Sie sind auf Seite 1von 320

1

2
3

M. G. de Koning

Das Buch
der Richter
4

In der deutschen Ausgabe des vorliegenden Buches wird, sofern nicht anders ver-
merkt, die Revidierte Elberfelder Übersetzung verwendet, erforderlichenfalls mit
Anpassungen an den Textzusammenhang des Buches oder nach dem Wortlaut der
nichtrevidierten Fassung der Elberfelder Bibel (UElb).

1. Auflage 1999

© 1997 by Chr. Uitgeverij Initiaal, Den Haag, NL


Originaltitel: Richteren Actueel
© der deutschen Ausgabe 1999
by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung e.V.
Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld
Übersetzung: Volker Jordan
Satz: CLV
Umschlag: Dieter Otten, Gummersbach
Druck und Bindung: Ebner Ulm

ISBN: 3-89397-399-0
5

Inhaltsverzeichnis

Vorwort .......................................... 7
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Einteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21

Teil 1: Die Rebellion des auserwählten Volkes (1,1 – 3,6) . . . . . 23


1a) Vermischung mit den Nationen (1,1 – 2,5) . . . . . . . 25
1b) Öffentlicher Bruch mit dem Herrn
und Verfall in Götzendienst (2,6 – 3,6) . . . . . . . . . . 53

Teil 2: Sklaverei und Befreiung (3,7 – 16,31) . . . . . . . . . . . . . . . 73


2a) Otniel, Ehud und Schamgar (3,7 – 3,31) . . . . . . . . 75
2b) Debora mit Barak (4 – 5) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
2c) Gideon, dann Abimelech und Jotam (6 – 9) . . . . . 119
2d) Tola und Jair (10) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
2e) Jeftah (11 – 12,7) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197
2f) Ibzan, Elon und Abdon (12,8-15) . . . . . . . . . . . . . . 215
2g) Simson (13 – 16) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219

Teil 3: Die Offenbarung des verdorbenen Herzens (17 – 21) . . . 271


3a) Der religiöse Verfall (17 – 18) . . . . . . . . . . . . . . . . . 273
3b) Der moralische Verfall (19 – 21) . . . . . . . . . . . . . . . 291
6
7

Vorwort

Das Buch Richter hat durch seine beeindruckenden Geschichten,


die sehr anschaulich beschrieben werden, immer eine große An-
ziehungskraft auf den Leser ausgeübt. So erging es auch mir. Als
ich mich zur Vorbereitung auf ein Bibelstudium und auf biblische
Vorträge intensiv mit diesem Buch der Bibel zu beschäftigen be-
gann, erfuhr ich aufs Neue die große Kraft und Aktualität, die von
diesem Teil des Wortes Gottes ausgeht.
Bei dieser Vorbereitung habe ich dankbar herangezogen, was
andere bereits über das Buch Richter in Wort und Schrift weiterge-
geben haben. Der Kommentar, den Sie in Händen halten, bean-
sprucht also nicht, in allem originell zu sein. Wohl habe ich ver-
sucht, die Ereignisse des Buches Richter in unsere Zeit zu ȟber-
setzen«. Um dies auf vertretbare Weise tun zu können, habe ich so
weit wie möglich versucht, meinen Kommentar mit dem Neuen
Testament zu untermauern. Die Bibel besteht sowohl aus dem Al-
tem wie auch dem Neuem Testament und kann nicht aufgelöst wer-
den (Johannes 10,35). Die Auslegung und Anwendung eines Ver-
ses (oder Abschnitts) aus der Schrift muss durch einen anderen
Schriftabschnitt bestätigt werden (vergleiche 2. Petrus 1,20).
Ich hoffe, dass Sie beim Lesen den Herrn um Erleuchtung durch
den Heiligen Geist bitten und untersuchen, ob sich diese Dinge so
verhalten (Apostelgeschichte 17,11). Es ist mein Gebet, dass Sie
sich dafür öffnen, die kräftige Wirkung dieses Teiles des Wortes
Gottes zu erfahren und dass die Auswirkung in Ihrem Leben sicht-
bar sein wird. Alles zur Ehre Gottes und zu Ihrem Segen sowie
zum Segen seines Volkes.
Middelburg, Januar 1997
M. G. de Koning
8
9

Einleitung

Allgemeines
Das Buch Richter beschreibt das Versagen des Volkes Israel bei
der Inbesitznahme des Landes Kanaan, welches es von Gott erhal-
ten hatte. Doch das ist nicht sein einziger Inhalt. Wir lesen auch
vom Eingreifen des Gottes der Erbarmungen, der für sein versa-
gendes Volk Partei ergreift, als es seine Hilfe in Anspruch nimmt.
Er lässt sein Volk nicht mit den Ergebnissen seiner Untreue im
Stich.

Die Bedeutung des Buches Richter für die Gemeinde


Das Buch Richter beschreibt also das Versagen Israels, des irdi-
schen Volkes Gottes. Worin besteht nun die Bedeutung und der
Wert des Buches Richter für die Gläubigen der Gemeinde? Die
Bibel sagt selbst, dass wir der Geschichte des Volkes Gottes, die im
Alten Testament aufgezeichnet ist, Lektionen entnehmen dürfen.
Die Bibel ruft uns sogar dazu auf. In 1. Korinther 10 steht, dass
alles, was Israel widerfahren ist, ihnen widerfahren ist »als Vorbil-
der für uns« (Vers 6) und »als Vorbild … geschrieben (wurde) zur Er-
mahnung für uns, über die das Ende der Zeitalter gekommen ist« (Vers
11). In Römer 15,4 steht: »Denn alles, was zuvor (im Alten Testa-
ment) geschrieben ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir
durch das Ausharren und durch die Ermunterung der Schriften die
Hoffnung haben.« Wenn wir also die Ereignisse aus dem Buch Rich-
ter auf die Zeit anwenden wollen, in der wir leben, die Gläubigen
des Neuen Testaments, verfolgen wir das Ziel, zu welchem Gott
diese Geschichten aufschreiben ließ. Eine solche Herangehensweise
motiviert uns, nicht denselben Fehlern wie Israel zu verfallen.

Die Lektion für die Gemeinde


Der Gemeinde ist es genauso ergangen wie Israel. Auch die Ge-
meinde hat viele Segnungen von Gott empfangen. Das sind keine
Einleitung 10

irdischen Segnungen, wie es bei Israel der Fall war. Israel erhielt
ein Stück Land und dieses Land war randvoll mit Schätzen, wie
man es in 5. Mose 8 nachlesen kann. Die Segnungen, die Gott der
Gemeinde gab, sind geistliche, himmlische Segnungen. Wir kön-
nen diese vor allem im Brief an die Gläubigen in Ephesus finden.
Darin lesen wir, dass Gott den Gläubigen zur Sohnschaft auser-
wählt hat für sich selbst; wir lesen, wie wir zusammen mit dem Herrn
Jesus über alles erhaben sind und noch Vieles mehr. Diese Seg-
nungen hat die Gemeinde aufgrund des Werkes des Herrn Jesus
am Kreuz und aufgrund seiner Verherrlichung im Himmel emp-
fangen. Als der Herr Jesus in den Himmel zurückgekehrt war, hat
er den Heiligen Geist auf die Erde gesandt, durch den alle Gläubi-
gen zu einer Einheit miteinander und mit dem Herrn Jesus zusam-
mengefügt worden sind. Diese himmlischen Segnungen hat Gott
der Gemeinde seit dem Augenblick gegeben, wo sie am Pfingsttag
durch die Ausgießung des Heiligen Geistes entstanden war (Apos-
telgeschichte 2). Damals wusste die Gemeinde noch nicht, wie reich
sie tatsächlich war. Vor allem der Apostel Paulus ist von Gott dazu
gebraucht worden, ihr die Segnungen bekannt zu machen. Paulus
hat in verschiedenen Briefen darüber geschrieben, vor allem aber
im Brief an die Gemeinde in Ephesus. Um diese Segnungen ken-
nen zu lernen, ist es also wichtig, dass ein Gläubiger die Bibel liest
und dass er sein Leben danach ausrichtet. Das heißt, dass er in
dem Bewusstsein auf der Erde lebt, dass sein wahres Leben droben
ist, »mit dem Christus verborgen in Gott« (Kolosser 3,3). Was hat die
Gemeinde aber mit all diesen Segnungen getan? Die Gemeinde
vergaß schon sehr schnell, dass sie mit dem Herrn Jesus im Him-
mel verbunden ist und dass sie solche himmlischen Segnungen be-
sitzt. Sie hat immer mehr begonnen, sich mit den Dingen der Welt
zu beschäftigen, so als sei sie hier auf der Erde zu Hause und nicht
im Himmel. Die erste Liebe, die wichtigste Liebe, die Liebe zum
Herrn Jesus, dem sie alles zu verdanken hat, wurde verlassen (sie-
he Offenbarung 2,4). Dadurch ist sie in eine Abwärtsspirale hin-
eingekommen und deshalb geht nur so wenig Wirkung von der
Gemeinde aus. Dennoch ist es immer noch möglich, die Segnun-
gen Gottes zu genießen. Das ist der Fall, wenn man Untreue be-
kennt und sich auf die Gnade Gottes beruft. Dann schafft er Abhil-
fe, genauso wie damals bei Israel. Nicht dass die Gemeinde als
11 Einleitung

Ganzes wiederhergestellt wird. Das ist auch im Buch Richter im


Blick auf Israel nicht der Fall gewesen. Wir sehen jedoch, dass Gott
durch die Treue Einzelner doch dem ganzen Volk bzw. einem Teil
davon Segen gibt. Das gilt auch für die heutige Gemeinde. Die Treue
eines Einzelnen hat oft positive Folgen für viele.

Ein kurzer Rückblick


Um den historischen Ort der Ereignisse anzugeben, die im Buch
Richter berichtet werden, ist es gut, auf das Buch zurückzublicken,
das ihm vorausgeht, nämlich das Buch Josua. Darin wird berichtet,
wie das Volk unter der Führung Josuas in das Land einzog. Die
Kapitel 1 – 12 berichten uns über die Fortschritte bei der Inbesitz-
nahme des Landes. Viele Feinde wurden besiegt und viel Land in
Besitz genommen. Doch es blieb noch Land zur Eroberung übrig.
In Josua 13,1 lesen wir: »… sehr viel Land ist noch übrig, das in Be-
sitz genommen werden muss.« Ab Josua 13 wird das Land eingeteilt
und jeder Stamm bekommt sein Erbteil zugewiesen. Daraus folgt,
dass das Volk zwei Aufträge hat:

• es muss verteidigt werden, was bereits erobert worden ist, und


• es muss in Besitz genommen werden, was noch in den Hän-
den des Feindes ist.

Dafür gilt es Kämpfe zu kämpfen. Denn welcher Feind hätte die


Absicht, sein Gebiet widerstandslos preiszugeben? Das Buch Jo-
sua zeigt uns das Erbteil und den Segen Israels, des irdischen Vol-
kes Gottes; das Buch Richter teilt uns die Geschichte dieses Volkes
mit, wie es in der Praxis damit umgeht.

Warum Kampf?
Hätte Gott nicht dafür sorgen können, dass der Feind sich von vorn-
herein ergibt? Sicher hätte Gott das tun können. In 1. Mose 35,5
lesen wir zum Beispiel: »Und der Schrecken Gottes kam über die Städte,
die rings um sie her waren.« Derartiges hätte er hier auch tun kön-
nen. Er hätte seinen Schrecken auf die Feinde fallen lassen können.
Er hätte sie auch einfach »durch den Hauch seines Mundes« (2. Thes-
Einleitung 12

salonicher 2,8) oder durch ein scharfes Schwert aus seinem Mund
(vergleiche Offenbarung 19,15) beseitigen können. Aber Gott hat
zu jeder Zeit seine spezifische Handlungsweise mit den Menschen
im Allgemeinen und mit seinem Volk im Besonderen. Er verfolgt
damit das Ziel, den Menschen erkennen zu lassen, dass er Gott
braucht. Der Mensch kann nur dann glücklich sein, wenn er alles
mit und für Gott tut. So verfolgt Gott eine besondere Absicht da-
mit, wenn er feindliche Völker im Land wohnen lässt. Er tut das,
um sein Volk auf die Probe zu stellen: Würden die Gläubigen im
Kampf auf ihre eigene Kraft vertrauen – oder würden sie ihm ver-
trauen? Würden sie Anstrengung in Kauf nehmen, um das in Be-
sitz zu nehmen, was Gott ihnen geschenkt hatte (und damit zeigen,
dass sie seine Segnungen schätzen)? Oder würde sie das, was Gott
ihnen gegeben hatte, nicht so sehr interessieren und würden sie
dem Feind zugestehen, in ihrem Land zu wohnen (was bedeutet,
dass der Feind ihnen den Segen rauben würde)? Die Antwort auf
diese Fragen wird im Buch Richter unzweideutig aufgezeigt.

Der endgültige Segen


Wenn sich nun zeigt, dass das Volk durch seine Untreue allen Se-
gen verspielt, wie soll sich dann zum Schluss die Treue Gottes er-
weisen? Es wird deutlich werden, dass Israel allein unter der Herr-
schaft seines Messias, des Herrn Jesus Christus, gesegnet wird, der
durch seine Macht den Segen einführen und durch dieselbe Macht
den Segen instand halten wird. Der Feind wird dann nicht den ge-
ringsten Hauch einer Chance haben, dem Volk den Segen zu rau-
ben. Das Buch Ruth, das in der Zeit der Richter spielt (siehe Ruth
1,1) schließt mit dem Namen Davids. Wenn David König wird, dann
wird er mit den Feinden abrechnen und den Segen für das Volk
sicherstellen. In David sehen wir einen wunderbaren Hinweis auf
den Herrn Jesus, der dasselbe für sein Volk Israel tun wird, wenn
er auf die Erde zurückkommt.

Der vorausgesagte Verfall


Der Verfall, in den das Volk Gottes hineingekommen war und der
im Buch Richter beschrieben wird, ist von Josua vorausgesagt wor-
13 Einleitung

den. Josua hat in seiner Abschiedsrede, die sich an Israel, »seine


Ältesten und seine Häupter und seine Richter und seine Aufseher« rich-
tete, also an die Menschen mit Verantwortung im Volk, davor ge-
warnt (Josua 23,2). In Vers 12 und 13 desselben Kapitels sagt er:
»Denn wenn ihr euch abwendet und euch an den Rest dieser Nationen
hängt, an die, die bei euch übrig geblieben sind, und euch mit diesen
verschwägert und in ihnen aufgeht und sie in euch, dann sollt ihr mit
Sicherheit wissen, dass der HERR, euer Gott, nicht fortfahren wird,
diese Nationen vor euch zu vertreiben. Und sie werden euch zum Fang-
netz und zur Falle werden, zur Geißel in euren Flanken und zu Sta-
cheln in euren Augen, bis ihr aus diesem guten Land weggerafft wer-
det, das der HERR, euer Gott, euch gegeben hat.« Diese propheti-
schen Worte ähneln dem, was der Apostel Paulus einst zu den Äl-
testen der Gemeinde in Ephesus in Apostelgeschichte 20,29-30 sag-
te. Dort warnt er diese Ältesten vor den Abweichungen, die nach
seinem Abscheiden kommen würden. Ephesus ist die Gemeinde,
der er ausgelegt hat, mit welchen besonderen Segnungen Gott den
einzelnen Gläubigen und die Gemeinde als Ganzes gesegnet hat.
Im letzten geschriebenen Brief von Paulus, seinem zweiten Brief
an Timotheus, spricht er über dieselben Dinge mit Bezug auf den
Verfall, der sich nach seinem Abscheiden vollziehen würde. Be-
merkenswert ist, dass Timotheus sich damals in Ephesus (wieder-
um dasselbe Ephesus) befand. Sie sehen, wie immer wieder eine
Parallele zwischen Israel damals und der Gemeinde heute zu zie-
hen ist.

Eine prophetische Anwendung


Nach der Periode, die im Buch Richter beschrieben wird, folgen
die Geschichten von Saul, David und Salomo. Wir finden sie in den
Büchern Samuel und Könige. Für die Christenheit ist der Zeitab-
schnitt des Buches Richter mit der Zeit zu vergleichen, die nach
dem Abscheiden der Apostel anbricht, dem nach-apostolischen
Zeitalter. Dieser Zeitabschnitt wird mit der Entrückung der Ge-
meinde abgeschlossen. Wenn wir die Ereignisse, die nach der Ent-
rückung der Gemeinde stattfinden, mit Saul, David und Salomo
vergleichen, erhalten wir das folgende Bild: Nach der Entrückung
der Gemeinde wird der Antichrist (von dem Saul ein Bild ist) sich
Einleitung 14

offenbaren. Der Antichrist wird das Volk ins Verderben stürzen,


aber der Herr Jesus, der wahre David, wird erscheinen und für alle,
die nach ihm Ausschau gehalten haben, den lange erwarteten Frie-
den bringen. Als der wahre Salomo wird der Herr Jesus das 1000-
jährige Friedensreich aufrichten. Diese Ereignisse, die nach der
Entrückung der Gemeinde stattfinden werden, sind im Buch der
Offenbarung ab Kapitel 4 beschrieben.

Die Geschichte der Gemeinde auf der Erde


Eine Beschreibung der Geschichte der Gemeinde auf der Erde vor
ihrer Entrückung finden wir hingegen in Offenbarung 2 und 3. In
den sieben Sendschreiben dieser beiden Kapitel entdecken wir eine
prophetische Skizze der Geschichte der Gemeinde auf der Erde.
Daraus wird deutlich, dass auch die Christenheit, Gottes Volk des
Neuen Testaments – ebenso wie Israel, Gottes Volk des Alten Tes-
taments – immer weiter von ihrer hohen Berufung abgewichen und
in Verfall geraten ist. Schließlich wird sie als etwas Ekelhaftes aus
dem Mund des Herrn Jesus ausgespien. Es ist bezeichnend, wie die
Beschreibung des Verfalls mit dem Sendschreiben an Ephesus be-
ginnt (dieser Gemeinde konnte Paulus früher den vollen Ratschluss
Gottes über die himmlische Stellung der Gemeinde entfalten) und
mit Laodizea und seinem Zustand endigt. Der Ordnung halber: Es
geht hier um die Gemeinde in ihrer Verantwortlichkeit und nicht
um die Gemeinde nach dem Ratschluss Gottes.

Der Mensch verdirbt alles


Was mit der Gemeinde geschieht, ist nicht neu. Es ist mit allem
geschehen, was der Verantwortung des Menschen anvertraut wor-
den ist. Hieraus wird deutlich, wie untreu der Mensch von Natur
aus ist. Das wird unseren Hochmut und unsere Anmaßung vermin-
dern und unsere Niedrigkeit und Abhängigkeit zunehmen lassen.
Alles, was von Gott gut gemacht worden ist, ist vom Menschen ver-
dorben worden. Man blicke nur auf Adam: ein prachtvoller Gar-
ten, ein Paradies mit wunderbaren Segnungen, aber Adam sündigt
und der Fluch kommt über die Schöpfung. Man blicke nur auf Noah:
Noah wird von der Sintflut gerettet und kommt auf eine gereinigte
15 Einleitung

Erde, doch er betrinkt sich und verhält sich unwürdig seiner Auto-
rität, die Gott ihm gegeben hat. Man blicke nur auf Israel: Gerade
erst aus der ägyptischen Sklaverei befreit, machen sie ein goldenes
Kalb und Gottes Zorn muss sie treffen. Mit dem Priestertum geht
es nicht anders: Beinahe unmittelbar nachdem Gott es eingerich-
tet hat, bringen zwei Söhne Aarons fremdes Feuer dar und Gott
muss sie töten. Das Königtum lässt dasselbe Bild erkennen: Der
erste König Saul erweist sich als ein ungehorsamer König, dem es
nicht gelingt, seinen Auftrag zu erfüllen und der schließlich Selbst-
mord begeht. Alles, was dem Menschen anvertraut worden ist, ge-
rät durch die Untreue des Menschen in Verfall. Dieser Grundsatz
macht deutlich, was im Menschen ist. Glücklicherweise sehen wir
auch immer wieder, was in Gott ist, welche Gnadenquellen in ihm
gefunden werden. Diese Quellen stehen uns jederzeit zur Verfü-
gung und wir können sie immer anbohren, gerade in Zeiten des
Verfalls. Wenn wir das tun, wird Gott sich selbst in dunklen Zeiten
durch Menschen verherrlichen, die nichts mehr von sich selbst, aber
alles von ihm erwarten. Darum enthält dieses Buch einen enormen
Anreiz für Menschen, die sich auch angesichts des Verfalls nicht
hängen lassen, sondern sich Gott zur Verfügung stellen, um von
ihm zum Wohl seines Volkes gebraucht zu werden, und die in sei-
ner Kraft den Kampf mit dem Feind aufnehmen wollen.

Ein geistlicher Kampf


Am Beginn und am Ende dieses Buches (Kapitel 1,1; 20,18) wird
dieselbe Frage gestellt; dazwischen spielt sich das Buch ab. Die Frage
lautet: »Wer von uns soll zuerst … hinaufziehen?« Beim ersten Mal
bezieht sich diese Frage auf das Bekämpfen der Feinde des Volkes.
Beim zweiten Mal bezieht sich diese Frage auf den Feldzug gegen
einen Bruder aus dem Volk. Man könnte beinahe mit Galater 3,3
sagen, dass sie im Geist anfingen und im Fleisch vollendeten. Sie
begannen mit dem Kampf gegen einen gemeinsamen Feind und
endigten mit dem Kampf gegeneinander.
Ich muss allerdings hinzufügen, dass der Kampf der Stämme Is-
raels gegen ihren Bruder Benjamin notwendig war, wegen der Sün-
de, die dort vorgefallen war und wegen des Umgangs ihres Bruders
damit.
Einleitung 16

Das bringt mich in dieser Einleitung noch auf einen wichtigen


Punkt bei der Anwendung dieses Buches in unserer Zeit. Unser
Kampf richtet sich nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen
unsichtbare Feinde, böse Mächte in den himmlischen Örtern. Ob-
wohl nicht sichtbar, sind diese Feinde nicht weniger wirklich und
nicht weniger verderblich. Die verschiedenen Feinde im Buch Rich-
ter stellen verschiedene Formen des bösen, sündigen Fleisches und
der fleischlichen Lüste im Gläubigen vor und zeigen außerdem, wie
der Satan und seine bösen Engel sich darauf einstellen, um den
Gläubigen dazu zu bringen, sich durch das Fleisch leiten zu lassen.
Ein Kind Gottes darf wissen, dass der Herr Jesus das Gericht über
die Sünde getragen hat und dass er am Kreuz den Satan seiner
Macht beraubt hat. Etwas anderes ist, dass der Gläubige dies in
seinem Leben auch verwirklichen muss. Er muss sich im Glauben
der Sünde und dem Fleisch für tot halten, wie es in Römer 6,11
steht: »So auch ihr, haltet euch der Sünde für tot, Gott aber lebend in
Christus Jesus.« Jedes Mal, wenn der Satan, der Oberste der bösen
Mächte in den himmlischen Örtern, uns zu einer sündigen Lebens-
weise oder zu einer sündigen Denkweise veranlassen will, müssen
wir ihn zurückweisen, indem wir auf den Herrn Jesus und auf das
Wort hinweisen. Dies ist durch die Kraft des Heiligen Geistes mög-
lich. Wenn wir nicht im Geist wandeln, werden wir von diesen Din-
gen besiegt werden. Sehr praktisch wirkt das folgendermaßen: Es
kann der innige Wunsch bestehen, die Segnungen in Christus zu
genießen. Doch die Segnungen werden nicht genossen, wenn der
Christ von sündigen Begierden, die er in seinem Leben zugelassen
hat, in Gefangenschaft gehalten wird. Es ist unmöglich, die himm-
lischen Segnungen zu genießen, wenn man weltlichen oder fleisch-
lichen Dingen nachstrebt. Diese Zwänge machen ihn zu einem
Gefangenen, wodurch er kein Auge und keine Zeit für die Dinge
hat, die mit Gott und dem Herrn Jesus zu tun haben.

Wer waren die Richter?


Was für Menschen waren die Richter, woher kamen sie, wann leb-
ten sie und wie wurden sie zu Richtern? Es gibt große Unterschie-
de zwischen den Persönlichkeiten der Richter, denen wir in diesem
Buch begegnen. So kommen sie aus verschiedenen Stämmen: Juda,
17 Einleitung

Benjamin, Naftali, Manasse, Issaschar, Sebulon, Dan. Dazu haben


sie alle einen unterschiedlichen gesellschaftlichen Hintergrund: der
eine ist ein Bauer, der andere ist ein Diplomat, wieder ein anderer
ist ein Vagabund. Einige waren bekannt oder reich, andere waren
unbekannt oder arm. Eine von ihnen war eine Frau. Ihren speziel-
len Dienst werden wir in den Kapiteln 4 und 5 näher betrachten.
Diese Unterschiede machen deutlich, dass Gottes Allmacht be-
stimmt, wer Richter sein kann, und er weist dabei jedem seinen
oder ihren eigenen Platz zu. Er tut das aufgrund ihrer persönlichen
Beziehung zu ihm und nicht aufgrund einer (religiösen oder nicht-
religiösen) Ausbildung oder bestimmter Auszeichnungen. Die Schu-
le Gottes ist garantiert die beste Ausbildung, die es gibt.

Wer sind die Richter heute?


Wenn wir das Buch lesen, sehen wir, dass die Richter allesamt von
Gott erweckt werden (mit Ausnahme Abimelechs in Kapitel 9, der
sich selbst zum Richter ausrief). Sie wurden also nicht von Josua
angestellt. Sie wurden es auch nicht dadurch, dass ein Komitee aus
Richtern sie eingeladen hätte, sich ihnen anzuschließen. Familien-
nachfolge war ebenso wenig an der Tagesordnung. Sie sind ein Bild
der Ältesten und Aufseher, die heute in der örtlichen Gemeinde
ihre Aufgabe ausüben. (Die Tatsache, dass eine Frau als Richterin
aufgetreten ist, bedeutet nicht, dass Frauen auch Älteste oder Auf-
seher in der Gemeinde sein könnten. Diese Aufgabe in der Ge-
meinde hat Gott ausschließlich den Männern zugewiesen. Hierauf
komme ich in der Geschichte Deboras zurück.) Diese Ältesten oder
Aufseher sind ebenso wenig wie die Richter von Menschen ange-
stellt. In der Bibel ist von der Anstellung von Ältesten nur die Rede,
wenn diese durch einen Apostel oder einen Bevollmächtigten ei-
nes Apostels vorgenommen wird (siehe Apostelgeschichte 14,23;
20,28; Titus 1,5). Angesichts der Tatsache, dass es heute keine Apos-
tel mehr gibt und infolgedessen auch keine Personen, die in ihrem
Namen auftreten, kann keine Anstellung von Ältesten mehr statt-
finden. Es gibt also keine Anstellung durch Menschen und auch
keine natürliche Nachfolge. Das heißt jedoch nicht, dass es keine
Ältesten mehr gäbe. So lesen wir in 1. Timotheus 3,1: »Wenn je-
mand nach einem Aufseherdienst trachtet, so begehrt er ein schönes
Einleitung 18

Werk.« In den folgenden Versen wird das »Profil« beschrieben, dem


solch ein Aufseher genügen muss und woran man ihn also erken-
nen kann. Es gibt glücklicherweise noch immer Menschen, in de-
nen der Herr das Verlangen und die Bereitwilligkeit wirkt, als Ältes-
ter oder Aufseher zu fungieren. Sie haben einen besonderen Blick
für die Gefahren der Zeit, in der wir leben, und werden sich dafür
einsetzen, dass der Feind keine Chance erhält, die Gläubigen ihrer
Segnungen zu berauben. Ihre Aufgabe ist es, die Gläubigen auf
Gebiete in ihrem Leben hinzuweisen, wo der Feind Gewinne er-
zielt hat. Sie werden auch dazu anleiten, wie das verlorene Gebiet
wieder zurückgewonnen werden kann.

Abnehmender Erfolg der Richter


Die Siege, die die Richter errangen, waren kein Ergebnis von of-
fensiven Kämpfen. Sie bekämpften die Feinde, denen es durch die
Untreue des Volkes gelungen war, das Volk seines Erbteils zu be-
rauben, das Gott ihnen gegeben hatte. Es ging den Richtern da-
rum, die Nationalexistenz zu behaupten und wiederum das zu ge-
nießen, was ihnen gehörte. Gott wollte, dass sein Volk ein siegen-
des Volk sein sollte. Doch sie wandten sich von ihm ab und folgten
den Göttern der Nationen um sie her und wurden so zu ihren Skla-
ven. Dann ist es um allen Dienst und alles Zeugnis geschehen.
Das Buch Richter ist ein Buch, in dem immer wieder von der
Rebellion gegen Gott die Rede ist. Die »eigenartige« Vermutung
ist angestellt worden, dass in der Anzahl der Richter der Gedanke
an Rebellion liege. Ohne damit weitere Folgerungen zu verbinden,
will ich diesen Gedanken doch weitergeben. Es ist von 13 Richtern
die Rede: Otniel, Ehud, Schamgar, Debora, Gideon, Abimelech,
Tola, Jair, Ibzan, Elon, Abdon und Simson. Nach dem Gesetz der
ersten Erwähnung spricht diese Zahl von Rebellion. (Das Gesetz
der ersten Erwähnung besagt, dass die erste Stelle, in der etwas in
der Bibel erwähnt wird, oftmals die Bedeutung für die folgenden
Male angibt, die es in der Bibel vorkommt.) Zum ersten Mal kommt
die Zahl 13 in der Bibel in 1. Mose 14,4 vor, wo es heißt: »… im
dreizehnten Jahr aber empörten sie sich.«
Bei jedem Mal, wo von Empörung die Rede ist, verliert das Volk
immer etwas mehr von seinem Segen. Das ist an dem Maß der Erlö-
19 Einleitung

sung zu merken, die durch einen Richter bewirkt wird. Jede Erlö-
sung war weniger weit reichend als die vorherige. Nach jeder Fremd-
herrschaft erhielten sie weniger zurück, als sie verloren hatten, bis
Simson sie sogar in Gefangenschaft belässt, weil er durch persönli-
che Untreue, trotz seiner großen Kraft, nicht in der Lage ist, den
Feind endgültig zu verjagen. Im Gegenteil, er wird selbst ein Ge-
fangener. Jede Befreiung geschieht stets nur teilweise, bis der Herr
Jesus kommt und er eine vollkommene Befreiung zustande bringt.
Trotz der zunehmenden Größe des Verlustes ist die Gnade Gottes
so groß, dass selbst eine Zeit des Verfalls für den Einzelnen oder
den Überrest zu einer Zeit besonderen Segens werden kann.

Die Richterzeit als Epoche der Heilsgeschichte


Zwischen dem Auszug aus Ägypten und dem Tempelbau durch Sa-
lomo liegen 480 Jahre (1. Könige 6,1). Nach Apostelgeschichte
13,17-22 sind es ungefähr 570 Jahre. Diese 570 Jahre sind in Apos-
telgeschichte 13 wie folgt aufgebaut:

ca. 40 Jahre (Apostelgeschichte 13,18)


+ ca. 450 Jahre (Apostelgeschichte 13,20)
+ 40 Jahre (Apostelgeschichte 13,21)
+ 40 Jahre Regierung Davids (2. Könige 2,11)
= insgesamt 570 Jahre

Der Unterschied von ungefähr 90 Jahren (570 Jahre in Apostelge-


schichte 13 minus 480 Jahre in 1. Könige 6) ergibt sich, wenn man
die 5 Perioden der Sklaverei im Buch Richter zusammenrechnet:

8 Jahre (Richter 3,8)


+ 18 Jahre (Richter 3,14)
+ 20 Jahre (Richter 4,3)
+ 7 Jahre (Richter 6,7)
+ 40 Jahre (Richter 13,1)
= insgesamt 93 Jahre

Die geistliche Belehrung, die wir dem entnehmen können, ist die-
se: Gott zählt die Tage und Stunden, während denen wir in Sklave-
Einleitung 20

rei leben, nicht mit, weil diese Zeit nicht für ihn gelebt wird. Diese
hat für ihn keinen Wert. Vor dem Richterstuhl Christi wird dies
offenbar werden.
Die gesamte Periode, die das Buch umfasst, besteht nach Auf-
fassung verschiedener Ausleger aus 410 Jahren. Über die Frage,
wann dieser Zeitabschnitt begonnen hat, gehen die Meinungen aus-
einander. Manche sagen 1446 vor Christus, während andere 1290
vor Christus für das richtige Datum halten.
21

Einteilung

Die Haupteinteilung des Buches kann wie folgt vorgenommen wer-


den:

1) Kapitel 1,1 – 3,6: Die Rebellion des auserwählten Volkes


2) Kapitel 3,7 – 16: Sklaverei und Befreiung
3) Kapitel 17 – 21: Die Offenbarung des verdorbenen Herzens

Die Untergliederung der Hauptteile


1. Der erste Teil gliedert sich in zwei Abschnitte:

1a) Von Kapitel 1,1 bis 2,5 ist von der Vermischung mit den
Nationen die Rede.
1b) In Kapitel 2,6 bis 3,6 lesen wir vom öffentlichen Bruch mit
dem Herrn und vom Verfall in Götzendienst.

Erläuterung: Teil b geht aus Teil a hervor. Wenn das Volk Gottes
nicht mehr von der Welt abgesondert bleibt, ist die automatische
Folge, dass ein Bruch mit Gott eintritt und man den Göttern der
Welt zu dienen beginnt. Dies ist eine Erfüllung der Warnung Jo-
suas in Josua 23,11-13, die ich schon früher zitiert habe:
»So achtet um eures Lebens willen genau darauf, den HERRN,
euren Gott, zu lieben. Denn wenn ihr euch abwendet und euch an
den Rest dieser Nationen hängt, an die, die bei euch übrig geblieben
sind, und euch mit diesen verschwägert und in ihnen aufgeht und sie
in euch, dann sollt ihr mit Sicherheit wissen, dass der HERR, euer
Gott, nicht fortfahren wird, diese Nationen vor euch zu vertreiben.
Und sie werden euch zum Fangnetz und zur Falle werden, zur Geißel
in euren Flanken und zu Stacheln in euren Augen, bis ihr aus diesem
guten Land weggerafft werdet, das der HERR, euer Gott, euch gege-
ben hat.«
Die Erfüllung dieser Worte sehen wir in dem Buch, das wir so-
gleich näher anschauen werden und das erkennen lässt, dass Gott
in seinen Worten gerechtfertigt wird.
Einteilung 22

2. Dieser Teil gliedert sich in 7 Abschnitte – entsprechend den Rich-


tern, die darin auftreten. Wir lesen darin die Geschichte der Sünde
Israels; wir lesen, welche Feinde von Gott gebraucht werden, um
sie zur Umkehr zu bringen, und wir lesen, welche Richter Gott er-
weckt, um sie von ihren Feinden zu befreien.

2a) Kapitel 3,7 – 3,31: Otniel, Ehud und Schamgar


2b) Kapitel 4 – 5: Debora mit Barak
2c) Kapitel 6 – 9: Gideon, dann Abimelech und Jotam
2d) Kapitel 10: Tola und Jair
2e) Kapitel 11 – 12,7: Jeftah
2f) Kapitel 12,8-15: Ibzan, Elon und Abdon
2g) Kapitel 13 – 16: Simson

3. In den Schlusskapiteln können wir, genau wie bei Teil 1, zwei


Teile unterscheiden:

3a) Die Kapitel 17 und 18 zeigen den religiösen Verfall, das


Loslassen des Bandes mit Gott und den Gottesdienst nach
eigenen Vorstellungen.
3b) Die Kapitel 19 – 21 zeigen den moralischen Verfall, das
Loslassen des Bandes untereinander und das Handeln nach
eigener Einsicht, ohne auf den anderen Rücksicht zu neh-
men.

Erläuterung: Auch hier geht Teil b aus Teil a hervor. Wo das Band
mit Gott losgelassen wird, wird auch das Band untereinander los-
gelassen. Wo die Liebe zu Gott abkühlt, kühlt auch die Bruderlie-
be ab.
23

Teil 1

Die Rebellion des


auserwählten Volkes
Kapitel 1,1 – 3,6
24
25

1a) Kapitel 1,1 – 2,5:


Vermischung mit den Nationen

Kapitel 1

Einleitung
Gott hatte Israel noch nicht verlassen. Seine Kraft war immer noch
gegenwärtig. Die Frage war nur, ob Glaube vorhanden war, um
von dieser Kraft Gebrauch machen zu können. Die Ursache allen
Verfalls liegt in der Tatsache, dass das Volk Gottes die Gegenwart
des lebendigen, heiligen Gottes in seiner Mitte vergisst. Wenn das
Bewusstsein für den Wert der Gegenwart Gottes abnimmt, verrin-
gert sich auch die Hingabe an ihn. Als Folge davon wurde das Volk
unempfindlich für das Böse, das bei den Feinden hauste. Wenn sie
die Gegenwart Gottes in ihrer Mitte wirklich erfahren hätten, dann
hätten sie den Feind nicht in ihrer Mitte geduldet. Sie wären sich
dessen bewusst gewesen, dass es Sünde und eine Unehre für Gott
darstellte, die Feinde ungestraft im Lande Gottes wohnen zu las-
sen. Gott und der Feind können nicht in Verbindung miteinander
sein. Wenn das vergessen wird, bedeutet das den Verlust der Seg-
nungen des Landes. In diesem Kapitel wird dieser Verlust in stetig
steigendem Ausmaß beschrieben. In der Weise, wie sich der Nie-
dergang vollzieht, sind fünf aufeinander folgende Phasen zu ent-
decken:

1. Ungehorsam gegenüber dem, was Gott sagt (Vers 3);


2. Mangel an Vertrauen auf den Herrn (Vers 19);
3. Gleichgültigkeit (Verse 21, 27, 28, 29, 30);
4. Kraftlosigkeit (Verse 31-33);
5. Niederlage (Vers 34).

Der Ursprung allen Verfalls ist im Ungehorsam dem Wort Gottes


gegenüber zu finden. Gott hatte eine Antwort auf die Frage des
Volkes gegeben, wer zuerst hinaufziehen sollte. Das konnte nicht
Abschnitt 1a · Vermischung mit den Nationen 26

auf zwei unterschiedliche Weisen ausgelegt werden. Juda musste


zuerst hinaufziehen, allein! Dennoch bittet Juda den Stamm Sime-
on, mit ihm mitzugehen. Er hätte für diese Bitte an Simeon allerlei
annehmbare und glaubwürdige Gründe anführen können, zum Bei-
spiel, dass das Erbteil Simeons sehr eng mit dem von Juda verbun-
den war, oder dass es doch schön wäre, einen anderen in einem
Werk für den Herrn mit einzubeziehen. Doch all diese Argumenta-
tionen, wie gut sie auch gemeint waren, konnten nichts an dem ein-
fachen Auftrag Gottes ändern, dass Juda als Erster hinaufziehen
sollte. Auf die darauf folgenden Phasen des Niedergangs komme
ich im Lauf dieses Kapitels noch zurück.

Namen
Bevor wir Kapitel 1 näher betrachten, will ich noch etwas über die
Namen sagen, die in der Bibel erwähnt werden. Nichts von dem,
was in der Bibel steht, ist ohne Bedeutung. Gott hat alles mit einer
besonderen Absicht aufschreiben lassen. »Alle Schrift ist von Gott
eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtwei-
sung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes
vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt« (2. Timotheus
3,16). Das gilt auch für alle Namen, die genannt werden. Diese Na-
men haben eine Bedeutung. Das heißt nicht, dass die Bedeutung
eines Namens immer eindeutig ist. Manchmal sind mehrere Be-
deutungen eines Namens möglich. Wir können oft durch die Be-
deutung eines Namens eine deutlichere Einsicht in den Sinn eines
bestimmten Abschnitts bekommen. Im Buch Richter werden viele
Namen erwähnt. Ich möchte versuchen, in meiner Anwendung der
Bedeutung so nahe wie möglich bei dieser Bedeutung zu bleiben.
Wenn es mehrere Bedeutungen gibt, werde ich eine Anwendung
machen, die mich am meisten anspricht. Es besteht bei solchen Er-
klärungen immer die Gefahr, dass die Fantasie eine Rolle zu spie-
len beginnt. Ihnen möchte ich daher den Auftrag erteilen, kritisch
zu lesen, im Geist der Beröer, von denen es in Apostelgeschichte
17,11 heißt: »Sie nahmen mit aller Bereitwilligkeit das Wort auf und
untersuchten täglich die Schriften, ob dies sich so verhielte.« Einen
wichtigen Hinweis in Verbindung mit der Bedeutung von Namen
finden wir Hebräer 7,1-2: »Denn dieser Melchisedek, König von Sa-
27 Richter 1,1

lem, Priester Gottes, des Höchsten … heißt übersetzt zunächst König


der Gerechtigkeit, dann aber auch König von Salem, das ist König des
Friedens.« Hier liefert die Bibel selbst den Beweis dafür, dass aus
dem Namen einer Person bestimmte Folgerungen zu ziehen sind,
die uns etwas über diese Person lehren.
Es gibt verschiedene Bücher mit Erklärungen der biblischen Na-
men. Ich habe einige davon herangezogen. Auch habe ich von eige-
nen Aufzeichnungen Gebrauch gemacht; ich habe zu einem bestimm-
ten Namen eine Bedeutung geschrieben, die ich in einem Vortrag
gehört habe. Ich gehe nicht auf Namen ein, deren Bedeutung ich
nicht weiß, oder bei denen ich mir nichts vorstellen kann. Diese Na-
men haben sehr wohl eine Bedeutung, die uns etwas vorstellt, ich
weiß nur nicht welche. Es ist gut, dass wir hierin unsere Beschrän-
kungen einsehen. Aber lasst uns nun mit Kapitel 1 beginnen.

Der Nachfolger Josuas — Vers 1


Im ersten Vers wird die Verbindung zum vorhergehenden Buch er-
wähnt, dem Buch Josua. Es ist eine Verbindung, die vom selben
Charakter ist wie die Verbindung, die Josua 1,1 mit dem vorange-
gangenen 5. Buch Mose verknüpft. Das Buch Josua beginnt mit
den Worten: »Und es geschah nach dem Tod des Mose, des Knechtes
des HERRN, da sprach der HERR zu Josua, dem Sohn Nuns, dem
Diener des Mose.« Da ist von Nachfolge die Rede und dort fällt
gleichsam der Mantel des Mose auf einen anderen Knecht des
Herrn, der das Werk des Herrn im Geist und in der Kraft Moses
fortsetzt. Das Buch Richter beginnt so: »Und es geschah nach dem
Tod Josuas.« Das heißt, dass das Vorbild des mächtig wirksamen
Geistes Christi (von dem Josua ein Bild war) nicht mehr da war.
Diesmal gibt es jedoch keinen Nachfolger. Dasselbe gilt für die Zeit,
die der in der Apostelgeschichte beschriebenen Periode folgt. Nach-
dem der Apostel Paulus von der Bühne verschwunden ist, hören
wir nichts von anderen Aposteln, die seine Position eingenommen
hätten.
Die Frage, die Israel hier stellt, lässt erkennen, dass das Volk
noch eins ist. Es ist eine Frage, die sie alle an den Herrn, Gott,
richten. Es ist hier noch nicht die Rede davon, dass ein jeder nur
das tut, was in seinen Augen recht ist. Der Herr wird noch als ihr
Abschnitt 1a · Vermischung mit den Nationen 28

Führer anerkannt. Leider verschwindet dieses Bewusstsein allmäh-


lich und das Volk verliert – je länger, desto mehr – seine Einheit.

Juda zuerst — Vers 2


Aus 4. Mose 2,9 wird deutlich, dass Juda der Erste ist, der aufbre-
chen muss, als das Volk sich in der Wüste gelagert hat. Juda ist der
Führer in der Wüste (siehe auch 4. Mose 10,14). Als nun das Land
weiter erobert werden muss, sehen wir Dasselbe. Auch hier muss
Juda vorausgehen. Das passt zur Prophetie, die Jakob in 1. Mose
49 gesprochen hat. Juda ist der Stamm des Löwen, aus dem der von
Gott gegebene König hervorgehen soll. Der Name Juda bedeutet
»Lobpreis«. Hierin liegt der Hinweis, dass ein Geist des Lobprei-
ses die wichtigste Bedingung ist, um das Land zu erobern. Lobpreis
stellt nämlich Gott an die erste Stelle und bringt Hingabe an ihn
mit sich. Freude beim Gehorsam verleiht Mut und Begeisterung.

Juda und Simeon — Vers 3


Wie ich angemerkt habe, ist Juda bei der Ausführung des Auftrages
Gottes nicht gehorsam. Anstatt mit der Hilfe und Treue des Herrn
zu rechnen und sich auf seine Verheißungen zu stützen, ruft Juda
die Hilfe Simeons an, um sein Erbteil in Besitz zu nehmen. Simeon
bedeutet »Horn« und bezieht sich auf Gemeinschaft. Doch echte
Gemeinschaft gibt es nur, wenn sie sich auf das Wort Gottes grün-
det. Es mangelte Juda an einfältigem Glauben. Menschliche Über-
einkünfte fördern Gottes Werk nie. Gott hatte gesagt: »Siehe, ich
habe das Land in seine Hand gegeben« (Vers 2). Das hätte genügen
müssen. Wie oft ist Gott schon von seinem Volk dadurch verunehrt
worden, dass es auf etwas oder jemanden außerhalb von ihm ver-
traute! In Vers 19b dieses Kapitels kommt die Schwachheit der Ver-
bindung ans Licht, die Juda mit Simeon eingegangen ist. Trotz der
Unterstützung Simeons ist keine Kraft vorhanden, um den Feind
zu vertreiben, der eiserne Wagen besitzt. Es hat durchaus auch po-
sitive Seiten, wenn man im Auftrag Gottes etwas zusammen tut. Das
kommt darin zum Ausdruck, dass Gott uns einander gegeben hat
und dass wir einander nötig haben. »Zwei sind besser daran als ein
Einzelner«, sagt Prediger 4,9-12. Das einträchtige, gemeinsame Be-
29 Richter 1,2-5

kämpfen des Feindes tritt auch in Jesaja 11,14 schön zutage, wo


Juda und Ephraim zusammen dem Feind zu Leibe rücken.

Der Herr hilft — Vers 4-5


Trotz Judas Mangel an Glauben hilft Gott doch und gibt ihm den
Sieg. Hierin können wir die Gnade Gottes bemerken. Er schiebt
Juda nicht zur Seite, als dieser Stamm in einer bestimmten Angele-
genheit versagt. Doch es geht wohl darum, wie viel wir von Gott
erwarten. Er will uns vollständige Siege geben. Auch wir erringen
nur teilweise Siege, wenn wir uns nicht ganz und in allem von Gott
abhängig verhalten. Der Sieg wird bei Besek errungen. Der Name
Besek bedeutet »Bruch«. Wenn sich irgendwo ein Bruch befindet,
ist etwas nicht mehr ganz, die Kraft ist heraus. Es kann im Leben
eines Gläubigen so werden, dass er nicht mehr ganz für den Herrn
Jesus lebt. Ein Bruch ist in seinen Umgang mit ihm gekommen, viel-
leicht durch die Sünde, vielleicht durch die Umstände des Lebens.
Auch in einer örtlichen Gemeinde kann es vorkommen, dass zwi-
schen Gläubigen ein Bruch entsteht. Paulus ermahnt die Gläubigen
in Korinth, dass sie alle dasselbe reden sollen »und nicht Spaltungen
unter euch seien, sondern dass ihr in demselben Sinn und in derselben
Meinung völlig zusammengefügt seiet« (1. Korinther 1,10). Besek wird
von Adoni-Besek regiert. Sein Name bedeutet »Herr des Bruches«.
Jeder Bruch im Leben eines Gläubigen oder in einer örtlichen Ge-
meinde kommt zustande, weil der Teufel, der wahre »Herr des Bru-
ches«, die Chance bekommen hat, seinen Schlag zu führen.
Es ist bemerkenswert, dass Israel diesem Adoni-Besek als ers-
tem Feind begegnet. Ist es nicht auch bemerkenswert, dass Paulus
den Korinthern zuerst über den Bruch schreibt, der in ihrer eige-
nen Mitte besteht? Der Feind wird besiegt, wenn im Gehorsam dem
Wort Gottes gegenüber gehandelt wird. So tat Israel es und so
müssen wir es tun. Im letzten Teil von 1. Korinther 1 wird deutlich
gemacht, auf welche Weise der Feind geschlagen werden kann. Das
ist durch »das Wort vom Kreuz« (Vers 18) möglich. Zum Kreuz zu-
rückgehen und aufs Neue unter den Eindruck dessen kommen, was
der Herr Jesus dort getan hat. Am Kreuz hat er jeden Bruch wie-
derhergestellt, sowohl im persönlichen Leben des Gläubigen als
auch im Leben der örtlichen Gemeinde. Wenn wir bekennen, wo-
Abschnitt 1a · Vermischung mit den Nationen 30

rin wir falsch lagen, wird der Bruch zunichte gemacht werden, wie
und wo er auch entstanden sein mag, und Wiederherstellung folgt
im Leben des Gläubigen und in der örtlichen Gemeinde.

Vergeltung — Verse 6-7


Dass Juda und Simeon nicht ganz auf dem Wege Gottes sind und
nicht nach seinen Gedanken handeln, ist auch an der Art und Wei-
se zu sehen, wie sie Adoni-Besek behandeln. Sie tun etwas, das Gott
ihnen nicht geboten hatte. Josua hatte seinerzeit etwas Derartiges
auch nie mit den Königen Kanaans getan. Es ist eine Tat menschli-
cher Vergeltung. Nirgends im Alten Testament gibt es einen Auf-
trag Gottes an sein Volk, seine Feinde zu Tode zu martern. Zwar
durften sie kein Mitleid mit ihnen haben und mussten sie ohne Gna-
de töten. Doch eine grausame Behandlung wurde nicht vorgeschrie-
ben. Was das Volk hier tut, spricht nicht zu seinen Gunsten.
Was Adoni-Besek darüber sagt, hat hiermit nichts zu tun; das ist
eine andere Sache. Adoni-Besek verfolgte mit seinem Handeln nur
das Ziel, seine Macht und seinen Ruhm zu vermehren. Gott ge-
braucht das Versagen von Juda und Simeon jedoch, um Adoni-Be-
sek zu vergelten. Es spricht für Adoni-Besek, dass er in der Be-
handlung, die ihm widerfährt, die gerechte Strafe Gottes sieht. Er
erkennt, dass dieses Gericht ihn zurecht trifft. Wie er bisher gehan-
delt hat, so wird ihm auch vergolten. In seinem Fall bewahrheitet
sich das Wort aus Galater 6,7: »Was ein Mensch sät, das wird er auch
ernten.« In mehreren Begebenheiten der Bibel begegnen wir der
Wahrheit dieses Wortes. Und wie oft sind wir selbst hiermit schon
in Berührung gekommen? Dem Menschen begegnet das, was er
tut. Mit der Antwort Adoni-Beseks auf die Strafe, die er empfängt,
können wir solche Leute zurechtweisen, die die Ausrottung der Ein-
wohner Kanaans durch Israel kritisieren. Sie müssen nur Adoni-
Besek einmal gut zuhören. Das Gericht über die Einwohner Kan-
aans war gerecht und wohlverdient.

Jerusalem — Vers 8-9


In Josua 10,1 und den darauf folgenden Versen wird zum ersten
Mal in der Bibel Jerusalem erwähnt, und zwar in Verbindung mit
31 Richter 1,6-9

Krieg. Auch hier im Buch Richter wird der Name Jerusalems in Ver-
bindung mit Kampf erwähnt. Krieg war für die ganze Geschichte
Jerusalems charakteristisch und wird es sein, bis die Zeit der Natio-
nen vergangen sein wird. Erst wenn der Herr Jesus aus dem Him-
mel zurückkehrt, um sein ausgesetztes Königtum über Israel anzu-
nehmen, wird die Stadt der Bedeutung ihres Namens »Gründung
des Friedens« (salem bedeutet »Friede«) entsprechen, weil Jesus
Christus dann als der Friedefürst regieren wird. Die Eroberung Je-
rusalems durch Juda ist nicht vollständig. Trotz der Verwüstung Je-
rusalems findet der Feind Gelegenheit, sich wieder zu sammeln,
sich neu anzuordnen und Widerstand zu leisten (siehe Vers 21).

Die Kanaaniter
Kanaan war ein Sohn Hams, des Sohnes Noahs (1. Mose 10,6). Noah
verfluchte Ham in seinem Sohn Kanaan. Die Geschichte der Nach-
kommen Kanaans macht deutlich, wie dieser Fluch Gestalt annahm.
Sie bewohnten das Land, das Gott seinem Volk als Erbteil gegeben
hatte, doch sie hatten das Land durch ihre Unreinheit verdorben.
Sie gebrauchten das Land Gottes zu ihrem eigenen Vergnügen. In
1. Mose 15,18-21 werden die Kanaaniter zusammen mit neun an-
deren Völkern als Einwohner des Landes genannt; so auch in
5. Mose 7,1 und Josua 3,10. Sie bilden unter den Bewohnern des
Landes also eine separate Volksgruppe. Doch in anderen Texten
scheint der Name Kanaaniter ein Sammelbegriff für alle Bewoh-
ner des Landes zu sein, wie z. B. in 1. Mose 12,6, Josua 17,12.13
und Nehemia 9,24.

Die geistliche Bedeutung der Kanaaniter


In Hiob 40,25, Sprüche 31,24 und Jesaja 23,8 ist das hebräische
Wort Kanaan mit Kaufmann übersetzt. Das gibt uns einen Hinweis
auf die Bedeutung des Wortes. Kanaaniter stehen für Menschen,
die die Dinge Gottes zu einem Handelsgeschäft machen, woran
man einiges verdienen kann. Von dieser Art Menschen lesen wir in
1. Timotheus 6,5: »Menschen, die in der Gesinnung verdorben und
der Wahrheit beraubt sind und meinen, die Gottseligkeit sei ein Mittel
zum Gewinn.« Kanaan stellt also eine Denkweise vor, bei der je-
Abschnitt 1a · Vermischung mit den Nationen 32

mand allein auf seinen eigenen Vorteil aus ist, wobei für den Wil-
len Gottes kein Platz ist. Es ist der pure Eigenwille, der auf die
Befriedigung der eigenen Lüste gerichtet ist.
Dieser Feind ist sehr schwer auszurotten. Er versteckt sich im
Herzen eines jeden Menschen, der zum Volk Gottes gehört. Jedes
Glied des Volkes Gottes muss davor auf der Hut sein. Dieser Feind
verschafft sich zum Beispiel dann seine Geltung, wenn wir etwas
getan haben, was bei anderen Bewunderung hervorruft. Daraus
können wir Kapital schlagen, indem wir andere auf uns verpflich-
ten. Die Ehrenbezeigung, die man uns erweist, werden wir gebrau-
chen, um andere einzuwickeln und sie für unsere eigenen Ziele ar-
beiten zu lassen. Dann wird sozusagen nicht Gott dadurch geehrt,
sondern wir selbst. Was ich tue, muss zum Ergebnis haben, dass
andere nicht mich verherrlichen, sondern Gott. Sehr stark kommt
diese Kaufmannsmentalität in der römisch-katholischen Kirche zum
Ausdruck. Derartiges lesen wir in Offenbarung 18. Es wird sogar
gehandelt mit »Leibern und Menschenseelen«. Hierbei können wir
beispielsweise an die Zeit des Ablasses denken, als in der römi-
schen Kirche in der Tat Handel mit Seelen betrieben wurde. Gott
wird dieses Handelssystem, das den Namen Kirche trägt, richten.
Wie gesagt, muss jedes Kind Gottes mit der Aktivität dieses Fein-
des in seinem eigenen Herzen und Leben rechnen. Wir dürfen kein
Mitleid mit ihm haben. Er muss radikal verurteilt werden. Das ge-
schieht, indem wir ihn dorthin bringen, wo er hingehört, nämlich in
den Tod. Dann entsprechen wir dem Auftrag in Kolosser 3,5, wo
steht, dass wir unsere Glieder, die auf der Erde sind, töten sollen.
Diese Glieder sind »Unzucht, Unreinheit, Leidenschaft, böse Lust
und Habsucht, die Götzendienst ist«. Diese Glieder können wir als
eine Auswirkung des verdorbenen Denkens von 1. Timotheus 6,5
sehen. Das ist kein Pappenstiel. Jedes Glied ist ein Feind. Wer meint,
mit solch einem Glied sei gut Kirschen essen, wird dadurch geschla-
gen. Der Kanaaniter schlägt zu. Es geht Gebiet verloren. Die Seg-
nungen Gottes werden nicht mehr genossen. Die Kanaaniter wer-
den dafür sorgen, dass wir nicht in unseren Städten wohnen, das
heißt, dass wir keinen Genuss haben an einer bestimmten Wahr-
heit über Christus oder an etwas Wertvollem von ihm, das uns ge-
hört. Der Weg zur Sklaverei der Sünde ist eingeschlagen, bis wir
wieder völlig Sklave sind!
33 Richter 1,9-12

Kaleb — Vers 10-12


Juda zieht weiter hinauf: Sein nächstes Ziel ist Hebron. Dieser Name
hat eine schöne Bedeutung: »Gemeinschaft«. Die Stadt war zuerst
in den Händen der Kanaaniter, die ihr den Namen Kirjat-Arba ge-
geben hatten. Kirjat-Arba bedeutet: »Stadt der Riesen«. In Wirk-
lichkeit hat nicht der Stamm Juda, sondern Kaleb diese Stadt er-
obert. Das ist in Josua 15,14.15 zu lesen. Kaleb drückte dem gan-
zen Stamm den Stempel seiner persönlichen Treue und Kraft, sei-
nes Ausharrens und Glaubens auf. Er fürchtete sich nicht vor den
Riesen. Das hatte er bereits gezeigt, als er als einer der zwölf Kund-
schafter mit seinem Bericht über das im Land Gesehene zu Mose
zurückkam. Diese Geschichte können wir in 4. Mose 13 und 14
lesen. Zehn Kundschafter ließen sich einschüchtern vom Eindruck
der gewaltig starken Mauern der Städte und der Riesen, die dort
wohnten. Gegen diese könnten sie nie siegen. Aber die Sprache
Kalebs war anders. Der Grund dafür war, dass er die Mauern und
die Riesen nicht mit sich selbst und mit seiner eigenen Kraft ver-
glich, sondern mit Gott. Und was bedeuten nun dicke Mauern und
Riesen für einen allmächtigen Gott?
Zwischen so viel Unglauben und Abweichen glänzt dieses Glau-
bensvertrauen hervor. So ist es auch heute in der Gemeinde: In-
mitten des allgemeinen Verfalls kommt persönliche Treue vor. Die
Treue wird bei Männern und Frauen gefunden, die die Schwierig-
keiten nicht mit sich selbst vergleichen, sondern sie ruhig in die
Hand des Herrn legen und darauf vertrauen, dass er über den
Umständen steht und darin einen Weg zum Sieg zeigt. Persönliche
Treue kommt auch heute noch dem Ganzen zugute. Dann wird eine
Stadt der Riesen in eine Stadt der Gemeinschaft verwandelt. Wo
der Glaube den Feind verjagt, tritt dafür Gemeinschaft mit Gott
und seinem Volk an die Stelle.
Die Eroberung Kirjat-Sefers schließt sich hieran an. Kirjat-Se-
fer bedeutet »Stadt des Buches«. Das war der Name der Stadt, als
sie in den Händen des Feindes war. Möglicherweise war sie ein
Zentrum der kanaanitischen Gelehrsamkeit; wir würden heute viel-
leicht von einer »Universitätsstadt« sprechen. Der neue Name, den
diese Stadt bekommt, ist Debir, und das bedeutet »(ein lebendi-
ges) Orakel« oder »Sprechen Gottes«. Folgende Lektion ist hier-
Abschnitt 1a · Vermischung mit den Nationen 34

aus zu lernen: Für Ungläubige oder solche, die sich zwar als Chris-
ten ausgeben, aber kein Leben aus Gott haben, ist die Bibel ledig-
lich ein Buch. Sobald jemand aber durch Bekehrung und Wieder-
geburt neues Leben empfängt, wird dieses Buch das lebendige und
wirksame Wort Gottes (vergleiche Hebräer 4,12). Viele haben be-
zeugt, dass sie durch das neue Leben die Bibel anders zu sehen und
zu lesen begonnen haben. Was zuerst ein toter Buchstabe zu sein
schien, ist lebendig geworden. Wir werden »der Bibel«, dem Wort
Gottes, im Buch der Richter noch in vielen Bildern begegnen. Sie-
ge über unseren geistlichen Feind erringen wir nur dann, wenn wir
das Wort Gottes zu unserem Eigentum machen, indem wir danach
leben. Vor allem für Älteste und Aufseher, von denen die Richter
auch ein Bild sind, gilt, dass sie das Wort kennen müssen; sie müs-
sen »lehrfähig« sein (1. Timotheus 3,2).

Otniel — Vers 13
Mit der Haltung und dem Auftreten Kalebs ist noch ein wichtiger
Aspekt verbunden, und zwar, dass er Andere zum selben Verhal-
ten anspornt. Durch sein Vorbild erweckt er in Anderen den Eifer,
ihm gleichzutun. So funktioniert es auch heute noch: Die Treue
eines Einzelnen erweckt andere, ebenso zu handeln. Kaleb bedeu-
tet unter anderem »von ganzem Herzen«. Es kommt immer auf ein
ungeteiltes Herz an. Wer Gott mit seinem ganzen Herzen dient und
vertraut, erringt Glaubenssiege. Der Funke dieser Glaubensbegeis-
terung springt danach auf andere über, so wie hier bei Otniel. Sein
Name bedeutet »Löwe Gottes« oder »meine Kraft ist Gott«. In ihm
sehen wir ein Vorbild der Heldenhaftigkeit des Glaubens. Die Ur-
sache liegt dabei nicht in seiner eigenen Kraft, sondern in der Kraft
Gottes. Darauf stützt er sich. Was Kaleb vorstellt, wird von Otniel
fortgesetzt durch das Vorbild, das er in Kaleb gesehen hat. Ein be-
sonderer Ansporn ist die Belohnung, die Kaleb in Aussicht stellt.
Wer Kirjat-Sefer einnimmt, bekommt seine Tochter zur Frau. Die-
se Aussage stieß bei Otniel nicht auf taube Ohren.

Achsa: ihr Name — Vers 14


Achsa war gewiss eine attraktive Frau. Doch Otniel wird sie nicht
35 Richter 1,12-14

in erster Linie um ihrer äußeren Schönheit willen geschätzt haben.


Was für eine Frau sie war, zeigt sich aus ihrem Namen, ihrer Ein-
stellung und ihrem Verhalten. Ihr Name bedeutet »Einzelschmuck«.
Das weist darauf hin, dass ihr Wandel, ihre Lebensweise zur Ehre
Gottes war. Sie war eine solche Frau, wie sie in 1. Petrus 3,1-6 er-
wähnt wird. Dort wird einige Male über Schmuck gesprochen. Sie
war ein Mensch, der in seinem Wandel verwirklichte, was Gott ge-
sagt hatte. In Titus 2,9.19 heißt es von den Sklaven, dass sie »die
Lehre, die unseres Heiland-Gottes ist, in allem zieren« sollen. Um
»die Lehre unseres Heiland-Gottes«, das heißt die Unterweisung, die
Gott durch sein Wort gibt, zieren zu können, muss man sie auch
kennen. Sie brachte dem, was Gott gesagt und verheißen hatte,
Interesse entgegen. Das bestimmte ihre Haltung und ihr Verhal-
ten. Es ist zu wünschen, dass die christliche Frau sich an ihr ein
Beispiel nimmt. Das gilt auch für den christlichen Mann. Es ist eben-
so zu wünschen, dass er aus dem, was er ausstrahlt, Nutzen zieht.
Nicht allein die christliche Frau, sondern auch der christliche Mann
ist dafür verantwortlich, »die Lehre unseres Heiland-Gottes« mit sei-
nem Leben zu zieren. Durch unsere Lebensweise zieren oder ver-
unzieren wir »die Lehre unseres Heiland-Gottes«. Es geht darum,
dass wir in der Praxis verwirklichen, was wir aus Gottes Wort ge-
lernt haben.
Kaleb, Achsa und Otniel sind alle drei Judäer, das heißt, dass sie
alle dem Stamm Juda angehören, dessen Name »Liebhaber Got-
tes, Lobpreis« bedeutet. Aus dem Lobpreis Gottes geht ein Wan-
del im Glauben und Vertrauen hervor. Wer Gott für seine große
Güte dankt, wird durch sein Leben zeigen, dass diese Dankbarkeit
echt ist. Sein Wandel wird gleichsam ein großer Lobpreis für Gott
werden. Er wird sein Leben immer mehr in Übereinstimmung mit
dem Wort Gottes bringen. Das ist die unvermeidliche Folge im
Leben eines Menschen, dessen Herz nach Gott und seinem Wort
strebt.

Achsa: ihre Einstellung — Vers 14


Achsa war eine kostbare Frau, und das nicht allein durch ihre äuße-
re Schönheit. Die Bedeutung ihres Namens habe ich bereits genannt.
Doch ich habe noch etwas genannt, was so attraktiv in ihrem Leben
Abschnitt 1a · Vermischung mit den Nationen 36

war, und zwar ihre Einstellung und ihr Verhalten. Darin zeigte sich
ihre eigentliche, innere Schönheit. Gerade durch ihre Einstellung
war sie eine gewaltige Ergänzung für Otniel. Achsa besaß etwas
vom Geist ihres Vaters. Sie war nicht damit zufrieden, einfach nur
ein Eigentum zu besitzen. Sie wollte, dass es ein fruchtbares Eigen-
tum sein sollte. Das Südland war ein Land des Sonnenscheins und
der Wärme, der Fruchtbarkeit und Schönheit. Doch sie wollte et-
was zusätzlich haben, wodurch sie imstande wäre, dieses Land in
vollem Maße zu genießen: obere und untere Wasserquellen.

Unsere oberen Quellen — Vers 15


Auch wir können wissen, dass wir »ein Stück Land besitzen«, doch
bei uns bezieht sich das auf geistliche Segnungen in den himmli-
schen Örtern. Ein Vorbild finden wir im Leben des Apostels Pau-
lus. Er spricht über die »oberen Quellen«, wenn er vom »Über-
fluss« schreibt. So erwähnt er im Brief an die Römer »die Gabe in
der Gnade des einen Menschen Christus Jesus gegen die vielen«, die
»gegen die vielen überströmend geworden« ist (5,15; siehe auch 5,20).
Auch wünscht er den Römern, dass sie »überreich« seien »in der
Hoffnung« (15,13). In seinem zweiten Brief an die Korinther schreibt
er, dass »durch den Christus unser Trost überreich« ist (1,5) und in
7,4 dieses Briefes: »Ich bin überreich an Freude«. Gnade, Hoffnung,
Trost, Freude, all diese Dinge sind in Christus im Himmel zu fin-
den. Aus diesen Quellen kann der Gläubige allezeit schöpfen, selbst
wenn es ihm in seinem Leben auf der Erde nicht so geht, wie er es
sich wünscht. Dann weiß er, dass in Christus, der oberen Quelle,
Erquickung zu finden ist, die von keinen Widerwärtigkeiten ange-
tastet werden kann.

Unsere unteren Quellen — Vers 15


Doch es gibt auch die unteren Quellen. Darüber spricht Paulus,
wenn er über das Erleiden von Mangel spricht, die Zeiten der Er-
probung. Ein Beispiel davon sehen wir in 2. Korinther 11,9: »Denn
meinem Mangel halfen die Brüder ab, die aus Mazedonien kamen.«
Es ist eine Erquickung, wenn es Brüder gibt, die uns in unserer Not
helfen. Das ist eine Erquickung aus einer tiefer gelegenen Quelle
37 Richter 1,14-16

als jene Erquickung, die wir vom Herrn selbst empfangen. Den-
noch ist das Ergebnis dasselbe. Wir erfahren den Segen des Landes
beim Trinken aus beiden Quellen. Die Erquickung, die wir sowohl
aus den oberen als auch aus den unteren Quellen empfangen, macht
den Herrn Jesus größer. Gott wird verherrlicht, wenn wir große
und gute Dinge von ihm erbitten. Wir müssen ihn nicht auf die
Begrenztheit unserer Gedanken verkleinern. Er brachte sein Volk
in ein gutes Land und es war sein Wunsch, sie dort zu segnen. Gott
hat uns in ein gutes Land gebracht und er will nichts lieber tun, als
uns dort zu segnen. Leider sehen wir, dass in unserer Zeit nur we-
nige Gläubige Interesse und Einsatz für den Segen zeigen, der uns
in Achsa vorgestellt wird. Es kommt noch eine Anwendung hinzu.
Achsa war die Frau Otniels; er steht in unserer Zeit für einen Auf-
seher in der Gemeinde, für jemanden, der das Volk Gottes führt.
Aufseher sind Menschen, die eigentlich erst gut funktionieren, wenn
sie eine Frau vom Kaliber Achsas an ihrer Seite haben. Sie ist ein
Mensch, der zu geistlicher Aktivität anspornt.

Die Keniter — Vers 16


Einen Gegensatz zum »Geist der Kraft, der Liebe und Besonnenheit«
(2. Timotheus 1,7) von Kaleb, Achsa und Otniel stellen die Keniter
in Vers 16 dar. Die Keniter kommen aus Midian, woher auch die
Frau Moses stammte (2. Mose 2,15-21). Midian war ein Nachkom-
me Abrahams, nämlich über seine Frau Ketura (1. Mose 25,1-2).
Dadurch war Midian auf doppelte Weise mit Israel verbunden, so-
wohl über Mose als auch über Abraham. Es scheint, als ob die Ke-
niter beim Auszug aus Ägypten auf Einladung Moses hin mit dem
Volk mitgegangen sind (1. Samuel 15,6). Dennoch haben sie sich
nie mit dem Volk Gottes vereinigt. 4. Mose 24,21 gibt an, dass Isra-
el für die Keniter eine Art Nest darstellte, aber auch nicht mehr als
das. Unser Vers in Richter 1 scheint das zu bestätigen (siehe auch
Kapitel 4,17). Sie ziehen zwar mit den Judäern hinauf, gehen je-
doch hin und wohnen bei Arad, ohne dass von Kampf die Rede
wäre. Sie wollen einfach unter der Bevölkerung wohnen. Es sind
Menschen, die ihre Wüstengewohnheiten beibehalten, während sie
im Land des Segens bleiben. Sie profitieren zwar von der Sicher-
heit, die ihnen das Land gibt, jedoch ohne sich um die Segnungen
Abschnitt 1a · Vermischung mit den Nationen 38

zu kümmern, die das Land in sich birgt. Sie passen sich mit Leich-
tigkeit ihrer Umgebung an. Die Bedeutung des Namens Arad
schließt hieran an. Arad bedeutet »Ort des Wildesels«. Ein Wild-
esel stellt einen Menschen dar, der nach seiner eigenen Natur denkt
und handelt, ohne Verbindung mit Gott zu haben. An diesem Ort
werden die Keniter wohnen.

Die geistliche Bedeutung der Keniter


In der Christenheit begegnen wir Menschen, die den Kenitern glei-
chen. Es sind Menschen, die den Mund mit den Dingen Gottes voll
haben, während ihr tägliches Leben zeigt, dass ihr Herz auf die
Dinge der Menschen sinnt (Matthäus 16,23). Lasst uns darauf Acht
haben, dass wir nicht anfangen, so zu werden, wie sie. Das kann
geschehen, wenn wir uns beim Volk Gottes wohl fühlen, weil es uns
ein Stück weit Schutz bietet, wir uns jedoch weiter nicht damit iden-
tifizieren wollen. Auf der anderen Seite fühlen wir uns auch bei
den Menschen der Welt sehr heimisch. Diese Halbherzigkeit ist
kein Schmuck für jemanden, der weiß, mit welchen Segnungen Gott
ihn in Christus gesegnet hat. Darum stellen die Keniter einen Ge-
gensatz zu Kaleb und zu seiner Familie dar.

Im Sieg stehen — Vers 17


Nach diesem Abschnitt über die Keniter folgen wir wiederum Juda
in seinem Kampf, um das ihm zugeteilte Stück Land in Besitz zu
nehmen. Zusammen mit seinem Bruder Simeon zog er gegen die
Kanaaniter hinauf, die in Zefat wohnten. Nachdem diese Stadt ein-
genommen ist, bekommt sie den Namen Horma, der »Bannfluch«
oder »vollständige Vernichtung« bedeutet. Die Bedeutung dieses
Namens ist ein Hinweis auf die Vorgehensweise Judas mit dieser
Stadt. Hierin handelt er in Übereinstimmung mit Gottes Willen
und gleichzeitig zu seinem eigenen Besten.
Ein Feind, der vollkommen vernichtet ist, wird nicht mehr zur
Last fallen. Unser Problem ist, dass wir oft nicht radikal genug mit
der Welt brechen. Das werden wir in einem bestimmten Moment
bitter zu spüren bekommen. Der Feind bekommt von uns nur allzu
oft die Gelegenheit, sich wieder von einer Niederlage zu erholen.
39 Richter 1,16-19

Wenn der Herr Jesus in Johannes 16,33 sagt: »In der Welt habt ihr
Drangsal; aber seid guten Mutes, ich habe die Welt überwunden«, dann
dürfen wir die Welt als einen besiegten Feind betrachten. Wir dür-
fen im Sieg stehen. In 1. Johannes 5,4 ermutigt der gealterte Apos-
tel Johannes seine Leser: »Denn alles, was aus Gott geboren ist, über-
windet die Welt, und dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat:
unser Glaube.« Durch den Glauben, der in der neuen Natur wirkt,
werden wir den Verführungen der Welt nicht nachgeben. Unser
Glaube richtet sich auf ihn, der die Welt überwunden hat.

Gasa, Aschkelon und Ekron — Vers 18


Gasa (»Die Starke«), Aschkelon (wahrscheinlich »Fußwanderung«)
und Ekron (»Unfruchtbarkeit«) mit den dazugehörigen Gebieten
werden ebenfalls eingenommen. Diese drei Städte sind drei der
fünf Hauptstädte der Philister. Die Philister werden im Lauf dieses
Buches noch ausführlich behandelt werden.

Die Schwäche Judas — Vers 19


Juda siegt und nimmt in Besitz, weil der Herr mit ihm ist und weil
er auf ihn vertraut. Welch große Ermutigung ist das für alle, die
den geistlichen Kampf wagen! Der Herr ist allezeit mit denen, die
mit ihm gehen. Das zu tun, was er sagt, bedeutet: ihn bei uns zu
haben. Und welcher Feind ist uns dann gewachsen? Der Herr bei
uns ist stärker als jeder erdenkliche Feind. Ohne den Herrn unter-
liegen wir im Kampf gegen den schwächsten Gegner.
Dennoch fehlte am Glaubensvertrauen Judas noch etwas. »Aber
die Bewohner der Ebene waren nicht zu vertreiben, weil sie eiserne
Wagen hatten.« Was ist das nun? Der Herr ist genau dann mit Juda,
wenn er am Wort festhält, das Gott gesprochen hat, nämlich alle
Feinde zu töten. Leider vertraut Juda nicht in vollem Maße auf
Gott; er fürchtet sich vor den eisernen Wagen. Das rührt von ei-
nem Mangel an Vertrauen auf den Herrn her, was sich schon an
der Tatsache zeigte, dass er Simeon bei sich haben wollte (siehe
Vers 3). Für Gott stellen eiserne Wagen überhaupt kein Problem
dar; man schaue nur einmal in das Buch Josua, Kapitel 11,4.6.9
und Kapitel 17,18.
Abschnitt 1a · Vermischung mit den Nationen 40

Wer Gottes Kraft nicht für hinreichend erachtet, beschränkt sei-


nen eigenen Sieg. Es ist wie mit den Mauern und den Riesen im
Land: Wer diese Gegebenheit mit seiner eigenen Kraft vergleicht,
bleibt nirgendwo; wer sie mit Gott vergleicht, sieht keine einzige
Schwierigkeit. Dies ist kein Verkleinern des Problems, sondern sein
Zurechtrücken der Verhältnisse, wie sie für den Glauben gelten. In
Daniel 2,40 wird die Kraft des Eisens beschrieben. Nichts kann die-
ser Kraft widerstehen, wenn man sie mit menschlicher Kraft ver-
gleicht. Aber was ist die Kraft des Eisens für Gott? Gott zerbricht
das Eisen mit seinem mächtigen Arm. Für ihn ist es nicht mehr als
»Spreu aus den Sommertennen« (Daniel 2,35). Unser Problem ist
oft, dass wir zu klein von Gott denken und somit alles nach unseren
eigenen Fähigkeiten einschätzen. Dann wird deutlich, dass wir nicht
in der Lage sind, eines bestimmten Problems Herr zu werden, was
zur Verunehrung Gottes und zum Schaden und zur Schande für
uns selbst ist.

Noch einmal Kaleb — Vers 20


Die Haltung Kalebs bildet hier einen solchen Gegensatz zu Juda
wie früher zu den Kenitern. Dort, wo Juda versagt, überwindet der
Glaube einer Einzelperson. Kaleb fürchtete sich nicht vor den Rie-
sen, wie es die zehn Kundschafter getan hatten. Er fühlte sich nicht
wie eine Heuschrecke in ihren Augen, sondern für ihn schien es
genau umgekehrt zu sein: Die Riesen waren Heuschrecken in Got-
tes Augen.

Benjamin — Vers 21
Nach der ausführlichen Beschreibung der Abenteuer Judas und Si-
meons folgt nun in schnellem Tempo eine Beschreibung der Erfol-
ge – oder besser des Versagens – der anderen Stämme. Nachdem
sich gezeigt hatte, dass Juda (Vers 19) nicht in der Lage war, den
Feind zu vertreiben, klingt es in den Versen 21-36 wie ein immer
wiederkehrender Refrain, dass sie die Feinde »nicht vertrieben« (Ver-
se 21.27.28.29.30.31.32.33). Der nächstfolgende ist Benjamin. Der
Feind, der in Vers 8 geschlagen war, wurde offenbar nicht vollstän-
dig geschlagen. Ein Teil der Jebusiter bleibt übrig und leistet gro-
41 Richter 1,20-26

ßen Widerstand. Vielleicht war dies dadurch möglich, dass Juda


lediglich seinen eigenen Teil der Stadt erobert hatte. Jerusalem lag
nämlich an der Grenze zwischen Juda und Benjamin, wodurch je-
dem dieser Stämme ein Teil der Stadt zukam. Wie dem auch sei,
der Feind hält sich niemals für geschlagen und findet sogar die Ge-
legenheit, sich durch die Untreue des Volkes Gottes zu behaupten.
Benjamin lässt den Feind aus lauter Gleichgültigkeit in seiner Mit-
te wohnen. Benjamin ist eigentlich der Kriegsstamm. In seiner Pro-
phetie hatte Jakob Benjamin so beschrieben: »Benjamin ist ein Wolf,
der zerreißt; am Morgen verzehrt er Raub und am Abend verteilt er
Beute« (1. Mose 49,27). Der Name Benjamin bedeutet »Sohn mei-
ner Rechten« und die Rechte spricht von Kraft. Christus wird bald
als der wahre Benjamin, als der wahre Sohn der Rechten Gottes,
auf der Erde regieren. Dazu wird er zum Gericht erscheinen. Jetzt
ist der Herr Jesus noch im Himmel. Er hat sich »gesetzt zur Rechten
der Majestät in der Höhe« (Hebräer 1,3; siehe auch 8,1; 10,12; 12,2).
Epheser 1,20-23 zeigt, dass alle, die zur Gemeinde gehören, in ihm
schon dort sind. Benjamin hat vergessen, was über ihn gesagt wor-
den ist. Durch Gleichgültigkeit ist er seiner Berufung untreu. Ben-
jamin stellt unseren Platz in Christus dar. Wenn wir vergessen, dass
wir in Christus in die himmlischen Örter versetzt sind und dass wir
in ihm einen Platz zur Rechten Gottes haben, werden wir gegen-
über der Welt um uns her gleichgültig sein und unempfindlich für
das Böse, das hier herrscht. Wir verlieren an Kraft und der Feind
kann seinen Einfluss auf unser Leben ausüben.

Joseph — Vers 22-26


In den Versen 22-26 lesen wir etwas über Joseph. Obwohl der Herr
mit ihm ist, haben wir auch hier Hinweise darauf, dass er dem Herrn
nicht völlig vertraut. Er zieht im Glauben gegen Bethel hinauf und
darum ist der Herr mit ihm. Doch dann fängt er an, Kundschafter
auszusenden. Hatte der Herr das angeordnet? Das erinnert an die
Geschichte in Josua 2. Der Unterschied besteht darin, dass es dort
ein Werk des Glaubens war, der hier vermisst wird. Der Mann aus
Lus erweist sich als Verräter. Anstatt sich wie Rahab dem Volk Got-
tes anzuschließen, baut er die vom Herrn verwüstete Stadt wieder
auf.
Abschnitt 1a · Vermischung mit den Nationen 42

Immer wieder werden wir daran erinnert, dass wir keinem einzi-
gen Feind vertrauen dürfen oder ihn entkommen lassen sollen. In
geistlichen Dingen können wir aus den Gedanken dieser Welt kei-
nen Gewinn erzielen, wovon die Vereinbarung Josephs mit dem
Mann aus Lus ein Bild sind. Daraus gehen wir auf die Dauer betro-
gen hervor. Zuerst scheint es, als ob wir Nutzen davon hätten, doch
der ist nur von kurzer Dauer. Alles, was wir in unserem Leben recht-
fertigen, obwohl es etwas vom Feind, vom Fleisch oder vom Eigen-
willen ist, wird sich in einem bestimmten Augenblick gegen uns wen-
den. Genauso wie hier bei dem Mann aus Lus. Die ganze Stadt
wird verwüstet, aber den Mann und seine Sippe lassen sie gehen.

Bethel, Lus und die Hetiter — Vers 22-26


Diese Namen lassen uns in ihrer Bedeutung die Belehrung erken-
nen. Bethel bedeutet »Haus Gottes«, Lus »Absonderung« und die
Hetiter stehen für »Kinder des Schreckens«. Der Name der Stadt
war zuerst »Absonderung«. Als solche besaß sie der Feind. Abson-
derung ist eine biblische Wahrheit, aber sie kann auf eine verkehr-
te, unbiblische Weise gelehrt und in die Praxis umgesetzt werden.
So wird diese biblische Wahrheit zu einem »Eigentum« des Fein-
des. Ein Beispiel davon sehen wir bei den Pharisäern. Ihr Name
bedeutet »die Abgesonderten«. Es gab unter ihnen positive Aus-
nahmen, doch im Allgemeinen bildeten die Pharisäer eine Gruppe
innerhalb des jüdischen Volkes, die sich vom einfachen Volk abge-
sondert hatte; sie fanden sich heiliger als die Übrigen. Einige Male
bezeichnet der Herr Jesus sie als Heuchler. In Matthäus 23 stellt er
mit scharfen Ausdrücken ihre Heuchelei an den Pranger. Sie wa-
ren dadurch gekennzeichnet, dass sie anderen schwere Lasten auf-
erlegten, während sie selbst im Ganzen nicht danach handelten.
Das liegt uns allen im Blut; niemand ist davon ausgenommen.
Mit diesem Feind muss abgerechnet werden. Dann kann Lus ei-
nen anderen Namen bekommen: Bethel, »Haus Gottes«. Im ge-
genwärtigen Haus Gottes, der Gemeinde, wohnt Gott (siehe 1. Ti-
motheus 3,15). Alle, die Leben aus Gott haben, wohnen auch dort.
Wenn die verkehrte Absonderung aus unserem Leben verschwun-
den ist, können wir anfangen, die richtige Absonderung zu erleben.
Absonderung zu Gott hin, ihm geweiht in seinem Haus dienen. In
43 Richter 1,22-28

seiner Gegenwart zu sein bedeutet, dass wir berücksichtigen, dass


er der heilige Gott ist, der überhaupt nichts Böses dulden kann.
Der Psalmist sagt in Psalm 93,5 über Gottes Haus: »Deinem Haus
geziemt Heiligkeit, HERR, für die Länge der Tage.« Ein anderes Bei-
spiel verkehrter Absonderung ist das Klosterleben der Mönche und
Nonnen. Wir wollen nicht die Motive richten, die jemanden zu ei-
ner solchen Lebensweise veranlassen, aber das Prinzip des Kloster-
lebens ist der Schrift fremd. Es unterstellt eine besondere Heili-
gung für Gott, die so weit geht, dass man sich von den normalen
weltlichen Dingen absondert, um sich den höheren Dingen zu wei-
hen. Man vergisst dabei jedoch, dass die Sünde im Herzen des Men-
schen wohnt. Diese verkehrte, äußerliche Form der Absonderung
muss überwunden werden. Es ist sehr schade, wenn wir in bestimm-
ter Hinsicht diese verkehrte Absonderung doch aufrecht erhalten.
Nach Verlauf einiger Zeit wird dieses Fehlverhalten sicher wieder
stärker werden. Einen Nährboden findet es bei den Hetitern, den
»Kindern des Schreckens«. Wer mit dem Pharisäertum in seinem
Leben nicht kurzen Prozess macht, wird früher oder später vom
Pharisäertum beherrscht werden. Die Folge davon wird sein, dass
vom Leben eines solchen Menschen ein schrecklicher Einfluss auf
Andere ausgeht.

Manasse — Vers 27
Manasse vermittelt uns den Eindruck, dass er keinen einzigen Ort
vollständig in Besitz genommen hat. Die ganze Gegend, die ihm
zugewiesen war, atmet weiter die kanaanitische Sphäre aus. Ob-
wohl die Kanaaniter Knechte geworden sind und ihre Macht in
gewisser Hinsicht gebrochen ist, ist es ihnen doch gelungen, sich
selbst zu behaupten. Der Wille der Welt hat noch einen starken
Einfluss auf das schwache Volk Gottes.

Die Lektion für uns — Vers 28


Der Einfluss der Welt ist eine Gefahr, die alle Christen bedroht.
Der Feind kann verpflichtet sein, in den Gläubigen seine Vorge-
setzten zu erkennen, doch er bleibt am Leben, wenn wir mit ihm
»zu verhandeln« beginnen. Wir können uns dessen bewusst sein,
Abschnitt 1a · Vermischung mit den Nationen 44

dass das Fleisch sich keine Geltung verschaffen darf, während wir
es doch gebrauchen, um unser Ziel zu erreichen. Ein bestimmter
Christ kann zum Beispiel sehr gut reden. Durch allerlei Ursachen
kommt er in ein übles Zwielicht, ohne selbst Schuld daran zu sein.
Wird er nun all sein Rednertalent aus der Kiste holen, um seine
Unschuld zu beweisen, oder übergibt er sich dem, »der gerecht rich-
tet« (1. Petrus 2,23)? Ein Beispiel finden wir in 1. Korinther 6. Dort
geht es darum, wie wir reagieren, wenn uns von einem Bruder Un-
recht angetan worden ist (Vers 6). Gehen wir dann zum weltlichen
Richter oder leiden wir lieber Unrecht? In solchen Situationen
erweist es sich, ob wir unsere Füße fest im Land und auf dem Na-
cken der Feinde stehen haben. Es ist aber auch möglich, dass wir
dem Feind noch ein sicheres Fortbestehen ermöglichen und mit
ihm abgesprochen haben, ihn zu gebrauchen, wenn es drauf an-
kommt.

Ephraim und Sebulon — Vers 29-30


Ephraim und Sebulon lassen die Feinde ebenfalls in ihrer Mitte
wohnen, sie dulden sie. Sie sind sich nicht darüber im Klaren, dass
das Ertragen ihrer Feinde zur Verunehrung Gottes ist. Es ist Sün-
de. Es bedeutet einfach eine gleichgültige Haltung hinsichtlich des
Landes Gottes, das er ganz Israel gegeben hatte.

Asser und Naftali — Vers 31-33


Asser und Naftali treiben es noch bunter: Sie wohnen sogar inmit-
ten der Feinde und gehen auf diese Weise ein bisschen in den Hei-
den auf. Hier sind die Rollen umgedreht. Die Untreue des Volkes
hat immer größere Folgen. Nicht die Feinde wohnen inmitten der
Israeliten, was auch bereits Untreue bedeutet, sondern die Israeli-
ten wohnen nun inmitten der Feinde. Die Feinde behalten die Ver-
fügungsgewalt über das Land bei und dulden die Israeliten in ihrer
Mitte. Was für eine Schwachheit beim Volk! Es erinnert an jeman-
den, der zwar Christ ist und das neue Leben hat, dessen Leben
aber von seinem Fleisch diktiert wird, von seinen eigenen Gedan-
ken. Diese Gedanken sind nicht vom Umgang mit Gott geprägt,
sondern vom Umgang mit Menschen und Meinungen der Welt.
45 Richter 1,28-36

Dan — Vers 34-36


Der Stamm Dan kommt am schlechtesten davon. Er kann die Fein-
de nicht vertreiben, ganz im Gegenteil: Die Feinde vertreiben die
Daniter aus ihrem Erbteil. Das ist die letzte Phase des Niedergangs,
der in diesem Kapitel beschrieben wird. Auf keine einzige Weise
genießt man mehr den Segen des Landes. Dieser Zustand stimmt
mit dem eines Christen überein, der ganz von den Dingen der Welt
in Beschlag genommen wird. Sicher, er sagt wohl noch, dass er Christ
sei, aber in seinem Leben und Reden zeigt sich eigentlich nichts
davon. Keine einzige Sache weist darauf hin, dass er es schön fin-
det, etwas über die Dinge Gottes und des Herrn Jesus zu hören
oder selbst davon zu sprechen. Daheim bleibt seine Bibel geschlos-
sen und ans Gebet denkt er nicht.

Die Amoriter — Vers 34-36


Die Amoriter sind die ersten Feinde, denen Israel auf seinem Weg
ins gelobte Land begegnete und die es schlug. In 5. Mose 2,24 steht,
dass Gott zu seinem Volk sagt, es solle einen Anfang mit der Inbe-
sitznahme des Landes machen, indem es mit den Amoritern kämpf-
te. Dieser Kampf spielte sich ab, bevor sie durch den Jordan zogen.
Es ist ein Gebiet, das sich nicht im verheißenen Land befindet, son-
dern auf der anderen Seite des Jordan. Es redet also nicht von den
geistlichen Segnungen in den himmlischen Örtern, sondern von ir-
dischen Segnungen; auch für alle irdischen Segnungen haben wir
Gott zu danken. Unter irdischen Segnungen können wir Dinge wie
Gesundheit, eine gute Ehe, eine schöne Arbeitsstelle oder einen
angenehmen Urlaub verstehen. Es sind also nicht unsere eigentli-
chen geistlichen, himmlischen und ewigen Segnungen. Irdische Seg-
nungen besitzen wir gemeinsam mit Ungläubigen. Der Unterschied
ist nur: Der Christ nimmt diese Dinge aus Gottes Hand an und
dankt ihm dafür, was der Ungläubige nicht tut.
Wenn der Christ jedoch anfängt, solche Segnungen als selbst-
verständlich zu betrachten, wird er von den Amoritern aus seinem
Erbteil vertrieben. Er tut alles, um gesund zu bleiben und vergisst,
dass er in Gottes Hand ist; er tut alles, um seine Ehe gut zu erhal-
ten und hat nie Zeit, um einem anderen geistlich zu dienen; sein
Abschnitt 1a · Vermischung mit den Nationen 46

Beruf ist ihm alles, er ist ein echter Workaholic, was auf Kosten des
Besuchs der christlichen Zusammenkünfte geht; er tut alles, um
aus seinem nächsten Urlaub einen noch größeren Erfolg als aus
seinem letzten zu machen: er studiert Reiseführer, wägt die ver-
schiedenen Urlaubsziele ab, beschafft sich so viele Informationen
wie möglich, um ganz vorbereitet ans ausgewählte Ziel zu reisen.
Aber er hat kein Interesse, zeigt keinen Einsatz und hat keine Zeit
für das, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Glücklicher-
weise ist das Haus Josephs so aufmerksam, dass es den Amoritern
Einhalt gebietet. Glücklicherweise gibt es noch Menschen im Volk
Gottes, die einen Blick für die Gefahren der irdischen Segnungen
haben. Lasst uns auf sie hören und unseren Nutzen daraus ziehen.

Kapitel 2

Einleitung
Das Kapitel 1 handelte vom Verfall Israels in Bezug auf die Völker
der Umgebung, der Welt. Israel war bei der Inbesitznahme des Lan-
des untreu und hat den Feind nicht vertrieben. In Kapitel 2 geht es
um den Verfall gegenüber Gott. Sie haben Gott den Rücken ge-
kehrt und den Götzen zu dienen begonnen. Dieses Kapitel bietet
eine Zusammenfassung des gesamten Buches. In dieser Zusam-
menfassung wird gezeigt, dass wir es mit einer Art Teufelskreis zu
tun haben, der in den nächsten Kapiteln immer wieder seinen Lauf
nimmt. Dieser »Kreis« besteht aus folgenden Schritten:

1. Das Volk verlässt Gott.


2. Gott gebraucht Feinde, um ihr Gewissen zu erwecken.
3. Das Volk ruft zum Herrn.
4. Der Herr gibt dem Volk in seiner Barmherzigkeit einen Rich-
ter, um es zu befreien. Danach beginnt der Kreis wieder neu.
5. Das Volk verlässt Gott.
6. usw.

In Psalm 107 treffen wir etwas Derartiges an. Zuerst die Not, dann
47 Richter 2,1

das Rufen zum Herrn, danach seine Errettung, wonach Gott ge-
priesen wird. Der Refrain in diesem Psalm wird von den Worten
»da schrien sie zum HERRN in ihrer Not« in den Versen 6.13.19.28
gebildet.

Der Engel des Herrn — Vers 1


Im Allgemeinen wird im Alten Testament der Titel »Engel des
Herrn« gebraucht, um damit die Erscheinung Gottes in einer sicht-
baren Gestalt anzudeuten. Erst im Neuen Testament ist Gott im
Fleisch geoffenbart (1. Timotheus 3,16). Er ist im Herrn Jesus sicht-
bar geworden. Als er geboren wurde, konnten die Menschen Gott
sehen (1. Johannes 1,1). Der Herr Jesus ist das Fleisch gewordene
Wort (Johannes 1,14). Der ewige Sohn wurde Mensch (1. Johan-
nes 5,20). Auch im Alten Testament erschien Gott in Christus den
Menschen. Dabei nahm er die Gestalt eines Engels an. Einige Pas-
sagen, aus denen deutlich wird, dass mit dem »Engel des Herrn«
Gott gemeint ist, sind 1. Mose 16,7-14 und 22,11.15-16. Aus dem,
was der Engel des Herrn in diesen Texten sagt, zeigt sich deutlich,
dass er niemand anders ist als Gott selbst. Und wenn wir Jesaja
6,1-5 mit Johannes 12,37-41 vergleichen, sehen wir noch etwas Be-
sonderes: dass Gott, der Herr des Alten Testaments, derselbe ist
wie der Herr Jesus im Neuen Testament. Wenn sich also aus dem
Zusammenhang zeigt, dass der Engel des Herrn eine Erscheinung
Gottes ist, handelt es sich tatsächlich um den Herrn Jesus.

Gilgal — Vers 1
Der Ort Gilgal war im Buch Josua von großer strategischer Bedeu-
tung. Er bildete die Angriffsbasis, den Ort, von dem aus die Israe-
liten immer wieder hinaufzogen, um das Land zu erobern, und dort-
hin kehrten sie auch immer wieder zurück. Kurz nachdem sie über
den Jordan ins Land Kanaan eingezogen waren, fand in Gilgal die
Beschneidung statt. Dadurch wurde die Schmach Ägyptens abge-
wälzt. Das kann man in Josua 5,2-9 nachlesen. Die Bedeutung, die
die Beschneidung für uns hat, finden wir in Kolosser 2,11. In die-
sem Vers zeigt sich deutlich, dass die Beschneidung für den Chris-
ten keine buchstäbliche Angelegenheit ist, sondern dass sie eine
Abschnitt 1a · Vermischung mit den Nationen 48

geistliche Bedeutung hat. Wir sind nicht beschnitten worden mit


einer Beschneidung, die »mit Händen geschehen ist« (diese hätte
eine buchstäbliche Bedeutung gehabt), sondern wir sind beschnit-
ten mit »der Beschneidung des Christus«. Diese Beschneidung spricht
nicht von dem, was mit Christus geschah, als er acht Tage alt war
(siehe Lukas 2,21), sondern sie spricht von dem, was am Kreuz mit
ihm geschah, als er das Gericht Gottes über die Sünde empfing.
Am Kreuz wurde in ihm das Fleisch gerichtet, mittels der Vollstre-
ckung des Todesurteils.
Genauso wie Israel immer wieder nach Gilgal zurückkehrte, um
dort gleichsam stets an das Gericht Gottes über das »Ich«, über die
Natur des Menschen, erinnert zu werden, so müssen auch wir im-
mer wieder zum Kreuz zurück, um uns aufs Neue bewusst zu wer-
den, wer wir von Natur aus sind. In uns ist keine Kraft, das Land zu
erobern. Die Kraft ist allein in einem gestorbenen und auferweck-
ten Christus zu finden. Das bringt mit sich, dass der Tod Christi
immer wieder angewandt werden muss (Kolosser 3,5). Gilgal stellt
die geistliche Beschneidung des Herzens dar, die dem Sieg voraus-
geht und die der Seele neue Kräfte verleiht, um im Kampf zu über-
winden. Gilgal spricht von einem beständigen Selbstgericht (1. Ko-
rinther 11,31).

