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A. A.

HOEKEMA

DER SIEBENTE TAG


Ellen G. White,
die Adventisten und der Sabbat

Christliche
Literatur-Verbreitung e.V.
Postfach 110135 · 33661 Bielefeld
1. Auflage 1995

Das vorliegende Buch ist ein Auszug aus:


The Four Major Cults
© 1963 by The Paternoster Press, Exeter, U.K.
© der deutschen Ausgabe 1995 by
CLV · Christliche Literatur-Verbreitung
Postfach 110135 · 33661 Bielefeld
Übersetzung: Hans-Werner Deppe
Umschlaggestaltung: Dieter Otten
Satz: Enns Schrift & Bild, Bielefeld
Druck: Druckhaus Gummersbach

ISBN 3-89397-242-0
INHALT

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

Teil I
Die Siebenten-Tags-Adventisten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
William Miller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
Hiram Edson . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
Joseph Bates . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
Ellen G. White . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
Die Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten . . . . . . . . . . . . 24
Die Quelle der Autorität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
Die Lehren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
Die Lehre von Gott . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
Die Lehre vom Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
Die Lehre von Christus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
Die Lehre von der Errettung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
Die Lehre von der Gemeinde und den Sakramenten . . . 64
Die Lehre von den letzten Dingen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74

Teil II
Die Sonderlehren im Licht der Bibel . . . . . . . . . . . . . . . 85
Das Untersuchungsgericht und die Lehre vom Sündenbock 87
Das Untersuchungsgericht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
Die Lehre vom Sündenbock . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
Die Lehre der Siebenten-Tags-Adventisten
über den Sabbat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
Die Lehre der Siebenten-Tags-Adventisten
über das Leben nach dem Tod . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
Die Seelenauslöschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
Die Vernichtung der Bösen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
5
Teil III
Die charakteristischen Merkmale von Sekten . . . . 151
Die charakteristischen Merkmale von Sekten . . . . . . . . . . . . . 159
Sind die Siebenten-Tags-Adventisten eine Sekte? . . . . . . . . . . 173

Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193

6
VORWORT
Ist es hilfreich, fair und zeitgemäß, das Werk eines angelsächsi-
schen Konfessionskundlers aus dem Jahr 1963 über die Sieben-
ten-Tags-Adventisten in deutscher Sprache herauszugeben,
obwohl sich – wie behauptet wird – in den vergangenen 30 Jah-
ren manches in dieser Gemeinschaft verändert hat?

Und es hat sich tatsächlich eine Menge geändert. Die frühere


schroffe Ablehnung der anderen Konfessionen, besonders der
röm.-kath. Kirche, dessen Oberhaupt in vergangenen Jahren
von den STA als „Antichrist“ mit der Zahl 666 in Verbindung
gebracht wurde, ist teilweise einer ökumenischen Öffnung
gewichen. In den Jahren 1965 – 1971 haben Lehrgespräche mit
der „Kommission für Glauben und Kirchenverfassung“ des
Ökumenischen Rates stattgefunden, die schließlich dazu
geführt haben, daß die Adventisten inzwischen einen „Beob-
achter-/Beraterstatus“ beim ÖRK einnehmen und offizielle
Beobachter zu den Tagungen und Beratungen des ÖRK senden.
Das hatte u.a. auch zur Folge, daß die Adventisten von der
„Konferenz Christlicher Gemeinschaften“ (WCG) nicht mehr
als Sekte, sondern als Kirche bezeichnet werden.

Inzwischen sind die Adventisten Gastmitglied der „Arbeits-


gemeinschaft Christlicher Kirchen“ (ACK), wurden in die „Ver-
einigung Evangelischer Freikirchen“ (VEF) aufgenommen und
selbst die Deutsche Evangelische Allianz hält eine Zusammen-
arbeit mit Adventisten nicht mehr für ausgeschlossen, so daß sie
an manchen Orten bereits in der Allianz mitarbeiten. Es werden
sogar Bücher der Adventisten von evangelikalen Verlegern
empfohlen und verbreitet, mit der Konsequenz, daß eine Be-
zeichnung als „Sekte“ sogar von manchen Evangelikalen als
diskriminierend und ungerechtfertigt angesehen wird.

Diese ökumenische Öffnung hat allerdings auch nicht geringe


interne Spannungen erzeugt, weil ein beachtlicher Teil der Ad-
7
Vorwort

ventisten im deutschsprachigen Raum in dieser Öffnung einen


Verrat an der eigentlichen Berufung der Adventisten als „Gottes
Gemeinde der Übrigen in diesen letzten Tagen“ [1] sehen. Die
Adventisten sind heute keine einheitliche Größe mehr. Ein libe-
raler Teil sucht die ökumenische Weite und Anerkennung als
Freikirche. Andere betonen mehr die Gemeinsamkeiten mit der
evangelikalen Bewegung und ihrem erwecklichen Anliegen.
Wieder andere fühlen sich mit dem Charismatischen Aufbruch
verbunden und sind durch ihre grundsätzliche Offenheit für
„Propheten“ und „Prophetinnen“ auch offen für die charisma-
tische „Prophetenbewegung“ und sogar für den „Toronto-
Segen“.

Diese grundsätzliche Öffnung der Adventisten hat neben sehr


bedenklichen Tendenzen auch einige positive Auswirkungen,
die wir nicht verkennen dürfen: Adventisten sind in ihrem
Anspruch etwas bescheidener und selbstkritischer geworden
und haben sich auch ihrerseits teilweise dem evangelikalen
Anliegen geöffnet. Darüber kann man sich nur freuen. Auch
wenn die „Prophetin“ Ellen G. White nach wie vor einen her-
vorragenden Platz in der adventistischen Literatur hat und auch
in jüngsten Veröffentlichungen betont wird, daß „Gott durch
die Visionen und Schriften von Ellen G. White zu seiner
Gemeinde spricht“[2], rückt bei vielen Adventisten das Wort
Gottes selbst mehr in den Mittelpunkt.

Wenn nun in diesem Buch von den Siebenten-Tags-Adventisten


als Sekte gesprochen wird, möchten wir das nicht so verstanden
wissen, als würden wir nicht die grundlegenden Unterschiede
zu den Zeugen Jehovas, Mormonen usw. anerkennen. Wir ken-
nen und schätzen viele Adventisten als Geschwister im Herrn,
welche die alleinige Autorität der Bibel betonen, ihr Vertrauen
einzig und allein auf die Erlösung durch das Blut Jesu setzen
und aufrichtig den Willen Gottes erkennen und tun möchten.
Dennoch sind wir davon überzeugt, daß bei aller erfreulichen
Bewegung in den adventistischen Kreisen nach wie vor an den
grundlegenden falschen Lehren festgehalten wird, die in diesem
8
Vorwort

Buch behandelt werden. Das neuere Buch von Robert Folken-


berg, des Präsidenten der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-
Adventisten, „Wir glauben noch!“ (Advent-Verlag, Hamburg
1994) ist ein Beweis dafür. Der 22. 10. 1844 wird weiterhin als
Datum anerkannt, an dem „Christus tatsächlich zum großen
Gericht im himmlischen Gerichtssaal, in dem sein Vater den
Vorsitz führt“[3] antrat, um die „abschließende Phase des Erlö-
sungsplanes“[4] einzuleiten.

Nach wie vor sehen sich die Adventisten als „Gottes Rest-
Gemeinde“ [5] nach Offbg. 12,17 mit dem besonderen Endzeit-
Auftrag, „die Botschaft der drei Engel aus Offbg. 14 zu verkün-
digen“[6].

Ebenso sehen Adventisten in der Sabbatheiligung „das sichtbare


Zeichen ihrer Gerechtigkeit“ [7] und erklären den Sabbat als
„Schlüsselfrage für die ganze Welt, weil in ihm unsere Erlösung in
Christus zeichenhaft verankert ist“ [8]. Und weiterhin wird die
Lehre von der Unsterblichkeit der Seele abgelehnt, das mosaische
Gesetz zum Maßstab für unser Leben erklärt und die Bedeutung
und Wichtigkeit der Visionen von Ellen G. White betont.

