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Wissenschaft im Rahmen des

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Schöpfungsparadigmas
Reinhard Junker

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Inhalt
Vorbemerkungen 6. Schöpfungsparadigma und empirische
Forschung
1. Biblische Grundlagen 6.1 Schöpfungsparadigma und Naturalismus
1.1 Was heißt „Schöpfung“? Eine „andere Wissenschaft“?
1.2 Grundtypen als Schöpfungseinheiten 6.2 Verhindert die Annahme von „Schöpfung“ empiri-
1.3 Biblische Schöpfungslehre in anderen historischen sche Forschung?
Naturwissenschaften Evolutionsparadigma als Forschungshindernis?
1.4 Der Vorrang der Heiligen Schrift Das Problem des „Lückenbüßer-Gottes“
6.3 Schöpfungsparadigma und untergeordnete
2. Begriffsklärungen Hypothesen und Theorien
2.1 Erste Ebene: Naturalismus und Supranaturalismus Ist das Schöpfungsparadigma falsifizierbar?
2.2 Zweite Ebene: Evolutionsparadigma und Schöp- 6.4 Beispiele für Forschung im Rahmen des Schöp-
fungsparadigma fungsparadigmas
2.3 Dritte Ebene: Evolutionstheorien und Grundtyp- 6.4.1 Überblick
theorien Wann sind die Grundtypen entstanden?
6.4.2 Grundtypen und Polyvalenz
3. Problemstellung und Zielsetzung 6.4.2.1 Testmöglichkeiten des Grundtypmodells
Schöpfung und Zeit Grundtypen und Evolutionsbiologie
6.4.2.2 Kritik an der Grundtypenbiologie
6.4.2.3 Ist der Test des Grundtypmodells ein Test auf
4. Besonderheiten der Erforschung der Schöpfung?
Vergangenheit 6.4.3 Merkmalsmuster – oder Ähnlichkeiten
4.1 Erforschung von Gegenwart und Vergangenheit oberhalb des Grundtyp-Levels
im methodischen Vergleich 6.4.4 Intelligent Design
4.2 Historisch-narrative und nomologisch-deduktive 6.4.4.1 Das ID-Konzept: Erkennung von „Design-Signalen“
Erklärungen 6.4.4.2 „Luxusstrukturen“ als Design-Signal
6.4.4.3 Potentielle Komplexität
Falsifizierung von H-N E 6.4.4.4 Testbarkeit von ID
Sind H-N E überhaupt Erklärungen? 6.4.4.5 Das Fehlen eines ID-Mechanismus
4.3 Zwischenfazit 6.4.5 Design-Fehler
4.4 Naturgeschichte und göttliche Eingriffe 6.4.6 Gibt es ein Netz sich gegenseitig stützender
Hypothesen?
5. Evolutionsparadigma und empirische 6.4.7 Erfordert das Schöpfungsparadigma die
Forschung Preisgabe bewährten Wissens?
Vorbemerkungen 6.5 Forschung ohne Naturgesetze?
5.1 Inwiefern ist das Evolutionsparadigma heuristisch 6.5.1 Präbiotische Chemie
fruchtbar? 6.5.2 Entstehung neuer Konstruktionen
Vorhersagen? 6.5.3 Paläontologie
5.2 Evolution erklärt Sachverhalte und ihr Gegenteil
Nicht eingetroffene Vorhersagen des Evolutionspara- 7. Zusammenfassung anhand der
digmas vorgebrachten Kritikpunkte
5.3 Ist das Evolutionsparadigma falsifizierbar? 7.1 Schöpfungsparadigma
5.4 Evolutionsparadigma, Dogmatismus und 7.2 Evolutionsparadigma
Vermeidung von Falsifikationen
Beispiele, wie Falsifizierungen umgangen werden Dank
Grenzen der Ergebnisoffenheit
5.5 „Scheintests“ evolutionärer Hypothesen Literatur
5.6 Die Plausibilität der Abstammungslehre ist vom
Stand der Ursachenforschung abhängig Anmerkungen
Vorhersagen ohne Mechanismus?
5.7 Ist der Naturalismus falsifizierbar? Anhang
5.8 Wird der Naturalismus methodologisch 1. Prognosen in Darwins Origin of Species
erzwungen? 2. Aussagen von Evolutionsbiologen über Gott
5.9 Schlußfolgerungen

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Wissenschaft im Rahmen des
Schöpfungsparadigmas
von Reinhard Junker, Rosenbergweg 29, 72270 Baiersbronn
(Stand: 13. 9. 2005)

Vorbemerkungen

Diese Arbeit entstand aus Diskussionen um den wissen- ten diese Literatur kennen und verinnerlichen, wenn sie
schaftstheoretischen Status von Forschung, die unter der an einer ernsthaften Auseinandersetzung interessiert sind.
Vorgabe von „Schöpfung“ betrieben wird. Einem sol- A propos. Noch ein paar Worte an die Kritiker: Unter
chen Vorhaben – gewöhnlich als „Kreationismus“ be- dem Stichwort „Kreationismus“ wird in den Printmedien
zeichnet – wird häufig pauschal Wissenschaftlichkeit ab- und im Internet ein unübersehbares Potpourri an Präsen-
gesprochen oder es wird sogar als wissenschaftshem- tationen verschiedenster Qualität angeboten. Vor diesem
mend oder -feindlich eingeschätzt. Wenn auch diese Kri- Hintergrund ergeht an die Leser als erstes die Bitte, in den
tik häufig undifferenziert vorgebracht wird und es sich hier vorgelegten Text kein Vorwissen und keine Vorurtei-
viele Kritiker allzu einfach machen, so wurden doch eini- le über Kreationismus hineinzulesen. Ich bilde mir als zwei-
ge Defizite in der Methodik schöpfungsorientierter Wis- tes nicht ein, daß ich selber keine Fehler machen würde,
senschaft zurecht angemahnt. Die vorliegende Arbeit und rechne auch nicht damit, daß ich alles konsequent zu
will sich den Kritikpunkten stellen und dabei auch Miß- Ende gedacht hätte oder daß ich meine Kontrahenten
verständnisse klären. immer richtig verstanden hätte usw. Bitte teilen Sie mir
Wissenschaft ist ein weites Feld. In dieser Arbeit geht daher Ihre Entdeckungen der Unzulänglichkeiten mit.
es um die Ursprungsforschung in der Biologie, um Ich habe mich bemüht, alle mir bekannten relevanten
die Herkunft und die Geschichte der Lebewesen. Ähnli- Befunde und Argumente zur Sprache zu bringen. Wenn
che Fragen wie die hier behandelten stellen sich auch in der kritische Leser jedoch etwas Wichtiges vermißt, was
anderen Naturwissenschaften, sie werden hier aber nicht zur Sache unbedingt gesagt werden muß, so lasse er
behandelt. Im Hauptteil (Kapitel 6) sind verschiedene mich auch das wissen und gehe davon aus, daß Unkennt-
z. T. bereits publizierte Arbeiten eingeflochten worden nis im Spiel ist und keine Hinterlist. Denn will ich weder
(in überarbeiteter und meist verkürzter Form). Kapitel 6 mich noch andere betrügen. Selbstverständlich steht es
stellt damit auch den Versuch dar, einzelne Aspekte, die den Kritikern frei, anders über meine Motive zu denken
im Rahmen der Grundtypenbiologie hier und da publi- (ich weiß, daß dies vorkommt, da es mir explizit geschrie-
ziert wurden, zusammenzubringen und zu ordnen. Diese ben wurde) und es steht ihnen auch frei, ihre Mutmaßun-
Zusammenstellung beinhaltet auch eine Reihe von Fra- gen im Internet zu veröffentlichen. Aber diese Übung
gestellungen, die besonders im Rahmen des Schöpfungs- bringt nichts.
paradigmas von Interesse sind und Forschung anregen Das Verstehen anderer Positionen erfordert immer
können. ein gewisses Maß an Sympathie, das heißt Mit-Fühlen.
Für die Lektüre sind Grundkenntnisse aus der Grund- Fehlt diese völlig, kann es auch kaum ein Verstehen ge-
typenbiologie hilfreich; einige Inhalte von SCHERER (1993) ben. Daher hoffe ich auf sympathische Kritiker. Wenn Sie
und JUNKER & SCHERER (2001, Kap. II.3 und VII.17.3) wer- sich an mich wenden wollen, finden Sie eine online-Kon-
den vorausgesetzt und in dieser Arbeit daher nur kurz taktmöglichkeit unter www.wort-und-wissen.de/ueber/
umrissen. Kritiker der Grundtypenbiologie, wie sie im mitarbei.html. Es ist geplant, den Text bei Eingang von
Rahmen des Schöpfungsparadigmas betrieben wird, soll- Kritik oder Anregungen zu überarbeiten.

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1. Biblische Grundlagen

Die Bibel bezeugt Gott als souveränen Schöpfer, der auf 1.1 Was heißt „Schöpfung“?
sein Wort hin die Schöpfung hervorgebracht hat (Gene-
sis 1; Johannes 1). Gott wird als Schöpfer, der in den Lauf Unter „Schöpfung“ soll in dieser Arbeit – Hebräer 11,3
der Dinge eingreift, in der ganzen Bibel beschrieben. folgend – weit gefaßt folgendes verstanden werden: 1.
Dazu nur einige wenige Streiflichter: Im Schöpfungsbe- Ein Ins-Dasein-Bringen durch Befehle, aufgrund des Wil-
richt (Genesis 1) wird Gottes Schöpfungshandeln so be- lens Gottes (durch das Wort), 2. Das Sichtbare (die „Phä-
schrieben, daß die Dinge durch seine Befehle ins Dasein nomene“ in Hebräer 11,3) ist nicht aus Seinesgleichen ent-
kommen: „Und Gott sprach ...“, worauf Befehle folgen, standen. Damit steht „Schöpfung“ im biblischen Sinne in
durch die die Welt geformt und gefüllt wurde. Schöpfung markantem Kontrast zu einem naturalistischen Weltver-
durch das Wort zieht sich durch die ganze Bibel hindurch ständnis. Diese allgemein gefaßten Inhalte werden im
bis zum letzten Buch: „Würdig bist du, unser Herr und nächsten Kapitel unter „Schöpfungsparadigma“ subsu-
Gott, den Preis und die Ehre und die Macht zu empfan- miert; sie müssen konkretisiert werden, damit ein Bezug
gen, denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch dei- zur Wissenschaft hergestellt werden kann (Kapitel 6).
nen Willen waren sie da und sind sie geschaffen worden“ Dagegen kann ein „Gott“ im Rahmen eines konsequent
(Offenbarung 4,11). Hier wird betont, daß die alle Dinge naturalistischen Weltverständnisses nichts anderes sein
durch Gottes Willen in Existenz sind. als ein toter Götze, der weder helfen noch schaden (s. o.)
Die Psalmen preisen Gott als Schöpfer; Psalm 148,5 und der nicht souverän in den Lauf der Dinge eingreifen
ist hier besonders markant: „Loben sollen sie den Namen kann. Ein solcher „Gott“ wäre nicht der Gott der Bibel.
des Herrn! Denn er gebot, und sie waren geschaffen.“
Dem leidgeprüften Hiob stellt sich Gott als Schöpfer vor:
„Wo warst Du, als ich die Erde gründete?“ (Hiob 38,4). 1.2 Grundtypen als Schöpfungs-
Im Prophetenbuch Jeremia werden die toten, hilflosen einheiten
und harmlosen Götzen Gott als Schöpfer gegenüberge-
stellt und gegen Gottes Kraft, Weisheit und Einsicht kon- Der biblische Schöpfungsbericht macht eine markante
trastiert (Jeremia 10,1-12). Aussage zur Ordnung der Lebewesen. „Schöpfung durch
Auch in den Evangelien wird Jesus Christus mit schöpfe- das Wort“ wird in Genesis 1 bei den Lebewesen konkreti-
rischer Vollmacht vorgestellt. Denn es wird berichtet, dass siert durch die Wendung „jedes nach seiner Art“. Zwar
er heilend zerstörte bzw. kranke Organe wiederherstellt wird ein Artbegriff biblisch nicht definiert, doch legt die
(z.B. Haut, Gliedmaßen, Augen, Ohren). Auf seine Bitte geradezu stereotype Wiederholung dieser 10 mal ge-
hin heilt Jesus einen Leprakranken augenblicklich durch brauchten Wendung nahe, dass es sich um abgegrenzte
das Befehlswort: „Ich will es tun, sei gereinigt!“ (Markus Schöpfungseinheiten des Lebens gehandelt hat (vgl. JUN-
1,40-42). Jesus weckt sogar Tote auf; das muss direkt als KER 1994, 218ff.; vgl. Abschnitt 6.4). Im Rahmen des
Schöpfungsakt verstanden werden (vgl. Genesis 2,7). Dem Schöpfungsparadigmas werden diese Schöpfungseinhei-
toten Lazarus befiehlt er: „Lazarus, komm heraus!“ (Jo- ten als Grundtypen bezeichnet. Die Existenz fertiger,
hannes 11,43), und der Tote, bei dem bereits die Verwe- abgrenzbarer Grundtypen wird aber aus biblischer Sicht
sung eingesetzt hatte (Johannes 11,39), tritt lebend aus auch indirekt dadurch begründet, daß eine evolutionäre
dem Grab. Vom Tod zum Leben, das ist Schöpfung. So ist Entstehung aus zahlreichen Gründen nicht in Frage
es auch bei der Auferstehung. Ohne Neu-Schöpfung könn- kommt. Dies wird an anderer Stelle ausführlich themati-
te es auch keine Auferstehung des Leibes geben (1. Korin- siert (JUNKER 1994). Auf Grundtypen als Schöpfungsein-
ther 15). Im Kolosserbrief wird Jesus Christus als Mittler heiten kommen wir in Kapitel 6 zurück.
der ursprünglichen Schöpfung vorgestellt: „In ihm wur- Biblisch gesehen ist weiter wichtig, daß sich die Ge-
de alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sicht- schichte des Lebens in Jahrtausenden und nicht in Hun-
bare und das Unsichtbare“ (Kolosser 1,16). Als Schöp- derten von Jahrmillionen bemißt (STEPHAN 2004b). Eine
fungsmittler hat Jesus auch Macht über die unbelebte Begründung, daß es sich bei den Schilderungen der Ge-
Schöpfung; so kann er Sturm und Wellen gebieten: nesis um tatsächliche Geschichte handelt, gibt STEPHAN
„‘Schweig, verstumme!’ Und der Wind legte sich, und es (2004a).
entstand eine große Stille“ (Markus 4,39). Auch wenn die Bibel sich nicht besonders konkret über
Im Alten Testament wird das augenblickliche, sich im die Entstehung und Geschichte des Lebens (abgesehen
Nu vollziehende Schöpfungshandeln Gottes, wie es im vom Menschen) äußert, haben die genannten Inhalte
ersten Kapitel der Bibel geschildert ist, prägnant zusam- doch weitreichende Folgen für das Verständnis der Ur-
mengefaßt, beispielsweise in Psalm 33,9: „Denn er sprach, sprünge in der Biologie: Eine primäre (schöpfungsgemä-
und es geschah; er gebot, und es stand da.“ Und im Neuen ße) Abgrenzbarkeit von Grundtypen und eine kurze Erd-
Testament in den Worten des Hebräerbriefs: „Durch Glau- geschichte stehen in unvereinbarem Gegensatz zur Ma-
ben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort ins kroevolutionstheorien. Vor allem aber stehen grundsätz-
Dasein gerufen worden ist; es sollte eben das jetzt Sicht- liche heilsgeschichtliche Zusammenhänge in der Bibel
bare nicht aus dem sinnlich Wahrnehmbaren entstanden einem evolutionären Verständnis der Ursprünge des Le-
sein“ (Hebräer 11,3). bens und insbesondere des Menschen entgegen (JUNKER
1994).

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1.3 Biblische Schöpfungslehre in ande- 1.4 Der Vorrang der Heiligen Schrift
ren historischen Naturwissenschaften
Für eine bibelorientierte Wissenschaft gilt – auch ange-
Für die Rekonstruktion der Erdgeschichte ist aus bibli- sichts enormer Probleme –, daß die Aussagen der Heili-
scher Sicht besonders bedeutsam, daß die Geschichte des gen Schrift Vorrang vor empirisch begründeten Theori-
Lebens an den Sündenfall des Menschen und damit an en haben, auch wenn diese gut durch Daten gestützt zu
die Menschheitsgeschichte gebunden ist. Dieser Zusam- sein scheinen. Die relevanten biblischen Texte über die
menhang wird von STEPHAN (2004c) erläutert. Zahlreiche Schöpfung und über andere Taten Gottes dürfen dabei
geologische Phänomene sind mit der Fossilüberlieferung nicht von textfremden Instanzen ausgehend interpretiert
des vergangenen Lebens verquickt. Da biblisch gesehen werden: weder von evolutionistisch noch von kreationi-
die Geschichte des Lebens an die kurze Geschichte der stisch geprägten. Die biblischen Texte müssen zuerst für sich
Menschheit gekoppelt ist, folgt daraus auch die Sicht von selbst sprechen, ohne dabei sofort naturkundliche Sachver-
einer kurzen Erdgeschichte (vgl. STEPHAN 2004b). Ohne halte in den Blick zu nehmen (so gut das geht). Erst in
Zweifel führt dies zu herausfordernden Fragen, denen einem zweiten Schritt stellt sich dann die Frage nach ei-
sich eine biblisch-urgeschichtliche Geologie stellen muß ner Verhältnisbestimmung zwischen Inhalten der bibli-
und die derzeit nicht gelöst sind. Ähnlich schwierig stellt schen Überlieferung, wie sie sich aus den Texten erge-
sich die Situation in der biblisch orientierten Kosmologie ben, und den gegenwärtigen Kenntnissen in den Natur-
dar. wissenschaftsdisziplinen.

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2. Begriffsklärungen
Begriffsklärungen sind in dem durch diesem Beitrag ab- verschiedene Evolutionstheorien geben, s.u.).
gesteckten Feld schwierig, schon deshalb, weil gleich- Unter Schöpfungsparadigma sollen im folgenden die
oder ähnlichlautende Begriffe in Diskussionen oft mit in Abschnitt 1.1 geschilderten weit gefaßten Inhalte ver-
verschiedenen Inhalten gefüllt werden. Dennoch sollen standen werden. Wie das Evolutionsparadigma ist das
hier einige Begriffsklärungen versucht werden. Zum Ver- Schöpfungsparadigma nicht Teil einer Hypothese oder Theo-
ständnis der nachfolgenden Ausführungen ist vor allem rie, sondern spannt einen Denkrahmen auf, innerhalb dessen
wichtig, verschiedene Ebenen zu unterscheiden, auf de- Hypothesen und Theorien aufgestellt werden können. Das
nen sich die z. T. gegensätzlichen Anschauungen über die Schöpfungsparadigma ist also konkreter als „Supranatu-
Ursprünge einander gegenüberstehen. ralismus“ (genauso wie „Evolutionsparadigma“ konkre-
ter ist als „Naturalismus“); es wird in diesem Beitrag im
Sinne der biblischen Schöpfungslehre inhaltlich bestimmt;
2.1 Erste Ebene: Naturalismus und das heißt, ein wesentliches Kennzeichen ist ein ins-Da-
Supranaturalismus sein-Kommen „durch das Wort“, das innerweltlich prinzi-
piell nicht herleitbar ist (Hebr 11,3; s. Kapitel 1). In diesem
Der Naturalismus wird in dieser Arbeit ausschließlich onto- Sinne steht das Schöpfungsparadigma somit im direkten
logisch bzw. philosophisch verstanden (also nicht nur me- Gegensatz zum Evolutionsparadigma und folglich auch
thodisch). „Naturalismus“ steht demnach für „Positionen, zum (ontologischen) Naturalismus.
in denen Geltungsansprüche allein auf natürliche (wis- Oft werden Evolutions- und Schöpfungsparadigma
senschaftlich erfaßte) Tatbestände, auf natürliche Gene- allerdings nicht als Gegensätze betrachtet, da im Rahmen
sen oder natürliche Einsichten gestützt werden“ (MITTEL- des Evolutionsparadigmas auch theistische Deutungen
STRASS 2004). Der ontologische Naturalismus geht aber möglich seien (Evolution als Vorgang der Schöpfung).
über die Beschränkung auf „Geltungsansprüche“ hinaus, Eine Deszendenz, in die ein Schöpfer ab und zu eingreift,
denn die natürliche Welt (der Mensch eingeschlossen) ist jedoch in ihren Mechanismen nicht mehr konsequent
und die sie erklärenden Wissenschaften werden „als allei- naturalistisch und auch nicht mehr ausschließlich ein De-
nige und hinreichende Basis zur Erklärung aller Dinge“ szendenzvorgang. Umgekehrt könnte man zwar eine rein
betrachtet (MITTELSTRASS 2004). RATZSCH (2002, 5) be- naturalistisch ablaufende Evolution theistisch interpre-
merkt dazu, „... if one restricts science to the natural, and tieren, Gottes Existenz würde aber für das Verständnis
assumes that science can in principle get to all truth, then des Evolutionsgeschehens keine Rolle spielen. Eine aus-
one has implicitly assumed philosophical naturalism.“ schließlich natürlich ablaufende Evolution könnte man
Demgegenüber bezeichnet „Supranaturalismus“ die sich als von Gott unbeeinflußt denken. Diese Problematik
Auffassung, „daß die erfahrbaren ... Dinge durch ein nicht führt in theologische Fragestellungen, auf die in diesem
mehr erfahrbares (unendliches und ewiges), d. h. ‘über- Beitrag nicht näher eingegangen wird (siehe dazu JUNKER
natürliches’ Prinzip in ihrer Existenz oder ihrem Sein [1994]).
begründet bzw. in ihrem Sinn bestimmt werden“ (SCHWEM- Genauso wie Naturalismus und Supranaturalismus
MER 2004). Auf der ontologischen Ebene sind die beiden sind auch das Evolutionsparadigma und das Schöpfungs-
Sichtweisen diametral entgegengesetzt. paradigma in dieser ganz allgemeinen Form nicht wider-
legbar (siehe dazu Kapitel 5) und auch nicht beweisbar.

2.2 Zweite Ebene: Evolutionsparadigma


und Schöpfungsparadigma 2.3 Dritte Ebene: Evolutionstheorien und
Grundtyptheorien
Der Naturalismus im oben definierten Sinne muß nicht
notwendigerweise evolutionistisch sein; es wäre auch Unter diesen beiden Sammelbegriffen sollen Hypothe-
eine chaotische Welt ohne Gesetzmaßigkeiten denkbar. sen und Theorien zusammengefaßt werden, die vor-
Das Evolutionsparadigma fußt jedoch auf dem Natura- nehmlich im Rahmen der jeweiligen Paradigmen entwik-
lismus und kann als eine Konkretisierung desselben ver- kelt werden. Hier gibt es viele inhaltliche Überlappungen
standen werden. Unter „Evolutionsparadigma“ soll in und keine durchgehenden Gegensätze. Denn in den Rah-
diesem Beitrag die Anschauung verstanden werden, daß men des Schöpfungsparadigmas gehören auch mikro-
alle Lebensformen von andersartigen Vorläufern abstam- evolutive Prozesse. (Der Begriff „Evolution“ bedeutet
men und letztlich auf einen oder allenfalls sehr wenige „Ausprägung von Vorhandenem“ und paßt daher sehr
einzellige Vorläufer abstammungsmäßig zurückgehen. gut zur Grundtypenbiologie, wonach Grundtypen mit
Weiter soll dieser Begriff bezüglich der Evolutionsme- Variationspotential vorgegeben sind.) Umgekehrt finden
chanismen die allgemeine Aussage beinhalten, daß der auch manche (nicht alle) Theorienelemente der Grundty-
Evolutionsprozeß durch ausschließlich natürliche Prozes- penbiologie einen Platz im Evolutionsparadigma.
se erfolgte.1 Das „Evolutionsparadigma“ impliziert je- Die Grundtypenbiologie umfaßt konkretere Aussagen
doch keine bestimmten Vorstellungen über die Ablauffor- als das Schöpfungsparadigma. Dazu gehört die Vorgabe,
men und die Mechanismen der Evolutionsvorgänge (da- daß alle Lebewesen als komplexe, polyvalente Grundty-
her kann es im Rahmen des Evolutionsparadigmas sehr pen ihre Existenz begonnen haben und primär voneinan-

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der abgegrenzt waren (Abschnitt 1.2; Näheres zu diesem solchen einschränkenden Charakterisierungen sollen
Ansatz im 6. Kapitel). Dies steht im direkten Gegensatz Forschungsmethoden charakterisiert werden. Methoden
zum Evolutionsparadigma. Zur Evolutionsbiologie gehö- sind aber nur Werkzeuge, mithin etwas ganz anderes als
ren Theorien über phylogenetische Zusammenhänge und Weltanschauungen; dies soll hier begrifflich deutlich un-
über Mechanismen der Evolution. Im mikroevolutiven terschieden werden. Entsprechend wird von der hypo-
Bereich gibt es hier weite Überlappungen mit der Grund- thetico-deduktiven Methode (Hempel-Oppenheim-
typenbiologie. Schema), von Bezug auf Empirie oder allgemein von
Supranaturalismus und Naturalismus sowie Evoluti- naturwissenschaftlicher Methode gesprochen. Da-
onsparadigma und Schöpfungsparadigma stehen glei- für hat sich auch der ebenfalls nicht unproblematische
chermaßen für Voreinstellungen oder Grundhaltungen, Begriff „methodischer Atheismus“ eingebürgert. Da
die selbst nicht theoriefähig sind. Aus diesen Einstellun- er aber auch nur eine Methode, nicht eine Weltanschau-
gen resultieren erst Hypothesen und Theorien im Rah- ung (Atheismus) kennzeichnen soll, wird er in diesem
men der Evolutions- oder der Grundtypenbiologie. Auf Beitrag ebenfalls vermieden.
dieser dritten Ebene sind die Theorien der einen wie der Die Begriffe „Schöpfungstheorie“ oder „Schöpfungs-
anderen Seite sehr wohl wissenschaftstheoretisch gleich- hypothese“ sind ebenfalls problematisch, weil sie sugge-
artig. Sie erlauben Testmöglichkeiten und sind widerleg- rieren, daß sie Schöpfungsvorgänge beschreiben wür-
bar. Das gilt, wie noch gezeigt wird (Abschnitt 5.7), we- den, die per definitionem weder untersuchbar noch gar
der für den Naturalismus noch für ein allgemeines Evolu- gesetzmäßig erfaßbar sind (s.o.). Weiter suggerieren die-
tionsparadigma (Abschnitt 5.3). se Begriffe, als sei das göttliche Wirken Bestandteil einer
Damit soll auch folgendes klargestellt werden: Ein Theorie. Das ist jedoch nicht möglich. Daher werden
Ins-Dasein-Bringen durch Befehle (durch das Wort) ist auch diese Begriffe in diesem Beitrag nicht verwendet.3
nicht testbar (allgemeine Aussage des Schöpfungspara- Auch der gebräuchliche Begriff „Evolutionstheorie“
digmas, zweite Ebene), ebensowenig ist testbar, daß das ist nicht unproblematisch, da es keine einheitliche Theo-
Sichtbare nicht durch Seinesgleichen entstand. Der Schöp- rie im Sinne eines geschlossenen hypothetico-deduktiven
fungsvorgang kann als übernatürliches Geschehen nicht Systems gibt, sondern allenfalls ein System aus verschie-
untersucht werden; das liegt im Wesen von „Schöpfung“.2 denen Einzeltheorien, die man nur aus sprachökonomi-
In diesem Beitrag soll unter anderem gezeigt werden, schen Gründen zusammenfassend als „Evolutionstheo-
daß es sich beim Evolutionsparadigma ähnlich verhält, rie“ bezeichnet (MAHNER & BUNGE 2000, 334-338).4
auch wenn es sich dabei um ein (postuliertes) natürliches Vermieden wird auch der Begriff „Kreationismus“,
Geschehen handelt (siehe vor allem Kapitel 5.) weil mit ihm zum einen zahlreiche Vorurteile verknüpft
werden, die nicht zutreffen, zum anderen weil unter dem
Begriffe, die hier vermieden werden. Begriffe wie „me- Dach des Kreationismus auch Vorgehensweisen prakti-
thodischer Naturalismus“ oder „schwacher Naturalismus“ ziert werden, von denen sich diese Arbeit unterscheidet.
werden vermieden, da sie kaum gebräuchlich sind. Mit

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3. Problemstellung und Zielsetzung

In diesem Beitrag soll der Frage nachgegangen werden, Hauptanliegen dieses Beitrags.
wie im Rahmen des Schöpfungsparadigmas Wissenschaft Kritiker der biblischen Schöpfungslehre befürchten,
betrieben werden kann und worin Gemeinsamkeiten und daß die Annahme einer außerweltlich verursachten
Unterschiede zur Vorgehensweise im Rahmen des Evo- Schöpfung Wissenschaft behindere und gesichertes Wis-
lutionsparadigmas bestehen. Daß fruchtbare Forschung sen durch unsichere Glaubensinhalte ersetze. Eine solche
im Rahmen des Schöpfungsparadigmas überhaupt mög- Kritik ist in ihrer pauschalen Form überzogen und unzu-
lich ist, wird oft bestritten, was insofern paradox ist, als treffend. Im Hintergrund mag die Angst vor antiaufklä-
im Rahmen des biblischen Schöpfungsverständnisses die rerischen Tendenzen stehen, doch ist die undifferenzierte
neuzeitliche Naturwissenschaft überhaupt erst entstan- Kritik einer Antiwissenschaftlichkeit des Schöpfungspa-
den ist (vgl. Abschnitt 5.5). Von daher würde sich die radigmas unangemessen. Dennoch werden auch durch-
Frage erübrigen, ob Wissenschaft möglich ist, wenn die aus berechtigte Anfragen gestellt, z. B. wie kontingente
Welt auf übernatürliche Weise durch Schöpfungsakte Schöpfungsakte mit empirischen Daten in Verbindung
Gottes entstanden ist. Das ist selbstverständlich auch heute gebracht werden können. Darauf wird in diesem Beitrag
möglich, wie im 6. Kapitel detailliert gezeigt wird. eingegangen werden. Gegenstandslos ist dagegen die
Pauschale Behauptungen, wonach sich der Schöp- Behauptung, daß die Annahme einer Schöpfung Wissen-
fungsansatz gegen Wissenschaft schlechthin richte (NEU- schaft behindere. Denn welche biologischen Daten können
KAMM 2004), wirken daher geradezu grotesk. Solche Ein- nicht gewonnen werden oder hätten nicht gewonnen werden
schätzungen müssen freilich vor dem Hintergrund der können, wenn (weil) die Lebewelt als geschaffen vorausge-
Ursprungsfrage gesehen werden. Denn hier stehen sich setzt wird (wurde)? (vgl. Abschnitt 6.5) Oder welches bereits
das Schöpfungsparadigma und das naturalistisch verstan- gewonnene empirische Wissen geht verloren? Vielmehr geht
dene Evolutionsparadigma diametral und unvereinbar es im Grunde nur um die eine Frage: Ist die Evolution aller
gegenüber. Und nur hier – in der Ursprungsfrage – unter- Lebewesen „gesichertes Wissen“? Die vermeintliche Sicher-
scheiden sich die Vorgehensweisen, um zu Antworten zu heit dieses „Wissens“ geht allerdings verloren, wenn sein
kommen. Dabei betreffen die Unterschiede aber nicht die hypothetischer Charakter und widersprechende Befun-
Methoden, sondern nur die dogmatischen Vorgaben, auf de herausgestellt werden. Man kann den Eindruck ge-
deren Basis gearbeitet wird. Methoden sind nur Werk- winnen, es gehe darum, die „Tatsache der Makroevoluti-
zeuge. Und die üblichen Werkzeuge der Naturwissen- on“, dieses vermeintliche „Wissen“, vor Kritik zu schüt-
schaften werden uneingeschänkt und ausschließlich auch zen, indem man schon im wissenschaftstheoretischen
von Wissenschaftlern verwendet, die im Rahmen des Vorfeld den Evolutionskritikern den Weg zu verbauen
Schöpfungsparadigmas forschen.5 versucht.
Ein verbreitetes Mißverständnis soll an dieser Stelle
gleich ausgeräumt werden: Es geht im Rahmen des Vor dem Hintergrund des Gesagten ergeben sich fol-
Schöpfungsparadigmas nicht darum, Gott als erklären- gende Fragen:
des Element in die Wissenschaft einzufügen (NEUKAMM • Wenn Schöpfungsakte Gottes unerforschlich und
2004, 15; vgl. HEMMINGER [1988]: „Der echte Naturwis- nicht gesetzmäßig beschreibbar sind, wie kann die wis-
senschaftler setzt Gott nicht als Theoriebestandteil in die senschaftliche Erforschung der Ursprünge methodisch
Wissenschaft ein, ...“), sondern unter der Vorgabe von vorgehen?
„Schöpfung“ Naturwissenschaft zu betreiben und die • Können testbare und damit auch widerlegbare Vor-
Geschichte des Lebens zu rekonstruieren (Kapitel 6). aussagen aus dem Schöpfungsparadigma abgeleitet wer-
den? Oder folgen daraus beliebige Erwartungen, so daß
Die Möglichkeit, daß Gott Grundtypen von Lebewe- keine Testmöglichkeiten gegeben sind?
sen oder auch Strukturen des Weltalls in reifer, komple- • Ist das Schöpfungsparadigma heuristisch frucht-
xer Form durch sein Wort aus dem Nichts erschaffen bar, d. h. führt es zu Fragestellungen, die zu Erkenntnis-
haben könnte, kann niemand unter Berufung auf empiri- gewinn führen?
sche Erkenntnisse bestreiten. Diese Option von vornherein
auszuschließen, wäre mithin Ausdruck einer weltanschau- Schöpfung und Zeit
lichen Vorentscheidung, die durch keine Wissenschafts-
methode erzwungen wird. Daß Gottes Schöpfungshan- In diesem Beitrag wird es vornehmlich um das Schöp-
deln nicht gesetzmäßig beschreibbar ist, wie Kritiker der fungsparadigma gehen, wie es im zweiten Kapitel cha-
Schöpfungslehre zurecht feststellen, tut hier zunächst rakterisiert wurde. Die dort vorgenommene Charakteri-
und im ersten Schritt nichts zur Sache (vgl. dazu Ab- sierung nimmt keinen Bezug auf die Frage, wann Gott
schnitt 6.5). Die Nicht-Beschreibbarkeit des Schöpfungs- geschaffen hat. Entsprechend werden in diesem Beitag
vorgangs auf der emprischen Ebene ist gerade – wie vornehmlich nur die im letzten Abschnit formulierten
oben erläutert – eines der Kennzeichen von „Schöpfung“.6 Fragen diskutiert. Zur biblischen Sicht der Schöpfung der
Wichtig ist aber, daß auf der Basis dieser Vogaben Wis- biblischen Ur- und Heilsgeschichte gehört natürlich auch
senschaft betrieben werden kann, die zu testbaren und Verständnis über zeitliche Abfolgen. Insbesondere wird
damit auch falsifizierbaren Hypothesen führt. Zu zeigen, dort vorausgesetzt, daß die Grundtypen am Anfang prak-
daß dies möglich ist und wie dies geschieht, ist eines der tisch gleichzeitig (in der Schöpfungswoche) geschaffen

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wurden und daß ihre Geschichte sich in Jahrtausenden drücklich darauf hingewiesen werden, daß aufgrund der
bemißt. Diese Voraussetzung läßt sich an der Fossilüber- hier vorgenommenen inhaltlichen Beschränkung nicht
lieferung testen. Es ist kein Geheimnis, daß die Regelhaf- der Anspruch erhoben wird, Argumente für Schöpfung
tigkeit der Fossilüberlieferung und insbesondere das sy- seien zugleich auch Argumente für Gleichzeitigkeit der
stematische Fehlen vieler heute vorkommender Grund- Erschaffung und für eine junge Schöpfung. Die Fragen,
typen und ganzer höherer Taxa im Paläo- und Mesozoi- die sich aus der Vorgabe einer Gleichzeitigkeit der Er-
kum der Gleichzeitigkeit der Erschaffung aller Grundty- schaffung und einer kurzen Erdgeschichte ergeben, müs-
pen entgegensteht. Für viele Kritiker ist die Gleichzeitig- sen an anderer Stelle diskutiert werden.7
keit der Erschaffung der Grundtypen daher falsifiziert.
Die damit verbundenen Fragen betreffen vor allem die Bevor die in diesem Kapitel aufgeworfenen Fragen in
Geologie und werden hier nur am Rande diskutiert. Angriff genommen werden, ist es erforderlich, zunächst
Vor diesem Hintergrund soll an dieser Stelle aus- die Besonderheiten historischer Forschung zu diskutieren.

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4. Besonderheiten der Erforschung der Vergangenheit

Naturwissenschaften arbeiten empirisch. Das heißt: Ihre Vorgänge untersuchen könnte. Der Nachweis, wie das
Aussagen müssen einen Bezug zu beobachtbaren Tatsa- Leben auf der Erde entstanden ist, kann so nicht geführt
chen haben. Gegenstand der Naturwissenschaft ist der werden. Denn die damaligen Randbedingungen werden
Bereich der Natur, der sich durch systematische For- vermutlich für immer weitgehend unbekannt sein.
schung gesetzmäßig beschreiben läßt. Um diese Gesetze
zu gewinnen, ist es notwendig, von „Daten“ oder „em-
pirischen Befunden“ auszugehen. Diese werden durch 4.1 Erforschung von Gegenwart und
Naturbeobachtung oder gezielte Experimente gewonnen. Vergangenheit im methodischen Ver-
Die zugrundeliegenden Beobachtungen müssen wieder- gleich
holbar und vom Beobachter unabhängig sein. Diese Forde-
rungen gelten auch für die Beobachtung von Daten, die Die Informationen über die Geschichte des Lebens wer-
mit vergangenen Geschehnissen in Verbindung gebracht den aus geologischen Schichtfolgen, Fossilien, dem Bau
werden (z. B. Fossilfunde, Sequenzen von Makromolekü- und dem Erbgut der Lebewesen u. a. gewonnen. All dies
len usw.), auch wenn die vergangenen Abläufe selbst nicht liefert Indizien, die für die Rekonstruktion der vergange-
wiederholbar sind. Mit wiederholbarer Beobachtung ist nen Ereignisse und Abläufe herangezogen werden kön-
also nicht gemeint, daß beispielsweise von einer fossil nen. In diesem Sinne ist Ursprungsforschung metho-
erhaltenen Art immer wieder neue Exemplare gefunden disch der Geschichtswissenschaft vergleichar. Wir ver-
werden, sondern daß die betreffenden Funde verschie- werden daher im folgenden den normalerweise für die
denen Bearbeitern zugänglich sein müssen (und nach Menschheitsgeschichte gebrauchten Begriff „historisch“
Möglichkeit ein Konsens über die Ergebnisse erzielt wer- für die Erforschung der Geschichte der Lebewesen, also
den sollte, was bereits Schwierigkeiten bereiten kann). für die Erforschung von Prozessen und Abläufen, die in
Diese Bedingung zielt zum Beispiel darauf ab, daß Fossil- der ferneren Vergangenheit abgelaufen sind oder sein
funde der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen.
müssen, wenn sie in der Wissenschaft berücksichtigt wer- Die Naturgeschichtsforschung greift auf Ergebnisse
den sollen, und daß Behauptungen über empirische Be- der Naturwissenschaften zurück:
funde von jedem entsprechend geschulten Forscher nach- • Zum einen werden Daten gesammelt, die zu Bau-
vollzogen werden können. steinen in einer historischen Rekonstruktion werden kön-
In der Praxis haben Hypothesen und Theorien mei- nen. Im Rahmen des Evolutionsparadigmas befaßt sich
stens eine Vorrangstellung vor der Ermittlung von Da- die historische Evolutionsforschung mit solchen Daten.
ten, da sich aus ihnen die Forschungsrichtungen und -zie- Dabei kann es sich um Fossilien handeln; aber auch Daten
le sowie die zu erwartenden empirischen Befunde ablei- über den Bau, die Embryogenese oder das Erbgut heute
ten (Deduktion). Daher werden Theorien als auch als lebender Arten werden maßgeblich herangezogen.
hypothetico-deduktive Systeme bezeichnet. Das • Zum anderen wird auf dem Gebiet der kausalen
heißt: Aus Theorien werden Schlußfolgerungen abgelei- Evolutionsforschung (Ursachenforschung) empirisch
tet (Deduktion), die empirisch überprüft werden können. gearbeitet. Es ist möglich, Mechanismen und Vorgänge,
Diese Vorgehensweise wird auch als sog. „Hempel-Op- die eine Höherentwicklung der Organismen bewirken
penheim-Schema“ der Erklärung bezeichnet (auch kurz sollen, im Freiland oder experimentell zu untersuchen.
H-O-Schema), benannt nach dem Philosophen C. G. HEM- Daraus ergeben sich weitere Daten zum Verständnis der
PEL (1905-1997) und dem Wissenschaftstheoretiker Paul Geschichte der Lebewesen.
OPPENHEIM (1885-1977). Die Methode der Naturwissenschaft umfaßt auf em-
Die Geschichte des Lebens kann nur bedingt mit pirischer Seite die systematische Beobachtung des Na-
Methoden der empirischen Wissenschaften rekonstru- turgeschehens, gezielte Messungen und Experimente,
iert werden. Denn die Entstehung sowie die Geschichte und auf der theoretischen Seite die wissenschaftliche
der Lebewesen auf unserem Planeten ist einmalig, nicht Begriffs- und Theorienbildung. Dazu gibt es einige Paral-
reproduzierbar und nicht direkt beobachtbar. Es ist ja nicht lelen zu historischen Rekonstruktionen, allerdings beste-
möglich, die Geschichte der Lebewesen genauso wie heu- hen bedeutsame Unterschiede:
tige Tatsachen durch experimentelle Studien oder durch
direkte Beobachtung zu rekonstruieren. • Experimente zu den historischen Abäufen sind
Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Gesetzt den Fall, grundsätzlich nicht möglich. Die Möglichkeit der Prü-
man könnte im Labor ein Lebewesen de novo herstellen. fung ist damit eingeschränkt, mit entsprechend größeren
Dadurch könnte allenfalls gezeigt werden, auf welche Unsicherheiten sind daher aber auch teilweise die getrof-
Weise Leben entstehen kann und wie es auf der Urerde fenen Aussagen behaftet. Das gilt auch für manche nicht-
entstanden sein könnte. Ob es aber wirklich so gewesen historische Theorien (Schwarze Löcher, Meteorologie),
ist, ob die Randbedingungen im Labor mit denen auf denn auch dort ist die Testbarkeit eingeschränkt. Man
einer frühen Erde vergleichbar sind usw. ist damit aber könnte einwenden, es seien Simulationsexperimente mög-
nicht gezeigt. Ein „Beweis“ wäre nur möglich, wenn man lich. Das trifft zwar zu, aber solche Experimente zeigen
mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit reisen und höchstens auf, was unter bestimmten Randbedingungen
ein Entwicklungsgeschehen genauso wie gegenwärtige möglich ist, nicht aber, ob diese Randbedingungen in der

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Vergangenheit realisiert waren und ob die als möglich er- lich, wenn bestimmte Randbedingungen zugrundege-
wiesenen Abläufe wirklich geschehen sind.7A legt werden. Die Glaubwürdigkeit der Extrapolationen
steht und fällt damit, inwieweit die Randbedingungen
• Es gibt keine Möglichkeit zur Reproduktion zutreffen. Die historischen Randbedingungen sind aber
der Abläufe – man kann die Geschichte des Lebens nicht nicht direkt zugänglich und müssen hypothetisch vorge-
noch einmal von vorne starten lassen. Dagegen wird geben werden. Als Beispiel sei die Reaktivierbarkeit von
wiederum eingewendet, daß die Unmöglichkeit der Re- Mikroorganismen aus sehr alten Gesteinen genannt. Auf
produktion nicht an der Historie liege, sondern an der der Basis heutiger Kenntnisse aus der Molekularbiologie
Kompliziertheit des untersuchten Forschungsgegenstan- und Biochemie kann man extrapolieren, daß Mikroorga-
des, also an der Komplexität der Wechselwirkung von nismen nur eine begrenzte Zeit haltbar sind, wenn sie
Systemen. Doch dieser Einwand ändert nichts an der von Wasser- und Nahrungszufuhr abgeschnitten sind.
Tatsache, daß die Testbarkeit u. U. extrem eingeschränkt Wie kann man vor diesem Hintergrund mit den mittler-
ist. Außerdem sei daran erinnert, daß eine Reproduktion weile zahlreichen Befunden umgehen, daß Millionen Jahre
der mit der Theorie verknüpften Beobachtungen in jedem (bis zu einer halben Milliarde Jahre) alte Mikroorganis-
Fall gegeben sein muß. Bei Gegenwartsprozessen kann men noch kultivierbar sind? (BINDER 2001). Nach gegen-
darüber hinaus auch der untersuchte Vorgang reprodu- wärtigem Verständnis müßte eine Extrapolationen auf
ziert werden (das gilt in gewissem Sinne selbst für Phäno- der Basis heute bekannter Gesetzmäßigkeiten zum Schluß
mene, die als Schwarze Löcher gedeutet werden, denn führen, daß die hohen Alter nicht zutreffen. Alternativ
die entsprechenden Beobachtungen können auch wie- könnte eine Kontamination angenomen werden, obwohl
derholt an verschiedenen Objekten gemacht werden). Bei das in vielen Fällen als ausgeschlossen gilt. Oder es waren
einmaligen Vorgängen in der Vergangenheit ist das nicht unbekannte Mechanismen am Werk, welche die Bakteri-
möglich. Darüber hinaus können hier Daten aufgrund en in einem „subvitalen“ Zustand erhalten konnten, der
späterer Prozesse unwiderbringlich verlorengehen. ein Überleben über Jahrmillionen hinweg ermöglicht.
Gab es also in der Vergangenheit besondere, uns bislang
• Der untersuchte Gegenstand (der vergangene Ab-
unbekannte Randbedingungen, die die Lebensfähigkeit
lauf) ist einmalig; gesetzhafte Aussagen („Wenn X ein-
dieser Mikroorganismen erhalten haben? Auf welcher
tritt, dann geschieht Y“) sind daher nicht möglich, da hier
Basis soll also extrapoliert werden?
regelhafte (immer wieder gleichförmig verlaufende) Pro-
zesse nicht Gegenstand der Untersuchungen sind. Es gibt • Die Datenbasis ist oft sehr schmal und kann oft
zwar „Evolutionsregeln“ wie die Dollosche Regel oder nicht gezielt erweitert werden. Beispielsweise stehen von
die Copesche Regel, aber dazu gibt es viele Ausnahmen; der Fossilgeschichte einer Art in vielen Fällen nur wenige
von Gesetzen kann nicht gesprochen werden. Einzelhy- bruchstückhafte Momentaufnahmen zur Verfügung, also
pothesen, die in ein Ablaufszenario eingebettet sind, kön- nur winzige Bruchteile eines längeren Vorgangs, der er-
nen dagegen leichter prüfbar sein, z. B. gegenwärtige schlossen werden soll. Dagegen konnte z. B. die Frucht-
Struktur-Funktions-Beziehungen, die in phylogenetischen fliege Drosophila schon über tausend Generationen hin-
Hypothesen berücksichtigt werden müssen; oder es kann tereinander experimentell studiert werden.
anhand von Beobachtungen an heutigen Ökosystemen Wenn die Datenbasis schmal ist, bietet sie unter Um-
beispielsweise die Plausibilität von Selektionsbedingun- ständen mehrere verschiedene Möglichkeiten, die vorliegen-
gen abgeschätzt werden, die in der Vergangenheit bei den Daten in ein stimmiges Ablauf-Szenario einzubauen.
evolutionären Veränderungen eine Rolle gespielt haben Man kann diese Situation mit einem Schaukasten verglei-
könnten. chen, der vor einem Kino steht. Darin mögen fünf oder
sechs Szenenfotos abgebildet sein. Ohne einen beigefüg-
• Ein weitere Besonderheit historischer Forschung
ten Text wird man sich schwer tun, daraus eine Hand-
ist die Notwendigkeit von Extrapolationen, um Aussa-
lung zu rekonstruieren, und noch viel weniger wird eine
gen über vergangene Prozesse machen zu können. Auch
solche Rekonstruktion in eindeutiger Weise möglich sein.
an diesem Sachverhalt kommt der Unterschied zwischen
Andererseits gibt es aber auch die Erfahrung, daß es bei
Gegenwartsanalyse und Geschichtsrekonstruktion zum
zunehmender Datenfülle immer schwieriger wird, ein
Tragen, wie RIEPPEL & GRANDE (1994, 228) anhand des
widerspruchsfreies Ablaufszenario zu entwickeln („The
Evolutionsparadigmas deutlich machen: „Microevolutio-
more you know the harder it is“ – Clark HOWELL). Ein
nary process is sometimes observable, while macroevo-
beredtes Beispiel dafür liefert die Entwicklung der Palä-
lutionary process (e. g., speciation) is never definitively
anthropologie der letzten 20 Jahre (vgl. HARTWIG-SCHE-
observable, but is instead an extrapolation of microevo-
RER & SCHERER 2003).
lutionary processes to explain phylogenetic patterns.“
Die Autoren stellen weiter fest (S. 231f.): „How do we • Die Testbarkeit von Hypothesen über vergange-
know what taxa are, how new species originate, and how ne Abläufe ist nur sehr eingeschränkt gegeben. Beispiels-
natural groups diversify through speciation? All we ob- weise kann man leicht überprüfen, ob der sogenannte
serve are organisms, their geographic occurrence, their Urvogel Archaeopteryx eine Merkmalsmischung aus Di-
characters ..., and the change those characters undergo nosaurier- und vogeltypischen Merkmalen besitzt. Dies
during individual development (ontogeny).“ (Das Bei- ist durch direkte Beobachtung möglich. Dagegen ist die
spiel der Artbildung im Zitat von Rieppel & Grande eig- Frage, ob der Urvogel von Dinosauriern abstammt, al-
net sich allerdings nicht als Beispiel für Makroevolution.) lenfalls indirekt im Rahmen komplexer Theorien testbar.
Extrapolationen in die Vergangenheit sind nur mög- BOCK (2000a, 478) stellt in diesem Sinne fest: „... it is

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argued that test of historical-narrative evolutionary ex- ders dar als die Erforschung gegenwärtiger, regelhafter
planations, including classifications and phylogenies, is Vorgänge. Nur in sehr formaler Hinsicht kann eine me-
generally difficult to impossible because of the lack of thodische Gleichheit von Gegenwartsanalyse und histo-
the necessary objective empirical observations.“ rischer Rekonstruktion behauptet werden (vgl. HÜBNER
1975). So kann die hypothetico-deduktive Methode
• Es sind kaum Vorhersagen und kaum strikte (Hempel-Oppenheim-Schema; s.o.) in beiden Fällen an-
Falsifizierungen möglich (vgl. Abschnitt 5.2). In vielen gewendet werden. Wissenschaftliche Erklärungen bein-
Fällen können höchstens Retrodiktionen formuliert wer- halten Ableitungen von Ereignissen aus Randbedingun-
den, also Erwartungen über Dinge, die früher passiert gen und allgemeinen Gesetzesaussagen. Wie dargelegt
sein müssen oder Erwartungen von Fossilfunden, die fehlt aber von den vergangenen Geschehnissen eine si-
man entdecken sollte, wenn die zugrundeliegende Hypo- chere Kenntnis der Randbedingungen. Und welche allge-
these zutrifft. Beispielsweise gab es jahrzehntelang fol- meinen Gesetze es gibt, die anwendbar sind, steht oft
gende Hypothese über die Entstehung von Vierbeinern gerade zur Disposition.
aus Fischen: Die Vorfahren der Vierbeiner waren einem Man könnte die genannten Unterschiede in der Erfor-
ökologischen Stress durch Austrocknen der Tümpel, in schung von Gegenwart und Vergangenheit an der Ver-
denen sie lebten, ausgesetzt. Diejenigen Fische, die in der schiedenheit der Komplexität des untersuchten Gegen-
Lage waren, mit etwas veränderten Flossen zum näch- standes festmachen. Naturwissenschaft hätte es demnach
sten Tümpel zu kriechen, konnten überleben. Unter die- mit relativ einfachen, Geschichtswissenschaft dagegen
sem Auslesedruck sollen sich die Landextremitäten gebil- mit sehr komplexen Systemen zu tun. Die Unterschiede
det haben. Damit war eine der nötigen Voraussetzungen sind an den Extremen aber so groß, daß sie mehr als nur
für die Eroberung des Festlandes gegeben. Wie konnte quantitativer Natur sind. Um es beispielhaft auf den Punkt
eine solche Hypothese geprüft werden? Offenkundig zu bringen: Die Gesetzmäßigkeit beim freien Fall ist me-
enthielt sie viele spekulative Elemente und war nur sehr thodisch wohl kaum noch auf gleiche Weise erforschbar
schwammig formuliert. Dennoch konnte man aus ihr die wie die Gesetzmäßigkeit, die zur Entstehung einer Vogel-
Vorhersage ableiten, dass Extremitäten mit Fingern nur feder führt (sollte es eine solche überhaupt geben). Ein
bei mindestens teilweise landlebenden Wirbeltieren vor- übergreifendes Wissenschaftskonzept müßte daher sehr
kommen würden. So hat man das in der Paläontologie flexibel gestaltet werden, wenn es die Extreme in der
auch lange gesehen. Später wurden dann aber Wirbeltie- Komplexität der Forschungsgegenstände umfassen soll.8
re entdeckt, die eine typische Vierbeiner-Extremität (mit Die geschilderten Besonderheiten historischer For-
Fingern) besaßen, aus deren sonstigem Körperbau aber schung führen noch zu einer weiteren wichtigen Schluß-
ein ausschließliches Wasserleben gefolgert werden muß- folgerung: Bei historischen Fragestellungen sind nur
te. Daher vermuten Evolutionstheoretiker nun, die Vier- Plausibilitätsbetrachtungen möglich. Die Erfahrung
beiner-Extremität sei bereits bei ausschließlich im Wasser zeigt, daß dabei subjektive Einschätzungen eine relativ
lebenden Tetrapoden entstanden (CLACK 2002). Doch auch große Rolle spielen können.
dieses Szenario ist kaum prüfbar; es kann nur eine Plausi-
bilitätsbetrachtung vorgenommen werden, bei der die
relevanten Fossilfunde berücksichtigt und Selektionsdrük- 4.2 Historisch-narrative und nomolo-
ke plausibel gemacht werden müssen (JUNKER 2005). Das gisch-deduktive Erklärungen
alte Szenario ist damit auch nicht endgültig widerlegt, es
ist nur noch unplausibler geworden, als es ohnehin schon Manche Autoren unterscheiden im Zusammenhang mit
war. Ursprungsfragen in der Biologie zwischen „nomologisch-
Zum Verständnis des Begriffs „Vorhersage“ soll noch deduktiven“ und „historisch-narrativen“ Erklärungen (z.
eine Anmerkung angefügt werden. Dieser Begriff kann B. SZALAY & BOCK 1991). Nomologisch-deduktive Er-
als Zukunfts-Vorhersage zu verstehen sein („wie wird sich klärungen (N-D E) sind solche, die auf hypothetische
etwas zukünftig entwickeln?“) oder als Prognose auf der Gesetzmäßigkeiten (nomos = Gesetz) Bezug nehmen,
Basis von Hypothesen oder Theorien („wenn eine Hypo- aus welchen konkrete testbare Schlußfolgerungen abge-
these stimmt, dann sollten diese oder jene Dinge beobachtet leitet (deduziert) werden. Diese werden dann durch Frei-
werden“). Der Gebrauch dieses Begriffes ist in diesem landbeobachtungen oder Laborexperimente überprüft.
Artikel nicht einheitlich möglich; wie er jeweils gemeint Historisch-narrative Erklärungen (H-N E) dagegen
ist, ergibt sich aus dem jeweiligen Zusammenhang. versuchen das vorhandene Belegmaterial durch ein mut-
maßliches historisches Ablaufszenario (eine Erzählung =
Schlußfolgerungen. Wesentliche Besonderheiten der lat. narratio) zusammenzufügen, wobei solche Szenarien
historischen Forschung in der Biologie bestehen in zwei bekannten Gesetzmäßigkeiten nicht widersprechen dür-
Punkten: fen (BOCK 2000a, 482). Die Plausibilität von historisch-
1. Die Randbedingungen sind historisch einmalig und narrativen Erklärungen hängt also davon ab, ob und wie sie
können für jedes Merkmal und jede Art verschieden sein. nomologisch-deduktive Aspekte berücksichtigen.
2. Gesetzhafte Aussagen über die vergangenen Ab- BOCK (2000b, 34) betont, daß sich H-N E scharf von
läufe können im Bereich der Makroevolution nicht als N-D E unterscheiden und daher beide separat analysiert
gesichert gelten. werden müssen. N-D E gelten für Universalien, hängen
Aus diesemGründen stellt sich die Rekonstruktion ver- nicht von der vergangenen Geschichte der Objekte ab,
gangener Abläufe methodisch in mancher Hinsicht an- die erklärt werden sollen, und ihre Prämissen werden als

