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W+W-Disk.-Beitr.

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„Propheten des Aberglaubens“


Buchbesprechung von Reinhard Junker

Jochem Kotthaus: Propheten des Aberglaubens – Der giöse Diktatur“ (S. 114). Belege und Begründungen für
deutsche Kreationismus zwischen Mystizismus und solche schwerwiegenden und pauschalen Behauptun-
Pseudowissenschaft. LIT-Verlag Münster, 2003, 160 S:, gen sind dürftig oder fehlen ganz; sie wirken, wenn der
15,90 €, ISBN 3-8258-7032-4. Autor sie einmal äußert, an den Haaren herbeigezogen.

Ende 2003 erschien das Buch „Propheten des Aberglau- Wissenschaftstheoretisches


bens“ des Diplom-Pädagogen Jochem Kotthaus. Die Rich- Kotthaus übt viel Kritik am Wissenschaftsverständnis,
tung des Buches ergibt sich rasch aus dem Vorwort von das in kreationistischer Literatur zum Ausdruck kommt.
U. Kutschera. Eine „äußerst wortgewandte Gruppe gläubiger Er bemängelt eine zu starke Fixierung auf das Beobach-
Christen“ wolle „die Uhr der Biologiegeschichte um 150 tbare; Wissenschaft habe es jedoch auch mit Unbeobacht-
Jahre zurück“ stellen. Biologisches Faktenwissen werde barem zu tun. In der Tat ist das methodische Vorgehen
„geschickt dazu missbraucht“, dem Laienpublikum eine im kreationistischen Schrifttum nicht selten undurch-
„Theo-Biologie“ einzuimpfen (S. 7). Formulierungen die- dacht und fragwürdig. Hier hat Kotthaus berechtigte
ser Art durchziehen das ganze Buch. Kein Zweifel: Es Kritikpunkte genannt. Dies im einzelnen darzustellen,
handelt sich um eine Kampfschrift. Die Öffentlichkeit soll würde den Rahmen dieser Rezension sprengen.
gewarnt werden: „Die ... Argumentationsstruktur des Krea- Allerdings argumentiert der Autor auch hier oft un-
tionismus ist ... pseudowissenschaftlich und mystizistisch. Dies differenziert: „Die Inbezugsetzung von Wissenschaft und
ist seine wahre Gefahr!“ (S. 146) Die ausgeprägt negative Glaube entspringt und/oder führt zu dem Gedanken des Lük-
Haltung des Autors gegenüber Kreationisten wird schon kenbüßer-Gottes“ (S. 17). Einerseits erläutert Kotthaus
im Titel „Propheten des Aberglaubens“ deutlich, aber auch diesen Satz mit dem Hinweis, daß Gott durch Wissens-
im Buch selbst, wenn er z. B. auf S. 33 die Worte „Wissen- zuwachs immer mehr verschwindet, wenn er der Lük-
schaftler“ und „Professoren“ bei Kreationisten in Anfüh- kenbüßer unverstandener Dinge ist. Das stimmt. Ande-
rungszeichen setzt, oder durch die Verwendung zahlrei- rerseits ist aber die Annahme eines Lückenbüßer-Gottes
cher ausgeprägt abfälliger Formulierungen (z. B. die Be- keine Folgerung aus dem Ansatz, Wissenschaft und
zeichnung eines Kreationisten als „Kettenhund“; S. 35). Glaube zueinander in Beziehung zu setzen, wie der
Autor im obigen Zitat meint. Kotthaus geht noch weiter
Der Inhalt und fordert, daß ein Eingreifen Gottes, ja selbst die
Der Untertitel läßt eine spezielle Darstellung der deut- Möglichkeit seines Wirkens, in wissenschaftlichen Über-
schen Situation erwarten. Doch weit gefehlt. Es dürfte legungen außer acht gelassen werden müsse (S. 144;
noch zu tief gegriffen sein, wenn man feststellt, daß Hervorhebung nicht im Original). Das läßt sich jedoch
mindestens die Hälfte des Buches sich mit Autoren und nicht wissenschaftstheoretisch, sondern nur weltanschau-
