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WORT UND WISSEN

Wissenschaft ohne Gott?


Buchbesprechung von Reinhard Junker

Lydia Jaeger: Wissenschaft ohne Gott? Zum Verhältnis schaft eines einsichtigen und mächtigen Wesens entspringen“
zwischen christlichem Glauben und Wissenschaft. (S. 33). Die Einsicht, dass der Schöpfer frei in seinem Handeln
Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn, 2007. Pb., 121 S., und dass das menschliche Verstehen begrenzt ist, schützt vor
12,90 Euro. unkontrollierter Hypothesenbildung zugunsten der
Erfahrungsorientiertheit. Wahre Wissenschaft konnte für die
In den Medien werden seit einigen Jahren der sogenannte genannten Forscher niemals dem Glauben widersprechen,
Kreationismus und der „Intelligent Design“-Ansatz nicht nur sondern musste den Menschen dazu bringen, „seinen Schöp-
(wie schon früher) als unwissenschaft- fer noch mehr zu verehren, je mehr sich
lich, sondern auch als wissenschafts- ihm die Geheimnisse der Natur erschlie-
gefährdend und demokratiefeindlich ßen“ (S. 31). Das gilt auch für Galilei, der
gebrandmarkt. Oft gerät dabei jegli- fälschlicherweise geradezu stereotyp
cher Bezug auf einen Schöpfer im als Kronzeuge für den Konflikt zwi-
Zusammenhang mit wissenschaftli- schen Wissenschaft und Religion auf-
chem Arbeiten mit unter die Räder. In geboten wird. Im Fall Galilei ging es
dieser Situation kommt dieses Buch nicht um Kirche gegen Wissenschaft,
von Lydia Jaeger gerade recht. Denn sondern um eine „Auseinandersetzung
es zeigt in einer soliden wissenschafts- zwischen zwei unterschiedlichen wis-
historischen Analyse und anhand des senschaftlichen Ansätzen“ (S. 23) – un-
biblischen Schöpfungsglaubens die Un- beschadet des Fehlverhaltens, das auf
haltbarkeit solcher pauschaler Diffa- beiden Seiten vorkam. Eine positive
mierungen. Der Schöpfungsglaube Haltung zur wissenschaftlichen For-
widerspricht naturwissenschaftlichem schung kann auch bei den Reformato-
Forschen nicht, sondern ist in gewisser ren beobachtet werden. Die Autorin
Weise dessen Basis. zeigt dies etwas ausführlicher am Bei-
Das Buch ist eine Übersetzung aus spiel Calvins. Sie kommt zum Schluss,
dem Französischen; es erschien im dass die moderne Wissenschaft zwar
Original im Jahr 2000. Sein Inhalt ist nicht direkt aus dem Christentum ab-
also nicht als Antwort auf die seit Mitte zuleiten, dass aber der christliche
2005 aufgeflammte Medienkampagne Schöpfungsglaube gleichsam Pate der
zum Thema Schöpfung und Evolution Wissenschaft sei (S. 39f.).