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generell gültig angenommen. plausible, oft nur als mögliche, keinesfalls aber als zwingen-
Weiter wird gefordert: H-N E müssen relevante N-D de Deutungen gelten. In dieser Situation kommt den N-D
E benutzen. Ihre Objekte sind jedoch Singularitäten und E eine besondere Bedeutung zu, denn sie geben einen
betreffen definierte räumlich-zeitliche Positionen (BOCK maßgeblichen Hinweis darauf, welche H-N E überhaupt
2000b, 35). Das heißt aber auch, daß H-N E abgewiesen diskutabel ist. Dennoch bezweifelt NEUKAMM (2005b) den
werden können, wenn die N-D E, auf die Bezug genom- Wert des Gesetzes der rekurrenten Variation für die Evo-
men wird, sich nicht bewährt haben. Das wiederum heißt lutionsbiologie. Es sei bestenfalls dann plausibel, „wenn
konkret: Die historische Evolutionsforschung darf nicht alle genannten Evolutionsbelege unter den Tisch fallen“.
von der kausalen abgekoppelt werden (vgl. Abschnitt Doch hier operiert NEUKAMM mit einer Voraussetzung ,
5.4). „Hence any H-N evolutionary explanation is abso- die nicht gegeben ist: Die Evolutionsbelege sind nämlich
lutely dependent on well-tested and corroborated N-D nicht stichhaltig (Junker & Scherer 2001) und sprechen
Es, both functional and evolutionary“ (BOCK 2000b, 41). nicht zwingend für Makroevolution. Sie fallen auch kei-
Als Beispiel nennt BOCK (2000b, 40) die sog. „Kritische neswegs unter den Tisch, sondern stehen für alternative
Evolutionstheorie“ der Frankfurter Arbeitsgruppe für Deutungen offen.9 Vor diesem Hintergrund kann eine
Phylogenetik: „A notable exception to ignoring functio- empirisch vielfach erfolgreich getestete (und falsfizierba-
nal explanations is found in the extensive analysis of re) Gesetzmäßigkeit wie das Gesetz der rekurrenten Va-
phylogenetic reconstruction of many groups of animals riation nicht einfach übergangen werden.
by members of the Frankfurt Group under the leadership
of Professor Wolfgang Gutmann in that their H-N evolu- Falsifizierung von H-N E
tionary explanations are firmly based on N-D functional Sowohl N-D E als auch H-N E sind gemessen am Abgren-
explanation“ (BOCK 2000b, 40). zungskriterium für Wissenschaftlichkeit nach POPPER in-
BOCK (2000b, 35) nennt folgende Aspekte von H-N E: sofern wissenschaftlich, als beide Tests und Falsifizierung
• H-N E sind historisch, das heißt frühere Ereignisse anhand objektiver, empirischer Daten erlauben (BOCK
beeinflussen spätere. 2000b, 35). Allerdings sind solche Tests bei H-N E oft
• Zu H-N E können nur Wahrscheinlichkeitsaussa- sehr schwierig und nicht zwingend. Darüber hinaus wird
gen über ihre Gültigkeit gemacht werden. (Es kann sein, die Möglichkeit einer Falsifizierung von H-N E von man-
daß widersprüchliche N-D E zugrundelegt werden oder chen Autoren verneint – entgegen anderslautender State-
daß es Unsicherheiten über Randbedingungen gibt; vgl. ments in der Literatur. H-N E werden nicht durch Falsifizie-
Abschnitt 4.1) rung getestet, sondern gewöhnlich durch Bestätigungen durch
• H-N E müssen auf relevanten N-D E aufgebaut weitere stützende Daten (BOCK 2000b, 35; vgl. SZALAY &
werden; diese bilden zusammen mit den empirischen BOCK 1991, 8). Ebenso halten MAHNER & BUNGE (2000,
Daten die Basis für die Prüfung. 341) die Synthetische Evolutionstheorie in ihrer allge-
• H-N E sind nicht generell gültig (z. B. wenn man meinen Form nur für bestätigbar, nicht für widerlegbar.
wüßte, wie die Homoiothermie bei den Säugetieren ent- RIEPPEL (1997) schreibt zu dieser Problematik: „Be-
standen ist, wüßte man deshalb noch nicht, wie sie bei cause History is a unique process, predictions are impos-
den Vögeln entstanden ist). sible, and falsificationism in a strict sense cannot apply.“
Als Beispiel für die Problematik von H-N E nennt Über den Cladismus stellt er fest: „Additional measures
BOCK (2000a, 478) Theorien zur Entstehung der Vogelfe- have been introduced, not to test, but to support hypo-
der: „Because of the lack of knowledge about the roles theses of relationships, such as bootstrapping, jackkni-
and ecological relationships of protofeathers and of the fing, the Bremer decay index, and stratigraphy. All these
most primitive feathers, it is not possible to test strongly measures reflect a verificationist perspective. No boots-
either of these theories, or others as proposed in this trap value, no decay index, and no missing fossil will ever
symposium, against objective empirical evidence to de- have the power to refute any hypothesis of relationship.
termine which is falsified or is the most probable“ (BOCK In that sense, these support measures transcend the limits
2000a, 478). of empirical knowledge, and lay claim to truth.“10 An
Aus der aktuellen Diskussion über „Kreationismus“ dieser Stelle kann auch darauf hingewiesen werden, daß
und „Intelligent Design“ sei ein weiteres Beispiel heraus- auch sehr niedrige Konsistenz-Index-Werte von Clado-
gegriffen, das „Gesetz der rekurrenten Variation“ (LÖNNIG grammen (das bedeutet das zahlreiche Vorkommen von
1995) . Dieses Gesetz beschreibt das Phänomen des häu- Konvergenzen; vgl. Abschnitt 5.2) als nicht weiter pro-
figen Wiederkehrens derselben Mutationen; die Anzahl blematisch für das Evolutionsparadigma betrachtet wer-
der verschiedenen Mutationen nähert sich dabei asym- den. Das Merkmalsspektrum kann sehr unterschiedlich
potisch einer Maximalzahl. Dieses Gesetz ist empirisch verteilt sein, ohne daß eine Falsifizierung des Evolutions-
sehr gut belegt. Diese vielfach dokumentierte Regelhaf- paradigmas erwogen wird.
tigkeit des Mutationsgeschehens deutet auf ein begrenz- Die Forderung der Falsifizierbarbeit impliziert, daß
tes Variationspotenteil der Lebewesen hin. Evolutionäre bestimmte Aussagen bzw. Befunde verboten sein müssen,
Erklärungen können an diesem Gesetz nicht vorbei, wenn wenn die zugrundeliegende Hypothese oder Theorie die
sie eine relevante N-D E nicht einfach ignorieren wollen. Wirklichkeit korrekt beschreibt. Hier kann man fragen:
Dies gilt umso mehr, als es eine umfassende N-D E für Welche Verbote gibt es im Rahmen des Evolutionspara-
Makroevolution nicht gibt. Wesentliche Inhalte der Evo- digmas? Insbesondere aber: Welche Verbote gibt es spe-
lutionsanschauung sind nur beschreibend, und die evolu- zifisch im Rahmen des Evolutionsparadigmas, die es nicht
tionären Interpretationen der Daten können allenfalls als auch im Rahmen des Schöpfungsparadigmas gibt? Diesen

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Fragen widmet sich Kapitel 5. Prognosen zu liefern. MAHNER (1986, 42) schreibt dazu:
„Im Gegensatz zu den sogenannten ‘exakten’ Wissen-
Sind H-N E überhaupt Erklärungen? schaften ergibt sich für die Evolutionstheorie eine beson-
MAHNER & BUNGE (2000) gehen noch etwas weiter als dere Schwierigkeit bei der Kausalerklärung. Wenn man
BOCK und betrachten H-N E gar nicht als Erklärungen, auch hier dem Schema der deduktiv-nomologischen Er-
sondern als bloße Beschreibungen (S. 343f.). Theorien klärung folgen will, müßte für jedes Merkmal eines Lebe-
stellen die allgemeinen Mechanismen von Vorgängen wesens gezeigt werden, unter welchen Randbedingun-
dar und beinhalten nicht nur Beschreibungen; dies müsse gen die Merkmalsevolution durch das Zusammenspiel
hervorgehoben werden, „weil bloße Beschreibung allzu der bekannten Evolutionsfaktoren in jedem Einzelschritt
oft als Theorie durchgeht“ (S. 337). Im Blick auf die verlaufen ist und wie der ‘Umbau’ von Strukturen bei
Evolutionstheorie stellen diese Autoren fest, daß es zwar voller Gewährleistung ihrer Funktionalität und Adaptivi-
die Selektionstheorie und die Populationsgenetik als um- tät in jedem Zwischenstadium stattgefunden hat. Gerade
fassende Theorien gebe, andere Komponenten der Evo- die Randbedingungen, wie z.B. ökologische Wechselbe-
lutionstheorie aber „in bloßer Historiographie bzw. in der ziehungen und andere historische Umstände und Zufälle
Rekonstruktion der Phylogenese“ bestünden. Nötig wäre aller Art, sind dabei in jedem Einzelfall nicht nur anders,
aber eine Theorie der Mutation und eine Theorie der sondern auch einmalig und mithin konstitutiv für das zu
Entwicklung (S. 337). Da viele Komponenten der Evolu- betrachtende biologische System, d.h. der Biologe kann
tionstheorie nur beschreibend seien, nehme es daher kein allgemeingültiges Problemlösungsverfahren geben
„nicht wunder, daß oft geglaubt wird, die ET [Evolutions- wie die Physiker, für den die Randbedingungen mehr
theorie] beinhalte sogenannte narrative Erklärungen an- oder weniger austauschbar sind.“ Das Besondere an ver-
stelle deduktiv-nomologischer. Doch ohne Bezug auf Me- gangenen Vorgängen ist ihre Einmaligkeit und die Un-
chanismen sind evolutionäre Szenarios und phylogenetische möglichkeit, ihre Abläufe durch Gesetzmäßigkeiten vor-
Rekonstruktionen bestenfalls Beschreibungen, aber keine Er- herzusagen oder auch im Nachhinein aus jeweiligen Vor-
klärungen. Als solche gehören sie in die Naturgeschichte bedingungen abzuleiten. GOULD (1991) geht sogar soweit
(genauer: Naturgeschichtsschreibung) und nicht zur ET, (und dürfte damit nicht alleine stehen) und behauptet,
die eine Theorie über die Mechanismen der Evolution ist daß die Evolution ganz anders verlaufen würde, würde
und sein sollte. Falls erklärend, werden evolutionäre Mo- man sie ein zweites Mal auf dem Stand des Kambriums
delle Gesetze und Mechanismen umfassen, obwohl diese beginnen lassen.
nicht unbedingt deduktiv-nomologisch formuliert sein Wenn evolutionstheoretisch im Bereich Makroevolu-
müssen“ (MAHNER & BUNGE 2000, 343f.). Einige Teildiszi- tion aber de facto nur Beschreibungen hypothetischer ver-
plinen der Synthetischen Theorie wie die funktionelle gangener Abläufe und mithin nur Deutungen im Nachhin-
Morphologie, Ökologie oder Entwicklungsbiologie schei- ein möglich sind, kann diese Vorgehensweise im Rahmen
nen eher desktiptiv als theoretisch und mechanismisch des Schöpfungsparadigmas nicht kritisiert werden. Denn
zu sein (S. 335). in beiden Paradigmen gilt: Es fehlt eine umfassende Kau-
Aus den Ausführungen von MAHNER & BUNGE kann saltheorie und es liegen Indizien vor, die in ein Gesamtbild
man folgern, daß die (hypothetische) Makrovolution der eingeordnet werden. MAHNER & BUNGE (2000, 341) stellen
Lebewesen bislang nicht theoretisch beschrieben ist. Denn folgerichtig fest: „Da die ET ein System von Theorien ist,
Selektionstheorie und Populationsgenetik, die als umfas- nimmt es nicht wunder, wenn sie nur indirekt geprüft
sende Theorien gelten können, stehen in keinem nach- werden kann, nämlich durch Tests der Teiltheorien. Doch
gewiesenen Zusammenhang mit Makroevolution (und selbst diese Teiltheorien sind nur schwer zu überprüfen.
haben ihren Platz auch im Rahmen des Schöpfungspara- [...] Ähnliches gilt für die Synthetische Theorie, die in
digmas!). Andere Bestandteile der Evolutionsanschau- ihrer allgemeinen Form nur bestätigbar, aber nicht wi-
ung sind nur beschreibend (MAHNER & BUNGE [2000, 335] derlegbar ist.“
nennen die funktionelle Morphologie, Ökologie und Ent- Aus alledem kann gefolgert werden: Wenn es für den
wicklungsbiologie). Evolutionsablauf keine allgemeingültige N-D E gibt, dann
Hier macht sich der Unterschied zwischen Gegenwarts- ist das Evolutionsparadigma wissenschaftstheoretisch gese-
analyse und Geschichtsrekonstruktion deutlich bemerkbar. hen in keiner anderen Situation als das Schöpfungsparadig-
Solange es keine kausalen Gesetzesaussagen über das ma.
Auftreten von Mutationen gibt, sind evolutionstheore- Interessanterweise sprechen MAHNER & BUNGE (2000,
tisch keine Vorhersagen, sondern nur Deutungen im Nach- 342) davon, daß es neben direkten Belegen „Indizienbele-
hinein möglich. Aber auch die hypothetische evolutionä- ge“ und „historische Belege“ für die Evolutionstheorie (i. S.
re Vergangenheit läßt sich nicht von Gesetzmäßigkeiten des Evolutionsparadigmas nach unserer Definition in
ableiten. Das hat einen theoretischen und einen prakti- Kapitel 2) gebe. Dabei betreffen die direkten Belege nur
schen Grund. Zum einen hängt der Evolutionsprozeß den mikroevolutiven Bereich, sie sind also nicht spezi-
von zahllosen Zufällen ab: Welche Mutationen treten fisch für das Evolutionsparadigma. Die von den Autoren
gerade auf ? Welche Umweltbedingungen herrschen ge- genannten Indizienbelege wiederum haben keinerlei Be-
rade? usw. (vgl. MAHNER & BUNGE 2000, 343). Zum ande- weiskraft und erlauben großenteils auch Deutungen im
ren wissen wir viel zu wenig über die vergangenen Rand- Rahmen des Schöpfungsparadigmas. Wir kommen zum
bedingungen. Selbst wenn wir über eine umfassende Ergebnis, daß Makroevolution methodisch anders begrün-
Kausaltheorie der Evolution verfügen würden, fehlten det wird als Hypothesen und Theorien von Gegenwartspro-
uns die jeweiligen Ausgangsbedingungen, um konkrete zessen.

14
Trotz aller genannten Einschränkungen halten MAH- ausgelöst wurde. Die Einbeziehung willkürlicher Eingriffe
NER & BUNGE an der Wissenschaftlichkeit des Evolutions- Gottes in das gegenwärtig Beobachtbare würde die na-
biologie fest, da von Gesetzesaussagen Gebrauch ge- turwissenschaftliche Erkenntnismethode zunichte ma-
macht werde, die in anderen Disziplinen formuliert wur- chen. Offenbar funktioniert diese Methode jedoch. Aber
den (MAHNER & BUNGE 2000, 344); ganz im Sinne der oben sie hat wie jede Methode ihren Anwendungsbereich und
referierten Ausführungen von BOCK (2000a; 2000b) über damit ihre Grenzen. Wie an anderer Stelle (Abschnitt 5.8)
die Verflochtenheit von H-N E mit N-D E. Dies gelte erläutert, könnte ein Augenzeuge mit der naturwissen-
selbst wenn die Evolutionsbiologie keine eigenen Geset- schaftlichen Methode das Wunder der Verwandlung von
zesaussagen produzieren würde. „[D]ie Evolutionsbiolo- Wasser in Wein (Johannesevangelium, 2. Kapitel) nicht
gie wäre immer noch eine wissenschaftliche Disziplin, erfassen. Der Naturwissenschaftler könnte nur die Zu-
weil sie von Gesetzesaussagen aus Genetik, Entwicklungs- sammensetzung der Flüssigkeit vor und nach dem Wun-
biologie, Selektionstheorie, usw. Gebrauch macht“ (MAH- der analysieren, den Vorgang der Verwandlung aber nicht
NER & BUNGE 2000, 344). Genau dies trifft aber auch auf aufklären. Dennoch könnte er diese Realität nicht mit
das Schöpfungsparadigma zu (Kapitel 6). dem Argument bestreiten, daß er sie mit seiner For-
schungsmethode nicht aufklären kann. Er stünde viel-
mehr an einer Grenze seiner Methode. (In Abschnitt 5.8
4.3 Zwischenfazit wird erläuterrt, weshalb diese Methode deswegen nicht
ad absurdum geführt wird.)
Aus dem Gesagten kann eine Reihe von Schlußfolgerun- Erst recht kann der Naturwissensschaftler vergangene
gen gezogen werden: Geschehnisse dieser Art nicht unter Berufung auf seine
• Historische Theorien können kaum strikt falsifiziert Forschungsmethode leugnen. (Er kann dies freilich aus
werden, da es nur schwer möglich ist, strikt verbotene anderen Gründen tun.) Daß Gott in der Vergangenheit
Aussagen zu formulieren. auf eine übernatürliche Weise geschaffen hat, kann er
• Historische Theorien sagen bestimmte zu beobachten- nicht damit ausschließen, daß seine Forschungsmetho-
de Daten in der Regel nicht eindeutig voraus, sondern den nicht geeignet sind, ein solches Geschehen kausal zu
können meist nur ungefähre Erwartungen angeben. Die analysieren oder damit, daß das Schöpfungshandeln Got-
Daten werden gewöhnlich erst im Nachhinein im Rahmen tes nicht theoretisch beschrieben werden könne.
historischer Theorien gedeutet. Damit wird noch einmal aus einem anderen Blickwin-
• Historische Theorien können nur auf Plausibilität un- kel der Unterschied zwischen Gegenwartsanalyse und
tersucht werden; dabei können subjektive Einschätzun- Rekonstruktion von vergangenen Prozessen deutlich. In
gen nicht ausgeschaltet werden. In der Praxis bemühen der Gegenwartsanalyse haben wir einen viel unmittelba-
sich die Wissenschaftler daher um Verifizierung im Sinne reren Zugang zu den Prozessen, die wir untersuchen.
einer Plausibilitätssteigerung, Das gilt selbst für die Erforschung von Atomen oder
• Historische Theorien können nicht von Mechanismen- Schwarzen Löchern. Deren Existenz macht sich an ge-
fragen abgekoppelt werden. H-N E müssen N-D E be- genwärtig beobachtbaren Phänomenen bemerkbar und die-
rücksichtigen. se werden mit der naturwissenschaftlichen Methode er-
• Aus erfolgreichen Tests untergeordneter spezieller Hy- faßt. (Aber schon selbst bei diesen Vorgängen können
pothesen ergibt sich keine logisch zwingende Bestäti- wir Gottes übernatürliches Eingreifen nicht ausschlie-
gung des zugrundeliegenden Paradigmas, sondern ledig- ßen, wir stellen aber Gesetzmäßigkeiten fest und können
lich eine Stärkung der Plausibilität. daher folgern, daß sich Gottes Wirken – sofern wir damit
rechnen – in der Gegenwart in aller Regel nicht chaotisch
und unkontrollierbar ereignet. Wunder sind im Gegenteil
4.4 Naturgeschichte und göttliche gerade dadurch als solche erkennbar, daß sie nicht durch
Eingriffe Gesetzmäßigkeiten oder Regelhaftigkeiten erklärt wer-
den können.) Die vergangenen Abläufe, die damaligen
In Kapitel 2 wurde als ein Spezifikum des Schöpfungspa- Randbedingungen und die damals wirkenden Faktoren
radigmas herausgestellt, daß bestimmte göttliche Ein- sind uns nicht in vergleichbarer Weise zugänglich. Und
griffe vorausgesetzt werden oder daß die Möglichkeit für frühere Ereignisse können wir noch viel weniger
solcher Eingriffe offengehalten wird. Diese Möglichkeit ausschließen, daß Gott auf übernatürliche Weise gehan-
kann natürlich auch der Naturalist nicht zwingend aus- delt hat. Der strikte Ausschluß von Gottes schöpferi-
schließen, jedenfalls nicht unter Berufung auf empirische schem Wirken in der Vergangenheit kann mithin nur
Daten und schon gar nicht unter Berufung auf Metho- weltanschaulich begründert werden. An einem Zitat von
den der Erkenntnisgewinnung. Denn Methoden sind nur NEUKAMM (2004, 22) wird dies deutlich: „Die vorliegende
Werkzeuge und von Weltanschauungen unabhängig. Arbeit sollte lediglich deutlich machen, daß es für die
Natürlich ist es unbestritten, daß das Erkenntniswerk- freie Wissenschaft katastrophale Folgen hätte, würden
zeug der Naturwissenschaft ohne Einbeziehung eines religiöse Überzeugungen in wissenschaftliche Erkennt-
Schöpfers arbeitet. Der Chemiker versucht Regelhaftes nisse, Theorien und methodologische Denkvoraussetzun-
im Labor zu erfassen und rechnet nicht damit, daß bei gen eingebracht oder mit ihnen konkurrieren“ (Hervorhe-
einer chemischen Reaktion Gottes Finger im Spiel sind. bung im Original). NEUKAMM spricht hier faktisch das Ver-
Der Astronom geht davon aus, daß ein Blinken in den bot aus, Offenbarungsinhalte in Erklärungen über den
Fernen des Alls nicht durch einen Knopfdruck Gottes Ursprung der Welt zu berücksichtigen. Dies kann weder

15
durch empirische Befunde noch durch irgendeine wis- hen kann.Daß die Voraussetzung oder wenigstens das
senschaftliche Methode begründet werden. Denn als Offenhalten von Schöpfung Wissenschaft nicht behin-
Werkzeugekönnen Methoden nichts Erschöpfendes über dert, wird in Kapitel 6 in vielfacher Weise gezeigt. Die
die Beschaffenheit der Welt aussagen. Hier wird vielmehr „katastrophalen Folgen“, von denen NEUKAMM spricht,
eine intolerante Weltanschauung deutlich, die die Mög- sind nichts weiter als ein Strohmann.
lichkeit des Handelns eines souveränen Schöpfers, der Eine Wissenschaft, die alle denkbaren Optionen offen
durch sein Wort aus dem Nichts erschafft, a priori bestrei- läßt, wird also bei der Untersuchung der Ursprünge und
tet.11 Würde dies nicht bestritten, müßte man sich über- der Vergangenheit auch die Option „Schöpfung durch
legen, wie man methodisch mit dieser Offenheit umge- das Wort“ nicht a priori ausschließen.

16
5. Evolutionsparadigma und empirische Forschung

Vorbemerkungen Erwartungen an die Ergebnisse sind unter Umständen


verschieden. Viele weitere Beispiele könnten hier ange-
In diesem und dem folgenden Abschnitt geht es um das führt werden. Vermutlich ist der überwiegende Teil aller
Verhältnis von Paradigma und Forschung. Trotz der for- Forschungsergebnisse der Biologie unabhängig vom zu-
mal ähnlich lautenden Überschriften von Kapitel 5 und 6 grundeliegenden Ursprungsmodell (vgl. Abschnitt 6.2).
unterscheidet sich die Struktur der beiden Kapitel we-
sentlich. In Kapitel 5 werden bestimmte Ansprüche des Vorhersagen?
Evolutionsparadigmas und des Naturalismus in Frage Ein Großteil der Evolutionsforschung bewegt sich im
gestellt. Es wird also sozusagen eine negative Apologetik Rahmen von Mikroevolution, also einem Bereich, der
betrieben. Kapitel 6, in welchem es um das Schöpfungs- zwischen den beiden Ursprungsmodellen Evolution und
paradigma geht, präsentiert dagegen eine positive Apo- Schöpfung im Wesentlichen unstrittig ist. In diesem Be-
logetik in Form einer Darstellung dessen, was innerhalb reich sind Vorhersagen noch vergleichsweise leicht mög-
dieses Paradigmas an Forschung möglich ist. Der Grund lich und oft auch experimentell oder durch Beobachtun-
für diese unterschiedliche Behandlung liegt in der Zielset- gen im Freiland prüfbar. Beispielweise sind Vorhersagen
zung dieses Beitrags. Einerseits wird die Möglichkeit von möglich, wie sich Lebewesen im Laufe der Generationen
Wissenschaft im Rahmen des Schöpfungsparadigmas viel- verändern werden, wenn sich bestimmte Umweltpara-
fach rundweg bestritten. Andererseits wird dem Evoluti- meter verändern. Hierin unterscheiden sich die konkur-
onsparadigma ein zu großes Maß an Wissenschaftlich- rierenden Ursprungsmodelle nicht. (Allerdings dürften
keit und Objektivität zugeschrieben; durch diesen (ver- schon im mikroevolutiven Bereich viele Befunde, die
meintlichen, s. u.) Kontrast wird das Schöpfungsparadig- heute evolutionstheoretisch erklärt werden, nicht vor-
ma in noch schlechteres Licht gestellt. Beide Auffassun- hergesagt gewesen sein.)
gen sollen hinterfragt werden, und das erfordert eine ne- Ganz anders ist die Situation, wenn es um Vorhersa-
gative Apologetik in Kapitel 5 und eine positive in Kapitel gen im Bereich von Makroevolution geht. Es ist nicht
6. Die jeweils „fehlende Seite“ überlasse ich meinen Kriti- möglich, vorherzusagen, welche neuen Baupläne die Le-
kern. Im übrigen bestreite ich keineswegs, daß im Rah- bewesen sich in Zukunft evolutiv entwickeln werden.
men des Evolutionsparadigmas Wissenschaft möglich ist, Das wird von Evolutionstheoretikern gewöhnlich auch
Forschung angeregt wird und neue Erkenntnisse gewon- eingeräumt. Dennoch seien Vorhersagen in einem ande-
nen werden. Dies aber kann man vielfach nachlesen, und ren Sinne möglich: Man könne bestimmte Phänomene
daher muß eine positive Apologetik des Evolutionspara- (etwa im Fossilbericht oder im Erbgut heutiger Arten)
digmas hier nicht betrieben werden. Im zusammenfas- erwarten, wenn in der Vergangenheit Evolution abgelau-
senden Kapitel 7 versuche ich aber eine methodische fen ist. Oft genannt werden in diesen Zusammenhang die
Gleichbehandlung der beiden Paradigmen anhand einer hierarchisch gestaffelten Ähnlichkeiten unter den Lebe-
Tabelle durchzuführen, und stelle dieselben bzw. ver- wesen, die Reihenfolge der Fossilformen in der geologi-
gleichbare Fragen und Antworten einander gegenüber. schen Schichtenabfolge, Übereinstimmung der Dendro-
Im 2. Abschnitt wurde der Begriff „Evolutionspara- gramme bei Zugrundelegung morphologischer und mo-
digma“ eingeführt. Gemeint ist damit die nicht näher lekularer Daten und vieles andere. Außerdem mache das
konkretisierte Sicht von einer allgemeinen Abstammung Evolutionsparadigma Verbote an die Empirie: man kön-
aller Lebewesen von andersartigen Vorfahren – unab- ne aus ihm eine Menge von Beobachtungen ableiten, die
hängig von zugrundeliegenden Prozessen (die aber durch nicht gemacht werden dürfen, wenn es eine allgemeine
ausschließlich natürliche Prozesse erfolgen sollen) und Evolution der Lebewesen gegeben hat (vgl. dazu jedoch
Abläufen. Das im 4. Abschnitt Gesagte soll nun auf das Abschnitte 5.3 und 5.4). Dagegen könne das Schöpfungs-
Evolutionsparadigma angewendet werden. paradigma weder spezifische Vorhersagen über zu er-
wartende Befunde machen, noch bestimmte Befunde
ausschließen, da beliebige Daten erwartet werden könn-
5.1 Inwiefern ist das Evolutionsparadig- ten. Ob diese Behauptungen über das Schöpfungspara-
digma zutreffen, wird im 6. Kapitel untersucht. In diesem
ma heuristisch fruchtbar?
Kapitel geht es erst einmal um den Status des Evolutions-
Welche Erkenntnisse wurden nur deshalb gewonnen, weil paradigmas.
das Evolutionsparadigma vorausgesetzt wurde? Hätten Dazu ist zunächst noch einmal an die in Kapitel 2
diese Erkenntnisse im Rahmen eines Schöpfungspara- vorgenommene wichtige Unterscheidung zu erinnern,
digmas nicht ermittelt werden können? die Unterscheidung zwischen dem Evolutionsparadigma
Zweifellos regt das Evolutionsparadigma Forschung als Rahmenkonzept und bestimmten Evolutionstheorien,
an. Doch diese Forschung ist in der Regel auch unter der die innerhalb dieses Rahmens entwickelt werden. Evolu-
Vorgabe von Schöpfung von Interesse. Beispielsweise tionstheorien beschreiben zum einen Mechanismen, zum
wurden und werden taxonomische Untersuchungen vor- anderen hypothetische Abstammungsverhältnisse. (Am
genommen, um Abstammungsverhältnisse abzuklären. Rande vermerkt sei, daß beides auch Fragen sind, die sich
Genau dieselben Untersuchungen sind aber auch im Rah- im Rahmen von Schöpfungsmodellen stellen; verschie-
men des Schöpfungsparadigmas von Interesse, nur die den sind nur die Erwartungen an die Empirie; doch dazu

17
mehr in Kapitel 6.) Im folgenden wird es also nicht darum Weiteren an Beispielen gezeigt und es wird zu zeigen
gehen, ob Erwartungen spezieller Evolutionstheorien sein, daß in dieser Hinsicht Schöpfungs- und Evolutions-
oder evolutionärer Hypothesen formuliert und geprüft paradigma nicht grundsätzlich verschieden sind.
werden können – das ist zweifellos möglich –, sondern In der Praxis handelt es sich bei den vemeintlichen
ob aus dem allgemeinen Evolutionsparadigma solche Er- Vorhersagen an zu erwartende Befunde in der Regel um
wartungen und auszuschließende Befunde abgeleitet Deutungen im Nachhinein. Das ist legitim und meist
werden können. gar nicht anders möglich, sollte aber klar benannt wer-
Dazu soll zunächst folgende Behauptung aufgestellt den.
werden: Das Evolutionsparadigma nimmt Vorhersagen für Daß das oben genannte Beispiel vom genetischen
sich in Anspruch, die es gar nicht gemacht hat oder die nicht Code kein Einzelbeispiel ist, wird im folgenden Abchnitt
zwingend aus ihm folgen. Beispielsweise wird manchmal gezeigt.
die Universalität des genetischen Codes als evolutions-
theoretisch vorhergesagt und erfolgreich getestet ange-
führt. Doch konnte man die Universalität des genetischen 5.2 Evolution erklärt Sachverhalte und
Codes wirklich aus dem Evolutionsparadigma ableiten? ihr Gegenteil
Diese Frage stellt sich insbesondere angesichts der Tatsa-
che, daß die zur Entstehung des genetischen Codes er- Es gibt eine Reihe von Beispielen, wo im Rahmen des
forderlichen Mechanismen unbekannt sind. Mit welchem Evolutionsparadigmas „A“ und „Nicht-A“ zugleich „er-
aus dem Evolutionsparadigma resultierenden Argument klärt“ werden bzw. wo Befunde, die den Erwartungen
will man ausschließen, daß sich auch verschiedene Codes bestimmten Evolutionstheorien direkt entgegengesetzt
hätten entwickeln können? Auch das Leben selber hätte waren, das Paradigma nicht ins Wanken brachten, was
evolutionär mehrfach unabhängig entstehen können. Ver- auf eine ausgeprägte Flexibilität des Evolutionsparadig-
schiedene Lebensformen könnten daher sowohl recht mas hinweist. So können evolutionstheoretisch „erklärt“
ähnlich als auch mehr oder weniger unähnlich sein – es werden (Anführungszeichen, weil es sich m. E. oft nur
sei denn, es gibt funktionelle Zwänge, die das verbieten um Behauptungen handelt):
(das würde dann aber auch im Rahmen des Schöpfungs- • sowohl ein Merkmalskontinuum als auch aus-
paradigmas gelten, denn funktionelle Zwänge gelten not- geprägte Diskontinuitäten zwischen Arten oder höhe-
wendigerweise für alle Paradigmen). Vorhersagbar ist bei- ren Taxa; damit auch sowohl das Auftreten von Grund-
des nicht. Voraussagen kann man auch in anderen Gebie- typ-Grenzen als auch das Fehlen von Grenzen, die an
ten nicht treffen, wenn man den Evolutionsmechanis- bestimmten Merkmalen oder Eigenschaften festgemacht
mus nicht kennt, etwa Voraussagen für die zu erwarten- werden könnten
den Merkmalsverteilungen bzw. Ähnlichkeitsmuster der • sowohl die Beibehaltung von Bauplänen (oder
Lebewesen (mehr dazu in Abschnitt 6.4.3). Bauplanelementen) in evolutionären Linien (aufgrund
Mittlerweile ist eine Reihe von Ausnahmen vom ge- postulierter constraints) als auch deren Auflösung (auf-
netischen Code bekannt. Welche spezifische Vorhersage grund starker Selektionsdrücke). (Die Argumentation mit
gilt nun? Offenbar ist evolutionär mindestens einiges mög- constraints wird von manchen Biologen übrigens als zir-
lich, vielleicht sogar ein Großteil der möglichen Codes. kulär betrachtet; vgl. dazu RIEPPEL 1994, 66f.)
Welches sind hier die ausgeschlossenen Daten, die nicht • sowohl das Fehlen jeglicher Konvergenzen als
beobachtet werden dürften, wenn es Evolution gab? auch das Auftreten extrem vieler Konvergenzen
FREELAND & HURST (2004) argumentieren für eine Evo- (vgl. JUNKER 2003; entsprechend wird das Auftreten von
lutionsfähigkeit des Codes und betrachten den Code als Ähnlichkeiten bei nahe verwandten Taxa i. d. R. als Beleg
Resultat eines Evolutionsprozesses. Wenn aber der Code für gemeinsame Abstammung betrachtet, beim Auftre-
tatsächlich evolvierbar ist, gibt es keinen zwingenden ten in fernstehenden Taxa dagegen oft nicht; vgl. HUNTER
Grund mehr anzunehmen, warum er universal sein soll- 2004, 20012)
te. Man könnte nur noch für funktionelle Zwänge argu- • sowohl eine hierarchische Ordnung der Taxa
mentieren, nicht aber für historische Zwänge. Und selbst aufgrund ihrer Merkmalsverteilungen als auch ausge-
wenn funktionelle Zwänge angenommen werden, hätten prägt netzartige Beziehungen, die die Hierarchie erheb-
dennoch auch Organismen mit suboptimalem Code in lich stören (und zwar sowohl in der Mikro- als auch in der
Nischen überleben können. Welches sind also die spezifi- Makrotaxonomie; vgl. Abb. 6, 9, 12)
schen Erwartungen im Rahmen des Evolutionsparadig- • im Fossilbericht sowohl graduelle als auch sprung-
mas? hafte Änderungen (Gradualismus oder Punktualismus)
• ein allmähliches als auch ein plötzliches Auf-
Schon an dieser Stelle soll angesichts dieses Beispiels tauchen von Fossilgruppen (z. B. „kambrische Explosi-
(dem weiter unten eine längere Aufzählung von anderen on“)
Beispiele folgt) eine generelle These formuliert werden • ein Gleichbleiben von Bauplänen (Stasis) trotz sich
(was schon im 4. Abschnitt angesprochen wurde): In wandelnder Umwelten und ein Verschiedenwerden
historischen Fragen sind spezifische Erwartungen und auszu- trotz gleichbleibender Umwelten: „Moreover, because
schließende Befunde aus den zugrundeliegenden Rahmen- species often maintain stability through such intense cli-
paradigmen nicht zwingend ableitbar. Vielmehr kann nur matic change as glacial cooling, stasis must be viewed as
mit Plausibilitäten argumentiert werden, die jedoch sub- an active phenomenon, not a passive response to unalte-
jektiven Einschätzungen unterworfen sind. Dies wird im red environments“ (GOULD & ELDREDGE 1993).

18
• Im Sinne der biogenetischen Grundregel war er- ment ist nichts einzuwenden, doch ist seine Anwendung
wartet worden, daß die ersten Embryonalstadien in auch im Rahmen des Schöpfungsparadigmas erlaubt.
der Ontogenese verschiedener Arten (bzw. höherer Die Behauptung, das Evolutionsparadigma spreche (im
Taxa) besonders ähnlich sind. Bei den verschiedenen Gegensatz zum Schöpfungsparadigma) eine Klasse von
Wirbeltierklassen ist das genaue Gegenteil der Fall, ohne Verboten aus (vgl. BEYER 2004), ist jedoch sehr fragwür-
daß dies von Evolutionstheoretikern als ernsthaftes Pro- dig, wenn das Durchbrechen der Verbote nicht zur Auf-
blem empfunden wird. gabe des zugrundeliegenden Paradigmas führt.
• Es war erwartet worden, daß Adulthomologien, Weiter könnte argumentiert werden, daß die oben
homologe ontogenetische Entwicklungswege und zusammengestellten Beispiele nicht scharf genug gefaßt
homologe Steuerungsgene einander entsprechen. Dies sind, um Falsifikationen zu ermöglichen, und daß es gra-
ist zwar oft der Fall, häufig aber auch nicht. vierendere Befunde geben könnte, denen das Evoluti-
• ein bei allen Lebewesen identischer genetischer onsparadigma nicht mehr standhalten könnte. Darauf
Code als auch Abweichungen davon (siehe das oben kommen wir im folgenden Abschnitt zu sprechen.
besprochene Beispiel)
• der sich mehr und mehr abzeichenende modulare
genetische Aufbau der Lebewesen war evolutions- 5.3 Ist das Evolutionsparadigma
theoretisch nicht vorhergesagt worden. Ein nicht-mo- falsifizierbar?
dularer Aufbau würde das Evolutionsparadigma nicht
in Frage stellen. Diese Frage wird erstaunlich selten aufgeworfen. Wohl-
• die häufig vorkommenden Diskrepanzen zwischen gemerkt geht es hier nicht darum, ob einzelne evolutio-
molekularen Dendrogrammen (Ähnlichkeitsbäumen) und näre Hypothesen falsifiziert werden können – das wird
Dendrogrammen nach klassischen (morphologisch-ana- nicht bestritten –, sondern das Rahmenparadigma als
tomischen) Merkmalen war nicht erwartet worden. Evo- Ganzes soll zur Disposition stehen. Beispielsweise schreibt
lutionstheoretisch werden nicht nur stimmige, sondern WASCHKE (2003): „Es ließe sich leicht eine Welt vorstellen,
auch deutlich unstimmige Dendrogramme durch je- in der eine Evolutionsauffassung gar nicht erst aufkom-
weils neu definierte Randbedingungen ins Theorienge- men würde: Fände man in Gesteinen die Fossilien in
bäude eingebaut. regelloser Abfolge oder hätte jede Organismengruppe
Wie gut einzelne Evolutionstheorien diese gegensätz- einen eigenen genetischen Code oder einzigartige En-
lichen Situationen erklären können, soll hier nicht disku- zymausstattungen, käme niemand auf die Idee, es könne
tiert werden (das sind Punkt für Punkt mehr oder weni- so etwas wie eine gemeinsame Abstammung geben. So
ger anspruchsvolle Aufgaben). Hier geht es nur um die gesehen ist die Evolutionsvorstellung prinzipiell falsifi-
Feststellung, daß in allen diesen zahlreichen Fällen gegen- zierbar.“ Diese und andere Falsifizierungsvorschläge wer-
sätzliche Befunde für mit dem Evolutionsparadigma kon- den im folgenden erläutert und diskutiert.
form gehalten werden. Dies bedeutet gleichzeitig, daß
alle diese widersprechenden Befunde keine unabhängigen • Säugerfossilien im Präkambrium. Würden im Prä-
Belege für Evolution sein und nicht als Vorhersagen des kambrium Säugetiere, Vögel oder andere Formen gefun-
Evolutionsparadigmas gelten können. Damit kommen wir den, die nach gegenwärtiger Befundlage erst spät ent-
zu einem weiteren Aspekt. standen sind, wäre das Evolutionsparadigma widerlegt.
Diese Situation ist in leicht abgeschwächter Form jedoch
Nicht eingetroffene Vorhersagen des Evolutionspara- mit der „kambrischen Explosion“ des Lebens gegeben.
digmas Alle Tierstämme, die Hartteile besitzen, sind im Kambri-
Die im vorigen Abschnitt zusammengestellten Beispiele um bereits vertreten (VALENTINE 2004). Wenn noch weite-
besagen auch, daß Vorhersagen, die im Rahmen des Evo- re Formen hinzukämen oder diese noch früher im Fossil-
lutionsparadigmas formuliert wurden, nicht eintrafen, bericht auftauchen, würde sich an der Situation nichts
ohne daß dies das Evolutionsparadigma in Frage gestellt grundsätzlich ändern. Natürlich würden sich bestimmte
hätte. Evolutionstheorien ändern, das zugrundeliegende Evo-
Auch Charles DARWIN hat in Origin of species an eini- lutionsparadigma (um welches es hier geht) bliebe unan-
gen Stellen Prognosen formuliert – er hat hypothetico- getastet.
deduktiv argumentiert. Diese Prognosen sind entweder In diesem Sinne kann auch gegen das folgende Bei-
nicht eingetroffen oder es handelt sich bei genauerer spiel von VAN DONGEN & VOSSEN (1984, 41) argumentiert
Betrachtung um nicht-prüfbare Vorhersagen (siehe An- werden; diese Autoren meinen: „Without evolution ... a
hang). new human-like fossil could well be as old as 400 million
Zusammenfassend kann mit HULL (1999, 488) festge- years...“ So argumentiert auch BEYER (2004, 8): „Zeige
halten werden: „Time and again, scientists will say that mir einen einzigen menschlichen Schädel als Beuteüber-
such-and-such would be fatal to my theory, but once it rest in einem Dinosauriernest, und wieder begraben wir
becomes clear that such problem cases do occur, scien- die Evolutionstheorie.“ Was würde mit dem Evolutions-
tists rework their theory to incorporate these phenome- paradigma geschehen, wenn solche alten Menschenfos-
na.“ silien gefunden würden? Das Paradigma bliebe sehr wahr-
Nun kann man argumentieren, daß das Überarbeiten scheinlich bestehen; nur die phylogenetischen Hypothe-
von Theorien aufgrund unerwarteter Befunde die Dyna- sen würden sich ändern, wenn auch in diesem Fall mas-
mik der Wissenschaft widerspiegle. Gegen dieses Argu- siv. Sicher würde die Plausibilität des Evolutionsparadig-

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mas geschwächt, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Außerdem muß man bedenken, daß alle Lebewesen
Kurz: Wenn das Evolutionsparadigma die kambrische in vielerlei Hinsicht unter ähnlichen Rahmenbedingun-
Explosion verkraftet, dann auch solche Beispiele von gen leben, was mit funktionellen Zwängen einhergeht.
stratigraphisch unpassenden Fossilfunden.13 Dies schließt das Auftreten völlig unähnlicher Baupläne
Die Situation ist aber in abgeschwächter Form bereits unabhängig vom zugrundegelegten Ursprungsmodell aus.
eingetreten: Es gibt Steinwerkzeuge, die nach allgemein Das heißt: Schon aus funktionellen Gründen kann ver-
anerkannten Kriterien nur von Menschen angefertigt mutlich die Existenz völlig unähnlicher Lebewesen allge-
worden sein können, aus dem Miozän und sehr wahr- mein ausgeschlossen werden. Damit bietet diese Option
scheinlich auch aus dem Oligozän (Dokumentation bei aber auch keine Falsifizierungsmöglichkeit.
CREMO & THOMPSON 1994; in kürzerer Form bei STEPHAN Als falsifizierend wird auch das Auftreten von For-
2002). Diese Funde würden die gängigen Vorstellungen men angesehen, die man im Volksmund als „eierlegende
zur Evolution des Menschen falsifizieren, doch nach ei- Wollmilchsau“ bezeichnet. So etwas dürfe es evolutionär
ner nicht abgeschlossenen kontroversen Diskussion sind gesehen nicht geben, z. B. Fledermäuse mit Federn. Auch
sie im Laufe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit- hier müßte zunächst geprüft werden, ob eine solche Kon-
gehend in Vergessenheit geraten. Weshalb interessieren struktion funktionell überhaupt Sinn macht. Wenn be-
sich Evolutionstheoretiker nicht mehr für diese Funde? stimmte Merkmalskombinationen funktionell ausge-
schlossen sind, kann deren Vorkommen nicht als Falsifi-
• Chaotische Fossilabfolge. „If all organisms are in-
zierungsmöglichkeit genannt werden, da sie in jedem Ur-
deed descended from a single common ancestor, then it
sprungsmodell ausgeschlossen sind. Zudem weisen man-
must be true that the stratigraphic sequence of life should
che Organismen wie z. B. das Schnabeltier ausgeprägte
be consistent with an independent evaluation of the phy-
Mosaikmerkmale auf.
logenetic relationships among all forms of life – and the
Aber selbst wenn es Fledermäuse mit Federn gäbe
sequence of phylogeny inferred from that general clado-
und diese funktionell Sinn machen würden, würde man
gram“ (ELDREDGE 1993, 35). Diese Falsifizierungsmög-
postulieren, daß Federn konvergent entstanden sind (ein
lichkeit ist ähnlich wie die vorige. Eine allgemein chaoti-
Szenario, das angesichts der Fülle kreidezeitlicher Vögel
sche Fossilabfolge bedeutete in der Tat eine schwerwie-
innerhalb der Theropoden tatsächlich diskutiert wird
gende Plausibilitätsschwächung für das Evolutionspara-
[ZHANG & ZHOU 2000, 1957]).
digma, aber ebenfalls keine Falsifizierung. Auch dieser
Befund ist nicht „verboten“. Tatsächlich ist er im kleine-
• Chaotische Merkmalsverteilungen. Eine relativ
ren Maßstab (innerhalb von geologischen Systemen) häu-
häufig vorgeschlagene Falsifizierungsmöglichkeit ist der
fig, ja kommt sogar regelmäßig vor (JUNKER 1996; 2000;
Befund chaotischer anstelle von hierarchisch anordenba-
2005).
ren Merkmalsverteilungen. „If all organisms are indeed
Die unabhängige Bewertung, von der ELDREDGE
descended from a single common ancestor, then it must
spricht, soll vermutlich mit Hilfe der Ähnlichkeitsbezie-
be true that ... there is a nested pattern of similarity
hungen zwischen den Organismen erfolgen. Das Ähn-
linking up all forms of life (fossil and recent)“ (ELDREDGE
lichkeitsmuster ist aber Resultat der Evolutionsmecha-
1993, 35). Tatsächlich ist diese evolutionäre Erwartung
nismen. Wenn also die Fossilabfolge nicht mit dem Ähn-
in dieser allgemeinen Formulierung widerlegt, denn eine
lichkeitsmuster übereinstimmt, wird auf Unkenntnis im
eingeschachtelte Hierarchie von Ähnlichkeiten wird oft
mechanismischen Bereich geschlossen und dort der
massiv verletzt (vgl. JUNKER 2002, 81ff., siehe beispielhaft
Grund für die Unstimmigkeiten gesucht. Die Vorstellung
Abb. 6, 9 und 12), ohne daß das Evolutionsparadigma
einer Gesamtevolution ist also wiederum nicht falsifizier-
deswegen zur Disposition gestellt wird (entgegen NEU-
bar.
KAMM [2004]: Die Evolutionstheorie habe „den konkreten
• Völlig unähnliche Lebewesen. Auch hier gilt: Evo- Fall der abgestuften Formenähnlichkeit zwischen den Ar-
lution „erklärt“ beides: Abgestufte Ähnlichkeiten als auch ten zu erklären – sie kann demnach nicht ohne weiteres
ausgeprägte Unähnlichkeiten. Läßt man die Vielfalt des auch den gegenteiligen Fall erklären“). Bis zu einem gewis-
Lebens Revue passieren, wird schnell klar, daß es ja sehr sen Grad gibt es chaotische Merkmalsverteilungen in
unähnliche Lebewesen in der Tat gibt. vielen Tier- und Pflanzengruppen. Ein noch größeres
Man könnte die Falsifizierungsmöglichkeit noch ver- Chaos würde das Evolutionsparadigma ebenfalls nicht
schärfen, indem als falsifizierend gewertet wird, wenn widerlegen.14 JUNKER (2003) diskutiert Strategien, mit
Lebewesen untereinander gar keine Gemeinsamkeiten denen Evolutionstheoretiker diese Befunde im Rahmen
aufweisen. Doch würde selbst ein solcher Befund das ihres Paradigmas zu erklären versuchen.
Evolutionsparadigma zu Fall bringen? Die SETI-For-
schung (Search for Extra-Terrestrial Intelligence) rech- • Völlig verschiedene genetische Codes. Diese ver-
net ja durchaus mit der Möglichkeit völlig anders gearte- meintliche Falsifizierungsmöglichkeit wurde in Abschnitt
ter Lebewesen im Weltall – natürlich im Kontext des 5.1 bereits besprochen. Ähnliche Argumente kann man
Evolutionsparadigmas. Würde man solche Lebewesen anführen, wenn man ganz verschiedene Enzymausstat-
entdecken, würde man daraus bestimmt keinen Zweifel tungen bei verschiedenen Lebewesen fände. Wieder muß
am Evolutionsparadigma ableiten. Es hätten also auch bedacht werden, daß es funktionelle Zwänge geben könn-
auf der Erde ganz unähnliche Formen evolutiv entste- te, die eine Beliebigkeit grundsätzlich (unabhängig vom
hen können. Das hängt davon ab, welche mechanismi- Ursprungsmodell) verhindern. Schließlich sind die Lebe-
sche Theorie der Abiogenese zugrundeliegt. wesen auf der Erde vielfältig miteinander verbunden;

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man denke etwa an die Nahrungsketten und -netze. Hätte hervorgeht:
alles eine völlig unterschiedliche Biochemie, wäre diese „Within the history of paleontology, there have been
Vernetzung wohl kaum möglich. numerous apparent falsifiers of the paleontological argu-
ment; these have usually been rendered impotent as falsi-
• Beweis einer jungen Erde. Eine Falsifikationsmög- fiers by the ad hoc alternative that the fossil record was
lichkeit des Evolutionsparadigmas könnte im Nachweis not as complete as previously believed“ (NELSON & PLAT-
einer „jungen“ Erde gesehen werden, da dies eine Ge- NICK 1981, 335).
samtevolution aller Lebewesen, ausgehend von einfach- „Anything that cannot be made to support the theory
sten Vorläufern ausschließen würde. Doch eine junge turns out to be an unimportant exception“ (STEVENS 1984,
Erde kann prinzipiell nicht bewiesen, allenfalls plausibel 403).
gemacht werden. Der Grund dafür ist, daß man immer „Cladograms predict the order in which fossil taxa
irgendwelche Dinge in der Vergangenheit vermuten kann, appeared and, thus, make predictions about general pat-
die den Naturbeobachter in seinen Rekonstruktionsver- terns in the stratigraphic record. Inconsistencies between
suchen irreführen könnten.15 Damit ist mit diesem Ar- cladistic predictions and the observed stratigraphic re-
gument aber umgekehrt die Evolutionstheorie auch nicht cord reflect either inadequate sampling of a clade‘s spe-
falsifizierbar, sondern es kann lediglich die Plausibilität cies, incomplete estimates of stratigraphic ranges, or
einer notwendigen Voraussetzung für eine Makroevolu- homoplasy producing an incorrect phylogenetic hypo-
tion geschwächt werden. thesis“ (WAGNER 1995, 153).
„Die Aussage (Archaeopteryx sei der Vorfahr der hö-
Stütze ja – Falsifizierung nein. Zweifellos können heren Vögel; Erg.) bleibt stets geschützt, denn jedes Merk-
viele Befunde einerseits und das Nichteintreffen von be- mal, das gegen sie sprechen würde, kann mit der Annah-
stimmten Befunden (z. B. keine Säuger im Präkambrium) me einer Umkehr der Merkmalsentwicklung wegdisku-
andererseits als Stützen für das Evolutionsparadigma tiert werden“ (RIEPPEL 1984, 73).
gewertet werden. Doch das ist nicht der springende Punkt Zur evolutionstheoretisch zu erwartenden Kongru-
in der aufgeworfenen Frage, denn auch für das Schöp- enz von morphologischen und molekularen Dendrogram-
fungsparadigma gibt es zahlreiche stützende Befunde men: „Congruence between studies is strong evidence
(auch wenn diese von den Gegnern meist nicht aner- that the underlying historical pattern has been discover-
kannt werden). Die genannten Beispiele sollten jedoch ed; conflict may indicate theoretical or procedural pro-
deutlich machen, daß die Behauptung, das Evolutionspa- blems in one or both analyses, or it may indicate that
radigma schließe bestimmte Befunde definitiv aus, nicht additional data are needed to resolve the phylogenetic
zutrifft. Falsifizierungen treffen in der Regel nur Teiltheo- relationships in question“ (HILLIS 1987, 23).
rien oder untergeordnete Hypothesen. WASCHKES (2003) WÄGELE (2001) stellt in einer Abbildung (Abb. 6; im
Auffassung, daß beim Vorliegen der oben genannten Original Abb. 54, S. 102) hochgradig inkompatible Ver-
Befunde eine Evolutionsauffassung kaum aufgekommen wandtschaftsbeziehungen unter den Arthropoden dar.
wäre (vgl. das oben genannte Zitat), hat sicher einiges für Diese Beziehungen sind weit entfernt von einer evoluti-
sich; dennoch ist zu bedenken, daß der Evolutionsgedan- onstheoretisch naheliegenden enkaptischen Ordnung
ke lange vor dem Vorliegen von Belegen präsent war. (vgl. Abb. 13B; Abschnitt 6.4.3). Er kommentiert die
Von Widerlegung kann jedenfalls nicht gesprochen wer- zugrundeliegenden Untersuchungen wie folgt: „... meh-
den, sondern nur von Plausibilitätsschwächung. Es wür- rere davon oder alle müssen demnach fehlerhaft sein“ (S.
de sich in solchen Fällen einfach die Frage nach anderen 102). Die Möglichkeit, daß das zugrundeliegende Evolu-
Evolutionsmechanismen stellen. Ob das Evolutionspara- tionsparadigma falsch sein könnte, wird hier offenbar
digma also wirklich falsifizierbar ist, muß dahingestellt nicht in Betracht gezogen.
bleiben. Die Behauptung von VAN DONGEN & VOSSEN (1984, In vielen Fällen dieser Art gilt: Wenn die Befunde den
41), die Theorie der gemeinsamen Abstammmung sei theoretischen Erwartungen entsprechen, dann gilt dies
„leicht falsifizierbar“ („easily falsifiable“) trifft jedenfalls als Bestätigung der zugrundeliegenden Theorie; in den
nicht zu. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang anderen Fällen wird ein Fehler außerhalb der getesteten
ein Satz, den CONWAY MORRIS (2000, 1) an den Anfang Theorie gesucht. Falsifizierung ist damit nicht möglich. Fal-
eines Artikels stellt: „When discussing organic evolution sifizierungen treffen zwar einzelne Hypothesen, meistens
the only point of agreement seems to be: ‘It happend’.“ nicht aber die übergeordnete Theorie und schon gar
nicht das Paradigma. Diese werden durch Hilfshypothe-
sen und ad-hoc-Annahmen geschützt.
5.4 Evolutionsparadigma, Dogmatis-
mus und Vermeidung von Falsifikatio- Grenzen der Ergebnisoffenheit
nen Aus dem oben Gesagten wird deutlich, daß das Evoluti-
onsparadigma apriorische Vorgaben macht, die vor empi-
Beispiele, wie Falsifizierungen umgangen werden
rischer Kritik geschützt werden. Erkenntnisfortschritt er-
Im folgenden werden – zunächst kommentarlos – einige
folgt nur innerhalb eines festgesetzten Rahmens und nur
Aussagen von Evolutionstheoretikern zitiert, aus denen
innerhalb dieses Rahmens ist Evolutionsforschung ergebnis-
die Problematik des Falsifizierens nicht nur des Evoluti-
offen. Dieser Rahmen ist zwar sehr weit gefaßt, aber es
onsparadigmas (zweite Ebene, Abschnitt 2.2), sondern
gibt ihn und man stößt immer wieder an seine Grenzen.
auch von Evolutionstheorien (dritte Ebene, Abschnitt 2.3)
Diese Vorgehensweise apriorischer Vorgaben ist dem-

21
A Die wissenschaftliche Methode B Die kreationistische Methode

Hier sind die Daten. Welche Hier sind die Fakten. Welche
Fakten können wir aus ihnen Daten finden wir, um sie zu
schlussfolgern? stützen?