Bochim — Vers 1
Der Engel des Herrn verlässt Gilgal und kommt herauf nach Bo-
chim. Bochim bedeutet »Weinen«. Es ist ein Ort der Tränen. Macht
es nicht traurig, zu sehen, wie das Volk Gottes abgewichen ist und
ihn verlassen hat? Wer diese Trauer nicht kennt, weiß nicht, wo der
Geist Gottes wohnt. Bochim gibt den Charakter der Gemeinde im
Verfall wieder. Es ist sehr anmaßend, zu unterstellen, man besitze
in unserer Zeit große Kraft. Die Tage Josuas und Gilgals waren
Tage der Kraft und der Freude, doch diese sind jetzt endgültig vor-
bei. Wenn wir rufen, dass wir reich sind und Überfluss haben, aber
in Wirklichkeit blind, nackt und arm sind, kommt der Geist Lao-
dizeas zum Vorschein. Dennoch kann ein Ort des Weinens zu ei-
nem Ort des Segens werden. Dann müssen wir allerdings den Platz
der Trauer und der Demütigung einnehmen. Dann kann das Tal
Baka »zu einem Quellenort« werden, wie das so schön in Psalm 84,7
49 Richter 2,1-2

steht. (Das Wort Baka ist mit Bochim verwandt und bedeutet wahr-
scheinlich auch »Tränen«.) Der Herr Jesus war auch in Bochim, als
er am Grab des Lazarus stand: »Jesus weinte« (Johannes 11,35).
Paulus blieb ebenfalls in Bochim: in Philipper 3,18 und als er sei-
nen zweiten Brief an die Korinther schrieb (2. Korinther 2,4). Auch
in Hesekiel 9,4 sind Menschen zu finden, die in »Bochim« wohnen.

Aus Ägypten, nach Kanaan — Vers 1


Der Engel des Herrn legte eine feierliche Erklärung für den Grund
seines Wegzugs aus Gilgal ab. Diese Erklärung macht einen tiefen
Eindruck auf das Volk. Er beginnt damit, daran zu erinnern, dass
er sie aus Ägypten befreit hat. Damit geht er bis auf den Ursprung
der Existenz Israels als Volk zurück. Sie waren in Ägypten ein Skla-
venvolk geworden, doch Gott hatte sie aus der Macht des Pharaos
erlöst. Das lässt seine große Liebe zu ihnen erkennen. Wenn wir
Abweichungen in unserem Leben kennen, wird Gott auch uns im-
mer wieder an unsere Erlösung aus der Macht der Sünde erinnern.
Die wichtigste Ursache jeder Abweichung ist, dass wir vergessen
haben, welche Erlösung Gott für uns in der Dahingabe seines Soh-
nes am Kreuz bewirkte. Die Erinnerung an die Erlösung aus Ägyp-
ten wird häufiger in diesem Buch herangezogen (Vers 12; 6,8). Gott
tut das, um sein Volk wachzurütteln. Der Engel des Herrn spricht
auch über das Land, in dem sie jetzt wohnen. Dorthin hatte er sie
wegen des Eides, den er ihren Vätern geschworen hatte, gebracht
(1. Mose 17,7-8). Was er verheißen hatte, hat er ausgeführt.
Das ist auch eine große Sicherheit für uns. Gott wird wahr ma-
chen, was er gesagt hat. Er tut das nicht um unserer Treue willen,
sondern aufgrund dessen, was der Herr Jesus getan hat. Wir sind in
Christus gesegnet mit allen geistlichen Segnungen.

Was habt ihr da getan? — Vers 2


Gott hatte getan, was er verheißen hatte. Doch das Volk war unge-
horsam geworden. Den Bedingungen, um Gottes Segen genießen
zu können, war Israel nicht nachgekommen. Sie hatten sich nicht
von den Völkern Kanaans abgesondert, sondern sich mit ihnen ver-
mischt, indem sie Ehen mit den Bewohnern des Landes eingingen.
Abschnitt 1a · Vermischung mit den Nationen 50

Sie hatten die Altäre der Völker stehen lassen, was zur Folge hatte,
dass sie darauf den Göttern dieser Völker zu opfern begannen (in
Wirklichkeit den bösen Geistern, siehe 5. Mose 32,17; 1. Korinther
10,20).
Sehr eindringlich kommt die Frage: »Was habt ihr getan?« Diese
Frage muss ihnen durch Mark und Bein gehen. Sie muss sie zur
Besinnung bringen, zur Buße und zur Schulderkenntnis. Solche Fra-
gen stellt Gott häufiger in der Bibel. Er sagt zu Adam: »Wo bist
du?« (1. Mose 3,9) und Adam musste ans Tageslicht kommen. An
Hagar richtet Gott in 1. Mose 16,8 die Frage: »Woher kommst du
und wohin gehst du?« Gott hat auch an uns seine Fragen, wenn wir
abgewichen sind. Damit will er uns wieder zu sich ziehen, damit wir
das Sinnlose oder Sündige einsehen, womit wir uns beschäftigen.
Wir können es dann bekennen und uns aufs Neue dem zuwenden,
was Gott uns geben will. Dadurch ehren wir ihn und er erfüllt un-
ser Leben wieder mit Freude und Frieden.
Gott hatte einen doppelten Grund für die totale Vernichtung
der Feinde Israels. Der erste Grund ist die Bestrafung ihrer Sün-
den; der zweite Grund besteht darin, sein Volk gegen den unver-
meidlichen Einfluss der Götzen Kanaans zu schützen. Dieser letz-
te ist auch der Grund, weshalb wir uns nicht mit der Welt und ih-
rem Denken einlassen dürfen. Auch wir werden sehr leicht durch
alle bestehenden Kontakte beeinflusst (1. Korinther 15,33). Wenn
wir uns der Gegenwart Gottes weniger bewusst sind, kommt das
dadurch, dass die Welt und ihr Geist Einfluss auf uns gewonnen
haben.

Wer nicht hören will … — Vers 3


Als das Volk sich mit den heidnischen Völkern vereinigt hat, über-
gibt Gott sie diesen Völkern. Sie werden durch Erfahrung lernen
müssen, was die Folgen sind, wenn man Gott verlässt. Diese Erfah-
rung musste das Volk auch unter König Rehabeam machen, dem
Sohn Salomos. Da er das Gesetz des Herrn verlassen hatte und
ganz Israel mit ihm, schickte der Herr Sisak, den König von Ägyp-
ten, um sie zu züchtigen (2. Chronik 12,1-5). In 2. Chronik 12,8
steht der Grund: »Doch sie sollen ihm zu Knechten sein, damit sie
meinen Dienst und den Dienst der Königreiche der Länder unterschei-
51 Richter 2,2-5

den lernen.« Dies entspricht dem, was wir immer wieder im Buch
Richter finden. Wenn wir die Macht des Feindes am eigenen Leibe
erfahren, erleben wir, wie grausam dieser Feind ist und beginnen
wieder, uns nach dem Umgang mit Gott zurückzusehnen.
Es ist genauso wie mit dem jüngeren Sohn aus der Begebenheit,
die der Herr Jesus in Lukas 15 erzählt. Dieser Junge dachte, dass
er es irgendwie besser haben könnte. Er verließ seinen Vater, aber
in dem fernen Land entdeckte er, dass die Welt hart war. Dann
verlangte er wieder nach seinem Vater. Wir müssen die Geschichte
nur einmal lesen. Wenn Gott uns nicht mehr auf eine andere Weise
erreichen kann, um uns zur Einkehr zu bringen, muss er uns in
seiner Liebe den Unterschied zwischen seinem Dienst einerseits
und dem Dienst der Welt und dem Tun unseres eigenen Willens
andererseits erfahren lassen.

Die Reaktion des Volkes — Vers 4


Der Herr hat gesprochen und das Volk reagiert mit Weinen. Die
Israeliten sehen ein, dass sie verkehrt gehandelt haben. Die Mah-
nung ist deutlich geworden und sie erkennen ihre Untreue. Den-
noch ist von echter Buße nicht viel zu merken. Was sie äußern, ist
eher die Trauer über die verloren gegangenen Segnungen.
Jemand, der den Herrn verlassen hat, kann erkennen, dass er
gesündigt hat, ohne wirklich Reue über seine Taten zu empfinden.
Mehrere Male liest man in der Bibel von Menschen, die sagen: »Ich
habe gesündigt.« Sie lesen es zum Beispiel von Pharao und von Ju-
das (2. Mose 10,16; Matthäus 27,4). Doch es erweist sich, dass sie
lediglich die Folgen bedauern, die ihre Taten für sie haben. Sie zei-
gen nicht, dass sie Reue über das empfinden, was sie Gott damit
angetan haben. Die Bibel spricht in diesem Zusammenhang über
den Unterschied zwischen Betrübnis »nach Gottes Sinn« und »Be-
trübnis der Welt«. Beide Ausdrücke stehen in 2. Korinther 7,10.

Opfer — Vers 5
Über Bochim habe ich bereits geschrieben. In diesem Vers wird
angegeben, dass sie jenen Ort Bochim nannten, weil das Volk dort
geweint hatte. Dies macht noch einmal deutlich, dass die Namen in
Abschnitt 1a · Vermischung mit den Nationen 52

der Bibel wirklich eine Bedeutung haben. Außerdem wird hier er-
wähnt, dass sie an diesem Ort dem Herrn opferten. Trotz des gerin-
gen Tiefgangs in ihrer Trauer über das Verkehrte besteht das Be-
dürfnis in ihren Herzen, dem Herrn zu opfern. Das ist doch etwas
Erfreuliches. Anders als bei Pharao und Judas bestand bei den Is-
raeliten doch ein Band mit dem Herrn. Wie viel Dankbarkeit durch
diese Opfer zum Ausdruck kam, weiß ich nicht. Angesichts des Ver-
falls ist es vielleicht nicht viel gewesen. Sie haben den Ort der Trä-
nen zu einem Ort der Opfer gemacht.
Diese Kombination von Tränen und Opfern kommt auch sehr
schön bei der Frau in Lukas 7 zum Ausdruck. Sie lesen ihre Ge-
schichte in den Versen 36-50. Sie benetzt mit ihren Tränen die Füße
des Herrn Jesus und salbt sie danach mit Balsam. In den Tränen
sehen wir die Trauer über ihre Sünden und im Balsam ein Opfer
für den Herrn, das sie bringt, weil sie erkennt, wer er ist. Was der
Herr Jesus von ihr sagt, lässt erkennen, wie sehr er ihr Werk an ihm
schätzt. Auch ihr Sündenbewusstsein tritt in den Worten des Herrn
deutlich zutage. Gerade dadurch war sie von einer großen Liebe
zum Heiland ergriffen.
Der Herr verbindet mit ihrem Verhalten eine Lektion für den
Pharisäer Simon und über ihn hinaus für uns alle. Er erzählt über
zwei Schuldner, von denen der eine eine kleine Schuld hatte und
der andere eine große. Beiden wird die Schuld erlassen. Als die
Frage kommt, wer am dankbarsten sein wird, ist die Antwort nicht
schwer: natürlich derjenige, dem die größere Schuld erlassen wur-
de. Die Lektion ist, dass sich aus unserer Liebe zum Herrn und aus
unserer Hingabe an ihn zeigen wird, wie groß das Bewusstsein der
Sündenschuld ist, die uns erlassen wurde. Paulus kannte wie kein
anderer die Gnade, die Gott ihm erwiesen hatte. Er nennt sich selbst
den größten der Sünder. Das machte ihn zum ergebensten Knecht,
der je gelebt hat. Wir werden in seinen Fußstapfen wandeln, wenn
wir uns stets bewusst sind, was uns alles vergeben worden ist. Un-
ser Leben wird dann ein Opfer für den Herrn werden.
53

1b) Kapitel 2,6 – 3,6


Öffentlicher Bruch mit dem Herrn
und Verfall in Götzendienst

Jedem sein Erbteil — Vers 6


Der Schreiber des Buches Richter zeichnet nun einen geschichtli-
chen Abriss Israels. Dieser beginnt bei Vers 6 und erstreckt sich bis
Kapitel 3,6. Er beginnt mit der glücklichen Situation, die bestand,
als jeder Stamm sein Erbteil empfangen und dort zu wohnen be-
gonnen hatte. Josua 21,43-45 beschreibt diese Situation. Es ist schön,
dort zu lesen, wie der Herr ihnen von allen Seiten Ruhe gegeben
hatte. Er hatte alle guten Verheißungen erfüllt, die er zugesagt hat-
te. Es mangelte dem Volk wirklich an nichts.
Auch jeder Christ ist völlig in den Segen gestellt, den Gott ihm
geben wollte. Nichts wird ihm vorenthalten. Lesen wir Epheser 1,3-14
einmal daraufhin durch. Wenn man den Herrn Jesus gerade erst
kennt, wird man die Segnungen vollauf genießen. Genau wie bei
Israel ist am Anfang alles frisch und lebendig. Dasselbe gilt für die
Christenheit als Ganzes. In der Apostelgeschichte lesen Sie, wie die
ersten Christen lebten, wovon sie erfüllt waren und was sie für den
Herrn Jesus und füreinander übrig hatten. Damals wussten sie noch
nicht viel über die Segnungen, welche die Gemeinde in Christus emp-
fangen hatte. Das sollte erst später von Paulus bekannt gemacht wer-
den. Aber durch ihre Lebensweise waren sie geistlich in der Lage,
die Belehrung über die Segnungen aufzunehmen. Sie waren darüber
froh und ließen dies in ihrem Leben sichtbar werden. Daran schloss
sich an, dass sie auf Gott und sein Wort ausgerichtet waren.

Nach dem Anfang — Vers 7


Nach dem glänzenden Anfang strahlte der Glanz der Segnungen
noch einige Zeit weiter. Das Volk diente dem Herrn in den Tagen
der Ältesten, die Josua überlebt hatten (Josua 24,31), obwohl es
auch in den Tagen Josuas schon Götzen gegeben hatte, durch die
Abschnitt 1b · Öffentlicher Bruch mit dem Herrn 54

der Keim für das spätere Abirren schon vorhanden war (siehe Jo-
sua 24,14). Über einen derartigen Keim sprach Paulus, als er schrieb,
dass in seinen Tagen das »Geheimnis der Gesetzlosigkeit« schon wirk-
te (1. Thessalonicher 2,7). In den Tagen des Johannes sehen wir,
wie sich dieser Keim bereits zu »vielen Antichristen« entwickelt hat-
te (1. Johannes 2,18), eine Entwicklung, die sich bis heute fortsetzt.
Dennoch wirkte sich der strahlende Beginn auch noch in der
nächsten Generation Israels aus. Die Taten, die der Herr vollführt
hatte, wurden dem nächsten Geschlecht weitergegeben, obwohl
dieses Geschlecht selbst nicht bei der Eroberung des Landes mit-
gewirkt hatte.
Es ist sehr wichtig, das Wirken des Herrn im Leben älterer Ge-
schwister zu bemerken und daraus zu erkennen, wie der Herr wirkt.
Das wird uns dabei helfen, Gottes Handeln in unserem eigenen
Leben zu erkennen. Wir bleiben mit ihm in Verbindung und bauen
dadurch einen eigenen Umgang mit ihm auf.

Josua stirbt — Vers 8-9


Der Verfall in Israel begann erst richtig, nachdem Josua und die
Ältesten gestorben waren, obwohl auch in ihren Tagen schon die
Zeichen des Verfalls wahrgenommen wurden. So verhielt es sich
auch mit der Gemeinde. In den Tagen der Apostel wurde der Ver-
fall noch aufgehalten, aber kurz danach wurde er immer mehr sicht-
bar. Paulus (in Apostelgeschichte 20) und Petrus (in 2. Petrus 2)
haben davor gewarnt, dass nach ihrem Abscheiden die bösen Fol-
gen der Untreue und der Rebellion offenbar würden. Vermischung
mit Ungläubigen sollte das Mittel werden, wodurch das Böse sich
in ihrer Mitte entwickeln kann, um sie später zu überwältigen, wie
es auch bei Israel der Fall war. Wir können den Namen, den das
Volk hier der Grabstätte Josuas gibt, mit dem Namen seiner Grab-
stätte in Josua 24,30 vergleichen. Es zeigt sich, dass die ersten Ein-
drücke des Segens am Verschwinden sind. Dies lässt erkennen, dass
andere Dinge wichtiger wurden als der Segen des Landes. Damit
ist der Keim des Verfalls deutlich zu sehen. Die Bedeutung von
Timnat-Heres ist »ein Teil der Erde«. In Josua 24,30 wurde dieser
Ort Timnat-Sera genannt, das heißt »ein überfließendes Teil«. So
kann (und das ist im Allgemeinen so) unsere Wertschätzung für
55 Richter 2,6-13

unser überfließendes, himmlisches Teil zu einem bloßen Stückchen


Erde entarten. Die irdischen Dinge werden gesucht und das himm-
lische Erbteil gering geachtet. In anderen Kapiteln kommt diese
Interessenverschiebung noch ausführlich zur Sprache.

Ein Geschlecht, das den Herrn nicht kennt — Vers 10


Nachdem Josua und die Ältesten nach ihm gestorben sind, hört
der positive Einfluss auf. Durch ihre persönliche Treue und ihren
Glauben hatten sie diesen Einfluss auf das Volk ausgeübt.
Jetzt entpuppt sich eine Generation, von der sich zeigt, dass sie
dem Herrn nur äußerlich gedient hat. Sie hatten keine persönliche
Verbindung zum Herrn. Ihre Vorfahren kämpften einst um das
Land. Diese hatten ihren Kindern von dem Werk erzählt, das der
Herr wirkte. Doch es war für die Enkel schon zu lange her, um sich
noch wirklich für das zu begeistern, was Gott seinem Volk gegeben
hatte und was von ihren Großeltern unter vielem Kampf erworben
worden war. Sie litten an der gelegentlich so genannten Krankheit
der dritten Generation: der Großvater erwirbt, der Sohn erbt, der
Enkel verdirbt.
Um die Segnungen, die Gott seinem Volk gegeben hat, wirklich
genießen zu können, muss man in einer persönlichen und lebendi-
gen Verbindung mit Gott stehen. Wir können von unseren Eltern
und Großeltern über gewaltige Dinge, die Gott getan hat, hören,
aber wenn wir keine eigene Beziehung zum Herrn Jesus aufgebaut
haben, werden diese Geschichten letztlich keine Bedeutung für uns
haben. Unser Interesse ist oberflächlich und verfliegt wie ein Dampf.
Auch wir werden kämpfen müssen, um die Segnungen, die Gott
gegeben hat, in Besitz zu nehmen. Wir brauchen jedoch nicht per
Definition solche zu sein, die das Erbteil verderben, weil unsere
Eltern bzw. Großeltern darum gekämpft haben. Es ist allerdings
wohl so, dass jede Generation aufs Neue diesen Kampf angehen
muss. Darin liegt eine enorme Herausforderung.

Götzendienst — Vers 11-13


Es ist eine bemerkenswerte Erscheinung, dass der Mensch, wenn
er Gott verlässt, ihn gegen andere Götter eintauscht. Es ist nicht
Abschnitt 1b · Öffentlicher Bruch mit dem Herrn 56

so, dass ein Mensch Gott aufgibt, um weiter seinen eigenen Weg zu
gehen. Der Mensch muss einen Gegenstand haben, dem er Vereh-
rung zuteil werden lässt. Jemand hat einmal gesagt: »Wenn es kei-
nen Gott gäbe, wäre es nötig, einen zu erfinden oder zu ersinnen.
Der Mensch scheint wohl einen religiösen Sinn zu haben, der nach
einer höheren Macht oder Mächten fragt.« Jeder Mensch hat die-
sen »Instinkt« in sich. Auch der Atheist, der die Existenz Gottes
leugnet. Wenn man mit einem solchen Menschen länger ins Ge-
spräch kommt, zeigt sich oft, dass er an sich selbst glaubt. Ohne
sich dessen bewusst zu sein, ist er sein eigener Gott. Das Bittere im
Buch Richter ist jedoch, dass es um ein Volk geht, das Gott sich zu
seinem Volk gemacht hat und dem er so viel Gutes getan hat. Die
Ursache ist, dass sie den Herrn, den Gott ihrer Väter, der sie aus
dem Land Ägypten geführt hatte, vergaßen. Für uns bedeutet das,
dass dem Bösen die Tür geöffnet wird, wenn die persönliche Kennt-
nis Christi und seines Werkes und des Wortes Gottes in den Hin-
tergrund verschwinden. Satan sieht seine Chance und füllt die ent-
standene Lehre mit seinen Mitteln aus.
Zwei Götter werden namentlich erwähnt, ein männlicher Götze
und ein weiblicher. Baal bedeutet »Mann« oder »Herr« mit dem
Gedanken an Besitzer, Eigentümer (hier nicht: Herrscher sein
über). Gott nennt sich der Baal seines Volkes (Jesaja 54,5; Jeremia
31,32), obwohl er letztlich diesen Namen verwirft, wegen der Ver-
wandtschaft dieses Namens mit den Götzen, die seinen Platz ein-
genommen hatten (Hosea 2,16-17). Astarte spricht von Fruchtbar-
keit im natürlichen Sinn. Beide Götzen werden auf perverse Weise
miteinander verbunden und lassen etwas von dem Geheimnis der
Gesetzlosigkeit erkennen. Gesetzlosigkeit bedeutet, dass keine
Autorität anerkannt wird, mithin das Tun des Eigenwillens und die
Befriedigung der eigenen Lüste. Das ist das Ergebnis, wenn Gott
und sein Wort aus dem Blickfeld verschwinden.

In der Hand von Feinden — Vers 14-15


Gott hält zu viel von seinem Volk, um es auf dem verkehrten Weg
weitergehen zu lassen. Das Mittel, das Gott gebraucht, mag etwas
eigenartig erscheinen, aber es ist sehr effektiv. Es steht dort mit
Nachdruck: »Er gab sie in die Hand von Plünderern, die sie ausplün-
57 Richter 2,13-16

derten.« Wenn sie ausgeplündert sind, dann heißt das, dass ihnen
nichts mehr übrig blieb. Alles wurde ihnen genommen. Bedenken
wir, dass es um das Volk Gottes geht, das im verheißenen Land
wohnt und dort alles genießen darf, was Gott ihm gegeben hat. All
die Segnungen werden dem Volk geraubt. Wegen ihrer Untreue
und wegen ihres Verlassens des Herrn verliert es diese Segnungen.
Mit uns geht es genauso. Wenn wir untreu werden und den Herrn
verlassen, nicht mehr mit ihm rechnen, werden wir die himmlischen
Segnungen nicht mehr genießen können. Andere Dinge sind für
uns wichtiger geworden: Geld verdienen, Karriere machen, luxu-
riöse Urlaubsreisen; es kann alles so wichtig für uns werden, dass
wir davon völlig in Beschlag genommen werden. Es beginnt uns so
zu beherrschen, dass es uns schließlich gänzlich dominiert. Es ist
nur Scheinglück, das eigentlich ein Joch ist, bis wir die damit ver-
bundene Sklaverei einsehen und merken, dass wir unsere himmli-
schen Segnungen verloren haben. Sie sind aus unserem Leben ver-
schwunden, vom Feind weggeraubt worden. Dieser Feind lässt uns
nicht in Ruhe, er stachelt uns zu mehr und zu höheren Dingen auf.
Gott hat das zugelassen, es sogar bewirkt. Er hat sich aus unse-
rem Leben zurückgezogen, um dem Feind freie Hand zu lassen,
mit uns seinen Gang zu gehen. Er will, dass wir mehr nach ihm und
nach dem, was er gibt, zu verlangen beginnen. Dann können wir
aus der Weise lernen, wie er hier mit Israel handelt.

Gott erweckt Richter — Vers 16


In Richter 10,16 steht ein schöner Ausdruck über die Gefühle Got-
tes hinsichtlich seines Volkes, als er es in die Hand seiner Feinde
übergeben musste: »Da wurde seine Seele ungeduldig über das Elend
Israels.« Welch ein Gott, voller Erbarmen und Barmherzigkeit! Wir
lesen so etwas auch in Vers 18 im vorliegenden Kapitel. Er beginnt
an der Befreiung seines Volkes zu wirken und dafür gebraucht er
Menschen, die ihm dienen, und das Böse richten. Der Name »Rich-
ter« sagt das schon. Ein Richter ist jemand, der das Böse zeigt und
darüber Recht spricht. Er spricht sein Urteil und seinen Urteils-
spruch darüber aus. Der Richter war nicht jemand, der ausschließ-
lich richtete, zwischen Menschen Recht sprach, sondern er war auch
im Namen des Volkes der Leiter beim Bekenntnis der Schuld vor
Abschnitt 1b · Öffentlicher Bruch mit dem Herrn 58

Gott und stellte dadurch das Band zwischen Gott und seinem Volk
wieder her. Er gestaltete die neue Verbindung zwischen dem Herrn
und seinem Volk.
Für uns, die wir in der Zeit der Gemeinde leben, ist ein Richter
nicht in erster Linie eine Person, sondern ein Grundsatz. Damit
meine ich: Wenn ich durch Untreue wieder ein Sklave einer Be-
gierde geworden bin, will Gott mich zum Selbstgericht bringen. Er
will, dass ich das Verkehrte bei mir selbst richte. Er weckt in mir
das Verlangen, mit der Sünde abzurechnen, die gegen den Herrn
rebelliert und mit mir zu spielen begann. Da gilt dasselbe wie in
Bezug auf den Feind. Das ist auch kein buchstäblicher Feind, son-
dern eine Macht, die sich wiederum Geltung verschaffen will. Wir
kennen Epheser 6,12: »Denn unser Kampf ist nicht gegen Fleisch und
Blut, sondern gegen die Gewalten, gegen die Mächte, gegen die Weltbe-
herrscher dieser Finsternis, gegen die Geister der Bosheit in der Him-
melswelt.« Dass Gott Richter erweckt, spricht von einer Erweckung,
die auf Gericht gegründet ist. Das heißt: Selbstgericht, zu dem je-
mand nach einer richtigen Einschätzung des wahren Zustandes der
Dinge kommt. Selbstgericht heißt, das Verkehrte richtig zu stellen,
indem man es verurteilt. Dadurch kann der Herr wieder den ihm
gebührenden Platz im Leben bekommen. Wo dieser Geist des
Selbstgerichts gefunden wird, ist der Herr mit diesem niedrigen
Geist; und dieser Mensch wird Befreiung erfahren. Dasselbe gilt
für eine örtliche Gemeinschaft von Gläubigen.

Eine Abwärtsspirale — Vers 17-19


Wenn wir diese Verse lesen, überkommt uns vielleicht ein Gefühl
der Mutlosigkeit und Resignation. Ist denn überhaupt kein Kraut
gegen die Krankheit dieses Volkes gewachsen? Gott will uns mit
der immer wiederkehrenden Untreue des Volkes einen Spiegel vor-
halten. Wir sind nämlich nicht besser. Für das Volk lag die Rettung
darin, auf den Richter zu hören. Solange er lebte, das heißt, solan-
ge er das Sagen hatte, ging es gut. Als er starb, das heißt, als das
Böse nicht mehr gerichtet wurde, lief es schief. Das bedeutet für
uns, dass wir den Weg des Herrn und des Genusses der Segnungen
nur gehen können, wenn wir das Fleisch in uns für gerichtet halten.
Römer 6,11 liefert uns, im Bilde gesprochen, das Werkzeug, wo-
59 Richter 2,16-21

durch wir im Selbstgericht leben können: »So auch ihr, haltet euch
der Sünde für tot, Gott aber lebend in Christus Jesus.«
Wir haben eine mächtige Waffe in Händen, nämlich das Wort
Gottes. Wir lesen darin, dass wir uns selbst als tot, der Sünde ge-
storben, sehen dürfen. Die Sünde hat kein Anrecht mehr auf mich,
weil ich mein Ende im Tod Christi gefunden habe. »Unser alter
Mensch«, das, was ich von Natur aus bin, ist »mitgekreuzigt worden«,
so lesen wir es im selben sechsten Kapitel des Römerbriefes. Das
Leben in diesem Bewusstsein garantiert den Genuss der Segnun-
gen in Gemeinschaft mit Gott. Das Geheimnis der Richter in unse-
rem persönlichen Leben oder im Leben einer örtlichen Gemein-
schaft heißt: auf den Herrn Jesus blicken und auf das, was er am
Kreuz tat.
Die Geschichte Israels lehrt, dass nach dem Tod eines Richters
jedes Mal eine Zunahme des Bösen zu verzeichnen ist. Infolgedes-
sen werden auch die Befreiungen geringer und weniger vollständig
und die Charaktere der Befreier weniger stark. Diese Abwärtsspirale
findet ihren Tiefpunkt in Simson, dem letzten Richter, der in die-
sem Buch erwähnt wird. Er stirbt als ein Gefangener des Feindes,
den er vertreiben sollte, und das Volk befindet sich nach seinem
Tod immer noch in Gefangenschaft.

Der Zorn des Herrn — Vers 20-21


Wenn das Volk vom Herrn abweicht, erweckt das zurecht seinen
Zorn. Dass »der Zorn des HERRN gegen Israel« entbrannte, wurde
auch in Vers 14 bereits gesagt. Gott ist nicht nur traurig; er ist auch
zornig. Er ist heilig und kann die Sünde in seinem Volk nicht ertra-
gen. Er verlangt danach, diese Heiligkeit auch bei seinem Volk zu
sehen (siehe 3. Mose 11,44-45; 19,2; 20,7.16). Er kann nicht mit
Sünde in Verbindung stehen. Darum muss alles in Israel mit seiner
heiligen Gegenwart übereinstimmen. Was dagegen verstieß, muss-
te aus der Mitte des Volkes weggetan werden. Gott steht der Sünde
in unserem Leben nicht gleichgültig gegenüber. Er will, dass wir
alles aus unserem Leben wegtun, womit er keinen Umgang haben
und woran er nicht beteiligt sein kann. Etwas von der Sünde in un-
serem Leben bestehen zu lassen oder wieder zuzulassen, ist Un-
treue ihm gegenüber.
Abschnitt 1b · Öffentlicher Bruch mit dem Herrn 60

Israel hat den Bund geschändet, den Gott mit seinen Vätern ge-
schlossen hatte. Dabei hatten sich die Väter verpflichtet, dem Herrn
zu dienen. Sie hatten es insgesamt dreimal gesagt: »Alles, was der
HERR geredet hat, wollen wir tun« (2. Mose 19,8; 24,3.7). Einmal,
bevor Gott das Gesetz gegeben hatte, und zweimal danach. Doch
sie haben seinen Bund immer wieder übertreten. Sie sind ihren Ver-
pflichtungen nicht nachgekommen. Daher konnte Gott sie nicht
weiter segnen; er musste sie züchtigen. Die sie umgebenden Völ-
ker, die nach dem Tod Josuas noch übrig geblieben waren, würde
Gott nicht mehr vor ihnen austreiben. Sie sollten seine Zuchtrute
sein. Wenn die Israeliten den Herrn verließen, um den Götzen zu
dienen, würde der Herr sie an die Götzendiener ausliefern, damit
sie denen dienten. Diese Götzendiener sollten ein Mittel in der
Hand Gottes sein, um sein Volk zu züchtigen.

Auf die Probe gestellt — Vers 22-23


Doch Gott beließ die feindlichen Völker nicht nur deshalb im Land,
um sein Volk zu züchtigen. Das Merkwürdige ist, dass Gott diese
Völker auch gebraucht, um sein Volk auf die Probe zu stellen. Gott
kann durch sein Wirken gleichzeitig mehrere Ziele erreichen. Ei-
ner der Gründe, die Feinde nicht vollständig auszurotten, bestand
darin, dass er so bei seinem Volk nachprüfen konnte, ob sie den
Weg des Herrn beschreiten würden oder nicht.
Es ist nicht schwer, auf dem Weg des Herrn zu bleiben, wenn
jeder in unserer Umgebung das auch tut. Es besteht dann keine
Gefahr, dass jemand uns auf einen Irrweg bringen könnte. Diese
Sache wird anders, wenn wir inmitten von Menschen leben, die Gott
nicht in ihr Leben einbeziehen. Es ist dann viel mehr Anstrengung
nötig, unseren Kurs vor Gott aufrecht zu halten. Wir müssen gegen
den Strom schwimmen. Aber gerade dann können wir erweisen, ob
wir nach dem Wort Gottes und zu Gottes Ehre leben wollen. Das-
selbe gilt für unser Leben inmitten von Menschen, die zwar beken-
nen, Christen zu sein, aber dieses Christsein nach ihrem eigenen
Gutdünken auslegen. Die Art und Weise, wie sie ihren Lebensstil
rechtfertigen, kann manchmal sehr plausibel klingen. Ihre Denk-
weise zu übernehmen würde bedeuten, dass dem Feind sein Schlag
gelingt. Dann kann es eine Prüfung unseres Glaubens sein, nach-
61 Richter 2,21 – 3,1

zulesen, was die Bibel jeweils zum Thema sagt. Wenn wir zur
Schlussfolgerung kommen, dass Gott etwas anderes sagt, als die
anderen tun, und wir lieber der Bibel gehorchen wollen, haben wir
den Feind geschlagen. Das ist zur Ehre Gottes.
Auch in Gemeinden kommen solche Situationen vor. Ein Bei-
spiel steht in 1. Korinther 11,17-19. Die Gläubigen kamen zwar in
einem Gebäude zusammen, aber sie bildeten keine wirkliche Ein-
heit; unter ihnen bestand Uneinigkeit. Es gibt viele Ursachen, wo-
durch Uneinigkeit entstehen kann. Solche Situationen lässt Gott
manchmal zu, um zu sehen, wer ihm und seinem Wort treu ist. In
2. Timotheus 2,21 haben wir etwas Derartiges. Dort wird die Chris-
tenheit mit einem großen Haus verglichen, in dem allerlei Gefäße
sind. Es gibt viele Gefäße von verschiedenem Material und es be-
steht ein Unterschied zwischen Gefäßen zur Ehre und Gefäßen zur
Unehre. Alles steht durcheinander. Gott gebraucht die Vermischung
der ehrbaren Gefäße mit den Gefäßen zur Unehre, um Erstere of-
fenbar zu machen. Die Gefäße zur Ehre sind die treuen Gläubigen,
die sich vom Bösen absondern und den Weg gehen, den Gott in
seinem Wort weist.

Kapitel 3

Einleitung
In diesem Kapitel erleben wir das Auftreten der ersten drei Rich-
ter. Von allen dreien lesen wir etwas, das ihren Personen ein nied-
riges Ansehen verleiht. Otniel ist ein jüngerer Bruder Kalebs, Ehud
ist Linkshänder und Schamgar gebraucht im Kampf einen Vieh-
treiberstock. Im Allgemeinen erhalten solche Männer nicht die
meisten Stimmen in einem Wahlkampf. Deutlich ist, dass die Män-
ner von Gott gewählt wurden und nicht von Menschen. Diese Wahl
gehört zu den Wegen, die Gott in manchen Situationen geht, wenn
der Glanz des Anfangs verblichen ist. Man betrachte nur die Ent-
stehung der Gemeinde mit ihren großen Aposteln und vergleiche
dies mit der späteren Situation, der des Verfalls. Am Anfang konn-
te der Geist mächtig wirken: eine Antwort auf die Verherrlichung
Abschnitt 1b · Öffentlicher Bruch mit dem Herrn 62

Christi. Nach dem Eintritt des Verfalls sind auch die Instrumente
von bestimmten Formen der Schwachheit gekennzeichnet. Luther
und Calvin, Darby und Kelly, alle großen Gottesmänner in ihrer
Zeit, erreichten nicht die gleiche Höhe wie Paulus und Petrus. Den-
noch hat Gott sie für seine Gemeinde gebrauchen wollen, in der
Reformation des 16. Jahrhunderts und in der Erweckungsbewe-
gung des 19. Jahrhunderts. So will Gott noch immer schwache, be-
grenzte und unansehnliche Menschen gebrauchen, um die Befrei-
ung seines gesamten Volkes zu vollenden.
Sehr allgemein gesprochen, war die Reformation die Befreiung
vom Joch Roms, dem Ritualismus; die Erweckungsbewegung war
die Befreiung von der toten Orthodoxie, dem Rationalismus in den
protestantischen Kirchen. Die Befreiung, die heute nötig ist, ist die
Befreiung vom Geist Laodizeas, der Gesinnung der Selbstgenüg-
samkeit, der Lust auf Spiritualität ohne Leben aus dem Geist. Es
geht um das Erlebnis: Wobei fühle ich mich gut? Spiritualität und
Gefühl liegen in einer Linie. Die Dinge Gottes werden nach unse-
rem Geschmack und unseren Gefühlen beurteilt und nicht anhand
des Wortes Gottes. Dass heute vor allem diese Feinde wirksam sind,
heißt nicht, dass die alten Feinde, Ritualismus und Rationalismus,
endgültig überwunden wären. Diese Feinde werden fortwährend
versuchen, Gottes Volk wieder in den Griff zu bekommen. Dieser
Zustand sorgt dafür, dass wir immer wieder aufs Neue mit diesen
Feinden abrechnen und als Richter auftreten müssen. Wir werden
dieser Erscheinung in Zukunft noch begegnen.

Kämpfen lernen — Vers 1-2


Die Verse 1-6 gehören zum vorhergehenden Kapitel. Sie beschrei-
ben noch andere Gründe, warum Gott die Feinde im Land gelas-
sen hat. Gott tut nie etwas ohne Absicht. Manchmal hat er sogar
mehrere Ziele in seinen Gedanken. Er kann mit einer bestimmten
Handlung oder einem bestimmten Wort verschiedene Dinge be-
wirken. Worum es Gott letztlich geht, ist die Verherrlichung seiner
selbst im Glück und Segen des Menschen im Allgemeinen und sei-
nes Volkes im Besonderen. Hier wird als einer dieser Gründe ge-
nannt, dass Gott durch die Gegenwart der Feinde seinem Volk das
Kämpfen beibringen will. Wenn es einem Mensch ausgezeichnet
63 Richter 3,1-2

geht (sein Leben verläuft erfolgreich und ohne Rückschläge), wird


nicht so deutlich, was in seinem Herzen für Gott vorhanden ist.
Erfolg nimmt die Untreue, die im Herzen gegenwärtig ist, nicht
weg. Wenn alles ausgezeichnet läuft, gibt es keine Übungen und
keine schweren Kämpfe, um zu lernen, wer Gott ist und wie zur
Überwindung des Widerstandes von seiner Kraft Gebrauch gemacht
werden kann. Es ist nicht Gottes Absicht, dass wir uns vom Feind
bzw. vom Bösen überwinden lassen, sondern dass wir das Böse in
seiner Kraft überwinden. Gott weiß, was im Menschen ist, aber
durch die zurückgelassenen Feinde wird der Mensch das auch selbst
schnell entdecken. Seine Reaktion auf das Böse macht deutlich,
was in seinem Herzen ist. Wenn eine echte Beziehung zu Gott be-
steht, wird er bei Gefahr bei Gott Zuflucht nehmen. Was durch
Untreue entsteht (das Volk war ja untreu und nachlässig gewesen,
alle Feinde auszurotten), wird von Gott zum Guten benutzt. Die
verschont gebliebenen Feinde dienten dazu, der Generation, die
nicht an der Eroberung Kanaans beteiligt war, beizubringen, für
die von Gott geschenkten Segnungen zu kämpfen. Da noch Feinde
anwesend waren, konnten sie nunmehr zeigen, ob sie das Land
Gottes wertschätzten. Wem das am Herzen lag, was Gott gegeben
hatte, würde nicht zulassen, dass die Inbesitznahme vom Feind ver-
hindert wird. Er würde dafür kämpfen. Was auf diese Weise der
Macht des Feindes entrissen wurde, sollte eine besonders wertvol-
le Bedeutung haben.
Im täglichen Leben ist das auch so. Unser Besitz ist doch schließ-
lich mehr wert, wenn wir selbst dafür gearbeitet haben! Wir hän-
gen dann viel mehr daran. Wir genießen dann diesen Besitz inten-
siver als solchen, der uns in den Schoß gefallen ist. Zeiten des Ver-
falls sind Zeiten des Kampfes für jemanden, der dem Herr treu
sein will. Im zweiten Brief an Timotheus, der die Zeit des Verfalls
in der Christenheit beschreibt, wird verschiedene Male über Kampf
gesprochen (2,2-5; 4,7). In diesen Stellen wird der einzelne Christ
aufgerufen, inmitten des Verfalls treu zu bleiben. Kampf macht
Überwinder offenbar (siehe Offenbarung 2 und 3).
Bei all diesem müssen wir uns stets vor Augen halten, dass unser
Kampf sich in den himmlischen Örtern abspielt und kein Kampf
gegen Fleisch und Blut ist. Die Völker, die übrig gelassen worden
sind, sind ein Bild für das Fleisch in uns. Doch das Fleisch ist nicht
Abschnitt 1b · Öffentlicher Bruch mit dem Herrn 64

in uns gelassen worden, damit wir ihm dienen, sondern damit wir
es richten. Diese Völker können auch ein Bild eines »Dornes im
Fleisch« sein, wovon Paulus in 2. Korinther 12,7 schreibt. Der Zweck
dieses Dornes war nicht, Paulus in seinem Dienst für Gott zu be-
hindern, sondern ihn demütig und abhängig zu halten. So kann es
auch in unserem Leben Dinge geben, die wir gern loswerden woll-
ten, die wir aber doch mittragen müssen. Das sind keine Sünden,
denn die müssen wir verurteilen. Es geht meistens um unangeneh-
me Dinge, die unsere Funktion beeinträchtigen. Doch Gott hat diese
Dinge zugelassen, um uns klein zu halten, damit wir brauchbarer
für ihn werden.

Die Feinde — Vers 3


Die Feinde, die namentlich genannt werden, sind: die Philister, die
Kanaaniter, die Sidonier und die Hewiter. Auch das Gebiet der
Feinde wird beschrieben. Jeder Feind hat sein eigenes Arbeitsge-
biet. Die Philister werden als Erste genannt. So finden wir es auch
in Josua 13,1-2. Dort sagt der Herr, dass noch viel Land übrig ge-
blieben ist, um es in Besitz zu nehmen. Bei der Aufzählung des
nicht eroberten Landes wird das Gebiet der Philister als Erstes ge-
nannt. Sie nehmen unter den Feinden Israels eine besondere Stel-
lung ein. Sie stellen die hartnäckigsten Feinde dar. Erst wenn Da-
vid König ist, wird er diesen Feind seiner Kraft berauben, aber auch
dann wird er nicht vollkommen ausgeschaltet. Auch dann noch
bleibt er aktiv, auch wenn er nicht mehr Beherrscher des Volkes ist.
Es ist bemerkenswert, dass hier nicht das Volk der Philister ge-
nannt wird, sondern »fünf Fürsten der Philister«. Im gerade ange-
führten 13. Kapitel des Buches Josua lesen wir in Vers 3 über die-
selben fünf Fürsten; dort werden auch die Namen der Orte aufge-
zählt, über die sie herrschten. Drei der Orte hat Juda in Kapitel
1,18 eingenommen. Doch hier erweist sich, dass sie dabei nicht
gründlich genug vorgegangen waren.
Die Philister bildeten ein Volk, das sich im Land eingenistet hat-
te und es für sich selbst beanspruchte. In 2. Mose 13,17 lesen wir,
dass Gott sein Volk aus Ägypten ziehen lässt, und zwar nicht auf
dem »Weg durch das Land der Philister, obwohl er der Nächste war«.
Über das Land der Philister wäre es der kürzeste Weg nach Ka-
65 Richter 3,2-3

naan gewesen. Dennoch war es nicht der Weg, den Gott seinem
Volk anwies. Gott hatte einen anderen Weg für sie bereit, einen
Weg, auf dem sie Erfahrungen mit ihm machen würden und durch
den sie ihn und auch sich selbst besser kennen lernen sollten. Die
Philister sind über einen anderen Weg ins Land hineingekommen.
Sie sind ein Bild für ein Volk, das nicht die Erlösung aus Ägypten
kennt, obgleich sie wohl damit verbunden sind. Sie kommen ur-
sprünglich aus Ägypten. In 1. Mose 10,13 wird Mizrajim als ein
Vorvater der Philister erwähnt, und Mizrajim ist Ägypten. Dies
bedeutet, dass sowohl Israel als auch die Philister mit Ägypten zu
tun hatten. Der Unterschied besteht darin, dass Israel dort in Skla-
verei war und von Gott erlöst wurde, während die Philister ein
Nomadenvolk waren, das Ägypten zwar verlassen hat, aber nie die
Erlösung gekannt hat. Auch wissen sie nichts von Erfahrungen mit
Gott in der Wüste und von einem Durchzug durch den Jordan ins
verheißene Land hinein.
Die Philister stellen Menschen dar, die sagen, sie seien Chris-
ten, aber kein Leben aus Gott haben. Sie haben nie aufrichtig ihre
Sünden vor Gott bekannt und haben kein Teil an der Erlösung durch
den Glauben an den Herrn Jesus. Sie sind Namenschristen. Sie sind
Menschen, die sich in ihrem so genannten Christsein von eigenen
Gedanken und Gefühlen leiten lassen. Sie machen sich die Bibel
gefügig. Sie dienen Gott auf die Weise, die ihnen am Besten er-
scheint. Ihre Religion wird von den »fünf Fürsten« bestimmt. Wir
könnten diese mit den fünf Sinnen des Menschen vergleichen. Der
Namenschrist lässt sich in seinem Gottesdienst durch das, was er
hört, sieht, riecht, fühlt und schmeckt leiten, also ausschließlich von
seiner eigenen Wahrnehmung und nicht vom Geist Gottes, denn
den besitzt er nicht. Diese Weise des Gottesdienstes kommt in der
Christenheit allgemein vor. Nichts von dem, was Gott sagt, ist maß-
gebend, sondern was der Mensch empfindet. Wenn die Meinung
von Namenschristen in den Dingen Gottes ausschlaggebend wird,
haben gleichsam die Philister die Zügel in der Hand und das Volk
wird des Segens Gottes und des Genusses davon beraubt.
Über den zweiten hier genannten Feind, die Kanaaniter, habe
ich schon das eine oder andere bei der Betrachtung von Kapitel
1,17 geschrieben; darauf können wir zurückgreifen. Bei Vers 5 die-
ses Kapitels werde ich meinen Aussagen noch etwas hinzufügen.
Abschnitt 1b · Öffentlicher Bruch mit dem Herrn 66

Der dritte Feind kam aus Sidon. Das lag im Gebiet Assers (1,31).
Durch die Untreue Assers war auch dieser Feind noch am Leben
und übte seinen Einfluss aus. Dadurch begannen die Israeliten den
Göttern der Sidonier zu dienen (10,6). Aus der Gerichtsprophetie
über Sidon in Hesekiel 28,21-24 wird deutlich, dass Sidon für Israel
ein »stechender Dorn« und ein »schmerzender Stachel« gewesen ist.
Gott wirft dieser Stadt in Joel 3,4-6 vor, dass die Bewohner sich
selbst mit seinem Silber und Gold bereichert haben und dass sie mit
seinem Gold als Handelsware gehandelt haben. Der Feind, den Si-
don uns vorstellt, ist die Sucht nach Reichtum. Wenn die Geldsucht
das Volk Gottes zu beherrschen beginnt, wird sie zu einer Plage,
durch die Gottes Segnungen nicht genossen werden können. Die
Beziehung zwischen der Geldsucht Sidons und dem Schmerz, den
Sidon dem Volk Gottes zu allen Zeiten beibringt, kommt treffend
in 1. Timotheus 6,10 zum Ausdruck. Dort lesen wir: »Denn eine
Wurzel alles Bösen ist die Geldliebe, nach der einige getrachtet haben
und von dem Glauben abgeirrt sind und sich selbst mit vielen Schmer-
zen durchbohrt haben.« Dies ist, denke ich, sehr deutlich.
Auf die Hewiter werden wir unter Vers 5 eingehen.

Auf die Gebote hören — Vers 4


In Vers 22 des vorherigen Kapitels wurde Israel auf die Probe ge-
stellt, »ob sie den Weg des HERRN bewahren« würden. In Vers 4
finden wir wiederum einen anderen Gesichtspunkt, warum die Fein-
de im Land geblieben sind. Das Ziel ist hier »Israel durch sie zu
prüfen, damit man erkenne, ob sie den Geboten des HERRN gehorch-
ten, die er ihren Vätern durch Mose geboten hatte«. Die Gegenwart
der Feinde war also auch ein Test, ob sie sich an das Wort Gottes
halten würden. Kurzum, es geht in 2,22 um den Weg des Herrn und
in 3,4 um das Gesetz des Herrn. Diese Verbindung zwischen Weg
und Gesetz kommt auch in 5. Mose 8,2 schön zum Ausdruck: »Und
du sollst an den ganzen Weg denken, den der HERR, dein Gott dich
diese vierzig Jahre in der Wüste hat wandern lassen, um dich zu demü-
tigen, und dich zu prüfen und um zu erkennen, was in deinem Herzen
ist, ob du seine Gebote halten würdest oder nicht.« Durch den Weg,
den wir gehen, machen wir deutlich, ob Gottes Wort unser Maß-
stab ist. Auf unserem Lebensweg ereignen sich allerlei Dinge, auf
67 Richter 3,3-5

die wir reagieren müssen, bewusst oder unbewusst. Durch unsere


Reaktion hierauf lassen wir erkennen, ob wir Gott und seine Inter-
essen berücksichtigen oder ob wir mit uns selbst und unseren eige-
nen Interessen beschäftigt sind.

Inmitten der Heiden — Vers 5


Die Gegenwart der Völker, in deren Mitte Israel wohnte, war durch
die Untreue Israels in der Vergangenheit verursacht worden. Aber
Gott lässt es nicht dabei bewenden. Er gebraucht diese Völker, um
die Treue seines Volkes auf die Probe zu stellen. Er überliefert sie
den Ergebnissen ihres Ungehorsams, aber er tut das, damit sie wie-
der nach ihm zu fragen anfangen. Tag für Tag lebten sie inmitten
dieser Heiden. Sie wurden dadurch fortwährend auf die Probe ge-
stellt, ob sie dem Herrn treu und gehorsam bleiben und diese Fein-
de hinterher verjagen würden. Ihre Gegenwart stellte einerseits ein
Zeugnis ihrer Untreue in der Vergangenheit dar und andererseits
war es eine Herausforderung, ihre Feinde zu vertreiben und das in
Besitz zu nehmen, was Gott ihnen geschenkt hatte, oder wieder-
herzustellen, was ihnen verloren gegangen war.
Wofür stehen diese Feinde nun genau? Es sind die geistlichen
Mächte, die das Verhalten des Volkes Gottes beeinflussen wollen.
Welche Art Einflüsse das sind, können wir aus der Bedeutung ihrer
Namen schließen. Diesen Einflüssen ist jeder Christ oder jede Ge-
meinschaft von Christen ausgesetzt. Geben wir ihnen nach, lassen
wir uns von diesen Feinden beeinflussen oder gehen wir auf sie los
und schlagen sie mit Gottes Wort. Das ist für uns der Test in geist-
lichem Sinn und für Israel im buchstäblichen Sinn.

• (Noch einmal) die Kanaaniter


Hinsichtlich der Bedeutung des Namens (»Kaufmann«) will ich noch
eine Anwendung machen, die uns vielleicht schon bekannt ist.
Manchmal können wir uns leicht von diesem Feind beeinflussen
lassen, ohne dass wir es selbst wissen oder wollen. Ich denke jetzt
nicht an den in Kapitel 1 behandelten finanziellen Nutzen. Auch in
sozialer Hinsicht kann man Nutzen ziehen. Mit irgendeiner Sache
erlangt man einen bestimmten Status. Manche Großen der Welt
Abschnitt 1b · Öffentlicher Bruch mit dem Herrn 68

pochen besonders darauf, dass sie Christen sind. Wer sich bei sol-
chen prominenten Herren einschmeicheln will, wird sich für einen
Christen ausgeben müssen und sich christliche Werte zulegen müs-
sen. Das christliche Gut wird auf diese Weise zu einem Handelsar-
tikel gemacht. Es geht mir nicht um die Frage, ob jemand wirklich
Christ ist oder nur von seinem Namen her. In vielen Fällen kann
allein Gott diese Frage beantworten. Worum es mir geht, ist die
Handlungsweise – die Weise, wie mit den Dingen Gottes umgegan-
gen wird.
Unlängst las ich in einer Zeitung eine Illustration dafür: eine
Rangliste der sechs Lieblingsprediger des US-Präsidenten Bill Clin-
ton. Wofür soll das nun gut sein, fragt man sich. Wenn man selber
auf dieser Liste steht, kommt das natürlich gut an, besonders, wenn
man Nummer 1 für Clinton ist. Das stellt die Person des Predigers
ins rechte Licht und auch seine Anhängerschaft. Das bringt Ge-
winn. Wenn du für Clinton Nummer 1 bis 6 bist, werden viel mehr
Menschen kommen, die sich dir und deiner Gruppe anschließen
wollen. Wir identifizieren uns lieber mit einer gefeierten Person als
mit einem verworfenen und verachteten Christus. Wie Gott den
Wert und Nutzen einer solchen Rangliste beurteilt, werden wir ge-
trost ihm überlassen.

• Die Hetiter
Ihr Name bedeutet »Söhne des Schreckens«. Ihr Einfluss besteht
darin, Menschen Angst einzuflößen. Dieser Feind ist darauf aus,
die Christen mundtot zu machen. Seine erprobte Waffe ist Angst.
Viele Christen haben Angst, ihren Mund aufzutun, um von ihrem
Herrn zu zeugen! Dabei kann es sich um ein Wort an unbekehrte
Menschen handeln, aber auch um ein Wort inmitten der Gläubi-
gen. Warum beteiligen sich so wenige Gläubige an Evangelisatio-
nen? Warum öffnen so wenige Kinder Gottes in der Gemeinde ih-
ren Mund, um Gott zu danken oder um zu beten? Angst hat das
Volk Gottes im Griff. Angst davor, sich zu blamieren, sein Gesicht
zu verlieren. Angst, weil es viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt
ist. Wenn das Herz vom Herrn Jesus voll ist, werden Angst und
Scheu überwunden, denn wes das Herz voll ist, des geht der Mund
über (siehe Matthäus 12,34b). Das Vorhandensein dieses Feindes
69 Richter 3,5

ist die Herausforderung, sich mit dem Herrn Jesus zu beschäftigen.


Dann kann man ihn schlagen.

• Die Amoriter
Sie sind die »Redner«, das ist eine der vielen Bedeutungen ihres
Namens. Es ist ein ganz anderer Feind als der vorherige. Aber je-
mand kann auch viel reden, ohne wirklich etwas zu sagen. Ein Red-
seliger gebraucht viele Worte. Es gibt Christen, die Angst haben,
vom Herrn Jesus zu zeugen, die aber sehr wohl ganze Geschichten
über christliche Werte erzählen können. Man blicke nur einmal auf
die »christliche« Politik. Dieser Feind muss durch Gemeinschaft
mit dem Herrn überwunden werden. Wenn das »Denken Christi«
(1. Korinther 1,16) das Gedankenleben zu lenken anfängt, werden
die »Redner« geschlagen. Dann bekommen die Worte Inhalt und
bewirken in den Hörern etwas.

• Die Perisiter
Perisiter bedeutet unter anderem »Regierende«. Sie stehen für eine
geistliche Klasse, die über dem gewöhnlichen Volk steht. Sie sind
die Menschen, die es wissen können, denn sie haben ja schließlich
dafür studiert. Jemand, der nicht studiert hat, keine Titel vor sei-
nem Namen hat, kann nicht mit Autorität sprechen. In einer Ge-
meinschaft, in der dies gilt, sind die Perisiter die Chefs. Die Lehre
des Herrn Jesus wurde nicht angenommen, weil er nicht die Papie-
re besaß, die man für nötig erachtete. Wir können das aus Johan-
nes 7,15 schließen. Heute funktioniert das immer noch so. Wer kei-
ne anerkannte theologische Ausbildung abgeschlossen hat, wird in
großen Teilen der Christenheit nicht ernst genommen, wie sehr er
auch die Wahrheit Gottes reden mag. Man hört einfach nicht auf
ihn. Dieser Feind wird besiegt, wenn man auf das hört, was der
Herr Jesus in Lukas 22,25-28 gesagt hat.

• Die Hewiter
Die Hewiter bilden das Gegenstück zu den Perisitern. Sahen wir in
den Perisitern die »Regierenden«, so können wir in den Hewitern
Abschnitt 1b · Öffentlicher Bruch mit dem Herrn 70

die »Dorfbewohner« sehen. Das ist die Bedeutung ihres Namens.


Sie sind die gewöhnlichen Menschen, die Laien. Sie kümmern sich
nicht um die Auslegung der Bibel. Dafür haben sie ihre »Regieren-
den«, die von ihnen bezahlt werden. Der Komfort dient dem Men-
schen und wenn man auch noch dafür bezahlt, kann man damit das
Gewissen beruhigen. Viele Christen finden es sehr angenehm, wenn
sie keine Verantwortung zu tragen brauchen und enthalten sich jeg-
licher Aktivität.
In 1. Korinther 12 begegnen wir sowohl den Perisitern als auch
den Hewitern. In Vers 15 und 16 hören wir jemanden sagen, dass er
»nicht von dem Leib« sei. Es scheint, als ob hier die »Hewiter« das
Sagen haben. Obwohl es in diesen Versen um jemand geht, der mit
dem Platz, den er im Leib hat, unzufrieden ist, will ich sie doch auf
diesen Feind anwenden. Das Ergebnis der Bequemlichkeit und Un-
zufriedenheit ist nämlich dasselbe: Es geschieht nichts. Jedes Kind
Gottes hat seinen eigenen, einzigartigen Platz im Leib (der Ge-
meinde) und darf, muss sogar, die dazugehörige Funktion ausüben.
Seine Funktion dient zum Nutzen des ganzen Leibes (der ganzen
Gemeinde). In Vers 21 und 22 belauschen wir die »Perisiter«. Sie
bringen es allein schon fertig und haben die anderen nicht nötig.
Sie stehen oben. Beide Feinde werden überwunden, indem wir auf
das achten, was Gott gewollt hat (Verse 18 und 24). Gott will, dass
dies in der örtlichen Gemeinde sichtbar wird (Vers 27) und darum
müssen diese Feinde »verjagt« werden.

• Die Jebusiter
Die Jebusiter schließen die Reihe. Die Bedeutung ihres Namens,
»Zertrampler«, gibt das Endergebnis alles dessen an, was wir in
den vorherigen Feinden wahrgenommen haben. Sie zertrampeln
alles, was von Gott ist. Sie überrennen es. Sie gleichen den Hunden
und den Schweinen von Matthäus 7,6. Der Herr Jesus warnt in die-
sem Vers seine Jünger, »das Heilige« und »eure Perlen« ihnen nicht
zu geben, denn sie werden es zertrampeln und zerreißen.
Beim Ausdruck »das Heilige« können wir zum Beispiel an das
Abendmahl denken. Das ist nicht für unbekehrte Menschen, son-
dern ausschließlich für jene, die durch die Bekehrung zu Gott und
den Glauben an den Herrn Jesus zur Gemeinde gehören. Ungläu-
71 Richter 3,5-6

bige begreifen nichts von der Bedeutung des Abendmahls. Sie ha-
ben kein Teil am Erlösungswerk des Herrn Jesus. Das Einzige, was
sie mit dem Abendmahl tun können, ist, es mit ihren Füßen zu zer-
trampeln.
Beim Ausdruck »eure Perlen« können wir an die kostbaren Wahr-
heiten denken, die in der Bibel über die Gemeinde und über so
viele Segnungen des Gläubigen stehen. All diese Wahrheiten sind
nicht für Ungläubige, sondern für Gläubige bestimmt. Unbekehrte
Menschen können diese kostbaren Wahrheiten nicht schätzen. Sie
machen sie lächerlich und verspotten sie.
Dieser Feind kann überwunden werden, wenn wir darauf ach-
ten, dass keine Unbekehrten zum Tisch des Herrn zugelassen wer-
den. Wir dürfen nicht zulassen, dass jemand, der kein Leben aus
Gott hat, am Dienst in der Gemeinde teilnehmen kann. Das ist
durch die Ausübung von Gemeindezucht möglich, wozu die Schrift
uns unter anderem in 1. Korinther 5 anweist. Das ist auch möglich,
wenn wir uns an 2. Korinther 6,14 bis 7,1 und 2. Timotheus 2,16-22
halten.

Heiraten und anbeten — Vers 6


Der Feind weiß, wie er sich die Israeliten erfolgreich unterwerfen
kann. Das glückt ihm am Besten über die Liebe. Er überlegt fol-
gendermaßen: Lass unsere Mädchen ruhig Männer aus Israel hei-
raten und lass die Mädchen aus Israel ruhig unsere Männer heira-
ten. Nach einer Weile werden die Israeliten gewiss unsere Gewohn-
heiten übernehmen. Sie werden schließlich sogar unsere Götter
anbeten. Dieser Gedankengang hat sich als erfolgreich erwiesen.
Wenn nicht im Gehorsam dem Wort Gottes gegenüber mit dem
Feind abgerechnet wird, wird eine Liebesbeziehung entstehen, die
den Untergang des Volkes Gottes bedeutet. Mit dem Feind kann
man nicht neutral umgehen. Er hält sich selbst nie für geschlagen
und wird jede Gelegenheit beim Schopf ergreifen, um Gottes Volk
zu unterjochen. Wenn wir uns in Gesellschaft der Welt heimisch
fühlen, werden wir uns mit ihr verbinden, obwohl wir Christen ein
Volk sind, das – genau wie Israel – für sich wohnen soll, das heißt
abgesondert von der Welt (4. Mose 23,9b; Johannes 17,17). Der
nächste Schritt ist, dass den Göttern der Welt gedient wird. So geht
Abschnitt 1b · Öffentlicher Bruch mit dem Herrn 72

es oft: zuerst zusammen essen und trinken, dann heiraten (eine


Verbindung eingehen) und schließlich zusammen anbeten. In
4. Mose 25 und 1. Korinther 10 liest man von verschiedenen Ereig-
nissen mit gleichem Ergebnis. Essen und Trinken sind dabei keine
eigenständigen Dinge. Sie werden vom Feind dazu gebraucht, Kon-
takte entstehen zu lassen. Diese Kontakte werden ganz allmählich
zu engeren Banden, bis das engste und folgenreichste Band einge-
gangen wird: die Ehe. Ein nächster, kaum zu vermeidender Schritt
besteht darin, den Göttern des Ehepartners zu dienen.
73

Teil 2

Sklaverei
und Befreiung
Kapitel 3,7 – 16,31
74
75

2a) Kapitel 3,7 – 3,31


Otniel, Ehud und Schamgar

Böses in den Augen des Herrn — Vers 7


Siebenmal lesen wir in diesem Buch, dass »die Söhne Israel taten,
was böse war in den Augen des HERRN« (2,11; 3,7.12; 4,1; 6,1; 10,6;
13,1). Diese Worte läuten jedes Mal eine neue Periode des Verfalls
ein. Das Vergessen des Herrn, ihres Gottes, und der Götzendienst
sind zwei Aspekte des Bösen, die hier beide sichtbar werden. Das
zweite Böse geht aus dem ersten hervor. Das ist auch nicht anders
möglich. Wer Gott vergisst, nimmt keine Rücksicht mehr auf seine
Gebote, hört ihm nicht mehr zu. Es entsteht eine Lücke. Ein Mensch
kann nämlich nicht ohne Gott leben. Wenn kein Raum für Gott ist,
wird Raum für einen anderen Gott geschaffen. Der wird die ent-
standene Lücke mit allerlei anderen Dingen ausfüllen, denen jemand
seine Aufmerksamkeit, Zeit und Energie zu widmen beginnt. Das
andere wird dann ein Götze. Bei der Auslegung von Kapitel 2,11-13
haben wir bereits über die Baalim und die Astarot gesprochen.

Kuschan-Rischatajim — Vers 8
»Da entbrannte der Zorn des HERRN gegen Israel.« Gott ist durch
die Handlungsweise seines Volkes in höchstem Maße betrübt wor-
den. Er kann nicht weiter tatenlos zusehen. Aus einer tiefen Em-
pörung heraus beginnt Gott jetzt mit seinem Volk auf eine Weise
zu handeln, die gewiss nicht zu den Eindrücken passt, die wir von
einem liebevollen Gott haben. Gott ist nicht der großmütige Vater,
von dem wir manchmal denken, dass er Fünfe gerade sein lässt oder
der das Verhalten seines Volkes mit Bösejungen-Streichen ver-
gleicht. Nein, Gott nimmt die Taten seines Volkes höchst ernst. Er
muss sie dafür züchtigen. Aber Gott handelt nie aus einer Art Irri-
tation heraus, wie es bei uns der Fall sein kann. Wenn Gott sein
Volk züchtigen muss, dann tut er das im Blick auf ihre Wiederher-
stellung. Er will, dass sie zur Besinnung und zur Buße kommen,
damit er wieder Gemeinschaft mit ihnen haben und sein Segen wie-
Abschnitt 2a · Otniel, Ehud und Schamgar 76

der fließen kann. Darum wurden sie von ihm in die Hand des Fein-
des verkauft. Gott sagt gleichsam zu seinem Volk: »Ihr wollt der
Welt dienen? Gut, dann sollt ihr wissen, wie die Welt ist.« Wer als
Gläubiger die Welt will, wird sie bekommen, aber dann wird er sie
als seinen Unterdrücker kennen lernen.
Mesopotamien bedeutet »Zweistromland« und ist ein Bild der
Welt. Vergnügen und Genuss auf der einen Seite und Religion auf
der anderen Seite sind die beiden Ströme, die die Welt zu einem
angenehmen Aufenthaltsort für den Menschen ohne Gott machen.
Dass Mesopotamien ein Bild der Welt ist, können wir aus 1. Mose
12,1 und Apostelgeschichte 7,2 ableiten. Es war ein Gebiet, in wel-
chem den Götzen gedient wurde (Josua 24,2). Aus dieser Gegend
wurde Abraham dazu berufen, der Stammvater Israels zu werden.
Jeder Gläubige ist von Gott dazu berufen, auf dieselbe Weise die
Welt aufzugeben. Nirgends lesen wir in der Bibel einen Aufruf, darin
zu bleiben und sie zu verbessern (vergleiche Galater 1,4-5). Natür-
lich hat er hier eine Aufgabe, so wie der Herr auch eine Aufgabe
dort hatte. Der Herr Jesus sagt das deutlich in Johannes 20,21. Aber
die Welt hat kein Anrecht mehr auf uns.
Der König von Mesopotamien heißt Kuschan-Rischatajim. Sein
Name bedeutet »Schwärze der Finsternis; doppelte Bosheit«. Dies
spricht von der Finsternis, in welche die Welt gehüllt ist. Die Welt
verschließt sich dem Licht Gottes, sie verwirft das Licht sogar (Jo-
hannes 1,5; 3,19). Wenn das Licht scheint, es aber doch verworfen
wird, entsteht die größte Finsternis. Wer bekennt, ein Christ zu sein,
aber Gott den Rücken zukehrt und den Götzen zu dienen beginnt,
wird alles Licht verlieren, das er einmal besaß. Gott wird zulassen,
dass so jemand kein Licht mehr hat über Gott selbst, die Quelle
des Lichts, und über den Herrn Jesus, das Licht der Welt (1. Johan-
nes 1,5 und Johannes 8,12). Auf einen solchen Menschen trifft Mat-
thäus 6,23 zu: »Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie
groß die Finsternis!« Erst als dieser Zustand acht Jahre andauerte,
fing das Volk an, zu Gott zu schreien.
Die Zahl acht spricht von einem Neuanfang, nach einer abge-
schlossenen, vollkommenen Periode von sieben Jahren. Erst wenn
jemand völlig festsitzt und selbst nicht mehr herauskommt, beginnt
er zu Gott zu schreien und ist bereit, einen Neuanfang mit Gott zu
machen.
77 Richter 3,8-11

Otniel — Vers 9
Aus dieser Lage kann Israel nur von einem Otniel befreit werden.
Wir sind ihm bereits in Kapitel 1,13-15 begegnet. Dort tritt er als
ein Mann hervor, der treu ist. Er ist jemand, der Interesse am Se-
gen Gottes hat. Er lässt sich zum Handeln im Glauben anspornen.
Der Ausgangspunkt seines Lebens ist das Wort Gottes. Hat er nicht
sogar Debir eingenommen? (Debir bedeutet »Sprechen Gottes;
1,12-13.)
Wir haben in Kapitel 1 bereits gesehen, wie wichtig seine Bezie-
hung zu Achsa war. Seine Ehe mit Achsa deutet an, dass er sich
nicht an der allgemeinen Sünde Israels beteiligte, die in Vers 3 die-
ses Kapitels genannt wird. Er nahm keine Frau aus den Nationen,
sondern aus dem Volk Gottes. Er hielt sich an Gottes Wort. Um es
mit 1. Korinther 7,39 auszudrücken: Er heiratete »im Herrn«. Weil
er persönlich von den Sünden des Volkes frei war, konnte Gott ihn
gebrauchen. All diese Dinge machen deutlich, wie es im persönli-
chen Leben Otniels stand.
Wer im eigenen Haus seine Angelegenheiten nicht nach Gottes
Wort regelt, muss nicht denken, er könne etwas zugunsten des ge-
samten Volkes ausrichten. Wer im Kleinen treu ist, ist auch im Gro-
ßen treu (vergleiche Lukas 16,10). Die Prägung zu Hause, in der
Familie, ist noch immer die beste Vorbereitung dafür, dem Herrn
in der Gemeinde zu dienen. Richter sind heute in erster Linie Auf-
seher oder Älteste. Von einem Aufseher heißt es in 1. Timotheus
3,4-5, dass er jemand sein muss, »der dem eigenen Haus gut vorsteht
und die Kinder mit aller Ehrbarkeit in Unterordnung hält – wenn aber
jemand dem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie wird er für die
Gemeinde Gottes sorgen?« Das sind die Menschen, die heute ande-
ren Gläubigen helfen können, dem Zugriff der Welt zu entkom-
men. Mit ihrer Hilfe können die Gläubigen die Segnungen Gottes
wieder neu genießen.

Der Feind geschlagen — Vers 10-11


Otniel verdankt den Sieg, den er errang, nicht sich selbst. Obwohl
er ein geeignetes Instrument war, hatte er in sich selbst keine Kraft,
den Feind zu schlagen. Dafür war die Kraft des Geistes des Herrn
Abschnitt 2a · Otniel, Ehud und Schamgar 78

nötig. Allein der Heilige Geist kann dafür sorgen, dass die falschen
Elemente aus dem Leben des Volkes Gottes weggetan werden. Die
erste Aktivität, von der wir lesen, ist die Tatsache, dass Otniel Isra-
el richtete. Er beschäftigte sich zunächst mit dem Zustand des Vol-
kes Gottes. Er machte deutlich, wo sie falsch lagen. Das muss zum
Selbstgericht führen. Sünde, die nicht bekannt wird, schwächt das
Volk Gottes. Es ist dann keine Kraft zum Kämpfen vorhanden. Das
erste Werk des Geistes besteht darin, uns selbst entdecken zu las-
sen, was verkehrt ist, so dass wir dies aus unserem Leben wegtun.
Auf diese Weise werden wir freigemacht und der Geist Gottes kann
uns erfüllen.
Danach kann stattfinden, was als zweites erwähnt wird, nämlich
der Auszug zum Kampf. Das Kennzeichen der Jünglinge in 1. Jo-
hannes 2,14-17, dass sie den Bösen überwunden haben, wird in Ot-
niel sichtbar. Er besaß die Kraft Gottes (sein Name bedeutet »Löwe
Gottes«) und das Wort Gottes blieb in ihm (er hatte Kirjat-Sefer
eingenommen und ein Debir daraus gemacht, siehe Kapitel 1,12).

Moab und Eglon — Vers 12


Die Israeliten tun wiederum, was böse ist in den Augen des Herrn.
Es scheint, als hätten sie aus dem vorigen Mal nichts gelernt. Sind
sie damit nicht ein bitteres Vorbild dessen, was wir sind? Gottes
Kraft ist nicht mit seinem ungehorsamen Volk Israel, sondern mit
dem Feind Moab. Ist Moab denn besser als Israel? Nein, das ist es
nicht. Doch Gott will Moab als Zuchtrute gebrauchen, um sein Volk
zur Umkehr zu ihm zu bringen. Auch dieser Feind stellt uns etwas
vor. Was das ist, können wir aus seinem Namen und aus seiner Ge-
schichte ableiten. Sein Name bedeutet »von dem Vater«. Wer war
sein Vater? Das war Lot (1. Mose 19,36-37). Lot war ein Mann, der
die Welt liebte. Er sah an, was vor Augen war. Er ließ sich von den
Lüsten des Fleisches leiten, das heißt von der alten Natur, die jeder
Gläubige noch immer in sich hat. In 1. Mose 13 kommt das durch
die Wahl, die er vollzieht, zum Ausdruck. In seiner Geschichte wer-
den zwei Kennzeichen sichtbar, die aus den Lüsten des Fleisches
hervorgehen, nämlich Bequemlichkeit und Hochmut (siehe Jeremia
48,11.29 für Moabs Bequemlichkeit und Jesaja 16,6 für seinen Hoch-
mut). Moab stellt die Werke des Fleisches dar (Galater 5,19-21).
79 Richter 3,11-14

Der Mann, der über Moab regiert, heißt Eglon. Eglon bedeutet
»rund« oder »Kreis«. Wir könnten sagen, dass bei Moab (dem
Fleisch) sich alles im Kreis des eigenen Interesses abspielt. Das Ich
steht im Zentrum und in diesem Kreis ist für Gott kein Platz. Der
vorherige Feind, ein Bild der Welt, findet seinen Nachfolger in ei-
nem Feind, der ein Bild des Fleisches ist. Jetzt wird diesem Feind
Macht über Gottes Volk gegeben. Im Leben eines abgewichenen
Gläubigen bedeutet das, dass er sich fleischlich zu verhalten be-
ginnt und auf die Befriedigung seiner eigenen Lüste aus ist. Das
verschafft niemals wahre Genugtuung.

Ammon und Amalek — Vers 13


Moab verbündet sich mit Ammon und Amalek. Ammon hat den-
selben grauenhaften Ursprung wie Moab (1. Mose 19,38). Sein
Name bedeutet »selbstständig« und lässt die Eigenwilligkeit des
Fleisches erkennen. Amalek ist ein Nachkomme Esaus (1. Mose
36,12); sein Name bedeutet »Herrschervolk«. Hierin tritt der Gel-
tungsdrang, die Herrschsucht des Fleisches, zutage. Die Palmen-
stadt ist Jericho, die Stadt, die den Zugang zum Land darstellte
(Josua 6). Indem der Feind diese Stadt in Besitz nahm, hielt er
einen wichtigen strategischen Punkt in Händen.
Wenn ein Gläubiger untreu ist, nimmt das Fleisch wichtige Aus-
gangspunkte in seinem Leben in Besitz. Er lässt sich beispielsweise
beim Fällen wichtiger Entscheidungen nicht durch den Geist lei-
ten, sondern durch das Fleisch. Wenn er in einer örtlichen Gemeinde
das Sagen bekommt, kommen Streit und Verwirrung auf. In der
Bibel stellt die Gemeinde in Korinth ein Beispiel davon dar. Paulus
muss sie ermahnen, weil sie fleischlich sind (1. Korinther 3,1). We-
gen dieses Zustandes konnte Paulus nicht mit ihnen über die Seg-
nungen sprechen, die das Teil des Christen sind. Er musste ihnen
wieder die elementarsten Grundlagen des Glaubens vor Augen füh-
ren: den Herrn Jesus und ihn als gekreuzigt (1. Korinther 2,2).

Periode der Unterdrückung — Vers 14


Während der vorherigen Fremdherrschaft dauerte es acht Jahre,
bis das Volk Israel zum Herrn zu schreien begann (Vers 8). Dies-
Abschnitt 2a · Otniel, Ehud und Schamgar 80

mal verstreichen achtzehn Jahre Fremdherrschaft, bevor das Volk


so weit kommt. Es scheint, als ob das erneute Abweichen das Volk
unempfindlicher für die Zucht macht, die Gott schickt. Erst nach
achtzehn Jahren beginnt das Bewusstsein durchzudringen, dass sie
Sklaven geworden sind. Dann sehnen sie sich wieder nach ihrer
Freiheit zurück. Das ist die Erfahrung, die auch wir machen kön-
nen. Je häufiger wir Gott vergessen, desto länger dauert es, bevor
wir wieder zu ihm zurückkehren.

Ehud — Vers 15
Ehud ist der Mann, den Gott erweckt, um sein Volk zu befreien.
Sein Name bedeutet »der Tatkräftige«, »der Starke«. Er ist der Sohn
Geras, dessen Name »Überlegung« bedeutet. Er kam aus dem
Stamm Benjamin, dessen Name »Sohn meiner Rechten« bedeutet.
Wenn wir diese Namen betrachten, können wir in Ehud die folgen-
den Wesensmerkmale wahrnehmen. Er kommt aus Benjamin, was
darauf hinweist, dass er mit einer Stellung der Kraft verbunden ist.
Doch reicht es für uns nicht aus, nur zu wissen, dass wir eine be-
stimmte Stellung einnehmen. Wir sollen diese Stellung auch zu un-
serem Eigentum machen. Das heißt, dass wir darüber nachdenken,
was es bedeutet, dass wir diesen Platz bekommen haben. Das ist im
Namen Gera (»Überlegung«) wiederzufinden. Die Folge dieser
»Überlegung« ist schließlich ein energisches Auftreten.
Ehud war Linkshänder. Er trug das Schwert rechts. Das ist ein
ungebräuchlicher Ort, aber für ihn der beste. So konnte er seine
Waffe auf die Weise gebrauchen, die am Besten zu ihm passte. Hier-
aus können wir lernen, dass wir die Bibel auf diejenige Weise ge-
brauchen müssen, die zu uns passt und dass wir in ihrem Gebrauch
nicht andere nachmachen sollen. Das würde nicht funktionieren.
So konnte beispielsweise David nichts mit der Waffenrüstung und
dem Schwert Sauls anfangen. Er wusste allerdings, wie er mit Schleu-
der und Stein umgehen musste und diese streckten den Feind nie-
der (1. Samuel 17,38-39.49-50).
Die wörtliche Übersetzung der Worte »der Linkshänder war«
lautet »abgeschlossen von seiner Rechten«. Er konnte seine rechte
Hand nicht gebrauchen. Das könnte bedeuten, dass etwas in sei-
nem Leben schief gegangen war, ein Unglück, wodurch er auf den
81 Richter 3,14-16

Gebrauch der rechten Hand verzichten musste. Im Leben eines


Gläubigen kann etwas schief gehen, wodurch er seinen Zugriff auf
die Dinge Gottes verliert. Jemand kann zum Beispiel ein gutes Wis-
sen über die Segnungen haben, die im Brief an die Epheser be-
schrieben sind, aber mit den Dingen des irdischen Lebens so be-
schäftigt sein, dass er für diese Segnungen weder Zeit noch Auf-
merksamkeit mehr hat. So »wird dem Fleisch Tribut gezahlt«, was
wir auch bei Israel sehen, das durch die Hand Ehuds den Tribut an
Eglon überreichte.
Für uns kann dieser Tribut darin bestehen, dass wir Gelegenhei-
ten verstreichen lassen, bei denen wir mehr von den Segnungen
Gottes kennen lernen könnten und diese Gelegenheiten bekom-
men wir nie mehr zurück. Wir leben für uns selbst. Wir werden von
irdischen Sorgen in Beschlag genommen und denken nicht an die
Dinge, die droben sind (Kolosser 3,1).

Ein zweischneidiges Schwert — Vers 16


Hier sehen wir die Grundlage für den Sieg. Dieser wird dadurch
errungen, dass Ehud für sich selbst ein zweischneidiges Schwert
anfertigt. An verschiedenen Stellen im Neuen Testament können
wir lesen, dass dieses zweischneidige Schwert ein Bild des Wortes
Gottes ist, unter anderem in Hebräer 4,12; Epheser 6,17; Offenba-
rung 1,16; 2,12; 19,15. Mit einem zweischneidigen Schwert ist also
das Wort Gottes gemeint. Das Wort Gottes ist die Waffe, mit der
jeder Feind geschlagen werden kann. Aber wir müssen es richtig zu
handhaben wissen, das heißt, wir müssen das Wort Gottes kennen
lernen, so dass wir es gebrauchen können. Der Herr Jesus gebrauch-
te dieses »Schwert« gegen den Teufel, als er in der Wüste versucht
wurde. Er parierte jede Attacke des Widersachers mit einem »es
steht geschrieben« (Matthäus 4,4.7.10).
»Zweischneidig« heißt, dass dieses Schwert auf zwei Seiten
schneidet. Das bedeutet für uns, dass wir das Wort Gottes zuerst
auf uns selbst und erst dann auf den Widersacher anwenden müs-
sen. Diese Reihenfolge hält Paulus Timotheus in 1. Timotheus 4,16
vor: »Habe Acht auf dich selbst und auf die Lehre.«
Wir können den Widersacher nicht schlagen, wenn wir in unse-
rem Leben Dinge zulassen, die im Widerspruch zur Bibel stehen.
Abschnitt 2a · Otniel, Ehud und Schamgar 82

Wir müssen zuerst auf die Bibel hören und wegtun, was im Wider-
spruch dazu steht.
Das Schwert war eine Elle lang. Es war ein genau abgemessenes
Maß, nicht zu groß und nicht zu klein. Wir dürfen dem Wort Got-
tes nichts hinzufügen und nichts davon wegtun. Wir benötigen das
gesamte Wort, nicht nur unsere Lieblingsabschnitte; nichts ist un-
wichtig. Auch dürfen wir unsere eigenen Ideen und Traditionen nicht
dem Wort hinzufügen. Eine Elle ist auch etwas Unbedeutendes (sie-
he Lukas 12,25-26). Die einfachsten Wahrheiten des Wortes Got-
tes sind imstande, das Fleisch in all seiner Verdorbenheit zu tref-
fen, wenn sie im Glauben gebraucht werden.
Ehud trug das Schwert unter seinen Kleidern. Niemand sah es.
Das erinnert an das Wort aus Psalm 119,11: »In meinem Herzen
habe ich dein Wort verwahrt, auf dass ich nicht wider dich sündige.«
Doch das Wort gab seinem Wandel Kraft: Er trug es an seiner rech-
ten Hüfte.

Ein sehr fetter Mann — Vers 17


Mit seinem gerade angefertigten Schwert bewaffnet, geht Ehud zum
letztem Mal zu Eglon, um ihm den Tribut zu bringen. Wie gesagt,
ist dieser Feind ein Bild des Fleisches, bei dem sich alles um das
eigene »Ich« dreht. Das muss notwendigerweise eine gewisse Träg-
heit zur Folge haben. Alles wird von der Haltung aus betrachtet:
Wie kann »ich« Nutzen daraus ziehen. An andere wird nicht ge-
dacht. Der Egoismus feiert seine Siege. Das »Ich« wird groß und
umfangreich. Für einen Gläubigen ist im Fleisch nichts Anziehen-
des zu finden.

Eine geheime Botschaft — Vers 18-19


Der Herr hat Ehud als Erlöser erweckt (Vers 15). Nach seiner per-
sönlichen Vorbereitung ist er für seine eigentliche Aufgabe bereit.
Nachdem er gemeinsam mit seinen Begleitern seiner Verpflichtung
Genüge getan hat, schickt er die anderen weg. Der Auftrag Gottes
war an ihn persönlich gerichtet. Er musste ihn ganz allein erfüllen,
ohne weitere Anwesende. Er erringt seinen Sieg im Verborgenen,
ohne großen Aufwand. Andere, das Volk, sollten von seiner Tat
83 Richter 3,16-23

profitieren dürfen. Die Auswirkung seiner Glaubenstat war sehr


wohl offenbar und das ganze Volk hatte Nutzen davon.
Gilgal nimmt in Ehuds Mission eine wichtige Bedeutung ein; von
dort kehrt er um. Gilgal sind wir schon öfter begegnet, z. B. in Ka-
pitel 2,1. Dort sahen wir, dass es der Ausgangspunkt war, von dem
Israel auszog, um das Land zu erobern. Das Volk kehrte dorthin
auch wieder zurück. Das tut Ehud ebenfalls (siehe Vers 26). Bei
Gilgal fand die Beschneidung statt. Ihre geistliche Bedeutung ist
das Gericht über das sündige Fleisch. Die Beschneidung lehrt uns,
dass jeder Kampf, der geführt werden muss, nie in eigener Kraft, in
der Kraft unseres Fleisches, angegangen werden kann. Wenn wir
im Bewusstsein gehen, dass in uns keine Kraft ist, dann kann Gott
uns mit seiner Kraft füllen.
Die Steine von Vers 19 sind wahrscheinlich jene, die Josua als
Gedenkzeichen am Ufer aufgerichtet hatte. Das wird in Josua 4
beschrieben. Doch hier waren es behauene Steine. Das Gedenk-
zeichen war geschmückt, vielleicht sogar zum »Götzen« gemacht
worden. Auch mit Verordnungen, die der Herr gegeben hat, wie
der Taufe und dem Abendmahl, kann so etwas geschehen. Die Bi-
bel erklärt, dass beide mit dem Tod des Herrn zu tun haben. Doch
wenn dieser Gedanke losgelassen wird, können sie zu Sakramen-
ten mit einer abgöttischen Bedeutung werden. Dann können sie
sogar zu Mitteln werden, durch die man ewiges Leben zu empfan-
gen meint.

Das Gericht über Eglon — Vers 20-23


Eglon ist allein, in einer Umgebung, die seinen Wünschen völlig
angepasst ist. Er sitzt dort in seinem Obergemach, um seinen Be-
gierden nachzugehen. Er ist hier ein treffendes Bild vom Egoismus
des Fleisches, der alles für sich allein haben will. Auf solch eine
Haltung gibt es nur eine Antwort, nämlich das Wort Gottes, wel-
ches Ehud spricht. Hierdurch wird das Gericht über Eglon vollzo-
gen (Hebräer 4,12; Offenbarung 19,13-15). Das Fleisch kann allein
in der Gegenwart Gottes getötet werden.
Dass Eglon aufsteht, scheint eine gewisse Ehrerbietung vor dem
Wort Gottes anzudeuten, doch es handelt sich nur um eine äußere
Form. Es ist nichts in seinem Herzen, was wirklich für das Wort
Abschnitt 2a · Otniel, Ehud und Schamgar 84

Gottes offen wäre. Solche Menschen hat es immer gegeben und


gibt es auch noch heute. Das ändert jedoch nichts an dem Urteil,
das das Wort Gottes über sie ausspricht. Wie sie von Natur aus
sind, erweist sich sonnenklar, wenn das Wort Gottes in seiner vol-
len Schärfe angewandt wird. So geschieht es bei Eglon. Das Schwert
dringt in seinen Bauch und der Dreck kommt heraus; so steht es in
Vers 22 einer holländischen Bibelübersetzung. Das Verderben, das
in ihm war, kommt durch das Schwert nach draußen. Die Verdor-
benheit des Fleisches wird von Gottes Wort offenbar gemacht.
Erschrecken wir uns nicht manchmal auch über uns selbst, wenn
plötzlich widerliche Gedanken in uns aufkommen? Das ist das Ein-
zige, was das Fleisch hervorbringen kann. Das Fleisch eines Un-
gläubigen und das Fleisch eines Gläubigen sind genau gleich. Das
Wort macht es offenbar und fällt sein Urteil darüber. Nachdem
Ehud es auf sich selbst angewandt hat (Verse 16 und 19), wendet er
es jetzt auf den Feind des Volkes Gottes an. Er tut das sehr radikal,
sehr tief gehend. Er geht nicht süßlich und oberflächlich mit sei-
nem Feind um. Er gibt sich auch nicht mit einem partiellen oder
zeitweiligen Sieg zufrieden, sondern er will einen endgültigen Sieg.
Er lässt das Schwert stecken, er zieht es nicht mehr heraus. Außer-
dem schließt er das Obergemach ab, in dem er Eglon getötet hat.
Was ihn betrifft, hat er alles getan, um diesen Feind des Volkes
Gottes völlig auszuschalten, so dass er nicht wieder zum Vorschein
kommen kann. Die Anwendung ist deutlich. Wenn wir eine be-
stimmte Wirkung des Fleisches bei uns selbst oder bei anderen durch
das Wort verurteilt haben und diese verschwunden ist, dann dürfen
wir nicht zulassen, dass sie sich wieder Geltung verschafft.

Die Diener Eglons — Vers 24-25


Dass der König Moabs ausgeschaltet ist, bedeutet nicht automa-
tisch, dass das Volk Moab seiner Kraft beraubt wäre. Eglon hat
Diener und Kämpfer (Vers 29). Die Diener haben eine gute Erklä-
rung für die verriegelte Tür. Sie kennen ihren Herrn und vermu-
ten, dass er sich wieder in seine eigene Bequemlichkeit zurückge-
zogen hat. Irgendwann dauert es ihnen dann doch zu lange. Sie
befürchten, es seit etwas passiert. Sie holen einen Schlüssel und
entdecken, dass ihr Herr tot ist. Wir lesen nicht, wie sie darauf rea-
85 Richter 3,23-30

gieren. Die Handlungen und Überlegungen der Diener passen ganz


und gar zum Benehmen ihres Herrn. Sie gehören zu ihm und besit-
zen seinen Geist. So kennt auch das Fleisch viele Äußerungen. Doch
all die verschiedenen Äußerungen atmen einen und denselben
Geist. Es geht immer um die Befriedigung des Fleisches.

Der Sieg des Volkes — Vers 26-30


Nachdem Ehud seinen Sieg errungen hat, ruft er auch andere dazu
auf, an seinem Sieg teilzuhaben. Er ruht nicht, bis das ganze Volk
daran teilhat. Das ist der wahre Geist der Bruderliebe. Er setzt sich
für andere ein. Er entzieht sich nicht dem Kampf, nachdem er sei-
nen Anteil beigetragen hat, sondern führt das Heer an, um das Werk
abzuschließen. Wie wichtig ist es, anderen ein gutes Beispiel zu ge-
ben! Das gilt insbesondere für einen Ältesten oder Aufseher, von
denen wir in den Personen der Richter ein Vorbild sehen. Wenn
durch Gottes Wort mit dem Fleisch radikal abgerechnet worden
ist, kann ein Ältester oder Aufseher sagen, »folge mir«, um danach
den Gläubigen den Weg zum Sieg zu weisen.
Jede Verbindung zwischen Ehud und dem Feind wurde zerbro-
chen. So müssen auch wir in unserem Leben öffentlich und ent-
schieden mit der Welt und dem Fleisch abrechnen. Erst dann ist
von dauerhaftem Sieg die Rede. Die einzige Furt am Jordan wird
besetzt. Die Israeliten sind damals durch den Jordan gezogen, um
ins verheißene Land zu kommen. Sie konnten den Fluss nur dort
durchqueren, wo die Bundeslade den Weg fürs Volk freimachte.
Für uns spricht die Lade im Jordan von Tod und Auferstehung
Christi, durch die wir einen Platz in den himmlischen Örtern er-
langt haben. Diesen strategischen Punkt müssen die Gläubigen um
jeden Preis behalten. Niemand darf dort entkommen. Eglon war
fett; das gilt auch für viele in seinem Heer. Sie ähnelten ihm, denn
sie standen in seinem Dienst und kämpften für dieselbe Sache. Doch
auch sie mussten umgebracht werden. Alle Reste der Welt und des
Fleisches, die zehntausend fetten und kräftigen Männer, kommen
ans Ufer des Jordan, an den Ort, der von Tod und Auferstehung
Christi spricht. Moab wird nicht vernichtet, sondern erniedrigt. Das
Fleisch bleibt ein Feind, solange wir leben, doch wir müssen es un-
terwerfen.
Abschnitt 2a · Otniel, Ehud und Schamgar 86

Schamgar — Vers 31
Einem Sieg über die Philister durch einen gewissen Schamgar wird
nur ein einziger Vers gewidmet. »Schamgar« bedeutet »Fremdling«
oder »Beisasse«. Dieser Name ist nicht jüdischer Herkunft. Das
scheint darauf hinzuweisen, dass Schamgar aus den Heiden kam.
Er ist der Sohn Anats, dessen Name »Antwort« bedeutet. Seine
Waffe, der Viehtreiberstock, spricht auch vom Wort Gottes, aller-
dings vom Blickwinkel der Welt aus. Für die Welt ist das Wort ohne
jeden sichtbaren Wert. Schamgar war offensichtlich ein Bauer, eine
einfache Person, der vielleicht bestimmte Worte nicht einmal gut
aussprechen konnte (vergleiche 1. Korinther 1,26.29). Möglicher-
weise war er ungebildet (siehe Apostelgeschichte 4,13). Er hatte,
um es mit heutiger Sprache auszudrücken, keine Kenntnis des
Grundtextes und hatte keine hohe Ausbildung genossen.
Das Volk der Philister war ein Feind, der sich im Land befand;
sie bewohnten einen kleinen Landstrich am Rand des Mittelmeers.
Sie beanspruchten das Land für sich selbst, drückten ihm sogar ih-
ren Stempel auf, indem sie ihren Namen damit verbanden. In dem
Wort Palästina klingt der Name Philister an. Aber Schamgar war
von Gott unterwiesen. Dadurch kannte er den Unterschied zwi-
schen einem Glied des Volkes Gottes und einem Feind desselben,
auch wenn dieser Feind dieselbe Sprache wie Gottes Volk sprach.
Er kannte »seine Bibel« und wusste, wie er sie gebrauchen sollte.
Schamgars Viehtreiberstock hatte nie versagt, als er ihn für seine
Ochsen gebrauchte. Er konnte darauf vertrauen. Aus Erfahrung
wissen wir, dass wir auf Gottes Wort vertrauen können; es hat uns
nie im Stich gelassen. Gegen solch ein Zeugnis kann der Feind nicht
ankommen. Das ist wie mit dem Ungläubigen, der spottend zu ei-
nem Prediger sagte, er könne nicht glauben, dass der Herr Jesus
Wasser in Wein verwandelt hat. Der Prediger lud ihn ein, mit in
sein Haus zu kommen. Er würde ihm dort ein noch größeres Wun-
der zeigen. Früher war er ein Trinker gewesen, aber Gottes Wort
hatte ihn geheilt. Er hatte damals begonnen, sein Geld anders zu
verwenden.
Ich möchte aus diesem einen Vers sieben Dinge hervorheben:
1. Erst in Kapitel 4,1 lesen wir, dass Ehud, der vorherige Rich-
ter, gestorben ist. Es scheint, als sei Schamgar ein Zeitgenosse Ehuds
87 Richter 3,31

gewesen. Nach dem Sieg Ehuds (also nicht nach seinem Tod) ist
Schamgar denselben Glaubensweg gegangen. So können wir ge-
meinsam, jeder auf seinem Gebiet, Siege erringen, die dem ganzen
Volk zugute kommen.
2. Wie schon erwähnt, bedeutet sein Name »Fremdling«. Das
Bewusstsein, dass unsere eigentliche Heimat der Himmel ist und
dass uns als Christen erst dort Ruhe erwartet, befähigt uns den Feind
zu überwinden.
3. Anat, dessen Name »Antwort« oder »Erhörung« bedeutet, lässt
uns vermuten, dass das Auftreten Schamgars eine Antwort auf das
»Rufen« Israels ist.
4. Dieser Feind befindet sich im Land, im Gegensatz beispiels-
weise zu Moab, dem vorherigen Feind, der von außerhalb des Lan-
des kam. Philister bedeutet Vagabund. Ein Vagabund ähnelt dem
Fremdling. Der Unterschied besteht darin, dass ein Vagabund kei-
nen eigenen Wohnort hat, während ein Fremdling diesen sehr wohl
hat.
5. Die Zahl 600. Auch Zahlen haben in der Bibel ihre Bedeu-
tung. Die Zahl sechs spricht vom Werk des Menschen. Beispiele
haben wir bei dem Bild Nebukadnezars in Daniel 3 und in der Zahl
des Tieres in Offenbarung 13. Die Zahl sechs ist zu klein, um eine
sieben zu sein; die letztere stellt Vollkommenheit vor. Schamgars
Sieg war kein endgültiger Sieg.
6. Der Viehtreiberstock diente dazu, die Ochsen in der rechten
Spur zu halten. An diesem Stock befanden sich scharfe Spitzen.
Wenn der Ochse abwich, wurde er damit korrigiert. Das ist ein schö-
nes Bild dafür, was Gottes Wort in unserem Leben tut. Wir lernen
es oft, das Wort Gottes in unserem Leben dadurch anzuwenden,
dass andere uns etwas daraus vorhalten. In Prediger 12,11 finden
wir das beschrieben. Die »Worte der Weisen«, von denen dort die
Rede ist, lassen den Pilger in die richtige Richtung laufen, damit er
nicht »hart gegen den Stachel« ausschlägt (Apostelgeschichte 26,14;
siehe Fußnote 6 in der Telos-Übersetzung: »Eiserne Spitzen am
Pflug oder am Ochsenstock des Treibers, die das Zugtier davor ab-
schrecken sollten, nach hinten auszuschlagen«).
7. »Und auch er rettete Israel.« Ich würde gern das Wörtchen
»auch« betonen. Es deutet an, dass er, ebenso wie seine Vorgänger
Otniel und Ehud, Israel aus einer bedrängten Lage erlöst hat. Da-
Abschnitt 2a · Otniel, Ehud und Schamgar 88

durch haben sie ihre Freiheit zurückerlangt. Otniel war Soldat, Ehud
Diplomat und Schamgar Ochsenhirte. Gott konnte sie alle gebrau-
chen, weil sie sich ihm zur Verfügung stellten und Liebe zum Volk
Gottes hatten.
89

2b) Kapitel 4 – 5
Debora mit Barak

Kapitel 4

Einleitung
In diesem Kapitel gebraucht Gott zwei Frauen zur Erlösung seines
Volkes: Debora und Jael. Dadurch zeigt er, dass seine Kraft in
Schwachheit vollbracht wird. Frauen sind in der Bibel nämlich ein
Bild von Schwachheit. Diese Tatsache deutet auch darauf hin, dass
es zu jener Zeit keinen geeigneten Mann in Israel gab, den Gott
gebrauchen konnte. Wenn Gott Frauen für solche Dienste gebrau-
chen muss, dient das zur Beschämung des Mannes. Andererseits
stellen diese Begebenheiten eine große Ermutigung für alle Frau-
en dar, die Gott fürchten und von ihm gebraucht werden wollen.
Sie können hier gut lernen, wie Gott Frauen zum Segen für sein
Volk gebrauchen will.