Positionen aus dem angelsächsischen Bereich befaßt. Dies lich begründen, denn hier wird die Möglichkeit des
ist überraschend, da der Autor selbst feststellt, daß die Wirkens Gottes grundsätzlich ausgeschlossen.
Situation in Deutschland anders ist als in den USA. Den- Klärungsbedarf für die Schöpfungsforschung sehe
noch beschäftigt er sich über weite Strecken mit den ich zum Beispiel darin, wie mit der Tatsache, daß Gott
Verhältnissen in den USA, die hierzulande kaum zutref- eingreift (und wir oft nicht wissen, wann und wie das
fen. geschieht) methodisch umgegangen werden soll. Zum
Die folgenden Kommentare messen das Buch an sei- Beispiel wurde von anderer Seite der Kritikpunkt geäu-
nem Titel, also daran, ob der „deutsche Kreationismus“ ßert: Unter der Vorgabe einer Schöpfung könnten alle
angemessen dargestellt wird. nur denkbaren Merkmalsmuster unter den Lebewesen
Nach einigen Begriffsklärungen (Aberglaube, Pseu- verwirklicht sein, ebenso aber auch die Abwesenheit
dowissenschaft, Kreationismus) folgt eine ziemlich aus- jeglicher Muster. Mit „Schöpfung“ könnten wir also
führliche Vorstellung einiger Kreationisten (von sieben jedes Merkmalsmuster oder auch dessen Abwesenheit
Personen sind nur drei Deutsche). Es folgt ein Kapitel erklären; das heißt, wir könnten gar nichts erklären.
über den „Kreationismus im gesellschaftlichen Kontext“. Dieses Beispiel soll hier nicht diskutiert werden; es soll
Das Buch schließt mit einer Darstellung, wie der Kreatio- nur zeigen, daß es nicht unmittelbar auf der Hand liegt,
nismus die Evolutionstheorie beurteilt. Kotthaus beschäf- welche methodischen Vorgehensweisen folgen, wenn
tigt sich kaum mit Sachargumenten. Sein Interesse gilt eine Schöpfung zugrunde gelegt wird.
vielmehr wissenschaftstheoretischen und theologischen,
aber auch soziologischen Aspekten. Die Theologie von Kotthaus
Der Autor läßt öfter (eher zwischen den Zeilen) erken-
Pauschale Charakterisierungen und undifferenzierte nen, daß für ihn in irgendeiner Weise Gott existiert; er
Behauptungen argumentiert nicht allgemein gegen Religiosität. Seine
Kotthaus’ Buch ist durchsetzt mit pauschalen Charakteri- eigene Sicht legt er zwar nicht explizit dar, einiges davon
sierungen wie die Kennzeichnung des Kreationismus als kommt aber in vielen Formulierungen zum Ausdruck.
„fundamental-christliche Wissenschaftsfeindlichkeit“ (S. 31). So vertritt er an zahlreichen Stellen eine strikte Tren-
In kreationistischer Literatur würde sinnentstellend zi- nung von Glauben und Wissen (S. 17), wobei Glaube sich
tiert (S. 40). Der Kreationismus stelle die Evolutionstheo- nach Kotthaus wohl nur auf die Innerlichkeit der eige-
rie regelmäßig in eine Reihe mit dem Faschismus (S. 87). nen Psyche beschränkt (S. 24). Für wissenschaftliche
Er würde seine Ansprüche geschickt verbergen (S. 88); Überlegungen spiele es „keine Rolle, ob Gott die Welt, das
mit dem Kreationismus gehe die Reise in den Gottesstaat Leben und den Menschen in einem gewaltigen Akt schuf“ (S.
(S. 90), aus Kreationismus resultiere „eine gesellschaftswei- 146). Seiner Auffassung nach können wir über Gott
te Zwangsreligiosität und -moraliät, ... eine fundamental-reli- nichts wissen: „Wenn Gott existiert, dann ist er unfassbar“