GEN
ESI
S

C Die evolutionistische Methode D Die historische Methode

Hier sind die Fakten. Welche Hier sind die Fakten. Welche
Daten finden wir, um sie zu Daten finden wir, um sie zu
stützen? stützen?

Na His
lismtura- s tor
Evo und s
u Ent cher i-
luti wu
on rf

Abb. 1: Wer im Glas-


haus sitzt ...

nach kein Spezifikum von Theorien, die innerhalb des fehlen theoretischer Erwartungen darauf zurückgeführt
Schöpfungsparadigmas aufgestellt werden, wo ein sol- wird, daß die Untersuchungen fehlerhaft sind, so bedeu-
cher Rahmen explizit vorgegeben wird (Forschung ist tet dies doch nichts anderes als eine Einschränkung einer
innerhalb dieses Rahmens ebenfalls ergebnisoffen). Es Ergebnisoffenheit: Beispielsweise ist man in der Makro-
entspricht durchaus nicht der Praxis des Wissenschafts- taxonomie für ein kompliziertes Netzwerk von Verwandt-
betriebs im Rahmen der Evolutionsbiologie, daß jeder schaftsbeziehungen offenbar nicht offen. Würden Krea-
Satz vorläufig ist und immer wieder auf empirische Ad- tionisten auf diese Weise argumentieren, wäre ihnen hef-
äquatheit getestet wird, wie NEUKAMM (2004) und andere tige Kritik sicher. Für die sogenannte „kreationistische
immer wieder behaupten. Methode“, die der Cartoon karikiert, gibt es daher eine
NEUKAMM (2004) bildet einen interessanten Cartoon evolutionistische Entsprechung: „Evolution ist ein Fak-
(Abb. 1A, B) ab, um den Ansatz des Kreationismus poin- tum. Welche Daten finden wir um es zu stützen?“
tiert zu kritisieren. Man kann diesen Cartoon aber durch- Es sei daran erinnert, daß letztlich jede historische
aus auch für eine seriöse Behandlung der anstehenden Forschung auf diese Weise arbeitet, weil Falsifikations-
Fragen über das Verhältnis dogmatischer Vorgaben, da- möglichkeiten eingeschränkt sind und viel mehr nach
von motivierten Theorien und empirischen Daten ver- verifizierenden bzw. stützenden Befunden gesucht wird
wenden. Die in diesem Cartoon dargestellte „kreationisti- (vgl. Abschnitt 4.2). In historischen Fragen wird notge-
sche Methode“ unterscheidet sich in der Praxis nicht drungen weit mehr verifizierend als falsifizierend gear-
grundsätzlich von der evolutionistischen (Abb. 1C). Man beitet.16 Es handelt sich also im Grunde genommen bei
mache sich das anhand der oben genannten Zitate über Abb. 1B gar nicht um eine Karikatur, sondern um eine
die Vermeidung von Falsifikationen klar. Wenn das Ver- generelle Vorgehensweise historischer Forschung. Das

22
wird im Cartoon in Version D zum Ausdruck gebracht. 5.5 „Scheintests“ evolutionärer
Ein aktuelles Beispiel soll das Gesagte verdeutlichen: Hypothesen
CONWAY-MORRIS (2005) schreibt zur Evolution der Edia-
cara-Organismen (hartkörperlose, ziemlich fremdartig Viele „Tests“ evolutionärer Hypothesen sind keine Tests
gebaute Organismen aus dem oberen Präkambrium): auf die postulierten hypothetischen evolutionären Pro-
„Did they evolve? What a strange question! Clearly they zesse, sondern nur Tests auf notwendige Randbedingun-
evolved from something, but from what? In addition, the gen. Ein typisches Beispiel dieser Art ist die Hypothese,
idea that there is an evolutionary succession is now un- wonach sich die weitgehende Haarlosigkeit des Men-
der scrutiny. What is clear is that there are three principal schen in der Stammesgeschichte wegen der Parasiten
Ediacaran assemblages, and each is controlled by specific verändert habe, die den Menschen befallen. Die Haarlo-
environmental conditions. However, when you track each sigkeit habe geholfen, Probleme mit Ektoparasiten zu
assemblage through geological time there is effectively no verringern, daher habe sie sich entwickelt. Dies „adaptive
change within it. Another puzzle is that there is little evi- storytelling“ (GOULD & LEWONTIN 1979), das faktisch nicht
dence for species diversity changing along latitudinal geprüft werden kann. Natürlich kann man sich vorstel-
gradients. Once again, the Ediacarans don’t readily fit into len, daß Haarlosigkeit gut ist, um weniger Probleme mit
preconceived moulds“ (Hervorhebungen nicht im Origi- Ektoparasiten zu haben, doch das hat mit einer evolutiven
nal): Hier wird beispielhaft deutlich, daß ein Deutungs- Entstehung der Haarlosigkeit nicht notwendigerweise et-
rahmen von vornherein feststeht und nicht mehr zur was zu tun. Ein plausibler Vorteil erklärt keineswegs eine
Disposition gestellt wird, auch wenn massiv unpassende evolutive Entstehung, es ist nur eine notwendige, aber
Befunde vorliegen. nicht hinreichende Bedingung. Das, was man tatsächlich
Die mangelnde Ergebnisoffenheit im Rahmen des prüfen kann, hat mit der eigentlichen Hypothese eines
Evolutionsparadigmas soll auch am oben bereits erwähn- evolutionären Wandels direkt nichts zu tun. Denn die
ten Beispiel tertiärer Werkzeuge kurz illustriert werden. Haarlosigkeit ist auch verständlich, wenn man von einer
Aus dem Tertiär sind bis ins Alttertiär Artefakte bekannt, Erschaffung des Menschen ausgeht; die Erwartung der
die nach sonst üblichen Kriterien als Belege für die Exi- Haarlosigkeit folgt nicht spezifisch nur aus der Vorgabe
stenz von Menschen gewertet werden. Eine detaillierte eines evolutionären Szenarios.
Dokumentation dazu präsentieren CREMO & THOMPSON Man könnte hier zwar einwenden, daß diese Hypo-
(1994). Eine unabhängige Sichtung der zugrundeliegen- these von der Haarlosigkeit aufgrund von Parasiten da-
den Originalliteratur zeigte, daß deren Recherchen glaub- durch geprüft werden könne, ob auch Tiere, die in Gebie-
würdig sind (vgl. STEPHAN 2002, 148ff.). Die Bedeutung ten mit zahlreichen Ektoparasiten leben, haarlos werden,
dieser Werkzeuge für das Verständnis des Ursprungs des aber auch damit würde wieder nur eine notwendige Rand-
Menschen wurde bis in die 1930er Jahre kontrovers bedingung getestet, nicht aber der hypothetische evolu-
diskutiert. Daß es sich dabei um Werkzeuge gehandelt tive Prozeß. (Und dazu stellt sich vor dem Hintergrund
hat, wurde zwar bestritten, aber die betreffenden Argu- dieser Hypothese die Frage, weshalb es so wenig nackte
mente waren unhaltbar (siehe dazu die Diskussion in Tiere gibt.)
STEPHAN 2002). Dennoch gerieten diese Funde in Verges- Beispiele dieser Art kann man in der evolutionstheo-
senheit, vermutlich weil sie in die sich etablierenden Vor- retischen Literatur in Hülle und Fülle finden. Eine ver-
stellungen von der Evolution des Menschen nicht paß- gleichbare Kritik wird auch am Schöpfungsparadigma
ten. Es gibt nur einen Grund, sich diesen Funden nicht zu geübt (vgl. Abschnitt 6.4.2.3).
stellen: Das dogmatische Festhalten an der Vorstellung,
der Mensch (Gattung Homo) sei erst in den letzten zwei In den letzten Abschnitten wurde gezeigt, daß das
bis vier Millionen Jahren aufgetreten. Würde man die Evolutionsparadigma nur schwer falsifiziert werden kann,
tertiären Werkzeugfunde anerkennen, verlören die Au- daß Möglichkeiten gibt, Falsifikationen zu vermeiden,
stralopithecinen und die Hominidenfunde der letzten Jahr- daß ins Evolutionsparadigma gegensätzliche Aussagen
zehnte ihre Bedeutung für die Humanevolution vollstän- eingepaßt werden können und daß viele „Tests“ nicht das
dig. Dafür ist unter Evolutionstheoretikern keinerlei Of- Paradigma testen. Aus alledem folgt: Im Rahmen des Evo-
fenheit erkennbar. Von Ergebnisoffenheit ist hier keine lutionsparadigmas wird ein harter Kern von Aussagen ge-
Spur. Selbst wenn offen bleiben müßte, ob die tertiären schützt, der nicht der empirischen Kritik unterliegt.17 In die-
Artefakte richtig interpretiert und den richtigen Schich- ser Hinsicht unterscheidet sich das Evolutionsparadigma
ten zugeordnet worden sind (worüber es kontroverse nicht vom Schöpfungsparadigma.
Diskussionen gab, über die CREMO & THOMPSON 1994 be-
richten), wäre selbst das kein Grund, diese Funde zu
ignorieren, wenn ergebnisoffen geforscht würde – im
Gegenteil: gerade dann müßte man weitere Forschungen
5.6 Die Plausibilität der Abstammungs-
betreiben, um zu klären, ob es sich bestätigen läßt, daß es lehre ist vom Stand der Ursachenfor-
Werkzeuge bis weit ins Tertiär zurück gibt. Hier leistet schung abhängig
man sich im Rahmen des Evolutionsparadigmas einen
Erkenntnisverzicht. In Abschnitt 4.2 wurde gezeigt, daß historische Rekon-
struktionen (H-N E) bekannte Gesetzmäßigkeiten (N-D
E) berücksichtigen müssen. H-N E können abgewiesen
werden, wenn die N-D E, auf die Bezug genommen wird,

23
sich nicht bewährt haben. Daher gilt der oben bereits oder eine Filmkulisse darstellen und wären dann gar
formulierte Satz: Die historische Evolutionsforschung darf nicht auf die Zerstörung eines Hauses zurückzuführen.
nicht strikt von der kausalen abgekoppelt werden. Allge- Das Beispiel zeigt daher gerade (entgegen der Absicht
mein stellt BOCK (2000b, 33) folgende These in den Raum: NEUKAMMs), daß aus einem gegenwärtigen Zustand nicht
„The basic thesis to be advocated in this paper is that all zweifelsfrei auf einen vergangenen Vorgang geschlos-
evolutionary explanations are dependent on prior functio- sen werden kann.
nal explanations – that is, functional explanations prece- NEUKAMM (2002) schreibt weiter: „Andernfalls wäre
de all evolutionary explanations, both nomological-de- das ungefähr so, als wollte man die Theorie der Planeten-
ductive and historical-narrative.“ entstehung infragestellen, weil man die spezifischen Ab-
Es trifft also nur das Folgende zu: Funktionelle Erklä- stände der Planeten zum Zentralgestirn, deren Massen
rungen sind unabhängig von evolutionären Erklärungen, und Zahl der Monde, sowie die Neigungswinkel deren
nicht umgekehrt. Daher ist der berühmte Satz DOBZHAN- Rotationsachsen gegen die Bahnebenen nicht aus dem
SKYs „Nothing makes sense in biology except in the light Modell schlussfolgern kann.“ Dieses Beispiel zeigt jedoch
of evolution“ falsch (BOCK 2000b, 34). Funktionelle Er- im Gegenteil gerade, daß aufgrund der Mechanismenfra-
klärungen machen nicht nur eminenten Sinn auch ohne ge auch die zugrundeliegende Planetenbildungstheorie
irgendeine und ohne alle evolutionären Erklärungen, son- in Frage gestellt werden muß. Planetenbildungstheorien
dern sie bilden die große Mehrheit von Erklärungen in sind keinesfalls gesichert und werden heute wieder mehr
der Biologie, sowohl in der theoretischen als auch ange- als in den letzten Jahren kontrovers diskutiert (PAILER
wandten (BOCK 2000b, 34). „Major portions of explana- 2002; 2003). Dabei spielt die Mechanismenfrage eine
tory systems in biology (= functional explanations) are wesentliche Rolle. Die von NEUKAMM genannten Indizien
possible in the complete absence of any theory of evolu- sind in Wirklichkeit ein wichtiger Grund, die zugrundelie-
tion, Darwinian or otherwise“ (BOCK 2000b, 41). gende Theorie zu hinterfragen.
Dagegen wird in der Auseinandersetzung um das Schließlich: Wenn der NEUKAMMsche Vergleich kor-
Evolutionsparadigma immer wieder behauptet, daß hi- rekt angewendet würde, müßten die „Trümmer“ mit den
storische und kausale Evolutionsforschung logisch unab- heute zugänglichen Daten der Biologie und nicht mit
hängig seien, so daß beispielsweise selbst aus der Wider- einem hypothetischen Prozeß verglichen werden, und
legung aller Kausaltheorien nicht folgte, daß auch die dann müßte die Frage gestellt werden: Woher kommen
Deszendenzhypothese falsch wäre. So schreibt NEUKAMM diese Daten (Lebewesen)? Antwort: Sie könnten in einem
(2002): „Zur Verdeutlichung dieses Sachverhalts wollen evolutionären Prozeß entstanden sein, sie könnten aber
wir uns vorstellen, wir fänden ein in Trümmern liegendes auch erschaffen worden sein. Klar ist nur: Sie sind heute
Gebäude. Ohne weitere Information können wir die da; nur das gilt unabhängig von den Mechanismen.
Grundfrage bejahen, ob dem Phänomen ein zerstöreri- Auch das in diesem Zusammenhang beliebte Beispiel
sches Ereignis vorgelagert gewesen sein muß. Damit ist der Kontinentalverschiebung zeigt, daß ein historischer
aber die Faktorenfrage, die nach den Ursachen des Kata- Vorgang trotz empirischer Hinweise, daß er abgelaufen
strophenereignisses sucht, noch überhaupt nicht beant- ist, solange ernsthaft bezweifelt wurde, als noch kein
wortet. Die Gründe könnten in natürlichen Ursachen zu plausibler Mechanismus vorgeschlagen wurde, das Wie
finden sein, wie beispielsweise in einem Erdbeben, einem also unbekannt war. AYALA (1994, 238) schreibt dazu:
Blitzeinschlag oder in einem Orkan. Es könnte aber auch „Wegener tested his hypothesis that the continents had
ein Abriß, eine Sprengung erfolgt oder ein Brand gelegt drifted by searching the literature for relevant geological,
worden sein. Die Frage also, ob Ursache und Verlauf des biogeographical, and paleoclimatical evidence. The evi-
Ereignisses bekannt sind oder nicht, ändert überhaupt dence was striking, showing for example that strata and
nichts an der historischen Grundeinsicht, daß es tatsäch- folds on opposite sides of the Atlantic fitted precisely
lich stattgefunden hat.“ with each other, and extended beyond the coastlines in
Der Vergleich „Trümmer eines Hauses – Evolution complementary patterns. Wegener, however, was una-
der Organismen“ (i.S.v. Makroevolution) ist jedoch völlig ble to produce a convincing explanation of how the
unpassend: Denn er setzt er voraus, daß das in Rede stehen- continents could move. His hypothesis was rejected with
de Ereignis sicher geschehen ist: Die Trümmer sind da und disbelief and the evidence relegated to a curiosity. It was
werden durch eine Zerstörung erklärt. Aus unzähligen only three decades later that continental drift would be-
direkten Erfahrungen ist bekannt, durch welche (unter- come accepted, after the theory of plate tectonics provi-
schiedlichen) Zerstörungsmechanismen Häuser in Trüm- ded a plausible mechanism for continental displacement.“
mer gelegt werden können. Im Falle der Ursprungsfrage Nicht anders erging es bekanntlich selbst der Deszen-
stellt sich der Sachverhalt sehr viel anders dar. Im Ver- denztheorie. Vorstellungen über eine stammesgeschicht-
gleich gesprochen: Die „Trümmer“ (d.h. „es gab eine all- liche Evolution der Lebewesen gab es lange vor DARWIN.
gemeine Evolution aller Lebewesen“) sind eben nicht ein- Der Durchbruch erfolgte erst damit, daß DARWIN (zusam-
fach da; vielmehr wird ihre Existenz nur indirekt hypo- men mit WALLACE) einen plausibel erscheinenden Mecha-
thetisch erschlossen und bzw. umgekehrt mit Argumen- nismus für den Artenwandel präsentieren konnte. Ohne
ten bestritten. Wenn aber gar nicht sicher ist, ob ein Er- Mechanismus erschien der Vorgang selber fraglich; das
eignis (hier: allgemeine Evolution der Lebewesen) über- ist heute nicht anders. Denn heute wie damals können die
haupt stattgefunden hat, spielt die Frage, ob es denn über- Indizien, die für Makroevolution sprechen, auch anders
haupt stattfinden kann, sehr wohl eine Rolle.18 interpretiert werden. Wie in Abschnitt 4.2 dargestellt,
Zudem könnten die Trümmer auch eine Müllkippe stehen (Makro-)Evolutionstheorien ohne einen nachweis-

24
lich funktionierenden Mechanismus nicht anders da als man das Konzept einer gemeinsamen Abstammung und
andere Ursprungstheorien: Sie interpretieren Indizien und die Frage nach den Mechanismen teilweise trennen, aber
sind nur beschreibend, nicht aber erklärend. die Auffassung, es gebe keine Wechselwirkungen und
Schließlich wird mit gerade mit dem Argument des Abhängigkeiten, ist illusionär. Nicht zu vergessen ist in
Fehlens eines Mechanismus die Erklärung durch „Intelli- diesem Zusammenhang, daß es den Evolutionsgedanken
gent Design“ (vgl. Abschnitt 6.4.4) abgelehnt; damit wird schon lange vor DARWIN gab, er aber erst mit DARWINs
also die Frage nach Indizien für eine Vorgang mit der plausibel erscheinendem Mechanismus zum Durchbruch
Frage der Mechanismen vermischt: „Indeed, the com- kam. Das wäre unverständlich, wenn die „Daß“-Frage vom
monplace distinction between the fact of evolution and „Wie“ unabhängig wäre.19
the mechanism of evolution may apply equally well to
design – recognition of a fact of design need not be
anchored to an understanding of the mechanisms by which 5.7 Ist der Naturalismus falsifizierbar?
design is introduced into natural phenomena“ (RATZSCH
2002, 10). (Dabei ist anzumerken, daß der ID-Ansatz Das Evolutionsparadigma fußt auf dem Naturalismus.
zwar in entscheidenden Punkten nicht auf natürliche (Zur Erinnerung: Mit „Naturalismus“ ist in diesem Bei-
Mechanismen zurückgreift, aber dennoch eine Erklärung trag immer der sog. ontologische Naturalismus gemeint;
anzubieten hat: nämlich eine steuernde Instanz – analog vgl. Kapitel 2.) Dessen Befürworter behaupten, die Axio-
einem Chemiker, der im Labor Dinge synthetisieren kann, me des Naturalismus seien grundsätzlich revidierbar. Das
die auf natürlichem Wege nicht entstehen; mehr dazu in treffe auf den Supranaturalismus bzw. das Schöpfungs-
den Abschnitten 6.4.4 und 6.5.) paradigma nicht zu, da man – egal, was man auch beob-
achtet – immer sagen könne, Gott habe das Beobachtete
Wir können festhalten: Die Plausibilität eines Vorgangs, eben auf diese Weise geschaffen. So sei eine chaotische
dessen Realität nicht als gesichert gelten kann, hängt auch Welt im Rahmen des Schöpfungsparadigmas ebenso denk-
davon ab, ob er mechanismisch möglich ist. Dies ist ja bar wie eine regelhaft geordnete. Dagegen wäre der Na-
auch einer der Gründe, weshalb die Option „Schöpfung turalismus keine wissenschaftlich tragfähige Weltanschau-
durch das Wort Gottes“ abgelehnt wird, weil ein solcher ung und müßte verworfen werden, wenn die Welt nicht
Vorgang nicht durch Gesetzmäßigkeiten beschrieben gesetzesmäßig beschreibbar, sondern völlig chaotisch
werden kann. Wenn man keinen Mechanismus für die wäre. Eine wissenschaftliche Haltung nehme alles auf den
(erstmalige) Entstehung der Lebewesen vorweisen kann, Prüfstand, auch die Grundlagen, auf denen gearbeitet
bleibt nur noch ein wie auch immer gearteter Glaube, sei werde. Eine solche Haltung nehme jedoch der Suprana-
es der Glaube an noch unentdeckte Mechanismen oder turalismus und mit ihm das Schöpfungsparadigma nicht
der Glaube an einen Urheber. ein, da bestimmte Vorgaben dogmatisch unter allen Um-
ständen festgehalten würden.
Vorhersagen ohne Mechanismus? Am Ursprung der modernen Wissenschaft, in der
Ein weiterer, bereits an anderer Stelle angesprochener Physik des 16.-18. Jahrhunderts, wurde jedoch bezüg-
Gesichtspunkt kommt noch hinzu: Es ist schwierig, aus lich Chaos und Ordnung in der Welt genau umgekehrt als
der Abstammungslehre Voraussagen abzuleiten, wenn soeben dargelegt argumentiert: Die aus der Regelhaftig-
die Evolutionsmechanismen nicht oder nur unzureichend keit der Natur gefolgerten Naturgesetze können nicht auf
bekannt sind. Der Mechanismus produziert nämlich das Mu- Zufall beruhen; vielmehr weisen sie auf einen intelligen-
ster der Merkmalsverteilung. Wird also behauptet, dieses ten Schöpfer zurück (sog. „physiko-theologischer bzw.
oder jenes Muster sei bevorzugt oder nur im Sinne einer teleologischer Gottesbeweis“).19A Gerade von daher ge-
gemeinsamen realgenetischen Abstammung zu deuten, sehen ist nicht einsichtig, warum eine chaotische, geset-
so muß der das Muster erzeugende Mechanismus be- zesmäßig nicht beschreibbare Welt nicht naturalistisch
kannt sein; erst daraus kann man schließen, welches Mu- verstanden werden könnte. Naturalistisch gesehen könn-
ster daraus resultieren sollte. Man hat das in der Tat auch te eine chaotische Welt vielmehr ohne Weiteres erwartet
gemacht, indem aus dem darwinistischen Gradualismus werden; von einer Widerlegung des Naturalismus könnte
ein im Wesentlichen dichotomes Verzweigungsschema in diesem Fall keine Rede sein. Damit stellt sich die Frage,
gefolgert wurde (ein solches Schema zeigt die einzige wie der Naturalismus überhaupt widerlegt werden könn-
Abbildung, die in DARWINs Origin of species abgedruckt ist; te. (Daraus folgt auch, daß der ontologische Naturalis-
s. Abb. 14, S. 42). Die tatsächlich anzutreffenden Merk- mus nicht mit der Erkenntnismethode der Naturwissen-
malsverteilungen passen in dieses Schema so häufig nicht, schaft zusammenhängt; vgl. Abschnitt 5.8.)
daß dies wiederum Rückwirkungen auf die Mechanis- Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt also, daß
menfrage hatte (Beispiele: Evo-Devo, Gentransfer, gene- aufgrund biblischer Schöpfungsaussagen gerade keine chao-
tische co-option usw.). tische Welt erwartet wurde. Genau das war geschichtlich
Es hängt also maßgeblich von den Evolutionsmecha- der Ausgangspunkt für die Naturwissenschaft, wie wir
nismen ab, ob beispielsweise ein Merkmalsmuster mit vie- sie heute betreiben: Die Welt ist nicht chaotisch (weil sie
len oder wenigen Konvergenzen zu erwarten ist, ob opti- z.B. willkürlich handelnden Geistern unterworfen wäre),
male oder suboptimale Strukturen zu erwarten sind, ob sondern kennt regelhafte Abläufe, die erforschbar sind,
eine Konservierung von Ahnenbauplänen in der Ontoge- weil die Welt von Gott geschaffen wurde und von ihm regiert
nese zu erwarten ist, was von der Plastizität ontogeneti- wird; das garantiert Regelhaftigkeiten. Damit würde sich
scher Vorgänge abhängt, usw. Natürlich kann und muß eine chaotische Welt eher gegen das Schöpfungsparadig-

25
ma als gegen den Naturalismus sperren. Die Regelhaftig- eines Erbauers erklärbar sind.
keiten in der Schöpfung wurden in der frühneuzeitlichen BUNGE & MAHNER (2004, 11) sehen eine Möglichkeit
Physik vielfach gesetzmäßig interpretiert (d.h. als starre, eines Scheiterns des Naturalismus darin, daß Dinge pas-
unwandelbare Naturgesetze. Man könnte den Begriff des sieren würden, die man nur als Wunder betrachten könn-
Naturgesetzes als eine ontologische Überhöhung natürli- te. Wunder sind aber vielfach historisch dokumentiert –
cher Regelhaftigkeiten mit metaphysischem Charakter so gut dies historisch eben möglich ist. Wunder gibt es
bezeichnen; dieser Fragestellung wird hier aber nicht auch in der Gegenwart, z. B. medizinische Wunder von
weiter nachgegangen).20 Spontanheilungen Todkranker. Man kann jedoch immer
Eine chaotische Welt ist also nie und nimmer ein anfechten, ob es bei solchen Geschehnissen nicht doch
Problem für den Naturalismus; sie wäre eher eines für die mit natürlichen Dingen zuging und man einfach zu we-
christliche Weltsicht. Denn die Annahme einer Ordnung in nig über die natürlichen Heilungskräfte des Körpers
der Welt und regelhafter Abläufe in ihr ist gerade eine Folge weiß.22 Bei den historischen Wundern wie der Auferste-
der christlichen Schöpfungssicht. Die Methode der empiri- hung Jesu, die naturalistisch sozusagen streng verboten
schen Forschung ist deshalb auch kein Fremdkörper im ist, läßt sich leicht behaupten, daß in irgendeiner Form
Rahmen eines Schöpfungsparadigmas, sondern mit ihm ein Irrtum vorliege, und somit den Fall erledigen. Jede
untrennbar verbunden. Falsifikationsmöglichkeit für den Naturalismus kann man
Dazu kommt: Der Naturalismus kann bei Erklärungs- umgehen. Die Annahme einer „Übernatür“ ist für den
problemen oder unerwarteten Befunden immer kontern, Naturalismus per definitionem überflüssig. Der weltan-
daß zu wenig über die Natur bekannt sei, um eine rein schauliche Naturalismus ist eine außerwissenschaftliche
naturalistische Erklärung definitiv ausschließen zu kön- Vorgabe, die von ihren Befürwortern de facto grundsätz-
nen. Die Aufklärung hypothetischer Mechanismen oder lich nicht zur Disposition gestellt wird.
offener Fragen wird in die Zukunft verschoben – eine
Strategie, derer man sich im Rahmen aller Ursprungspa-
radigmen bedient. Auch aus diesem Grund ist der Natu- 5.8 Wird der Naturalismus methodolo-
ralismus de facto nicht falsifizierbar. Die Forderung, daß gisch erzwungen?
eine naturalistische Erklärung als prinzipiell unmöglich
erwiesen werden müsse, damit der Naturalismus als ge- BUNGE & MAHNER (2004, 9) behaupten: „Der Naturalismus
scheitert gelten könne, ist aus demselben Grunde uner- ist für die Wissenschaften keine beliebige Setzung, son-
füllbar. Das Scheitern eines weltanschaulichen Naturalis- dern er wird gleichsam von deren methodologischen
mus kann nie endgültig demonstriert werden. WASCHKE Prinzipien erzwungen.“ (Gemeint ist der ontologische
(2003) stellt genau dies fest, wenn er schreibt: „ID [„Intel- Naturalismus, vgl. Kapitel 2.) Sie begründen das damit,
ligent Design“, Erg.]-Anhänger sehen durchaus, dass es daß wissenschaftliche Hypothesen und Theorien unter
nicht ausreicht, Lücken im derzeitigen Wissen aufzuzei- anderem überprüfbar sein müßten, was nur möglich sei,
gen, sondern dass sie die grundsätzliche Unfähigkeit der wenn in irgendeiner (ggf. indirekten) Form eine Interakti-
naturalistischen Wissenschaft aufzeigen müssen, kom- on mit dem zu Überprüfenden gegeben ist und wenn
plexe Strukturen zu erklären. Dieser Nachweis ist aber dieses sich gesetzmäßig verhält. Für übernatürliche We-
prinzipiell gar nicht zu erbringen.“ „Prinzipiell nicht“ heißt: senheiten gelte dies nicht. Doch diese Begründung schließt
Der Naturalismus ist nicht widerlegbar. In diesem Sinne in keiner Weise die Möglichkeit supranaturaler Wirkun-
äußert sich auch NEUKAMM (2004, 1), wenn er schreibt, gen aus, auch wenn sie in der Tat wissenschaftlich nicht
daß es „empirische Hinweise auf außerweltliche ,Desi- erfaßbar sind, sondern allenfalls an ihren Ergebnissen
gner‘ prinzipiell nicht geben“ könne (Hervorhebung im erkannt, vermutet oder plausibel gemacht werden kön-
Original).21 Wenn es Hinweise auf außerweltliche Desi- nen. Gelegentliche oder in der Vergangenheit wirksame su-
gner prinzipiell nicht geben kann, ist der Naturalismus pranaturale Eingriffe schließen wissenschaftliche For-
nicht falsifizierbar. Daraus folgt umgekehrt auch, daß schungen nicht aus und schränken sie auch nicht ein. Die
man ím Rahmen des ontologischen Naturalismus nicht un- wissenschaftliche Methode ist völlig unabhängig vom
eingeschänkt ergebnisoffen forscht bzw. forschen kann, wenn zugrundeliegenden Weltbild anwendbar. Das Kriterium
empirische Hinweise auf außerweltliche Designer prinzi- der Prüfbarkeit erfordert nur, daß der in Rede stehende
piell ausgeschlossen werden. Vorgang regelhaft verläuft und dies ist auch im Rahmen
WASCHKE (2003) nennt als Falsifikationsmöglichkeit: des Schöpfungsparadigmas (bzw. Supranaturalismus) der
„Wenn es ID-Anhängern gelingt, die Existenz eines Desi- Normalfall.
gners zu zeigen, ist eine durchgehend naturalistische Er- Damit zeigt sich auch, daß das sog. „Proliferations-
klärung nicht mehr möglich.“ Doch dies ist ebenfalls prin- problem“ des Supranaturalismus keine ernsthafte Schwíe-
zipiell nicht möglich, da es im Wesen eines Designers rigkeit darstellt. Unter dem Proliferationsproblem ver-
liegt, daß er nicht in dem von ihm Geschaffenen festge- stehen BUNGE & MAHNER (2004, 11) die Tendenz, bei Zu-
stellt werden kann. Seine Spuren sind erkennbar, er selber lassung gelegentlicher supranaturaler Eingriffe immer
nicht. Genausowenig kann eine in einem Klavier lebende mehr solcher Eingriffe anzunehmen, was schließlich zu
Maus die Existenz eines Klavierspielers oder gar des Kla- einem unaufhaltsamen Wildwuchs von Beliebigkeiten
vierbauers dadurch demonstrieren, daß sie Bewegungen führe oder führen könne. Diesem Problem kann begeg-
von Hämmern und Saiten im Klavier und die damit ver- net werden, indem 1. klare Vorgaben über Annahmen
bundenen Töne wahrnimmt. Wohl aber hat sie nachweis- supranaturaler Eingriffe gemacht werden (z. B. Vorgabe
bare Indizien, die durch die Tätigkeit eines Spielers und polyvalenter Grundtypen; vgl. Abschnitt 6.4), und 2. dar-

26
10f.), wonach die wissenschaftlichen Methoden vom
Vorbedingung für
ontologischer
Naturalismus abhängen, trifft daher nicht zu.
Naturalismus Auch im Rahmen des Schöpfungsparadigmas wird
Vorbedingung für
nach Gesetzmäßigkeiten gesucht und diese Suche erfolgt
Prüfbarkeit
methodisch nicht anders als im Rahmen des Naturalis-
mus. Diese Methode ist (wie in Abschnitt 5.7 schon ge-
Erklärungsmacht
sagt) auch kein Fremdkörper im Rahmen des Schöp-
fungsparadigmas. Daß das Schöpfungsparadigma und
insbesondere die Grundtypenbiologie darüber hinaus
Vorbedingung für Vorgaben über das Handeln Gottes bei der Schöpfung
Schöpfung
im biblischen machen, beinhaltet keine Beschränkung dieser Methode.
Sinne
Vorbedingung für (In der historischen Rekonstruktion wird nicht nach die-
Regelhaftigkeit,
Ordnung
ser Methode gearbeitet; vgl. Kapitel 4.) Selbst die Mög-
lichkeit, daß Gott jederzeit eingreifen kann und dies gele-
Naturwissenschaft,
Prüfbarkeit, gentlich auch tut (und nach dem Zeugnis historischer
Erklärungsmacht
Dokumente auch getan hat), schränkt die Anwendbarkeit
der wissenschaftlichen Methode nicht ein. Denn nach der
Abb. 2: Die Methoden der empirischen Wissenschaft biblischen Weltsicht erfolgt das Eingreifen Gottes nicht
sind keine Fremdkörper unter der Vorgabe von Schöp- chaotisch oder beliebig, sondern ausnahmsweise. Daß
fung. Und der ontologische Naturalismus ist entgegen
die Welt in den überaus überwiegenden Fällen regelhaft
der oberen Darstellung (nach NEUKAMM) keine Vorbe-
„funktioniert“, hat Gott selber verheißen und garantiert
dingung für Prüfbarkeit. Denn Gesetzmäßigkeiten kön-
nen auch in einer geschaffenen Welt erkannt, beschrie- (Genesis 8,22, Jer. 31,35-36; 33,25-26; vgl. Abschnitt
ben und geprüft werden. 5.7). Deshalb ist Wissenschaft überhaupt erst möglich
(vgl. Abb. 2).
Da diese Einschätzung hartnäckig bestritten wird, soll
über hinaus nicht beliebig und nicht ad hoc supranaturale der Sachverhalt anhand zweier Beispiele erläutert wer-
Eingriffe angenommen werden, insbesondere dann nicht, den. Das Johannesevangelium (Joh. 2,1-12) berichtet
wenn man bei einem Forschungsproblem nicht weiter- davon, daß Jesus Wasser in Wein verwandelt hat. (Natu-
kommt. Die konkrete empirisch orientierte wissenschaft- ralisten können dies nur bestreiten, sonst müßten sie ihr
liche Forschung arbeitet ohnehin immer mit der Annah- Weltbild aufgeben.) Schränkt dieses Wunder Jesu in ir-
me, daß es keine unkontrollierbaren supranaturalen Ein- gendeiner Weise die wissenschaftliche Forschung ein?
griffe gibt („methodischer Atheismus“); das ist ein Werk- Anwesende Wissenschaftler wären hier punktuell nicht in
zeug, das unabhängig von der zugrundeliegenden Onto- der Lage gewesen, den Vorgang der Verwandlung zu un-
logie verwendet werden kann (s.o.). RATZSCH (2002, 6) tersuchen; sie hätten nur die Realität der Veränderung
hält die Beschwörung der Proliferationsgefahr für über- feststellen können. Ebenso hätte ein Mediziner den Hei-
trieben und meint, es gebe für supranaturalistische Proli- lungsvorgang nicht untersuchen können, durch den ein
feration keine historischen Beispiele (S. 7). Leprakranker aufgrund eines bloßen Befehls Jesu augen-
Es bleibt an dieser Stelle noch das Argument, die blicklich gesund wurde (Mark 1,40-42). Er hätte nur vor
naturalistische Ontologie folge harmonisch aus der na- der Heilung ein Krankheitsbild und danach das völlige
turwissenschaftlichen Methode bzw. sei durch diese be- Fehlen von Krankheitssymptomen feststellen können.
dingt, während im Rahmen des Schöpfungsparadigmas Aber solche gelegentlichen Wunder verunmöglichen in
ein Bruch auftrete. Man kann wohl sagen, daß der Natu- keiner Weise medizinische Forschung oder machen sie
ralismus zur naturwissenschaftlichen Methoden paßt (was überflüssig oder unberechenbar. Die Kritiker machen hier
durch die gelegentliche Bezeichnung „methodischer Na- aus einer Mücke einen Elefanten, wenn sie aus dem sou-
turalismus“ wohl unterstrichen werden soll), inwiefern er veränen Handeln Gottes eine Beliebigkeit oder die Ver-
aber aus dieser Methode folgen oder durch diese bedingt unmöglichung von Wissenschaft machen.
sein soll, ist logisch nicht ersichtlich. Einen Bruch gibt es
im Weltbild des ontologischen Naturalismus, wenn supra- Aus den beiden letzten Abschnitten resultiert die
naturale Einflüsse vorkommen; mit der Methode des Er- Schlußfolgerung: Der Naturalismus ist eine weltanschauli-
kenntnisgewinns hat das aber nichts zu tun. che Vorgabe über die Welt, die weder empirisch noch metho-
Eine weitere Begründung von BUNGE & MAHNER (2004, disch erzwungen wird und die nicht falsifiziert werden kann.
9) für einen methodologisch begründeten Zwang zum
Naturalismus ist die Forderung differenzierter Erklärun-
gen: Wissenschaftliche Theorien dürfen nicht alles erklä- 5.9 Schlußfolgerungen
ren, sondern nur genau das, was erklärt werden soll
(Kriterium der „Erklärungskraft“). Genau dies wird in der In Anlehnung an Abschnitt 4.3 kann festgehalten wer-
Grundtypenbiologie (Abschnitt 6.4.2) und beim ID-An- den:
satz beachtet (Abschnitt 6.4.4). Es ist nicht ersichtlich, • Das Evolutionsparadigma kann nicht strikt falsifiziert
inwiefern Theorien, die im Rahmen des Schöpfungspara- werden, da es kaum möglich ist, strikt verbotene Aussa-
digmas aufgestellt werden, gegen dieses Kriterium ver- gen zu formulieren.
stoßen. Die Behauptung von BUNGE & MAHNER (2004, • Das Evolutionsparadigma sagt bestimmte zu beobach-

27
tende Daten in der Regel nicht eindeutig voraus, sondern im Sinne einer Plausibilitätssteigerung,
kann meist nur ungefähre Erwartungen angeben. Die • Das Evolutionsparadigma kann nicht von Mechanis-
Daten werden erst im Nachhinein im Rahmen des Evolu- menfragen abgekoppelt werden.
tionsparadigmas gedeutet. • Tests bestimmter Evolutionstheorien sind nicht logisch
• Das Evolutionsparadigma kann nur auf Plausibilität zwingend zugleich auch Tests auf das zugrundeliegende
untersucht werden; dabei können subjektive Einschät- Evolutionsparadigma. Erfolgreiche Tests steigern aber
zungen nicht ausgeschaltet werden. In der Praxis bemü- die Plausibilität des Paradigmas.
hen sich die Evolutionsforscher daher um Verifizierung

28
6. Schöpfungsparadigma und empirische Forschung

In den bisherigen Abschnitten wurden einige Feststellun- Es gibt in der Tat einen grundlegenden Unterschied
gen über historische Forschung im allgemeinen und über zwischen dem Schöpfungsparadigma und dem Natura-
das Evolutionsparadigma im speziellen getroffen, die bei lismus (siehe dazu den folgenden Abschnitt 6.1). Den-
der Beurteilung von Theoriebildungen im Rahmen des noch sind alle oben genannten Argumente gegen das
Schöpfungsparadigmas bedacht werden müssen. Die Existenzrecht einer Wissenschaft im Rahmen des Schöp-
wichtigsten Ergebnisse sollen zunächst noch einmal zu- fungsparadigmas anfechtbar. Dies soll in diesem Kapitel
sammengefaßt werden: gezeigt werden. Weiter wird erläutert, wie Wissenschaft
• In historischen Fragestellungen können nur in einge- im Rahmen des Schöpfungsparadigmas funktioniert,
schränkter Form Vorhersagen gemacht werden. warum sie heuristisch fruchtbar sein kann, und daß falsi-
• Historische Rekonstruktionen erlauben kaum Falsifi- fizierbare Hypothesen aufgestellt werden können. Die
zierungsmöglichkeiten. Hauptthese wird sein, daß der wesentliche Unterschied
• In historischen Fragen werden Daten im Nachhinein in zwischen Wissenschaft im Rahmen des Naturalismus und
ein Szenario eingepaßt. im Rahmen des Schöpfungsparadigmas nicht in den Me-
• Der in Rede stehende Vorgang ist nicht der unmittelba- thoden der Erkenntnisgewinnung liegt, sondern darin,
re Gegenstand der Forschung; vielmehr müssen konkre- daß im Rahmen des Schöpfungsparadigmas bestimmte
te Szenarien hypothetisch abgeleitet werden, die Prüf- übernatürliche Eingriffe vorausgesetzt werden und die
möglichkeiten erlauben. Möglichkeit weiterer Eingriffe offengehalten wird. Dies
hat zur Folge, daß es teilweise verschiedene Erwartungen
In den Auseinandersetzungen der letzten Jahre um die beim Test von Hypothesen und zum Teil verschiedene
Beziehung zwischen Schöpfungsparadigma und natur- Fragestellungen gibt. Beispielsweise wird nach Indizien
wissenschaftlichem Arbeiten wurde einer Wissenschaft für „Schöpfung“ gesucht; diese Möglichkeit berücksich-
im Rahmen des Schöpfungsparadigma häufig das Exi- tigt der Naturalismus dagegen nicht. Alle anderen be-
stenzrecht bestritten. Dabei werden folgende Argumen- haupteten Unterschiede erweisen sich bei genauerer Ana-
te angeführt: lyse als aufgebauscht oder als gegenstandslos.
• Das Schöpfungsparadigma sei unrevidierbar und of-
fenbare daher eine unüberbrückbare methodologische
Kluft zu wissenschaftlichen Forschungsprogrammen, die 6.1 Schöpfungsparadigma und
alles auf den Prüfstand stellen, einschließlich ihrer welt- Naturalismus
anschaulichen Grundlagen.
• Das Schöpfungsparadigma erlaube keine konkreten Was ist im Rahmen des Schöpfungsparadigmas anders
Vorhersagen, aus ihm könnten beliebige Schlußfolgerun- als im Naturalismus? Im 1. Abschnitt wurde beschrieben,
gen gezogen werden, es mache keine Verbote an die was „Schöpfung“ bedeutet: 1. Ein Ins-Dasein-Bringen
Empirie; daher sei es nicht falsifizierbar. Jedoch: „Nur durch Befehle, aufgrund des Willens Gottes (durch das
durch das Ausscheiden einer Menge logisch möglicher Wort), 2. Das Sichtbare (die Phänomene) ist nicht aus
Beobachtungsaussagen ist ein Gesetz oder eine Theorie Seinesgleichen entstanden (beides in Anlehnung an Hebr.
aussagekräftig“ (CHALMERS 2001, 54f.). Oder in anderen 11,3). Diese Charakterisierung ist noch sehr allgemein
Worten: Wissenschaftliche Theorien sollen Erklärungs- gehalten, denn es wird damit nicht konkret gesagt, was
kraft besitzen, d.h., sie sollen nicht alles erklären können, genau durch Gottes Wort unableitbar ins Dasein gekom-
sondern nur genau, das, was erklärt werden soll (MAHNER men ist. Klar ist nur: Es muß mit Grenzen der Erforsch-
2002). Dies treffe auf das Schöpfungsparadigma nicht barkeit gerechnet werden, wenn die Ursprünge erforscht
zu. werden. Wo diese Grenzen liegen, ist aber nicht von
• Das Schöpfungsparadigma sei heuristisch unfrucht- vornherein klar, sondern diese müssen durch Forschung
bar; aus ihm folgten keine Anleitungen für Erkenntnisge- ausgelotet werden. Daraus ergibt sich schon eine erste
winnung. Entgegnung auf den verbreiteten Einwand, bei Vorgabe
• Das Schöpfungsparadigma verhindere Forschung, weil von „Schöpfung“ stünden die Ergebnisse von vornher-
beim Auftreten offener Fragen auf das wundersame ein fest und Forschung würde sich erübrigen oder solle
Handeln eines Schöpfers verwiesen werde. NEUKAMM nur das bereits Feststehende bestätigen. Man kann das
(2004) behauptet sogar, das Schöpfungsparadigma er- Unternehmen „Forschung im Rahmen des Schöpfungs-
sticke Forschungsanstrengungen der Wissenschaft bzw. paradigmas“ auch damit begründen, daß die Option crea-
das rationale Begreifen kausaler Zusammenhänge im tio ex nihilo nicht a priori ausgeschlossen werden kann.
Keim. Mehr noch: Evolutions- und Naturalismuskritik Von vornherein feststehende Vorgaben aufgrund von
richteten sich gegen die Wissenschaft selbst. Offenbarung gibt es nur in allgemeiner Form. Diese Si-
• Im Rahmen des Schöpfungsparadigmas könne nach tuation ist vergleichbar mit der allgemeinen Vorgabe des
Belieben auf übernatürliche Eingriffe rekurriert werden; Evolutionsparadigmas, in dessen Rahmen Evolutions-
es gebe keine Garantie für Gesetzmäßigkeiten. forschung betrieben wird. Auch dort wird dieser Rah-
• Im Rahmen des Schöpfungsparadigmas könne keine men durch Forschung gefüllt. In beiden Fällen liegt ein
ergebnisoffene Wissenschaft betrieben werden. Paradigma zugrunde und man sucht nach passenden
Beobachtungen bzw. versucht, die gewonnenen Daten

29
entsprechend einzupassen. ein eigener Beitrag widmen, der zur Zeit in Vorbereitung
Die Schilderungen des Schöpfungsberichts konkreti- ist (vgl. Anmerkung 7).
sieren die allgemeine Vorgabe: Gott hat die Lebewesen
nach ihrer Art geschaffen. Das heißt: „Schöpfung durch Eine „andere Wissenschaft“?
das Wort“ beinhaltet konkret das Hervorbringen fertiger Bedeutet der Bezug auf Offenbarung eine andere Art
Lebewesen und eine primäre Grenze zwischen den „ge- von Naturwissenschaft? Dieser Frage soll an dieser Stelle
schaffenen Arten“. Dies ist im Vergleich zu den Vorgaben anhand einiger Aussagen von HEMMINGER (1988) nachge-
des Naturalismus sehr konkret und hier liegt auch ein gangen werden. HEMMINGER schreibt: „Der Unterschied
wirklicher Unterschied zwischen dem Schöpfungspara- zwischen herkömmlicher Wissenschaft und Kreationis-
digma und dem Naturalismus vor. „Schöpfung“ im bibli- mus betrifft den ... Aspekt ... der Empirie. Er bedeutet,
schen Sinne bedeutet konkrete inhaltliche Vorgaben. Dies daß die Naturwissenschaft sich allein und ausschließlich
impliziert, daß der Ursprung des Lebens und der Ur- an der objektiven Erfahrung mit der Natur orientiert.“
sprung der Grundtypen mechanismisch nicht beschrie- Dieser Grundsatz, so HEMMINGER weiter, werde im Krea-
ben werden kann. Daß dies dennoch Forschung nicht tionismus verändert, da er davon ausgehe, „daß eine
erübrigt oder einschränkt, wird in Abschnitt 6.5 gezeigt. naturwissenschaftliche Theorie sowohl mit der Erfah-
Zudem kann mit guten Gründen in Frage gestellt wer- rung als auch mit dem Bibelwort übereinstimmen muß.“
den, ob es für Makroevolution überhaupt einen Mecha- HEMMINGER nennt dieses Vorgehen „inspiriert-empirisch“.
nismus gibt. Der Unterschied zwischen beiden Paradig- Die Anfrage HEMMINGERs ist berechtigt, weil die methodi-
men lautet nicht, daß das Evolutionsparadigma einen sche Vorgehensweise im Kreationismus häufig willkür-
Makroevolutionsmechanismus vorweisen könne, das lich erscheint. Das ist aber nur dann der Fall, wenn Gottes
Schöpfungsparadigma dagegen nicht, sondern daß im Handeln bei Bedarf ad hoc herangezogen wird, um Er-
einen Fall die Existenz eines natürlichen Mechanismus klärungsschwierigkeiten zu überwinden (HEMMINGER er-
erwartet wird, im anderen nicht. wähnt solche Beispiele), aber auch, wenn Gottes Handeln
„Naturalismus“ macht keine vergleichbaren konkre- (vermeintlich!) als Theoriebestandteil auftritt, was es prin-
ten Vorgaben wie das Schöpfungsparadigma, sondern zipiell nicht sein kann. Dem soll die in diesem Beitrag
setzt nur voraus, daß es keine übernatürlichen Eingriffe vorgenommene Differenzierung zwischen Supranatura-
in die Natur gibt (vgl. Definition im 2. Abschnitt). Man lismus, Schöpfungsparadigma und Grundtypenbiologie
kann den Unterschied auch so fassen: Das Schöpfungspa- Rechnung tragen. Im Rahmen der Grundtypenbiologie
radigma bezieht Informationen aus der biblischen Of- wird keine „andere Naturwissenschaft“ betrieben. In des-
fenbarung, also einer Mitteilung Gottes über Sachver- sen Rahmen werden Hypothesen nicht mehr und nicht
halte, über die auf anderem Wege keine Kenntnis gewon- weniger an der Empirie gemessen als Hypothesen im
nen werden könnte. Die Auseinandersetzung um die Ur- Rahmen des Evolutionsparadigmas.23
sprungsfrage kreist damit letztlich um die Frage, ob die Der Unterschied, den HEMMINGER sieht, liegt an einer
biblische Offenbarung wahr ist. Denn wenn sie wahr ist, anderen Stelle, nämlich in den Voraussetzungen. Das
dann ist der Einwand, eine solche Vorgabe sei unwissen- Schöpfungsparadigma macht konkretere Vorgaben als
schaftlich, irrelevant – mindestens dann, wenn es in der das Evolutionsparadigma und nimmt Bezug auf Offen-
Wissenschaft darum geht, sich der Wahrheit anzunähern. barung. Wird der Unterschied zwischen Schöpfungspa-
Wie kann man unter der Vorgabe einer Offenbarung radigma und Grundtypenbiologie beachtet, erweist sich
Wissenschaft betreiben? Diese Frage stellt sich selbst die Ansicht, im Rahmen des Schöpfungsparadigmas müs-
dann, wenn man nicht an Offenbarung glaubt, die Mög- se eine naturwissenschaftliche Theorie „sowohl mit der
lichkeit einer Offenbarung aber nicht ausschließen kann. Erfahrung als auch mit dem Bibelwort übereinstimmen“
Die Vorgabe der Erschaffung fertiger Arten – im (s. o.) in dieser plakativen Form als fragwürdig. Denn die
folgenden als Grundtypen bezeichnet – ist aber immer konkreten Theorien sind zwar vom Schöpfungsparadig-
noch relativ ungenau, denn es wird in der Bibel keine ma motiviert sind und sollen zu diesem passen, werden
Auskunft darüber gegeben, was unter den „geschaffenen dann aber anhand empirischer Daten geprüft und ggf.
Arten“ (den Grundtypen) zu verstehen sei. Einzig beim auch falsifiziert. Die Vorgehensweise ist auf dieser Ebene
Menschen ist klar, daß er als Mensch „zum Bilde Gottes“ nicht grundsätzlich anders als im Rahmen des Evoluti-
geschaffen wurde (Genesis 1,27). Weiter ist offen, ob und onsparadigmas: Dessen konkrete Theorien sind ebenfalls
in welchem Ausmaß die Grundtypen veränderbar sind. vom Paradigma motiviert und sollen zu ihm passen.
Damit ist an dieser Stelle schon klar: Für Forschung im HEMMINGER schreibt weiter: „Die Naturwissenschaft
Rahmen dieser Vorgabe steht ein weites Feld offen. Dies entstand historisch aufgrund der Entscheidung, natur-
wird weiter unten näher erläutert (Abschnitt 6.4.2). kundliche Fragen eben nicht nach dem geschriebenen
Der Bezug auf Offenbarung und damit verbundene Wort zu beurteilen, sondern anhand der Natur selbst.“
konkrete Vorgaben betrifft auch die Rekonstruktion der Was aber sind naturkundliche Fragen? Ist der Ursprung des
Erdgeschichte, die in diesem Beitag weitgehend ausge- Kosmos, der Lebewesen, des Menschen eine naturkund-
blendet bleibt (vgl. dazu die Anmerkungen am Ende von liche Frage? Zweifellos nicht nur! Soweit man mit der
Kapitel 3). Die biblischen Vorgaben sind einerseits auch in naturwissenschaftlichen Methode Daten über die Natur
diesem Bereich sehr allgemein (die Bibel sagt nichts di- in Erfahrung bringen kann, soll diese Methode auch im
rekt über Geologie und Paläontologie), andererseits durch Rahmen des Schöpfungsparadigmas nach allen Regeln
die Vorgaben einer Kurzzeit-Schöpfung und einer welt- der Kunst ausgeschöpft werden. Dabei wird auch vieles
weiten Sintflut sehr konkret. Dieser Thematik wird sich in Erfahrung gebracht, was zur Beantwortung der Ur-

