliegenden Bildern blickt er durch die
gesamte Weltgeschichte hindurch und sieht Gottes Handeln und Gottes Gericht am Ende
der Geschichte.
Die Bilder der Offenbarung gehören zu den geheimnisvollsten und tiefsten Schöpfun-
gen der Weltliteratur. Sie haben nun über Jahrtausende die Menschen inspiriert und
beschäftigt. Sie ermöglichen Einblicke und Durchblicke, die weit über den Lebensbereich
und Lebenshorizont eines einzelnen Menschen oder einer Generation hinausgehen. Gleich-
zeitig konfrontieren Sie uns mit unserer Unwissenheit und unserer Schranken. Die Inter-
pretation der Bilder der Offenbarung ist eine geradezu unlösbare Aufgabe, gleichzusetzen
mit dem weitreichenden Einblick in Gottes Umgang mit der Welt und dem Universum
insgesamt. Aber bei der Auseinandersetzung mit den Bildern der Offenbarung stellen wir
auch fest, wie viel wir lernen über Gott und über Gottes Weg mit der Welt. Gott spricht
zu uns durch die Bilder dieses biblischen Buches, Gott lehrt uns, seine Worte ernst zu
nehmen. Er hilft uns, die Ereignisse in der Welt einzuordnen - und einen klaren Kopf zu
behalten.
Wir wollen uns gemeinsam mit Ihnen nun auf den Weg machen, die biblischen Bilder
der Offenbarung kennenzulernen und sie einzuordnen. Es geht um ein Grundverständnis,
auch wenn wir nicht für jedes Bild eine konkrete geschichtliche Deutung vorlegen werden.
Gehen Sie mit und begegnen Sie:

- einem der größten Bücher der Weltliteratur,


- tiefliegenden Bildern über unsere Welt, gültig vor 2000 Jahren und gültig heute,
- Gottes Werben um Ihre persönliche Aufmerksamkeit und Ihre Nachfolge.
236 Die Bibel für Menschen von heute ...

Tipps für diese Woche:


1) Lesen Sie im Zusammenhang die Kapitel 5 bis 22 der Offenbarung. Dafür müssen
Sie sich schon einmal einen vollen Abend nehmen. Ab besten ist es sogar, sich die Bilder
laut vorzulesen. Es kann hilfreich sein, wenn ein Christ dabei ist, der die Bibel gut kennt.
2) Rechnen Sie mit Gottes konkretem Eingreifen in die Weltgeschichte? Haben Sie
schon einmal darüber nachgedacht, daß viele moderne Katastrophen nur ein kleines Bruch-
stück der Katastrophen sein könnten, die in der Offenbarung geschildert werden?

6.7.2 Die 7 Siegel - Offenbarung 6-8


Wir haben im vorangehenden Abschnitt des Bibelseminars über die Siegel gesprochen, mit
denen das ”Buch des Lebens” verschlossen ist. Jesus Christus allein - im Bild das ”Lamm
Gottes” - ist es wert und in der Lage, diese Siegel zu öffnen und damit Gottes Gericht
zu vollziehen. Die Kapitel 6-20 der Offenbarung nehmen uns mit in diesen Prozess, in
welchem die Siegel geöffnet werden.
Wir sehen die folgenden Bilder als aktuelle Beschreibungen unserer Menschheits- und
Weltgeschichte. Wir sind also ”mitten drin” bei dem, was hier dargestellt wird. Es hat
schon begonnen, es ist noch nicht vollendet, die Siegel werden aufgebrochen und wir erle-
ben, was dabei passiert.
(1) Das erste Siegel: ein Reiter auf einem weissen Pferd zieht aus, um ”abermals zu
siegen.” Der Reiter auf dem weissen bzw. pfahlen Pferd wird von manchen als Christus
gesehen, von anderen jedoch als der Täuscher und Betrüger, der wieder über viele siegt, die
er in seinen Bann zieht. Eine abschlieende Interpretation dieses einen Satzes fällt schwer.
(2) das zweite Siegel: ein Reiter mit einem roten Pferd wird ermächtigt, Krieg in die
Welt zu bringen, damit sich die Menschen gegenseitig töten sollten. Der Krieg ist ein Teil
des heftigen Gerichtes Gottes über die Erde. Krieg - seit 2000 Jahren sehen wir Kriege
wohin das Auge blickt. Nie gab es mehr Kriege als im 20. Jahrhundert ...
(3) das dritte Siegel: ein Reiter auf einem schwarzen Pferd bringt Teuerungen, Hunger
und riesige Ungleichgewichte zwischen den Menschen, den Gesellschaften und den Staaten.
Auch diese Dinge ziehen sich seit Jahrhunderten durch die Menschheitsgeschichte - bis hin
in das 21. Jahrhundert, in dem sich wenige Prozent der Menschheit 90% ihres Reichtums
unter sich aufteilen.
(4) das vierte Siegel: ein leichenfarbenes Pferd bringt den Tod: durch das Schwert,
durch Hunger, durch Seuchen und wilde Tiere werden Menschen getötet. Seuchen sind
nicht verschwunden - wir haben im 20. Jahrhundert mit Aids eine der umfassendsten Seu-
chen der Menschheit nach der Pest des Mittelalters erlebt. Auch aktuelle Entwicklungen
wie BSE, SARS etc etc gehören zu dieser Kategorie von Gottes Gericht, die aktuell sind
wie eh und je.
(5) das fünfte Siegel: die Seelen der Menschen, die um Jesu willen getötet wurden,
schreien zu Gott und bitten um Gerechtigkeit. Sie erhalten lange weiße Kleider - Zeichen
ihrer Reinheit vor Gott durch Jesus Christus. Und sie werden zur Geduld gemahnt: wartet
noch, die Zeit ist noch nicht voll. Die Bosheit der Menschen soll sich noch soweit auswach-
sen, daß das Verlangen ihrer Herzen offensichtlich wird. Es müssen noch mehr Christen
getötet werden, wie Gott bestimmt hat.
Roland Potthast 237