Nach dem Tod Ehuds — Vers 1


Wiederum bewahrheitet sich, was in Kapitel 2,19 bereits gesagt wur-
de. Der Mann, der das Volk bei seiner Befreiung angeführt hatte,
war gestorben. Damit war sein guter Einfluss auf das Volk ver-
schwunden. Wenn gute Führer fehlen, wird das Volk steuerlos und
gibt sich allerlei Formen des Bösen hin. Die 80 Jahre Ruhe (Kapi-
tel 3,30) hatten die Lage nicht besser, sondern schlechter gemacht.
Und zum vierten Mal lesen wir den Ausdruck, dass die Israeliten
taten, »was böse war in den Augen des HERRN«.

Der Feind — Vers 2


Dieser Feind befindet sich im Norden Israels. Zwanzig Jahre lang,
von 1257 bis 1237 v. Chr., wird das Volk von diesem Feind unter-
Abschnitt 2b · Debora mit Barak 90

drückt. Ungefähr 130 Jahre zuvor hatte Josua mit demselben Feind
zu tun gehabt. Wir können das in Josua 11,10-11 lesen. Augenschein-
lich war dieser Feind vollständig vernichtet. Hier erweist er sich
wieder als quicklebendig. Ein alter Feind lebt also wieder auf. Da-
rin sehen wir eine wichtige Lektion. Satan weiß genau, wie er alte
Irrtümer und Bosheiten wiederbeleben lassen muss und er weiß sie
auch zu gebrauchen, um das Volk Gottes wiederum in Sklaverei zu
führen. Das ist auch in unserem Leben so. Wir haben es mit einem
besiegten Feind zu tun, der aber noch am Leben ist und das Volk
Gottes zu unterwerfen versucht. Erst in der Zukunft wird er end-
gültig ausgeschaltet werden.
In den Namen, die uns in diesem Vers gegeben werden, können
wir das Nötige über diesen Feind erfahren. Es geht bei der Bedeu-
tung der Namen immer um seinen Charakter und seine Wirkungs-
weise. Der Feind kann viele Gestalten annehmen. Jedes Mal passt
er sich der Situation an. Glücklicherweise hat Gott immer eine wirk-
same Antwort auf all diese Methoden. Jabin bedeutet »Einsicht«,
»Verstand«, »Weisheit«. Es geht um eine Weisheit, die der Weisheit
Gottes entgegengesetzt ist, eine Weisheit, die nicht von oben ist,
sondern »eine irdische, sinnliche, teuflische« Weisheit (Jakobus 3,15).
Es ist die Weisheit der Welt, über die Paulus in 1. Korinther 1 spricht.
Nebenbei bemerkt, scheint es, als ob »Jabin« eine Art Titel ist, der
eine Position angibt, ähnlich wie »Pharao« in Ägypten, »Herodes«
in Israel und »Abimelech« bei den Philistern. Es geht also nicht um
denselben Mann wie in Josua 11, sondern um eine andere Person
mit demselben Namen. Hazor bedeutet »eingeschlossen«, »um-
schlossenes Gebiet«. Sisera bedeutet »Schlachtordnung«.
Im Zusammenhang mit diesen Namen können wir diesen Feind
als die Weisheit der Welt sehen, den menschlichen Verstand, der
auf seinem eigenen, abgeschlossenen Gebiet regiert und dort ver-
wirft und ausschließt, was von Gott ist. Sobald man die Vernunft
des menschlichen Verstandes auf die Dinge Gottes loslässt, wird
Gott vor die Tür gesetzt. Pragmatische Überlegungen verschaffen
sich Geltung, beispielsweise bezüglich des Zusammenkommens der
Gläubigen, während nicht mehr gefragt wird, was Gott in der Bibel
darüber sagt. Wer doch nach Gottes Normen fragt, sieht sich Sise-
ra gegenübergestellt; es sind Menschen, die sich in »Schlachtord-
nung« aufstellen, um die »Quertreiber« mundtot zu machen. In
91 Richter 4,2-4

großen Teilen der Christenheit ist dies eine wiederzuerkennende


Situation. Wir können in 2. Korinther 10,5 lesen, wie Paulus (ei-
gentlich der Heilige Geist) mit Feinden wie »Jabin« und »Sisera«
umgeht.

Schreien zum Herrn — Vers 3


Nach zwanzig Jahren Unterdrückung erkennt das Volk, in welcher
Not es sich befindet. Der Feind hat mit eiserner Hand (eisernen
Wagen) regiert. In Kapitel 1,19 haben wir bereits über diese eiser-
nen Streitwagen gesprochen. Wir haben gesehen, dass diese Wa-
gen kein Problem dargestellt hätten, wäre Glaube vorhanden ge-
wesen. Nun muss es zwanzig Jahre dauern, bis sie anfangen, zum
Herrn zu schreien, um vom Feind, von der »Einschließung«, be-
freit zu werden. Doch glücklicherweise kommt dieser Moment. Gott
hält sein Werkzeug schon bereit.

Debora, die Prophetin — Vers 4


Debora ist eine Prophetin. Ihr Name bedeutet »Aktivität« oder
»bei«. Eine andere Bedeutung geht aus dem Zusammenhang her-
vor, der zwischen den Namen Debir und Debora besteht. Beide
Namen haben die Bedeutung »das Wort« in sich. Für die Anwen-
dung des Namens Debora mache ich von dieser Bedeutung Ge-
brauch. Dass sie eine Prophetin war, passt dazu. Ein Prophet oder
eine Prophetin ist jemand, der Gottes Gedanken mitteilt, oder, wie
es in 1. Petrus 4,11 steht, »Aussprüche Gottes« redet. In der Bibel
kommen einige Prophetinnen vor: Mirjam (2. Mose 15,20), Hulda
(2. Könige 22,14), Hanna (Lukas 2,36) und die Töchter des Philip-
pus (Apostelgeschichte 21,9). Diese Beispiele stellen im gleichen
Maße auch Ansporn für Frauen dar, sich von Gott gebrauchen zu
lassen.
Es gibt nur zwei Einschränkungen, die Gott mit dem Dienst von
Frauen verbindet. Wir lesen sie in 1. Timotheus 2,12 und in 1. Ko-
rinther 14,34. Im ersten Text steht, dass sie nicht lehren und nicht
über den Mann herrschen darf. Sie hat keine Lehrgabe und darf
keine Autorität über Männer ausüben. Die andere Textstelle spricht
über ihre Haltung in der Gemeinde. Dort muss sie still sein. Wenn
Abschnitt 2b · Debora mit Barak 92

Gläubige als Gemeinde zusammenkommen, darf die Frau weder


Lieder bestimmen noch stellvertretend für die Gemeinde laut be-
ten und erst recht nicht das Wort Gottes predigen. Die These von
der »Frau auf der Kanzel« findet in der Bibel keine einzige Unter-
stützung. Der Grund für diese Einschränkungen wird in den bei-
den neutestamentlichen Abschnitten mit angegeben. Wir werden
sehen, dass die Haltung und der Dienst Deboras, wie in diesem
Kapitel ersichtlich, eine glänzende Veranschaulichung der neu-
testamentlichen Lehre über den Dienst und die Haltung der Frau
sind.
Sie war mit Lappidot verheiratet. Sein Name bedeutet »bren-
nende Fackeln«. Das erinnert unwillkürlich an Apostelgeschichte 2,
wo der Heilige Geist ausgegossen wird. Wir lesen dort in Vers 4
über »Zungen wie von Feuer«. So sehen wir in Debora und Lappi-
dot eine wunderschöne Kombination: das Wort Gottes, das in der
Kraft des Heiligen Geistes angewandt wird.

Debora, die Richterin — Vers 5


Deboras Wohn- und Arbeitsort werden genau beschrieben. Sie
wohnt unter einem Palmbaum, der ihren Namen trägt. Dadurch
wird sie gleichsam mit diesem Baum identifiziert. Der Palmbaum
ist ein Symbol der Fruchtbarkeit. Einige Palmen tragen üppig Frucht,
und das manchmal sogar über eine Periode von gut 70 Jahren. In
Psalm 92,12-15 wird der Gerechte mit einer solchen Palme vergli-
chen: Er trägt Frucht im Haus des Herrn, und das bis ins Alter. Der
Gedanke an das Haus des Herrn kommt auch bezüglich des Wohn-
ortes Deboras zum Ausdruck. Sie wohnt zwischen Rama und Be-
thel. Rama bedeutet »Erhöhung« oder »Höhe« und Bethel bedeu-
tet »Haus Gottes«. Aus dem Wohnort Deboras können wir lernen,
dass sie eine Gerechte war, die Frucht trug und auf der Höhe der
Gedanken Gottes lebte. Auch war sie mit dem Haus Gottes auf der
Erde verbunden. Dadurch war sie in der Lage, in der Situation Recht
zu sprechen, in der Israel sich befand. Diese Bedingungen gelten
auch für uns, wenn wir von Gott zum Wohl seines Volkes gebraucht
werden möchten.
Debora ist eine Frau des Glaubens, die ihren von Gott gegebe-
nen Platz nicht verlässt. Sie reist nicht durch das Land, sondern die
93 Richter 4,4-7

Israeliten kommen zu ihr. Daran wird deutlich, dass sie ihre Aufga-
be und Gabe »auf dem Gebiet« ausübte, das Gott ihr gegeben hat-
te. Bei anderen Prophetinnen sehen wir dasselbe. Josia sendet Bot-
schafter zur Prophetin Hulda, um durch sie Gottes Willen zu hören
(2. Chronik 34,21-28). Die Prophetin Hanna war eine Frau, »die
nicht aus dem Tempel wich« (Lukas 2,37). In Apostelgeschichte 21,9
lesen wir über die vier Töchter des Philippus, die weissagten. Hin-
gegen lässt Gott den Propheten Agabus aus Judäa kommen, um
Paulus eine Botschaft zu überbringen und gebraucht nicht die Töch-
ter des Philippus, weil deren Botschaft in einer öffentlichen Zu-
sammenkunft mitgeteilt werden musste (Vers 11 und 12).
Wenn wir an die Gaben und die Aufgabe der Frau denken, ist es
heute wichtiger denn je, uns zu fragen, was Gott in seinem Wort
darüber sagt. In der heutigen Welt werden Frauen immer mehr an-
gespornt, sich Geltung zu verschaffen und den gleichen Platz wie
der Mann zu beanspruchen. Sie ist doch nicht etwa seine geringere
Genossin? Sie braucht sich doch nicht etwa unterbuttern zu las-
sen? Natürlich haben diese Fragen ihren Hintergrund. Doch aller
Missbrauch der Frau, der zu einer solchen Auffassung beigetragen
hat, nimmt nichts von dem weg, was Gott über die Stellung sagt, in
die er sowohl den Mann als auch die Frau gesetzt hat. Dieser Miss-
brauch wird nicht durch das Emanzipationsstreben der Frau oder
den Einsatz allerlei feministischer Bewegungen aufgehoben. Die-
ser Missbrauch verschwindet nur dann, wenn sowohl der Mann als
auch die Frau anfangen, sich an das zu halten, was die Bibel beiden
jeweils klar vorgibt. Das bewirkt nicht nur gute Verhältnisse, es wird
auch zu einer Segensquelle. Debora hält sich daran. Gesegnet ist
jede Frau, die es ihr gleichtut. Sie bringt dadurch Segen für das
ganze Volk Gottes.

Barak wird gerufen — Vers 6-7


In Übereinstimmung mit dem, was wir gerade gesehen haben, geht
Debora nicht zu Barak hin, sondern lässt ihn zu sich kommen. Als
sie ein Wort des Herrn, des Gottes Israels, an ihn richten muss,
dann tut sie das an dem Ort, wo sie wohnt. Sie lässt sich durch den
Geist Gottes leiten und handelt mit seiner Weisheit, auch wenn
Gottes Handeln durch sie Baraks Gewohnheiten widerspricht und
Abschnitt 2b · Debora mit Barak 94

zur Beschämung des Mannes dient. Barak bedeutet »leuchtend«.


Gott ist Licht (1. Johannes 1,5). Wer das Licht Gottes scheinen
lässt, wird dem Feind die Niederlage beibringen. Barak musste dazu
aufgerufen und angespornt werden. Er hatte offensichtlich die Be-
deutung seines Namens vergessen, vielleicht bedingt durch die lan-
ge Fremdherrschaft des Feindes. Der Name seines Vaters Abinoam
bedeutet »Vater der Lieblichkeit«. Barak scheint in einer Familie
voller Liebe und Freundlichkeit aufgewachsen zu sein. So möchte
Gott seine Kinder erziehen. In einer solchen Atmosphäre werden
Menschen geformt, die er gebrauchen kann. Die Gegend, aus der
er stammt, ist Kedes in Naftali. Kedes bedeutet »Heiligtum« und
Naftali heißt »Ringer« oder »Kämpfer«. Das deutet darauf hin, dass
Barak das Heiligtum kannte und wusste, worum es zu kämpfen galt.
Er ähnelt Epaphras, von dem es in Kolosser 4,12 heißt, dass er alle-
zeit für die Gläubigen in Kolossä in den Gebeten rang. Wenn wir
beten, gehen wir ins Heiligtum Gottes. Das Gebet ist kein leichtes
Werk, es ist eine sehr anstrengende Tätigkeit. Barak hat in einer
solchen Umgebung seine Entwicklung genommen.
Es scheint, als wäre alles vorhanden gewesen, damit er ein Ret-
ter Israels hätte werden können, dass es ihm aber an geistlichem
Mut mangelte. Deshalb ist es sehr schön zu sehen, wie Debora ihn
zur Aktivität motiviert (das ist eine zuvor erwähnte Bedeutung ih-
res Namens). Sie vermittelt ihm ihre Überzeugung, dass Gott ihm
den Feind ausliefern wird. Sie hat diesen »Bericht« von Gott emp-
fangen. Barak muss dafür auf den Berg Tabor ziehen, dessen Name
»Berg des Vorhabens« bedeutet. Ist das nicht eine große Ermuti-
gung? Wir müssen auf den Berg gehen, also nach oben, wo wir se-
hen können, wie Gott denkt und was er tat. Wenn wir weiterhin auf
den Zustand um uns her blicken, bleibt es möglicherweise beim
Klagen und Seufzen. Doch wenn wir beginnen, uns mit den Plänen
Gottes zu beschäftigen, mit dem, was in seinem Herzen ist, werden
wir ermutigt werden. Kein Feind kann die Pläne und Ratschlüsse
Gottes antasten. Wenn wir anfangen, uns in erster Linie mit Gottes
Gedanken zu beschäftigen, dann werden wir sehen, welche Kraft
uns das für den Kampf verleiht. Auf der Höhe der Pläne und Ge-
danken Gottes zu stehen, ist die beste Grundlage für den Sieg im
Kampf. Debora tut hier das, was Paulus in Kolosser 4,17 schreibt,
wo er Archippus ausrichten lässt: »Sieh auf den Dienst, den du im
95 Richter 4,7-11

Herrn empfangen hast, dass du ihn erfüllst.« Auf diese Weise können
Schwestern Brüder ermutigen. Leider mangelt es sehr an solchen
Schwestern.

Debora muss mitgehen — Vers 8-10


Trotz der schönen Bedeutung der Namen, die mit Barak in Verbin-
dung stehen, wagt er sich nicht allein gegen den Feind vor. Er woll-
te zwar gehen, doch benötigte er jemanden, von dem er wusste,
dass er auf Gott vertraut. Solch eine Person fand er in Debora.
Hierin ähnelt er Lot, der ebenfalls auf den Glauben eines anderen
vertraute, nämlich auf den Glauben seines Onkels Abraham. De-
bora willigt ein, doch sie sagt, dass dann die Ehre für das Unterfan-
gen nicht ihm, sondern einer Frau zufallen wird. Gott belohnt Ver-
trauen auf ihn; wenn dieses Vertrauen fehlt, kann er seine Beloh-
nung nicht geben. Das kann uns anspornen, die Aufgabe, die er uns
gibt, auszuführen, ohne dabei von der Unterstützung anderer ab-
hängig zu sein. Das bedeutet nicht, dass wir Unterstützung nicht
schätzen sollten, doch sie darf nicht die Bedingung für die Erfül-
lung unseres Auftrages sein. Dennoch ist Barak ein Mann des Glau-
bens. Nicht umsonst wird er in Hebräer 11,32 als ein Glaubensheld
erwähnt. Er glaubte der Weissagung Deboras und mit einem klei-
nen Heer zieht er gegen einen überlegenen Feind in den Kampf.

Die Keniter — Vers 11


Jetzt wird der Keniter Heber erwähnt, scheinbar ohne besonderen
Anlass. In Kapitel 1,16 sind wir den Kenitern bereits kurz begeg-
net. Dort sahen wir, dass sie sich unter dem Volk Gottes befanden,
ohne dazuzugehören. In ihrer Haltung stellten sie einen Gegensatz
zu Menschen wie Kaleb und Achsa dar. Wir haben es hier mit ei-
nem Mann zu tun, der zwar zu den Kenitern gehörte, sich jedoch
von diesem Volk abgesondert hatte. Er war seinen eigenen Weg
gegangen, aber ohne sich mit dem Volk Gottes zu verbinden. Was
das betrifft, verleugnete er seine Herkunft nicht. Dass er hier er-
wähnt wird, hat vielleicht den Grund, den Gegensatz zu Barak deut-
lich werden zu lassen, der sehr wohl aus Glauben und zum Wohl
des Volkes Gottes handelte. Heber hielt sich abseits, war sogar ein
Abschnitt 2b · Debora mit Barak 96

Freund der Feinde des Volkes (siehe Vers 17). Heber wird hier auch
deshalb erwähnt, weil seine Frau Jael jene Frau ist, von der Debora
in Vers 9 spricht.

Der Feind wird aktiv — Vers 12-13


Es ist ein immer wiederkehrendes Phänomen, dass der Feind aktiv
wird, sobald das Volk Gottes im Glauben zu handeln beginnt. Der
Feind bleibt inaktiv, solange das Volk Gottes inaktiv bleibt und kei-
ne Anstalten macht, etwas an der Situation zu ändern. Im Leben
eines Gläubigen ist das nicht anders. Wenn ein Gläubiger ganz in
den Dingen der Welt aufgeht, wird sich der Teufel keine Gedanken
um ihn machen. Doch sobald ein Gläubiger zum Bewusstsein ge-
langt, dass er sich mit verkehrten Dingen beschäftigt und seine Ver-
bindung mit der Welt abbrechen will, wird der Teufel rasant aktiv.
Er wird alles versuchen, um den Gläubigen unter seiner Macht zu
halten.

Der Feind geschlagen — Vers 14-16


Jetzt, wo der Kampf vor der Tür steht, ist es wiederum Debora, die
Barak inspiriert. Durch ihren Umgang mit Gott kennt sie seinen
Willen. Mit dieser Kenntnis ermutigt und treibt sie zum Kampf an
und weist auf den endgültigen Sieg hin. Wer für Gott kämpft, im
Vertrauen auf ihn, darf mit »Sieg« rechnen. Genauso wie in Vers 7
richtet sie hier den Glauben Baraks auf den Herrn. Nicht die zehn-
tausend Mann, die Barak folgen, sind die Garantie für den Sieg.
Sie weist darauf hin, dass der Herr selbst vorangeht; Barak braucht
nur zu folgen.
Wir sehen, wie Debora sich nicht öffentlich in den Kampf ein-
mischt; das steht in völliger Übereinstimmung mit ihrer Stellung
als Frau. Doch zugleich sehen wir, wie sie durch ihr festes Vertrau-
en, ihren Glauben an den Herrn, die Grundlage für den Sieg über
den Feind legt. So groß ist der Einfluss einer gottesfürchtigen Frau.
Es sage niemand, eine Frau solle mundtot gemacht werden, solan-
ge sie sich an die Grenzen hält, die Gottes Wort ihrem Auftreten in
der Öffentlichkeit setzt!
Dann geht Barak zur eigentlichen Tat über. Der Herr gibt zu
97 Richter 4,11-22

erkennen, dass er sich an Baraks Seite befindet und sät unter dem
Heerlager Siseras Verwirrung. Das tut Gott allezeit. Wenn wir glau-
ben, dann darf dieser Glaube damit rechnen, dass Gott unsere Sa-
che zu seiner Sache macht. Wiederum ist, genau wie bei Ehud, »die
Schärfe des Schwertes« das Mittel, wodurch der Feind verjagt wird.
Gott gibt uns in diesem Kampf keine andere »Waffe« als sein Wort
in die Hand.

Jael — Vers 17-22


Frauen spielen beim Sieg über den Feind eine Hauptrolle. Der zwei-
ten beteiligten Frau kommt die Ehre zu, den Anführer des feindli-
chen Heerlagers zu töten. Debora hatte bereits in Vers 9 auf diese
Frau hingewiesen, zur Beschämung Baraks, dem es an Glaubens-
mut fehlte. Nun lesen wir ihren Namen und werden Zeugen ihres
Auftretens. Auch hier ist viel darüber zu lernen, wie Gott Frauen
einsetzt. Von diesen Frauen sind leider nur wenige zu finden, ge-
nauso wenig Frauen wie echte Glaubensmänner, die sich in voller
Hingabe dem Herrn übergeben, um von ihm gebraucht zu werden.
Die Frau, die in diesem wichtigen Augenblick in den Kampf ein-
bezogen wird, heißt Jael. Sie ist die Ehefrau Hebers, über den wir
schon kurz bei Vers 11 gesprochen haben. Es scheint, als hätte sie
einen völlig anderen Charakter als ihr Mann. Er lebte mit dem Feind
des Volkes Gottes in Frieden. Jael beteiligte sich nicht daran. Ebenso
wie einst Rahab (Josua 2), macht sie sich mit dem Volk Gottes eins.
Genau wie später Abigail (1. Samuel 25), ist sie mit einem Mann
verbunden, der kein Interesse für die Dinge Gottes hat. In ihrem
Herzen ist Glauben. Sie lädt Sisera ein, sich in ihrem Zelt zu ver-
bergen. Sie versorgt ihn so gut, dass er sich behaglich fühlt. Nach-
dem er ihr aufs Herz gelegt hat, ihn nicht zu verraten, fällt er in
einen tiefen Schlaf. Dann sieht Jael ihre Chance. Mit Hammer und
Zeltpflock bereitet sie den Machenschaften dieses grausamen Un-
terdrückers ein Ende.
Was können wir nun von ihr lernen? Ihr Name bedeutet »Klet-
terer«. Sie stellt jemanden dar, der »sucht, was droben ist, wo der
Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes« (Kolosser 3,1-2). Um im
Kampf einsetzbar zu sein, müssen wir uns mit Christus im Himmel
beschäftigen. Das kostet Anstrengung und Mühe. Klettern funk-
Abschnitt 2b · Debora mit Barak 98

tioniert nicht von selbst. Ihr Leben auf der Erde stimmt damit über-
ein. Sie wohnte in einem Zelt. Ein Zelt ist das Symbol der Fremd-
lingschaft – davon, dass man auf der Reise ist und keine Heimat
hier auf der Erde hat. Der Zeltpflock, das Mittel, womit sie den
Feind niederschlägt, weist darauf hin, dass es für den Sieg über den
Feind erforderlich ist, dass wir uns als echte »Beisassen und Fremd-
linge« verhalten (1. Petrus 2,11). Wir werden niemals überwinden,
wenn wir uns mit der Welt einsmachen und vergessen zu suchen,
was droben ist. Der Zeltpflock wird in Kombination mit dem Ham-
mer eingesetzt. Der Hammer wird in Jerema 23,29 mit dem Wort
Gottes verglichen. Die Stelle, an der Sisera getroffen wird, ist die
Schläfe, die Seite seines Kopfes. Der Zeltpflock wird so hart einge-
schlagen, dass er in der Erde stecken bleibt. Wir könnten sagen,
dass die Schläfe der Ort ist, an dem die Gedanken des Menschen
gebildet werden. Am Anfang dieses Kapitels haben wir gesehen,
dass dieser Feind vom Verstand spricht, der Weisheit der Welt, die
ihren Einfluss auf das Volk Gottes ausübt.
Nur durch ein konsequentes Leben als Fremdlinge können wir
mit diesem Feind radikal abrechnen. Das heißt, dass wir uns nicht
mit jener Politik einlassen dürfen, der diese Welt nacheifert. Aller-
lei »vernünftige« Gründe könnten angeführt werden, das doch zu
tun. Darum müssen wir Gottes Wort studieren, denn dadurch wer-
den wir das entdecken, was droben ist, nämlich Christus. Dann wer-
den wir merken, dass das Wort wie ein Hammer all diese »Vernünf-
teleien« bzw. »Vernunftschlüsse« zunichte macht.
Wir können noch anmerken, dass Jael keinen öffentlichen Sieg
erringt, sondern in ihrem Haus triumphierte, mit den Mitteln, die
sie hatte. Das gilt für jede gottesfürchtige Frau. Debora und Jael
nahmen die Stellung ein, die Gott ihnen gegeben hatte: niedrig,
aber mit Entschiedenheit und Treue. Durch ihre tägliche Erfah-
rung wusste Jael, wie sie den Holzpflock und den Hammer anzu-
wenden hatte. So wird die Weisheit der Weisen zunichte gemacht
(1. Korinther 1,19).

Der Feind umgebracht — Vers 23-24


Letztlich ist es Gott selbst, der den Feind umbringt. Ihm kommt
alle Ehre zu. Doch will er für das Schlagen des Feindes die gebrau-
99 Richter 4,22 – 5,1

chen, die zu ihm gehören. Für die Israeliten – und das gilt auch für
uns – reichte es nicht zu behaupten, Gott werde schon alles tun.
Das ist zwar so, doch wir müssen uns zur Verfügung stellen. Das
Land ist Gottes Land. Er will es durch sein Volk in Besitz nehmen.
Das bringt, neben einer großen Verantwortung, auch einen großen
Segen mit sich, denn Gott will sein Volk an dem teilhaben lassen,
was sein Herz beschäftigt und wonach es sich sehnt. Gott will uns
auf sein eigenes Niveau hinaufziehen, damit wir sehen, wie er alles
sieht und beurteilt. Auf diesem Niveau zu leben und sich dafür ein-
zusetzen, bedeutet das größte Glück. Je mehr wir endgültig mit dem
Feind abrechnen, desto mehr werden wir in der Lage sein, die Din-
ge zu genießen, die Gott genießt. Bei dieser Begebenheit hat Israel
genau das getan. Lasst auch uns kurzen Prozess mit dem Feind ma-
chen, der uns in diesem Kapitel vorgestellt wird, und dann gemein-
sam mit Gott den Segen seines himmlischen Landes genießen.

Kapitel 5

Einleitung
Das Lied, das Barak und Debora nach dem Sieg singen, ist ein be-
sonderes und beeindruckendes Lied. Es ist auch ein langes Lied,
wenn wir die kurze Beschreibung des Kampfes beachten. Es ist das
einzige Lied im Buch der Richter; im weiteren Verlauf wird nicht
gesungen. Der Inhalt des Liedes passt zum Zustand jener Tage.
Die durchlebten Gefühle und die Taten Gottes kommen darin zum
Ausdruck.
Doch es geht nicht allein um den Blick zurück in die Vergangen-
heit und auf das, was Gott getan hat und wie die verschiedenen
Personen und Stämme sich verhalten haben. Es ist auch ein Lied,
in dem der Glaube den zukünftigen Sieg sieht. Diese Gewissheit
entstammt dem, was Gott gerade für sein Volk bewirkt hat. Im Le-
ben des Gläubigen ist jeder Sieg, den er erringt, eine Vorauszah-
lung auf den letzten großen Sieg. Er darf im Glauben mit der Er-
füllung von Römer 16,20 rechnen: »Der Gott des Friedens aber wird
in kurzem den Satan unter euren Füßen zertreten.« Dieser letzte Sieg
Abschnitt 2b · Debora mit Barak 100

steht fest. Jeder Glaubenssieg verweist auf jenen Augenblick und


ermutigt den Gläubigen in seinem Vertrauen auf Gott.
Im ersten Lied in der Bibel, dem Lied Moses in 2. Mose 15, se-
hen wir etwas ganz Ähnliches. In den Versen 13 und 17 lesen wir,
wie der Glaube Moses über die ganze Wüstenreise hinwegblickt
(die damals noch vor ihnen lag) und gleichsam unmittelbar ins ver-
heißene Land springt. Dieses Land besingt er und das ganze Volk
stimmt mit ein. Im Lied der Debora singt das Volk allerdings nicht
mit. Wir hören nur zwei Stimmen. Es ist schön zu sehen, wie dieses
Lied mit dem Herrn beginnt und endet (Vers 1-5 und Vers 31).
Nun noch die Einteilung des Liedes, die zum besseren Verste-
hen des Inhalts verhelfen kann.

a. Vers 1-5 preist Gott, weil er sich für sein Volk in die Bresche
geworfen hat.
b. Vers 6-8 beschreibt, wie es während der Besatzungszeit in
Israel aussah.
c. Vers 9-11 ruft dazu auf, vom Sieg des Herrn zu zeugen.
d. Vers 12-18 gibt die Rollen der einzelnen Stämme wieder.
e. Vers 19-23 beschreibt den Kampf.
f. Vers 24-27 rühmt Jael für ihre Tat.
g. Vers 28-30 berichtet, wie die Mutter Siseras vergeblich war-
tete.
h. Vers 31 bildet den Schluss.

a. Vers 1-5 preist Gott, weil er sich für sein Volk in die
Bresche geworfen hat
Vers 1. Dieses Lied wird nur von zwei Personen gesungen, einer
Frau des Glaubens und einem Mann des Glaubens, während doch
das ganze Volk am Sieg teilhatte. Doch es bleibt ein Lied nach dem
Herzen Gottes. In Zeiten des Verfalls geht es nicht darum, eine
Masse Menschen zum Singen von Lobliedern zusammenzubringen.
Wir dürfen heute wirklich in Frage stellen, ob die Organisation von
Lobpreis-Zusammenkünften, zu denen jeder eingeladen wird, aus
der Wirksamkeit des Geistes Gottes hervorgeht. Werden solche Zu-
sammenkünfte jedoch mit dem Ziel veranstaltet, um die Einheit
unter Christen zu bewirken, dann wird das Singen missbraucht, denn
101 Richter 5,1-2

für diesen Zweck unterstützt die Bibel das Singen nicht. Wie ent-
steht ein Loblied? Es wird in einem Herzen geboren, das eine Er-
fahrung mit Gott gemacht hat. In einem solchen Leben hat Gott
auf eine besondere Weise seine Gegenwart gezeigt. Die Folge des-
sen ist ein Loblied. Wer weiß, dass seine Sünden vergeben sind,
kann davon singen. Das kann zusammen mit allen geschehen, die
ebenfalls die Gewissheit der Vergebung ihrer Sünden haben. Das
führt zusammen; dann gibt es einen gemeinsamen Anlass zum Sin-
gen. Wie könnte man gemeinsam mit Ungläubigen zur Ehre Got-
tes singen? Sie haben doch keine solche Erfahrungen mit Gott ge-
macht!
Der Anlass für das Lied Deboras und Baraks ist das Handeln
Gottes an Jabin. In Vers 23 des vorigen Kapitels steht: »So demü-
tigte Gott an jenem Tag Jabin.« Vers 1 unseres Kapitels sagt: »Debo-
ra und Barak … sangen an jenem Tag folgendes Lied.« Das Handeln
Gottes zum Wohl seines Volkes ruft bei Debora und Barak offen-
bar eine spontane Reaktion in Form eines Liedes hervor. So ist
auch für uns jede Form der Befreiung ein direkter Grund zum Sin-
gen eines Lobliedes. Tun wir das auch?
Vers 2. Die Übersetzung des ersten Teils dieses Verses scheint
nicht einfach zu sein. Das wird durch einen Vergleich der Überset-
zung der Niederländischen Bibelgesellschaft mit der Statenvertaling
deutlich. Die NGB übersetzt: »Weil man seine Locken lang hängen
ließ in Israel.« Die Statenvertaling schreibt: »Lobt den Herrn über
das Rächen der Wracke.« In einer deutschen und englischen Über-
setzung steht: »Weil Führer führten in Israel.« Weil ich in den Über-
setzungen, die ich herangezogen habe, keine Unterstützung für den
Wortlaut der Statenvertaling fand, lasse ich sie weiter außer Be-
tracht. Ich werde die beiden anderen Übersetzungen miteinander
vergleichen und meine Schlussfolgerung damit verbinden. Ein Ken-
ner der Sprache, in der das Alte Testament größtenteils geschrie-
ben wurde, des Hebräischen, übersetzt: »Als die Fürsten in Israel
führten.« In einer Erläuterung zu diesem Vers schreibt meine Quelle:
»Der Eröffnungssatz ist einer der rätselhaftesten des Liedes. Er
kann auch so übersetzt werden: ›Als die Haarlocken lang wuchsen in
Israel‹, was ein Hinweis auf eine Praxis sein könnte, bei der man
sein Haar nicht schneiden ließ, um ein Gelübde zu erfüllen (4. Mose
6,5.18). Dies würde eine Hingabe an den Herrn zur Teilnahme an
Abschnitt 2b · Debora mit Barak 102

einem heiligen Krieg bedeuten. 5. Mose 32,42 gibt möglicherweise


einen Hinweis auf langhaarige Soldaten, obwohl ›Führer‹ dort auch
möglich ist.« Soweit das Zitat.
Das lange Haar weist auf Hingabe und Unterwürfigkeit hin. Von
der Frau heißt es in 1. Korinther 11, dass das lange Haar »eine Ehre
für sie ist, denn das Haar ist ihr anstatt eines Schleiers gegeben« (Vers
15). In 1. Korinther 15 geht es um ihr Verhältnis zum Mann und
um die Sichtweise Gottes dieser Beziehung. Die Frau kann an ih-
rem Äußeren erkennen lassen, dass sie innerlich eine Gesinnung
der Hingabe und Unterwürfigkeit dem Mann gegenüber hat. Die
Frau kann durch das Tragen von langem Haar zeigen, dass sie mit
dem übereinstimmt, was Gott in ihrer Beziehung zum Mann von
ihr verlangt. Sie gibt ihren eigenen Willen preis und nimmt eine
Stellung der Unterordnung ein. Dieser allgemeine Gedanke über
das lange Haar lässt sich auch auf alttestamentliche Stellen anwen-
den, wo langes Haar erwähnt wird.
Ein Blick auf die andere Übersetzung, in der von Führern die
Rede ist, zeigt, dass diese anscheinend einen völlig anderen Aspekt
beleuchtet. Aber das stimmt nicht. Nicht immer leiten Führer so,
wie es von ihnen erwartet werden darf. Doch wenn sie aufs Neue
ihre Verantwortlichkeit auf sich nehmen, können sie erst dann eine
gute Leiterschaft ausüben, wenn sie sich Gott hingeben und sich
ihrer Unterwürfigkeit ihm gegenüber bewusst sind. Das Ergebnis
davon ist, dass das Volk sich freiwillig anbietet. Es werden kein Be-
fehle erteilt, sondern es wird mit Beispiel vorangegangen. Ein gu-
tes Vorbild lässt Gutes folgen. Wenn die Verhältnisse im Volk Got-
tes wieder so zu wirken beginnen, dann ist das ein Grund, den Herrn
zu preisen. Tut es nicht wohl, wenn in einer Glaubensgemeinschaft
Führung auf eine biblische Weise ausgeübt wird, und zwar von Füh-
rern, die von Gott eingesetzt sind (und somit nicht von Menschen)?
Von solchen Personen lesen wir in Apostelgeschichte 20,28. Paulus
sagt dort zu ihnen: »Habt Acht auf euch selbst und auf die ganze
Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher gesetzt hat, die
Gemeinde Gottes zu hüten, die er sich erworben hat durch das Blut
seines Eigenen.« Ist das Ergebnis ihres Auftretens nicht, dass ande-
re sich freiwillig anbieten, für den Herrn zu arbeiten? Haben wir
einen Blick dafür? Und wie reagieren wir darauf?
Vers 3. Die Treue der Führer und die Bereitwilligkeit des Volkes
103 Richter 5,2-5

veranlassen Debora, ein Lied zur Ehre des Herrn zu singen. Zu-
gleich ist dieses Lied ein Zeugnis für andere Würdenträger. Köni-
ge und andere Machthaber werden aufgerufen, auf das zu hören,
was sie singen will. Sie können viel davon lernen. Machthaber, die
auf den Willen Gottes achten wollen, werden von Debora in ihrem
Lied ermutigt. Wer Gottes Willen jedoch nicht berücksichtigt, hört
im selben Lied deutliche Warnungen. Wenn wir bedenken, dass wir
als Gläubige der Gemeinde auch Könige genannt werden (1. Pet-
rus 2,9; Offenbarung 5,10), dann hat ihr Lied auch uns etwas Nöti-
ges zu sagen. Lasst uns unsere Ohren weit öffnen und den Inhalt
dieses Liedes gut verinnerlichen.
Vers 4 und 5. In diesen Versen richtet sich alle Aufmerksamkeit
auf den Herrn selbst sowie auf das, was er in der Vergangenheit
getan hat. Er wird hier als sichtbare Erscheinung beschrieben. So
wird Gott auch in Psalm 68,7-8 dargestellt, wo er ebenfalls als der
Erlöser seines Volkes besungen wird. Debora präsentiert Gottes
gerade geschehenes Eingreifen zum Wohl seines Volkes, indem sie
dies mit seinem Eingreifen am Anfang der Geschichte Israels ver-
gleicht. Sie sieht ihn mit einer Majestät ausziehen, die die Widersa-
cher lähmt. Groß und beeindruckend ist die Majestät dieses Hel-
den. Eine derartige Beschreibung Gottes gibt Mose in seinem Lied
in 5. Mose 32. Auch Habakuk 3,3-15 beschreibt in lebendiger Wei-
se Gottes vergangenes Eingreifen für sein Volk. Wir werden Vieles
vom Handeln Gottes in der Geschichte verstehen, wenn wir uns
einmal mit seinem Eingreifen in früheren Zeiten beschäftigen.
Seir ist ein Name für die Berge, in denen die Nachkommen Esaus,
die Edomiter, wohnten. Als die Israeliten sie baten, durch ihr Land
ziehen zu dürfen, wurden sie von den Edomitern als Feinde behan-
delt (siehe 4. Mose 20,14-21 und 5. Mose 2,1-8). Sie durften keinen
Krieg gegen die Edomiter führen und mussten daher im Bogen um
deren Land herum ziehen.
Doch hier im Lied Deboras hören wir, wie Gott selber in Erha-
benheit für sein Volk auszog. Berge sind in der Bibel oft ein Bild
großer irdischer Mächte. Doch sie wanken gegenüber der Größe
Gottes. Sie halten vor ihm nicht stand. Auch Sinai, der Berg, an
dem Gott seinem Volk das Gesetz gab, vermittelt denselben Ein-
druck. Hebräer 12,18-21 beschreibt diesen Eindruck. Die Tatsache,
dass Gott Israel dazu auserwählt hat, sein Volk zu sein, nimmt nicht
Abschnitt 2b · Debora mit Barak 104

weg, dass er auch für sie eine beeindruckende Erscheinung bleibt.


Obwohl wir als Gläubige der Gemeinde nicht in einer Bundesbe-
ziehung zu Gott stehen, sondern ihn unseren Vater nennen dürfen,
steht auch für uns in Hebräer 12,29: »Auch unser Gott ist ein verzeh-
rendes Feuer.« Das braucht uns keine Angst einzujagen, aber es wird
unsere Ehrerbietung und Ehrfurcht vor ihm steigern. Zugleich ist
es eine Ermutigung, wissen zu dürfen, dass dieser Gott unser Gott
ist. Er zieht für uns in den Kampf gegen den Feind. Welcher Feind
wird dann standhalten können?

b. Vers 6-8 beschreibt, wie es während der Besatzungszeit


in Israel aussah
Die Zeiten, in denen Schamgar und Jael lebten, gleichen einander.
Es waren Zeiten, in denen der Feind das Volk Israel belagerte. Nie-
mand wagte mehr, auf der Straße zu gehen. Die Straßen waren
leer. Und wer doch irgendwohin musste, suchte Nebenpfade und
Schlängelwege. In 3. Mose 26,22 hatte Gott vorausgesagt, dass die
Wege »öde« würden, wenn das Volk untreu wird. In Jesaja 35,8-10
sehen wir den bevölkerten Weg als Folge der Regierung des Messi-
as. Dort ist das Volk Gottes zurückgekehrt und empfängt den ver-
heißenen, aufgeschobenen Segen. Unsere Zeit ähnelt den Tagen
Schamgars und Jaels. Das Wort Gottes wird nur wenig berücksich-
tigt. Es gelingt dem Feind leider, viele Christen vom rechten Weg
abzubringen und davon abzuhalten.
Schamgar und Jael haben im Glauben gehandelt und dem Feind
einen empfindlichen Schlag versetzt. Sie begnügten sich nicht mit
der verbreiteten Auffassung, es nütze doch nichts, sich zu widerset-
zen. In allen Zeiten, auch in unseren, wurde stets deutlich, wer sich
der vorherrschenden Meinung fügte und wer sich öffentlich auf Got-
tes Seite stellte. Die krummen Wege sind ein Bild des Handelns
aus eigenem Willen, wobei man nicht nach dem Willen Gottes fragt.
Oft geschieht das aus Angst vor dem Kampf, der sicher kommt,
wenn man sich der Meinung der Masse widersetzt.
Vers 7. Das Volk Gottes ging seine eigenen Wege! Sie bestimm-
ten selbst, wie sie ihr Leben einrichten sollten und fragten nicht
nach Gottes Willen. Es gab keine Führer, keine Menschen, die das
Volk Gottes mit dem Willen Gottes bekannt machten. Mangel an
105 Richter 5,5-8

Kenntnis des Wortes Gottes, die Haltung, Gott nicht zu fragen, wie
er über die Dinge denkt, führt unvermeidbar zum Untergang des
Volkes Gottes (siehe Hosea 4,1.6). Dann steht Debora auf. Debora
ist nicht hochmütig, als sie sich selbst »eine Mutter in Israel« nennt.
Im weiteren Verlauf kommt noch eine Mutter zu Wort, die Mutter
Siseras, doch sie ist anders als Debora.
Dass Debora sich »eine Mutter« nennt und nicht »eine Führe-
rin«, sagt etwas über die Art und Weise aus, wie geführt werden
muss. Eine Mutter ist eine Frau, die sich mit Liebe und Fürsorge
ihren Kindern widmet. Sie setzt alles daran, ihren Kindern zu ge-
ben, was sie für ihr Wachstum und ihre Selbstständigkeit benöti-
gen. An solchen Führern besteht in der Gemeinde Gottes großer
Bedarf. Paulus war ein Führer, der sich in der Gemeinde in Thes-
salonich, einer sehr jungen Gemeinde, wie eine Mutter verhielt
(1. Thessalonicher 2,7). Der echte Führer ist nicht jemand, dem
gedient wird, sondern der selbst dient. Das beste Vorbild davon ist
der Herr Jesus (Lukas 22,24-27).
Vers 8. Das Wort »Götter« wird im Alten Testament mehrere
Male als Bezeichnung für Richter oder Leiter gebraucht, für Men-
schen, die das Volk führten (siehe 2. Mose 22,28 und Psalm 82).
Das Tor war in Israel oftmals der Ort der praktizierten Führung
(siehe Ruth 4,1-11).
Wir können uns beim ersten Teil dieses Verses einen Wahlkampf
vorstellen. Das Ergebnis einer solchen Wahl war wiederum Kampf,
und zwar nicht gegen einen Feind von außen, sondern gegeneinan-
der. Das geschah, weil nicht nach dem Willen Gottes gefragt wur-
de. Die neuen Führer waren nicht besser als die vorherigen. Sie
waren auf ihren eigenen Profit aus. Von Ruhe und Frieden konnte
keine Rede sein. Ist es heute in der Welt anders? Und was sehen
wir unter dem Volk Gottes? Viele Führer denken nur an ihre eige-
ne Stellung, ihre eigene Ehre und ihr eigenes Einkommen und tra-
gen keine wirkliche Sorge um die Herde Gottes. Dadurch werden
keine Waffen beim Volk gefunden, mit denen sie sich gegen den
Feind verteidigen können (Schild) oder ihn verjagen können (Lan-
ze). Das ähnelt der Zeit Sauls, als es keinen Schmied in Israel gab
und somit keine Schwerter angefertigt werden konnten (1. Samuel
13,19-21).
Die Waffen, die wir als Gläubige der Gemeinde gebrauchen, sind
Abschnitt 2b · Debora mit Barak 106

nicht die fleischlichen Waffen, sondern geistliche. Es ist eine trau-


rige Tatsache, dass Streit unter den Führern des Volkes Gottes das
ganze Volk kraftlos macht. Die Verantwortlichen, die eigentlich für
Ausrüstung des Volkes Gottes zuständig sind, versäumen ihre
Pflicht, den anderen die notwendigen Handreichungen für ein Über-
winderleben zu geben. Auf das Wort Gottes, das ein Schild und
eine Lanze ist, wird nicht mehr verwiesen, oder es wird ihm eine
eigene, zeitgenössische und inhaltslose Auslegung gegeben. In der
Christenheit werden »Schild und Lanze« kaum mehr gefunden.
Wissen wir, wie wir Gottes Wort auf die richtige Weise anwenden
müssen? Ich hoffe, dass wir uns dazu vom Geist Gottes unterwei-
sen lassen.

c. Vers 9-11 ruft dazu auf, vom Sieg des Herrn zu zeugen
Vers 9. Dieser Vers setzt das ermutigende Thema von Vers 2 fort.
Drangsal und Kampf sind dem Sieg gewichen. Debora macht sich
mit den Menschen eins, die sich dafür zur Verfügung gestellt ha-
ben, das Volk Gottes wieder zu befreien. Ihr Herz gehört ihnen.
Schließen wir uns auch den Gläubigen an, die ein Leben der Hin-
gabe an den Herrn führen? Fühlen wir uns mit ihnen verbunden,
freuen wir uns mit solchen Gläubigen? Debora preist den Herrn
aufs Neue dafür, denn er hat es bewirkt. Lasst uns damit fortfah-
ren, ihn großzumachen für alles, worin wir seine Taten sehen.
Vers 10-11. Reisende können sich wieder ohne Gefahr auf den
Weg machen. Die täglichen Beschäftigungen können aufgenom-
men werden. Das sind die schönen Ergebnisse der Befreiung aus
der Macht des Feindes. Doch Debora lädt nicht allein diejenigen
ein, die gekämpft haben. Nein, alle dürfen die Früchte des Kamp-
fes pflücken. Jeder darf von dem zeugen, was Gott zum Wohl sei-
nes Volkes getan hat und darüber nachdenken. Sie ruft dazu auf,
die gerechten Taten aus Kapitel 4 untereinander mitzuteilen. Sie
nennt diese Taten »die Heilstaten des HERRN, die Heilstaten an sei-
nen Landbewohnern in Israel«. Sehr schön wird hier das Handeln
des Herrn durch das Handeln der Führer hindurch gesehen; sie
werden seine Führer genannt. Mit solchen Menschen will er sich
gern einsmachen. Ihre Taten sind seine Taten.
Diese Heiltaten sind ein Gesprächsthema bei den Tränkrinnen.
107 Richter 5,8-12

Dorthin kommen die Frauen, um Wasser zu schöpfen und so für


alle Durstigen etwas zu trinken zu haben. Wasser ist hier wiederum
ein schönes Bild des Wortes Gottes (Epheser 5,26). Tränkrinnen
stellen Gelegenheiten vor, bei denen man zusammenkommt, um
aus dem Wort Gottes zu schöpfen. Das sind keine Orte, an denen
gekämpft wird, sondern Orte, wo jeder seinen geistlichen Durst lö-
schen kann. Diese Gelegenheiten können wir oftmals selbst schaf-
fen. Ein Kaffeebesuch oder ein Geburtstag kann manchmal zu ei-
ner solchen Gelegenheit werden. Es geht nicht um tief gehende
Diskussionen, sondern darum, unter den Eindruck der Heilstaten
zu kommen, die der Herr entweder selbst oder durch seine Knech-
te getan hat. Es erfreut und ermutigt, wenn wir gemeinsam an dem
teilhaben können, was der Herr getan hat (vergleiche Apostelge-
schichte 15,3-4.12).
Die Folge ist, dass das Volk zu den Toren gehen kann, weil dort
wieder auf eine gute Weise Recht gesprochen wird (im Gegensatz
zu dem, was in Vers 4 erwähnt ist). Das gemeinsame Gespräch über
das Wort Gottes ist eine der wichtigsten Bedingungen für eine gute
Führung (das Tor) in der örtlichen Gemeinde.
Es heißt, dass »das Volk des HERRN hinab zu den Toren« zog.
Das scheint darauf hinzuweisen, dass die Beziehung zwischen dem
Herrn und seinem Volk wiederhergestellt war. Sie waren zwar stets
sein Volk gewesen, doch sie hatten sich nicht dementsprechend
verhalten. Nun waren sie dieses Namens wieder würdig. Das Volk
war bereit, auf die Menschen zu hören, die der Herr »in den To-
ren« gegeben hatte, seinen Willen bekannt zu geben. Dadurch konn-
te das Volk nun erkennen, dass es wieder mit dem Herrn verbun-
den war. Eine echte Beziehung zum Herrn zeigt sich in unserer
Liebe zu ihm und diese Liebe kommt immer in dem Wunsch zum
Ausdruck, sein Wort heranzuziehen und das zu tun, was er darin
sagt.

d. Vers 12-18 gibt die Rolle der einzelnen Stämme wieder


Vers 12. Es ist möglich, dass es im Leben Deboras auch eine Peri-
ode der Lauheit gegeben hat. Damals hatte der Zustand, in dem
sich das Volk Gottes befand, sie nicht so tief berührt. Sie kommt
zum Bewusstsein, dass es in ihrem Leben anders laufen muss. Sie
Abschnitt 2b · Debora mit Barak 108

ruft sich selbst dazu auf, ein Lied zu singen. Es kann sein, dass hier
ein Kriegslied gemeint ist, um anzudeuten, dass sie wieder kampf-
fähig ist. Erst nachdem sie zu sich selbst gesprochen und erkannt
hat, dass sie zuerst wieder selber wach werden musste, wendet sie
sich an Barak. Manchmal müssen wir uns selbst wachrütteln und
uns einmal richtig anpacken, um uns dessen bewusst zu werden,
dass unser Verhalten nicht gut ist. Es ist möglich, dass wir durch die
angenehmen Dinge des Lebens eingenickt sind. Wir haben dann
keine geistliche Aktivität mehr, wir sind mit unseren gesellschaftli-
chen und materiellen Interessen beschäftigt. Wir sitzen zwar in den
Zusammenkünften, doch wir sind eigentlich nicht davon betroffen.
Wir lesen zwar in der Bibel, doch sie berührt uns nicht wirklich.
Dann dürfen wir nicht weiterschlummern, sondern es wird Zeit,
dass wir wach werden und unsere Augen für die Dinge öffnen, die
wirklich wichtig sind.
Wenn wir uns in einer solchen Phase befinden, sollten wir uns
besinnen und anfangen, es anders zu machen, motiviert von Gottes
Liebe zu uns und zu seinem Volk. Dann können wir anfangen, mit
unserer Kampfbereitschaft andere dazu zu erwecken, aktiv zu wer-
den und den Kampf aufzunehmen, so wie Debora bei Barak. Sie
spornt ihn an, aufzustehen und seine Kriegsgefangenen wegzufüh-
ren. Was hier Barak zugesungen wird, steht auch in Psalm 68,18 in
Bezug auf Gott und in Epheser 4,8 in Bezug auf Christus. Barak ist
hier also ein Bild für Christus.
Vers 13. »Da zog, was entronnen war«. Dieser Ausdruck zeigt an,
dass die Zeit der Unterdrückung ihren Tribut gefordert hatte. Vie-
le waren im Kampf gefallen; es war kein zahlreiches Volk, das übrig
geblieben war. Aber der Herr hatte für sie eine besondere Beloh-
nung: Sie durften über ihre Feinde herrschen. »Was entronnen war«
bildet zugleich »das Volk des HERRN«. Das ganze Volk des Herrn
besteht also aus Menschen, die dem Feind entronnen sind. Das gan-
ze verbliebene Volk, ein Überrest, ist in seiner Existenz ein Zeug-
nis der Gnade Gottes. Hatten nicht alle gesündigt und waren vom
Herrn abgewichen? Dass überhaupt noch Menschen übrig geblie-
ben sind, ist allein seiner Gnade zu verdanken.
So wird es in der Zukunft auch Israel ergehen. Um ihrer Sünden
willen werden sie in eine große Drangsal kommen. Der Herr Jesus
sagt darüber: »Und wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde
109 Richter 5,12-16

kein Fleisch gerettet werden« (Matthäus 24,22). Aber auch dann wird
ein Rest, ein Überrest, errettet werden und dieser wird dann »ganz
Israel« sein, das »errettet werden« wird (Römer 11,26).
Vers 14. Ephraim und Benjamin, die beiden Stämme, die im Sü-
den wohnen, werden zuerst genannt. Machir wird in Josua 13,30-31
erwähnt und bildet einen Teil des halben Stammes Manasse, der
im Land wohnt. Sebulon wird auch noch in Vers 18 erwähnt und
für seinen Mut gepriesen. Zusammen mit Naftali hatte Sebulon
auf den Aufruf Baraks in Kapitel 4,10 reagiert, vielleicht wegen
seiner Verbindung mit Debora.
Der Stamm Ephraim gibt das richtige Vorbild. Sie wohnten in-
mitten der Amalekiter, die ein Bild des Fleisches sind. In Ephraim
sehen wir Menschen, die den Lüsten des Fleisches nicht nachge-
ben, sondern sich für die Belange Gottes und seines Volkes einset-
zen wollen. Das gute Vorbild wirkt sich auf andere aus: Benjamin
geht hinter Ephraim her, um mit ihm zu kämpfen. Aus Manasse
schlossen sich die Führer den Kämpfern an. Sie fühlten ihre Ver-
antwortung. Von Sebulon werden diejenigen besonders erwähnt,
»die den Führerstab halten«. Das sind die Offiziere, die die Namen
der Freiwilligen notierten. Sie waren Werber. Diese Menschen tun
ihr Bestes, um andere in den Kampf mit einzubeziehen. Sie denken
nicht, dass sie es allein fertig brächten. Wir können hieraus lernen,
dass wir einander im Kampf brauchen.
Vers 15a. Issaschar war auch ein Stamm, der sich voller Hingabe
in den Kampf stürzte. Sowohl der Name Deboras als auch der von
Barak werden in diesem Vers an diesen Stamm gekoppelt. Die Fürs-
ten von Issaschar teilten die Überzeugung Deboras. Sie »waren mit
Debora«. Von diesem Stamm ging eine stimulierende Wirkung auf
Barak aus: »und wie Issaschar so Barak«. Wir dürfen hinter Men-
schen stehen, die einen guten Blick auf das haben, was Gottes Wort
sagt, und werden selbst auch wieder andere anreizen.
Vers 15b-16. Nach dem Preisen einiger Stämme, die sich für die
Belange des Volkes Gottes einsetzten, kommt Debora auf andere
Stämme zu sprechen, die abwichen. Was sie darüber sagt, ist sehr
lehrreich für uns. Ruben hatte wohl darüber nachgedacht, seine
Zeit und seine Kräfte dem Kampf zu widmen. Was war das Hin-
dernis? Ruben hatte viel Vieh. Die Herden Rubens hatten ihn be-
reits daran gehindert, seinen Anteil des Landes in Besitz zu neh-
Abschnitt 2b · Debora mit Barak 110

men (4. Mose 32,1). Dieser Stamm hatte sich mit dem begnügt,
was jenseits des Jordan war. Nun forderte man ihn dazu auf, sich
seinen Brüdern anzuschließen und mit ihnen den Feind zu bekämp-
fen. Er denkt und überlegt (das wird zweimal von ihm gesagt!) und
er tut es nicht. Seine eigenen Dinge sind wichtiger als die Interes-
sen Gottes.
Wir machen uns auch so viele Gedanken, ob wir am Kampf für
Gottes Volk teilnehmen sollen. Immer wieder aufs Neue ergeben
sich Gelegenheiten zum Zeugnis. Wir werden gefragt, ob wir beim
Traktateverteilen oder bei einer Straßenevangelisation oder ande-
ren geistlichen Aktivitäten mitwirken wollen. Das kostet Zeit und
Anstrengung. Jedes Mal, wenn so etwas auf uns zu kommt, ist das
ein entscheidender Moment, durch den sich zeigen wird, wie wir
unsere Prioritäten verteilen. Suchen wir das Unsere oder das, was
Jesu Christi ist (Philipper 2,21)? Es gibt Christen, die wirklich wol-
len; sie sind voller guter Vorsätze und haben sogar manchmal gute
Ideen. Doch im entscheidenden Augenblick springen sie ab. Die
Dinge des Lebens, die eigenen Interessen, sind für sie ausschlagge-
bend. Das ist Ruben.
Vers 17. Gilead liebte seine Ruhe. Stellen wir uns vor, dass wir
müde werden! Angenehm im bequemen Sessel liegend, ein Lieb-
lingsprogramm vor der Nase, das wir für keinen geretteten Sünder
oder wiederhergestellten Heiligen missen wollen.
Der Stamm Dan war zu sehr mit Geschäften beschäftigt. Sie hat-
ten einen großen Betrieb mit internationalen Kontakten. Die Ge-
schäfte und der Profit waren wichtiger als der Kampf für die Brü-
der und das Erbteil des Herrn.
Asser tat überhaupt nichts. Er pflegte den Müßiggang und küm-
merte sich um nichts. Er saß hinter einem Getränk auf der Terrasse
und vergnügte sich, indem er sich die Menschen anschaute, die vor-
beiliefen.
Vers 18. Welch einen Gegensatz stellen dann Sebulon und Nafta-
li zu den eben erwähnten Stämmen dar. Sie sind wahre Überwin-
der, die ihr Leben aufs Spiel setzen (vergleiche Offenbarung 12,11
und Lukas 12,26). Sie lieben Gott mehr als sich selbst. Auch wir
können das, wenn wir sehen, wie Gott uns geliebt hat. Diese Liebe
ist deutlich in dem zu sehen, was der Herr Jesus am Kreuz tat. Schau-
en wir uns einmal 1. Johannes 3,16 an. Dort sehen wir, was von uns
111 Richter 5,16-19

erwartet wird: »Hieran haben wir die Liebe erkannt, dass er für uns
sein Leben hingegeben hat; auch wir sind schuldig, für die Brüder das
Leben hinzugeben.« Paulus war so jemand, der die Liebe Gottes
mit seinem eigenen Leben erwiderte, in dem er sich selbst außer
Acht ließ, um anderen zu dienen. In Apostelgeschichte 20,24 sagt
er: »Aber ich achte mein Leben nicht der Rede wert. Damit ich mei-
nen Lauf vollende und den Dienst, den ich vom Herrn Jesus empfan-
gen habe: das Evangelium der Gnade Gottes zu bezeugen.« In Philip-
per 2,30 sagt Paulus über einen anderen Knecht, dass dieser »um
des Werkes Christi willen … dem Tod sehr nahe gekommen« sei. Wo
sind heute solche Männer und Frauen zu finden? Wollen wir sol-
che sein?

e. Vers 19-23 beschreibt den Kampf


Vers 19. In diesem lebendigen Bericht sehen wir, wie die Könige
Kanaans in großer Selbstsicherheit hinaufzogen, um mit dem auf-
rührerischen Völkchen Israel abzurechnen. Sie hatten gedacht, ei-
nen großen Sieg und viel Beute davonzutragen. Doch mit Ironie in
ihrer Stimme sagt Debora, dass sie »Beute an Silber« nicht holten.
Der Kampf spielte sich bei Tasnach ab, an den Wassern Megiddos,
das heißt in den Grenzgebieten Issaschars und Manasses. Viele Aus-
leger weisen auf den Zusammenhang zwischen Megiddo im Alten
Testament und Harmagedon in Offenbarung 16,16. Harmagedon
bedeutet vermutlich »Gebirge oder Berg von Megiddo«.
Doch die Verwandtschaft zwischen den Namen ist nicht das Ein-
zige, das auffällt. Von noch größerer Bedeutung ist die Ähnlichkeit
zwischen den Geschehnissen aus Richter 4 und dem im Buch der
Offenbarung beschriebenen. Bei Megiddo werden die feindlichen
Heerlager geschlagen und das Volk des Herrn wird befreit. Bei Har-
magedon wird etwas Ähnliches stattfinden. Wir lesen das in Offen-
barung 19,11-21. Das abfällige Israel wird sich dort im Kampf ge-
gen den König des Nordens befinden. Dann werden ihm die Heer-
lager des wiederhergestellten Römischen Reiches, das heißt des
vereinigten Westeuropas, zu Hilfe kommen. Schließlich werden
diese Heerlager durch das Kommen Christi vertilgt werden. Der
gottesfürchtige Teil Israels ist dann errettet und wird »ganz Israel«
genannt (Römer 11,26).
Abschnitt 2b · Debora mit Barak 112

Vers 20-22. Man hat vermutet, dass hier auf einen Wolkenbruch
angespielt wird, wodurch sich das Schlachtfeld in einen Schlamm-
tümpel verwandelte und die festgefahrenen Streitwagen nichts mehr
ausrichten konnten. Dadurch konnten die Israeliten den Sieg er-
ringen. Das würde erklären, warum Sisera nicht mit seinem Wagen
flüchtete, sondern zu Fuß (siehe Kapitel 4,15). Die Reifen blieben
im Matsch stecken und die Pferde sackten darin weg. Das erklärt
auch, dass der Bach Kischon sich in eine wild strömende Wasser-
masse verwandeln konnte. Es ist zugleich möglich, dass Gott etwas
tat, was er früher bei den Plagen über Ägypten getan hatte. Bei der
siebenten Plage heißt es in 2. Mose 9,23-24: »Und der HERR sandte
Donner und Hagel; und Feuer fuhr zur Erde nieder … Und mit dem
Hagel kam Feuer, das mitten im Hagel hin und her zuckte …« Man
kann sich vorstellen, dass es angesichts solcher Naturgewalt so schei-
nen kann, als ob die Sterne vom Himmel fielen und der Hagel den
Boden morastig und den Bach wild machte.
Dieses Schauspiel ist für jeden am Kampf Beteiligten eine Er-
mutigung. Sie sagen zu sich selbst: »Tritt auf, meine Seele, mit Kraft.«
Wenn man sieht, dass Gott sich in den Kampf einmischt, dann ver-
leiht das zusätzlich Kraft und Mut. Der Ausdruck »tritt auf« wird in
5. Mose 33,29 übersetzt mit »einherschreiten über ihre Höhen«, als
Beweis der Unterwerfung des Feindes. In Richter 20,43 ist er mit
»holten es … ein« übersetzt. Das »tritt auf« bezieht sich also auf das
Zerbrechen der feindlichen Macht und das Einholen des Sieges.
Diese Sprache ist auch kennzeichnend für jemanden, der Siege
Christi erringt. Eine solche Person ist nicht mit halbem Ergebnis
zufrieden, sondern macht weiter, bis der volle Sieg errungen ist,
und zwar in der Sicherheit, diesen auch wirklich zu erringen. Wie
die Pferdehufe der feindlichen Heere den Boden auch donnern
lassen, der Feind wird in der Verfolgung von den tapferen Kämp-
fern des Volkes Gottes geschlagen werden.
Vers 23. Es ist nicht bekannt, wo Meros lag. Aller Wahrschein-
lichkeit nach war es eine Stadt, die mitten in dem Gebiet lag, in
dem die Schlacht sich abspielte. Das ist aus der schweren Verflu-
chung abzuleiten, die über Meros ausgesprochen wird. Andere
Stämme haben ebenfalls Vorwürfe zu hören bekommen, weil sie
nicht am Kampf teilgenommen haben, doch diese waren nicht so
ernst. Es kann sein, dass dieser Unterschied aus der Lage der Ge-
113 Richter 5,20-25

biete hervorgeht. Wer sich näher an einem Kampfgebiet befindet


und mit eigenen Augen sieht, was dort geschieht, hat eine größere
Verantwortung als jemand, der weiter entfernt steht und weniger
direkt vom Geschehen betroffen ist.
Eine mögliche Bedeutung des Namens Meros ist »gebaut aus
Zedern«. Das ist wohl ein Hinweis darauf, wofür sie lebten. Sie
wohnten in Zedernpalästen und lebten in aller Ruhe, ohne sich
über den Zustand ihrer Brüder Sorgen zu machen. Sie liebten sich
selbst und nicht den Herrn. Paulus sagt in 1. Korinther 16,22: »Wenn
jemand den Herrn nicht lieb hat, der sei verflucht.« Was Debora über
Meros sagt, erinnert auch an Haggai 1,2-4.9. Durch den Mund
Haggais tadelt der Herr das Volk, dass sie alle mit ihrem eigenen
Haus beschäftigt seien, während sie sich nichts aus dem Haus Got-
tes machten. Sie lebten völlig für ihr Hier und Jetzt. Debora ist der
Mund des Engels des Herrn, als sie den Fluch über Meros aus-
spricht. Diese Gleichgültigkeit hinsichtlich ihrer Brüder wird so
gesehen, als ob sie dem Herrn bei seinem Kampf gegen den Feind
ihre Hilfe versagten. Wir sehen hier, wie der Herr sich mit seinem
leidenden Volk identifiziert.

f. Vers 24-27 rühmt Jael für ihre Tat


Vers 24. Was Jael getan hat, stellt einen großen Gegensatz zur Hal-
tung Meros’ im vorausgegangenen Vers dar. Da die Haltungen ein-
ander gegenübergestellt werden, treten die Taten jedes Betroffe-
nen umso deutlicher hervor. Wir haben in Kapitel 4,17-22 bereits
gesehen, welchen Anteil Jael am Kampf hatte. Hier wird sie für
ihre Tat gepriesen. Sie ragt unter allen Frauen Israels hervor. Ihre
Verbindung mit Heber machte sie nicht neutral und hielt sie nicht
davon zurück, ihre Glaubenstat zu vollbringen. Sie war eine einfa-
che Hausfrau, wie so viele andere, doch durch ihren Mut, den sie
bewiesen hat, hat sie sich von allen anderen unterschieden. Noch
einmal: Das ist eine große Ermutigung für alle Hausfrauen. Sie
können auf ihrem eigenen Gebiet große und entscheidende Siege
für den Herrn erringen!
Vers 25. Debora beschreibt, wie Jael gehandelt hat. Sie ging sehr
aufmerksam zu Werke und gebrauchte die Mittel, die ihr zur Ver-
fügung standen. Sie machte es dem Feind bequem. Obwohl Sisera
Abschnitt 2b · Debora mit Barak 114

erschöpft bei ihr ankam, war das nicht der richtige Moment, um
ihn zu töten. Sie sah das ein. Es ist sehr wichtig, den richtigen Mo-
ment dafür abzuwarten, dem Feind die Niederlage beizubringen.
Wenn sie zu früh gehandelt hätte, wäre viel mehr Energie nötig
gewesen. Dabei können wir uns fragen, ob das bezweckte Ergeb-
nis in der Tat erreicht worden wäre. Diese Übung ist für uns alle
notwendig. Jael gerät nicht in Panik, als der mächtige Feind in ihr
Zelt kommt. Sie kommt seiner Bitte entgegen und gibt sogar mehr,
als er erbeten hat. Sie passt sogar das Trinkgefäß ihrem vorneh-
men Gast an und gibt ihm aus einer »kostbaren Schale« zu trinken.
Das ganze Verhalten Jaels muss Sisera das Gefühl vermittelt ha-
ben, dass er sich auf sicherem Boden befand. Erschöpft versinkt er
in Schlaf. Dann nutzt Jael ihre Chance. Das ist der Moment, auf
den sie gewartet hat, und ohne zu zögern rechnet sie mit diesem
Feind ab.
Vers 26-27. Auf eine wunderschöne Weise besingt Debora die
Handlungen, die Jael verrichtet, um den gefürchteten Feind umzu-
bringen. Man sieht es gleichsam vor sich. Auf die Bedeutung der
Mittel, die sie gebraucht, sind wir bereits im vorigen Kapitel einge-
gangen. An dieser Stelle werden einige Einzelheiten hinzugefügt.
Sie sind wichtig genug, um die Aufmerksamkeit darauf zu richten.
Hier steht, dass sie »ihre Rechte« gebrauchte und dass es der »Ar-
beitshammer« war. Die rechte Hand spricht von Kraft. Der Ham-
mer ist das Wort Gottes, aber die Hinzufügung »Arbeitshammer«
lässt erkennen, dass das Wort praktiziert werden muss. Zugleich
lernen wir an Jael, dass man einfältig sein kann, um die Werkzeuge
einzusetzen, und dass man nicht zu den »Hochgebildeten« zu ge-
hören braucht.
Was Jael mit dem Hammer tut, wird hier mit unterschiedlichen
Worten besungen: Sie schlägt mit dem Hammer, durchnagelt, zer-
schmettert und durchbohrt. Verschiedene Worte für dieselbe Hand-
lung. Das weist auf die mächtige Wirkung des Wortes hin. Das Er-
gebnis wird uns genauso anschaulich vorgestellt. Die Macht dieses
Feindes ist völlig zerbrochen und er ist endgültig ausgeschaltet. Er
krümmte sich, fiel, lag da, vernichtet, zu Füßen einer Frau. Von sei-
ner früheren Größe und Macht bleibt nichts übrig. Es ist ein Bild
dessen, was letztlich mit allen Widersachern Gottes geschehen wird.
Wir können uns am Glauben Jaels ein Beispiel nehmen.
115 Richter 5,25-30

g. Vers 28-30 berichtet, wie die Mutter Siseras vergeblich


wartete
Vers 28. Von Jaels einfachem Zelt wird unser Blick nun auf das lu-
xuriöse Haus Siseras gelenkt. Dort wohnt auch eine Frau, jedoch
ein ganz anderer Typ als Jael und Debora. Ihre Verzweiflung kommt
auf treffende Weise zum Ausdruck: Ihr Sohn kam nicht nach Hau-
se zurück. Das war sie nicht gewöhnt. Meistens kam er von einem
Gefecht sehr bald zurück und brachte dann die Beweise seines Sie-
ges mit. Dass er so lange wegblieb, konnte bedeuten, dass er ge-
schlagen war.
Die Mutter Siseras schien frei und ungebunden zu sein, aber sie
war es nicht. Sie saß hinter »geistlichen« Gitterstäben. Sie kannte
keine echte Freiheit. So ist das mit jedem Feind Gottes. Sie mei-
nen, mit niemand etwas zu tun zu haben, während sie sich nach
allen Seiten hin mit Schutzmechanismen umgeben. Die Gitterstä-
be, die als Schutz dienen sollen, sind gerade der Beweis ihrer Ge-
fangenschaft. Sie wagt ihrem Sohn auch nicht entgegenzugehen.
Sie bleibt in ihrer Festung, denn eine solche ist es, so luxuriös sie
auch eingerichtet sein mag. Wo man auf Menschen oder auf Dinge
anstatt auf Gott vertraut, herrscht die Angst.
Vers 29-30. Die Fragen der Mutter Siseras werden von klugen
Damen beantwortet. Deren Antworten schließen sich ihren eige-
nen Auffassungen an. Es sind Antworten, die das Gewissen beruhi-
gen sollen: »Du brauchst keine Angst zu haben, es wird alles wie-
der gut. Es liegt an der großen Beute, die sie mitführen. Die ver-
spätet den Rückzug.«
Es war üblich, dass die Soldaten hübsche Mädchen als Trophäen
mit nach Hause nahmen. Das Wort für »Mädchen« bedeutet ei-
gentlich »Schoß« oder »Gebärmutter«, was darauf hinweist, dass
diese Mädchen zur Befriedigung der Lüste der Soldaten dienen
mussten. Zur Kriegsbeute gehörte auch schöne und teure Kleidung.
Die gefärbten Gewänder waren für Sisera, die bunte Stickerei für
seine Mutter und die Edelfrauen. Außer zur Lustbefriedigung diente
diese Kleidung dazu, jedem zu zeigen, wie groß ihr Sieg war. Sie
schmeichelte dem Hochmut, das Ansehen wuchs. Sie entspricht den
Wesensmerkmalen des Feindes: Er ist egozentrisch und sucht sei-
ne eigene Ehre.
Abschnitt 2b · Debora mit Barak 116

Wir sollten darauf achten, dass das, was der Feind hier vorbil-
det, auch in unserem bösen Herzen vorhanden ist. Wir müssen ver-
hindern, dass diese Wesensmerkmale Eingang bei uns finden. Und
wie? Indem wir auf das blicken, was am Kreuz auf Golgatha damit
geschah und auf das, was bei der Wiederkunft des Herrn Jesus da-
mit geschehen wird. Am Kreuz ist der Feind geschlagen worden.
Doch er will sich noch gern Geltung verschaffen und erhält die Ge-
legenheit dazu, wenn wir uns nicht der Sünde für tot halten und das
Fleisch doch wirken lassen. Beim Kommen des Herrn Jesus für die
Gemeinde werden wir alles zurücklassen, was wir durch Sünde und
Fleisch erworben haben. Nichts davon nehmen wir mit in den Him-
mel. Sind wir nicht dumm und töricht, wenn wir doch den Lüsten
des Fleisches folgen wollen? Wollen wir nun auf das hören, was
Debora am Ende ihres Liedes sagt.

h. Vers 31 bildet den Schluss


Vers 31. In diesem Vers stellt Debora die Feinde und die Getreuen
nebeneinander. Achten wir auf das Ende jeder Gruppe. Die Fein-
de kommen um, wie Sisera und sein Heerlager. Ihre Herrschaft ist
zerbrochen und endgültig vorbei; sie sind erniedrigt und zunichte
gemacht. Und die Getreuen? Debora nennt sie »die, die ihn lie-
ben«. Es geht um die Getreuen aus den Versen 13, 14, 15 und 18
dieses Kapitels. Ihre Liebe zu Gott ist in der Liebe zum Ausdruck
gekommen, die sie für die Sache seines Volkes zeigten. Es ist sehr
leicht mit Worten zu sagen, dass wir Gott lieben. Doch wir dürfen
es nur sagen, wenn es unser aufrichtiger Wunsch ist, dies in unse-
ren Taten und unserem Verhalten erkennen zu lassen. Das haben
die verschiedenen Stämme in diesem Kapitel also deutlich gezeigt.
Wer ihn so liebt, wird mit der Sonne verglichen, »die aufgeht in
ihrer Kraft«. Die Sonne lässt ihr Licht scheinen und bewirkt, dass es
Tag wird. Das ist ein wunderbarer Hinweis auf den Herrn Jesus. Er
wird in Maleachi 4,2 »die Sonne der Gerechtigkeit« genannt. Mit
seinem Licht vertreibt er die Finsternis aus unserem Leben, aus all
den Gebieten, in denen Unsicherheit oder Sünde unser Leben ver-
dunkeln. Die Zeit, auf die Maleachi verweist, ist die Zeit, wo der
Herr Jesus als der Sohn des Menschen über die gesamte Erde re-
gieren wird. Tausend Jahre lang wird er dafür sorgen, dass die Sün-
117 Richter 5,30-31

de auf der Erde keine Chance erhält, das Elend zu verursachen,


das jetzt noch gegenwärtig ist. Doch im Leben derer, die ihn lie-
ben, will er das schon jetzt tun. Sie dürfen sein wie die Sonne. Sie
dürfen ihm immer ähnlicher werden und darin zunehmen, so wie
auch die Sonne an Kraft zunimmt. Davon wird Segen ausgehen,
genauso wie es für jeden Segen geben wird, wenn der Herr Jesus
über die Erde regiert. Zwar gibt es jetzt noch Widerstand und Feind-
schaft. Diese wird es nicht mehr geben, wenn der Herr Jesus re-
giert.
Ein Thema zum Selbststudium: Der Ausdruck »die ihn (Gott bzw.
mich) lieben« kommt noch einige Male vor. Immer wird etwas an-
deres damit verbunden, wie zum Beispiel hier die aufgehende Son-
ne. Ich nenne lediglich die Textstellen; wir dürfen für uns selbst
über diesen besonderen Ausdruck nachdenken: Psalm 145,20; Sprü-
che 8,17; Römer 8,28; 1. Korinther 2,9; Jakobus 1,12; 2,5.
118
119

2c) Kapitel 6 – 9
Gideon, dann Abimelech und Jotam

Kapitel 6

Einleitung
Gideon ist kein Richter, dem – wie Schamgar – nur ein Vers gewid-
met wird. Er ist auch kein Richter, der – wie Barak – von einer Frau
überschattet wird. In Gideon wird uns ein Richter vorgestellt, der
von Gott selbst erweckt und ausgebildet wird. Anders als bei den
zuvor erwähnten Richtern, werden wir bei Gideon in die Lage ver-
setzt, seine persönlichen Übungen zu sehen und wie er dazu ge-
bracht wird, mit Gottes Gedanken eins zu werden. Gott geht mit
Gideon an die Arbeit. Mit Weisheit und Geduld macht Gott aus
Gideon ein Werkzeug, das er zum Segen seines Volkes gebrauchen
kann. Gottes Handlungsweise mit ihm ist ein Vorbild davon, wie
Gott jeden auf den Dienst vorbereitet, der ihn kennt, liebt und da-
nach verlangt, ihm zu dienen. Der Dienst besteht dann nicht aus
einer einmaligen Handlung, sondern aus einem ganzen Leben der
Dienstbarkeit.

In der Hand der Midianiter — Vers 1


Nach vierzig Jahren Ruhe ist es wieder soweit. Eine neue Genera-
tion in Israel ist aufgestanden. Für sie sind Gottes vergangene Be-
mühungen mit seinem Volk nur Tradition. Dieses neue Geschlecht
ist nicht besser als das ihrer Väter. Auch sie tun, was böse ist in den
Augen des Herrn. Wiederum muss Gott seine Zucht über das Volk
kommen lassen. Er liebt sie zu sehr, als dass er sie auf dem verkehr-
ten Weg weitergehen ließe.
Gott will Gemeinschaft mit seinem Volk. Er will ihnen gerne mit-
teilen, was er in seinem Herzen für sie trägt. Er möchte auch gern,
dass sie ihm mitteilen, was sie in ihrem Herzen für ihn haben. Wie
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 120

traurig muss es Gott stimmen, wenn er sehen muss, wie sein Volk
auf alle seine Liebe so reagiert. Er will sein Volk durch die Ge-
meinschaft mit ihm lehren und unterweisen, doch wenn es das nicht
will, muss er es durch die Hand eines Feindes belehren und unter-
weisen.
Diesmal gebraucht Gott Midian. Midian ist ein mit Israel ver-
wandtes Volk. Sie sind über Abraham miteinander verbunden. Mi-
dian ist ein Sohn Abrahams und seiner Frau Ketura (1. Mose 25,1-2).
Sieben Jahre, das spricht von einem vollkommenen Zeitabschnitt,
seufzen die Israeliten unter dieser Fremdherrschaft. Der Name
Midian bedeutet »Zank«. Ist dieser Feind nicht im Leben vieler
abgewichener Christen wiederzuerkennen? Ist er nicht auch in Glau-
bensgemeinschaften gegenwärtig, wo man sich miteinander über-
worfen hat? In den folgenden Versen werden wir die Auswirkung
davon sehen.

In den Höhlen und Bergfesten — Vers 2


Noch nie waren die Israeliten so tief gesunken. Sie waren gezwun-
gen, in ihrem eigenen Land Vagabunden und Flüchtlinge zu sein,
und sie verloren ihre Freiheit. Das ist das Ergebnis, wenn Gottes
Volk die Dinge Gottes nicht mehr schätzt. Das Volk wird zerstreut,
jeder gräbt seinen eigenen Unterschlupf, es gibt keine Einheit mehr.
In einer Gemeinschaft von Christen, in der man sich nicht mehr
gemeinsam mit den Segnungen beschäftigen kann, die Gott gege-
ben hat, wo man nicht mehr gemeinsam auf die Bibel hört, gewin-
nen Zwist und Streit leicht die Überhand. Anstatt gemeinsam auf
den Herrn Jesus zu blicken, blickt man aufeinander, wobei man
dann nicht versucht, etwas vom Herrn Jesus aneinander zu entde-
cken, sondern aneinander Anstoß nimmt. Die Verhältnisse können
dann so getrübt werden, dass man einander nicht mehr vertraut.
Anstatt Freundschaft, Offenheit, Vertrauen und Freiheit zu pfle-
gen, hält man seinen Mund und weicht einander aus. Hinter der
Hand kommen Argwohn und Geflüster auf. Man hat sich in seine
eigenen Stellungen vergraben, die Höhlen und Bergfesten. Es wird
ein Grabenkrieg. Das Ende vom Lied ist, dass man einander beißt
und frisst (siehe Galater 5,15). So wird das Schöne der christlichen
Gemeinschaft verdorben und werden langwierige Freundschaften
121 Richter 6,1-5

zerbrochen. Manches Leben wird bitter und Glaubensgemeinschaf-


ten brechen auseinander.

Als Israel gesät hat — Vers 3


Der Feind weiß genau, wann er kommen muss: in dem Augenblick,
als gesät worden ist. Er wird alles tun, um zu verhindern, dass die
Saat aufwächst, so dass es keine Nahrung für das Volk gibt und es
kraftlos wird. Um den Gläubigen zu schwächen, tut Satan sein Äu-
ßerstes, damit er ihm seine Nahrung wegnehmen kann. Durch al-
lerlei Mittel hält er ihn davon ab, die Bibel zu lesen oder die Zu-
sammenkünfte zur Auferbauung zu besuchen. Er weiß dabei sehr
gut, welches Mittel er bei uns gebrauchen kann; er kann aus einem
gewaltigen Arsenal schöpfen.
Die Midianiter kommen nicht allein. Amalek ist auch dabei. Ama-
lek ist ein Bild des Fleisches. Diese beiden Feinde gehen immer Hand
in Hand. In Galater 5,20 wird als eines der Werke des Fleisches
»Zank« genannt. Ihm folgen eine Menge Erscheinungsformen des
Bösen, die wir in den »Söhnen des Ostens« vorgestellt sehen. Satan
mobilisiert all seine Kräfte, um zu verhindern, dass ein Gläubiger
auch nur etwas von den Früchten des Landes einsammelt.

Keine Lebensmittel, weder Schafe noch Rinder,


noch Esel — Vers 4-5
Gaza ist eine Stadt der Philister. Die Philister machen sich hier,
ebenso wie anderswo, mit den Feinden Israels eins. Gaza ist ein
großer Umschlagplatz für gestohlene Güter, die von den Midiani-
tern dorthin gebracht wurden. Der Ertrag des Landes gelangt also
schließlich in die Hände der Philister.
Ich habe schon früher darauf hingewiesen, dass die Philister Na-
menschristen vorstellen, Menschen, die behaupten, zum Volk Got-
tes zu gehören, die in Wirklichkeit jedoch außerhalb stehen, weil
sie kein Leben aus Gott haben. Sie beanspruchen die Frucht des
Landes, den geistlichen Segen, für sich selbst, während sie ihn de-
nen rauben, die wirklich das Volk Gottes bilden. Das kann allein
durch die Untreue des Volkes Gottes, der Gemeinde, geschehen,
weil es nicht in dem lebt, was Gott geschenkt hat. Die vereinten
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 122

Feinde sorgen dafür, dass keine Nahrung für Gottes Volk übrig
bleibt. Die Folge ist völlige Kraftlosigkeit.
Was ist von der Gemeinde übrig geblieben, wenn es um ihr Zeug-
nis in der Welt geht? Schauen wir nur einmal in der Apostelge-
schichte nach, wie kräftig ihr Zeugnis am Anfang war. Diese Kraft
ist verschwunden. Eine der Ursachen davon ist, dass in der Chris-
tenheit nicht mehr die Bibel als die wahre Nahrung geboten wird.
Menschen, die den Geist nicht besitzen, haben die Bibel »erobert«
und legen sie nach ihren eigenen Einsichten aus. Eine andere Ur-
sache besteht darin, dass Christen selber nicht für das reine Wort
Gottes offen sind. In 2. Timotheus 4,3 warnt Paulus davor, dass
eine Zeit kommen werde, »da sie die gesunde Lehre nicht ertragen,
sondern nach ihren eigenen Lüsten sich selbst Lehrer anhäufen wer-
den, weil es ihnen in den Ohren kitzelt«.
So bleiben »keine Lebensmittel in Israel übrig«, zudem »weder
Schafe noch Rinder, noch Esel«. Wenn Christen sich nicht mehr aus
der Bibel ernähren können, ist es auch um die Opfer (von denen
Schaf und Rind sprechen) und den Dienst für den Herrn (von dem
der Esel spricht) geschehen.

Sehr verarmt — Vers 6


Das Land, von dem Gott gesagt hatte, »in dem du nicht in Armut
dein Brot essen wirst« (5. Mose 8,9), war in große Armut gekom-
men. Wenn die Bibel im Haus ist, haben wir damit alle Schätze des
Himmels in greifbarer Nähe. Doch wenn wir nicht dazu kommen,
die Bibel zu öffnen und sie betend zu lesen, haben wir nichts da-
von. Wir können wissen, dass wir im Land wohnen, mit anderen
Worten, dass wir »gesegnet sind mit jeder geistlichen Segnung in der
Himmelswelt in Christus« (Epheser 1,3), aber was haben wir davon,
wenn unser Leben von Bitterkeit und Zank beherrscht wird? Wir
sind trotz unseres Reichtums Habenichtse. Es wird Zeit, zu Gott zu
schreien, so wie es die Israeliten taten, damit er Befreiung schenkt.

Ein Prophet und seine Botschaft — Vers 7-10


Das Geschrei der Israeliten wird von Gott beantwortet, allerdings
nicht mit einer direkten Befreiung. Die Antwort Gottes ist nicht
123 Richter 6,5-10

das, was sie erwartet hatten. Bevor Gott sein Volk befreit, muss
erst etwas anderes geschehen. Um das zu bewirken, bedient Gott
sich zum ersten Mal in diesem Buch eines Propheten. Gott will
nämlich, dass sein Volk die Sünde im Gewissen spürt. Ihr Geschrei
war offenkundig nur die Folge ihres Elends und war nicht durch
die tiefere Ursache dieses Elends veranlasst. Als Antwort auf ihr
Geschrei offenbart Gottes heilige Weisheit durch den Propheten
die Ursache ihres Elends, damit das Volk zu einer gründlichen Ver-
urteilung dieser Ursache kommt. Allein dann kann von einer dau-
erhaften Wiederherstellung die Rede sein.
Der Prophet spricht durch den Geist Gottes, der das Gewissen
des Volkes wachrüttelt und aufzeigt, wo es abgewichen ist. Das ist
keine Aufgabe, die dankbar angenommen wird. Jeremia hat am
eigenen Leib erfahren, wie man ihm wegen der Botschaft, die er im
Namen Gottes sprach, nach dem Leben trachtete. Ja, solange Pro-
pheten etwas sagen, das gerne gehört wird, brauchen sie nichts Bö-
ses zu befürchten (siehe Jesaja 30,10). Solche Propheten haben oft
großen Erfolg, aber das Resultat wird nicht von großer Dauer sein.
Wenn Gott einen Propheten sendet, der das Volk auf sein Versa-
gen hinweist, geschieht das, damit das Verkehrte eingesehen und
bekannt wird, sodass für Gott der Weg wieder frei ist, sie zu seg-
nen. Gottes Endziel ist immer Segen. Darum kann ein Bekenntnis
keine flüchtige, oberflächliche Sache sein. Ein solches Bekenntnis
bewirkt keine echte Bekehrung. Wenn im Leben eines Gläubigen
etwas schief gegangen ist, ist es notwendig, dass nicht allein der
Fehler bekannt, sondern auch seine Ursache eingesehen wird. Je-
mand wird erst wiederhergestellt, wenn er zu der aufrichtigen Er-
kenntnis gelangt ist, dass seine Sünde aus seiner sündigen Natur
hervorging. Eine Sünde ist kein Schönheitsfehler, sondern sie ist
eine Äußerung des sündigen Fleisches, das nicht an dem Ort ge-
halten wurde, wo es hingehört, nämlich im Tod. Wer dies aufrichtig
anerkennt, sucht keine Entschuldigungen für seine Handlungswei-
se mehr, er sucht auch nicht nach mildernden Umständen. Ehrli-
ches Selbstgericht, ohne andere für schuldig oder mitschuldig zu
erklären, ist der beste Beweis für die Wahrhaftigkeit des Bekennt-
nisses eines Menschen.
Der Name des Propheten wird nicht genannt, er tut nichts zur
Sache. Bei einem Propheten geht es um seine Botschaft. Er zeugt
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 124

von Gottes früheren Taten zum Wohl seines Volkes. Auf Seiten Got-
tes gibt es kein Versagen. Der Prophet stellt die Treue Gottes dem
Ungehorsam des Volkes gegenüber. Das Gute, das Gott für sie ge-
tan hatte, wäre Anlass genug gewesen, ihm treu zu bleiben. Außer-
dem hatte er sie gewarnt, keine anderen Götter zu verehren. Lei-
der muss das Schlusswort, die Schlussfolgerung des Propheten so
lauten: »Aber ihr habt meiner Stimme nicht gehorcht.« Diese Aussa-
ge muss tief ins Gewissen des Volkes dringen und dort ihr heilsa-
mes Werk tun. Inzwischen wird das Werkzeug für seine Aufgabe
zubereitet. Dieses Werkzeug, Gideon, hat Gott dazu auserwählt,
sein Volk zu erlösen.

Gideon — Vers 11
Der Engel des Herrn (das ist, wie wir früher gesehen haben, der
Herr Jesus) besucht Gideon. Dieser ist schwer mit dem Ertrag des
Landes beschäftigt; den will er nicht in die Hände der Midianiter
fallen lassen, sondern ihn selbst genießen. Die Bedeutung der Na-
men in diesem Vers vermittelt uns einen Eindruck von der Geistes-
haltung Gideons. Ofra bedeutet »Staub«. Wer sich der Schande
eines der Welt unterworfenen Volkes Gottes wirklich bewusst ist,
wird sich im Staub befinden. Dort gibt es kein Rühmen über eine
bestimmte Position, sondern tiefe Demut. Joasch heißt »der Herr
ist Unterstützung«. Wer die Schwachheit und Hoffnungslosigkeit
der Lage kennt, in der sich Gottes Volk befindet, wird seine Stütze
im Herrn suchen und finden. Beim Namen Abieser, »mein Vater
ist Hilfe«, können wir an dasselbe denken, wobei hier der Gedanke
an eine Beziehung hinzugefügt wird. Wir dürfen Gott als Vater ken-
nen. Gideon bedeutet »Niederhauer«. Alles, was sich selbst erhöht,
muss niedergehauen werden. Bald wird er diesem Namen öffent-
lich alle Ehre machen, jetzt macht er diesem Namen Ehre, indem
er sich selber in den Staub (Ofra) niederwirft. Bei Ofra steht eine
Terebinthe oder Eiche. Das Wort Terebinthe bedeutet buchstäb-
lich: ein starker Baum. Wenn wir nun diese beiden, Terebinthe und
Ofra, zusammenfügen, erkennen wir also eine Kombination von
Kraft und Schwachheit. Wir werden in der Geschichte Gideons se-
hen, wie die Kraft Gottes in der Schwachheit Gideons wirksam ist.
Gideon ist damit beschäftigt, Weizen in der Kelter, einem unge-
125 Richter 6,10-12

wöhnlichen Ort, auszuschlagen. Die Kelter war leer, das heißt, dass
es keine Freude gab. Wein ist ein Bild der Freude (siehe Kapitel
9,13). Die Kelter steht auch für Gericht (Jesaja 63,2-3). In Zeiten
von Zank und Streit (wenn Midian die Oberhand hat) können wir
nur bei der Kelter Nahrung bekommen, das heißt in der Anerken-
nung des Gerichtes, das Gott über uns bringen musste. Wer sich
wirklich unter dieses Gericht beugt, darf auf das Kreuz blicken.
Das ist schließlich der Ort, wo das Gericht Gottes über unsere
Untreue am Herrn Jesus vollzogen wurde. Für den Glauben gibt es
dort allezeit Nahrung und dort allein sind wir vor »Midian«, dem
Geist des Streits, sicher, denn der kann beim Kreuz nicht bestehen.
Gideon stellt einen Grundsatz dar: einen Geist bzw. eine Gesin-
nung, die das Volk vom Streit befreien kann. Er war unbewusst damit
beschäftigt, sich dafür vorzubereiten, der Befreier des Volkes zu
werden. Wer sich mit dem Herrn Jesus und mit seinem Werk am
Kreuz beschäftigt, wie es im Wort Gottes beschrieben wird, kann in
einem bestimmten Augenblick von Gott dazu gebraucht werden,
ein Führer, Hirte, Ältester oder Befreier zu sein.

Der Herr ist mit dir — Vers 12


Gideon wird erschrocken aufgeblickt haben, als er plötzlich eine
Stimme hörte, die zu ihm sagte: »Der HERR ist mit dir.« Dennoch
wird er nicht ängstlich, das wird er erst in Vers 22, als er erfährt,
wer ihn da gerade besucht. Und was sollen wir von dem Ausdruck
»du tapferer Held« denken? Von Tapferkeit ist bei diesem Mann,
der sich vor dem Feind versteckt, auf den ersten Blick nichts zu se-
hen. Aber für Gott zählt, dass Gideon fest entschlossen ist, sich selbst
mit Nahrung zu versorgen. Trotz der Übermacht des Feindes, trotz
der Angst bei den Israeliten, ist hier ein Mann, der sich mit der
Frucht des Landes beschäftigt. In einer Zeit, in der sich jeder zu-
rückzieht, steht die persönliche Treue im Vordergrund. Das nennt
Gott Tapferkeit. Dann sind wir in seinen Augen auch Helden.
Wenn wir uns persönlich damit beschäftigen, Nahrung aus Got-
tes Wort aufzunehmen und uns nicht am »Zank« unserer Umge-
bung beteiligen und nicht damit abfinden, werden wir die besonde-
re Nähe des Herrn erfahren und hören, dass der Herr mit uns ist.
Diese Zusage gilt für jeden Moment, in dem wir uns so mit der
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 126

Bibel beschäftigen, dass wir deutlich die Stimme Gottes hören kön-
nen. Diese Zusage gilt auch für alle Aufträge, die wir von ihm er-
teilt bekommen. So beginnt Gott sein Gespräch mit Gideon. Ist
das nicht ein ermutigender Beginn?

Wo sind alle Wunder Gottes? — Vers 13


Es entsteht ein Gespräch zwischen Gideon und dem Herrn. Es ist
wunderschön zu sehen, wie er Gideon allen Raum gibt und ihn aus-
reden lässt, wie er die Umstände erlebt. Er geht jedes Mal auf die
Fragen Gideons ein und beantwortet sie auf eine Weise, wie allein
er das kann. Die Antworten sind voller Ermutigung für jeden, der
vom Herrn einen bestimmten Auftrag erhält. Wir werden sehen,
dass hier viel über die Ausbildung des Knechtes gelernt werden
kann, der ein Werk für den Herrn tun darf. Ähnliche Gespräche
kommen in der Bibel häufiger vor, wie zum Beispiel zwischen Mose
und Gott in 2. Mose 3 und 4 und zwischen Hananias und dem Herrn
Jesus in Apostelgeschichte 9. Wenn wir wissen, dass Gott uns dazu
beruft, etwas für ihn zu tun, dann dürfen wir darüber mit ihm spre-
chen. Wir dürfen mögliche Einwände vorbringen. Gott hört uns zu
und nimmt unsere Einwände ernst; er antwortet. Es gibt aber eine
Bedingung: Gott bleibt mit uns im Gespräch, solange er bei uns die
Bereitschaft sieht, das zu tun, worum er uns bittet. Beruhen unsere
Einwände jedoch auf Unglauben oder Eigenwillen, macht Gott nicht
mit uns weiter.
An Gideon ist noch ein wunderbarer Charakterzug zu sehen.
Gott hat gesagt: »Der HERR ist mit dir, du tapferer Held.« Was sagt
Gideon? »Wenn der HERR mit uns ist.« Er macht sich selbst mit
dem ganzen Volk eins. Auch wenn er persönlich treu ist, beansprucht
er Gott nicht für sich allein. Gott ist der Gott des ganzen Volkes.
Das Wohl des ganzen Volkes geht ihm zu Herzen und nicht allein
sein eigenes Wohl. Dann kommen die Fragen. Gideon hatte von
allem gehört, was der Herr zugunsten seines Volkes getan hatte,
als er sie aus Ägypten führte. Er zweifelte nicht an der Geschichte
des Volkes und an dem, was Gott mit ihnen und für sie getan hatte.
Aber wo blieb Gott jetzt? War er nicht mehr derselbe? Ja, er wohl,
aber das Volk nicht. Der Herr hatte sie verstoßen, wenigstens er-
fährt Gideon es so. In Römer 11,1 wird diese Frage auch gestellt:
127 Richter 6,12-14

»Hat Gott etwa sein Volk verstoßen?« In Vers 2 kommt die Antwort:
»Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er vorher erkannt hat.« Gott
hat sie wegen ihrer Untreue eine Zeit lang ihren Feinden preisge-
ben müssen, aber mit dem Ziel, sie wieder zu sich zurückzubrin-
gen. So wird Gott sich auch in Zukunft durch den großen Befreier,
den Messias des Volkes, den Herrn Jesus Christus, über sein Volk
erbarmen. Auch hier bei Midian lässt Gott erkennen, dass er sein
Volk nicht verstoßen hat. Er bereitet einen Befreier für seine Auf-
gabe zu: Gideon. Wenn wir Gideon in diesem Vers sprechen hören,
dann sehen wir zwei Dinge, die bei jemandem, der von Gott zu
einer Aufgabe an seinem Volk berufen wird, immer zusammenge-
hen: Er identifiziert sich mit dem Volk Gottes und er glaubt dem
Wort Gottes, wie es ihm von den Vätern überliefert wurde.

