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WORT UND WISSEN

Nietzsches Denkweg
Buchbesprechung von Thomas Jeromim

Edith Düsing: Nietzsches Denkweg. Theologie – Darwi- Nietzsches Denken


nismus – Nihilismus. Wilhelm Fink Verlag München 2006. und Leben gekom-
601 S., 49,90 € men ist und zu wel-
chem Ende es letzt-
Ein in vielfacher Hinsicht außerordentliches Werk ist lich geführt hat und
erschienen! Legt eure Griechischvokabeln, Predigtme- führt. Gleichwohl
ditiationen, Lehrwerke des Behaviourismus oder Einlei- geschieht dies nicht
tungsbücher einen Moment zur Seite und lest mit be- von oben herab,
tendem Herzen und wachem Geist dieses Buch! Ein sondern als mit
Buch, mit dem die Verfasserin uns inmitten einer der Nietzsche ringende
größten denkerisch-geistigen und zugleich geistlichen Gesprächspartne-
Kämpfe führt, der zugleich von höchster Aktualität ist! rin. Damit ist sie
Das gilt nicht nur im wissenschaftlichen Bereich, son- aber eben auch
dern für viele Begegnungen des Alltags mit Menschen, nahe an den Pro-
denen historische Kritik, Evolutionismus und Nihilis- blemen und Fragen,
mus zum Normalglauben geworden sind, ja auch für mit denen heute
den Kampf in unserem eigenen Herzen. Denn in Nietz- viele Menschen rin-
sche haben wir einen in höchstem Maße mit Gott gen. Der Rezensent
ringenden und zunehmend verzweifelnden Menschen schätzt sich glücklich, in dieser Hinsicht seit seinem
vor uns, der die geistlichen und geistigen Verluste sei- Studium von Lehre und Forschung der Verfasserin zu
nes Lebens nicht gelassen hinnimmt, sondern der in profitieren. Gutes empfiehlt man gerne weiter, Hervor-
tiefsten Qualen mit ihnen ringt. Zugleich ist die Verfas- ragendes umso mehr!
serin nicht nur vorzügliche Referentin Nietzsches und Nun wird der Rezensent sich hüten, dieses ganze
der Forschungen zu ihm, sondern nimmt die Leser mit Werk in wenigen dürftigen Zeilen zusammenfassen
hinein in dieses Ringen um Gründe und Motive seines oder schon all dessen Geheimnisse verraten zu wollen
Gottesverlustes. wie die Entscheidungsfrage, auf die es zuläuft – das alles
Von der ersten bis zur letzten Seite dieses Textes möge der geneigte Leser doch bitte selber erforschen.
wird der Leser von der Frage begleitet, wie er selbst in Tolle, lege! Denn schöner als die Bilder vom Gipfel
seinem Ringen vor Gott steht, vor dem lebendigen Gott, anzuschauen ist es allemal ihn selber zu besteigen.
der in unserem Herrn Jesus Christus Fleisch geworden Daher mögen einige kurze Hinweise genügen.
ist. Solch ein Nietzsche-Buch ist in dieser Weise etwas Die Verfasserin entfaltet in der Einleitung einen
ganz und gar Neues. Zugleich gibt die Verfasserin damit guten Überblick, um in gleicher Weise Experten wie
zu erkennen, dass sie nicht nur jahrzehntelang in uner- Neulinge ins Thema einzustimmen und auf den Weg
müdlicher Arbeit zu Nietzsche und seinen „Gegnern“ mit Nietzsche mitzunehmen. Besonders hilfreich ist hier
aus der idealistisch-christlichen Vergangenheit geforscht eine meisterhafte Skizze von Nietzsches Denkentwick-
hat und uns hiermit eine reife Frucht aus Forschung und lung, die in nuce wichtige Entwicklungsstadien Nietz-
Lehre mitteilt. Sie kann uns auch deshalb so gut in die sches vorstellt und damit natürlich auch schon eine
Tiefendimension des Ringens Nietzsches hinein führen, bemerkenswerte eigene Schwerpunktsetzung und Wei-
weil sie selbst dieses lebens- und geistesgeschichtliche chenstellung der Verfasserin deutlich macht: Sie nimmt
Drama Nietzsche mit den Augen des Glaubens an Jesus für ihre Deutung den Ausgangspunkt Nietzsches, seine
Christus zu sehen vermag. Damit ist sie zugleich so nah Kindheit und Jugend im Pfarrhaus bis hin zu seinem
bei Nietzsche wie keine zweite Deutung, nicht in dem persönlichen Christusbekenntnis ernst. Erst daraus wird
Sinne, dass sie ihm in allem zustimmen würde – das wirklich verständlich, warum Nietzsche solche abgrün-
weisen auch etliche kluge Nietzsche-Deuter vor ihr digen Verlusterfahrungen durchleidet. Er ringt dabei
vehement zurück, sondern sie gibt uns den Schlüssel, zunächst einmal als ein Mensch, der wieder festen
wodurch es zu diesen grundstürzenden Umbrüchen in Boden unter den Füßen sucht. Begonnen hat der Ver-
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lust mit der historischen Kritik der klassischen Autoren, leidenschaftlichen und völlig Kräfte zehrenden Kampf
die wie selbstverständlich bei den biblischen Schriften Nietzsches gegen Christus, Gott und das Christentum
fortgesetzt wurde. Leidenschaftlich kämpft er danach insgesamt, ein zutiefst verwundetes Abarbeiten an der
gegen die leidenschaftslose historische Radikalkritik Theodizeefrage und dem biblischen Hiob. „Ewige Wie-
