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Begegnung mit dem lebendigen Gott!

»In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen
auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den
Tempel. Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel:
Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre
Füße und mit zweien flogen sie. Und einer rief zum andern und
sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande
sind seiner Ehre voll! Und die Schwellen bebten von der Stimme
ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch. Da sprach ich: Weh
mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter
einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den
HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen. Da flog einer der
Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er
mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und
sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine
Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei.
Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich
senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich,
sende mich!« (Jesaja 6:1-8)

Der Bericht Jesajas ist doch äußerst eindrucksvoll. Es gelingt


ihm, sehr anschaulich die Situation zu beschreiben. Man meint
fast, dass man selbst dabei gewesen wäre.
Allerdings muss man feststellen, dass diese Berufung ein ganz
besonderes, ein einmaliges Ereignis war. Wir können nicht
daraus ableiten, dass Gott immer genau so berufen muss. Gott
handelt sehr individuell – trotzdem können wir auch aus einem
solch einmaligen Ereignis etwas für uns heute lernen.
Gott begegnet Jesaja in beein druckender Weise – er ist ihm
außer ordentlich nah.
Der Text schildert diese Nähe Gottes sehr plastisch.

Wann ist uns Gott nahe?


In der Regel macht es uns mehr Mühe, wenn wir den Eindruck
haben, Gott ist uns fern.
Er antwortet nicht auf unsere Gebete – er hilft uns nicht aus
einer Notlage – wir sehen keine Tür, durch die wir gehen
könnten.
Das ist nicht immer ein Zeichen dafür, dass unsere Beziehung
zu Gott gestört ist – es kann auch eine Prüfung Gottes sein, der
unseren Glauben, unser Vertrauen herausfordern möchte.
Denken wir an das Beispiel vom sogenannten »ungläubigen
Thomas« (Johannes 20:24-29). In diesem Zusammenhang sagt
Gottes Wort: »Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.«
Aber dann gibt es auch Augenblicke, in denen wir den Eindruck
haben, dass Gott uns nah ist, sehr nah sogar. Dabei stellt sich
mir aus unserem Text heraus die Frage:
Wollen wir überhaupt, dass Gott uns nahe kommt, wirklich nah,
vielleicht zu nah, so wie bei Jesaja?
Wir meinen oft, dass wir über Gott ja schon alles wissen. Gott ist
für uns »beherrschbar« geworden, wir kennen ihn, wir wissen,
was er denkt, auch über uns. Wir kennen seine Pläne mit
unserem Leben – wir sind uns doch recht sicher, dass wir genau
so leben, wie Gott es sich für uns vorstellt. Wir brauchen so eine
besondere Nähe Gottes eigentlich nicht mehr. Wir sind doch
ganz zufrieden, so wie wir leben.
Manche kennen vielleicht noch diese alten Taschenuhren. Man
trägt sie an einer möglichst goldenen Kette, am besten in einer
Westentasche. Sie stellt für uns schon etwas Wertvolles,
Kostbares dar, besonders wenn es sich um ein altes Erbstück
handelt.
Gott ist für uns vielleicht auch so etwas Kostbares, Wertvolles.
Und wir ziehen ihn wie eine solche Taschenuhr aus der
Westentasche – wir schauen ihn an – und wir bekommen damit
sogar Orientierung – aber dann stecken wir ihn wieder weg, bis