Der Auftrag — Vers 14


Gideon hat Gott sein Herz über die hoffnungslose Lage ausgeschüt-
tet. Nun bekommt er den Auftrag, sie zu verändern. Oft sind es
gerade die Dinge, die wir als eine Not zu Gott bringen, bei denen
er uns dann beauftragt, etwas daran zu ändern. Dann sind wir für
Gott die am besten geeigneten Werkzeuge. Wenn wir sehen, dass
ein Bedarf an Kinderarbeit besteht, fangen wir an dafür zu beten,
ohne daran zu denken, dass es etwas für uns wäre. Dennoch deutet
unser Empfinden für die Not bereits darauf hin, dass wir in dieses
Werk für den Herrn einbezogen sein könnten. Das können wir auf
eine ganze Anzahl anderer Dinge beziehen. Es gilt übrigens aus-
schließlich für Menschen, die, genau wie Gideon, in Gemeinschaft
mit Gott leben; es geht nämlich um Menschen, die in ihrem Leben
dem Herrn allen Raum geben. Im Leben solcher Menschen neh-
men Bibellese und Gebet den zentralen Platz ein. Darum dreht
sich ihr Leben, daraus schöpfen sie ihre Kraft.
Gott gibt Gideon für seinen Auftrag keine neue Kraft, sondern
sagt: »Geh hin in dieser deiner Kraft.« Welche Kraft ist das? Das ist
die Kraft, mit der er sein Essen vor der Hand der Feinde bewahrt
hat, um es selbst zu genießen. Dadurch hat er auch genügend Kraft,
um Israel zu befreien.
Was der Herr weiter zu ihm sagt, muss allen Zweifel über seinen
Auftrag aufheben. Gideon darf im Namen seines Auftraggebers ge-
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 128

hen. Er hört ihn sagen: »Habe ich dich nicht gesandt?« Das ist alles,
was nötig ist, um ein Werk des Dienstes zu tun, aber es ist auch
wirklich notwendig. Ohne dass Gott uns auf diese Weise beauftragt,
können wir nicht gehen, dann richten wir nur Unheil an. Eine wich-
tige Lektion in Hinsicht auf die Berufung zu einem Werk des Diens-
tes ist, dass Gott jemanden ruft, der beschäftigt ist. Gideon war bei
der Arbeit, als er berufen wurde. Dasselbe sehen wir bei der Beru-
fung der Jünger in Matthäus 4,18-22. Gott sucht keine Menschen,
die nichts zu tun haben, sondern Menschen, die fleißig mit der Er-
ledigung »gewöhnlicher« Dinge beschäftigt sind.

Ein neuer Einwand — Vers 15


Gideon führt nun ein Argument an, wodurch er meint, dass er Got-
tes Auftrag nicht genügen könne: Er selbst fühlt sich dazu nicht in
der Lage. Nun ist es immer gut, niedrig von sich selbst zu denken.
Dazu wird jeder von uns in Römer 12,3 ermahnt, wo Paulus sagt,
dass jeder »nicht höher von sich« denken soll, »als zu denken sich
gebührt«. Doch dies darf niemals eine Entschuldigung dafür sein,
sich dem zu entziehen, was Gott verlangt. Gideon verweist auf sei-
ne geringe Herkunft und auf den Platz, den er in seiner Familie
einnimmt. Manasse ist der Stamm, der als Einziger geteilt ist. Die
eine Hälfte wohnt im Land und die andere außerhalb. Er wusste,
was es bedeutete, sich in einer Situation der Uneinigkeit zu befin-
den. Oft hat man dann schon seitens der Familie so viel Streit oder
Widerstand, dass man keine Lust mehr hat, weitere Kämpfe zu be-
streiten.
Seine Stellung in der Familie – er war der Jüngste – scheint da-
rauf hinzuweisen, dass er nie wirklich in das Familiengeschehen ein-
bezogen wurde. Das ist auch David in 1. Samuel 16 so ergangen.
Als Samuel die ganze Familie zusammenrufen ließ, wurde er ein-
fach vergessen. Das kann dem Betroffenen ein Gefühl der Wert-
und Nutzlosigkeit vermitteln. Auch Gideon kann sich so gefühlt
haben. Vielleicht fühlen wir uns auch so. Doch wir dürfen sicher
sein, dass Gott gerade dann etwas mit uns anfangen kann. Unsere
Schwachheit und der Umstand, dass wir von anderen nicht beson-
ders geschätzt werden, macht uns als Werkzeuge für Gott geeignet.
Was Gott durch uns tun will, muss allein ihm zugeschrieben wer-
129 Richter 6,14-16

den und nicht uns. Ist es nicht großartig, dass Gott uns in unserer
Unscheinbarkeit und Schwachheit gebrauchen will? Hören wir auf
das, was Paulus in 2. Korinther 12,9-10 sagt. Nachdem er um Be-
freiung von etwas gebeten hatte, das ihn schwach und verächtlich
machte, sagt der Herr zu ihm: »Meine Gnade genügt dir, denn meine
Kraft kommt in Schwachheit zur Vollendung.« Und Paulus antwor-
tet: »Sehr gerne will ich mich nun vielmehr meiner Schwachheiten
rühmen, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Deshalb habe ich
Wohlgefallen an Schwachheiten … um Christi willen; denn wenn ich
schwach bin, dann bin ich stark.« Das ist der Punkt, an den wir kom-
men müssen. Wir sollen erkennen, dass es nicht um unser eigenes
Können geht, sondern Gott führt sein Werk nur in Schwachen aus.
Doch das kleine »Ich« ist ein genauso großes Hindernis dafür, von
Gott gebraucht zu werden, wie das große »Ich«. Wenn wir das er-
kennen, dürfen wir nachsprechen, was Paulus in Philipper 4,13 sagt:
»Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt.«

Ich werde mit dir sein — Vers 16


Die Weise, wie der Herr auf das letzte Argument Gideons eingeht,
ist sehr ermutigend. In Vers 14 wurde er in seinem Auftrag von
dem Bewusstsein gestützt, dass es der Herr war, der ihn sandte.
Das verlieh der Aufgabe, die er ausführen sollte, den Wert. In die-
sem Vers geht es noch einen Schritt weiter. Der Herr sagt, dass er
selbst mitgeht. Diese Verheißung des Herrn gilt auch heute! Nach
seiner Auferstehung gibt er seinen Jüngern den Auftrag: »Geht nun
hin und macht alle Nationen zu Jüngern, indem ihr diese tauft auf den
Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und sie
lehrt alles zu bewahren, was ich euch geboten habe« (Matthäus 28,19).
Dann fügt er die Verheißung hinzu und schließt damit das Evange-
lium nach Matthäus ab: »Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur
Vollendung des Zeitalters« (Vers 20). In den vergangenen Jahrhun-
derten sind zahllose Gläubige durch diese Worte ermutigt worden
und haben die Aufgabe ausgeführt, die ihnen aufgetragen worden
war. So wollen auch wir uns ruhig zu den uns aufgetragenen Aufga-
ben ermutigen lassen. Wenn wir zwar ein Heer von Helfern, aber
den Herrn nicht haben, werden wir doch verlieren. Auch wenn wir
ganz allein sind, doch den Herrn an unserer Seite haben, dann kön-
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 130

nen wir die größte feindliche Heeresmacht schlagen, als wäre es


ein einzelner Mann. Die weitere Geschichte Gideons wird uns leh-
ren, dass das wirklich die »Logik« des Glaubens ist.

Die Bitte um ein Zeichen — Vers 17


Gideon ist nun von seinem Auftrag überzeugt und fasst durch die
Zusagen des Herrn Mut. Er hat noch eine Bitte. Er will absolute
Sicherheit, dass er es mit dem Herrn selbst zu tun hat. Diese Si-
cherheit ist für ihn von großer Bedeutung bei der Erfüllung seines
Auftrags. Darum bittet er um ein Zeichen. In der Art und Weise,
wie Gideon seine Frage stellt, sehen wir ein schönes Vorbild, das
der Nachahmung wert ist. Er fragt nicht mit einer Haltung, als stünde
ihm das Recht zu, ein Zeichen einzufordern, sondern seine Hal-
tung zeigt, dass er keinen Anspruch darauf erheben kann: »Wenn
ich denn Gunst gefunden habe in deinen Augen«.
Für einen Christen ist die Bitte um ein Zeichen eigentlich nicht
angebracht. Er benötigt kein Zeichen, weil er das ganze Wort Got-
tes und auch den Heiligen Geist hat, der in ihm wohnt. Wer Sicher-
heit über eine bestimmte Sache haben will, kann das Wort Gottes
lesen und im Gebet Gott bitten, durch sein Wort und seinen Geist
die Dinge deutlich zu machen. Gott kann dafür auch andere Mittel
gebrauchen: Zusammenkünfte, in denen das Wort Gottes verkün-
digt wird, oder persönliche Gespräche mit Gläubigen, die mit dem
Herrn leben.
Gideon besaß nicht die volle Offenbarung Gottes und der Heili-
ge Geist wohnte nicht in ihm. Ich will noch anmerken, dass auch im
Alten Testament Gott am meisten durch bedingungslosen Glauben
geehrt wurde. Auch damals war es nicht notwendig, ein Zeichen zu
erbitten, um Gottes Willen kennen zu lernen. Einen deutlichen Be-
weis dafür finden wir in Hebräer 11. Von den Gläubigen, die dort
aufgezählt werden, wird immer wieder gesagt, dass sie »durch Glau-
ben« etwas getan haben, ohne dass sie dafür bestimmte sichtbare
Zeichen empfangen hätten.
Ein Vers, der durch alle Jahrhunderte hindurch von großer Be-
deutung bei der Suche nach dem Willen Gottes war, ist Psalm 32,8:
»Ich will dich unterweisen und dich lehren den Weg, den du wandeln
sollst; mein Auge auf dich richtend, will ich dir raten« (UElb). Bei der
131 Richter 6,16-21

Betrachtung der Verse 36-40 werde ich noch etwas mehr über die
Bitte um ein Zeichen zum Kennenlernen des Willens Gottes sagen.

Ich will bleiben — Vers 18


Es ist sehr treffend: Gott kommt der Bitte Gideons nach. Sie er-
scheint beinahe wie ein Befehl für ihn, doch er geht darauf ein. Wie
gnädig ist er in seinem Handeln mit Gideon und mit uns, wenn er
das aufrichtige Verlangen sieht, ihn zu ehren! Dann sieht er über
viel Unwissenheit hinweg. Gideon will dem Herrn etwas anbieten.
Durch das Gespräch mit ihm ist bei Gideon ein Verlangen entstan-
den, ein Opfer zu bringen. Das ist es, was Gott im Herzen Gideons
sieht und darauf will er gerne warten. Wenn wir mit dem Herrn
Jesus gesprochen haben, bekommen wir dann auch ein Verlangen,
ihm ein Opfer zu bringen? Ein solches Opfer können wir in Form
von Danksagung und Aussprechen unserer Bewunderung für ihn
und für das, was er getan hat, bringen.

Das Opfer — Vers 19-21


Während Gideon sein Opfer zubereitet, wartet der Herr geduldig.
Das Opfer, das er bringt, ist nicht gering, wenn wir bedenken, dass
es eine Zeit großer Knappheit war (siehe Vers 4). Das Ziegenböck-
chen, das Gideon als Opfer zubereitet, wurde meistens für das Dar-
bringen eines Sündopfers gebraucht. Das steht im 3. Buch Mose,
beispielsweise in Kapitel 4,23 und 16,5. Durch dieses Opfer bringt
Gideon bildlich etwas zum Ausdruck, wovon wir viel lernen kön-
nen. Das Sündopfer ist ein Bild des Herrn Jesus am Kreuz, wo er
das Gericht über die Sünde erlitt. Ohne es zu begreifen, veranschau-
licht Gideon, dass es für die Sünde des Volkes und für ihn persön-
lich Rettung allein durch das gibt, was der Herr Jesus auf dem Kreuz
getan hat. Das andere Opfer, das er bringt, erinnert an das Speis-
opfer, das in 3. Mose 2 auf verschiedene Weisen beschrieben wird.
Dies ist ein unblutiges Opfer und spricht nicht so sehr vom Tod,
sondern vom Leben des Herrn Jesus.
Es ist für Gott eine Freude, wenn wir ihm sagen, wer der Herr
Jesus in seinem Leben auf der Erde und in seinem Werk am Kreuz
gewesen ist. So kommen wir mit geistlichen Opfern zu ihm. In Jo-
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 132

hannes 4,23 sagt der Herr Jesus darüber: »Es kommt aber die Stun-
de und ist jetzt, da die wahren Anbeter den Vater in Geist und Wahr-
heit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbe-
ter.« Wenn wir wirklich etwas von der Schönheit und Herrlichkeit
des Sohnes Gottes gesehen haben, dann wird Gott, der Vater, sich
darüber freuen, wenn wir ihm das sagen. Es steht jedoch noch et-
was dahinter: »Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen in Geist
und Wahrheit anbeten.« Gott überlässt es nicht unserem Belieben,
wie wir anbeten. Er wünscht, dass wir kommen, doch er gibt auch
an, wie wir kommen müssen. Es muss »in Geist« geschehen, das
heißt geleitet durch den Heiligen Geist und nicht nach menschli-
cher Weise. Und es muss »in Wahrheit« geschehen, also gemäß der
Offenbarung, die er von sich selbst in der Bibel gegeben hat, und
nicht so, wie wir meinen, über Gott denken zu können.
Auch bei Gideon war das so. In Vers 20 ordnet Gott an, was er
mit dem Opfer tun soll. Er muss es auf dem Felsen darbringen (auch
ein Bild Christi; siehe Matthäus 16,18 und 1. Korinther 10,4). Der
Vers schließt mit den Worten: »Und er machte es so.« Der Vers zeigt
die wunderbare Gesinnung Gideons. Es ist zu wünschen, dass auch
unsere Gesinnung dem entspricht.

Gott nimmt das Opfer an — Vers 21


Die Weise, wie der Herr das Opfer behandelt, ist beeindruckend.
Er berührt es mit dem Stab, den er in der Hand hält. Dieser Stab ist
ein Herrscherstab, ein Zepter. Solch ein Stab wird von vornehmen
Personen getragen, die Befehlsgewalt über andere haben. Er ist
ein Zeichen königlicher Würde. Aus Esther 4,11 und 5,2 können
wir die Bedeutung des Zepters entnehmen. In seiner Erhabenheit
und Majestät nimmt der Herr das Opfer an, das Gideon in seiner
Schwachheit bringt. Feuer, ein Bild der untersuchenden und prü-
fenden Heiligkeit Gottes, kommt aus dem Felsen hervor und ver-
zehrt das Opfer. Nachdem er so das Opfer Gideons angenommen
hat, verschwindet der Herr von der Bildfläche. Durch dieses Opfer
nimmt Gideon seinen wahren Platz vor Gott ein. Allein auf der
Grundlage des Opfers Christi ist jemand vor Gott angenehm und
kann von ihm akzeptiert werden. Damit ist die Basis für Gideons
weiteren Dienst gelegt.
133 Richter 6,21-22

Wehe mir — Vers 22


Und dann ertönt das »Wehe mir«! Gideon ist sich nämlich dessen
bewusst geworden, dass er dem Herrn Auge in Auge gegenüberge-
standen hat. Plötzlich wird er sich in vollem Maße bewusst, mit wem
er es zu tun hatte. Dieses Bewusstsein zerbricht ihn völlig. Jeder
Gedanke an sich selbst und an sein eigenes Können verschwindet.
Allein der Herr bleibt in seiner Größe und Herrlichkeit übrig und
das ist der richtige Ausgangspunkt für den kommenden Kampf. Das
macht klein und gibt Vertrauen.
Bei Jesaja sehen wir dieselbe Reaktion, als er von Gott berufen
wird. Er sieht den Herrn auf einem hohen und erhabenen Thron,
während er die Seraphim einander zurufen hört: »Heilig, heilig, hei-
lig ist der HERR der Heerscharen. Die ganze Erde ist erfüllt mit seiner
Herrlichkeit. Da erbebten die Türpfosten in den Schwellen von der Stim-
me des Rufenden und das Haus wurde mit Rauch erfüllt. Da sprach
ich: Wehe mir, denn ich bin verloren. Denn ein Mann mit unreinen
Lippen bin ich und mitten in einem Volk mit unreinen Lippen wohne
ich« (Jesaja 6,1-5).
Jesaja kommt zu diesem persönlichen Ausruf, nachdem er im
vorausgegangenen Kapitel bis zu sechsmal das »Wehe ihnen« über
verschiedene Gruppen von Menschen und ihre verschiedenen Sün-
den ausgesprochen hat. Bevor er zu ihnen gesandt werden kann,
muss er zuerst erkennen, dass er selbst nicht besser ist. Gott bringt
ihn dazu, indem er ihn Auge in Auge mit sich selbst gegenüber-
stellt. Das lässt ihn dann zum siebenten Mal ein »Wehe« ausrufen,
doch nun über sich selbst: »Wehe mir«. Dann gibt Gott Jesaja den
Beweis der Versöhnung und somit ist er bereit, dorthin zu gehen,
wohin Gott ihn senden wird und das zu tun, was er von ihm ver-
langt: »Hier bin ich, sende mich« (Vers 6-8).
Dies ist die beste und gründlichste Weise der Vorbereitung des
Dienstes auf seine Aufgabe. Sie deutet einerseits auf einen tiefen
Eindruck über das Wesen des Menschen hin und zeigt die eigene
Unwürdigkeit und Unfähigkeit. Andererseits wird dieser Eindruck
in der Gegenwart Gottes, des Allmächtigen, gewonnen und das ist
eine enorme Motivation, das zu tun, was er von uns verlangt. Er
sendet aus und ist mit jedem, der auf der Grundlage des Opfers
seines Sohnes steht (Richter 6,14.16.21).
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 134

Friede — Vers 23-24


Dann hört Gideon das »Friede sei mit dir« aus dem Mund des Herrn.
Obgleich er dem Herrn Auge in Auge gegenüber gestanden hat,
brauchte er sich nicht zu fürchten. Hatte Gott ihn nicht aufgrund
des Opfers angenommen? Er konnte jetzt in Frieden gehen. Viele
haben diesen Frieden ihres Gewissens bekommen, nachdem sie im
Glauben das Werk des Herrn Jesus angenommen hatten. In Rö-
mer 5,1 steht: »Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben,
so haben wir Frieden mit Gott.« Das ist der Frieden, über den der
Herr Jesus in Johannes 14,27a spricht, als er sagt: »Frieden lasse ich
euch«. Durch den Frieden mit Gott, der durch den Herrn Jesus am
Kreuz bewirkt worden ist, ist kein Platz mehr für Angst vor Gott.
Wenn man vor Gott Angst hat, wird man eigentlich dem Werk des
Herrn Jesus nicht gerecht. Gott hat das Werk seines Sohnes ange-
nommen und den Beweis dafür gegeben, indem er ihn aus den To-
ten auferweckte und ihm einen Platz an seiner Rechten im Himmel
gab.
Gideons Furcht ist genommen und er baut einen Altar mit dem
schönen Namen »der Herr ist Friede«. Das zeigt, dass Gideon kein
Problem mehr mit Angst hat. Er nimmt nicht länger seine Gefühle
zum Ausgangspunkt, sondern den Herrn selbst. Der Friede, den er
jetzt besitzt, ist nicht die Folge eines guten Gefühls, sondern er-
wächst aus der Erkenntnis der Person des Herrn. Er hat diesen Frie-
den gemacht. Das macht Gideon zu einem Anbeter, wovon der Altar
spricht, den er baut. Hier sehen wir die erste Auswirkung, die der
empfangene Friede hat: Gott wird dafür angebetet.
Dieser Friede wirkt sich im Leben Gideons auch praktisch aus;
das sollte auch in unserem Leben so sein. Den innerlichen Frieden,
den er jetzt besitzt, hat er in der Erfüllung der Aufgabe gezeigt, die
ihm aufgetragen worden war. In der Umgebung, wo Gideon wohn-
te, blieb dieser Friede ein Zeugnis. Es war kein vergänglicher Frie-
de. Er hat in diesem Frieden gelebt und so die Feinde bekämpft.
Das ist der Friede, über den der Herr Jesus in Johannes 14,27b
spricht, als er sagt: »Meinen Frieden gebe ich euch.« Dieser Frieden
ist sein eigener Frieden, den er auf seinem irdischen Weg besaß,
weil der Vater ihn beauftragt hatte, diesen Weg zu gehen. Dieser
Friede darf das Teil jedes Menschen sein, der im Auftrag Gottes
135 Richter 6,23-25

einen Dienst zu verrichten hat. Es ist dieser Friede, der am Anfang


vieler neutestamentlicher Briefe den Lesern gewünscht wird.

Der erste Auftrag: Umhauen — Vers 25


Gideon erhält seinen ersten Auftrag erst, nachdem er von Gott in
das richtige Verhältnis zu ihm gebracht wurde. Nun kann Gott ihn
gebrauchen. Doch bevor er Gideon in der Öffentlichkeit auftreten
lässt, muss er zuerst in seiner eigenen Familie anfangen. Er muss
daheim beginnen. Dasselbe machte der Herr Jesus seinen Jüngern
deutlich, als er ihnen auftrug, »anfangend in Jerusalem« von ihm zu
zeugen (Lukas 24,48), das heißt in ihrer direkten Umgebung, so
nahe wie möglich an der Heimat. Danach konnten sie weitergehen
nach »ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde« (Apos-
telgeschichte 1,8).
Der Auftrag, den Gideon erhält, ist deutlich. Er hatte gerade eben
einen Altar für den Herrn gebaut und zu Hause stand noch ein Al-
tar für Baal. Es kann keine zwei Altäre geben. Wer einen Altar für
den Herrn baut, wird dahin kommen müssen, jeden anderen Altar
abzubrechen. Erst dann kann ein Zeugnis im Kampf für den Herrn
gegeben werden. Zuerst muss Baal weggetan werden, anders würde
womöglich ihm der Sieg zugeschrieben. Auch das Holz der Asche-
ra, das dabeistand, musste den Kürzeren ziehen. Das Holz der Asche-
ra schien eine Art Schutz für den Altar darzustellen. Sowohl der
Altar als auch das Holz mussten umgehauen werden. Hier erhält
der Name Gideon (»Niederhauer«) seine praktische Bedeutung.
Im Altar Baals können wir die Ehrerbietung sehen, die Menschen
für allerlei Dinge in ihrem Leben haben können, ohne dass Gott
seinen Platz darin hätte. Sie wissen noch gut, dass Baal »Herr« be-
deutet. So kann es Dinge in unserem Leben geben, die Gewalt über
uns haben, von denen wir uns beherrschen lassen. Wir reden uns
mit äußerst einleuchtenden Gründen ein, dass diese Dinge einfach
zu unserem Leben dazugehören und wir Nutzen daraus ziehen.
Ein Beispiel. Ein bestimmter Sport kann in unserem Leben eine
solche Bedeutung einnehmen, dass wir alles dafür übrig haben. Wir
machen uns selbst weis, dass er für unseren Körper nützlich sei.
Um vom Herrn gebraucht werden zu können, werden wir sowohl
unsere Haltung zu diesem Sport als auch unsere pragmatischen Er-
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 136

wägungen verurteilen müssen. Hiermit will ich nicht sagen, es sei


verkehrt, Sport zu treiben. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass
der Sport ein »Altar« in unserem Leben sein kann, der umgehauen
werden muss, zusammen mit den falschen Vorstellungen, mit de-
nen wir diesen »Altar« beschützen.

Der zweite Auftrag: Bauen und Opfern — Vers 26


Das Niederhauen des Verkehrten ist nicht der einzige Auftrag, den
Gideon bekommt. Er muss auch einen neuen Altar bauen. Darauf
muss er den zweiten Stier seines Vaters mit dem Holz der Aschera
opfern. Was hat das alles zu bedeuten? Etwas Neues musste den
Platz des Alten einnehmen. Das Alte hatte mit Baal zu tun, das
Neue mit dem Herrn.
In Vers 24 baute Gideon spontan einen Altar, um der Anbetung
Ausdruck zu verleihen, die in seinem Herzen für den Herrn war.
Nun erhält er von Gott den Auftrag, einen neuen Altar zu bauen.
Man könnte ihn den Altar seines Zeugnisses für Gott nennen. Er
muss ihn auf einem Platz bauen, wo er für jeden sichtbar war. Hier-
mit bringt er öffentlich zum Ausdruck, dass er sich für Gott und
gegen Baal entscheidet.
Zusammen mit dem zweiten Jungstier muss das Holz der Asche-
ra geopfert werden. Das bedeutet, dass alle Argumentationen, die
wir bislang bereit hatten, um unseren Dienst für »Baal« zu rechtfer-
tigen, ihr Ende im Opfertod Christi finden. Wir erkennen, dass im
Tod Christi alle Gedanken gerichtet sind, die unserem Fleisch ent-
stammen. Der zweite Stier redet vom Herrn Jesus. Der zweite be-
kommt den Vorzug vor dem ersten. Dies erinnert an 1. Korinther
15,47, wo von einem ersten und einem zweiten Menschen die Rede
ist. Der erste Mensch, Adam, hat versagt; der zweite Mensch, das
ist Christus, hat in allem Gottes Wünschen entsprochen. Gideon
musste den zweiten Stier nehmen, weil dieser eine schöne Wider-
spiegelung des Herrn Jesus ist, der Gott allezeit in völliger Hingabe
gedient hat, im Gegensatz zu einem immer wieder versagenden Volk.

Er tat es bei Nacht — Vers 27


In Begleitung von zehn Knechten begibt er sich auf den Weg, um
137 Richter 6,25-32

seinen Auftrag auszuführen. In Ruth 4,2 finden wir ebenfalls 10


Männer. Sie symbolisieren ein hinreichendes Zeugnis entsprechend
dem Gesetz. Was Gideon tut, kann von diesen Männern bestätigt
werden, sie können bezeugen, was geschehen ist und wie es ge-
schehen ist. Wenn es auf das Handeln ankommt, ist Gideon kein
»Einzelgänger«, niemand, der alles allein tut. Er sorgt dafür, dass
er von Zeugen unterstützt wird. Dennoch fehlt im der Mut, sein
Zeugnis am hellichten Tag abzulegen. Er tut es bei Nacht.
Ich kann ihm das nicht verübeln. Ich weiß noch gut, wie ich zum
ersten Mal evangelistische Traktate in der Gegend verteilen ging,
wo ich damals wohnte. Das tat ich damals auch erst, nachdem es
dunkel geworden war.
Nikodemus war ebenfalls ein solcher Mensch. Auch er wagte es
zunächst nicht, öffentlich dazu zu stehen, dass er Interesse am Herrn
Jesus hatte (Johannes 3,2). Doch das änderte sich; in Johannes 7,50
ergreift er gegenüber seinen Mitpharisäern Partei für den Herrn
Jesus und in Johannes 19,32-42 zeigt sich seine Liebe zum Herrn
Jesus. Sowohl in Johannes 7 als auch in Johannes 19 wird daran
erinnert, dass er »zuerst bei Nacht zu Jesus gekommen war«. Wie
dem auch sei, Gideon handelt im Gehorsam und wo Gehorsam vor-
handen ist, können wir die Folgen Gott überlassen. Wenn wir tun,
was Gott von uns verlangt, tut Gott das für uns, was wir nicht kön-
nen. Gott ergreift für Gideon Partei gegen seine Feinde.

Heraufbeschworener Widerstand — Vers 28-32


Als die Einwohner der Stadt am folgenden Tag entdecken, was ge-
schehen ist, ist die Bestürzung groß. Die Nachforschungen erge-
ben, dass Gideon der Täter ist, und sein Leben wird gefordert.
Es gibt nichts, was so viel Feindschaft hervorruft, als wenn je-
mandes Religion verachtet wird. Man lädt sich die Wut der Fans
auf den Hals, wenn man etwas Negatives über ihren Verein zu sa-
gen wagt. Sport, in den Niederlanden vor allem Fußball, ist zur
Religion geworden. In der Zeit, in der ich schreibe (1995/96) wer-
den biblische Ausdrücke dazu gebraucht, Fußballstars zu verherrli-
chen. Sie werden »Göttersöhne« genannt. Und was sollen wir von
der Macht des Islam halten? Zeugnisse von bekehrten Moslems
berichten, dass sie mit dem Tod bedroht wurden, weil ihr Glaube
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 138

an den Herrn Jesus bedeutete, dass sie dem Islam abgeschworen


haben. Damit wurde vor Gott gezeigt, dass ihre frühere Religion
wertlos für sie war. Für einen bekehrten Juden gilt häufig dasselbe.
Wer sich in einer Umgebung, wo Menschen sich Götter nach ihrer
eigenen Einbildung gemacht haben, für den wahren Gott entschei-
det und öffentlich dafür eintritt, wird mit sehr heftigem Widerstand
rechnen müssen.
Dieses öffentliche Eintreten für Gott ist der Moment, in dem
Gott eine Wende in die Ereignisse bringt. Hinter den Kulissen er-
greift er für Gideon Partei. Dafür gebraucht er den Vater Gideons.
Die Freimütigkeit Gideons in der Nacht macht seinen Vater am
Tag freimütig. Gideons Vater nimmt mit einer einfachen Geschich-
te den Verstand der Einwohner der Stadt in Anspruch. Er behaup-
tet einfach: wenn Baal ein Gott ist, dann soll er sich für die ihm
erwiesene Respektlosigkeit ruhig rächen. Das erinnert an die Her-
ausforderung Elias, mit der er in 1. Könige 18 die Baalspriester
konfrontiert und sie fragt, wer wirklich Gott ist. Die Männer der
Stadt haben keine Widerworte. Sie geben ihm nur den Namen Je-
rub-Baal, womit sie zum Ausdruck bringen, dass sie von Baal er-
warten, dass er sich wohl an Gideon rächen werde. Dieser Name
scheint ein Ehrenname geworden zu sein, als sich zeigte, dass nichts
mit Gideon geschah.
Durch die Tat Gideons wird offenbar, was in den Herzen der
Menschen ist. Sie bekennen deutlich, dass sie Baal als ihren Gott
anerkennen. Ein öffentliches Eintreten für Gott und seine Wahr-
heit macht auch heute klar, was in den Herzen der Menschen re-
giert. Wenn wir uns in Wort und Tat dazu bekennen, dass wir uns
für den Herrn Jesus entschieden haben, werden wir auf Widerstand
stoßen. Der heftigste Widerstand kommt vielleicht von denen, die
uns am Nächsten stehen, aber kein Teil am Herrn Jesus haben,
während sie sich selbst für religiös halten. Wenn wir als Kinder
Gottes das Verkehrte in unserem eigenen Leben sehen und es aus
unserem Leben entfernen, ist es schmerzhaft, wenn es dann nicht
die Welt ist, die ihre Bemerkungen dazu macht, sondern dass es
gerade die Mitgläubigen sind, die negativ reagieren. Aber wenn
wir uns für Gott und gegen das Verkehrte entscheiden, dürfen wir
damit rechnen, dass Gott für uns eintritt. Er steht dann an unserer
Seite. Auf welche Weise er das bemerkbar macht, ist bei jedem wie-
139 Richter 6,32-35

der anders. Sicher ist jedenfalls, dass er von unerwarteter Seite aus
Rettung bringen wird, wenn wir nur treu und gehorsam tun, was er
von uns verlangt. So hat es Gideon schließlich auch erlebt.

Der Geist erfüllt Gideon — Vers 33-35


Der Feind wird immer dann aktiv, wenn im Volk Gottes Dinge ge-
schehen, die von einem erneuerten Bewusstsein der Gegenwart Got-
tes und seines alleinigen Anrechts auf sein Volk zeugen. Wir sahen
diese Aktivität der Feinde auch in Kapitel 4,12. Sie machen sich
bereit, um ihren Anspruch auf das Land zu bestätigen und zu ver-
stärken. Das ist der Augenblick, als der Geist des Herrn Gideon
erfüllt. Wörtlich steht dort, dass der Geist des Herrn sich mit Gide-
on bekleidet. Der Geist war natürlich schon länger in diesem Kapi-
tel wirksam, aber jetzt wird er in Gideon aktiv, um durch ihn zu
wirken und die Feinde zu verjagen. Es ist eine Sache, zu wissen,
dass der Geist in unserem Leben wirksam ist; es ist eine andere
Sache, uns tatsächlich vom Geist gebrauchen zu lassen, um in un-
serem Leben Siege zu erringen.
Was in den vorausgegangenen Versen über Gideon erwähnt wur-
de, war eine Vorbereitung, um ihn zu einem Gefäß zu machen, das
der Heilige Geist gebrauchen kann. Bei dieser Vorbereitung hat
Gideon seine Treue zum Herrn und seinen Gehorsam ihm gegen-
über gezeigt. Das ist der fruchtbare Boden, auf dem der Heilige
Geist weiter bauen kann. In Epheser 5,18 steht geschrieben: »Wer-
det voller Geist«. Der Auftrag (denn um einen solchen handelt es
sich!), mit dem Geist erfüllt zu werden, folgt auf eine Reihe von
Dingen, die in einem christlichen Lebenswandel vorhanden bzw.
nicht vorhanden sein sollen. Wer mit dem Heiligen Geist erfüllt ist,
kann sich im selben Moment nicht durch das Fleisch leiten lassen.
In Epheser 5 folgt dann: »… indem ihr zueinander in Psalmen und
Lobliedern und geistlichen Liedern redet und dem Herrn mit eurem
Herzen singt und spielt« (Vers 19). Ein wunderbares Ergebnis des
Erfülltseins mit dem Heiligen Geist. Was wir einander zu sagen ha-
ben, wird dann auf eine wohllautende Weise geäußert, unabhängig
davon, ob es um Ermunterung, Trost oder Ermahnung geht. Ich
stelle mir das so vor, dass wir es damit vergleichen können, dass
Gideon ins Horn stieß. Als Ergebnis kommen die Abiesriter zu ihm;
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 140

das ist seine Verwandtschaft. Wenn der Geist Gottes die Gelegen-
heit bekommt, unsere Herzen zu erfüllen, dann ist das der Anfang
vom Ende des Streits unter Gläubigen (Midian bedeutet »Zank«).
Durch das Horn (ein Bild des Wortes Gottes, auf das wir hören)
wird das Volk versammelt und Einheit entsteht. Wenn wir uns be-
fleißigen, »die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des
Friedens« (Epheser 4,3), wird der Streit aufhören.
Gideon sendet auch Boten zu seinem eigenen Stamm, Manasse,
und zu anderen, nördlich gelegenen Stämmen. Sie alle schließen
sich ihm an. Manasse ist der einzige Stamm, der in zwei Gebiete
geteilt ist; eine Hälfte im Land, die andere außerhalb davon. So
weiß Gideon aus eigener Erfahrung, was Uneinigkeit bedeutet. Viel-
leicht war das sogar ein besonderer Ansporn für ihn, sich so sehr
für die Einheit unter Gottes Volk einzusetzen. Wer weiß, was Unei-
nigkeit ist, die durch Streit innerhalb der eigenen Reihen verur-
sacht wurde und die unglückseligen Folgen kennt, wird dafür kämp-
fen, Gottes Volk wieder zusammenzubringen und zu halten. Jede
Trennung im Volk Gottes verursacht viel Leid unter Gläubigen und
ist zur Unehre des Herrn.
Ich sage damit nicht, dass die Einheit um jeden Preis bewirkt
oder bewahrt werden müsste. Die Einheit, die bewahrt werden muss,
ist die des Geistes, nicht die des Fleisches oder eine anderweitig
von Menschen gemachte Einheit. (Die Schlusskapitel unseres Bi-
belbuches geben reichlich Gelegenheit, noch etwas darüber zu sa-
gen.) Das nimmt jedoch den Schmerz und die Schande eines sol-
chen Geschehens nicht weg. Ich hoffe, dass wir dem Geist die Ge-
legenheit geben, in Ihrem und meinem Leben etwas zu bewirken,
was das Wohl der Gemeinde fördert und zu ihrer sichtbaren Ein-
heit dient.

Das Vlies — Vers 36-40


Es ist bemerkenswert, wie sehr Gott allen Fragen Gideons zu sei-
nem Auftrag entgegenkommt. Gott hatte bereits sonnenklar mit-
geteilt, was er von Gideon wollte (Vers 14-16). Als Gideon ein Zei-
chen erbat, hatte Gott es gegeben (Vers 17). Jetzt erbittet Gideon
noch eine Bestätigung seines Auftrages, sogar zweimal. Er bekommt
keinen Vorwurf zu hören, sondern Gott gibt ihm das, worum er
141 Richter 6,35-40

bittet, auch zweimal. Das »Auslegen eines Vlieses« ist beinahe


sprichwörtlich geworden, wenn es darum geht, den Willen Gottes
in einer bestimmten Angelegenheit zu erfahren. Es ist die Bitte um
ein bestätigendes Zeichen für eine Aufgabe, die wir ausführen wol-
len. An und für sich ist es nicht verkehrt, wenn wir Sicherheit über
das haben wollen, was wir für den Herrn tun werden.
Über diese Bitte um ein Zeichen habe ich bereits etwas bei der
Betrachtung von Vers 17 gesagt. Dem will ich im Zusammenhang
mit dem »Vlies« Folgendes hinzufügen. Gott kann seinen Willen
auch durch Umstände, in denen wir uns befinden oder in die wir
kommen, deutlich machen oder bestätigen. Sie werden wahrschein-
lich schon einmal von Joni Earickson gehört haben. Diese Frau
brach sich bei einem Kopfsprung in ein flaches Gewässer die Hals-
wirbelsäule und wurde so Vollinvalide. Sie wird von Gott noch im-
mer auf eine besondere Weise gebraucht. Nun brauchen sich unse-
re Umstände nicht so drastisch zu verändern. Ich will damit andeu-
ten, dass Dinge in unserem Leben geschehen können, durch die
wir wissen: das ist es, was Gott von mir verlangt. Das werden übri-
gens niemals Dinge sein, die seinem Wort widersprechen. Wenn
beispielsweise ein Gläubiger um einen Ehepartner bittet und die
Umstände scheinen ihm jemand auf seinen Weg zu bringen, doch
dieser erweist sich als ein Ungläubiger, dann kann das niemals die
Leitung Gottes sein. Er verbietet nämlich in seinem Wort, dass ein
Gläubiger einen Ungläubigen heiratet (2. Korinther 6,14).
Ich möchte versuchen, noch etwas über die geistliche Bedeu-
tung des Vlieses mit Bezug auf den Boden und den Tau sagen. Ein
Zeichen »bezeichnet« etwas, gibt etwas wieder, stellt etwas vor, lässt
etwas erkennen. Tau spricht von Erfrischung, Erquickung. Er ist
die Frische eines neuen Tages, der im Alten Testament mehrere
Male als ein Segen des Himmels für das Land Gottes beschrieben
wird. Als Gideon dann beim ersten Zeichen um Tau auf dem Vlies
und Trockenheit auf dem umgebenden Boden bittet, scheint das
ein Symbol für den Segen Gottes für sein irdisches Volk Israel zu
sein, während die Völker der Umgebung kein Teil daran hatten.
Durch die Verwerfung seines Messias hat Israel den Segen jedoch
verspielt, aber er wird für später aufbewahrt.
Das zweite Zeichen symbolisiert das Gegenteil, denn jetzt bleibt
das Vlies trocken und der ganze Boden wird durch den Tau nass.
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 142

Das bedeutet, dass Gott nach der Verwerfung des Messias durch
Israel sein Volk beiseite gesetzt und die Nationen gesegnet hat. Bei-
de »Zeichen« finden wir in Römer 11,11-15 wieder. Dort lesen wir
im Blick auf Israel über »ihren Fall …«, »ihren Verlust …«, »ihre Ver-
werfung …«. Diese Ausdrücke zeigen an, dass sie von Gott beiseite
gesetzt worden sind. Durch »ihren Fall ist den Nationen das Heil
geworden« und dadurch ist die Rede vom »Reichtum der Welt …«,
dem »Reichtum der Nationen …« und der »Versöhnung der Welt«.
Doch damit ist Israel nicht endgültig verstoßen. Es kommt eine
Zeit, die »ihre Vollzahl« und »ihre Annahme« genannt wird. Dann
wird Israel nachträglich den Segen empfangen. In beiden Zeichen
wird deutlich, dass Gott der Handelnde ist. Gideon trägt nichts dazu
bei. Allein in Gottes Macht steht es, den Segen zu geben, sowohl
Israel als auch den Nationen.
Der Ort, wo Gideon das Vlies niederlegt, ist ebenfalls von Be-
deutung. Er wählt dafür die Tenne. Das ist der Ort, wo er zum ers-
ten Mal dem Herrn begegnet ist und wo er seine Wertschätzung für
Gottes Segen gezeigt hat. Dort war er mit der Frucht des Landes
beschäftigt. Von diesem Ort aus, der von dem Gericht spricht, das
der Herr Jesus auf dem Kreuz erlitt (siehe Vers 11), kommt alle
Erquickung und Kraft, das uns aufgetragene Werk zu tun. Wie ge-
sagt: Gideon brauchte nichts zu tun. Was er wohl tut, ist früh auf-
stehen, wodurch er sein Verlangen nach dem Ergebnis zeigt. Die
Weise, wie Gideon sich hier an den Herrn wendet, erinnert an die
Haltung Abrahams in seiner Fürbitte für Sodom um Lots willen
(siehe 1. Mose 19,29-32).

Kapitel 7

Einleitung
Wir sehen Gideon hier, wie er in Verbindung mit dem Volk steht
und öffentlich auftritt. Nach Gideons persönlichen Lektionen wird
nun das Volk auf seinen Dienst vorbereitet. Das Heer, das das Volk
befreien soll, besteht aus sorgfältig ausgewählten Menschen. Die
Auswahlkriterien sind anders als die, die wir anwenden. Es wird
143 Richter 6,40 – 7,1

ihnen nichts auferlegt. Jeder Soldat erhält die Chance, zu bewei-


sen, dass er den Kriterien genügt. Diese Kriterien haben nichts mit
körperlicher Kraft oder militärischem Sachverstand zu tun. Der
wichtigste Grundsatz ist: völlige Hingabe an die Sache des Herrn
unter Verzicht auf jedes andere Interesse. Einige Merkmale von
Menschen, die diesen Kriterien genügen, sind:

1. Sie sind mutig (Vers 3).


2. Sie nehmen nur mit, was sie benötigen (Vers 6).
3. Sie achten auf ihren Anführer und sind ihm gehorsam
(Vers 17).
4. Sie lassen ihr Licht leuchten (Vers 20).
5. Sie gebrauchen den Schlachtruf (Vers 20).
6. Sie stehen an ihrem eigenen Ort (Vers 21).

Beim Betrachten dieses Kapitel werden wir näher auf diese Merk-
male eingehen. Es ist jedoch gut, wenn wir sie jetzt schon auf uns
wirken lassen. Wollen wir nicht auch zu einer »Gideons-Garde«
gehören, um Siege für den Herrn und sein Volk zu erringen?

Harod und More — Vers 1


Dann beginnt Gideon mit seiner Aufgabe. Er wird hier Jerub-Baal
genannt. Jedes Mal, wenn er mit diesem Namen bezeichnet wird,
ist das eine Erinnerung an seinen Sieg über Baal in Kapitel 6. Er
zieht jetzt aus, um neue Siege zu erringen. In aller Frühe steht er
auf. Auch bei anderen wichtigen Ereignissen in der Bibel sehen
wir, dass früh aufgestanden wird, zum Beispiel in 1. Mose 22,3, wo
Abraham hingeht, um seinen Sohn Isaak zu opfern. Auch Hiob stand
früh morgens auf, um für seine Kinder Gottes Angesicht zu suchen
(Hiob 1,5). Wir können selbstständig anhand einer Konkordanz
noch mehr Texte nachschlagen, in denen das Wort »früh« vor-
kommt. In allen Jahrhunderten im Lauf der Geschichte des Vol-
kes Gottes auf der Erde waren Menschen, die große Bedeutung
für das Werk des Herrn hatten, stets Frühaufsteher. Gideon war
einer davon.
Wir haben bereits gesehen, dass Gideon kein Held von der Art
ist, wie sie in der Welt Ansehen genießt. Er erscheint bis jetzt im-
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 144

mer noch etwas ängstlich. Der Ort, wo er und das Volk sich lagern,
heißt Harod, das bedeutet »zitternd«. Sie sind nun nahe beim Feind,
der sich in einer überwältigenden Menge beim Hügel More befin-
det. More bedeutet »Furcht«. Der Eindruck, den der Feind auf das
Volk macht, ruft Furcht und Zittern hervor. Das ist heute nicht an-
ders. Die größte Waffe des Feindes, des Teufels, ist die Angst, die
er Menschen einflößen kann. Wer vor dem Teufel Angst hat, fällt
seinen Angriffen zur Beute. Der Christ darf wissen, dass er auf dem
Sieg steht, den der Herr Jesus am Kreuz errungen hat. In ihm sind
wir sogar mehr als Überwinder. Dies einerseits zu wissen und an-
dererseits danach zu leben, sind zwei Dinge.
Was Gideon durchlebt, durchleben alle, die ein Werk für den
Herrn tun wollen. Die Einschüchterung durch den Teufel, der auf
allerlei Weise versuchen wird, dem Werk für den Herrn den Gar-
aus zu machen, kommt auf jeden zu, der sich bereit erklärt, für den
Herrn zu kämpfen. Das Wunderbare ist, dass Gott das Zittern ge-
braucht, um eine Sichtung im Heer vorzunehmen, das sich bereit
erklärt hat, den Feind zu verjagen.

Zu viele Soldaten — Vers 2


Gideon bekommt ein merkwürdiges Wort zu hören: »Zu zahlreich
ist das Volk, das bei dir ist!« Hat man so etwas je bei einem Volk
gehört, das sich anschickte, Krieg zu führen? Sein Heer bestand
aus 32.000 Mann. Doch was bedeutete das gegenüber einem Heer
von mindestens 135.000 Mann (siehe Kapitel 8,10)? Die Relation
betrug schon lediglich 1 zu 4. Dennoch ist Gideons Heer für Gott
zu groß. Als Begründung sagt Gott, dass die Israeliten sich bei
einem Sieg selber rühmen würden, sie hätten aus eigener Kraft
gesiegt. Gott würde dann vergessen. Er wollte verhindern, dass
das Volk hochmütig und stolz wird, wodurch es wiederum von ihm
abweichen würde. Die Kämpfer Gideons – und wir – müssen ler-
nen, was in Sacharja 4,6 steht: »Nicht durch Macht und nicht durch
Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht der HERR der Heerscha-
ren.«
Es ist lehrreich, das, was Gott hier sagt, mit den Ereignissen in
Josua 7 und 8 zu vergleichen. Bei allen Eroberungen musste das
ganze Volk hinaufziehen. Im Fall von Ai meinte Josua, das sei nicht
145 Richter 7,1-3

nötig. Aber Gott kann mit menschlichen Überlegungen nichts an-


fangen. Das Einzige, was er verlangt, ist Gehorsam, und dann sorgt
er für den Rest. Im Kampf um Ai war das Ergebnis eine Niederlage
für Israel. Glücklicherweise gab es eine Wiederholungsprüfung,
obwohl dieser Sieg dann sehr viel Mühe kostete. Sie hätten besser
direkt nach Gottes Willen handeln können.
Im Buch Richter ist die Zeit vorbei, dass das ganze Volk hinauf-
ziehen kann. Der Verfall hat dem Zustand des Volkes Gottes sei-
nen Stempel aufgedrückt. So ist es auch heute. Wir leben in einer
Zeit, in der die Gemeinde nicht mehr als Einheit hinaufzieht. Es ist
außerdem eine Zeit, in der für jeden, der sich dem Herrn völlig
hingeben will, enorme Herausforderungen bereitliegen.

Die erste Auslese — Vers 3


Das Heer muss von allen Elementen gereinigt werden, die einem
Sieg im Wege stehen könnten. Das erste Element ist Angst. Jede
Person, die bei näherem Hinsehen sich offensichtlich fürchtet, den
Kampf gegen einen übermächtigen Feind aufzunehmen, darf nach
Hause gehen. Das knüpft an das Kriegsgesetz aus 5. Mose 20 an. In
Vers 8 dieses Kapitels steht: »Und die Aufseher sollen weiter zum
Volk reden und sagen: Wer ist der Mann, der sich fürchtet und ein
verzagtes Herz hat? Er mache sich auf und kehre in sein Haus zurück,
damit nicht das Herz seiner Brüder verzagt werde wie sein Herz.« Es
wirkt enorm entmutigend, wenn jemand in der Hitze des Kampfes
es nicht mehr aushält und wegläuft. Darum muss jeder von vorn-
herein wissen, was er tut. Die Kosten müssen berechnet werden
(siehe Lukas 14,31-33).
Die Männer, die zuerst heimgehen dürfen, sind die Menschen,
die mehr unter dem Eindruck der Macht des Feindes als unter dem
Eindruck der Macht Gottes stehen. Sie hatten sich nach dem Auf-
ruf Gideons zwar gemeldet, um mitzukämpfen, doch jetzt, wo sie
dem Feind Auge in Auge gegenüberstehen, zeigt sich, dass sie zu
wenig Glauben haben. Auch wir können von jemandem angezogen
werden, der sehr begeistert einen Plan vorstellt, um ein Werk für
den Herrn zu tun. Diese Person selbst ist für den Plan motiviert,
weil sie selber mit dem Herrn darüber gesprochen hat. Es ist ein
Auftrag, den sie bekommen hat. Dass dieser Mensch andere darin
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 146

einbeziehen möchte, ist eine gute Sache. Doch die anderen werden
erst gute Mitarbeiter werden, wenn sie selbst diesen Plan mit dem
Herrn durchgesprochen haben und nicht nur aufgrund eines be-
geisternden Aufrufs mitgehen. Man kann durch den Glauben an-
gesprochen werden, den jemand an ein bestimmtes Werk hat, aber
das ist noch etwas anderes als der persönliche Glaube an dieses be-
stimmte Werk. Wer nur aufgrund eines zeitweiligen emotionalen
Eindrucks mitmachen will und nicht aus persönlicher Überzeugung
heraus, hat keinen Platz in diesem Werk. Das darf und muss auch
gesagt werden. Paulus gibt in 2. Thessalonicher 3,2 ein Beispiel da-
für. Dort bittet er die Thessalonicher um Fürbitte für sich und sei-
ne Mitarbeiter, damit sie »errettet werden von den schlechten und
bösen Menschen«, weil »die Treue (dasselbe Wort wie Glaube) …
nicht aller Menschen Sache« ist. Wer nicht dieselbe Treue und Hin-
gabe für das Werk des Herrn hatte, die ihn kennzeichneten, den
konnte Paulus nicht gebrauchen.

Die zweite Auslese — Vers 4


Was muss Gideon durch den Kopf gegangen sein, als er sein ohne-
hin nicht allzu großes Heer immer kleiner werden sah? Mindestens
22.000 Mann gehen nach Hause. War das Verhältnis zuerst noch
1 zu 4 – und schon das war gewiss keine gewaltige Voraussetzung –
, jetzt wurde es bis auf das (in menschlichen Augen) unmögliche
Verhältnis von 1 zu 13 bis 14 reduziert. Und was muss Gideon durch
den Kopf gegangen sein, als Gott zu ihm sagte: »Noch immer ist das
Volk zu zahlreich«? Wir hören jedenfalls keine Einwände von Gide-
on. Seine Haltung hier ist bewundernswert. Er schließt sich stets
dem an, was der Herr ihm sagt.
Wurde es bei der ersten Auswahl noch jedem überlassen, selbst
zu entscheiden, so ist das bei dieser zweiten Auswahl nicht mehr
der Fall. Die 10.000, die übrig geblieben sind, werden von Gott ge-
prüft, ohne dass sie es selbst durchschaut hätten. Gideon muss sie
auffordern, Wasser zu trinken, und, so sagt der Herr zu ihm, dann
will er sie ihm »dort läutern«. Auf welche Weise das Wasser getrun-
ken werden soll, wird nicht angegeben. Trotzdem entscheidet die
Weise des Wassertrinkens darüber, ob man zur Kerntruppe gehört
oder als zum Kampf ungeeignet erklärt wird.
147 Richter 7,3-5

Die Haltung beim Trinken — Vers 5


Gott hätte die Kämpfer auf jede erdenkliche Weise auswählen kön-
nen, aber er sorgt dafür, dass die echten Kämpfer sich selbst offen-
baren. Die natürliche Haltung beim Trinken wäre das Niederknien,
sich zum Trinken hinzulegen. Wer nicht kniet, sondern das Wasser
nur mit seiner Hand schöpft, bleibt jeden Augenblick in Aktions-
bereitschaft. Diese unnatürliche Trinkhaltung verdeutlicht, dass
nicht das Trinken an sich das Wichtigste ist, sondern der Grundsatz
des Glaubens vorherrscht. Was beim Wasser offenbar wird, ist der
Unterschied zwischen solchen, die in aller Gemütsruhe Wasser trin-
ken und solchen, die nebenbei trinken, weil sie mit dem Kampf
beschäftigt sind.
Durst darf gelöscht werden. Vom Herrn Jesus lesen wir: »Auf
dem Weg wird er trinken aus dem Bach, darum wird er das Haupt
erheben« (Psalm 110,7). Er fand dort eine Erquickung für seine
Seele, aber ohne jemals aus dem Auge zu verlieren, wozu er ge-
kommen war: der Triumph des Kreuzes und die Verherrlichung
Gottes, seines Vaters. Durst darf also gelöscht werden, aber die
Frage ist, welche Bedeutung das Durstlöschen in unserem Leben
einnimmt. Die Aufnahme von Wasser können wir vergleichen mit
den täglichen Bedürfnissen des Lebens wie Nahrung, Kleidung und
Wohnung, auch mit der nötigen Ruhe nach getaner Arbeit. Es geht
darum, welche Bedeutung wir diesen Dingen in unserem Leben
geben. Gott sieht, wie wir damit umgehen, ohne dass wir selbst viel
daran finden. Die Weise, wie wir uns mit den irdischen Dingen be-
schäftigen, macht deutlich, wie wir zu den Dingen Gottes stehen.
Das Wasserschöpfen mit der Hand bedeutet, dass wir nur solche
irdischen Dinge aufnehmen, die wir unter Kontrolle halten kön-
nen, wie es in 1. Korinther 6,12 steht: »Alles ist mir erlaubt, aber
nicht alles ist nützlich. Alles ist mir erlaubt, aber ich will mich von
nichts beherrschen lassen.« Der hingegebene Christ ist frei, alles zu
genießen, aber er ist sich gleichzeitig bewusst, dass es Dinge gibt,
die seine Hingabe an den Herrn in Gefahr bringen. Er nimmt nur
das, was er in der Hand halten kann, nicht mehr. Schlürfen wie ein
Hund bedeutet, die Stellung eines Hundes einzunehmen. Diese
Stellung nahm zum Beispiel Mephiboseth David gegenüber ein
(2. Samuel 9,8). Das spricht vom Anerkennen, dass wir in uns selbst
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 148

nicht würdig sind, etwas für den Herrn zu sein oder zu tun. Die
Gnade des Herrn wird uns größer, wenn wir daran denken, wer wir
sind und wofür er uns gebrauchen will, trotz dessen, was wir in uns
selbst sind.
Gefragt sind nicht nur Tapferkeit und Mut, sondern auch völlige
Hingabe, und diese erweist sich in unserem Umgang mit irdischen
Segnungen. Der hingegebene Christ ist daran zu erkennen, dass er
nur ein Ding tut, dem alles Andere untergeordnet wird. Paulus sagt:
»Eines aber tue ich«, und er vergaß, was hinter ihm lag und streckte
sich nach Christus Jesus aus (Philipper 3,14). Wegen dieser Ein-
stellung kann er zu Recht zu Timotheus (und zu uns) sagen: »Nie-
mand, der Kriegsdienste leistet, verwickelt sich in die Beschäfti-
gungen des Lebens, damit er dem gefalle, der ihn angeworben hat«
(2. Timotheus 2,4). Der Herr Jesus sagte zu Marta, die sehr be-
schäftigt mit irdischen, notwendigen Dingen war: »Marta, Marta,
du bist besorgt und beunruhigt um viele Dinge, eins aber ist nötig«
(Lukas 10,41-42). Dieses Eine war das Sitzen zu seinen Füßen, wie
Maria es tat. Diese erfuhr, dass sie das gute Teil erwählt hatte. Was
Marta tat, war an und für sich nicht verkehrt, es war sogar notwen-
dig. Aber es nahm für sie einen so großen Raum ein, dass dadurch
das Hören auf den Herrn zu kurz kam, und das wollte der Herr sie
lehren.

Die 300 Männer — Vers 7-8


Da gehen sie. Von den 10.000 Übriggebliebenen muss Gideon noch
einmal 9.700 wegschicken. Sie hatten, ohne es selbst zu wollen, be-
wiesen, dass sie nicht aus dem richtigen Holz geschnitzt waren, um
im Kampf gegen Midian eingesetzt zu werden. Auch hier kein Wi-
derstand von Gideons Seite.
Gott ist dort, wo er sein will. Das übrig gebliebene Heer von 300
Mann ist in sich selbst völlig ohnmächtig, den Feind zu vertreiben.
Die Relation ist auf 1 zu 450 geschrumpft. Alle Hoffnung auf das
Gelingen dieses Unterfangens muss sich wirklich auf Gott richten.
Und genau das ist es, was er will. Hören wir dann, was der Herr zu
Gideon sagt: »Mit den dreihundert Mann, die geleckt haben, will ich
euch retten und (ich will) Midian in deine Hand geben.« Zweimal
sagt der Herr hier »ich will«. Wenn er das sagt, kann kein Zweifel
149 Richter 7,5-8

über das Ergebnis bestehen. Er garantiert den guten Ablauf des


Kampfes. Das ist die große Ermutigung, die Gideon mitbekommt.
Zunächst empfängt er diese Verheißung und erst danach sagt Gott
ihm, dass der Rest des Volkes weggehen kann.
Bevor diese 9.700 jedoch weggehen, geben sie ihren Proviant und
ihre Hörner an die Männer ab, die in den Kampf ziehen werden.
Das spiegelt einen schönen Charakterzug wider. Obwohl sie keinen
Teil der auserlesen Garde bilden können, unterstützen sie die Kämp-
fer mit ihren Mitteln. Von Eifersucht ist nichts zu spüren. Auch wenn
wir nicht tatsächlich am Kampf teilnehmen können, vielleicht weil
wir zu sehr um die irdischen Dinge besorgt sind, dann können wir
doch mithelfen, indem wir die Kämpfer mit allem Nötigen versor-
gen. Auf diese Weise tragen wir, auch wenn es nur im Hinterland
ist, zum Sieg bei, der errungen wird und teilen die Freude daran.
Dann ziehen die 9.700 fort, »aber die dreihundert Mann behielt er
da«. Dieses Wort »behielt er da« bedeutet »kräftig festhalten«. Das
kann darauf hinweisen, dass bei den 300 Mann ein starkes Verlan-
gen aufgekommen war, dem Beispiel ihrer weggehenden Kamera-
den zu folgen und dass Gideon auf sie einreden musste, um sie bei
sich zu halten. Es ist ja auch keine Kleinigkeit, einen Massenaus-
zug zu beobachten und feststellen zu müssen, dass man mit nur
einigen wenigen übrig bleibt. Dann wird der Drang sehr groß, der
Masse auf ihrem Rückzug zu folgen. Der Kampf musste schließlich
noch gekämpft werden!
Um noch einmal deutlich vor Augen zu führen, dass sich am Ernst
der Krise nichts verändert hatte, weist der Heilige Geist am Ende
von Vers 8 noch einmal auf die Gegenwart der Feinde hin.
Glücklicherweise bleiben die 300 Mann bei Gideon. Das erin-
nert mich an Johannes 6. Aufgrund all dessen, was der Herr Jesus
in jenem Kapitel gesagt hatte, heißt es in den Versen 66-69: »Von
da an gingen viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit
ihm. Da sprach Jesus zu den Zwölfen: Wollt ihr etwa auch weggehen?
Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollten wir gehen? Du hast
Worte ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt, dass du
der Heilige Gottes bist.« Obwohl es um verschiedene Ereignisse geht,
kommt es doch in beiden Fällen darauf an, wofür wir uns entschei-
den. Wenn wir innerlich überzeugt sind, dass der Herr Jesus uns
mit allem versorgt hat, was wir brauchen, werden wir bei ihm blei-
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 150

ben wollen. Was auch immer geschieht und wie viele auch wegge-
hen mögen, weil die Opfer zu groß werden, es wird uns nicht an der
Treue des Herrn zweifeln lassen.

Der Auftrag — Vers 9


Als die Vorbereitungen abgeschlossen sind, sagt Gott, Gideon soll
den Feind angreifen. Gideon bekommt die Gewissheit des Sieges
zugesagt. Gott hatte ihm diese Gewissheit bereits in Kapitel 6,16
gegeben. Gott war auch auf Gideons Zweifel eingegangen, als er
um das Zeichen mit dem Vlies bat (Kapitel 6,36-40). Als der Auf-
trag kommt, in das Heerlager des Feindes einzufallen, bestätigt Gott,
um alle Zweifel auszuschließen, seine Zusage, dass er den Feind in
seine Hand gibt. Gideon hat es mit einem besiegten Feind zu tun.
Er muss sich diesen Sieg nur noch aneignen. Etwas Derartiges wur-
de Josua in Josua 1,1-9 gesagt. Gott hatte den Israeliten das ganze
Land gegeben. Sie mussten nur noch anfangen, es in Besitz zu neh-
men. Auch dort sagte er, dass er mit ihnen sein würde.

Ein Traum zur Ermutigung — Vers 10-14


Wir dürfen durchaus sagen, dass Gott seinen Knecht kennt. Trotz
aller Ermutigungen und Zusagen hapert es in Gideons Herzen noch
an etwas. Es ist noch ein Rest von Zweifel übrig geblieben. Schau-
en wir, wie Gott darauf eingeht. Welch ein Gott der Geduld ist er!
Die Vorgehensweise, wie er die Hände Gideons stärkt, erfordert
ziemlichen Mut. Zusammen mit Pura soll Gideon ins Heerlager
des Feindes hinabgehen, um dort etwas zu hören, wodurch seine
Hände »stark werden«. Wie wunderbar ist es, wie Gott Gideon Mut
machen will. Gideon muss wohlgemerkt zum Feind gehen, um dort
etwas zu hören, wenngleich Gott selbst ihn bereits auf die Kraft
hingewiesen hatte, die in ihm vorhanden ist.
Was Gott ihn noch lehren will, ist, dass der Feind mehr von die-
ser Kraft Gottes wusste als er. Der Feind sieht sich selbst bereits als
besiegt an (nur gibt er sich nie geschlagen und wir müssen ihn tat-
sächlich noch schlagen). Er hört aus dem Mund seiner Feinde: »Gott
hat Midian und das ganze Heerlager in seine Hand gegeben« (Vers 14).
Die Kundschafter, die in Josua 2 das Land erkunden sollten und
151 Richter 7,8-14

zur Hure Rahab kamen, hörten dasselbe. Rahab sagte, dass »alle
Bewohner des Landes vor euch mutlos geworden sind« (Josua 2,9).
Sie hatten gehört, welche großen Werke der Herr für sein Volk ge-
tan hatte (Vers 10 und 11). Trotz dieses Wissens ergab auch Jericho
sich nicht, sondern es musste erobert werden.
Bei dieser Unternehmung nimmt Gideon auf Befehl Gottes sei-
nen Diener Pura mit. Der Name Pura bedeutet »Kelter« oder
»Wachstum«. Wenn Gott diesen Diener Gideons bei seinem Na-
men nennt, geschieht das vielleicht, um Gideon an seine Erschei-
nung vor ihm zu erinnern, als er bei der Kelter damit beschäftigt
war, Weizen auszuschlagen (Kapitel 6,11). Eine Erinnerung an un-
sere früheren Begegnungen mit dem Herrn und an das, was er bei
diesen Gelegenheiten zu uns sagte, verleiht uns oft neuen Mut, um
weiterzugehen. Diese Erinnerung weist ihn auch darauf hin, dass
er durch den Umgang mit Gott geistlich gewachsen ist.
Gideon nimmt Gottes Angebot an. Er geht und hört, wie einer
der Midianiter einen Traum erzählt. Er erfährt sogar die Bedeu-
tung dieses Traumes durch die Auslegung von einem anderen Mi-
dianiter. Wie der Mann die Bedeutung des Traumes kannte, weiß
ich nicht. Ich vermute, dass Gott ihn die Bedeutung erkennen ließ.
Wenn Gott die Dinge so lenken kann, dass Gideon im richtigen
Augenblick zum richtigen Ort kommt, um Zeuge dieses Gesprä-
ches zu werden, ist er auch in der Lage, den Mann etwas sagen zu
lassen, das für Gideon von Bedeutung ist. Was Gideon hört, ist für
ihn nicht sonderlich erhebend. Er wird daran erinnert, wie schwach
er in sich selbst ist. Im Traum wird er als ein Laib Gerstenbrot dar-
gestellt. Doch die Auslegung lässt erkennen, dass Gott ein Schwert
daraus macht, um damit den Feind zu schlagen. Gerstenbrot ist das
Brot der Armen. Gott wirkt sehr oft durch Armut und Schwach-
heit. Das Schwert, das hier den Sieg erringt, besteht aus Nahrung.
Wenn Gottes Volk mit Christus genährt ist, hat es damit ein
Schwert in der Hand, das den Feind schlägt. Gott kann unsere ge-
ringste Wertschätzung für Christus gebrauchen, um den Feind zu
schlagen. So rollt Paulus gleichsam einen Gerstenkuchen ins Heer-
lager (die Gemeinde) in Korinth hinein, als er sagt: »Ist etwa Paulus
für euch gekreuzigt?« (1. Korinther 1,13). Er will damit nur sagen,
dass er und andere nicht als Parteiführer fungieren wollen. Er war
nur ein Diener. Es ging um Christus; sich selbst zieht er nicht in
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 152

Betracht. Demgegenüber stellt er das Kreuz Christi. Was bleibt dem


Hochmut und der eigenen Weisheit des Menschen übrig, wenn er
auf das Kreuz blickt? Paulus »trägt« das Kreuz Christi in die Ge-
meinde in Korinth hinein und wirft damit das »Zelt« des Streits,
des Misstrauens und der Uneinigkeit um. Die Auswirkung jeder
einfachen Wahrheit über Christus, die in Liebe weitergegeben wird,
besteht darin, dass das »Zelt« der Bosheit, des Streites und Zanks
umgekehrt wird.

Die Reaktion Gideons — Vers 15


Diese Ermutigung bewirkt zu allererst Anbetung. Damit gibt er uns
ein schönes Vorbild. Wenn der Herr uns etwas deutlich gemacht
hat, möchte er gern, dass wir ihm zuerst dafür danken. Erst danach
können wir unsere eigene Erfahrung an andere weitergeben. Das
gilt besonders fürs Bibelstudium. Was wir dabei an Wahrheiten und
anderen schönen Dingen entdecken, wird unser Herz dazu brin-
gen, zu allererst ihm zu danken und ihn dafür groß zu machen.
Wenn das nicht geschieht, besteht die Gefahr, dass das Empfange-
ne und Erkannte größer wird als er selbst, der der Geber ist. Dabei
ist doch der Geber immer größer als die Gabe! Außer natürlich
beim Herrn Jesus, der die Gabe Gottes ist. Da sind Geber und Gabe
gleich. Aber alles, was wir aufgrund des Werkes des Herrn Jesus
empfangen haben, haben wir Gott zu verdanken. Alles, was wir
davon entdecken werden, dürfen wir mit Dank ihm sagen und es
danach anderen weitergeben. Jemand hat einmal gesagt: Man kann
erst dann etwas sein Eigentum nennen, wenn man es zuerst mit
Dank Gott zurückgegeben hat.
Bei Daniel finden wir dieselbe Haltung wie hier bei Gideon. In
Daniel 2,18 fleht Daniel, ob Gott ihm eine Sache bekannt machen
will. Gott geht darauf ein, und das Erste, was Daniel macht, ist Gott
zu loben (Vers 19). Nachdem Gideon selbst ermutigt ist und ange-
betet hat, sagt er dem Volk, dass der Herr den Sieg bereits gegeben
hat. Es fällt wiederum auf, dass er zu den Männern sagt, dass der
Herr den Feind in ihre Hand gegeben hat, während Gott zu ihm
gesagt hatte, dass er den Feind in seine Hand geben wird. Was ihm
persönlich von Gott zugesagt worden war, macht er zu einer Sache
fürs ganze Volk. Dasselbe sahen wir in Kapitel 6,12-13.
153 Richter 7,14-16

Seltsame Waffen — Vers 16


Die Waffen, die Gideon seiner Mannschaft austeilt, sind nicht von
der Art, die Eindruck auf den Feind machen könnte. Der Trupp wird
nicht zu einem bis zu den Zähnen bewaffneten Heer. Jeder erhält
drei »Waffen«: ein Horn, einen leeren Krug und eine Fackel, die in
den Krug gehört. Das Horn, das hier gebraucht wird, ist das Wid-
derhorn. Es spricht von Kraft und Energie und wurde geblasen, wenn
man verteidigen musste. Diese Hörner oder Trompeten haben die
Einwohner Jerichos Tag für Tag gehört, als Israel sieben Tage nach-
einander um Jericho zog (Josua 6). Das Blasen der Hörner in der
Nähe des Feindes spricht vom starken Vertrauen, dass Gott sein
Wort am Feind vollziehen wird. Es ist ein gegebenes Zeugnis da-
für, dass der Sieg sicher ist. Wir können Gottes Wort erschallen
lassen, weil wir von seiner Wahrheit überzeugt sind. Paulus sagt es
in 2. Korinther 4,13 so: »So glauben auch wir, darum reden wir auch.«
Auch den Krügen begegnen wir in 2. Korinther 4 in Vers 7. Dort
werden sie irdene Gefäße genannt. In diesen irdenen Gefäßen be-
findet sich ein Schatz. Mit einem Gefäß ist in der Bibel oft eine
Person oder ein menschlicher Körper gemeint. Einige Beispiele
dafür finden wir in Apostelgeschichte 9,15, 1. Thessalonicher 4,4
und 1. Petrus 3,7. In 2. Korinther 4 steht dann noch der Zusatz,
dass es sich um ein irdenes Gefäß handelt. Dadurch liegt die Beto-
nung auf seiner Zerbrechlichkeit. Im Gegensatz zu einem Schatz,
der etwas Kostbares darstellt, ist ein irdenes Gefäß von geringem
Wert. Was der Schatz ist, steht in Vers 6, es ist »der Lichtglanz der
Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi«. Ich denke, dass Pau-
lus beim Schreiben von 2. Korinther 4 an Richter 7 gedacht hat.
Kurz zusammengefasst sind die Waffen Gideons und seiner Män-
ner:

1. Ein Horn, das ist ein Bild des Wortes Gottes,


2. ein irdenes Gefäß, das ist ein Bild eines schwachen, zer-
brechlichen Leibes, und
3. eine Fackel, das ist ein Bild des Lichtglanzes der Herrlich-
keit Gottes.

In den folgenden Versen sehen wir, wie sie gebraucht werden.


Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 154

Seht es mir ab und macht es ebenso — Vers 17-18


Der wahre Führer ist jemand, der nicht allein sagt, was getan wer-
den muss, sondern dabei selber voran geht. Das sehen wir in Voll-
kommenheit beim Herrn Jesus. In Johannes 13 wäscht er die Füße
der Jünger. Danach sagt er zu ihnen: »Wenn nun ich, der Herr und
der Lehrer, eure Füße gewaschen habe, so seid auch ihr schuldig, ein-
ander die Füße zu waschen. Denn ich habe euch ein Beispiel gegeben,
dass auch ihr tut, wie ich euch getan habe« (Vers 14-15). Dieses »Vor-
bildsein« können wir im ganzen Leben des Herrn Jesus erkennen.
Nie verlangte er etwas von seinen Jüngern, das er nicht selbst ver-
wirklichte und worin er nicht selbst voranging. Wir können andere
nur für eine bestimmte Sache motivieren, wenn sie deren Wert in
unserem Leben erkennen können. In Apostelgeschichte 3 steht
noch ein treffender Fall. Petrus konnte zu dem Krüppel, der etwas
von ihm und Johannes erwartete, sagen: »Sieh uns an!« (Vers 5).
Das erscheint anmaßend, doch das ist es nicht. Petrus und Johan-
nes besaßen etwas, das den Mann verbessern konnte. Daran glaub-
ten sie selbst felsenfest, und davon zeugten sie ihr ganzes Leben
lang.
Wenn ein Christ das nicht sagen kann, dann steht es eigentlich
nicht gut um ihn. Das hat nichts mit Hochmut oder Selbsterhebung
zu tun. Wer von der Macht des Herrn überzeugt ist und das in sei-
nem Leben zum Ausdruck bringt, ist damit eine lebendige Illustra-
tion für sein Bekenntnis. Dieses Bekenntnis wird durch sein Leben
bekräftigt. Es ist sicher wahr, dass wir versagen können, doch für
den, der mit dem Herrn leben will, braucht das nicht das tägliche
Muster zu sein. Wer von uns Christus nachfolgt, kann das auch von
sich sagen: »Sieh auf mich!« Paulus sagte das in 1. Korinther 11,1:
»Seid meine Nachahmer, wie auch ich Christi.« Das ist eigentlich der
Inhalt des Schlachtrufes, den Gideon ausrufen lässt: »Für den
HERRN und für Gideon!« Er hatte den Auftrag vom Herrn emp-
fangen und folgte ihm darin nach. Die anderen erkannten das in
Gideon und gingen hinter ihm her. Durch sein Vorbild motiviert
Gideon sein Heer, es ihm gleich zu tun. Das bedeutete völligen
Gehorsam gegenüber seinem Vorbild. Würde jemand etwas ande-
res rufen oder auf eigene Faust und mit eigenen Mitteln dem Feind
zu Leibe rücken, dann würde das Verwirrung und Niederlage be-
155 Richter 7,17-20

deuten. Die Parole war: Gut auf den Anführer achten und genau
das tun, was er tat.

Der Kampf bricht los — Vers 19-20


Kurz nach Mitternacht bricht der Kampf los. Jeder Kämpfer hatte
den Platz eingenommen, den Gideon ihm zugewiesen hatte. Alles
hatte sich in größtmöglicher Stille vollzogen. Der Zeitpunkt der
Wachaufstellung, was sicher nicht geräuschlos vonstatten ging, wur-
de dazu benutzt, dem Heer des Feindes nahe zu kommen. Alle Kämp-
fer hielten die Augen auf Gideon gerichtet und auf die 100 Männer,
die bei ihm waren. Dann kam das Signal. 300 Hörner ließen ihren
durchdringenden Lärm in der Stille der Nacht hören. Der Lärm
schallte von den Bergen wieder und das Tal füllte sich mit schwel-
lendem Hörnerschall. Im selben Augenblick wurden die Krüge zer-
schlagen und rund um das feindliche Heerlager wurden 300 Fackeln
sichtbar. Hinter jeder Fackel scheint sich eine große Heeresmacht
zu verbergen. Die Überraschung ist komplett. Das gewaltige Heer
Midians ergreift die Flucht, bereits schreiend, wodurch der Lärm
nur zunimmt. In der großen Verwirrung, die entstanden ist, wissen
die Midianiter nicht mehr, wie ihnen geschieht. Jeder Midianiter
sieht in dem anderen einen Feind. Sie denken, sie seien von einer
Übermacht überrumpelt und erfechten sich einen Weg aus dem
Kampfgewühl, ohne zu sehen, dass sie es mit ihren eigenen Kame-
raden zu tun haben. Auf diese Weise rechnet der Herr mit dem Feind
ab, denn es ist seine Hand, die dieses ganze Geschehen lenkt.
Hieraus können wir lernen, wie wir mit unseren (geistlichen)
Feinden abrechnen können. Als Erstes sehen wir, dass das Blasen
des Hornes mit dem Zerbrechen des Gefäßes verbunden ist. Das
ist auch nicht anders möglich. Ein Zeugnis können wir nicht geben,
ohne auf uns selbst zu verzichten. Weiter sehen wir, dass durch das
Zerbrechen des Kruges das Licht sichtbar wird. Zeugnis und Dun-
kelheit gehören nicht zusammen. Licht und Zeugnis gehören zu-
sammen. Auch in Philipper 2,15 werden diese beiden zusammen
erwähnt, im Blick auf unseren Aufenthalt inmitten der Menschen
der Welt, »unter denen ihr leuchtet wie Himmelslichter in der Welt,
indem ihr das Wort des Lebens festhaltet«. Das gibt eine solche Of-
fenbarung von Kraft, dass es den Feind besiegt.
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 156

Es werden in den Evangelien vier Dinge genannt, die das Leuch-


ten des Lichtes verhindern können. In Lukas 8,16 werden zwei da-
von erwähnt. Dort sagt der Herr Jesus: »Niemand aber, der eine Lam-
pe angezündet hat, bedeckt sie mit einem Gefäß oder stellt sie unter
ein Bett, sondern er stellt sie auf ein Lampengestell, damit die Herein-
kommenden das Licht sehen.« Das Gefäß symbolisiert einen Men-
schen. Das Hindernis ist hier, dass jemand sich selbst wichtig fin-
det. In der Geschichte Gideons haben wir gesehen, dass das Gefäß
oder der Krug zerbrochen werden muss. Der Eigendünkel muss
verschwinden und dann kann das Licht ungehindert scheinen. Das
andere Hindernis, das Bett, spricht von Lauheit und Bequemlich-
keit. Wer es sich im Bett bequem macht und nicht die Absicht hat,
sich für den Herrn einzusetzen, wird wenig Licht um sich her ver-
breiten.
In Lukas 11,33 werden noch zwei weitere Hindernisse genannt:
»Niemand aber, der eine Lampe angezündet hat, stellt sie ins Versteck,
auch nicht unter den Scheffel, sondern auf das Lampengestell, damit
die Hereinkommenden den Schein sehen.« Ein »Versteck« weist auf
die verborgenen Sünden in unserem Leben hin, auf etwas, was wir
heimlich tun und mit dem wir nicht ans Tageslicht kommen wollen.
Solange wir die Sünde nicht bekennen und lassen, sind diese Dinge
ein Hindernis, unser Licht leuchten zu lassen. Der Scheffel ist ein
Bild des Handels, davon, dass man schwer damit beschäftigt ist,
Geld zu verdienen. Das kann einen so wichtigen Platz in unserem
Leben einnehmen, dass es ebenfalls ein Hindernis dafür wird, un-
ser Licht leuchten zu lassen. Alles, was das Licht daran hindert, zu
leuchten, muss aus unserem Leben verschwinden. Andere Stellen
in den Evangelien, wo dieselben Dinge genannt werden, sind Mat-
thäus 5,15 und Markus 4,21. Das Einzige, was mit dem Krug ge-
schehen musste, war Zerbruch. Dann stößt das Licht auf keinen
Widerstand mehr und kann voll leuchten. Wir begreifen nur allzu
gut, dass wir selbst die größten Blockaden für das Strahlen des
»Lichtglanzes der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes« bilden. Die
Fackeln werden in der linken Hand gehalten und das spricht von
der Anerkennung der Schwachheit, mit der wir Licht verbreiten.
Das Zerbrechen der Krüge hat eine ähnliche Bedeutung: kein Ver-
trauen auf das Fleisch setzen. Wer den Krug zerbricht, kann auch
das Horn blasen, das in der rechten Hand gehalten wird. Die rech-
157 Richter 7,20-22

te Hand spricht von Kraft. Der Ruf von Vers 18 »Für den HERRN
und für Gideon!« wird in der Praxis (Vers 20) »Schwert für den
HERRN und für Gideon!« Das will sagen, dass die Entscheidung
für den Herrn und für Menschen, die ihm folgen, auf praktischen
Gehorsam zum Wort Gottes hinausläuft. Das Schwert ist ein Bild
des Wortes, wie Gott es gegeben hat und wie es im Leben von Män-
nern Gottes sichtbar ist. Wenn wir sagen, dass wir dem Herrn fol-
gen wollen, können wir das nur zum Ausdruck bringen, wenn wir
seinem ganzen Wort gehorchen.

Jeder an seinem Platz — Vers 21-22


Im Kampf ist es sehr wichtig, dass jeder den Platz einnimmt, der
ihm vom Anführer zugewiesen wird. Um deutlich zu machen, wie
wichtig das ist, will ich auf ein Bild hinweisen, das in der Bibel als
Vorbild auf die Gemeinde gebraucht wird: das Bild vom menschli-
chen Körper. Bei einem Körper denken wir zunächst nicht an
Kampf, aber wir werden sehen, wie unsere Brauchbarkeit im geist-
lichen Kampf vom Einnehmen unseres zugewiesenen Platzes am
Körper abhängt. Jedes Glied der Gemeinde ist in diesem Vergleich
ein Körperglied und hat darin also eine Aufgabe zu erfüllen, die
mit der Funktion dieses Gliedes zusammenhängt. Was jedes Glied
tun soll, wird vom Haupt gesteuert. Damit nun die Gemeinde als
eine harmonische Einheit funktioniert wie ein Körper, ist es wich-
tig, dass jedes Glied den Befehlen Folge leistet, die vom Haupt, das
heißt von Christus, gegeben werden. Über das Haupt sind alle Glie-
der miteinander verbunden.
Die Probleme beginnen, wenn ein Glied nicht mit dem Platz zu-
frieden ist, den Gott ihm gegeben hat, denn er ist es ja, der »die
Glieder bestimmt, jedes einzelne von ihnen am Leib, wie er wollte«
(1. Korinther 12,18). Unsere Unzufriedenheit, weil wir keinen be-
deutenderen Platz haben, oder unser Hochmut, weil wir meinen,
dass wir die anderen Glieder nicht brauchen und auch allein zu-
rechtkämen, verursachen, dass der Leib als Ganzes nicht mehr als
eine Einheit funktioniert. Dann denken wir nicht an den Nutzen,
den ein anderes Glied von uns hat, sondern ausschließlich an uns
selbst. Sowohl Unzufriedenheit als auch Hochmut gehen aus Ego-
ismus hervor. Dieser Hochmut lässt sich heute oft in Individualis-
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 158

mus übersetzen. Jeder geht seinen eigenen Gang und kümmert sich
nicht viel um den anderen und um das Ganze. Hauptsache »ich«
fühle mich gut dabei.
Die Christenheit ist ein hoffnungslos zerteiltes Ganzes. Durch
den besagten Individualismus offenbart sich dieselbe Uneinigkeit
leider auch immer mehr in Glaubensgemeinschaften, in denen man
in Übereinstimmung mit Gottes Wort zusammenkommen und le-
ben will. Dadurch entsteht eine Unordnung in den eigenen Reihen.
Das Ergebnis ist Kraftlosigkeit im Kampf gegen den Feind. Die
Gemeinde hat große Gebiete preisgeben müssen, weil die Glieder
nicht alle dabei blieben, unter Anweisung des Hauptes den eigenen
Platz einzunehmen. Die Lösung besteht jedoch nicht darin, alles zu
strukturieren und selbst eine Ordnung hineinzubringen. Es gibt nur
eine Lösung: zurück zur Abhängigkeit vom Haupt und Gehorsam
den Aufträgen gegenüber, die er durch sein Wort gibt. Dann über-
nimmt er den Kampf und sät Verwirrung unter dem Feind.

Andere in den Kampf einbezogen — Vers 23-24


Es ist gut denkbar, dass viele der Männer, die jetzt zusammengeru-
fen werden und sich in den Kampf einmischen, zu den 32.000 ge-
hörten, die sich schon vorher für den Kampf gemeldet hatten. Ob-
wohl sie selbst nicht den Mut und die Hingabe hatten, die für den
Einsatz beim Angriff erforderlich waren, konnten sie jetzt doch ihre
Dienste bei der Vollendung des Werkes beweisen, das andere be-
gonnen hatten. Gideon war nicht so eigensinnig zu denken, dass er
weiterhin auch gut allein zurechtkäme. Sein Verhalten und das sei-
ner 300 Mann werden dabei ein großer Ansporn für die anderen
gewesen sein.

Oreb und Seeb — Vers 25


Die Fürsten und Könige der feindlichen Völker nehmen im Kampf
um das Land immer einen besonderen Platz ein. Sie sind insbeson-
dere ein Bild dämonischer Mächte, die darauf aus sind, das Volk
Gottes in den Untergang zu führen. Sie sind die Anführer und Vor-
denker der Strategie, mit der sie ihre Herrschaft ausüben. Sie le-
gen diese Strategie ihren Untertanen vor und befehlen ihnen, sie
159 Richter 7,22 – 8,1

auszuführen. Das Reich des Satans ist ein gut organisiertes Reich.
Doch, so sagt 2. Korinther 2,11, »seine Gedanken sind uns nicht un-
bekannt«. Wir brauchen uns also nicht von seinen listigen Angrif-
fen überraschen zu lassen.
Wie er zu Werke geht, wird durch die Namen der beiden Fürs-
ten deutlich. Oreb bedeutet »Rabe«, Seeb bedeutet »Wolf«. Hierin
sehen wir die zwei Hauptformen des Bösen, das in der Welt vor-
kommt. Der Rabe stellt den Grundsatz des Verderbens, der Un-
reinheit vor. Der Rabe ist ein unreiner Vogel. Der Wolf stellt den
Grundsatz der Gewalt, des Raubens und Verschlingens vor. Durch
diese beiden Grundsätze, den des Verderbens und den der Gewalt,
hat der Satan seit dem Sündenfall die Welt beherrscht. Die erste
Sünde, die begangen wurde, war die des Verderbens. Durch die
Lüge des Satans, der Eva Glauben schenkte, wurde das Bild Gottes
und das reine Verhältnis zwischen dem Menschen und Gott ver-
dorben. Die zweite Sünde war die der Gewalt, denn Kain erschlug
seinen Bruder Abel. Wir können jede Form des Bösen unter einem
dieser beiden Grundsätze unterbringen. Diesen Formen des Bösen
muss im Leben der Gemeinde Einhalt geboten werden; das heißt,
sie müssen verurteilt werden, wenn sie durch Untreue Zugang zur
Gemeinde gefunden haben und dort das Sagen haben. Lüge und
Gewalt finden an einem Felsen und einer Kelter ihr Ende. In bei-
den sehen wir ein Bild des Kreuzes des Herrn Jesus, an dem der
Feind besiegt wurde.

Kapitel 8

Einleitung
Auch dieses Kapitel dreht sich um Kampf. Der Kampf im vorigen
Kapitel richtete sich gegen einen Feind von außen, der im verhei-
ßenen Land Fuß gefasst hatte. Die Hauptmacht ist geschlagen. Der
Sieg ist errungen, kann aber noch nicht gefeiert werden. Andere
Arten von Kampf stehen noch an: die Folgen von Eifersucht (Vers
1-3), von Verweigerung der Mithilfe (Vers 4-17) und von Schmei-
chelei (Vers 18-31). Die Weise, wie Gideon damit umgeht, liefert
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 160

wieder wichtiges Anschauungsmaterial für unseren geistlichen


Kampf. Das Kapitel endet mit Gideons Tod.

Eifersucht — Vers 1
Ephraim ist ein eifersüchtiger Stamm. In Jesaja 11,13 wird Eifer-
sucht als spezielles Kennzeichen dieses Stammes angegeben. Ihr
eigenes »Ich« ist aufgestachelt, weil sie nicht zum Kampf gerufen
wurden. Ihr Eigendünkel wurde angetastet. In Josua 17,14 sehen
wir bereits, wie schlecht es um Ephraim stand. Sie waren nicht mit
dem ihnen zugewiesenen Land zufrieden. Schließlich waren sie ja
ein großer Stamm und hatten daher Anrecht auf ein größeres Stück.
Sie sahen sich als den wichtigsten Stamm.
Wenn Gott daran arbeitet, die Gläubigen beieinander zu halten,
wird es immer jemanden geben, der neue Schwierigkeiten verur-
sacht. Für Eifersucht ist es unerträglich, dass Gott andere gebraucht,
aber nicht uns! Wenn jemand etwas tut, das der Herr segnet, wird
anstatt eines »Preis dem Herrn« ziemlich schnell eine Frage im Sinne
von »warum hast du mich nicht gerufen?« aufkommen. Diese Fra-
ge läuft auf folgende Ansicht hinaus: »Es kann nicht gut sein, denn
es ist ohne mich geschehen.« Die Ephraimiter sind noch immer
nicht ausgestorben. Den Geist der Eifersucht, der die Ephraimiter
kennzeichnete, finden wir aber keineswegs bei Paulus. Er erfreute
sich daran, dass Christus gepredigt wurde, auch wenn das auf Kos-
ten seiner Person ging (Philipper 1,15-18).

Die Gesinnung Christi — Vers 2-3


Die Gesinnung der Ephraimiter wird gerade durch den Sieg Gide-
ons offenbar; und durch die Reaktion der Ephraimiter wird wie-
derum die Gesinnung Gideons offenbar. Es besteht eine Wechsel-
wirkung. Wenn wir einen Sieg für und durch den Herrn errungen
haben, werden andere auf die Probe gestellt, doch ebenso gut auch
wir. Sind wir durch diesen Sieg wichtig geworden? Gideon tut, was
in Philipper 2,3 steht: »… nichts aus Eigennutz oder eitler Ruhm-
sucht, sondern dass in der Demut einer den anderen höher achtet als
sich selbst«. Das ist das Mittel zur Verhinderung von Zwietracht
oder zur Bewahrung der Einheit unter dem Volk. Er besänftigt ih-
161 Richter 8,1-4

ren Zorn, indem er sie preist: »Eine sanfte Antwort wendet Grimm
ab« (Sprüche 15,1).
Obwohl die Ephraimiter nicht in das eigentliche Gefecht einbe-
zogen waren, achtet er sie höher als sich selbst. Sie hatten mehr
Feinde getötet als er; das hebt er hervor. Es werden mehr Feinde
getötet, wenn sich der Feind auf der Flucht befindet, als zu der
Zeit, wo der Kampf in aller Heftigkeit wütet. Gideon macht ihren
Anteil groß und wichtig und verkleinert seinen eigenen Anteil. Mit
dieser Haltung und Gesinnung gewinnt er gegen seine getäuschten
Brüder und beweist damit, dass er etwas Verhärteteres als eine be-
festigte Stadt überwinden kann. »Ein getäuschter Bruder ist unzu-
gänglicher als eine befestigte Stadt« (Sprüche 18,19). Wir mögen uns
zwar gelegentlich geringschätzig über den Dienst eines anderen
äußern; Jeftah hingegen geht (in Kapitel 12) an diese Sache ganz
anders heran und die Folge ist ein Bürgerkrieg. Darauf werden wir
in Kapitel 12 noch ausführlich zu sprechen kommen.
Die Ephraimiter gingen mit der Vorstellung weg, der Krieg sei
durch ihren Einsatz gewonnen worden. Es kann ein Mittel zur Be-
wahrung des Friedens in der örtlichen Gemeinde sein, dem »lästigs-
ten« Bruder die Vorstellung zu vermitteln, er sei der Beste, indem
man seine guten Seiten stark betont. Das verlangt von uns die Ge-
sinnung der Niedrigkeit, die der Herr Jesus in vollkommenem Maße
hatte. Er wird uns in Philipper 2 zum Vorbild gesetzt. Seine Er-
niedrigung war freiwillig und umfassend. Er suchte allezeit das der
anderen. Sein Vorbild ist das Absolute dafür, was jemand jemals
für einen anderen getan hat. Er kam vom Himmel auf die Erde,
wurde Mensch, wurde ein Sklave und starb den Tod am Kreuz. Eine
größere Erniedrigung ist nicht denkbar. Und wir haben oft die größ-
te Mühe, den geringsten Kniefall vor einem anderen zu machen.
Es geht hier nicht um das Gutheißen einer Sünde. Es geht um un-
sere Gesinnung jemandem gegenüber, der lästig ist und an dem
unsere Gesinnung daraufhin getestet wird, ob wir etwa denken, wir
selbst seien wichtig.

Trotz Erschöpfung weiterkämpfen — Vers 4


Die 300 Mann, die sich kaum die Zeit gönnten, um Wasser zu trin-
ken (Kapitel 7,6-7), begreifen, dass die Zeit zum Ausruhen noch
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 162

nicht gekommen ist. Die Hingabe an die Sache des Herrn beseelt
sie weiterhin. Sie erfahren das Wort aus Jesaja 40,29: »Er gibt dem
Müden Kraft und dem Ohnmächtigen mehrt er die Stärke.« Oft er-
ringt der Feind doch noch einen teilweisen Sieg, weil wir durch Er-
müdung den Kampf vorzeitig beenden. Natürlich sind unsere Kräf-
te begrenzt. Aber es kommt darauf an, dass wir einen Blick für das
Endziel eines bestimmten Kampfes haben. Wir dürfen nicht eher
ruhen, als dieses Ziel erreicht ist. Lesen wir nur einmal in 2. Korin-
ther 11, was Paulus in seinem Dienst für den Herrn alles durchge-
macht hat. Und in Philipper 2 wird ein Mann erwähnt, von dem
Paulus sagt: »Denn um des Werkes willen ist er dem Tod nahe gekom-
men und hat sein Leben gewagt, um den Mangel in eurem Dienst für
mich auszugleichen.« Solche Menschen »haben ihr Leben nicht ge-
liebt bis zum Tod« (Offenbarung 12,11). Menschen mit einer sol-
chen Einstellung machen weiter, trotz ihrer Erschöpfung. Leider
sind solche Kämpfer Gottes selten!

Verweigerung der Mitarbeit — Vers 5-9


Nachdem der Konflikt mit Ephraim durch das sanftmütige Auftre-
ten Gideons beigelegt ist, bekommt er es mit einem neuen Konflikt
zu tun. Beim Konflikt mit Ephraim ging es noch um den Anteil am
Kampf. Der Konflikt, der jetzt entsteht, betrifft solche, die nicht an
dem Kampf teilnehmen wollen. Es geht noch nicht einmal um eine
aktive Teilnahme, sondern lediglich um die Unterstützung derer, die
an der Befreiung des Volkes aktiv beteiligt sind. Gideon hatte ein
Recht auf ihre Anteilnahme und Unterstützung.
Die Einwohner von Sukkot (das im Gebiet des Stammes Gad
lag) rechneten aus, dass 300 erschöpfte Männer niemals gegen
15.000 erfahrene Kämpfer gewinnen könnten. Nach dem ersten
Überraschungsangriff Israels würden sie sich natürlich umgruppie-
ren. Gideon soll erst einmal beweisen, dass er wirklich die Könige
des Feindes erwischen kann. Diese unbestimmte, zögernde und
schließlich abweisende Haltung nehmen die Einwohner von Suk-
kot ein. Sie wollen erst einmal die Ergebnisse sehen. Was sie über-
sehen, ist das Einzige, worauf es wirklich ankommt: Ist der Herr
mit den 300 erschöpften Männern oder nicht? Sie stehen für sol-
che Menschen, die zuerst sehen müssen und dann erst glauben. Sie
163 Richter 8,4-12

wollen zuerst ein greifbares Ergebnis sehen und beabsichtigen, sich


erst dann zu beteiligen. Es geht ihnen um die Dinge, die man sieht.
Das ist der Geist der Welt und des Unglaubens. Hier ist eine Stadt,
die jegliche Gemeinschaft mit den Kämpfern Gottes verweigert.
So etwas kann sehr entmutigend für jeden sein, der sich für den
Herrn einsetzen möchte. Diese Menschen denken noch zu groß
von der Macht des Feindes und legen denen, die sich der Sache
Gottes weihen, allerlei Hindernisse in den Weg.
Paulus hat ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass alle ihn verlie-
ßen, doch er reagierte anders als Gideon. Er sagt: »Es werde ihnen
nicht zugerechnet« (2. Timotheus 4,16). Das heißt nicht, Gideon hätte
falsch reagiert. Es verlangt nach Vergeltung, wenn jemand Brot hat
und es nicht herausgibt, während das doch für den Fortgang des
Zeugnisses nötig wäre. Wer sich dem Werk des Herrn widersetzt,
wird seiner gerechten Strafe nicht entgehen, auch wenn die Zeit
dafür jetzt noch nicht gekommen ist, weil der Kampf alle Aufmerk-
samkeit erfordert.
Pnuel verhält sich genauso wie Sukkot und wird daher dasselbe
Los teilen. Pnuel bedeutet »Angesicht Gottes«. Diese Stadt erin-
nert an das Ringen Jakobs mit Gott, das dort etwa 500 Jahre zuvor
stattgefunden hatte. Dort wurde Jakob an der Hüfte geschlagen,
wodurch er sich beständig dessen bewusst war, dass seine Schwach-
heit Gott die Gelegenheit gab, seine Kraft zu erweisen. Diese Lek-
tion hatten die Einwohner vergessen. Ebenso wie Sukkot sehen sie
auf das, was vor Augen ist und rechnen mit menschlichen Fakto-
ren. Auf die Strafen, die Gideon ankündigt, werden wir bei den
Versen 16 und 17 eingehen.

Der Rest geschlagen — Vers 10-12


Das Hauptziel, das Gideon durch die Verfolgung des Restes der
Midianiter erreichen will, ist die Gefangennahme und das Ausschal-
ten der beiden Könige. Ohne die Befehlsgewalt und die Strategie
dieser Könige war das Heer der Midianiter orientierungslos. Die
Könige mischten sich nicht selbst in den Kampf, sondern befanden
sich im Hintergrund. Von dieser Position aus gaben sie ihre Befeh-
le an die Kämpfer weiter. Diese Könige stehen für böse Mächte in
den himmlischen Örtern, die im Hintergrund operieren ihre Be-
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 164

fehle an die sichtbare Welt weitergeben und ihren Einfluss darauf


ausüben. Die Fürsten aus Kapitel 7,25 stellen hingegen Personen
dar, durch die diese bösen Mächte ihre Befehlsgewalt ausüben.
Die Bedeutungen der Namen dieser Könige drücken deren Cha-
rakter gut aus. Sebach bedeutet »ein gottesdienstliches Opfer« oder
»ein Schlachtopfer zum Opfern«. Zalmunna bedeutet »ein verbo-
tener Schatten« oder »ein geistlicher Todesschatten«. Die Tatsa-
che, dass es sich um zwei Könige handelt, weist auf die Verschie-
denheit der Bosheit innerhalb des Befehlsbereiches Satans hin, des
»Fürsten der Macht der Luft« (Epheser 2,2). Sebach stellt nicht ein
Opfer für Gott vor, sondern die Schlachtung, die der Satan erbar-
mungslos unter Gottes Volk anrichten will. Zalmunna bezeichnet
die Umgebung, in der dies stattfindet.
Wenn wir wirklich frei sein wollen, also ungebunden, dürfen wir
diesen Feinden nicht erlauben, in unserem Leben Einfluss zu neh-
men. Zank (wie wir bereits wissen, die Bedeutung des Namens
Midian) ist ein Feind, der auch heute zahllose Opfer unter dem
Volk Gottes fordert. Das Gebiet, auf dem, und die Umgebung, in
der sich Zank abspielt, ist der Bereich des Todesschattens. Zank
bringt kein Leben, sondern sät Tod und Verderben. Diese beiden
Könige befanden sich nicht umsonst in der Stadt Karkor, was so
viel bedeutet wie »Stadt der Verwüstung«. Ein wirklich passender
Name!
Es gibt noch einen Aspekt an diesem Sieg, den wir beachten soll-
ten. Der Sieg über Midian ist nämlich eine Vorschattung des end-
gültigen Sieges, den Israel in der Zukunft über seine Feinde errin-
gen wird. Darüber können wir in Psalm 83 und Jesaja 9,3-4 lesen.