Die Mitgliedszahlen (inzwischen im Jahr 1995 auf ca. 8,2 Mil-


lionen angewachsen) und die Arbeitsweise der Adventisten
haben sich in den letzten Jahrzehnten tatsächlich verändert,
doch von den typischen Sonderlehren hat man bisher keinen
Abstand genommen. Daher halten wir diese gründliche Arbeit
von A.A. Hoekema für einen wichtigen und immer noch aktu-
ellen Beitrag zur gegenwärtigen Auseinandersetzung mit den
Adventisten, die hoffentlich dazu anregt, die Lehren dieser
Gemeinschaft und natürlich auch dieses Buches an den untrüg-
lichen Maßstäben der Heiligen Schrift zu messen.

Wolfgang Bühne

9
TEIL I

DIE SIEBENTEN-
TAGS -ADVENTISTEN
GESCHICHTE

William Miller

Obgleich William Miller (1782-1849) niemals der Bewegung der


Siebenten-Tags-Adventisten angehörte, hat deren Geschichte in
den Prophezeiungen Millers ihre Wurzeln. Miller wurde 1782
in Pittsfield, Massachusetts, geboren. Als er noch recht jung
war, zog seine Familie nach Low Hampton im Bundesstaat
New York, in der Nähe der Grenze zu Vermont. Miller wuchs
zwar in einem christlichen Elternhaus auf, wurde aber ein tota-
ler Skeptiker und verwarf die Bibel als göttliche Offenbarung.
Nach seiner Dienstzeit in der Armee, beschäftigte er sich mit
Landwirtschaft und wurde ein angesehenes Mitglied der Gesell-
schaft von Low Hampton. Im Jahre 1816 bekehrte er sich von
seinem Unglauben. Während der folgenden zwei Jahre studierte
er mit Hilfe einer Konkordanz eingehend die Bibel, jedoch
ohne dabei Kommentare zu Rate zu ziehen. 1818 schrieb er die
Schlußfolgerungen nieder, die er aus seinen Studien gezogen
hatte und die mit der Bemerkung endeten: „Nachdem ich zwei
Jahre lang in der Schrift geforscht habe, kam ich im Jahre 1818
so zu der ernsten Schlußfolgerung, daß in etwa 25 Jahren von
dieser Zeit an [1818] alle Ereignisse des gegenwärtigen Zeital-
ters abgelaufen sein werden.“ [1] Anders gesagt folgerte Miller
aus seinen Bibelstudien, daß die Welt im Jahre 1843 untergehen
würde.

Weil er Bedenken vor der Veröffentlichung einer derart bestür-


zenden Erkenntnis hatte, widmete er sich vier weitere Jahre
lang dem Bibelstudium, was ihn in seiner ursprünglichen Auf-
fassung weiter bestärkte. Auf den Wunsch eines Freundes hin
nahm er 1831 öffentlich zu seinen Ansichten Stellung. In der
folgenden Zeit wurde er immer wieder gebeten, Vorträge zu
halten, so daß er ab 1834 ein vollzeitlicher Baptistenprediger
wurde. Verständlicherweise waren die Themen seiner Predigten
13
Die Siebenten-Tags-Adventisten

in erster Linie die Prophetie und das Zweite Kommen Christi.


Ebenso verständlich ist, daß er schon bald viele Anhänger fand.

Die erwartete Wiederkunft der Herrn Jesus Christus vom Him-


mel war natürlich Bestandteil des „Zu-Ende-gehens“ der Ereig-
nisse der Welt. Zuerst gab Miller kein exaktes Datum für die
Wiederkunft Christi an, versicherte aber, daß dieses Ereignis
„ungefähr 1843“ auftreten werde. Später machte er jedoch die
etwas genauere Angabe, daß Seine Wiederkunft irgendwann
innerhalb des jüdischen Kalenderjahres vom 21. März 1843 bis
zum 21. März 1844 stattfinden werde. [2]

Wie erhielt Miller nun diese Daten? Im neunten Kapitel des


Buches Daniel, Verse 24-27, fand er die Prophezeiung der
„siebzig Wochen“, die dort als die Zeitspanne vorausgesagt
sind, die sich von dem Befehl, Jerusalem wieder aufzubauen
(Vers 25) bis zu der Zeit, wenn der Gesalbte weggetan werden
wird (Vers 26) erstreckt. Miller wählte als Anfangspunkt für
diese siebzig Wochen den Erlaß des Artaxerxes (auch Artasasta
genannt) aus Esra 7,11-26, der Esra erlaubte, nach Jerusalem
zurückzukehren. Das Erteilen dieses Erlasses war in seiner
Bibel (gemäß der Chronologie Usshers) auf das Jahr 457 v.Chr.
datiert. Er setzte voraus, daß in dieser Art von prophetischen
Schriften ein Tag mit einem Jahr gleichzusetzen sei. [3] Auf die-
ser Grundlage stünden siebzig Wochen, die dann gleich 490
Tage sind, für 490 Jahre. Und 490 Jahre nach 457 v.Chr. befin-
den wir uns im Jahre 33 n.Chr., dem Jahr, als, Ussher zufolge,
Christus gekreuzigt wurde.

Daniel 8,14 spricht von 2.300 Abende und Morgen, die verge-
hen müssen, bis das Heiligtum wieder gerechtfertigt sein wird.
Miller nahm an, die Wiederherstellung des Heiligtums, auf die
in dieser Weissagung angespielt wird, stünde für Christi Wie-
derkunft auf die Erde. Entsprechend den oben genannten Vor-
aussetzungen faßte er die 2.300 Abende und Morgen so auf, daß
sie für 2.300 Jahre stehen. Er nahm ebenfalls an, daß diese 2.300
Jahre zum selben Zeitpunkt begannen wie die siebzig Wochen.
14
Geschichte

Und 2.300 Jahre nach 457 v.Chr. befinden wir uns im Jahre
1843, das Jahr, in welchem, laut Miller, Christus wiederkommen
sollte. [4]

An dieser Stelle sollten wir uns darüber im klaren sein, daß diese
Berechnungen auf fünf unbewiesene Annahmen beruhen: (1) In
den prophetischen Schriften steht ein Tag immer für ein Jahr;
(2) die siebzig Wochen und die 2.300 Tage begannen zum glei-
chen Zeitpunkt; (3) dieser Zeitpunkt war das Jahr 457 v.Chr.; [5]
(4) bei der Berechnung des terminus ad quem (=spätestmögli-
cher Zeitpunkt) brauchen wir keineswegs die Tatsache berück-
sichtigen, daß der 21. März 0 v.Chr. in Wirklichkeit der 21. März
1 n.Chr. sein könnte und folglich die Berechnung um ein Jahr
falsch wäre; und (5) die Wiederherstellung des Heiligtums aus
Daniel 8,14 steht für die Wiederkunft Christi auf die Erde. [6]

Als das bezeichnete Jahr kam, blieb die Wiederkunft des Herrn
jedoch aus, und in den Reihen der sogenannten „Milleriten“
herrschte tiefe Enttäuschung. Miller, obwohl schockiert über
den Fehlschlag seiner Berechnungen, war sich immer noch
sicher, daß er recht hatte. Er sagte:

Müßte ich mein Leben noch einmal von vorn beginnen, mit
den selben Ansprüchen, die ich hatte, um vor Gott und den
Menschen ehrlich zu sein, würde ich alles genauso wieder
tun ... Ich bekenne meinen Fehler und gebe meine Enttäu-
schung zu; dennoch glaube ich immer noch, daß der Tag des
Herrn nahe ist, sogar vor der Tür steht, und ich ermahne
euch, liebe Brüder, wachsam zu sein und diesen Tag nicht
unversehens über euch kommen zu lassen. [7]