30
sprungsfrage relevant ist. Das gilt uneingeschränkt auch vertretbar sind). Die Zielsetzung, die Reichweite natürli-
für wissenschaftliches Arbeiten unter der Vorgabe des cher Prozesse auszuloten und kausale Zusammenhange
Schöpfungsparadigmas (was im Laufe dieses Beitrag an zu ermitteln, ist sogar dieselbe. Allerdings wird im Rah-
vielen Stellen auch noch deutlich werden wird). Doch men des Schöpfungsparadigmas nicht das Ziel verfolgt,
damit erhalten wir noch keine Antwort auf die Ursprungs- eine naturgesetzliche Entstehung des Lebens und seiner
frage, sondern nur Anhaltspunkte. Der strittige Punkt ist Vielfalt zu erreichen. Ob dieses Ziel überhaupt realistisch
zudem, ob die Frage nach den Ursprüngen überhaupt ist, steht ja von vornherein erst einmal gar nicht fest; es
zurecht nur an die Natur gestellt wird. Naturwissenschaft handelt sich nur um ein hypothetisches Ziel. Der Ansatz
beschäftigt sich mit dem „Buch der Natur“, aber wie steht des „Intelligent Design“ (Abschnitt 6.4.4) trägt dem Rech-
es mit dem „Buch der Naturgeschichte“? Im 4. Kapitel nung. Denn er strebt dadurch ein volles Verständnis na-
wurde gezeigt, daß die Naturwissenschaft zu diesem Buch türlicher Vorgänge an, daß alle Möglichkeiten für den
nur sehr eingeschränkten Zugang hat. Der Forschungs- Ursprung biologischer Systeme – Zufall, Gesetzmäßig-
gegenstand bestimmt die Forschungsmethode – dieser keit und Intelligent Design – offengehalten werden.25
Grundsatz wird nicht beachtet, wenn die naturwissen- Abgelehnt wird im Grunde nur, Makroevolution als
schaftliche Methode als allein adäquat für die Erforschung Tatsache hinzustellen. Die Behauptung von MAHNER (1989,
der Geschichte des Lebens angesehen wird. 34; ähnlich NEUKAMM 2004), „wir müßten uns von einem
Die alles entscheidende Frage ist also nicht die nach Großteil unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse und
einer anderen Methode, sondern ob es Offenbarung zur Disziplinen trennen, nämlich von allen, die direkt oder
Ursprungsfrage gibt und berücksichtigt werden muß. indirekt deren [der Evolutionstheorie] Aussagen stützen“,
Natürlich scheiden sich hier die Geister. Wie man mit wenn der Kreationismus recht hätte, ist falsch. Trennen
Offenbarung methodisch umgeht, ist bei Bejahung die- müßte man sich von manchen Interpretationen, aber we-
ser Grundfrage dann der zweite Schritt. Wie dies auf der von Daten noch gar von ganzen Disziplinen. Daten
rationale Weise auch für Andersdenkende nachvollzieh- erlauben in der Regel unterschiedliche Deutungen im
bar erfolgen kann, soll mit diesem Beitrag gezeigt wer- Rahmen verschiedener Paradigmata. Man kann hier den
den. Kritikern nur entgegenhalten: Zeige mir die Daten oder
Das von HEMMINGER so bezeichnete Prinzip „Überein- die Disziplinen, die im Rahmen des Schöpfungsparadig-
stimmung mit der biblischen Naturkunde“ gehört nach mas verloren gehen, und ich zeige Dir, weshalb das nicht
dem Gesagten nicht in den Kontext der Prüfung von Hypo- stimmt. Daher treffen Behauptungen über Ansätze der
thesen, sondern in den Kontext der Voraussetzungen, Schöpfungslehre, wonach die Wissenschaften mit den
unter denen Hypothesen formuliert werden, also zum Postulaten des Kreationismus stehen und fallen würden
Schöpfungsparadigma. Dieser Unterschied muß in der (NEUKAMM 2004, 10) nicht zu. Zum einen werden im
methodischen Vorgehensweise beachtet werden. Rahmen des Schöpfungsparadigmas keinerlei empirische
Daten unterdrückt, zum anderen aber wird dem Evoluti-
onsparadigma und darauf gründender Wissenschaft
6.2 Verhindert die Annahme von „Schöp- schließlich nicht das Existenzrecht bestritten. Die Formu-
fung“ empirische Forschung? lierung NEUKAMMs (2004, 11), man sei „primär an der
Durchsetzung dogmatisch verengter Bibelinterpretatio-
Wenn man „Schöpfung“ als Erklärung heranzieht, ver- nen interessiert“, trifft in dieser Pausachalität keineswegs
zichtet man an bestimmten Stellen auf Erklärungen, die zu. Es geht nicht um ein Ersetzen oder Durchsetzen,
mit natürlichen Mechanismen operieren, bzw. schließt sondern um Konkurrenz. Das gilt insbesondere für wis-
die Möglichkeit solcher Erklärungen punktuell aus. Doch senschaftliche Aspekte. Auf der Ebene der wissenschaft-
bedeutet dies Forschungsverzicht im Rahmen des Schöp- lichen Diskussion versteht sich das Schöpfungsparadig-
fungsparadigmas? Im Schöpfungsparadigma steht nicht ma nicht als einzig möglicher Ansatz, der anderen das
von vornherein genau fest, wo die natürlichen Mechanis- Existenzrecht bestreitet.26
men nicht greifen. Genau dies kann und soll nur durch In den Abschnitten 6.4 und 6.5 wird genauer erläu-
Forschung ausgelotet werden. Keineswegs geht es darum, tert, daß und wie die Vorgabe „Schöpfung“ in die For-
Wissenslücken nach Belieben durch Hinweise auf Schöp- schung führen kann.
fungsakte zu füllen, sondern Erkenntnisgrenzen anzuer-
kennen, wenn sie sich trotz aller Forschungsbemühun- Evolutionsparadigma als Forschungshindernis?
gen hartnäckig bemerkbar machen. Die Annahme von Die Frage, unter welchem Paradigma – Schöpfung oder
„Schöpfung“ verhindert empirische Forschung also in Evolution – Forschung eher gefördert oder behindert
keiner Weise.24 wird, ist nicht einfach und plakativ beantwortbar. Die
Der Vorwurf, man würde bei Vorgabe von „Schöp- Situation muß schon deshalb differenziert beurteilt wer-
fung“ auf das rationale Begreifen kausaler Zusammen- den, weil das Evolutionsparadigma in der Vergangenheit
hänge verzichten und die wissenschaftliche Zielsetzung manchen Wissensfortschritt verhindert hat.
verlassen, trifft nicht zu. In Wirklichkeit gibt es keine Vor allem die Annahme der Funktionslosigkeit von
einzige wissenschaftliche Erkenntnis, die durch die An- Organen aufgrund evolutionärer Rückbildung (Rudimen-
nahme einer Schöpfung abzulehnen wäre oder verhin- tation) und das Biogenetische Grundgesetz wirken bzw.
dert werden würde. Die Wissenschaft arbeitet mit Me- wirkten forschungshemmend. Wenn etwa bestimmte
thoden, die auch im Rahmen des Schöpfungsparadigmas scheinbare Umwegentwicklungen in Embroynalentwick-
uneingeschränkt angewendet werden (sofern sie ethisch lungen als Relikte stammesgeschichtlicher Vorfahren in-

31
terpretiert werden, kann von dieser Vorstellung her we- rung, die uns in der Heiligen Schrift gegeben wird. Von da
nig Neigung bestehen, dem Sinn solcher Entwicklungs- aus wird weitergefragt, wie die Daten der Natuwissen-
wege auf den Grund zu gehen. Oder wenn Organe wie schaften damit in Beziehung gesetzt werden können.
das Steißbein des Menschen, die Splintbeine der Pferde Darüber hinaus sei darauf hingewiesen, daß der Ansatz
und viele andere Organe als funktionslos angesehen wer- des „Intelligent Design“ ebenfalls nicht auf Nichtwissen
den, weil sie evolutionstheoretisch als Reste ehemals funk- rekurriert. Vielmehr geht es darum, anhand positiver
tionsfähiger Strukturen interpretiert werden. Dasselbe gilt, Evidenzen „Design-Signale“ zu erkennen (vgl. dazu JUN-
wenn kurios erscheinende Organe wie z. B. der Panda- KER 2004 und Abschnitt 6.4.4).
Daumen als evolutionäre Notlösungen von nur mühsam
gelungenen An- und Umbauten gedeutet werden (vgl.
dazu Abschnitt 6.4.5). 6.3 Schöpfungsparadigma und unterge-
Tatsächlich wurden dennoch in vielen Fällen ange- ordnete Hypothesen und Theorien
messene Funktionen entdeckt, dies geschah aber nicht
aufgrund einer evolutionstheoretischen Motivation. Viel- Für den Fortgang der Argumentation muß an die wichti-
mehr werden in der Praxis der Forschung Organismen ge Unterscheidung zwischen Schöpfungsparadigma und
so behandelt, als seien sie für bestimmte Zwecke erschaf- Grundtypenbiologie erinnert werden, die im 2. Kapitel
fen wurden. Die Forschung ist also de facto vom ID-Ge- vorgenommen worden ist. Das Schöpfungsparadigma
danken motiviert, auch wenn formell das Evolutionspa- ist nicht Teil einer Hypothese oder Theorie, sondern
radigma zugrundegelegt wird bzw. wenn ohne ausdrück- spannt einen Denkrahmen auf, innerhalb dessen Hypo-
lichen Bezug auf Ursprungsfragen geforscht wird: „We thesen und Theorien aufgestellt werden können (Ab-
treat organisms – the parts at least – as if they were ma- schnitt 2.2). Das Schöpfungsparadigma selber ist nicht
nufactured, as if they were designed, and then we try to falsifizierbar. Durch „Schöpfung“ könnte man nämlich
work out their functions. End-directed thinking – teleolo- alles erklären, indem man alles, was immer man auch
gical thinking – is appropriate in biology because, and beobachtet, als so von Gott geschaffen deklariert. Vom
only because, organisms seem as if they were manufac- Schöpfungsparadigma müssen also konkrete Hypothe-
tured, as if they had been created by an intelligence and sen abgeleitet werden, die Testmöglichkeiten und Falsifi-
put to work“ (RUSE 2003, 268). RAMMERSTORFER (2004b, 5) zierungen erlauben. Diese Hypothesen werden unter der
kommentiert dieses Statement: „RUSE sagt hier nichts an- Grundtypenbiologie subsummiert (Abhsncitt 2.3).
deres, als daß man Organismen erforscht, in dem man so
tut, als wären sie designed. Und diese fruchtbare Arbeits-
methodik ist letztlich der Faktor, der Biologen immer wie- Prüfung anhand
der in die Situation bringt, „Suboptimalität“ zu hinterfra- empirischer
gen – sogar wenn sie streng evolutionistisch denken.“ Befunde (5)
Und GUTMANN & PETERS (1973) schreiben in diesem Sinne:
„Die Suche nach Funktionen ist ein sinnvolles Forschungs- k
Bestätigung Widerlegung
programm, das unsere unzulänglichen Funktionskennt-
(6)
nisse vorantreiben und die vielfachen Hinweise auf soge-
nannte funktionslose Organe eliminieren wird.“ CAIN prüfbare Schluss-
(1989, 18) schließlich stellt fest, daß man nicht motiviert folgerungen (4)
sein werde, bestimmte Merkmale zu untersuchen, wenn k
man dogmatisch voraussetze, daß sie nicht-adaptiv sein
müßten. m
Folgt man in den genannten oder ähnlichen Fällen
modifizierte
jedoch evolutionstheoretischen Deutungen, werden be- n
Hypothesen, oder neue
stimmte Aspekte organischer Konstruktionen ins Dunkle
Theorien (3) Konkretisierung
einer spekulativen evolutiven Historie geschoben, statt
ein vertieftes Verständnis durch weitere Forschung an-
zustreben.27 Bestimmten Fragen wird gar nicht nachge- k
gangen, weil bzw. wenn von Makroevolution als Tatsa-
che ausgegangen wird. Konkretisierung (2) n
Das Problem des „Lückenbüßer-Gottes“
k
Im Zusammenhang mit den hier diskutierten Fragen steht Schöpfungs-
auch das Problem des „Lückenbüßer-Gottes“. Wird Gott paradigma (1)
als Schöpfer immer dann bemüht, wenn wir Phänomene
nicht verstehen? Wenn das so wäre, könnte man mit
Recht eine zunehmende Einengung des „Handlungsspiel- Abb. 3: Zusammenhang zwischen Schöpfungsparadig-
ma, Hypothesen, Schlußfolgerungen, Prüfbarkeit. Die
raums“ Gottes anprangern, denn unser Wissen nimmt
naturwissenschaftliche Methode bewegt sich im Be-
zu. Die Begründung für das Schöpfungsparadigma
reich (3) bis (6). Ein zwingender Rückschluß auf (1) ist
braucht offenkundig eine andere Basis als unser Nicht- nicht möglich, sondern nur Plausibilitätsbetrachtun-
wissen. In diesem Beitrag ist die Begründung die Offenba- gen. Näheres im Text. Modifiziert nach JUNKER (1994)

32
Es sei daran erinnert, daß es kein Spezifikum des paradigmas auf. Aber schon wenn das Schöpfungspara-
Ansatzes „Schöpfung“ ist, daß er nicht falsifiziert werden digma im biblischen Sinne (noch abgesehen von erdge-
kann. Das gilt, wie gezeigt, auch für den nicht näher schichtlichen Fragen) konkretisiert wird, trifft die Be-
konkretisierten Ansatz „Evolution“ (Abschnitt 5.2) und hauptung, man könne alles aus dem Schöpfungsansatz
auch für den Naturalismus (Abschnitt 5.5). Man kann schlußfolgern, bei weitem nicht mehr zu. Im übrigen
etwas pointiert sagen: Zeige mir eine Widerlegungsmög- muß man hierzu von Fall zu Fall die Sachlage prüfen.
lichkeit des Evolutionsparadigmas und ich zeige dir, wie
man sie abwehren und das Paradigma beibehalten kann. Ist das Schöpfungsparadigma falsifizierbar?
Abb. 3 soll die Beziehung zwischen dem Schöpfungs- In Abschnitt 5.3 wurde die Frage aufgeworfen, ob das
paradigma und untergeordneten Hypothesen und Theo- Evolutionsparadigma falsifizierbar sei und festgestellt,
rien illustrieren. Die Aussagen des Schöpfungsparadig- daß dies strenggenommen nicht der Fall ist, jedoch die
mas (1) sind zu allgemein, um Tests zu ermöglichen. Plausibilität des Paradigmas mit bestimmten Befunden
Daher müssen sie konkretisiert werden (2). Diese Konkre- steht oder fällt. Dies trifft auch auf das Schöpfungspara-
tisierungen sind aber keine zwingenden Ableitungen aus digma zu. Wenn das Schöpfungsparadigma sehr allge-
(1), sondern nur mögliche Aussagen, die im Rahmen von mein formuliert wird, ist es in der Tat nicht falsifizierbar.
(1) naheliegend sind oder ihm mindestens nicht wider- Dann trifft die Kritik von NEUKAMM (2004, 5) zu: „Selbst-
sprechen. Im Rahmen der biblischen Schöpfungslehre muß verständlich kann man das Fehlen von Fossilien und Zwi-
bei diesem Schritt der Auslegungsspielraum der zugrun- schenformen in Schöpfungsmodellen ebenso problemlos
deliegenden biblischen Texte beachtet werden. (Auf die unterbringen, wie den Nachweis beliebiger Bindeglieder
damit verbundenen exegetischen Fragen wird hier nicht (denn prinzipiell können alle denkbaren Fossilien als dis-
eingegangen; vgl. dazu JUNKER 1994, Kapitel 5.) Aus (2) kret erschaffene Arten gedeutet werden). Ferner kann
ergeben sich Hypothesen, die zu Theorien zusammenge- man die sukzessive Artentstehung ebenso gut mit der Schöp-
faßt werden können (3), z. B. Hypothesen der Grundty- fungshypothese vereinbaren, wie die gleichzeitige Entste-
penbiologie. Alle darauf folgenden Schritte unterschei- hung aller Lebensformen usw.“ (Hervorhebung im Origi-
den sich nicht von der üblichen naturwissenschaftlichen nal). Im 5. Kapitel wurde jedoch gezeigt, daß eine ver-
Methode. Da die Ableitung von (1) nach (3) nicht zwin- gleichbare Kritik auch auf das Evolutionsparadigma zu-
gend ist, kann eine Bestätigung von (3) auch kein Beweis trifft. Daher müssen im Rahmen des Schöpfungsparadig-
von (1) darstellen. Konkret: Bewährt sich das weiter un- mas genauso wie im Rahmen des Evolutionsparadigmas
ten dargestellte Grundtypkonzept, liefert das keinen Be- Hypothesen formuliert werden, die das Paradigma kon-
weis für Schöpfung; wohl aber liefert eine Bewährung kretisieren (siehe dazu Abschnitt 6.4).
Plausibilitätsargumente dafür. NEUKAMMs Einwand muß noch in einer weiteren Hin-
Eine zwingende Ableitung eines ganz bestimmten sicht relativiert werden. Wenn Hypothesen oder Theori-
Grundtypmodells aus dem biblisch orientierten Schöp- en, die im Rahmen des Schöpfungsparadigmas (wie es im
fungsparadigma ist nicht möglich, da das Paradigma da- 2. Kapitel charakterisiert wurde) formuliert werden, sich
für zu weit gefaßt ist. Aber es ist auch nicht möglich, immer wieder nicht bewähren, verliert auch das zugrun-
beliebige Hypothesen aus dem Schöpfungsparadigma ab- deliegende Paradigma an Plausibilität, wenn es auch nicht
zuleiten. Zwingend erscheint nur die Abgrenzungsmög- widerlegt wird. Um es beispielhaft konkret auf den Punkt
lichkeit auf dem Grundtypniveau. zu bringen: Durch den Nachweis „beliebiger Bindeglie-
Für die Darstellung der Forschung im Rahmen des der“ würde das Schöpfungsparadigma an Plausibilität
Evolutionsparadigmas kann ein Schema mit gleicher verlieren. Und beispielsweise die Hypothese, daß auf
Struktur verwendet werden (man muß in Abb. 3 nur dem Grundtypniveau (Abschnitt 6.4.2) auch unter Fossi-
„Evolutionsparadigma“ anstelle von „Schöpfungspara- lien sich abgrenzbare Einheiten nach geeigenten Kritie-
digma“ setzen). Auch hier gilt, daß die Bewährung von ren erkennen lassen, kann sich je nach Befundlage be-
einzelnen Evolutionstheorien keine Beweise für ein allge- währen oder auch nicht. Diese Hypothese verträgt nicht
meines Evolutionsparadigma liefern, sondern nur dessen beliebige Befunde.
Plausibilität erhöhen. Sollte es beispielsweise in Simulati- Beispiele wie diese zeigen die unbedingte Notwendig-
onsexperimenten gelingen, Makromoleküle der Lebewe- keit der Differenzierung zwischen den in Kapitel 2 be-
sen ohne steuernde Eingriffe herzustellen, stünde das in schriebenen Ebenen.
keinem ursächlichen Zusammenhang mit der Lebensent-
stehung auf unserer Erde, sondern böte lediglich ein
Plausibilitätsargument für eine abiogenetische Entstehung 6.4 Beispiele für Forschung im Rahmen
von Makromolekülen auf der hypothetischen frühen des Schöpfungsparadigmas
Erde.
Oft wird behauptet, aus dem Schöpfungsparadigma Im folgenden soll anhand einiger Beispiele erläutert wer-
folgten beliebige Vorhersagen; man könne alles vorher- den, wie auf der Basis des Schöpfungsparadigmas For-
sagen und zu jeder einzelnen Vorhersage auch deren schung betrieben werden kann. Dazu muß das Paradig-
Gegenteil. In den Abschnitten 4.1, 5.1 und 5.2 wurde ma konkretisiert werden: Es wird vorausgesetzt, daß po-
jedoch gezeigt, daß Vorhersagen (bzw. Erwartungen) in lyvalente Grundtypen erschaffen wurden (JUNKER & SCHE-
historischen Rekonstruktionen allgemein sehr problema- RER 2001, Kap. II.3; VII.17.2 und VII.17.3). Aus dieser
tisch sind; die Schwierigkeit von Vorhersagen tut sich Vorgabe resultieren testbare Fragestellungen.
nicht nur in der Forschung im Rahmen des Schöpfungs- Da es um eine historische Rekonstruktion geht, näm-

33
lich um die Geschichte der Grundtypen nach ihrer Er- entsprechende Flexibilität begegnen zu können, was als
schaffung, bestehen keine strikten Falsifizierungsmög- Design-Merkmal gewertet werden kann (vgl. Abschnitt
lichkeiten (vgl. Abschnitt 4.2); es muß jedoch Möglich- 6.4.4.3) und daher im Rahmen eines Schöpfungs-
keiten geben, Tests auf Plausibilität durchzuführen. Die paradigmas naheliegend ist.
Plausibilität der Grundtypenbiologie kann in der Tat durch Wichtig zum Verständnis des Begriffs „Poylvalenz“
empirische Befunde gestärkt oder geschwächt werden; ist, daß er nicht nur einen anfänglichen ausgeprägten
aus der Grundtypenbiologie folgen keineswegs beliebige Polymorphismus meint, sondern auch ein Variationspo-
Erwartungen. tential einschließt. Grundtypen besitzen daher eine aktu-
elle sowie eine potentielle Vielfalt.
Zur Polyvalenz von Grundtypen tragen bei:
6.4.1 Überblick • ein ursprünglicher genetischer (und damit auch
phänotypischer) Polymorphismus
Im Rahmen des biblischen Schöpfungsparadigmas (im • ein großes Modifikationspotential. Ein Beispiel ist
Sinne der Charakterisierung von Abschnitt 2.2) wird po- der Wasser-Hahnenfuß: er hat drei Blattypen, die je nach
stuliert: Umgebung (Luft, Wasser, Wasseroberfläche) ausgebildet
1. Alle Lebewesen waren ursprünglich optimal kon- werden. Dies birgt auch ein Potential für Artbildung (vgl.
struiert. LÖNNIG 1988, 586; JUNKER 1993, 42f.).
2. Alle Lebewesen starteten ihre Existenz als polyva- • programmierte Variabilität, z. B. ein vorprogram-
lente, abgegrenzte Grundtypen. miertes Mutationsspektrum. Interessant ist in diesem Zu-
3. Die Lebewesen sind nur im Rahmen der vorgegebe- sammenhang das „Gesetz der rekurrenten Variation“ (LÖN-
nen Polyvalenz zu Variation fähig. NIG 1995) (siehe auch Abschnitt 6.4.4.3 über „potentielle
4. Es gibt in großem Ausmaß inkongruente Merkmals- Komplexität“).
kombinationen bei den verschiedenen Grundtypen Zu 3.: Grenzen der Variationsfähigkeit zu postulieren,
(modulares Baukastensystem). ist naheliegend, weil man davon ausgehen kann, daß die
Diese vier Postulate werden im folgenden kurz be- Schöpfungseinheiten des Lebens (also die Grundtypen)
gründet. nicht nur am Anfang schöpfungsgemäß getrennt waren,
Zu 1.: Dieses Postulat ergibt sich aus der biblischen sondern als solche auch nach vielen Generationen er-
Selbstoffenbarung Gottes über sein Schöpfungshandeln. kennbar bleiben. Bei einer beliebigen oder sehr weitge-
Vielfach wird die Kraft und die Weisheit Gottes als Schöp- henden Wandelbarkeit wäre das nicht der Fall. Hier liegt
fer gepriesen. Daraus darf man schließen, daß Gott kei- ein offenkundiger Gegensatz zum Evolutionsparadigma
nen Pfusch erschaffen hat. Außerdem bezeichnet Gott vor. Die Plausibilitäten der gegensätzlichen Erwartungen
selber nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift die Ge- innerhalb von Evolutionstheorien und Grundtyptheori-
samtheit seiner Schöpfung als „sehr gut“ (Genesis 1,31). en kann anhand von Daten getestet werden.
Kritiker der biblischen Schöpfungslehre haken an dieser Es sei daran einnert (Kapitel 1), daß die Existenz ferti-
Stelle oft ein; wir beschäftigen uns im Abschnitt 6.4.5 mit ger, abgrenzbarer Grundtypen sowie Grenzen ihrer Ver-
dieser Kritik. Theoretisch wäre ein Schöpfer natürlich änderlichkeit aus biblischer Sicht auch indirekt dadurch
frei, auch Pfusch zu erschaffen; doch dies soll in dieser begründet wird, daß eine evolutionäre Entstehung aus
Arbeit ausgeschlossen werden.28 zahlreichen theologischen Gründen ausgeschlossen wer-
Zu 2.: Das Postulat der Abgrenzbarkeit der Grundty- den muß. Dies wird an anderer Stelle ausführlich thema-
pen ergibt sich aus dem biblischen Schöpfungsbericht, tisiert (JUNKER 1994) und ist nicht Gegenstand dieser Ar-
wonach Pflanzen und Tiere „nach ihrer Art“ erschaffen beit.
wurden (vgl. Abschnitt 1.2 und JUNKER 1994, 218ff.). Die Zu 4.: Das vierte Postulat ist naheliegend, weil der
biblischen Texte definieren „Art“ nicht. In der Grundty- Urheber der Grundtypen frei ist, Merkmale beliebig zu
penbiologie wird dazu jedoch ein konkreter Vorschlag kombinieren, solange dies funktionell Sinn macht. Die
gemacht, der eine experimentelle Prüfung von Artgren- Wiederverwendung von Bauteilen ist sozusagen inge-
zen erlaubt. Demnach gehören alle biologischen Arten, nieurstechnisch zweckmäßig und bietet darüber hinaus
die durch Kreuzungen direkt oder indirekt miteinander eine „unifying message“ (REMINE 1993; s. u.), also einen
verbunden sind, zu einem Grundtyp, wenn nachgewie- Hinweis darauf, daß es nur einen einzigen Urheber gibt,
sen werden kann, daß während der Ontogenese das Erb- was dem Monotheismus entgegenkommt. Andererseits
gut beider Eltern ausgeprägt wird. Details dazu und Be- macht die Wiederverwendung von Bauteilen aufgrund
gründungen für diesen Ansatz werden in SCHERER (1993) zahlloser Konvergenzen Evolutionskonzepten Probleme.
erläutert (vgl. auch JUNKER & SCHERER 2001, Abschnitte Zwingend aus dem biblischen Schöpfungsbericht ergibt
II.3 und VII.17.3). sich dieses Postulat jedoch nicht; es ist aber naheliegend,
Die Vorgabe der Polyvalenz ist zwar durch Kenntnis- weil Gott als planvoll handelnder Schöpfer beschrieben
se der Evolutionsmechanismen motiviert, aber auch na- wird.
heliegend, wenn man die biblischen Schilderungen vor-
aussetzt. Denn danach stammen alle Menschen von ei- Man könnte hier entgegnen, daß auch andere Postu-
nem einzigen Menschenpaar ab; die Vielfalt der heutigen late formuliert werden könnten. Das ist richtig, doch das
Menschenformen ist nur bei einer Polyvalenz der Ur- ist kein Spezifikum des Schöpfungsparadigmas, wie in
sprungsform möglich. Polyvalenz beinhaltet darüber hin- Kapitel 5 gezeigt wurde. Die hier formulierten Postulate
aus auch das Potential, zukünftigen Anforderungen durch orientieren sich wie erläutert am biblischen Schöpfungs-

34
zeugnis. Sie sind bei dessen Vorgabe nahelegend, wenn tig entstanden.
auch nicht alle gleichermaßen zwingend. Sie sind genü- Im Rahmen der biblischen Schöpfungslehre kann daraus
gend konkret gefaßt, um sie Prüfungen zugänglich zu folgende Erwartung abgeleitet werden:
machen, und darauf kommt es hier an. Es sei an die Geologie/Paläontologie
Unterscheidung „Schöpfungsparadigma“ bzw. „Evoluti- 8. Die Fossilüberlieferung der Grundtypen zeigt keine
onsparadigma“ und die davon motivierten Hypothesen auffälligen Regelhaftigkeiten.
bzw. Theorien erinnert. Offenkundig entsprechen viele paläontologische Be-
funde nicht dieser Erwartung. Die hier formulierte Er-
Aus den vier Postulaten können folgende Schlußfolge- wartung des Fehlens von Regelhaftigkeiten in der Fossil-
rungen gezogen und als testbare Hypothesen im Rah- überlieferung ist allerdings anfechtbar, wenn auch die
men des Schöpfungsparadigmas formuliert werden: weiteren biblischen Aussagen über die Geschichte der
Taxonomie: Lebewesen berücksichtigt werden, insbesondere die Schil-
1. Grundtypen sind nach dem vorgelegten Kriterium derung über die weltweite SIntflut. Genau dies könnte in
abgrenzbar; es gibt unter den Lebewesen eine Diskonti- einer biblisch-urgeschichtlichen Geologie ein wesentli-
nuität auf Grundtyp-Ebene (siehe Abschnitt 6.4.2).29 cher Schlüssel zur korrekten Deutung der Fossilüberlie-
Diese Schlußfolgerung ergibt sich aus dem zweiten Po- ferung sein. Daher wird im Rahmen der biblischen Sicht
stulat. der Schöpfung und der Geschichte der Lebewesen nach
2. Oberhalb der Grundtyp-Ebene gibt es inkongruente Ursachen gesucht, die zu diesem zunächst nicht zu er-
Mosaikformen; es sind teilweise Netzstrukturen der Ähn- wartenden Befund der fossilen Regelhaftigkeiten führen.
lichkeitsbeziehungen zu erwarten (das wäre eine Wider- Ansätze dazu diskutiert STEPHAN (2002). Zweifellos sind
spiegelung eines Baukastensystems), keine widerspruchs- bei der Verknüpfung der Grundtypenbiologie mit der
freien Baumstrukturen (siehe Abschnitt 6.4.3). (Viertes Erdgeschichte wesentliche Fragen offen. Eine plausible
Postulat) Gesamtdeutung der Daten im Rahmen einer biblisch-
Evolutionsmechanismen: urgeschichtlichen Geologie steht bislang aus. Die damit
3. Variationsmöglichkeiten bewegen sich innerhalb von verbundenen komplexen Fragen erfordern eine eigene
Grundtypen. Es gibt nur Mikroevolution. Dies paßt zum Behandlung und werden in dieser Arbeit nicht themati-
dritten Postulat der Abgrenzbarkeit von Grundtypen. siert.30 Im folgenden wird daher die geologische Einord-
4. Innerhalb von Grundtypen sind aufgrund der Polyva- nung der Grundtypenbiologie nicht behandelt.
lenz häufig netzartige Beziehungen unter den einzelnen Für Kritiker, die der biblischen Überlieferung keine
Arten zu erwarten (zweites Postulat); wie ausgeprägt Bedeutung beimessen, muß eine solche Vorgehensweise
diese sind, hängt u. a. vom Ausmaß der ursprünglichen fremd und vielleicht auch unsinnig erscheinen. Werden
Polyvalenz ab. die biblischen Schilderungen jedoch als Offenbarung
Fossilien: Gottes betrachtet, dienen sie als Schlüssel zum Verständ-
5. Auf der Grundtyp-Ebene sind systematisch Fossillük- nis, als Leitschienen für die Rekonstruktion der Geschich-
ken zu erwarten. Oberhalb der Grundtypebene kann es te der Lebewesen.
wiederum inkongruente Mosaikformen geben. (Diese sind
evolutionstheoretisch u. U. als Übergangsformen zwi-
schen höheren Taxa interpretierbar, z. B. Archaeopteryx.) 6.4.2 Grundtypen und Polyvalenz
(Zweites Postulat)
Intelligent Design: 6.4.2.1 Testmöglichkeiten des Grundtypmodells
6. Es ist zu erwarten, daß Lebewesen Eigenschaften auf-
weisen, die auf einen schöpferischen Ursprung hinwei- Das Grundtypmodell erlaubt folgende Testmöglichkei-
sen (siehe Abschnitt 6.4.4). (Erstes Postulat) ten:
7. Es ist zu erwarten, daß es keine primären Konstrukti- • Grundtypen müssen nach dem definierenden Kreu-
onsfehler bei den Lebewesen gibt. (Mit „primär“ ist ge- zungskriterium von Nachbargrundtypen abgrenzbar sein.
meint, daß Mängel im Rahmen der Grundtypenbiologie Unter Nachbargrundtypen sind solche zu verstehen, die
nicht durch Degenerationen aufgrund schädlicher Muta- morphologisch-anatomisch oder nach anderen Kriterien
tionen erklärt werden können, sondern von vornherein – dem untersuchten Grundtyp am nächsten stehen. Das
zu Beginn der Existenz der Grundtypen – vorhanden Kriterium der indirekten Kreuzbarkeit ist dabei wichtig,
gewesen sein müssen; siehe Abschnitt 6.4.5) (Erstes Po- um sekundär aufgetretene Lücken und primäre Grund-
stulat) typgrenzen auseinanderhalten zu können. Mit Hilfe des
definierenden Kreuzungskriteriums alleine können nur
Wann sind die Grundtypen entstanden? Zugehörigkeiten zum selben Grundtyp sicher festgestellt
Ein wichtiger Aspekt fehlt in den bisherigen Ausführun- werden, nicht aber die Nicht-Zugehörigkeit, da das Aus-
gen dieses Abschnitts, nämlich die Frage, wann die Grund- bleiben von Kreuzbarkeit durch eine einzige Mutation
typen entstanden sind. Nach dem biblischen Schöpfungs- von zuvor noch kreuzbaren Individuen verursacht sein
bericht sind alle Grundtypen in der Schöpfungswoche kann. Daher ist es erforderlich, ein Gesamtbild von den
entstanden. Geologisch gesehen bedeutet das Gleichzei- Kreuzungsmöglichkeiten zu bekommen. Aus diesem
tigkeit. Grund können Grundtypgrenzen immer nur auf Vorbe-
Wir formulieren daher als 5. Postulat: halt bestimmt werden. Die Bestimmung von Grundtyp-
5. Alle Grundtypen sind geologisch gesehen gleichzei- grenzen ist hypothetisch; weitere Überprüfungen kön-

35
je mehr Daten, desto mehr Widersprüche (FEHRER 2000,
31). Mittlerweile liegen jedoch Beispiele vor, daß dieser
Effekt der zunehmenden Widersprüche bei Zuwachs an
Datenmaterial auch auf Grundtypebene vorkommt (FEH-
RER, persönl. Mitt.).
Evolutionstheoretisch würde man zwischen enger ver-
wandten Formen primär eher ein Formenkontinuum er-
warten, welches nicht abrupt bei Grundtypgrenzen ab-
bricht. Ein ursprüngliches Formenkontinuum kann na-
türlich nachträglich durch Aussterben vermittelnder For-
men unterbrochen werden. Diskontinuitäten zwischen
benachbarten Grundtypen widerlegen daher die Evoluti-
onstheorie nicht, schwächen aber, wenn sie systematisch
auftreten, ihre Plausibilität (vgl. Abb. 4). Wichtig ist hier
der Nachweis sowohl von vielfältigen grundtypinternen
Abb. 4: Nach der Schöpfungslehre ist zu erwarten, daß Kreuzungen als auch einer markanten Kreuzungsgrenze
innerhalb von Grundtypen (große Kreise) enge Kreu- zu Nachbargrundtypen. Es sollten sich also einerseits
zungsbeziehungen bestehen, die erkennbar abrupt zu möglichst deutliche Grenzen zu Nachbargrundtypen zei-
Nachbargrundtypen abbrechen. Ob dies so ist, muß gen, andererseits innerhalb von Grundtypen keine klaren
bei vielen Beispielen getestet werden. Die Grundty-
Grenzen auftreten.
penbiologie regt hier Forschung an und wirft prüfbare
Fragen auf, die Evolutionstheoretiker in dieser Form Bisher liegen knapp 20 Grundtypstudien vor (SCHE-
nicht stellen. Außerdem wäre nicht jedes Forschungs- RER 1993, FEHRER 1994, NEUHAUS 1995), die zeigen, daß
ergebnis mit der Grundtypenbiologie kompatibel. Die sich das Konzept bewährt hat. Zweifellos ist das eine sehr
Behauptung, aus der Schöpfungslehre könne man eine geringe Zahl und weitere Grundtypstudien wären wün-
Aussage und zugleich auch ihr Gegenteil ableiten, ist schenswert. Die Kritik von KORTHOF (2004, 35, 3.), es
in dieser Pauschalität falsch. handle sich nur um ein Fragment von einer Theorie, ist
so gesehen richtig. Aber diese Theorie ist grundsätzlich
auf weite Teile der Organismenwelt anwendbar und sie
nen diese Grenzen verschieben. Im Idealfall sollte sich regt daher Forschung an.
jedoch folgendes zeigen: Wichtig ist hier der Hinweis, daß Grundtypgrenzen
• Grundtypen sollten intern vielfältige Kreuzungs-Be- nicht generell mit einem bestimmten taxonomischen Niveau
ziehungen zwischen den zugehörigen Arten aufweisen. zusammenfallen. Zwar fällt der Grundtyp bei Wirbeltie-
Wichtig ist also der Gesamteindruck: Gibt es auffällige ren häufig mit der Familie zusammen, doch muß dies
Häufungen von Kreuzungen, denen markante Grenzen nicht immer so sein, sondern muß von Fall zu Fall geprüft
gegenüberstehen? werden. KORTHOF, der sich vergleichsweise ausführlich
• Es sollten Befunde aufgedeckt werden, die für eine mit dem Grundtypkonzept befaßt, hat diesen Sachver-
große Polyvalenz der Stammformen sprechen, sowohl halt falsch verstanden, vermutlich durch Verallgemeine-
in genetischer als auch entwicklungsbiologischer und evtl. rung weniger Grundtypbeispiele (KORTHOF 2004, 35, 37;
noch anderer Hinsicht. 1., 2. und 9).31 Insbesondere ist es falsch, den Menschen
• Neben dem definierenden Kreuzungskriterium kön- mit Menschenaffen in denselben Grundtyp zu stellen,
nen auch noch andere Kriterien zur Abgrenzung von nur weil beide von vielen Taxonomen in dieselbe Familie
Grundtypen zum Einsatz kommen, z. B. morphologi- gestellt werden. Die darauf aufgebaute Kritik von KORT-
sche, verhaltensbiologische, biochemische oder moleku- HOF (2004, 37, 9.) geht an den Aussagen des Grundtyp-
larbiologische. In der Paläontologie muß notgedrungen modells vorbei. Denn Grundtypen werden primär durch
auf solche weicheren Kriterien zurückgegriffen werden Kreuzbarkeit erkannt, nicht durch Merkmale oder anderwei-
(was aber kein Spezifikum für die Grundtypenbiologie tig definierte Taxongrenzen (siehe dazu auch den Abschnitt
ist). Dies führt in ein weites Forschungsfeld hinein, denn „Kritik am Grundtypmodell“ weiter unten).
um Grundtypgrenzen plausibel machen zu können, sind Manchmal wird argumentiert, Grundtypengrenzen
möglichst viele Kenntnisse über vermutete Grundtypen seien Symptome für constraints („strukturelle Zwänge“),
erforderlich. Interessant wäre es beispielsweise, zu prü- doch ist dieser Verweis nur eine black box: Denn was ist
fen, ob verschiedene Grundtypen sich durch den Besitz ein constraint? Weshalb gibt es constraints? Woran wer-
oder das Fehlen eines irreduzibel komplexen Merkmals den sie erkannt? Hier lauert die Gefahr des Zirkelschlus-
gegen nächstähnliche Grundtypen abgrenzen lassen. ses: Strukturelle Gleichheit (das Grundtypspezifische) wird
Damit könnte auch eine interessante Verbindung zum zunächst durch constraints erklärt, die ihrerseits mit dem
Design-Argument hergestellt werden (Abschnitt 6.4.4). Hinweis auf strukturelle Gleichheit begründet würden
Auch im molekularen Bereich könnte es Kriterien zur (vgl. RIEPPEL 1994, 67f.; JUNKER 2002, 60f.).32 Evolution
Aufdeckung oder Bestätigung von Grundtypgrenzen ge- erklärt die Ursache für constraints bislang nicht.
ben. Es ist zu prüfen, ob das weitere Anwachsen des Wie könnte die Existenz primär getrennter Grundtypen
Datenmaterials auf Grundtypebene zu mehr Klärung der falsifiziert werden? Hier muß zunächst daran erinnert wer-
Beziehungen beiträgt; im Fall von Vergleichen außerhalb den, daß in historischen Fragen kaum strenge Falsifika-
der Grundtypen könnte der umgekehrte Effekt eintreten: tionen möglich sind. Wie in Kapitel 4 gezeigt, bemühen

36
sich die Wissenschaftler in der Praxis um Verifizierun- Grundtypen und Evolutionsbiologie
gen, indem sie nach passenden Daten suchen. Es ist nur Nun könnte an dieser Stelle weiter eingewendet werden,
möglich, eine Zuordnung von Daten zu dem zugrunde- alle die oben genannten Fragen könnten auch im Rah-
liegenden Ursprungskonzept herzustellen, um eine mög- men des Evolutionsparadigmas gestellt werden. Teilwei-
lichst große Plausibilität der Dateninterpretation zu er- se trifft dies in der Tat zu; so gibt es gemeinsame Interes-
zielen. Dennoch könnte das Grundtypkonzept auf der sen an der Aufklärung von Variationsmechanismen. An-
Basis der Grundtypdefinition sensu SCHERER (1993) wie dere Fragen werden von Evolutionstheoretikern jedoch
folgt falsifiziert werden: nicht einmal gestellt. Welcher Evolutionstheoretiker sucht
• Würden Kreuzungen zwischen Menschen und Tie- nach primären Grundtypgrenzen? Nach deren Verständ-
ren zweifelsfrei gelingen, wäre das Grundtypkonzept in nis gibt es diese nicht, daher wird er auch nicht danach
der vorgelegten Form nicht haltbar. suchen. Vor allem aber ändert der Einwand, es gebe die
• Würden sich keine Gruppen von Lebewesen bei gleichen Fragestellungen auch im Rahmen der Evoluti-
Anwendung des Grundtypkriteriums abgrenzen lassen, onsbiologie, nichts daran, daß die oben genannten vier
wäre das Grundtypkonzept falsifiziert. Behauptungen über Wissenschaft im Rahmen des Schöp-
Daten, die im Rahmen des Grundtypkonzepts plausi- fungsparadigmas falsch sind – im Gegenteil: offenkundig
bel gedeutet werden können, stützen diesen Ansatz: ist erkenntnisgewinnende Forschung unter der Vorgabe
• Hier kann vor allem an die zahlreichen Belege für von „geschaffenen Grundtypen“ sehr wohl möglich.
die Existenz polyvalenter Stammformen eines Formen-
kreises verwiesen werden. Eine überblicksartige Doku-
mentation dazu findet sich im Abschnitt VII.17.3 von 6.4.2.2 Kritik an der Grundtypenbiologie
JUNKER & SCHERER (2001).
• Es gibt Hinweise auf eine entwicklungsbiologische Daß die Grundtypenbiologie zurecht einen Platz in der
Polyvalenz. So gibt es Fälle, wo nah verwandte Formen Wissenschaft hat, wird dadurch unterstrichen, daß es
(innerhalb derselben Grundtypen oder sogar Gattungen) Versuche gibt, die Grundtypenbiologie zu widerlegen.
dieselben Organe oder ontogenetischen Stadien auf ver- Das ist ja nur möglich, wenn die Grundtypenbiologie
schiedenen ontogenetischen Entwicklungswegen errei- falsifizierbare Aussagen macht. Im folgenden werden
chen (HALL 1995; vgl. WELLS & NELSON 1997; vgl. JUNKER einige Einwände besprochen.
2002, 53f.). Evolutionstheoretisch ist das schwer zu er- 1. Gemeinsamkeiten verschiedener Grundtypen.
klären. Das Polyvalenz-Konzept könnte hier hilfreich sein. Verschiedene Grundtypen weisen eine mehr oder weni-
Hier besteht großer Forschungsbedarf, der ausdrücklich ger große Zahl von Gemeinsamkeiten (Homologien, Syn-
durch ein Postulat im Rahmen des Schöpfungsparadig- apomorphien) auf. Diese Gemeinsamkeiten sollen auf
mas motiviert ist. Das „Polyvalenz-Konzept“ könnte hier gemeinsame Vorfahren hinweisen, aus denen verschie-
auch insofern wertvoll sein, als es die Frage nach dem dene Grundtypen entstanden sind. Dies stehe dem Grund-
Zweck einer solchen Polyvalenz nehelegt. Es könnte funk- typen-Ansatz entgegen. In diesem Sinne ist auch das
tionelle Gründe dafür geben: vielleicht sind manche on- Argument von VAN DONGEN & VOSSEN (1984, 41f.) zu ver-
togenetische Entwicklungswege unter bestimmten Um- stehen: „Without common descent there is no reason
weltbedingungen besser. Das wäre für einen Designer ein why the chromosomes of apes and man should be so
Grund, diese Möglichkeit einzurichten. Solche Zwecke strikingly similar as they are.“
zu suchen ist heuristisch wertvoll. Darauf kann wie folgt entgegnet werden: Zum einen
• Die zahlreichen empirischen Belege, daß fortge- handelt es sich hierbei um das Ähnlichkeitsargument,
setzte Artaufspaltungen durch zunehmende Spezialisie- wonach Ähnlichkeit als Indiz für gemeinsame Abstam-
rung in evolutionäre Sackgassen führen, ist ebenfalls im mung gewertet wird. Das Ähnlichkeitsargument erweist
Rahmen des Grundtypkonzepts plausibel deutbar.33 sich jedoch bei genauerer Analyse als Zirkelschluß; es
Aus diesen Punkten ergibt sich das Forschungsinter- gibt keine objektiven Kriterien zur Bestimmung abstam-
esse, Grundtypgrenzen aufzudecken sowie Variations- mungsbedingter Ähnlichkeiten (JUNKER 2002, Kapitel 2).
mechanismen und ihre Ursachen aufzuklären. Damit ist Zum anderen wird nicht gefordert, daß sich Grundtypen
klar: Die Grundtypenbiologie regt Forschung an und wirft in möglichst vielen Merkmalen unterscheiden. Das definie-
prüfbare Fragen auf. Außerdem ist nicht jedes Forschungser- rende Kreuzungskritierium hat zunächst mit Merkmalen
gebnis mit der Grundtypenbiologie kompatibel. Zudem sind und Ähnlichkeiten nichts zu tun. Allerdings stellt sich
manche Fragen für die Grundtypenbiologie interessant, durchaus die Frage, ob grundtypspezifische Eigenschaf-
die sonst nicht verfolgt werden. Daher sind folgende ten auch an geeigneten äußeren Merkmalen erkennbar
Behauptungen über Wissenschaft im Rahmen des Schöp- sind (dazu können auch Sequenzunähnlichkeiten von
fungsparadigmas falsch: Proteinen und DNA gehören). Die oben angeführte Be-
• Die Behauptung, man könne eine Aussage und zu- hauptung von VAN DONGEN & VOSSEN trifft auf das Grund-
gleich auch ihr Gegenteil ableiten, typkonzept jedoch nicht zu.34 Selbstverständlich haben
• die Behauptung, es gebe keine Falsifizierungs- oder verschiedene Grundtypen mehr oder weniger zahlreiche
wenigstens Prüfmöglichkeiten, Gemeinsamkeiten (vgl. dazu Abschnitt 6.4.3).
• die Behauptung, die Ergebnisse stünden von vorn- Da Grundtypgrenzen nicht primär an Merkmalen fest-
herein fest und Forschung würde verhindert, gemacht werden, geht auch der Hinweis von KORTHOF
• die Behauptung, Ansätze im Rahmen des Schöp- (2004, 37, 9.), die Chromosomenvariation innerhalb der
fungsparadigmas seien heuristisch wertlos. Hominoiden sei geringer als die innerhalb der Hundearti-

37
gen (Canidae), am Grundtypkonzept vorbei. Es ist zu- chung ansetzen. Man könnte postulieren, daß es minde-
dem zu kurz gegriffen, einzelne Merkmale oder Merk- stens eine Eigenschaft oder einen Merkmalskomplex gibt, der
malskomplexe herauszugreifen, andere dagegen zu über- Nachbargrundtypen voneinander unterscheidet und der nicht
gehen. Im Bezug auf die Abgrenzbarkeit des Grundtyps durch mikroevolutive Prozesse entstehen kann. Wer geht
Mensch heißt das: Es wird ein Gesamtbild von Gemein- solchen Fragen nach? Nur diejenigen, die die Existenz
samkeiten und Unterschieden zwischen Menschen und primär getrennter Grundtypen zugrundelegen. Die
Menschenaffen benötigt, um beurteilen zu können, ob Grundtypenbiologie regt Forschung an.
auch auf morphologisch-anatomischer Ebene oder in Daraus ergibt sich eine weitere Antwort auf die Fra-
anderer Hinsicht Grundtypgrenzen plausibel sind. Ein- ge, weshalb die Ähnlichkeiten verschiedener Grundty-
gangs des Abschnitts 6.4.2 wurde darauf hingewiesen, pen nicht auf Evolution zurückgeführt werden: Die be-
daß es außer dem definierenden Kriterium Hilfskriterien treffenden Grundtypen sind (neben evtl. zahlreichen Ge-
zur Grundtypabgrenzung gibt. Im Falle des Menschen ist meinsamkeiten) in bestimmten Merkmalen so sehr ver-
die Grundtypenbiologie auf diese Kriterien besonders schieden, daß diese Unterschiede nur makroevolutiv über-
angewiesen, da sich Hybridisierungsexperimente mit Tie- wunden werden könnten. Die Nichteinheitlichkeit der
ren aus ethischen Gründen verbieten.35 Aus der Verglei- Deutung von Ähnlichkeit wird im Grundtypkonzept also
chenden Biologie gibt es zahlreiche Befunde, die eine auch mit der Mechanismenfrage begründet: Für Makro-
deutliche Trennung zwischen Menschen und Menschen- evolution fehlen graduell wirkende Mechanismen, daher
affen hinweisen (aus der neueren Forschung sei z. B. auf sind die Ähnlichkeiten von Grundtypen, die durch ma-
SMITH 2005, JORDE 2005, NEUFELD & CONROY 2004 oder kroevolutive Sprünge voneinander getrennt sind, nicht
WEISSENBACH 2004 hingewiesen). durch Evolution zu begründen.36
Hinter diesen Argumenten steht noch ein grundsätz- An dieser Stelle sei im Vorgriff auf einen weiter unten
licherer Einwand, der im folgenden besprochen wird. zu besprechenden Einwand darauf hingewiesen, daß der
Unterschied zwischen Mikro- und Makroevolution nicht
2. Das Grundtypmodell impliziere, daß manche an einer Taxongrenze, sondern an Qualitäten festgemacht
Ähnlichkeiten abstammungsbedingt sind, andere je- wird (siehe Einwand „Die Grundtypdiversifikation erfor-
doch nicht. Arten desselben Grundtyps gehen nach dem dert nicht nur Variation, sondern auch Makroevolution“
Grundtypkonzept auf eine gemeinsame (geschaffene) weiter unten). Die Grenze zwischen Mikro- und Makreo-
Stammart zurück, Arten verschiedener Grundtypen da- volution kann aber mit einer Taxongrenze zusammenfal-
gegen nicht. Dennoch weisen – so KORTHOF (2004, 38) – len, die aber sicher oberhalb der Biospeziesgrenze liegt.
verschiedene Grundtypen vergleichbare Ähnlichkeiten auf
wie Arten innerhalb desselben Grundtyps. Es gibt also keine 3. Das Grundtypmodell erfordere den Darwinschen
einheitliche Erklärung für Ähnlichkeit; dies erscheint in- Mechanismus einer Diversifizierung bis zum Familien-
konsequent (vgl. NEUKAMM 2005a). Diese Feststellung ist Level. KORTHOF (2004, 36, 5.) fragt in seiner Kritik des
richtig, aber sie ist kein Gegenargument gegen das Grund- Grundtypmodells, wie die Diversifikation innerhalb von
typkonzept. Auch im Rahmen des Evolutionsparadigmas Grundtypen geschehe und stellt fest, daß sie durch mi-
gibt es keine einheitliche Erklärung für Ähnlichkeiten, auch kroevolutive Prozesse erfolgen müsse. Das ist richtig,
nicht für solche, die nach vergleichend-biologischen Kri- denn nach der Grundtypenbiologie erfolgt die Diversifi-
terien als homolog eingestuft werden. Viele nach biologi- kation tatsächlich allein auf der Basis von Mikroevoluti-
schen Kriterien als homolog einzustufende Ähnlichkeiten on. Weiter behauptet KORTHOF, „the mechanism must be
können aufgrund widersprüchlicher Merkmalsverteilun- standard Darwinian mutation and natural selection. ...
gen nicht auf gemeinsame Vorfahren zurückgeführt wer- genera and species are created by natural processes as
den, sondern werden als Konvergenzen interpretiert. Das described by the textbooks“. Das ist nur teilweise richtig.
gilt auch für viele Komplexmerkmale (Beispiele in JUNKER Natürlich sind Mutation und Selektion Mechanismen der
2002, 85ff.). Wie oben erwähnt gibt es unter evolutionä- Mikroevolution und tragen zur Grundtypendiversifikati-
ren Prämissen kein objektives Kriterium zur Unterschei- on bei. Alle bekannten Variationsmechanismen sind auch
dung von Homologie und Konvergenz (JUNKER 2002, Bestandteil der Grundtypenbiologie. Es mag aber sein,
Kapitel 2) und auch keine einheitliche Erklärung für (struk- daß es noch weitere Mechanismen gibt, die erst noch zu
turell homologe) Ähnlichkeiten. entdecken sind. Daran besteht im Rahmen der Grundty-
Im Rahmen der Grundtypenbiologie wird der Unter- penbiologie großes Interesse, was einmal mehr deutlich
schied zwischen abstammungsbedingten und nicht-ab- macht, daß das Schöpfungsparadigma Wissenschaft nicht
stammungsbedingten Ähnlichkeiten an den Grundtyp- verhindert – im Gegenteil: Je mehr über die Variations-
grenzen festgemacht, die anhand eines von den Merkma- mechanismen bekannt ist, desto aussagekräftiger kann
len unabhängigen Kriteriums – dem Kreuzungskriterium die Plausibilität des Grundtypmodells eingeschätzt wer-
– erkannt werden. Daraus resultiert auch die Antwort den.
auf die Frage KORTHOFs, weshalb zwar die Ähnlichkeiten Vor allem aber rechnet das Grundtypmodell damit,
innerhalb der Hundeartigen auf einen gemeinsame Vor- daß die Grundtypen zu Beginn ihrer Existenz polyvalent
fahren zurückgeführt werden, nicht aber die Ähnlichkei- waren. Die Hauptquelle der Variabilität steckt demnach
ten von Hunde- und Katzenartigen. Sie lautet: Hunde- bereits in den (geschaffenen) Stammformen. Es gibt
und Katzenartige gehören nach dem Grundtypkriterium Möglichkeiten, eine ursprünglich große Polyvalenz auf-
der Kreuzbarkeit verschiedenen Grundtypen an. zudecken. Sie sind in Kapitel VII.17.3 in JUNKER & SCHERER
An dieser Stelle könnte eine interessante Untersu- (2001) beschrieben (eine kürzere Version findet sich auf

38
http://www.genesisnet.info/schoepfung_evolution/ Argus pheasant ... was not created by God but by selec-
i1244.php). Auch hier dürfte es noch viel zu entdecken tion.“ KORTHOFs Ansicht nach folgt dies aus dem Grund-
geben, und auch hier regt demnach das Grundtypmodell typkonzept. Nein, selbstverständlich gehört das Potential
Forschung an. zur Ausprägung von „Schmuckstücken“ wie Schillerfar-
Grundtypenbiologie impliziert also (aktuelle oder po- ben, Krönchen, Pfauenauge und dergleichen zum ur-
tentielle) Polyvalenz der Stammformen (s.o.). Dieser sprünglichen Bestand der polyvalenten Stammform des
Aspekt scheint KORTHOF (2004) nicht bekannt zu sein, Fasanenartigen-Grundtyps! Um dieses Potential auszu-
wenn er schreibt: „The beautiful ornamentation of the schöpfen, spielen Mutationen sicher auch eine wichtige
Rolle (s.o.). Es sei daran erinnert, daß Polyvalenz auch das
Mutationspotential einschließt. Aber alleine schon die
Kombinationen verschiedener Allele könnten ein erhebli-
ches Variationspotential bergen. Abb. 5 gibt hierzu mo-
dellhaft (!) einen Eindruck.
KORTHOF schreibt weiter: „If the common ancestor of
that group did not possess the eyespots on its tail, mutati-
on and natural selection must have created the eyespots.“
Dieser Satz stimmt zwar, aber er beschreibt eine Voraus-
setzung, die im Rahmen der Grundtypenbiologie gar
nicht gegeben ist: „If the common ancestor ... did not
possess...“. Das ist die Voraussetzung der Evolutionstheo-
rie, nicht aber der Grundtypenbiologie. Nach dem Grund-
typkonzept besaß der gemeinsame Vorfahre dieses Merk-
mal (Polyvalenz), was allerdings nicht bedeutet, daß es
phänotypisch ausgeprägt sein mußte. Die Evolutionsbio-
logie muß erklären, wie durch Mutation und Selektion
das Pfauenauge entstand und welche Selektionsbedin-
gungen die Entstehung dieses Merkmals überhaupt er-
möglichten. (Vergleiche zu dieser Thematik den Abschnitt
6.4.4 über „Intelligent Design.)
KORTHOF (2004, 36) meint, es würde im Rahmen des
Grundtypmodells keinen Sinn machen, die Effizienz der
natürlichen Selektion in Frage zu stellen und zu behaup-
ten, Selektion sei keine kreative Kraft. Diese Kritik erüb-
rigt sich, wenn die anfängliche Polyvalenz berücksichtigt
wird. Denn das Grundtypkonzept benötigt keine wirklich
kreativen Faktoren, auch keine kreative Selektion. Die
Vielfalt der Grundtypen steckt vielmehr aktuell oder po-
tentiell in den ursprünglichen Grundtyp-Stammformen.
Deren Ausprägung erfolgt durch Rekombination und
Mutationen (und anderen Mechanismen).
Daher ist die Behauptung, daß Selektion nicht kreativ
sei, nicht widersprüchlich zum Grundtypmodell. Die Kri-
tik von KORTHOF hängt an dieser Stelle mit einem weite-
ren Mißverständnis zusammen, auf welches im folgen-
den Kritikpunkt eingegangen wird.