Die Vergeltung — Vers 13-17


Bevor er mit den gefangen genommenen Königen abrechnet, löst
Gideon zuerst seine Versprechen an Sukkot und Pnuel ein. Diese
beiden Städte hatten sich nicht nur neutral im Kampf verhalten,
sie hatten sich sogar geweigert, sich mit den Kämpfern für Gott
einszumachen und hatten ihnen die notwendige Unterstützung vor-
enthalten. Das bedeutete, dass sie praktisch die Seite des Feindes
gewählt hatten. Wer Gottes Volk die Mittel vorenthält, durch die
es Kraft zum Kampf empfängt, während diese Mittel durchaus be-
165 Richter 8,12-17

reitliegen, macht es dem Feind gerade recht. Dieser hat es dann


mit einem geschwächten Widersacher zu tun. Gideons Empörung
ist somit gerechtfertigt. Um seiner Empörung angemessen Aus-
druck verleihen zu können, gebraucht er einen Jungen aus Suk-
kot, den er in die Finger bekommen hat. Er lässt ihn die Namen
derer aufschreiben, die er für das Verhalten der Stadt zur Verant-
wortung ziehen will. Als er in der Stadt ankommt, erinnert er die
Männer der Stadt an ihre Haltung und ihre höhnischen Bemer-
kungen. Sie werden gewiss beschämt dagestanden haben. Nun
müssen sie sich der angekündigten Zucht beugen. Gideon züch-
tigt sie, weil sie sich dem Feind gegenüber freundlich verhalten
haben, und zwar in einem Augenblick, wo die Knechte Gottes er-
schöpft waren und doch die Verfolgung standhaft fortsetzten. Dor-
nen und Disteln lassen ihre scharfen Stacheln spüren und erinnern
sie noch lange daran, wie unentschlossen sie am Tag der Entschei-
dung waren. Es war eine »empfindliche Lektion«. Die Dornen und
Disteln als Zuchtmittel stellen Drangsale, Enttäuschungen und Lei-
den dar, die nötig sind, um solche, die in ihrem Bekenntnis zum
Herrn Jesus unentschlossen waren, zur Umkehr zu bringen und
einsehen zu lassen, dass sie betreffs der Sache Gottes einen Fehler
gemacht haben.
In Pnuel riss er den Turm nieder, der dieser Stadt wahrschein-
lich ein bedeutsames Ansehen gab, und tötete ihre Männer. Auch
hier wird das Gericht an denen vollzogen, die gegen den Feind hät-
ten kämpfen können, indem sie zumindest die Männer Gideons
bei ihrer Verfolgungsjagd ermutigt hätten. Ihr Verhalten war Folge
purer menschlicher Berechnung. Solche Gedanken sind Festungen,
die sich gegen die Erkenntnis Gottes erheben und die niedergeris-
sen werden müssen. Der Turm von Pnuel scheint ein Symbol des
menschlichen Denkens, Beurteilens und Selbstvertrauens zu sein
und dafür ist kein Platz (siehe 2. Korinther 10,4-5). Der erste Turm,
von dem in der Bibel die Rede ist, wird in 1. Mose 11 erwähnt. Die
Geschichte ist als der Turmbau von Babel bekannt. Warum dieser
Turm gebaut wurde, steht dabei: »So wollen wir uns einen Namen
machen« (Vers 4). Der Turm diente zur Verherrlichung des Men-
schen. Wer einen solchen Turm besitzt und in Ehren hält, wird sich
vom Kampf des Glaubens abseits halten. Aber wer für den Glau-
ben kämpft (Judas 3), reißt diesen Turm nieder.
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 166

Sebach und Zalmunna getötet — Vers 18-21


Der Sieg ist errungen, doch er muss noch abgerundet werden. Die
Gefahren sind noch nicht endgültig verschwunden. Die Gefahr ver-
birgt sich im Schwanzstachel. Nach dem Sieg treten einige subtile
Gefahren ans Licht und zwar in Form von schmeichelnden Wor-
ten. Zum ersten Mal kommen solche aus dem Mund des Feindes
hervor. Nach dem Schwert des Feindes bekommt Gideon es nun
mit dessen Mund zu tun. Möglicherweise hat der Sieg Gideon doch
ein wenig selbstsicher gemacht; er scheint jedenfalls seine Abhän-
gigkeit vom Herrn etwas zu verlieren. Warum begann er mit seinen
Feinden zu sprechen? Es war doch klar, dass sie getötet werden
mussten! Er will sie zur Verantwortung für den Mord an seinen
Brüdern ziehen. Aber indem er mit ihnen ins Gespräch kommt,
öffnet er sich für ihren Einfluss. Es ist genauso wie bei Eva, die
auch mit der Schlange (dem Teufel) ins Gespräch kam und dadurch
unter seinen Einfluss gelangte. Das hatte für sie und für das ganze
Menschengeschlecht fatale Auswirkungen. Jetzt, wo die Macht der
beiden Könige gebrochen ist, versuchen sie Gideon mit ihren
schmeichelnden Worten zu betören. Und obwohl er sich von ihrer
Schmeichelei nicht beeindrucken lässt, scheint er sich doch nicht
ganz ihrem Einfluss entziehen zu können. Er verliert das wahre
Verständnis der Macht des Feindes und sagt zu seinem Sohn, dass
er sie töten solle. Ganz anders war es in Josua 10,22-27, wo Josua
fünf Könige gefangen genommen hatte. Den Auftrag, diese Köni-
ge zu töten, erteilte Josua nicht jungen Männern, sondern »den
Anführen der Kriegsleute, die mit ihm zogen«. Es ist nicht anzuneh-
men, dass der Junge zu den 300 Männern gehörte. Der Junge war
ängstlich, und alle, die Angst gezeigt hatten, waren schon wegge-
gangen, bevor der Kampf begann. Gideon überschätzt die Kraft
seines Sohnes. Das ist eine Lektion für alle Eltern (und Leiter), die
mit einer gewissen Genugtuung bemerken, dass ihre natürlichen
(oder geistlichen) Kinder am geistlichen Kampf mitwirken. Sie dür-
fen sich nicht dazu verführen lassen, von ihnen Dinge zu verlan-
gen, die ihre (geistliche) Kraft übersteigen. Oft sind das die Situa-
tionen, in denen die Macht des Feindes unterschätzt wird.
Nach dieser »Niederlage« Gideons lässt der Feind wiederum
schmeichelnde Worte hören, diesmal mit herausfordernden Wor-
167 Richter 8,18-23

ten. Ihre Äußerung hat mit der Ehre zu tun, an die sie sich selbst
halten wollten: Sie wollten lieber durch die Hand des Anführers als
durch die Hand eines Jungen sterben. Gideon nimmt diesmal die
volle Verantwortung auf sich und tötet die beiden Könige. Er nimmt
jedoch etwas von ihnen als eine Art Kriegsbeute mit, eine Trophäe,
ein Gedenkzeichen des Sieges. Es ist möglich, dass die Halbmon-
de, die er von den Kamelen der Könige holt, darauf hinweisen, dass
die Midianiter Anbeter des Mondgottes waren. Es ist ein Symptom,
das andeutet, dass Gideon nicht Gott alle Ehre gab und selbst auch
eine Erinnerung an seinen Sieg aufbewahren wollte. Von keinem
der anderen von Gott gegebenen Richter lesen wir, dass sie etwas
Derartiges getan hätten. Allein Simson geht noch einen Schritt
weiter. Bei ihm sehen wir nicht, dass er eine Sache vom Feind mit-
nimmt, sondern eine Person. Diese sorgt dafür, dass er in seinem
Dienst versagt und endgültig zu Fall kommt. Bei Gideon geht es
nicht so weit. Aber es scheint, als sei der Keim für sein kommendes
Versagen bereits hier gelegt.

Einem Fallstrick entlaufen — Vers 22-23


Die nächste Schmeichelei, mit der Gideon es zu tun bekommt,
kommt nicht von Seiten der Welt, sondern von der Seite des Volkes
Gottes. Sie wollen einen sichtbaren Führer, ebenso wie die Natio-
nen. Wovor Gott in Kapitel 7,2 gewarnt hatte, geschieht hier. Sie
schreiben den Sieg einem Menschen zu. Sie geben Gideon die Ehre,
die allein Gott zukommt. Zudem wollten sie durch Nachfolge die
Monarchie sicherstellen. Man wusste ja schließlich nie, wer der
nächste Richter sein würde. Das Erbkönigtum bot ein Stück Si-
cherheit. Alles erscheint so vernünftig, aber es deutet darauf hin,
dass das Volk seine wahre Abhängigkeit von Gott verloren hat.
Es wird heute viel über Führerschaft gesprochen. Ihre Bedeu-
tung wird immer mehr betont. Ohne deutliche Führerschaft werde
es dem Volk Gottes nicht gut ergehen. Doch vieles von solchem
Gerede deutet in Wirklichkeit darauf hin, dass man keinen Weg mit
der Führerschaft des Herrn Jesus weiß, die er durch den Heiligen
Geist ausübt. Das heißt nicht, es gäbe keine Brüder mit der Gabe
der Leitung oder die als Führer oder Aufseher oder Älteste fun-
gierten. Doch fehlt Gottes Volk oft der geistliche Zustand dazu,
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 168

solche Menschen zu erkennen und anhand der geistlichen Kennzei-


chen, die in der Schrift angegeben werden, anzuerkennen. Dann
werden einfach Männer ernannt oder öffentlich benannt oder wie
immer man es nennen will. Jedenfalls will man äußerlich hören und
sehen können, wer die Führer sind. Damit ist der Keim für den
Unterschied zwischen »Geistlichen« und »Laien« gelegt. Was Isra-
el verlangt, ist mit der Einführung eines Klerus, einer Geistlichkeit,
zu vergleichen. Der Diener wird groß gemacht und Gott wird ver-
gessen. Später wird Israel diese Frage wiederholen; dann bekommt
das Volk allerdings einen König in Saul (1. Samuel 8). Erst danach
gibt Gott den Mann nach seinem Herzen, David (1. Samuel 16).
Glücklicherweise durchschaut Gideon die Gefahr der Bitte und
verweigert es, König zu werden. Er weist sie auf Gott als ihren Kö-
nig hin. Das muss auch uns als Antwort dienen, wenn Bemerkun-
gen kommen, jemanden oder einige ohne göttliche Bevollmächti-
gung in der Führerposition zu bestätigen. Ein Führer nach Gottes
Gedanken wird jede Bestätigung durch Menschen von der Hand
weisen. Paulus gibt in Galater 1,1 eine gute Beschreibung seiner
Apostelschaft. Als Apostel war er ein Führer ersten Ranges, doch
seine ganze Apostelschaft ist losgelöst vom Menschen, so dass er
sagen kann, dass er Apostel ist »nicht von Menschen, auch nicht
durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus«. Das heißt, dass
der Ursprung, die Quelle seiner Apostelschaft, nicht bei einem Men-
schen lag und dass er auch nicht durch einen Menschen in dieser
Apostelschaft bestätigt wurde.

Das Ephod — Vers 24-27


Worum Gideon jetzt bittet, stammt nicht von anderen, sondern diese
Begierde entspringt in seinem eigenen Herzen. Die Worte, mit de-
nen er das Königtum abweist, sind kaum ausgesprochen, da streckt
er seine Hand nach dem Priestertum aus. Er bittet das ganze Volk
um einen Beitrag für die Anfertigung eines Ephods. Das Ephod ist
ein Kleidungsstück, das allein vom Hohenpriester oder von Pries-
tern getragen wurde. Daher kam es Gideon nicht zu, ein solches
Ephod anzufertigen. Seine Bitte hätte er mit dem Hinweis auf das
Opfer, das er gebracht hatte und auf den Altar, den er in Ofra auf-
gerichtet hatte (Kapitel 6), verteidigen können. Hatte er dort nicht
169 Richter 8,23-28

etwas wie einen priesterlichen Dienst verrichtet? Doch der Altar,


den er dort gebaut hatte, hatte keinen vermittelnden Charakter. Er
diente nicht dazu, im Namen des Volkes sich Gott zu nahen.
Gideons Ephod sollte ein Gedenkzeichen des errungenen Sie-
ges werden. Daher bat er das ganze Volk, etwas dafür zu geben.
Machen wir das nicht auch alles einmal: ein Andenken des Sieges,
den der Herr uns gegeben hat, anfertigen oder aufhängen? Wir
erzählen gern von unseren Siegen, dem Segen, den der Herr durch
unseren Dienst geben wollte; natürlich alles unter dem Deckman-
tel, dass es zur Ehre des Herrn sei. Aber ist es nicht so, dass wir
eigentlich Trophäen für uns selbst »aufhängen«? Waren wir nicht
die gefeierten Werkzeuge? So etwas wird uns zu einem Fallstrick.
Das Volk ist sofort bereit, diesen Beitrag zu liefern. Wenn ein
Mensch etwas dazu beitragen darf, ein Gedenkzeichen für einen
bestimmten Sieg zu machen, wirkt er gern daran mit. So stellt Gide-
on jetzt an dem Ort, wo zuerst ein Bild für Baal stand, das er nie-
dergerissen hatte, ein Bild für Gott auf. Doch das Resultat ist das-
selbe: Götzendienst. Das Ephod wird als ein Mittel betrachtet, durch
das man Gott nahen könne. Doch weil das Ephod nicht mit dem
Hohenpriester in Verbindung stand, der es tragen musste, und es
somit lediglich eine Form war, wird es hier zu einem Mittel zum
Götzendienst.
Alles, was in der Christenheit von Christus getrennt wird, wird
zu einem Mittel zum Götzendienst. Die Form tritt an die Stelle des
Inhalts. So wird z. B. gesagt, man empfange durch die Taufe neues
Leben. Gleiches sagt man vom Abendmahl. Ebenso kniet man vor
einem Kruzifix. Solche Ergebnisse sind im Gemeindeleben zu er-
warten, wenn man sich von religiösen Gefühlen leiten lässt, ohne
sich von dem leiten zu lassen, was Gott in seinem Wort über die
Gemeindepraxis und die Anbetung seiner Person gesagt hat. Es
wird nicht allein für Gideon zu einem Fallstrick; er zieht sein gan-
zes Haus mit in diesen Götzendienst hinein. Das zeigt den Ernst
der folgenden Worte, die ich einmal hörte: Den Weg von Gott weg
geht man nicht allein!

Gideons weiteres Leben — Vers 28-31


Nachdem wir alles über den Kampf gehört haben sowie über die
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 170

Ereignisse, die direkt daraus hervorgingen, kommt in Vers 28 die


Schlussfolgerung. Midian ist geschlagen und das Volk hat unter
der Führung Gideons vierzig Jahre Ruhe. Doch damit ist die Ge-
schichte Gideons nicht zu Ende. Es scheint, als habe Gideon es
sich gemütlich gemacht und den Lüsten des Fleisches nachgege-
ben, als die Tage seines Kampfes für Gott vorbei waren. Nicht
umsonst steht in Epheser 6,13 für den Christen die Warnung, dass
er sich nach einem errungenen Sieg nicht auf seinen Lorbeeren
ausruhen soll. Er soll die ganze Waffenrüstung Gottes aufnehmen,
nicht allein während des Tages des Kampfes, sondern auch, um
am bösen Tag zu widerstehen und, wenn alles ausgerichtet ist, ste-
hen bleiben zu können. Gideons weiteres Leben ist leider ein spre-
chendes Beispiel dafür, dass er dies nicht berücksichtigt hat. Er
zieht sich in aller Ruhe in sein Haus zurück, nimmt sich viele Frau-
en und bekommt dadurch eine große Nachkommenschaft. Einer-
seits ist das ein Beweis des Erfolges. Im gleichem Maße, wie Wohl-
stand und Einfluss einer Person zunahm, wuchs auch ihr Harem.
König Ahab hatte 70 Söhne (2. Könige 10,1) und manche der Nach-
folger Gideons hatten ebenfalls viele Söhne (Richter 10,4; 12,9.14).
Andererseits sind der Hass und Mord, die in Gideons Familie ein-
dringen, geradezu charakteristisch für diese alttestamentlichen
Fälle von Polygamie.
In dieser Zeit bekommt Gideon auch einen Sohn von seiner
Nebenfrau aus Sichem, dem er den Namen Abimelech gibt. Die-
ser ist der einzige Sohn Gideons, dessen Name erwähnt wird. Das
geschieht nicht umsonst. Das nächste, sehr lange Kapitel wird uns
den Charakter dieses Mannes vor Augen führen und zeigen, was
für eine Quelle des Elends er sein wird. In seiner Geschichte wer-
den wir sehen, dass Gideons spätere Bequemlichkeit und Genuss-
sucht zu einer fruchtbaren Quelle für das Böse wird. Allein der
Umstand, dass die Mutter Abimelechs nicht in Ofra wohnte, son-
dern irgendwo anders, ist aufschlussreich. Gideon wollte die Lüs-
te, aber nicht die Lasten. Noch aufschlussreicher ist die Bedeu-
tung des Namens, den er diesem Kind gibt. Abimelech bedeutet
nämlich »mein Vater ist König«. Das ist ein Name, den auch Köni-
ge der Philister tragen (siehe 1. Mose 20, 21, 26). Dass Gideon
seinem Sohn diesen Namen gibt, lässt etwas von dem erkennen,
was möglicherweise in seinem Herzen mitgespielt hat: Es ist nicht
171 Richter 8,23-31

undenkbar, dass die Schmeichelei der Verse 18 und 22 doch ihren


Einfluss gehabt hat.
Wer etwas von seinem eigenen Herzen kennt, weiß, wie leicht
bestimmte Schmeichelei in seinem Denken Fuß fassen kann. Sie
kann uns im Gedächtnis bleiben und »im Untergrund« kann der
Gedanke, wir wären wichtig und jemand, zu dem andere aufsehen
könnten, doch weiterhin eine Rolle spielen. Bei bestimmten Gele-
genheiten kann dieser Gedanke dann nicht mehr unterdrückt wer-
den und tritt in den Vordergrund. Dann wird sich die eigene Wich-
tigkeit Geltung verschaffen und dann ist der Herr nicht mehr Num-
mer eins. Allein dann, wenn man solche Gedanken radikal verur-
teilt und sie »im Tod« hält, ist es möglich, davor bewahrt zu blei-
ben, dass sie wieder eine aktive Rolle zu spielen beginnen. Wer
solche Gedanken radikal verurteilt, setzt in die Tat um, wozu Ko-
losser 3,5 aufruft: »Tötet nun eure Glieder, die auf der Erde sind:
Unzucht, Unreinheit, Leidenschaft, böse Begierde und Habsucht, die
Götzendienst ist.« Ist die Begierde nach eigener Wichtigkeit keine
böse Begierde? Ist sie keine Form der Habsucht, eine Stellung ein-
nehmen zu wollen, die allein Gott zukommt? Sie ist nichts ande-
res als Götzendienst! Daher muss mit solchen Dingen gebrochen
werden. An Stelle dieser Begierden kann dann treten, was in Ko-
losser 3,12 steht: »herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Lang-
mut«.
Das Zweite, das ich erwähnte, nämlich diesen Gedanken im Tode
zu halten, ist die Verwirklichung von Römer 6,11: »So auch ihr:
Haltet euch der Sünde für tot, Gott aber lebend in Christus Jesus.«
Hier haben wir den Schlüssel dafür in Händen, hochmütigen Ge-
danken – denn um solche handelt es sich – das Genick zu brechen
und nicht zuzulassen, dass sie wieder aufkommen. Die Grundlage
für eine solche Haltung dem Hochmut gegenüber liegt in dem, was
der Herr Jesus am Kreuz tat. Darum geht es in den Versen, die
dem Vers 11 von Römer 6 vorausgehen. Daher ist es so wichtig, vor
allem den Römerbrief gründlich zu studieren. Wir erhalten dann
Einsicht, wer wir selbst von Natur aus sind, was Gott in Christus
mit uns getan hat und wie wir uns als Folge dessen Gott gegenüber
sehen dürfen. Das gibt uns die richtigen Waffen in die Hände, um
der Sünde jeden Anspruch auf uns und jede Autorität über unser
Leben zu nehmen.
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 172

Gideons Ende — Vers 32-35


Das Ende Gideons ist ein Zeugnis des Geistes darüber, wer er für
Gott gewesen ist. Von ihm (und im weiteren Verlauf nur noch von
Simson) wird in diesem Buch gesagt, dass er im Grab seines Vaters
begraben wurde. Weiter heißt es, dass er »in gutem Alter« starb.
Soweit ich weiß, wird dies im Alten Testament nur noch von Abra-
ham (1. Mose 15,15 und 25,8) und von David (1. Chronika 29,28)
gesagt.
Leider folgen die Israeliten nicht dem Guten, das in Gideons
Leben zu erkennen gewesen ist, sondern dem Verkehrten, wozu
Gideon in seinem Leben ebenfalls Anlass gegeben hat. Durch das
Anfertigen des Ephods hat er das Volk auf den Weg des Götzen-
dienstes zurückgebracht. Dadurch richtete er sein Werk von Kapi-
tel 6,25-27 zugrunde und hat den Keim für ein erneutes Abweichen
des Volkes Gottes gelegt. Die Israeliten »hurten den Baalim nach«.
Rund 40 Jahre, nachdem Gideon den Altar des Baal niedergeris-
sen hatte, machten sich die Israeliten den Baal-Berit zum Gott. Baal-
Berit bedeutet »Herr des Bundes«. Die Anbetung Baals war ein
Zeichen eines Bundes mit den Kanaanitern, von etwas, was Gott
so ausdrücklich verboten hatte. Das Volk vergisst Gott und auch
das Gute, das Gideon für das Volk getan hatte.
Trotz der Tatsache, dass Gideon eigentlich an dieser Entwick-
lung mitgewirkt hatte, macht Gott die Israeliten selbst für ihr Ver-
halten verantwortlich. Er tadelt sie für ihre Undankbarkeit dem
gegenüber, was Gideon getan hat. Undankbarkeit ist auch ein Kenn-
zeichen unserer Zeit. Wie gehen wir mit Brüdern um, die uns ge-
dient haben und die uns durch die Verkündigung des Wortes Got-
tes den Herrn Jesus größer gemacht haben, sodass unsere Anbe-
tung wesentlich tiefer wurde? Außerdem haben sie unseren Wunsch
vermehrt, dem Wort Gottes zu gehorchen, sodass wir begonnen
haben, ihm mit gesteigerter Hingabe zu dienen. Wir müssten dank-
bar sein für Menschen, die durch ihre Verkündigung und ihr Leben
Christus näher zu uns und uns näher zu Christus gebracht haben.
Von solchen Menschen lesen wir zum Beispiel in Römer 16,3-4 und
in Hebräer 13,7.17.
173 Richter 8,32 – 9,1

Kapitel 9
Einleitung
Dieses Kapitel ist eine Fortsetzung der letzten Verse des vorheri-
gen Kapitels, wo von einem erneuten Abweichen vom Herrn die
Rede war. Hier lesen wir von einem noch weiter gehenden Verlas-
sen Gottes. Die Folge ist Sklaverei und Erniedrigung. Aber hier ist
die Sklaverei nicht die Folge einer feindlichen Macht von außen,
sondern von innen. Die vorausgegangenen »Lektionen« drehten
sich um die Haltung des Volkes seinen Feinden gegenüber; die »Lek-
tion« hingegen, die wir in der Geschichte Abimelechs zu sehen be-
kommen, hat mit den Beziehungen innerhalb des Volkes Gottes zu
tun.
In Abimelech begegnen wir jemandem, der nicht gegen Feinde
kämpft, sondern stattdessen über Gottes Volk herrscht. Ihm und
seinem Verhalten wird das längste Kapitel des Buches Richter ge-
widmet, ganze 57 Verse. Abimelech ist kein Befreier Israels, son-
dern er ist jemand, der einen Grundsatz vorstellt, der auch bei ei-
nem gewissen Diotrephes zu sehen ist. Diotrephes wird vom Apos-
tel Johannes in seinem dritten Brief erwähnt. Er ist jemand, »der
gern unter ihnen (das heißt in der Gemeinde) der Erste sein will«
(3. Johannes 9). Er ist jemand, der sich Autorität anmaßt, unter
Ausschluss anderer, wie Johannes weiter von ihm sagt: Er »nimmt
uns nicht an«. Er duldet keine Konkurrenz. Dieses Auftreten sehen
wir in Abimelech veranschaulicht. Es fällt auf, dass er nicht ein ein-
ziges Mal den Namen Gottes nennt. Zudem ist er eine der düste-
ren Personen, die im Alten Testament eine Vorschattung des Men-
schen der Sünde, des Antichristen, darstellen. Das sollten wir im
Auge behalten, wenn wir uns mit seiner Geschichte beschäftigen.
Das Wichtigste ist jedoch, dass er etwas von dem erkennen lässt,
was in unser aller Herzen vorhanden ist. Es steckt uns allen im Blut,
der Erste, der Wichtigste sein zu wollen. Wir müssen auf den Herrn
Jesus blicken, der sich selbst zu nichts machte und Diener aller wur-
de. Er ist »nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu
dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele« (Matthäus
20,28). Das hat er nicht nur gesagt, sondern auch praktiziert. Da-
rum kann er zu seinen Jüngern sagen, als sie sich darüber streiten,
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 174

wer unter ihnen wohl der Größte sein darf (dieser Geltungsdrang
steckte also auch in ihnen): »Ihr aber nicht so! Sondern der Größte
unter euch sei wie der Jüngste und der Führende wie der Dienende.
Denn wer ist größer, der zu Tisch Liegende oder der Dienende? Nicht
der zu Tisch Liegende? Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende«
(Lukas 22,26-27). Lasst uns bei der Betrachtung des Auftretens von
Abimelech stets auf den Gegensatz zum Auftreten unseres Hei-
lands achten.

Der Griff nach der Macht — Vers 1-6


Abimelech wird nicht Richter genannt. Er ist auch nicht von Gott
dazu erweckt worden, Israel zu befreien. Vielleicht ist er aber durch
die Bedeutung seines Namens (»mein Vater ist König«) auf die Idee
gekommen, auf Grundlage der Sukzession die Herrschaft zu bean-
spruchen. Sein Vater war der Führer des Volkes; er sollte ebenfalls
Führer sein. Wie dem auch sei, fordert er schließlich, was sein Va-
ter verweigert hatte und wird auf diese Weise jemand, der ȟber
seinen Bereich herrscht« (1. Petrus 5,3). Er gehört zu der Art von
Menschen, die Paulus meinte, als er in Apostelgeschichte 20,30 zu
den Ältesten von Ephesus sagte: »Und aus eurer eigenen Mitte wer-
den Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger ab-
zuziehen hinter sich her.« Wie in der Einleitung gesagt, ist er ein
Diotrephes. Abimelech gehört zu der Sorte Menschen, die die
Gemeinde so leiten, wie Manager ihre Firmen. Ein solcher Mensch
wird immer versuchen, Menschen um sich zu sammeln, um so sei-
ne Ideen über die Gemeindepraxis zu verwirklichen und Verände-
rungen durchzusetzen. Um dieses Ziel zu erreichen, erweist er sei-
ne Gunst, damit man sich ihm verpflichtet fühlt. Sein Werbekam-
pagne läuft gut und seine Sprache kommt an.
Abimelech tut so, als wollte er sich für die Belange seiner Fami-
lie einsetzen und geht geschickt auf ihre Gefühle ein, während er
seine 70 Halbbrüder beiseite schafft. Er präsentiert sich nicht als
der Sohn Gideons, sondern nimmt den Charakter seiner Mutter
an. Gideon hat seine 70 Söhne zweifellos in seinem eigenen Haus
aufgezogen, während Abimelech in Sichem aufgewachsen ist. Er
kennt überhaupt keinen Respekt gegenüber seinen Halbbrüdern.
Als er einmal gewählt ist, lässt er sie umbringen. Dafür bezahlt er
175 Richter 9,1-7

pro Person ein Silberstück an nichtswürdige Leute, die alle 70 Brü-


der gefangen nehmen und festhalten, während Abimelech sie ei-
nen nach dem anderen auf einem Stein tötet. Vielleicht handelte
es sich hierbei um den Stein, den Josua in Sichem als Zeugen ge-
gen das Volk aufrichtete (Josua 24,25-27). Dass das Geld aus dem
Götzentempel kommt, stört ihn nicht im Geringsten.
Abimelech will sich selbst erhöhen und ähnelt darin der Person,
die in Daniel 11,36 beschrieben wird. Ich habe bereits auf die Ent-
sprechung zwischen Abimelech und dem Antichrist hingewiesen.
Die Kennzeichen des Antichrist erfahren wir in 1. Johannes 2,22;
4,3 und 2. Thessalonicher 2,3-4. Der Antichrist geht genauso zu
Werke wie Abimelech. Auch er wird durch schöne Worte die Gunst
des Volkes zu gewinnen wissen (Psalm 55,22; Daniel 11,32). Bei
Absalom, einem Sohn Davids, finden wir dieses Kennzeichen
(schmeichelnde, gewinnende Sprache) ebenfalls. Sein Verhalten
wird in 2. Samuel 15,1-6 beschrieben. Der Abschnitt endet mit den
Worten: »So stahl Absalom das Herz der Männer von Israel.« Genau
das tut auch Abimelech hier.
Ein Mann entkommt dem Mordkommando: Jotam (siehe auch
2. Chronik 22,10-12). Sein Name bedeutet »der Herr ist vollkom-
men«. Er ist ein wahrer Zeuge seines Namens. Gott wird niemals
ohne einen Zeugen sein. Jotam legt sein Zeugnis in den folgenden
Versen ab. Er ist ein wahrer Antipas, das bedeutet »einer gegen
alle«. Einem Antipas begegnen wir in Offenbarung 3,13. Er stellt
den treuen Überrest dar, den Gott zu allen Zeiten aufrechterhält,
nach der Wahl seiner Gnade (Römer 11,5).
Abimelech ist der erste Mensch, der sich in Israel zum König
ausrufen lässt. Er setzt sich völlig über 5. Mose 17,14-20 hinweg,
wo Gott seine Anforderungen für dieses Amt niedergelegt hat. Iro-
nischerweise findet die Huldigung in der Nähe des Baumes in Si-
chem statt, wo Josua dem Volk das Buch des Gesetzes Gottes gege-
ben hatte (Josua 24,26).

Das Gleichnis Jotams — Einleitung zu Vers 7-21


Jotam geht es mit seiner Parabel bzw. seinem Gleichnis darum, zu
verdeutlichen, dass das Herrschen über andere das Verderben des
Segens Gottes bedeutet, den Gott geben will. Wo Menschen die
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 176

Chance zu herrschen bekommen, werden wesentliche Dinge ver-


dorben: das Wirken und der Segen des Heiligen Geistes (darge-
stellt im Olivenbaum), die Freude (dargestellt im Weinstock) und
die Gerechtigkeit (dargestellt im Feigenbaum), allesamt Gaben
Gottes. Das Endresultat des Herrschens ist im Dornstrauch zu se-
hen (mittels dessen die Einwohner von Sukkot eine empfindliche
Lektion gelernt hatten), der nichts anderes als Schmerzen verursa-
chen wird. Hier wird gezeigt, worauf menschliche Regierung im
Haus Gottes immer hinausläuft. Der Baum ist ein Bild einer regie-
renden Macht. Wir können das beispielsweise auch bei Nebukad-
nezar sehen (Daniel 4,20-22). Bei den Bäumen geht es immer um
das Fruchttragen und die Preisgabe der Frucht, wenn sich mensch-
liche Herrschaft breit macht. Von Natur wollen Menschen gerne
von jemandem regiert werden, in dessen Leben Frucht zu sehen
ist. Der wahre Geist des Regierens ist der Geist des Dienens, wie es
aus Lukas 22,27 deutlich wird. Autorität in einem herrschenden
Sinn auszuüben, ist von viel geringerem Wert als fruchtbares Die-
nen.
In der Parabel von den Bäumen legt Jotam Abimelechs Charak-
ter bloß sowie das unrechte und unehrliche Handeln der Bürger
Sichems gegen die Erinnerung an seinen Vater Gideon. Wir wer-
den sehen, dass wir Jotams Geschichte auf die Führerschaft bei
Personen anwenden können, aber auch auf die Überbetonung ei-
ner bestimmten Lehre. Das Ziel des Gleichnisses ist, dass wir die
Führung Gottes erkennen und aufpassen, dass wir uns selbst nicht
in einer solchen Position behaupten oder uns von anderen bestäti-
gen lassen, die uns einen Ehrenplatz geben wollen.

Wo und warum Jotam spricht — Vers 7


Als Jotam berichtet wird, dass Abimelech zum König ausgerufen
worden ist, legt er seine Hände nicht in den Schoß. Er geht auf den
Berg Garizim, den Berg des Segens (5. Mose 27,12). Damit zeigt
er, dass er Segen für das Volk sucht. Dafür will er sich von Gott
gebrauchen lassen und so die Aufgabe erfüllen, die Gott ihm gege-
ben hat. Wer wie Jotam durch die Gnade Gottes dem Gericht ent-
kommen ist, kann als geeignetes Werkzeug zum Segen für jene ge-
braucht werden, die sich von Gott abgewandt haben.
177 Richter 9,7-9

Jotam kündigt das Gericht nicht ohne weiteres an. Was er zu


erzählen hat, ist von tiefer Bedeutung. Er sprach nicht in Rätseln.
Jeder verstand sehr gut, wovon er sprach. Er stellt den Weg des
Segens vor und gibt zu erkennen, was die Folgen sind, wenn man
diesen Weg nicht gehen will. Wer auf ihn hört, also die Wahrheit
seiner Worte erkennt und danach handelt, wird einen offenen Weg
zu Gott finden und zugleich auf ein offenes Ohr bei ihm stoßen. So
steht dort der Einzelgänger, der zum Segen für das ganze Volk sein
will. Das Gleichnis Jotams enthält das Geheimnis, wie man von Gott
erhört wird.

Der Olivenbaum — Vers 8-9


Als erster Baum kommt der Olivenbaum zu Wort. Er ist ein Bild
der Energie und Erleuchtung, Kraft und Frucht des Heiligen Geis-
tes. Olivenöl sorgte dafür, dass im Heiligtum der Leuchter ständig
brannte, sodass dort Licht war (2. Mose 27,20). Wir lesen auch,
dass im Alten Testament Priester, Propheten und Könige mit Öl
gesalbt wurden. Im Neuen Testament werden die Gläubigen als
Priester und Könige gesehen (Offenbarung 1,6) und sie werden
geschildert als solche, die gesalbt sind, nicht mit buchstäblichem
Öl, sondern mit dem Heiligen Geist (1. Johannes 2,20.27). Öl ist
also ein Bild für den Heiligen Geist.
Wenn nun im Leben eines Menschen das Werk des Heiligen Geis-
tes deutlich sichtbar wird, ist es sehr wahrscheinlich, dass man ihn
bitten wird, die Leitung zu übernehmen. Es kann in einer Glau-
bensgemeinschaft auch vorkommen, dass man die Wirkung und das
Reden des Heiligen Geistes so sehr überbetont, dass damit sein
wahrer Platz verloren geht. Dann werden die Geistesgaben zum
Maßstab für die Beurteilung des geistlichen Lebens der Gläubi-
gen. Wer eine bestimmte Geistesgabe hat, genießt dann ein höhe-
res Ansehen als jemand, der die betreffende Gabe nicht hat. Wer
in dieser Hinsicht die Bibel untersucht, wird entdecken, dass der
Heilige Geist nicht gekommen ist, um sich selbst darzustellen, son-
dern dass er gekommen ist, um den Herrn Jesus zu verherrlichen.
Das lesen wir in Johannes 16,13-14, wo der Herr Jesus vom Heili-
gen Geist sagt: »Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen
ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht aus
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 178

sich selbst reden, sondern was er hören wird, wird er reden und das
Kommende wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen, denn
von dem Meinen wird er nehmen und euch verkündigen.« Das nimmt
nichts von der Herrlichkeit und Gottheit der Person des Heiligen
Geistes weg. Die Frage ist, welchen Platz der Heilige Geist inner-
halb der Gottheit einnimmt und was er auf der Erde tut. (Neben-
bei bemerkt: Darum ist auch das Ansprechen und die Anbetung
des Heiligen Geistes in Wort und Lied und das Gebet zu ihm unan-
gemessen; dazu gibt es in der Bibel keinen einzigen Grund.)
Was tatsächlich im Leben eines Christen sichtbar werden kann,
ist die Frucht des Heiligen Geistes, wie in Galater 5,22 beschrie-
ben. Bei wem diese Frucht gefunden wird, den wird man ziemlich
schnell bitten, die Leitung zu übernehmen. Lautet dann die Ant-
wort: »Ich bin zu sehr mit den Dingen Gottes beschäftigt, um die
Leitung zu übernehmen?« Der Olivenbaum hat ferner mit den
Verheißungen zu tun, die Gott seinem Volk gegeben hat (Römer
11,16-24). Auch stellt er die Gläubigen als diejenigen vor, die alles
auf Gott zurückführen (Psalm 52,10).
Zusammenfassend können wir sagen, dass ein »Olivenbaum-Bru-
der« jemand ist, der sich durch den Heiligen Geist leiten lässt und
bei dem die Frucht des Geistes sichtbar wird. Er ist jemand, der die
Verheißungen Gottes berücksichtigt und in allem auf ihn vertraut.
Wenn es in der örtlichen Gemeinde einen »Olivenbaum-Bruder«
gibt, könnte zu ihm gesagt werden: »Wir wollen dich als Führer
anstellen, so wie in den Kirchen um uns her.« Es ist zu hoffen, dass
seine Antwort der des Ölbaums gleich kommt, sodass er weiterhin
zur Ehre Gottes Frucht tragen kann.

Der Feigenbaum — Vers 10-11


Der Feigenbaum begegnet uns in der Bibel zum ersten Mal in
1. Mose 3,7. Nachdem Adam und Eva gesündigt haben und sehen,
dass sie nackt sind, wollen sie ihre Blöße mit Blättern des Feigen-
baumes bedecken. Das ist ein Hinweis, dass der Feigenbaum von
Gerechtigkeit spricht. Adam und Eva fertigen eine eigene Bede-
ckung an, um vor Gott erscheinen zu können. Doch diese Bede-
ckung hält nicht Stand. So ist es mit allen Werken eigener Gerech-
tigkeit, durch die ein Mensch meint, angenehm vor Gott sein zu
179 Richter 9,9-11

können. Das ist Gerechtigkeit ohne Frucht für Gott, nichts als Blät-
ter, eine äußerliche Sache. Gleiches finden wir in Markus 11,13-14.
Der Herr Jesus hat Hunger und will von einem Feigenbaum essen.
Doch finden sich nur Blätter daran und keine Frucht. Der Herr
verflucht daraufhin diesen Feigenbaum.
Der Feigenbaum ist ein Bild für Israel (siehe auch Hosea 9,1).
Gott kam in Christus zu seinem Volk, um Frucht bei ihm zu suchen.
Ihn hungerte danach. Doch was traf er an? Ein Volk, das völlig von
einer selbst aufgebauten, eigenen Gerechtigkeit beherrscht wird.
Aber niemals wird etwas, das aus eigener Anstrengung getan wur-
de, den Menschen vor Gott angenehm machen. Als der Herr Jesus
von diesem Volk voller eigener Gerechtigkeit ans Kreuz gebracht
und getötet wurde, hat sich vollends erwiesen, dass der Mensch durch
und durch sündig ist. Es geht Gott um die Frucht der Gerechtigkeit,
nicht um einen Schein von Gerechtigkeit. Diese Frucht wird gewiss
nur dann sichtbar, wenn sie die Folge einer Liebe ist, die überfließt
in Erkenntnis und aller Einsicht und die im praktischen Glaubens-
leben ausgelebt wird, mit dem Blick, der auf das Kommen Christi
ausgerichtet ist (siehe Philipper 1,9-10). Bei wem dies zu finden ist,
der ist »erfüllt mit der Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesus Chris-
tus gewirkt wird, zur Herrlichkeit und zum Lobpreis Gottes«. Der Fei-
genbaum spricht von Nahrung, aber auch von Heilung. In Jesaja
38,21 ist von einem Feigenkuchen die Rede, der auf Hiskias Ge-
schwüre gelegt werden sollte. Dadurch sollte er genesen.
Ich denke, dass wir von diesem allem Folgendes lernen können:
In der Gemeinde haben insbesondere die Hirten und Lehrer einen
Dienst der Ernährung und Erquickung, der Heilung und Unter-
stützung für die Glieder des Volkes Gottes. Ihr Dienst wird darauf
abzielen, in den Gläubigen die Frucht der Gerechtigkeit zum Wachs-
tum und zur Blüte kommen zu lassen, sodass Gott sie genießen
kann. Diese »Feigenbaum-Brüder« müssen davor aufpassen, dass
sie diesen Dienst nicht durch einen Platz der Herrschaft über Got-
tes Volk austauschen. Darin ist auch eine Warnung inbegriffen, dass
die praktische Glaubenserfahrung keinen zu großen Stellenwert
erhalten darf. Diese Gefahr besteht dort, wo vor allem ständig auf
das praktische Christsein gedrängt wird, während man die entspre-
chende biblische Lehre übergeht. Dann geht der Feigenbaum hin,
um über den anderen Bäumen zu schweben.
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 180

Der Weinstock — Vers 12-13


Der nächste Baum ist der Weinstock. Der Weinstock bzw. Wein
steht in der Bibel stets für Freude. Wir lesen das in Vers 13, wo von
dem Wein gesagt wird, dass er »Götter und Menschen erfreut«. Psalm
104,15 bestätigt diesen Gedanken: »… und Wein, der des Menschen
Herz erfreut«. Israel wird in Jesaja 5,1-7 mit einem Weinberg vergli-
chen. Gott wollte ein Volk, an dem er Freude erleben konnte. In
Vers 7 steht es treffend so: »Denn der Weinberg des HERRN der
Heerscharen ist das Haus Israel und die Männer von Juda sind die
Pflanzung seiner Lust.« Leider muss dieser Aussage folgen: »Und er
wartete auf Rechtsspruch und siehe da: Rechtsbruch; auf Gerechtig-
keit und siehe da: Geschrei über Schlechtigkeit.« Israel brachte ihm
nicht die Freude, womit er gerechnet und wofür er alles getan hat-
te. In Johannes 15, wo der Herr Jesus als der wahre Weinstock ge-
sehen wird, erzählt der Herr, wie wir Frucht zur Verherrlichung
und Freude des Vaters tragen können. Kurz gesagt: Was der Herr
Jesus sagt, läuft auf Gehorsam hinaus. Die Verse 10 und 11 von
Johannes 15 zeigen das sehr schön: »Wenn ihr meine Gebote haltet,
so werdet ihr in meiner Liebe bleiben, wie ich die Gebote des Vaters
gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich zu euch gere-
det, damit meine Freude in euch sei und eure Freude völlig sei.«
Im Leben eines »Weinstock-Christen« wird Gehorsam sichtbar,
der Freude für den Vater und für ihn selbst einbringt. Er will Gott
gehorsam sein und möchte die Freude, die ihm das schenkt, nicht
gegen eine Position des Herrschens über das Volk Gottes eintau-
schen. In den Zusammenkünften der Gemeinde kann tatsächlich
die Freude zu stark betont werden, beispielsweise als eine Reakti-
on auf die Trübseligkeit, die bisweilen in den Zusammenkünften
herrscht. Diese Trübseligkeit ist nicht gut. Wir dürfen uns über al-
les freuen, was Gott uns gegeben hat.
Doch auch hier geht es um eine Ausgewogenheit: zwischen dem
Bewusstsein, wer wir von Natur aus sind und dass der Herr Jesus
dafür leiden musste einerseits, und andererseits der großen Dank-
barkeit und Freude über das, was der Herr Jesus getan hat sowie
über die Ergebnisse, an denen wir teilhaben dürfen. Eine zu große
Betonung der Freude verwässert in der Praxis die echte Freude zu
einem »schönen« Gefühl und entfernt sich immer mehr von dem,
181 Richter 9,12-15

was das Herz Gottes wirklich erfreut. Und um letzteres geht es.
Das Herz Gottes wird durch alles erfreut, was wir ihm über den
Herrn Jesus sagen, über sein Werk am Kreuz und darüber, wie er
in allem Gott verherrlicht hat. Das Herz Gottes wird durch alles
erfreut, was er in unserem Leben vom Herrn Jesus zu sehen be-
kommt, vom gehorsamen und hingegebenen Leben seines Sohnes.

Der Dornstrauch — Vers 14-15


Dann ist der »echte« Herrscher an der Reihe. Die Bäume, die un-
terwegs waren, um einen König über sich zu salben (Vers 8), hatten
an den Olivenbaum, den Feigenbaum und den Weinstock vergeb-
lich appelliert. Und – sehr merkwürdig – das Ergebnis ist nicht,
dass sie sich etwa hinterfragen, ob sie wohl das richtige Ansinnen
haben, sondern sie bleiben auf ihrem Weg und gehen nicht zurück
an ihren angestammten Platz, um dort ihre eigene Frucht zu tra-
gen. Sie waren und blieben unzufrieden mit ihrem Standort im Wald.
Wenn niemand von den echten Kandidaten bereit war, König zu
werden, dann ruhig jemand, an den sie zunächst nicht gedacht ha-
ben, der es aber sicher wollen würde.
In Vers 14 lesen wir etwas, was bisher nicht der Fall war, nämlich
dass die Bitte von allen Bäumen ausgeht. Durch all die Abweisun-
gen ist die Sehnsucht nach einem Führer anscheinend nur noch
stärker geworden. Sie mussten und sollten jemanden haben, der
über sie herrschte. Das ist ein idealer Ausgangspunkt für den Dorn-
strauch.
Ein Dornstrauch erweckt lebhafte Erinnerungen bei jedem, der
einmal damit in Berührung gekommen ist. Von einem Dornstrauch
kann man nur Schmerz erwarten. Der Dornstrauch sagt nichts von
Frucht, sondern spricht von Schatten (als könnte ein Dornstrauch
Schutz vor der brennenden Sonne bieten!) und Feuer. Wer sich
unter einen Dornstrauch begibt, kann nur Schrammen und Schmer-
zen davontragen.
Dornen sind eine direkte Folge der Sünde (siehe 1. Mose 3,17).
Wer seine Zuflucht zu sündigen Mitteln nimmt, um die eigenen
Lüste zu befriedigen, kann nichts anderes als den Untergang er-
warten. Der Dornstrauch stellt den Fluch infolge der Sünde vor,
der in einem Mann Gestalt annimmt, der sich selbst sucht. Ein Kom-
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 182

promiss ist nicht möglich – entweder Unterwerfung oder Tod. Das


erweist sich im Rest dieses Kapitels. Wer unter den Brüdern selber
etwas sein will, beweist lediglich, dass er ein Dornstrauch ist.

Die Auslegung der Parabel — Vers 16-20


Von der sicheren Höhe des Berges Garizim aus beginnt Jotam, sei-
nen Zuhörern das Gleichnis auszulegen. Durch die Akustik zwi-
schen den Bergen ist er für jeden klar verständlich. Was er sagt,
muss einen mächtigen Eindruck auf die Gewissen der Hörer ma-
chen (Vers 16), die sich im Tal unter ihm befinden. Er erinnert sie
an die Gunst, die ihnen in der Vergangenheit von Gideon erwiesen
worden ist (Vers 17) und erwähnt ihre große Undankbarkeit (Vers
18). Dann betont er das Ergebnis ihrer Rebellion (Vers 20). In sei-
ner Auslegung verdeutlicht Jotam den Gegensatz zwischen Gide-
on und Abimelech. Er beschreibt die Wertlosigkeit Abimelechs, den
die Männer von Sichem bereitwillig als König über sich angenom-
men hatten, und beschuldigt sie einer schamlosen Behandlung des
Hauses seines Vaters, dem sie so viel zu verdanken hatten. So viel
Unrecht kann nicht ungestraft bleiben. Sie werden die Frucht ihrer
eigenen Taten essen. Der Bund zwischen Abimelech und den Bür-
gern von Sichem wird auf Kampf hinauslaufen, ein gegenseitiges
Ausrotten. In Vers 20 sagt Jotam, wer mit dem Dornstrauch ge-
meint ist: Abimelech.
Der Gegensatz zu seinem Vater Gideon kommt auch darin zum
Ausdruck, dass Gideon das Königtum ablehnte, genau wie die gu-
ten Bäume. Das Königtum Abimelechs wird das Verderben des
Volkes und seiner selbst bedeuten. Das ist ein weiterer Gegensatz
zu Gideon, von dem Jotam in Vers 17 sagt: »Denn mein Vater hat für
euch gekämpft und sein Leben eingesetzt.« Gideon hatte sein Leben
riskiert; wörtlich heißt es »sein Leben weggeworfen«. Das lässt den
vollen Einsatz Gideons für die Befreiung des Volkes Gottes erken-
nen. Er gleicht darin dem Herrn Jesus, der sein Leben nicht allein
riskierte, sondern es gab, um uns zu retten. Abimelech gleicht dem
Teufel, der kommt, um zu stehlen, zu schlachten und zu verderben.
In Johannes 10 lesen wir diesen Gegensatz. Der Herr Jesus sagt
dort: »Der Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu schlachten und zu
verderben. Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Über-
183 Richter 9,15-25

fluss haben. Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für
die Schafe.« Im Ersteren erkennen wir Abimelech wieder, im Letz-
teren Gideon.

Jotam flüchtet — Vers 21


Nach dieser kurzen, aber viel sagenden Rede flüchtet Jotam. Viel-
leicht versuchten Leute aus Sichem den Berg zu erklimmen, um
ihn zu ergreifen. Er landet in Beer, das »Quelle« bedeutet. Ein Brun-
nen ist ein guter Bergungsort. An einem Brunnen ist frisches Was-
ser; man kann sich dort beständig erquicken. Zugleich bildet er ei-
nen Schutz gegen den Feind. Aus Furcht vor seinem Bruder blieb
Jotam dort.
Auch für uns gibt es eine solche Quelle der Erquickung und des
Schutzes. Diese Quelle ist das Wort Gottes. Wenn wir wie Jotam
auf verkehrte Dinge im Volk Gottes hingewiesen haben und uns
Feindschaft entgegen schlägt, dann finden wir unsere einzige Er-
quickung und Sicherheit im Wort Gottes. In 4. Mose 21,16-18 wird
ebenfalls der Name Beer erwähnt. Dort treffen wir nicht einen Ein-
zelnen an, was ein Kennzeichen einer Zeit des Verfalls und der
allgemeinen Untreue ist, sondern dort sehen wir das ganze Volk.
Was tut das Volk dort? Es singt. Hier haben wir ein wunderbares
Ergebnis des Aufenthalts bei der Quelle. Die treuen Zeugen zie-
hen sich zur Quelle zurück, bei der lebendiges Wasser ist und sin-
gen dort Lieder und Lobgesänge zur Ehre Gottes und des Herrn
Jesus.

Gott beginnt zu vergelten — Vers 22-25


Eine Redeweisheit sagt: Gottes Mühlen mahlen langsam, aber si-
cher. Manchmal scheint es, als würde Gott seine Zusagen nicht er-
füllen. Auch in 2. Petrus 3,3-10 haben wir solch eine Situation. Der
Herr Jesus hat gesagt, dass er bald kommen würde und ist immer
noch nicht gekommen. Doch was sind für den ewigen Gott tausend
Jahre? Nun, im Fall von Abimelech sind drei Jahre verstrichen. Aber
was sind drei Jahre für den ewigen Gott? Er hat wirklich nicht ver-
gessen, was er durch Jotam gesagt hat. Das kann zwar sehr lange
dauern, aber es kommt eine Zeit, da Gottes Wort in Erfüllung geht.
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 184

Er holt die Sünde ein. Nachdem Abimelech drei Jahre über Sichem
regiert hat, sendet Gott einen bösen Geist; dieser treibt einen Keil
der Untreue zwischen Abimelech und die Bürger von Sichem. (Gott
bedient sich des öfteren durchaus eines bösen Geistes, um ein von
ihm gewünschtes Ziel zu erreichen. Wir finden das beispielsweise
in 1. Samuel 15,14 und 1. Könige 22,19-23.)
Das Wort, das in Vers 22 mit »herrschte« übersetzt ist, kommt
im Buch Richter nur hier vor und wurde wahrscheinlich gewählt,
um Abimelechs schlechte, eigenmächtige Regierung von der Füh-
rerschaft der treuen Richter zu unterscheiden.
Gottes Gericht kommt gleichermaßen über Abimelech und über
die Bürger von Sichem. Wie beurteilt Gott diese Sache? Er lässt
das Gericht über Abimelech als den Mörder seiner Brüder erge-
hen sowie über die Bürger Sichems als die Mitschuldigen. Gott er-
achtet die Bürger Sichems als nicht weniger schuldig. Sie haben
Abimelech unterstützt. Das zeigt, wie übel es bei Gott ist, jeman-
den zu unterstützen, der mit verkehrten Dingen beschäftigt ist, auch
wenn man selber nicht aktiv daran mitwirkt. Es scheint, als ob Abi-
melech nicht mehr in Sichem wohnte. Das wird vielleicht daraus
deutlich, dass er in Sebul einen Statthalter oder Befehlshaber hatte
(Vers 28.30), der seine Geschäfte vertrat. Er selbst hatte sein Ziel
erreicht und brauchte die Bürger von Sichem nicht mehr. Seine
persönliche Betroffenheit, mit der er am Anfang dieses Kapitels
ihre Gunst gewonnen hatte, war verschwunden. Die Bürger Sichems
wurden ihm einer nach dem anderen untreu. Ein verräterischer
Bürger Sichems berichtete Abimelech vom betrügerischen Verhal-
ten der Stadt. Es ist eine schier endlose Folge von Verrat, Lüge und
Betrug.

Gaal — Vers 26-29


Nun betritt eine neue Gestalt die Szene, namens Gaal, das bedeu-
tet »Ekel, Abneigung«. Er ist der Sohn Ebeds, dessen Name »Skla-
verei, Dienstbarkeit« bedeutet. Er macht geschickt von dem ent-
standenen Machtvakuum Gebrauch und stellt sich auf die abnei-
genden Gefühle ein, die die Bürger Sichems gegen Abimelech he-
gen. Er verbreitert die Kluft zwischen beiden Parteien nur noch
mehr. Als passende Gelegenheit dafür gebraucht er ein Erntefest,
185 Richter 9,22-34

als jeder in ausgezeichneter Stimmung und somit leicht zu beein-


flussen ist. Dabei appelliert er an ihre nationalen Gefühle. Abime-
lech hatte an ihren Familienverband appelliert, doch Gaal geht auf
die weiter entfernten Vorfahren zurück. Er zeigt ihnen die gemein-
samen Wurzeln auf. Das spricht die Bürger von Sichem offenbar
an. So sät er die Saat der Unzufriedenheit über ihren gegenwärti-
gen König und merkt dabei, wie leicht seine Worte einen Um-
schwung im Volk bewirken. Seine Taktik scheint erfolgreich.
Nach diesen vorbereitenden Aktionen greift er nach der Macht
und spielt sich selbst als der bessere Leiter auf. Absalom sollte spä-
ter derselben Strategie folgen, um auf Kosten Davids die Gunst
Israels zu erwerben (2. Samuel 15,1-6). Er macht Abimelech lä-
cherlich und die einstigen Untertanen Abimelechs wenden sich nun
gegen ihn. So einfach ist die Volksgunst zu verändern. Der eine
fleischliche Führer wird durch den anderen ausgewechselt. Aber
Gaal hatte lediglich schönes Gerede zu bieten. Das sehen wir in
der Fortsetzung der Geschichte.

Sebul — Vers 30-33


Wie bei allen klug aufgesetzten Plänen, die dazu dienen, sich selbst
zu fördern, finden wir auch hier Elemente, die man nicht berück-
sichtigt hat. Gaal hatte sich in dem getäuscht, was Sebul betraf.
Dieser blieb Abimelech treu. Er lässt eine Botschaft an Abimelech
senden, die gleichzeitig einen Plan enthält, den Eindringling zu ver-
jagen. Er ist ein Mann mit militärischem Scharfsinn. Wenn Abi-
melech unverzüglich kommt, kann er Gaal überraschen. Der hätte
dann keine Zeit, die Bürger Sichems zu einem geordneten Heer
zusammenzustellen. Sebul empfiehlt außerdem noch, einen Hin-
terhalt zu legen. Darüber hinaus überlässt er es Abimelech, nach
den Erfordernissen der Situation zu handeln.

Der Widerstand gebrochen — Vers 34-49


Abimelech folgt dem Rat Sebuls und gebraucht die Taktik seines
Vaters Gideon: Er handelt nachts und teilt sein Heer in Gruppen
ein. Als Gaal aus dem Stadttor geht, sieht er das Heer Abimelechs
von den Bergen herabkommen. Sebul jedoch sagt, es handle sich
Abschnitt 2c · Gideon, dann Abimelech und Jotam 186

wohl um eine Sinnestäuschung. Als Gaal sich nicht hinters Licht


führen lässt, fordert Sebul ihn heraus; er soll zeigen, dass er nicht
nur ein Sprücheklopfer ist, sondern jemand, der den Mut zu kämp-
fen hat. Die Bürger von Sichem sind bei diesem Kampf die Zu-
schauer. Sie haben noch nicht wirklich Partei für Gaal ergriffen.
Gaal wird geschlagen und Sebul sieht seine Chance, sich Gaals zu
entledigen, sodass er die Befehlsgewalt über Sichem behält. Das
heißt nicht, dass er Sichem wieder unter die Regierung Abimelechs
bringt. Das Einvernehmen zwischen Abimelech und Sichem war
völlig in die Brüche gegangen. Nachdem Gaal geschlagen ist, will
Abimelech sich die abfällige Stadt wieder unterwerfen. Er will sich
rächen für ihre mangelnde Treue ihm gegenüber. In seinem per-
sönlichen Stolz gekränkt, erhebt er sich gegen die Einwohner der
Stadt, als diese auf dem Feld ans Werk gehen. Gekränkter Stolz
mit Eigendünkel war zu allen Zeiten auch in der christlichen Ge-
meinde die Ursache von viel Streit mit vielen Opfern.
Abimelech lässt kein Gras darüber wachsen. Während die Bür-
ger von Sichem auf dem Land bei der Arbeit sind, besetzt er mit
einer Truppe die Stadt und zwei andere Abteilungen überfallen die
Menschen auf dem Feld. Wer in seine Hände fällt, entkommt seiner
Wut nicht und die Stadt reißt er nieder. Er bestreut sie mit Salz, um
eine vollständige Verwüstung und immer dauernde Unfruchtbar-
keit zu symbolisieren (5. Mose 29,23; Psalm 107,34). Erst zwei Jahr-
hunderte später wird Sichem wieder aufgebaut (1. Könige 12,25).
Die Rachsucht und der Blutdurst des erbarmungslosen Abime-
lech richtet sich gegen die ungefähr 1.000 übrig gebliebenen Män-
ner und Frauen von Sichem, die ihre Zuflucht im Kellergewölbe
des Tempels des Gottes Berit genommen haben. Vielleicht dach-
ten sie, ihr Götze würde ihnen Schutz bieten. Sie kommen betro-
gen heraus. Abimelech erteilt seinen Truppen den Auftrag, das zu
tun, was er tut (Vers 48), genau wie einst sein Vater in Kapitel 7,17.
Allerdings war das Vorbild Gideons gut, Abimelechs hingegen
schlecht. Auf ein gutes Vorbild folgt Gutes, aber auf ein schlechtes
Vorbild folgt Schlechtes. Abimelech geht seinem Heer in einem
Kampf voraus, in dem es ausschließlich um sein eigenes Interesse
geht und darum, dass er zu seinem Recht kommt – auf Kosten sei-
ner Volksgenossen, seines eigenen Fleisches und Gebeins, wie er
sie in Vers 2 dieses Kapitels genannt hatte. Doch das alles nützt
187 Richter 9,34-57

nichts mehr. Mit dem Schleier der Rachsucht vor seinen Augen
verbrennt er die Menge im Kellergewölbe. Der erste Teil von Jo-
tams Prophetie ist erfüllt (siehe Vers 20a).

Abimelechs Ende — Vers 50-57


Die Erfüllung des zweiten Teils von Jotams Prophetie (siehe Vers
20b) lässt nicht lange auf sich warten. In seinem unersättlichen Hun-
ger nach Macht zieht Abimelech weiter nach Tebez, einer Stadt,
die offenbar ebenfalls unter seiner Verwaltung stand, aber auch
abtrünnig war. Ebenso wie Sichem hatte Tebez ein Gebäude, das
als Fluchtort für seine Bewohner diente, nämlich einen Turm. Weil
es sich in Sichem als erfolgreich erwiesen hatte, das Kellergewölbe
in Brand zu stecken, will Abimelech dieses Mittel auch hier einset-
zen, um die Bewohner für ihre Untreue ihm gegenüber zu bestra-
fen. Doch dann ist Gottes Zeit gekommen, Abimelech das Böse zu
vergelten, das er verübt hatte. Gott gebraucht eine Frau, um sein
Gericht auszuführen. Wir sahen das schon eher in Kapitel 4, wo
Jael den Feind schlägt.
Bis in seinen Tod denkt Abimelech an seine eigene Ehre. Es ist
kein Gedanke der Reue über sein Leben und das von ihm betriebe-
ne Böse bei ihm vorhanden. Er will nicht als jemand, der von einer
Frau getötet wurde, in die Geschichte eingehen. Doch sträubt er
sich vergeblich. Nicht der Mensch schreibt die Geschichte, sondern
Gott. In 2. Samuel 11,21 wird David von Joab an diese Geschichte
erinnert, der den Tod Abimelechs durch eine Frau erwähnt. Nach
dem Tod Abimelechs geht jeder an seinen eigenen Ort. Das stren-
ge Regime des machtgierigen Abimelech hatte keinen Einfluss mehr
auf sie.
Die letzten Verse beweisen die Wahrheit von Galater 6,7-8: »Irrt
euch nicht, Gott lässt sich nicht verspotten. Denn was ein Mensch sät,
das wird er auch ernten. Denn wer auf sein Fleisch sät (wie Abimel-
ech und die Bürger von Sichem) wird vom Fleisch Verderben ern-
ten.« Es ist eine Warnung, die auch zu jedem von uns spricht.
188
189

2d) Kapitel 10
Tola und Jair

Kapitel 10

Einleitung
Die kurze Regierungszeit Abimelechs hatte für viel Geschichte ge-
sorgt. Jetzt kommen zwei Richter, über die wenig berichtet wird,
die aber lange gerichtet haben. Zusammen bringen sie es auf ge-
nau 45 Jahre Richterschaft. Sie stellen durchaus einen Gegensatz
zu Abimelech dar und sind eine Korrektur zu seiner Regierung oder
ein Heilmittel zur Genesung davon. Es ist oft gesagt worden: Glück-
lich das Volk, das keine Geschichte hat, denn Geschichte ist oft
nicht mehr als eine Geschichte der Sünde, der Traurigkeit und der
Leiden. Es sind die »Abimelechs«, die für lange Kapitel in der Bi-
bel sorgen.
Abimelech hatte das Land ins Chaos gestürzt und so zurückge-
lassen. So kann auch eine örtliche Gemeinde durch »Misswirtschaft«
von Aufsehern verwüstet werden. Dann muss ein Mann wie Tola
heran, ein Mann, der für das Volk in den Riss treten kann. Es be-
steht Bedarf an solchen »Tola-Brüdern« und »Jair-Brüdern«. Wir
werden hierunter sehen, was sie vorstellen. Wir lesen nichts über
große Taten beider Richter. Das Einzige, was sie taten, war den
Frieden unter dem Volk Gottes zu bewahren. Nach dem Macht-
missbrauch Abimelechs muss das eine Erleichterung für das Volk
gewesen sein.

Tola — Vers 1-2


Wir wissen nicht viel über diesen Richter, aber wir können viel-
leicht etwas von der Bedeutung seines Namens lernen. Tola bedeu-
tet »ein Wurm«. Hierin liegt schon ein enormer Gegensatz zu Abi-
melech. Der Wurm spricht von Erniedrigung und steht dem Mann
Abschnitt 2d · Tola und Jair 190

gegenüber, der sich selbst erhöhte. Tola ist »der Sohn des Puwa«,
und das bedeutet »Äußerung, Sprechen«, »des Sohnes des Dodo«,
was »sein Geliebter, zur Liebe gehörend« bedeutet. Hierbei kön-
nen wir bemerken, dass alles seinen Ursprung in der Liebe findet.
Das Bewusstsein der göttlichen Liebe ist die Quelle, aus der alles
hervorgeht. Die Folge davon ist, dass derjenige, der sich bewusst
ist, der Gegenstand dieser Liebe zu sein, darüber sprechen wird
(Puwa) und eine niedrige Gesinnung haben wird (Tola). Das ist die
Antwort auf das, was Menschen wie ein Abimelech sind und tun;
und das Ergebnis ist die Erlösung Israels.
Tola spricht von dem, der in Vollkommenheit die Gesinnung der
Niedrigkeit offenbarte und sein Volk erlöste. Der Herr Jesus sagt
prophetisch in Psalm 22,7: »Ich aber bin ein Wurm und kein Mann.«
Das war seine Haltung und sein Verhalten gegenüber allem Hoch-
mut der religiösen Führer Israels und ihrem Erstreben eigener Ehre.
Tola wohnte in Schamir, das unter anderem »Diamant« bedeu-
tet. Dieser Name spricht einerseits von Glanz und Licht und ande-
rerseits von Härte, Kraft und Unveränderlichkeit. So ist es auch
bei einer echten Gesinnung der Niedrigkeit. Sie ist voller Glanz
und Anziehungskraft für den, der ein Auge dafür hat und keine
einzige Beleidigung oder Verleugnung wird diese Gesinnung zu
einer Veränderung veranlassen können.
Tola wird dort begraben, wo er gelebt hatte. Hierbei möchte ich
die Anwendung machen, dass sein Leben ein konsequentes Leben
war, ohne Abweichen von den Grundsätzen, die darin zum Aus-
druck gekommen sind. Sein Tod bewirkte keine Veränderung in
den Grundsätzen, die er bis zum Äußersten verteidigt hatte.

Jair — Vers 3-5


Der Nachfolger Tolas ist Jair. Sein Name bedeutet »Erleuchter«.
Er scheint jemand zu sein, der in seiner Umgebung Licht verbrei-
tet, göttliches Licht. Wenn wir seinen Namen mit dem Namen To-
las verbinden, dann können wir sagen, dass die Gesinnung des
»Wurmes« zur Einsicht führt, die weitergegeben werden kann. Von
diesem Weitergeben spricht der Name Gilead, der »Zeuge« bedeu-
tet. Im Leben Jairs wird Erweiterung des Lebensraums sichtbar.
Er hatte zuerst 23 Städte (siehe 4. Mose 32,41; 2. Chronik 2,22); in
191 Richter 10,1-5

diesen Versen werden nun 30 daraus. Wir sehen auch, dass durch
seine 30 Söhne das Licht ihres Vaters weiter verbreitet wird. Das
kommt in der Bedeutung des Namens Havvoth-Jair zum Ausdruck.
Dieser Name ist übersetzt mit »die Zeltdörfer Jairs«, bedeutet aber
buchstäblich »die Leben von Jair«. Dort, wo die Söhne Jairs wohn-
ten, offenbarten sie das Licht, dass aus dem Leben Jairs strahlte.
So breitet das Licht sich aus. Die Eselhengste, auf denen sie ritten,
sind ein Sinnbild des Erfolgs und einer Regierung in Frieden. Der
Herr Jesus ritt auf einem Esel nach Jerusalem.
Jairs Söhne waren Regenten, aber ohne die Führerschaft zu be-
anspruchen. Sie waren Führer in der Praxis. Sie hatten jeder seinen
eigenen, kleinen Kreis (Dorf), für den sie verantwortlich waren.
Auf dieselbe Weise hat jeder Gläubige seinen eigenen, kleinen Kreis,
für den er Verantwortung trägt. Das ist sein Platz in der Familie,
das ist sein Platz in der Gemeinde, das ist sein Platz in der Welt, der
Gesellschaft. So wie die Städte, in denen die Söhne lebten, Repro-
duktionen der Stadt ihres Vaters waren, so dürfen die Gläubigen
das Licht Gottes in ihrem Leben scheinen lassen. Die Gläubigen
sind jetzt das Licht der Welt. Sie dürfen in ihrem Leben »Repro-
duktionen« Christi sein, der das Licht der Welt ist (Johannes 8,12).
Es ist von 30 Söhnen die Rede. Die Zahl 30 ist in 10 mal 3 einteil-
bar. Zehn ist die Zahl für Verantwortlichkeit (die Zehn Gebote);
drei ist die Zahl, die volle Offenbarung vorstellt (der dreieine Gott,
der in Christus geoffenbart ist).
Ich denke, dass wir hier auch einen Hinweis auf das Tausendjäh-
rige Friedensreich haben. Dann wird Christus regieren, dann dür-
fen alle Gläubigen an seiner Regierung teilhaben und jeder wird
gemäß seiner Treue, die er während der Abwesenheit Christi er-
wiesen hat, die Befehlsgewalt über eine Anzahl Städte erhalten.
Das lesen wir in Lukas 19,11-27. In dieser Zeit wird Christus als die
»Sonne der Gerechtigkeit« aufgehen (Maleachi 4,2) und als der wahre
Jair scheinen, der Erleuchter. Dann wird er in Herrlichkeit gese-
hen werden. Diese Herrlichkeit wird Gott ihm geben, weil er sich
zuerst so tief erniedrigt hat und ein »Wurm« geworden ist, der uns
in Tola bildhaft vorgestellt wurde.
Den »Wurm« und die »Sonne« finden wir in der Verwerfung
(Wurm) und der Verherrlichung (Sonne) Christi wieder. Beide wer-
den wunderbar in Philipper 2,5-11 beschrieben.
Abschnitt 2d · Tola und Jair 192

Jair wurde in Kamon begraben, das bedeutet »Auferstehung«,


»Leben aus dem Tod«.

Erneutes Abweichen — Vers 6-9


Nachdem Jair gestorben ist, setzen die Israeliten wiederum die ers-
ten Schritte in die Tretmühle des »bösen Tuns, der Sklaverei und
des Schreiens zum Herrn«, wodurch schon früher so viel Unheil
über sie gekommen war. Sie haben nichts daraus gelernt. Geben
wir als Christenheit ein besseres Bild ab?
Zum sechsten Mal wird gesagt, dass Israel tat, »was böse war in
den Augen des HERRN«. Noch nie zuvor haben wir so viel Götzen
in Israel vereinigt gesehen. Sieben davon werden genannt, um die
Vollständigkeit anzudeuten, mit der sich die Israeliten ihnen hin-
geben.
Das Land war ganz voller Götzen. Für alle Arten falscher Göt-
ter ist Platz, außer für den wahren Gott. Der lebendige Gott wird
gegen tote Götzen eingetauscht. Die Götzen werden nicht hinzu-
gefügt, sondern treten an die Stelle Gottes. Gott überlässt das Volk
nun sich selbst, damit es das Joch fühlt, das es freiwillig auf sich
genommen hat, indem es den Götzen diente. Wenn der Sinn für
Gottes Autorität über die Seele verloren geht und diese Autorität
anderen Dingen, Götzen, zugestanden wird, ist Gott genötigt, uns
die Autorität dieser anderen Dinge spüren zu lassen. Um die Israe-
liten zum Bewusstsein dafür zu bringen, worauf sie sich eingelas-
sen und wem sie sich anvertraut hatten, übergibt er sie der Macht
der Philister und Ammoniter.

• Die Ammoniter
In der jetzt folgenden Geschichte treten besonders die Ammoniter
in den Vordergrund. Sie befinden sich am anderen Ufer des Jordan
und schlagen dort zu. Sie überqueren den Jordan, um auch im Land
Krieg zu führen. Moab und Ammon sind Halbbrüder, von ihrem
Vater Lot mit seinen zwei Töchtern gezeugt. Über die Linie Lots
sind sie mit dem Volk Israel verwandt. Moab sind wir bereits in
Kapitel 3 begegnet; dort ist uns auch Ammon kurz begegnet. Hier
treten sie als der Feind auf, den Gott zur Züchtigung seines Volkes
193 Richter 10,5-16

gebraucht. Wie in Kapitel 3 bereits bemerkt, bedeutet der Name


Ammon »selbstständig«.
Ammon wird sich im nächsten Kapitel als jemand erweisen, der
ganz auf seine eigene Weise mit den Dingen Gottes und seines Vol-
kes umgeht. Er gibt seine eigene, selbstständige, auf den ersten Blick
logische Erklärung dafür, sein Recht auf das Land geltend zu ma-
chen, welches Israel in Besitz genommen hat. Daher meine ich,
dass wir in den Ammonitern ein Bild für den Verstand des Namens-
christen finden, der über die Dinge Gottes nachdenkt und dabei zu
anderen Schlussfolgerungen kommt, als Gott in seinem Wort sagt.
In Ammon wird die Gefahr des Rationalismus gezeichnet, der Re-
ligion, die den Verstand als Ausgangspunkt hat. Wo dieser Feind
die Oberhand über das Volk Gottes gewinnt, wird das Volk seines
Lobpreises (Juda), seiner Kraft (Benjamin) und Fruchtbarkeit (Eph-
raim) beraubt (Vers 9).

Prüfung der Echtheit des Bekenntnisses — Vers 10-16


Der Druck auf Israel wird schwer. Dann schreit das Volk zu dem
Herrn und erkennt das Verkehrte. Aber wie reagiert der Herr? Er
erinnert sie an die vorherigen Erlösungen, die er bewirkt hat, und
wie sie damit umgegangen sind. Sie haben ihn nach jeder Erlösung
immer wieder verlassen und haben wiederum begonnen, den Göt-
zen zu dienen. Jetzt sollen sie nur diese Götter bitten, sie zu erlösen.
Dieses Verhalten Gottes verfehlt seine Wirkung nicht. Das Volk
begreift, dass Bekenntnis allein nicht genug ist. Die Götzen müs-
sen weggeschafft werden. Ich denke an Jakob. In 1. Mose 35,1-5
lesen wir, dass er seinen Hausgenossen den Auftrag gibt, die Göt-
zen zu entfernen. Jakob ist mit seinem Haus auf dem Weg nach
Bethel. Dort wird er Gott begegnen. Er begreift, dass das Leben
mit Gott und das Hegen von Götzen nicht zusammen passt. So-
wohl Jakob damals als auch das Volk jetzt gelangen zur Einsicht,
dass die Entfernung des Verkehrten der Prüfstein für wahre Reue
ist.
Mit welchen Götzen haben wir zu tun? Was sind die Dinge, die
uns von Gott abirren lassen? Das kann für jeden etwas anderes
sein. Ich will ein Ding nennen, das für mich ein Götze war und
wovon ich weiß, dass es für viele immer noch ein Götze ist. Wir
Abschnitt 2d · Tola und Jair 194

müssen uns nur selbst fragen, ob dies auch für uns gilt. Wenn man
diesem Götzen viel Zeit und Interesse widmet, gehen sehr viele
gute Gelegenheiten verloren, um den Herrn Jesus besser kennen
zu lernen und ihm zu dienen, in einer Welt, die dem Gericht entge-
gen eilt. Der Einfluss dieses Götzen auf das Denken und Verhalten
des Christen ist enorm. Wir können diesem Götzen viele Stunden
unserer Aufmerksamkeit schenken, ohne dass es Folgen für unsere
Sicht der Dinge in unserer Umgebung hat. Der Christ entlehnt sei-
ne Werte und Normen dem wertbeständigen Wort Gottes. Aber
der Christ, der sich Abend für Abend durch den Schein des Medi-
ums Fernsehen blenden lässt – denn davon rede ich – fängt unbe-
merkt an, seine Werte und Normen dem Fernsehen zu entlehnen.
Es wirkt wie eine Infusion: tröpfchenweise erfahren wir eine Ver-
änderung, bis wir ganz in unserem Denken verändert sind. Die Bi-
bel dagegen ruft zu Folgendem auf: »Und seid nicht gleichförmig
dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sin-
nes, dass ihr prüfen mögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohl-
gefällige und Vollkommene.«
In seinem Buch »Lass die Posaune erschallen« widmet David
Wilkerson ein ganzes Kapitel den tödlichen Auswirkungen, die das
Fernsehen auf das christliche Leben hat. Über diesem Kapitel steht:
»Mein Volk treibt Götzendienst.« Er schreibt, wie der Herr ihm
deutlich gemacht hat, dass er seinen Fernseher wegschaffen sollte.
Die Auswirkung und Folgen in seinem Dienst beschreibt er wie folgt:
»Die Erlösung war so herrlich. Dann erst wurde ich mir bewusst,
wie schrecklich stark der Zugriff Satans auf mich und auf die meis-
ten Kinder Gottes war. Jetzt warne ich Christen vor dem Fernseher
und sie finden es beinahe unmöglich, sich von ihm zu trennen. Kön-
nen Sie es? Ich merke, wie sehr Christen dem Fernsehen versklavt
sein können und es betrübt mich, dass sie mir darin nicht zustim-
men. Selbst Kinder Gottes, die in großer Hingabe an den Herrn
leben, sind dem Fernsehen versklavt, doch das geben sie nicht zu.
Die Zeit ist gekommen, dass der Heilige Geist den Schrecken die-
ses Götzen so deutlich offenbaren wird, dass kein Gläubiger in der
Lage ist, sich davor hinzusetzen und doch noch Gemeinschaft mit
dem Herrn zu haben.«
Was Wilkerson vom Gebrauch und Einfluss des Fernsehens hält,
ist vollkommen klar. Ich schließe mich ihm darin von Herzen an.
195 Richter 10,16-18

Ich möchte empfehlen, dieses Kapitel aus dem Buch von Wilker-
son zu lesen (wenngleich das Buch insgesamt nur mit Einschrän-
kung zu empfehlen ist; Anm. d. Hg.). Vor einigen Jahren habe ich
eine Broschüre über das Fernsehen geschrieben: »Christelijke vi-
sie op televisie« (»Die christliche Sicht des Fernsehens«). Jetzt, wo
ich gelesen habe, was Wilkerson darüber sagt, denke ich, dass ich
doch noch zu zurückhaltend war. Was er darüber sagt, hat mich
wiederum davon durchdrungen, dass dieser Götze aus den Häu-
sern der Christen entfernt werden muss, wenn von einem Aufleben
unter dem Volk Gottes die Rede sein soll. Wir können beten und
bekennen, aber wenn wir nicht bereit sind, die Götzen aus unseren
Häusern und unserem Leben wegzuschaffen, erhalten wir keine
Antwort auf unser Gebet. Die Aufrichtigkeit unseres Bekenntnis-
ses wird aus dem Wegschaffen der Götzen deutlich. Wie gesagt, ist
das Fernsehen nicht der einzige Götze. Jemand kann auch noch
andere Götzen haben, zusätzlich oder an dessen Stelle. In dieser
Zeit gibt es eine Legion von Götzen.
Aber wenn sie weggetan werden … »Und sie entfernten die frem-
den Götter aus ihrer Mitte und dienten dem HERRN. Da wurde seine
Seele unruhig über das Elend Israels« (Vers 16). Was für ein wunder-
bares Wort! Es deutet auf Gottes besonderen Wunsch hin, mit all
der Rührung seines Herzens seinem Volk zu helfen.

Der Ruf nach einem Befreier — Vers 17-18


Es scheint, als würde der Feind aktiv, als Israel das Verkehrte be-
kannt und die Echtheit des Bekenntnisses gezeigt hat, indem es die
Götzen wegschaffte. Wenn das Volk Gottes mit dem Dienst für Gott
Ernst macht, wird der Feind nicht untätig zusehen. Er macht sich
auf, um zu kämpfen. Israel tut dann zwei Dinge. Zum Ersten gehen
sie nach Mizpa und versammeln sich dort. Mizpa bedeutet »Wach-
turm«. Sie sind wach geworden und passen nun gut auf, was der
Feind beabsichtigt. Das bringt sie, zum Zweiten, zur Frage, wer der
Führer von Gilead sein soll. Leider zeigt sich aus dieser Frage, dass
die vorausgegangenen Abweichungen das Gefühl der Zusammen-
gehörigkeit unter dem Volk vermindert haben. Sie fragen nach je-
mandem, der allein Oberhaupt über Gilead sein soll; das Bewusst-
sein der Einheit des Volkes Gottes ist offensichtlich verschwunden.
Abschnitt 2d · Tola und Jair 196

Außerdem ist für diese Abwärtsspirale kennzeichnend, dass Gott


nicht gefragt wird, wen er als Befreier geben will. Dieser geistliche
Niedergang findet seinen Tiefpunkt in der Geschichte Simsons, wo
das Volk überhaupt nicht mehr nach einem Befreier verlangt, son-
dern sogar dahin kommt, den von Gott gegebenen Befreier dem
Feind auszuliefern.
An die Frage nach einem Führer sind zwei wichtige Gedanken
zu knüpfen. Erstens bedeutet die Frage nach einem Führer, dass
wir nach Menschen verlangen, die uns im Kampf vorangehen. Zwei-
tens es ist auch möglich, bei dieser Frage an etwas anderes zu den-
ken, nämlich sie als Frage nach einem Grundsatz zu verstehen, nach
einer Auffassung oder Sichtweise, die auf eine Wahrheit in der
Schrift gegründet ist, von der wir überzeugt sind, dass wir dadurch
den Sieg erringen werden. Wir werden in Jeftah einen Mann se-
hen, der uns einen solchen Grundsatz vorstellt, nämlich eine be-
stimmte Weise des Denkens und des Umgangs mit der Schrift, mit
dem Feind und miteinander.
197

2e) Kapitel 11 – 12,7


Jeftah

Kapitel 11

Einleitung
Abimelech war der Sohn einer Nebenfrau, Jeftah ist der Sohn ei-
ner Hure. Der Zustand in Israel ist so niedrig geworden, dass solch
ein Mann das Instrument von Gottes Befreiung wird. Damit setzt
Gott den Stempel seines moralischen Urteils auf ihren Zustand. Er
kann wegen ihres Zustands keinen Menschen höherer Herkunft
gebrauchen. Bei Jeftah sehen wir keine Erscheinung des Herrn,
wie bei Gideon. Es ist die Not, die Jeftah auf den Plan ruft, im
Auftrag der Ältesten von Gilead, die keine andere Wahl hatten.
Jeftah lässt uns etwas von der Reformation erkennen, als es Gott
gefiel, Menschen Glauben und Kraft zu geben, die nicht immer
geistlich waren, die sich aber doch für Gott als geeignete Werk-
zeuge für die Befreiung seines Volkes erwiesen. Der Kampf findet
nicht im Land selbst statt, sondern am Wüstenufer des Jordan.
Ein solcher Kampf kennzeichnete auch die Reformation. Es wur-
de viel Kampf geführt, um die Wahrheit der Schrift den Gläubigen
bekannt zu machen, während man auch dafür eiferte, diese Wahr-
heiten in der Gesellschaft zur Wirkung zu bringen: Gottes Ehre in
allen Lebensbereichen. Dabei vergaß man jedoch, dass die Ge-
meinde ein himmlisches Volk ist, das von Gott nicht dafür auf der
Erde gelassen worden ist, mitzuregieren, sondern ein Zeugnis ei-
nes verherrlichten Herrn im Himmel zu sein, der bald zurückkom-
men wird, um sein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens auf-
zurichten.
Im Leben Jeftahs sind zwei Seiten zu sehen: die eines Grolls,
den er durch die Behandlung seitens seiner Brüder mit sich trägt,
und die des Mannes, der das Wort kennt, mit dem Geist bekleidet
wird und den Feind schlägt. Hin und wieder treten seine negati-
Abschnitt 2e · Jeftah 198

ven Charakterzüge in den Vordergrund, wie bei jedem von uns.


Wer oder was jemand vor seiner Bekehrung gewesen ist, macht
ihm danach gehörige Mühe, den alten Dingen nicht nachzugeben.
Trotz aller falschen Beispiele Jeftahs müssen wir daran denken,
dass Gott ihn in die Reihe der Glaubenshelden aus Hebräer 11
aufnimmt.

Jeftah — Vers 1-3


Der Name Jeftah bedeutet »Er, der öffnet«. Das weist uns auf Gott
hin, der auch das Herz öffnet, in dem geistliche Wahrheiten ihren
Platz bekommen. Jeftah ist das Werkzeug, das Gott dafür gebraucht.
Wo die Ammoniter (die wie gesagt die Verstandesreligion oder den
Rationalismus vorstellen) den Zugang zu Gottes Wort verschlos-
sen haben, muss jemand kommen, der das Wort wieder öffnet. Jeftah
kommt aus Gilead, also aus Manasse. Er ist ein aus Unzucht gebo-
renes Kind, aber er ist das von Gott dazu erwählte Instrument, ge-
gen einen Feind zu kämpfen, der auf dieselbe Weise wie er geboren
ist. So schrieb Paulus auch an die Korinther, dass Gott das Törich-
te gebraucht, um das Weise zu beschämen (1. Korinther 1,27).
Zuerst wird Jeftahs Qualität erwähnt: er ist ein tapferer Held.
So wurde auch Gideon in den ersten Worten genannt, die Gott zu
ihm sprach (Kapitel 6,12). Danach erfahren wir seine Herkunft: Er
ist der Sohn einer Hure. Jeftah konnte nichts dafür, dass er der
Sohn einer Hure war. Das beruhte auf der Sünde seines Vaters und
bereitete ihm eine unglückliche Jugend, die ihn zugleich für den
Dienst formte, für den Gott ihn später gebrauchen konnte. Gott
macht oft von Menschen Gebrauch, die von anderen nicht beson-
ders geschätzt werden. Abweisung ist vielleicht die wohl schmerz-
lichste Erfahrung, die ein Mensch in seinem Leben machen kann.
Doch wer lernt, damit in Gemeinschaft mit Gott umzugehen, wird
immer mehr dem Herrn Jesus ähneln und wird dadurch zu einem
Instrument, das Gott gebrauchen kann. Als er auf der Erde war,
war der Herr Jesus der große Abgewiesene und ist es für die Welt
noch immer. Jeftah wurde von seinen Brüdern verstoßen, so wie
auch der Herr Jesus von seinen Brüdern verstoßen wurde. Auch er
wurde wegen seiner niedrigen Geburt verachtet. Die Menschen
sagten von ihm: »Ist dieser nicht der Zimmermann, der Sohn der
199 Richter 11,1-7

Maria?« (Markus 6,3). Man spielte sogar darauf an, dass er aus
Hurerei geboren sei (siehe Johannes 8,41).
Der wahre Grund dafür, dass Jeftah verstoßen wurde, war Hab-
sucht: Er würde das Erbteil verkleinern. Die Habsucht nach Ruhm
und Ehre ist auch heute noch ein Grund, weshalb jemand verwor-
fen wird. Religiöse Führer verwarfen den Herrn Jesus und religiö-
se Führer verwerfen immer noch jeden, der durch die Verkündi-
gung der Wahrheit ihre angesehene Position in Gefahr bringt. Was
für religiöse Führer gilt, gilt eigentlich auch für jeden. Wenn uns
jemand die Wahrheit Gottes vorhält, wollen wir ihn los werden.
Denn seine Botschaft fordert uns auf, etwas aufzugeben, obwohl
wir dazu nicht bereit sind. Jeftah lehnt sich nicht auf. Er hätte mit
seiner Kraft zurückschlagen können. Schließlich war er doch ein
tapferer Held! Er flieht und sucht seine Zuflucht in Tob, das »Güte«
bedeutet, wobei wir an die Güte des Herrn denken könnten. Dort
wird er weiter auf den Dienst vorbereitet, zu dem Gott ihn berufen
wird. Eine solche Vorbereitung als Folge der Verwerfung finden
wir auch bei Moses und David. In Tob kommen allerlei Männer zu
ihm, die ebenfalls keine Heimat haben. Dasselbe lesen wir in der
Geschichte Davids in 1. Samuel 22. Durch ihre Verbindung mit
Jeftah werden auch diese Männer zu tapferen Helden.

Jeftah als Anführer gefragt — Vers 4-7


Die Anfangsverse dieses Kapitels bilden eine Art Zwischensatz: sie
teilen uns etwas über Jeftah mit. Vers 4 schließt bei den Versen 17
und 18 des vorherigen Kapitels an. Nach den vorbereitenden Hand-
lungen bricht der Kampf los. Die Ammoniter beginnen den Krieg
gegen Israel. Die Ältesten von Gilead sehen sich vor ein großes
Problem gestellt: Immer noch gibt es niemanden, der sie in dem
Kampf gegen die Ammoniter anführen könnte. Sie sehen nur noch
eine Möglichkeit: Jeftah zu fragen. Durch die Umstände gezwun-
gen, sind sie bereit, den einst verhassten und wegen seiner gerin-
gen Herkunft verworfenen Mann jetzt für seine Qualitäten als ih-
ren Führer anzuerkennen. So ist es auch mit dem Glauben an den
Herrn Jesus als den einzigen Retter. Erst wenn ein Mensch keine
einzige Aussicht mehr hat, nimmt er seine Zuflucht zu ihm. Die
Not bringt jemanden dazu, ihn in Anspruch zu nehmen.
Abschnitt 2e · Jeftah 200

Bevor Jeftah auf ihre Bitte eingeht, erinnert er sie daran, wie
ungerecht er von ihnen behandelt worden ist. Es ähnelt ein wenig
dem, was Joseph mit seinen Brüdern tat. Die Brüder hatten ihn
nach Ägypten verkauft. Gott lenkte alles so, dass Joseph dort der
zweite Mann nach dem Pharao wurde.
Als die Brüder, vom Hunger genötigt, später zu Joseph kamen,
ging Joseph hart mit ihnen um. Er wollte die Brüder zur Einsicht
bringen, dass sie verkehrt gehandelt hatten, sodass sie es eingeste-
hen und er ihnen vergeben konnte. Wir lesen diese Geschichte in
1. Mose 42 – 45. Dennoch scheint ein Unterschied zwischen Jeftah
und Joseph zu bestehen. Joseph hat alles aus der Hand Gottes an-
genommen, doch bei Jeftah scheint das nicht so sehr der Fall zu
sein. Er beschuldigt sie einer üblen Behandlung. Er hat in all den
Jahren nicht vergessen, was sie ihm angetan haben, und wirft ihnen
seine Anklagen vor.
Auch uns fällt es manchmal sehr schwer, eine schlechte Behand-
lung, die wir erlitten haben, zu vergeben und vergessen. Unter be-
stimmten Umständen tritt sie, manchmal erst Jahre später, wieder
in den Vordergrund. Ein Beispiel: Jemandem wird gesagt, er sei für
bestimmte Dienste nicht mehr nötig. Das kann jeder mögliche
Dienst sein, aber wir wollen einmal annehmen, es geht um einen
Hausmeisterdienst. Ein anderer meldet sich, diese Aufgabe zu über-
nehmen. Der Hausmeister kann sich aufs Abstellgleis geschoben
fühlen. Wenn man ihn später wieder in Anspruch nehmen will, ist
es schwierig, nicht mehr an das früher Geschehene zurückzuden-
ken. Ein anderes Beispiel: Wir werden bei einem bestimmten Dienst
übergangen, obwohl wir der Meinung sind, dass wir für diese Auf-
gabe am besten geeignet wären. Doch ein anderer erhält den Vor-
zug. Wenn dieser andere einmal ausfällt und man sich an uns wen-
det, für die erste Wahl einzuspringen, kann leicht der Gedanke
aufkommen, dass wir nicht mit uns spielen lassen. Jetzt solle halt
auch ein anderer gesucht werden. Die zweite Geige ist oft das
schwierigste Instrument.

Jeftah wird zum Anführer ernannt — Vers 8-11


Die Verhandlungen über Jeftahs Position sind noch nicht abge-
schlossen, als Jeftah schon seine Beschwerden über die Vergan-
201 Richter 11,7-11

genheit zum Besten gegeben hat. Die Ältesten von Gilead setzen
ihre Versuche fort, Jeftah zu überreden, ihr Führer zu werden. Ich
habe in meiner Einleitung zu diesem Buch gesagt, dass wir in den
Richtern ein Bild der Aufseher oder Ältesten sehen können, von
denen im Neuen Testament die Rede ist. Wir sehen nirgends, dass
sie dazu überredet werden müssten, Aufseher zu werden. Es ist eine
Sache der Freiwilligkeit. »Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist,
nicht aus Zwang, sondern freiwillig, Gott gemäß, auch nicht aus
schändlicher Gewinnsucht, sondern bereitwillig, nicht als die, die über
ihren Bereich herrschen, sondern indem ihr Vorbilder der Herde wer-
det« (1. Petrus 5,2-3). Wir finden in diesem Vers einige Aspekte,
die Jeftah hätte mehr berücksichtigen können. Aber wir sollten
bedenken, dass diese Tatsache auch für Sie und mich gilt. Wir kön-
nen von Jeftah viel lernen, auch das, wie es nicht sein soll. Es geht
also nicht darum, »nur« anzudeuten, wo Jeftah überall Verstöße
beging. Wir müssen bei dem, was wir von Jeftah lernen wollen, im-
mer daran denken, dass Gott ihm in Hebräer 11 einen Platz inmit-
ten der Glaubenshelden zugeteilt hat.
Bei Jeftah sehen wir, dass er nur helfen will, wenn sie ihn als
ihren Führer akzeptieren. Das ist nicht das Kennzeichen eines Füh-
rers nach Gottes Gedanken. Ein echter Führer ist bereit, sobald
Gefahr für sein Volk droht. Er wird sich direkt einsetzen, unge-
achtet dessen, ob er gefragt oder akzeptiert wird. Jeftah geht es
auch nicht einmal so sehr darum, Anführer des Kampfes zu sein,
sondern er will auch Führer sein, nachdem er den Sieg errungen
hat. Es scheint, als ob Jeftah aus einem persönlichen Gekränkt-
sein heraus zu den Ältesten von Gilead spricht; aber es ist auch
schön zu sehen, dass er vor seinem Sieg über die Ammoniter nicht
auf seine eigene Kraft baut. Er gibt seine Abhängigkeit von Gott
deutlich zu erkennen, als er sagt: »Wenn … der HERR sie vor mir
dahingibt …«
Die Ältesten von Gilead stimmen Jeftahs Vorschlag zu und ant-
worten mit einem Eidschwur, dass sie sich an ihre Absprachen hal-
ten werden. Jeftah erklärt seinerseits, dass er sich an die Abspra-
che halten wird, indem er den Herrn zum Zeugen macht für alles,
was er gesagt hat. Das scheint die Bedeutung dieser Worte zu sein:
»Und Jeftah redete alle seine Worte vor dem HERRN in Mizpa«, und
nicht so sehr, dass Gott mit allen Aussprüchen Jeftahs einig war.
Abschnitt 2e · Jeftah 202

Jeftahs erstes Gespräch mit dem König von


Ammon — Vers 12-14
Jeftah beginnt seine Begegnung mit dem König von Ammon, in-
dem er eine deutliche Trennungslinie zwischen Israel und seinen
Feinden zieht. Das kann unverträglich scheinen, aber es ist die ein-
zig richtige Weise, um mit diesem Feind umzugehen. Ammon be-
deutet in geistlichem Sinn: Irrtum über das, was Gott gesagt hat.
Jede Form des Kompromisses ist hier völlig fehl am Platze. Darum
kann niemals auf freundschaftlicher Basis mit modernen Theolo-
gen umgegangen werden, die den menschlichen Verstand als Grund-
lage dafür nehmen, die Autorität der Bibel zu beurteilen. Solchen
Menschen muss deutlich gemacht werden, dass sie kein Teil haben
an der Beziehung zwischen Gott und seinem Volk. Wie freundlich
solche Gelehrte auch wirken können, im Grunde sind sie große
Feinde des Volkes Gottes. Unwissenheit können wir ertragen, Feind-
schaft nicht.
Die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten. Der König von
Ammon bekräftigt seinen Anspruch auf das Land, indem er auf die
Geschichte verweist. Er lässt noch eine freundliche Geste folgen:
Sie können das Land gutwillig zurückgeben; dann braucht Israel
nicht zu befürchten, dass er Gewalt anwenden könnte. Es klingt so
vernünftig.
Hätte Jeftah die Geschichte des Volkes Gottes nicht gekannt,
wäre er wahrscheinlich den Argumenten erlegen. So ergeht es heu-
te vielen: sie fallen dem schönen Geschwätz moderner Theologen
zur Beute, weil sie selbst nicht die Bibel lesen. Sie kennen das Wort
Gottes nicht und werden »hin- und hergeworfen und umhergetrieben
von jedem Wind der Lehre durch die Betrügerei der Menschen, durch
ihre Verschlagenheit zu listigem Irrtum« (Epheser 4,14).