wir ihn wieder brauchen.
Bei Jesaja erleben wir allerdings etwas ganz anderes. Jesaja
erschrickt ganz furchtbar, denn diese Nähe Gottes machte ihm
bewusst, wie wenig er in die Gegenwart Gottes passte, wie
wenig er als ein sündiger Mensch die Heiligkeit Gottes aushalten
konnte.
Und er kann nur noch rufen: »Wehe mir, ich vergehe!« Kein
angenehmes Gefühl, was Jesaja da gehabt haben muss!
Im Unterschied zu einer Taschenuhr, die man in der Hand halten
kann, war nun plötzlich Gott der absolute Herrscher, der über
Jesaja verfügen konnte, und Jesaja wusste, dass er diesem
heiligen Gott nichts anbieten konnte. Im Gegenteil, was er bisher
in seinem Leben getan hatte, erschien ihm plötzlich alles unrein,
ja sogar so schlimm, dass er Todesangst bekam.
Dabei war Jesaja bestimmt kein besonders schlechter Mensch
gewesen. Und trotzdem empfindet er in dieser unmittelbaren
Nähe Gottes seine ganze Unreinheit, mit der er in der Heiligkeit
Gottes nicht bestehen kann.
Im Neuen Testament finden wir eine ähnliche Reaktion bei
Petrus. Jesus hatte von seinem Boot aus die Volksmenge
gelehrt. Und dann hatte er ihm die Anweisung gegeben, noch
einmal auf den See hinaus zu fahren und die Netze auszuwerfen.
Ganz gegen die Überzeugung der erfahrenen Fischer tat Petrus
das auch tatsächlich – und sie fingen eine große Menge von
Fischen. In Lukas 5: 8 + 9 lesen wir: »Als aber Simon Petrus es
sah, fiel er zu den Knien Jesu nieder und sprach: Geh von mir
hinaus! Denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr. Denn Entsetzen
hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren.«.
Anbetung Gottes hat immer etwas mit diesem Niederfallen vor
dem Heiligen Gott zu tun – mit Unterordnung. Ich unterwerfe
mich ihm.
Wenn zur Zeit Jesu im Römischen Reich ein Feldherr von einem
siegreichen Kampf zurückkam und in Rom im Triumphzug
einmarschierte, dann brachte er häufig den besiegten Herrscher
des feindlichen Landes mit, gegen den er Krieg geführt hatte.
Und dann verlangte er als einen Höhepunkt seines
Triumphzuges, dass dieser besiegte Herrscher ihn anbeten
musste.
Das sah dann so aus, dass dieser besiegte Feind sich vor dem
siegreichen Römer auf den Boden in den Staub zu legen hatte.
Dann setzte der Römer seinen Fuß auf den Nacken dieses
Mannes. Er blieb dann nur am Leben, wenn er dem Sieger
überzeugend zusagte, dass er in Zukunft nur noch das tun wird,
was der Sieger ihm befiehlt. Er gehörte dem Sieger.
Anbetung bedeutet: Ich falle vor meinem Herrn nieder. Ich weiß,
dass er der Herr über mein Leben ist, über Leben und Tod. Ich
sage ihm zu, dass ich ihm gehorsam sein werde und nicht mehr
meine eigenen Interessen vertreten werde.
Wenn Gott uns so nahe kommt, wie Jesaja das erlebt hat, dann
erkennen wir nicht nur die Größe, die Heiligkeit, die Majestät
Gottes, sondern wir erkennen vor allem auch uns selbst – und
das ist oft erschreckend.
Ein interessantes Beispiel finden wir im Neuen Testament auch
in Johannes 4. Jesus begegnet in Samaria einer Frau an einem
Brunnen. Sie kommen ins Gespräch. Sie sprechen auch darüber,
wie richtige Anbetung aussehen sollte. Aber dann plötzlich
gehen dieser Frau die Augen über sich selbst auf und sie
erkennt, dass sie vor Jesus wie ein offenes Buch ist. Ihr ganzes
sündiges Leben steht vor ihr.
Ich erwähnte vorhin schon einmal den sogenannten
ungläubigen Thomas, der nach der Auferstehung Jesu den
Berichten der anderen Jünger nicht glauben wollte, dass Jesus
tatsächlich auferstanden war und sie ihn gesehen hatten.
