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› BIOLOGIE

Die Frage nach dem Urheber


Hat Gott die Welt geschaffen oder ist sie durch ungelenkte Prozesse evolutionär entstanden?
Ein Begriff entfacht die Diskussion neu: «Intelligent Design».

Reinhard Junker

D ie öffentliche Auseinandersetzung um die


Ursprungsfrage in der Biologie wurde diesen
Sommer ungewöhnlich heftig geführt. Auch in
den Medien hierzulande erfuhr das Thema unge-
ahnte Aktualität. Hat Gott die Welt geschaffen
oder ist sie durch ungelenkte Prozesse evolu-
tionär entstanden? Das neue Reizwort in der
Kontroverse heisst «Intelligent Design» – für viele
Biologen ein rotes Tuch.
Die auflagenstarke «Süddeutsche Zeitung» be-
fasste sich im Juni und Juli in einer Artikelserie
mit dem «Streitfall Evolution». Im April war «In-
telligent Design» sogar das Titelthema der re-
Phillip Johnson, nommierten Wissenschaftszeitschrift «Nature».
prominenter Am 7. Juli 2005 publizierte die «New York
Vertreter der Times» einen Aufsatz des Wiener Kardinals Chris-
«Intelligent toph Schönborn mit dem Titel: «Finding Design in
Design»- Nature». Schönborn schrieb darin: «Evolution im
Bewegung in Sinne einer gemeinsamen Abstammung kann
wahr sein, aber Evolution im neodarwinistischen

‘‘
den USA.
Sinne – als ungeleiteter, ungeplanter Prozess zu- Jedes Gedankengebäude,
fälliger Variation und natürlicher Selektion – ist welches die überwältigen-
es nicht. Jedes Gedankengebäude, welches die den Hinweise für Design
überwältigenden Hinweise für Design in der Bio-
in der Biologie leugnet
logie leugnet und wegzuerklären versucht, ist
Ideologie und keine Wissenschaft.» und wegzuerklären versucht, ist
Ideologie und keine Wissenschaft.

’’
Schönborns Aussage provozierte einen Auf-
schrei in Presse und Rundfunk. Die Reaktionen Christoph Schönborn
reichten von Unverständnis bis zu schweren Be-
leidigungen. Man beachte: Der Kardinal hatte das
Evolutionsgebäude gar nicht in Frage gestellt,
sondern im Wesentlichen nur bestritten, dass
Evolution ungelenkt ihre Produkte hervorge-
bracht habe.
Doch bereits dieser Einspruch ist für viele Zeit-
Der Biochemiker genossen in der wissenschaftlichen Welt und für
Michael Behe. deren Presseleute offenbar unerträglich. Die Hef-
Behe lehnt tigkeit der Reaktionen und die damit verbunde-
ebenso wie nen persönlichen Angriffe zeigten, dass der Kar-
manche andere dinal einen empfindlichen Nerv getroffen hatte.
ID-Vertreter Worum geht es beim «Intelligent Design»?
Makroevolution
nicht grundsätz- DER GRUNDGEDANKE HINTER ID
lich ab, bestrei- Der Begriff «Design» muss in diesem Zusammen-
tet aber, dass hang umfassend verstanden werden. Gemeint ist
sie durch unge- vor allem eine zweckvolle Anordnung von Teilen,
lenkte Mecha- die geeignet ist, eine ausgeklügelte Funktion aus-
nismen erfolgte. zuüben, so dass eine Zielorientierung erkennbar
ist.
Zum Design können auch spielerische Ele-
mente und andere Komponenten gehören. Nach Titelgeschichte im US-Magazin «Time»:
menschlicher Erfahrung wird dafür ein intelli- Hat Gott in der Wissenschaft einen Platz?
genter Urheber (Designer, Konstrukteur, Schöp-

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fer) benötigt. Die Frage ist: Trifft dies auch auf die
Lebewesen und die unbelebte Welt zu?
Die Bibel gibt uns eine eindeutige Antwort:
«Denn was man von Gott erkennen kann, das ist Abb. 1: Rippel-
unter ihnen wohlbekannt; Gott selbst hat es ihnen marken am
ja kundgetan. Sein unsichtbares Wesen lässt sich Sandstrand:
ja doch seit Erschaffung der Welt an seinen Wer- schön geformt,
ken mit dem geistigen Auge deutlich ersehen, aber ohne
nämlich seine ewige Macht und göttliche Grösse» Designer durch
(Römer 1,19–20; nach Menge). Naturgesetze
Diese Sätze aus dem Neuen Testament be- erklärbar.
schreiben auf anschauliche Weise den Grundge-
danken des «Intelligent Design»-Konzepts. Die
Wendung «mit dem geistigen Auge» («noumena»)
kann auch mit «denkend» übersetzt werden. Ge- Der ID-
meint ist also, dass ein aufmerksames Beobach- Ansatz
ten der Schöpfung unter Einsatz des Verstandes versteht
auf einen Urheber schliessen lässt, ja sogar, dass sich nicht
man auf diesem Wege etwas über sein Wesen er-
als Lücken-
kennen kann.1
Etwas nüchterner formuliert: Die Hauptaus- büsser für
sage des «Intelligent Design» (ID)-Konzepts be- Unerklärtes,
sagt, dass man an Strukturen der Lebewesen sondern
(oder auch der unbelebten Welt) Eigenschaften bean-
(«Signale») erkennen kann, die auf das Wirken ei- Abb. 2: Zufällig geformte Gesteinsbrocken oder
nes intelligenten, willensbegabten Urhebers (De- Werkzeuge? Kenner von Steinwerkzeugen können
sprucht,
signer, Schöpfer) hinweisen und andere Möglich- an bestimmten Formen von Abschlägen erkennen, positive
keiten ihrer Herkunft unwahrscheinlich machen ob ausschliesslich natürliche Prozesse für die Form Belege für
oder sogar ausschliessen. verantwortlich gemacht werden können, oder ob seine
Das ID-Konzept rechnet mit der Möglichkeit, ein Urheber am Werke war, der das Objekt gezielt
Position
dass es allgemein in der Natur und insbesondere bearbeitet hat. Hier handelt es sich um einfache
in der Organismenwelt Planung gibt, und geht Geröllgeräte aus der Olduwan-Kultur. Wichtig ist, vorbringen
der Frage nach, ob dafür Hinweise durch empi- dass auf einen Urheber geschlossen werden kann, zu können.
rische Forschung gefunden werden können. auch wenn weder seine Identität noch seine
Solche Hinweise werden als «Design-Signale» Vorgehensweise bekannt sind.
bezeichnet.
Der ID-Ansatz versteht sich nicht als Lücken-
büsser für Unerklärtes aufgrund offener Fragen, HINWEISE AUF ID: «DESIGN-SIGNALE»
sondern beansprucht, anhand nachweisbarer In- Für die Gestalt von Naturgegenständen kommen
dizien positive Belege für seine Position vorbrin- grundsätzlich drei Faktoren in Frage: Zufall, Na-
gen zu können. Phillip Johnson, bekannt durch turgesetze und Wille (Planung, Design). Um nach-
das Buch «Darwin on Trial», schreibt: «Intelli- zuweisen, dass ein Designer am Werke war, kön-
gente Ursachen können bewirken, was nicht in- nen zwei Wege beschritten werden:
telligente Ursachen nicht können, und eine na- 1. Negatives Argument: Zufall und Naturgesetze,
turwissenschaftliche Untersuchung kann diesen bzw. allgemein ungelenkte Prozesse oder natürli-
Unterschied aufzeigen» (Johnson 1999). che Vorgänge, werden als hinreichende Ursachen
Wie aber wird erkannt, ob Phänomene in der ausgeschlossen (Abb. 1 und 2).
Natur auf intelligente Ursachen zurückgehen? 2. Positives Argument: Es werden Hinweise auf die
Aus der oben zitierten Passage aus dem Römer- Tätigkeit eines intelligenten Urhebers gefunden.
brief geht schliesslich keine Anleitung für eine Der erste Weg ist insofern problematisch, als
wissenschaftliche Vorgehensweise hervor. Woran nie garantiert werden kann, dass alle denkbaren
werden Design-Signale, also die Hinweise auf ei- natürlichen, ungelenkten Mechanismen ent-
nen Urheber, festgemacht, welche Kriterien kann deckt und auf ihre Leistungsfähigkeit hin getestet
man dafür einsetzen? wurden. Man kann allenfalls sagen, dass auf der