Werden Christen heute getötet? Leider werden in vielen Teilen der Erde auch heute
Christen verfolgt und getötet - gemeinsam mit anderen religiösen Minderheiten.
(6) das sechste Siegel: ein gewaltiges Erdbeben geschieht. Die Sonne wird dunkel, der
Mond verfärbt sich, Sterne fallen vom Himmel und der Himmel verschwindet wie eine
Buchrolle, die man zusammenrollt. Berge und Inseln werden durcheinandergewirbelt, und
die Menschen versuchen, sich vor all diesen Dingen zu verstecken. Das sechste Siegel führt
uns in universelle Dimensionen hinein und beschreibt weltweite Katastrophen, die unser
Sonnensystem und unseren Globus als ganzen betreffen.
Eine wichtige Frage ist hier sicherlich: wie realistisch scheint uns eine solche Darstel-
lung, die wir hier beim sechsten Siegel antreffen? Dazu ein Gedanke:
Die Erde und das Sonnensystem befindet sich in einem durchaus sehr empfindlichen
Gleichgewicht. Wir verstehen heute durch moderne Astronomie und Geophysik einiges
von den Zusammenhängen unseres Sonnensystems. Eine globale Katastrophe, bei welcher
die Sonneneinstrahlung drastisch herabgesetzt wird und die Erde von Meteoriten oder gar
Planeten getroffen wird, ist nicht völlig abwegig. Solche Szenarien haben seit Jahrzehnten
die Autoren von Science-Fiction Produktionen bewegt und gehören eher zum gängigen
Ängstekanon, mit dem die Kinos gefüllt werden können. Die Offenbarung konfrontiert uns
mit einer solchen globalen Katastrophe als einem Bestandteil des Gerichts Gottes mit der
Menschheit.
Die globale Katastrophe kündigt den ”Tag des Zorns” an, an welchem das Lamm
und der Herr der Welt (”der, der auf dem Thron sitzt”) abrechnen. Das Szenario ist
beeindruckend: die Engel an den vier Enden der Erde halten die Winde zurück und die
Diener Gottes werden versiegelt - all diejenigen, welche Gott voll und ganz treu gewesen
sind. Es wird von zwölftausend gesprochen für jeden Stamm des Volkes Israel. In dieser
Zahl zwölftausend spiegelt sich die Potenzierung der Stämme Israels ebenso wie der Zahl
der Jünger Jesu wider: eine volle, runde Zahl derer, die Gott treu sind. 12 mal 12 sind
144 - hier schließt sich der Kreis und macht die Rettung Gottes vollkommen auch in der
Zahlensymbolik der Vision des Johannes.
Bedenken Sie an dieser Stelle auch auch die Rolle des Volkes Israel, welches hier wei-
terhin in zentraler Position beschrieben wird. Ja, es wird auch von der ”großen Menge
Menschen” gesprochen, die vor Gottes Thron stehen und ihm ”in weißen Kleidern” die-
nen und ihn allein anbeten. Hier spiegeln sich die Christen aller Zeiten, aller Nationen,
Stämme, Völker und Sprachen. Aber weiterhin sind die Stämme von Israel nicht verges-
sen und werden hier namentlich genannt: Juda, Ruben, Gad, Ascher, Naftali, Manasse,
Simeon, Levi, Issachar, Sebulon, Josef und Benjamin.
(7) das siebte Siegel: ”als das Lamm das siebte Siegel aufbrach, war es eine halbe
Stunde im Himmel ganz still. Dann sah ich, wie die sieben Engel vor Gottes Thron sieben
Posaunen erhielten.”
Mit dem siebten Siegel ist das Buch des Lebens offen und dies bedeutet nun das
entgültige Gericht Gottes. Dieses entgültige Gericht vollzieht sich im Rahmen des Schalls
von sieben Posaunen, die von den Engeln geblasen werden.
238 Die Bibel für Menschen von heute ...

6.7.3 Die 7 Posaunen - Offenbarung 8-14

Jetzt halten Sie sich fest und schnallen Sie sich gut an. Es geht ans Eingemachte und
die Katastrophen nehmen kein Ende. Die Visionen der Offenbarung können mit jedem
Katastrophenfilm aus Hollywood mithalten und stellen alle seichte Kinounterhaltung in
den Schatten.
(1) die erste Posaune: Hagel und Feuer, mit Blut gemischt, fiel auf die Erde. Ein Drittel
der Erde und ein Drittel aller Bäume wurden verbrannt, kein Grashalm blieb übrig.
(2) die zweite Posaune: etwas wie ein großer brennender Berg wurde ins Meer geworfen.
Ein Drittel des Meeres verwandelte sich in Blut [ein Bild für den Tod dieser Meeresteile].
Ein Drittel aller Meerestiere starb und ein Drittel aller Schiffe wurde vernichtet.
(3) die dritte Posaune: ein großer brennender Stern stürzte vom Himmel. Ein Drittel
der Flüsse und Quellen wurde bitter und viele Menschen starben durch vergiftetes Wasser.
Auch diese Katastrophen sind nicht so abwegig. Wir haben schon die durchaus reale
Möglichkeit von Meteoriten oder Kometen angesprochen. Das Gleichgewicht von Meeres-
teilen kann schnell umkippen und ganze Meere zu toten Wassern werden lassen, die giftig
sind.
(4) die vierte Posaune: Ein Drittel der Sonne, des Mondes und der Sterne wurde durch
Schläge getroffen. Ihr Licht verlor ein Drittel seiner Helligkeit und ein Drittel des Tages
und der Nacht wurde finster.
An dieser Stelle dürfen, ja müssen wir nach dem konkreten Realitätsbezug der Bilder
fragen. Wie war das mit dem sechsten Siegel: war dort nicht schon die Sonne verfinstert. Ist
dies nun, in der Darstellung zeitlich später angeordnet, wieder im alten Zustand? Können
wir diese Dinge in eine sinnvolle chronologische Ordnung bringen? Ist das überhaupt sinn-
voll, ist es so gedacht?
Gerade wenn wir weiterlesen werden Sie immer mehr feststellen, wie sehr sich die
zeitlichen Linien auflösen. Die Bilder scheinen manchmal in die Zeit der ersten Christen zu
passen und sind damals wohl auch ganz konkret auf römische Kaiser hin ausgelegt worden,
z.B. die Zahl 666 auf den Kaiser Nero, die sieben Hügel auf die Stadt Rom. Gleichzeitig
scheinen die Bilder in der zeitlichen in eine Zukunft zu gehören, die uns fern und unwirklich
erscheint. Wir werden dies ab Kapitel 12 als eine gigantische Rückschau begreifen, welche
die christliche Geschichte in dieser letzten Phase des Gerichts als ”gewaltige Erscheinung”
rekapituliert.
Unser Hauptaugenmerk wird darauf liegen, die Bilder als sehr realistische Beschreibun-
gen der Vergangenheit, Gegenwart und möglichen bzw. kommenden Zukunft zu verstehen:
als Reden Gottes zu uns auch heute.
(5) die fünfte Posaune: ein Stern [=Engel] öffnet den Abgrund und Rauch verdunkelt
die Sonne. Aus dem Rauch kamen Heuschrecken denen die Macht von Skorpionen gegeben
war. Sie durften nur die Menschen quälen, die nicht mit dem Siegel Gottes gekennzeichnet
waren. Diese ”Heuschrecken” sind den Berichten vom Auszug aus Ägypten entnommen.
Sie werden in sehr illustrierter Weise mit Kronen, Gesichtern, Haar und Löwenzähnen
beschrieben. Der Engel herrscht über sie als König. Es sind Schlachtgeräusche, die hier
zu hören sind. Die fünfte Posaune beschreibt eine große Qual, welche Menschen zugefügt
wird durch Tiere. So wie die Bilder hier formuliert sind, können die Heuschrecken für
Roland Potthast 239