Im August 1844 rief Samuel S. Snow, einer der Führer der Mille-
riten, die sogenannte „Siebenten-Monats-Bewegung“ ins Leben.
Er war zu der Überzeugung gekommen, daß die 2.300 Tage aus
Daniel 8,14 nicht, wie Miller vorgeschlagen hatte, im Frühjahr
1844 beendet sein würden, sondern im Herbst dieses Jahres. Er
machte die genaue Voraussage, daß Christus am 22. Oktober
15
Die Siebenten-Tags-Adventisten

1844 wiederkehren würde, was das unserem Kalender entspre-


chende Datum des jüdischen Versöhnungstages in diesem Jahr
wäre. [8] Die „Siebenten-Monats-Bewegung“ – so benannt, weil
der Tishri, der Monat, in den der Versöhnungstag fällt, der sieb-
te Monat des jüdischen geistlichen Jahres ist – bekam sehr
schnell Aufschwung; zuvor hatten die meisten Anhänger Millers
diese neue Deutung der Prophezeiung über die 2.300 Tage ange-
nommen, einschließlich zu guter Letzt sogar Miller selbst. [9]
Als der 22. Oktober nahte, herrschte große Aufregung. In
Erwartung der Wiederkunft des Herrn im Laufe des Tages ver-
sammelten sich Gruppen von Milleriten in ihren Häusern und
Versammlungsstätten. Als der 22. Oktober sich dem Ende neigte
und Christus nicht wiedergekommen war, war die Enttäuschung
bei den Milleriten überwältigend. Tatsächlich wird dieser Tag in
ihrer Geschichte gewöhnlich als der Tag der „Großen Enttäu-
schung“ bezeichnet. [10] Viele gaben daraufhin den „Advent-
glauben“ auf, andere jedoch hielten weiter daran fest.

Hiram Edson

Wenn wir nun damit fortfahren, der Geschichte der Siebenten-


Tags-Adventisten nachzugehen, müssen wir unser Augenmerk
noch auf drei weitere Personen richten, die in der Entwicklung
dieser Bewegung Schlüsselrollen spielten. Der erste von ihnen
ist Hiram Edson aus Port Gibson im Bundesstaat New York
(nicht weit von Rochester). Am 22. Oktober 1844 traf sich eine
Gruppe von „milleritischen“ Gläubigen in Edsons Haus, etwa
eine Meile südlich von Port Gibson, um auf Christi Wieder-
kunft zu warten. Zu dieser Zeit gehörten der Arzt Dr. Franklin
B. Hahn und O. R. L. Crosier, ein Student Anfang zwanzig, zu
jenen engen Freunden Edsons. Am folgenden Morgen kehrten
die meisten der Gläubigen schwer enttäuscht in ihre Häuser
zurück. Mit denen, die geblieben waren, ging Edson zu seiner
Scheune, um zu beten. Sie beteten so lange, bis sie sich sicher
fühlten, daß ihnen Licht gegeben und ihre Enttäuschung aufge-
klärt würde. [11]
16
Geschichte

Nach dem Frühstück entschloß Edson sich aufzumachen, um


die anderen Adventisten mit der Zuversicht, die sie durch das
Gebet erhalten hatten, zu trösten. Edson und ein Begleiter (die
meisten Adventisten mutmaßen, es sei Crosier gewesen) gingen
auf ihrem Weg zu ihrer ersten Adresse über ein Maisfeld, das an
eine Farm angrenzt. An dieser Stelle zitiere ich nun aus einem
Manuskript, das Edson selbst geschrieben hat:

Wir machten uns auf, und als wir über ein großes Feld gin-
gen, wurde ich etwa in der Mitte des Feldes aufgehalten. Der
Himmel schien meinem Blick geöffnet, und ich sah klar und
deutlich, daß unser Hoherpriester, anstatt am zehnten Tag
des siebten Monats nach 2.300 Jahren aus dem Allerheilig-
sten des himmlischen Heiligtums auf diese Erde zu kommen,
Er an diesem Tag zum ersten Mal die zweite Abteilung dieses
Heiligtums betreten hat, und daß Er zuerst eine Aufgabe
im Allerheiligsten erfüllen muß, bevor Er auf diese Erde
kommt. [12]

Edson berichtete seinem Begleiter von der Vision, die ihnen


beiden eine Antwort des Herrn auf ihr Gebet vom Morgen zu
sein schien. Durch diese Vision leuchtete es Edson jetzt ein, daß
es ein himmlisches Heiligtum gibt, entsprechend dem irdischen
Heiligtum des Alten Testaments, welches ein Abbild des himm-
lischen war, und daß es in Christi himmlischen Dienst zwei
Phasen gibt, genauso wie es zwei solche Phasen in dem Dienst
der Priester im Heiligtum des Alten Testaments gegeben hat.
Anders ausgedrückt, es dämmerte ihm nun, daß Christus,
anstatt nach 2.300 Jahren aus dem Allerheiligsten des himmli-
schen Heiligtums auf diese Erde zu kommen, er einfach zum
ersten Mal von dem „Heiligtum“ des himmlischen Heiligtums
in das „Allerheiligste“ hinüber gegangen ist. Von daher hatte
Miller also nicht mit seinen Berechnungen falsch gelegen, son-
dern lediglich damit, daß er dachte, das Heiligtum, das nach
dem Ablauf von 2.300 Jahren wiederhergestellt werden sollte,
sei ein Heiligtum auf der Erde – oder, möglicherweise, die Erde
selbst.
17
Die Siebenten-Tags-Adventisten

Während der folgenden Monate machten sich Edson, Hahn und


Crosier selbst an ein eifriges Bibelstudium und beschäftigten
sich dabei besonders mit dem Dienst am Heiligtum wie er
sowohl im Alten Testament als auch im Hebräerbrief beschrie-
ben wird. Crosier schrieb seine Schlußfolgerungen zu diesem
Thema in einem Artikel nieder, der am 7. Februar 1846 im Day-
Star, einer adventistischen Zeitschrift in Cincinnati, erschien. In
dem Buch Prophetic Faith of our Fathers („Prophetischer Glau-
be unserer Väter“) gibt Froom einen Auszug aus diesem Artikel
wieder. [13] Crosier erklärt, daß wir in dem Werk Christi eine
Erfüllung des Werkes der alttestamentlichen Priester sehen müs-
sen. Mit den täglichen Verrichtungen dieser Priester, wenn sie
Gott die täglichen Opfer darbrachten und das Blut dieser
Schlachtopfer in das Heiligtum hinein trugen, es vor dem Vor-
hang sprengten oder es auf die Hörner des Rauchopferaltars
strichen, wurde nur Schuld von dem Volk auf das Heiligtum
übertragen (S. 1232). [14] Am Großen Versöhnungstag jedoch
wurde das Heiligtum gereinigt. Dieses geschah, so fuhr Crosier
fort, wenn der Hohepriester in das Allerheiligste eintrat und das
Blut des geopferten Bockes auf den Deckel der Bundeslade
sprengte (S. 1232). [15] Nachdem das Heiligtum so wieder gerei-
nigt worden war, wurden die Sünden des Volkes auf den Sün-
denbock gelegt, der dann in die Wüste weggeschickt wurde.
Demnach gab es in dem Dienst der alttestamentlichen Priester
zwei Phasen: Der erste (der tägliche Dienst am Heiligtum) führ-
te zur Vergebung der Sünden; der zweite (der jährliche Dienst
am Allerheiligsten) führte zur Tilgung der Sünden (S. 1232). [16]