4. Die Grundtypdiversifikation erfordere nicht nur


Variation, sondern auch Makroevolution. Auch diese
Abb. 5: Mischlinge aus Pudeln und Wölfen (sog. „Pu-
Kritik hat KORTHOF (2004, 36, 6. und 7.) formuliert. Er hält
Wos“). Oben: Eltern, Mitte: Morphologisch einheitli-
che, aber genetisch polymorphe F1-Generation. Unten: die Bezeichnung „Variation“ für die Grundtypdiversifika-
In der F2-Generation tritt die genetische Vielfalt durch tion für unangemessen. Doch dies ist zum einen Definiti-
unterschiedliche Kombination zutage. Hier wird bei- onssache. Zum anderen ist unter der Voraussetzung po-
spielhaft sichtbar, daß eine morphologisch einheitli- lyvalenter Stammformen in der Tat nicht mehr als Varia-
che Elterngeneration (hier: die F1-Generation der Pu- tion erforderlich. Und es muß auch keine Makroevoluti-
Wos) in kürzester Zeit (in wenigen Generationen) eine on ablaufen. Hier begeht KORTHOF einen schwerwiegen-
erhebliche Vielfalt zeigen kann, wenn sie anfangs sehr den Fehler, wenn Evolution oberhalb des Biospezies-
polymorph war. Die PuWos der F1-Generation können
Level bereits als „Makroevolution“ deklariert. Wenn er
als Modell (!) für einen ursprünglichem Grundtyp be-
sich mit dem Grundtypkonzept auseinandersetzt, muß er
trachtet werden. Im Grundtypmodell wird davon aus-
gegangen, daß die ursprünglichen Grundtypen noch jedoch berücksichtigen, daß in dessen Rahmen der Un-
deutlich mehr Variationpotential besaßen als die F1- terschied zwischen Mikro- und Makroevolution nicht an
Generation der PuWos. Taxongrenzen festgemacht wird, sondern an Qualitäten

39
(Entstehung neuer Konstruktionen bzw. neuer Basisfunk- und auch hier hat die Grundtypenbiologie wieder ein
tionszustände; vgl. JUNKER & SCHERER 2001, II.4.3, S. 53f. ausgeprägtes Forschungsinteresse. Es deutet sich bisher
sowie IV.7.4), sonst diskutiert er an den eigentlichen Fra- an, daß diese Frage eng mit der Frage nach der Polyva-
gen vorbei. Hier wird übrigens sichtbar, daß es in der lenz der Stammformen gekoppelt ist.
Auseinandersetzung um Schöpfung und Evolution auch
um die inhaltliche Füllung von Begriffen geht. Die Dis- 6. Die Grundtypen tauchen im Fossilbericht nicht
kussion führt jedenfalls in die Irre, wenn die verwendeten gleichzeitig auf. Dieser Einwand von KORTHOF (2004,
Begriffe nicht einheitlich definiert werden. Und es ist 37, 10. und 11.) trifft im Wesentlichen zu. Das zeitlich
irreführend, wenn Begriffe so verwendet werden, daß gestaffelte fossile Auftreten verschiedener Taxa mit ver-
man den Gegner besser kritisieren kann.37 schiedenen Grundtypen im Fossilbericht ist in der Tat ein
Der eigentliche Knackpunkt ist, welche Qualität von schwerwiegendes Problem für die biblische Schöpfungs-
Veränderungen durch Mutation (im Zusammenwirken lehre, die dem biblischen Schöpfungsbericht folgend von
mit anderen Evolutionsfaktoren) möglich sind, nämlich einer gleichzeitigen Erschaffung aller Grundtypen aus-
ob auf diesem Wege die Entstehung echter Neuheiten geht. STEPHAN (2002) diskutiert Lösungsansätze, die aber
möglich ist. Natürlich ist hier eine möglichst genaue Be- noch viele Fragen offen lassen. Man muß bei diesem
stimmung dessen erforderlich, was unter „echten Neu- Einwand von KORTHOF beachten: Das Grundtypkonzept
heiten“ zu verstehen ist. Letztlich steht die Forschung an sich impliziert zunächst keine Gleichzeitigkeit der Ent-
hier vor dem Problem der Quantifizierung, ein Problem, stehung der Grundtypen. Erst in einem zweiten Schritt
mit dem alle Beteiligten zu tun haben und an dessen kommt dann der biblische Aspekt der (annähernden)
Lösung auch Grundtypforscher interessiert sind – wie- Gleichzeitigkeit ihrer Erschaffung in der Schöpfungswo-
der ein Beispiel, daß die Grundtypenbiologie nicht aus che ins Spiel.
der Forschung herausführt. Allerdings ist innerhalb von einzelnen geologischen Sy-
Wird die Definition von Mikro- und Makroevolution stemen ein nahezu gleichzeitiger erster fossiler Nachweis
an Qualitäten festgemacht und nicht an Taxongrenzen, von Grundtypen regelmäßig anzutreffen, besonders mar-
löst sich auch eine vermeintliche „Inkonsistenz“ des kant bei der kambrischen Explosion, aber auch bei vielen
Grundtypmodells auf, die KORTHOF (2004, 39) wie folgt Tier- und Pflanzengruppen, die in jüngeren Systemen
beschreibt: „Why is common descent a good explanation fossil überliefert sind (VALENTINE 2004).
up to the family level and a bad explanation a higher
levels?“ Antwort: Weil für ersteres Evolutionsmechanis- 7. Die Entstehung der Grundtypen ist ein Geheimnis
men gefunden wurden, für zweiteres nicht, und weil an (KORTHOF 2004, 38). Aus der Sicht eines konsequenten
dieser Grenze häufig die Grenze zwischen Mikro- und Naturalisten ist dieser Satz natürlich eine schwerwiegen-
Makroevolution liegt. (Dabei ist daran zu erinnern, daß de Kritik.38 Im Rahmen des Schöpfungsparadigmas liegt
die Grundtypgrenze nicht automatisch die Familiengren- dieser Sachverhalt dagegen in der Natur der Sache.
ze ist, sondern von Fall zu Fall ermittelt werden muß! „Schöpfung“ bedeutet nun einmal die unableitbare Her-
KORTHOFs Frage müßte also lauten: Warum wird gemein- kunft von Entitäten. Wie in Kapitel 2 herausgestellt, kann
same Abstammung innerhalb von Grundtypen als plausi- eine solche Voraussetzung empirisch nicht a priori ausge-
bel erachtet, darüber hinaus jedoch nicht? Daß hier ein schlossen werden, vielmehr ergibt sich die Aufgabe, wie
Problem liegt, räumen auch manche Evolutionsbiologen man methodisch mit der Möglichkeit einer unableitbaren
ein, vgl. LEIGH [1999] und CARROLL [2000].) Schöpfung, die auch der überzeugteste Atheist nicht aus-
schließen kann, umgeht. Gerade das ist eines der Ziele
5. Das Grundtypmodell erfordere unrealistisch hohe dieses Artikels.
Artbildungsraten (KORTHOF 2004, 36, 8.). Dieser Ein- In diesem Zusammenhang wird auch behauptet, die
wand erscheint gemessen am derzeitigen Kenntnisstand Grundtypenbiologie ersetze eine bereits vorliegende gute
berechtigt, wenn man von einer jungen Schöpfung aus- Erklärung für die Entstehung der Grundtypen durch ein
geht, wonach die Organismenwelt allenfalls größenord- Mysterium. „But when a good explanation is available, it
nungsmäßig 10.000 Jahre alt ist. Mittlerweile liegt eine is unacceptable to fall back into the mysteries of pre-
zunehmende Zahl von Studien vor, die zeigen, daß Art- Darwinian times“ (KORTHOF 2004, 40). Diesem Zitat ist
bildungsprozesse um Größenordnungen schneller ver- zwar zuzustimmen; die Frage ist aber, ob die Prämisse
laufen können, als im Rahmen von Evolutionstheorien stimmt. Genau darüber geht aber die Kontroverse. Wel-
früher vermutet worden war (Literaturhinweise in JUN- ches ist die „gute Erklärung“? Es gibt seit Darwin nur die
KER & SCHERER 2001, 291). Berühmt geworden ist die oft Behauptung einer Erklärung, aber der Beweis fehlt (s.o.).
als „explosiv“ bezeichnete Artbildung von Buntbarschen Darüber kann man kontrovers diskutieren.39 Aber man
in den ostafrikanischen Seen (FEHRER 1997). Diese Ge- kann den Verfechtern der Grundtypenbiologie nicht den
schwindigkeit läßt sich wahrscheinlich nur auf der Basis Vorwurf machen, sie würden Wissen ignorieren und 200
von Polyvalenz verstehen (wobei von Evolutionstheore- Jahre in der Forschungsgeschichte zurückfallen. Die Kri-
tikern der Zeitrahmen immer noch größer eingeschätzt tik am Grundtypmodell basiert hier demnach auf einer
wird als von Vertretern der Grundtypenbiologie). Hier falschen Voraussetzung, nämlich „Darwin already had an
liegt also zugleich auch eines der Argumente für die elegant explanation for the similarities between taxono-
Polyvalenz der Grundtyp-Stammformen. mic groups“ (KORTHOF 2004, 47). Die Ähnlichkeiten konn-
Wie schnell Artbildung ablaufen kann, ist durch wei- te er wohl evolutionstheoretisch deuten, aber eine Erklä-
tere Forschung zu klären. Hier sind viele Fragen offen rung für ihre Entstehung hatte er nicht und niemand hat

40
sie bis heute. Davon lenken viele Kritiker des Schöpfungs- deren Tests (s.u.) kombiniert werden.
paradigmas ab, z. B. indem sie versuchen, den Zugang zu Zunächst aber können wir zweierlei festhalten:
dieser entscheidenden Frage schon im wissenschafts- 1. Wenn sich regelmäßig nach geeigneten Kriterien
theoretischen Vorfeld abzusperren (wie eingangs bereits deutliche Grundtypgrenzen und innerhalb dieser Gren-
vermerkt). Es ist ein Zweck dieses Beitrags, diese Sperren zen enge Beziehungen nachweisen lassen, ist ein solcher
abzubauen, damit über die konkreten Sachfragen disku- Befund ein starker Beleg auf primäre Grenzen, also auf
tiert werden kann.40 solche, die es von Anfang der Existenz der Grundtypen
gab. Genau das ist eine Schlußfolgerung aus dem bibli-
schen Schöpfungsparadigma, wie es in dieser Arbeit vor-
6.4.2.3 Ist der Test des Grundtypmodells ein Test ausgesetzt wird (Abschnitt 6.4.1).
auf Schöpfung? 2. Könnte man evolutionstheoretisch tatsächlich ab-
grenzbare Grundtypen vorhersagen, dann würde an die-
In vielen Fällen wird man dieselben Befunde erwarten ser Stelle auf das Evolutionsparadigma zutreffen, was
oder auch nicht erwarten, sowohl wenn man von Schöp- Kritiker dem Schöpfungsparadigma vorhalten: Die Be-
fung als auch wenn man von Evolution ausgeht. Evoluti- funde könnten sein wie sie wollen: sie würden immer
onstheoretiker reklamieren viele Befunde als Bestätigun- passen. Im Rahmen des Evolutionsparadigmas wäre be-
gen ihrer Ansichten, die mit einer Bestätigung ihrer Theo- züglich der Abgrenzbarkeit oder Nicht-Abgrenzbarkeit von
rien gar nichts zu tun haben (vgl. Abschnitt 5.5). Es Taxa alles erklärbar, und an dieser Stelle gäbe es dann
wurde auch festgestellt, daß das Evolutionsparadigma auch keine Möglichkeit, das Evolutionsparadigma zu te-
gegensätzliche Befunde verkraftet und daß damit alle sten (vgl. Abschnitt 5.2).41
diese Befunde nicht als eingetroffene Vorhersagen gelten Es gibt aber weitere Testmöglichkeiten, bei denen
können (Abschnitt 5.2). In diesem Sinne kann man auch unterschiedliche Erwartungen vorliegen, je nachdem, ob
Tests am Grundtypmodell damit relativieren, daß dessen man vom Evolutions- oder Schöpfungsparadigma aus-
Bestätigung keine Bestätigung für Schöpfung sei (NEU- geht. Es geht ja in der Grundtypenbiologie nicht nur um
KAMM 2005a). Ist also Grundtypenbiologie überhaupt eine die Frage der Abgrenzbarkeit geeigneter systematischer
Forschungsrichtung, die im Schöpfungsparadigma an- Taxa, sondern auch um ihre Eigenschaften und Fähigkei-
zusiedeln ist? Das wäre nur der Fall, wenn die Grundty- ten. Hier ist an das Stichwort „Polyvalenz“ zu erinnern.
penbiologie zwingend aus dem (biblischen) Schöpfungs- Wenn plausibel gemacht werden kann, daß die Lebewe-
paradigma ableitbar wäre. Doch trifft dies zu? sen mit einem großen genetischen Potential ihre Existenz
Zunächst muß daran erinnert werden, daß es nur um starteten (Anhaltspunkte gibt es dafür, siehe z. B. JUNKER &
Plausibilitäten gehen kann. „Schöpfung“ kann prinzipiell SCHERER 2001, VII.17.3), und wenn eine Abnahme der
nicht direkt getestet werden, genausowenig wie „Makro- Polyvalenz im Laufe der Generationen plausibel gemacht
evolution“ direkt getestet werden kann. Wird „Schöp- werden kann, paßt dieser Befund letztlich nicht ins Evo-
fung“ aber dahingehend konkretisiert, daß eine getrennte lutionskonzept, ist aber im Rahmen des Schöpfungspara-
Entstehung polyvalenter Stammformen vorausgesetzt digmas zu erwarten. Denn er würde darauf hinauslau-
wird, dann können Befunde ermittelt werden, die diese fen, in der Vergangenheit auf zunehmend polyvalentere
Vorgabe stützen oder eher unplausibel erscheinen lassen. Formen zu stoßen. Zu primitiven Vorfahren, die im Evo-
Mehr ist bei der Prüfung historischer Theorien metho- lutionsparadigma zu fordern sind, gelangte man auf die-
disch nicht möglich, und dies ist kein Spezifikum für die sem Wege nicht. Dagegen könnte der Befund der nahezu
Grundtypenbiologie. unbegrenzten Variabilität und makroevolutionären Ent-
Getestet wird nur das, was aus dem Paradigma gefol- wicklung der Arten nicht Teil des Grundtypkonzepts sein.
gert wurde (vgl. MAHNER 2000; NEUKAMM 2005a). In Ab- Eine unbegrenzte Variabilität könnte aber Teil irgendei-
schnitt 6.3 (vgl. Abb. 3) wurde gezeigt, daß sich die nes Schöpferplans sein, wie NEUKAMM (2005a) richtig fest-
Existenz abgrenzbarer Grundtypen aus dem biblischen stellt. Hier wird deutlich, daß zwischen allgemeinem Pa-
Schöpfungsparadigma ergibt (jedenfalls daß ihre Exi- radigma und konkreten Theorien im Rahmen des Para-
stenz mindestens sehr nahe liegt). Ein auf jeder taxono- digmas unterschieden werden muß. Denn unbegrenzte
mischen Ebene gleichmäßiges Formenkontinuum wür- programmierte (geschaffene) Variabilität wäre für ein
de dazu nicht passen. Wenn also das Grundtypkonzept allgemeines Schöpfungsparadigma vorstellbar, verbietet
getestet wird, wird damit auch das Schöpfungsparadig- sich aber aus dem biblischen Befund und paßt nicht zum
ma auf Plausibilität getestet. Grundtypmodell.
Allerdings sind Grundtypgrenzen auch im Rahmen Man kann weiter argumentieren: Wenn gezeigt wer-
des Evolutionsparadigmas möglich. Es könnte evolutio- den könnte, daß Evolution nur im Rahmen von Grundty-
näre Mechanismen geben, die dazu führen, daß es klar pen möglich ist, dann wäre Deszendenz zwischen den
abgrenzbare Grundtypen gibt. Vielleicht läßt sich sogar Grundtypen widerlegt. Ein solcher Nachweis ist aller-
argumentieren, daß solche Grenzen und abgrenzbare dings sehr schwierig, strenggenommen nicht zu führen.
Cluster von niederrangigenTaxa zu erwarten sind (mir Denn ein „nicht möglich“ kann immer als ein „noch nicht
ist jedoch nicht bekannt, daß dergleichen evolutionstheo- möglich“ interpretiert werden. Auch hier kann man wie-
retisch jemals vorhergesagt wurde). Kurzum: Die Exi- der nur mit Plausibilitäten arbeiten: Wenn trotz aller For-
stenz abgrenzbarer und in sich geschlossener Grundty- schungsbemühungen keine Anhaltspunkte erkennbar
pen testet nicht unbedingt spezifisch das Schöpfungspara- werden, wie Grundtypgrenzen durch natürliche Prozes-
digma. Daher muß der Test auf Abgrenzbarkeit mit an- se überschritten werden können, wird eine primäre Ab-

41
grenzbarkeit von Grundtypen immer wahrscheinlicher. eine naheliegende Konkretisierung von Schöpfung be-
(Weitere Argumente finden sich im Abschnitt 6.4.4 deutet, erhöhen erfolgreiche Tests der Grundtypenbiolo-
über Intelligent Design: irreduzible Komplexität, spieleri- gie die Plausibiliät des dahinterstehenden Schöpfungspa-
sche Komplexität, potentielle Komplexität.) radigmas.

Die Problematik der logischen Verknüpfung des bibli-


schen Schöpfungsparadigmas und daraus gefolgerter 6.4.3 Merkmalsmuster – oder Ähnlichkeiten
Hypothesen soll durch einen Vergleich mit der Situation oberhalb des Grundtyp-Levels
im Rahmen des Evolutionsparadigma verdeutlicht wer-
den. NEUKAMM (2005a) meint im Sinne der eingangs die- Problemstellung. Wenn es eine allgemeine Evolution der
ses Abschnitts genannten Kritik, daß das Schöpfungspa- Lebewesen gab, sollte die Artenvielfalt mindestens in der
radigma mit keinem Postulat und mit keiner Folgerung Makrotaxonomie in eine baumförmige Struktur gebracht
des Grundtypmodells in logischer Hinsicht verbunden werden können. Andere evolutionstheoretisch konsistente
sei. „Keine der Hypothesen des Grundtypmodells läßt Darstellungen sind Hierarchien bzw. enkaptische Syste-
sich aus der Schöpfungshypothese ableiten oder schlüs- me (vgl. KORTHOF 2004, 39; NEUKAMM 2005a; vgl. Abb.
sig begründen.“ Wird lediglich ein allgemeines Schöp- 13B; vgl. Abschnitt 5.2).
fungsparadigma zugrunde gelegt, so trifft diese Einschät- Welche Erwartungen an die Merkmalsverteilungen
zung NEUKAMMs zu. Das gilt aber auch für das Evolutions- und Ordnungsmöglichkeiten der Arten und höheren Taxa
paradigma und sogar für manche untergeordneten Theo- resultieren aus dem Grundtypmodell? Es geht dabei im
rien im Rahmen dieses Paradigmas. In seinem Beitrag folgenden um den Bereich der Makrotaxonomie; ge-
nennt NEUKAMM (2005a) das Beispiel der abgestuften Ähn- meint ist damit im Rahmen dieses Beitrags die Taxonomie
lichkeit: „So läßt sich z.B. aus dem Darwinschen Postulat, oberhalb der Grundtypen. Die nachfolgende Darstellung
daß alle Arten von einem gemeinsamen Vorfahren ab- ist eine verkürzte und teilweise überarbeitete Version
stammen (in Verbindung mit dem Wissen um die Verer- von JUNKER (2003).
bung, Variation und Selektion) die Folgerung ableiten, daß Die wenigen Autoren, die sich überhaupt kritisch zu
zwischen den Arten eine abgestufte Ähnlichkeit bestehen dieser Fragestellung geäußert haben, verneinen die Mög-
muß; eine Folgerung, die man testen kann und die bis zur lichkeit, im Rahmen des Schöpfungsparadigmas prüfba-
molekularen Ebene immer wieder bestätigt wird“ (Her- re Konzepte zur Makrotaxonomie ableiten zu können.
vorhebung im Original). In zahlreichen Fällen lassen sich „Schöpfung“ impliziere die Möglichkeit völlig beliebiger
die Organismengruppen jedoch nur mit sehr vielen Merk- Merkmalsmuster – von streng hierarchisch bis völlig
malswidersprüchen in Baumdiagrammen darstellen, in chaotisch. Der Schöpfer sei völlig frei in seinem Willen, so
einer Reihe von Fällen (sowohl in der Mikro- als auch in daß sowohl ausgeprägte Ähnlichkeiten auch das Szena-
der Makrotaxonomie) ist die Baumdarstellung kaum sinn- rio völlig unähnlicher Arten seinem unerforschlichen
voll (vgl. beispielhaft Abb. 6 und 12 und siehe den nach- Ratschluß entsprungen sein könnten. Heute glaubt man,
folgenden Abschnitt 6.4.3). Die Folgerung der abgestuf- mit dem Evolutionsmodell eine wissenschaftliche Erklä-
ten Ähnlichkeit hat sich keineswegs immer wieder bestä- rung für diesen Befund bieten zu können, was für die
tigt; und molekulare Dendrogramme passen oft nur teil- Schöpfungslehre nicht gelte. So ist MAHNER (2002) der
weise (wenn überhaupt) zu den Stammbäumen, die auf Auffassung: „Gewiss würde auch eine Schöpfungstheo-
der Basis morphologisch-anatomischer Merkmale ermit- rie die abgestufte Ähnlichkeit der Arten, wie sie sich in
telt wurden. Vor diesem Hintergrund kann man hier der biologischen Systematik darstellt, erklären: Gott hat
kaum sagen, daß bestimmte Hypothesen eine logische eben ähnliche Arten geschaffen. Und, so fragen die Krea-
Deduktion aus dem Evolutionsparadigma darstellen (vgl. tionisten, ist diese Ähnlichkeit nicht gerade Beweis für die
Abschnitt 5.2). Es liegt offenbar in der Natur historischer Handschrift desselben Baumeisters? Leider nein, denn
Theorien, daß konkrete Schlußfolgerungen aus dem zu- eine auf Schöpfung basierende Theorie könnte auch den
grundliegenden Paradigma kaum möglich sind. Die dies- genau gegenteiligen Fall erklären, nämlich den, dass es
bezügliche Kritik am Verhältnis zwischen dem Grund- keinerlei Ähnlichkeit zwischen den Arten gäbe: Gott hät-
typkonzept und dem Schöpfungsparadigma trifft also te dann eben unähnliche Arten geschaffen.“ Ähnlich ar-
nicht spezifisch das Schöpfungsparadigma, sondern alle gumentiert auch NEUKAMM (2004).
Ursprungsparadigmen. KORTHOF (2004, 39) spricht in Anspielung auf George
Orwells „Animal Farm“ davon, daß alle Grundtypen un-
Schlußfolgerungen. Wird durch Prüfung des Grund- gleich seien, einige aber ungleicher als die anderen. Die
typmodells auch das Schöpfungsparadigma getestet? Schöpfungslehre sage die abgestufte Ähnlichkeit unter
Strenggenommen ist dies nicht der Fall. Denn wenn wir den Grundtypen nicht voraus: „Higher-level groups, such
uns auf der Ebene des Schöpfungsparadigmas (Abschnitt as birds, carnivores, mammals, reptiles, fishes, insects,
2.2) bewegen, gibt es keine eindeutigen Vorhersagen und and plants, are not expected or predicted at all by a
damit auch keine striken Testmöglichkeiten. Es wurde theory of independent origin“ (KORTHOF 2004, 40). Für
gezeigt, daß dies auch für das Evolutionsparadigma gilt. die Einheit der Lebewesen gebe es keine Erklärung mehr,
Die Grundtypenbiologie (3. Ebene; Abschnitt 2.3) kann wenn ihre gemeinsame Abstammung nicht akzeptiert
durch empirische Befunde jedoch gestetet werden, da würde.
aus ihr keine beliebigen Erwartungen folgen. Da das Kritiker wenden also ein, daß beliebige Erwartungen
Grundtypmodell im Rahmen des Schöpfungsparadigmas an das Merkmalsmuster der Lebewesen aus der Schöp-

42
Mandibulata
(4 Untersuchungen) 4 Untersuchungen
3 Untersuchungen

l
Insecta Crustacea
Uniramia
l (1 Untersuchung)
Myriapoda l

Tracheata
(5 Unter-
suchungen)

Chelicerata Onychophora

l
1 Untersuchung
l

1 Untersuchung

Abb. 6: Ähnlichkeitsbeziehungen unter Lebewesen können als Netzwerk dargestellt werden: Verwandtschafts-
verhältnisse der Arthropoden (Gliederfüßer). Je nach zugrundegelegten Merkmalen ergeben sich unterschiedli-
che Gruppierungen. Die entsprechenden Untersuchungen stammen alle aus den 1990er Jahren. (Nach WÄGELE
2001, 102). WÄGELE kommentiert diese Abbildung: „Ergebnisse neuerer Analysen sind untereinander nicht
kompatibel, mehrere davon oder alle müssen demnach fehlerhaft sein.“

fungslehre abgeleitet werden können; die Daten würden gerung ableiten lasse, daß zwischen den Arten eine abge-
immer „passen“. Die Kritik ist insofern berechtigt, als in stufte Ähnlichkeit bestehen müsse. In zahlreichen Fällen
der Tat keine eindeutigen Erwartungen aus dem Schöp- ist die Darstellung von Organismengruppen in Baumdia-
fungsparadigma abgeleitet werden können, aber ist die grammen einigermaßen stimmig; doch ist dies bei wei-
Situation beim Evolutionsparadigma grundlegend an- tem nicht immer der Fall. Vielmehr sind die Merkmale
ders? Darauf wird im folgenden zunächst eingegangen, gewöhnlich so unter den Arten verteilt, daß verschiede-
bevor wir zur Frage nach den Erwartungen im Rahmen ne – durchaus gewichtige – Merkmale oder Merkmals-
des Schöpfungsparadigmas zurückkehren. komplexe unterschiedliche Baumdiagramme unterstüt-
zen, und zwar solche Merkmale, die aufgrund ihres Baus
Erwartungen an das Merkmalsmuster im Rahmen bzw. ihrer Lage im Gesamtgefüge des Organismus nach
der Evolutionsparadigmas. Heute gilt es als selbstver- den üblichen biologischen Kriterien als homolog gewer-
ständlich, die Vielfalt der Lebewesen unter der Vorgabe tet werden. Evolutionstheoretisch muß daher mit Kon-
einer allgemeinen Evolution zu erfassen. Diese Vorgabe vergenzen gerechnet werden, das heißt mit der zwei-
wird durch die Daten jedoch nicht erzwungen. Sympto- oder mehrfachen unabhängigen Entstehung grundsätz-
matisch dafür ist die Tatsache, daß sich das grundsätzli- lich baugleicher Merkmale. Werden die betreffenden Ar-
che Prozedere des Erkennens von Homologien, welche ten oder höheren Taxa in ein hierarchisches System ein-
die Basis für eine phylogenetische Systematik bilden, in geordnet, zeigen sich Widersprüche, die Hierarchie wird
den letzten 200 Jahren nicht geändert hat. Das liegt dar- gestört. In manchen Fällen nimmt nun das Vorkommen
an, daß die empirische Basis vom jeweiligen Deutungs- von Konvergenzen ein solches Ausmaß an, daß die Sy-
rahmen – Evolution, Plan Gottes oder anderes – relativ
unabhängig ist (BROWER 2000, 19). Auch die durch evolu-
tionstheoretische Vorgaben bestimmte Cladistik muß mit
der Merkmalserfassung beginnen, ohne dabei Bezug auf
Evolution zu nehmen.
Die bekannten Evolutionsmechanismen beinhalten
zum einen sukzessive Abwandlungen, zum anderen Auf-
spaltungen von Arten. Dies begründet naheliegender-
weise die Erwartung, die Vielfalt der Lebewesen hierar-
chisch und insbesondere in Baumform darstellen zu kön-
nen. Es sei an NEUKAMMs (2005a) Zitat erinnert (Abschnitt
6.4.2.3), daß sich aus dem Postulat der Abstammung
aller Arten von einem gemeinsamen Vorfahren die Fol- Abb. 7: Nectocaris (Nach GOULD 1991, 161).

43
Schnabeltier

Abb. 8: Das Schnabeltier ist eine ausgeprägte Mosaikform. Seine Merkmalsverteilung erscheint bunt zusa-
mmengewürfelt. Evolutionstheoretisch muß vielfache Konvergenz angenommen werden.

Abb. 9: Fünfmal unabhängig müßte nach evolutionstheoretischer Deutung eine Leimrute („L“) entstanden
sein, nämlich beim Ameisenbär, Schuppentier, Erdferkel, Specht und Chamäleon. Es handelt sich um eine ver-
längerte klebrige Zunge, mit der kleine Insekten (vornehmlich Ameisen oder Termiten) aufgenommen werden.
Zum „Leimruten-Bauplan” gehören außerdem in den meisten Fällen u. a. ein entsprechend schmaler Bau des
Unterkiefers, Reduktion oder Fehlen von Zähnen, eine verengte Mundöffnung, gut ausgebildete Speicheldrü-
sen, Vorrichtungen für das Einstülpen der Zunge und ein Kaumagen. Die Enkapsis ist schwer gestört.

Abb. 10: Frappierend ähnlich gebaut und evolutionstheoretisch


dennoch als Konvergenz zu deuten sind die Fangbeine bei den
Fangschrecken und den Netzflüglern, ebenso die dreieckige Kopf-
form mit weit auseinandergerückten Augen (zum besseren Fixie-
ren der Beute-Insekten) und dem halsartig verlängerten und der
recht bewegliche vordere Brustabschnitt. Links: Fangschrecke
Mantis religiosa, rechts: Fanghafte Mantispa styriaca.

44
Arthropoda
Mollusca
Merkmale Taxa

Annelida
Arachnida Antennata Crustacea
Malpighische Gefäße + + –
Mandibeln – + +
tr
Merkmale Taxa
tr Mollusca Annelida Arthropoda
sg
Trochophora-Larve + + –
mesodermale Segmentation – + +
Hämocyanin-Atmungspigmente u.a. + – +
Arthropoda

Mollusca
Annelida

Abb. 11: Oben: Merkmalsverteilung der Malpighischen Gefäße und Mandibeln für
Taxa der Arthropoden (nach SUDHAUS & REHFELD 1992). Diese Autoren schreiben
dazu: „Wir sind gehalten, eine konvergente Entwicklung entweder von Mandibeln
oder von Malpighischen Gefäßen in Betracht zu ziehen. ... Die Komplexität von
sg Mandibeln und Malpighischen Gefäßen kann als gleichwertig eingestuft werden.“
Zwar könne eventuell der unterschiedliche ontogenetische Bildungsweg als Hin-
tr weis darauf gewertet werden, daß die Malpighischen Gefäße konvergent entstan-
sg
den sind, doch müsse bedacht werden, daß Entwicklungswege homologer Struk-
turen unterschiedlich sein können. Die Entscheidung darüber, welche Gemein-
samkeit als Indiz für phylogenetische Verwandtschaft (als Synapomorphie bzw.
„taxic homology“) zu werten ist, wird mit dem Sparsamkeitskriterium begrün-
Arthropoda

Mollusca

det: „Eine klare Entscheidung ist erst möglich, wenn weitere Merkmale in den
Annelida

Vergleich einbezogen werden“ (SUDHAUS & REHFELD 1992, 88).


Unten: Merkmalswidersprüche komplexer Merkmale bei Mollusken, Anneliden
und Arthropoden. (Nach EERNISSE et al. 1992)
Links daneben mögliche Cladogramme zum unteren Beispiel. Das unterste Clado-
sg tr gramm ist zwar weniger sparsam in Bezug auf die beiden Merkmale „Trochopho-
ra-Larve“ (tr) und „mesodermale Segmentation“ (sg), paßt jedoch besser in Bezug
tr
auf andere Merkmale. Alternativ könnten jeweils auch Reversionen einzelner
sg Merkmale angenommen werden. (Nach EERNISSE et al. 1992)

Filicopsida
Sphenopsida (Zygopteridales)

Aneurophytales Iridopteridales

Hyenia

Ibyka
Cladoxylales Rhacophyton

Coenopteridales
Protopteridophyton

Pseudosporochnus
Trimerophytina

Abb. 12: Ähnlichkeitsbeziehungen als Netzwerk am Beispiel des vielfältigen Bezie-


hungsgefüges devonischer Landpflanzen aufgrund unterschiedlicher gemeinsamer
Merkmale. (Aus JUNKER 1996, wo die Details erläutert werden)

45
stematiker zur Darstellung oder Beschreibung der Ähn- da die in Rede stehenden Merkmale oft keinen Zusam-
lichkeitsbeziehung das Baumschema verlassen. Einen klei- menhang mit den äußeren Lebensbedingungen erken-
nen Eindruck vermitteln Abbildungen 6-12, zahlreiche nen lassen (CRONQUIST 1969, 186; MINELLI 1993, 18).
weitere Beispiele finden sich in JUNKER (2002; 2003). Die Annahme von Konvergenzen könnte vermieden
Um die Problematik zu veranschaulichen, sei ledig- werden, wenn man an den Anfang der Entwicklung Or-
lich eines dieser Beispiele herausgegriffen: Abb. 6 zeigt ganismen stellen würde, die bereits ein großes Repertoire
widersprüchliche Verwandtschaftsverhältnisse der Ar- an Gestaltungsmöglichkeiten besaßen, eine Art „Vorrat“
thropoden (Gliederfüßer). Je nach zugrundegelegten an Merkmalen bzw. Merkmalsausprägungen. Durch Ver-
Merkmalen ergeben sich unterschiedliche Gruppierun- luste einzelner Merkmale in verschiedenen evolutionä-
gen. Die Darstellung ist offenkundig weit von einem hier- ren Linien könnten inkongruente Verteilungen der Merk-
archischen, enkaptischen System entfernt; das gilt für male zustandekommen. Mit diesem Konzept nähert man
Gruppen, die taxonomisch eindeutig oberhalb des Grund- sich jedoch der Vorstellung von einem ideellen Bauka-
typniveaus angesiedelt sind. Hier wurden bei einem rela- stensystem und dem Schöpfungsgedanken an, denn es
tiv umfangreichen Taxon die Erwartungen der Evoluti- ist klar, daß eine Art „Super-Organismus“ am Anfang der
onstheorie bei weitem verfehlt. Weitere, ähnlich gravie- Evolution eines umfangreichen Taxons wie etwa die Glie-
rende Beispiel dieser Art könnten genannt werden. Die derfüßer (vgl. Abb. 6) biologisch extrem unplausibel ist.
Behauptung von KORTHOF (2004, 40), „evolutionary rela- Zudem würde die Existenz eines solchen Super-Organis-
tions between groups become clearer when new infor- mus bisherige Vorstellungen über evolutionäre Abfolgen
mation becomes available“, entspricht nicht den Tatsa- auf den Kopf stellen. Auf niedrigerem taxonomischen
chen. Dies wird auch durch das häufige Vorkommen sog. Niveau, innerhalb von Grundtypen, läuft diese Vorstel-
„polythetischer Gruppen“ unterstrichen. Darunter ver- lung dagegen exakt auf das Konzept polyvalenter Stamm-
steht man Taxa höherer Ordnung, die schwer definierbar formen hinaus (vgl. Abschnitt 6.4.2).
sind und sich dadurch „auszeichnen“, daß kein Merkmal,
welches in dieser Gruppe vorkommt, bei allen Mitglie- Zwischenergebnis. Es zeigt sich also in der Makrota-
dern anzutreffen ist. Alle diese Merkmale sind jedoch in xonomie, daß aus Evolutionstheorien abgeleitete Schluß-
der Gruppe als ganze verbreitet und sie kommen bei den folgerungen in erheblichem Maße widerlegt wurden. Was
meisten Mitgliedern vor (STEVENS 1984, 171; vgl. JUNKER geschieht nun mit dem zugrundeliegenden Evolutions-
2002, 88; VALENTINE 2004, 32). Polythetische Gruppen paradigma? Es gilt damit keineswegs als widerlegt, nicht
können nicht streng enkaptisch dargestellt werden. einmal als unplausibel. Das heißt aber nichts anderes, als
Selbst Merkale, die für sehr verschiedene Stämme daß im Rahmen des Evolutionsparadigmas genau das
charakteristisch sind, können in einer Art kombiniert sein geschieht, was dem Schöpfungsparadigma angelastet
– ganz entgegen evolutionstheoretischen Erwartungen. wird: Das Paradigma ist so flexibel, daß es sehr verschie-
Ein augenfälliges Beispiel dafür ist die Gattung Nectocaris dene, wenn nicht sogar beliebige Befunde verkraften
(GOULD 1991, 161; Abb. 7), die vorne am ehesten einem kann (vgl. Abschnitt 5.2).
Arthropoden, hinten dagegen einem Chordaten mit Umgekehrt entsprechen die geschilderten Befunde
Schwanzflosse ähnelt. Wenn man so will: Das ist ein den Erwartungen der Schöpfungslehre, sofern man sie
Pendant zur Fledermaus mit Federn, die es nach häufig mit der Theorie der „unifying message“ (REMINE 1993)
vorgebrachten Behauptungen nicht geben sollte, wenn verbindet. Damit ist gemeint, daß es unter den Lebewe-
es Makroevolution gab. sen Gemeinsamkeiten gibt, die auf einen gemeinsamen
Schließlich muß auch bedacht werden, daß Beobach- Ursprung verweisen (s.u.). Dieser gemeinsame Ursprung
tungen theoriegeleitet erfolgen. Die Art und Weise, wie könnte ein gemeinsamer Vorfahre oder ein gemeinsamer
das Ähnlichkeitsmuster der Arten erfaßt wird, hängt da- Urheber sein. Im letzteren Falle (Urheber) wäre zu erwar-
von ab, welche Regelmäßigkeiten in der Natur erwartet ten, daß sich konvergente Ähnlichkeiten nicht nur auf
werden (RIEPPEL 1993, 5). funktionelle Notwendigkeiten beziehen. Sonst könnte man
sie nämlich als Produkt eines Mechanismus deuten (Vor-
Netzwerke und Baukastensystem. Vor diesem Hin- fahr). (Zur Unterscheidung zwischen den beiden Mög-
tergrund kann es nicht überraschen, daß unter evoluti- lichkeiten „gemeinsamer Vorfahr“ / „gemeinsamer Ur-
onstheoretischen Voraussetzungen arbeitende Wissen- heber“ vgl. auch den nachfolgenden Abschnitt 6.4.4.)
schaftler immer wieder zu Erkenntnissen gelangen, die
die Vorstellung von einem Baukastensystem des Le- Schöpfungsparadigma und makrotaxonomische
bens stützen. Angesichts der vorliegenden Befunde kann Ähnlichkeiten. Eingangs dieses Abschnitts wurde das
die Baumdarstellung in vielen Fällen nicht als naheliegen- Argument erwähnt, im Rahmen des Schöpfungsparadig-
de und zwanglose Darstellung des Ähnlichkeitsmusters mas seien beliebige Merkmalsmuster zu erwarten, auch
der Mitglieder höherer Taxa gelten. Vielmehr bietet sich völlig chaotische Muster wären denkbar. Ein chaotisches
förmlich ein Netzwerk von Beziehungen an (Abb. 6, Szenario kann in der Tat nicht ausgeschlossen werden,
12). Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß diese wenn über den Schöpfer nichts bekannt ist. Nur wenn
Situation nicht den Erwartungen von Evolutionstheori- der Schöpfer seine Gedanken offenbart, kann etwas dar-
en entspricht.42 über gesagt werden, welche Merkmale in den geschaffe-
Es gelingt nicht, das verbreitete Auftreten von Kon- nen Dingen erwartet werden können. Dies detailliert zu
vergenzen und die dadurch bedingten netzförmigen Be- konkretisieren erfordert eine theologische Betrachtung,
ziehungen durch Umwelteinflüsse plausibel zu machen, die den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Der Gott,

46
der sich in der Bibel offenbart, hat nur grobe oder indi- 4.2 aus grundsätzlichen Erwägungen heraus geschlos-
rekte Anhaltspunkte für die Naturbetrachtung mitgeteilt. sen wurde: Ursprungstheorien sind nur in begrenztem
Dazu sollen wenigstens in aller Kürze einige Hinweise Maße testbar, kaum falsifizierbar (d. h. sie sprechen kaum
gegeben werden. So steht der Mensch in einem engen strikte Verbote aus) und erlauben ein weites, oft sogar
Zusammenhang mit der übrigen Schöpfung. Dies erfor- gegensätzliches Spektrum an „Vorhersagemöglichkeiten“,
dert Ähnlichkeiten unter den Geschöpfen, denn zu völlig wenn man überhaupt von Vorhersagen sprechen will. In
unähnlichen Geschöpfen könnte keine Beziehung aufge- Wirklichkeit erfolgen die Rekonstruktion vergangener
baut werden. Völlig unähnliche Lebewesen sind im Rahmen Prozesse durch Deutungen im Nachhinein. (Das gilt fak-
des biblisch orientierten Schöpfungsparadigmas also nicht tisch auch für REMINEs „Biotic Message“.) Dies alles hängt
zu erwarten. Im Schöpfungsbericht wird von Ordnung in damit zusammen, daß historische Rekonstruktionen not-
der Schöpfung gesprochen; es gibt Werke der Scheidung gedrungen mit vielen Unbekannten operieren müssen
(Genesis 1) und die Lebewesen sind nach „Arten“ geglie- (vgl. 4. Kapitel). Ein Scheitern bisheriger Vorstellungen
dert (vgl. Abschnitt 6.4.1). Gott wird im Neuen Testa- führt zu Mutmaßungen, was in den unbekannten „Berei-
ment charakterisiert als „nicht ein Gott der Unordnung, chen“ geschehen sein könnte, und das macht strikte Prü-
sondern des Friedens“ (1 Kor 14,33). In Röm 1,19ff. fungen schwer bis unmöglich.
spricht Paulus davon, daß man Gottes „ewige Macht und Vor diesem Hintergrund hebt sich der Unterschied
göttliche Größe“ an dem Geschaffenen erkennen könne. zwischen historischen Theorien und Theorien, die ge-
Daher ist die Frage durchaus gerechtfertigt, wie und genwärtige Strukturen und Prozesse beschreiben, mar-
woran man Gottes schöpferische Größe in der Natur kant hervor. Die Naturwissenschaften ermitteln eben –
erkennen kann. Walter J. REMINE (1993) glaubt in diesem methodisch begrenzt – immer nur Daten über den ge-
Sinne, eine Botschaft in den Geschöpfen herauslesen zu genwärtigen Endzustand eines vergangenen Prozesses.
können: eine „Lebensbotschaft“ („biotic message“) mit Die Prüfung der historischen Theorien erfolgt oft nicht
folgendem Inhalt: durch Tests von Vorhersagen, sondern durch den Ver-
• Einerseits ist die Ähnlichkeit der Lebewesen auf such, die naturwissenschaftlichen Daten im Nachhinein
allen biologischen Ebenen derart ausgeprägt, daß der in eine Theorie einzupassen, die im Rahmen des gewähl-
Rückschluß auf einen gemeinsamen Ursprung unver- ten Paradigmas formuliert und bei Bedarf neuen Befun-
meidlich erscheint. Dieser gemeinsame Ursprung kann den angepaßt wird.
grundsätzlich entweder durch gemeinsame Abstammung An dieser Stelle soll auch an Abschnitt 5.2 erinnert
oder durch einheitliche Planung (Schöpfung) begründet werden: Im Rahmen des Evolutionsparadigmas sind in
werden. Diesen Aspekt nennt REMINE „Botschaft der Ge- vielen Fällen gegensätzliche Erwartungen formulierbar,
meinsamkeit“ („unifying message“). je nachdem, welche konkrete Evolutionstheorie zugrun-
• Andererseits ist die Unterschiedlichkeit der Lebe- degelegt wird. So kann ein hierarchisches Ordnungssy-
wesen dergestalt, daß deren Ursprung durch makroevo- stem zwar grundsätzlich erwartet werden, es könnte aber
lutionäre Theorien nicht schlüssig erklärt werden kann auch das Fehlen klarer Grenzen erwartet werden. Oder
(„nicht-naturalistische Botschaft“ nach REMINE, „non-na- durch das Aussterben zu vieler Arten könnte auch ein
turalistic message“). chaotisches Muster verschiedener Merkmale übrigblei-
• Aus beiden „Botschaften“ zusammen hört REMINE ben (REMINE 1993). Man kann hier wohl mit Fug und
die „Lebensbotschaft“ heraus, daß das Leben in einer Recht die Frage stellen, wie eine evolutionär orientierte
Weise beschaffen sei, daß es wie das Ergebnis eines einzi- Systematik im Bereich der Vergleichenden Biologie wider-
gen Designers aussieht und zu anderen Entstehungskon- legt werden könnte. Denn offenkundig kann das Evoluti-
zepten nicht paßt. Sowohl Ähnlichkeiten als auch Ver- onsparadigma an recht unterschiedliche Ähnlichkeitsmu-
schiedenheiten spielen besondere Rollen: Ähnlichkeiten ster angepaßt werden.
weisen auf einen einzigen Ursprung hin, während die
Unterschiede eine Erklärung durch natürliche Vorgänge Vorhersagen und Prüfbarkeit der Schöpfungslehre?
erschweren oder unmöglich machen und somit auf einen Wie auch immer in der Systematik vorgegangen wird –
absichtsvoll schaffenden Designer hinweisen. es ist immer ein typologischer Einstieg notwendig: Die
Im Zusammenhang dieses Abschnitts spielt die Formenvielfalt muß bestmöglich erfaßt werden. „Die sy-
„unifying message“ eine besondere Rolle: Die Ähnlichkeit stematische Forschung geht mit logischer Notwendig-
der Lebewesen haben die Funktion, auf die Einzigkeit des keit einer Erklärung der Ordnung in der Natur durch die
Urhebers hinzuweisen. So gesehen sind Ähnlichkeiten Hypothese von ‘descent with modification’ voraus“ (RIEP-
unter allen Lebewesen zu erwarten. Mit diesem Konzept PEL 1989, 197). Das gilt auch für die Vorgehensweise im
versucht REMINE auch seltsam erscheinenden Ähnlich- Rahmen des Schöpfungsparadigmas. Die Ermittlung von
keiten als Teil der „unifying message“ einen Sinn abzuge- Ähnlichkeitsmustern kann nach bewährten, möglichst
winnen. Auf Details soll hier nicht eingegangen werden; theorieneutralen Verfahren vorgenommen werden. Weist
dazu sei auf JUNKER (2002, Abschnitt 4.4) sowie JUNKER das Muster der Ähnlichkeiten der Lebewesen Indizien
(1998) (Rezension von REMINEs Buch „The Biotic Messa- auf, die Hinweise auf eine unabhängige Entstehung der
ge“) verwiesen. Grundtypen abgeben? Welche prüfbaren Vorhersagen
an das zu erwartende Datenmuster können formuliert
Deutung im Nachhinein. Wir können nun eine wich- werden?
tige Schlußfolgerung ziehen, die generell für Ursprungs- Man könnte nun folgenden Ansatz verfolgen: Es wird
theorien zu gelten scheint und auf die schon in Abschnitt postuliert, daß die Lebewesen nach einem hierarchischen

47
Abb. 13: A Beziehungslosig-
keit der Grundtypen nach
Wirbeltiere
KORTHOF (2004). B Ordnung
der Lebewesen in einem
Fasanen Enten Fasanen Enten hierarchischen, enkaptischen
Vögel System. (Nach KORTHOF 2004)

Pferde Pferde
Säugetiere
Raubtiere
Katzen Hunde Katzen Hunde

A B

Abb. 14: Descent with


modification nach DARWIN,
ergänzt mit einer Darstel-
lung der enkaptischen
Ordnung, die sich aus demm
Abstammungsschema ergibt.