alles stehen - es wird im wesentlichen ihre Wirkung und die Angst beschrieben, die sie
auslösen. Ja, es geht hier um eine ernste Warnung vor dem Schrecken des Gerichtes ohne
jede Beschönigung.
(6) die sechste Posaune: vier Engel werden freigelassen, die am Euphrat gefangen ge-
halten worden waren. Sie haben die Macht, ein Drittel der Menschheit zu töten. Sie haben
200 Millionen Reiter in ihrem Gefolge. Auch hier haben wir wie bei den Heuschrecken eine
sehr phantastische Schilderung: die Reiter töten mit den Schwänzen der Pferde, die wie
Schlangen aussehen. Gleichzeitig werden Feuer, Rauch und Schwefel genannt als die drei
Katastrophen, durch die ein Drittel der Menschheit sterben muß.
Die Bilder von Feuer, Rauch und Schwefel und die bizarren Darstellungen der ”Pferde”
können eher an eine altertümliche Beschreibung moderner Vernichtungswaffen erinnern als
an die Darstellung wirklicher Pferde oder Heuschrecken (oben). Es ist eine sehr realistische
Möglichkeit, daß durch einen oder mehrere Kriege ein Drittel der Menschheit vernichtet
wird. Im 20. Jahrhundert - in einer Zeit n a c h Aufklärung und Humanismus - waren wir
nicht weit entfernt von solchen Szenarien.
Wichtig sind aber gerade auch die Zeilen, die den Katastrophendarstellungen folgen:
”aber die Menschen, die nicht bei diesen Katastrophen getötet wurden, änderten sich
nicht. Sie hörten nicht auf, Dämonen und Götzen aus Gold, Silber, Bronze, Stein und Holz
anzubeten [...]. Nein, sie änderten sich nicht; sie hörten nicht auf zu morden, Zauberei und
Unzucht zu treiben und zu stehlen.”
Hier werden wir auf die Punkte geführt, um die es geht: die Heiligkeit Gottes, der das
Böse schrittweise entlarft und vernichtet.
Wir überschlagen an dieser Stelle die Erzählungen von den zwei Zeugen und dem
Tier aus dem Abgrund und gehen direkt zur siebten Posaune und den nachfolgenden
Ereignissen.
(7) die siebte Posaune: mit der siebten Posaune ist die zweite Phase des Gerichtes
abgeschlossen und es beginnt der dritte und letzte Teil, der in den sieben Schalen des
Zorns kulminiert und dann seinen Abschluß in der Hochzeit des Lammes findet.
”Dann blies der siebte Engel seine Posaune. Da erhoben sich im Himmel laute Stimmen,
die sagten: Jetzt gehört die Herrschaft über die Erde unserem Gott und dem König, den
er eingesetzt hat, und sie werden für immer und ewig regieren.”
Mit der siebten Posaune beginnt das entgültige Verderben für alle Lebenwesen, die
nicht durch Jesus Christus rein und heilig geworden sind. In einem Schrecken ohne Ende
vollzieht sich nun das abschließende Gericht.
(a) Die Frau und der Drache: es wird von einer Frau geschrieben, mit der Sonne
bekleidet, die kurz vor der Geburt steht. Und von einem roten Drachen, der ein Drittel
der Sterne vom Himmel auf die Erde schleudert und welcher den Sohn der Frau nach der
Geburt verschlingen will. Dieser Sohn soll die Erde mit eisernem Zepter regieren.
Mit dem Beginn des 12. Kapitels der Offenbarung nimmt die Vision des Johannes wie
in einer Rückschau noch einmal die christliche Heilsgeschichte in den Blick. Es geht um
das Volk Israel: die Frau mit der Krone mit zwölf Sternen. Es geht um Jesus Christus: den
Sohn, der zum Herrscher berufen ist. Jesus wird gleich nach der Geburt (30 Jahre sind
ein Augenblick vor Gottes Augen) zu Gott gebracht. Die Frau ist in die Wüste getrieben
- Israel in der Diaspora. Der Drache ist der Satan, welcher mit einem Drittel der Engel in
240 Die Bibel für Menschen von heute ...