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Basis bekannter Daten ein natürlicher Weg bis-


> DIE LOGIK DER lang unbekannt ist. Dennoch: Je häufiger sich Abb. 4: Auch von der
MAUSEFALLE Fehlschläge bei den Bemühungen um ausschliess- Fachpresse stark
lich natürliche Erklärungen einstellen, desto un- beachtet und vielfach
plausibler wird ein solcher Weg. kritisiert: «Darwin’s
➀ Einfaches Holzbrett Im Folgenden soll daher der zweite Weg ver- Black Box» von
dient als Basis. folgt werden. Hinweise auf einen intelligenten Michael Behe.
Urheber werden als «Design-Signale» bezeich-
net. Drei Sorten von Design-Signalen sollen kurz
erläutert werden (es gibt noch mehr; vgl. Kasten
sowie Abb. 5 und 6).

• Irreduzible Komplexität
Als Hinweise für ID gelten vor allem komplexe,
➁ Der Metallbügel, um synorganisierte Strukturen. Solche Strukturen so überaus ausgefallene Einrichtungen? (siehe
die Maus zu töten. besitzen verschachtelte Wechselbeziehungen Beispiel im Kasten «Design-Signale: Sahnespritze
zwischen ihren Bestandteilen. Das heisst: Es wir- im Schiffchen».) Es gibt Strukturen dieser Art in
ken viele Komponenten zusammen, um eine Hülle und Fülle; man studiere dazu nur Werke
oder mehrere Aufgaben zu erfüllen. Mindestens über Blütenbiologie.
ein Teil dieser Systeme scheint unverzichtbar für
die Funktion zu sein; er ist irreduzibel, d. h. er • Potentielle Komplexität
kann nicht mehr ohne kompletten Funktionsver- Eine dritte Sorte von Design-Signalen sind Fähig-
lust verkleinert werden. Ein System ist irreduzibel keiten von Lebewesen, die bei Bedarf in Erschei-
➂ Die Feder mit den komplex, wenn es notwendigerweise aus mehre- nung treten können und die durch aktuelle Selek-
verlängerten Enden ren fein aufeinander abgestimmten, interagie- tionsbedingungen (oder auch durch Selektions-
presst den Bügel auf renden Teilen besteht, die für eine bestimmte bedingungen ihrer mutmasslichen Vorfahren)
das Brettchen. Funktion benötigt werden. Die Entfernung eines nicht erklärt werden können. Man könnte von
beliebigen Teils zerstört die Funktion restlos.2 Variationsprogrammen sprechen, die den Lebe-
Das Konzept der irreduziblen Komplexität wurde wesen schöpfungsgemäss mitgegeben wurden,
durch das viel beachtete Buch «Darwin’s Black eine Art Rucksack mit Vorrat für die Zukunft. Bei-
Box» des Biochemikers Michael Behe bekannt spielsweise ist bekannt, dass Bakterien unter
(Abb. 4). Stressbedingungen die Mutationsrate erhöhen
können, um sich schneller anpassen zu können,
• Spielerische Komplexität und die Mutationen sind in Bereichen konzen-
Ein weiteres Design-Signal sind Konstruktions- triert, wo sie am ehesten zu nützlichen Verände-
➃ Der Halter für den merkmale von Lebewesen, die ausgefallener er- rungen führen. Man hat den Eindruck, als seien
Köder gibt bei scheinen, als die Funktion der Struktur erwarten Wege der «Anpassung bei Bedarf» bereits ange-
leichtem Druck den lässt. Man könnte hier von «Luxusstrukturen» legt, also vorgeplant, und damit ein Hinweis auf
Haltedraht frei. oder von «spielerischer Komplexität» sprechen. Design (Hunter 2004, 204). Streng naturalistische
Beispielsweise erfüllen einfach gebaute Blüten Ansätze können dagegen nur streng gegenwarts-
den Zweck der Anlockung von Bestäubern ge- orientiert sein, da sie keine vorausschauende In-
nauso gut wie komplizierte; weshalb gibt es also stanz kennen.

HINWEISE AUF EINEN DESIGNER?