Diese zwei Phasen des priesterlichen Dienstes, so fuhr Crosier


fort, sind ebenfalls an Christi Werk zu unterscheiden. Während
der Jahrhunderte des christlichen Zeitalters hätte Christus eine
Aufgabe erfüllt, die mit dem täglichen Dienst der Priester ver-
gleichbar sei, was zwar zur Vergebung, aber nicht zur Tilgung
der Sünden gereichte (S. 1233). Der Prozeß der Sündentilgung
begann erst am 22. Oktober 1844, als Christus das Allerheiligste
des himmlischen Heiligtums betrat – eine Handlung, die mit
dem Werk des Hohenpriesters am Versöhnungstag vergleichbar
18
Geschichte

ist. Nun, da die Reinigung des Heiligtums nicht vollendet sei,


bis die Sünden des Volkes auf den Sündenbock gelegt worden
sind – welcher, so erklärte Crosier, nicht Christus verkörpert,
sondern Satan – wird es Christi letzte Handlung Seines priester-
lichen Dienstes sein, die Sünden vom himmlischen Heiligtum zu
nehmen und sie auf Satan zu legen (S. 1233-34). Erst nachdem
dieses geschehen ist, wird Christus wiederkehren (S. 1234). [17]

Diese Vorstellung von Christi Eintritt in das himmlische Aller-


heiligste wurde später in der Geschichte der Adventisten zur
Lehre vom sogenannten „Untersuchungsgericht“ erweitert, die
wir später überprüfen wollen. Die Adventisten hatten jedenfalls
eine Erklärung für die „Große Enttäuschung“ und die Grundla-
ge für ihre späteren Lehren über Christi gegenwärtigen Dienst
im himmlischen Heiligtum gelegt. [18]

Joseph Bates

Eine zweite aus der ersten Zeit der Adventisten bekannte Per-
son ist Joseph Bates. Dieser Mann, der 21 Jahre lang zur See
gefahren war, schaffte es, vom Schiffsjungen zum Kapitän und
Schiffseigner aufzusteigen. An Bord eines Schiffes hatte er sich
zum christlichen Glauben bekehrt. Nach seiner Pensionierung
schlug er seinen Wohnsitz in Fair Haven in Massachusetts auf,
wo er der Christian-Connection-Church angehörte. Von 1839
an stand Bates im Vordergrund der Adventbewegung. Als er in
der Zeitschrift Hope of Israel, die in Portland im Bundesstaat
Maine erschien, einen Artikel von Thomas M. Preble über den
Sabbat gelesen hatte, war er zu der Überzeugung gelangt, daß
der eigentliche Sabbat, den die Christen zu halten haben, der
siebte Tag sei. [19]

Kurz zuvor war eine Gruppe von Adventisten in Washington


(New Hampshire) von einigen Siebenten-Tags-Baptisten dahin-
gehend beeinflußt worden, den siebten Tag als Sabbat zu halten.
Diese Idee war ursprünglich durch die Wirkung einer Frau –
19
Die Siebenten-Tags-Adventisten

Rachel Oakes – ausgelöst worden. Als frischgebackene Sieben-


ten-Tags-Baptistin wohnte sie an einem Sonntag im Winter
1834 in Washington einer adventistischen Abendmahlsfeier bei.
Als der Prediger Frederick Wheeler alle seine Zuhörer aufgeru-
fen hatte, „Gott zu gehorchen und stets alle seine Gebote zu
halten“, wollte Rachel Oakes beinahe Einspruch erheben. Hin-
terher sagte sie zum Prediger, sie hatte ihn bitten wollen, Brot
und Wein auf dem Abendmahlstisch wieder zuzudecken (d.h.
das Abendmahl auszusetzen), bis er gewillt wäre, wirklich alle
Gebote Gottes zu halten, einschließlich des vierten. Da Wheeler
wußte, daß Rachel Oakes eine Siebenten-Tags-Baptistin war,
versprach er ihr, über die Sabbatfrage einmal ernsthaft nachzu-
denken und in der Schrift zu forschen. Im März 1844 kam er zu
der Schlußfolgerung, daß der siebte Tag der eigentliche Sabbat
ist und begann ihn zu halten. Kurz darauf übernahmen auch die
Leiter der adventistischen Gruppen in Washington diese
Ansicht und fingen ebenfalls an, den siebten Tag zu begehen. So
waren also die Adventisten aus Washington in New Hampshire
die ersten, die den siebten Tag als Sabbat hielten. [20]

Nachdem Joseph Bates zu seiner Schlußfolgerung über den Sab-


bat gelangt war, hörte er von dem, was sich in Washington zuge-
tragen hatte und besuchte die dortigen Leiter, darunter auch
Frederick Wheeler. Durch diesen Besuch wurde Bates in seiner
Überzeugung im Blick auf den Sabbat weiter bestärkt. [21]

Anfang des Jahres 1846 schrieb Bates eine 48-seitige Abhand-


lung mit dem Titel Der Sabbat des siebenten Tages, ein beständi-
ges Zeichen. Er legte darin dar, der Sabbat sei in der Schöpfung
als Vorbild dargestellt, in Eden angeordnet und auf dem Berg
Sinai bestätigt worden. 1847 schrieb er eine zweite Ausgabe die-
ser Abhandlung, in welcher er die Botschaften der drei Engel
aus Offenbarung 14,6-12 behandelte. Der dritte in diesem
Abschnitt genannte Engel droht denen mit schrecklicher Bestra-
fung, die das Tier und sein Bild verehren und sein Malzeichen
auf ihren Stirnen annehmen (Vers 9). Indem er das Tier mit dem
Papsttum gleichsetzte und behauptete, dieses Papsttum hätte
20
Geschichte

den Sabbat vom siebten auf den ersten Tag verlegt, folgerte
Bates, daß diejenigen, die immer noch den ersten Tag als Sabbat
einhalten, das päpstliche Tier verehren und daher sein Malzei-
chen erhalten würden. Der Gehorsam gegenüber Gottes Gebo-
ten, der von dem dritten Engel gefordert wurde, so fuhr Bates
fort, bestünde insbesondere im Ehren des siebten Tages. [22]

Im Januar 1849 veröffentlichte Bates eine zweite Abhandlung


mit dem Titel Ein Siegel des lebendigen Gottes. Bates führte an,
daß, wie in Offenbarung 7 geschrieben steht, die Knechte Gottes
auf ihren Stirnen versiegelt sind und folgerte daraus, der Sabbat
am siebten Tag sei das Siegel Gottes, von dem hier gesprochen
wird. Weil in diesem Kapitel die Zahl der Versiegelten mit
144.000 angegeben wird, folgerte Bates, daß der „Überrest“, die-
jenigen, die Gebote Gottes gehalten haben – mit anderen Wor-
ten, die treuen Adventisten – nur 144.000 betragen wird. [23]

So kam es in der Adventistenbewegung dazu, besonderen Wert


auf die Einhaltung des siebten Tages als Sabbat zu legen.
Obwohl Bates’ Argumente über den Sabbat Ellen Harmon und
James White (die noch bedeutende Adventistenführer werden
sollten) zuerst nicht zusagten, nahmen sie später seine Meinung
an. [24] Deshalb wurde von den Adventisten von dieser Zeit an
gelehrt, das Halten des siebenten Tages sei das „Siegel Gottes“,
das charakteristische Kennzeichen aller wahren Gotteskinder.
Das Beobachten des ersten Tages der Woche als Tag des Herrn
wurde als eine Sünde bewertet, die für den Betreffenden die
Annahme des „Malzeichens des Tieres“ und das Trinken aus
der Zornesschale Gottes zur Folge haben würde.