Rebellion gegen Gott steht und die Menschen unter seine Gewalt bringt. Er wurde mit der
Auferstehung und Himmelfahrt Jesu aus dem Himmel verbannt und in von ungeheurer
Wut aktiv auf der Erde.
(b) der Drache, die zwei Tiere: Der Drache verfolgt Israel durch die Jahrhunderte, und
er verfolgt diejenigen Menschen, die Jesus Christus treu sind. Nun wird die Geschichte der
ersten Jahrhunderte in den Bildern von den zwei Tieren dargestellt: der römische Kaiser
und die verschiedenen Herrscher. Die umfassende Macht und der wahnsinnige Anspruch
der damaligen ”Götter.”
Wenn hier von ”Wundern” die Rede ist, die ein Tier tun konnte, so dürfen Sie durchaus
an die Leistungen einer solchen Kultur denken. Auch heute sind es ”Wunder der Tech-
nologie” und die wirklich weitreichenden und wunderbaren Leistungen von Wissenschaft,
Medizin und Technik, die uns in ihren Bann ziehen.
Wenn in den Bildern von ”tödlichen Wunden” die Rede ist und einem Tier, das ”wie-
der ins Leben zurückgekehrt” ist, so dürfen wir das ganz weltlich so verstehen, daß ein
Herrscher in seiner Gewalt und seinem Einfluß ”tödlich verwundet” war und dann doch
diese Macht wiederherstellen konnte und danach um so mehr die Bewunderung der Zeit-
genossen auf sich ziehen konnte. In diesen Zeiten war die Ausübung des Glaubens an Jesus
Christus mit unmittelbarer Lebensgefahr und der Verbannung aus allen gesellschaftlichen
Transaktionen verbunden!
Der Text gibt eine Auslegung seiner Bilder auf konkrete Situationen der damaligen Zeit
durch die Zahl 666, welche im Hebräischen eine alphabetische Bedeutung hat. Gleichzeitig
läßt dieser prophetische Text wie oft in den alttestamentlichen Vorbildern offen, ob er
sich nicht in der Zukunft in weiterführender Weise erfüllt und damit gleichzeitig erfüllte
Prophetie und Zukunft ist. Wir dürfen sicherlich mit genau diesem Phänomen rechnen,
welches durch die Propheten Jesaja, Jeremia und Hesekiel und ihre Auslegung durch Jesus
und die Apostel wohlbekannt ist.
Nach dieser Rückschau führt uns Kapitel 14 wieder ganz zum Ende des Gerichts auf
den Zionsberg und damit zur entgültigen Herrschaft Jesu, des Lammes. Mitten im letzten
Gericht:

• die 144.000 Menschen auf dem Zionsberg, die sich rein gehalten haben und die frei
von aller Lüge und allem Tadel sind.
• Der Engel, der die ewige Botschaft Gottes allen Menschen verkündigt: ”nehmt Gott
ernst und erweist ihm die Ehre! Betet ihn an, der den Himmel, die Erde, das Meer
und die Quellen gemacht hat!” (Offb. 14,7)
• Ein weiterer Engel ruft: gefallen, das mächtige Babylon ist gefallen [dazu wird in
Kapitel 17 und 18 der Offenbarung mehr erzählt].
• Warnungen: ”wer das Tier verehrt, der wird den Wein Gottes trinken müssen, den
er unverdünnt in den Becher seines Zornes gegossen hat.” Kurz gesagt: folge nicht
den falschen Göttern!
• Ermutigungen: ”Schreib auf: Freuen dürfen sich alle, die von jetzt ab im Dienst des
Herrn sterben!”
Roland Potthast 241

• Es ist die scharfe Sichel in der Hand des Schnitters, die Weinpresse, die den Zorn
Gottes bedeutet... Jetzt wird Recht gesprochen und getan.

Und das Gericht wird abgeschlossen durch weitere sieben Katastrophen, die diesmal voll
zuschlagen.

6.7.4 Die 7 Schalen des Zorns - Offenbarung 15-18


Zunächst werden diese Katastrophen der Herrlichkeit Gottes gegenübergestellt. Die Men-
schen, die Jesus treu geblieben sind, stehen bei Gott und haben Klaviere, Gitarren, Key-
boards und viele weitere Musikinstrumente [in der Offenbarung kurz ”Harfen” genannt]
dabei. Sie singen das fetzige Lied von der Herrschaft Gottes:
Herr, unser Gott, du Herr der ganzen Welt, wie groß und wunderbar sind deine Taten!
In allem, was du planst und ausführst, bist du wahrhaftig und gerecht, du König über alle
Völker! Wer wagt es, dem Herrn nicht zu gehorchen und deinen Namen nicht zu ehren?
Alle Völker werden kommen und sich vor dir niederwerfen; denn deine gerechten Taten
sind nun für alle sichtbar.”
Gottes Tempel im Himmel ist geöffnet, das heilige Zelt, in dem Gott anwesend ist.
Und alle warten darauf, daß das Gericht abgeschlossen wird. Es wird wieder heftig - und
noch einmal gibt es weitere Phasen dieses Gerichts. Gott macht es sich nicht leicht.

Die sieben Schalen des Zorns:

1. erste Schale des Zorns: schlimme Geschwüre für alle, welche das Zeichen des Tieres
(Satans) tragen.

2. zweite Schale des Zorns: das Meereswasser wird giftig und alle Lebenwesen darin
gehen zugrunde.

3. dritte Schale des Zorns: alle Flüsse und Quellen werden zu Blut (giftig, ungenißbar,
tötlich).
Die Gerechtigkeit Gottes wird noch einmal bestätigt.

4. vierte Schale des Zorns: die Sonne wird in ihrer Hitze unerträglich und die Menschen
werden von glühender Hitze versengt.

5. fünfte Schale des Zorns: Dunkelheit für den ganzen Herrschaftsbereich des Tieres.
Flüche der Menschen wegen ihrer Schmerzen, aber keine Umkehr: also keine Einsicht
in die Gerechtigkeit des Gerichtes. Auch hier ist also noch die Möglichkeit einer
Umkehr grundsätzlich vorhanden.

6. sechste Schale des Zorns: der Euphrat trocknet aus. Den Königen im Osten wird
ein Weg nach Westen gebahnt. Drei unreine Geister werden frei und versuchen, alle
Könige zum Kampf zu sammeln an einem Ort namens Harmagedon.