Die Suche nach Spuren eines Urhebers wird in
der Forschung häufig praktiziert, z. B. in der Ar-
➄ Der chäologie, wenn Artefakte von Naturprodukten
Haltedraht unterschieden werden (vgl. Abb. 2), oder in der
hält den sog. SETI-Forschung (SETI = Search for Extra-Ter-
Bügel restrial Intelligence), wenn im Weltall nach Spu-
zurück. ren intelligenter Wesen gesucht wird. Der dort
übliche Schluss von Designer-Spuren (also De-
sign-Signalen) auf das Wirken eines Designers
findet exakt nach dem ID-Konzept Anwendung
Eine Mausefalle. Sie besteht aus auf die Lebewesen.
fünf verschiedenen Teilen, von de- Dabei wird ein Analogieschluss wie folgt gezo-
nen keines fehlen darf, sonst kann man gen (vgl. Abb. 5 und Tab. 1): Lebewesen zeichnen
mit der Falle keine Mäuse fangen. Jedes sich durch den Besitz synorganisierter, irreduzi-
der Teile muss zudem sinnvoll zum Ganzen bel komplexer, zweckvoller Strukturen aus (seien
passen. Die Falle ist somit ein nicht reduzierbar es Organe oder Stoffwechselwege u. a.). Wir wis-
komplexes System. Ein solches System kann nicht sen bei technischen Geräten oder bei Werkzeu-
zufällig entstehen. gen, dass nur eine planende, bewusst agierende
Person solche Strukturen herstellen kann. Auf-
grund sehr ähnlicher Konstellationen bei den Le-

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bewesen wird geschlossen, dass auch bei diesen Abb. 6: Schemazeichnung einer Bakterienzelle mit
ein Urheber angenommen werden muss. Rotationsmotor und Geissel. Das Feld am «Vorder-
Man kann also sagen: Der Gedanke an Planung ende» des Bakteriums bezeichnet einen Bereich der
in der Natur drängt sich aufgrund von Verglei- Cytoplasmamembran, welcher dicht mit Chemosen-
chen mit technischen Systemen auf. ID ist also soren besetzt ist. Man hat dieses Chemosensoren-
nahe liegend. feld auch die «Nase» des Bakteriums genannt. Von
Die Schlussfolgerung von «Design» auf einen dort werden Steuersignale (Pfeile) an die Motoren
«Designer» wird im täglichen Leben ständig und übertragen, die ihrerseits die Flagellen in Rotation
zu Recht gezogen und ist dort völlig unproblema- versetzen. Flagellen erzeugen durch Rotation den
tisch. Damit ist auch klar: Die Beweislast liegt Vortrieb. (Aus: Junker & Scherer 2001)
nicht bei denjenigen, die ID behaupten, sondern
bei denen, die das offenkundige intelligente De-
sign als scheinbar entlarven wollen (vgl. dazu den
Abschnitt über Kritik am ID-Konzept). den Entstehungsvorgang experimentell nachzu-
Es gibt noch eine weitere – bislang eher theore- vollziehen. Tatsächlich ist es z. B. möglich, kom-
tische – Möglichkeit, das Wirken eines Designers plexe, funktionelle Moleküle im Labor zu erzeu-
plausibel zu machen. Man könnte versuchen, gen, doch gelingt dies nur unter Einsatz von
Know-how. Wenn man so will: Die Entstehung
von Design-Strukturen kann im Labor nachge-
stellt werden, und es zeigt sich bislang, dass dies
nur gelingt, wenn Designer (in diesem Fall Bio-
chemiker) planend und steuernd agieren.
Alle beschriebenen Hinweise auf einen Ur-
heber sind natürlich abhängig vom Kenntnis-
stand; doch das gilt für Wissenschaft immer. Wei-
tere Kenntnisse könnten diese Hinweise
schwächen, sie könnten sie aber auch stärken.
Dass es Hinweise auf einen intelligenten Ur-
heber gibt, wird auch von vielen Biologen be-
stätigt, die nicht an dessen Existenz glauben. So
beschreibt Richard Dawkins (Autor des Bestsel-
lers «Der blinde Uhrmacher») die Biologie als Als Hin-
«das Studium komplizierter Dinge, die so ausse- weise für
Abb. 5: Veranschaulichung der Analogie zwischen hen, als seien sie zu einem Zweck entworfen wor- ID gelten
lebendiger und technischer Konstruktion. Links ist den» (Dawkins 1987, 13). Oder in den Worten des komplexe,
die grundsätzliche Konstruktion eines Motors dar- Evolutionsbiologen Francisco Ayala: «Das funk-
gestellt, rechts der Nanomotor eines E. coli-Bakte- tionelle Design von Organismen und ihre Eigen-
synorga-
riums. Beide Strukturen sind zweckgerichtet, viele schaften scheinen für die Existenz eines Desig- nisierte
Komponenten sind offenkundig auf ein Ziel hin ners zu sprechen» (Ayala 1994, 4). Und über das Strukturen.
organisiert. (Nach Nachtigall 2002, S. 126) Maskottchen der ID-Bewegung, den Bakterien-

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> DESIGN-SIGNALE: «SAHNESPRITZE IM SCHIFFCHEN»


Blütenauf- Hornklee und Lupinen gehören zur Familie der
bau und Schmetterlingsblütler, genau wie diverse Klee-
Bestäu- Gattungen, Wicken, Besenginster, Lupinen, Boh-
bungsme- nen und Erbsen. Ihren Namen verdankt diese
chanismus Familie dem eigenartigen Blütenbau (Abb. 8).
beim Die zweiseitig symmetrischen Blüten bestehen
Hornklee aus der Fahne, die als meist grösstes Kronblatt als
und bei Lockorgan für bestäubende Insekten dient, weiter
aus den Flügeln und dem darunter verborgenen
den Lupinen
Schiffchen, das aus zwei zusammengewachsenen
zeigen zwei
Kronblättern besteht. In dessen Innerem sind zehn
Arten von
verwachsene Staubblätter (manchmal ist
Design- eines davon frei) und der Griffel versteckt. Diese
Signalen. für die Fortpflanzung wichtigen Organe sind von
aussen nicht zu erkennen. Flügel und Schiffchen
sind oft teilweise verwachsen und bilden den
Landeplatz für die Bestäuber.
Lupinen und die Hornklee-Arten haben in ihren
Blüten einen sonderbaren Pumpenmechanismus
eingebaut, der an eine im Haushalt übliche Sahne-
spritze (Abb. 7) erinnert. Das Schiffchen ist vorne
zugespitzt, besitzt aber eine kleine Öffnung. Be-
reits im Knospenzustand entleeren die Staubblät-
ter den Pollen in die Schiffchenspitze hinein. Die
Staubblätter sind besonders lang und an ihrem
Ende knollig verdickt. Diese Verdickungen sorgen
zunächst dafür, dass der Pollen in der Schiffchen-
spitze festgehalten wird.
Landet ein Insekt auf der Blüte, drückt es die
«Flügel-Schiffchen-Einheit» nach unten. Jetzt wir-

Abb. 7: Pumpenmechanismus bei der Lupine (Lupinus polyphyllus).