Ellen G. White

Eine dritte wichtige Person, die eine führende Rolle in der


Geschichte der Siebenten-Tags-Adventisten spielte, war Ellen
G. White (1827-1915). Ellen Gould Harmon wurde 1827 in
Gorham im Bundesstaat Maine geboren, etwa 10 Meilen nörd-
21
Die Siebenten-Tags-Adventisten

lich von Portland. Als Ellen noch ein Kind war, zog ihre Fami-
lie nach Portland, wo sie dann Mitglieder der Chestnut Street-
Methodistengemeinde waren. Als Ellen neun Jahre alt war,
wurde sie auf dem Heimweg von der Schule von einem Stein,
den ein älteres Mädchen geworfen hatte, ins Gesicht getroffen.
Sie war drei Wochen lang bewußtlos; ihre Nase war gebrochen
und ihr Gesicht entstellt. „... Der Schock ihres Nervensystems
und die darauf folgende, ständig Komplikationen bereitende
Krankheit dauerten Jahre an, machten sie zu einem Invaliden
und bedeuteten eine ständige Bedrohung ihres Lebens.“ [25]

1840 und 1842 hielt William Miller in Portland Vorträge über


das Zweite Kommen des Herrn. Die Familie Harmon besuchte
diese Vorträge und nahm daraufhin die Lehren Millers an. Als
Konsequenz daraus wurden sie aus der Methodistengemeinde
ausgeschlossen. Es war dann nach der Großen Enttäuschung
von 1844, als Ellen ihre erste Vision hatte: Im Dezember jenes
Jahres, während eines Besuches bei Freunden mit einigen ande-
ren Frauen der Adventistenbewegung, sah sie, als sie im Gebet
kniete, in einer Vision die adventistischen Gläubigen über einen
erhellten Weg wandeln, um schließlich zu der leuchtenden Stadt
Gottes zu gelangen. Jesus war der Führer und Leiter dieser
Gruppe, die an Größe zunahm und zu einer großen Volksmen-
ge wurde. [26] Kurze Zeit später offenbarte ihr eine zweite Visi-
on, daß sie nun den anderen mitteilen sollte, was Gott ihr
gezeigt hatte, wenngleich auch kein Weg daran vorbei führe,
daß sie auf Unglauben und Verleumdung stoßen würde. [27] Sie
fing daraufhin an, öffentlich zu weissagen, zu beraten, zu lehren
und zu schreiben. Am 30. August 1846 heiratete sie James Whi-
te, einen jungen Adventistenprediger, der in der Bewegung der
Milleriten aktiv gewesen war. Aus dieser Ehe gingen vier Söhne
hervor. [28]

Schon bald hatte sich in der Gegend von Portland eine beträcht-
liche Anzahl von Adventisten gefunden, die feststellten, daß
Ellen White in einzigartiger Weise vom Heiligen Geist geführt
wurde, – ja, daß sie eine wahrhaftige Prophetin sei, deren Visio-
22
Geschichte

nen und Anweisungen zu befolgen seien. Auch andere Adventi-


sten unterwarfen sich allmählich der Führerschaft von Ellen G.
White.

Ihr Ehemann gab an, daß sie während der ersten Zeit ihres
Dienstes innerhalb von 23 Jahren ein- bis zweihundert „offene
Visionen“ hatte. Diese „offenen Visionen“ nahmen jedoch mit
den Jahren ab, und später erhielt sie die Unterweisungen durch
Mitteilungen in ihren wachen Stunden oder durch Träume. Fast
jeder Aspekt im Glauben und im Verhalten der Siebenten-Tags-
Adventisten wurde durch eine Vision oder eine Anweisung von
Ellen G. White gestützt oder eingegeben. Dementsprechend sah
sie im Februar 1845 in einer Vision Jesus in das Allerheiligste
des himmlischen Heiligtums eintreten, was die Vision Hiram
Edsons vom Oktober des vorhergehenden Jahres bestätigte.
[29] Am 7. April 1847 hatte sie eine Vision, in der sie zunächst
in das Heilige und dann in das Allerheiligste des himmlischen
Heiligtums geführt wurde. Dort sah sie die Bundeslade und
darin die Zehn Gebote. Das Sabbatgebot war dabei von einem
besonderen Glorienschein umgeben. [30] Die Lehren Joseph
Bates’ über den siebten Tag wurden also durch diese Vision
unterstützt. In ihren umfangreichen Schriften nahm Ellen G.
White Stellung zu solch vielseitigen Themen wie den Heilsplan
mit seinen verschiedenen Abschnitten, Kirchengeschichte,
Christliche Dogmatik, Familie und Gesellschaft, Gesundheit,
Bildung und Erziehung, Abstinenz, Evangelisation, Finanzen,
Weltmission, die Organisation der Gemeinde und die Inspirati-
on der Bibel. [31]

Die Haltung der heutigen Siebenten-Tags-Adventisten zu Ellen


G. White wird gut in dem folgenden Zitat deutlich, in welchem
Francis Nichol das zweite von zwei charakteristischen Merk-
malen, die die Adventistenbewegung auszeichnen, beschreibt:
„Der Glaube, daß Gott dieser Bewegung in Übereinstimmung
mit den prophetischen Vorhersagen in der Person Ellen G.
Whites und ihren Schriften eine Darreichung der prophetischen
Gabe gegeben hat.“ [32] Noch offizieller ist die folgende Aussa-
23
Die Siebenten-Tags-Adventisten

ge, die dem Artikel 19 der „Grundlegende Glaubenssätze der


Siebenten-Tags-Adventisten“ entnommen wurde:

Daß die Gabe des Geistes der Weissagung eines der kenn-
zeichnenden Merkmale der Überrestgemeinde ist ... Sie [die
Siebenten-Tags-Adventisten] stellen fest, daß diese Gabe
sich im Leben und im Dienst von Ellen G. White manife-
stierte. [33]

In einem späteren Abschnitt dieses Kapitels werden wir diese


Behauptung weiter untersuchen, um zu sehen, was für ein Licht
das auf die Frage nach der Autoritätsquelle der Siebenten-Tags-
Adventisten wirft.

Die Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten

Wir haben uns nun die Lehren von drei milleritischen Adven-
tisten angesehen: Die von Hiram Edson angeführte Gruppe im
westlichen Bundesstaat New York, die die Lehre vom himmli-
schen Heiligtum betonte, die Gruppe in Washington, New
Hampshire, zusammen mit Joseph Bates für die Einhaltung des
siebten Tages eintrat, und die Gruppe aus der Gegend von Port-
land in Maine, die verfocht, daß Ellen G. White eine wahrhafti-
ge Prophetin und ihre Visionen und Anweisungen von den
Adventisten zu befolgen seien. Diese drei Gruppen schlossen
sich zusammen und begründeten damit die Denomination der
Siebenten-Tags-Adventisten. [34] Es sollte angemerkt werden,
daß die von diesen Gruppierungen entwickelten Lehren (der
Sabbat, das Heiligtum und der Geist der Weissagung) den Aus-
gangspunkt für das Entstehen des als Siebenten-Tags-Adven-
tismus bekannten neuen theologischen Systems [35] bildeten,
und nach wie vor zu den charakteristischsten Lehren dieser
Bewegung zählen.

Durch die missionarischen Einsätze von Joseph Bates wurden


adventistische Gemeinschaften in Jackson und in Battle Creek
24
Geschichte

(beides Orte im Bundesstaat Michigan) gegründet; letztere


Stadt wurde bald darauf zum Sitz der ersten Zentrale der Bewe-
gung. 1860 nahm die Gruppierung den Namen Siebenten-Tags-
Adventisten als ihre offizielle Bezeichnung an; im Mai 1863
fand die erste Generalkonferenz mit Vertretern aus allen Bun-
desstaaten, ausgenommen Vermont, in Battle Creek statt. Des-
halb halten wir das Jahr 1863 als das Datum der offiziellen
Gründung der Denomination der Siebenten-Tags-Adventisten
fest. [36] 1903 wurden sowohl die Zentrale mit der Generalkon-
ferenz als auch die die adventistische Literatur herausgebenden
Verlage (Review und Herald Publishing Association) nach
Takoma Park, einem Vorort von Washington D.C., verlegt. [37]

Heute befindet sich die Generalkonferenz in Silver Spring,


Maryland.