7. siebte Schale des Zorns: Zerstörung der großen Hure Babylon - das ist die Stadt, die
als Zeichen und Sinnbild der Ungerechtigkeit gilt. (Kapitel 17+18)
242 Die Bibel für Menschen von heute ...

Wir werden dann in den Kapiteln 19 und 20 mitgenommen zur Hochzeit des Lammes,
das ist die Vereinigung von Jesus mit all denen, die an ihn glauben. Diese Vereinigung
umfaßt wieder drei Phasen: Kampf, Tausendjähriges Reich und abschließendes persönliches
Gericht.
- Kampf: Jesus wird als Reiter auf dem weißen Pferd dargestellt, der jetzt den Satan
gefangen nimmt und seine Heere vernichtet.
- Tausendjähriges Reich: In Kapitel 20 wird vom ”tausendjährige Reich” Jesu berichtet,
in welchem Jesus mit all denen herrscht und lebt, die öffentlich für ihn eingetreten und
dabei hingerichtet worden waren. Dies wird die ”erste Auferstehung” genannt. Nach den
tausend Jahren gibt es nach Kapitel 20 noch eine weitere Episode, in denen der Satan in
einem letzten Versuch die Völker der Erde zu sich zu ziehen sucht. Wieder gibt es eine
große Schlacht, in welcher der Teufel entgültig besiegt wird.
- Abschließendes persönliches Gericht: Jeder wird nach seinen Taten gerichtet und es
wird über sein Schicksal entschieden je nachdem, ob er im Buch des Lebens steht oder
nicht. Alle Menschen, alle Toten, sind zum letzten Gericht lebendig geworden. Jeder, dessen
Name nicht im Buch des Lebens steht, wird in ”den See von Feuer” geworfen.
—————————————————

6.7.5 Was ist dran?


Was ist dran an der Offenbarung? Was ist dran am Gericht? Wieso diese phantastischen
Geschichten? Was nun?
Sicherlich ist es leicht, die Offenbarung ins Phantastische abzuschieben und dann zu
vergessen. Auch für Christen ist es ein leichter Ausweg, die Offenbarung einfach links
liegen zu lassen und sich nicht weiter um die Schwierigkeiten der Visionen zu kümmern.
Und doch ist es wichtig, diese Dinge wahrzunehmen und klar zu sehen: Gottes Gericht ist
schrecklich. Es ist unausweichlich. Und es ist real und schmerzhaft. Die Visionen decken
sich mit den Endzeitprophetien, die z.B. im Matthäus-Evangelium festgehalten sind. Die
Menschen werden sich bis zum letzten Tag so verhalten, wie sie es stehts getan haben: und
das Ende wird plötzlich und mit Schrecken kommen.
Wir dürfen uns nicht von der alten und sehr ”orientalischen” Form der Geschichten
abschrecken lassen. Die Aussagen sind in vielen Dingen sehr klar und verständlich, wenn
auch nicht alle Details der historischen Zuordnung für uns einsichtig sind.
Die Geschichten sind heftig, unfaßbar, erschreckend, weitreichend! Und leider und
glücklicherweise müssen wir sagen: es ist was dran! Die Sachen sind wahr. Es kommt
das Gericht. Darum: lassen Sie sich versöhnen mit Gott. Ja, bitte, öffnen Sie sich für die
Liebe und Heiligkeit Gottes in Jesus Christus! Gehen Sie heute diesen Schritt - ob zum
ersten mal oder als Neuanfang. Gehen Sie jetzt ins Gebet.

Leider und glücklicherweise müssen wir sagen: es ist was dran!

Leider: weil wir Ihnen nicht den Gefallen tun können, sie mit schrecklichen Dingen zu
verschonen. Ein Friede-Freude-Allversöhnung gibt es im neuen Testament nicht. Ein ”Jeder
kann tun was er will” gibt es dort auch nicht, auch keine ”Gott-toleriert-alles”-Einstellung.
Roland Potthast 243

Der ”liebe Gott” ist ein heiliger und eifernder Gott, der seinen Sohn nicht verschohnt hat,
Sie und uns zu retten. Er tat das, weil das Gericht schrecklich und unausweichlich ist.
Glücklicherweise: weil Gott Gerechtigkeit schafft in jeder Hinsicht. Weil er selbst alle
Tränen abwischen will von unseren Augen, weil er alles Leid besiegt und allen Schmerz.
Weil das Leben in der Gegenwart Gottes wunderbar und herrlich ist - unvorstellbar schöner
als die schönsten Dinge dieser Welt. Dazu nächste Woche mehr.

6.8 Städteplaner aktiv ... - das neue Jerusalem (Offenbahrung 21+22)


6.8.1 Für Eilige: Städteplaner aktiv ...
Städteplaner, Architekten, Bauingenieure, ... Designer, Künstler, Literaten und Auto-
ren, ... Wissenschaftler, Politiker, Bürgerinitiativen ... Viele Menschen heute sind damit
beschäftigt, unser Land und unsere Städte zu bauen. Wir entwerfen Pläne und machen uns
Vorstellungen darüber, w i e unsere Städte aussehen sollen. Wir denken darüber nach, wie
die Gesellschaft in unseren Städten sich entwickelt, wo Orte der Begegnung sein können,
was die Inhalte sein werden, wie alles sich kommerziell trägt etc. etc. Es entstehen Bilder
von der Welt um uns her und von der Welt in uns. Und dann wird diskutiert und gerungen
um die Umsetzung dieser Bilder.
Wir begegnen auf unserer Tour durch die Offenbarung heute den Entwürfen Gottes
von der neuen Welt, so wie sie nach Gottes entgültigem Eingreifen Gestalt annehmen wird.
Wir kommen damit zurück auf eine der zentralen christlichen Visionen vom Menschsein
überhaupt. Sie zieht sich durch das ganze alte und neue Testament, scheint in unter-
schiedlicher Intensität bei vielen Propheten und in den Evangelien durch, wird in ihren
ethischen Dimensionen von den Aposteln reflektiert und nimmt dann ganz am Ende des
neuen Testaments in einer wunderschönen Vision eine konkrete und handfeste Form an.