Das Insektengewicht drückt beim Blütenbesuch das Schiffchen nach
unten (Pfeil). Dadurch pressen die oben verdickten starren Staub-
blätter den zuvor in die Schiffchenspitze entlassenen Pollen aus
einer kleinen Öffnung an der Spitze des Schiffchens heraus auf
den Unterleib des Insektes. Links: Schiffchenspitze mit austreten-
dem Pollen. Rechts unten: Sehr schön zu sehen: Die Verdickungen
oben an den Staubblättern des Hornklees (Lotus corniculatus).

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motor (vgl. Abb. 5 und 6), schreibt De Rosier in


der renommierten Zeitschrift «Cell» (Jg. 93, S. 17):
«Mehr als andere Motoren ähnelt die Bakteri-
ken die steifen, verdickten Staubblätter wie ein engeissel einer vom Menschen konstruierten
Kolben im Zylinder. Sie pressen den Blütenstaub Maschine.»
vor sich her und dadurch aus der Spitze des Besonders beeindruckend ist schliesslich das
Schiffchens heraus auf den Unterleib des Insekts. folgende Zitat von Michael Ruse: «Wir untersu- Die
Ist nach mehrmaligem Pressen der Pollen ab- chen Organismen – mindestens ihre Teile – als bekannten
gegeben, stösst an seiner Stelle die Narbe aus wären sie erschaffen, als wären sie entworfen
Evolutions-
der Schiffchenspitze heraus. Sie kann nun den worden («designed»), und dann versuchen wir
Pollen aufnehmen, den ein anderes Insekt mit- ihre Funktionen herauszufinden. Zielorientiertes mechanis-
bringt. – teleologisches – Denken ist in der Biologie an- men ver-
Offenkundig funktioniert die Apparatur nur, gebracht, weil, und nur weil Organismen so aus- mögen
wenn alle Bauteile komplett ausgebildet sind: sehen, als wären sie konstruiert, als wären sie von wohl vor-
Wir sehen hier das Design-Signal der irreduziblen einer Intelligenz erschaffen worden» (Ruse 2003,
Komplexität. 268).
handene
Nicht alle Schmetterlingsblütler besitzen die- Strukturen
sen ungewöhnlichen Pumpenmechanismus. KRITIK AN ID zu variie-
Beim verbreiteten Wiesenklee und anderen Klee- Viele factum-Leser werden den Schluss von De- ren, an ver-
Arten fehlt er; beim Blütenbesuch klappen die sign auf einen Designer für geradezu selbstver-
änderliche
Staubblätter einfach oben aus dem Schiffchen ständlich halten. Christen, die vom Schöpfungs-
heraus. Diese Pflanzen existieren und gedeihen glauben geprägt sind, tun sich häufig schwer, zu Umweltbe-
trotzdem gut; sie sind sogar sehr weit verbreitet. verstehen, weshalb dieser so nahe liegende dingungen
Hier stellt sich die Frage: Warum so kompli- Schluss von den meisten Biologen heutzutage anzupassen
ziert, wenn’s auch einfacher geht? Es drängt sich nicht gezogen wird. und zu spe-
der Eindruck auf, dass wir es mit «spielerischer In der Tat betrachten die Kritiker des ID-Ansat-
zialisieren,
Komplexität» zu tun haben – ein zweites Design- zes den beschriebenen Schluss auf einen Desig-
Merkmal. Es handelt sich – wenn man so will – ner in der Natur als Trugschluss. Es wird darauf nicht aber
um eine Luxusstruktur, die wunderbar funktio- verwiesen, dass man doch seit Darwin grund- neue
niert, aber nicht nur durch ihre Zweckmässigkeit sätzlich gezeigt habe, wie Design bei den Lebewe- Apparate zu
allein erklärbar erscheint, sondern darüber hin- sen durch natürliche, ungelenkte Mechanismen kreieren.
aus auf spielerische Phantasie hinweist. (rj.) entsteht (durch Mutation, Selektion und je nach
Vorliebe verschiedene weitere Faktoren). Doch
Dies nach-
davon kann nicht die Rede sein. Die bekannten zuweisen,
Evolutionsmechanismen vermögen wohl vor- ist eines der
handene Strukturen zu variieren, an veränderli- Ziele der ID-
che Umweltbedingungen anzupassen und zu
Forscher.
spezialisieren, nicht aber neue Apparate zu kreie-
ren.3 Dies nachzuweisen, ist eines der Ziele der
ID-Forscher. Das Ausloten der Leistungsfähigkeit
Fahne der Evolutionsmechanismen soll zeigen, dass
Planung erforderlich ist, um zu neuen biologi-
schen Apparaten oder Stoffwechselwegen zu ge-
langen (vgl. das negative Argument im Abschnitt
«Hinweise auf ID»).
Es gilt festzuhalten, dass ID nicht als Ersatz für
natürliche Mechanismen zu verstehen ist, son-
dern als Zusatz. Im Rahmen von ID werden
natürliche Mechanismen nicht geleugnet, son-
Flügel dern als unzureichend betrachtet, um die Entste-
hung von Design-Strukturen zu verstehen.
Abgesehen von diesem grundlegenden Ein-
Schiffchen wand werden in der kritischen Diskussion des
ID-Ansatzes eine Reihe weiterer Kritikpunkte ge-
nannt (siehe Kasten «Intelligent Design»: Ein-
wände und Entgegnungen).

DIE EMOTIONALE SEITE


Abb. 8: Blütenbau eines Schmetterlingsblütlers Presseberichte und Internetaufsätze zum Thema
am Beispiel des Besenginsters (Sarothamnus). verraten, dass die Auseinandersetzung um ID oft
Die hier herausgesprungenen Staubblätter und sehr emotional und auch beleidigend geführt
Griffel sind normalerweise im Innern des Schiff- wird. In einer Besprechung eines 800-Seiten-
chens verborgen. Sammelbandes über ID schreibt der ID-Skeptiker
Del Ratzsch (2002): «Mindestens in den USA führt