Ordnungsschema und nach einem Baukastenprinzip ge- Grundtypmodell und Wissenschaft. Wird das Schöp-
schaffen wurden, d. h.: Merkmale können grundsätzlich fungsparadigma konkretisiert, resultieren daraus Frage-
frei kombiniert gedacht werden. Dies äußert sich in Kon- stellungen, denen durch Forschung nachgegangen wer-
vergenzen. Zuviele Konvergenzen würden allerdings eine den kann. Das Interesse an Eigenschaften der Arten und
Ordnungsmöglichkeit erschweren oder sogar unmög- an Merkmalsverteilungen unter den Taxa ist nicht gerin-
lich machen. Wenn man die Mitglieder einer Gruppe von ger als unter evolutionstheoretischen Prämissen. Nur die
Lebewesen, deren Ähnlichkeitsmuster zahlreiche Kon- Erwartungen sind teilweise verschieden. Daher führt das
vergenzen aufweist, aufgrund des Besitzes gemeinsamer Grundtypkonzept auch auf dem Gebiet der Makrotaxo-
Merkmale miteinander verbindet, so entsteht ein Netz- nomie – hier verstanden als Taxonomie oberhalb von
werk von Beziehungen (vgl. Abb. 6, 12). Grundtypen – in keiner Weise zu einer Unterdrückung
Vor diesem Hintergrund kann man nun die Vorhersa- von Wissensgewinnung – im Gegenteil: Erst die detail-
ge treffen, daß weitere Funde heutiger oder fossiler Ar- lierte Kenntnis macht klar, ob und in welchem Ausmaß
ten bzw. neue Erkenntnisse über die Ähnlichkeit der Le- inkongruente Merkmalsverteilungen vorliegen.
bewesen eher zu neuen Vernetzungen führen als bisheri- Weiter oben wurde KORTHOFs Kritik angesprochen,
ge Stammbaumrekonstruktionen stützen werden. Es sei wonach es im Rahmen des Grundtypkonzepts keine Ba-
ausdrücklich hervorgehoben, daß es sich dabei um eine sis für eine Einheit der Lebewesen gebe. Die Frage ist,
konkrete, prüfbare Vorhersage handelt. was als einheitsstiftend akzeptiert wird. Im Rahmen des
Die oben erwähnte Tatsache, daß zahlreiche Konver- Evolutionsparadigmas soll die gemeinsame Abstammung
genzen nicht-adaptiver Natur sind, findet in diesem Kon- aller Lebewesen die Einheit ermöglichen, doch handelt es
zept eine schlüssige Deutung. Man kann hier die Vermu- sich dabei nur um eine hypothetische Basis, deren Reali-
tung anstellen, daß solche Merkmale typische Kennzei- tät mit guten Gründen bezweifelt werden kann. Das
chen verschiedener Grundtypen sind, die auch hier häu- Schöpfungsparadigma hat hier keine vergleichbare Al-
fig mosaikartig verteilt sind. ternative anzubieten (vgl. dazu Abschnitt 6.5), denn es
verweist auf einen empirisch nicht faßbaren Urheber als

48
Einheitsstifter. Doch ein gemeinsamer Urheber ist zwei- Vorliegende (die Daten) festzustellen und sie in eine pau-
fellos eine gute Erklärung für die Einheit der Lebewesen, sible Beziehung zu hypothetischen Entstehungsszenari-
wenn auch keine naturalistische. en zu bringen. Ähnliche Warum-Fragen lassen sich im
KORTHOF (2004, 39) verweist auf Abb. 13A, um das übrigen (mit wenig Hoffnung auf eine konkrete Ant-
Fehlen eines Zusammenhangs zwischen den Grundty- wort) auch an evolutionäre Szenarien richten.
pen zu demonstieren, und kontrastiert sie mit Abb. 13B.
Die in Abb. 13A eingezeichneten Fragezeichen können
jedoch aufgelöst werden: Selbsverständlich sind Grund- 6.4.4 Intelligent Design
typen durch gemeinsame Merkmale miteinander ver-
bunden; diese können an die Stelle der Fragezeichen Dem Thema „Intelligent Design“ habe ich einen eigenen
gesetzt werden. Das verbindende Band ist jedoch nicht Aufsatz gewidmet (JUNKER 2004). Einige Grundgedanken
der hypothetische Abstammungszusammenhang, son- dieses Beitrags werden hier daher nur in Kurzform wie-
dern es sind die hypothetischen gemeinsamen Ideen des dergegeben. Ein ähnlicher Text wird in der 6. Auflage
Urhebers. Abb. 13B gibt den Befund wieder, wie er auf- von „Evolution – ein kritisches Lehrbuch“ (JUNKER & SCHE-
grund von Merkmalsanalysen dargestellt werden kann. RER 2001) erscheinen, die im Frühjahr 2006 erscheinen
Diese Darstellung paßt zwar sehr gut ins Evolutionspara- soll.
digma (vgl. Abb. 14), könnte aber genauso als Datenbasis
in den Rahmen des Schöpfungsparadigmas gestellt wer- 6.4.4.1 Das ID-Konzept: Erkennung von „Design-
den; sie ist neutral gegenüber Ursprungstheorien. Die Signalen“
hierarchische Darstellung ist unabhängig von einer Er-
klärung ihrer Ursache möglich. Allerdings ist sie – ge- Der Grundgedanke des „Intelligent Design“-Konzepts (ID)
messen an den tatsächlich zu beobachtenden Merkmals- ist, daß man an Stukturen der Lebewesen Eigenschaften
mustern – unvollständig. Die hierarchische Darstellung erkennen könne, die auf das Wirken eines intelligenten,
müßte in vielen Fällen durch Verbindungslinien überla- willensbegabten Urhebers (Designer, Schöpfer) hinwei-
gert werden, die aufgrund von „widersprüchlichen“ – sen und andere Möglichkeiten ihrer Herkunft ausschlie-
sprich: baukastenartig zusammengesetzten – Merkma- ßen. Das ID-Konzept rechnet mit der Möglichkeit, daß es
len erforderlich sind. Die ungestörte Hierarchie ist in den allgemein in der Natur und insbesondere in der Organis-
seltensten Fällen die ganze Wahrheit. menwelt Planung gibt, und geht der Frage nach, ob
Evolutionstheoretisch wird die Einheit der Lebewe- dafür Hinweise durch empirische Forschung gefunden
sen, die an den Ähnlichkeitsbeziehungen festgemacht werden können. Solche Hinweise werden als „Design-
wird, durch einen Analogieschluß begründet. Abstam- Signale“ bezeichnet. Der ID-Ansatz versteht sich nicht
mung innerhalb von Fortpflanzungsgemeinschaften pro- als Lückenbüßer für Unerklärtes aufgrund offener Fra-
duziert ähnliche Nachkommen, also könnte dies auch für gen, sondern beansprucht, anhand nachweisbarer Indizi-
höhere Taxa gelten, deren Abstammungszusammenhang en positive Belege für seine Position vorbringen zu kön-
nur noch hypothetisch gegeben ist. Ein kausaler Zusam- nen.
menhang, der die abstammungsbedingte Einheit aller Im Gegensatz von ID läßt der Naturalismus grund-
Lebewesen begründen würde, ist nicht nachgewiesen. sätzlich nur natürliche Vorgänge als Erklärungen zu, auch
in Ursprungsfragen. Naturgegenstände aller Art und ihr
Theologische Aspekte. Immer wieder tauchen in den Ursprung sollen demnach allein durch Naturgesetze und
kritischen Diskussionen über das Schöpfungsparadigma Zufälle erklärt werden.
theologische Fragestellungen auf. Es ist grundsätzlich Für die Gestalt von Naturgegenständen kommen
berechtigt, solche Fragen aufzuwerfen, problematisch grundsätzlich drei Faktoren in Frage: Zufall, Naturgesetze
ist aber, daß sie häufig mit naturwissenschaftlichen Aspek- (gesetzmäßig ablaufende Vorgänge) und Wille (Planung,
ten vermischt werden, ohne dies kenntlich zu machen. Design). Um nachzuweisen, daß ein Designer am Werke
An dieser Stelle soll zu dieser Thematik nur ein kurzer war, müssen Zufall und Naturgesetze als hinreichende
Hinweis gegeben werden (mehr zu diesem Thema in Ursachen ausgeschlossen und positive Hinweise auf die
JUNKER 2002, S. 69f.). Beispielsweise wird gefragt: „War- Tätigkeit eines intelligenten Urhebers gefunden wer-
um hat der Schöpfer nur ähnliche Arten hervorgebracht? den.43 Als Hinweise für ID gelten vor allem komplexe,
Der ‘allmächtige Designer’ hätte ähnliche Konstruktions- synorganisierte Strukturen mit verschachtelten Wech-
probleme doch auch auf verschiedenen Wegen lösen selbeziehungen zwischen ihren Bestandteilen.
können (wie dies etwa vielfach in der Technik geschehen Ein grundlegendes erkenntnistheoretisches Problem
ist).“ Warum-Fragen über den Schöpfer lassen sich na- für die Position des ID besteht darin, daß das Wirken eines
türlich nicht beantworten, es sei denn, es gibt dazu eine Urhebers empirisch prinzipiell nicht beschreibbar ist – das
Offenbarung Gottes. Man kann dazu Vermutungen an- wäre ein Widerspruch in sich und liegt in der Natur der
stellen wie etwa, daß die Ähnlichkeit der Arten Kommu- Sache. (Eine vollständige naturalistische Beschreibung
nikation und ein ökologisches Verbundensein ermöglicht. würde einen Designer jedenfalls überflüssig machen; er
Aber auch hier kann man weiterfragen, ob Gott es nicht hätte allenfalls so gearbeitet, daß man das Design nicht
hätte auch anders machen können. Für die Forschung bemerkt.) Ein ID-Ansatz kann bestenfalls Spuren (die o. g.
spielen solche Warum-Fragen aber keine Rolle. Die in „Design-Signale“) eines Designers nachweisen.44
diesem Kapitel präsentierten Überlegungen sind davon Die Suche nach Spuren eines Urhebers wird in der
unabhängig. Denn es geht in der Forschung darum, das Forschung vielfach praktiziert, z. B. in der Archäologie,

49
Artefakte,
Organismen
Technik

Eigenschaften des bekannt teilweise bekannt


Materials
Handlungsweise des meist bekannt; spielt beim unbekannt; man könnte versuchen,
Urhebers Vergleich aber keine Rolle (1) es nachzumachen (2)
Erwerb der Komplexität zwingend in einer Generation evtl. in vielen Generationen (3)
Information für Bildung von außen (Hersteller) ursprünglich: unbekannt (4)
vergleichbare irreduzible Komplexität, irreduzible Komplexität,
Eigenschaften funktionelle Interdependenz, funktionelle Interdependenz,
auf ein Ziel hin organisiert auf ein Ziel hin organisiert (5)
Entstehungsweise durch einen Urheber unbekannt:
Analogieschluß: Urheber

Tab. 1: Gegenüberstellung von Artefakten und Organismen. Aufgrund vergleichbarer Eigenschaften ist ein
Analogieschluß auf die Entstehungsweise der Organismen möglich. – Anmerkungen:
(1) In der SETI-Forschung („Search for Extra-Terrestrial Intelligence“) ist die Handlungsweise der Urheber
ebenfalls unbekannt.
(2) Die experimentelle Biogenese-Forschung zeigte bisher, daß nur unter Einsatz von Design Makromoleküle des
Lebens erzeugt werden können.
(3) Irreduzible Komplexität muß in einer einzigen Generation entstehen. Damit ist der Vergleich Artefakte-
Organismen hier treffend.
(4) Heutige Lebewesen entstehen (soweit empirisch nachweisbar) durch Information von innen (Erbgut, Eigen-
schaften des Cytoplasmas u. a.). Doch dies ist für den Vergleich „Artefakte-Organismen“ irrelevant, da es um
die erstmalige Entstehung geht, als Information von „innen“ noch nicht vorhanden war.
(5) Auf diese Gemeinsamkeiten kommt es im Analogieschluß an.

wenn Artefakte von Naturprodukten unterschieden wer- folgerung ist ein Analogieschluß (vgl. zur Problematik
den oder wenn im Weltall nach Spuren intelligenter We- von Analogieschlüssen V.9.1). Für eine solche Schlußfol-
sen gesucht wird (SETI-Forschung, Search for Extra- gerung kann man Argumente ins Feld führen (Tab. 1).
Terrestrial Intelligence). Kann der dort übliche Schluß Besonders durch den Vergleich mit technischen Geräten
von Designer-Spuren auf das Wirken eines Designers auf drängt sich dieser Schluß auf. Abb. 15 macht zusammen
die Lebewesen übertragen werden? Eine solche Schluß- mit Tab. 1 deutlich, der der Schluß von technischem auf
lebendes Design aufgrund ähnlicher Konstellationen na-
heliegend ist. Wer diesen durch vielfache und nie wider-
legte Erfahrung bestätigten Schluß bei den Lebewesen
ablehnt, trägt die Beweislast, daß Lebewesen ohne einen
Urheber entstehen konnten. Evolutionstheoretiker wol-
len genau diesen Beweis antreten, doch dies ist nicht
gelungen (JUNKER & SCHERER 2001, Kap. III und IV).
Im Falle der Lebewesen wird von ID-Kritikern zu-
recht darauf hingewiesen, daß es sich – im Gegensatz
etwa zu archäologischen Artefakten – um „Viele-Genera-
tionen-Systeme“ handle. Das heißt, ein komplexes Organ,
das den Anschein von ID erweckt, konnte oder könnte in
vielen aufeinander aufbauenden Generationen sukzessive
auf natürliche Weise entstanden sein. Doch daß dies mög-
lich ist, müßte von den Kritikern nachgewiesen werden
und dieser Nachweis steht aus. Das Leben weist nämlich
irreduzibel komplexe Strukturen auf, die nach ge-
genwärtigem Kenntnisstand durch natürliche Vorgänge
nicht sukzessive entstehen können. Ein System ist irredu-
Abb. 15: Veranschaulichung der Analogie zwischen le- zibel komplex, wenn es aus mehreren miteinander zu-
bendiger und technischer Konstruktion. Links ist die sammenhängenden Teilen besteht, so daß die Entfer-
grundsätzliche Konstruktion eines Motors dargestellt,
nung eines beliebigen Teils die Funktion zerstört. Die
rechts der Nanomotor eines E. coli-Bakteriums. Beide
irreduzible Komplexität muß daher in einer einzigen Ge-
Strukturen sind zweckgerichtet, viele Komponenten
sind offenkundig auf ein Ziel hin organisiert. (Nach neration entstehen, sie kann nicht kumulativ (schrittwei-
NACHTIGALL 2002) se) aufgebaut werden, da Zwischenstadien der Selektion

50
restlos zum Opfer fielen. Die Tatsache, daß Lebewesen sein, da sie eben keine vorausschauende Instanz kennen.
Viele-Generationen-Systeme sind, spielt hier also keine Wenn also plausibel gemacht werden kann, daß die Lebe-
Rolle.45 wesen zu mehr potentiell fähig sind, als was sie aktuell
Es gibt verschiedene Versuche, die Nicht-Irreduzibili- brauchen und früher brauchten, wäre das ein starkes
tät von Strukturen nachzuweisen, die von ID-Theoreti- Argument für die Existenz von Design-Signalen. Der
kern als irreduzibel komplex behauptet werden. Diesen Nachweis einer solchen potentiellen Komplexität wäre
Arbeiten muß natürlich im Einzelfall nachgegangen wer- auch eine Stütze für das Grundtyp-Konzept, die nicht
den; genau das gehört zum Test auf ID! Um Nicht-Irredu- zugleich auch als Stütze für Makreovolution gelten könn-
zibilität zu belegen, genügt es aber nicht, nur auf mor- te. Denn die Existenz von Variationsprogrammen, die erst
phologische Reihen von homologen Organen verschie- für zukünftige Erfordernisse relevant sein könnten, ist
dener Taxa oder auf Doppelfunktionen hinzuweisen (NEU- evolutionär nicht zu erwarten, da die Evolutionsmecha-
KAMM 2004, 20f.); eine solche Betrachtungsweise wäre nismen nicht zukunftsorientiert sein können.46
viel zu grob. Hier muß man sich schon die Mühe ma-
chen, einzelne Beispiele detailliert zu betrachten (wie etwa
in JUNKER & SCHERER 2001 am Beispiel des Bakterienmo- 6.4.4.4 Testbarkeit von ID
tors). Kurzum: Es ist Forschung notwendig! Vergleiche
mit der kulturellen Evolution (NEUKAMM 2004, 20) sind im Design-Signale lassen sich intuitiv sehr leicht erkennen,
Zusammenhang mir irreduzibler Komplexität völlig fehl sofern solche Intuitionen aufgrund von Weltanschauung
am Platz, weil diese bei weitem nicht nach den selben oder Erziehung nicht verdrängt oder wegrationalisiert
Regeln wie die biologische Evolution verläuft. wurden. Ein schöner Beleg dafür ist die Aussage des
Evolutionsbiologen John MAYNARD SMITH (1997, S. 434):
„Die Natur zu betrachten bringt zum Staunen, wirklich.
6.4.4.2 „Luxusstrukturen“ als Design-Signal Wenn Sie Vögel oder Wildblumen betrachten, und nicht
ein gewisses Staunen empfinden, dann stimmt etwas
Neben irreduzierbar komplexen Strukturen wird als wei- nicht.“ Oder Richard DAWKINS‘ Definition der Biologie als
teres Design-Signal auch das Vorkommen von Konstruk- „das Studium komplizierter Dinge, die so aussehen, als
tionsmerkmalen von Lebewesen angeführt, die ausgefal- seien sie zu einem Zweck entworfen worden“ (DAWKINS
lener erscheinen, als die Funktion der Struktur erwarten läßt. 1987, 13).
Man könnte hier von „Luxusstrukturen“ oder von „spie- Auf der analytischen Ebene sind Design-Signale je-
lerischer Komplexität“ sprechen. Als Beispiel sei die Blüte doch sehr schwer zu fassen. Um ein Design-Signal schlüs-
des Frauenschuhs genannt, die mittels einer Kesselfalle sig zu belegen, müssen alle natürlichen Evolutionspro-
blütenbesuchende Insekten vorübergehend einsperrt, um zesse sowie die Struktur-Funktions-Beziehungen des frag-
auf diesem Wege die Bestäubung zu ermöglichen. Be- lichen Systems hinreichend gut verstanden sein – eine
kanntlich erfüllen viel einfacher gebaute Blüten diesen bisher kaum zu erfüllende Forderung. Irreduzible Kom-
Zweck genausogut; weshalb gibt es also so überaus kom- plexität beispielsweise kann auf der Basis des jeweiligen
plizierte Einrichtungen? Es gibt Strukturen dieser Art in Kenntnisstandes empirisch durchaus nachgewiesen wer-
Hülle und Fülle; man studiere dazu nur Werke über Blü- den, doch kann sich der Wissensstand bekanntlich än-
tenbiologie. dern. Ähnliches gilt für das Vorliegen spielerischer Kom-
plexität. Der Vorbehalt des vorläufigen Kenntnisstandes
ist jedoch kein Spezifikum für den Nachweis von Design-
6.4.4.3 Potentielle Komplexität Signalen, sondern für Wissenschaft schlechthin.
Ein endgültiger Nachweis für ID wäre der Nachweis,
Eine dritte Sorte von Design-Signalen sind Fähigkeiten daß irreduzible Komplexität grundsätzlich nicht natürlich
von Lebewesen, die durch aktuelle Selektionsbedingun- entstehen kann. Weil unser Wissen über die Lebewesen
gen (oder auch durch Selektionsbedingungen ihrer mut- wohl immer begrenzt sein wird, ist ein definitiver Beweis
maßlichen Vorfahren) nicht erklärt werden können. Sol- für ID nicht möglich. Endgültige Beweise sind in den
che Befunde widersprächen allen Ansätzen, die davon historischen Wissenschaften aber ohnehin grundsätzlich
ausgehen, daß ein Lebewesen nur sein unmittelbares nicht möglich (vgl. 4. Kapitel), sondern nur Plausibilitä-
Überleben sichern muß. Hier kann an das über Polyva- ten.
lenz von Grundtypen Gesagte angeknüpft werden. Zum Der ID-Ansatz regt Forschung an – entgegen oftmals
Polyvalenz-Potential gehören offenbar auch Programme geäußerter Kritik. Denn zum einen wird nach Design-
und Mechanismen, die angelegte Fähigkeiten bei Bedarf Signalen gesucht. Wird ID dagegen von vornherein aus-
zur Entfaltung bringen (vor allem ausgelöst durch Um- geschlossen, entfallen entsprechende Fragestellungen
weltreize). Beispielsweise ist bekannt, daß Bakterien un- und Forschungen. Darüber hinaus besteht im Rahmen
ter Streßbedingungen die Mutationsrate erhöhen kön- des ID-Ansatzes großes Interesse, die Struktur-Funktions-
nen, um sich schneller anpassen zu können, und die Mu- Beziehungen der Lebewesen und Evolutionsmechanis-
tationen sind in Bereichen konzentriert, wo sie am ehe- men aufzuklären, um besser beurteilen zu können, ob die
sten zu nützlichen Veränderungen führen. Man hat den Entstehung von Lebensstrukturen mit natürlichen Vor-
Eindruck, als seien Wege der „Anpassung bei Bedarf“ gängen erklärt werden kann. Je mehr darüber bekannt
bereits angelegt (HUNTER 2004, 204). Naturalistische An- ist, desto klarer kann ID entweder zutagetreten oder auch
sätze können dagegen nur streng gegenwartsorientiert unplausibel werden.

51
Untersuchungen im Rahmen des ID-Ansatzes erfol- tion dieses Ziel von vornherein fehle, könne man den
gen ergebnisoffen. In den konkreten Einzelfällen wird näm- Naturprodukten auch keine Werte oder Qualitäten zu-
lich weder die Möglichkeit von ID noch das Vorliegen sprechen (S. 209). Andernfalls müsse man eine teleologi-
natürlicher Prozesse von vornherein ausgeschlossen. In sche Biologie voraussetzen. „Jede Ware hat einen Wert
der weiteren Forschung liegt auch die Hoffnung der ID- für den Verbraucher, während die Fitness eines Organis-
Kritiker: Sie vermuten, daß in den Lebewesen noch viele mus keinen Wert für irgendjemanden darstellt“ (S. 210).
unentdeckte Eigenschaften oder Evolutionsfähigkeiten Aufgrund dieser Überlegungen bezweifelt ZOGLAUER, „daß
stecken könnten, deren Nachweis ID überflüssig machen es in der Evolution Größen gibt, die optimiert werden“
könnte. Forschung kann hier also zur Klärung beitragen. (S. 211). „Optimierung ist an Ziele oder Zwecke gebun-
Ein weiterer Aspekt: Es gibt viele Beispiele, bei denen den, die es in der Natur nicht gibt. ... Optimalität ist daher
unter Verweis auf die „blinden Prozesse“ der Evolution kein Wesensmerkmal der Natur, das ihr unabhängig von
das Vorliegen von Funktionslosigkeit oder Konstrukti- unserem Erkennen und unserem Dasein zukommen wür-
onsfehlern behauptet wurde (vgl. Abschnitt 6.4.5), was de“ (212).
die Motivation für weitere Forschung hemmt. Aus dem An diese Argumentation kann sich eine interessante
ID-Ansatz folgt dagegen ausdrücklich die Suche nach Fragestellung anschließen: Können optimal konstruierte
Funktionen von Organen und nach einem besseren Ver- Strukturen nachgewiesen werden, deren Optimalität un-
ständnis vermeintlicher Konstruktionsfehler. Denn in die- ter evolutionstheoretischen Prämissen gar nicht zu er-
sem Konzept wird mit Planung gerechnet, was entspre- warten wäre? Genau das behauptet WEINDEL (2000) für
chende Studien bei scheinbarer Fehlplanung motiviert. ein biochemisches Beispiel: die Bindestärke der Basen-
Auch die Idee einer „spielerischen Komplexität“ (s.o.) paarung der DNA. WEINDEL zeigt, daß unter Ursuppenbe-
kann als Forschungsanreiz dienen. Leisten manche Struk- dingungen auf der alleinigen Basis physico-chemischer
turen des Lebens mehr, als vom Standpunkt des Überle- Vorgänge eine maximale, nicht aber eine für die biologi-
bensvorteils und der Nachkommenproduktion zu erwar- sche Funktion optimale Bindestärke der Nucleobasen zu
ten wäre? Das wäre übrigens das umgekehrte Argument erwarten gewesen wäre. Da jedoch die biochemisch opti-
zum sog. „Unvollkommenheitsargument“ (Abschnitt male Bindestärke verwirklicht ist, komme man nicht um-
6.4.5). hin, eine Zielvorgabe zu postulieren. Doch genau dies
Manche Kritiker wenden ein, empirische Hinweise kann evolutionstheoretisch nicht vorausgesetzt werden.
auf außerweltliche Designer könne es prinzipiell nicht Es könnte eine reizvolle Aufgabe sein, weitere Beispiele
geben. Doch um den Nachweis (oder Widerlegung) der dieser Art aufzuspüren – ein schönes Beleg dafür, daß
Existenz außerweltlicher Designer geht es gar nicht, son- der ID-Ansatz heuristisch fruchtbar ist.
dern um Argumente, daß es überhaupt irgendeinen Desi-
gner gibt. Zwar geht es im Rahmen des biblisch motivier- Gen-Tinkering und Netzwerke. Das zweite Beispiel
ten Schöpfungsparadigmas tatsächlich um einen außer- ist einem Beitrag von WINKLER (2005) entnommen. Unter
weltlichen Desginer, das aber spielt für die ID-Argumen- „Gen-Tinkering“ versteht man das (weitgehend hypothe-
tation keine Rolle. Die Unterscheidung zwischen intelli- tische) „Einflicken“ von Genen oder Genabschnitten in
gentem und außerweltlichem Designer ist für diese Fra- neue Funktionszusammenhänge im Laufe der Evolution.
gestellung irrelevant.47 (Der Begriff wird allerdings bislang nicht einheitlich ge-
Wenn man nun behauptet, ID sei prinzipiell nicht braucht.)
nachweisbar, so sei hiermit die die Frage gestellt, was Biologische Objekte sind äußerst komplex. So sind
denn ein Designer tun müßte, damit man an seinen Tätig- beispielsweise am Bau des Auges ca. 2000-2500 Gene
keiten merkt, daß er gehandelt hat. Man kann auch durch- beteiligt, angefangen vom Master-Schalter (Hox-Gen),
aus die Frage stellen, was denn der Designer des Lebens bis hin zur lichtempfindlichen Proteingruppe. Hox-Gene
noch hätte tun sollen, damit man seine Spuren bemerkt? stehen am Anfang einer ganzen Kaskade von verschiede-
Verschiedene Vorschläge wurden oben diskutiert, doch nen Genen. Beispielsweise schaltet in der Fruchtfliege
es wurde auch gezeigt, daß man Designer-Spuren weg- Drosophila das Hox-Gen Pax-6 die Augenentwicklung an.
diskutieren kann. Dennoch sollen im folgenden zwei sol- Wird Pax-6 ausgeschaltet, so entwickelt die Fliege keine
cher Spuren kurz diskutiert werden. Augen. Induziert man das Protein aber künstlich an einer
Stelle, wo es normalerweise nichts zu suchen hat, z.B. im
Optimalität. Diese erste Spur wird in JUNKER (2002, Brustbereich der Fliege, so wächst dort ein Auge. Die
75f.) thematisiert. Die nachfolgenden Ausführungen sind Faszination erhalten die Hox-Proteine dadurch, daß sie
aus dieser Publikation entnommen und etwas überarbei- mehr oder weniger zwischen sehr verschiedenen Orga-
tet. nismen austauschbar sind. Ersetzt man in der Fruchtfliege
In evolutionstheoretischer Perspektive sind optimale das Pax-6 durch das Mäuse-Protein Eyeless, so entwickelt
Strukturen nicht unbedingt zu erwarten. ZOGLAUER (1991) sich ein ganz normales Auge, natürlich ein Fliegenauge,
weist darauf hin, „daß der Vorstellung einer Optimierung denn die Hox-Gene kodieren nicht selbst für die Augenent-
durch Evolution eine falsche Projektion der Struktur tech- wicklung, sondern sie schalten sie nur ein. Aufgrund dieser
nischen Handelns auf die Natur zugrundeliegt“ (S. 194). Befunde wird vom Auge auch als „Modul“ gesprochen
Technische Werte würden vom Menschen definiert, weil (s.u.). Es ist eine für sich stehende Einheit, die mit einem
mit der Konstruktion eines Objekts ein bestimmtes Ziel genetischen Schalter an nahezu beliebigen Stellen einge-
erreicht werden soll. Dieses Ziel bestimme den Wert der schaltet werden kann.
zu optimierenden Größe. Da bei der biologischen Evolu- Biologische Systeme sind wegen ihrer Komplexität

52
nur schwer zu erfassen. Als neue Darstellungsformen für Mikroevolution) zu ermöglichen. Könnte es also sein, daß
komplexe biologische Systeme werden neuerdings zu- sich natürliche (angeblich evolvierte) und technische (kre-
nehmend Netzwerk-Darstellungen eingesetzt. In der Tech- ierte) Systeme deshalb so verblüffend ähneln, weil beide
nik werden komplexe Systeme dagegen schon länger mit geschaffen wurden?
Erfolg in Form von Netzwerken dargestellt. Interessanter-
weise kommt nun genau von dieser Seite Kritik am Modell Evolution und das Design-Argument. Überraschen-
der Evolution durch Gen-Tinkering. Worin unterscheidet derweise bedienen sich selbst Evolutionstheoretiker ei-
sich nämlich das Produkt von jemandem, der an einem nes wesentlichen Teils des Design-Arguments. Darauf
Netzwerk so lange herumflickt, bis es zufriedenstellend macht RAMMERSTORFER (2004a) in einem Artikel aufmerk-
funktioniert, von dem Produkt eines Ingenieurs? Ein Inge- sam, in welchem er sich der Frage widmet, warum es
nieur würde Strukturen im Voraus planen und Konstruk- bestimmte Konstruktionen in der Natur nicht gibt. Man-
tionspläne zeichnen. Ein Bastler würde dagegen nehmen, che Evolutionstheoretiker argumentieren hier exakt mit
was gerade zur Hand ist, um irgendwelche Interaktionen dem Argument, mit welchem ID-Vertreter für die Entste-
zu erstellen und solange herumflicken, bis sie gut genug hung komplexer, synorganisierter Strukturen Design in
sind, um zu funktionieren. ALON (2003) schreibt dazu Betracht ziehen und auf evolutionstheoretische Erklä-
(Übersetzung N. WINKLER): „Es ist deshalb erstaunlich, daß rungsdefizite hinweisen: „Many good designs must not
die Lösungen, die durch die [biologische] Evolution gefun- be available on the evolutionary landscape because they
den wurden, viele Gemeinsamkeiten mit einem guten involve unbridgeable functional discontinuities. Obviously
technischem Design besitzen.“ Die drei wichtigsten Prin- jury-rigged arrangements occur instead because they
zipien, die für biologische und technische Netzwerke glei- entail milder transitions“ (VOGEL 2003, 15; Hervorhe-
chermaßen gelten, sind: 1. modularer Aufbau, 2. Robust- bung nicht im Original). Die Argumentation lautet, ein
heit gegenüber Bauteiltoleranzen, und 3. die Verwendung kurzsichtiger Evolutionsprozess habe Probleme mit syn-
wiederkehrender Elemente. organisierten, irreduzibel komplexen Strukturen, für die
Die „Verwendung wiederkehrender Elemente“ läuft keine Zwischenstufen denkbar sind. Evolutionskritiker
auf ein Baukastensystem hinaus (vgl. Abschnitt 6.4.3). wenden diese Argumentation auf real existierende Struk-
Warum ist es aber erstaunlich, daß technische (von einem turen an, während Evolutionstheoretiker diese bei hypo-
Ingenieur erstellte) und biologische (angeblich evolutiv thetische Konstrukte (z. B. Tiere mit Rädern) gebrauchen.
entstandene) Netzwerke sich einander ähneln? Es gibt in
den Computerwissenschaften den Versuch, künstliche Schlußfolgerungen. Welche Beispiele und Argu-
„neuronale Netzwerke“ durch einen evolutiven Prozeß zu mente man hier auch immer anführen kann, man wird
optimieren. Diese neuronalen Netzwerke verarbeiten In- immer entgegnen können: Vielleicht wird man in Zu-
formation (Input) zu einem gewünschtem Ergebnis (Out- kunft die Hinweise auf Design als Naturprodukte erklä-
put). Ungleich echten biologischen Netzwerken sind diese ren können. So ist nun einmal Wissenschaft; es gibt keine
künstlichen neuronalen Netze aber nicht modular. Jeder endgültigen Ergebnisse. Das ist kein Spezifikum des ID-
Knotenpunkt in diesem Netzwerk nimmt an vielen ver- Ansatzes. Es sollten aber folgende Punkte deutlich ge-
schiedenen Aufgaben teil, während in modularen Netz- worden sein:
werken sozusagen „Unternetzwerke“ existieren, die nur • Das Design-Argument ist aufgrund der bekannten
mit sehr wenigen Verbindungen in das gesamte Netzwerk biologischen Daten begründet und gerechtfertigt.
eingefügt sind. Gleichzeitig stellt man fest, daß künstliche • ID-Biologie arbeitet ergebnisoffen. Wo Design vor-
neuronale Netze (mit ihrer nicht-modularen Struktur) liegt und wo hingegen natürliche Prozesse wirksam wa-
besser für eine gewünschte Aufgabe geeignet sind als ren, steht nicht von vornherein fest, sondern muß erst
vergleichbare modulare Netzwerke. Ein solches Netz- untersucht werden.
werk, in der jede Komponente mit jeder anderen optimal • Daher regt ID-Biologie Forschung an. Ohne For-
verknüpft ist, kann sich kaum mehr neuen Bedingungen schung über Evolutionsfähigkeit kann das ID-Argument
(z.B. veränderte Umwelt) anpassen, das Netzwerk er- gar nicht begründet vorgetragen werden. Der ID-Ansatz
scheint „eingefroren“ (ALON 2003). In modularen Netz- verhindert Forschung daher gerade nicht.
werken hingegen, wie sie in Lebewesen und technischen • Was hätte ein Designer noch tun können, um auf
Systemen vorkommen, können einzelne Komponenten sich aufmerksam zu machen? Diese Frage müssen die
(die Module oder wiederkehrende Einheiten) ausgetauscht Kritiker beantworten.
oder verändert werden, um sich neuen äußeren Bedin-
gungen anzupassen.
Netzwerke, die durch eine Labor-Evolution entwickelt 6.4.4.5 Das Fehlen eines ID-Mechanismus
wurden, sind nun nicht modular aufgebaut, was mit einer
gewissen Ernüchterung festgestellt wird. Damit liefert das Kritiker bemängeln, daß im Rahmen des ID-Ansatzes auf
beobachtete Baukastensystem in Lebewesen (das „modu- mechanismische Erklärungen verzichtet werde. So
laren Netzwerken“ entspricht) eher ein Argument für schreibt WASCHKE (2003): „Es gibt weder Aufstellungen
Design als dagegen. Netzwerke, die im Computer evol- von allgemeinen Gesetzesaussagen noch Erklärungen,
viert wurden, funktionieren zwar besser (erscheinen da- wie Design mechanismisch funktionieren soll ...“ ID-Ver-
her dem oberflächlichen Betrachter als weniger „hinge- treter würden auch gar nicht den Anspruch stellen, me-
schustert“), sie sind aber nicht modular, und damit weder chanismische oder auch nur kausale Erklärungen zu lie-
fehlertolerant noch flexibel genug, um Anpassungen (= fern.

53
Darauf kann entgegnet werden, daß jede Ursprungs- erläutert; insbesondere das klassische Beispiel des Panda-
forschung lange vergangene Prozesse nur simulieren kann. Daumens (GOULD 1989).
Die seinerzeit abgelaufenen Mechanismen können nicht In JUNKER (2002, Kapitel 4) wird gezeigt, daß das
direkt erforscht werden. Auch die Evolutionsbiologie wird „Unvollkommenheits-Argument“ von drei Seiten her in
grundsätzlich nie demonstrieren können, durch welche Frage gestellt werden kann. Erstens handelt es sich im
Mechanismen z. B. erste Lebewesen auf der hypotheti- Kern um ein theologisches und nicht um ein naturwissen-
schen frühen Erde entstanden sind. Vielmehr könnte al- schaftliches Argument, da es nur auf der Basis bestimm-
lenfalls durch Simulationsexperimente gezeigt werden, un- ter Gottesvorstellungen formuliert werden kann. Zwei-
ter welchen Randbedingungen auf welche Weise Leben tens stellen Argumente gegen Schöpfung nicht notwen-
entstehen könnte. Und nun wird es spannend: Welche digerweise Argumente für Evolution dar. Und drittens
Schlußfolgerungen werden gezogen werden, wenn sich sind Unvollkommenheiten kaum empirisch nachweisbar,
wiederholt zeigt, daß Leben oder wenigstens wichtige sondern stellen evolutionstheoretisch begründete Ver-
Makromoleküle oder Apparate heutiger lebender Zellen mutungen dar, deren Plausibilität mit der evolutions-
nur durch Einsatz von Planung, durch einen geordneten theoretischen Voraussetzung steht oder fällt. Auch das
Versuchsaufbau und durch ein kontrolliertes Timing ent- Argument der Kanalisierung von Evolutionsvorgängen
stehen? Damit hätte man eine Erklärung gefunden, wie (als eine Voraussetzung für die Herausbildung von „De-
Leben entstehen kann; man würde einen Vorgang ken- sign-Kompromissen“) ist anfechtbar. Hier sollen nun ei-
nen, der zu Leben oder wenigstens von Teilstrukturen nige weiterführende Gedanken diskutiert werden.
von Lebewesen führt. Man hätte demonstriert, daß und
wie mit „Design“ Lebensstrukturen erzeugt werden kön- Beliebige Vorhersagen? Es kann – wie erwähnt –
nen (vgl. dazu auch Abschnitt 6.5.1). gezeigt werden, daß das Unvollkommenheits-Argument
Natürlich hätte man auch damit nicht gezeigt, wie auf konkreten theologischen Vorstellungen über den
Leben auf unserer Erde in der Vergangenheit tatsächlich Schöpfer aufbaut (s.o.), ein unbekannter Schöpfer könnte
entstanden ist. Aber es wäre demonstriert worden, wie es schließlich ebensogut sehr gute als auch fehlerhafte Kon-
möglich gewesen sein könnte. Mehr kann grundsätzlich struktionen erschaffen, wenn es ihm beliebt. Ohne kon-
nicht geleistet werden, weil es um ein Ereignis in der krete Vorstellungen über die Attribute des Urhebers kön-
Vergangenheit geht – in dieser Hinsicht sitzen alle Ur- nen also keine Erwartungen an die Qualität der lebendi-
sprungsforscher im selben Boot. gen Konstruktionen abgeleitet werden. Wird vom christ-
Wie in Abschnitt 5.6 erwähnt sind Indizien für ID lichen Gottesbild ausgegangen, das sich auf die biblische
nicht von der (sicheren) Kenntnis eines „Design-Mecha- Überlieferung stützt, können durchaus allgemeine Attri-
nismus“ abhängig. Dies entspricht der oft erhobenen For- bute des Schöpfers zugrundegelegt werden. Wenn etwa
derung von Evolutionstheoretikern, die Mechanismen- der Prophet Jeremia auf die „Kraft“, „Weisheit“ und „Ein-
frage nicht mit der Deszendenzfrage zu vermischen. Denn sicht“ der Schöpfers hinweist (Jer 10,12; vgl. Kapitel 1),
– so wird argumentiert – selbst wenn man nichts über die so können daraus sicher keine beliebigen Erwartungen
speziellen Evolutionsmechanismen wüßte, bliebe die Tat- an die geschaffenen Konstruktionen der Lebewesen ab-
sache der allgemeinen Deszendenz der Lebewesen unan- geleitet werden. Vielmehr kann man folgende Erwar-
getastet. In Abschnitt 5.6 wurde dies kritisch hinterfragt. tung formulieren:
Läßt man diesen Satz aber gelten, so würde er (worauf Eine primäre (schöpfungsbedingte) Funktionslosig-
RATZSCH 2002) hinweist, auch für ID gleichermaßen zu- keit (die weder als Rückbildung noch als Luxusstruktur
treffen. Das in Abschnitt 5.6 gebrachte Zitat sei hier wie- [vgl. Abschnit 6.4.4.2] plausibel gemacht werden kann, s.
derholt: „Indeed, the commonplace distinction between u.), ist im Rahmen des Schöpfungsparadigmas nicht zu
the fact of evolution and the mechanism of evolution may erwarten.
apply equally well to design – recognition of a fact of Im Zusammenhang des hier vor allem interessieren-
design need not be anchored to an understanding of the den Themas nach dem Verhältnis von Schöpfungsoffen-
mechanisms by which design is introduced into natural barung und wissenschaftlicher Erkenntnis stellt sich die
phenomena“ (RATZSCH 2002, 10). Frage, ob spezifische Vorgaben über die Attribute des
Schöpfers Wissenschaft antreiben oder behindern, ob
also testbare Fragestellungen entwickelt werden und ob
6.4.5 Design-Fehler Erkenntnisgewinn möglich ist.
In Abschnitt 6.2 wurde bereits darauf hingewiesen,
Nach Auffassung vieler Biologen weisen zahlreiche Kon- daß im Rahmen des Evolutionsparadigmas der Verweis
struktionen der Lebewesen Mängel auf (sog. „Design- auf Konstruktionsmängel eher dazu angetan ist, For-
Fehler“; ein Spezialfall sind „rudimentäre Organe“ ). Dar- schung zu verhindern als zu fördern. Denn wenn be-
aus resultiert ein sog. „Unvollkommenheits-Argument“: stimmte Organe als evolutionsbedingt funktionslos oder
Ein allmächtiger Schöpfer würde keine fehlerhaften Kon- funktionsschwach beurteilt werden, kann diese Deutung
struktionen erschaffen, daher wiesen „Design-Fehler“ auf kaum die Erforschung funktioneller Zusammenhänge
einen evolutionären Ursprung der Lebewesen hin. Denn anregen. Wenn die Suche nach Funktionen trotzdem
im evolutionären Prozeß könnten immer nur bereits vor- vorangetrieben wird, dann ist dies kaum durch das Evo-
handene Konstruktionen umgebaut werden, was zu De- lutionsparadigma motiviert, sondern eher durch die Vor-
sign-Kompromissen und folglich zu Unzulänglichkeiten stellung von der Zweckhaftigkeit der Organe. Man könn-
führen müsse. Beispiele werden in JUNKER (2002, Kap. 4) te allenfalls evolutionstheoretisch annehmen, daß Diskre-

54
panzen zwischen Struktur und Funktion im Laufe der Schöpfung ist nicht statisch. Die geschaffenen Lebewe-
Zeit selektiv eliminiert werden. Das heißt: Funktionslos sen befinden sich nicht mehr im Originalzustand.
gewordene Strukturen werden solange abgebaut (durch Nun kann man an dieser Stelle einwenden: Perfektes
Verlustmutationen), bis eine vorübergehende Diskrepanz Design ist das, was geschaffen ist, Konstruktionsmängel
zwischen Struktur und Funktion wieder ausgeglichen ist. dagegen Produkt natürlicher Vorgänge nach der Erschaf-
Solche Diskrepanzen wären evolutionstheoretisch daher fung. Daraus könnte eine Immunisierung gegen Kritik
nur in einer vorübergehenden Phase als Ausnahmen zu resultieren, denn was immer man auch beobachtet –
erwarten. Aufgrund der Selektionsdrücke sollten Diskre- perfektes oder „minderwertiges“ Design –, es würde im-
panzen zwischen Struktur und Funktion nach einiger mer passen, und eine Falsifikationsmöglichkeit wäre aus-
Zeit verschwinden. Findet man dennoch Beispiele ver- geschlossen. Doch so einfach ist die Sachlage nicht. Denn
meintlicher Diskrepanzen, könnte man daher auch unter im Rahmen des hier vorausgesetzten Grundtypmodells
evolutionstheoretischen Prämissen motiviert sein, die können nur mikroevolutive Prozesse herangezogen wer-
Kenntnisse über Struktur-Funktions-Beziehungen zu er- den, um sekundäre Konstruktionsmängel zu erklären (zum
weitern, um die nicht erwartete Diskrepanz als nur schein- Beispiel bei blinden Höhlenfischen). Eine genauere Ana-
bar zu entlarven. lyse muß also im Einzelfall zeigen, ob ein „Design-Fehler“
Als in den letzten Jahren häufig diskutiertes Beispiel überhaupt als nachträglich eingestuft werden können.
kann hier auch die Deutung scheinbar funktionsloser DNA Daß es sich also nicht um eine primäre (schöpfungsbe-
als „Junk-DNA“ bzw. als evolutionärer Müll erwähnt dingte) Funktionslosigkeit handelt (s. o.), muß im Einzel-
werden. Die Suche nach Funktionen der nicht protein- fall plausibel gemacht werden und darf selbstverständ-
codierenden DNA ist sicher nicht durch die Vorstellung lich willkürlich behauptet werden.
motiviert, daß es sich dabei um evolutiven Müll handelt. Auch hier gilt: 1. Diese Klärungen sind nur durch
Auch hier können spezielle Evolutionstheorien die Suche Forschung möglich und diese Forschung ist ergebnisof-
nach Funktionen motivieren; diese Suche ist aber von fen. 2. Es können wie immer in historischen Fragen nur
vornherein im Rahmen des Schöpfungsparadigmas mo- Plausibilitäten abgewogen werden.
tiviert, wenn eine intelligente Schöpfung vorausgesetzt
wird. Design und Constraints. Gegen die Falsifizierbarkeit
Wichtig für die aufgeworfene Frage nach der heuri- des Intelligent-Design-Konzepts durch Aufweis von Kon-
stischen Fruchtbarkeit des Schöpfungsparadigmas ist die struktionsmängeln kann man weiter einwenden, daß man
Feststellung, daß in dessen Denkrahmen Forschung stark solche Mängel einfach als constraints („strukturelle Zwän-
motiviert ist, wenn Konstruktionen mangelhaft erschei- ge“, die keine andere Konstruktion erlauben, wenn die
nen. Zunächst vermutete Diskrepanzen zwischen Struk- Funktion gewährleistet werden soll) erklären könnte.
tur und Funktion können nur durch weitere Forschun- Damit könnte man behaupten, ein Schöpfer sein nun mal
gen aufgelöst werden. Forschung könnte aber auch dazu an gewisse Rahmenbedingungen gebunden; damit seien
führen, daß diese Diskrepanzen umso deutlich hervortre- Mängel kein Beweis für schlechtes Design.
ten und zunehmend plausibler werden. (Wie immer in Doch der Hinweis auf constraints darf nicht als ad
naturhistorischen Fragen geht es auch hier nur um Plau- hoc-Erklärung für Konstruktionsmängel herangezogen
sibilitäten.) werden. Vielmehr muß gezeigt oder wenigstens plausi-
bel gemacht werden, daß gewisse Anforderungen an die
Nachträgliche Veränderungen der ursprünglichen Konstruktionen des Lebens die vorliegenden Konstruk-
Designs. Ein weiterer Aspekt muß beim Thema „De- tionen verständlich bzw. sogar erforderlich machen, wenn
sign-Fehler“ bedacht werden: Die ursprünglichen De- sie denn funktionieren sollen. Wenn also ein Verdacht
signs könnten nach ihrer Erschaffung durch mikroevolu- vorliegt, bestimmte Organe seien mangelhaft, kann dies
tive Prozesse verändert worden sein. Dies gilt insbeson- nicht einfach mit dem Verweis auf mögliche constraints
dere, wenn die biblische Schöpfungslehre vorausgesetzt erledigt werden, vielmehr sollte (durch Forschung!) her-
wird, denn nach biblischem Verständnis ist die heutige ausgefunden werden, worin die constraints bestehen.
Schöpfung nicht mit der Ursprungsschöpfung identisch. Sonst wäre der nicht weiter begründete Verweis auf cons-
Während die Schöpfung heute als „unter der Knecht- traints eine Immunisierungsstrategie gegen Kritik.
schaft der Vergänglichkeit seufzend“ geschildert wird Es wäre jedoch ein falsches Verständnis von der
(Römer 8,19ff.), gab es in der ursprünglichen Schöpfung Schöpfermacht Gottes, wenn man annehmen wollte, er
keinen Tod. Auf die damit verbundenen theologischen könne sich doch über contraints bzw. funktionelle Erfor-
und biologischen Fragen soll an dieser Stelle nicht einge- dernisse hinwegsetzen, was hin und wieder behauptet
gangen werden (vgl. dazu JUNKER 1994; 2001). Wichtig wird. Das wäre widersinnig. Ob constraints vorliegen,
für den hier diskutierten Zusammenhang ist lediglich, muß durch eingehende Untersuchungen plausibel ge-
daß – in biblischer Perspektive – aus der Struktur der macht werden. Damit wird gleichzeitig auch die Behaup-
heutigen Schöpfung nicht unmittelbar auf Gottes ursprüng- tung geprüft, das betreffende Organ sei mangelhaft. Wie-
liches Schöpfungshandeln geschlossen werden kann. der wird deutlich, daß der Design-Ansatz Forschung för-
Daraus folgt, daß Degenerationen und damit einher- dern kann statt sie zu verhindern.
gehende Konstruktionsmängel als nachträgliche Verän- Ein Beispiel aus JUNKER (2002, 111): Die Überkreuzung
derungen ursprünglicher Designs möglich und sogar zu von Speise- und Luftröhre bei Säugetieren wird oft als
erwarten sind. Denn auch im Rahmen des Schöpfungs- Konstruktionsmangel angeführt. Wegen der Gefahr des
paradigmas gibt es eine Geschichte der Lebewesen; die Verschluckens sei diese Konstruktion nicht optimal und

55
Abb. 16: Wie dicht ist
das Netz der mit dem
Evolutionsparadigma
verflochtenen Diszipli-
nen? Näheres im Text.

als stammesgeschichtlich bedingte Fehlkonstruktion an- 6.4.6 Gibt es ein Netz sich gegenseitig stützender
zusehen. Doch davon kann nicht die Rede sein, denn bei Hypothesen?
Nicht-Überkreuzung würde die Speiseröhre vor dem
Herzen liegen, was z. B. bei einer Vergrößerung des In wissenschaftstheoretischen Beiträgen zum Status von
Herzens zu einem Abdrücken der Speiseröhre führen Evolutionstheorien wird häufig darauf hingewiesen, daß
würde. Die Überkreuzung hat zudem einige Vorteile: In es im Rahmen des Evolutionsparadigmas ein Netz sich
der Luftröhre hinaufbeförderter Schleim kann in die Spei- gegenseitig stützender Theorien aus verschiedenen Fach-
seröhre abgeleitet werden. Außerdem macht diese Kon- gebieten gebe (Abb. 16). Weiter wird behauptet, es gebe
struktion Atmung durch den Mund möglich, was bei Vergleichbares im Rahmen des Schöpfungsparadigmas
Anstrengung, beim Heraushusten von Fremdkörpern nicht.
oder auch bei starkem Schnupfen eine dankenswerte Beide Behauptungen sind jedoch fragwürdig. Zum
Einrichtung ist. Außerdem ist diese Konstruktion platz- einen sind viele Disziplinen oder Theorien, die mit der
sparend. Evolutionsvorstellung in Verbindung gebracht werden,
Als weiteres Beispiel sei der genetische Code ange- mit dem Evolutionsparadigma logisch gar nicht verbun-
führt. FREELAND & HURST (2004, 90) machen dazu folgen- den. Das eindrucksvolle Netzwerk von Abb. 16 erweist
de interessante Bemerkung: „Der Standardcode, der sich sich als ziemlich löchrig, wenn man in die Details geht. So
vor Urzeiten entwickelte und über Milliarden Jahre er- bieten beispielsweise radiometrisch datierte hohe Alter
halten blieb, ist demnach kein Zufall – im Gegenteil: Er von fossilführenden Gesteinen zwar eine notwendige
wurde darauf optimiert, die Auswirkungen biochemi- Voraussetzung für eine allgemeine Evolution der Lebe-
scher Zufälle zu minimieren.“ Wenn es tatsächlich zutref- wesen (jedenfalls nach dem momentanen Kenntnisstand
fen würde, daß der Standardcode der beste denkbare über Evolutionsmechanismen), sie sind aber mit Evoluti-
Code ist, könnte man auch im Rahmen des Schöpfungs- onstheorien nicht logisch verbunden. Vergleichbares trifft
paradigmas argumentieren, daß der Code optimal „aus- auf manche andere Fälle zu (vgl. auch Abschnitt 5.5 über
gedacht“ sein könnte. Gott hätte nicht beliebige Codes „‘Scheintests’ evolutionärer Hypothesen“). Außerdem
verwenden können, wenn der Code optimal sein sollte. sind manche Beziehungen nicht stützender, sondern ab-
Auch hier könnte man eine Bindung an constraints se- stoßender Art. Dies gilt insbesondere für die Beziehung
hen, die sich darin äußert, daß ein optimales Produkt „Evolutionstheorie-Abiogenesemodelle“ (JUNKER & SCHE-
gefertigt werden soll. Es wäre eine sehr seltsame Argu- RER 2001, Kap. IV.8).
mentation, wenn man sagen wollte, daß sich ein allmäch- Zum anderen gibt es auch im Rahmen des Schöp-
tiger Schöpfer über solche Zusammenhänge hinwegset- fungsparadigmas Querverbindungen zwischen verschie-
zen würde. Denn weshalb sollte er das tun?48 denen Disziplinen. So steht die Prämisse separat erschaf-
fener polyvalenter Grundtypen (vgl. Abschnitt 6.4) in