Tipps für diese Woche:


1) Gehen sie bevor Sie weiterlesen einmal I h r e n persönlichen Visionen nach zu einer
Welt, die sie selbst als vollkommen empfinden. Wie kann eine solche Welt aussehen?
2) Versuchen Sie nach dem Studium von Offb. 21+22 einmal die vielen Verbindun-
gen dieser Vision zu den unterschiedlichen Bibelteilen aufzudecken. Vergleichen Sie z.B.
die entsprechenden Teile der alten Propheten Jesaja und Jeremia. Vergleichen Sie mit
den Korintherbriefen von Paulus, insbesondere mit den Schilderungen der Früchte (nicht
der Gaben/Charismen) des heiligen Geistes. Vergleichen Sie mit der Bergpredigt Jesu im
Evangelium des Matthäus.

6.8.2 Der neue Himmel und die neue Erde


Nachdem wir uns in den vorausgehenden Abschnitten mit dem Gericht Gottes über seine
ganze Schöpfung beschäftigt haben, befinden wir uns heute in der Zeit n a c h diesem
Gericht. Der unendlichen Zerstörung, dem Leid und den Grausamkeiten folgt nun eine
große Stille und ein helles Licht.
Wir möchten mit Ihnen nun dieser Vision lauschen, in die Johannes mit hineingenom-
men wird: ”Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der erste Himmel und
244 Die Bibel für Menschen von heute ...

die erste Erde waren verschwunden, und das Meer war nicht mehr da. Ich sah, wie die
Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkam. Sie war festlich
geschmückt wie eine Braut, die auf den Bräutigam wartet.” (Offb. 21,1 ff)
Wir erleben ein grandioses Schauspiel, wie es wohl kaum Musical oder Theaterbühnen
besser zeigen könnten. Der Himmel, die Erde, das Meer sind verschwunden (Johannes
erlebt hier die neue Schöpfung aus seiner Weltsicht heraus - er schreibt auf dem Hinter-
grund des Weltbildes des Altertums, also mit der Dreischichtung Himmel-Erde-Urmeer).
Und Gott selbst läßt aus dem Himmel das neue Jerusalem herab. Im Bild entfaltet sich
also die neue Schöpfung von Gott und seiner Sphäre ausgehend, ”sie kommt vom Himmel
herab.” Doch hören wir weiter: ”Vom Thron her hörte ich eine starke Stimme: Jetzt wohnt
Gott bei den Menschen! Er wird bei ihnen bleiben, und sie werden sein Volk sein. Gott
selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein. Er wird alle Tränen abwischen. Es wird keinen Tod
mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr. Was einmal war,
ist für immer vorbei. Dann sagte der, der auf dem Thron saß: Jetzt mache ich alles neu.”
(Offb. 21,3-5)
Es ist vollbracht - hat Jesus am Kreuz gesagt. Jetzt wird das vollendet, was er vor langer
Zeit möglich gemacht hat: Gott wohnt bei den Menschen. Die Trennung von Mensch und
Gott, die sich seit dem Sündenfall der ersten Menschen immer weiter ausgebreitet hatte,
wird hier vollends rückgängig gemacht. Mensch und Gott leben wieder vereint. Die letzten
beiden Kapitel der Offenbarung nehmen uns mit in eine Zeit, die ganz dem Anfang der
Bibel ähnelt, als Gott die Schöpfung ansieht und feststellt: siehe, es war sehr gut.
Wir wollen hier nicht nur den Blick auf die schönen Dinge dieser neuen Schöpfung
richten, sondern auch nach dem Lebensinhalt der Menschen fragen, die in der neuen Welt
leben. Dazu später noch mehr. Hören wir weiter, was der, der auf dem Thron sitzt, sagt:
”[...] Ich bin der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. Wer durstig ist, dem
gebe ich umsonst zu trinken. Ich gebe ihm Wasser aus der Quelle des Lebens. Wer den
Sieg erlangt, wird dieses Geschenk von mir erhalten, und ich werde sein Gott sein, und er
wird mein Sohn sein.” (Offb. 21,5-7)
Gott schenkt umsonst das Wasser des Lebens. Das ist immer und immer wieder Thema
des neuen Testaments und wird auch hier ins Zentrum gestellt. Gott schenkt umsonst auf
den Glauben hin - auf das lebendige Vertrauen. Der Sieg, der hier beschrieben wird, ist
der Sieg des Glaubens, der durchhält und im Vertrauen bleibt. Es ist ein Sieg, der von
vielen hart erkämpft worden ist. Glaube muß sich in vielerlei Anfechtungen bewähren -
in Anfechtungen von Krankheiten, Erniedrigungen, Gewalt und Folter, aber auch in den
Anfechtungen von geistigen Strömungen und gesellschaftlichen Normen und Entwicklun-
gen, die der Heiligkeit Gottes entgegenstehen. Beachten Sie hier auch die Beziehung, in
welche die Menschen in Gottes neuer Welt hineinkommen: es ist die ”Kindschaft.” Sie
sind wirklich Gottes Kinder, weil sie aus seinem Geist heraus neu geboren sind. Sie haben
Gottes Natur, nehmen Teil an Gottes Heiligkeit und lernen damit die Quelle des Lebens
”von innen her” kennen. Das ist fast zu hoch für einen Menschen, es auch nur im Ansatz
zu begreifen. Und doch ist es das, was immer und immer wieder im neuen Testament
beschrieben wird: ”Wer zu Christus gehört, ist ein neuer Mench geworden.” (Paulus im
2.Korinther 5,17)
Das neue Testament schweigt nie darüber, daß es einen tiefen Riß durch die Schöpfung
Roland Potthast 245