Jeftahs zweites Gespräch mit dem König von


Ammon — Vers 15-26
Jeftah kennt die Geschichte von Gottes Volk ausgezeichnet. Er ist
gut über das Handeln Gottes mit dem Volk in der Vergangenheit
im Bilde. Er geht zurück auf den Ursprung, auf das, was »von An-
fang« ist (1. Johannes 1,1; 2,13-14.24). Johannes schreibt im Blick
203 Richter 11,11-26

auf bestimmte Irrlehren, die die Wahrheit über Christus (wahrer


Gott und wahrer Mensch in einer Person) angriffen. Dann kann
man nichts Besseres tun, als auf das zurückzugehen, was am An-
fang von Gott mitgeteilt worden ist. Was uns von Anfang an von
Gott anvertraut worden ist, müssen wir bewahren und verteidigen,
doch dazu müssen wir diese Worte gut kennen. Die beste Weise,
einen Konflikt mit »Ammon« aufzulösen, besteht darin, ein Kapi-
tel aus der Bibel vorzulesen.
Bei allem, was Jeftah von Israels Geschichte hervorhebt, sehen
wir die Unterwürfigkeit dem gegenüber, was Gott gesagt hat. Er
erzählt die Geschichte so, wie sie in Wirklichkeit stattgefunden hat
und wie Gott sie hat niederschreiben lassen. Er kannte seine »Bi-
bel« gut und kannte sich in 4. Mose 21 und 5. Mose 2 aus, wo ge-
schrieben steht, dass Israel dieses Gebiet von den Amoritern und
nicht von den Ammonitern eroberte. (Das sind zwei verschiedene
Völker, auch wenn die Namen einander noch so sehr ähneln.) Gott
hatte Israel verboten, durch das Gebiet der Ammoniter zu ziehen
und daran hatten sich die Israeliten gehalten (5. Mose 2,37).
Die Schlussfolgerung Jeftahs in Vers 23 ist einleuchtend: Der
Herr, der Gott Israels, hat seinem Volk das Land gegeben und sie
hatten es in Besitz genommen.
Dasselbe gilt für uns. Auch wir dürfen und müssen in Besitz neh-
men, was Gott uns an geistlichen Segnungen in den himmlischen
Örtern gegeben hat und dürfen uns diese nicht rauben lassen. Jeftah
fordert den König von Ammon heraus, das in Besitz zu nehmen,
was die Götter der Ammoniter ihnen geben haben, und macht die
Meinungsverschiedenheit so zu einem Kampf zwischen Gott und
den Götzen.
Das letzte Argument, das er gebraucht, gründet sich auf die An-
zahl der Jahre, die Israel im umstrittenen Gebiet gewohnt hat. Ba-
lak, der König von Moab, hatte versucht, sich Israels zu entledigen,
indem er Bileam anheuerte und durch ihn das Volk Gottes verflu-
chen ließ (siehe 4. Mose 22-24). Dieser Versuch war missglückt und
in den 300 Jahren, die danach verstrichen sind, wurde nie ein Ver-
such unternommen, die Städte, die Israel von den Amoritern er-
obert hatte, zu befreien. Das Recht Israels auf diese Städte blieb
schon in dieser Zeit unumstritten. Und sollten sie dieses Gebiet
jetzt aufgeben? Davon kann nicht die Rede sein!
Abschnitt 2e · Jeftah 204

Das Ergebnis des Gesprächs — Vers 27-29


Jeftah kommt zu dieser unmissverständlichen Schlussfolgerung:
»Nicht ich habe gegen dich gesündigt, sondern du tust mir Böses an,
indem du gegen mich Krieg führst.« Das Gespräch mit dem König
von Ammon ist zu Ende. Jeftah übergibt die Sache der Hand des
Herrn, damit er als Richter zwischen beiden Völkern auftreten kann.
Er wartet nicht auf Antwort, weiter zu reden hat keinen Sinn. Er
überlässt dem Herrn das letzte Wort: »Es richte der HERR, der Rich-
ter, heute zwischen den Söhnen Israel und den Söhnen Ammon.«
Jeftah hat den überzeugenden Beweis von Israels Anrecht auf
das Land aufgrund des Wortes Gottes geliefert. Doch der König
von Ammon will nicht hören. Dann kommt »der Geist des HERRN
über Jeftah« und er zieht in den Kampf. Es besteht kein Zweifel,
dass er den Kampf für eine gerechte Sache aufnimmt. Allen Zuhö-
rern seiner Darlegung wurde damit Mut zugesprochen. Es geht um
einen Kampf, der vollkommen im Sinne von Gottes Wort ist. Somit
besteht Jeftahs Ansprache vor dem König wirklich aus motivieren-
den Worten, die eine große Ermutigung für alle sind, die mit ihm in
den Kampf ziehen.

Jeftahs Gelübde — Vers 30-36


Bevor Jeftah den Kampf tatsächlich aufnimmt, tut er etwas, was
nicht nötig gewesen wäre. Er schließt eine Art Abkommen mit Gott
ab und verpflichtet sich dadurch, etwas zu tun, dessen Folgen er
nicht absieht. Damit zeigt er, dass er sowohl Gott als auch sich selbst
nicht gut kennt. In 1. Mose 28,20-22 lesen wir etwas Ähnliches von
Jakob. Jeftah, der gezeigt hatte, dass er die Geschichte des Volkes
Gottes ausgezeichnet kannte, zieht keine Lehre aus dem Fehler
Jakobs. Mit seinem Gelübde verhandelt er, genau wie Jakob, tat-
sächlich mit Gott und deutet damit an, dass er nicht bedingungslos
auf Gott vertraut. Er meint, genau wie Jakob, selber imstande zu
sein, das Versprechen einzulösen, ohne sich des wirklichen Inhalts
seines Gelübdes bewusst zu sein. Er war beim Abschluss dieses
Abkommens mit Gott zu voreilig. Hätte er einigermaßen darüber
nachgedacht, hätte er wohl kaum erwarten können, dass ihm ein
Ochse oder Schaf aus seinem Haus entgegenkommen würde. Er ist
205 Richter 11,26-36

also eines zu schnell ausgesprochenen Gelübdes schuldig. Sprüche


20,25 und Prediger 5,1 warnen vor solchen Aussprachen. Es sind in
der Bibel auch gute Gelübde abgelegt worden, wie zum Beispiel
das Gelübde von Hanna in 1. Samuel 1. Das war ein Gelübde, das
aus einer guten geistlichen Gesinnung hervorging und es wurde
abgelegt im Blick auf die Ehre, die Gott inmitten seines Volkes
zukam. Hanna verlangte danach und wünschte, dass ihr Kind das
Werkzeug dafür sein durfte.
Gott gibt Jeftah einen Sieg von großem Umfang. Seinen Teil des
Abkommens hat Gott auf überzeugende Weise erfüllt. Die Sieges-
nachricht wird schnell verbreitet und als Jeftah zu Hause eintrifft,
kommt seine Tochter ihm entgegen. Sie ist sein einziges Kind. Das
erinnert an 1. Mose 22,2, wo Gott zu Abraham über dessen Sohn
als seinen Sohn spricht, seinen einzigen, den er lieb hat. Die Reak-
tion Jeftahs ist herzzerreißend. Er hat sein Gelübde nicht verges-
sen, wird sich aber plötzlich der verhängnisvollen Folgen seines un-
überlegten Redens bewusst. Es scheint, als gäbe er zunächst seiner
Tochter die Schuld dafür, dass er sein Gelübde auf diese Weise ein-
lösen muss. Er nimmt es ihr übel, dass sie ihm als Erste entgegen-
kommt und tadelt sie dafür, dass sie ihn ins Unglück stürzt.
Das Gelübde, das er abgelegt hat, ist für ihn unwiderruflich. Er
kann es nicht widerrufen, es ist ihm unmöglich. 3. Mose 5,4 würde
ihm die Möglichkeit einräumen, seine unbesonnenen Worte zu wi-
derrufen. Allerdings hätte er dann ein Schuldopfer bringen müs-
sen. Dass er das nicht tut, lässt etwas vom Charakter Jeftahs erken-
nen. Einerseits zeigt es, dass er ein Mann mit Charakter ist: Er steht
zu seinen Worten. Andererseits lässt es erkennen, dass er ein Mann
mit unbeugsamen Grundsätzen ist. Wir sehen dann in Jeftah je-
manden, der nicht bereit ist, sein Gesicht zu verlieren, »sich zu bla-
mieren«. Das ist ein Kennzeichen vieler gesetzlicher Menschen. Die
konsequente Haltung dieser Menschen verlangt Respekt, solange
sie diese Haltung auf sich selbst anwenden. Sobald sie ihre Prinzi-
pien jedoch anderen Menschen auferlegen, richten sie viel Scha-
den beim anderen an. Sie opfern manchmal Frau und Kinder, nur
um ihre getroffenen Versprechen einzulösen und fügen ihnen geist-
lich viel Schaden zu, weil sie um des Gesichtsverlustes willen ihre
voreilig ausgesprochenen Gelübde nicht widerrufen wollen. Das fol-
gende Kapitel wird diesen Charakterzug Jeftahs bestätigen.
Abschnitt 2e · Jeftah 206

Es ist übrigens bemerkenswert, dass die Bibel selbst sich nicht


wertend zu Jeftahs Vorgehen äußert. Was ich hierüber sage, ist also
eine Anwendung, die auf meine Rechnung geht. Dazu kommt, dass
es unklar ist, ob Jeftah seine Tochter buchstäblich geopfert hat oder
ob es bedeutet, dass sie unverheiratet geblieben ist. Ich gehe im
folgenden Abschnitt darauf ein.
In der Tochter Jeftahs tritt eine wunderbare Gesinnung ans Licht.
Sie unterwirft sich völlig ihrem Vater und unternimmt keinen Ver-
such, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. Sie spornt ihren
Vater dazu an, das getroffene Gelübde einzulösen, obwohl das auf
Kosten ihrer selbst geschieht. Darin ist sie ein herrliches Vorbild
auf Christus hin, der sich auch vollkommen dem Weg unterwarf,
den er von seinem Vater aus gehen musste. In der Geschichte in
1. Mose 22, auf die ich bereits hingewiesen habe, sehen wir in Isaak
denselben Hinweis auf den Herrn Jesus.

Hat Jeftah seine Tochter buchstäblich


geopfert? — Vers 37-40
Über diese Frage haben sich viele Ausleger den Kopf zerbrochen.
Eine kleine Blütenlese dessen, was geschätzte Gelehrte hierüber zum
Besten gegeben haben, zeigt, dass es sehr schwierig ist, eine eindeu-
tige Antwort auf diese Frage zu geben. Wir dürfen unseren eigenen
Eindruck daraus entnehmen oder unsere Auffassung daran prüfen.
• Henri Rossier: Sie würde ihr ganzes Leben als eine Abgeson-
derte verbringen müssen und kein Mann sollte mit ihr Gemein-
schaft haben, sodass sie zeitlebens kinderlos bleiben würde. In die-
sem Sinne sollte sie als eine Tote weiterleben.
• William Kelly: Er opferte seine Tochter, entsprechend seinem
fest entschlossenen, unbeugsamen Geist. Die heilige Weisheit der
Schrift vermeidet die Einzelheiten über eine Tatsache, die so krass
im Gegensatz zu den Gedanken Gottes steht.
• Frederick William Grant: Was Jeftahs Gelübde anbelangt: Über-
eile und Versagen scheinen damit verbunden zu sein, aber sicher
nicht das Menschenopfer, das viele unterstellt haben. Die meisten
neueren Kommentatoren stimmen darin überein und glauben, dass
seine Tochter einfach Gott geweiht wurde, um ein unverheiratetes
Leben zu führen, wie die Verse 37-39 deutlich zeigen.
207 Richter 11,36-40

• Martin Luther: Manche sind der festen Überzeugung, dass sie


nicht geopfert wurde, doch der Text ist zu deutlich, um diese Ausle-
gung zuzugestehen.
• Kurtz, in Sacred History: Beweise für ein buchstäbliches Op-
fern sind in der Verzweiflung des Vaters, der großmütigen Erge-
benheit der Tochter, dem jährlichen Gedächtnis und der Trauer
der Töchter Israels und in der Geschichte des Schreibers selbst zu
finden, der nicht dazu in der Lage ist, das schreckliche Schauspiel
deutlich und klar zu beschreiben, das er gleichzeitig sowohl mit Be-
wunderung als auch mit Abscheu betrachtet.
• Edersheim: Die großen jüdischen Kommentatoren des Mittel-
alters haben, im Gegensatz zum Talmud, darauf hingewiesen, dass
die beiden Ausdrücke in Vers 31 (»dem HERRN gehören« und »als
Brandopfer bringen«) nicht identisch sind. Niemals wird von einem
tierischen Brandopfer gesagt, dass es »für den Herrn sein soll«, aus
dem einfachen Grund, dass ein Brandopfer als solches bereits dem
Herrn gehört. Doch wenn es um Menschen geht, die dem Herrn
geopfert werden, dann wird dieser Ausdruck wohl gebraucht, wie
im Fall der Erstgeborenen von Israel und von Levi (4. Mose 3,12-13).
Aber in diesen Fällen wird nie vermutet, dass es um ein buchstäbli-
ches Menschenopfer geht. Wenn die liebe Tochter sich selbst dem
Tode geweiht hätte, dann ist es beinahe unverständlich, dass sie
wünscht, die zwei ihr verbleibenden Monate nicht mit ihrem im
Herzen gebrochenen Vater zu verbringen, sondern in den Bergen
mit ihren Freundinnen.
• Samuel Ridout: Ich habe nie meine Gedanken über die Tatsa-
che verändern können, dass Jeftah mit seiner Tochter das getan
hat, was jeder einfältige Leser, der diesen Abschnitt liest, glaubt,
dass er es getan habe. Er gibt sich als ein strenger, selbstgerechter
Mann zu erkennen, der später guten Gewissens 42.000 seiner is-
raelitischen Brüder tötet. Solch ein Mann ist auch dazu in der Lage,
seine eigene Tochter buchstäblich zu opfern. Er hatte das Schwert
gezogen, um die Ammoniter zu schlagen; er tötete seine Tochter,
weil er es gelobt hatte und tötete seine Brüder. Freund und Feind
erfahren dieselbe Behandlung.
Persönlich neige ich zu der Auffassung, dass Jeftah tatsächlich
seine Tochter geopfert hat. Das ist der Eindruck, den ich bekom-
me, wenn ich den Text so lese, wie er dort steht.
Abschnitt 2e · Jeftah 208

Nach dieser Blütenlese verbleibt mir noch eine Bemerkung über


den letzten Vers dieses Kapitels. Wenn man jährlich der Tochter
Jeftahs gedachte, wie viel mehr ist der Herr Jesus wert, dass man
an jedem Tag und insbesondere am ersten Tag der Woche seiner
gedenkt.

Kapitel 12

Einleitung
Das Ende der Geschichte Jeftahs ist nicht sonderlich erhaben und
nachahmenswert. Jeftah benimmt sich hier nicht sanftmütig, son-
dern hart. Dadurch müssen viele ihr Leben lassen. Er lässt sich nicht
durch die Liebe leiten, sondern sucht seine eigene Ehre.

Der Anlass zum Konflikt — Vers 1


Die Männer von Ephraim haben sich nach den Ereignissen vom
Anfang von Kapitel 8 keinen Deut verändert. Gideon ist dort den
Ephraimitern auf sehr niedrigem Niveau entgegen gekommen. Lei-
der ist es nicht zu ihnen durchgedrungen, wie selbstsüchtig sie be-
schäftigt waren. Daraus zeigt sich, dass eine gute Behandlung nicht
unbedingt zu einer besseren Selbsterkenntnis führt. Ihre stolze Hal-
tung aufgrund einer Position, die ihnen vermeintlich ein Recht auf
einen Ehrenplatz gab, war noch immer vorhanden. Sie beklagen
sich hier wiederum, weil sie meinen, nicht mit der geziemenden
Achtung behandelt worden zu sein. Eine Sünde, die nicht aufrich-
tig bekannt wird, taucht früher oder später wieder auf. Es zeigt sich,
dass sie hier sogar noch tiefer gesackt sind. In Kapitel 8 hatten sie
zumindest noch etwas getan, hier jedoch nichts mehr. Sie drohen,
Jeftah zu verbrennen. Sie konnten es noch immer nicht ertragen,
dass andere gebraucht wurden, sie selbst jedoch nicht. Das steht in
krassem Gegensatz zur Gesinnung von Paulus, von der wir in Phi-
lipper 1,15-18 lesen. Sie geben sich als schnell gekränkte Brüder zu
erkennen.
209 Richter 12,1-4

Jeftahs Reaktion — Vers 2-4


Jeftah reagiert in diesem Fall nicht wie Gideon; er macht ihnen
Vorwürfe. Auf ihn ist der zweite Teil von Sprüche 15,1 zutreffend,
so wie der erste Teil jenes Verses auf Gideon zutreffend war: »Eine
sanfte Antwort wendet Grimm ab, aber ein kränkendes Wort erregt
Zorn.« Es ist auffällig, wie oft er in seiner Rede zu den Ephrai-
mitern das Wörtchen »ich« gebraucht. Das »ich und mein Volk«
(das heißt Gilead) deutet auf parteiisches, sektiererisches Handeln
hin. Er hat keinen Blick mehr für das ganze Volk Gottes. Jeftah
äußert sich so, weil er sich persönlich beleidigt fühlt.
Wenn das eigene »Ich« in den Vordergrund tritt, ist man nur
noch auf die eigenen Interessen bedacht und erstrebt die eigene
Ehre. Solche Dinge werden bei den Menschen gefunden, die sich
vom Gesetz leiten lassen. Wer ein Eiferer für das Gesetz sein will,
kommt nicht umhin, sich selbst wichtig zu finden und seine eigene
Ehre zu suchen. Das Gesetz ist nämlich dem Menschen gegeben,
damit er durch dieses Gesetz zeige, dass er nach der Norm Gottes
lebt. Doch es gibt niemanden, der das Gesetz gehalten hat oder
halten kann. Das liegt nicht am Gesetz, sondern am Menschen. Wer
aufrichtig das Gesetz halten will, gelangt zur Entdeckung, dass er
einfach nicht dazu imstande ist. Er bestätigt das Ziel des Gesetzes:
den Menschen erkennen zu lassen, wer er von Natur aus ist. In
1. Timotheus 1,8-9 steht deshalb: »Wir wissen aber, dass das Gesetz
gut ist, wenn jemand es gesetzmäßig gebraucht, indem er dies weiß,
dass für einen Gerechten das Gesetz nicht bestimmt ist, sondern für
Gesetzlose und Widerspenstige, für Gottlose und Sünder, für Heillose
und Unheilige, Vatermörder und Muttermörder, Mörder« usw. Durch
das Gesetz lernt der Mensch seine Sündhaftigkeit kennen. Das wird
ihn zu Christus bringen, bei welchem Erlösung durch sein Werk am
Kreuz zu finden ist.
Wer seine Zuflucht zu Christus genommen hat, ist frei vom Fluch
des Gesetzes. Wir lesen in Galater 3,13: »Christus hat uns losge-
kauft vom Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch für uns geworden
ist – denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der am Holz hängt!«
In Römer 10,4 steht sogar, dass der Gläubige überhaupt nichts mehr
mit dem Gesetz zu tun hat: »Denn Christus ist des Gesetzes Ende,
jedem Glaubenden zur Gerechtigkeit.«
Abschnitt 2e · Jeftah 210

Wer als Christ dennoch das Gesetz halten will – und sei es nur
aus Dankbarkeit –, stellt sich wiederum unter den Fluch des Geset-
zes. Das Gesetz kann nichts anderes zuwege bringen. Es kann nicht
anders als verurteilen, den Tod bringen, weil es für den natürlichen
Menschen bestimmt ist. Wenn ein Gläubiger wieder das Gesetz zu
halten beginnt, dann tut er etwas, das Paulus in seinem Brief an die
Galater scharf an den Pranger stellt. Die Folgen dieser Haltung im
Umgang untereinander beschreibt er in Galater 5: »Wenn ihr aber
einander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht voneinander ver-
zehrt werdet« (Vers 15). »Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten,
indem wir einander herausfordern, einander beneiden« (Vers 26).
Dies finden wir im Leben Jeftahs wieder und das werden wir
auch im Leben von Christen wiederfinden, die das Gesetz als Le-
bensregel annehmen. Wenn die eigene Ehre gekränkt wird und die
Lebensregel das Gesetz ist, dann reagiert man mit Vergeltung und
Eintreten für die eigene Ehre. Das Ergebnis ist, dass keine Frucht
mehr für Gott da ist. Dabei bedeutet Ephraim doch »die Fruchtba-
ren«! Ich sage nicht, dass Ephraim zu entschuldigen sei. Sie ver-
hielten sich am allerwenigsten ihres Namens würdig. Sie stiften
Jeftah zu seiner Haltung an. Aber wie viel Blutvergießen hätte ver-
hindert werden können, wenn Jeftah anders reagiert hätte? Wie
viel Zank und Zwietracht und geistlicher Totschlag wäre in den ört-
lichen Gemeinden verhindert worden, wenn die eigene Ehre und
das eigene Interesse beiseite geblieben und die Bruderliebe in die
Praxis umgesetzt worden wäre?

Der Anlass: eine Schimpferei — Vers 4


Der direkte Anlass zum Bruderstreit ist eine ordinäre Schimpferei,
die vom anderen nicht hingenommen wird. Die Männer von Gi-
lead waren von den Ephraimitern beleidigt worden, sie waren tief
gekränkt. Sie waren wohlgemerkt als weggelaufene Ephraimiter be-
schimpft worden. Was für eine Beleidigung! Das konnten sie nicht
auf sich beruhen lassen. So kommt es zu einer Begegnung zwischen
den beiden Parteien. Es ist eine gute Sache, dass ich keinen Zoll-
breit nachgebe, wenn dem Herrn Jesus oder dem Wort Gottes Un-
recht getan oder sie angegriffen werden, aber wenn ich selbst ange-
griffen werde, liegt die Sache anders. Im letzteren Fall kann ich das
211 Richter 12,4-5

Böse durch das Gute überwinden, aber nicht, indem ich Böses mit
Bösem vergelte (siehe Römer 12,21.17). Dann handelt es sich nicht
um göttliche Grundsätze. Wir werden sehen, dass in Kapitel 20
durchaus eine Situation vorhanden ist, die einen Bruderkrieg recht-
fertigt, weil dort sehr wohl göttliche Grundsätze auf dem Spiel ste-
hen. Jeftah widmet dem Feind viel Zeit und hat auch viel Geduld
mit ihm, aber Gottes Volk gegenüber ist er kurz angebunden.

Die Furten des Jordan — Vers 5


Die Stämme, die durch den Jordan voneinander getrennt waren,
konnten sich über die Furten erreichen. Und gerade dort findet
das Blutbad statt. Der Jordan spricht von Tod und Auferstehung
Christi und davon, dass wir mit Christus gestorben und auferstan-
den sind. Der Jordan ist also eigentlich ein Ort, wo die Einheit des
Volkes Gottes und seine Verbindung mit ihm am sichtbarsten wer-
den muss. Wir können dies auf den Platz anwenden, an dem die
Einheit der Gemeinde am sichtbarsten zutage tritt, nämlich am Tisch
des Herrn. Dort wird sein Tod verkündigt: »Denn so oft ihr dies Brot
esst und den Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er
kommt« (1. Korinther 11,27). Der Kelch spricht vom Blut Christi
und das Brot vom Leib Christi. Die Gemeinde hat diesem Werk all
ihre Segnungen zu verdanken, auch den Segen ihrer Einheit. Bei
der Feier des Abendmahls am Tisch des Herrn darf sie diese Ein-
heit erkennen lassen. »Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die vielen,
denn wir alle nehmen teil an dem einen Brot« (1. Korinther 10,17).
Aber was ist in der Praxis daraus gemacht worden? Von dieser Ein-
heit ist nicht mehr viel zu sehen, weil jede Gruppe so ihre eigenen
Gedanken und Vorstellungen von diesem »Einssein« hat. Das kön-
nen zu weite Gedanken sein, wodurch jeder, der nur sagt, dass er
ein Gläubiger sei, ohne jegliches Nachprüfen und allein aufgrund
seines eigenen Bekenntnisses am Abendmahl teilnehmen kann.
Diese unbiblische Einheit ist in der ökumenischen Bewegung zu
finden, sowohl in etablierten Kirchen als auch im breiten Strom
der evangelikalen Bewegung. Weil dieser Aspekt in der vorliegen-
den Geschichte nicht hervortritt, gehe ich nicht weiter darauf ein.
Bei der Haltung, die Jeftah hier annimmt, können wir an die
andere Gefahr denken, das Gegenteil der zu großen Weite, näm-
Abschnitt 2e · Jeftah 212

lich die zu große Enge. Sie ist dann festzustellen, wenn Gläubigen
das Abendmahl verweigert wird, die aufgrund der Schrift durchaus
dazu eingeladen sind. Die Schrift lehrt, dass ein Gläubiger am
Abendmahl teilnehmen kann, wenn er

a. nicht in der Sünde lebt (1. Korinther 5);


b. keine falsche Lehre über den Herrn Jesus und die Schrift ver-
tritt (Galater 5,1-10);
c. keine Gemeinschaft mit Gläubigen hat, die in der Sünde le-
ben oder eine falsche Lehre haben (2. Timotheus 2,16-21; 2. Jo-
hannes Vers 9-11);
d. keine Gemeinschaft mit Gläubigen hat, die zwar selbst nicht
in Sünde leben und keine falsche Lehre vertreten, aber weiter
einer Kirche oder Gruppe angehören, von der sie wissen, dass
diese Dinge dort vorhanden sind, ohne verurteilt und abge-
schafft zu werden (1. Korinther 10,18; Offenbarung 18,1-5;
siehe auch 2. Korinther 6,14-17 und Hebräer 13,9-13).

Aus all diesen Schriftstellen tritt deutlich zutage, dass Gott und die
Sünde sich nicht verbinden können. Kurz gesagt, läuft es darauf
hinaus, dass jemand persönlich rein sein muss in Lehre und Leben
und keine Gemeinschaft mit Gläubigen haben darf, auf die das nicht
zutrifft. Andere Bedingungen für die Teilnahme am Abendmahl
stellt die Schrift nicht und wir dürfen sie somit auch nicht stellen.
Wenn wir zum Beispiel von jemandem fordern, exakt dasselbe über
die Zukunft Israels zu denken wie wir, bevor er zum Abendmahl
zugelassen wird, machen wir aus der »Zukunft Israels« ein »Schib-
bolet«. Wir machen dann ein Verständnis der Prophetie zu einer
Bedingung für die Zulassung. Es kann durchaus sein, dass jemand
darin nicht die richtige Einsicht hat. Er kann darin unterwiesen wer-
den. Aber so etwas als Bedingung zur Zulassung aufzustellen, ist
eine unbiblische Einschränkung oder Verengung der Gemeinschaft.
Es ist wichtig, nach den Furten zu suchen, das heißt, danach zu
schauen, was an gemeinsamem Glaubensgut vorhanden ist, um das
miteinander zu teilen. Aus dieser Position heraus kann ein »Erbau-
en auf unserem allerheiligsten Glauben« (Judas Vers 20) stattfin-
den. Es geht also nicht um das, was Trennung verursacht, sondern
um das, was vereinigt und verbindet.
213 Richter 12,5-7

Schibbolet oder Sibbolet — Vers 6


Das Wort Schibbolet bedeutet »Kornähre« oder »Flut«. Wer dieses
Wort nicht so aussprach, wie die Gileaditer es für richtig hielten,
wurde niedergemetzelt. Dieses Wort diente einer deutlichen Sor-
tierung zwischen den Gileaditern und den Ephraimitern. Der Aus-
druck erinnert also an den Vollzug einer Trennung. Es ist eine Ge-
fahr, die wir auch heute erkennen können, vielleicht in unserem
eigenen Herzen, vielleicht in unserer Umgebung. Wir denken oder
hören, dass es doch wohl wichtig sei, zu wissen, was die eigene Glau-
bensgemeinschaft von anderen Glaubensgemeinschaften unter-
scheidet. Was bei anderen alles nichts taugt, wird ausführlich erör-
tert, während man die eigenen Erkenntnisse für richtig hält.
Ich will hiermit nicht sagen, dass wir nicht für uns selbst vom rich-
tigen Platz überzeugt sein könnten, den wir inmitten einer verwor-
renen Christenheit einnehmen. Es ist eine gute Sache, wenn wir ei-
ner örtlichen Gemeinde angehören, die nach biblischen Prinzipien
zusammenkommt, und dort Verantwortung tragen. Es kann sein,
dass wir diesen Platz gefunden haben, nachdem wir zuvor verschie-
dene Kirchen bzw. Glaubensgemeinschaften kennen gelernt haben.
Dann können wir tatsächlich erklären, warum wir an einem bestimm-
ten Platz nicht bleiben konnten. Aber der Grund, weshalb wir weg-
gingen, hat dann mit einem der oben genannten Punkte a – d zu
tun. Wir können nicht aus einer Gemeinschaft weggehen, weil man
dort einmal unfreundlich zu uns war. Unsere persönliche Erfah-
rung mag wichtig sein, aber ein Grund zum Weggehen kann nur
dann bestehen, wenn es dort Dinge gibt oder geschehen, die nach-
weisbar im Widerspruch zur Bibel stehen und wenn man nicht be-
absichtigt, dort anhand des Wortes Gottes etwas zu verändern. Je-
der Test, der das Volk Gottes voneinander trennt – anstatt von ih-
ren Feinden –, ist ein neues »Schibbolet«.

Jeftahs Ende — Vers 7


Gottes Wort erwähnt, dass Jeftah Israel sechs Jahre gerichtet hat.
Damit erhält Jeftah den Stempel Gottes, dass er jemand ist, der
trotz seines Versagens gegenüber Ephraim von Gott eingesetzt wur-
de. Aus 1. Samuel 12,11 wird deutlich, dass Jeftah ebenso sehr von
Abschnitt 2e · Jeftah 214

Gott gesandt war wie Gideon, Barak und Samuel. Wir erinnern uns
auch, dass Jeftah ein Mann war, der in Hebräer 11 in der Liste der
Glaubenshelden genannt wird. Er wusste, was Gott mit seinem Volk
getan hatte. Er kannte sozusagen die Bibel. Sie war seine Grundla-
ge bei der Erfüllung der Aufträge, die Gott ihm gab.
Das Leben wurde ihm schwer gemacht. In unseren Augen hat er
vielleicht einmal zu viel versagt. Ich habe versucht, die Lektionen
daraus aufzuzeigen. Dennoch ist es letztlich Gott, der völlig ge-
recht den Maßstab am Leben Jeftahs anlegen wird. Jeftah gehört
zu den Gerechten, die noch nicht empfangen haben, was verheißen
war (Hebräer 11,39). Doch dieser Augenblick wird kommen. Dann
wird Gott auch Jeftah für die Treue belohnen, die er auf der Erde
im Dienst für Gottes Volk erwiesen hat. Im Blick darauf wird er
begraben.
215

2f) Kapitel 12,8-15


Ibzan, Elon und Abdon

Ibzan — Vers 8-10


Nach Jeftah erscheinen wiederum einige Richter, über die nicht
viel gesagt wird, genau wie nach der Regierung Abimelechs (siehe
Kapitel 10,1-5). Zusammen sind sie für 25 Jahre Ruhe gut. Wenn
wir eine Zeit der Ruhe kennen dürfen, ist das ein Geschenk Got-
tes. Er gibt sie uns nicht zum Einschlafen, sondern als Gelegenheit,
uns geistlich zu stärken.
Die erwähnten Richter stehen im Gegensatz zu Jeftahs Versa-
gen. Der Erste heißt Ibzan, was »Reinheit« bedeutet. Über Rein-
heit in unserem persönlichen Leben und in der Gemeinschaft der
Gläubigen, zu der wir gehören, habe ich bereits geschrieben. In
Jakobus 3,17 lesen wir etwas vom Ursprung der Reinheit und dem
Platz, den sie darin einnimmt: »Die Weisheit von oben aber ist ers-
tens rein«. Hier sehen wir, dass Reinheit aus einer Weisheit hervor-
geht, die ihre Quelle im Himmel, in Gott, hat und dass diese Weis-
heit auf der Erde zu allererst »Reinheit« bewirkt. Das kommt da-
her, dass die Weisheit einen Blick für das Verderben hat, das in der
Welt ist und wovon sie umgeben ist. Wer in Reinheit lebt, das be-
deutet also in Gemeinschaft mit Gott, wird Frieden in seiner Seele
erfahren und Frieden wird von ihm ausstrahlen. Daher steht dabei,
dass sie »sodann friedvoll« ist. Was darauf folgt, bezieht sich alles
auf das Leben in einer vollkommen unreinen Welt. Die Weisheit,
die von oben ist, darf inmitten dieser Welt erkennen lassen, was in
Gott gefunden wird. Aber, wie gesagt, es beginnt mit Reinheit, der
Bedeutung des Namens Ibzan.
Ibzan kommt aus Bethlehem, das »Brothaus« bedeutet. Das sollte
jede Glaubensgemeinschaft sein. Eine örtliche Gemeinde wird ein
»Brothaus« für die hungrige Seele sein, wenn vor allem die Aufse-
her auf die Reinheit und Heiligkeit achten, die dafür notwendig
sind, mit der Gegenwart Gottes rechnen zu können. Der Gegen-
satz zu Jeftah zeigt sich in dem, was Ibzan tut. Anstatt seine eigene
Abschnitt 2f · Ibzan, Elon und Abdon 216

Tochter zu opfern und seine Brüder zu töten, findet sich bei ihm
Wachstum und Vermehrung. All seine dreißig Töchter lässt er hei-
raten. Sie nehmen die Reinheit, die sie bei ihrem Vater gesehen
haben, in ihre neue Umgebung mit. So gibt er seinen eigenen Grund-
satz der Reinheit weiter. Für seine Söhne gilt dasselbe; sie unter-
stützen seine persönliche Position. Das können wir aus der Tatsa-
che schließen, dass sie in seiner Nähe bleiben. So kann jeder Auf-
seher, der treu handelt (d. h. nach den Grundsätzen des Wortes
Gottes), mit der Verbreitung und Unterstützung dieser Grundsät-
ze durch andere rechnen.
Alle seine Söhne und Töchter heirateten. Ibzan muss eine Fami-
lie gehabt haben, in die jeder junge Mann und jede junge Frau gern
aufgenommen wurde, als er oder sie einheiratete. Es tut Eltern gut,
wenn sie sehen, dass sich ihre Kinder in Gläubige aus anderen örtli-
chen Gemeinden verlieben und sie heiraten, um mit ihnen den Weg
des Herrn zu gehen und ihm mit ihrem Leben zu dienen. Ibzan blieb
nicht zu Hause sitzen, sondern zog für seine Kinder aus. Als er ei-
nen guten Platz für sie gefunden hatte, ließ er seine Kinder ruhig
ziehen. Sein Einfluss auf Israel dauerte sieben Jahre. Die Zahl sie-
ben weist auf Vollkommenheit hin, wie wir schon zuvor sahen. Die
Zeit, in der er richtete, muss eine Wohltat für das Volk gewesen
sein. Der Ort, woher er kam, wurde der Ort seines Begräbnisses.

Elon — Vers 11-12


Elon bedeutet »stark«. Er ist ein Nachkomme Sebulons, dessen
Name »Wohnung« bedeutet. Sebulon erhält seinen Namen in
1. Mose 30,20. Dort sagt Lea: »Diesmal wird mein Mann bei mir
wohnen.« Sie dachte, dass sie durch den sechsten Sohn, den sie Ja-
kob gebar, seine Zuneigung gewonnen hätte. Das drückt den Ge-
danken an eine Versöhnung zwischen Jakob und Lea aus. Woran
können wir nun denken, wenn wir von Elon, den Sebuloniter, le-
sen? Daran, dass jemand ein starker Mann genannt wird, wenn er
Versöhnung dort zustande bringt, wo Streit ist. Es ist jemand, der
seine Hände auf die Schultern zweier zankender Brüder oder
Schwestern legt. In Philipper 4,3 ist Paulus solch ein starker Mann.
Ich hoffe, dass auch wir unsere Kraft zu erkennen geben, indem
wir zankende Brüder oder Schwestern zusammenführen.
217 Richter 12,8-15

Elon wird in Ajalon begraben. Eine der Bedeutungen dieses Na-


mens ist »Platz der Eichen«. Die Eiche ist ein Schaubild der Kraft
und Beständigkeit. Mit seinem Tod ist sein Leben nicht vorbei und
vergessen. Dieselbe Kraft, die er in seinem Leben zeigte, ist mit
seinem Tod verbunden. Elon zeigt etwas von der Art Führer, von
denen wir in Hebräer 13,7 lesen. Es geht dort um Führer, die be-
reits verstorben sind: »Gedenkt eurer Führer, die das Wort Gottes zu
euch geredet haben, und, den Ausgang ihres Wandels anschauend, ahmt
ihren Glauben nach!« (UElb).

Abdon — Vers 13-15


Auch hier können wir wieder das eine und andere aus der Bedeu-
tung der Namen lernen. Abdon bedeutet »Dienst«; Hillel »Lobge-
sang«; Piraton »Freiheit«, »fürstlich«, »Höhepunkt« oder »Vergel-
tung«. Wenn der Dienst eines Aufsehers aus einem Herzen voller
Lobpreis hervorgeht und in Freiheit ausgeübt werden kann, dann
ist das eine Wohltat für die Gemeinde. Solch ein Aufseher oder
Führer wird sein Werk mit Freude tun. Viel hängt dabei von den
Gläubigen ab, inmitten derer er seinen Dienst ausübt. Er darf ihm
nicht schwer gemacht werden. Die Ermahnung in Hebräer 13,17
ist hier zutreffend: »Gehorcht und fügt euch euren Führern! Denn sie
wachen über eure Seelen, als solche, die Rechenschaft geben werden,
damit sie dies mit Freuden tun und nicht mit Seufzen; denn dies wäre
nicht nützlich für euch.« So besteht in jeder örtlichen Gemeinde
eine Wechselwirkung zwischen den Aufsehern bzw. Führern und
denen, die geführt werden. Wenn ein Aufseher sein Werk gut tun
kann, dann werden seine (geistlichen) Söhne und Enkel den Dienst
und den Lobpreis ihres (geistlichen) Vaters und Großvaters wei-
terhin bringen. Ältere und Jüngere folgen ihm nach. Auch das drit-
te Geschlecht (meistens die Generation, die weggeht) nimmt da-
ran teil.
Das Geheimnis seines Erfolges wird durch seinen Sieg über die
Amalekiter sichtbar. Während seines Lebens hat er ein Stück Bo-
den von ihnen erobert. Amalek ist ein Bild des Fleisches. Abdon
zeigt uns im Bild eine Person, die in der Praxis verwirklicht hat, was
wir in Galater 5,24 lesen: »Die aber dem Christus Jesus angehören,
haben das Fleisch samt den Leidenschaften und Lüsten gekreuzigt.«
Abschnitt 2f · Ibzan, Elon und Abdon 218

Sein Grab wird zu einem Denkmal dafür. Abdon hatte sich durch
seinen Sieg über das Fleisch (die Amalekiter) einen Weg nach oben
(in das Gebirge) gebahnt. Auf seinem Grab könnte stehen: »das
Fleisch überwunden«.
219

2g) Kapitel 13 – 16
Simson

Kapitel 13

Allgemeines
Die Geschichte Simsons regt stets die Fantasie an. Ein Mann, ge-
waltig an Kraft, und doch so schwach. Im Gegensatz zu den vorhe-
rigen Richtern, die beim Bekämpfen des Feindes immer Volksge-
nossen bei sich haben, macht Simson alles allein. Er führt kein Heer
an wie Gideon und Jeftah. In diesem Auftreten als Einzelgänger,
bei dem keine Verbindung mit dem Volk Gottes besteht, kommt
bei Simson ein Egozentrismus zum Vorschein.
Andererseits passt das Auftreten als Einzelgänger zu einem Volk
Gottes, das als Ganzes weit von Gottes Wort abgewichen ist.
Was die Christenheit betrifft, ist diese Situation im 2. Thimotheus-
brief wiederzufinden. Wenn der Verfall in der Christenheit solche
Formen angenommen hat, dass keine Wiederherstellung mehr mög-
lich ist, kommt es auf persönliche Treue gegenüber dem Herrn und
seinem Wort an. Diese Treue zeigt sich in der Absonderung von der
Sünde. Dann kann von dem »Mensch Gottes« (2. Timotheus 3,17)
die Rede sein. Das ist der Mensch, der in einem allgemeinem Zu-
stand des Verfalls dennoch in seinem eigenen Leben die Merkmale
Gottes zeigt. Er ist jemand, der für Gott und seine Rechte eintritt,
inmitten einer Christenheit, die sich nicht darum schert. Der ganze
Grundsatz der Kraft liegt in der Absonderung zu Gott.
Ich will uns noch kurz an das erinnern, was ich schon eher ge-
schrieben habe, nämlich dass die Menschen von damals nicht so
sehr die Menschen von heute darstellen, sondern dass sie vielmehr
für moralische oder geistliche Kräfte stehen, die heute ein ganzes
Volk oder den Einzelnen leiten. Wenn wir diese Gegebenheit auf
Simson anwenden, sehen wir, dass er den Grundsatz der Nasiräer-
schaft verdeutlicht. Das heißt, Gott möchte durch ihn zeigen, dass
Abschnitt 2g · Simson 220

in einer Zeit des Verfalls geistliche Kraft allein in jemandem zu


finden ist, der in Absonderung vom Bösen und in Gemeinschaft
mit Gott lebt. Völlige Absonderung zu Gott hin ist im Kampf ge-
gen unsere Feinde die Quelle der Kraft. Auf vollkommene Weise
ist das in Jesus Christus zu sehen. Er war der wahre Nasiräer.
Simsons Geschichte birgt merkwürdige Gegensätze in sich. Wir
sehen bei ihm einerseits die Gnade und den Ratschluss Gottes, den
Plan, den Gott mit ihm hatte. Andererseits sehen wir, wie wenig
davon im Leben Simsons zum Ausdruck kommt. Es sind zwei ver-
schiedene Dinge: Was Gott mit Simson beabsichtigte und was Sim-
son in der Praxis war. Simson braucht schließlich selbst einen Be-
freier und stirbt sogar in den Händen seiner Feinde, der Philister.
Er ist zudem ein Bild für Israel, das Gott für sich selbst als Volk
abgesondert hatte, das sich jedoch nicht als solches verhalten hat.
So erging es auch der Gemeinde, die Gott sich als ein himmli-
sches Volk auserwählt hat. Die Gemeinde ist ihrer Berufung un-
treu geworden, sich auf der Erde als ein himmlisches Volk zu ver-
halten. Sie hat sich ein irdisches Verhalten angeeignet. Grundsätze
der Philister sind eingedrungen und bestimmen größtenteils das
Gesicht der Gemeinde, oder besser gesagt, der Christenheit. Auf
sie trifft zu, was wir in 2. Timotheus 3,5 lesen: »… die eine Form der
Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen.« Das ist es, was die
Philister darstellen. Dieser Erscheinung einer »Form der Gottse-
ligkeit« werden wir in der vor uns liegenden Geschichte Mal für
Mal begegnen. Für die Gemeinde ist keine völlige Wiederherstel-
lung zu erwarten, wenngleich es Zeiten der Erweckung gibt. Ihre
irdische Geschichte endet, wie in diesem Buch, in einer immer noch
ungebrochenen Gefangenschaft bei den Philistern.
Das Leben Simsons verdeutlicht uns etwas vom christlichen Zeug-
nis auf der Erde, sowohl in gemeinschaftlicher als auch in persönli-
cher Hinsicht. Wenn das Zeugnis anstelle einer gemeinschaftlichen
zu einer individuellen Sache wird, hat das zu bedeuteten, dass die
Gesamtheit sich im Verfall befindet.

Einleitung
In diesem Kapitel wird alles von der Seite Gottes aus gesehen. Wir
sehen, wie er am Werk ist und dafür sorgt, dass alles für die Geburt
221 Richter 13,1

eines Nasiräers vorbereitet wird. Das »Nest« des Nasiräers wird


zubereitet. Gott wollte, dass Simson sein ganzen Leben lang ein
Nasiräer sein sollte. In 4. Mose 6 findet sich das Gesetz des Nasirä-
ers. Darin lesen wir, dass jemand sich auf der Grundlage der Frei-
willigkeit für eine bestimmte Zeit der Nasiräerschaft weihen konn-
te. Simson hatte keine Wahl. Gott hatte ihn zur Nasiräerschaft be-
stimmt, für sein ganzes Leben. Aber Gott regelt alles so, dass es für
ihn auch möglich ist, dem zu genügen. Wie in diesem Kapitel deut-
lich wird, zeugt die ganze Vorbereitung davon. Dass Gott so han-
delt, verdeutlicht noch einmal seine unaufhörliche Fürsorge und
seine Liebe zu seinem Volk. Das ist umso deutlicher, wenn wir da-
ran denken, wie dieses Volk ihm immer wieder so untreu geworden
ist, zum soundsovielten Mal und jetzt in schlimmstem Maße. Gott
beginnt allmächtig zu handeln.

Wiederum abgewichen — Vers 1


Zum siebten Mal lesen wir nun: »Und die Söhne Israels taten weiter,
was böse war in den Augen des HERRN.« Die Zuchtrute, die Gott
jetzt gebraucht, sind die Philister. Sie waren schon früher zu einer
Züchtigung herangezogen worden. Das sahen wir in Kapitel 10,7.
Aber dort waren sie nicht der Hauptfeind wie jetzt. Sie nahmen das
Land in Beschlag. Die Philister werden nicht unter den bösen Na-
tionen Kanaans genannt. Auf das, was die Philister darstellen, bin
ich bereits bei Kapitel 3,3 eingegangen. Um der Bedeutung der Er-
kenntlichkeit dieses Feindes willen werde ich kurz einige Dinge wie-
derholen, während ich auch neue Merkmale herausstelle. Die Phi-
lister scheinen Menschen darzustellen, die äußerlich eine Stellung
einnehmen, die mit dem übereinstimmt, was Gott seinem Volk ge-
geben hat. Sie besitzen eine Form der Gottseligkeit (2. Timotheus
3,5). In unserer Zeit sind sie mit Namenschristen zu vergleichen,
mit Menschen, die vorgeben, Christen zu sein, aber nicht wieder-
geboren sind. Es sind Nachahmer.
Philister stellen eine Religion dar, die für den nicht wiedergebo-
renen Menschen annehmbar ist. Ihr Werk ist zum Beispiel die Ver-
stopfung von Brunnen, wie in 1. Mose 26. Dessen Bedeutung ist,
dass sie den Heiligen Geist am Wirken hindern, denn Brunnen sind
ein Bild des Wortes Gottes, das vom Heiligen Geist lebendig ge-
Abschnitt 2g · Simson 222

macht wird. Der Herr Jesus spricht in Johannes 4 und 7 darüber.


Philister gebrauchen die Dinge Gottes zu ihrem eigenen Vorteil.
Das ist die Klage, die Gott durch den Propheten Joel (Joel 3,5)
unter anderem gegen die Philister erhebt. Ein Beispiel: der Na-
menschrist gibt bestimmten wichtigen biblischen Begriffen einen
völlig anderen Inhalt. Man denke nur einmal an den Segen der Kind-
schaft und der Sohnschaft des Gläubigen. Gläubige werden Kinder
Gottes und auch Söhne Gottes genannt. Was macht der Namens-
christ daraus? Er sagt, alle Menschen seien Kinder Gottes. So wird
dieser Segen auf das Niveau des natürlichen, nicht wiedergebore-
nen Menschen herabgewürdigt. Und wie steht es mit ihrer Sicht-
weise der leibhaftigen Auferstehung Christi, ein Fundament des
christlichen Glaubens? Der Namenschrist spricht auch über die
Auferstehung Christi, aber er meint damit, dass Christus in den
Ideen weiterlebt, die von seinen Anhängern verbreitet werden.
Es geht bei den Philistern darum, dass wir die Taktik zu erken-
nen beginnen, die sie gebrauchen, um die Wahrheit Gottes auszu-
höhlen und inhaltslos zu machen. Um es mit 2. Timotheus 3,5 zu
sagen: »… deren Kraft aber verleugnen (sie).« Sie berufen sich auf
die Bibel, aber in Wirklichkeit nehmen sie sich von der ganzen Bi-
bel nichts an. Dennoch wollen sie nichts lieber, als ihre Gedanken
im christlichen Gebiet einzuführen. Die Philister sind ja keine Fein-
de von außerhalb des Landes, sondern sie wohnen darin. Und ob-
wohl sie kein Recht auf das Land haben, denn Gott hatte es seinem
Volk zugeteilt (5. Mose 32,8.9), verbinden sie doch ihren Namen
damit: Palästina. Von allen Feinden Israels wird im Alten Testa-
ment am meisten über die Philister gesagt. Sie haben Israel länger
in Sklaverei gehalten als jedes andere Volk. David erst hat sie end-
gültig geschlagen.
Auch wenn wir keine Namenschristen sind, müssen wir doch
enorm aufpassen, dass wir nicht in den Bann des angenehmen Le-
bens geraten, das der Namenschrist zu führen scheint. Es ist ein
Leben aus dem Fleisch und für das Fleisch und nicht für Gott. Be-
wahren kann uns einzig und allein die Beschäftigung mit dem Herrn
Jesus, von dem David ein Bild ist. Simson geriet in den Bann der
anziehenden Seite der Philister, hier in Form einiger Frauen. Er
war kein Herr über seine Lüste. Das bedeutete seinen Untergang
als Nasiräer und dadurch versagte er in seinem Auftrag. So wird es
223 Richter 13,1-2

auch uns ergehen, wenn wir nicht von dem abgesondert bleiben,
was die Christenheit dem fleischlichen Menschen zu bieten hat. Wir
können dann nie länger ein Zeuge für Gott sein; unser Zeugnis
wird untergehen.

Gott beginnt zu wirken — Vers 2


Die Züchtigung hat hier nicht das gewünschte Ergebnis. Sie bringt
Israel diesmal nicht dazu, zum Herrn zu schreien. Gott wartet ver-
geblich. Das Volk hat sich an sein Elend und seine Sklaverei ge-
wöhnt, so tief ist es schon gesunken. Wenn es kein Schreien gibt,
kann es auch keine Rückkehr geben. Aber damit sind die Quellen
der Gnade Gottes nicht erschöpft. Er sieht diejenigen unter dem
Volk, die ihn fürchten. Er will zur Erfüllung seiner Pläne von ei-
nem gottesfürchtigen Ehepaar Gebrauch machen, das zugleich alle
Merkmale von Schwachheit darstellt.
Manoach und seine Frau gehören mit Dan zum schwächsten
Stamm Israels, dem Stamm, der am wenigsten den Auftrag Gottes
erfüllt hat (Kapitel 1,34). Sie bilden einen Überrest, so wie Josef
und Maria, Zacharias und Elisabeth, Anna und Simeon es in der
Zeit der Geburt des Herrn Jesus waren. Auch das waren dunkle
Tage in der Geschichte Israels. Hinzu kommt noch, dass die Frau
unfruchtbar war. Auch die Bedeutung des Namens macht die Sa-
che nicht rosiger. Zora bedeutet »Hornissennest« oder »Wespen-
nest«, während die Bedeutung des Namens Manoach »Ruhe« ist.
Wespen oder Hornissen stechen oder beißen gemein. Sie sind ein
Bild satanischer Angriffe, verführerischer Geister, mit denen wir
in den letzten Tagen zu tun bekommen werden (1. Timotheus 4,1-2).
Sie »stechen«, wo sie können, vor allem, um uns zu entmutigen,
etwas für Gott zu tun.
Der Stamm Dan ist ein verräterischer Stamm (1. Mose 49,17).
Er lag von allen Stämmen am weitesten von Jerusalem entfernt.
Sich an einem solchen Ort bequem zu fühlen, dort Ruhe zu haben,
ist kein gutes Zeichen. Wie kann es Ruhe geben, wenn alles so im
Widerspruch zum Willen Gottes steht? In Sacharja 1,11-12 ist die
Ruhe auch nicht gesund. Der Vorwurf dort lautet: Wie kann die
Erde in Ruhe sein, während die Stadt Jerusalem in Trümmern liegt!
Aber die folgenden Verse lassen erkennen, dass diese Sache Gott
Abschnitt 2g · Simson 224

keine Ruhe lässt und dass er sich für Jerusalem einzusetzen be-
ginnt. Das ist auch hier der Fall. Wenn wir auf den Hintergrund der
Geburt Simsons blicken, dann erscheint alles hoffnungslos. Aber
Gott beginnt sein Werk dort, wo nichts mehr zu erwarten ist. So
wirkt er meistens.

Unfruchtbar — Vers 3
Der Erste, der etwas vom Vorhaben Gottes zu hören bekommt, ist
nicht Manoach, sondern seine Frau. Gott richtet sich an sie, um
anzuzeigen, wie schwach der Zustand des Volkes ist. Die Frau ist
im Allgemeinen in der Bibel ein Bild der Schwachheit. Diese
Schwachheit wird noch mit der Aussage betont, dass sie eine un-
fruchtbare Frau ist. Es wird noch ein Akzent gesetzt, indem hinzu-
gefügt wird, dass sie nicht gebar. So richtet sich Gott auch an uns,
wenn er Gefäße seines Segens aus uns machen will. Wenn Gott uns
gebrauchen will, tut er das nicht aufgrund dessen, was wir von Na-
tur aus sind. Darüber müssen wir uns klar sein. Von Natur aus sind
wir nicht in der Lage, Frucht zu bringen. Er sagt das zur Frau Ma-
noachs nicht als Tadel, sondern aus Liebe.
Es scheint, dass sie sich durch ihre Unfruchtbarkeit auf den Herrn
geworfen hat. Sie wird ihm ihre Not und ihre Sehnsucht oft ge-
nannt haben. Als rechtschaffene israelitische Frau wünschte sie
Nachkommenschaft. Vielleicht hat sie sogar, wie Hanna in 1. Sa-
muel 1, um einen Sohn gebeten, der von Gott gebraucht werden
kann. Bei den gottesfürchtigen, aber unfruchtbaren Frauen Sara,
Rebekka und Hanna war die Unfruchtbarkeit ebenfalls eine Übung
für die Seele. Nun ist Gottes Zeit für Manoachs Frau gekommen.
Er verheißt ihr einen Sohn und gibt dazu noch einige Anweisun-
gen, sowohl für sie selbst als auch für ihren Sohn.

Anweisungen für die Frau — Vers 4


Bevor die Bedingungen genannt werden, denen der Sohn genügen
muss, um ein Nasiräer sein zu können, wird zuerst der Mutter ge-
sagt, worauf sie zu achten hat. Daraus können wir lernen, dass al-
les, was der Heranbildung eines Nasiräers im Wege stehen kann,
weggetan werden muss. Es ist wichtig, dass Eltern sich diese An-
225 Richter 13,2-4

weisungen zu Herzen nehmen. Eltern müssen dafür sorgen, dass


sie keine Einflüsse zulassen, durch die ihre Kinder verkehrt geprägt
werden können. Eltern, denen die Interessen Gottes und seines
Volkes nahe am Herzen liegen, werden in ihrem Wunsch nach Kin-
dern um Kinder bitten, die für das Volk Gottes von Nutzen sein
können. Sie wünschen, dass sie echte Dienstknechte Gottes wer-
den. Mit weniger werden sie nicht zufrieden sein. Es geht um Got-
tes Gemeinde.
Die Familie ist das einzige Gebiet, wo der prägende Einfluss be-
stimmt werden kann; auch die örtliche Gemeinde ist eine Umge-
bung, in der Kinder geprägt werden. Jeder, der zu einer örtlichen
Gemeinde gehört, tun gut daran zu bedenken, dass auch sein Ver-
halten die geistliche Entwicklung der Kinder beeinflusst, die die
Zusammenkünfte besuchen. Das gilt auch, wenn die Kinder mit
den Eltern in die Häuser der Glaubensgeschwister kommen.
Die Erziehung unserer Kinder ist darauf ausgerichtet, dass sie
für den Herrn abgesondert leben sollen. Das verlangt von den El-
tern, das richtige Vorbild abzugeben. Diese Lebenshaltung muss
schon bei den Eltern vorhanden sein, bevor die Kinder geboren
werden. Wein oder Rauschtrank bezieht sich auf die angenehmen
Dinge des Lebens, die an sich nicht einmal verkehrt zu sein brau-
chen. Wir sahen schon zuvor, dass Wein das Herz Gottes und der
Menschen erfreut. Er ist ein Bild der irdischen Freude. Aber wenn
der Wunsch vorhanden ist, ganz als Nasiräer für Gott zu leben, muss
die Gefahr erkannt werden, die sich in der irdischen Freude ver-
birgt. Von den Dingen der Erde kann ein berauschender Einfluss
ausgehen. Dieser kann die Sicht auf die wahre Berufung, ganz für
Gott zu leben, benebeln. Die irdischen Dinge können einen so gro-
ßen Stellenwert bekommen, dass sie das Herz und die Zeit von je-
mandem, der dazu berufen ist, für Gott zu leben, ganz in Beschlag
nehmen. Die Interessen werden allmählich von einem Ausgerich-
tetsein auf Gott und die Dinge des Himmels zu einem Ausgerich-
tetsein auf sich selbst und die Dinge der Erde verlagert. Es geht
immer mehr um unser Wohlbefinden als um das, was Gott im Blick
auf sein Volk beschäftigt. Es ist auch viel angenehmer, die guten
Dinge dieses Lebens mit vollen Zügen zu genießen, als Abstand
von diesen Dingen zu nehmen und anstelle dessen Entbehrung,
Schmach und Einsamkeit aufgrund der Untreue des Volkes zu lei-
Abschnitt 2g · Simson 226

den. Wir müssen dann tatsächlich sehr gut durchschauen, wofür


wir leben, oder besser: für wen wir leben.
Neben diesen an sich nicht verkehrten Dingen durfte die Mutter
Simsons außerdem nichts Unreines essen. Was unrein ist, steht mit
der Sünde in Verbindung. Sie durfte in ihrem Leben nichts zulas-
sen, was sündig war. So konnte sie in Verbindung mit Gott bleiben,
der nicht mit etwas verbunden sein kann, das unrein ist. Eltern kön-
nen nichts von ihren Kindern verlangen, worin sie selbst hinken.
Wenn Eltern selbst schlechte Lektüre lesen, können sie nicht erwar-
ten, dass ihre Kinder davon fernbleiben. Das geistliche Leben wird
dann nicht blühen, sondern eher absterben. Wenn Unreinheit keine
Chance hat, wird die Kraft des geistlichen Lebens sich entwickeln
können. Allein der Verzicht auf Schädliches wird noch kein gesun-
des Wachstum bringen. Dafür muss gute Speise verabreicht werden.
Dennoch stellt der Heilige Geist in dieser Geschichte vor allem in
den Vordergrund, wie notwendig es ist, von jedem Hindernis für
eine richtige Erfüllung der Nasiräerschaft Abstand zu nehmen. Wie
wichtig sind diese Anweisungen für Eltern, die ihre Kinder zu brauch-
baren Werkzeugen in der Hand des Herrn erziehen möchten. Ein
Nasiräer ist jemand, der vor dem zurückscheut, was die Natur er-
regt, der den Platz der Frau in Schwachheit einnimmt und in dem
allein die Kraft des Lebens wirksam ist. Dies sind die notwendigen
Bedingungen, um zur Heranbildung des Nasiräers zu kommen, mit
dem Gott seinen Plan ausführen kann. Dieser Plan besteht darin,
die Religion des Fleisches zur Seite zu stellen (von der die Philister
ein Bild sind), um damit den Weg für den Mann nach dem Herzen
Gottes vorzubereiten: David, ein Vorbild auf den Herrn Jesus.

Der Nasiräer — Vers 5


Das Wort Nasiräer bedeutet »Abgesonderter« oder »Geweihter«.
Beide Bedeutungen sind wichtig, um Gottes Absicht mit der Nasi-
räerschaft kennen zu lernen und hoffentlich auch in der Praxis zu
verwirklichen. Der Sinn ist: abgesondert von der Sünde und Gott
geweiht zu sein. Gott stellt uns diese Dinge nicht vor, damit wir uns
an ihnen als nützlichen Zeitvertreib erfreuen. Er will, dass diese
Dinge auf unser Herz und Gewissen einwirken und in unserem Le-
ben verwirklicht werden.
227 Richter 13,4-5

In der Bibel werden mehrere Nasiräer erwähnt. Von Joseph heißt


es, dass er der »Abgesonderte« (wie ein Nasiräer) unter seinen Brü-
dern war (1. Mose 49,26). Auch Samuel und Johannes der Täufer
sind Nasiräer (1. Samuel 1,11 und Lukas 1,15). Der Herr Jesus war
der Nasiräer schlechthin. Das bestand bei ihm nicht in der Einhal-
tung der Vorschriften von 4. Mose 6 oder Richter 13. Er hat Wein
getrunken und unreine Menschen (Aussätzige) und auch Tote an-
gerührt. Nirgends gibt es einen Hinweis, dass er langes Haar getra-
gen habe. Dennoch war er der wahre Nasiräer, weil er vollkommen
der geistlichen Bedeutung der Vorschriften entsprochen hat, die für
den Nasiräer galten. Auch wir haben es mit der geistlichen Bedeu-
tung dieser Vorschriften zu tun, und wir werden dazu aufgerufen,
dem Herrn darin zu folgen.
Wie gesagt, ist Simsons Nasiräerschaft keine freiwillige Sache,
sondern eine Berufung Gottes. Seine Übung wird sein, dieser Be-
rufung zu entsprechen. Es ist bemerkenswert, dass die Vorschrif-
ten, denen der Nasiräer in 4. Mose 6 genügen musste, hier über die
Mutter Simsons und über Simson selbst verteilt werden. Die Mut-
ter durfte keinen Wein oder starkes Getränk trinken (obwohl das
natürlich auch für Simson galt), während von Simson allein gesagt
wird, dass er sein Haar nicht abschneiden durfte. Das lange Haar
war ein äußerliches Kennzeichen, sichtbar für andere, während die
übrigen Kennzeichen für andere nicht sichtbar waren. Die Kenn-
zeichen, die nicht sichtbar sind, stehen mehr mit der Gesinnung
des Herzens in Verbindung. Sein langes Haar, das sehr wohl sicht-
bar war, stand mehr mit dem äußerlichen Zeigen dieser Gesinnung
in Verbindung.
Bei der Betrachtung von Kapitel 5,1 habe ich bereits etwas über
die allgemeine Bedeutung gesagt, die langes Haar in der Schrift
hat; dort kann bei Bedarf noch einmal nachgelesen werden. Mit
Bezug auf Simson kann dem Folgendes hinzugefügt werden: Die
Frau trägt langes Haar, das ist normal. Es ist ihr Schmuck. Das
lesen wir in 1. Korinther 11. Es ist ein beständiges Symbol ihrer
Abhängigkeit und ist zugleich ihre Herrlichkeit. Wenn ein Mann
langes Haar trägt, ist es eine Schande für ihn. Gott erlegt dem Na-
siräer diese Schande auf. Er zeigt damit, dass er seinen Platz als
Mann, als Haupt der Schöpfung, aufgibt und dass er einen Platz
der Abhängigkeit (wie die Frau) einnimmt. Er deutet damit an, dass
Abschnitt 2g · Simson 228

er schwach sein will, damit die Kraft Christi in ihm wohnen kann
(2. Korinther 12,9). Ein negatives Beispiel dessen, was das lange
Haar vorstellt, steht in Offenbarung 9,7-8. Dort sind die Monster
scheinbar stark, aber in Wirklichkeit erhalten sie ihre Kraft von
jemand anderem, nämlich von Apollyon. Sie folgen nicht ihrem ei-
genen Willen, sondern sind von Apollyon, dem Engel des Abgrunds,
abhängig, der Macht über sie hat und sie lenkt. Für den Nasiräer
hat das lange Haar die Bedeutung, dass seine ganze Kraft in seiner
Abhängigkeit von Gott liegt.
Über Simson steht noch in unserem Vers geschrieben: »Er aber
wird anfangen, Israel aus der Hand der Philister zu retten.« Darin wird
ausgedrückt, dass er nicht eine endgültige Erlösung zustande brin-
gen wird.

Der Bericht der Frau — Vers 6-7


Als Manoachs Frau die Voraussage gehört hat, eilt sie zu ihrem
Mann. Sie berichtet ihm zuerst von der Erscheinung des Engels
des Herrn, bevor sie erzählt, was er ihr gesagt hat. Der Überbrin-
ger der Botschaft hat größeren Eindruck auf sie gemacht als die
Botschaft an sich. Sie nennt den Boten einen »Mann Gottes … sein
Aussehen war wie das eines Engels Gottes, sehr furchtbar«. Im Alten
Testament wird ein Prophet manchmal »Mann Gottes« genannt.
Da Manoachs Frau dem Engel diese Bezeichnung gibt, erkennt sie
die göttliche Quelle der Botschaft an. Doch der Zusatz, dass er
auch aus wie ein »Engel Gottes« aussah, weist darauf hin, dass die-
se Person für sie mehr war als bloß ein Mensch. Wer er genau war,
konnte sie nicht sagen. Wohl brachte seine Erscheinung sie zum
Fürchten. Als Gideon in Kapitel 6,22 entdeckt, dass er es mit dem
Herrn selbst zu tun hat, wird auch er ängstlich. Jesaja äußert die-
selben Gefühle in Jesaja 6,5 und Mose in 2. Mose 2,6.
Wegen dieses erschreckenden Anblicks hatte die Frau Manoachs
es nicht gewagt, nach seinem Namen zu fragen. Auch hatte der Be-
sucher ihr seinen Namen nicht mitgeteilt. Wohl hatte er einiges ge-
sagt: Er hatte dort die Verheißung gegeben, dass sie schwanger wer-
den sollte. Er hatte ihr vorgeschrieben, was sie nicht trinken und
essen durfte. Schließlich hatte er ihr mitgeteilt, dass Gott will, dass
dieses Kind ein Nasiräer Gottes wird. Doch verschweigt sie ihrem
229 Richter 13,5-14

Mann den Auftrag ihres Kindes, dass er gegen die Philister kämp-
fen sollte.

Manoachs Gebet — Vers 8


Es ist wunderschön zu sehen, wie Manoach auf alles reagiert, was
seine Frau ihm erzählt. Er vertraut ihr völlig. Er kannte den Um-
gang seiner Frau mit Gott und wusste, dass sie sich nichts einbilde-
te. Es war für dieses Ehepaar nicht fremd, sich über das auszutau-
schen, was sie vom Herrn gehört oder gesehen hatten. Manoach
und seine Frau konnten gut miteinander über die Dinge des Herrn
reden. Es war ihr gemeinsames Verlangen, nach Gottes Willen zu
leben. Auch heute ist die Grundlage einer guten Ehe die Weise,
wie Mann und Frau die Belange des Herrn einander mitteilen kön-
nen. Beide müssen ihren eigenen Umgang mit dem Herrn haben,
und zwar durch persönliches Bibellesen und durch persönliches Ge-
betsleben. Das kann der eine nicht für den anderen tun. Aber sie
dürfen darin nicht aneinander vorbei leben. Das wird zu einer har-
monischen Ehe führen, wenn Mann und Frau einander mitteilen,
was jeder von dem Herrn gesehen und empfangen hat und außer-
dem einander gegebenenfalls korrigieren.
Manoach glaubt, dass es sich bei dem, wovon seine Frau erzählt
hat, um eine Botschaft Gottes handelt. Das ist der Ausgangspunkt
für sein Gebet. Er zweifelt nicht: Was Gott gesagt hat, wird gesche-
hen. Er hat nur noch eine Frage, und zwar bezüglich der Erziehung
des erwarteten Kindes. Werdende Eltern dürfen hierin ein gewalti-
ges Vorbild sehen.

Antwort auf das Gebet — Vers 9-14


»Und Gott hörte auf die Stimme Manoachs.« Welche Ermutigung für
jeden, der wünscht, Kinder nach den Gedanken Gottes zu erzie-
hen. Die Weise, wie das Gebet erhört wird, schließt sich an den vor-
herigen Besuch des Engels Gottes an. Wieder geht Gott an dem
Mann vorbei, um deutlich zu machen, dass nichts von der Kraft des
Mannes in der Erlösung einen Platz haben kann. Er sucht wieder-
um die Frau auf, als sie allein ist. Sie erkennt ihn sofort wieder und
geht eilends ihren Mann holen. Bei ihr ist kein einziger Zweifel zu
Abschnitt 2g · Simson 230

sehen, während Manoach doch seine Fragen hat. Er muss zuerst


Sicherheit haben, dass er es in der Tat mit der Person vom ersten
Besuch zu tun hat. Er empfängt die kürzeste mögliche Bestätigung.
Dann wiederholt er die Frage, die er in seinem Gebet in Vers 8 ge-
stellt hat. Aber es besteht doch ein Unterschied zwischen Vers 8
und Vers 12. In Vers 12 fragt er, wie sie als Eltern mit dem Kind
umgehen sollen. In Vers 12 bezieht sich die Frage mehr auf das Kind
selbst. Er fragt nach der »Lebensweise« und dem »Tun« des Jungen.
Solche Fragen zu stellen, ist von großer Bedeutung. Welche El-
tern solche Fragen stellen, sind sich bewusst, dass sie keine Kinder
für sich selbst bekommen, sondern dass sie diese für Gott erziehen
dürfen, damit er im Leben dieser Kinder verherrlicht wird. Es geht
also um die Frage, wofür wir unsere Kinder erziehen: für eine hohe
Position in dieser Welt oder für eine hohe Position im Reich Got-
tes? Eine hohe Position im Reich Gottes erfordert, einen niedrigen
Platz einzunehmen. Um in das Reich Gottes kommen zu können,
muss ein Kind zuerst von neuem geboren werden (Johannes 3,5).
Danach muss die Entwicklung des christlichen Charakters stattfin-
den. Das geschieht durch das Wachstum in den Dingen Gottes. Ein
so geprägtes Kind wird sich später als von großem Nutzen für die
Gemeinde und im Dienst für Gott erweisen.
Es ist wichtig, gut auf die Lebensweise des Kindes zu achten.
Eltern müssen im Auge behalten, dass die Kinder sich Zeit für die
Dinge des Herrn einräumen, auch wenn sie mit Schulaufgaben und
dergleichen belastet sind. Sie müssen ihre Kinder lehren, persönli-
chen Umgang mit dem Herrn zu haben und ihn in alles einzubezie-
hen, was sie tun. Kinder dürfen im Herrn jemanden kennen lernen,
mit dem sie einen vertraulichen Umgang pflegen dürfen. Wichtig
ist ferner, auf die Art der Arbeit zu achten, die sie womöglich für
den Herrn beginnen. Jedes Kind hat andere Fähigkeiten, ist an-
ders vom Herrn ausgerüstet worden. Eltern müssen ihre Kinder
dazu anreizen, ihre natürlichen Fähigkeiten für den Herrn zu ge-
brauchen. Sie dürfen ihre Kinder auch lehren, dass Gott es schön
findet, wenn sie tun, was sie können. Sie brauchen nicht mehr zu
sein, als sie sind. Dieses Bewusstsein der Annahme durch Gott hängt
zu einem großen Teil von dem Gefühl ab, das Eltern ihrem Kind
vermitteln, dass es von ihnen so akzeptiert wird, wie es ist. Für die
meisten ist das zwar selbstverständlich, aber um jedem Missver-
231 Richter 13,14-15

ständnis zuvorzukommen, möchte ich noch sagen, dass ich natür-


lich nicht vom Akzeptieren von Dingen spreche, die verkehrt sind.
Die Antwort, die Manoach bekommt, ist dieselbe wie die, die
seine Frau bereits bekommen hat. Diese Antwort bezieht sich nicht
auf den Jungen, sondern auf die Mutter. Es ist bemerkenswert, dass
der Engel diese Dinge nicht dem Vater aufträgt. Ich denke, dass
wir hieraus lernen können, dass die Atmosphäre im Haus am meis-
ten von der Mutter bestimmt wird und dass vor allem ihr Einfluss
auf die Prägung eines Kindes groß ist. Der Titel eines Buches von
Professor Waterink über Erziehung gibt das schön wieder: »An Mut-
ters Hand zu Jesus«. Als der Engel seine Antwort wiederholt, die
er zuvor der Frau gegeben hat, gibt er eine kleine Darlegung der
Dinge, derer sie sich enthalten muss: »Von allem, was vom Wein-
stock ist, soll sie nicht essen.« Das deutet darauf hin, dass die Erzie-
hung eines Kindes viel von den Eltern verlangt.
Das Aufgeben eigener Interessen und der Verzicht auf allerlei
Vergnügungen sind fundamental für das Erreichen des gesteckten
Ziels. Das bedeutet gewiss nicht, dass es kein Vergnügen mehr zu
erleben gäbe oder dass wir uns immer davor fürchten müssten, et-
was Verkehrtes zu tun. Es geht darum, wie sehr es Eltern am Her-
zen liegt, echtes Vergnügen an ihren Kindern zu haben. Für solche
Eltern wird das Wort aus 3. Johannes Vers 4 eine große Bedeutung
haben: »Eine größere Freude habe ich nicht als dies, dass ich höre,
dass meine Kinder in der Wahrheit wandeln.« In der Welt – und lei-
der kommt das auch unter Christen vor – will man keine Kinder,
weil sie ein Hindernis für das Erleben der »angenehmen Dinge des
Lebens« sind. Kinder bringen zu viele Verpflichtungen mit sich.
Doch wer das wirkliche Ziel des Kindersegens sieht, wird sich da-
für einsetzen wollen, diese echte Freude kennen zu lernen.

Das Opfer Manoachs — Vers 15-21


Aus allem, was Manoach gehört und erlebt hat, ist ihm klar gewor-
den, dass ein besonderer Gast bei ihm zu Besuch war. Offensicht-
lich hat er den Eindruck, dass er es mit einer göttlichen Person zu
tun hat. Das wird daraus ersichtlich, dass er seinem Gast ein Opfer
bringen will, etwas, das allein Gott gebracht werden kann. Das Op-
fer, das er bringen will, ist dasselbe wie das Opfer, das Gideon in
Abschnitt 2g · Simson 232

Kapitel 6 seinem himmlischen Gast gebracht hat. Dennoch wusste


Manoach nicht, wen er in Wirklichkeit vor sich hatte.
Erst in Vers 21 erkennt er, dass er dem Engel des Herrn Auge in
Auge gegenüber gestanden hat. Dass Manoach noch nicht wusste,
wen er vor sich hatte, wird auch aus dem deutlich, was der Engel
des Herrn in Vers 16 zu ihm sagt. Er sollte sein Opfer dem Herrn
bringen und nicht jemandem, der ihm eigentlich unbekannt war.
Das verdeutlicht uns, dass Gott von Menschen geehrt werden will,
die ihn kennen und durch Glauben eine Beziehung zu ihm haben.
Er kann kein Opfer annehmen, dass aus vagen Gefühlen über ihn
hervorgeht. Das ist wie beim reichen Jüngling, der den Herrn Jesus
»guter Meister« nennt, doch ohne zu begreifen, wen er vor sich hat
(Markus 10,17-18).
Nur wenn Manoach ihn als den Herrn, als Gott, erkennt, will er
das Opfer bzw. die Ehrerbietung annehmen, doch dann muss die
Darbringung des Opfers allerdings nach den Anweisungen gesche-
hen, die er gibt. Das bringt Manoach zu der Frage, die seine Frau
nicht gestellt hatte. Er fragt nach seinem Namen. Er möchte gern
mehr über ihn wissen. Der Name gibt – wie bereits zuvor gesehen –
oft Aufschluss darüber, mit was für einer Person wir es zu tun ha-
ben. Der Name Gottes gibt seinem Wesen Ausdruck. Der Name,
mit dem er sich Manoach vorstellt, ist »Wunderbar« (UElb). Die-
sem Namen begegnen wir auch in Jesaja 9,6. Dort geht es eindeutig
um den Herrn Jesus. Dort heißt es von ihm: »Denn ein Kind ist uns
geboren, ein Sohn uns gegeben, und man nennt seinen Namen Wun-
derbarer, Berater, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Friedefürst« (UElb).
Der Name »Wunderbarer« gibt das Wesen des Herrn Jesus an. Er
ist wahrhaftig Gott und wahrhaftig Mensch und doch eine Person.
Dieses Wunder ist zu groß für das Fassungsvermögen des mensch-
lichen Verstandes. Daher der Name »Wunderbarer«.
Als Manoach dann sein Opfer darbringt, geschieht etwas sehr
Wunderbares. Sein Besucher fährt mit der Flamme, die vom Altar
hinaufsteigt, in den Himmel. Das ist ein Bild dessen, was mit dem
Herrn Jesus am Kreuz geschehen ist. Als er dort litt und starb un-
ter dem Feuer des Gerichtes Gottes über die Sünde, stieg zugleich
ein lieblicher Geruch vom Kreuz zu Gott empor. Gott wurde durch
das Werk seines Sohnes verherrlicht. Aufgrund dessen hat Gott ihm
im Himmel den Platz der Herrlichkeit an seiner Rechten gegeben.
233 Richter 13,15-23

Wir dürfen jetzt wissen, dass es einen verherrlichten Menschen


im Himmel gibt. Mit diesem ist die Gemeinde unauflöslich verbun-
den. Gott lässt dieses »wunderbare Handeln« gerade in einer Zeit
sehen, in welcher der Verfall zunimmt, um diejenigen, die ihm in
Treue als Nasirärer dienen wollen, zu ermutigen. Dadurch wird der
Blick emporgelenkt. Nach oben zu blicken, »wo der Christus ist, sit-
zend zur Rechten Gottes« (Kolosser 3,2), ist die notwendige Hal-
tung, um als Nasiräer standhalten zu können.
Nachdem aufgezeigt wurde, was nicht in das Haus gehört, in wel-
chem der Nasiräer geboren und erzogen wird (Wein und Unrein-
heit), tritt nun das Positive in den Vordergrund. Das Haus wird
gleichsam mit dem Wohlgeruch des Opfers erfüllt, das die Herr-
lichkeit Christi vorstellt. Das Evangelium nach Markus, das den
Herrn Jesus als den wahren Dienstknecht Gottes vorstellt, endet
mit einem Blick in den Himmel: »Der Herr wurde nun, nachdem er
mit ihnen geredet hatte, in den Himmel aufgenommen und setzte sich
zur Rechten Gottes« (Markus 16,19). Dieser Blick in den Himmel
ist eine Ermutigung für jeden, der einen Dienst als Nasiräer für
den Herrn tun will.

Reaktion Manoachs und seiner Frau — Vers 22-23


Als Manoach begreift, mit wem er es zu tun hatte, wird er ängstlich
und fürchtet sich, dass er und seine Frau sterben werden. Dafür
besteht jedoch kein Grund, weil das Opfer angenommen worden
war. Seine Frau hatte das gut verstanden. Manoach schließt offen-
bar von sich selbst auf Gott. Seine Frau schließt vom Opfer aus auf
Gott. Ihre Haltung zeigt Glaubenssicherheit, wie wir sie für den
Christen in Römer 8,31-32 finden: »Was sollen wir nun hierzu sa-
gen? Wenn Gott für uns ist, wer gegen uns? Er, der doch seinen eigenen
Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat, wie
wird er uns mit ihm nicht auch alles schenken?«
Auch hier sehen wir wieder, wie die Verhältnisse bei diesem Ehe-
paar liegen. Manoach ist in geistlicher Hinsicht geringer als seine
Frau. Als echte Hilfe an seiner Seite weist sie ihn auf den Wert des
Opfers und auf das Handeln Gottes hin. Schön, wenn ein Mann
und eine Frau so miteinander umgehen und einander auf solche
Dinge hinweisen können.
Abschnitt 2g · Simson 234

Simsons Geburt und sein erstes Auftreten — Vers 24-25


Gottes Verheißung wird erfüllt. Der verheißene Sohn wird gebo-
ren, und seine Mutter gibt ihm den Namen Simson. Sein Name ist
von dem Wort für »Sonne« abgeleitet. Vielleicht soll dadurch da-
rauf hingewiesen werden, dass Gott in dieser dunklen Zeit in Israel
neues Licht scheinen lassen will, das Licht der Hoffnung auf Be-
freiung. Wie er in seiner Jugend gelebt hat, wird nicht erwähnt,
allerdings wohl der Ort, wo er beschäftigt war, in Machaneh-Dan,
also in seiner unmittelbaren Umgebung.
Der Dienst eines jeden, der etwas für den Herrn tun will, be-
ginnt immer in der direkten Umgebung: zu Hause, in der Nachbar-
schaft, an der Arbeitsstelle, in der Schule. Er beginnt zu Hause,
später wird der Kreis des Dienstes größer. In der Sonntagsschule
mitzuarbeiten und zu Hause untätig zu sein, passt nicht zusammen.
Man kann nicht »in die Mission gehen«, ohne zuerst zu Hause, in
der Umgebung, Zeuge gewesen zu sein. Auch kann ein Bruder kei-
ner anderen örtlichen Gemeinde dienen, wenn er in seiner eigenen
Gemeinde nie den Mund aufbekommt. Der Einfluss des Geistes
und seine Auswirkung werden zu allererst in der häuslichen Atmo-
sphäre wahrgenommen.
Simson wächst unter den idealsten Umständen auf, ganz anders
als beispielsweise Jeftah. Er hat gottesfürchtige Eltern, der Herr
segnet ihn, hat ihn für sich zur Seite genommen und der Geist des
Herrn leitet ihn schon in seinen jungen Jahren. Trotz all dieser gro-
ßen Vorrechte nimmt das Leben Simsons einen tragischen Verlauf,
wie die folgenden Kapitel es uns verdeutlichen.

Kapitel 14

Einleitung
In diesem Kapitel beginnt die Geschichte Simsons, die in zwei Tei-
le auseinander fällt. Beide Teile werden mit der Bemerkung abge-
schlossen, dass er Israel zwanzig Jahre richtete (15,20 und 16,31).
In seiner Geschichte lernen wir, dass Gottes Absichten, wie er sie
235 Richter 13,24 – 14,1

in Kapitel 13 kundtat, und unsere Praxis zwei verschiedene Dinge


sind. Auch sehen wir in einer lebendigen Illustration, wie nah zu-
sammen Kraft und Schwachheit liegen. Es geht nicht darum, ein
Leben ohne Schwierigkeiten zu haben, sondern um den Besitz von
Kraft, um diese zu überwinden. Niemand ist ohne Kampf. Durch
Kampf kann man gestärkt werden, aber auch eine Niederlage er-
leiden. Dieser Kampf kann durch Konflikte mit Eltern, Brüdern
oder Schwestern, Mitgläubigen verursacht werden. Kampf kann
auch die Folge innerlicher Konflikte als Ergebnis des Versagens
sein. Die Frage ist, wie wir darauf reagieren. Wir werden niemals
wirklich ideale Lebens- und Arbeitsumstände finden. Oft denken
wir, wenn die Dinge um uns her nur anders wären, könnten wir
durchaus beweisen, was wir wert sind. Bei Simson sehen wir, wie er
immer wieder kraftlos wird, weil er nicht in der Lage ist, »nein« zu
sagen zu den Versuchungen um sich her, die er manchmal sogar
noch selber sucht. Seine Geschichte beginnt sogar genau damit.

Simsons erster Kontakt mit dem Feind — Vers 1


Oft ist der erste Schritt, den jemand auf den Weg im Dienst Gottes
macht, für die Folgezeit charakteristisch. Wenn es ein verkehrter
Schritt ist, werden die Folgen nicht ausbleiben. Das ist gewiss, wenn
jemand auf diesem verkehrten Weg weitergeht. Der erste Schritt
ist der Weg zu allen anderen Schritten. Darum muss er in die rich-
tige Richtung gesetzt werden. Jona ist dafür ein redendes Beispiel.
Er bekam von Gott den Auftrag, nach Ninive zu gehen, um dort zu
predigen, aber Jona ging genau in die entgegengesetzte Richtung.
Die Folge war, dass er in große Schwierigkeiten kam und diese
Schwierigkeiten auch über andere brachte (Jona 1). Den Weg von
Gott weg geht man nie allein. Man nimmt immer andere mit. Das
sehen wir auch hier bei Simson. Er zieht seine Eltern auf seinem
eigenwilligen, verkehrten Weg mit.
Der erste Schritt, den Simson macht, geht vielleicht äußerlich
sogar in die richtige Richtung. Es wäre ein guter Schritt gewesen,
wenn er nach Timna gegangen wäre, um die Philister von dort zu
vertreiben. Aber sein Handeln macht deutlich, dass er nicht von
einem Auftrag Gottes beseelt nach Timna geht. Er wird von seinen
eigenen Lüsten getrieben. Er verliebt sich dort in eine Frau, die
Abschnitt 2g · Simson 236

wohlgemerkt zu den Feinden Gottes gehört. Er bringt es fertig, sich


mit den Feinden des Volkes Gottes zu verbinden. Daraus können
wir lernen, wie viel Anziehendes von etwas oder von jemandem
ausgehen kann, von dem Gottes Wort doch deutlich sagt, dass wir
uns damit nicht verbinden sollen.
Wir sind nicht besser als Simson. Die Philister stellen wie gesagt
ein System des so genannten christlichen Denkens vor, das vom
natürlichen, nicht wiedergeborenen Menschen verstanden werden
kann. Es sind Gedanken, die in der Christenheit viele Anhänger
finden. Sie schmeicheln dem Fleisch; es ist angenehm, ihnen zu
lauschen oder sie anzuschauen. Ein einfaches Beispiel sehen wir in
den prachtvollen Gebäuden, die errichtet worden sind und »Got-
teshäuser« genannt werden. Darin muss schöne Musik, die den
Glanz des Dienstes steigert, dem Gehör schmeicheln. Das alles kann
großen Eindruck machen und anziehend wirken, es kann das An-
sehen des Gottesdienstes erhöhen. Was die Philister darstellen, ist
auf alles anzuwenden, was von Menschen dazu ausgedacht worden
ist, den Dienst Gottes zu verschönern. Ich möchte dabei nicht die
aufrichtigen Motive bezweifeln, mit denen das manchmal gesche-
hen sein kann. Aber solche rein menschlichen Erfindungen bewir-
ken, dass der christliche Glaube so anziehend gemacht wird, dass
auch nicht wiedergeborene Menschen einen solchen Glauben
durchaus wollen. Dabei können sie sich zumindest wohl fühlen. Wer
Liebe zu solchen Dingen empfindet, fällt über den Strick, der auch
Simson zum Verhängnis wurde. Das scheint mir die geistliche Lek-
tion zu sein, die wir hieraus lernen können.
Noch eine weitere Lektion gibt es zu lernen. Wenn ein junger
Mann dem Herrn zu dienen beginnen will, ist es sehr wichtig, dass
er keine Verbindungen eingeht, die ihn im Dienst hindern werden.
Daher muss jeder Schritt im Gebet um Leitung getan werden. Das
gilt vor allem bei der Wahl der Frau, mit der er gemeinsam dem
Herrn dienen will. Sie muss zu Gottes Volk gehören und denselben
Glauben und denselben Gehorsam besitzen. Sie muss auch diesel-
be Gesinnung teilen.
Simson kann durch seine Verbindung mit dem Feind unmöglich
gegen ihn zeugen. Frauen spielen in Simsons Leben eine fatale Rol-
le. Er hat drei Frauen gehabt. Sie stellen die Stricke des Teufels
dar. Der Teufel weiß genau, worin der kräftigste Gläubige schwach
237 Richter 14,1-4

ist, denn jeder hat einen schwachen Punkt. Daher muss auch ein
kräftiger Gläubiger sich ständig dieser Schwachheit bewusst sein.
Dann erst ist er wirklich stark (2. Korinther 12,10). Timna bedeutet
»zugewiesenes Teil«. Simson verlässt sein eigenes Erbteil, um eins
bei den Philistern zu suchen.

Die Eltern Simsons — Vers 2-3


Wie gesagt, schleppt er seinen Vater und seine Mutter auf seinem
Weg des Ungehorsams mit. Sie sind nachdrücklich von dieser Ge-
schichte betroffen. Sie waren selbst für ihre Nachgiebigkeit verant-
wortlich, denn sie hatten persönliche Anweisungen vom Herrn emp-
fangen. Sie hätten »nein« sagen müssen. Sie protestierten zwar, gin-
gen aber doch mit.
Leider ist das die Haltung vieler Eltern, deren Kinder einen ei-
genwilligen Weg gehen. Der Teufel weiß, wenn er die Kinder auf
einen verkehrten Weg bringen kann, ist die Chance groß, dass die
Eltern folgen werden. Als Mose es mit einer derartigen List zu tun
bekam, hat er sie durchschaut. Er ließ sich nicht auf den Vorschlag
Pharaos ein, dass die Eltern gehen dürften, wenn die Kinder nur in
Ägypten blieben (2. Mose 10,9-11). Er wusste, dass die Eltern, wenn
sie in der Wüste sind, nach Ägypten zurückkehren wollten, wenn
die Kinder in Ägypten bleiben würden.
Es ist also nicht so, dass Simsons Eltern ihm widerstandslos auf
diesem Weg folgen. Sie bringen ihre Einwände vor. Durch die Blu-
me weisen sie auf die Vorschrift Gottes in 5. Mose 7,3 hin. Dort
steht, dass ein Israelit niemanden aus den Nationen, in deren Mit-
te er wohnte, heiraten durfte. Trotz der Einwände seiner Eltern
bleibt Simson bei seinem Vorhaben. In seiner Antwort kommt zum
Ausdruck, dass er seinen eigenen Lüsten folgt. Die Aussage »sie ist
in meinen Augen die Richtige«, ist keine Sprache für einen Nasiräer,
der seinem eigenen Genuss entsagt hat. Wer zum und für den Herrn
abgesondert ist, für den muss Selbstverleugnung charakteristisch
sein. Simson fragt nicht, ob die Frau etwa dem Herrn gefällt.

Vom Herrn verfügt — Vers 4


Dieser Vers scheint etwas widersprüchlich. Wie kann Gott etwas
Abschnitt 2g · Simson 238

verfügen, das verkehrt ist? Hier sollten wir gut aufpassen. Da steht
nicht, dass Gott etwas Verkehrtes bewirkt. Er verursacht die Sünde
nicht. Was er wohl macht, ist, dass er den falschen Weg Simsons für
sein Ziel gebraucht. So ist Gott über all unsere Torheiten erhaben;
er kann sie für sein Ziel gebrauchen.
Das kann niemals eine Entschuldigung für das Begehen dieser
Torheiten sein, ebenso wie er nicht der Urheber unserer Torheiten
ist. Ein Beispiel dafür lesen wir in Apostelgeschichte 2,23: »Diesen
Mann, (den Herrn Jesus), der nach dem bestimmten Ratschluss und
nach Vorkenntnis Gottes hingegeben worden ist, habt ihr durch die
Hand von Gesetzlosen an das Kreuz geschlagen und umgebracht.« Hier
sehen wir einerseits den Ratschluss und die Vorkenntnis Gottes
und andererseits das böse Handeln des Menschen. Das Wunderba-
re ist, dass die Übeltaten der Menschen, die sie am Herrn Jesus
begangen haben, in die Pläne Gottes passten und er sie für seine
Ziele gebrauchte. Das spricht den Menschen nicht frei. Er ist am
Tod des Herrn Jesus schuldig. Dass Gott dies gebraucht, macht ihn
groß. Er gebraucht das schuldige Handeln des Menschen, um sich
selbst dadurch zu verherrlichen. Das alles deutet darauf hin, wie
hoch Gott über alles erhaben ist, was wir Menschen tun.
Etwas Derartigem begegnen wir in 2. Chronik 11,4. Dort sagt
Gott von der Teilung Israels in zwei und zehn Stämme infolge der
Untreue Salomos und Rehabeams: »Denn von mir ist diese Sache
ausgegangen.« Bedeutet das, dass Gott diese Teilung bewirkt hat?
Durchaus nicht! Gott ist nicht der Urheber des Bösen. Es bedeutet
lediglich, dass Gott die Untreue des Menschen gebraucht, um sei-
nen Ratschluss zu erfüllen. Noch einmal: Das spricht den Men-
schen nicht frei; er empfängt die Frucht seines Handelns. Aber Gott
steht über den Taten des Menschen; er wird dadurch nicht in Verle-
genheit gebracht, sondern weiß sie zur Vollendung seines Vorha-
bens zu gebrauchen.
Ich möchte noch ein Beispiel nennen, diesmal aus der Lebens-
praxis. Es knüpft eng an das an, was hier über Simson gesagt wird
und kann das eine oder andere noch veranschaulichen. Wenn ein
gläubiger Junge mit einem ungläubigen Mädchen oder eine gläubi-
ge junge Frau mit einem ungläubigen jungen Mann eine Beziehung
eingeht, so ist das ein Verhältnis, das die Bibel eindeutig verbietet:
»Geht nicht unter fremdartigem Joch mit Ungläubigen! Denn welche
239 Richter 14,4-6

Verbindung haben Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit? Oder welche Ge-


meinschaft Licht und Finsternis?« (2. Korinther 6,14). Gott kann
diese Beziehung dazu gebrauchen, den Ungläubigen zu retten. Den-
noch ist das völlig vom Verhalten des Gläubigen zu trennen. Die
Errettung des Ungläubigen ist ausschließlich reine Gnade Gottes.
Sie ist in keiner Weise ein Verdienst des Gläubigen. Dieser muss
seine Sünde bekennen, andernfalls wird für diese Erde kein blei-
bendes Glück aus dieser Beziehung hervorgehen.

Simson tötet einen Löwen — Vers 5-6


Die Eltern Simsons folgen ihm auf seinem verkehrten Weg. Stellen
wir uns einmal vor: Der Nasiräer, von dem Gott gesagt hatte, dass
er anfangen werde, »Israel aus der Hand der Philister zu retten« (Ka-
pitel 13,5), wird eine Philisterin heiraten! Auf dem Weg nach Tim-
na, in der Nähe der Weinberge, kommt ein Löwe auf ihn zu. Es
scheint, als hätte er kurze Zeit einen anderen Pfad als seine Eltern
genommen, denn sie wissen später nicht, was dort geschehen ist
(siehe auch Vers 8). Daraus sind wieder einige Lektionen von uns
zu lernen.
Erstens die Weinberge: sie stellen eine äußerst gefährliche Um-
gebung für einen Nasiräer dar, der nichts von der Frucht des Wein-
stocks essen durfte (4. Mose 6,3). Simson sucht die Gefahr. Er geht
bis an die Grenze. Wer ein echter Nasiräer sein will, wird gefährli-
chen Orten so weit wie möglich fernbleiben. Simson tut, was auch
im Leben junger Christen geschehen kann. Sie gehen aus Neugier-
de an Orte, von denen sie wissen, dass es besser ist, dort nicht hin-
zukommen. Die Disco, das Kino, der Zeitschriftenkiosk, die Kir-
mes, das Rotlichtviertel der großen Stadt, das sind Gebiete, in de-
ren Nähe sich ein Christ nicht ohne Grund aufhalten sollte. Die
Gefahr ist groß, dass uns dort »ein Löwe« auflauert. Der Löwe ist
hier in Bild des Teufels. »Seid nüchtern, wacht (das heißt: lasst euch
nicht beeinflussen; hier ist es der Wein)! Euer Widersacher, der Teu-
fel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlin-
gen kann« (1. Petrus 5,8). Wenn wir den Pfad des Gehorsams ver-
lassen, kommt der Teufel auf uns zu.
In 1. Könige 13 ist auch von jemandem die Rede, der auf seinem
Weg einem Löwen begegnet. Dieser Löwe wurde von Gott dazu ge-
Abschnitt 2g · Simson 240

braucht, den Mann Gottes aus Juda, der vom Weg abgewichen war,
den Gott ihm gewiesen hatte, zu töten. So weit kommt es bei Sim-
son nicht, wie es glücklicherweise auch bei jungen Gläubigen nicht
immer so weit kommt, wenn sie aus Neugierde verkehrte Orte auf-
suchen. Wenn die brutale Gewalt oder der fesselnde Sog der Ver-
führung geballt zu ihnen durchdringt, laufen sie schnell weg. Schnel-
les Weglaufen von einem verkehrten Ort, an den man durch eigene
Schuld gekommen ist, ist eine Niederlage, die wir bekennen müs-
sen. Das lässt an diesem Ort kein Zeugnis für den Herrn zurück.
Simson gebraucht seine Kraft nicht, um den Feind zu schlagen,
sondern um sich selbst zu befreien.