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jede Diskussion über Evolution, Design usw. in- henten verwiesen wird, um der sachlichen Aus-
nerhalb von Minuten in theologisches Gebiet. einandersetzung entgehen zu können.)
Daraufhin gehen schnell die Wogen hoch, es wird Ratzsch (2002) beklagt sich weiter: «Meine
am Verstand gezweifelt, Extremisten bezichtigen hauptsächliche Beschwerde betrifft den verach-
die anderen als Extremisten, und die volle Wucht tenden Ton, den Spott und die persönlichen An-
von ad-hominem-Argumenten wird eingesetzt.»7 griffe, die einige Artikel dieses Buches durchzie-
(Unter ad-hominem-Argumenten werden solche hen. ... Eine signifikante Anzahl von Anti-ID-Arti-
Argumente verstanden, die nicht sachlich, son- keln ist gespickt mit beleidigenden Ausdrücken.
dern an der Person orientiert sind, indem zum ... Obwohl die überwältigende Mehrheit der ad-
Beispiel auf die Unglaubwürdigkeit eines Kontra- hominem-Formulierungen von den ID-Kritikern

> «INTELLIGENT DESIGN»: EINWÄNDE UND ENTGEGNUNGEN

1. Einwand: Das ID-Argument lebt vom Wissenszuwachs verstärkt für einen schwand die Vorstellung von Einfach-
Nichtwissen (sog. «argumentum ad intelligenten Urheber spricht. Es tun heit und die Idee des Design wurde im-
ignorantiam»). Die wohl am häufigsten sich zunehmend grössere Erklärungs- mer zwingender» (Behe 2004, 367).
geäusserte Kritik gegen den ID-Ansatz probleme auf. Charles Darwin schrieb Und der bekannte Lehrbuchautor
lautet: ID beruht auf Kenntnislücken 1859: «Wenn gezeigt werden könnte, Bruce Alberts (der ID ablehnt) stellt
bei den Evolutionsmechanismen. dass irgendein komplexes Organ exis- fest: «Die Zellen sind immer wieder
Weitere Forschung wird diese Lücken tiert, das nicht durch zahlreiche, auf- unterschätzt worden; dies trifft zweifel-
verkleinern und irgendwann ganz einander folgende, geringfügige Verän- los auch für die heutige Zeit zu» (zit.
schliessen. derungen gebildet worden sein kann, nach Behe 2004, 360).
Entgegnung: Ein Hinweis voraus: würde meine Theorie absolut zusam- Schliesslich können teilweise ID-
Hinter diesem Einwand steht das Einge- menbrechen», meinte aber, er könne Strukturen nachgemacht werden, so
ständnis, dass die Entstehungsweise keinen solchen Fall finden.5 Diese Si- dass mögliche Entstehungswege aufge-
von Design-Strukturen durch unge- tuation hat sich mittlerweile gründlich klärt werden können. So wird in der ex-
lenkte Prozesse derzeit ungeklärt ist.4 geändert. perimentellen Archäologie die Herstel-
Der Einwand selbst trifft nur einen Teil Für Darwin waren viele Vorgänge in lungsweise eines Faustkeils durch
des ID-Arguments (das negative Argu- den Lebewesen «Black Boxes», also Nachmachen erforscht. Ähnlich könnte
ment im Abschnitt «Hinweise auf ID»). grosse Unbekannte. Diese Prozesse man durch die Herstellung von Struktu-
Im Kern aber ist der Einwand nicht be- sind mittlerweile teilweise entschlüs- ren der Lebewesen im Labor zeigen,
rechtigt: Denn das ID-Argument beruht selt und haben sich als viel komplizier- dass der Weg zum Leben nur mit durch-
auf Wissen, nämlich auf dem Nachweis ter erwiesen, als man früher dachte. dacht konstruierten Apparaturen und
von Design-Signalen und auf dem Wis- Michael Behe schreibt dazu: «Vor 50 kontrolliertem Timing möglich ist (vgl.
sen, wie Design-Signale nach aller bis- Jahren schien die Zelle viel einfacher zu dazu auch den 6. Einwand).
heriger Erfahrung ausnahmslos entste- sein und in unserer Unkenntnis war es
hen (vgl. das positive Argument im Ab- damals einfacher, Darwinsche Prozesse 2. Einwand: Wir wissen noch zu wenig
schnitt «Hinweise auf ID»). dafür verantwortlich zu machen. Aber über die Evolutionsfähigkeiten der Le-
Ausserdem hat sich gezeigt, dass mit dem Fortschritt der Biologie ver- bewesen. Dieser Einwand hängt mit

Tab. 1: Gegenüberstellung von Artefakten und Organismen:


Ist angesichts der vergleichbaren Eigenschaften ein Analo-
gieschluss auf die Entstehungsweise der Organismen ge-
rechtfertigt oder machen die Unterschiede dies unmöglich?
Die nachfolgenden Anmerkungen machen deutlich, dass
die Unterschiede nicht grundsätzlicher Art sind.
(1) In der SETI-Forschung («Search for Extra-Terrestrial Intelli-
gence») ist die Handlungsweise der Urheber unbekannt;
streng genommen ist das auch bei Faustkeilherstellern der
Fall, denn ein Nachmachen durch experimentelle Archäologie
zeigt nur, wie es funktionieren könnte.
(2) Analog zur experimentellen Archäologie versucht man
auch eine experimentelle Biogenese-Forschung zu betreiben.
Wenn es nicht einmal unter Einsatz von Design gelingen (4) Heutige Lebewesen entstehen (soweit empirisch nach-
sollte, Leben zu erzeugen, weshalb sollte es dann ohne De- weisbar) durch Information von innen. Doch dies ist für den
sign funktionieren? Vergleich «Artefakte-Organismen» irrelevant, da es um die
(3) Im Text wird erläutert, dass und weshalb dieser Unterschied erstmalige Entstehung geht, ausgehend von einer Situation,
keine Rolle spielt. Der entscheidende Punkt ist der Nachweis in der die Information von «innen» noch nicht vorhanden war.
von irreduzibler Komplexität. Diese muss definitionsgemäss in (5) Auf diese Gemeinsamkeit kommt es im Analogieschluss
einer einzigen Generation entstehen. an.