DISKUSSIONSBEITRÄGE, BERICHTE,
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(S. 146); wir könnten seine Natur nicht verstehen. Das ist von mir oder anderen Mitarbeitern von Wort und Wis-
eine Position, die völlig außer acht läßt, das Gott sich sen weder behauptet noch durchgeführt. Hier wird mit
geoffenbart hat, abschließend und alles überbietend in einem Strohmann gearbeitet. Strohmänner finden sich
Jesus Christus. Unausgesprochen lehnt Kotthaus damit an vielen Stellen im Buch von Kotthaus (z. B. S. 70, 71,
jede Offenbarung ab; anders können seine Formulierun- 78f., 84, 87, 88, 122, 131 usw.).
gen nicht verstanden werden. Dazu paßt, daß es für ihn Weiter: „JUNKER geht es jedoch nicht wirklich um eine
Aberglaube ist, wenn Christen auf Erhörung persön- Evolutionskritik, sondern um eine Bestätigung Gottes in der
licher Gebete hoffen oder glauben, daß Gott in persön- Wissenschaft, eine Machbarmachung biblischer Ereignisse
licher Not hilft (S. 16). Kurz: Gott hat bei Kotthaus in der unter Beibehaltung möglichst vieler wissenschaftlicher Ver-
Welt nichts zu suchen. satzstücke“ (S. 77). Auch für diese Behauptung kann Kott-
haus keine Quellenangabe anführen; es gibt sie nicht.
Die Motivation des „Kreationismus“ Kein Wunder: Seit der Gründung von Wort und Wissen
Kotthaus hat nicht verstanden, was Christen motiviert, sind zahlreiche Publikationen erschienen, in denen im
die Evolutionstheorie kritisch zu hinterfragen und die Gegenteil nachzulesen ist, daß Schöpfungsforschung eben
Bibel in ihren naturgeschichtlichen und historischen Be- nicht auf eine „Bestätigung Gottes“ oder einen Beweis
zügen zur Geltung zu bringen. Zumindest kommen in von Schöpfung (S. 122) abzielt, vielmehr wird die Wahr-
seinen Ausführungen die wichtigsten und vielfach pu- heit der Bibel vorausgesetzt. Diese Reihe könnte fortge-
blizierten Gründe nicht vor, nämlich die heilsgeschicht- setzt werden. Auch bezüglich anderer Autoren belegt
lichen Zusammenhänge, insbesondere gemäß Römer 5 Kotthaus seine Behauptungen nicht immer mit Quellen-
und 8. Für einen Autor, der sogar Literatur zitiert, die angaben.
diesen Punkt z. T. ausführlich thematisiert, ist das schon Viele Kritikpunkte bringt der Autor ohne genauere
erstaunlich. Vielleicht hängt dies damit zusammen, daß Begründung. Drei Beispiele: Der Ansatz von Michael
Kotthaus eben nicht spezifisch die deutsche Situation Behe (es geht dabei um irreduzible Komplexität) sei
beleuchtet, sondern faktisch mehr den internationalen wissenschaftstheoretisch wertlos (S. 36); der Ansatz des
Kreationismus, bei dem diese Motivation vergleichswei- „Intelligent Design“ würde seine Unwissenschaftlich-
se zurücktritt. keit gut verbergen (S. 36). „Wissenschaftlich ist Wilder-
Da der Autor die tatsächliche Motivation für Schöp- Smiths Hauptthese ohne Wert“ (S. 58).
fungsforschung nicht erfaßt und zudem von Vorurteilen Der Autor arbeitet mit falschen Gegensätzen und –
gesteuert ist, spekuliert er über andere vermeintliche wie schon erwähnt – mit Strohmännern. Auch dazu
Gründe. Beliebt und auch bei Kotthaus zu finden sind die nochmals ein Beispiel: „Die Welt wird nicht mehr als gottge-
Mutmaßungen, es gehe den „Kreationisten“ darum, „Si- ben und unveränderlich, sondern als gestaltbar wahrgenom-
cherheit“ zu finden, und es gehe um „Machterhalt“ (S. men“ (S. 30). Bei Kotthaus sind „gottgegeben“ und „ge-