Nachdem missionarische Arbeit in den westlichen und südli-


chen Gebieten der Vereinigten Staaten aufgenommen worden
war, begann eine Phase enormer Ausdehnung über die Grenzen
der USA hinaus, die dann 1903 im vollen Gange war. Missiona-
re der Siebenten-Tags-Adventisten wurden nach Europa, nach
Afrika, nach Australien, zu den pazifischen Inseln, nach Süd-
amerika, in den Orient, nach Südasien, Mittelamerika und in
den Mittleren Osten ausgesandt. [38] In ihrem Jahrbuch von
1961 schreiben die Siebenten-Tags-Adventisten, daß sie in 195
von den insgesamt 220 von den Vereinten Nationen registrierten
Staaten der Welt tätig seien, und daß demzufolge bisher ledig-
lich 25 Staaten noch nicht von ihnen missioniert wären. [39]

Dem selben Jahrbuch wurden die folgenden Angaben über ihre


Mitgliederzahlen entnommen. Diese Veröffentlichung nennt
eine weltweite Mitgliederzahl von 1.194.070 und eine Gesamt-
zahl von 12.707 Gemeinden (S. 343). [40] Wenn wir die Anga-
ben der Canadian Union Conference („kanadischer Verband“)
von denen der für Nordamerika angegebenen abziehen, erhal-
ten wir für die Vereinigten Staaten folgende Zahlen: 311.535
Mitglieder in 3.002 Gemeinden. Besonders interessant ist die
25
Die Siebenten-Tags-Adventisten

Feststellung, daß die weltweite Mitgliederzahl annähernd vier-


mal so hoch ist wie die der USA, oder anders ausgedrückt, daß
drei von vier Siebenten-Tags-Adventisten außerhalb der USA
leben. Es erübrigt sich, weiter herauszustellen, wie gewaltig die
missionarische Aktivität dieser Gemeinschaft ist. [41]

In dieser Denomination gibt es ungefähr 6.000 ordinierte und


über 3.000 lizensierte Geistliche. [42] „... Von den Siebenten-
Tags-Adventisten wird gesagt, sie hätten mehr in der Außen-
mission tätige Missionare als alle anderen Missionsgemeinschaf-
ten, ausgenommen die Methodisten, die etwas über 1.500
Missionare verzeichnen; die Adventisten haben mehr als 1.400
Missionare.“ [43] Es gibt 44 adventistische Verlagshäuser, die
309 Zeitschriften in 218 Sprachen herausgeben [44]; die Ge-
samtzahl der Sprachen, in denen nur mündlich gearbeitet wird,
wird mit 573 angegeben. [45]

Die Siebenten-Tags-Adventisten verfügen über ein Radiopro-


gramm mit dem Namen The Voice of Prophecy („Stimme der
Prophetie“) und eine Fernsehsendung mit dem Titel Faith for
Today („Glauben für diesen Tag“). Sie sind sehr im Bildungs-
und Gesundheitswesen engagiert; das Jahrbuch von 1961 zählt
4.426 Grund- und weiterführende Schulen, 333 Fach- und
Hochschulen, 106 Krankenhäuser und Sanatorien, 104 Kliniken
und Polikliniken und 26 Alten- und Waisenheime (S. 345).

Darüber hinaus sollte festgehalten werden, daß diese Bewegung


eine Reihe von Spaltungen erlebt hat. Die Denomination der
Siebenten-Tags-Adventisten ist die größte und schnellstwach-
sende Gruppe von Adventisten. Unter dem Stichwort „Adven-
tisten“ zählt Elmar T. Clark in der Twentieth Century Encyclo-
pedia of Religious Knowledge zusätzlich zu den Siebenten-
Tags-Adventisten sechs weitere adventistische Gruppierungen
auf. Von diesen ist die Advent Christian Church („Christliche
Adventgemeinde“), die 1951 etwa 30.000 Mitglieder zählt, die
größte.

26
DIE QUELLE DER AUTORITÄT

Die erste Frage, die wir behandeln werden, wenn wir die Leh-
ren der Siebenten-Tags-Adventisten untersuchen, ist die nach
der Quelle ihrer Autorität. Die wichtigsten Lehren der Sieben-
ten-Tags-Adventisten sind in einer Liste, die 22 Erklärungen
umfaßt und „Grundlegende Glaubenssätze der Siebenten-Tags-
Adventisten“ genannt wird, zusammengefaßt [46]. Artikel 1 die-
ser Grundlegenden Glaubenssätze lautet wie folgt:

Daß die Heiligen Schriften des Alten und des Neuen Testa-
ments durch die Inspiration von Gott gegeben wurden, sie
eine vollkommene Offenbarung Seines Willens für die Men-
schen enthalten und die einzige unfehlbare Anleitung des
Glaubens und seiner Ausübung sind (2 Tim 3,15-17).

Siebenten-Tags-Adventisten beantworten Fragen zur Lehre ist


eine neuere Darlegung der Lehren dieser Kirche, die von einer
„repräsentativen Gruppe von Adventistenleitern, Bibellehrern
und Herausgebern“ verfaßt wurde. Die Autoren erklären, daß
das Buch Antworten auf Fragen gibt, die über adventistische
Lehren aufgekommen sind, und daß diese Antworten innerhalb
der Systematik der Grundlegenden Glaubenssätze gegeben
werden, auf welches gerade Bezug genommen wurde. Sie
führen an, „Angesichts dieser Tatsache stellen diese Antworten
die Stellung unserer Denomination auf dem Gebiet der kirchli-
chen Lehren und Auslegungen der Prophetien dar“ (S. 8). Dar-
über hinaus wird gesagt, daß die Leiter („officers“) der Gene-
ralkonferenz der Siebenten-Tags-Adventisten diese Ausgabe
gutgeheißen und für den allgemeinen Gebrauch empfohlen
haben (S. 10). Folglich sollten wir dieses Buch als eine authenti-
sche und verläßliche Informationsquelle über die Lehren der
Siebenten-Tags-Adventisten ansehen. Wir wollen nun einmal
betrachten, was die Autoren über die Frage nach der Auto-
ritätsquelle zu sagen haben:
27
Die Siebenten-Tags-Adventisten

Die Siebenten-Tags-Adventisten nehmen die protestantische


Position ein, daß die Bibel und nur die Bibel der einzige
Maßstab für Glauben und Praxis der Christen ist. Wir
glauben, daß alle theologischen Glaubensaussagen an dem
Maßstab des lebendigen Wortes gemessen und nach seiner
Wahrheit gerichtet werden müssen, und was auch immer
diese Prüfung nicht bestehen kann oder als nicht in Einklang
mit dieser Botschaft stehend befunden wird, abgelehnt wer-
den muß. [47]

Bis hierher sieht es also so aus, als ob die Siebenten-Tags-


Adventisten mit allen konservativen Protestanten darin über-
einstimmen, daß die Bibel als die einzige Glaubens- und
Lebensgrundlage und als die ultimative Autoritätsquelle ange-
nommen wird.

Wenn jedoch die Frage gestellt wird, ob die Siebenten-Tags-


Adventisten die Schriften von Ellen G. White als auf gleicher
Ebene stehend wie die Schriften der Bibel betrachten, hören wir
Antworten wie die folgende:

1. Wir halten die Schriften von Ellen G. White nicht für


einen Zusatz zu dem heiligen Kanon der Schrift.
2. Wir betrachten sie nicht als zum allgemeinen Gebrauch
gedacht, wie es die Bibel ist, sondern als speziell für die Kir-
che der Siebenten-Tags-Adventisten.
3. Wir sehen sie nicht im gleichen Sinne an wie die Heilige
Schrift, die der einzig und allein gültige Maßstab ist, nach
dem alle anderen Schriften bewertet werden müssen. [48]

In einer weitergehenden Ausführung dieses Punktes fahren die


Autoren von Fragen zur Lehre fort:

Die Siebenten-Tags-Adventisten glauben übereinstimmend,


daß der Kanon der Bibel mit dem Buch der Offenbarung
abgeschlossen ist. Wir halten daran fest, daß alle anderen
Schriften und Lehren, aus welcher Quelle auch immer, von
28
Die Quelle der Autorität

der Bibel her bewertet werden müssen und ihr unterstellt


sind, denn sie ist der Ursprung und die Norm des christli-
chen Glaubens. Wir überprüfen die Schriften von Ellen G.
White anhand der Bibel, aber in keinster Weise prüfen wir
die Bibel anhand ihrer Schriften. [49]