des David Friedrich Strauß, die seinerzeit die Theologie derkehr“ wird Nietzsches Fels des Atheismus gegen die
in helle Aufregung und emsige Apologetik versetzte. klassische abendländische Metaphysik und den christli-
Für Strauß hat Nietzsche nur Verachtung übrig, er chen Glauben.
kämpft mit ihm und muss ihm dennoch irgendwann Zu den Folgen für den Menschen schreibt die Ver-
unterliegen. Mit denjenigen, die die Radikalkritik von fasserin: „Das Ungültigwerden aller Maßstäbe, die nicht
Strauß durch eine „gemäßigte“ Kritik zu heilen versu- mehr um Urmaß des Guten geeicht sind, Gut, Böse,
chen, geht Nietzsche schonungslos ins Gericht; wer die alles wird relativ, illustriert Nietzsche in seiner Bedeu-
biblischen Texte seziert, zerstört sie und vernichtet ihre tungsschwere durch ein Auseinanderbrechen des Kos-
Kraft und ihr Leben – die vermeintlichen Retter werden mos: paradox wird von ihm das ‘unendliche Nichts’
so zu leidenschaftslosen Buchhaltern des Unterganges beschworen, der Vorgang ist atemberaubend; es versa-
des Christentums. Das Ringen um die historische Kritik, gen die Kategorien der Beschreibung, die eine Auflö-
Nietzsches vielfach treffende Diagnosen und der damit sung von Allem in Nichts aussagen sollen; das Univer-
gleichwohl verbundene Glaubensverlust lassen den Le- sum implodiert oder explodiert; existentiell geschieht,
ser das Buch nur ungern aus der Hand legen, es sei wie in Hölderlins Schicksalslied des Hyperion, ein unauf-
denn, um den einen oder anderen begleitenden Blick in haltsames heilloses und ungewisses Fallen ohne Halt“
die Schriften Nietzsches zu werfen. Wer Theologie stu- (483).
diert (hat), sieht hier die ganzen Fragen der historischen Im Hinblick auf die letzte Schaffenszeit Nietzsches
Kritik bis in die Gegenwart meisterhaft diagnostiziert, zeigt die Verfasserin auf dem Hintergrund des Darwi-
dass einen nachdrückliches-engagiertes oder auch ganz nismus die letzten Konsequenzen auf, zu denen ein
pragmatisch-lustloses Beharren auf historischer Kritik solches Denken führt: Weg von einem christlichen Aus-
heutzutage nur verwundern kann. An Nietzsche zeigt gleich von starken und schwachen Menschen und Le-
die Verfasserin zugleich: Eine gute, treffende Diagnose bewesen der Schöpfung, ja von der Unterstützung für
ist notwendige, aber noch nicht hinreichende Bedin- schwache Menschen weg hin zu einer bedingungslosen
gung für eine angemessene und erfolgreiche Therapie. Vergötzung des starken und Verachtung alles schwa-
Ein weiterer, für die Theologenschaft besonders chen Lebens. Biographisch begleitet wird diese Zeit
denkwürdiger Schritt Nietzsches ist damit gegeben, durch den Kontrast einer irrsinnigen Selbstüberschät-
dass Darwins Entwicklungslehre in sein Leben tritt. Die zung und seiner immer offener zutage tretenden geisti-
Verfasserin macht durch die Bezüge auf die evolutionä- gen und körperlichen Schwächen. Die Selbstdeutung
re Erkenntnistheorie und Ethik deutlich, dass bei Nietz- sowie die rückblickende Einschätzung seiner Werke
sche in vielfältiger Weise die Schritte unserer Zeit vor- erreichen schwindelnde Höhen. Vom Anfang bis zum
weg genommen werden, die heute Stück für Stück zu Ende räumt die Verfasserin dem Zusammenhang von
Ende gedacht und dann auch praktiziert werden. Die Lebensdramatik und kämpfendem Werk bei Nietzsche
auch von Theologen heute fast völlig selbstverständlich einen sehr hohen Stellenwert ein. Ebenso gegenwärtig
aufgenommene Evolutionslehre wird im Ringen Nietz- ist die Geistesgeschichte unter besonderer Berücksich-
sches in ihrer ganzen Tragweite deutlich: Der Verlust tigung der Geschichte des christlichen Denkens und
der Teleologie, der Ziel- und Zweckhaftigkeit unserer Glaubens, an der sich Nietzsche wund gerieben hat.
Welt, führt dazu, den Menschen nicht mehr an der Theologische Nietzscheforschung findet reichhaltig Be-
Ebenbildlichkeit Gottes, sondern an der Tierwelt zu achtung.
messen. Nietzsche diagnostiziert dabei nicht nur den Fazit: Ein ungewöhnlich und außerordentlich emp-
Werteverfall, sondern wird zunehmend auch zum Pro- fehlenswertes Werk, nicht nur für philosophisch, son-
pheten des Werteverfalls, der ihn voran treibt. Wieder dern auch theologisch und an treffender geistlicher
erleben wir Nietzsche in der Darstellung der Verfasse- Diagnose interessierte Leser.
rin als Trauernden über das Verlorene, zugleich aber
auch als unermüdlich und rücksichtslos vorwärts Schrei-
tenden. Aus „Ichthys“ Nr. 42, Wiedergabe mit freundlicher Geneh-
Gottesverlust, Gottesersatz, Tod Gottes und der ver- migung des Arbeitskreises geistliche Orientierungshilfe
göttlichte Mensch sind schließlich geboren aus einem im Theologiestudium (AgO), Marburg (www.agorax.de).