Nachdem er dann selbst Jesus sah, konnte er nur niederfallen
und ausrufen: »Mein Herr und mein Gott.« Ihm musste in diesem
Augenblick sein ganzes Misstrauen, sein Unglaube, sein
mangelndes Vertrauen in seinen Herrn bewusst geworden sein.
Aber er war auch von der Güte und Barmherzigkeit Jesu
überwältigt, der so persönlich auf ihn eingegangen war – und
das führte ihn zur Anbetung.
Bei Jesaja finden wir diese Gnade Gottes ebenso. Gott hatte
alles bereits vorbereitet. Es gab ein Feuer, auf dem glühende
Kohlen waren. Und nun kam ein Engel, nahm mit einer Zange
eine solche glühende Kohle und berührte die Lippen des Jesaja,
als Zeichen dafür, dass Gott ihn von all seinen Sünden reinigte.
Welch ein Gefühl der Dankbarkeit muss Jesaja erfüllt haben, als
ihm bewusst wurde, dass er in der Gegenwart des heiligen
Gottes nicht sterben musste, sondern dass Gott ihm gnädig war.
Er muss sich wie neu geboren vorgekommen sein. Gott
schenkte ihm sein Leben, ein neues Leben.
Und nun wusste Jesaja: Jetzt gehöre ich ganz diesem großen
Gott, jetzt kann er mit mir machen, was er will. Er hat mir ein
neues Leben geschenkt, damit ich ihm diene.
So wie damals im Römischen Reich der besiegte Mann seinem
Sieger gehörte und ihm zusagte, ab sofort nur noch die
Interessen seines Herrn zu vertreten, so muss Jesaja sich
vorgenommen haben, ab sofort alle eigenen Interessen
zurückzustellen und nur noch die Interessen seines Gottes zu
vertreten.
Im sechsten Kapitel des Jesaja-Buches schreibt der Verfasser
zum ersten Mal in der Ich-Form.
Gott ist ihm sehr nahe gekommen – jetzt geht es um ihn ganz
persönlich.
In Predigten wird oft die Wir-Form verwendet – aber es geht um
jeden Einzelnen ganz persönlich. Möchtest du das überhaupt, so
ganz persönlich angesprochen zu werden und dann dich selbst
zu erkennen?
Bei Jesajas Berufung hatte Gott alles für die Vergebung
vorbereitet. Es war auch äußerlich gesehen ein ganz besonderer
Tag, der große Versöhnungstag, ein ganz besonderes Ereignis
für Israel. Ein Tag, an dem Gott dem ganzen Volk Versöhnung
zusprechen würde.
Jesaja erlebt das jetzt aber nicht mehr in der Wir-Form. Er wird
sehr persönlich von der Nähe Gottes erfasst und erlebt
Vergebung sehr deutlich spürbar.
Und genau so möchte Gott jedem von uns ganz persönlich nahe
kommen.
Viele von uns haben diese Nähe Gottes einmal bei ihrer
Bekehrung erlebt.
Ihr habt euch selbst erkannt, Sündenerkenntnis kam in euch
hoch und manche werden das auch so empfunden haben: In der
Gegenwart Gottes kann ich nur sagen: Wehe mir, ich vergehe.
Aber dann durftet ihr Vergebung erfahren, weil euch bewusst
wurde, dass Gott selbst die Strafe für eure Sünden auf sich
genommen hat und ihr deshalb gereinigt werden konntet, weil
Jesus euch seine Gerechtigkeit, seine Reinheit schenkt.
Bei Jesaja wird dieser Vorgang sehr bildhaft mit der glühenden
Kohle geschildert, die Jesajas Lippen berührte und ihn reinigte.
Ich habe mich gefragt, ob das nicht sehr schmerzhaft gewesen
ist; eine glühende Kohle auf meinen Lippen? Jedenfalls hat sie
Jesajas Lippen nicht zerstört. Das Feuer Gottes ist nämlich
schon etwas Besonderes. Es verzehrt nicht, es löscht nicht aus.
Es reinigt. Ein Beispiel dafür finden wir übrigens auch bei der
Berufung des Mose. Gott spricht zu ihm aus einem brennenden
Dornbusch. Auch dort wird der Dornbusch nicht von dem Feuer
verzehrt.
Jesaja konnte nach diesem Ereignis durchaus noch sprechen.
Das wollte Gott ja gerade; er wollte ihn nicht vernichten,
sondern ihn für einen ganz besonderen Auftrag ausrüsten.