Die Niederlage Simsons — Vers 7


Charakteristisch für Simson ist seine große Kraft. Gott hatte ihm
diese enorme körperliche Kraft gegeben, damit er die Philister be-
siegen konnte. Für uns bedeutet das, dass wir Kraft benötigen, um
das zu überwinden, wofür die Philister stehen. In 2. Timotheus 1,7
heißt es: »Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furchtsamkeit
gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Zucht.« Indem wir
von der Kraft des Heiligen Geistes abhängig sind, werden wir die
Dinge überwinden können, die Menschen ausgedacht haben, um
den christlichen Glauben anziehender zu machen. Das heißt, dass
wir solche Dinge erkennen und verwerfen werden. Doch die Kraft
des Geistes werden wir nicht erfahren, wenn wir unser Fleisch wir-
ken lassen. Wir geraten dann leicht in den Bann des menschlichen
Erlebnisdrangs anstatt unter das Wort Gottes. Der Auffassung
fleischlich Gesinnter zufolge muss der Glaube zu einem Erlebnis
unterhaltsamer Geschehnisse werden.
Simson hatte in der Kraft des Geistes den brüllenden Löwen
besiegt. Auf die Verführung durch eine Frau fällt er jedoch herein.
Die Töchter der Philister symbolisieren Grundsätze, die den Got-
tesdienst angenehm und anziehend für das Fleisch machen. Dafür
werden allerlei Regelungen ins Leben gerufen, die den Dienst Got-
tes »schmackhafter« machen sollen, wie schöne Musik, beeindru-
ckende Redner, äußerliches Beiwerk. Die Menschen müssen mit
allem gelockt werden, was sie anspricht. All diese Dinge sind für
einen Nasiräer keine Hilfe, sondern eher ein Hindernis.
241 Richter 14,6-9

Honig aus dem toten Löwen — Vers 8-9


Als Simson sich auf den Weg macht, um die philistäische Frau zu
heiraten, begibt er sich noch kurz zu dem Ort, wo er den Löwen
getötet hat. Dort sieht er einen Bienenschwarm, der im Kadaver
des Löwen Honig gesammelt hat. Aus dem Tod geht eine überflie-
ßende und geordnete Aktivität hervor (das wird durch den Bienen-
schwarm vorgestellt). Das Produkt der Bienen, das Ergebnis ihrer
Aktivität, ist der Honig. Zusammen mit der Milch bildet der Honig
den Segen des Landes: Israel war ein Land, das überfloss von Milch
und Honig (2. Mose 3,8 und andere Stellen).
Hier sehen wir im Bild, dass aus dem Tod Leben hervorgeht.
Dieses Bild spricht, trotz der Tatsache, dass es mit einem abgewi-
chenen Simson verbunden ist, vom Tod Christi, »der den Tod zu-
nichte gemacht, aber Leben und Unvergänglichkeit ans Licht gebracht
hat durch das Evangelium« (2. Timotheus 1,10). Der Gläubige be-
zieht alles aus dem Tod Christi. Honig ist hier ein Produkt der eif-
rig zusammenarbeitenden Bienen, die sich im Körper eines toten
Löwen befinden. Honig stellt das Süße, das Liebliche in der Schöp-
fung vor, etwas, was Gott in den natürlichen Beziehungen der Men-
schen untereinander gegeben hat. Eines der Merkmale der »letz-
ten Tage« ist, dass die Menschen »lieblos«, das heißt »ohne natürli-
che Liebe« sind (2. Timotheus 3,3; dieser Brief erinnert besonders
an die Geschichte Simsons). Um die Süßigkeit der Liebe zueinan-
der in Ehe und Familie genießen zu können, muss der Tod Christi
die Grundlage dafür sein. Wenn dieser Tod der Ausgangspunkt
unseres Lebens ist, dann werden wir beim Bereiten des Honigs zu-
sammenarbeiten. Das erfordert eine aktive Teamarbeit, die von der
Liebe genährt wird. Den Philistern ist das gänzlich unbekannt. In
den Tagen, die 2. Timotheus 3 beschreibt, ist der Besitz eines akti-
ven geistlichen Lebens notwendig und die Kraft Gottes kommt uns
dabei zu Hilfe. Nach seiner Auferstehung erschien der Herr Jesus
den Jüngern in Jerusalem. Sie waren dort beisammen und der Herr
fragte sie nach etwas zu essen. Dann wurde ihm neben einem Stück
gebratenem Fisch auch ein Stück von einer Honigwabe gegeben.
Die Frucht seines Todes war, dass die Jünger beisammen waren,
und von dieser »Frucht« gaben sie ihrem Herrn zu essen. Er kam
dorthin, um Frucht von seinem Werk zu empfangen.
Abschnitt 2g · Simson 242

Simson nahm etwas von dem Honig in seine Hände und aß da-
von. Die Hand, die den Löwen tötete, war auch die Hand, die den
Segen davon festhielt. Jeder Sieg, den ein Gläubiger in seinem Le-
ben gegen den Teufel erringt, indem er beispielsweise einer bestimm-
ten Versuchung widersteht, gibt ihm Nahrung. Schließlich hat er ja
durch Gottes Kraft diesen Sieg errungen! Dieses Bewusstsein macht
dankbar und verhindert Eigendünkel.
Es ist übrigens schade, dass Simson seinen Eltern nichts von sei-
nen Erfahrungen erzählt. Wenn wir unsere Eltern teilhaben lassen
an den Erfahrungen, die wir als junge Gläubige mit dem Herrn
machen, ist das eine gute Sache. Es gibt Eltern, die den Herrn nicht
kennen; dann wird es schwierig. Es gibt auch Eltern, die den Herrn
zwar kennen, aber wenig Interesse zeigen. Besonders im letzten
Fall kann unsere Erfahrung vielleicht einen Anreiz für sie sein, um
sich wieder mit dem Herrn und seinem Wort zu beschäftigen. Dann
kannst du das Gegenteil dessen erleben, was ich vorher über Sim-
son sagte. Er zog seine Eltern auf einen verkehrten Weg mit; wir
können sie auf einen guten Weg bringen. Möglicherweise, wollte
Simson es seinen Eltern nicht erzählen, weil er tief in seinem Her-
zen wusste, dass er mit der Ausführung eines verkehrten Plans be-
schäftigt war. Seine körperliche Kraft war groß, aber er hatte nicht
genügend geistliche Kraft, um sich aus dieser Schlinge zu befreien.

Das Festmahl beginnt — Vers 10-11


Wenn man einmal auf die schiefe Bahn geraten ist, dann sinkt man
immer tiefer. Simson setzt sich hier, mit den Worten von Psalm 1,1
gesagt, in den »Kreis der Spötter«. Das ist mit eine Folge des kraftlo-
sen Auftretens seines Vaters. Dieser hatte zwar etwas protestiert,
sich jedoch weiter den Wünschen seines Sohnes gefügt. Ein lauter
Protest ohne konsequente Haltung bleibt ohne Ergebnis. Sprüche
29,19 warnt vor einer solchen Haltung: »Durch Worte lässt sich ein
Sklave nicht belehren; denn er versteht sie zwar, aber er kehrt sich nicht
daran.«
Simson steht bereits so weit unter dem Einfluss der Philister,
dass er ein Festmahl organisiert, und zwar nach den Gebräuchen,
die unter den Jugendlichen der Philister geläufig sind. Es ist ein
Fest, bei dem die Welt mitmachen kann. Es wird entsprechend den
243 Richter 14,9-14

Einsichten und Normen einer neuen Generation abgehalten. Für


junge Gläubige besteht immer die Gefahr, dass sie Feste auf eine
Weise feiern, die in der Welt gebräuchlich ist. Den Ausdruck »alle
machen es doch so« hört man oft bei Jugendlichen. So folgt man
der Masse in der Mode, beim Feiern und sogar bei der Gestaltung
der Zusammenkünfte der Gemeinde. Es wird kaum mehr danach
gefragt, was das Wort Gottes darüber zu sagen hat. Wer diese Din-
ge ins Licht der Bibel stellen will, bekommt Bemerkungen zu hö-
ren wie »überholt« oder »nicht auf der Höhe dieser Zeit«.
Simson fragte sich nicht, wie Gott wollte, dass er vorgehen soll-
te. Das konnte er auch nicht, denn er war mit einer verkehrten Sa-
che beschäftigt. Wir können nun nichts anders erwarten, als dass
ihm die verkehrten Mittel gegeben werden. Aber damit nicht ge-
nug: Er war gekommen, um eine Frau zu heiraten, doch er bekommt
30 Brautbegleiter dazu. Das lehrt uns die Lektion: Wer in einem
Punkt einen Kompromiss schließt, wird danach in viel mehr Punk-
ten diese Haltung einnehmen. Wer einen Grundsatz der Philister
zulässt, übernimmt immer mehr davon. Immer mehr Nützlichkeits-
erwägungen treten ins Bild. Solche Erwägungen werden dann zu
»geistlichen Freunden«.

Das Rätsel — Vers 12-14


Dann zieht Simson eine Erfahrung, die er durch den Geist Gottes
gemacht hat, zur Belustigung der Philister heran. Philister sind Men-
schen, die solch ein Rätsel nie selbst lösen können. Sie können un-
möglich begreifen, dass Leben aus dem Tod hervorgehen kann. Sie
können vielleicht die richtigen Antworten geben. Das ist jedoch
nur möglich, wenn sie diese Antworten von anderen entlehnen oder
stehlen, doch das geschieht ebenfalls nach Philister-Manier.
Wir müssen das Rätsel auflösen können. Wer das Rätsel auflöst,
erhält andere Kleider. Das ist die Belohnung, die in Aussicht ge-
stellt wird. Das Wechseln der Kleider bezieht sich auf die Verände-
rung der Lebensgewohnheiten. Kleider können wir sehen; sie bil-
den das Teil des Menschen, das sichtbar ist. Das Sprichwort »Klei-
der machen Leute« ist bekannt. Wir können das Rätsel von der
Seite Gottes betrachten. Das bedeutet, dass unser Leben sich ver-
ändern wird, wenn wir wirklich die Tatsache begreifen, dass aus
Abschnitt 2g · Simson 244

dem Tod des Herrn Jesus für uns Leben zum Vorschein hervorge-
gangen ist. Das wird unsere Haltung und unser Verhalten beein-
flussen, alles, was Menschen von uns sehen. Wir werden beginnen,
einen neuen Lebensstil zu zeigen. Das Auflösen des Rätsels muss
dann wohl die Folge innerlicher, geistlicher Übung sein. Wenn wir
so weit gekommen sind, lernen wir einzusehen, dass es nichts gibt,
das irgendeinen Wert hat, wenn wir es nicht durch den Tod Christi
empfangen haben. Das Ergebnis dessen wird dadurch sichtbar, wie
wir innerhalb der Familie oder der örtlichen Gemeinde miteinan-
der umgehen: in Liebe, aus der Fraß und Süßes hervorgehen.
Wenn wir jedoch das Rätsel von Simsons Seite aus betrachten,
sehen wir, dass er jemanden darstellt, der der religiösen Welt geist-
liche Erfahrungen als eine Art »Belustigung« mitteilt. Wenn das
Rätsel nicht gelöst wird, sollte Simson 30 Festkleider bekommen.
Von wem? Von den Philistern. Es sollte ihm keinen Gewinn, son-
dern Verlust bringen.
Wer seine Erfahrungen zur Schau trägt, läuft Gefahr, die Ge-
wohnheiten und das Verhalten der »christlichen Welt« zu überneh-
men. Aber auch wenn das Rätsel auf eine philistäische Weise auf-
gelöst wird, ist das Ergebnis nicht, dass der Löser des Rätsels sich
dadurch verändert. Wir sehen, was Simson macht: Er stattet die
Philister schließlich mit einer Reihe besonders philistäischer Fest-
kleider aus (siehe Vers 19). Die Veränderung ist keine wesenhafte
Veränderung.
Aber nun die Bedeutung des Rätsels! Was stellt es dar? Der Teu-
fel ist der Fresser, der Löwe. Ein besiegter Löwe sorgt für »Fraß«,
geistliche Nahrung. Am Kreuz ist der Löwe geschlagen worden.
Der Herr Jesus hat am Kreuz den zunichte gemacht, »der die Macht
des Todes hat, das ist den Teufel« (Hebräer 2,14). Dadurch sind die
Schatzkammern Gottes geöffnet und wir können uns mit allen Kost-
barkeiten nähren, die die Folge des Sieges des Herrn Jesus sind.
Angewandt auf unsere eigene Erfahrung, gibt ein Sieg über den
Teufel Kraft und Erquickung.

Wie das Rätsel aufgelöst wurde — Vers 15-18


Die Methode, mit der die Philister zu Werke gehen, um an die Auf-
lösung des Rätsels zu kommen, zeigt ihren unbarmherzigen Cha-
245 Richter 14,14-18

rakter. Sie drohen der Frau Simsons mit Verbrennung, wenn sie
ihm die Auflösung nicht abluchst und ihnen weitergibt. Die Frau
zeigt, dass sie trotz einer Verbindung mit Simson im Grunde eine
Philisterin geblieben ist. Ihr Umgang mit ihm hat keinen Einfluss
auf ihr Herz gehabt. Sie fühlt sich immer noch mit den Philistern
eins und spricht in Vers 16 von den »Söhnen meines Volkes«. Sie
erpresst ihn mit einer der stärksten Waffen, die eine Frau besitzt,
nämlich mit ihren Gefühlen. Dem ist der starke Simson offensicht-
lich nicht gewachsen. Er wird zu einem armen, schwachen Simson,
der kein Geheimnis für sich behalten kann. Das wird später noch
einmal vorkommen und dann wird es fatal für ihn enden. Aus bei-
den Fällen können wir lernen, dass etwas, das wir als einen uner-
laubten »Partner« (im Sinne von unerlaubten Ideen, Verhaltens-
weisen, Verbindungen) in unserem Leben zulassen, der Verräter
unseres Geheimnisses wird. Verrat steht für das Paktieren mit dem
Feind. Der Verrat besteht in der Anwendung hierin, dass wir zwar
als Gläubige die Bedeutung des Rätsels wissen, aber wie die Fein-
de damit umgehen. Es bewirkt also keine echte Veränderung in
unserem Leben.
Simson hat am ganzen Fest nicht viel Freude erlebt. Es ist nichts
Festliches daran, wenn deine Braut versucht, dir mit Tränen ein
Geheimnis zu entlocken, das du für dich behalten willst. Das ganze
Verhältnis macht deutlich, dass beide isoliert für sich selbst leben.
Dennoch ist die am meisten Genarrte in dieser Geschichte die Frau.
Sie hat Simson nicht gesucht; er hat sie haben wollen. Durch sein
Auftreten sorgt er dafür, dass auch für sie das Fest kein ungeteiltes
Vergnügen ist. So ist es in der Praxis heute immer noch. Bei einer
Ehe zwischen einem Gläubigen und einem Ungläubigen ist der Un-
gläubige der Dumme, das Opfer. Der Ungläubige denkt jemanden
zu heiraten, mit dem er Spaß am Leben haben kann. Er heiratet in
seinen Gedanken nicht eine Christin, sondern eine zu ihm passen-
de Frau (bzw. umgekehrt). Schon sehr bald zeigt sich, dass der Gläu-
bige (sofern dieser dem Glauben noch einen gewissen Wert bei-
misst) zu allerlei Anlässen oder Freunden doch nicht mitwill, wo
der Ungläubige gern hingehen möchte. Natürlich wurde darüber
zwar in der Freundschafts- und Verlobungszeit gesprochen, doch
die Realität erweist sich erst, wenn man etwas länger verheiratet
ist.
Abschnitt 2g · Simson 246

Die Belohnung — Vers 19-20


Simson ist der Verlierer. Zuerst verliert er die Herausforderung
des Rätsels. Er muss seinen Einsatz einlösen und für 30 Festkleider
sorgen. Dafür geht er nach Aschkelon, einer der fünf Städte der
Philister. Dort tötet er 30 Männer und gibt ihre Kleider denen, die
die Auflösung des Rätsels gegeben haben. Die Anwendung ist, dass
»das Rätsel« des Kreuzes des Herrn Jesus zwar vom Unglauben
»beantwortet« werden kann, dann aber das Leben nicht wirklich
innerlich verändert. Die Kleidung bleibt philistäisch. Es ist bemer-
kenswert, dass wir hier wiederum lesen, dass der Geist des Herrn
über ihn kam, obwohl er doch damit beschäftigt war, einer Abspra-
che nachzukommen, die er nie hätte eingehen dürfen. Möglicher-
weise hat das mit der Tatsache zu tun, dass er hier durchaus die
Feinde des Volkes Gottes bekämpft und daher mit der Ausführung
seines eigentlichen Auftrags beschäftigt war. Er verliert zudem sei-
ne Frau. Sie wird einem anderen gegeben. Das kann der Grund
dafür sein, dass er wütend nach Hause zurückkehrt. Sein Schwie-
gervater hat keine Ahnung, ob Simson je wieder zurückkommen
wird. Die Ehe war übrigens noch nicht ganz rechtmäßig, weil Sim-
son noch keine Gemeinschaft mit ihr gehabt hatte. Als der Mann
seine Tochter einem anderen gab, vermutete er nicht, was die Fol-
gen für ihn und seine Tochter sein würden.

Kapitel 15

Einleitung
Dieses Kapitel beschreibt – in praktischem Sinn – das Ende des
Dienstes Simsons für Gott; der letzte Vers macht das deutlich. Im
folgenden Kapitel wird Simson von Gott nicht mehr als sein Knecht
anerkannt, obwohl er ihn noch einmal gebraucht.

Die Verbindung wird abgebrochen — Vers 1-2


Als seine Wut etwas besänftigt ist, geht Simson zu seiner Frau zu-
247 Richter 14,19 – 15,5

rück, um die Eheschließung durch die geschlechtliche Gemeinschaft


mit ihr zu vollenden. Er nimmt ein Ziegenböckchen mit, wahrschein-
lich um damit zu feiern, gemeinsam mit seiner Familie und einigen
Eingeladenen. Es sind die Tage der Weizenernte, die Ende Mai,
Anfang Juni stattfand und mit allerlei Feierlichkeiten einher ging.
Es kann auch sein, dass er dieses Böckchen mitnahm, weil er sich
dafür schuldig fühlte, dass er sich so hatte gehen lassen. Ein Zie-
genböckchen wird bei den Opfern häufig als Sündopfer gebraucht.
In der geistlichen Bedeutung spricht die Weizenernte vom Herrn
Jesus und den Früchten seines Werkes am Kreuz. In Johannes 12,24
sagt er: »Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt
es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.« In den Tagen, als
der Weizen zur Ernte reif war, ging Simson seine philistäische Frau
besuchen, um seine Verbindung zu ihr zu bestätigen! Geistlich be-
inhaltet das vielleicht Folgendes: Ein Nasiräer sollte dadurch, dass
er die Früchte des Werkes des Herrn Jesus sieht, begreifen, wie
undenkbar es ist, eine Verbindung mit »etwas« einzugehen, das nicht
auf dieses Werk gegründet ist.
Jedenfalls war es undenkbar, dass Gott diese Verbindung zulas-
sen würde. Das ist doch unvorstellbar: ein Nasiräer, der mit einer
Philisterin verheiratet ist! Gott verhindert, dass diese Ehe endgül-
tig geschlossen wird. Aber Philister sind immer zu einer neuen Ver-
bindung bereit: der Vater bietet ihm eine andere Tochter an, noch
schöner als die Erste. Doch darauf lässt Simson sich nicht ein. Er
fühlt sich betrogen und beginnt sich zu rächen.

Die Rache Simsons — Vers 3-5


Die Verbindung mit den Philistern hat Simson nur Elend gebracht.
Er ist persönlich gekränkt und handelt in fleischlichem Zorn. Hier
ist keine Rede vom Geist des Herrn, der über Simson kommt. Er
gebraucht seine besondere Kraft, um Füchse, oder eigentlich Scha-
kale, zu fangen. Das sind die unreinsten Tiere, die ein Jude kennt,
und die berührt ein Nasiräer sicher nicht. Füchse stehen in der Bi-
bel im Zusammenhang mit: Schwachheit (Nehemia 4,3), Unrein-
heit (Psalm 63,11), Sünden (Hohelied 2,15). Er macht den unrei-
nen Fuchs zu einem Diener seiner Rache. Oft werden unreine, sün-
dige Mittel gebraucht, um der eigenen Entrüstung Ausdruck zu ver-
Abschnitt 2g · Simson 248

leihen. Die Bedeutung einer Fackel hängt davon ab, wer sie an-
steckt. Wenn Gott es tut, hat sie eine positive Bedeutung, wie zum
Beispiel in 1. Mose 15. Hier steckt Simson sie an; da spricht sie von
fleischlichem Zorn. In Jakobus 3,5-6 wird Feuer mit der menschli-
chen Zunge verglichen: »Siehe, welch ein kleines Feuer, welch einen
großen Wald zündet es an! Auch die Zunge ist ein Feuer; als die Welt
der Ungerechtigkeit erweist sich die Zunge unter unseren Gliedern.«
Das Feuer kann seine Arbeit nur dann gut verrichten, wenn es in
der Hand gehalten wird, genauso wie die Zunge. Selbstbeherrschung
ist dafür unverzichtbar. Wer sich wie Simson gehen lässt und seine
Zunge nicht im Zaum hält, kann die größten Katastrophen entfa-
chen: Weltkriege und Brüdergezänk. Das Feuer wird hier mit dem
Schwanz verbunden. In der Bibel wird mit dem Schwanz manch-
mal eine Irrlehre angedeutet: »Der Prophet, der Lüge lehrt, er ist der
Schwanz« (Jesaja 9,14; siehe auch Offenbarung 9,10-19). Simson
ist hier sehr weit unter seine Würde als Nasiräer herabgesunken.
Welch ein Gegensatz zwischen Simson und seinen 300 und Gideon
und seinen 300!
Lasst uns noch einmal zusammenfassen, was in diesem Handeln
Simsons dargestellt wird. Füchse oder Schakale sind Tiere, die in
der Erde wühlen und sich mit Verderben nähren. Sie stellen die
unreinen, sündigen Mittel vor, die ein Gläubiger gebrauchen kann,
um Rache für erlittenes Unrecht zu nehmen. Das kann beispiels-
weise mit dem Feuer der Zunge geschehen, indem man damit Lü-
gen und böse Gerüchte verbreitet.
Das Ergebnis ist, dass der Ertrag des Landes verwüstet wird. So-
wohl das stehende Getreide als auch alles Gemähte und sogar der
Olivengarten werden infolge des Zorns Simsons in Brand gesteckt
und können nicht mehr als Nahrung dienen. Simson hätte besser
die Philister verjagen und den Ertrag des Landes seinen Volksge-
nossen geben können. Wie oft war nicht schon persönlicher Streit
Ursache für die Vernichtung des Segens, der hätte genossen wer-
den können. In vielen örtlichen Gemeinden herrscht große Unru-
he, weil die Gläubigen untereinander in einen Wortstreit verwickelt
sind. Die Frucht des Landes stellt die Segnungen dar, mit denen
der Christ in den himmlischen Örtern in Christus gesegnet ist (Ephe-
ser 1,3). Diese Frucht ist reichlich vorhanden; wir leben gleichsam
»in den Tagen der Weizenernte« (wie in Vers 1 erwähnt). Anstatt den
249 Richter 15,1-9

Feind zu bekämpfen, um so den Ertrag des Landes aus seiner Hand


zu retten, wird ein Wortstreit geführt, »was zu nichts nütze, sondern
zum Verderben der Zuhörer ist« (2. Timotheus 2,14). Die Folge ist,
dass nichts zu genießen übrig bleibt. Die Ursache von diesem allem
ist »nur« ein gekränktes Gemüt, das nicht in der Lage ist, die Sache
vor den Herrn zu bringen. Anstatt gemeinsam mit ihm nach einer
Lösung zu suchen, begibt es sich selbst auf eine fleischliche Weise
an die Arbeit.

Der Zorn der Philister und die »Antwort«


Simsons — Vers 6-8
Als die Philister erst einmal wissen, was der Anlass für Simsons
Zorn war, wird seine Frau (und ihr Vater) nachträglich von dem
Schicksal ereilt, mit dem sie in Kapitel 14,15 bedroht worden war.
Simson handelt wiederum aus Rachegefühlen, doch die sind jetzt
tatsächlich eher gerechtfertigt. Jetzt geht es nicht um persönliches
Gekränktsein, sondern um die Vergeltung einer brutalen Tat. Sim-
son beginnt einen direkten und öffentlichen Kampf mit dem Feind.
In knappen Worten wird mitgeteilt, dass er einen enormen Sieg
erringt.
Danach geht er hinab und bleibt in der Felsspalte von Etam woh-
nen. Ein Fels ist ein geeigneter Wohnort für ein machtloses Volk
wie die Klippdachse (Sprüche 30,26) und auch für alle Menschen
mit »langem Haar«. Auch Mose kannte diesen Ort (2. Mose
33,21-22). Der Fels ist ein Bild für Christus (1. Korinther 10,4), der
hier als der Aufenthaltsort des Glaubens dargestellt wird, der wah-
re Wohnort des Nasiräers. Simson kehrt nicht zum Haus seines Va-
ters zurück wie früher (14,20), sondern bleibt selbstständig an die-
sem Ort wohnen. Er wohnt dort abgesondert von den Philistern,
aber auch abgesondert von Gottes untreuem Volk.

Die Philister und die Männer von Juda — Vers 9-13


Nach dem großen Schlag, den Simson den Philistern beigebracht
hat, sind sie nun wieder an der Reihe, um Rache zu nehmen. Es ist
Juda, das als Vergeltung für das, was Simson ihnen angetan hat,
büßen muss. Außer dem direkten Anlass dafür, dass die Philister
Abschnitt 2g · Simson 250

heraufziehen, kann ihre Aktion auch geistlich verstanden werden:


Als Simson seinen Platz der Absonderung auf dem Felsen Etam
eingenommen hat, werden die Feinde aktiv. Ein treuer Christ ist
viel mehr eine Zielscheibe der Angriffe des Feindes als jemand,
der es mit seinem Christenleben nicht so genau nimmt.
Die Männer von Juda erkundigen sich nach dem Ansinnen der
Philister. Sie erfahren, dass sie gekommen sind, um Simson zu bin-
den. Die Philister sind stets darauf aus, den Nasiräer zu binden.
Geistlich angewendet, ist das immer eine der wichtigsten Zielset-
zungen des Feindes. In der Christenheit ist das sogar mit dem Hei-
ligen Geist geschehen, der quasi in Fesseln gelegt worden ist.
Noch schlimmer als das Ansinnen der Philister ist die Haltung
Judas. Sie leiden offenbar nicht mehr unter der Herrschaft der Phi-
lister. Das Joch drückt nicht mehr, weil sie sich damit versöhnt und
es angenommen haben. Sie nehmen es Simson übel, dass er sie in
einen solchen Konflikt mit dem Feind bringt, der gerade so freund-
lich zu ihnen war. »Weißt du nicht, dass die Philister über uns herr-
schen?« So tief war Juda gesunken. Juda bedeutet »Lobpreis«, »Got-
teslob«. Ist es nicht himmelschreiend, dass gerade dieser Stamm
mit diesem Namen sich so auslässt?
Das spricht von einer völligen Akzeptanz des Klerikalismus und
des Traditionalismus. Der Gottesdienst, bei dem das Fleisch in grö-
ßerem oder geringerem Maße die Leitung hat, ist allgemein ver-
breitet. Das ist in der Christenheit überall dort der Fall, wo die Un-
terscheidung zwischen Geistlichen und Laien zu einer feststehen-
den Tatsache geworden ist, wo der Dienst von einer Einzelperson
oder von einer elitären Gruppe bestimmt wird, wo über Vorschläge
demokratisch abgestimmt wird, wo musikalische Darbietungen un-
trennbare Bestandteile des Gottesdienstes sind; wo der Gottesdienst
(der Dienst des Lobpreises) nach von vornherein festgelegten Li-
nien verläuft. Dabei denke ich nicht nur an bestimmte kirchliche
Richtungen, sondern wende dies genauso gut auf allerlei andere
Glaubensgemeinschaften an. Es liegt nicht allein an der offiziellen
Struktur, obgleich diese Kennzeichen dort eher auf der Hand lie-
gen. Es gilt auch für diejenigen Orte, wo zwar offiziell keine Struk-
turen bestehen, wo aber bestimmte Strukturen als Folge festgefah-
rener Gewohnheiten durchaus vorhanden sind.
Der Deutlichkeit halber: Ich spreche hier über die Merkmale
251 Richter 15,9-13

eines Systems (offiziell oder inoffiziell) und nicht über die Men-
schen, die ihm angehören. Glücklicherweise gibt es eine Menge auf-
richtiger Christen, die Gott hingegeben dienen, sich jedoch des
Bösen nicht bewusst sind, das an solchen Systemen haftet.
Es ist Gottes Gnade, wenn er einen Befreier sendet, wie hier
Simson. Doch Simson wird als Ruhestörer erfahren. Wer allerlei
Fleischlichkeiten an den Pranger stellt, die einen Platz im persönli-
chen oder gemeinsamen Dienst für Gott bekommen haben, wird
zu hören bekommen, er widersetze sich den herrschenden Regeln
und Formen. Man ermahnt ihn beispielsweise, er solle nicht so ex-
trem sein. Lauheit wird gerechtfertigt. Juda zeigt hier nicht die
Würde des Segens, den Jakob in 1. Mose 49,8-12 über ihn ausspricht.
In Judas Geschichte finden wir mehrere derartige Tiefpunkte, wie
z. B. in 1. Mose 37,26, wo er ebenfalls jemanden überliefert.
Anstatt sich mit ihrem Helden einszumachen und sich ihres ge-
meinsamen Feindes zu entledigen, stellen die Männer von Juda sich
auf eine Linie mit den Philistern und vereinigen sich mit ihrem Ziel.
Eigentlich haben sie überhaupt keine Wertschätzung für den ihnen
von Gott gegebenen Richter. Simson will keinen Streit mit seinen
Brüdern, wie tief sie auch gesunken sind und wie sehr sie sich ei-
gentlich auf der Seite ihres Feindes scharen. So sollen auch wir nicht
mit unseren Brüdern streiten, sondern gegen die Grundsätze kämp-
fen, von denen sie gefangen sind und mit denen sie sich selbst ver-
söhnt haben. Simson bittet um die Beteuerung, dass sie ihn nicht
angreifen werden, weil er andernfalls genötigt wäre, sich zu vertei-
digen, mit allen Folgen, die damit für die Judäer verbunden sind.
Simson erhält die Garantie, dass dies nicht geschehen wird. Sie wol-
len ihn lediglich mit neuen Stricken binden und in die Hand der
Philister überliefern. Stellen wir uns einmal vor, was das bedeutet!
Die Männer von Juda stellen sich auf die Seite der Philister, um
deren Pläne auszuführen! Simson musste – koste es, was es wolle –
von seiner Berufung abgehalten werden.
Neue Stricke sollten dafür das geeignete Mittel sein. Es sind vor
allem neue, populäre Mittel, wodurch hingegebene Christen dazu
bewegt werden, ihre Nasiräerschaft preiszugeben. Das Wort für
Stricke kommt von »Flechten« und gibt den Gedanken wieder, dass
es sich um ein menschliches Produkt handelt. Dann lässt er sich
binden und gibt ihren Wünschen nach, weil er seine Kraft nicht
Abschnitt 2g · Simson 252

dafür gebrauchen oder missbrauchen will, gegen sein eigenes Volk


zu kämpfen.

Von neuen Stricken befreit — Vers 14


Als die Männer von Juda Simson zu den Philistern brachten, jauchz-
ten diese. Sie meinten, ihren verhassten Feind in ihrer Hand zu
haben. Doch die Freude war von kurzer Dauer, denn »der Geist des
HERRN kam über ihn«. Wenn menschliche Mittel, durch die ein
Nasiräer gebunden sein kann, mit dem Geist Gottes und dem Wort
Gottes in Berührung kommen, werden sie wie Wachs. Die prakti-
sche Verwirklichung des Aufrufs in 1. Petrus 4,11 versengt, in bild-
lichem Sinn, alle Stricke der Philister zu Asche. Wir werden dort
mit den Worten ermutigt: »Wenn jemand redet, so rede er es als Aus-
sprüche Gottes; wenn jemand dient, so sei es als aus der Kraft, die
Gott darreicht.« Das macht jeden frei, so dass er seine Gabe als
allein dem Geber verantwortlich ausüben kann, getrennt von jeder
menschlichen Anstellung oder Einmischung. Das ist es, was Paulus
meint, als er in Galater 1,1 schreibt: »Paulus, Apostel, nicht von
Menschen, auch nicht durch einen Menschen, sondern durch Jesus
Christus und Gott, den Vater, der ihn aus den Toten auferweckt hat.«
Er deutet hiermit an, dass er in der Ausübung seiner Apostelschaft
von allen »Fesseln der Philister« frei ist.
Das bedeutet sicher nicht, dass wir nichts mit anderen und ihren
Bemerkungen über unseren Dienst zu tun haben sollten. In der
Zusammenkunft der Gemeinde gilt zum Beispiel: »Propheten aber
sollen zwei oder drei reden und die anderen sollen urteilen« (1. Korin-
ther 14,29). Aber das ist etwas ganz anderes, als von vornherein zu
bestimmen, wer etwas sagen soll und was in der Zusammenkunft
der Gemeinde gesagt werden muss. Das dürfen andere nicht be-
stimmen, denn darüber darf allein der Heilige Geist Weisungsbe-
fugnis haben.

Ein frischer Eselskinnbacken — Vers 15-17


Simson befreite sich durch die Kraft des Geistes von den neuen
Stricken. Zum Sieg über seine Feinde gebraucht er einen frischen
Eselskinnbacken. Das bezieht sich auf die Schwachheit des Werk-
253 Richter 15,13-19

zeugs im Gegensatz zum Ergebnis. Niemand konnte sagen, dass


Simsons Sieg die Folge einer gewaltigen Waffe gewesen sei. Es ist
eine »frische« Waffe, nicht eine »dürre«. Vergleiche Hesekiel 37,2,
wo von einem Tal mit »dürren« Totengebeinen die Rede ist. Der
Esel ist tot, aber die Lebenskraft ist gleichsam noch im Knochen
vorhanden. Dies spricht von dem Leben, das wir durch den Tod
und die Auferstehung des Herrn Jesus erlangt haben und wodurch
wir in der Lage sind, Siege zu erringen. Das bedeutet, dass wir das
Urteil über uns selbst anerkannt haben. Der natürliche Mensch wird
in 2. Mose 13,13 sehr treffend mit einem Esel verglichen.
Als Simson den Sieg errungen hat, wirft er seine Waffe weg. Er
will sie nicht aufbewahren; sie soll kein Fallstrick für ihn werden,
wie das Ephod für Gideon. Die Waffe hat dem Ziel gedient und das
ist genug. Dieser Grundsatz ist sehr wichtig, sowohl für denjeni-
gen, der zum Dienst gebraucht wird, als auch für diejenigen, denen
gedient wird. Oft wird das »armselige« Werkzeug verehrt, das Gott
in seiner Gnade gebrauchen wollte: welch ein Redner, welche Aus-
strahlung! Ein Vorbild dafür, wie es sein sollte, finden wir in Apos-
telgeschichte 8,29. Nachdem Philippus dem Kämmerer das Evan-
gelium verkündigt und ihn getauft hatte, »entrückte der Geist des
Herrn den Philippus; und der Kämmerer sah ihn nicht mehr, denn er
zog seinen Weg mit Freuden«. Philippus hatte seinen Dienst getan.
Er brauchte keine Ehrerweisung und erhielt ein anderes Arbeits-
gebiet. Und der Kämmerer? Er hatte keinen Blick für Philippus
mehr, vermisste ihn nicht einmal, denn er hatte den Herrn Jesus
ins Herz bekommen und das war mehr als genug.

Der Brunnen des Rufenden — Vers 18-19


Nach diesem beeindruckenden Sieg bekommt Simson heftigen
Durst, so stark, dass er befürchtet, er werde sterben. In seiner Not
ruft er zu Gott. Sein Gebet (das Erste, das von ihm erwähnt wird!)
ist kurz und kräftig. Zuerst sehen wir, dass er Gott die Ehre für den
Sieg gibt: »Du hast …«. Das ist schön. Leider reicht dann sein Glau-
be nicht aus und er klagt, dass er im Nachhinein sterben werde,
aber nun an Durst, und dass er somit doch noch in die Hand der
Feinde fallen werde.
Wir können daraus einige Dinge lernen. In erster Linie, dass
Abschnitt 2g · Simson 254

Kampf keinen »Durst« löscht. Wir erringen vielleicht viele Siege


für den Herrn, doch die wirkliche Erquickung liegt nicht im Sieg,
sondern im Herrn selbst. Weiterhin sehen wir, dass Durst eine Her-
ausforderung ist, Gott um Errettung zu bitten. Gott hatte schon
früher Rettung erwiesen, als ein ganzes Volk durstig war. Das fin-
den wir in 2. Mose 17,1-7.
Simson ruft insgesamt zweimal zu Gott, hier und in Kapitel 16,20.
Beide Male wird er erhört. Wenn wir bedenken, dass die Zeit Sim-
sons den letzten Tagen und schweren Zeiten entspricht, die in 2. Ti-
motheus 3 beschrieben werden, dann haben wir hier eine große
Ermutigung. Wir sehen, dass das Anrufen des Namens des Herrn
eine besondere Quelle für die letzten Tage ist. Gott öffnet diese
Quelle für jeden, der ruft. Wer davon trinkt, wird die Kraft erfah-
ren, die Simson erfährt. Lebenskraft und Belebung kommen zu-
rück. Die einzige Möglichkeit, um persönlich oder gemeinschaft-
lich eine Belebung zu erfahren, liegt

a. im Bewusstsein, dass wir Durst haben;


b. im Rufen zu Gott in unserer Not;
c. im Trinken von der Quelle, die Gott öffnet.

Es scheint, dass der Schreiber dieses Buches unsere besondere Auf-


merksamkeit darauf lenken will, dass die »Quelle des Rufenden«
sich bei Lehi befindet »bis auf diesen Tag«. Buchstäblich bedeutet
das, dass diese Quelle noch im Augenblick bestand, als dieses Buch
geschrieben wurde. Die geistliche Bedeutung dieses Ausdrucks und
die moralische Kraft, die davon ausgeht, ist doch wohl diese: Die
Quelle, die Gott geöffnet hat, steht immer jedem zur Verfügung,
der ruft, auch heute noch.
Ich habe bereits an früherer Stelle auf Johannes 4 hingewiesen,
wo der Herr Jesus in seinem Gespräch mit der samaritischen Frau
auf die Quelle des lebendigen Wassers hinweist, die ins ewige Le-
ben fließt (Vers 14). Das Trinken von der Quelle, die er geöffnet
hat, bringt den »Rufenden« in Verbindung mit dem ewigen Leben.
Das ewige Leben ist: Leben in der Atmosphäre des Vaters und des
Sohnes, in die der Gläubige durch die Kenntnis des Vaters und des
Sohnes gebracht worden ist (Johannes 17,3). Das ewige Leben ist
auch der Herr Jesus selbst (1. Johannes 5,20). Dorthin will der
255 Richter 15,19-20

Heilige Geist den Rufenden bringen und das wird seinen Durst lö-
schen. Das ewige Leben kann von keinem Verfall oder Angriff an-
getastet werden. Gerade der Brief, der über die letzten Tage und
schwere Zeiten spricht, beginnt mit dem Hinweis auf die »Verhei-
ßung des Lebens in Christus Jesus« (2. Timotheus 1,1; siehe auch
Vers 9).
Unser Auge wird dadurch auf das gerichtet, was durch den Geist
die innere Befriedigung gibt, die größer ist als der strahlendste Sieg,
nämlich auf den Herrn Jesus und auf alles, was in ihm gefunden
wird.

Schluss — Vers 20
Simson ist kein Befreier, wie seine Vorgänger es waren. Er richtete
Israel, während die Philister regierten. Es ist möglich, dass Simson
zum Felsen Etam zurückgegangen ist (Vers 8), um von dort aus
seine Funktion als Richter auszuüben. Die Zeitspanne, in der er
richtete, dauerte vermutlich von 1075 – 1055 vor Christus, eine Zeit,
in der auch Samuel (ca. 1080 vor Christus geboren) aktiv wurde.
Für Gott hört die Geschichte Simsons hier auf. Die Mitteilung
in diesem Vers folgt auf den Felsen als Wohnort (Vers 8), einen
offenen Kampf mit den Philistern (Vers 15) und den Felsen, aus
dem Wasser fließt (Vers 19). Das sind Situationen, in denen er vom
Feind frei wurde, und somit konnte er Israel richten. Was folgt, ist
sein totaler Fall. In den Kapiteln 14 und 15 wird von insgesamt sechs
Taten Simsons berichtet:

1. das Zerreißen eines jungen Löwen (14,6);


2. das Töten von 30 Philistern (Vers 19);
3. seine Aktion mit den 300 Füchsen (15,4-5);
4. seine Rache an den Philistern (Vers 8);
5. die Befreiung von seinen Stricken (Vers 14);
6. das Töten von 1.000 Philistern (Vers 15).

Simson verfehlt die Zahl sieben, die Zahl der Vollkommenheit, um


eine Tat. Diesen Gedanken können wir auch auf die Fortsetzung
seiner Geschichte anwenden, wie sie im nächsten Kapitel wieder-
gegeben wird.
Abschnitt 2g · Simson 256

Kapitel 16
Einleitung
Das Geheimnis der Kraft kann niemals Menschen mitgeteilt wer-
den, die diese Kraft selbst nicht besitzen. Niemand hat je die Quel-
le der Kraft und der Autorität des Herrn Jesus begriffen. Schließ-
lich hat er alle Hoffnung aufgegeben, den Menschen das Verständ-
nis der Grundsätze beizubringen, von denen er geleitet wurde. Maria
von Bethanien ist das einzige Beispiel eines Herzens, das ihn be-
griff. Sein Herz war voller Mitgefühl für jeden Schmerz, doch es
gab niemanden, der je seinen Schmerz gefühlt, geschweige denn
begriffen hätte.
Simson war völlig anders als der Herr. Er hat allein sich selbst
befriedigen wollen und gab dafür sein Geheimnis preis und damit
die Kraft, um weiterhin Nasiräer zu sein. Zwischen dem Herrn Je-
sus und Simson gibt es mehr Gegensätze als Übereinstimmungen,
wie uns vor allem dieses letzte Kapitel zeigt. Die letzten Gescheh-
nisse im Leben Simsons bestätigen seine große körperliche Kraft
und seine große Schwäche für Frauen.

In Gaza — Vers 1-3


Aus der Geschichte wird nicht deutlich, warum Simson nach Gaza
ging. Gaza war eine Festung der Philister. Er muss dort von jedem
erkannt worden sein, als er mit seinem langen Haar durch die Stra-
ßen lief. Ehrfurcht vor seiner großen Kraft sorgt dafür, dass ihm,
dem gefürchteten Feind, niemand etwas anzutun wagt. Sein Be-
such in dieser Stadt geschieht nicht im Auftrag Gottes. Nirgends
findet sich ein Anzeichen, dass er in Gaza war, um diese Brutstätte
philistäischer Aktivität auszurotten. Es scheint, als habe er einen
Ausflug gemacht und etwas »gebummelt«. Möglicherweise ist das
der Grund für seinen Besuch bei einer Hure. Auch David fiel in
Ehebruch, weil er seine Zeit mit Müßiggang verbrachte, während
er an der Spitze des Heeres hätte stehen müssen, um es im Krieg
anzuführen (2. Samuel 11,1-5). Simson hat immer noch nicht ge-
lernt, seine Leidenschaft zu beherrschen; er lässt ihr freien Lauf.
Ging er in Kapitel 14 noch »anständig« zu Werke, indem er die
257 Richter 16,1-3

normalen Umgangsformen beachtete, folgt er hier ausschließlich


seinen Lüsten, deren Opfer er selbst wird.
Die Hure ist eine philistäische Hure und damit ein Bild der gro-
ßen Babylon oder besser der römisch-katholischen Kirche, die in
Offenbarung 17 als die »große Hure« beschrieben wird. Dass die
bekennende Kirche als eine Hure vorgestellt wird, verdeutlicht sehr
gut, wie weit sie von ihrem ursprünglichen Zustand abgewichen ist.
Paulus weist in 2. Korinther 11,2-3 auf den Anfang dieses Abwei-
chens hin; er vergleicht die Gemeinde mit einer reinen Jungfrau,
die er dem Christus verlobt hat, die ihm jedoch durch die Verfüh-
rung des Teufels untreu geworden ist. Das Endergebnis dieser Un-
treue sehen wir in Offenbarung 17 und 18. Wenn ein Gläubiger
vergisst, dass er ein Nasiräer ist und denkt, er könne sich ohne
Auftrag von Gott ungestraft in das System begeben, das Gott rich-
ten wird, steht er in der Gefahr, mit diesem System umzukommen.
Das ist schließlich mit Simson geschehen. Er kommt mit dem Sys-
tem um, gegen das er kämpfen sollte, indem er sich damit eins-
machte. Obwohl er hier noch die Kraft hat, sich selbst zu befreien,
legte er hier den Keim seines Untergangs, indem er sich mit dieser
philistäischen Hure vereinigte.
Es ist eigentlich unbegreiflich, dass jemand überhaupt noch eine
gewisse Kraft haben kann, wenn er sein Gewissen derart geopfert
hat. Noch verlor er seine Kraft nicht, weil er deren Geheimnis noch
nicht preisgegeben hatte. Allein Gott und Simson wussten davon.
Es ist in der Tat möglich, dass jemand, der in Sünde lebt, noch eini-
ge Zeit in seinem Dienst für Gott Erfolg hat. Leider werden diese
Erfolge als Deckmantel für die Sünde gebraucht und nicht dazu,
ein gründliches und umfassendes Bekenntnis dieser Sünde abzule-
gen.
Simson gebraucht seine Kraft hier allein, um sich selbst zu be-
freien, und er vergisst das Ziel, wofür Gott ihm diese Kraft gege-
ben hat. Es wird kein Feind geschlagen und sein Volk hat keinen
Nutzen davon. Simson benimmt sich hier wie ein ordinärer Kraft-
protz. Er gebraucht seine Kraft, weil er gezwungen ist zu flüchten
und nicht um die Philister in die Flucht zu jagen. Er wird später
nach Gaza zurückkommen, nicht um seine Kraft zu zeigen, son-
dern als blinder Gefangener (Vers 21). Das liegt daran, dass er
Hebron nicht erreicht. Er läuft zwar mit den Toren auf seinen Schul-
Abschnitt 2g · Simson 258

tern in Richtung Hebron, aber er kommt dort nicht an. Hebron


bedeutet »Gemeinschaft«. Simson versagt sozusagen in seiner Rück-
kehr zur Gemeinschaft mit Gott. Er kommt nicht zu einem voll-
ständigen Schuldbekenntnis, denn er gibt seine verkehrten Verbin-
dungen nicht auf. Seine äußerliche Befreiung ist keine Folge eines
innerlichen Selbstgerichts vor Gott. Seine Gemeinschaft mit Gott
ist nicht wiederhergestellt und er vollzieht kein Selbstgericht über
die begangenen Sünden.
Rückkehr zu Gott bedeutet eine Verurteilung dessen, was mich
zur Sünde veranlasste, d.h. ihrer Wurzel. In seinem Herzen hat Sim-
son die begangene Sünde nicht gerichtet und hat sie in seinem Her-
zen weiter gehegt. Das kann auf nichts anderes als auf Kosten der
Gemeinschaft mit Gott gehen. Wer dem großen Babylon angehört,
dieser dem Namen nach christlichen Kirche, an den ergeht der Auf-
ruf: »Geht aus ihr hinaus, mein Volk, damit ihr nicht an ihren Sünden
teilhabt und damit ihr nicht von ihren Plagen empfangt« (Offenba-
rung 18,4). Absonderung vom Bösen muss sowohl äußerlich als auch
innerlich stattfinden. Bei Simson war sie in diesem Fall allein äu-
ßerlich. Innerlich blieb er mit dem Bösen verbunden.

Simsons neue Liebe — Vers 4


Weil er nicht völlig in der Gemeinschaft mit Gott wiederhergestellt
ist, liegt ein nächster und tieferer Fall auf der Hand. Die schwa-
chen Arme einer Frau sind für Simson offensichtlich stärker als das
Stadttor von Gaza. Sorek bedeutet »auserlesener Weinstock«; De-
lila heißt übersetzt »die mit Verlangen Schmachtende«. Gemein-
sam stellen diese beiden Begriffe die religiöse Welt dar, die sich
mit der gottlosen Welt und ihren Vergnügungen einsmacht. Es sind
die Menschen von 2. Timotheus 3,4, die Paulus so charakterisiert:
»mehr das Vergnügen liebend als Gott«. Wir wissen, dass es in 2. Ti-
motheus 3 um Menschen geht, »die eine Form der Gottseligkeit ha-
ben, deren Kraft aber verleugnen« (Vers 5), also um Menschen, von
denen die Philister ein Vorbild sind. Simson verliebt sich in jeman-
den, der diesen Grundsatz darstellt. Hier wird sehr reell die Ge-
fahr sichtbar, dass Liebe zu einem Feind aufkommen kann, den wir
gemäß der Bibel, also in Gottes Auftrag, bekämpfen müssen. Sol-
ches geschieht, wenn wir uns selbst nicht in der Liebe Gottes be-
259 Richter 16,3-6

wahren (Judas Vers 20). Was Simson hier tut, geht weiter als seine
Verbindung mit der Hure aus Vers 1-3. Das war eine Verbindung
von kurzer Dauer.
Simson hat sich auf die schiefe Ebene begeben, wodurch er sich
immer weiter in die Fallstricke verwirrt, die der Feind ihm auslegt.
Im Buch Sprüche warnt Salomo seinen Sohn immer wieder vor der
fremden Frau und zeigt die Folgen auf für jeden, der sich mit ihr
einlässt. Das ist unausweichlich ein »Weg zum Scheol … der hinab-
führt zu den Kammern des Todes« (Sprüche 7,25-27; siehe auch
2,16-19; 5,5).

Der Feind sieht seine Chance — Vers 5


Die Philister sind fest entschlossen, dahinter zu kommen, worin
sich Simsons große Kraft verbirgt. Sie wollen den Ursprung des
Geheimnisses erfahren und sind bereit, dafür einen hohen Preis zu
bezahlen. Der Teufel ist immer bereit, einen hohen Preis zu zahlen,
um einen Nasiräer seiner Hingabe – und somit seiner Kraft – zu
berauben. Er bietet alles auf, um jeden, der wirklich Nasiräer sein
will, von seiner Absonderung für Gott, der wahren Kraft des christ-
lichen Lebens, abzubringen. Delila lässt sich allein durch das Geld
leiten. Damit erweist sie sich nach Herz und Nieren als eine Philis-
terin, auch wenn sie nirgends so genannt wird. An ihrem Charakter
ist nichts Anziehendes. Und dennoch liebt Simson sie.
Was körperliche Kraft betrifft, hat Simson jedes Kräftemessen
mit den Philistern gewonnen. Doch Simson hat jede Konfrontation
mit den Philistern verloren, als man an seine Leidenschaft appel-
lierte. Das beweisen die drei philistäischen Frauen (14,1; 16,1 und
16,4). Jedes Mal erliegt er dem Mittel der Versuchung. Der Teufel
ist für uns mehr zu fürchten, wenn er sich als ein Engel des Lichts
hervortut (2. Korinther 11,14), als dann, wenn er als ein brüllender
Löwe zu Werke geht (1. Petrus 5,8).

Erste Phase der Preisgabe des Geheimnisses — Vers 6-9


Es kann eigentlich nicht anders sein, als dass Simson gefühlt haben
muss, worauf Delila aus war. Er hatte bereits eine Erfahrung mit
einer philistäischen Frau gemacht, die es fertig brachte, ihm die Auf-
Abschnitt 2g · Simson 260

lösung seines Rätsels zu entlocken. Und auch wenn er das verges-


sen hatte, muss ihm durch das Verhalten Delilas deutlich geworden
sein, welches Ziel sie verfolgte. Er muss gewusst haben, dass sie auf
seine Vernichtung aus war. Immer wieder führt sie ihn irre. Jedes
Mal gibt er ein Stück mehr von seinem Geheimnis preis. Immer
näher kommt er zum Kern, bis er alles aufgegeben hat. Es geht ihm
wie einer Schleuse, die unter Wasser eine Luke hat, die aufgedreht
werden kann. Unsichtbar kommt das Wasser in die Schleuse, bis
das Niveau dem des Meeres gleich ist. Dann kann die Schleuse mit
Leichtigkeit aufgedreht werden. Wir können insgeheim Dinge in
unserem Herzen zulassen, ohne diese zu verurteilen. Wenn das ge-
schieht, werden wir uns schließlich ganz der Welt angleichen.
Anstatt sich durch die große Kraft Simsons sicher und beschützt
zu fühlen, fragt Delila, wie man ihn so binden kann, dass er mit
seiner Kraft nicht mehr dagegen ankommt. Bevor er sein Geheim-
nis preisgibt, weicht er zunächst der Wahrheit aus und tischt Lügen
auf. Er sagt ihr, sieben frische Sehnen, die noch nicht ausgetrock-
net sind, würden ihn machtlos machen. Vielleicht hat Simson dabei
an die Stricke gedacht, mit denen die Männer von Juda ihn gebun-
den hatten. Er stützt sich also auf einen anderen Sieg und nicht auf
Gott. Als er auf diese Weise gefesselt ist und Delila dann die Philis-
ter ruft, ihn gefangen zu nehmen, zerreißt er die Sehnen und be-
freit sich selbst. Doch um seine Seele war ein Strick gelegt worden,
der langsam zugezogen wird. Er hat ein Stückchen seines Geheim-
nisses preisgegeben, indem er die Zahl sieben nannte, nach der
Anzahl der Locken seines Haares (Vers 13-19).

Zweite Phase der Preisgabe des


Geheimnisses — Vers 10-12
Delila beschuldigt ihn der Lüge und des Betrugs, und das nicht
ganz zu Unrecht. Simson ist in einer Situation, in der er nicht frei
über das Geheimnis seiner Kraft sprechen kann. Er begreift, dass
damit Missbrauch getrieben würde. Und anstatt von dem Ort zu
fliehen, wo er nicht hingehört, sucht er sein Heil in Ausflüchten,
um doch dableiben zu können.
Wie oft ist es uns schon so ergangen? Wir befanden uns an ei-
nem Ort und wir wussten, dass wir uns dort nicht aufhalten sollten.
261 Richter 16,6-14

Dann wurde uns eine Frage über unseren Glauben gestellt. Wir
wanden uns und gaben eine ausweichende Antwort. Wenn wir die
wahre Antwort gegeben hätten, hätten wir uns selbst entdeckt und
erkannt, dass wir da nicht hingehörten. In einer solchen Situation
kann auch ein Augenblick kommen, in welchem wir nicht weiter
der Wahrheit ausweichen und öffentlich sagen, was wir glauben.
Doch weil wir nicht eher »geflohen« sind, wird dies leider von an-
deren aufgegriffen, um uns lächerlich zu machen. Unser Zeugnis
hat überhaupt keinen Wert mehr und wird zum Spott und zur Be-
lustigung. So ist es auch Simson ergangen.
Delila konnte ihren zweiten Versuch machen, weil Simson wei-
ter bei ihr herumlungerte. Der Strick, der um seine Seele gespannt
worden war, wurde dadurch fester zugezogen. In seiner Antwort
an Delila gibt er wieder ein Stückchen seines Geheimnisses preis.
Er spricht von »neuen Stricken, mit denen noch keine Arbeit getan
worden ist«. In Kapitel 15,13 hatte man ebenfalls versucht, ihn mit
neuen Stricken zu binden. Das war missglückt. Hier fügt Simson
hinzu, dass diese Stricke noch unbenutzt sein mussten, das heißt,
dass diese Stricke eigens angefertigt worden waren, um allein für
dieses Ziel gebraucht zu werden. Das ist ein Hinweis auf seine ei-
gene Weihe als Nasirärer von Anbeginn seines Lebens an. Das war
der zweite Schritt auf dem Weg zur Preisgabe seines Geheimnisses,
aber wiederum nicht die volle Wirklichkeit über das Geheimnis
seiner Kraft. Dennoch hatte er jetzt zwei Dinge in Verbindung da-
mit berührt:

1. dass er völlig für den Herrn da war (die Zahl sieben);


2. dass er seit seiner Geburt für den Herrn da war (noch nicht
gebraucht).

Dritte Phase der Preisgabe des


Geheimnisses — Vers 13-14
Delila versucht unermüdlich, hinter das Geheimnis seiner Kraft zu
kommen. Sie gibt nicht auf – was auch nicht nötig ist, weil Simson
sich nicht aus dem Staub macht. Er ist ins Netz verstrickt, das sie
für seine Füße ausgespannt hatte, weil er das nicht tut, was David
sehr wohl tat: »Meine Augen sind stets auf den HERRN gerichtet;
Abschnitt 2g · Simson 262

denn er, er wird meine Füße aus dem Netz lösen« (Psalm 25,15). Weil
seine Augen auf Delila gerichtet sind, kann sie fortfahren.
Und das tut sie auch, denn das Geld lacht ihr zu. Wieder wirft sie
ihm Lüge und Betrug vor und fragt aufs Neue, wie er gebunden
werden kann. Seine erneute Antwort nähert sich der Preisgabe sei-
nes Geheimnisses sehr dicht. Er gibt einen Hinweis auf die Länge
seines Haares. Es ist so lang, dass es gewebt werden kann. Er sagt
ihr, sein Haar müsste mit ihrem Webstuhl bearbeitet werden, wo-
durch es mit ihrer Arbeit zu einem Ganzen verflochten wird.
Die geistliche Belehrung, die sich hierin verbirgt, ist aufschluss-
reich. Was Simson tut, ist auf den Christen anzuwenden, der in sei-
ner Berufung als Nasiräer Interesse für die Anziehungskraft zeigt,
die von einer geschmückten und herausgeputzten religiösen Welt
ausgeht. Er lässt sich damit ein und übernimmt ihre Methoden.
Auf diese Weise vereinigt der Nasiräer sich dann mit dem Werk der
religiösen Welt. Mit Menschen, die sich von philistäischen Grund-
sätzen leiten lassen, steht er zusammen auf derselben Kanzel; er
setzt sich für dasselbe Ziel ein. Diese Menschen besitzen zwar im
Namen, aber nicht in der Wirklichkeit das Leben Christi.
Es werden viele philistäische »Webstühle« eingesetzt, damit die
Heiligen an diesem Weben teilnehmen sollen, um schließlich ihrer
Kraft beraubt zu werden. Nimm nur die Politik. Jemand kann mit
den besten Motiven daran teilnehmen, aber er verbindet sich mit
Menschen der Welt. Sie wollen sich für eine vortreffliche Arbeit
einsetzen. Sie wollen die Welt von allerlei Ungerechtigkeit reini-
gen und ein gerechtes Zusammenleben schaffen. Immer wieder aufs
Neue schrecken solche Gläubigen »aus dem Schlaf«, wenn Vor-
schläge gemacht werden, die der Bibel entgegenstehen. Immer zeigt
sich, dass sie es mit den Feinden des Kreuzes zu tun haben. Sie
hören den Schrei ihres Gewissens »Philister über dir«.
Aber wie sich Simson auch zu befreien versucht, dieses Mal bleibt
der Webstuhl an ihm hängen als Beweis, dass er mit ihrem Werk
verbunden ist. Er kommt nicht mehr wirklich frei.

Vierte Phase: das Geheimnis preisgegeben — Vers 15-17


Dreimal hat er sich selbst befreien können, das letzte Mal nur halb.
Doch weil er die Verbindung nicht abbricht, kommt nun der end-
263 Richter 16,14-17

gültige Fall. Die vorherigen Male hat Delila stets gefragt, wie sie
ihn binden müsse. Diesmal gebraucht sie alle Überredungskraft,
die ihr als Frau zu eigen ist. Sie spricht jetzt nicht mehr, wie bei den
anderen Malen, von einer Methode, ihn zu binden, sondern trifft
ihn in seinem Herzen, indem sie seine Liebe zu ihr in Zweifel zieht.
Er hat ihr ja das Geheimnis seiner Kraft immer noch nicht gesagt.
Das hält sie ihm tagelang vor. Simson hat nur noch wenig Freude
an seiner Gemeinschaft mit Delila. Mit der Frau aus Timna war
das einst ganz ähnlich. Auch daraus hat er nichts gelernt. Was De-
lila vorbringt, ist keine offene Feindschaft, sondern etwas, das sehr
anziehend aussieht und sehr verführerisch wirkt. Schließlich erliegt
er dem psychischen Druck. Er gibt das Geheimnis preis, das sie
anders nie erfahren hätte. Denn wer hätte erdenken können, dass
seine Kraft in seinem langen Haar war, einem deutlichen Beweis
der Schwachheit, der Schwachheit einer Frau?
Das ist immer noch so. Starke junge Menschen, die in großer
Hingabe Gott dienten, sind von der Welt irregeführt worden und
auf dem Pfad des Ungehorsams gelandet. Dadurch haben sie ihre
Kraft, ihre Freiheit zum Dienst und ihr geistliches Unterscheidungs-
vermögen verloren. Das Licht, das in ihnen war, ist zur Finsternis
geworden. Simson gibt sein Geheimnis preis, weil er seine Gemein-
schaft mit Gott verloren hat. Dadurch verfällt er dieser großen Tor-
heit, obwohl er schon so oft von Delila geweckt worden war. Ei-
gentlich musste ihm deutlich sein, was ihre Absichten waren. Wer
sich jedoch von der Welt mitreißen lässt, verliert allen Begriff für
das Normale und auch den gesunden Menschenverstand. Seine
Kraft lag im langen Haar, hinter dem sich gleichsam seine Persön-
lichkeit verbarg. Die einzige Kraft liegt in der »Verborgenheit«. Ab-
hängigkeit von und Hingabe an Christus sind die verborgene Kraft
des Gläubigen zum Leben als Nasiräer. Das gilt sowohl für das per-
sönliche als auch für das gemeinschaftliche Leben.
Im Blick auf das letztgenannte schrieb ein Gottesmann aus dem
19. Jahrhundert über die sogenannte »Brüderbewegung« Folgen-
des: »Was wichtig ist, sind nicht ›die Brüder‹, sondern die Wahr-
heit, die sie haben … Gott könnte sie beiseite setzen und seine
Wahrheit durch andere verbreiten – und wird es auch, obwohl er
voll gnädiger Langmut ist, wenn sie nicht treu bleiben. Ihr Platz ist
es, in Unbekanntheit und Hingabe zu verbleiben und nicht an die
Abschnitt 2g · Simson 264

›Brüder‹ zu denken (es ist immer falsch, an uns selber zu denken,


es sei denn, um uns zu richten), sondern an Seelen, im Namen und
in der Liebe Christi, und an seine Ehre und Wahrheit allein – nicht
das so genannte ›Brüdertum‹ durchzudrücken, sondern sich mit
jeder Seele nach ihren Bedürfnissen um Christi willen zu beschäf-
tigen … Sie sollen in Liebe wandeln, in der Wahrheit, demütig,
niedrig, nicht weltlich, ganz für Christus, so klein – und damit zu-
frieden, klein zu sein, wie damals, als sie begannen; und Gott wird
sie segnen. Wenn nicht, könnte ihr Leuchter weggenommen wer-
den wie der Leuchter anderer (und ach, welcher Schmerz und wel-
che Beschämung des Angesichts wäre es nach solcher Gnade!) …
Gott hat uns [›die Brüder‹] nicht nötig, aber er hat ein Volk nötig,
das in Wahrheit, Liebe und Heiligkeit wandelt … Wenn ›die Brü-
der‹ sich dem anpassen, was in der Christenheit innerhalb des La-
gers üblich ist, werden sie eine weitere Sekte mit bestimmten Wahr-
heiten sein« (Aus »The Collected Writings of J. N. Darby«, Band
31, S. 371-374; vergleiche auch »Letters of J. N. Darby«, Band 2,
S. 339-342).
Im Anschluss an diese warnenden, geradezu prophetischen Worte
über die Brüderbewegung noch etwas zu Offenbarung 3,11: »Ich
komme bald. Halte fest, was du hast, damit niemand deine Krone neh-
me.« Der Ausdruck »damit niemand deine Krone nehme« hat nicht
allein mit der Zukunft zu tun, sondern auch mit der Gegenwart.
Diese Krone stellt die Nasiräerschaft dar. Das Wort »Neser« ist in
4. Mose 6,7 mit »Weihe« oder »Nasiräerschaft« übersetzt und in
3. Mose 21,12 mit »Weihe« oder »Krone«. Von dem Wort »Neser«,
das folglich auch mit »Krone« zu übersetzen ist, ist das Wort Nasi-
räer abgeleitet. Die Krone in Offenbarung 3,11 kann folglich sehr
gut mit unserer Hingabe an den Herrn zu tun haben. Diese Hinga-
be kann auch in einer Gemeinde sichtbar werden. Die Christenheit
als Ganzes hat diese Krone schon lange verloren. Ihr Geheimnis ist
nicht bei ihr verborgen geblieben; sie ist nicht von der Welt abge-
sondert geblieben. Sie hat die Welt in ihrer Mitte zugelassen, was
im Besitz von Regeln, Mitteln und Bedingungen zum Ausdruck
kommt, die allesamt ihren Ursprung im Denken des natürlichen
Menschen finden. Dadurch ist der Gottesdienst, der Dienst für Gott,
den Normen und Werten angepasst worden, an die sich der Mensch
ohne Gott hält.
265 Richter 16,18-21

Jede örtliche Gemeinde, die sich diesem Prozess öffnet, wie Sim-
son sich dafür öffnete, wird sich abwärts zu einer Gemeinde ent-
wickeln, die die Merkmale Laodizeas zeigt. Sie sieht dann aus wie
Simson, als er seine Kraft verloren hatte und in die Hände der Phi-
lister gefallen war: ein kahl geschorener Nasiräer (nackt), arm und
blind (Offenbarung 3,17). Die folgenden Verse vervollständigen
dieses Bild.

Simson überwältigt — Vers 18-21


Delila fühlt einwandfrei heraus, dass er diesmal die Wahrheit sagt.
Der vorherige Vorschlag Simsons war bereits anders als die ersten
beiden. Bei den ersten beiden Malen hatte er sich fesseln lassen.
Beim dritten Mal hatte er nichts von Fesseln gesagt, sondern vom
Verweben seines Haares. Im Anschluss daran ist es für sie nicht
schwer zu begreifen, dass er ihr jetzt sein ganzes Herz anvertraut
hat. Sie holt wiederum die philistäischen Fürsten, diesmal mit der
Mitteilung, dass sie jetzt auch wohl das Geld mitbringen könnten,
denn sie ist sich über den Ausgang der Sache sicher. Dann bindet
sie ihn fest, nicht mit Stricken, auch nicht Kettfäden, sondern mit
der Wärme ihres Schoßes. Dort sinkt er in den Schlaf; dort spürte
er ihre Wärme, und das wurde sein endgültiger Untergang. Bei all
seiner Kraft war er doch den Listen einer Frau nicht gewachsen,
deren Verführung er erlag.
Während Simson schläft, schneidet Delila sein Haar ab. Sie hat-
te ihn jetzt in ihrer Gewalt. Ihre Liebkosungen verwandeln sich in
Schläge und Qualen. Zum vierten Mal erschallt ihr Ruf: »Philister
über dir, Simson!« Dann vollzieht sich das zutiefst tragische Drama
eines nunmehr machtlosen Simsons, der, aufgewacht, noch der Vor-
stellung unterliegt, er sei noch genauso stark wie eh und je. Es
scheint, als habe er sich mit dem Gedanken versöhnt, dass er im-
mer wieder angegriffen würde, aber auch, als habe er angesichts
der vorherigen Male mit einer immerwährenden Übermacht sei-
ner Kraft gerechnet.
So wie für Simson der Umgang mit Delila verhängnisvoll wird,
so wird auch das Flirten mit den unheiligen Grundsätzen der Welt
verhängnisvoll für jedes Kind Gottes. Ebenso geht es der Gemein-
de. Von ihrer Kraft entledigt, tut sie so, als wäre noch alle Kraft
Abschnitt 2g · Simson 266

vorhanden. Eine kraftlose Kirche versucht, von sich reden zu ma-


chen und weiß nicht, dass überhaupt keine Kraft da ist, weil der
Geist zunächst betrübt und dann ausgelöscht worden ist. Das ist
die traurige Situation Laodizeas in Offenbarung 3,17. Dort heißt
es »und weißt nicht«, so wie es von Simson heißt »er wusste aber
nicht« (Vers 20). Sie waren blind für ihre eigene Situation. Sie ga-
ben vor, geistlich sehr hoch zu stehen, aber der Herr ekelt sich vor
ihnen. Von Ephraim, damit sind die zehn Stämme gemeint, heißt
es in Hosea 7,8-9: »Ephraim vermischt sich mit den Völkern. Eph-
raim ist ein Brotfladen geworden, der nicht gewendet ist. Fremde ver-
zehren seine Kraft und er erkennt es nicht. Auch graues Haar hat sich
bei ihm eingeschlichen und er erkennt es nicht.« Sehen wir die Paral-
lele zwischen Ephraim und Simson? Beide haben durch falschen
Umgang die Kraft verloren und beide hatten es nicht durchschaut.
Außer einer Warnung für die örtliche Gemeinde enthält diese
Geschichte auch eine Warnung für treue, hingegebene Brüder, die
im Dienst nützlich sind. Diese Warnung besteht darin, dass sie nicht
vergessen dürfen, dass sie von Gott anhängig sind. Sie laufen Ge-
fahr, zu denken, sie seien durch ihre Schriftkenntnis unantastbar
für den Einfluss der schmeichelnden Worte der christlichen Welt,
wenn sie sich ohne Auftrag Gottes auf diesem Gebiet bewegen. Sie
denken, ihre Schriftkenntnis werde sie schon vor diesen schmei-
chelnden Worten bewahren und von möglichen verkehrten Verbin-
dungen befreien. Vielleicht haben sie einmal Vorschläge abgelehnt,
an irgendeiner Sache mitzuarbeiten, von der sie sahen, dass eine
Mitarbeit nicht möglich war. Doch wenn sie die Umgebung, in der
sie sich immer wieder ablehnend verhalten müssen, nicht verlas-
sen, kommt tatsächlich der Augenblick, da sie zustimmen werden.
Dann wird die Absonderung für Gott und der Gehorsam seinem
Wort gegenüber preisgegeben und gleichzeitig verschwindet auch
die Kraft. Möglicherweise denken sie noch, der Herr sei mit ihnen,
aber das Ergebnis ist, dass sie gefangen genommen werden, genau
wie Simson, und dass sie ihre Einsicht in die Schrift verlieren, so
wie Simson sein Sehvermögen verlor.
Er, der die Flügel des Stadttors von Gaza weggetragen hat, wird
durch dasselbe Tor als Gefangener hineingebracht. Von einem Ge-
fängnis ist in der Bibel zum ersten Mal bei Joseph die Rede, der
dort hineingesteckt wurde. Aber er kam hinein, weil er treu blei-
267 Richter 16,21-25

ben wollte. Simson wird gezwungen, im Gefängnis das, was von sei-
ner Kraft übrig geblieben ist, im Dienst der Philister zu gebrau-
chen, um sie mit Nahrung und dadurch mit Kraft zu versorgen.
Welch ein trauriges Ende eines Menschen, der von Gott zu genau
der entgegengesetzten Aufgabe eingesetzt und ausgebildet worden
war.

Beginn der Wiederherstellung zur Ehre


Gottes — Vers 22-23
Zweifellos haben Betrübnis, Gewissensbisse und Reue eine Um-
kehr bei Simson bewirkt, nicht so sehr in den äußerlichen Merkma-
len, aber in seinem Herzen. Jetzt, wo seine Augen, die ihn zu sei-
nem tiefen Fall gebracht haben (14,1; 16,1), ausgestochen sind, ist
er von dem befreit, was ihn auf den verkehrten Pfad gebracht hat-
te. Inmitten der betrüblichen Gefängniserfahrungen, als Gebun-
dener und Blinder, kommen die Kennzeichen seiner Nasiräerschaft
wieder langsam zum Vorschein. Sein Haar beginnt wieder zu wach-
sen. Die Botschaft, die sich dahinter verbirgt, ist die große Ermuti-
gung, dass es nach allem menschlichen Versagen bei Gott allezeit
die Möglichkeit zur Wiederherstellung gibt.
So endigt, Gott sei Dank, die Geschichte Simsons nicht mit dem
endlosen Herumdrehen des Mühlsteins im Gefängnis. Gott kann
seinen so tief gesunkenen Knecht doch noch einmal gebrauchen.
Gott tut das in dem Augenblick, als der Sieg über Simson dem Göt-
zen der Philister zugeschrieben wird, obwohl sie dabei anerken-
nen, dass Simson große Verwüstungen angerichtet hat. Es wird jetzt
zu einer Sache zwischen Gott und den Götzen. Denn Simson war
ihnen nicht wegen ihres Gottes Dagon in die Hände gefallen, son-
dern weil ihn der Gott Israels an sie überliefert hatte. Gott gebraucht
Simson noch einmal zur Herbeiführung seiner Ehre, um deutlich
zu machen, dass es nur einen Gott gibt, und das ist Er, der Gott
Simsons und Israels.

Simson, ein Schauspiel — Vers 25


Bevor er seine letzte Heldentat verrichten wird, lassen die Fürsten
Simson holen, um sich mit ihm zu vergnügen und ihn zu verspot-
Abschnitt 2g · Simson 268

ten. Er sollte für ihren Spaß sorgen. Gott gebraucht diese Gelegen-
heit, um den Philistern den größten Schlag aller Zeiten zu verset-
zen. Das schmälert jedoch nicht die Tatsache, dass nochmals auf
schmerzliche Weise deutlich wird, in welch eine Position er durch
seine Untreue gekommen war. In 1. Korinther 4,9 sagt Paulus von
sich selbst und den anderen Aposteln: »Denn wir sind der Welt ein
Schauspiel geworden, sowohl Engeln als Menschen.« Doch der Grund
dafür ist etwas anders als bei Simson. In Vers 10 sagt er, er und die
anderen seien Narren »um Christi willen«! Er gab nichts darum,
ausgelacht zu werden, wenn er über Christus sprach.
Jeder Christ ist ein Schauspiel. Der treue Christ wird wegen sei-
ner Treue von den Menschen verspottet und ausgelacht; der un-
treue Christ wird ebenfalls von den Menschen ausgelacht und ver-
spottet, aber dann wegen seiner Untreue Christus gegenüber. Ge-
nau davon spricht Petrus in 1. Petrus 4,14-17: »Wenn ihr im Namen
Christi geschmäht werdet, glückselig seid ihr! Denn der Geist der Herr-
lichkeit und Gottes ruht auf euch. Denn niemand von euch leide als
Mörder oder als Dieb oder Übeltäter oder als einer, der sich in fremde
Sachen mischt; wenn er aber als Christ leidet, schäme er sich nicht,
sondern verherrliche Gott in diesem Namen.« Leider war Simson nicht
in einer Position, in der er Gott verherrlichen konnte, und er hatte
sein Leiden seiner eigenen Untreue zu verdanken, während er als
Schau- und Lustspiel für den Feind diente.

Noch einmal gestärkt — Vers 26-31


Dass Gott unser Versagen zu seiner Ehre gebrauchen kann, ist ein
großes Wunder! Dass dies nichts von unserer Verantwortlichkeit
wegnimmt, bedarf keiner weiteren Erörterung. Es lässt auch er-
kennen, wie hoch Gott über unser Versagen erhaben ist und wie
seine Herrlichkeit sogar noch größer dadurch wird.
Obwohl blind, beginnt Simson mehr »zu sehen«, als er je gese-
hen hat. Die Philister denken, es mit einem besiegten Feind zu tun
zu haben und meinen, dass sie nichts mehr von Simson zu befürch-
ten hätten. Als Schaubild seiner Machtlosigkeit und Kraftlosigkeit
wird er von einem Jungen an der Hand hereingeführt. Aber mit
seiner Abhängigkeit von Gott, deren äußerliches Kennzeichen sein
wachsendes Haar ist, kommt seine Kraft zurück und das sieht der
269 Richter 16,25-31

Feind nicht. In seiner Erniedrigung haben Gottes Gedanken Sim-


sons Herz mehr im Griff, als es früher der Fall war.
Der Plan kommt bei ihm auf, sich von dem Jungen zu den Säu-
len bringen zu lassen, auf denen das Gebäude ruht. Das Gebäude
ist randvoll mit Menschen, die ein Fest zur Ehre ihres Gottes Da-
gon feierten, der vermeintlich ihren unbesiegbaren Feind für sie
unschädlich gemacht hatte.
Als Simson bei den Säulen steht, betet er sein zweites Gebet, das
in der Bibel erwähnt wird. Es ist kein Gebet, mit dem er Gottes
Ehre im Blick hat. Er bittet Gott, bei seinem Rachegesuch für sei-
ne Augen an ihn zu denken. Das ist ein Hinweis, dass zwar seine
Kraft, aber noch nicht sein geistliches Leben ganz wiederhergestellt
war. Das deutet darauf hin, dass wir nach einem Abweichen und
anschließender Wiederherstellung niemals alles zurückbekommen,
was wir durch diesen verkehrten Weg verloren haben. Dennoch
erhört Gott Simson. Auf eindrückliche Weise wird beschrieben, wie
sich Simson zwischen die Säulen stemmt, auf denen das Dach ruh-
te und das ganze Gebäude in eine Leichenruine verwandelt. Sim-
son, blind und gebunden, stirbt selber im Gericht, das er über seine
Feinde bringt. Er hatte sich mit der Welt verbunden, indem er auf
sie hörte, und muss jetzt das Gericht teilen, das sie trifft. Etwas
Ähnliches ist mit Jonathan geschehen, der auch mit der einen Hand
die Welt und mit der anderen Hand David festhielt (1. Samuel 18,1;
21,1; 31,2).
Simson hat nacheinander seine Kraft, seine Freiheit, sein Seh-
vermögen und sein Leben verloren. Wenn der Tod von jemanden
bedeutender ist als sein Leben, sagt das viel, sowohl von dem einen
als auch von dem anderen. Von seinem Leben ist nicht vieles ge-
lungen; es gab wenig, was wirklich zur Herrlichkeit Gottes war. In
seinem Tod hat er noch etwas von dem gutgemacht, was er in sei-
nem Leben versäumt hatte. Er musste lernen, dass sein eigener Tod
eigentlich das Geheimnis seiner Kraft war. Wie gesagt, hat Simson
zweimal zu Gott gerufen, und beide Male war das Gebet mit dem
Geheimnis seiner Kraft verbunden. In Kapitel 15 ging es um die
Kraft des Lebens, hier um die Kraft des Todes. Das hatte Paulus
gelernt: »Denn ständig werden wir, die Lebenden, dem Tod überliefert
um Jesu willen, damit auch das Leben Jesu an unserem sterblichen
Fleisch offenbar werde« (2. Korinther 4,11), und das müssen auch
Abschnitt 2g · Simson 270

wir lernen. Im Augenblick, da ich meinen Tod akzeptiere, beginnt


Gottes geheime Kraft in mir zu wirken, und ich werde zu einem
nützlichen Werkzeug, das Gott gebrauchen kann.

Simsons Begräbnis — Vers 31


Seine Geschichte begann mit Eltern, die emporblickten; danach
ging es schnell bergab. Jetzt kommt seine ganze Verwandtschaft
und bringt ihn hinauf in das Grab seines Vaters Manoach. So kann
auch das Ende des Lebens eines Christen aussehen: Trotz vieler
Untreue seinerseits wird er aufgrund der Treue Gottes ins Vater-
haus aufgenommen.

Schlusswort — Vers 31
»Er aber hatte Israel zwanzig Jahre gerichtet.« Mit dieser Mitteilung
endigt die Geschichte Simsons. Wir nehmen von ihm Abschied mit
einer Erinnerung an den Dienst, den er für Gott inmitten seines
Volkes getan hatte. Denn er hat durchaus Gott gedient! Er hat die
Philister geschlagen und während zwanzig Jahren für Ordnung und
Ruhe in Israel gesorgt. Israels Geschichte geht weiter, aber Gott
vergisst nicht, was Simson getan hat. Wir begegnen ihm im weite-
ren Verlauf der Bibel noch einmal, nämlich in Hebräer 11.
Vielleicht überrascht uns das. Gott denkt nicht so wie wir. Sim-
son darf zwischen anderen Glaubenshelden glänzen, inmitten de-
rer er von Gott einen Platz bekommen hat. Von dort aus ruft er uns
zu (gemeinsam mit den anderen, die uns den Weg des Glaubens
vorausgegangen sind und das Endziel bereits erreicht haben), dass
der Weg des Glaubens der Weg des Segens ist. In Kürze werden wir
Simson wirklich sehen, wenn wir beim Herrn Jesus sind. Zusam-
men mit ihm werden wir den Herrn Jesus großmachen und ver-
herrlichen. Er hat Simson (und auch uns) nicht getan nach Simons
(und unserer) Untreue, sondern seine eigenen Pläne der Gnade
und des Segens ausgeführt.
»Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, zu empfangen die Macht
und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Herrlichkeit
und Lobpreis« (Offenbarung 5,12).
271

Teil 3

Die Offenbarung des


verdorbenen Herzens
Kapitel 17 – 21
272
273

3a) Kapitel 17 – 18
Der religiöse Verfall

Kapitel 17

Einleitung
Die letzten fünf Kapitel, 17-21, sind ein separater Teil innerhalb
des Buches Richter. Sie sind keine historische Fortsetzung der vor-
ausgegangenen Kapitel, sondern zeigen etwas vom geistlichen und
gesellschaftlichen Klima innerhalb des Volkes in dem Land, wäh-
rend der ganzen Periode, die das Buch Richter umspannt. In die-
sen Kapiteln werden noch zwei Geschichten beschrieben, die erste
in den Kapiteln 17 und 18, die zweite in den Kapiteln 19-21. In
diesen Abschnitten lesen wir nichts über Richter; auch ist dort nicht
von Unterdrückern die Rede und es wird keine Zeitperiode ange-
geben. Sehr wahrscheinlich haben die Ereignisse, die beschrieben
werden, am Anfang der Richterzeit stattgefunden. Das kann aus
Kapitel 18,20 geschlossen werden, wo von einem Enkel Moses die
Rede ist, während in Kapitel 20,28 der Name des Hohenpriesters
Pinhas genannt wird, eines Enkels von Aaron, der schon während
der Wüstenreise das Erwachsenenalter erreicht hatte. Dies scheint
zu bestätigen, dass sowohl die Ereignisse der Kapitel 17 und 18 als
auch die der Kapitel 19-21 am Anfang der Richterzeit eingeordnet
werden müssen.
Dass sie erst hier beschrieben werden, ist ein Beweis dafür, dass
nicht allein die Weise der Wiedergabe der Ereignisse göttlich inspi-
riert ist, sondern dass auch ihre Einteilung, die Reihenfolge, eben-
so göttlich ist. Was auf den ersten Blick nach Unordnung aussieht,
erweist sich bei näherem Hinsehen als Bestätigung der Vollkom-
menheit des Wortes Gottes. Dass erst hier diese Ereignisse heraus-
gestellt werden, hat den Sinn, uns eine Illustration des moralischen
und religiösen Verfalls zu geben, in dem das Volk Gottes sich wäh-
rend der ganzen Periode befand, die das Buch Richter umfasst.
Abschnitt 3a · Der religiöse Verfall 274

Es ist sogar möglich, dass die Kapitel 17 und 18 von der zeitli-
chen Reihenfolge her nach den Kapiteln 19 – 21 eingeordnet wer-
den müssen. Dass dennoch zuerst die Geschichte von Micha und
dem Stamm Dan beschrieben wird, bestätigt, was ich gerade ge-
schrieben habe. Gott will uns zeigen, dass es eine dramatische Aus-
wirkung auf die Verhältnisse in seinem Volk hat (Kapitel 19 – 21),
wenn er verlassen oder ersetzt wird (Kapitel 17 und 18).
Das Volk wird während der ganzen Periode dieses Buches von
einem Geist des Eigenwillens beherrscht. Weil es keinen hemmen-
den Einfluss gab – »in jenen Tagen war kein König in Israel; jeder tat,
was recht war in seinen Augen« (17,6; 18,1; 19,1; 21,25) – ließ dieser
Geist allerlei Ausschweifungen freien Lauf. Ist es dann ein Wun-
der, dass das Volk immer wieder von Gott abwich und sündigte?
Die letzten fünf Kapitel bilden somit den dunklen Hintergrund,
vor dem alles, was in diesem Buch abspielt, gesehen werden muss.
In der Geschichte von Kapitel 17 und 18 erhalten wir eine Schil-
derung des religiösen Verfalls des Volkes. Kapitel 17 handelt da-
von, wie jemand ein religiöses System zugunsten seiner Familie er-
richtet; Kapitel 18 beschreibt, wie dieses System Eingang bei ei-
nem ganzen Stamm findet. Gott teilt uns alles mit, ohne zu bestra-
fen oder selbst nur sein Missfallen auszudrücken. Die Beurteilung
wird unserem geistlichen Unterscheidungsvermögen überlassen.
Was wir hier antreffen, sind ein von Menschen gemachter Gott,
eine von Menschen organisierte Anbetung und eine von Menschen
eingesetzte Priesterschaft. Es ist eine treffende Beschreibung des-
sen, was wir heute im ritualistischen Christentum um uns her se-
hen.

Micha — Vers 1
Wenn wir in einem fremden Land Urlaub machen und uns ein gu-
tes Bild vom Alltagsleben des Volkes machen wollen, dann werfen
wir am Besten einen Blick in eine normale Familie. Der Geist Got-
tes führt uns hier in eine Familie, die wahrscheinlich durch nichts
Besonderes auffiel. Sie steht beispielhaft für die Mehrzahl der Fa-
milien in Israel. Was wir dort sehen, könnte uns, wenn wir Gottes
Gedanken über das Familienleben außer Betracht lassen, nicht son-
derlich erschüttern. Wir sehen einen Sohn, der zwar Geld von sei-
275 Richter 17,1-2

ner Mutter entwendet, dieses jedoch glücklicherweise wieder zu-


rückgibt. Und wie reagiert die Mutter darauf? Sie segnet ihren Sohn
und heiligt sogar einen Teil für den Herrn. Das alles scheint vom
Herrn gesegnet zu werden, denn sie bekommen in ihrem Hausgot-
tesdienst noch Verstärkung durch einen echten Leviten. Unter die-
sem Blickwinkel könnten wir diese Familie betrachten.
Aber wenn wir diese Familie gegen das Licht der Bibel halten,
sehen die Dinge ganz anders aus. Bevor wir uns daran begeben,
müssen wir uns dessen gut bewusst werden, dass wir dann auch selbst
gegen das Licht der Bibel gehalten werden; andernfalls verfehlen
wir die Lektion, die Gott uns durch diese Geschichte lehren will.
Denn auch »diese Dinge sind als Vorbilder für uns geschehen … und
(sind) geschrieben worden zur Ermahnung für uns« (1. Korinther
10,6.11). In Micha und seiner Mutter wird das Verderben offenbar,
das in einem Haus oder einer Familie vorhanden sein kann. Dort
entsteht die Sünde, die später einem ganzen Stamm anhaften wird.
Sünde verbreitet sich wie Aussatz.
Es beginnt alles irgendwo im Gebirge von Ephraim; dort sind
wir in diesem Buch mehrmals gewesen. Dieses Gebiet hat bei den
Erfolgen Ehuds, Deboras und Gideons (3,27; 4,5; 7,24) eine wich-
tige Rolle gespielt. Der Mann, der dort wohnt, hört auf den schö-
nen Namen Micha, das bedeutet »wer ist dem Herrn gleich«. Lei-
der handelt er nicht entsprechend der Bedeutung seines Namens.
Das ganze Volk Israel sollte ein Micha für die Völker seiner Umge-
bung sein, doch es ist ein Volk mit einem Haus voller Götzen ge-
worden, wie das Haus Michas. In der Christenheit ist es nicht an-
ders. Wie viele schmücken sich mit dem Namen »Christ«, womit
sie sagen, dass sie Christus angehören, während sie ihr Leben nach
ihrem eigenen Gutdünken einrichten?

Micha und seine Mutter — Vers 2


Es scheint, als sei hier von einer Familie mit alleinerziehendem El-
ternteil die Rede, wie wir sie heute so oft antreffen. Der Vater wird
jedenfalls nicht erwähnt. Wenn eine solche kaputte Familie die Folge
von Sünde ist, zum Beispiel bei einer bewusst unverheirateten Mut-
ter oder einer Ehescheidung, so wird sich das, wenn keine Reue
und Bekehrung erfolgen, unwiderruflich im Verhältnis zwischen El-
Abschnitt 3a · Der religiöse Verfall 276

ternteil und Kind niederschlagen. So ist es auch im Haus Michas.


Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn war ganz gewiss nicht
gesund. Der Sohn hatte keinen Respekt vor seiner Mutter und ih-
rem Besitz: Er stiehlt ihr 1100 Silberstücke. Das ist ein Vermögen,
angesichts dessen, was wir in Vers 10 lesen, wo Micha dem Leviten
einen Jahreslohn von zehn Silberstücken bietet. Er gibt ihr dieses
Geld jedoch zurück. Er tut das nicht, weil etwa sein Gewissen aktiv
geworden wäre und er Gewissensbisse und Reue über seine Tat
empfunden hätte. Der einzige Grund ist seine Angst vor dem Fluch,
den seine Mutter über den Dieb ausgesprochen hatte. Aberglaube
gewinnt stets an Macht, wenn die Gottesfurcht schwach ist.
Als er das Geld zurückgibt, lässt seine Mutter keinen einzigen
Tadel hören. Im Gegenteil, sie segnet ihren stehlenden Sohn, der
kein bisschen Reue zeigt. Sie segnet, nicht weil der Sohn Reue äu-
ßerte, sondern weil sie ihr Geld zurück hat. »Aus demselben Mund
geht Segen und Fluch hervor. Dies, meine Brüder, sollte nicht so sein«
(Jakobus 3,10-11). Sie zieht bei ihrem Segen sogar noch den Na-
men des Herrn heran. Das gibt dem Ganzen den Schein, als sei
Gott dies alles wohlgefällig. Das ist ein typisches Beispiel für den
eitlen Gebrauch des Namens des Herrn. Wir sehen, dass in diesem
einen Vers mehrere Abweichungen von Gott zu finden sind. Mit
solchen Verhältnissen in den Familien – es ist auch nicht anders
möglich – wird es mit dem Volk immer schlimmer. Wenn es in den
Familien so aussieht und jeder allein auf seinen eigenen Vorteil aus
ist, bedeutet das den Untergang des ganzen Volkes.

Gegossene und geschnitzte Bilder — Vers 3-4


Die Mutter ist so froh darüber, das Geld zurück zu haben, dass sie
direkt den ganzen Betrag dem Herrn abtritt. Sie will Bilder davon
machen lassen. Somit verbindet sie den Götzendienst mit dem
Dienst des Herrn. Sie scheint damit nicht die geringsten Probleme
zu haben. Dadurch kommt zum Ausdruck, dass sie sich einen Got-
tesdienst nach eigenen Gedanken macht. Sie bezieht auch ihren
Sohn darin ein, der ohne Abstriche mitmacht. Kein einziger Ge-
danke wird verschwendet an Gottes Gebot: »Du sollst dir kein Göt-
terbild machen« (2. Mose 20,4). Ihr Gewissen scheint zu schweigen.
Das Gewissen ist auch kein zuverlässiger Maßstab, um zu erken-
277 Richter 17,2-4

nen, ob man auf dem Weg Gottes ist oder nicht. Vielleicht hätte ihr
Gewissen sie gerade dann angeklagt, wenn sie kein Bild gemacht
hätte. Unser Gewissen kann allein dann gut funktionieren, wenn es
durch das Wort Gottes geformt wird. So gibt es in der römisch-
katholischen Kirche viele, die die Messe besuchen und beichten,
weil sie andernfalls ihr Gewissen belasten. Ihnen wurde eingeimpft,
dass man allein auf diese Weise von Gott akzeptiert wird. In vielen
Fällen ist es dem Satan gelungen, das Gewissen des religiösen Men-
schen auf seine Seite zu ziehen.
Hier ist von einem gegossenen Bild und von einem geschnitzten
Bild die Rede. Beide stehen symbolisch für etwas, was wir kennen.
Ein gegossenes Bild kann leicht vervielfältigt werden. Es ist ein Got-
tesdienst, der in eine bestimmte Form gegossen und überall einge-
führt wird. Es sind die festen Formen in unseren Gebeten und un-
serer Anbetung und diese stehen allem entgegen, was lebendig und
passend ist im Licht der Offenbarung Gottes in seinem Wort. Es ist
die tote Orthodoxie, der Gottesdienst, der allein aus Formen be-
steht, wobei von jedem erwartet wird, diesen Formen Genüge zu
leisten, da man sie tatsächlich leicht erfüllen kann. Sie können
schriftlich fixiert werden und jeder kann sich daran halten. Wer
sich an diese Gebote hält, kann sein Gewissen ruhig stellen und
meinen, dass auch Gott damit zufrieden sei. Man kann sich selbst
und einander daran kontrollieren und abmessen, wie es mit dem
Gottesdienst eines jeden gestellt ist.
Ein geschnitztes Bild ist mehr das Produkt der Aktivität des
menschlichen Geistes. Was er von Gott weiß, arbeitet er auf seine
eigene Weise aus, ohne Rücksicht auf die einzige Offenbarung Got-
tes zu nehmen. Es ist die Ergänzung des Dienstes Gottes nach ei-
gener Idee, auf eine Weise, bei der man sich angenehm fühlt.
In beiden Fällen ist es ein Gottesdienst, der uns nicht alles kos-
tet. Die Mutter gibt nicht alles. Obwohl sie durchaus alles für den
Herrn abgesondert hat (das ist die Bedeutung des Wortes »heili-
gen«), gibt sie nur einen Teil davon. Das ist immer das Merkmal
des Götzendienstes, eines Gebildes nicht aus eigener Hand: Es
kostet uns nicht alles. Der Mann, der brav die Messe oder die Zu-
sammenkünfte der Gläubigen besucht oder anderen religiösen
Pflichten genügt – wobei es nichts ausmacht, ob andere sie ihm auf-
erlegt haben oder ob er sie sich selbst auferlegt hat –, darf in einem
Abschnitt 3a · Der religiöse Verfall 278

solchen System für den Rest des Tages tun und lassen, was er selbst
will.

Michas Gotteshaus — Vers 5


Zur Anfertigung eines Götzen – das ist also eine eigene Vorstel-
lung von Gott, ohne das zu berücksichtigen, was Gott über sich
selbst in der Bibel sagt –, gehört auch eine bestimmte Form des
Gottesdienstes. Das kommt in dem Ephod zum Ausdruck, das Mi-
cha anfertigt.
Ein Ephod ist eigentlich ein Kleidungsstück des Priesters. Zu-
sammen mit dem Ephod macht er ein Teraphim, eine Art Haus-
gott. Wenn Gott ersetzt wird, bleibt es sich völlig gleich, wodurch
er ersetzt wird. Auch weiht er einen seiner Söhne zum Priester. Im
ganzen Handeln Michas zeigt sich seine eigenwillige Verehrung
seiner selbst gemachten Götter. Es ist eine große Vermischung des
wahren Gottesdienstes mit dem Scheingottesdienst, wodurch das
Ganze ein verdorbener Gottesdienst wird. Die Anstellung seines
Sohnes als Priester zeigt, wie weit er von den Vorschriften Gottes
abgewichen war, die besagen, dass allein Söhne aus dem Geschlecht
Aarons Priester sein können.
Genau wie Micha hat auch die römische Kirche ihre eigenen
»Söhne« als Priester angestellt, ohne die geringste Frage nach de-
ren Leben aus Gott. Im Christentum sind nur wiedergeborene
Gläubige Priester, und alle Wiedergeborenen sind gemeinsam ein
heiliges Priestertum (1. Petrus 2,5). Das ist so, weil Gott es in sei-
nem Wort gesagt hat. Da kommt keine menschliche Anstellung in
Frage.

Jeder tat, was recht war in seinen Augen — Vers 6


Wenn das Volk vergisst, dass Gott ihr König ist, entsteht ein Man-
gel an gesunder Autorität. Außerdem herrschte dort eine falsche
Autorität, nämlich die des Gewissens. Nach dem Wort Gottes wur-
de nicht gefragt, um anhand dessen den Willen Gottes zu erken-
nen. Jeder tat, was er selbst für gut und richtig empfand. Wäre ein
König mit einer überlegenen Autorität dagewesen, hätte er das Volk
zum selben Denken gebracht. Sie hatten Gott als solchen verges-
279 Richter 17,4-13

sen; sie hatten ihn sogar verworfen. Wenn unsere Herzen auf den
Herrn Jesus gerichtet sind, werden wir davor bewahrt, das zu tun,
was recht ist in unseren eigenen Augen.

Der Levit aus Betlehem — Vers 7-13


Der allgemein herrschende Geist der Anarchie beseelt auch einen
Leviten aus Bethlehem. Sein Name ist Jonathan. Er ist ein Enkel
Moses (18,30). Bethlehem gehörte nicht zu den 48 Levitenstädten.
Dennoch hielt sich der Mann dort auf. Aber von Ruhelosigkeit ge-
trieben, zieht der Mann weiter. Bethlehem, das »Brothaus« bedeu-
tet, brachte ihm offensichtlich nicht, was er davon erwartet hatte.
Er zieht weg, nicht um den Platz des Herrn zu suchen, sondern
einen Platz für sich selbst. Auf ihn scheint Sprüche 27,8 zutreffend
zu sein: »Wie ein Vogel, der fern von seinem Nest schweift, so ist ein
Mann, der fern von seinem Wohnort schweift.« Er gibt seinen eige-
nen, von Gott gegebenen Wohnort und seine Sicherheit auf, um zu
einem Vagabunden zu werden. In seinem Leben ist keine Spur der
Abhängigkeit vom Herrn zu sehen.
Dass auch der Levit tut, »was gut ist in seinen Augen«, wird vor
allem daran deutlich, dass er sich zum Priester anstellen lässt. Auf-
gabe eines Leviten ist die der Hilfe für den Priester beim Darbrin-
gen der Opfer. Ein Levit kann kein Priester sein und darf nicht
opfern. Aber daran stört unser Levit sich nicht. Als er bei seinem
Streifzug schließlich bei Micha landet und dieser ihm einen Ver-
trag für eine Arbeitsstelle anbietet, die sehr gut zu ihm passt und
gute Arbeitsbedingungen verspricht, zögert er keinen Augenblick.
Vielleicht hat er sogar gedacht, der Herr habe seinen Weg gelingen
lassen. Das Einzige, das er tun muss, ist die gute Erfüllung der Pflich-
ten bei Michas Gottesdienst. Micha ist dann diese Sorge los, wäh-
rend er sich außerdem glücklich schätzt, dass er jetzt einen echten
Leviten als Privatpriester hat. Er meint, er habe sich damit den Segen
des Herrn versichert. Micha nimmt ihn in den Dienst, stellt ihn
sogar an und bezahlt ihn. So wird der Levit ein Geistlicher. Da-
durch gibt Micha seinem Götzendienst einen sehr religiösen An-
schein und einen sehr religiösen Charakter. Der Levit nimmt die
Sorge für die gottesdienstlichen Dinge auf sich, sodass Micha da-
von frei ist. Er zahlt ihm ein Jahresgehalt, mit dem er den Leviten
Abschnitt 3a · Der religiöse Verfall 280

für eine lange Zeit verpflichtet und sich somit für diese Zeit selber
nicht um geistliche Dinge zu kümmern braucht. Ein echter Levit
wird zu einem falschen Priester.
Im Protestantismus hat man auch einen Leviten zum Priester
gemacht, nämlich jemanden, der gegen Bezahlung gottesdienstli-
che Handlungen zum Nutzen anderer verrichtet. Der Levit wird
ein Mietling und so entsteht eine Geistlichkeit, der Klerikalismus.
Der Dienst von und für Gott wird hier auf etwas reduziert, wofür
es eine kommerzielle Basis gibt.
Die Bibel sagt eindeutig nichts über eine derartige Position, wenn-
gleich wir die aufrichtigen und edlen Motive nicht in Frage stellen
wollen, mit denen jemand meint, eine offizielle geistliche Position
bekleiden zu müssen. Die Bibel sagt nirgends, dass gottesdienstli-
che Handlungen gegen Bezahlung verrichtet werden sollten und
der Zahlende damit von seinen Verpflichtungen Gott gegenüber
befreit wäre. Kein Mensch kann einen Platz zwischen Gott und sei-
nen Kindern einnehmen. Es gibt nur einen »Mittler zwischen Gott
und Menschen, den Mensch Christus Jesus, der sich selbst als Löse-
geld für alle gab« (1. Timotheus 2,5). Der Herr Jesus ist es, durch
den die Gläubigen sich »Gott nahen, weil er immer lebt, um sich für
sie zu verwenden« (Hebräer 7,25).