verfasst worden. Vor deren Hintergrund ist dieses Buch heute Im zweiten Kapitel geht es um das biblische Weltbild, der
aber ausgesprochen aktuell. Lehre von der Schöpfung und der Vorsehung. Die Schöpfung
Die Autorin ist Dozentin und Studiendirektorin am Institut ist ein Akt des dreieinigen Gottes, Gott erschuf aus freiem
Biblique de Nogent-sur-Arne, einer Bibelschule bei Paris. Willen, Gott schuf am Anfang, Gott schuf das ganze Univer-
Nach dem Studium in Physik in Köln folgte ein Studium der sum und Gott schuf aus dem Nichts durch sein Wort. Die
Theologie im französischen Vaux-sur-Seine. Den Doktorgrad Geschöpfe existieren eigenständig, sind aber abhängig von
erwarb die Autorin sich mit einer Arbeit über die möglichen Gott. Die Autorin unterscheidet unter Verweis auf zahlreiche
Beziehungen zwischen dem Begriff des Naturgesetzes und biblische Aussagen zwischen der Erschaffung der Welt und
religiösen Überzeugungen. Für die interdisziplinären Fragen, ihrer Erhaltung unter der Regentschaft Gottes. Sie verwirft die
die sie in ihrem Buch angeht, ist sie also gut gerüstet. Vorstellung von einem kontinuierlichen Schöpfungsakt. Durch
Im ersten Hauptteil widmet sich die Autorin den Anfängen den initialen Schöpfungsakt „erhält die Schöpfung eine dau-
der Wissenschaft im modernen Sinne. Johannes Kepler, Ro- erhafte Stabilität, die es ihr ermöglicht, aktiv zu sein und zum
bert Boyle und Isaac Newton betrieben Naturwissenschaft, Auslöser für weitere Auswirkungen zu werden“ (S. 53). Hier
weil sie die Welt als Schöpfung verstanden und daher Ratio- geht es um die sogenannten „Zweiten Ursachen“ (causae
nalität und Ordnung erwarteten, die erforschbar ist. So konnte secundae), um Kausalzusammenhänge auf der Basis des zuvor
für Newton die „überaus geschickte Anordnung der Sonne, Geschaffenen. „Gott erhält seine Schöpfung am Leben und
der Planeten und der Kometen nur dem Plan und der Herr- lenkt den Lauf der Geschichte, aber er tut es, indem er die Natur
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jedes Wesens respektiert und so den Zweiten Ursachen er- dreierlei Weise aus dem biblischen Schöpfungsgedanken: 1.
laubt, zum Tragen zu kommen“ (S. 54). Aus der Freiheit des Schöpfers und der damit verbundenen
Weshalb ist nun Wissenschaft gerade in einer geschaffe- Nicht-Notwendigkeit der göttliche Werke. Darum können die
nen Welt möglich? Mit dieser interessanten Frage setzt sich Gesetze der Welt nicht durch Mutmaßungen oder durch den
Lydia Jaeger im dritten Kapitel auseinander. Die von Gott bloßen Einsatz des Verstandes entdeckt, sondern müssen
eingesetzte Ordnung und seine Herrschaft durch die Zweiten durch Empirie erforscht werden. 2. Da die Welt als geschaf-
Ursachen ermöglicht Regelmäßigkeiten des Weltgeschehens fene Welt entmythologisiert ist, kann der Wissenschaftler sie
und die Unveränderlichkeit ihrer Ordnungen. Einige Passa- untersuchen. 3. Die materielle Welt erfährt eine Wertschät-
gen der Bibel drücken auch explizit die Überzeugung aus, zung, denn sie ist Schöpfung Gottes. Damit wird auch das
„dass die Gesetze der Schöpfung universell sind“ (S. 61). handwerkliche Tun wertgeachtet und somit auch die „Hand-
„Diese Universalität leitet sich aus dem biblischen Monothe- arbeit“ der Wissenschaft hochgeschätzt.
ismus ab“, denn alles ist seiner Herrschaft unterstellt, und nur Aus dem 4. Kapitel („Ist eine naturalistische Wissenschaft
ein allmächtiger Schöpfer „kann die Stabilität der im Schöp- überhaupt denkbar?“) sei die Frage nach den Wundern her-
fungsakt eingesetzten Ordnungen garantieren“ (S. 62). Diese ausgegriffen. Unterminiert es nicht die Wissenschaft, wenn es
Ordnung ist für den Menschen verstehbar und der Garant für ein göttliches Eingreifen gibt? Dies wird in der aktuellen
erfolgreiche wissenschaftliche Forschung. „Da Gott sowohl Kampagne um Schöpfung und Evolution oft behauptet. Tat-
die Natur als auch den menschlichen Geist erschaffen hat, sächlich sind in der Bibel Wunder selten und sie haben immer
garantiert dieser gemeinsame Ursprung, dass zumindest eini- Zeichencharakter und sind mit einem besonderen Sinn ver-
ge Facetten der geschaffenen Ordnung für den Menschen bunden; es handelt sich nicht um willkürliche Zaubereien
zugänglich sind“ (S. 65). Doch ist auch eine gewisse Distanz (womit die biblischen Wunder manchmal unsachgemäß ver-
zwischen Mensch und Natur erforderlich, so dass der For- glichen werden). Gelegentlich vorkommende Wunder stören
scher und sein Forschungsobjekt einander gegenüber stehen. nicht die Analyse experimenteller Ergebnisse und stellen
Auf der anderen Seite stößt der menschliche Verstand wissenschaftliches Arbeiten nicht in Frage.