73). Die Begründungen dafür sind sehr gekünstelt; im staltbar“ fälschlicherweise Gegensätze; es ist ein Stroh-
Falle des „Machterhaltes“ ist sie – besonders im säkulari- mann, daß die Welt aus biblischer Sicht unveränderlich
sierten Europa! – geradezu abwegig: „Dabei verhält sich sei.
der Kreationismus nicht nur abergläubisch und pseudowissen-
schaftlich, sondern reproduziert soziale sowie persönliche Fazit
Machtstrukturen, Ungleichheiten und Benachteiligungen“ (S. Der internationale Kreationismus stellt sich – abgesehen
73). von gemeinsamen biblischen Grundüberzeugungen –
als sehr heterogen dar. Kotthaus hat sich auf die extre-
Unbelegte, unbegründete Behauptungen und Stroh- men „Flügel“ des Kreationismus konzentriert, die er am
männer besten kritisieren kann und die auch aus meiner Sicht in
Der Vorwurf, den Kotthaus an die Adresse des „Kreatio- Teilen kritisierbar sind. Zum Beispiel: Es stimmt, daß
nismus“ richtet, dort würden viele Behauptungen quel- manche „Kreationisten“ den Evolutionismus in eine Rei-
lenmäßig nicht belegt (S. 40), trifft in ausgeprägter Weise he mit anderen -ismen gestellt haben. Aber stellt der
auf ihn selbst zu. Da ich einer der von ihm begutachteten Kreationismus „die Evolutionstheorie ... regelmäßig in eine
„Kreationisten“ bin, kann ich dies entsprechend genau Reihe mit dem Faschismus oder einem diktatorischen Sozialis-
beurteilen. Über mich werden – neben einigen durch mus“ (S. 87)? Im deutschsprachigen Raum ist dieses The-
Zitate korrekt belegten Dingen – recht abenteuerliche ma insgesamt eine Randerscheinung. (Auf der W+W-
Aussagen gemacht, für die der Autor keine Belege bringt; Homepage gibt es nur zwei, zudem sehr differenzierte
er kann dies auch nicht, weil es sie nicht gibt. Einige Beiträge, in denen dieses Thema vorkommt.) Kotthaus’
„Beispiele: „Rein spekulativ könnte JUNKER annehmen, dass Analyse ist daher keineswegs allgemein zutreffend oder
das Leben sich nicht aus einer, sondern aus einer Vielzahl von auch nur halbwegs ausgewogen, vielmehr zeichnet sich
Urzellen entwickelt habe. Aus jeder dieser Entwicklungsreihen sein Buch durch eine Vielzahl von Pauschalisierungen
sei dann eine unterschiedliche ,Art’ entstanden“ (S. 77). Eine (wie der soeben zitierten) aus, die kaum noch zu überbie-
solche Annahme treffe ich nicht. Falsch ist folgende Pas- ten sind.
sage: „Die Einführung Gottes in das wissenschaftliche Den- Reinhard Junker
ken stellt für JUNKER jedoch eine Notwendigkeit dar, ein
grundsätzliches und aus seinem christlichen Selbstverständ-
Weitere Exemplare dieses Blatts können kostenlos angefordert
nis zu erklärendes Merkmal des wissenschaftlichen Arbeitens.
werden bei: SG WORT UND WISSEN, Rosenbergweg 29, D–72270
Ohne die Hinzufügung Gottes ist kein Theoriesystem JUNKERS Baiersbronn, Tel. 0 74 42 / 8 10 06 (Fax 8 10 08), oder bei W+W-
komplett, d. h. es würde nicht angemessen seine religiösen Medienstelle, Heimgarten 2163, CH-8180 Bülach.
Gefühle und Grundüberzeugungen ausdrücken“ (S. 77). Da Für Kosten bei Abnahme größerer Mengen wird eine Spende
der Autor an anderer Stelle meine Dissertation zitiert, erbeten: Sparkasse Hagen BLZ 450 500 01, Kto. 128 014 660;
könnte er es besser wissen. Gott selber kann natürlich Postfinance Basel, Kto. 80-76159-5.
nicht in ein Theoriensystem eingefügt werden. Das wird Studiengemeinschaft WORT UND WISSEN 2004 – kopieren erlaubt!

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