Ja, diese Autoren belegen ihre Behauptung sogar durch Zitate


von Ellen G. White selbst, etwa wie die folgenden:

Ich empfehle dir, lieber Leser, das Wort Gottes als die Richt-
schnur deines Glaubens und deines Lebens anzuwenden.
Von diesem Wort müssen wir gerichtet werden. [50]

Der Bibel wird wenig Aufmerksamkeit geschenkt, und der


Herr hat ein kleineres Licht gegeben, um Männer und Frau-
en zum größeren Licht zu führen. [51]

Wie wir bereits oben bemerkt haben, behaupten die Siebenten-


Tags-Adventisten, daß Ellen G. White die Gabe der Prophetie
oder Weissagung hatte und daß diese Gabe der Prophetie eines
der kennzeichnenden Merkmale der Überrestgemeinde sei. [52]
Aus Offenbarung 12,17 leiten sie ab, daß diese Überrestgemein-
de „das Zeugnis Jesu“ hat und aus Offenbarung 19,10 schließen
sie, daß „das Zeugnis Jesu der Geist der Weissagung“ ist. Nun,
da der Geist der Weissagung (an dieser Stelle schreiben sie, im
Gegensatz zur King-James-Version, das Wort Geist mit Groß-
buchstaben) sich in der Gabe der Prophetie manifestiert, und
da, wie sie glauben, Ellen G. White diese Gabe der Prophetie
besaß, folgern sie, daß die Denomination der Siebenten-Tags-
Adventisten die Überrestgemeinde aus Offenbarung 12,17 sein
muß. [53] Obwohl sie Ellen G. White nicht die gleiche Stellung
wie den Schreibern des biblischen Kanons einräumen, verglei-
chen die Autoren von Fragen zur Lehre sie mit den „Propheten
und Boten, die zur Zeit der Schreiber des Alten und des Neuen
Testaments lebten, deren Äußerungen jedoch niemals ein Teil
des Kanons der Schriften gewesen sind“. [54] Die Beurteilung
Ellen G. Whites durch die Siebenten-Tags-Adventisten ist in
den folgenden Worten zusammengefaßt:
29
Die Siebenten-Tags-Adventisten

Wenn die Adventisten die Schriften von Ellen G. White auch


in höchsten Ehren halten, sind diese trotzdem nicht die Quel-
le für unsere Auslegungen. Wir gründen unsere Lehren auf die
Bibel, die einzige Grundlage aller wahren christlichen Lehre.
Wir glauben jedoch, daß der Heilige Geist ihrem Verstand
wichtige Begebenheiten eröffnet und sie berufen hat, be-
stimmte Anweisungen für diese letzten Tage zu erteilen. Und
insofern als diese Anweisungen, unserem Verständnis nach, in
Einklang mit dem Worte Gottes stehen, welches Wort allein
uns zur Errettung weise machen kann, nimmt unsere Deno-
mination sie als inspirierte Ratschläge des Herrn an. [55]

Wir nehmen dankbar zur Kenntnis, daß die Siebenten-Tags-


Adventisten behaupten, keine Schriften zur Heiligen Schrift
hinzuzufügen, und daß sie sich in dieser Hinsicht, zumindest
theoretisch, von einer Gruppe wie die Mormonen unterschei-
den. Trotzdem muß gesagt werden, daß ihr Gebrauch der
Schriften von Ellen G. White und ihr offenes Bekenntnis zu
ihrer „prophetischen Gabe“ mit dieser Behauptung nicht über-
einstimmen. Zur Erhärtung dieses Urteils biete ich die folgen-
den Überlegungen an:

(1) Obwohl die Siebenten-Tags-Adventisten behaupten, Ellen


G. Whites Schriften anhand der Bibel zu prüfen, [56] beharren
sie auf einer anderen Seite des gleichen Buches darauf, daß die
Anweisungen, die sie der Kirche gab, in Einklang mit dem Wort
Gottes stehen. [57] Die letzte Aussage wird in keinster Weise
eingeschränkt; sie sagen nicht, die meisten ihrer Anweisungen
stünden in Einklang mit der Bibel, oder ihre Anweisungen
stünden generell mit Gottes Wort in Einklang – sie sagen ein-
fach: „diese Anweisungen stehen, unserem Verständnis nach, in
Einklang mit dem Wort Gottes ...“ Diese letzte Behauptung
macht die vorhergehende in Wirklichkeit null und nichtig. Wie
kann jemand ehrlich vorgeben, die Schriften einer Person
anhand des Wortes Gottes zu prüfen, wenn er wie eine ausge-
machte Sache von vornherein voraussetzt, daß diese Schriften
mit diesem Wort in Einklang stehen?
30
Die Quelle der Autorität

(2) Obwohl die Siebenten-Tags-Adventisten behaupten, Ellen


G. Whites Schriften anhand der Bibel zu prüfen, bezeichnen sie
diese als „inspirierte Ratschläge vom Herrn“ und sagen, daß
„der Heilige Geist ihrem Verstand wichtige Begebenheiten
eröffnet und sie berufen hat, bestimmte Anweisungen für diese
letzten Tage zu erteilen“. [58] Wenn dieses der Fall ist, wer soll-
te dann ihre Schriften kritisieren? Wenn sie inspiriert sind, dann
müssen sie wahr sein. Wenn ihre Anweisungen vom Heiligen
Geist kommen, müssen sie wahr sein. Wie könnte es da jemand
wagen, in Erwägung zu ziehen, daß auch nur eine ihrer Anwei-
sungen der Schrift widersprechen könnte? Können denn vom
Heiligen Geist Botschaften kommen, die dem Wort widerspre-
chen, welches doch der selbe Geist inspiriert hat? Könnten
„inspirierte Ratschläge vom Herrn“ im Widerspruch zu den
Schriften des Herrn stehen? Wir müssen wiederum schließen,
daß die Siebenten-Tags-Adventisten durch ihre Darstellung der
Anweisungen Ellen G. Whites ihre Aussage, deren Schriften
anhand der Bibel zu prüfen, leugnen.

(3) Obwohl die Siebenten-Tags-Adventisten behaupten, Ellen


G. Whites Schriften anhand der Bibel zu prüfen, beharren sie
darauf, daß die Gabe der Prophetie, die sie besaß und mit der sie
ihre Gemeinschaft bereicherte, ein Kennzeichen der „Gemeinde
des Überrestes“ ist. [59] Das bedeutet, daß diese Gabe die Sie-
benten-Tags-Adventisten von allen anderen Gemeinschaften
unterscheidet. Aber andere christliche Gemeinschaften haben
ebenso die Bibel. Deshalb ist das, was die Siebenten-Tags-
Adventisten unterscheidet, das, was sie zusätzlich zu der Bibel
besitzen, nämlich die Gabe der Prophetie, wie sie bei Ellen G.
White in Erscheinung tritt. Wenn sie aber, wie sie vorgeben,
Ellen G. Whites Schriften anhand der Bibel prüfen, und die
Bibel wirklich ihre höchste Autorität ist, was haben sie dann
tatsächlich noch, was sie von anderen Gemeinschaften unter-
scheiden würde? An diesem Punkt wird es recht deutlich, daß
die Siebenten-Tags-Adventisten die Schriften von Ellen G.
White nicht wirklich anhand der Bibel prüfen, sondern sie
zusätzlich zur Bibel benutzen und daß sie in deren Gebrauch
31
Die Siebenten-Tags-Adventisten

eine Besonderheit sehen, die sie von anderen Gemeinschaften


unterscheidet.