Wen soll ich senden?


Und dann stellte Gott diese entscheidende Frage: Wen soll ich
senden?
Für Jesaja war jetzt ganz klar: Ich gehöre diesem heiligen Gott,
ich tue alles, was er sagt. Und so antwortet er: Sende mich!
Jesaja war sich bestimmt bewusst, dass er damit keinen
einfachen Auftrag übernehmen würde. Und das, was er dem
Volk dann zu verkünden hatte, war auch nun wirklich nicht
angenehm.
Aber er verzichtete darauf, mit Gott etwa Bedingungen für seine
Tätigkeit zu diskutieren. Die Konditionen, unter denen er zu
arbeiten hatte, sollte Gott bestimmen. Er hatte sein Recht auf
Selbstbestimmung abgegeben. Gott hatte jetzt das Sagen.

Was bedeutet Berufung für uns heute?


Wenn man diesen Bericht des Jesaja anschaut, kann man
schnell an die Berufung zu einem besonderen geistlichen Dienst
denken. Sieht man sich allerdings die recht unterschiedlichen
Berufungen im Neuen Testament an, dann gibt es diesen
Unterschied so nicht. Jeder, der zum Christ Sein berufen ist,
jeder, der wirklich Christ geworden ist, bekennt nicht nur, dass
Jesus sein Erlöser ist, sondern auch immer, dass Jesus
Christus der Herr ist! Jeder, der bewusst Christ ist, ist auch
berufen, andere Menschen in die Nähe Gottes zu führen. Jeder
von uns ist berufen, anderen Menschen Jesus bekannt und lieb
zu machen und sie für ihn, den Herrn, zu gewinnen. Welchen
Beruf, welche Tätigkeit wir auch immer ausführen.
Erinnern wir uns noch einmal an Petrus, der nach diesem
erstaunlichen Fischfang in seinem Boot plötzlich die Nähe
Gottes, die Heiligkeit Jesu empfand und sagte: »Geh’ von mir
hinaus! Denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr.«
Die Antwort Jesu lautete: »Fürchte dich nicht! Von nun an wirst
du Menschen fangen« (Lukas 5:10).
Das Wort Berufung wird bei uns aber auch noch in einem ganz
anderen Sinn gebraucht: Man legt Berufung gegen ein
Gerichtsurteil ein. Man ist mit dem Richterspruch nicht
einverstanden und wehrt sich dagegen. Bei Gott sind wir
allerdings bereits an der höchsten Instanz angekommen.
Darüber gibt es niemanden mehr, bei dem wir uns über Gottes
Handeln beschweren könnten. Es bringt also nichts, wenn wir
mit Gott verhandeln wollten, um noch ein bisschen für uns
herauszuschlagen. Vielleicht gehören wir aber auch zu diesen
Taschenuhr-Christen, die Gott aus der Westentasche ziehen, um
Orientierung zu bekommen, wenn es mal nötig sein sollte, die
ihn vielleicht auch bewundernd anschauen, aber ihn dann
wieder wegstecken, ohne sich um ihre Berufung, ihren von Gott
erhaltenen Auftrag zu kümmern.
Jesus ist unser Erlöser geworden. Wenn Gott uns jetzt nahe
kommt, wenn wir seine Gegenwart erleben, dann müssen wir
nicht mehr rufen: Wehe mir, ich vergehe! Wir dürfen von ganzem
Herzen dankbar dafür sein, dass Jesus selbst uns für die
Heiligkeit Gottes passend gemacht hat.
Aber wir dürfen auch immer wieder erleben, dass unser Herr
Jesus Christus uns gerade dann motivieren möchte, auf die
Frage: Wen soll ich senden? ganz neu mit Freude zu antworten:
Hier bin ich – sende mich!
Amen.