gibt. Es ist der Riß zwischen den Menschen, die zu einem lebendigen Glauben an Je-
sus finden und denjenigen, die sich gegen einen Gott entscheiden. Hier heißt es: ”Aber
die Feiglinge und Treulosen, die Abgefallenen, Mörder und Ehebrecher, die Zauberer, die
Götzenverehrer und alle, die sich nicht an die Wahrheit halten, finden ihren Platz in dem
See von brennendem Schwefel. Das ist der zweite Tod.” und wenig später (Offb. 22,15):
”Aber die Verworfenen, die Zauberer, die Ehebrecher und die Mörder müssen draußen vor
der Stadt bleiben. Dort sind auch die Götzenanbeter und alle, die das Falsche lieben und
tun.”
Es ist gesellschaftlich immer schwierig gewesen, diese ethischen Dinge im biblischen
Sinne richtig einzuordnen. Es wurden mit den ethischen Maßstäben der Bibel nicht we-
nige Zwangsregime und Prügelorgien gerechtfertigt. Dabei ist es eine gute Frage, ob die
Urheber solchen Verhaltens die Bibel und vor allem das neue Testament wirklich gekannt
und verstanden haben. Wichtig ist es hier sicherlich, nach dem biblischen Verständnis
der verschiedenen Verhaltensweisen zu fragen, die hier angesprochen werden. Mord und
Diebstahl sind sicherlich klar, wenn auch manche Formen des Diebstahls heute fast ge-
sellschaftsfähig geworden sind (z.B. der allgemeine Steuerbetrug, der an allen Ecken und
Enden praktiziert wird). Zauberei und Götzenverehrung werden hier in einem Atemzug
genannt. Beim ersten ist es das Spiel mit den geistigen Mächten dieser Welt. Ganz klas-
sisch ist das Kartenlegen zu nennen, das auch heute eine gute Konjunktur hat. Aber auch
Pendeln oder Horoskope sind in Gottes Augen nichts anderes als Zauberei. Götzenvereh-
rung ist eine sehr weitverbreitete Sache. All das wird zu meinem Götzen, welches mein
Leben in einem Maße bestimmt, der nur Gott zusteht. Das kann so ziemlich alles sein:
von der himmlischen Musik musikalischer Genies wie Bach, Mozart, Brahms oder Men-
delsohn bis hin zu den mitreißenden Faszinationen der Wissenschaft und der Technologie.
Ja, es gibt viele moderne Götzen. Feiglinge und Treulose werden hier genannt: das richtet
sich an alle Menschen, die in der einen oder anderen Form mit dem Glauben geliebäugelt
haben, die aber abgefallen sind. Oft sind es die kleinen Feigheiten, die den Anfang für
die Treulosigkeit bilden. Den kleinen Feigheiten folgen große Feigheiten, dann kommen
die glitzernden Mächte und Schönheiten der Welt zum Zuge und .... alles weitere sei Ihrer
Phantasie überlassen, oder schauen Sie sich um in Ihrer Umwelt. Abschließend möchten
wir bemerken: die Bibel kennt ”die Wahrheit” und ”das Falsche” - sie geht von absoluten
Maßstäben aus. Die Wahrheit, das ist die Person Jesu Christi, es ist auch der Schöpfer,
Gott, der Vater. Das Falsche ist alles, was sich aus der Verbindung mit der Quelle des
Lebens gelöst hat und dort sein Unwesen treibt.
Wir wollen ein wenig weiter in die Vision vom neuen Jerusalem eindringen und in
den wunderschönen Bildern schwelgen. Einer der sieben Engeln zeigt Johannes die Heilige
Stadt Jerusalem: ”Sie strahlte die Herrlichkeit Gottes aus und glänzte wie ein kostbarer
Stein, [...]. Sie war von einer sehr hohen Mauer umgeben. Die Tore wurden von zwölf
Engeln bewacht, und die Namen der zwölf Stämme Israels waren an die Tore geschrieben.
Nach jeder Himmelsrichtung befanden sich drei Toren, nach Osten, nach Süden, nach
Norden und nach Westen. Die Stadtmauer war auf zwölf Grundsteinen errichtet, auf denen
die Namen der zwölf Apostel des Lammes standen.” (Offb. 21,11 ff)
”Die Stadt selbst war aus reinem Gold erbaut, das so durchsichtig war wie Glas.” Und
etwas später: ”Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Gott, der Herr der ganzen Welt,
246 Die Bibel für Menschen von heute ...

ist selbst ihr Tempel, und das Lamm mit ihm. Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond,
damit es hell in ihr wird, die Herrlichkeit Gottes leuchtet in ihr, und das Lamm ist ihre
Sonne.”
Das neue Jerusalem ist gebaut auf den zwölf Stämmen Israels und den zwölf Apo-
steln. Die Metaphorik der Beschreibungen des Johannes haben damit eine konkrete Form
und einen geistlichen Sinn, der uns mitten hindurchführt durch die christliche Geschichte
überhaupt. Wieder müssen wir auf eine zumindest zweifache Bedeutung hinweisen.

• Erstens ist dort der unmittelbare Sinn der Beschreibung einer Welt, die am Ende der
Zeit steht, die unsere Vorstellung übersteigt und die wir nur in Visionen ansatzweise
erfassen können.

• Zweitens haben die Beschreibungen einen sehr konkreten historischen und geistlichen
Sinn, der heute schon Realität ist. Das neue Jerusalem ist schon ansatzweise dort
vorhanden, wo Menschen zu Jesus finden, wo der heilige Geist Menschen erfüllt und
Gott lebendig und gegenwärtig ist.

Hören wir weiter zu: ”In dem Licht, das von der Stadt ausgeht, werden die Völker leben.
Die Könige der Erde werden ihren Reichtum in die Stadt tragen. Ihre Tore werden den
ganzen Tag offenstehen, mehr noch: Sie werden nie geschlossen, weil es dort keine Nacht
gibt. Pracht und Reichtum der Völker werden in die Stadt gebracht. Aber nichts Unwürdiges
wird Einlaß finden. Wer Schandtaten verübt und lügt, kann die Stadt nicht betreten. Nur
wer im Lebensbuch des Lammes aufgeschrieben ist, wird in die Stadt eingelassen.” Der
Engel zeigte mir auch den Fluß mit dem Wasser des Lebens, der wie Kristall funkelt. Der
Fluß entspringt am Thron Gottes und des Lammes und fließt in der Mitte der Hauptstraße
durch die Stadt. An beiden Seiten des Flusses wächst der Baum des Lebens. Er bringt
zwölfmal im Jahr Frucht, jeden Monat einmal. Mit seinen Blättern werden die Völker
geheilt. In der Stadt wird es nichts mehr geben, was unter dem Fluch Gottes steht.”
Ein faszinierendes und schönes Szenario. Die Stadt Gottes ist eine reine und heilige
Stadt. Keine Lüge dort, nichts Unwürdiges. Die Bilder führen uns zurück in den Garten
Eden, zum Baum des Lebens ... zum Beginn der Schöpfung. Nehmen Sie sich Zeit, diesen
Bildern nachzusinnen.