56
Beziehung zur Taxonomie, Morphologie, Genetik, Mole- 6.5 Forschung ohne Naturgesetze?
kularbiologie, Paläontologie usw. Ebenso bietet der „In-
telligent Design“-Ansatz Beziehungen zwischen verschie- Das Schöpfungsparadigma beinhaltet naturgemäß, daß
denen Teilgebieten. So hängt mit dem Konzept der „irre- es Vorgänge gab und auch weiterhin geben kann, die
duziblen Komplexität“ die morphologische Abgrenzbar- nicht theoretisch beschrieben werden können, die also
keit von Organismengruppen zusammen, da verschiede- nicht auf Gesetzmäßigkeiten zurückgeführt werden und
ne Gruppen von Lebewesen (möglichweise die Grundty- nicht durch Naturgesetze beschrieben werden können.
pen) durch einzelne (oder mehrere) irreduzibel komple- Dazu gehören insbesondere die Entstehung des Lebens
xe Strukturen stabil voneinander getrennt sind. Das bie- sowie die Entstehung neuer Konstruktionen. Wie kann
tet eine Basis für die Taxonomie. Ebenso ist der Befund unter dieser Vorgabe erkenntnisfördernde Wissenschaft
der Stasis in der Paläontologie (vgl. GOULD & ELDREDGE betrieben werden?
1993; LÖNNIG 2004) plausibel zu deuten, wenn das Vor-
kommen irreduzibel komplexer Strukturen verbreitet ist.
Dabei ist laut GOULD & ELDREDGE (1993) Stasis auch bei 6.5.1 Präbiotische Chemie
solchen Taxa zu beobachten, die erhebliche klimatische
Schwankungen durchleben mußten, so daß Stasis als Im Rahmen des Schöpfungsparadigmas wird das Leben
„aktives Phänomen“ betrachtet werden müsse. Mit irre- als naturalistisch unableitbares Phänomen angesehen. Alle
duzibler Komplexität kann man auch die „biochemische Versuche, die Entstehung des ersten einfachen Lebens
Stasis“ erklären: Viele grundlegende Bausteine und Pro- (falls es einfaches Leben überhaupt gibt) naturalistisch zu
zesse sind unter den Vielzellern weit verbreitet (CONWAY erklären, erscheinen daher sinnlos, weil sie von einer
MORRIS 2000, 1; LÖNNIG 2004) falschen Voraussetzung ausgehen würden, wenn Leben
Daß hier vieles nur in Ansätzen erarbeitet ist, sei ohne tatsächlich geschaffen wäre. Wer also davon überzeugt
Weiteres zugestanden; hier fehlt es leider in gravieren- ist, daß die Entstehung des Lebens durch natürliche Pro-
dem Ausmaß an Mitarbeitern. Dennoch ist auch ange- zesse nicht möglich ist, wird die Frage nach einer natürli-
sichts weniger Arbeiten im Rahmen des Schöpfungspa- chen Lebensentstehung gar nicht stellen. Er wird damit
radigmas soviel klar: Grundsätzlich stehen auch dessen aber auf potentielle Erkenntnisse verzichten. Ist also die
Theorien in einem Netzwerk von Beziehungen zueinan- Vorgabe, Leben sei erschaffen, also nicht doch wissen-
der. schaftshemmend oder gar wissenschaftsfeindlich?
Das muß nicht der Fall sein. Denn unter der Vorgabe
von „Schöpfung“ kann man die Erwartung formulieren,
6.4.7 Erfordert das Schöpfungsparadigma die Preis- daß die Erzeugung von Lebewesen, ausgehend von an-
gabe bewährten Wissens? organischen Stoffen, nur unter Einsatz von Planung und
mit einem ausgeklügelten Versuchsaufbau möglich ist.
Vor dem Hintergrund des bisher Dargestellten sind Be- Der im Rahmen des Naturalismus Forschende hat eine
hauptungen, wonach das Schöpfungsparadigma die Ab- gegensätzliche Erwartung. Er geht davon aus, daß die Ent-
kehr von einem Großteil wissenschaftlicher Erkenntnisse stehung des Lebens ohne Einsatz von Planung möglich
und Disziplinen (!) impliziere (MAHNER 1989, 34f.) minde- war und daß natürliche Faktoren dafür ausreichen. Wel-
stens eine gewaltige Übertreibung. MAHNER wörtlich: che Auswirkungen haben diese gegensätzlichen Erwar-
„Wenn die Kreationisten recht hätten, dann wäre nicht tungen für die konkrete Forschung? Die vielleicht über-
nur die Evolutionsbiologie falsch, sondern wir müßten raschende Antwort: Sie müssen nicht notwendigerweise
uns von einem Großteil unserer wissenschaftlichen Er- Auswirkungen haben. Denn unabhängig von den zu-
kenntnisse und Disziplinen trennen, nämlich von allen, grundeliegenden Erwartungen kann empirisich unter-
die direkt oder indirekt deren Aussagen stützen. Zunächst sucht werden, welche Gesetzmäßigkeiten die Materie
käme die Geologie dran und mit ihr die Paläontologie. besitzt, wie chemische Prozese ablaufen, unter welchen
Weil die Geologie bei ihrer Datierung von Gesteinen aber Umständen Moleküle katalytische Wirkung haben, ob
auf radioaktive Zerfallserscheinungen zurückgreift, müß- sich Moleküle selber vervielfältigen usw. Gleichgültig, in
ten auch die chemischen und physikalischen Theorien, welchem Paradigma gearbeitet wird, muß möglichst viel
die diese zum Inhalt haben, falsch sein.“ Diese Einschät- über zelluläre Prozesse, über Genetik u.v.a. in Erfahrung
zung gilt sicher nicht für die empirischen Befunde und gebracht werden, damit man weiß, was man überhaupt
ebensowenig für Wissenschaftsdisziplinen. Davon muß erklären muß, wenn man die Entstehung des Lebens –
natürlich nichts aufgegeben werden. Einige Schöpfungs- naturalistisch oder geschaffen – erklären will.
vorstellungen, insbesondere die biblisch begründeten Die Erkenntnisse, die gewonnen werden können, sind
Vorstellungen über eine junge Erde erfordern allerdings also dieselben, unabhängig davon, in welchem Paradig-
die Aufgabe zahlreicher Rekonstruktionen von vergange- ma man forscht. In einem zweiten Schritt müssen die
nen Prozessen. An manchen kreationistischen Darstellun- gewonnenen Ergebnisse bewertet werden: Was tragen sie
gen ist hier allerdings tatsächlich Kritik berechtigt, wenn aus bezüglich der Frage, wie Leben erstmals entstanden
relevante Daten ignoriert werden, die in historische Re- ist? Angenommen, es gelänge tatsächlich, Leben im La-
konstruktionen im Rahmen des Schöpfungsparadigmas bor de novo zu erzeugen. Wenn dies ohne Zutun eines
nicht passen. Die pauschalen Aussagen MAHNERs können Chemikers und ohne durchdachten Versuchsaufbau ge-
aber kaum anders denn als polemische Übertreibungen lingt, hätte man bewiesen, daß Leben spontan entstehen
gewertet werden. kann. Die Aussage „Leben entsteht nur aus dem Leben“

57
wäre widerlegt. Damit ist auch klar: Die vom Schöp- biologie darum, die Wandlungsmöglichkeiten der Grund-
fungsparadigma motivierte Aussage Omne vivum ex vivo typen durch natürliche Prozesse auszuloten. Die konkre-
ist widerlegbar. Und es gilt: Aus dem Schöpfungspara- te Forschung erfolgt methodisch auch nicht anders als
digma folgen hier nicht beliebige Erwartungen. Forschung im Rahmen des Evolutionsparadigmas. Un-
Angenommen aber, es gelingt nur dann, Leben zu terschiedlich sind neben der Motivation auch die Erwar-
erzeugen, wenn viel Know how in die betreffenden Ex- tungen an die Ergebnisse. Im Rahmen der Grundtypen-
perimente gesteckt wird. Dann wäre gezeigt, daß Leben biologie besteht großes Interesse, die Hypothese von der
entstehen kann, wenn es einen fähigen Urheber gibt.49 Alle Polyvalenz der Stammformen zu testen. Auch auf dem
Versuche also, die Entstehung des Lebens naturalistisch Gebiet der kausalen Evolutionsforschung dürfte es schwer
zu erklären, sind von vornherein zum Scheitern verur- fallen, empirische Befunde zu nennen, die bei Vorgabe
teilt, wenn dabei Know how investiert wird. Alle diese Ver- des Schöpfungsparadigmas nicht hätten gewonnen wer-
suche – unter welcher Leitanschauung auch immer sie den können bzw. welche Forschungen verhindert wor-
durchgeführt werden – sagen zudem nichts darüber, wie den wären. Die Bemühungen um die Klärung der Ursa-
Leben auf unserer Erde in der Vergangenheit tatsächlich chen für evolutiven Wandel könnte ja durchaus zur Er-
entstanden ist. Sie zeigen im günstigen Fall nur Möglich- kenntnis führen, daß nur unter Einsatz von Planung ein
keiten auf, wie es gewesen sein könnte. Die Frage nach Wandel bewerkstelligt werden kann.
dem Ursprung des ersten Lebens ist eine historische Frage, Im übrigen wurde bereits darauf hingewiesen, daß
die nicht durch Laborexperimente beantwortet werden manche Fragestellungen, die bei Vorgabe von „Schöp-
kann. fung“ von Interesse sind, nicht verfolgt werden, wenn
An dieser Stelle muß wieder daran erinnert werden, eine allgemeine Evolution der Lebewesen vorausgesetzt
daß in historischen Fragen auf der Basis empirischer wird (vgl. Abschnitte 6.4.2 und 6.4.5)
Befunde nur Plausibilitätsbetrachungen möglich sind. An-
genommen, die Erzeugung von Leben gelänge ohne
Know how eines Experimentators, dann hätte die Vor- 6.5.3 Paläontologie
stellung von einer natürlichen Entstehung des Lebens
auf unserer Erde natürlich enorm an Plausibilität gewon- Auch in der Paläontologie resultieren Fragestellungen
nen; im anderen Fall wäre dies unplausibel. Wenn trotz aus dem Schöpfungsparadigma. Nach dem Grundtyp-
vieler Bemühungen nicht gezeigt werden könnte, daß konzept existieren primäre Grenzen zwischen den Grund-
Leben „von alleine“ entstehen kann, und wenn man dar- typen. So wie diese Grenzen in der Rezentbiologie ge-
über hinaus zeigen kann, daß chemische Gesetzmäßig- sucht werden können (vgl. Abschnitt 6.4.2), kann man
keiten gegen eine natürliche Entstehung sprechen (was auch den Fossilbericht daraufhin untersuchen. Da das
tatsächlich der Fall ist, vgl. JUNKER & SCHERER 2001, Kap. definierende Grundtypkriterium der Kreuzbarkeit nicht
IV.8), dann muß die H-N E (vgl. Abschnitt 4.2) von der eingesetzt werden kann, ist die Prüfung auf Grundtyp-
spontanen Lebensentstehung als ausgesprochen unplau- grenzen allerdings nur eingeschränkt möglich. Dies liegt
sibel gelten, da bewährte N-D E gegen diese H-N E spricht. aber in der Natur der Sache und nicht am zugrundelie-
genden Paradigma. Einschränkungen der Prüfungsmög-
lichkeiten gibt es auch bei Vorgabe des Evolutionspara-
6.5.2 Entstehung neuer Konstruktionen digmas.
Um das Grundtypkonzept in der Paläontologie zu
Die Situation ist hier vergleichbar mit der Frage nach der prüfen, ist eine möglichst umfangreiche Kenntnis fossiler
erstmaligen Entstehung des Lebens (Abiogenese). Wie Formen wünschenswert. Die Suche nach Fossilien ist
auf dem Gebiet der Abiogenese wird im Rahmen des daher im Rahmen des Schöpfungsparadigmas nicht we-
Schöpfungsparadigmas davon ausgegangen, daß die niger motiviert als im Rahmen des Evolutionsparadig-
Entstehung irreduzibel komplexer Strukturen naturali- mas; freilich gehen auch hier die Erwartungen auseinan-
stisch nicht erklärbar ist, sondern Planung erfordert. Es der. Die Erkenntnisgewinnung in der Paläontologie ist
wird also vermutet, daß es keine Theorie gibt und geben daher in keiner Weise beeinträchtigt, wenn man eine
wird, die die Entstehungsweise irreduzibel komplexer Erschaffung von Grundtypen voraussetzt, und es wird
Organe allein mit Hilfe natürlicher Gesetzmäßigkeiten ergebnisoffen geforscht.
beschreiben kann. Wie im Falle der Entstehung des Le- In Abschnitt 6.4.3 wurde diskutiert, inwieweit sich die
bens kann es im Rahmen des Schöpfungsparadigmas Merkmalsverteilungen der Taxa oberhalb des Grundtyp-
nicht darum gehen, eine alternative Theorie zu evolutio- niveaus baum- oder netzförmig darstellen lassen. Ent-
när-mechanistischen Theorien aufzustellen. Auch hier sprechende Fragestellungen können auch an den Fossil-
stellt sich damit die Frage, ob dadurch Forschung verhin- bericht gestellt werden. Und auch zur Klärung dieser
dert wird. Fragen ist eine möglichst umfassende Kenntnis des Fos-
Zweifellos entfällt im Rahmen des Schöpfungspara- silberichts erforderlich. Während Evolutionstheoretiker
digmas eine bestimmte Motivation für Forschung, näm- nach Formen suchen, die als evolutionäre Übergangsfor-
lich die Motivation, die Entstehung der Baupläne des men interpretiert werden können, stellt sich im Rahmen
Lebens vollständig auf Naturgesetze zurückzuführen. des Schöpfungsparadigmas die Frage, ob sich mit zuneh-
Dennoch gibt es Forschungsinteresse im Bereich der kau- mender Anzahl fossiler Arten eines höheren Taxons netz-
salen Evolutionsforschung, jedoch mit anderer Motivati- artige Beziehungen zwischen den Arten abzeichnen. Dies
on. Es geht nämlich auch im Rahmen der Grundtypen- kann umso besser geprüft werden, je mehr fossile Arten

58
bekannt sind.
stratigraphisch ältesten Formen eines höheren Taxons
Eine große Datenfülle kann hier durchaus ambivalent
nicht die primitivsten sind. Auch dieser Befund kann
sein, was die Deutungsmöglichkeiten angeht. Einerseits
durch weitere Fossilfunde erhärtet oder aufgeweicht
bietet eine große Formenfülle viel eher die Möglichkeit,
werden.
möglichst kleinschrittige Fossilreihen zu konstruieren, die
Die Suche nach Fossilien kann auch helfen, die Frage
als evolutive Abfolgen gedeutet werden können. Ande-
zu klären, ob makroevolutive Veränderungen paläonto-
rerseits aber könnte die Zunahme von Funden mehr und
logisch gestützt werden können. Auch hier können nur
mehr die mehrfach unabhängige Entstehung von Merk-
weitere Fossilien bisher mögliche Antworten bestätigen
malen erfordern (Konvergenzen), was evolutionstheore-
oder widerlegen.
tische Deutungen erschwert und zur Vorstellung eines
Am Rande sei vermerkt, daß die Existenz von fossilen
Baukastensystems paßt, welches durch das Schöpfungs-
Arten, die als evolutionäre Übergangsformen interpre-
paradigma motiviert wird. Diese Situation trifft beispiels-
tiert werden können, nicht gleichbedeutend ist mit der
weise auf den Reptil-Vogel-Übergangsbereich zu. Einer-
Existenz von einzelnen Organen in einem evolutionären
seits sind hier mittlerweile so viele Fossilformen bekannt,
status nascendi. Die Möglichkeit der Deutung fossiler For-
daß viele von ihnen sich relativ gut als Übergangsformen
men als evolutionäre Bindeglieder bedeutet eine Stütze
eignen, andererseits ist die Annahme ausgesprochen zahl-
des Evolutionskonzepts, nicht aber einen Beweis.
reicher Konvergenzen unvermeidbar. Ähnlich ist die Si-
Insgesamt kann festgehalten werden: Die Erkenntnis-
tuation bei den frühen Tetrapoden (JUNKER 2005) oder bei
gewinnung im Bereich der Paläontologie erweist sich als
den Urwalen.
im Wesentlichen unabhängig vom zugrundeliegenden Ur-
Auch die Formenvielfalt der devonischen und karbo-
sprungskonzept. Im Detail kann es Unterschiede in den
nischen Pflanzengattungen und höheren Pflanzentaxa
Forschungsansätzen geben, weil teilweise verschiedene
stellt sich als ausgeprägtes Netzwerk von Merkmalsbe-
Fragestellungen verfolgt werden, doch diese Unterschie-
ziehungen dar, das sich gegen eine schlüssige Interpreta-
de betreffen nicht das grundsätzliche Prozedere der Ge-
tion von Abstammungsbeziehungen sperrt (JUNKER 1996;
winnung empirischer Daten.
2000). Darüber hinaus zeigt sich regelmäßig, daß die

59
7. Zusammenfassung anhand der vorgebrachten Kritikpunkte

7.1 Schöpfungsparadigma 3. Das Schöpfungsparadigma erlaubt keine konkreten Vor-


hersagen, aus ihm können beliebige Schlußfolgerungen gezo-
Eingangs des 6. Kapitels wurden sechs Kritikpunkte zu- gen werden, es macht keine Verbote an die Empirie; daher ist
sammengestellt, mit denen die Möglichkeit einer Wissen- es nicht falsifizierbar.
schaft im Rahmen des Schöpfungsparadigmas bestritten Antwort: Vorhersagen in historischen Rekonstruktio-
wird. Diese Kritikpunkte sollen hier noch einmal aufge- nen sind allgemein sehr problematisch; die Schwierigkeit
griffen und zusammenfassend beantwortet werden. Da- von Vorhersagen tut sich nicht nur in der Forschung im
bei ist noch einmal die Unterscheidung der Ebenen von Rahmen des Schöpfungsparadigmas auf (vgl. Kapitel 5).
Paradigma und untergeordneten Hypothesen und Theo- Aber wenn das biblische Schöpfungsparadigma (noch
rien wichtig (Abschnitt 2.2 und 2.3). abgesehen von erdgeschichtlichen Fragen) konkretisiert
wird (Grundtypenbiologie; dritte Ebene im Abschnitt 2.3),
1. Das Schöpfungsparadigma ist unrevidierbar und offen- trifft die Behauptung, man könne alles aus diesem Ansatz
bart daher eine unüberbrückbare methodologische Kluft zu schlussfolgern und es gebe keine Verbote an die Empirie,
wissenschaftlichen Forschungsprogrammen, die alles auf den bei weitem nicht zu. Dies wurde in Abschnitt 6.4.2 an
Prüfstand stellen, auch ihre weltanschaulichen Grundlagen. Beispielen gezeigt.
Antwort: Auch der Evolutionsforschung liegt ein fest-
stehendes Paradigma zugrunde und man sucht nach pas- 4. Das Schöpfungsparadigma ist heuristisch unfruchtbar;
senden Beobachtungen bzw. versucht, die gewonnenen aus ihm folgen keine Anleitungen für Erkenntnisgewinnung.
Daten entsprechend einzupassen, ohne dabei das Para- Antwort: Diese Kritik ist sehr weit von der Realität ent-
digma auf den Prüfstand zu stellen. Es gibt heute keine fernt. Die schöpfungsparadigmatisch motivierte Grund-
Evolutionstheoretiker, die mit dem Ziel forschen, das typenbiologie hat viele Erkenntnisinteressen. Diese über-
Evolutionsparadigma in Frage zu stellen. Damit wird das schneiden sich zum Teil mit den Fragestellungen der
Evolutionsparadigma de facto nicht zur Disposition ge- Evolutionsforscher (wobei meistens verschiedene Erwar-
stellt, sondern hat dogmatischen Charakter. Folglich ist tungen an die Empirie gerichtet werden), zum Teil sind es
das dogmatische Festhalten an paradigmatischen Grund- Fragestellungen, die Evolutionstheoretiker nicht verfol-
lagen kein Spezifikum für Forschung und Theoriebil- gen. Nachfolgend werden stichwortartig einige Frage-
dung im Rahmen des Schöpfungsparadigmas. Theorien stellungen genannt, die aus dem Grundtypen- und dem
hingegen, die im Rahmen der jeweiligen Paradigmen ID-Ansatz resultieren und Anleitungen für Erkenntnisge-
entwickelt werden, stehen jederzeit zur Disposition. Das winnung darstellen. Erkenntnisinteresse besteht beispiels-
gilt auch für die Grundtypenbiologie, die im Rahmen des weise in folgenden Fragestellungen (Details dazu finden
Schöpfungsparadigmas betrieben wird. sich in den einzelnen Abschnitten von Kapitel 6; die Auf-
zählung ist nicht vollständig):
2. Im Rahmen des Schöpfungsparadigmas kann keine ergeb- • Klärung der Evolutionsmechanismen. Dabei wird im
nisoffene Wissenschaft betrieben werden. Rahmen der Grundtypenbiologie erwartet, daß sich mit
Antwort: Eine ergebnisoffene Wissenschaft hält die zunehmenden Kenntnissen Grenzen der Veränderlich-
Möglichkeit offen, daß es Grenzen der Erforschbarkeit keit abzeichnen werden. Ob es diese Grenzen gibt und
gibt, wenn die Ursprünge erforscht werden. Niemand wo sie liegen, kann nur durch Forschung ermittelt wer-
weiß von vornherein, ob es solche Grenzen gibt und ggf., den (vgl. 2.) und ist keine Vorgabe einer Offenbarung.
wo sie liegen. Im Rahmen des Schöpfungsparadigmas Das gilt auch für alle nachfolgenden Punkte.
gibt es von vornherein feststehende Vorgaben aufgrund • Gibt es Indizien für schnelle Diversifikation innerhalb
von Offenbarung nur in relativ allgemeiner Form. Nur in von Grundtypen?
diesem Sinne ist die Ergebnisoffenheit eingeschränkt. Aber • Untersuchungen auf irreduzible Komplexität. Ob ein
auch hier gibt es ein Pendant in der evolutionsbiologi- System irreduzibel komplex ist, kann nur durch einge-
schen Forschung, in welcher auch keine beliebige Offen- hende Unterschungen festgestellt werden.
heit in den Rahmenvorgaben gegeben ist. • Können Grundtypen durch wenigstens eine irreduzible
Die Vorgabe der Erschaffung fertiger, polyvalenter komplexe Struktur voneinander unterschieden werden?
Grundtypen ist relativ unpräzise, denn es wird keine • Indizien für Polyvalenz.
Auskunft darüber gegeben, was unter den Grundtypen • Können primäre Grundtypgrenzen plausibel gemacht
zu verstehen sei, worin im einzelnen ihre Polyvalenz werden? Hierzu ist detailliertes taxonomisches Wissen
besteht und in welchem Ausmaß es Polyvalenz über- auf allen biologischen Ebenen erforderlich.
haupt gibt. Einzig beim Menschen ist klar, dass er als • Indizien für Intelligent Design.
Mensch „zum Bilde Gottes“ geschaffen wurde und daß • Ordnung der höheren Taxa: Baum oder Netzwerk?
alle Menschenformen von einem einzigen Paar abstam- • Klärung von Funktionen bei vermeintlichen Fehlkon-
men. Weiter ist offen, ob und in welchem Ausmaß die struktionen, Umwegentwicklungen in der Ontogenese
Grundtypen veränderbar sind. Damit ist klar: Forschung etc.
ist im Rahmen der Grundtypenbiologie ergebnisoffen.
5. Das Schöpfungsparadigma verhindert Forschung, weil
beim Auftreten offener Fragen auf das wundersame Han-

60
deln eines Schöpfers verwiesen wird. wissenschaftlichen Forschungsprogrammen, die alles auf den
Antworten: 1. Im Schöpfungsparadigma steht nicht Prüfstand stellen, auch ihre weltanschaulichen Grundlagen.
von vornherein genau fest, wo die natürlichen Mechanis- Es wurde dargelegt, daß in der Evolutionsforschung das
men nicht greifen. Genau dies kann und soll nur durch Evolutionsparadigma als unrevidierbar zugrundegelegt
Forschung ausgelotet werden. Nur ein willkürlicher Be- wird. Dagegen sind evolutionäre Hypothesen und Theo-
zug auf das Wunderhandeln Gottes würde Wissenschaft rien (Ebene 3 nach Abschntt 2.3) in vielen Fällen prüfbar
ad absurdum führen. Die Annahme von „Schöpfung“ und falsizfierbar.
kann aber unter Umständen empirische Forschung inso-
fern verhindern, als bestimmte Fragestellungen als nicht 2. Im Rahmen des Evolutionsparadigma kann keine ergeb-
lohnend betrachtet werden (vgl. Abschnitt 6.5). Das aber nisoffene Wissenschaft betrieben werden.
trifft nicht exklusiv auf das Schöpfungsparadigma zu, Wie beim Schöpfungsparadigma steht für eine ergebnis-
sondern auch auf das Evolutionsparadigma, denn auch offene Forschung auch im Rahmen des Evolutionspara-
die davon geleitete Forschung geht manchen Fragestel- digmas ein weites Feld offen. Die Offenheit findet ihre
lungen nicht nach, weil sie als irrelevant betrachtet wer- Grenze aber bei den Grunddaten des Paradigmas. Evolu-
den. Das liegt in der Natur der Sache, denn jede For- tionsforscher arbeiten auf der Basis der historischen Ab-
schung ist interessegeleitet und verfolgt daher manche stammung aller Lebewesen, die nicht zur Disposition
Fragen eher als andere. Hier sei eine kritische Rückfrage gestellt wird. Hier gibt es keine Ergebnisoffenheit.
gestellt: Welche wissenschaftliche Erkenntnis wurde durch
die Annahme einer Schöpfung verhindert oder könnte in 3. Das Evolutionsparadigma erlaubt keine konkreten Vor-
Zukunft verhindert werden? hersagen, aus ihm können beliebige Schlußfolgerungen gezo-
2. Um das Unvollkommenheits-Argument (vgl. Ab- gen werden, es macht keine Verbote an die Empirie; daher ist
schnitt 6.4.5) zu entkräften, ist Forschung notwendig. es nicht falsifizierbar.
Die Suche nach Funktionen ist ein sinnvolles Forschungs- Diese starken Formulierungen sind hier etwas überzo-
programm. Hier hat das Evolutionsparadigma in der gen. Leicht abgeschwächt kann man aber,wie in Kapitel 5
Vergangenheit Wissensfortschritt verhindert (Rudimen- gezeigt, sagen: Das Evolutionsparadigma erlaubt keine
te-Problematik, Biogenetisches Grundgesetz: „funktions- konkreten Vorhersagen, aus ihm können sehr verschiedene
lose evolutionäre Relikte“ etc.). Die Vorgabe von „Schöp- und vielfach gegensätzliche Schlußfolgerungen gezogen
fung“ kann in manchen Fällen also Forschung eher för- werden, es macht fast keine Verbote an die Empirie; daher
dern als die Vorgabe von Makroevolution. ist es kaum falsifizierbar.
3. Der Ansatz des „Intelligent Design“ strebt dadurch
ein volles Verständnis vergangener Abläufe an, daß alle 4. Das Evolutionsparadigma ist heuristisch unfruchtbar; aus
Möglichkeiten für den Ursprung biologischer Systeme – ihm folgen keine Anleitungen für Erkenntnisgewinnung.
Zufall, Gesetzmäßigkeit und Intelligent Design – offenge- Dies trifft sicher nicht zu, genausowenig wie es auf das
halten werden. Dabei darf nicht vorschnell auf ID ge- Schöpfungsparadigma zutrifft (Abschnitt 7.1)
schlossen werden, sondern erst nach eingehender Prü-
fung. Ohne Forschung kann es keinen begründeten Schluß 5. Das Evolutionsparadigma verhindert Forschung, weil beim
auf ID geben. Es sei auch an das Zitat von RUSE (2003, Auftreten offener Fragen auf das unerforschte Wirken von
268) erinnert, daß die Erforschung der Lebewesen auf noch unbekannten Evolutionfaktoren verwiesen wird.
eine Art und Weise erfolgt, als seien diese erschaffen Dies trifft ebenfalls nicht zu.
worden. Es dürfte kaum einen besseren Beweis dafür
geben, daß die Annahme von Schöpfung Forschung nicht 6. Im Rahmen des Evolutionsparadigma kann nach Belie-
verhindert, sondern motiviert. ben auf unbekannte natürliche Ursachen rekurriert werden.
Dieses Argument taucht mit großere Regelmäßigkeit auf,
6. Im Rahmen des Schöpfungsparadigmas kann nach Belie- wenn auf offene Fragen im Rahmen des Evolutionspara-
ben auf übernatürliche Eingriffe rekurriert werden; es gibt digmas hingeweisen wird. Beispiele dafür wurden ge-
keine Garantie für Gesetzmäßigkeiten. (Ohne Gesetzmäßig- nannt.
keiten keine Wissenschaft.)
Antwort: Wissenslücken dürfen nicht nach Belieben
durch Hinweise auf Schöpfungsakte gefüllt werden.
Dank

7.2 Evolutionsparadigma Das unerbittliche Nachhaken von Thomas WASCHKE ver-


half zu klarerer Argumentation und zum Ausmerzen
Man kann ähnliche Kritikpunkte wie die unter 7.1 zusam- mancher schwacher Argumente; allerdings blieben viele
mengestellten auch an das Evolutionsparadigma richten. Meinungsunterschiede bestehen. Viele Ideen und Argu-
Dieser Vergleich offenbart noch einmal von einer ande- mente in diesem Beitrag erhielt ich von Markus RAMMERS-
ren Warte die weitgehende Gleichartigkeit von Forschung TORFER. Thomas JAHN verdanke ich wertvolle Hinweise
in den jeweiligen Paradigmen. zur korrekten Verwendung von Begriffen und einige wei-
terführende Anregungen. Weitere wichtige Ergänzun-
1. Das Evolutionsparadigma ist unrevidierbar und offen- gen und Hinweise erhielt ich von Harald BARTH, Judith
bart daher eine unüberbrückbare methodologische Kluft zu FEHRER, Manfred STEPHAN und Niko WINKLER.

61
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63
Anmerkungen
1 Davon gehen auch viele theistisch interpretierte Evoluti- nicht berücksichtigt und Deutungsprobleme übergangen
onsvorstellungen aus, die ein „Eingreifen“ Gottes in den werden. Dieser Mißstand ist aber keine zwangsläufige Folge
Evolutionsprozeß ablehnen und im rein natürlich zu erklä- von Ansätzen im Rahmen des Schöpfungsparadigmas! Wenn
renden Evolutionsprozeß das Schöpfungshandeln Gottes Deutungsprobleme jedoch erkannt und benannt werden,
sehen. Näheres in JUNKER (1994). ist das vielmehr gerade ein Indiz dafür, daß eben kein Wis-
sen unterdrückt wird. Nur wer behautpet, er könne alles
2 Mit dem Methodeninventar der Naturwissenschaften („me- Wesentliche problemlos erklären, macht sich des Überge-
thodischer Naturalismus“, „methodischer Atheismus“, hy- hens von gegenwärtigem Wissen verdächtig. Das gilt aber
pothetico-deduktive Methode, induktive Methode) kann auch für evolutionstheoretisch orientierte Autoren.
auf diese Fragen keine Antwort gefunden werden, weder
6 Dies kann man sehr klar an den wunderhaften Taten Jesu
eine positive noch eine negative.
erkennen, wie sie in den Evangelien geschildert werden.
3 NEUKAMM (2004) benutzt beide Begriffe: „Schöpfungstheori- Die entsprechenden Vorgänge (Auferweckungen, Heilun-
en sind per definitionem Aussagensysteme, welche die Hy- gen, Verwandlungen von Wasser in Wein usw.) werden nie
pothese enthalten, daß ein wie auch immer gearteter, über- beschrieben. Die Ergebnisse aber waren nachprüfbare Reali-
natürlicher „Planer“ den Kosmos und das Leben in ihm tät.
erschaffen habe (diese Aussage bezeichnen wir fortan als
7 Eine solche Untersuchung ist derzeit in Arbeit (Autor:
Schöpfungshypothese).“ Solcherart definierte „Schöpfungs-
theorien“ ermöglichen freilich keine Tests; Wissenschaft im Manfred STEPHAN). Eine Publikation ist für 2006 anvisiert.
Rahmen des Schöpfungsparadigmas arbeitet nicht mit sol-
7A In der Kosmologie scheint das Bewußtsein für diese
chen „Schöpfungstheorien“ oder „Schöpfungshypothesen“.
Zusammenhänge durchaus ausgeprägt zu sein. In einem
4 „Die ET [Evolutionstheorie] kann also gegenwärtig als ein Kommentar zur einer Arbeit von TSIGANIS et al. (2005) über
System von Theorien betrachtet werden. Dann sind die Planetenbildung weist HAHN (2005) auf die Grenze der Aus-
einzelnen Theorien als Komponenten dieses Systems aber sagekraft von Simulationen hin: „The scheme sketched by
keine Subtheorien: Eine Subtheorie ist eine Teilmenge der Tsiganis et al. is plausible in the sense that their model does
Haupttheorie. Doch dem System von Theorien, die wir indeed excite the eccentricities and inclinations of the
‘Evolutionstheorie‘ nennen, fehlt die logische Einheitlich- giant planets to the requisite values. But caution is required:
keit einer Theorie im eigentlichen Sinne, so daß die Teil- the fact that a simulation of planet formation produces an
theorien nicht aus anderen Teiltheorien oder aus dem Sy- end state in good agreement with the observed Solar Sy-
stem als Ganzem abgeleitet werden können, wie dies bei stem does not prove that the simulated events actually
einer Subtheorie der Fall ist“ (MAHNER & BUNGE 2000, 338). happened.“

5 Die Behauptung NEUKAMMs (2004, 2), das Ziel des Kreatio- 8 Man kann auch folgende Schlußfolgerung ziehen: Wird
nismus bestehe „in der Revision weiter Bereiche des Wis- der Unterschied zwischen Gegenwarts- und Vergangenheits-
senshintergrundes und der Methodenlehre der Naturwis- wissenschaft methodisch völlig eingeebnet, würde das hei-
senschaften“ ist daher abwegig. Es geht weder um andere ßen, daß die Gesamtgeschichte des Lebens aus erfolgreich
Forschungsmethoden noch um das Ignorieren empirischer getesteten Gesetzmäßigkeiten abgeleitet werden müßte. Das
Daten. Mit „Revision weiter Bereiche des Wissenshinter- liefe de facto darauf hinaus, daß die Geschichte des Lebens
grundes“ meint NEUKAMM wohl die Evolutionsanschauung, nicht erforschbar wäre. Denn die Geschichte ist zu komplex,
doch diese steht jederzeit zur Disposition, wenn ihre Inhalte um ihre Abläufe gesetzmäßig beschreiben zu können. Au-
nicht zu Dogmen werden sollen. Es könnte sein, daß NEU- ßerdem sind die Randbedingungen in der Regel viel zu we-
KAMM Makroevolution als „Wissen“ verstanden haben will. nig bekannt, um hypothetische Gesetzmäßigkeiten anwen-
Dann würde die theoretische Beschreibung dieses hypothe- den zu können.
tischen Vorgangs als „Wissen“ ausgegeben; eine solche Be- NEUKAMM (2003; 2005b) begründet die methodologische
schreibung kommt aber nicht ohne dogmatische Elemente Gleichartigkeit von Geschichts- und Gegenwartsforschung
aus. Einer solchen Vorgehensweise wird hier im übrigen wie folgt: Geschichts- und Gegenwartsforschung stünden
nicht das Existenzrecht abgestritten; es geht nur um gleiches vor ein und demselben wissenschaftstheoretischen Pro-
Recht für alle. (Das diese Offenheit nicht für alle Vertreter blem, das die methodologische Gleichbehandlung ihrer Fra-
einer „Schöpfung“ gilt, steht auf einem anderen Blatt.) Es gestellungen erzwinge: Beide hätten einen jenseits aller
wird also auch in diesem Sinne keine Revision angestrebt, Erfahrung liegenden, im Transempirischen verborgenen Er-
sondern die Möglichkeit von Konkurrenz eingefordert. kenntnisgegenstand zu rekonstruieren. Der Wissenschaft-
Die weitere Behauptung NEUKAMMs (2004, 2), Kreationismus ler könne nur die Folgerungen, die aus den Theorien resul-
impliziere, daß „wohlbestätigte Faktenaussagen der Wis- tieren, anhand der Beobachtung prüfen, er müsse also die
senschaft, wie die These der gemeinsamen Abstammung Beobachtungen im Lichte seiner Theorien „deuten“ (hypo-
aller Arten, zurückstehen müssen“ ist ín insofern merkwür- thetico-deduktive Methode).
dig, als ein wesentlicher Teil der Kontroverse gerade darum NEUKAMM zieht zur Verdeutlichung einen Vergleich heran: So
geht, ob eine gemeinsame Abstammung aller Arten über- könne beispielsweise ein Chemiker zwar im Experiment
haupt als bewährtes Faktenwissen gelten kann. Es ist zwar chemische Reaktionen beobachten und gesetzmäßig be-
kein Geheimnis, daß die Kritik daran religiös motiviert ist, schreiben, so wie ein Biologe im Wandel des Fossilienbe-
doch kann diese Kritik auch naturwissenschaftlich begründet standes Gesetzmäßigkeiten feststellt. Um solche Beobach-
werden, und es ist kein Problem, sich in Diskussionen auf tungen aber einer Erklärung zuzuführen, müssen beide Wis-
diese Ebene zu beschränken. senschaftler Theorien voraussetzen, die die Gesetzmäßig-
Es muß allerdings eingeräumt werden, daß in manchen keiten auf die Existenz metaphysischer und nicht erfahrba-
„kreationistischen“ Publikationen maßgebliche Befunde rer Elemente (im einen Fall auf Atome und Moleküle, im

64
anderen Fall auf transspezifische Evolution) zurückführen. miker heute im Labor simuliert, und ob es eine solche Erde
Niemand sei dabei gewesen, als sich die Arten wandelten, überhaupt gab.
aber auch niemand sei auf der elementaren Ebene dabei,
wenn sich die Materie wandelt, daran ändere auch die 9 Die Plausibilität des Gesetzes der rekurrenten Variation
Wiederholbarkeit eines Experiments nichts. Deshalb könne hängt im übrigen nicht von der Stichhaltigkeit der Evoluti-
ein Chemiker ebensowenig die Existenz der postulierten onsbelege ab, sondern davon, wie gut es sich gegen Falsifi-
Atome theoriefrei aus dem Experiment ableiten, wie ein kationsversuche behauptet hat. Und in dieser Hinsicht steht
Biologe die postulierte „Makroevolution“ theoriefrei aus dieses Gesetz sehr gut da. Diese Einschätzung hat nichts mit
der Beobachtung erschließen kann. Somit sei die methodi- „naivem Emprirismus“ zu tun, wie NEUKAMM (2005b) meint.
sche Rekonstruktion evolutionshistorischer Prozesse nicht Vielmehr ist es gerade ein Kennzeichen naturwissenschaft-
verschieden von der methodischen Rekonstruktion der „ato- licher Gesetze, daß sie sich auf zahlreiche empirische Daten
maren Wirklichkeit“. berufen. LÖNNIG (2002) bemerkt hierzu: „Nachdem sich ... die
Der Vergleich zwischen Atomen und Molekülen einerseits induktiven Prognosen, Forderungen und Erwartungen ...
und der Geschichte des Lebens andererseits (und ähnliche als unerfüllbar herausgestellt hatten, versucht man nun –
Vergleiche, die NEUKAMM in diversen Internetbeiträgen zieht) anstatt die Evolutionstheorie in Frage zu stellen – die induktive
ist jedoch irreführend. In der Wissenschaftstheorie wird Methode selbst als grundsätzlich unzureichend für die Evolutions-
nämlich die indirekte Zugänglichkeit zu Atomen, Elemen- und ID-Falsifikationsfrage zu deklarieren. Die Vertreter der
tarteilchen oder auch unsichtbaren Objekten im Weltraum Synthetischen Evolutionstheorie vergessen jedoch dabei,
und die Zugänglichkeit zu vergangenen Abläufen strikt ge- dass ... die Mehrheit der Theoretiker des Darwinismus und
trennt (Th. JAHN, pers. Mitt.). Im Falle der subatomaren Neodarwinismus der ersten hundert Jahre genau diese Hoff-
Teilchen spricht man vom Problem der theoretischen Entitä- nungen auf umfassende induktive Beweise ... massiv ge-
ten, während wir es im Falle vergangener Abläufe mit dem pflegt hatte ...“ (Hervorhebung im Original; mit „Evolutions-
Problem der geschichtlichen Entitäten (Ereignisse) zu tun ha- theorie“ im ersten Teil des Zitats ist dem Zusammenhang
ben. Im ersteren Falle sind Abläufe und Ereignisse – z.B. nach zu urteilen die Synthetische Evolutionstheorie gemeint,
meßbare Änderungen im Reagenzglas, Spuren in Nebel- nicht das Evolutionsparadigma).
kammern, Ausschlagen von Instrumenten etc. – sichtbar
und nur die dahinter angenommen Entitäten stehen in 10 Hierzu weitere Statements aus der Literatur: „Systemati-
Frage. Dagegen verhält es sich bei vergangenen Ereignissen cal biology and evolutionary research are rather historical
genau umgekehrt: die Entitäten wie Fossilien, Ablagerungen science than strict natural science in the sense of Popper,
usw. sind direkt sichtbar, jedoch nicht die Abläufe, die als and therefore imply hermeneutic procedures (or ‘mutual
Erklärung für die jeweilige sichtbare Entität dienen. Also: In enlightenment’ sensu Hennig) rather than falsificationism
dem einen Fall haben wir Ereignisse oder Abläufe und entwik- (Hoffmann & Reif 1988)“ (BECHLY 2000, 3). Die komplexen
keln passende Modelle der dahinterstehenden Realität (z.B. Probleme der Phylogenie und Evolution können weder auf
Schwarzes Loch). In der Geschichtsforschung dagegen ha- pseudo-objektive Computeralgorithmen reduziert noch als
ben wir es genau umgekehrt mit Realitäten wie z. B. Fossilien strikt falsifizierbare Hypothesen formuliert werden (BECHLY
zu tun und entwickeln dazu hypothetische vergangene Ab- 2000, 9).
läufe, die zu ihnen passen. Zwar wird in beiden Fällen „Thus counterexamples from the actual practice of biologi-
theoriegeleitet vorgegangen, doch impliziert Theoriegelei- cal research contradict all those philosophical analyses
tetheit in den Wissenschaften nicht Methodengleichheit. which consider the entire biology as a methodologically
Bei Atomen, Elementarteilchen geht es um Modelle, die uniform science“ (HOFFMAN & REIF 1988, 192). „Van Valen
helfen, Phänomene zu beschreiben und zu verstehen; bei der (1982) distinguishes between the molecular-physiological
Geschichte dagegen geht es darum, ob etwas wirklich passiert and the evolutionary halves of biology. In the evolutionary
ist. half, '... the underlying theme is in some way evolution. This
Um weiter zu verdeutlichen, weshalb die Unterscheidung contrasts with molecular-physiological biology, where the
zwischen Gegenwartsanalyse und Geschichtsrekonstrukti- focus is on how an organism works rather than how it came
on sinnvoll ist, sollen hier zwei Beispiele aufgegriffen to work that way or why it does so ...“ (HOFFMAN & REIF 1988,
werden,die auch im Text angesprochen werden. 192).
An dem Fossil des Archaeopteryx („Urvogel“) kann direkt „Evolution is a historical process that cannot bei proven by
und reproduzierbar beobachtet werden, daß es sich um eine the same arguments and methods by which purely physical
Mosaikform handelt. Die entsprechenden Merkmale kön- or functional phenomena can be documented“ (MAYR 2001,
nen analysiert und mit Merkmalen anderer Lebewesen ver- 13).
gliche werden. Strittige Fragen können am Objekt selbst „Zwischen Physik und Biologie – beides Zweige der Natur-
diskutiert werden usw. Eine ganz andere Frage ist, ob diese wissenschaft – gibt es mehr Unterschiede als zwischen Evo-
Mosaikform als evolutionäre Übergangsform interpretiert lutionsbiologie (einer Naturwissenschaft) und Geschichte
werden kann, d. h. ob sie sich einem einer vergangenen (einer Geisteswissenschaft)“ (MAYR 2000, 65).
Generationenkette befindet, an deren „Anfang“ irgendwel- CARR (1961) formulierte fünf Unterschiede zwischen Ge-
che Reptilien und an deren „Ende“ andere Vögel standen. schichte und Wissenschaft (zit. nach MAYR 2000, 65): 1.
Diese Frage kann nicht in gleicher Weise behandelt werden, Geschichte befaßt sich mit dem Besonderen, Wissenschaft
wie die Frage, welche Merkmalskombination Archaeopteryx mit dem Allgemeinen; 2. Geschichte erteilt keine Lektio-
aufweist und ob er als Mosaikform betrachtet werden kann. nen; 3. Geschichte ist, anders als Wissenschaft, zu keinen
Im zweiten Beispiel geht es um Ursuppen-Simulationsexpe- Vorhersagen fähig; 4. Geschichte ist notwendigerweise sub-
rimente: Ein Chemiker kann jederzeit (reproduzierbar) un- jektiv, während Wissenschaft objektiv ist; 5. Geschichte be-
ter mutmaßlichen (genau definierten), simulierten Ursup- rührt, anders als Wissenschaft, auch religiöse und morali-
pen-Bedingungen Versuche durchführen und feststellen, sche Fragen. MAYR: „Die Aussagen 1, 3 und 5 treffen ... auf
welche Moleküle (z. B. Aminosäuren) dabei entstehen. Eine die Evolutionsbiologie ebenso zu wie auf die Geschichte.“
ganz andere Frage ist, ob auf einer hypothetischen frühen
Erde vergleichbare Konstellationen vorhanden waren, un- 11 Würde „Schöpfung“ als immanentes Geschehen verstan-
ter denen solche Prozesse ablaufen konnten, die der Che- den, so wie es NEUKAMM vorschlägt, würde der Schöpfungs-

65
begriff obsolet. Schöpfung als immanentes Geschehen ist widerlegt, auch für Schlüsselmerkmale. Beispielsweise stel-
ein Widerspruch in sich (vgl. Hebr. 11,3). Wäre Schöpfung len SUDHAUS & REHFELD (1992, 38) aufgrund der Merkmalsver-
immanent, gäbe es auch keine Auferstehung der Toten, und teilung der Malpighischen Gefäße und Mandibeln unter den
die Christen wären dann, wie Paulus darlegt, die „erbärm- Taxa der Arthropoden fest: „Wir sind gehalten, eine konver-
lichsten unter allen Menschen“ (1. Kor 15). Das Angebot, gente Entwicklung entweder von Mandibeln oder von Mal-
einerseits die Existenz einer wie auch immer gearteten Über- pighischen Gefäßen in Betracht zu ziehen. ... Die Komplexi-
natur offen zu lassen, anderseits verbunden mit der Vernei- tät von Mandibeln und Malpighischen Gefäßen kann als
nung, daß diese Übernatur in den Lauf der Dinge eingreifen gleichwertig eingestuft werden.“ Daß ein Merkmalskomplex
könne, ja vielmehr sogar die Welt durch sein Wort auf wie ein ganzer Vögelflügel (den BEYER in diesem Zusam-
übernatürliche Weise hervorgebracht habe, können Christen menhang als Beispiel nennt) nur bei Wirbeltieren verwirk-
unter Berufung auf die Bibel daher nur entschieden ableh- licht sein und nicht unabhängig bei anderen Tierstämmen
nen. Sonst könnten sie ihren Glauben gleich aufgeben. auftreten kann, folgt aus Konstruktionszwängen, nicht aus
evolutionstheoretischen Vorgaben. Bei weniger komplexen
12 „If biology is ruled by contingency rather than necessity, Merkmalen ist die Situation des mehrfach unabhängigen
then why do we find duplicated designs? When similarities Erwerbs jedoch vielfach eingetreten: „Considering the dis-
are found among allied species they are cited as powerful tribution and combination of morphological characters in
evidence for evolution. When similaritites are found among the fossil record it goes clear that many or even most charac-
distant species, they are noted as cases of convergent ters considered typical of birds, like reduction of teeth, re-
evolution. Evolution can explain either case, but the expla- duction of manual claws, the horny bill, the pygostyl, reduc-
nation presupposes evolution. This is not powerful evi- tion of the fibula etc., evolved more than once“ (PETERS 2002,
dence for the theory“ (HUNTER 2004, 200). 353; Hervorhebung nicht im Original). „... the fact that avian
features have arisen repeatedly and independently in the-
13 Man muß sich hier folgendes klarmachen: Es wird evolu- ropod evolution now seems to be an inescapable conclusi-
tionstheoretisch für möglich gehalten, daß innerhalb von on“ (WITMER 2002, 5). ZHANG & ZHOU (2000, 1957) halten so-
10-20 Millionen Jahren alle Grundbaupläne des Tierreichs gar eine konvergente Entstehung von Federn nicht für aus-
entstanden sein könnten (kambrische Explosion). Auch geschlossen. Hier ergibt sich zumindest die Aufgabe, genau
wenn die Meinungen darüber auseinandergehen, so gibt es anzugeben, wie komplex Merkmale sein müssen, damit
doch diese Position (neuerdings von VALENTINE 2004 bekräf- mehrfache evolutionäre Entstehung definitiv nicht zu erwar-
tigt). Dann kann man aber nicht argumentieren, daß Säuge- ten ist. Wo soll im makroevolutiven Bereich (um den es hier
tiere im Präkambrium unmöglich seien. geht) eine Grenze zwischen Komplexitätsgraden gezogen
Zudem kann die Frage, was evolutionstheoretisch zu werden?
erwarten ist, nicht von der Frage der Evolutionsmechanis- Weiter schreibt BEYER (2004, 7): „Nichtsdestotrotz fordert
men abgekoppelt werden. Denn diese generieren in dieser sie [die Evolutionstheorie], dass Lebewesen in ein hierar-
Sichtweise das Muster des Lebens. Wenn die Evolutions- chisches System abnehmender Ähnlichkeit eingeordnet
mechanismen nicht genügend bekannt sind, kann man werden können“ (Hervorhebung im Original). Ein Blick auf
auch kaum sagen, welche Muster durch ihre Wirkungen zu Abb. 6 und 12 zeigt beispielhaft, daß auch dies nicht zutrifft.
erwarten sind und welche nicht. Viele weitere Beispiele könnten genannt werden.
BEYER (2004, 8) schlägt als weiteres Verbot von Beobach-
14 Dies wird von NEUKAMM (2004) wie folgt bestritten: „Evo- tungen bei Vorgabe des Evolutionsparadigmas vor: „Die
lutionstheorien stellen durchaus spezifische Erwartungen an evolutive Entwicklung ist eingleisig in dem Sinne, dass sich
die Merkmale, wie z.B. ausgeprägte Formähnlichkeiten so- Entwicklungslinien zwar trennten, also aufspalten, aber nie
wie eine interdependente und hierarchische Ordnung in wieder zusammen wachsen können. [Es darf nicht passie-
der Zusammenstellung der Merkmale. Obschon diese Ord- ren, dass Elefanten dünner werden und längere Hälse be-
nung oft von unerwarteten Inkongruenzen gestört wird, ken- kommen, während Giraffen dick und grau werden, so dass
nen wir keinen Fall, in dem sie wirklich aufgehoben wurde die beiden Arten nach langer Entwicklung zu einer einzigen
(Riedl 1990, S. 270). Evolutionstheorien liefern also keine verschmelzen.] Zeige mir ein einziges solches Beispiel, und
‘Allerklärungen’, sondern differenzierte, bruchstückhafte, in wir können die Evolutionstheorie als falsifiziert begraben“
Teilen auch widerlegte, dafür jedoch über weite Bereiche (Hervorhebung im Original). Wieso dies nicht aus der Evolu-
mehr oder minder ‘tiefe’ (wenn auch nie zwingende) Erklä- tionstheorie (welcher?) folgen könne, wird nicht gesagt.
rungen.“ In JUNKER (2003), worauf sich NEUKAMM bezieht, geht Wenn BEYER mit „Evolutionstheorie“ das Evolutionspara-
es allerdings um Erwartungen an Merkmalsmuster, nicht an digma im hier definierten Sinne meint, kann ein solcher Fall
Merkmale. Meine Behauptung lautet, daß sehr verschiede- sicher nicht ausgeschlossen werden. Tatsächlich gibt es zu-
ne Merkmalsmuster evolutionstheoretisch „erklärt“ werden. hauf Beispiele phylogenetischer Analysen, denen zufolge
In einer Frage ausgedrückt: Welches Merkmalsmuster falsifi- erhebliche Reversionen in größerer Zahl angenommen wer-
ziert das Evolutionsparadigma? Unklar ist weiter, was NEU- den müssen. Damit wäre auch ein Szenario, wie BEYER es
KAMM unter Aufhebung der hierarchischen Ordnung versteht. darstellt, nicht auszuschließen.
Ist die Situation in Abb. 6 ein solcher Fall? Wenn WÄGELE Wirklich kritisch für das Evolutionsparadigma würde es
(2001) den in Abb. 6 dargestellten Befunde mit den Worten erst, wenn es beispielsweise Lebensformen mit völlig ver-
kommentiert, daß mehrere, wenn nicht alle Untersuchun- schiedener Art der genetischen Codierung gäbe (nicht nur
gen fehlerhaft sein müßten, dann kann dies als Beleg dafür einige Ausnahmen eines grundsätzlich gleichartigen Codes)
gesehen werden, daß eines ganz bestimmt nicht erfolgt: Eine oder gar vollkommen verschiedenen Erbmolekülen oder
Hinterfragung des zugrundeliegenden Evolutionsparadig- wenn es viele Lebewesen gäbe, die untereinander über-
mas. Eine solche Vorgehensweise darf man wohl als dog- haupt keine Ähnlichkeiten aufweisen. Ein solches Szenario
matisch bezeichnen. hätte sicher ein Aufkommen der Evolutionsanschauung ver-
BEYER (2004, 7) meint: „Die Evolutionstheorie sagt nun hindert, aber es ist bei näherem Hinsehen völlig unreali-
voraus, dass Apomorphien einmalig und unverwechselbar sind, stisch. Denn eine solche Welt wäre ökologisch unmöglich.
und daher in unabhängigen Organismengruppen nicht auftre- Eine Interaktion der Lebewesen ist ohne Gemeinsamkeiten
ten dürfen“ (Hervorhebung im Original). Diese Vorhersage ist unter den Lebewesen gar nicht möglich, gleichgültig, wie