auch an Grenzen. Das liegt zum einen an der Unbegreiflichkeit Im abschließenden Kapitel „Lehrt die Bibel Wissenschaft?“
Gottes, zum anderen aber auch an dem Bruch zwischen Gott wendet sich die Autorin einerseits gegen eine Entflechtung
und Mensch, den die Bibel Sünde nennt und der dazu führt, von biblischer Lehre und naturwissenschaftlicher Forschung;
dass die Menschen „die Wahrheit in Ungerechtigkeit gefan- das liefe auf eine Spaltung der Wirklichkeit hinaus, die dem
gen“ halten (nach Paulus im 1. Kapitel des Römerbriefs). Trotz biblischen Schöpfungsverständnis nicht gemäß wäre. Zum
der Sündhaftigkeit kann aber der Mensch etwas von der anderen hält sie nichts davon, in biblischen Texten naturwis-
Schöpfung verstehen. Die Autorin macht deutlich, dass der senschaftliche Bezüge zu suchen, die erst in viel späterer Zeit
Wunsch alles erklären zu wollen, „nichts mit Wissenschaft, sich als mit der Wissenschaft übereinstimmend erweisen.
sondern vielmehr mit Szientismus“ zu tun“ hat (S. 68). Denn „Denn dabei würde es sich um ein sehr beliebiges
„wäre der menschliche Verstand ausschließlich von physika- Interpretationsvorgehen handeln, das wiederum ebenfalls an
lischen und chemischen Gesetzen bestimmt, wäre nicht er- einen ganz bestimmten Wissensstand einer Epoche, nämlich
klärbar, warum er zu Schlussfolgerungen kommen kann, die der unsrigen, gebunden wäre“ (S. 97). Der erste Dialog zwi-
als wahr bezeichnet werden“ (S. 68). schen Bibel und Wissenschaft betreffe den Bereich der Ge-
Die Wirklichkeit ist facettenreich, und nur bei Anerken- schichte, aber es sei auch angebracht, nach Bezügen zu
nung von mindestens zwei Bereichen der Realität ist Wissen- naturwissenschaftlichen Aspekten zu fragen.
schaft überhaupt möglich: die (natur)wissenschaftlich be- Aus den Schlussbemerkungen der Autorin sollen abschlie-
schreibbare Dimension und der menschliche Verstand. Ein ßend folgende Sätze wiedergegeben werden: „Der Glaube an
Reduktionismus würde dagegen fordern, dass jedes Phäno- Gott wehrt sich gegen einige übertriebene Erwartungen an
men physikalisch-chemisch aus Gesetzen abgeleitet werden die Wissenschaft, denn diese kann die Realität nicht erschöp-
kann, was dann auch auf jede wissenschaftliche Aussage fend erforschen und darf deshalb nicht der Versuchung unter-
zutreffen würde. Ein Gegenüber zwischen Forscher und liegen, sich als einziger Weg der Erkenntnis zu verstehen.
seinem Forschungsgegenstand gäbe es nicht mehr, womit Gegen einen radikalen Skeptizismus liefert aber der biblische
Wissenschaft ad absurdum geführt wäre. Daher gilt: „Damit Schöpfungsgedanke gerade eine solide Basis für den Ansatz
Naturwissenschaft überhaupt möglich ist, müssen wir gerade der Wissenschaft“ (S. 105).
voraussetzen, dass sie das Wesen des menschlichen Verstan- Das Buch liest sich durchweg leicht und kurzweilig und
des nicht vollständig beschreibt“ (S. 75). Echte Wissenschaft vermittelt wertvolle Einsichten. Es sei allen empfohlen, die
mache demütig, erkenne ihre Grenzen an und beuge sich dem sich für Fragen der Wissenschaft im Zusammenhang mit dem
Vielschichtigen. biblischen Schöpfungszeugnis interessieren, inbesondere
Bemerkenswert sind auch die Ausführungen zum experi- angesichts der aktuellen Kampagnen gegen den Schöpfungs-
mentellen Ansatz der Wissenschaft. Er erschließe sich auf bezug in der Wissenschaft.