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kommt, gibt es auch einige auf seiten der ID-Ver- keine Entschuldigung für sie, weil sie Gott zwar
treter.» Warum diese Emotionalität? kannten, ihm aber doch nicht als Gott Verehrung
Eine biblische Orientierung zu dieser Frage gibt und Dank dargebracht haben, sondern in ihren
die eingangs zitierte Passage aus dem 1. Kapitel Gedanken auf nichtige Dinge verfallen sind und
des Römerbriefs. An den Satz «(...) sein unsichtba- ihr unverständiges Herz in Verfinsterung haben
res Wesen lässt sich ja doch seit Erschaffung der geraten lassen. (...)»
Welt an seinen Werken mit dem geistigen Auge «Intelligent Design» hat nicht nur eine sachli-
deutlich ersehen, nämlich seine ewige Macht und che Ebene (die zweifellos wichtig ist und ihr
göttliche Grösse» (...) schliesst sich eine bedeut- Recht hat). Römer 1,21 macht klar: Gott erwartet,
same Schlussfolgerung an: «(...) daher gibt es dass die Menschen den deutlichen Hinweisen,

dem 1. Einwand zusammen. Er drückt eine selektierbare Funktion ausgeübt (Behe 2001; 2004). Offenbar sehen
die Hoffnung aus, dass weitere Kennt- wird. Das heisst: Es müsste gezeigt wer- ID-Kritiker also durchaus Ansatzpunkte
nisse eine natürliche Erklärung ermögli- den, dass es gar keine irreduzibel kom- für eine Falsifizierung.
chen werden. plexe Strukturen gibt. Dieser Nachweis Manchmal wird auch behauptet, der
Entgegnung: Weitere Forschung steht aus.6 Die Tatsache, dass Lebewe- ID-Ansatz sei wertlos, weil mit ihm alles
könnte die Argumentation mit ID durch- sen Viele-Generationen-Systeme sind, erklärt werden könne. Eine Theorie, die
aus schwächen. Es liegt im Wesen der spielt hier also keine Rolle. alles erkläre, erkläre nichts. Das
Wissenschaft begründet, dass ihre Aus- Ob eine Struktur irreduzibel komplex stimmt, doch mit dem ID-Ansatz wird
sagen durch neue Befunde sich be- ist, ist empirisch prüfbar. Man muss nicht alles erklärt. Erst eine eingehende
währen oder eben auch unplausibel «nur» abwechselnd jedes Bau- oder Untersuchung des jeweiligen Gegen-
werden können. Dieser Einwand be- Stoffwechselelement eines Systems standes kann zeigen, ob die Annahme
stätigt indirekt also, dass ID seinen entfernen und dann prüfen, ob noch von ID überhaupt plausibel ist, und in
Platz zu Recht auf wissenschaftlichem wenigstens Restfunktionen vorhanden vielen Fällen wird diese Möglichkeit
Terrain hat, denn das Konzept ist, wenn sind, die selektierbar sind. Wie solche verworfen. Ausserdem ersetzt ID das
es konkretisiert wird, widerlegbar. Strukturen entstehen, könnte dadurch Wirken von Mechanismen nicht, son-
Doch es gibt auch den umgekehrten gezeigt werden, dass man einen realis- dern ergänzt sie.
Fall: Mehr Wissen könnte das Argument tischen natürlichen Entstehungsweg
für Design auch verstärken. Es ist kei- demonstriert. Gelänge dies, wäre das 5. Einwand: Der ID-Ansatz bedeutet Er-
neswegs ausgemacht, dass Wissenszu- ID-Argument der irreduziblen Komple- kenntnisverzicht. Es wird argumentiert,
wachs die Ursprungsfrage einer natura- xität erledigt. Ob dieser Nachweis dass mit der Auffassung, eine be-
listischen Antwort näher bringt – im grundsätzlich nicht geführt werden stimmte Struktur oder das Leben sei er-
Gegenteil: In der Vergangenheit war das kann, muss offen bleiben. schaffen worden, sich weitere For-
gerade nicht der Fall. schung zur Entstehungsweise erübrigen
4. Einwand: ID ist nicht falsifizierbar würde. Durch diesen Forschungsver-
3. Einwand: Lebewesen sind Viele- (widerlegbar). Dieses Standard-Argu- zicht würde man sich mögliche weitere
Generationen-Systeme, sie können sich ment gegen die Wissenschaftlichkeit Erkenntnisse verbauen und damit Wis-
selber fortpflanzen und sich Schritt für von ID besagt, dass man – gleichgültig, senschaft blockieren.
Schritt ändern. Dieser Einwand zielt welche Forschungsergebnisse erzielt Entgegnung: Der ID-Ansatz ist breiter
darauf ab, dass eine synorganisierte werden – immer das Wirken eines angelegt als eine Forschung, die über-
lebendige Konstruktion, die den An- Schöpfers annehmen könnte. Dessen natürliche Ursachen nicht als Möglich-
schein von ID erweckt, in vielen aufein- Wirken könnte also nie widerlegt keit ins Auge fasst. Er ist sowohl für Pla-
ander aufbauenden Generationen suk- werden. nung als auch für natürliche mechanis-
zessive auf natürliche Weise entstan- Entgegnung: Diesem Einwand liegt mische Erklärungen offen und schliesst
den sein könnte. ein verbreitetes Missverständnis zu- keine der beiden Möglichkeiten vor-
Entgegnung: Bei irreduzibel komple- grunde. Es geht nicht um den Nachweis schnell aus. («Mechanismisch» meint:
xen Systemen greift dieser Einwand eines Designers, sondern um den Nach- sich auf einen gesetzmässig beschreib-
nicht, da der Erwerb einer solchen weis von Design-Signalen. Das Wirken baren Mechanismus beziehend.) Damit
Struktur definitionsgemäss in einer ein- eines Urhebers kann in der Tat nicht ist der ID-Ansatz geeignet, historische
zigen Generation erfolgen muss und falsifiziert werden. Daher muss der ID- Fragestellungen zu bearbeiten, denn es
eben nicht schrittweise entstehen kann. Ansatz konkretisiert werden, um ihn kann ja nicht ausgeschlossen werden,
Denn Zwischenstadien würden der Se- prüfbar und widerlegbar zu machen. dass in der Vergangenheit ID eine Rolle
lektion restlos zum Opfer fallen. Selek- Falsifizierbar ist zum Beispiel die Be- gespielt hat.
tion kann nämlich erst ins Spiel kom- hauptung von irreduzibler Komplexität Nur mit dem ID-Ansatz besteht zu-
men, wenn eine Funktion ausgeübt wird. (s. o.). Dies geht nur durch Forschung dem überhaupt Motivation, nach De-
Kritiker müssten also zeigen, wie und führt damit zu neuen Erkenntnis- sign-Signalen zu suchen. Wichtig ist,
irreduzibel komplexe Strukturen schritt- sen. Es wurde tatsächlich vielfach dass nicht vorschnell auf ID geschlos-
weise durch ungelenkte Prozesse entste- (vergeblich) versucht, das Konzept der sen wird, sondern erst nach eingehen-
hen können, so dass in jeder Generation irreduziblen Komplexität zu widerlegen der Prüfung, die für verschiedene Mög-