66
man sich deren Entstehung vorstellt. 19A Francis SCHAEFFER geht darauf im 7. Kapitel seines Bu-
ches „Wie können wir denn leben?“ ein. Unter Verweis auf
15 Ein Beispiel: Die Planeten Jupiter, Saturn, Uranus und Studien von WHITEHEAD und OPPENHEIMER stellt er heraus, daß
Neptun haben Ringe. Nach allem, was man über sie weiß, die moderne Naturwissenschaft aus dem christlichen Welt-
sind das kurzlebige Gebilde; sie können nicht länger als ca. bild geboren wurde. So „erklärte Whitehead, das Christen-
10.000 Jahre existieren. Daher muß es eine Nachschubquel- tum sei die Mutter der Wissenschaft wegen der ‘mittelalter-
le geben; das aber gleich viermal zur gleichen Zeit bei recht lichen Lehre von der Rationalität Gottes’. Whitehead sprach
verschiedenen Konstellationen (PAILER 1999). Die Existenz auch von Vertrauen auf die ‘verständliche Rationalität eines
der Ringe ist in einem jungen Planetensystem leicht ver- persönlichen Wesens’“ (SCHAEFFER 2000, 127). „Weil die frü-
ständlich. Man kann aber dagegenargumentieren, daß un- hen Naturwissenschaftler glaubten, die Welt sei von einem
bekannte Quellen diese Ringe speisen (es gibt dazu auch vernünftigen Gott erschaffen worden, überraschte es sie
eine nicht abgeschlossene Diskussion) oder daß die Ringe nicht, daß es menschenmöglich war, auf der Grundlage der
alle erst kürzlich entstanden sind, die Planeten selber aber Vernunft wahre Dinge über die Natur und das Universum
ca. 5 Milliarden Jahre alt sind. Ein ähnliches Problem für herauszufinden“ (SCHAEFFER 2000, 128). „Um noch einmal
unser Planetensystem ist die Existenz kurzperiodischer Ko- Whitehead zu zitieren: Die christliche Denkform der frühen
meten (KOREVAAR 2004). Natruwissenschaftler gab ihnen ‘den Glauben an die Mög-
lichkeit der Wissenschaft’“ (SCHAEFFER 2000, 129). „Für die
16 Besonders ausgeprägt stellt sich diese Situation in der Wissenschaftler, die auf einer christlichen Basis arbeiteten,
Kosmologie dar. Dort wird sehr oft nach Verifikationen bzw. gab es einen Anreiz, nach der objektiven Wahrheit zu su-
stützenden Befunden im Rahmen von Modellen gesucht, chen, an deren Existenz sie mit gutem Grund glaubten“
die in Anbetracht der Komplexität eine ganze Reihe anpaß- (SCHAEFFER 2000, 138). Kausalität wurde aufgrund der Ratio-
barer Parameter haben, was eine Falsifizierung schwierig nalität Gottes erwartet, aber die Kausalität wurde in ein
macht. Die Suche nach Falsifizierungen steht dabei sicher offenes System eingebettet: „Diese modernen Wissenschaft-
nicht im Vordergrund. Vielmehr würden in der Kosmologie ler, die auf einer christlichen Grundlage aufbauten, glaubten
Versuche zur Falsifizierung wohl dazu führen, daß man jedes an die Gleichförmigkeit natürlicher Kausalität in einem offe-
bisherige Modell aufgeben müßte. So kann das Standard- nen System, oder, wie man es auch ausdrücken kann, die
modell (Urknallmodell) nur dadurch aufrechterhalten wer- Gleichförmigkeit natürlicher Ursachen in einer begrenzten
den, daß man hypothetische Größen wie Dunkle Materie Zeitspanne. Gott hatte ein Universum geschaffen, in dem
und dunkle Energie etc. einführt (vgl. z. B. TRÜB 2004). das Kausalitätsprinzip gilt; deshalb läßt sich aus der Wir-
kung etwas über die Ursache herausfinden. Aber (und dieses
17 NEUKAMM (2004, 9) meint dagegen: „Ja, es scheint schon Aber ist von größter Bedeutung) es ist ein offenes Univer-
eine überaus zweifelhafte Voraussetzung zu sein, anzuneh- sum, weil sich Gott und der Mensch außerhalb der Gleich-
men, daß das Festhalten an bestimmten Kernthesen ‘neues förmigkeit natürlicher Ursachen befinden.“ (SCHAEFFER 2000,
Wissen’ überhaupt zuließe.“ Offenbar übersieht er, daß die 138; Hervorhebungen im Original).
Evolutionsforschung seit ca. hundert Jahren an bestimmten
Kernthesen festhält und dabei dennoch Wissensfortschritt 20 Im Alten Testament (besonders in Jer. 33,25; vgl. 31,35-
erzielt hat. NEUKAMMs Aussage ist tatsächlich nur ein „Schein“; 36) wird von „Ordnungen bzw. Gesetzen, die Himmel und
sie ist auf das Schöpfungsparadigma gemünzt, trifft dabei Erde umspannen“, gesprochen. Diese Ordnungen sind dort
aber unvermeidlich auch das Evolutionsparadigma. aber keine starren Regeln, die das freie Wirken Gottes in
und gegenüber seiner Schöpfung beeinträchtigen könnten.
18 Ein Beispiel, bei dem die Mechanismenfrage mögliche Denn „das eigentliche Interesse liegt freilich in diesen Aus-
Entstehungsszenarien ausscheidet, ist die Entstehung des sagen weniger in der Wahrung eines selbständigen Naturle-
Mondes. Es gibt dazu verschiedene Theorien, deren Me- bens als in der völligen Unterstellung desselben unter Got-
chanismen so fragwürdig sind, daß die betreffenden Szena- tes Macht, wofür eben die Form des der Natur auferlegten
rien als widerlegt gelten. Gesetzes die geeignetste scheint. So kann man sagen, die
Naturordnung kommt nur als der ‚Ausdruck der allmächti-
19 Dagegen schreibt HEMMINGER (1988): „Selbst wenn die gen Freiheit’ Gottes in Frage“ (EICHRODT 1964, 106; zit. SCHULZ).
bisherige kausale Evolutionsforschung widerlegt würde und
Darwin erhielte, was weitreichende Veränderungen angeht, 21 NEUKAMM (2004, 4) schreibt außerdem, er wolle „die Un-
endgültig den Abschied, würde die Abstammungslehre be- möglichkeit“ der „Zielsetzung demonstrieren, die Existenz
stehen bleiben. Da sie beschreibend vorgeht, hat sie es nicht übernatürlicher ‘Planer’ mit empirisch-wissenschaftlichen
nötig, einen Kausalmechanismus zu demonstrieren, um al- Mitteln evident zu machen“. Wenn dies unmöglich ist, dann
ternativen Theorien überlegen zu sein.“ Diese beiden Sätze ist auch der Naturalismus empirisch nicht falsifizierbar.
sind sehr fragwürdig. Wenn sich nämlich beispielsweise zei-
gen würde, daß Makroevolution ausgesprochen sprunghaft 22 Man kann sich das an folgendem Szenario klarmachen:
verläuft, müßte man klar abgrenzbare Taxa erwarten – eine Man stelle sich vor, ein überzeugter Naturalist ist Zeuge der
Erwartung, sie sich auch aus dem Schöpfungsmodell ergibt. Auferweckung des Lazarus (Johannes 11). Er hatte sich nach
Damit entfiele an dieser Stelle eine Vergleichsmöglichkeit allen Regeln der Kunst vergewissert, daß Lazarus schon so
der Plausibilität der konkurrierenden Theorien. Ohne Kennt- lange tot war, daß er bereits durch die Verwesung stank.
nis der Mechanismen ist eine Vorhersage dessen, was an Jetzt kommt Jesus und ruft ihn aus dem Grab und er kommt
Daten zu erwarten ist, und damit eine Prüfung und ein lebendig heraus. Ein solcher Vorgang ist naturalistisch sozu-
Vergleich mit anderen Theorien nur noch eingeschränkt sagen streng verboten. Wird der Zeuge dieses Geschehens
oder gar nicht möglich. Und eine nur beschreibende Theorie den Naturalismus aufgeben? Wohl kaum. Vermutlich wird er
hat nach Auffassung mancher Wissenschaftstheoretiker den Wege finden, dieses Ereignis naturalistisch zu „erklären“.
Status einer Theorie gar nicht „verdient“ (vgl. „Sind H-N E Dieses Beispiel zeigt: Es kann passieren, was will, der Natu-
überhaupt Erklärungen?“ in Abschnitt 4.2). ralismus ist unwiderlegbar. Deswegen sind übrigens Behaup-
tungen, es spreche nichts gegen den Naturalismus, ohne
Inhalt, wenn man so will eine Tautologie.

67
23 Die Formulierung „nicht mehr und nicht weniger“ wurde gendes erkennntnistheoretisches Problem für die Position
gewählt, weil allgemein im Wissenschaftsbetrieb nicht-pas- des ID besteht darin, daß das Wirken eines Urhebers und
sende Daten nicht automatisch zum Verwerfen einer Hypo- seine Identität naturalistisch prinzipiell nicht beschreibbar
these oder gar einer Theorie führen. Der Grund dafür liegt ist – das wäre ein Widerspruch in sich“ (vgl. Abschnitt 6.4.4).
darin, daß auch Daten theoriebebehaftet sind und daher Leider läßt er dann die folgenden Erläuterungen in seinem
nicht als völlig „objektive“ Schiedsrichter eingesetzt werden Artikel weg (nämlich: „Es kann daher beim ID-Ansatz nicht
können. Diese Einschränkung betrifft nicht speziell das darum gehen, einen Designer und seine Schöpfungsmetho-
Schöpfungsparadigma. Vielmehr gibt es zahlreiche Beispie- de ‘dingfest’ zu machen“ sowie die nachfolgenden Erläute-
le dafür, daß im Rahmen des Evolutionsparadigmas Theori- rungen). Stattdessen fährt NEUKAMM (2004) fort: „Diese Aus-
en aufgrund widersprechender Daten nicht aufgegeben wur- sagen kann man als Eingeständnis interpretieren, daß der
den, sondern – salopp gesagt – die Fehler bei den Daten Problembereich erkannt und der (außerweltiche!) [sic!] Desi-
gesucht wurden. Ein Beispiel dafür bietet Abb. 6 und der gner als prinzipiell nicht widerlegbare – naturalistisch uner-
dazu gehörende Text. forschliche – Entität begriffen wurde. Was zählt, sind folglich
HEMMINGER (1988) weiter: „Dabei wird übersehen, daß die nicht mehr die fruchtbaren Prinzipien der Wissensgewin-
inhaltlichen Vorentscheidungen, die in den naturwissen- nung, wie z.B. ‘eine [mechanismische] Erklärung der Entste-
schaftlichen Beschreibungen und Erklärungen stecken, durch hung eines Objektes auf der Objektebene’, sondern nur die
die empirische Methode mit geprüft werden. Gerade dies ist Möglichkeit ‘Hinweise auf ID festzumachen’.“ Selbstver-
aber bei der kreationistischen Methode unmöglich.“ Auf die ständlich zählen die Prinzipien der Wissensgewinnung auch
Grundtypenbiologie, wie sie in diesem Beitrag beschrieben im ID-Konzept, und zwar uneingeschränkt. Genau diese müs-
wird, trifft diese Unmöglichkeitsbehauptung – wie gezeigt sen nämlich angewendet werden, wenn man einen Verdacht auf
wird – in dieser pauschalen Form nicht zu. HEMMINGERs Fra- ID überhaupt erhärten oder zerstreuen will. Deswegen führt der
gen „Gibt es Glaubensgründe für einen Christen, die her- ID-Ansatz in die Forschung und nicht aus ihr heraus. Auch
kömmliche naturwissenschaftliche Methode abzulehnen und die weiteren Erläuterungen in JUNKER (2004) zur Frage der
sich die kreationistische Methode anzueignen? Ist also, un- „Erklärung der Entstehung eines Objektes auf der Objekt-
abhängig vom praktischen Ergebnis, die eine Forschungs- ebene“ läßt NEUKAMM in seinem Beitrag weg, obwohl gerade
methode eher mit dem Glauben vereinbar als die andere?“ sie wesentlich für das Verständnis des ID-Konzepts sind.
gehen an der Sache vorbei.
26 Das gilt auch für Inhalte des Glaubens, die nicht mit
24 E. P. FISCHER, Professor für Wissenschaftsgeschichte, Machtmitteln, psychologischen Tricks oder irgendwie ge-
schreibt dazu in der Einleitung des Kapitels „Die Idee der artetm Druck unter die Menschen gebracht werden dürfen.
biologischen Evolution“ seines Buches „Die andere Bil- Das an Jesus Christus orientierte (biblische) Christentum
dung. Was man von den Naturwissenschaften wissen soll- verkündet, bezeugt, bietet an, bittet, aber es zwingt nicht.
te“ folgende interessante Zeilen: „Die Idee der Evolution
spaltet bis heute sowohl Laien als auch Wissenschaftler. 27 Wenn die Behauptungen über Rudimentation, Umweg-
Denen, die fest daran glauben und sich als Evolutionisten entwicklungen oder Funktionslosigkeit vorsichtiger formu-
bekennen, stehen andere gegenüber, die immer neue Argu- liert würden, indem man sich hypothetisch äußert, eine be-
mente für die Unzulänglichkeit des Konzeptes von Darwin stimmte Struktur sei möglicherweise ein Rudiment oder Ata-
suchen und vorlegen. Es lohnt sich hier, vorsichtig zu argu- vismus usw., wäre dies ergebnisoffen formuliert. Doch mei-
mentieren und allen Beweisen für die Evolution sowie allen stens werden entsprechende Feststellungen als definitiv hin-
Widerlegungen skeptisch gegenüberzutreten. Wer sich ge- gestellt: Eine bestimmte Struktur sei ein „Überbleibsel“ (nicht
gen die Evolution ausspricht, muss noch kein Feind der „könnte sein“) usw. Das wird die Forschungen künftiger Ge-
Wissenschaft sein. Im Gegenteil – ich kenne einige ausge- nerationen bestimmt wenig motivieren.
zeichnete Biochemiker, die gerade aus ihren Kenntnissen
der molekularen Details heraus eine Entstehung des Lebens 28 Wenn Pfusch, schlechtes Design, Konstruktionsfehler zum
nach dem Schema Darwins für so unwahrscheinlich halten, Repertoire eines Schöpfers gehören würden, wären alle die-
dass sie nach alternativen Erklärungen suchen. Es scheint, se Dinge kein Argument gegen einen schöpferischen Ur-
dass man im Bereich der Biologie ebensogut unter der sprung. Die Möglichkeiten, die Existenz eines Designers als
Akzeptanz einer evolutionären Ordnung forschen kann wie unplausibel herauszustellen, wären eingeschränkt, denn der
unter ihrer Ablehnung. Die Evolution ist dabei fast so etwas Nachweis von Konstruktionsfehlern wäre dann kein Hin-
wie der Gedanke an Gott. Ob man ein guter Physiker ist weis dafür, daß die betreffende Konstruktion nicht auf einen
oder nicht, hängt nicht erkennbar damit zusammen, ob man Schöpfer zurückgehen könne. Damit würde aber die Frage,
gläubig oder ein überzeugter Atheist ist. Dem menschlichen ob es Hinweise auf einen Schöpfer gibt, ein Stück weit der
Tun steht hier ein Spielraum zur Verfügung, den es nicht Testbarkeit entzogen werden. Dennoch bliebe auch in die-
kleinlich einzuengen gilt. Wenn man diese Verbindung zwi- sem (von mir nicht vertretenen!) Fall immer noch die Frage,
schen dem Glauben an Gott und dem Vertrauen in die Idee wie optimales Design entstand, sofern es dieses wenigstens
der Evolution noch einen (ästhetischen) Schritt weiterführt, hier und da gibt.
kann der Hinweis dienlich sein, dass sich der Gott der Bibel In Abschnitt 6.4.5 wird gezeigt, daß das Postulat vom ur-
nur dadurch zeigt, dass er sich uns entzieht. Vielleicht gilt sprünglich optimalen Design ausgesprochen forschungsför-
dies auch für die Evolution. Vielleicht existiert sie dadurch, dernd ist.
dass sie sich uns entzieht. Sinnlich wahrnehmbar sind für
uns nur die Formen bzw. Arten, die aus ihr heraus entstehen. 29 Die Behauptung HEMMINGERS (1988), daß die „kreationi-
Evolution wäre dann die Bewegung, durch die immer wie- stische Kernaussage von der separaten Erschaffung der
der neue Formen des Lebens entstehen“ (FISCHER 2002, 299). Grundtypen“ unprüfbar würde, weil sie in die Zeit vor der
Sintflut falle, beruht offenbar auf einem Mißverständnis. Denn
25 Die Kritik NEUKAMMs (2004), der ID-Ansatz würde die die Sintflut wird im Rahmen des biblischen Schöpfungspa-
Prinzipien der Wissensgewinnung verlassen, beruht auf ei- radigmas nicht als Erkenntnisgrenze für die Grundtypenbio-
nem Mißverständnis. Dieses kommt wie folgt zustande: logie angesehen.
NEUKAMM zitiert zunächst aus JUNKER (2004): „Ein grundle-

68
30 Es kommt leider tatsächlich vor, daß Anhänger der bibli- Diese würden aber dennoch nach allem, was man heute
schen Sicht von der Geschichte der Lebewesen und der Erde weiß, latent graduelle Änderungen erfordern, die sich im
empirische Daten ignorieren. Doch das ist dann nicht der Laufe der Zeit ansammeln und dann irgendwann (z. B. durch
Fall, wenn offene Fragen eingeräumt werden. Das geht näm- eine homöotische Mutation) plötzlich in Erscheinung tre-
lich nur, wenn die Daten eben nicht ignoriert werden. Die ten könnten. Für einen solchen Vorgang gibt es allerdings
häufig undifferenziert vorgebrachte Behauptung, Anhänger keine empirischen Belege. Wenn Evolution tatsächlich auch
der biblischen Schöpfungslehre würden allgemein Daten genotypisch makroevolutive Sprünge vollziehen könnte,
ignorieren, ist jedoch üble Nachrede. würde sie sich freilich an dieser Stelle nicht mehr von der
Grundtypenbiologie unterscheiden.
31 Seltsamerweise kritisiert KORTHOF an einer Abbildung
über Grundtypen, dort seien viel zu wenig Arten pro Grund- 37 Wenn der Unterschied zwischen Mikro- und Makroevo-
typ eingezeichnet. Das hat aber einen rein praktischen Grund: lution an Taxongrenzen festgemacht wird, wird das eigent-
die tatsächliche Anzahl von bis zu mehrerern hundert kann liche Problem verschleiert, nämlich die evolutive Entste-
nicht in einer einfachen Grafik dargestellt werden. In JUNKER hung echter Neuheiten. Dies gilt insbesondere dann, wenn
& SCHERER (2001) werden konkrete Zahlen genannt (Tab. 3.8, Entwickungsvorgänge bereits dann als Makroevolution de-
Seite 45), die dem Autor offenbar nicht bekannt waren. finiert werden, wenn sie über die Biospezies-Grenzen hin-
Ebenso gibt es ausgiebige Zahlenangaben in SCHERER (1993). ausgehen. Dann entsteht nämlich der falsche Eindruck,
Von „Irreführung“ (wie KORTHOF meint) kann also nicht die Makroevolution sei bereits nachgewiesen, wenn die Ent-
Rede sein; vielmehr fehlen KORTHOF hier einige (längst publi- stehung neuer Biospezies beobachtet wurde („microevolu-
zierte) Informationen. Die von KORTHOF als unglaubwürdig tion by definition produces no new species. ... Creating
betrachtete Zahl von 65.000 Arten eines Käfer-Grundtyps new species is macroevolution, according to the textbooks“
bedarf einer genaueren Analyse. Zum einen könnte es sein, – KORTHOF 2004, 44), und es sei damit im Prinzip geklärt, wie
daß das Grundtypniveau unterhalb der Familie liegt (vgl. die die Evolution der Lebewesen mechanismisch verlaufen sei.
Ausführungen dazu im laufenden Text), zum anderen ist erst Davon kann aber nicht die Rede sein. Auf diese Weise
einmal zu prüfen, ob diese Zahl durch mikroevolutive Pro- werden Probleme der Evolutionstheorie durch unzweckmä-
zesse doch erreicht werden kann. ßige Definitionen „gelöst“.

32 RIEPPEL (1994, 67f.) meint weiter: Solange kein kausaler 38 Das war wohl auch der wichtigste Grund, der dem Evolu-
Mechanismus für die Invarianz der Entwicklung gefunden tionsmodell DARWINs (Selektionstheorie) zum raschen Durch-
würde, sei der Verweis auf „Entwicklungszwänge“ empi- bruch verhalf, trotz seiner von Anbeginn als zentrale Theo-
risch leer und nur eine Umschreibung für die strukturelle rieschwäche kritisierten Unfähigkeit, die Entstehung neuer
Gleichheit. „While similarity of developmental constraints Strukturen zu erklären. Aber das Geheimnis der Herkunft der
may cause similarity of structure, no explanation is offered Lebewesen wurde im 18./19. Jahrhundert im Rahmen des
as to why developmental constraints are shared, nor is it Naturalismus als äußerst unbefriedigend und je länger je
even necessary to address the issue as to whether similar mehr untragbare Lücke in der Naturerkenntnis empfunden.
developmental constraints are shared because of chance, Insofern stellt das Evolutionsparadigma, naturphilosophisch
because of independent acquisition, because of hidden gesehen, einen Schlußstein in der naturalistisch interpre-
affinities determined by a Creator, or because of common tierten „Einheit der Natur“ dar.
descent“ (RIEPPEL 1994, 67f.). (Weiteres dazu im Zusammen-
hang mit der Homologieproblematik bei JUNKER 2002, 60f.) 39 Die evolutionsbiologische Literatur ist voll von unbe-
wiesenen Behauptungen, die als feststehende Forschungs-
33 Die gegenteilige Auffassung, Evolution führe durch Art- ergebnisse hingestellt werden. Auch KORTHOFs Beitrag ent-
aufspaltungen und Spezialisierung nicht immer in Sackgas- hält solche Behauptungen. Neben dem im Text bereits kriti-
sen, wird mit dem Fossilbericht oder anderen indirekten sierten Beispiel sei hier auf einen Abschnitt verwiesen, in
Indizien begründet. Doch dies ist eine völlig andere Be- welchem KORTHOF (2004, 46) sich zur Universalität des gene-
gründungsschiene. Man verläßt bezüglich der Mechanismen tischen Codes äußert, von der es nur wenige geringfüfige
(um die es hier geht) den empirischen Bereich und muß zur Ausnahmen gibt. Die Tatsache, daß solche Ausnahmen vor-
Argumentation Makroevolution voraussetzen. Denn die Fos- kommen, sei weit davon entfernt, ein Argument gegen
silablfolge als solche beweist Makroevolution nicht. gemeinsame Abstammung zu beinhalten, vielmehr würden
Angesichts der oft behaupteten „schöpferischen“ Kraft der sie die Schlüssel zum Ursprung des genetischen Codes lie-
Evolutionsmechanismen verwundert es, daß immer mehr fern. Eine solche Aussagen ist verwunderlich. KORTHOF argu-
Wissenschaftler fordern, zur Verhinderung genetischer Ver- mentiert, es seien keine größeren Änderungen des Codes
armung der Arten alte Rassen und alte Kulturpflanzen züch- möglich, weil es sonst zu größeren Schäden im Organismus
terisch zu erhalten. käme, doch was hat dies mit dem Ursprung des Codes zu
tun? Hier liegt kein Schlüssel zum Verständnis der Entste-
34 Ähnlichkeiten in der DNA, die VAN DONGEN & VOSSEN hung des genetischen Codes.
überraschend finden sind, sind angesichts von Ähnlichkei-
ten in der Anatomie nicht weiter verwunderlich; denn glei- 40 Manche Kritiker machen es sich ganz einfach und
che Morphologie sollte auch gleiche Gene erwarten lassen. schwingen die Pseudowissenschafts- oder die Fundament-
(Das Problem ist eher, daß es die Entsprechung Morpholo- alismuskeule.
gie – Gene oft nicht gibt, aber das steht auf einem anderen
Blatt.) 41 Man kann durchaus die komplette Grundtypforschung
auch im Rahmen des Evolutionsparadigmas betreiben (wie
35 Es gibt verschiedentlich Berichte, wonach solche Experi- auch umgekehrt Evolutionsforschung im Rahmen des Schöp-
mente ergebnislos versucht worden sein sollen. fungsparadigmas), aber viele Fragen, denen sich die Grund-
typenbiologie widmet, sind durch die Vorgabe einer allge-
36 Es sei denn, man nimmt größere Evolutionssprünge an. meinen Evolution aller Lebewesen nicht gerade motiviert.
Daher zeigt die Tatsache, daß im Rahmen der Grundtypen-

69
biologie erforschbare Fragen nur dadurch aufgeworfen wer- 45 NEUKAMM (2004) hat diese Argumente und die Inhalte von
den, daß das Grundtypkonzept seinen Platz sehr wohl zu- Tab. 1 offenbar nicht verinnerlicht, wenn er trotz Kenntnis
recht im Rahmen des Schöpfungsparadigmas hat. von JUNKER (2004) (was er zitiert und wo diese Tabelle auch
abgedruckt ist) schreibt: „Artefakte können sich weder fort-
42 Das Linsenauge von Wirbeltieren und Tintenfischen ist pflanzen noch mutieren, während Organismen und zahlrei-
hierfür ein bekanntes Beispiel: Es ist in beiden Organismen- che Biomoleküle die genannten und für eine Evolution
gruppen hochkomplex und grundsätzlich gleichartig aufge- notwendigen Eigenschaften besitzen. Da also die für den
baut; embryonal entsteht es aber sehr verschieden, so daß Vergleich relevanten Eigenschaften von Lebewesen und
nur die Adultstruktur im Wesentlichen baugleich ist. Die Artefakten grundverschieden sind, sind auch die Analogien
verschiedenen ontogenetischen Entwicklungswege werden ohne Belang.“ Diese Einwände werden in JUNKER (2004)
evolutionstheoretisch einerseits als Argument dafür gewer- differenziert behandelt.
tet, daß es sich um analoge Strukturen handelt, deren kon-
vergente Entstehung gerade an der Ontogenese ablesbar 46 NEUKAMM (2005a) behauptet dagegen, daß „eine in ge-
sei. Andererseits aber würde man von einem ungelenkten wissem Umfang ‘programmierte Variabilität’ gerade auch im
evolutionären Prozeß eine so weitgehende Baugleichheit Rahmen der Evolutionsbiologie zu erwarten“ sei, ohne dies
eines hochkomplex synorganisierten Organsystems niemals weiter zu begründen. Es geht aber bei der Idee der potenti-
erwarten. Es wirkt vielmehr so, als würde hinter beiden ellen Komplexität um mehr als aktuelle Variabilität, nämlich
Strukturen der „Baukasten“ eines Schöpfers im Sinne eines um die Existenz von Variationsprogrammen, d. h. um Me-
gemeinsamen Grundgedankens stehen, der trotz aller Ver- chanismen, die bei Bedarf Variation erzeugen.
schiedenartigkeit zu einem gemeinsamen Thema führt.
47 Überraschend ist in diesem Zusammenhang die Aussage
43 NEUKAMM (2004, 14f.) fragt: „Welchen Sinn hätte noch die NEUKAMMs (2004, 18): „Wer sich einer solchen Design-Argu-
Erforschung chemischer Stoffumwandlungen, wenn die Wis- mentation bedient, übersieht zunächst einmal, daß der Na-
senschaft z.B. alle bis heute offen gebliebenen Fragen der turalismus keineswegs für intelligentes, sondern nur für über-
Reaktionskinetik mit dem Eingriff einer übernatürlichen natürliches Design ‘blind’ ist.“ Der ID-Ansatz beinhaltet ja
Macht beantworten und mit einer solchen ‘Finalerklärung’ nur, daß Hinweise auf einen irgendeinen Designer empirisch
nicht nur weitere Forschung überflüssig machen, sondern nachweisbar sind, während über die Natur dieses Designers
auch das Begreifen kausaler Zusammenhänge verunmögli- nichts gesagt wird. Daß dieser Designer von vielen mit den
chen würde? Welcher Sinn bliebe von der Wissenschaft Schöpfer-Gott der Bibel identifiziert wird, steht auf einem
generell noch übrig, wenn man annähme, daß Naturgesetze anderen Blatt und sollte auch als Grenzüberschreitung mar-
und -konstanten in der Erdgeschichte durch Gott veränder- kiert werden. In JUNKER & SCHERER (2001) wird das bekannt-
bar sind, daß sie kurzzeitig außer Kraft gesetzt oder beein- lich so gemacht.
flußt wurden, daß er Gewitter erzeugen, Berge versetzen, NEUKAMM schreibt weiter (Anm. 11): „Wenn es uns also ge-
Arten erschaffen – ja überhaupt beliebig intervenieren kön- länge zu zeigen, daß gewisse Strukturen als Indiz für „intelli-
ne?“ Diese Frage kann leicht beantwortet werden: Zum gentes Handeln“ in Betracht kämen, wäre nur der Schluß
Ansatz des ID gehört nämlich gerade, das Erforschbare gerechtfertigt, daß überall, wo sie in Erscheinung treten,
nach allen Regeln der Kunst zu erforschen und nicht von eine innerweltliche Planung stattgefunden haben könnte.“
vornherein Design anzunehmen, sondern erst nach einge- Das ist nun noch überraschender: Das hieße ja, daß wenn
hender Forschung. Dies wird in JUNKER (2004) näher erläu- man an den Lebewesen Indizien für intelligentes Handeln
tert. Außerdem berücksichtigt NEUKAMM in dieser Argumen- fände, diese von einem innerweltlichen Designer konstru-
tation den hier sehr relevanten Unterschied zwischen Ge- iert wären!
genwartsanalyse und historischer Rekonstruktion nicht (vgl.
Abschnitt 4.1). Mit derartigen Vergleichen suggereirt NEU- 48 Bei allen diesen Mutmaßungen dieser sollten sich alle
KAMM, als würde sich eine Erforschung gegenwärtig existen- Beteiligten darüber im Klaren sein, daß Überlegungen über
ter Entitäten erübrigen, wenn man von Schöpfung ausgeht – Motivationen des Schöpfers immer problematisch sein müs-
eine unsinnige Unterstellung. sen.

44 Das im Text genannte erkenntnistheoretische Problem 49 NEUKAMM (2004, Anm. 3) hat dieses Argument völlig falsch
für die Position des ID könne man als Eingeständnis inter- verstanden, wenn er schreibt: „Damit scheidet auch Lön-
pretieren, daß der ... Designer als prinzipiell nicht widerleg- nigs Vorschlag als ,Falsifikationskriterium’ aus, man bräuch-
bare – naturalistisch unerforschliche – Entität begriffen wur- te doch nur zu beweisen, daß ,das Leben und die Informati-
de, meint NEUKAMM (2004, 7). Das ist richtig, trifft aber nicht on für komplexe Strukturen und Organe allein aufgrund
den ID-Ansatz. Mit dem ID-Ansatz wird nur versucht, De- physikochemischer Gesetzmäßigkeiten entsteht’ (Lönnig
sign von Nicht-Design zu unterscheiden. NEUKAMM weiter: 1991). Das Argument wird selbst von Junker ad absurdum
„Was zählt, sind folglich nicht mehr die fruchtbaren Prinzipi- geführt, der sogar dann, wenn es gelänge, „im Labor Leben
en der Wissensgewinnung, wie z.B. ‘eine [mechanismische] zu erzeugen“, noch immer folgern würde, „mittels Design ist
Erklärung der Entstehung eines Objektes auf der Objektebe- es möglich“ (Junker 2004 b, S. 2).“ Hier hat NEUKAMM etwas
ne’, sondern nur die Möglichkeit ‘Hinweise auf ID festzu- Wichtiges übersehen oder übergangen, nämlich, daß Lön-
machen’ (Junker 2004b, S. 12).“ Diese Aussage dagegen ist nig allein von „physikochemischen Gesetzmäßigkeiten“ aus-
falsch, denn es gehört zum Procedere des ID-Ansatzes, alle geht, während JUNKER (2004) von einer im Labor durch Expe-
Möglichkeiten der Wissensgewinnung auszuschöpfen, denn rimentatoren gesteuerten Erzeugung von Leben schreibt, was
nur auf diese Weise kann ein Verdacht auf ID erhärtet oder NEUKAMM in seinem Zitat grob sinnentstellend weggelassen
zerstreut werden. (Nebenbei ist der aus JUNKER (2004b) zi- hat. (Das vollständige Zitat in JUNKER [2004, 2] lautet: „Ana-
tierte Satz aus dem Zusammenhang gerissen, so daß die log kann man versuchen, im Labor Leben zu erzeugen. Man
Pointe „auf der Objektebene“ im Text von NEUKAMM gar nicht kann dann ggf. sagen, auf diese Weise könnte es entstan-
deutlich wird.) den sein. Vermutlich wird das Ergebnis sein: Mit Chemikern
und durchdacht konstruierten Apparaturen – also mittels

70
Design – ist es möglich.“) NEUKAMM schreibt weiter: „Die wie im Text gezeigt wurde (wenn es ohne Chemiker funktio-
Daten können also aussehen wie sie wollen: Egal ob das niert, ist Design eben nicht evident, sondern unplausibel).
Leben auf der Basis von Naturgesetzen entsteht oder nicht: Die Anfrage NEUKAMMs, ob hier nur leere Rhetorik betrieben
Alles macht „Design“ evident!“ Genau das ist eben nicht so, würde, muß er sich daher selbst stellen.

71
Anhang
1. Prognosen in Darwins Origin of habits of life of each species. Thus, we can hardly believe
that the webbed feet of the upland goose or of the friga-
Species te-bird are of special use to these birds; we cannot believe
that the same bones in the arm of the monkey, in the fore
Charles DARWIN hielt die von ihm vorgelegte Evolutions- leg of the horse, in the wing of the bat, and in the flipper
theorie für prüfbar und falsifizierbar und gab an einigen of the seal, are of special use to these animals. We may
Stellen seines Werks On the Origin of Species an, wann safely attribute these structures to inheritance. But to the
seine Theorie widerlegt wäre. Die betreffenden Passagen progenitor of the upland goose and of the frigate-bird,
werden im folgenden wiedergegeben (Hervorhebungen webbed feet no doubt were as useful as they now are to
sind nicht im Original; zitiert nach: Penguin Classics, re- the most aquatic of existing birds. So we may believe
printed 1986). Man kann zeigen, daß entweder die be- that the progenitor of the seal had not a flipper, but a foot
treffenden Situationen eingetreten sind, ohne daß dies zu with five toes fitted for walking or grasping; and we may
einer Ablehnung des Evolutionsparadigmas geführt hät- further venture to believe that the several bones in the
te, oder daß es Möglichkeiten gibt, sich der Falsifizierung limbs of the monkey, horse, and bat, which have been
zu entziehen. Die Begründung für diese Behauptung fin- inherited from a common progenitor, were formerly of
det der aufmerksame Leser im Haupttext dieses Artikels. more special use to that progenitor, or its progenitors,
than they now are to these animals having such widely
„If it could be demonstrated that any complex organ exi- diversified habits. Therefore we may infer that these se-
sted, which could not possibly have been formed by nu- veral bones might have been acquired through natural
merous, successive, slight modifications, my theory would selection, subjected formerly, as now, to the several laws
absolutely break down. But I can find out no such case. of inheritance, reversion, correlation of growth, &c.
No doubt many organs exist of which we do not know Hence every detail of structure in every living creature
the transitional grades, more especially if we look to (making some little allowance for the direct action of
much-isolated species, round which, according to my physical conditions) may be viewed, either as having been
theory, there has been much extinction. Or again, if we of special use to some ancestral form, or as being now of
look to an organ common to all the members of a large special use to the descendants of this form either directly,
class, for in this latter case the organ must have been first or indirectly through the complex laws of growth“ (Ka-
formed at an extremely remote period, since which all pitel 6, S. 227f.).
the many members of the class have been developed;
and in order to discover the early transitional grades throu- „If it could be proved that any part of the structure of any
gh which the organ has passed, we should have to look to one species had been formed for the exclusive good of
very ancient ancestral forms, long since become extinct“ another species, it would annihilate my theory, for such
(Kapitel 6, S. 219f.). could not have been produced through natural selection.
Although many statements may be found in works on
„The foregoing remarks lead me to say a few words on natural history to this effect, I cannot find even one which
the protest lately made by some naturalists, against the seems to me of any weight“ (Kapitel 6, S. 228f.).
utilitarian doctrine that every detail of structure has been
produced for the good of its possessor. They believe that „On the sudden appearance of whole groups of Allied
very many structures have been created for beauty in Species. The abrupt manner in which whole groups of
the eyes of man, or for mere variety. This doctrine, if true, species suddenly appear in certain formations, has been
would be absolutely fatal to my theory. Yet I fully admit urged by several palaeontologists, for instance, by Agas-
that many structures are of no direct use to their posses- siz, Pictet, and by none more forcibly than by Professor
sors. Physical conditions probably have had some little Sedgwick, as a fatal objection to the belief in the transmu-
effect on structure, quite independently of any good thus tation of species. If numerous species, belonging to the same
gained. Correlation of growth has no doubt played a most genera or families, have really started into life all at once, the
important part, and a useful modification of one part will fact would be fatal to the theory of descent with slow modi-
often have entailed on other parts diversified changes of fication through natural selection. For the development of
no direct use. So again characters which formerly were a group of forms, all of which have descended from some
useful, or which formerly had arisen from correlation of one progenitor, must have been an extremely slow pro-
growth, or from other unknown cause, may reappear cess; and the progenitors must have lived long ages befo-
from the law of reversion, though now of no direct use. re their modified descendants. But we continually over-
The effects of sexual selection, when displayed in beauty rate the perfection of the geological record, and falsely
to charm the females, can be called useful only in rather a infer, because certain genera or families have not been
forced sense. But by far the most important considerati- found beneath a certain stage, that they did not exist be-
on is that the chief part of the organisation of every fore that stage. We continually forget how large the world
being is simply due to inheritance; and consequently, thou- is, compared with the area over which our geological
gh each being assuredly is well fitted for its place in na- formations have been carefully examined; we forget that
ture, many structures now have no direct relation to the groups of species may elsewhere have long existed and

72
have slowly multiplied before they invaded the ancient biologen.de verlinkt ist, und sie werden dort nicht kritisch
archipelagoes of Europe and of the United States“ (Kapi- diskutiert. Er schreibt: Es sei „keineswegs beabsichtigt,
tel 9, S. 309f..) einem starken Naturalismus das Wort zu reden oder so-
gar die Nichtexistenz einer wie auch immer gearteten
„He who rejects these views on the nature of the geological Übernatur kategorisch zu verneinen.“ Religiöse Überzeu-
record, will rightly reject my whole theory. For he may ask in gungen kollidierten jedoch mit der wissenschaftlichen Er-
vain where are the numberless transitional links which kenntnisstrategie, deren primäres Ziel darin bestehe, „auf
must formerly have connected the closely allied or repre- alle Fragen nach dem Sein und Werden der Welt rationale
sentative species, found in the several stages of the same Antworten zu finden“. Das gelte „selbst dann, wenn die
great formation. He may disbelieve in the enormous in- Fragestellung den Urgrund allen Seins berührt.“ (Aus dem
tervals of time which have elapsed between our conse- Kontext geht hervor, dass mit „rational“ „naturwissen-
cutive formations; he may overlook how important a part schaftlich durch Gesetze beschreibbar“ gemeint ist.) Stütze
migration must have played, when the formations of any man sich dagegen in „Erklärungen“ auf eine übernatürli-
one great region alone, as that of Europe, are considered; che „Sonderwirklichkeit“ jenseits des Weltgeschehens, sei
he may urge the apparent, but often falsely apparent, dies selbst für die Theologie ruinös. Denn Gott werde als
sudden coming in of whole groups of species“ (Kapitel Lückenbüßer an die Grenzen unseres gegenwärtigen Wis-
10, S. 341). sens gesetzt. Je mehr diese Grenzen aber ausgeweitet
würden, desto weniger Platz bliebe für Gott. „Theologi-
sche Modelle, die hingegen eine Schöpfung als „weltim-
manenten“ – naturalistisch fassbaren – Entwicklungspro-
2. Naturalistische Evolution und zess begreifen, vermeiden von vorne herein derartige
Konflikte.“ Dies mache sie zwar nicht wissenschaftlicher,
Gottesbild jedoch mit der Wissenschaft und ihren Prinzipien grund-
sätzlich kompatibel.
Es gibt und gab viele Überlegungen, ob und wie das Evo- „Schöpfung“ (und damit auch der Schöpfer) müsse
lutionsparadigma mit einem Schöpfungsglauben verein- also weltimmanent, naturalistisch fassbar sein, sonst sei
bar ist. Hier soll es nur um die Frage gehen, welcher In- sie nicht akzeptabel. Die Ausführungen NEUKAMMs ma-
halt ein Schöpfungsglaube haben kann, wenn chen deutlich, dass Gott als souveräner Schöpfer für Natu-
• Makroevolution als Tatsache betrachtet wird und ralisten inakzeptabel ist. Ein Gott aber, der keine Wunder
• wenn eine allgemeine Evolution der Lebewesen als voll- tun kann, die ihre Spuren in unserer Welt zeigen, ist im
ständig naturgesetzlich erklärbar angesehen wird (unge- eigentlichen Sinne des Wortes weltfremd und nicht der
achtet der Frage, ob dies wirklich gelungen oder möglich Gott, der sich in der Bibel geoffenbart hat. In NEUKAMMs
ist). Worten spiegelt sich die durchaus nicht neue Überzeu-
Ein Beitrag der ARD im Oktober 2004 über die neuen gung, durch naturalistisch orientierte Wissenschaft kön-
Kontroversen um die Evolutionstheorie wurde wie folgt ne irgendwann einmal alles erklärt werden, auch alle Ur-
im Internet angekündigt: „Seit mehreren Jahren stellen sprungsfragen. Wenn Lücken in unseren Kenntnissen Hin-
sich den dogmatischen Religionsideologen, die als so ge- weis auf Gottes Wirken seien, bliebe für Gott schließlich
nannte Kreationisten bezeichnet werden, engagierte Evo- kein Platz mehr (das ist das für die Theologie „ruinöse“
lutionsbiologen entgegen. Es geht dabei nicht darum in- Lückenbüßer-Argument). Folgerichtig muss man fragen,
dividuelle ‘Glaubensbekenntnisse’ zu diskreditieren, son- welcher Platz für Gott in diesem hypothetischen Fall blie-
dern darum, dass der wissenschaftlich bewiesene Sach- be, auch wenn man Indizien seines Wirken nicht an sol-
verhalt der Evolution nicht in Abrede gestellt wird.“ Wenn chen Lücken erkennen wollte. Noch einmal: Für einen
also mit Evolution eine rein naturalistisch verstehbare Ge- souverän agierenden Schöpfer, wie ihn die Bibel offenbart,
samtevolution des Lebens (Makroevolution) gemeint ist bliebe so oder so kein Platz und darum geht es NEUKAMM
(und auf dieses Verständnis wird von Evolutionsbiolo- im Kern. (Zum „Lückenbüßer-Argument sie Abschnitt
gen großen Wert gelegt), wie kann das Gottes Wirken als 6.2.)
Schöpfer verstanden werden, wenn man dieses „Glau- Weiter NEUKAMM (2004, Anm. 1): „Im Kontrast dazu
bensbekenntnis“ nicht „diskreditieren“ will? geraten pantheistische bzw. weltimmanente Schöpfungs-
Drei deutsche Autoren, die sich in der aktuellen Dis- entwürfe, wie sie von der Mehrheit der religiös veranlag-
kussion zu dieser Frage geäußert haben, sollen nachfol- ten Wissenschaftler vertreten werden, nicht mit wissen-
gend zu Wort kommen. Zahlreiche ähnliche Aussagen schaftlichen Lehrinhalten und Prinzipien in Konflikt. Denn
von amerikanischen oder englischen Autoren ließen sich anstatt mit ihnen zu konkurrieren und für den Schöpfer
anfügen. eine transzendente „Sonderwirklichkeit jenseits der Welt-
werdeprozesses“ einzufordern, sind ihre Aussagen vom
Martin NEUKAMM (2004). Dieser Autor spielt bei den Stand der Forschung unabhängig, da sie Schöpfung als
„Evolutionsbiologen“ (www.evolutionsbiologen.de) als immanente (naturalistisch beschreibbare) Entwicklung
Verfasser zahlreicher News und Artikel auf deren Home- einer „einheitlichen Weltwirklichkeit“ begreifen, womit der
page eine herausragende Rolle. Seine Ausführungen kön- „Gegensatz von Transzendenz und Immanenz, (...) von
nen als programmatisch für die auf der genannten Web- Theismus und Pantheismus [Naturalismus] aufgehoben
seite vertretenen Biologen gelten (die nachfolgenden Zi- wird“ (so der Theologe Daecke 2001).“ Man beachte, dass
tate stammen aus einem Text, der auf www.evolutions- dem Schöpfer nicht einmal eine „Sonderwirklichkeit jen-

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seits des Weltwerdeprozesses“ eingeräumt wird (zusätz- wissenschaftlicher Art sind.
lich zur vorher schon gemachen Feststellung, dass ein Theologisch gesehen lässt KOTTHAUS’ Positionaußer
souveränes Eingreifen ausgeschlossen wird). acht, das Gott sich geoffenbart hat, abschließend und al-
Weiter NEUKAMM: „Der Kreationismus vertritt also eine les überbietend in Jesus Christus. Unausgesprochen lehnt
fundamentalistisch verengte bzw. theistisch-transzendente KOTTHAUS damit jede Offenbarung ab; anders können sei-
Vorstellung von Schöpfung, wonach sich die Welt nicht ne Formulierungen nicht verstanden werden. Dazu passt,
streng naturgesetzlich verhält, sondern zumindest zeit- dass es für ihn Aberglaube ist, wenn Christen auf Erhö-
weise) den willkürlichen Eingriffen eines außerweltlichen rung persönlicher Gebete hoffen oder glauben, dass Gott
Schöpfers untersteht“ (NEUKAMM 2004, 2). Diese Sicht in persönlicher Not hilft (S. 16). Kurz: Gottes Handeln
lehnt NEUKAMM ab, also einen Schöpfer, der in der Lage ist, findet bei KOTTHAUS in der Welt keinen Platz.
in den Lauf der Welt einzugreifen.
„Die Tatsache, dass die Naturwissenschaften ‘keinen Ulrich KUTSCHERA (2004). KUTSCHERA ist Sprecher der
göttlichen Fuß in der Tür gestatten können’ (selbst dann AG Evolutionsbiologie sowie einer der Vizepräsidenten
nicht, wenn es ihn gäbe!), ist demnach weder Ausdruck des Verbandes deutscher Biologen. In einem bemerkens-
einer kategorischen Verneinung der Existenz einer „Über- werten Beitrag befasst er sich mit dem Pfingstwunder
natur“, noch das Symptom einer dogmatischen Verkru- und dem Heiligen Geist. Er zitiert darin aus einem Kir-
stung der Wissenschaft, wie dies Lennox (a.a.O.) beklagt, chenblatt: „Alles, was ist, ist nicht aus sich selbst heraus,
sondern schlichtweg Ausdruck methodologischer Notwen- sondern verdankt sich einer Kraft, die ins Dasein ruft und
digkeit“ (NEUKAMM 2004, 14). Das heißt: Selbst wenn es im Dasein erhält. Diese schöpferische Kraft wird Geist
Gott gäbe, könnte die Wissenschaft nach Auffassung von Gottes genannt“. Dazu bemerkt KUTSCHERA: Theorien, die
NEUKAMM nicht gestatten, dass ein Wirken Gottes in ir- z. B. auf biblischen Wundern (göttlichen „Schöpfungsak-
gendeiner Weise Abläufe in der empirisch erfassbaren Welt ten“) basieren, sind nicht als wissenschaftlich einzustu-
tangiert. Das gilt auch, wenn es um den „Urgrund allen fen, da die bewusste methodische Beschränkung des Na-
Seins“ geht (s. o.). Unter diesen Umständen ist NEUKAMMs turforschers (und -denkers) hier aufgehoben werde: die
Aussage, dass die Existenz einer „Übernatur“ nicht ver- „Schöpfungstheorien“ seien pseudowissenschaftliche
neint werde (s.o.) faktisch leer. Es wäre u.E. angemessen, Konstrukte christlich-religiöser „Theo-Biologen“.
wenn NEUKAMM sich zu seinem faktischen Atheismus auch Die moderne Evolutionsforschung habe eindeutig
tatsächlich bekennen würde. gezeigt, dass der Spezies Homo sapiens keine biologische
Angesichts dieser Sachlage verwundert es nicht, dass Sonderstellung im Reich der Organismen zukomme. „Die-
die Evolutionsbiologen einen Link auf die Homepage von se durch Dokumente (Fossilfunde) und Experimente
Gerd Lüdemann setzen. Lüdemann ist ein Theologe, der (DNA- und Protein-Sequenzanalysen) belegte Tatsache
sich zum Atheismus gewendet hat. Auf seiner Homepa- steht im Widerspruch zur postulierten (geglaubten) Son-
ge finden sich keine Ausführungen zu evolutionstheore- derstellung unserer Spezies.“ Das christliche Glaubens-
tischen Themen. Der Link darauf muss also andere Grün- dogma von der „göttlichen Sonderstellung“ unserer Spe-
de haben. Diese liegen u.E. auf der Hand. zies sei somit durch objektive Fakten widerlegt; bereits
Charles Darwin habe in seinen Werken diese Schlussfol-
Jochem KOTTHAUS (2003). KOTTHAUS gehört nicht zu gerung gezogen.
den Mitgliedern der „Evolutionsbiologen“. Sein kreatio- KUTSCHERA schlussfolgert: „Aus dem Gesagten folgt,
nismuskritisches Buch wird auf deren Homepage aber dass die Evolutionsforschung (u. a. die historische Re-
positiv gewürdigt. Er lässt in seiner Kreationismuskritik konstruktion von Abstammungsreihen) im christlichen
öfter (eher zwischen den Zeilen) erkennen, dass für ihn in Sinne „geistlos“ ist, da gemäß dem Prinzip des Naturalis-
irgendeiner Weise Gott existiert; er argumentiert nicht mus die Natur aus sich selbst heraus erklärt wird, ohne
allgemein gegen Religiosität. Seine eigene Sicht legt er Einbeziehung supranaturalistischer Götter, Geister oder
zwar nicht explizit dar, einiges davon kommt aber in vie- Designer.“ Mit anderen Worten hat auch bei ihm ein sou-
len Formulierungen zum Ausdruck. So vertritt er an zahl- verän agierender Schöpfer, der in den Lauf der Dinge
reichen Stellen eine strikte Trennung von Glauben und eingreifen und vor allem die Welt durch sein Wort auf
Wissen (S. 17), wobei Glaube sich nach KOTTHAUS wohl übernatürliche Weise erschaffen hat, keine Existenzbe-
nur auf die Innerlichkeit der eigenen Psyche beschränkt rechtigung.
(S. 24). Für rein (natur)wissenschaftliche Überlegungen Selbst Papst Johannes Paul II., der Evolution als „mehr
spiele es „keine Rolle, ob Gott die Welt, das Leben und den als eine Hypothese“ bezeichnet hat, wird von KUTSCHERA
Menschen in einem gewaltigen Akt schuf“ (S. 146). Dem ist herb kritisiert: Johannes Paul II. habe nicht die naturalisti-
zuzustimmen. Seiner Auffassung nach können wir über sche Evolution akzeptiert, sondern eine theistische Vari-
Gott nichts wissen: „Wenn Gott existiert, dann ist er un- ante der Evolutionsanschauung; „von einer Akzeptanz
fassbar“ (S. 146); wir könnten seine Natur nicht verste- der naturalistischen (,geistlosen‘) Denkweise des moder-
hen. Das ist insofern richtig, als dass die naturwissenschaft- nen Evolutionisten ist er weit entfernt.“ KUTSCHERA erkennt
liche Methode ungeeignet ist, das Wirken Gottes unter richtig: „Das wird sich auch nicht ändern, da die Katholi-
experimentellen Bedingungen zu studieren. Wenn Gott ken durch Akzeptanz des Naturalismus ihre Glaubensba-
die Welt jedoch geschaffen hat, dann ist es möglich, dass sis aufgeben müssten.“ KUTSCHERA beklagt, dass viele Men-
die naturwissenschaftlich zugängliche Struktur der Welt schen noch immer an „Schöpfungsakte des biblischen Got-
indirekte Rückschlüsse auf die Eigenschaften Gottes zu- tes bzw. des „Intelligenten Designers“ glauben. „Dieses
lässt, auch wenn diese Rückschlüsse an sich nicht natur- Faktum belegt, dass die ,geistlosen‘ Evolutionisten noch

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viel Aufklärungsarbeit vor sich haben.“ Diese Aussagen offenkundig darin, schöpfungsgläubige Menschen durch
KUTSCHERAs zeigen zunächst, dass er das Zeugnis von Gott Vermittlung eines konsequent evolutionistischen Weltbil-
als Schöpfer in aller Deutlichkeit ablehnt, selbst dann, des von der Unhaltbarkeit ihrer Glaubensbasis zu über-
wenn man annehmen würde, der Schöpfer habe auf dem zeugen. Auch das gehört selbstverständlich zur Aus-
Wege einer allgemeinen Evolution das Leben hervorge- übung der Meinungsfreiheit in unserem Land. Allerdings
bracht. Das ist eine begrüßenswert klare Aussage und als können man sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass
persönliche Überzeugung zu respektieren. diese Bemühungen den missionarischen Bestrebungen
Die notwendige Aufklärungsarbeit der Evolutionsbio- nicht unähnlich sind, welche die meisten Religionen aus-
logen besteht laut Aussage ihres Vizepräsidenten nun aber zeichnen.

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