Kapitel 18

Einleitung
Was im vorigen Kapitel beim Leviten gefunden wurde, werden wir
in diesem Kapitel bei einem ganzen Stamm sehen. Der Levit war
auf gut Glück auf der Suche nach einem Platz, wo er hingehen konn-
te, ohne sich zu fragen, was der Herr wollte. Ebenso wie die ande-
ren Stämme hatte der Stamm Dan ein Erbteil zugewiesen bekom-
men, dieses jedoch aufgrund von Untreue nicht in Besitz genom-
men. Jetzt sind auch sie auf gut Glück auf der Suche nach einem
Platz, an dem sie sich niederlassen können. In diesem Kapitel tref-
fen sie einander. Die Sünde des Einzelnen wird zur Sünde eines
ganzen Stammes.
281 Richter 17,13 – 18,4

Auf der Suche nach einem Erbteil — Vers 1


Der Stamm Dan hatte bei der Eroberung des Landes bewiesen,
dass er der Schwächste ist. Wir haben das in Kapitel 1,34 gesehen.
Es mangelte ihm an Kraft, um das zugewiesene Erbteil in Besitz zu
nehmen. Wenn es keinen Aufblick zu Gott und kein aufmerksames
Ohr für seine Anweisungen gibt, ist Ungehorsam und Eigenwille
die Folge. Das ist bezeichnend für den Mangel an Kraft. Gott hatte
in Josua 19,40-46 eine klar umrissene Beschreibung des Gebietes
gegeben, das er für die Daniter reserviert hatte. Sie liefen dem Feind
jedoch davon und ließen ihn auf dem ihnen zugewiesenen Erbteil
wohnen. Jetzt begeben sie sich auf die Suche nach einer leichteren
Beute. Die Kundschafter, die ausgesandt werden, kommen aus dem
selben Gebiet, wo auch Simson aufwuchs (13,25). Das Aussenden
von Kundschaftern erinnert an Moses Auftrag in 4. Mose 13,2. Aus
5. Mose 1,22 wird deutlich, dass dieses Aussenden auf die Bitte des
Volkes hin geschah. Es ist kein Beweis für ein einfältiges Vertrauen
auf das, was der Herr gesagt hatte. Warum mussten denn Kund-
schafter ausgesandt werden, wenn Gott doch Zusagen gemacht hat-
te?
Beim Stamm Dan geschieht alles aus eigener Überlegung her-
aus. Glaube ist nirgends zu entdecken. Aber wie steht es mit uns?
Gott hat auch uns ein Erbteil gegeben. Was tun wir damit? Wenn
wir das nicht in Besitz nehmen, werden wir uns auf irgendetwas
anderes richten. Der Stamm Dan ist ein Bild des Volks Gottes, das
einen Platz auf der Erde sucht, weil die Inbesitznahme des himmli-
schen Erbteils zu viel von ihnen verlangt. Wenn wir den Entschluss
Gottes, den er für uns getroffen hat, ablehnen, begeben wir uns
selber auf die Suche, aber dann sind wir nicht auf dem Weg Gottes.
Wir landen schließlich beim Haus und Gottesdienst Michas. Der
weitere Verlauf verdeutlicht, dass die Einstellung der Daniter naht-
los an den Gottesdienst Michas anknüpft.

Frage und Antwort — Vers 3-4


Als die Daniter zum Haus Michas kommen, fällt der Levit durch
seine Mundart auf. Er gehört hier offensichtlich nicht hin. Um ihre
Neugier zu befriedigen, stellen sie ihm einige Fragen. Diese Fra-
Abschnitt 3a · Der religiöse Verfall 282

gen hätten dem Leviten die Augen öffnen können für das Verkehr-
te, das er getan hatte, und für die falsche Stellung, in der er sich
befand.
Auf Frage eins hätte die ehrliche Antwort lauten müssen, dass
sein eigener Wille ihn hierhin gebracht hatte. Doch diese Frage
wird nicht beantwortet. Die beiden anderen Fragen werden ohne
weiteres richtig beantwortet. Er übt die Priesterschaft für Micha
aus, der ihm dafür Geld gibt und ihm auch weitere Vorteile zuge-
steht (siehe 17,10). Der Levit war ein von Menschen in Dienst ge-
nommener Priester und musste somit tun, was Micha von ihm er-
wartete.
Dieses Phänomen kennen wir heute auch. In 2 Timotheus 4,3
heißt es, dass eine Zeit sein wird, da die Menschen »die gesunde
Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren eigenen Begierden sich selbst
Lehrer aufhäufen werden, weil es ihnen in den Ohren kitzelt«. In die-
ser Zeit leben wir. Menschen suchen für die Ausübung ihres Got-
tesdienstes nach Menschen, die sich schön und gewandt ausdrü-
cken können, wenn sie nur das Gewissen außer Schussweite lassen.
Sie müssen über die angenehmen Dinge des Lebens sprechen. Sie
dürfen dabei wohl die Bibel zitieren, sofern sie diese auf eine ange-
nehme Weise auslegen. Nichts Verurteilendes darf gesagt werden,
sonst wählen sie einen anderen Prediger. Die Normen und Werte,
wie sie von Gott in der Bibel gegeben sind, dürfen nicht deutlich in
den Vordergrund treten.
Dadurch gibt die Christenheit heute kein anderes Bild ab als die
Zeit, die wir im Buch Richter vor uns haben. Die Einführung einer
geistlichen Klasse unter den Christen hat bereits sehr früh begon-
nen. Dabei wurde aus dem Auge verloren, dass nicht Menschen
jemanden zu einem bestimmten Dienst anstellen können, sondern
dass der Herr Jesus selber seinem »Leib«, das heißt der Gemeinde,
Gaben gegeben hat. In Epheser 4,11 steht: »Und er hat … gegeben«.
In 1. Korinther 12,18 lesen wir: »Nun aber hat Gott die Glieder be-
stimmt, jedes einzelne von ihnen am Leib, wie er wollte.« Dabei ist
keine Rede von Verhandlungen über Arbeitsbedingungen, wie dies
bei der Geistlichkeit unserer Tage wohl geschieht.
Die Gaben sind nicht für eine einzelne Gruppe, sondern für die
ganze Gemeinde. Keine Gruppe kann eine Gabe für sich selbst be-
anspruchen. Durch das eigenmächtige Handeln des Menschen wird
283 Richter 18,4-7

das geleugnet und beiseite geschoben. Jede Gruppe hat so ihre ei-
genen prominenten Führer. Auch was dies betrifft, gibt es nichts
Neues unter der Sonne. In der Gemeinde in Korinth wurde dieses
Übel bereits gefunden. Der Apostel Paulus packt diese Sache in
seinem Brief an die dortige Gemeinde bereits direkt im ersten Ka-
pitel an (siehe 1. Korinther 1,10-13).

Noch einmal Frage und Antwort — Vers 5-6


Offensichtlich von den Antworten des Leviten überzeugt, sehen die
Daniter in ihm jemanden, durch den sie nach dem Willen Gottes
fragen können. Gott wird zwar darin einbezogen, aber nur, um als
eine Art Stempel der Billigung ihrer Handlungsweise zu dienen.
Sie erkundigen sich bei jemandem, der selbst von Gott abgewichen
ist, nach dem Weg Gottes. Dadurch verrät der Stamm Dan seinen
eigenen geistlichen Zustand. Sie fragen sich nicht, ob die Stellung,
die der Levit einnimmt, überhaupt ein Existenzrecht vor Gott hat.
Er gibt sich als ein Geistlicher aus, bekleidet diese Position bei
Micha, und somit ist er für die Daniter akzeptabel. Sie bekommen
die Antwort, die sie gern hören wollen. Sie schmeicheln ihm, in-
dem sie ihn in seiner Position anerkennen. Er schmeichelt ihnen,
indem er ihnen die Antwort gibt, die sie gern hören wollen. Er
braucht über diese Antwort keine Sekunde nachzudenken. Kein
einziger Hinweis findet sich, dass er Gott dabei wirklich mit einbe-
zieht. Er sagt ihnen, dass sie in Frieden gehen können, womit er
meint, sie sollen über ihre Feinde triumphieren.

Ein erfolgreicher Zug — Vers 7


Was der Levit vorausgesagt hat, trifft ein. Sie kommen in einem
Gebiet an, das all ihren Wünschen nach Bequemlichkeit und ihrem
Egoismus entspricht. Das Volk, das dort wohnt, lebt zurückgezo-
gen, kümmert sich um nichts und hat mit niemandem etwas zu tun.
Es ist ein Volk, das gesetzlos lebte: »(Es gab) niemanden, der die
Herrschaft besessen hätte« (UElb). Sie sind niemandem Verantwor-
tung schuldig. Bei Gesetzlosigkeit brauchen wir nicht nur an aller-
lei Gräueltaten zu denken. Gesetzlosigkeit ist: Leben ungeachtet
der eingesetzten Autorität. Für jeden Menschen ist das in jedem
Abschnitt 3a · Der religiöse Verfall 284

Fall die Autorität Gottes. Wir können sagen, dass wir in 1. Johan-
nes 3,4 eine richtige Definition der Sünde haben: »Jeder, der die
Sünde tut, tut auch die Gesetzlosigkeit, und die Sünde ist die Gesetzlo-
sigkeit.«
Das Volk, das die Daniter dort entdeckt haben, ist kein Volk von
solchen, die wir als große Sünder bezeichnen würden. Sie leben
anständig und friedlich. Das zeigt sich auch darin, dass sie »nach
Art der Sidonier« lebten. Wofür die Sidonier stehen, habe ich bei
der Betrachtung von Kapitel 3,3 ausgelegt. Dort sahen wir, dass die
Sidonier von Geldsucht gekennzeichnet sind. Sie haben einen un-
ersättlichen Hunger nach Geld. Auf diese Weise lebte das Volk,
das die Daniter hier antreffen. Wir können sie mit Menschen ver-
gleichen, die hart arbeiten und enthaltsam leben, allerdings nur,
um Geld zu sparen. Sie zählen gleichsam jeden Tag ihr Geld und
stellen mit Genugtuung fest, dass es wieder etwas mehr ist als am
Tag zuvor. Der Besitz des Geldes ist ihnen alles. Etwas davon weg-
zugeben, ist der schlimmste Gedanke überhaupt. Sie leben für sich
selbst und wollen mit niemandem etwas zu tun haben; das wäre nur
lästig, weil es Geld kosten kann. Diesen Ort und diese Stellung
wollen die Daniter übernehmen.
Das Gebiet erscheint ihnen wohl als etwas Gutes. Die Entde-
ckung dieses Gebiets scheint eine bestätigende Antwort auf ihre
durch den Leviten an Gott gerichtete Frage zu sein.
Hierin liegt für uns die Belehrung, dass eine Antwort, wie wir sie
gern haben wollten, nicht immer bedeutet, dass wir auf dem Weg
des Herrn sind. Wichtig ist, in welcher Gesinnung wir gebeten ha-
ben. Manchmal lässt Gott zu, dass wir bekommen, worum wir bit-
ten, weil er sieht, dass wir in unserem eigenen Willen fest entschlos-
sen sind. So etwas verursacht immer geistlichen Schaden, wie es in
Psalm 106,15 steht: »Da gab er ihnen ihr Begehr, aber er sandte Ma-
gerkeit in ihre Seelen« (UElb). Das Fragen nach dem Willen Gottes
erfordert Aufrichtigkeit im Blick auf ihn und das Bewusstsein, dass
er wirklich weiß, was das Beste ist. Paulus ermutigt uns in Philipper
4,6: »Seid um nichts besorgt, sondern in allem sollen durch Gebet und
Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden.« Er sagt
nicht dazu, dass wir auch bekommen würden, worum wir gebeten
haben, sondern: »… und der Friede Gottes, der allen Verstand über-
steigt, wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Christus Je-
285 Richter 18,7-21

sus« (Vers 7). Indem wir alles dem Herrn bringen und uns ihm an-
vertrauen, erhalten wir Ruhe und Frieden in unserem Herzen. Vom
Erleiden geistlicher Armut ist dann keine Rede.

Der Bericht der Kundschafter — Vers 8-10


Die Stammesgenossen waren sehr gespannt auf die Beobachtun-
gen der Kundschafter. Diese erstatten einen enthusiastischen Be-
richt und drängen auf sofortiges Handeln. Was sie gesehen haben,
übertrifft die kühnsten Erwartungen. In ihrer begeisterten Geschich-
te ist sogar für Gott noch Platz. Auch hier wird Gott »herangezo-
gen«, um ihrem Bericht seinen Stempel der Billigung aufzudrücken.
Niemand fragt sich, ob dies das Land ist, das Gott ihnen zugedacht
hat. Machen nicht alle Umstände deutlich, dass Gott dieses Land
in ihre Hand gegeben hat? Mit denselben Augen und derselben
Einstellung blickte Lot einst auf die Region von Sodom und Go-
morra. Diese sah aus »wie der Garten des HERRN« (1. Mose 13,10).
Ein Juwel von einem Wohnort. Lot fragte sich nicht, was der Herr
wollte, er folgte mit seinem Herzen dem, was seine Augen sahen.
Vom Unheil, das dadurch über ihn und seine Familie kam, lesen
wir in 1. Mose 19. Die Daniter hatten dieselbe Gesinnung wie Lot.

Die Beförderung von Michas Priester — Vers 11-21


Dem Aufruf der Kundschafter wird Gehör geschenkt. Ein Heer
von 600 Mann macht sich auf den Weg, um »das verheißene Land«
in Besitz zu nehmen. Über Kirjat-Jearim kommen sie zum Haus
von Micha. Dann folgt eine auffallend detaillierte und lebendige
Beschreibung der Weise, wie der Levit Michas vom Stamm Dan
vereinnahmt wird. Die fünf Männer der ersten Mission führen die
600 an. Fünf ist die Zahl der Verantwortlichkeit. So wie sie für ihre
Empfehlung des neuen Wohngebiets des Stammes verantwortlich
waren, so sind sie es jetzt auch für den Verlauf dieser Expedition.
Sie ergreifen das Wort und die Initiative. Bevor sie das betreffende
Gebiet in Besitz nehmen wollten, hatten sie offensichtlich den Plan
gefasst, den Leviten als Stammpriester anzuwerben. Dieser hatte
ihnen zum Schluss einen sehr günstigen »Ausspruch Gottes« mit-
geteilt, der noch dazu eingetroffen war. Einen solchen Mann konn-
Abschnitt 3a · Der religiöse Verfall 286

ten sie in ihrem Stamm bestens gebrauchen. Sie erzählen ihren


Stammesgenossen auch von ihrer anderen Entdeckung: die Göt-
zenbilder in den Häusern von Micha. Sie brauchen nicht zu erklä-
ren, was sie meinen. Ihre Stammesgenossen haben dieselbe geistli-
che Einstellung wie sie.
Als sie bei dem Haus angekommen sind, gehen die fünf Männer
zuerst hinein, während die anderen beim Eingang des Tores war-
ten. Die fünf nehmen die Götzen weg. Als der Priester das sieht,
beschwert er sich, aber das beeindruckt überhaupt nicht. Eine ei-
genmächtige Priesterschaft stellt nichts dar. Sie dient allein zur Be-
friedigung religiöser Gefühle. Darauf ist der Stamm aus. Deshalb
wird der Leviten ohne Pardon zum Schweigen gebracht und sie un-
terbreiten ihm einen verlockenden Vorschlag. Seine Stimmung ver-
ändert sich sofort, als er hört, was ihm in Aussicht gestellt wird.
Dieser Vorschlag bedeutet eine bedeutsame Positionsverbesserung
und einen größeren Kreis, innerhalb dessen er seinen Einfluss gel-
tend machen kann. Das Ganze ist so anziehend, dass er nicht ein-
mal mehr über seine Verpflichtungen gegenüber Micha nachdenkt.
Er packt seine Siebensachen und geht mit. Der Gedanke, nach dem
Willen Gottes zu fragen, kommt bei ihm überhaupt nicht auf.
Diese Dinge sind uns in ihrer Art nicht fremd. Auch wenn wir
nicht danach gefragt werden, wir sind alle für eine Beförderung in
geistlichen Dingen empfindlich. Stellen wir uns vor, wir dürften zwi-
schen zwei Gelegenheiten, etwas über den Herrn Jesus zu erzäh-
len, auswählen. Bei der einen Gelegenheit können wir ein paar
hundert Menschen erwarten, aber bei der anderen Gelegenheit
werden wir froh sein können, wenn zwanzig kommen. Welche Ge-
legenheit würden wir wahrnehmen? Am liebsten doch den Ort, wo
wir Hunderten von Menschen etwas über den Herrn Jesus erzäh-
len könnten! Wir wollen einmal annehmen, dass wir zuerst mit dem
Herrn darüber sprechen. Er macht durchaus deutlich, wohin wir
gehen sollen. Es geht hier darum, dass wir von Natur aus dazu nei-
gen, auf das zu sehen, was vor Augen ist. Da müssen wir ehrlich
sein. Was der Levit tut, steckt uns allen im Blut. Das Einzige, das
uns vor solchen menschlichen und fleischlichen Motiven bewahren
kann, ist ein aufrichtiges Fragen nach dem Willen Gottes. Verlie-
ren wir auch die Gefahr des finanziellen Aspekts nicht aus dem
Auge. Die Verführung, dass wir uns dadurch leiten lassen, ist min-
287 Richter 18,21-26

destens so groß wie der Umfang des Gehörs. Wo ein geistlicher


Dienst gut belohnt wird, geht man lieber hin als dorthin, wo man
nicht so sehr mit dem Geldbeutel klingelt. Jeder, der einen Dienst
für den Herrn tun darf, muss diese Gefahren berücksichtigen. Das
können wir von den Verhandlungen zwischen den Danitern und
dem Leviten lernen. Unser einziges Motiv muss es sein, ihm zu die-
nen. Alles andere können wir dann ihm überlassen.

Michas Protest — Vers 22-26


Dann entdeckt Micha, dass seine Hausgötzen und sein Priester ver-
schwunden sind. Er trommelt seine Männer zusammen und beginnt
die Verfolgungsjagd. Nachdem sie die Daniter eingeholt haben, folgt
das traurige Zeugnis Michas. Jetzt, wo sein Götze und sein Priester
weg sind, hat er nichts mehr. Er fühlt sich aller geistlichen Stützen
beraubt. Weil es für ihn leicht auszurechnen ist, dass er es mit sei-
nem kleinen Heer nie gegen die Daniter aufnehmen kann, geht er
wie ein geschlagener Hund nach Hause. Der Gedanke, nach dem
wahren Gott zu fragen, liegt ihm offensichtlich fern. So groß ist der
geistliche Verfall im Volk Israel.
Die Daniter sind jedoch um nichts besser. Ohne einen Funken
Mitleid herrschen sie den armen Micha an, obwohl er einer ihrer
Volksgenossen war. Wenn der wahre Gott nicht mehr seinen zu-
sammenbindenden Platz inmitten seines Volkes hat, ist es um die
Einheit des Volkes geschehen. Dann ist auch kein Respekt fürein-
ander mehr da. Die folgenden Kapitel werden das zur Genüge be-
weisen. Micha war kein Mann des Glaubens; er stützte sich auf äu-
ßerliche Dinge. Der Halt seines Lebens lag in dem verankert, was
greifbar war. Als ihm das genommen war, wurde er steuerlos.
Wie viele Christen haben nicht unbewusst auf die Sicherheiten
vertraut, mit denen sie sich selbst umgeben haben? Für uns ist ein
Götze etwas, das uns von Gott loslöst, das uns in unserem Auftre-
ten Unabhängigkeit von ihm verschafft. Wer im Straßenverkehr al-
lein auf seine Fahrkunst vertraut und nicht auf die Bewahrung Got-
tes, hat diese Fähigkeit zu einem Götzen gemacht. Das ist es, was
er bewundert, ohne Gott darin einzubeziehen, der ihm diese Fä-
higkeit gegeben hat. Wer bei Rückschlägen allein mit seinen Versi-
cherungsverträgen rechnet und nicht Gottes Hand in diesen Rück-
Abschnitt 3a · Der religiöse Verfall 288

schlägen sieht, hat seinen Versicherungen den Status eines Götzen


gegeben. Ein Mann des Glaubens kann durchaus bestimmte äu-
ßerliche Dinge besitzen, aber sein Glaube stützt sich nicht darauf.
Entscheidend ist, wie es mit seinem Herzen in Bezug auf Gott be-
stellt ist; in dieser Gesinnung betrachtet er dann auch allerlei äu-
ßere Dinge. Dies fehlte bei Micha.
Was Micha hier tut und sagt, erinnert an das, was sein Vorfahr
Abraham einst tat, aber dann jedoch im größtmöglichen Gegen-
satz zu Micha. In 1. Mose 14,10-16 läuft Abraham auch mit einem
kleinen Heer von 318 Mann einem großen Heer hinterher. Das
macht er jedoch nicht, um Götzen zurückzuholen, sondern um sei-
nen abgewichenen Bruder Lot zu befreien. Er verhandelt nicht,
sondern besiegt die vereinten Streitmächte von genau fünf Köni-
gen und befreit seinen Neffen Lot. Abraham heißt nicht umsonst
der Vater der Gläubigen. In ihm sehen wir ein glänzendes Vorbild
dessen, wie der Glaube an Gott wirkt. Von ihm können wir lernen,
wie es sein soll; von Micha hingegen, wie es nicht sein soll.

Die Eroberung von Lajisch — Vers 27-31


Die Götzen und der Priester werden von den Danitern als eine Art
Maskottchen mitgenommen. Das soll unumstößlich für Erfolg beim
Auftrag sorgen, in dem sie unterwegs sind. Und so geschieht es
auch. Lajisch bietet keinen Widerstand. Durch ihre abgesonderte
Lage war auch niemand in der Nähe, um eventuell ein Notsignal
aufzunehmen und ihnen zu Hilfe zu kommen. Gott gebraucht den
Stamm Dan, um sie für ihre egoistische, selbstsüchtige Lebenswei-
se zu richten. Dass der Stamm Dan selbst auch zu verurteilen ist,
verhindert nicht, dass Gott ihn gebrauchen kann, um andere zu
bestrafen. Mehrere Geschichten in diesem Buch sind ein Beweis
dafür. Alle Völker, die von Gott dazu gebraucht werden, sein Volk
für seine Untreue zu richten, sind Völker, die selbst gerichtet wer-
den mussten. Das ist auch geschehen, bzw. soll noch geschehen.
Die Stadt, die anstelle von Lajisch gebaut wird, wird Dan ge-
nannt. Diese Stadt Dan wird zum sprichwörtlichen Norden von Is-
rael, das sich nun zwischen »Dan und Beerscheba« (siehe z. B. Rich-
ter 20,1; 1. Samuel 3,20; 2. Samuel 3,10) erstreckte.
Der Levit Jonathan scheint ein Enkel Moses zu sein. Es ist gera-
289 Richter 18,26-31

dezu schockierend, feststellen zu müssen, dass jemand aus Moses


Nachkommenschaft – und das schon so bald – dem Götzendienst
innerhalb eines israelitischen Stammes offiziell ein Existenzrecht
gibt. Dies ist wiederum ein Beweis dafür, dass Gottesfurcht nicht
vererbbar und dass Gnade kein Erbgut ist. Sowohl die Geschichte
Israels als auch die der Christenheit liefern bittere Beispiele dafür.
Die Geschichte Michas, des Leviten und des Stammes Dan en-
det mit der Erwähnung der beiden religiösen Systeme, die neben-
einander bestanden: der von Menschen ausgedachte Gottesdienst
und der Ort, wo Gott in jener Zeit sein Haus hatte, Silo. In den
Augen der Menschen konnten diese beiden vielleicht durchaus ne-
beneinander bestehen; in den Augen Gottes war das unmöglich.
Der Dienst in Silo sollte ein Ende finden. Das geschieht, als Hofni
und Pinhas, zwei gottlose Priester, die Bundeslade als »Maskott-
chen« mitnehmen und diese von den Philistern erbeutet wird (1. Sa-
muel 4). Aber solange das Zelt der Zusammenkunft noch dort steht,
ist für Menschen wie die gottesfürchtige Hanna in Silo noch eine
Begegnung mit Gott möglich (1. Samuel 1).
290
291

3b) Kapitel 19 – 21
Der moralische Verfall

Kapitel 19

Einleitung
Wie schon angemerkt, bilden auch die Kapitel 19-21 ein Ganzes. Sie
berichten uns von einem zusammenhängenden Geschehnis und die
Ergebnisse davon decken den moralischen Zustand des Volkes auf.
Gott beschönigt niemals den Zustand der Seinen, nicht bei dem
Einzelnen und nicht beim Volk als Ganzem. Peinlich detailliert wird
ein Geschehnis beschrieben, das seinesgleichen unter dem Volk Got-
tes nicht kennt. Es kann schockierend sein, so etwas zu lesen, aber
es muss gelesen werden. Gott hat dies nicht umsonst in sein Wort
aufgenommen. Jeder von uns muss sich bewusst werden, dass es
ein Geschehen ist, zu dem jeder von uns kommen kann. Wer meint,
dass er zu so etwas nicht fähig sei, kennt sich selbst noch sehr
schlecht. Darüber hinaus ist es gut und heilsam zu wissen, dass Gott
auch die allerschlechtesten Züge in uns kennt.
Der Herr Jesus hat auch das für all die Seinen tragen wollen. Er
kennt wie kein anderer die verborgenen Tiefen des menschlichen
Herzens und das, was sich offenbaren kann, wenn die Gelegenheit
sich bietet oder die Umstände sich dazu neigen. Er wusste, was es
bedeutet, damit in die Gegenwart Gottes kommen zu müssen. Dar-
um wurde in Gethsemane sein Schweiß wie große Blutstropfen. Dort
hatte er ein Vorgefühl des Leidens, das er auf dem Kreuz erfuhr,
als er zur Sünde gemacht wurde und Gottes Zorn ihn der Sünde
wegen traf.
Wo die Verbindung mit Gott abgebrochen wird (wir haben das
in den Kapiteln 17 und 18 gesehen), zerfällt auch die Einheit des
Volkes und es ist keine Rede mehr von gemeinschaftlichem Hin-
aufziehen in Liebe und Frieden. Nachdem die erste Tafel des Ge-
setzes zerbrochen worden ist, die die Verbindung zwischen dem
Abschnitt 3b · Der moralische Verfall 292

Volk und Gott regelt, wird jetzt die zweite Tafel zerbrochen, die die
Verhältnisse im Volk untereinander regelt. Der Bruch mit Gott sorgt
dafür, dass auch jede andere Verbindung zerbrochen wird.
Wir können die folgende Unterteilung vornehmen:

a. Kapitel 19: die Beschreibung der Sünde;


b. Kapitel 20: der Umgang des Volkes mit dieser Sünde;
c. Kapitel 21: das Ergebnis dieses Umgangs.

Keine Autorität mehr in Israel — Vers 1


Der erste Vers sagt schon direkt, in was für einer Zeit sich die Ge-
schichte abspielt, die sich vor unseren Augen vollzieht. Hier ist wie-
dergegeben, wie es möglich war, dass es zu dieser Gräueltat kom-
men konnte, die Gottes Geist so ausführlich mit ihren ganzen elen-
den Folgeerscheinungen beschreibt. Es gab keine anerkannte Au-
torität, der man sich zu unterwerfen hatte. Jeder war sein eigenes
Gesetz. Das bereitet einen fruchtbaren Boden für die gräulichsten
Ausschweifungen des bösen Herzens des Menschen, der Gott den
Rücken zugekehrt hat. Trifft das dann auch noch auf jemanden zu,
der zwar äußerlich mit Gott in Verbindung steht, aber in seinem
Leben die Autorität Gottes ignoriert und Gott sogar beiseite ge-
schoben hat, dann ist der tiefste Fall nahe.
War beim Leviten aus dem vorigen Kapitel noch eine gewisse
Erkenntnis Gottes vorhanden, ist bei dem Leviten, von dem wir hier
lesen, nichts mehr von Gott zu finden. Gott scheint für ihn nicht zu
existieren. Hier wird der Ausspruch bestätigt, dass das Verderben
des Besten das schlimmste Verderben ist. Wir bekommen es mit
Dingen unter dem Volk Gottes zu tun, worüber man sogar in der
Welt mit Beschämung spricht (vergleiche 1. Korinther 5,1).

Die Untreue der Nebenfrau — Vers 2


Wenn wir sehen, wie der Levit mit seiner Nebenfrau umgeht, wird
sie sich bei ihm anscheinend nicht sehr wohl gefühlt haben. Nicht
die geringste Spur von Zuneigung ist zu entdecken. Das zeigt sich
auch in der Tatsache, dass er erst nach vier vollen Monaten dazu
kommt, sich einmal auf die Suche nach ihr zu machen. Das ent-
293 Richter 19,1-10

schuldigt die Frau natürlich nicht. Dass sie mit ihrem Mann keine
Erfüllung finden kann, ist für sie kein Freibrief, um mit einem an-
deren Mann ins Bett zu gehen. Das Verhalten der Frau stellt ei-
gentlich das dar, was der Levit selbst war: untreu in seinem Ver-
hältnis zu Gott.

Wiedervereinigung und Aufbruch — Vers 3-10


Es dauert vier Monate, bevor der Mann beschließt, sich auf die
Suche nach seiner Frau zu machen, denn er will sie doch zurück
haben. Es ist möglich, dass er sie nur um der Schmach willen zu-
rück haben will, die er erleidet, wenn er immer wieder gefragt wird
und Rede und Antwort stehen muss, wo seine Frau geblieben ist.
Er wird versuchen, seine Frau zu überreden, mit ihm mitzukom-
men, indem er »auf ihr Gemüt einwirken« wird. Das ist die buch-
stäbliche Bedeutung des Ausdrucks »um zu ihrem Herzen zu reden«.
Nirgends wird deutlich, dass er etwa versucht, seine Frau von ihrer
Untreue zu überführen und sie zu einem Bekenntnis zu bringen.
Auch zeigt sich in der Geschichte nirgends, dass seine Frau einwil-
ligt, mit ihm mitzugehen. Wir lesen kein einziges Wort von ihr. Ihr
Ehebruch und ihr gräuliches Ende zeugen davon, wie ihr Leben
war. In der Unterhaltung des Mannes mit ihrem Vater hat sie kei-
nen Platz. Das können wir aus den Versen 6 und 8 schließen, wo
von »beiden miteinander« die Rede ist, womit in beiden Fällen der
Mann und der Vater gemeint sind.
In dieser Unterhaltung gibt der Mann sich als Lebensgenießer
zu erkennen, der auf fleischliche Bequemlichkeit erpicht ist. Er ist
leicht zu überreden, ein Mann ohne Rückgrat, dessen Leben von
Essen und Trinken (Vers 4) und Fröhlichkeit (Vers 6) bestimmt wird.
Als er beim Anbruch des vierten Tages aufbrechen will, weiß sein
Schwiegervater ihn so mit Essen und Trinken an der Leine zu hal-
ten, dass er noch den ganzen Tag bleibt. Er überredet ihn sogar,
noch weiter zu übernachten und fröhlich zu sein. Dieses »Fröh-
lichsein« bezieht sich wieder auf Essen und Trinken. Sein fröhli-
ches Leben geht also Tag und Nacht weiter. So wird das Leben zu
einem großen »Fest«. Der Schwiegervater schafft es, den Leviten
noch einen fünften Tag mit Essen und Trinken festzuhalten. Erst
am Abend des fünften Tages macht er sich auf den Weg. Diesmal
Abschnitt 3b · Der moralische Verfall 294

lässt er sich nicht mehr überreden. Doch der Zeitpunkt seines Auf-
bruchs verspricht gewiss keine erfolgreiche Reise. Die Verspätung,
die er sich erlaubt hat, soll ihm zum Verhängnis werden.
Als allgemeine Lektion können wir daraus lernen, dass es nicht
nur gut ist, zu wissen, dass wir irgendwo hin müssen, sondern dass
wir auch wissen, wann wir gehen müssen. Bei diesem Leviten sehen
wir ausschließlich ein Handeln nach der Situation des Augenblicks
und nach der Eingebung seines eigenen Herzens. Es war ja die Zeit,
in der jeder tat, »was recht war in seinen Augen«. Diese Menschen
werden durch das charakterisiert, was wir in Römer 3,18 lesen: »Es
ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen.« Der Levit meint, jetzt sei
die Zeit reif, um zu gehen, ohne sich zu fragen, ob der Zeitpunkt
wohl richtig gewählt ist.

Die Übernachtung: Jebus oder Gibea — Vers 10-14


Nachdem sie ein kleines Stückchen gereist sind, wird es Zeit, um
einen Ort zu suchen, wo sie übernachten konnten (es war ja schon
gegen Abend, als sie aufbrachen). Jebus kommt in Sicht. Der Knecht
macht den Vorschlag, dorthin zu gehen. Aber das kommt für den
Leviten nicht in Frage. Was sind die Einwände gegen Jebus? Er
nennt es »eine Stadt von Fremden, die nicht von den Söhnen Israel
sind«. Das ist das, was man einen krassen Fall von Pharisäismus
nennt. Pharisäer sind Leute, zu denen der Herr Jesus in Matthäus
23,25 sagt: »Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn
ihr reinigt das Äußere des Bechers und der Schüssel, inwendig aber
sind sie voller Raub und Unenthaltsamkeit.« Der Levit will offen-
sichtlich äußerlich keine Verbindung mit dem Verkehrten haben,
aber innerlich ist er selbst voller Unreinheit.
Das beinhaltet die Warnung, dass wir sehr gut auf der Hut sein
müssen vor einem unausgewogenen Verhältnis zwischen unserer per-
sönlichen Heiligung und unserem öffentlichen Auftreten, anders ge-
sagt, zwischen Lehre und Leben. Dazwischen darf es keinen Unter-
schied geben. Was die Menschen von uns sehen, muss die Folge un-
serer innerlichen Gemeinschaft mit Gott sein und dessen, was er
uns durch sein Wort deutlich gemacht hat. Wenn unser praktisches
Auftreten vor den Menschen sehr gewissenhaft ist, während wir es
mit unserer persönlichen, inneren Heiligung vor Gott nicht so ge-
295 Richter 19,10-21

nau nehmen, gibt es kein Bewusstsein dessen, was wirklich Sünde


ist. Die Fortsetzung dieses Kapitels zeigt das deutlich auf. Er nahm
auf Gott keine Rücksicht, sondern nur auf das, was die Menschen
sagen könnten. Er verhielt sich so, als ob Israel noch nahe bei Gott
lebte, während es schon sehr weit von Gott abgewichen war.
Im Licht des moralischen Zustandes in Israel ist das, was in Vers
14 steht (»aber die Sonne ging hinter ihnen unter nahe bei Gibea, das
zu Benjamin gehört«) mehr als nur die Beschreibung eines Natur-
phänomens. Die Sonne ging buchstäblich unter, das heißt wohl, es
wurde Nacht. Aber es ist gleichzeitig ein Hinweis auf den Verfall in
Israel, und besonders hier in Gibea. Es war ein Ort, wo bald auf
schreckliche Weise deutlich werden würde, wie groß die geistliche
Finsternis in den Herzen der Einwohner war. Es liegt auf der Hand,
dass es dem Leviten nicht bekannt war, in was für einen unmorali-
schen Ort er hineinkam. Auch daraus wird deutlich, dass er über-
haupt kein Interesse für die Ehre Gottes inmitten seines Volkes
hatte. War ein Levit nicht etwa jemand, der von Gott dazu beauf-
tragt war, sein Gesetz unter dem Volk zu lehren? So hatte es Mose
in seinem Segen in 5. Mose 33,10 von Levi gesagt. Darauf pfiff der
Levit offensichtlich. Was hatte ihm der Zustand unter Gottes Volk
schon zu bedeuten? Er dachte allein an sein eigenes Interesse und
nicht an das von Gott und seinem Volk (vergleiche Philipper 2,4).

Unterkunft in Gibea — Vers 15-21


Die Entscheidung ist getroffen; Gibea wird der Ort sein, an dem sie
übernachten werden. Dort angekommen, erwartet sie ein sehr küh-
ler Empfang. Nach der überschwänglichen Gastfreundschaft im Haus
seines Schwiegervaters muss dem Leviten die erste Bekanntschaft
mit dieser Stadt kalt angemutet haben. Darin zeigt sich bereits das
niedrige moralische Niveau der Einwohner von Gibea. Die übliche
Gastfreundschaft wird missachtet. Wo man auf die Befriedigung ei-
gener Bedürfnisse ausgerichtet ist, verliert man die Sorge für die
Glieder des Volkes Gottes aus dem Auge und unterschlägt die Gast-
freundschaft. Das war damals so; das ist heute immer noch so.
Glücklicherweise werden sie von einem alten Mann bemerkt, der
von seiner Arbeit zurückkommt und auf dem Weg nach Hause ist.
Der alte Mann lebte dort als Fremdling, genau wie Lot einst in
Abschnitt 3b · Der moralische Verfall 296

Sodom. Er stellt zuerst einige Fragen. Das taten die Daniter in


Kapitel 18,3 auch. Dort haben wir bemerkt, dass dem Leviten seine
Augen für die Dinge, mit denen er beschäftigt war, hätten aufge-
hen können. Das können wir auch hier anwenden. Er erzählt, dass
er von »Betlehem in Juda an das äußerste Ende des Gebirges Eph-
raim« reisen will, um zu seinem Haus zurückzukommen (Vers 18;
einige Übersetzungen lesen »zum Hause des HERRN«).
Die Umgebung, in die er wollte, war die, welche er in Vers 1
verlassen hatte. Er fügt hinzu, dass er auf dem Weg zum Haus des
Herrn ist, das damals in Bethel oder in Silo stand. Ob er dort blei-
ben wollte oder es nur besuchen wollte, wird nicht deutlich. Jeden-
falls bleibt sein Gewissen trotz der Erwähnung dieser Orte stumm.
Er wird dadurch nicht an seine Untreue Gott gegenüber erinnert
und an das, was mit seiner Frau geschehen ist. Wer mit seinem
Gewissen weit von Gott entfernt ist, sieht in keinem Umstand mehr
die Hand Gottes. Als er erklärt, dass er auf dem Weg zum Haus
Gottes ist, kann das sehr gut mit der Befriedigung eines religiösen
Bedürfnisses zu tun haben, das aus seinem Gefühl hervorgeht und
nicht aus einem Verlangen nach einer Begegnung mit Gott.
Er beklagt sich über den Mangel an Gastfreundschaft. Er braucht
doch nur eine Unterkunft, weiter nichts, denn mit allem Übrigen
ist er versorgt. Dennoch erweist sich seine Not als größer, als er
denkt. Weil der alte Mann weiß, was in der Stadt vor sich geht, lässt
er die Gesellschaft nicht auf dem Platz übernachten, sondern ge-
währt ihnen Unterkunft für die Nacht. Es scheint, als habe der Le-
vit ein gutes Plätzchen für die Nacht gefunden, denn er kann nach
Herzenslust essen und trinken. Aber schon sehr bald wird deutlich,
dass diese Gastfreundschaft keinen Schutz vor der Unmoral der
Bürger der Stadt bietet.

Die Schandtat von Gibea — Vers 22-25


Während der Levit beim Essen und Trinken schwelgt, als bestünde
das Leben allein daraus, bekommt er es mit der knallharten Reali-
tät des »ausschweifenden Wandels der Ruchlosen« (2. Petrus 2,7) zu
tun, wie einst Lot damit seine Erfahrung machen musste, als er in
Sodom wohnte (siehe 1. Mose 19,4-5). Es besteht jedoch ein gro-
ßer Unterschied: Was damals im heidnischen Sodom stattfand, fin-
297 Richter 19,21-25

det jetzt in Israel statt, unter dem Volk Gottes, durch Menschen,
die Gottes Namen tragen. Hier kommen nun auch keine Engel zu
Hilfe, wie sie in 1. Mose 19,10-11 eingegriffen hatten. In Jeremia
23,14 sagt Gott von seinem Volk: »Sie alle sind für mich wie Sodom
und seine Bewohner wie Gomorra.«
Im Neuen Testament finden wir eine derartige Parallele, wenn
wir den Abschnitt aus Römer 1,29-32 mit 2. Timotheus 3,1-5 ver-
gleichen. Wir entdecken dann, dass von den Sünden, die in Römer
1 aufgezählt werden und die sich dort auf die Heiden beziehen,
sehr viele in 2. Timotheus 3 wiederzufinden sind. Von 2. Timotheus
3 wissen wir bereits, dass es dort um Menschen geht, die sich Chris-
ten nennen. Israel ist hier auf das Niveau von Sodom und Gomorra
abgesackt. Die Christenheit ist auf das Niveau der Welt abgesackt.
Wie traurig muss das für Gott sein!
Die Sünde, der in Gibea nachgegangen wird, ist die Homose-
xualität. Die Männer von Gibea wollen sexuellen Verkehr mit dem
Mann, der gerade in ihre Stadt gekommen ist. Diese Leute prakti-
zieren etwas, was in der Schrift eindeutig verboten wird (3. Mose
18,22; 20,13). In Römer 1,26-27 wird diese Sünde als ein Gericht
aufgezeigt, das Gott auferlegt, wenn man von ihm abweicht und
das Geschöpf mehr als den Schöpfer ehrt und dem Geschöpf mehr
dient, wie es im Vers zuvor heißt. Die Bibel verurteilt die Praktik,
nicht die Person. Aber wenn die Person nicht auf das hören will,
was die Bibel sagt, wird die Person mit der Sünde identifiziert und
derjenige empfängt die Strafe für die Sünde. Das gilt übrigens für
jede Sünde, die ein Mensch begeht. Gott hält die Tür zur Verge-
bung immer noch sperrangelweit offen. Seine Bedingung ist jedoch,
dass ein aufrichtiges Bekenntnis der Sünde erfolgt: »Wenn wir un-
sere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden
vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit« (1. Johannes 1,9).
Ein kurzes Wort über homosexuelle Gefühle ist hier sicher am
Platz. Manchmal kommt es vor, dass jemand eine stärkere Anzie-
hungskraft zu Menschen desselben Geschlechts als zu Menschen
des anderen Geschlechts erfährt. Wer damit als Christ Schwierig-
keiten hat und den Empfindungen nicht nachgeben will, hat die Un-
terstützung von Mitchristen sehr nötig. Der Aufruf an uns als Ge-
schwister im Herrn ist, diesem Bruder oder dieser Schwester von
Herzen beizustehen und ihn bzw. sie im Kampf zu unterstützen.
Abschnitt 3b · Der moralische Verfall 298

Zurück nach Gibea. Die Reaktion auf die Haltung der Männer
ist genauso schockierend wie das, was die Männer wollen. Der alte
Mann macht den unfassbaren Vorschlag, seine eigene Tochter und
die Nebenfrau seines Gastes zur Befriedigung ihrer perversen Lüs-
te preiszugeben. Es kann durchaus stimmen, dass ein Gastherr, nach
der Sitte des Orients, die Sicherheit seines Gastes völlig garantie-
ren will. Dennoch ist es unbegreiflich, dass er sich auf dieses Ange-
bot einlässt. Damit gibt er seine Zustimmung zum Begehen einer
»kleineren« Sünde, um eine größere zu verhindern. Lot tat einst
dasselbe; auch er bot seine Töchter an (1. Mose 19,8).
So kann jeder Gläubige handeln, der seine Verbindung mit Gott
verloren, aber doch noch ein gewisses moralisches Empfinden hat.
Wenn man in einer gottlosen Umgebung lebt, besteht die Gefahr
der Abstumpfung der Empfindungen. Paulus warnt die Gläubigen
in Ephesus davor und über sie hinaus auch uns. Wir sollten niemals
meinen, dass wir zu so etwas nicht imstande wären. Gott kennt uns
besser als wir selbst. Sehr realistisch und kräftig sagt Paulus, gelei-
tet durch den Heiligen Geist: »Dies nun sage und bezeuge ich im
Herrn, dass ihr nicht mehr wandeln sollt, wie auch die Nationen wan-
deln, in Nichtigkeit ihres Sinnes; sie sind verfinstert am Verstand, fremd
dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der
Verstockung ihres Herzens; sie, die abgestumpft sind, haben sich selbst
der Ausschweifung hingegeben, zum Ausüben jeder Unreinheit mit
Gier« (Epheser 4,17-19). Und wie können wir verhindern, dass wir
mitlaufen »in demselben Strom der Heillosigkeit« (1. Petrus 4,4)? Die
nächsten Verse von Epheser 4 geben die Antwort: Auf Christus
blicken und bedenken, dass wir erneuert sind im Geist unserer Ge-
sinnung und den neuen Menschen angezogen haben, »der nach Gott
geschaffen ist in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit« (Vers
20-24). Das ist die herrliche Sicherheit, die nötig ist, um zur Ehre
Gottes leben zu können, inmitten so vieler Ausschweifungen und
der Sittenlosigkeit um uns her.
Beim alten Mann und dem Leviten ist von einem Rufen zu Gott
um Rettung keine Rede. Aus dem kaltblütigen Opfern seiner Frau
wird deutlich, warum die Frau von ihm weggelaufen war. Er hatte
überhaupt keine Gefühle für sie. Er besaß sie für sich selbst. Jetzt
konnte er sie gebrauchen, um seine Haut zu retten. Mit knappen
Worten, die unsere Fantasie nicht anregen sollen, beschreibt der
299 Richter 19,25-29

biblische Autor, was die Männer ihr die ganze Nacht hindurch an-
tun. Es sind in der Tat die Werke der Finsternis. In Epheser 5,11-12
heißt es darüber: »Und habt nichts gemein mit den unfruchtbaren
Werken der Finsternis, sondern stellt sie vielmehr bloß! Denn was heim-
lich von ihnen geschieht, ist selbst zu sagen schändlich.« Das ist der
Mensch, der nach den Lüsten seines eigenen Herzens handelt, was
immer auf Kosten des anderen geht.
Die Frau überlebt diese bestialische Tortur nicht. Weil sie nir-
gends anders hin konnte, geht sie zu dem Haus, »wo ihr Herr war«.
Er war ihr Herr, das charakterisierte die Beziehung. Sie stand da-
mit offenbar in derselben Beziehung zu ihm wie der Knecht (siehe
Vers 11). Sie war auch nicht mehr als ein Arbeitsgerät, über das er
nach seiner Willkür verfügen konnte. Bei dem Haus angekommen,
sind ihre Kräfte erschöpft und sie stirbt.

Die Reaktion des Mannes — Vers 27-29


Die Frau ist an der Sünde gestorben, in der sie früher gelebt und
von der sie sich ohne Reue getrennt hatte. Gott lässt das Maß der
Sünde voll werden. Bei Tagesanbruch wird die Auswirkung des Bö-
sen sichtbar, sowohl bei der Frau als auch bei dem Mann. Hier er-
weist sich, wie vollkommen gleichgültig der Mann ist, wie herzlos,
wie absolut unempfindlich. Man kann sich nicht vorstellen, dass er
normal schlafen konnte. Dennoch scheint es, als sei er ruhig ins
Bett gegangen. Als er am nächsten Tag aufsteht und kurz darauf
aufbrechen will, sieht er seine Frau daliegen. Ohne irgendein Ge-
fühl der Anteilnahme, ohne irgendwie nach ihrem Zustand zu se-
hen, fordert er sie auf, aufzustehen.
Ihre Hände auf der Schwelle sprechen vielleicht vom Anspruch
auf Schutz, den sie geltend gemacht hatte und den jedes Haus in
Israel ihr hätte verschaffen müssen. Sie muss durch die Brutalität
der Männer von Gibea furchtbar gelitten haben, körperlich wie see-
lisch. Sie muss abscheulich gelitten haben, vor allem seelisch, weil
es niemanden gab, der sie in Schutz nahm. Sie muss abscheulich
gelitten haben, als sie nach solch einer abscheulichen Tortur kein
Gehör in dem Haus fand, wo ihr Mann sich befand.
Als der Mann sieht, was geschehen ist, lädt er seine Frau auf
seinen Esel und geht nach Hause. Zu Hause angekommen, schnei-
Abschnitt 3b · Der moralische Verfall 300

det er seine Frau in zwölf Stücke und schickt jedem Stamm Israels
ein Stück ihrer Leiche. Der Mann handelt im kühlen Bewusstsein,
dass das, was mit seiner Frau geschehen ist, das ganze Volk angeht.
Obwohl die Tat in einer bestimmten Stadt stattgefunden hat, ruht
der Schmutz dieses Geschehens auf dem ganzen Volk. Jeder muss
wissen, was in Gibea vorgefallen ist. Die Sünde des Einzelnen ist
die Sünde des Ganzen.

Die Reaktion in Israel — Vers 30


Der Schock ist heftig, die Entrüstung groß. Nie war der Zustand
Israels so desolat, dass eine derartige Sünde hätte geschehen kön-
nen. Es war auch eine Sünde, die ihresgleichen in der Nationalexis-
tenz Israels nicht kannte. Jahrhunderte später erinnert der Pro-
phet Hosea (siehe Hosea 9,9; 10,9) an diese Geschichte, um dem
Volk deutlich zu machen, wie tief es gesunken war. Das Volk ist in
heller Aufregung. Was soll geschehen? Es wird zur Überlegung und
Beratung und zu einer Aussprache aufgerufen. Was sollen die Nach-
barvölker wohl denken, wenn sie davon hören?
Über die Schmach, die Gott hiermit angetan wurde, und über
eine Demütigung dafür, dass dies unter ihnen, unter seinem Volk,
geschehen ist, lesen wir nichts. Wäre ihnen wirklich etwas an der
Ehre Gottes gelegen, so hätten sie ihre Entrüstung schon eher, in
den vorausgegangenen Kapiteln, zeigen können. Aber der Götzen-
dienst von Micha und dem Stamm Dan hatte sie kalt gelassen. Die
Verunehrung, die Gott damit angetan worden war, war ihnen völlig
gleichgültig und hatte sie nicht in Aufregung versetzt. Doch jetzt,
wo ihr guter Ruf befleckt war, jetzt mussten sie energisch auftreten.

Kapitel 20

Einleitung
In diesem Kapitel treten wichtige Dinge in den Vordergrund, die
auch auf die Ausübung von Zucht in der Gemeinde anzuwenden
sind. Daneben tritt hervor, dass diese Ausübung der Zucht etwas
301 Richter 19,29 – 20,2

ist, womit die ganze Gemeinde zu tun hat. Das ganze Volk ist dabei
einbezogen. Der Weg, den Israel geht, um die Sünde aus seiner
Mitte wegzutun, und was Gott sie auf diesem Weg lehrt, sind eine
klare Illustration für das Handeln örtlicher Gemeinden (und die
Gesinnung, in der das geschehen muss), wenn Sünde aus ihrer Mit-
te weggetan werden muss. Jede Sünde, die in einer örtlichen Ge-
meinde offenbar und unter Zucht gestellt wird, muss zugleich die
Gemeinde zur Besinnung über die Ursache dieser Sünde bringen.
Diese Gemeinde wird ihren eigenen Zustand in Gottes Licht un-
tersuchen müssen und von ihm Erkenntnis erbitten, wie es möglich
war, dass es zu dieser Sünde kommen konnte.

Das Volk Gottes wie ein Mann — Vers 1-2


Die erste Wirkung vom Bericht der Gräueltat ist, dass das ganze
Volk wie ein Mann vor dem Herrn zusammenkommt. Zwar muss
noch einiges gelernt werden, doch ist diese Tatsache an sich eine
Reaktion, die zu loben ist. Es war die Zeit, in der ein jeder tat, was
recht war in seinen Augen. Charakteristisch für solch eine Zeit ist,
dass man aneinander vorbei lebt. Jedes Gefühl der Zusammenge-
hörigkeit ist verschwunden. Gott gebraucht die begangene Sünde,
um wieder Einheit unter seinem Volk zu bewirken. Das Zweite ist,
dass sie vor dem Herrn in Mizpa die richtige Haltung einnehmen.
Aber eine richtige Haltung ist noch keine Garantie für eine richti-
ge Gesinnung. Man kann bestimmte Bedingungen erfüllt haben,
wie die der Einstimmigkeit und einer richtigen Haltung, aber da
muss noch etwas hinzukommen, nämlich die richtige Gesinnung.
Es ist also eine gute Sache, wenn das Volk wie ein Mann zusam-
menkommt (siehe auch Vers 8 und 11), um das Böse zu bestrafen;
es ist eine gute Sache, dass es Eifer dabei zeigt, sich vom Bösen zu
reinigen; es ist eine gute Sache, dass sie die richtige Haltung ein-
nehmen. Aber das Volk ist noch lange nicht in der richtigen Gesin-
nung, um Zucht auszuüben. Sie handeln bislang noch lediglich aus
einer fleischlichen Entrüstung und auf eigene Initiative. Erst in Vers
18 fragen sie Gott, doch dann haben sie ihre eigenen Pläne schon
längst festgelegt. Es ist das Böse, das sie zusammenbringt.
Aber etwas Böses wird niemals als ein Band dienen können, um
damit Gottes Volk beisammen zu halten. Und wenn das Einneh-
Abschnitt 3b · Der moralische Verfall 302

men einer richtigen Haltung nicht zu einer dazu passenden Gesin-


nung und dem dazugehörigen Verhalten führt, ist das auch keine
Garantie für das richtige Handeln in Zuchtfragen. Diese Dinge
müssen miteinander einhergehen. Dabei denke ich an das Zusam-
menkommen der Gemeinde zum Herrn Jesus, um ihn versammelt,
mit ihm als Mittelpunkt, getrennt von allerlei menschlichen Ein-
richtungen oder menschlichem Gruppendenken. Doch wenn das
nicht aus Liebe zu Christus und mit einem Bewusstsein der Gnade
und in einer Gesinnung der Niedrigkeit geschieht, gibt diese Hal-
tung keine einzige Garantie für den Segen und die Gegenwart des
Herrn Jesus.
Wenn Einheit besteht, kommen auch die Führer zusammen. Ein
wichtiger Aspekt beim Funktionieren der Gemeinde als eine Ein-
heit ist, dass dort wieder auf eine biblische Weise geführt wird. Wir
haben in Kapitel 5 Debora über die Führer singen hören, die die
Führung wieder an sich nahmen. Wenn es keinen König in Israel
gibt und somit keine Führung vorhanden ist, geht das auch auf Kos-
ten des Zusammengehörigkeitsgefühls.

Der Bericht des Leviten — Vers 2-7


Auf eine entsprechende Frage hin erstattet der Levit in groben Zü-
gen Bericht von den Ereignissen in Gibea. Er sagt nichts von seiner
eigenen Untreue und dem verkehrten Weg, den er ging. Ebenso
verschweigt er, dass er selbst seine Frau in die Hände dieser Wollüs-
tigen ausgeliefert hat und er vermittelt den Eindruck, als sei er in
Lebensgefahr gewesen. Er erzählt seine Geschichte auf eine solche
Weise, dass er selbst so gut wie möglich dabei wegkommt. Dass er
den Leichnam seiner Frau in Stücke schnitt und die Teile in ganz
Israel verschickte, begründet er mit der Schandtat und der Torheit,
die damit in Israel begangen worden war. Er schließt mit dem Hin-
weis, dass sie als Israeliten wissen sollten, was sie zu tun hätten.
Seine eigene Verantwortlichkeit als Levit, der das Gesetz lehren
muss, erwähnt er mit keinem Wort.

Die Schlussfolgerung — Vers 8-10


Der Mann hat mit seiner Geschichte noch einmal dick unterstri-
303 Richter 20,1-13

chen, wovon das Volk bereits überzeugt war: Es muss gegen die
Männer vorgegangen werden, die diese üble Tat begangen haben.
Sie verpflichten sich selbst dazu, nicht eher nach Hause zu gehen,
als bis sie mit Gibea abgerechnet haben. Was allein noch schnell
erledigt werden muss, ist das Los zu werfen, um zu erfahren, in
welcher Reihenfolge sie in den Kampf ziehen sollen. Zehn Prozent
der Männer werden beiseite gestellt, um während des Feldzugs für
Proviant zu sorgen. Bei allem, was unternommen wird, geht es im-
mer noch um die Verunehrung, die Israel angetan worden ist, und
nicht um die Verunehrung, die Gott angetan worden ist.

Die Unterhaltung mit Gibea — Vers 11-13a


Zum dritten Mal lesen wir, dass Israel »wie ein Mann« (nach Vers 1
und Vers 8) miteinander verbunden ist. Die Botschaft, die sie durch
das ganze Gebiet des Stammes Benjamin (wo Gibea lag) verbrei-
ten lassen, ist kurz und bündig. Der Text dieser Botschaft deutet
darauf hin, dass sie noch nicht in der richtigen Gesinnung sind, um
gegen das Böse aufzutreten. In den vorausgegangenen Versen ha-
ben wir gesehen, dass die Bereitschaft zum Handeln aus menschli-
cher Entrüstung hervorging. Dadurch denken sie jetzt nicht daran,
zuerst den Herrn zu fragen, um zu wissen, wie sie gegen die Sünde
vorgehen sollen. Sie sprechen zu Benjamin über »die Untat, die unter
euch geschehen ist« und nicht »unter uns«.
Vielleicht ist uns schon einmal aufgefallen, dass wir die Sünde
beim anderen eher sehen als die bei uns selbst. Um jemand anders
auf seine Sünde hinweisen zu können, muss zuerst Selbstgericht
stattfinden. Das bedeutet, dass jemand selbst von Sünden frei sein
muss, dass in seinem eigenen Leben keine ungerichtete Sünde vor-
handen sein darf. Wenn jemand meint, sich mit den Sünden ande-
rer beschäftigen zu müssen, während er in seinem eigenen Leben
Sünden bestehen lässt, ist er ein Heuchler. Hierauf sind die Worte
des Herrn Jesus anzuwenden, als er sagt: »Heuchler, zieh zuerst den
Balken aus deinem Auge! Und dann wirst du klar sehen, um den Split-
ter aus deines Bruders Auge zu ziehen« (Matthäus 7,5). Persönliches
Freisein von Sünden ist also eine erste Voraussetzung, die man
mittels Selbstgericht schaffen muss. Mit diesem Selbstgericht ist
allerdings noch eine zweite Voraussetzung verbunden. Wir kön-
Abschnitt 3b · Der moralische Verfall 304

nen jemanden erst auf seine Sünde hinweisen, wenn wir uns be-
wusst werden, dass der Fehltritt, den er begangen hat, auch uns
überkommen kann. Wir sind in nichts besser als der andere. In
Galater 6,1 steht, wie wir diese Bedingung erfüllen können: »Brü-
der, wenn auch ein Mensch von einem Fehltritt übereilt wird, so bringt
ihr, die Geistlichen, einen solchen im Geist der Sanftmut wieder zu-
recht. Und dabei gib auf dich selbst Acht, dass nicht auch du versucht
wirst!«
Was Israel lernen muss, ist die Identifikation mit der Sünde, die
begangen worden ist, und dass es nicht nur die Sünde einer Stadt
oder eines Stammes ist. In Josua 7,1 kommt derselbe Grundsatz
zum Ausdruck. Dort heißt es: »Doch auch die Söhne Israel übten
Untreue an dem Gebannten. Und Achan … nahm etwas von dem
Gebannten.« Es ist ein Mann, der sündigt, aber das ganze Volk
wird von Gott für schuldig erklärt. Hätte Israel sich mit der Sünde
Gibeas einsgemacht, dann hätte Benjamin anders reagiert. Dann
hätte Benjamin ein Volk gesehen, das bereute und die Sünde be-
kannte, als ob dieses Volk selbst sie begangen hätte. Aber bei dem
Volk sind keine brüderlichen Empfindungen zu verspüren. Es ist
leichter, Dinge zu sehen, die verkehrt sind und die gerichtet wer-
den müssen, als selbst mit diesen Dingen zu Gott zu gehen und sie
so zu sehen und zu empfinden, wie Gott sie sieht und empfindet.
Durch ihr Auftreten gaben sie allein Benjamin die Schuld und
machten ihn für das verantwortlich, was geschehen war, ohne zu
begreifen, dass es ein Übel betraf, das in ihrer Mitte stattgefunden
hatte.
Im Neuen Testament geht Paulus in 1. Korinther 5 auf einen
Fall von Sünde innerhalb der Gemeinde ein, der so schlimm war,
dass er selbst unter den Heiden nicht gefunden wurde. Er nimmt
den Korinthern vor allem übel, dass sie kein Leid über die Tat
getragen haben, die unter ihnen stattfand. Sie setzten das Zusam-
menkommen ruhig fort, als sei nichts geschehen. Das ist auch eine
Weise, wie man sich nicht mit dem vorhandenen Bösen identifi-
ziert.
Sowohl in Korinth als auch hier in Richter reagiert man auf das
Böse auf eigensinnige Weise. Die Sache wird nicht mit Beschä-
mung über das Geschehene Gott vorgelegt; folglich kann er sei-
nen Willen, wie gehandelt werden muss, nicht bekannt machen.
305 Richter 20,13-21

Die Weigerung, die Sünde zu richten — Vers 13b-14


Israel packt die Sache verkehrt an, aber das spricht Benjamin in
seiner Reaktion darauf nicht frei. Benjamins Reaktion zeigt, dass
dieser Stamm sich der abscheulichen Sünde nicht bewusst ist, die
in seiner Mitte begangen wurde. Der ganze Stamm macht sich auf
diese Weise mit der Sünde eins. Die Sünde war schlimm, noch
schlimmer ist die Weigerung, die Sünde zu verurteilen. Sie vertei-
digen die Sünde sogar, obwohl sie die Sünde selbst nicht begangen
hatten, sondern nur einige böse Leute. Was als eine Strafexpediti-
on gegen eine Stadt begann, artet durch die Haltung Benjamins zu
einem kompletten Bürgerkrieg aus. Weil sie das Böse in ihrer Mit-
te geduldet haben, beginnen sie es jetzt zu verteidigen und zetteln
einen Bruderkrieg an. Benjamin macht eine Stammesangelegen-
heit daraus. Von den Übeltätern selbst hören wir weiter nichts
mehr.
Wie aus 1. Korinther 5 zu schließen, kann in jeder örtlichen Ge-
meinde die schlimmste Sünde vorkommen. Wie schlimm und be-
schämend das auch ist, das Vorhandensein der schlimmsten Sünde
kann kein Anlass für jemanden sein, eine Gemeinschaft von Chris-
ten zu verlassen. Was sehr wohl einen Anlass darstellt, sich von ei-
ner örtlichen Gemeinde abzusondern, ist die Weigerung, selbst das
geringste Böse zu verurteilen. Dann ist es sogar notwendig, dass
wir uns absondern, wenn wir zumindest nicht von Gott mit dem
Ganzen gerichtet werden wollen.

Die erste Begegnung — Vers 15-21


Die Standpunkte sind auf beiden Seiten geklärt. Ohne jeden Zwei-
fel besteht jetzt keine Hoffnung mehr auf Wiederherstellung. Zah-
lenmäßig sind die Benjaminiter weitaus in der Minderheit, aber
ihre Fähigkeiten gleichen das großenteils aus. Es ist die Rede von
»auserlesenen Männern, die Linkshänder waren. Diese alle schleu-
derten mit dem Stein aufs Haar genau und verfehlten ihr Ziel nie«
(Vers 16). Aber wenn es auch auserlesene Männer sind, die für
ihre Genauigkeit und ihre Effektivität bekannt sind –, wenn sie sich
für eine böse Sache einsetzen, setzen sie ihre Fähigkeiten falsch
ein. Wir können sie mit Menschen vergleichen, denen wir auch in
Abschnitt 3b · Der moralische Verfall 306

der Christenheit begegnen. Menschen, die in allem sehr genau sind


und manchmal doch das Böse gutheißen. Wegen ihrer genauen
Vorgehensweise bei der Sache scheint es, als hätten sie das Recht
auch noch auf ihrer Seite.
Benjamin erringt wiederholt den Sieg. Doch wir sehen bald, wie
das kommt. Bei den hinaufgezogenen Stämmen ist auch nicht alles
so, wie es sein sollte. Sicher, sie bitten Gott um Rat, aber sie tun
das erst, nachdem sie beschlossen haben, wie sie vorgehen werden.
Das Einzige, was sie noch wissen wollen, ist, welcher Stamm zuerst
ausrücken soll. Diese Frage haben sie schon einmal zuvor gestellt,
in Kapitel 1. Aber was für ein Unterschied zwischen Kapitel 1 und
hier! Dort stellten sie ihre Frage im Blick auf den Kampf gegen den
Feind, während sie hier gegen einen Bruder ausrücken wollen. Sie
hatten die Sache schon unter Dach und Fach. So können sich Si-
tuationen ergeben, in denen auch wir sagen, dass es unnötig sei,
Gott um Rat zu bitten. Wir sehen, dass Sünde vorhanden ist und
wir sind unmittelbar bereit, dagegen vorzugehen, ohne dass sich
der Gedanke stellt, mit dieser Sünde zu Gott zu gehen und uns
zuerst damit zu identifizieren. Das ist in unseren Augen nicht er-
forderlich. Es gibt noch ein paar kleine Details zu klären, wie die
Frage, wer mit dem in Sünde gefallenen Bruder oder der in Sünde
gefallenen Schwester sprechen soll. Dafür fragen wir dann noch
Gott.
Wenn wir uns von Gott gebrauchen lassen möchten, um ange-
messen gegen das Böse vorgehen zu können, ist mehr nötig, als
allein die schnelle Bereitschaft, als sein Werkzeug aufzutreten. Die
Rache des Volkes ist zu direkt, zu unangemessen, zu unbarmher-
zig. Es ist zu wenig das Bewusstsein vorhanden, dass sie das Ge-
richt Gottes ausführen sollen. Sie bringen kein Sündopfer, was ein
Beweis ihrer Identifikation mit dem Bösen gewesen wäre. Sie rech-
nen mit ihrer Übermacht. Die Folge ist eine Niederlage. Durch diese
Niederlage will Gott sie lehren, dass Zahlen für ihn nicht zählen
und dass ihr Vertrauen, dadurch zu siegen, verkehrt ist. Dass die
Israeliten geschlagen werden, kann die Folge der Tatsache sein, dass
sie selbst auch nicht frei waren von den Einflüssen der verderbli-
chen kanaanitischen Praktiken. Dann kann ebenfalls keine Kraft
zum Kampf vorhanden sein. Was sie nötig haben, ist dieselbe Rei-
nigung wie Benjamin.
307 Richter 20,21-25

Die zweite Begegnung — Vers 22-25


Die Niederlage war ein schwerer Schlag. Das hatten sie nicht er-
wartet. Waren sie nicht mit einer gerechten Sache beschäftigt? War
nicht ihre Überzahl ein Beweis dafür? Wie kam es dann, dass nicht
die Übeltäter bestraft, sondern sie selbst geschlagen wurden? Stand
Gott denn auf der Seite des sündigenden Stammes? All diese Fra-
gen haben sie sich womöglich gestellt. Dennoch ist die erste Reak-
tion auf ihre Niederlage nicht, dass sie mit diesen Fragen zu Gott
gehen. Als erstes sprechen sie sich selbst neuen Mut zu: »Aber das
Kriegsvolk fasste neuen Mut, die Männer von Israel, und sie ordneten
sich nochmals zur Schlacht an der Stelle, wo sie sich am ersten Tag
geordnet hatten.« David verhielt sich anders. Von ihm lesen wir, nach-
dem er durch seine eigene Schuld alles verloren hatte: »Aber David
stärkte sich in dem HERRN, seinem Gott« (1. Samuel 30,6).
Die Israeliten fassen zuerst Mut und dann erst fragen sie Gott.
Sie sind immer noch nicht in der richtigen Gesinnung vor Gott,
obwohl sie in ihren Fragen an ihn merklich vorsichtiger sind. Sie
müssen die Lektion noch lernen, dass sie in sich selbst nicht besser
sind als ihr Bruder, die Lektion vom Balken und dem Splitter aus
Matthäus 7, auf die ich oben bereits hingewiesen habe. Es ist auch
ein Fortschritt, dass sie jetzt von »meinen Bruder Benjamin« spre-
chen. Sie beginnen, ein Gefühl für die Tatsache zu bekommen, dass
sie es mit jemandem von derselben Herkunft zu tun haben. Bei der
Ausübung der Zucht ist es stets von Bedeutung, dass wir uns gut
bewusst werden, dass sie nicht aus einer Haltung heraus geschehen
darf, dass wir besser seien. Elihu, der Hiob wegen seines Verhal-
tens im Blick auf Gott ermahnen musste, hatte das begriffen. Er
sagt treffend zu Hiob in Hiob 33,6-7: »Siehe, ich bin vor Gott so viel
wie du, vom Lehm nur abgekniffen bin auch ich. Siehe, Angst vor mir
braucht dich nicht zu erschrecken und mein Drängen wird nicht schwer
auf dir lasten.«
Wenn dies die Gesinnung Israels gewesen wäre, hätte dieser
Kampf nicht so viele Opfer gekostet. Wäre dies die Gesinnung in
so vielen Zuchtfragen der Gemeinde gewesen, wäre es zu vielen
Ausschlüssen erst gar nicht gekommen oder der ausgeschlossene
Gläubige wäre schon nach kurzer Zeit wiederhergestellt gewesen.
Ich sage nicht, dass alle Zuchtangelegenheiten hätten verhindert
Abschnitt 3b · Der moralische Verfall 308

werden können. Die Gemeinde ist zur Ausübung von Zucht ver-
pflichtet, weil sie dies der Heiligkeit Gottes schuldet. Gott kann
niemals etwas von Sünde unter seinem Volk bestehen lassen.
Aber Zucht sollte nur im Blick auf die Wiederherstellung desje-
nigen angewandt werden, der gesündigt hat. Sie darf nicht aus ei-
ner persönlichen Irritation oder aus Angst vor Gesichtsverlust hin-
sichtlich der Umgebung geschehen. Bevor sie ausrücken, stellen
sie dem Herrn zuerst die Frage, ob sie wohl ausrücken sollen. Auch
das ist ein Fortschritt, verglichen mit dem ersten Mal. Dennoch
lässt Gott auch diese zweite Begegnung auf eine Niederlage für
Israel hinauslaufen. Er war mit ihnen noch nicht fertig.

Die Vorbereitung zur dritten Begegnung — Vers 26-28


Bevor die Israeliten mit dem Kampf gegen die Übeltäter began-
nen, hatten sie erwartet, dass sie einen leichten Sieg erringen wür-
den. Sie würden die Kleinigkeit so nebenbei erledigen. Waren sie
nicht mit einer überwältigenden Mehrheit in den Kampf gezogen?
Das Ergebnis dieser Haltung war jedoch, dass sie jetzt schon zwei-
mal geschlagen worden waren. Sie waren mit ihrem Latein am Ende.
In ihrer Ratlosigkeit wenden sie sich in Demut und mit Tränen wie-
derum zum Herrn in Bethel (= Haus Gottes) und fragen ihn, ob
sie wiederum ausrücken sollen. Sie fangen sogar an zu fasten. Es ist
nun nicht mehr die Rede davon, dass sie Mut gefasst und sich wie-
der in Schlachtordnung aufgestellt hätten. Sie begreifen, dass sie
versagt haben. Es beginnt ihnen zu dämmern, dass Gott ihnen zu-
erst noch etwas zu sagen hat.
Bevor sie Gott fragen, opfern sie »Brandopfer und Friedensopfer
vor dem HERRN«. Das ist herrlich. Durch die Darbringung dieser
Opfer sagen sie gleichsam, dass sie vor Gott allein auf der Grund-
lage des Wertes dieser Opfer bestehen können. Beide Opfer spre-
chen von dem Werk des Herrn Jesus am Kreuz. Das Brandopfer
lässt dieses Werk als ein Werk erkennen, wodurch der Herr Jesus
am Kreuz Gott vollkommen verherrlicht hat. Es war ein Opfer, das
ganz für Gott bestimmt war (siehe 3. Mose 1). Aufgrund dieses
Opfers kann Gott sein Volk segnen und es annehmen. Es ist die
einzige Grundlage, auf der das geschehen kann. Für uns kommt
das sehr schön in Epheser 1,6 zum Ausdruck, wo es heißt, dass Gott
309 Richter 20,25-28

uns »angenehm gemacht hat in dem Geliebten«. Ein Brandopfer brin-


gen bedeutet also, dass wir uns bewusst sind, dass Gott uns in dem
Wert des Werkes des Herrn Jesus ansieht und nicht aufgrund von
irgendetwas an uns selbst.
Das Dankopfer ist ein Gemeinschaftsopfer. Darin kommt zum
Ausdruck, dass durch das Werk des Herrn Jesus Gemeinschaft mit
Gott, mit dem Herrn Jesus und mit allen Gliedern des Volkes Got-
tes möglich ist. Eine Beschreibung dieses Opfers finden wir in
3. Mose 3 und 7. Das Darbringen dieses Opfers bedeutet also, dass
das Bewusstsein der Gemeinschaft, die unter dem Volk Gottes vor-
handen ist, besteht. Darin ist auch Benjamin eingeschlossen. Aber
da in dieser Gemeinschaft kein Platz für die Sünde sein darf (diese
ist ja durch das Werk, von dem dieses Opfer spricht, gerichtet und
weggetan worden!), muss die Sünde gerichtet werden. Wenn dann
mit offenbar gewordener Sünde unter dem Volk Gottes gehandelt
werden muss, geschieht das von der Bedeutung dieses Opfers aus
und nicht aus einem persönlichen Gram heraus oder aufgrund ei-
nes Gefühl des Gekränktseins als Gruppe. Es ist Gottes Absicht,
dass die Kinder Israel damals (und wir heute) auf der Grundlage
dieser Opfer stehen.
Wir befinden uns niemals in der richtigen Position, gegen Sünde
bei jemand anderem vorzugehen, bevor Gott nicht gegen das vor-
gehen konnte, was in unserer eigenen Seele im Widerspruch zu sei-
nem Namen steht.
Noch ein wichtiger Aspekt ist, dass das ganze Volk darin einbe-
zogen ist. Wenn angestrebt wird, um in einem bestimmten Fall Zucht
auszuüben, dürfen diese Bemühungen nicht auf einige Brüder be-
schränkt bleiben. Sie gehen die ganze örtliche Gemeinde an. Es
geht dabei nicht um eine geheime Sünde, von der nur ein Einzelner
weiß, sondern um etwas, das allgemein bekannt ist. Es liegt oft we-
nig Kraft in der Ausübung der Zucht, weil die Bemühung auf Ein-
zelne beschränkt bleibt, die eine geistliche Gesinnung zeigen. Wenn
wir mit einem Zuchtfall wirklich in Gottes Gegenwart kommen,
können wir nicht lediglich entrüstet sein. Dann ist wirkliche Trauer
über das nötig, was unter uns geschehen ist und wozu wir auch fä-
hig sind.
Weiter ist noch von der Bundeslade Gottes die Rede. Das ist das
einzige Mal, dass im Buch Richter die Bundeslade erwähnt wird.
Abschnitt 3b · Der moralische Verfall 310

Die Bundeslade ist ein wunderbares Bild Christi. Er ist die Grund-
lage für alles Handeln Gottes mit uns und unseres Handelns für
Gott. Indem wir uns das immer vor Augen halten, werden wir da-
vor bewahrt, in einem Geist zu handeln, der besser sein will als der
andere.
Und gerade Gericht über das Böse und die Absonderung davon
ist keine Basis für Gemeinschaft; unsere Gemeinschaft als Heilige
gründet sich allein auf Christus und seinen Tod. Dorthin musste
Gott sein Volk durch die Züchtigung, die er zulassen musste, brin-
gen.
Dabei geht es nicht um einen Vergleich zwischen Benjamin und
Israel, sondern um das, was böse ist in den Augen Gottes, und dass
dies auf die Weise weggetan werden muss, die er angibt. Er kann
das Böse inmitten seines Volkes nicht dulden, weil er inmitten sei-
nes Volkes wohnt. Das gilt auch genauso heute für die örtliche Ge-
meinde, die zum Namen des Herrn Jesus hin zusammenkommt. Er
hat davon gesagt: »Denn wo zwei oder drei versammelt sind in mei-
nem Namen, da bin ich in ihrer Mitte« (Matthäus 18,20). Das ist das
einzige Motiv, weshalb die Sünde aus einer örtlichen Gemeinschaft
entfernt werden muss.
Bei dem Prozess, dem Gott sein Volk unterwirft, um sie in die
richtige Gesinnung zu bringen, wird auch noch der Name von Pin-
has genannt. Wie schon zuvor angemerkt, gibt dies an, dass die Zeit,
in der dieses Ereignis stattfand, kurz nach der Ankunft des Volkes
im verheißenen Land anzusetzen ist. Pinhas ist ein Mann, der in
der Wüste für die Ehre Gottes geeifert hat. Als das Böse ins Lager
eingedrungen war, hatte er es gerichtet, indem er die Übeltäter
tötete. Wir lesen diese Geschichte in 4. Mose 25,6-15. Wir müssen
mit der Eifersucht Gottes eifersüchtig sein und nicht mit unseren
natürlichen Gefühlen. Bei Pinhas bestand eine heilige, priesterli-
che und geistliche Entrüstung. Bei ihm können wir Einsicht in Got-
tes Gedanken erkennen. Dass das Volk zu ihm kommt, um den
Herrn um Rat zu fragen, zeigt uns auch, dass das Volk dort ist, wo
es sein muss.
Wir könnten sagen, dass Paulus der Pinhas des Neuen Testaments
ist. Er hat sich enorm eingesetzt, um in allen Gemeinden den Wil-
len des Herrn bekannt zu machen. Er hat stets gekämpft, als die
Gläubigen durch verkehrte Lehre oder verkehrte Praxis von Chris-
311 Richter 20,28-48

tus abzuweichen drohten. Ich hoffe, dass ein jeder von uns auch ein
Pinhas sein möchte.

Die dritte Begegnung — Vers 29-48


Wie die dritte Begegnung zwischen Israel und Benjamin verläuft,
wird sehr ausführlich beschrieben. Es beginnt mit dem Legen von
Hinterhalten. Hier sprechen Hinterhalte (ebenso wie beim Kampf
gegen Ai in Josua 8) vom Erkennen der eigenen Schwachheit und
dem Rechnen mit der verborgenen Kraft Gottes. Der Sieg wird er-
rungen, indem von den Hilfsquellen Gebrauch gemacht wird, die
für den Feind verborgen sind. Israel bekennt öffentlich, dass es
schwach ist, indem es flüchtet. Es erscheint in der Tat als Schwach-
heit, zu flüchten, aber es gibt den verborgenen Hilfsquellen (den
Hinterhalten) die Gelegenheit, ihr Werk zu tun. Das ist eine wun-
derbare Illustration für das Gebet. Es erscheint schwach, wenn man
auf den Knien liegt, aber es birgt Kraft in sich. Persönliche Ernied-
rigung vor Gott ist das große Geheimnis des Sieges. Darin wird
Kraft für jede Ausübung von Zucht gefunden: für Eltern hinsicht-
lich ihrer Kinder und für die Gemeinde hinsichtlich der in Sünde
Gefallenen.
Es ist dann auch nicht Israel, das Benjamin schlägt, sondern »der
HERR schlug Benjamin vor Israel« (Vers 35). Zuerst haben die Ben-
jaminiter gedacht, sie könnten auch dieses dritte Mal den Erfolg
für sich verbuchen. Die vorherigen Siege hatten sie voller Selbst-
vertrauen und sogar übermütig gemacht (Vers 32 und 39). Doch
diesmal verbindet Gott seinen Segen mit der Strategie, die Israel
gewählt hat. Sobald Benjamin aus der Stadt herauskommt, kom-
men die im Hinterhalt liegenden Kämpfer zum Vorschein, nehmen
die ungeschützte Stadt in Besitz und stecken sie in Brand. In 5. Mose
13,17 lesen wir auch etwas über eine Stadt, die in Brand gesteckt
wird. Das geschah, nachdem dort Männer zum Götzendienst auf-
gerufen hatten. Dort steht, dass diese Stadt »dem HERRN … als
Ganzopfer mit Feuer« verbrannt wird. Wir können somit sagen, dass
die Sünde von Gibea genauso schwer bestraft wird wie der Götzen-
dienst, von dem in 5. Mose 13 die Rede ist.
Als die Benjaminiter die Stadt brennen sehen, schlägt der Sie-
gesrausch in Angst um. Sie können ihren eigenen Augen nicht trau-
Abschnitt 3b · Der moralische Verfall 312

en, der Schock ist groß; ihre Kampflust vergeht, und sie wenden
sich zur Flucht. Israel gönnt sich selbst keine Ruhe und jagt den
Flüchtlingen nach. In einem an Raserei grenzenden Eifer töten sie
beinahe alle Benjaminiter. Was die Folgen ihres zu weit gehenden
Eifers sind, werden wir im nächsten und letzten Kapitel sehen. In
diesem Augenblick kann Bilanz gezogen werden. Der Sieg ist er-
rungen, das Böse gerichtet. Aber auch Verlust ist entstanden. Isra-
el hat ungefähr 40.030 Mann verloren (Vers 21, 25 und 31); bei
Benjamin sind mehr als 25.000 Mann gefallen, wodurch der Stamm
so gut wie ausgerottet ist. Nur 600 Mann sind übrig geblieben.
Wenn jemand nicht im Selbstgericht lebt, sodass die Sünde die
Chance bekommt, sich Geltung zu verschaffen und andere sich da-
mit beschäftigen müssen, hat das immer Verlust zur Folge. Wenn
die anderen sich dann auch auf eine nicht geistliche Weise mit der
Entfernung dieser Sünde beschäftigen, ist der Schaden nicht zu
übersehen. Die einzige Möglichkeit, um zu verhindern, dass wir
eine Quelle des Elends werden, sowohl für uns selbst als auch für
andere, besteht darin, in enger Gemeinschaft mit dem Herrn und
im Gehorsam seinem Wort gegenüber zu leben.

Kapitel 21

Einleitung
Im letzten Kapitel des Buches Richter geht es um die Folgen des
Auftretens von Israel. Die angestrebten Lösungen sprechen gewiss
nicht von einer ungeteilten Rückkehr zum Herrn und von einem
Fragen nach seinem Willen. Die Ergebnisse sind verwüstend so-
wohl für Familien als auch für andere Unschuldige. Und alles dient
dazu, das eigene Versagen nicht anerkennen zu müssen.

Die Sorge um den Fortbestand Benjamins — Vers 1-4


Es ist normal, dass nach dem Erringen eines Sieges ein Fest gefei-
ert wird. Das ist hier nicht der Fall. Der Sieg wird mit Tränen »ge-
feiert«: Es wird laut geweint. Es waren mehr als 65.000 Israeliten
313 Richter 20,49 – 21,4

getötet worden. Die wahren Feinde konnten hingegen jauchzen.


Sie hatten so viele Widersacher weniger. Der Feind lacht sich ins
Fäustchen, wenn Brüder einander bekämpfen. Von ihnen hat er
nichts zu befürchten.
Als Israel nach der Bestrafung Benjamins die Folgen übersieht,
kommen zwei Dinge ans Licht. Erstens war ein Eid geschworen
worden: Niemand sollte seine Tochter den Benjaminitern geben.
Zweitens war bis auf 600 Mann der ganze Stamm ausgerottet wor-
den. Wenn es für Benjamin noch einen Fünkchen Hoffnung auf
das Überleben gab, dann war das durch den Eid unmöglich gewor-
den. Das bringt sie dazu, zu Gott zu flehen. Mit ihrer Bitte an Gott
zeigen sie, dass sie nicht wirklich bis zur Wurzel des Problems durch-
gedrungen sind. Trotz all ihrem Weinen ist nur ein oberflächliches
Verständnis dafür vorhanden, was geschehen ist. Konnten sie ihre
Frage nicht selbst beantworten? Sie hatten es doch selbst so ge-
macht.
Auch die Korinther konnten sich fragen, wie es kam, dass unter
ihnen viele krank und nicht wenige entschlafen waren (1. Korin-
ther 11,29-32). Das lag wahrhaftig nicht an den Kranken und Ent-
schlafenen, es lag am Zustand der ganzen Gemeinde. Die Züchti-
gung ist nicht nur für diejenigen, die sie erleiden, sondern muss
von der ganzen Gemeinde gefühlt werden. Zucht über Mitgläubige
soll uns

a. nicht gleichgültig lassen, als ob sie allein die anderen betref-


fen würde, und
b. uns auch nicht böse auf Gott werden lassen, als ob er will-
kürlich handeln würde.

Gott hat mit seiner Zucht immer ein Ziel. Wir können uns am Bes-
ten fragen, inwieweit Gott durch unsere eigene Torheit und unser
fleischliches Handeln Zucht über andere kommen ließ, um uns zu
erreichen. Schmerzt es uns auch, wenn jemand hinausgetan wer-
den musste? Werden sich die Israeliten plötzlich bewusst, dass die
Strafe weiter gegangen ist als beabsichtigt? Dadurch erhält ihr Eid
einen bedrohlichen Charakter. Sie kommen nicht darum herum und
doch wollen sie Benjamin mit Frauen versorgen. Bevor sie mit ei-
ner Lösung kommen, bauen sie zuerst einen Altar und bringen dar-
Abschnitt 3b · Der moralische Verfall 314

auf Brandopfer und Friedensopfer. Sie tun damit das, was sie auch
in Kapitel 20,28 getan hatten. Es scheint, als ob sie dies wegen der
guten Wirkung machen, die das Opfern gehabt hatte und nicht mit
einem Herzen, das in Gemeinschaft mit Gott ist. Das ist eine mehr
oder minder abergläubische Handlung. Sie dachten vielleicht: Wenn
es damals wirkte, wird es jetzt genauso gut wirken. Was sie dabei
vergessen, ist, dass es zuvor aus einer richtigen Gesinnung geschah.
Aus der Fortsetzung wird deutlich, dass ihr Herz nicht wirklich bei
Gott ist.

Benjamin wird mit Frauen versorgt — Vers 5-14


In seinem Eifer bei der Bekämpfung des Bösen hatte Israel einen
unbesonnenen Eid ausgesprochen. Diesen Eid hätten sie nie schwö-
ren dürfen, aber anstatt das anzuerkennen, begeben sie sich auf die
Suche nach einer Lösung. Dieser Eid muss nun über einen Umweg
rückgängig gemacht werden. Das geschieht immer, wenn Eide ge-
schworen werden, ohne dass Gott dabei einbezogen worden ist. Die
Folge ist ein neuer Bruderstreit. Sie hatten auch noch einen ande-
ren Eid geschworen: Dass derjenige, der nicht mitging, um die Sünde
Gibeas zu bestrafen, getötet werden sollte. Aus der Nachforschung
zeigte sich, dass Jabesch zu Hause geblieben war. So wurde be-
schlossen, dass Jabesch, der dem Bösen gegenüber gleichgültig war,
dasselbe Los erleiden sollte wie das Böse selbst. Jabesch hatte ar-
gumentiert, dass es ihn nichts anginge und verhielt sich damit un-
abhängig.
Für unsere Zeit können wir daraus lernen, dass das Böse, das in
der einen örtlichen Gemeinde festgestellt wird, eine andere örtli-
che Gemeinde nicht gleichgültig lassen darf. Alle örtlichen Gemein-
den haben dieselbe Verpflichtung: Das Böse muss aus ihrer Mitte
weggetan werden (1. Korinther 5,13). Wenn eine örtliche Gemein-
de das verweigert, werden andere örtliche Gemeinden sich damit
beschäftigen müssen. Versagen alle Versuche, eine solche Gemein-
de zu Verurteilung des Bösen zu bringen, kann eine solche Gemein-
de nicht länger als eine Gemeinde anerkannt werden, mit der der
Herr seinen Namen verbindet. Eine solche Gemeinde wird mit dem
Bösen identifiziert und der Herr kann dort nicht länger in der Mit-
te sein.
315 Richter 21,4-23

Trotz der Tatsache, dass die Folgerung der Israeliten richtig ist,
scheinen sie hier wiederum aus einer Nützlichkeitserwägung her-
aus zu handeln. Sie konnten diesen Grundsatz gut für die Auflö-
sung eines Problems gebrauchen, das durch ihre eigene Schuld ent-
standen war. Sie konnten sich dafür, dass sie die Mädchen am Le-
ben ließen, sogar auf 4. Mose 31,17-18 berufen. So meinten sie, für
das Fortbestehen Benjamins sorgen zu können. Leider war die An-
zahl der Mädchen unzureichend.

Noch mehr Frauen für Benjamin — Vers 15-23


Alle Überlegungen und Handlungen in diesem Kapitel tragen das
Merkmal der letzten Verse. Jeder Israelit war sein eigenes Gesetz.
Nach Gott und seinem Willen wurde nicht gefragt. Der Eid, den sie
geschworen hatten, musste, wie auch immer, gehalten werden. So-
lange sie nur ihren Eid halten können, machen sie sich kein Gewis-
sen daraus, die engsten Familienbande zu zerreißen. Ihr Gewissen
ist dabei ruhig, doch das war natürlich schon lange abgestumpft.
Alles wurde nach dem Maßstab getan, was recht war in ihren Au-
gen: Micha war recht und sein frommer Götzendienst; seine Mut-
ter handelte recht in ihrer Gemeinschaft mit ihrem Sohn; die Dani-
ter handelten auf ihren verkehrten Wegen recht; die Stämme han-
delten recht, indem sie das Böse richteten und Eide schwörten. Jeder
tat, was recht ist, aber nicht, was recht ist in Gottes Augen.
Jetzt muss auch noch nach 200 anderen Frauen für die übrig
gebliebenen Benjaminiter Ausschau gehalten werden, ohne dass
der Eid gebrochen zu werden braucht. Eine neue Idee kommt auf
den Tisch. Da sie gewissenhaft waren und ihren Eid halten wollten,
konnten sie ihre Töchter natürlich nicht geben, aber sie kommen
auf die Idee, Mädchen stehlen zu lassen. Ein Fest des Herrn war
dafür eine ausgezeichnete Gelegenheit. Sie brauchten dann ihre
Hände nicht schmutzig zu machen, das konnten die Benjaminiter
gut selber erledigen. Hier stiften die Israeliten wohlgemerkt ihren
Bruder zu einem unter dem Gesetz strengstens verbotenen Men-
schenraub an; und das nur um ihren Eid halten zu können. Das
erinnert an das abscheulichste Verbrechen aller Zeiten, den Tod
des Herrn Jesus. Seine Widersacher waren auch Menschen mit ei-
nem peinlich genauen Gewissen. Um nicht verunreinigt zu werden
Abschnitt 3b · Der moralische Verfall 316

und das Passah doch essen zu können, gingen die Führer des Vol-
kes nicht ins Prätorium, während sie nichts anderes wünschten als
den Tod dessen, von dem das Passah sprach (Johannes 18,28). Sie
überlieferten ihn an Pilatus, damit dieser ihn kreuzigte, dann brauch-
ten sie sich nicht an seinem Tod zu versündigen (Johannes 19,31).
So kann ein Mensch sehr gewissenhaft sein, wenn es darum geht,
sich nicht an etwas zu besudeln, das er als verkehrt ansieht, wäh-
rend er mit größter Leichtigkeit andere zu den größten Missetaten
anstiftet.
Benjamin bekommt den Rat, die Mädchen zu stehlen. Dann
bleibt der Eid, bei dem sie geschworen hatten, ihnen keine Mäd-
chen zu geben, aufrecht erhalten. Benjamin folgt ihrem Rat, wo-
raus wir schließen können, dass sie durch alle Geschehnisse nicht
näher zu Gott gekommen sind. Die Unmoral unter ihnen mag zwar
bestraft worden sein, doch sie ist noch nicht aus ihren Herzen ver-
trieben.

Schluss — Vers 24-25


Das Heer wird entlassen. Alle kehren an ihren eigenen Wohnort
zurück. Ob sie alle die Lektion gelernt haben, wird sich erst noch
zeigen müssen. Haben wir die Lektion gelernt, habe ich sie gelernt?
Der letzte Vers wiederholt die düsteren Worte, mit denen dieser
Abschnitt in Kapitel 17,6 begann. Fürwahr kein »Happy End« in
diesem Buch.
Um zu sehen, dass Gott trotz des Verfalls seines Volkes dennoch
in Gnade seine Pläne ausführt und auf sein Ziel hinarbeitet, müs-
sen wir das Buch Ruth lesen. Genauso wie diese Kapitel 17 – 21
bildet das Buch Ruth in einer anderen Hinsicht einen Anhang zum
Buch Richter. Das Buch Ruth beginnt mit den Worten: »Und es
geschah in den Tagen, als die Richter richteten.« Was wir danach le-
sen, ist eine wunderbare Schilderung der Gnade Gottes. Das Buch
endet mit dem Namen »David«, dem Mann, den Gott dazu auser-
wählt hat, König über sein Volk zu sein. David ist ein Vorbild auf
den Herrn Jesus. Das Buch Richter hingegen endet mit der Sorge
um die Fortpflanzung des Stammes Benjamin, aus dem Saul her-
vorgehen wird, der fleischliche König Israels und das Vorbild auf
den Antichrist.
317 Richter 21,23-25

Was der Heilige Geist bei uns bewirken will, wenn wir so das
Buch Richter zu uns haben reden lassen, ist ein Verlangen bei uns,
die Herrschaft in unserem Leben dem Herrn Jesus zu übergeben
und sehnsüchtig die Zeit zu erwarten, da alles im Himmel und auf
Erden seinen Füßen unterworfen sein wird.
Was der Heilige Geist uns außerdem durch dieses Buch lehren
will, ist, dass wir gerade in Zeiten des Verfalls Glaubenssiege errin-
gen können. Der Schreiber des Hebräerbriefes führt in Kapitel 11
eine Reihe Menschen an, die aus diesem Glauben gelebt haben.
Darunter nennt er in Vers 32 Namen, denen wir während der Be-
handlung des Buches Richter begegnet sind: »Gideon, Barak, Sim-
son, Jeftah«. Sie gehören zur »Wolke von Zeugen«, über die er in
Kapitel 12,1 schreibt. Er vergleicht das Leben des Christen, der
durch Glauben lebt, mit dem Leben eines Athleten, der im Stadion
an einem Laufwettbewerb teilnimmt. Wir können das Buch Rich-
ter als ein Zuschauer gelesen haben, der sich von der Tribüne aus
ein Schauspiel in mehreren Akten ansieht. Dann sind wir nicht wirk-
lich darin einbezogen gewesen. Der Heilige Geist möchte, dass wir
die Ereignisse miterleben. Dann werden die Rollen vertauscht. Die
Tribünen werden dann von den zahllosen Gläubigen bevölkert, von
denen der Schreiber im vorherigen Kapitel (Hebräer 11) eine An-
zahl genannt hat und unter denen auch die Richter sind. Und wir
sind diejenigen, auf die sie blicken. Jetzt sind wir an der Reihe,
unseren Kampf zu zeigen.
Aber die »Gläubigen der alten Tage« sitzen dort nicht mit ver-
schränkten Armen, um zuzuschauen, wie wir abschneiden. Sie sit-
zen dort, um uns zu ermutigen. Sehen wir ihre strahlenden Gesich-
ter? Sie wissen, wie schwierig der Wettlauf manchmal sein kann
und was für ein Ausharren nötig ist. Sie haben ausgeharrt und ha-
ben das Ziel schon erreicht. Darum rufen sie uns zu: »Lauf weiter,
harre aus, gib nicht auf, es ist der Mühe wert!« Wir hören ihre An-
feuerungen um uns her, sie hallen in unsren Ohren wider und un-
ser Einsatz im Wettlauf wird noch größer. Schauen wir dabei nicht
auf die Dinge um uns her, blicken wir nicht zurück, sondern halten
wir unser Auge ausschließlich und allein gerichtet »auf Jesus, den
Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden
Freude willen die Schande nicht achtete und das Kreuz erduldete und
sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Denn betrachtet den,
Abschnitt 3b · Der moralische Verfall 318

der so großen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat,
damit ihr nicht ermüdet und in euren Seelen ermattet!« (Hebräer
12,2-3).
319 A. C. Gaebelein
Kommentar zum Alten Testament

• Band I: 1. Mose – 2. Chronik


Hardcover
640 Seiten
39.80 DM
ISBN 3-89397-360-8

• Band II: Esra – Maleachi


704 Seiten
39.80 DM
ISBN 3-89397-361-3

Arno C. Gaebeleins (1861 – 1945) Kommentar zur


Bibel wurde auch als Weiterführung der vielen
Erklärungen der Scofield-Bibel bezeichnet, deren
Mitherausgeber er war.

Der Leser findet hier allgemeine Einführungen in


jedes Buch des AT, Einwände und Argumente
gegen bibelkritische Positionen, Unterstützung
traditioneller Einsichten zur Frage der Verfasser-
schaft, einen vollständigen, detailliert
gegliederten Überblick über den Text, praktische
Auslegungen und Anwendungen sowie
besondere Berücksichtigung der heils-
geschichtlichen, typologischen und prophetischen
Dimension der biblischen Texte, wobei der Autor
mit seiner dispensationalistischen Sicht faszinie-
rende Zusammenhänge der Schrift aufdeckt.
H. P. Medema 320
Der Brief an die Römer

232 Seiten
Hardcover
18,80 DM
ISBN 3-89397-327-3

Persönlichkeiten wie Augustinus und Luther


sowie unzählige andere Menschen haben durch
den Römerbrief das Evangelium von der Gnade
Gottes erkannt und sind so zum lebendigen
Glauben durchgedrungen.

In dieser sehr gründlichen, systematischen


Auslegung des Römerbriefes baut der Autor das
Szenario einer Gerichtsverhandlung mit Gott als
Richter und dem Menschen als Angeklagten auf.

Darüber hinaus liefert die durch kleinere Schrift


gekennzeichnete tiefergehende Auslegung viele
Hintergrundinformationen und Wortstudien.

Ein Kommentar, der sich auch mit anderen


Auffassungen auseinandersetzt und zahlreiche
Ausleger zu Wort kommen lässt, den man vor
allem aber mit einer aufgeschlagen Bibel lesen
sollte.