• Es geht darin um Heilung - und jeder Mensch dieser Erde benötigt die Heilung durch
Gottes lebendige Gegenwart und durch das Wasser des Lebens!

• Es geht um den Dienst für Gott. Alle Menschen der neuen Schöpfung werden Diener
Gottes sein.
Heute ist es schwer, einen guten Begriff vom ”Dienst” zu entwickeln. Heißt und
hieß nicht so ziemlich alles der letzten Jahrhunderte ”Sklave”, ”Diener”, ”Minister”,
”Service” - alles im Grunde dieselbe Wurzel ”dienen” in der Bedeutung? Was meint
nun dann ”Dienst” bei Gott? Das Wort muß ganz neu gefüllt werden, weil es si-
cherlich Anteile von all dem hat, was ”Dienst” in der Geschichte bedeutet hat, weil
aber Dienst für Gott noch ganz andere Dimensionen beinhaltet. Diener sind die von
Roland Potthast 247

Gott am meisten geschätzten, ausgerüsteten und der Macht für würdig gehaltenen
Personen. Und nur wer mächtig doch ein Diener bleibt, wird seine Macht behalten
und die Freude kennenlernen, die Gott an seine Diener ausgießt!

• Es geht um Freude ohne Ende, die Gott für uns vorbereitet hat und gerne gibt.
Mal ehrlich: haben Sie eine Vorstellung davon, wie kindlich jauchzend und doch Jahrhun-
derte durchblickend ein Leben im Lichte der Wahrheit und Heiligkeit Gottes ist?

6.8.3 The End! ... - zwischen Realität und Realität!


Wir kommen nun zum Ende der Bibel. Wir kommen damit auch zum Abschluß unseres
sechsten Meilensteines: zwischen Realität und Realität. Wir haben Sie mit in die Realität
Jesu genommen:

1. des historischen Jesus vor 2000 Jahren,

2. des auferstandenen und lebendigen Jesus,

3. des wiederkommenden Jesus als weißer Reiter zum letzten Gericht und

4. des Lammes Jesus als Licht des neuen Jerusalem.

Am Ende der Bibel hören wir Jesus abschließende Worte sprechen:


”Du brauchst das Buch, in dem diese prophetischen Worte stehen, nicht für später zu
versiegeln; denn die Zeit ihrer Erfüllung ist nahe. Wer Unrecht tut, mag es weiterhin tun.
Wer den Schmutz liebt, mag sich weiter beschmutzen. Wer aber recht handelt, soll auch
weiterhin recht handeln. Und wer heilig ist, soll sich noch mehr um Heiligkeit bemühen.
Gebt acht! Ich bin schon auf dem Weg! Ich werde euren Lohn mitbringen. Jeder empfängt
das, was seinen Tagen entspricht. Ich bin der, der alles erfüllt, der Erste und der Letzte,
der Anfang und das Ende. Wer seine Kleider rein wäscht, den erwartet Freude ohne Ende.
Er hat das Recht, die Frucht vom Baum des Lebens zu essen und durch die Tore in die
Stadt hineinzugehen. Aber die Verworfenen, die Zauberer, die Ehebrecher und die Mörder
müssen draußen vor der Stadt bleiben. Dort sind auch die Götzenanbeter und alle, die das
Falsche lieben und tun. Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt, um euch in den Gemeinden
dies alles bekannt zu machen. Ich bin der Nachkomme aus dem Geschlecht Davids. Ich bin
der leuchtende Morgenstern. Der Geist und die Braut antworten: Kommt! Jeder, der dies
hört, soll sagen: Kommt! Wer durstig ist, soll kommen, und wer von dem Wasser des
Lebens trinken möchte, wird es geschenkt bekommen.” (Offb. 22,10-17)

Inhaltlich haben wir dem wenig hinzuzufügen. Wir können nur versuchen, an der einen
oder anderen Seite ein wenig zum Verständnis der Worte beizutragen. Darum einige Be-
merkungen:

A. ”die Zeit ihrer Erfüllung ist nahe”, sagt Jesus. Wir mögen fragen, ob 2000 Jahre
nicht eine sehr lange Zeit ist und sich die Schreiber damals ein wenig in der Zeit geirrt
haben. Doch:
248 Die Bibel für Menschen von heute ...

• wenn Sie sich das Gesamtszenario des neuen Testaments als universale Geschichte
ansehen,

• wenn Sie die Zeitlinien vergleichen, die hier zusammengefügt und in einer Gesamtschau
präsentiert werden, und

• wenn Sie bedenken, wie sehr hier historische Zukunftsbeschreibung, bildhafte Ge-
genwartsbeschreibung für die Zeit der ersten Gemeinden und Marschverpflegung für
die christlichen Gemeinden vieler Jahrtausende miteinander in einer einzigen Vision
komprimiert sind,

dann müssen wir feststellen: die Zeit der Erfüllung ist nahe und sie ist in vielem Gegenwart!

B. ”Jeder empfängt das, was seinen Tagen entspricht”, sagt Jesus. Wie passt daß
zusammen mit den Aussagen, jeder dürfe das Wasser des Lebens ”umsonst” nehmen?
Dieser Konflikt war einer der wesentlichen Streitpunkte der Reformation und trennt bis
heute katholische und evangelische Theologie und Kirchen (als einer der verschiedenen
zentralen Punkte). Auch hier kann eine Auflösung nur gelingen, wenn wir einen Schritt
zurücktreten und ein klein wenig von Gottes Sichtweise mitbekommen. Gott trennt nicht
zwi