factum 7 I 2005 ‹ 35
› BIOLOGIE

die er in der Schöpfung hinterlassen hat, folgen Schrift. Logisches Argumentieren kann höchs-
Es ist und zum Dank ihm gegenüber und zur Anbetung tens plausibel machen, dass es deutliche Hin-
vernünftig, Gottes gelangen. Das heisst: Die Frage, ob es Hin- weise auf einen Schöpfer gibt. Es liefert aber kei-
weise auf einen intelligenten Urheber gibt, ist zu- nen zwingenden Beweis, den jeder anerkennen
an einen
gleich die Frage, ob es einen Urheber gibt, der muss. Wenn wir mit empirischen Befunden argu-
Schöpfer zu mich selbst erschaffen hat und vor dem ich mich mentieren, gibt es Deutungsspielräume.
glauben. daher für mein Tun und Lassen verantworten Der Schlussfolgerung, dass es einen Schöpfer
muss. Wer diese Frage an sich herankommen gibt, lässt sich argumentativ entkommen. Die-
lässt, kann nicht mehr distanziert bleiben. se Möglichkeit besteht. Doch Design-Signale zei-
Diese Einschätzung ist rein geistlich begrün- gen, dass es vernünftig ist, an einen Schöpfer zu
det, durch die Offenbarung in der Heiligen glauben.

lichkeiten offen sein muss. Der ID-An- gang kennen, der zu Leben oder wenigs- schöpferische Eingriffe nicht erfassen.
satz führt also in die Forschung hinein, tens von Teilstrukturen von Lebewesen Entgegnung: Dieser Einwand ist be-
nicht von ihr weg. ID ist zunächst eine führt. Man hätte demonstriert, dass rechtigt, aber irrelevant. Denn in der ID-
Hypothese, die geprüft werden und die und wie mit «Design» Lebensstrukturen Forschung wird nach klar definierten
sich bewähren muss. Wenn die For- erzeugt werden können. «Design-Signalen», wie z. B. irredu-
schung gar nicht für die Möglichkeit Natürlich hätte man auch damit nicht zibler Komplexität gesucht, nicht nach
von ID offen ist, ist sie ideologisch, weil gezeigt, wie Leben auf unserer Erde in einem Designer. Auf das Wirken eines
sie eine mögliche Wirklichkeit von vorn- der Vergangenheit tatsächlich entstan- Designers wird dann geschlossen,
herein ausblendet. den ist. Aber es wäre demonstriert wenn sich die Existenz von Design-Sig-
worden, wie es möglich gewesen sein nalen plausibel machen lässt.
6. Einwand: Es gibt keinen ID-Mecha- könnte. Mehr kann grundsätzlich nicht Ob man den Urheber kennt, spielt bei
nismus. Kritiker bemängeln, dass im geleistet werden, weil es um ein Ereig- der Untersuchung potentieller Design-
Rahmen des ID-Ansatzes auf mechanis- nis in der Vergangenheit geht – in die- Signale keine Rolle. Auch in anderen
mische Erklärungen verzichtet werde. ser Hinsicht sitzen alle Ursprungsfor- Fällen ist es unerheblich, ob man den
So schreibt Waschke (2003): «Es gibt scher im selben Boot. Urheber kennt, etwa bei der Untersu-
weder Aufstellungen von allgemeinen chung von Faustkeilen oder archäologi-
Gesetzesaussagen noch Erklärungen, 7. Einwand: Ein Designer hat in der schen Artefakten. Die ID-Forschung be-
wie Design mechanismisch funktionie- Wissenschaft nichts zu suchen. Die wis- wegt sich also auf der empirischen
ren soll ...» ID-Vertreter würden auch senschaftliche Methode der Erkenntnis- Ebene, genauso wie jede andere natur-
gar nicht den Anspruch stellen, mecha- gewinnung kann einen Schöpfer und wissenschaftliche Forschung auch.
nismische oder auch nur kausale Er-
klärungen zu liefern.
Entgegnung: Ursprungsforschung
vermag Prozesse, die lange vergangen > DESIGN-FEHLER
sind, nur zu simulieren, nicht aber die
seinerzeit abgelaufenen Mechanismen Gegen ID wird auch argumentiert, es nicht erwartet werden, bedeutet die
direkt zu erforschen. Auch die Evoluti- gebe viele Beispiele von Design-Feh- Behauptung, es gäbe solche Mängel,
onsbiologie wird grundsätzlich nie de- lern, Unvollkommenheiten und Kon- einen Forschungsanreiz, die Struktur-
monstrieren können, durch welche Me- struktionsfehlern, die einem intelligen- Funktions-Beziehungen genauer auf-
chanismen z. B. erste Lebewesen auf ten Urheber nicht unterlaufen würden. zuklären und zu zeigen, dass in Wirk-
der hypothetischen frühen Erde ent- Auch das Aussterben vieler Arten wird lichkeit keine Mängel vorliegen. Ob
standen sind. Vielmehr könnte allen- im gleichen Atemzug genannt. Auf die- dieser Nachweis gelingt, muss die
falls durch Simulationsexperimente ses komplexe Thema kann im Rahmen Forschung im Einzelnen erweisen.
gezeigt werden, unter welchen Rand- dieses Beitrags nicht angemessen ein- Das ID-Konzept motiviert hier die
bedingungen auf welche Weise Leben gegangen werden; es sei dazu auf Jun- Forschung sehr stark.
entstehen könnte. ker (2001; 2004) verwiesen. Einige • In biblischer Perspektive muss be-
Und nun wird es spannend: Welche Hinweise dazu in Stichworten: dacht werden, dass die heutige
Schlussfolgerungen werden gezogen • Die Existenz von Mängeln widerlegt Schöpfung nicht der ursprünglichen
werden, wenn sich wiederholt zeigt, nicht das Auftreten von Design-Signa- entspricht. Römer 8,19–22 zeichnet
dass Leben oder wenigstens wichtige len. Die Argumente für ID werden da- eine leidende, seufzende, geknech-
Makromoleküle oder Apparate heutiger durch nicht entkräftet. tete Schöpfung, verursacht durch
Lebewesen nur durch Einsatz von Pla- • Konstruktionsfehler wurden in der eine «Unterwerfung» der Schöpfung.
nung, durch einen geordneten Ver- Vergangenheit schon oft vorschnell Mutmassliche Unvollkommenheiten
suchsaufbau und durch ein kontrollier- konstatiert und durch weitere For- könnten also erst sekundär die
tes Timing entstehen? Damit hätte man schung widerlegt. Da im Rahmen des Schöpfung kennzeichnen (Junker
eine Erklärung gefunden, wie Leben ID-Ansatzes echte, auf die Schöpfung 2001).
entstehen kann; man würde einen Vor- zurückgehende Mängel, in der Tat

