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Renzension

Rolf Jeßberger
Kreationismus. Kritik des modernen Antievolutionismus
Verlag Paul Parey, Berlin und Hamburg 1990. 188 S.; 15 Abb.; 8 Tab.; DM 39,80.

Der Biochemiker Jeßberger (z. Z. Department of Biochemistry, Lebewesen (1988) nur zweimal zitiert, davon nur einmal im
Stanford University Medical Center, California) schreibt aus Zusammenhang mit einem fachlichen Argument, die geologi-
Sorge um Verfälschungen des grundsätzlichen Bildes der schen Veröffentlichungen von J. Scheven (Karbonstudien
Biologie und um die Bemühungen um Einfluß „kreationi- 1986, Megasukzessionen und Klimax im Tertiär 1988) und
stisch-fundamentalistischer“ Ideologien in den Schulen. Jeß- sämtliche Literatur von W. Gitt bleiben ebenso unerwähnt wie
berger will die seiner Meinung nach unhaltbare Argumentation die teilweise scharfe Evolutionskritik, die von Evolutionstheo-
der Antievolutionisten aufdecken und besonders Lehrern, Stu- retikern publiziert wurde (z. B.: M. Denton: Evolution: a theo-
denten, Oberstufenschülern, aber auch Theologen und Gei- ry in crisis. London 1985; R. Shapiro, A sceptics guide to the
steswissenschaftlern argumentativ beistehen. „Schließlich sind creation of life on earth. New York 1986; K. Dose, Präbioti-
es oft gerade Nicht-Naturwissenschaftler, die Mühe haben, den sche Evolution und der Ursprung des Lebens. Chemie in unse-
Fallstricken der teilweise geschickt aufgebauten kreationisti- rer Zeit, Bd. 21 (1987), S. 177–185).
schen Argumentation zu entgehen“ (S. 7). Neben einer teil-
weise ausführlichen Besprechung von Detailargumenten der 2. Andererseits kann Jeßbergers sachliche Einzelkritik an
„Kreationisten“ (Kap. 5) widmet sich der Autor der wissen- Positionen der zitierten Autoren in vielen Fällen nicht zurück-
schaftstheoretischen Problematik (Kap. 4). Er bestreitet die gewiesen werden, auch wenn man in Rechnung stellen muß,
Wissenschaftlichkeit des Kreationismus damit, daß dessen daß die Besprechung der einzelnen Argumente vornehmlich
Grundthesen nicht falsifizierbar seien, daß er in sich wider- anhand populärer Literatur vorgenommen wird. Hier ist
sprüchlich sei und im Widerspruch zu den empirischen Daten Selbstkritik am Platz. Unnötig vieles muß heute zurückge-
stehe und keinen Erklärungswert besitze (S. 53ff.). Aufgrund nommen werden – unnötig deshalb, weil die Rücknahme of-
des seines Erachtens eindeutig ideologischen Charakters des fenbar nicht aufgrund des Wissensfortschritts notwendig ist,
Kreationismus dürfe er keinen Eingang in die Schulen finden. sondern weil der jeweils aktuelle damalige Wissensstand nicht
„Das auf den ersten Blick plausibel erscheinende ‚Fair-Play‘- berücksichtigt und die Faktenbasis nicht in erforderlichem
Argument ist in Wahrheit nur eine Tarnkappe für die Einfüh- Maße abgeklärt worden war. Umso unerfreulicher ist die Fest-
rung dogmatische und fanatischer Außenseiterpositionen in die stellung, daß schöpfungstheoretische Korrekturen von Jeßber-
Schule“ (S. 156; Kap. 7). „Ausnehmend wichtig“ ist ihm auch, ger nicht wahrgenommen wurden.
daß „Entweder-oder“ in Sachen Schöpfung/Evolution als 3. Von philosophischer (katholischer) Seite vorgetragene
Scheinalternative zu entlarven (S. 7). Im Kapitel 6 („Kirche, Kritik wird als kreationistisch beeinflußt gekennzeichnet.
Religion und Evolution“), das sich dieser Alternative widmet, Auch der bis zuletzt eindeutig evolutionistisch eingestellte J.
findet man dazu jedoch nur kurze Ausführungen. Jeßberger Illies wird als in späteren Jahren zum Kreationismus tendie-
beruft sich hier vor allem auf Hemminger (Kreationismus zwi- rend eingestuft. Statt einer Auseinandersetzung mit Argumen-
schen Schöpfungsglaube und Naturwissenschaft; EZW Stutt- ten erfolgt eine Schubladisierung, die m. E. unzutreffend ist,
gart 1988) und verweist auf die sogenannte „kategoriale Kom- denn die Kritik dieser Autoren (R. Spaemann, J. Illies, A. Lok-
plementarität“: Schöpfungslehre und Evolution seien Antwor- ker u. a.) kann nicht einfach mit dem Hinweis auf „kreationi-
ten auf Fragen verschiedener Kategorien, die sich ergänzen stische Beeinflussung“ abgetan werden.
können (S. 147). Doch wird Jeßberger hier so wenig konkret
wie Hemminger. 4. Die Besprechung von Detailargumenten (Kapitel 5) ist
meist relativ oberflächlich. Eine fachlich tiefgehende Ausein-
Die ersten beiden Kapitel behandeln „geschichtliche Wur- andersetzung erfolgt kaum, stattdessen beruft sich der Autor
zeln des Kreationismus“ und „Grundzüge der Geschichte des unausgesprochen auf „die Lehrmeinung“.
Evolutionsgedankens“. Das abschließende Kapitel geht über
„Kreationismus, Evolution und Gesellschaft“. 5. Berechtigte Anfragen gibt es zum Verhältnis von Glaube
und Wissenschaft. Die fundierte Abklärung wissenschaftstheo-
Einige Beobachtungen in diesem Buch (besonders im retischer Fragen ist unsererseits noch nicht erfolgt. Hier gibt es
Hauptkapitel 5 („Detailargumente des Kreationismus“) sind Angriffsflächen (Gott als Lückenbüßer, als Täuscher). Jeßber-
besonders bemerkenswert: gers Diskussion ist aber auch hier m. E. recht oberflächlich.
1. Jeßberger zitiert neuere schöpfungstheoretische Literatur Jeßbergers Buch macht zum einen deutlich, daß schöp-
gar nicht oder geht auf die darin gebotenen Fakten und Argu- fungstheoretisch orientierte Autoren mehr auf die vorliegende
mente nicht ein. Dies ist insofern bemerkenswert, als zahlrei- Gegenkritik eingehen müssen und zum anderen, daß in vielen
che Argumente, auf die der Autor eingeht, gar nicht mehr oder Bereichen nach wie vor erst noch eine Menge Grundlagenfor-
nicht mehr so wie früher (bzw. nur noch teilweise) von Schöp- schung betrieben werden muß, um gegen die geäußerte Kritik
fungstheoretikern vertreten werden. Wie ein Blick ins Perso- angehen können.
nenregister zeigt, hat sich Jeßberger im wesentlichen auf D. T.
Gish, E. Hitzbleck, H. M. Morris, G. Parker, J. Scheven (Daten Reinhard Junker
zur Evolutionslehre im Biologieunterricht 1979), J. C. Whit- aus „Wort und Wissen Info 7“ (Februar 1990)
comb und A. E. Wilder-Smith konzentriert. Relativ häufig (je
5x) werden auch H. Schneider und W. J. Ouweneel zitiert. Da- Die Studiengemeinschaft WORT UND WISSEN im Internet:
gegen wird Junker & Scherer, Entstehung und Geschichte der http://www.wort-und-wissen.de

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