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BIOLOGIE ‹

CHRISTEN UND INTELLIGENT DESIGN Anmerkungen


1 Mit diesen Worten beschreibt das Theologische Wörterbuch zum
Römer 1,19 ff. besagt, dass Gott in der Schöpfung Neuen Testament (hgg. von Gerhard Kittel, Band IV, S. 949) die Es braucht
Wegweiser zu ihm selbst hin aufgerichtet hat. Es Bedeutung des Wortes «noumena».
2 Nach Behe (1996, 39) und Behe (2001, 694). keine
ist eine Aufgabe für Christen, diese Wegweiser 3 Zur Begründung muss hier auf einschlägige kritische Literatur

verwiesen werden; zum Überblick siehe Junker & Scherer (2001). Beweise
kenntlich zu machen. So wie Verkehrsschilder 4 Behe (2004, 368) zitiert zahlreiche Kritiker seines Buches «Dar-
durch Buschwerk oder Schmutz verdeckt werden win’s Black Box», die einräumen, dass eine natürliche Entstehung
für das Wir-
können, so scheinen auch die Design-Signale des der von ihm geschilderten Strukturen bislang nicht gelungen sei.
In «Darwin’s Black Box» weist er darauf hin, dass es in der Fachli-
ken eines
Schöpfers durch weltanschaulich begründete Be- teratur kaum Arbeiten gibt, die sich mit den Details der Evolution Urhebers;
von biochemischen IC-Strukturen befassen, und bringt dafür
hauptungen unkenntlich gemacht worden zu eine grössere Anzahl von Belegen (vgl. dazu auch Behe 2002). es genügt,
sein. Zum Beispiel durch die Behauptung, alle 5 Darwin (1859) im 6. Kapitel seines epochemachenden Buches

Hinweise, die auf einen intelligenten Urheber


«Über den Ursprung der Arten». die Design-
6 Eine ausführliche Begründung dazu findet sich in einem Text auf

deuten, seien Illusionen. «Genesisnet»: www.genesisnet.info/schoepfung_evolution/p1624 Signale als


.php
Gerade auch die Behauptung, es sei geklärt, 7 Das besprochene 800-Seiten-Buch trägt den Titel «Intelligent Hinweise
wie durch ungelenkte evolutionäre Prozesse die Design Creationism and Its Critics» (hgg. von R. Pennock).
sichtbar
Konstruktionen des Lebens entstanden seien, Literatur
Ayala F (1994) Darwin’s Revolution. In: Campbell J & Schopf J (eds)
werden zu
verdeckt die Design-Signale. Christen sollen die
Unhaltbarkeit dieser Behauptung aufzeigen.
Creative Evolution?! Boston, Mass. lassen. Um
Behe MJ (1996) Darwin’s Black Box: the Biochemical Challenge to
Dazu muss die Evolutionslehre nicht widerlegt Evolution. New York. mehr über
Behe MJ (2001) Reply to my critics: A response to reviews of Darwin’s
werden. Es genügt zu zeigen, dass viele der Be- Black Box: the Biochemical Challenge to Evolution. Biol. Philos. Gott zu
hauptungen der Evolutionstheorie weder plausi- 16, 685–709.
Behe M (2002) Irreducible Complexity and the Evolutionary Litera- erfahren,
bel noch bewiesen sind. ture. A Response to Critics. www.trueorigin.org/behe04.asp. Zu-
griff am 28. 6. 05. brauchen
Umgekehrt braucht es auch keine Beweise für Behe MJ (2004) Irreducible Complexity. Obstacle to Darwinian Evo-
das Wirken eines Urhebers; es genügt, die De- lution. In: Dembski WA & Ruse M (eds) Debating Design. Friom
die Men-
sign-Signale als Hinweise sichtbar werden zu las- Darwin to DNA. Cambridge, pp. 352–370.
Darwin C (1968 [1859]) The origin of Species. Penguin Books, Har-
schen
sen. Auf diesem Wege kann hoffentlich auch bei mondsworth. Gottes
Dawkins R (1987) Der blinde Uhrmacher. München.
vielen Zeitgenossen der Boden fürs Evangelium Hunter CG (2004) Why evolution fails the test of science. In: Demb- Wort, die
bereitet werden. Denn die Wegweiser in der ski WA (ed) Uncommon dissent. Intellectuals who find Darwi-
Schöpfung sind dazu da, um ihnen zu folgen.
nism unconvincing. Intercollegiate Studies Institute, S. 195–214. Bibel.
Johnson PE (1999) The Wedge. Breaking the Modernist Monopoly on
Um mehr über Gott zu erfahren als das, was er Science. www.touchstonemag. com/docs/issues/12.4docs/12–4
pg18.html, Zugriff am 8. 8. 05
in der Schöpfung über sich geoffenbart hat (= Junker R (2001) Sündenfall und Biologie. Neuhausen-Stuttgart.
sein «unsichtbares Wesen, nämlich seine ewige Junker R (2004) Argumente gegen Design. www.genesisnet.info/
schoepfung_evolution/i1641.php
Macht und göttliche Grösse»), brauchen die Junker R & Scherer S (2001) Evolution – ein kritisches Lehrbuch.
Menschen Gottes Wort, die Bibel, welche ihnen Giessen.
Nachtigall W (2002) Bionik. Grundlagen und Beispiele für Ingeni-
den Weg zu Jesus Christus weist. ■ eure und Naturwissenschaftler. Berlin, Heidelberg.
Ratzsch D (2002) Design Theory and its critics. Monologues passing
the night. Ars Disputandi 9, www.ArsDisputandi.org/publish/ar-
Hinweis: Eine ausführliche Darstellung des «Intelligent ticles/000079/article.pdf
Design»-Ansatzes und der daran geübten Kritik findet sich Ruse M (2003) Darwin and Design. Does Evolution have a purpose?
im Internet auf «Genesisnet» und kann kostenlos he- Harvard University Press.
Waschke T (2003) Intelligent Design. Eine Alternative zur naturalisti-
runtergeladen werden unter www.genesisnet.info/schoe schen Wissenschaft? Skeptiker 16, 128–136. www.gwup.org/skep
pfung_evolution/p1622.php tiker/archiv/2003/4/ intellegentdesigngwup.html. Zugriff am 17.
6. 05.

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