(4) Obwohl die Siebenten-Tags-Adventisten behaupten, Ellen


G. Whites Schriften anhand der Bibel zu prüfen, bestehen sie
darauf, daß diese Schriften „nicht, wie die Bibel, für den allge-
meinen Gebrauch, sondern speziell für die Kirche der Sieben-
ten-Tags-Adventisten bestimmt sind“. [60] Aber, so fragen wir,
warum sind sie nicht zum allgemeinen Gebrauch bestimmt?
Wenn ihre Schriften doch anhand der Bibel geprüft worden
sind, dann sollten sie nichts enthalten, was der Bibel widerspre-
chen würde; wenn dieses zutrifft, warum sollten dann nicht alle
ihre Schriften zum allgemeinen Gebrauch bestimmt sein? War-
um sollten nicht alle Christen dazu verpflichtet sein, an sie zu
glauben, ebenso wie sie verpflichtet sind, an die Bibel zu glau-
ben? Wenn sie ihre Anweisungen vom Heiligen Geist erhalten
hat, warum sind sie dann nicht für jeden bestimmt? Ist das etwa
die übliche Vorgehensweise des Heiligen Geistes? Gibt Er denn
allein für eine Gruppe von Gläubigen Anweisungen und Rat-
schläge, die für andere nicht verbindlich sind? Anders gefragt,
wenn diese Anweisungen nicht zum allgemeinen Gebrauch
bestimmt sind, sind sie dann überhaupt vom Heiligen Geist?
Stehen sie wirklich in völliger Übereinstimmung mit der Bibel?

An diesem Punkt behaupten die Siebenten-Tags-Adventisten


tatsächlich, über eine besondere Quelle göttlicher Führung zu
verfügen, die nicht mit anderen Gemeinschaften von Gläubigen
geteilt wird. Besteht hierin nun wirklich noch ein großer Unter-
schied zu den Behauptungen der Mormonen?

(5) Obwohl die Siebenten-Tags-Adventisten behaupten, Ellen


G. Whites Schriften anhand der Bibel zu prüfen, widerlegt ihr
tatsächlicher Umgang mit ihren Schriften diese Behauptung.
Anstatt ihre Schriften auf Grundlage der Bibel zu prüfen,
benutzen sie Kommentare aus ihren Schriften, um ihre eigene
Schriftauslegung zu bestätigen. Ein typisches Beispiel für ihre
Vorgehensweise ist ihr Umgang mit dem sog. „Untersuchungs-
32
Die Quelle der Autorität

gericht“, einer Lehre mit Schlüsselfunktion für ihren Glauben.


Unter dem Titel „das Untersuchungsgericht als Teil des Pro-
gramms Gottes“ wird die Notwendigkeit dieses Untersuchungs-
gerichts (welches von Christus vor dem Ende der Welt abgehal-
ten wird) durch den Verweis auf zwei Schriftstellen „bewiesen“,
die sich eigentlich auf das Gericht vor dem Großen Weißen
Thron am Ende der Zeiten (Dan 7,10 und Off 20,12) beziehen.
Es wird kein Versuch unternommen, diese Verse zu erklären, sie
werden vielmehr nicht einmal zitiert – ein einfacher Verweis
wird für ausreichend angesehen. Kurz darauf wird jedoch ein
Abschnitt von Ellen G. White in voller Länge zitiert, um zu be-
weisen, daß es vor dem Gericht vor dem Großen Weißen Thron
ein Untersuchungsgericht geben muß:

Es muß eine Prüfung der Zeugnisbücher geben, damit be-


stimmt werden kann, wer durch Buße über seine Sünden und
Glauben an Christus berechtigt ist, der Wohltaten Seiner
Versöhnung teilhaftig zu werden. Deshalb macht die Reini-
gung des Heiligtums einen Akt der Untersuchung – einen
Akt des Gerichts – notwendig. Dieser Akt muß vor dem
Kommen Christi zur Erlösung Seines Volkes geschehen;
denn wenn Er kommt, wird die Vergeltung mit Ihm kom-
men, um einem jeden Menschen nach seinen Werken zu
geben. [61]

Ist das nun das Prüfen der Schriften von Ellen G. White anhand
der Bibel? Oder ist es nicht vielmehr ein Auslegen der Bibel
anhand ihrer Schriften?

Tatsache ist, daß die Siebenten-Tags-Adventisten mehr Zitate


von Ellen G. White bringen, als von irgendeinem anderen
Autoren. Fragen zur Lehre ist im Grunde genommen mit Zita-
ten von Ellen G. White übersät. Um ein Beispiel zu nennen,
Kapitel 6 von Fragen zur Lehre, in welchem „Die Fleischwer-
dung und der ‚Menschensohn‘“ abgehandelt wird, enthält Zita-
te von Ellen G. White in folgender Anzahl: Eins auf Seite 51,
eins auf Seite 53, zwei auf Seite 54, fünf auf Seite 55, eins auf
33
Die Siebenten-Tags-Adventisten

Seite 56, vier auf Seite 57, eins auf Seite 58, drei auf Seite 59,
zehn auf Seite 60, acht auf Seite 61, zwei auf Seite 62, eins auf
Seite 63 und zwei auf Seite 65! Die gleiche Vorgehensweise
kennzeichnet die anderen Schriften der Siebenten-Tags-Adven-
tisten. Walter Martin zitiert eine Stellungnahme von Wilbur M.
Smith, die hier auszugsweise wiedergegeben wird:

Ich kenne keine andere Denomination in der ganzen heuti-


gen Christenheit, die ihrem Gründer oder ihrem führenden
Theologen eine derart sklavische und ausschließliche Aner-
kennung zollt, wie sie gegenüber den Schriften von Ellen G.
White in diesem Kommentar [dem neuen Siebenten-Tags-
Adventisten Kommentar] zutage tritt. In diesem Werk steht
am Ende jeden Kapitels ein Abschnitt mit der Überschrift
„Ellen G. Whites Kommentare“. [62]

Als eine weitere Illustration davon, wie die Siebenten-Tags-


Adventisten die Schriften von Ellen G. White tatsächlich
gebrauchen, führe ich das Beispiel einer aktuellen Publikation
von ihnen an, die den Titel „Prinzipien des Lebens aus Gottes
Wort“ trägt. [63] Es ist ein für den Unterricht bestimmter Leit-
faden zu den grundlegenden Lehren der Siebenten-Tags-
Adventisten. Die angewendete Methode beruht auf Fragen und
Antworten. In der Regel wird eine Frage durch einen Hinweis
auf einen Bibelabschnitt beantwortet, worauf jeweils ein Zitat
aus einer der Schriften von Ellen G. White folgt. Häufig wird
als Antwort auf eine Frage gar keine Bibelstelle angegeben, son-
dern nur ein Zitat von Ellen G. White angeführt. Man kann
kaum eine Seite dieses Buches umblättern, ohne dabei auf einige
Zitate von Ellen G. White zu stoßen; sie ist im Grunde genom-
men neben der Bibel die einzige Autorität, die zitiert wird. In
wesentlicher Übereinstimmung mit der Konzeption des Buches
lautet ein Abschnitt aus der einleitenden Stellungnahme für den
Leser wie folgt:

Dieses neue Buch „Prinzipien des Lebens aus Gottes Wort“


wurde mit der ausdrücklichen Absicht geschrieben, Ihnen
34
Die Quelle der Autorität

die Informationen zu liefern, aufgrund derer Sie ihre alltägli-


chen Entscheidungen treffen und die schwierigen Probleme
des Lebens lösen können. Es wurde für Sie geschrieben. Die
meisten der angeführten Zeugnisse sind aus der Bibel oder
vom Geist der Weissagung – unsere zwei wichtigsten Quel-
len göttlicher Weisheit.

Der Ausdruck „der Geist der Weissagung“ im letzten Satz soll


die Schriften von Ellen G. White bezeichnen. Wenn diese Schrif-
ten in dieser Weise als eine ihrer „zwei wichtigsten Quellen gött-
licher Weisheit“ beschrieben werden, betrachten die Siebenten-
Tags-Adventisten die Lehre von Ellen G. White dann nicht
tatsächlich als eine zweite Autoritätsquelle neben der Bibel?

Ebenso bemerkenswert ist, daß wir nirgends in der adventisti-


schen Literatur von einem Zugeständnis lesen, daß Ellen G.
White möglicherweise in irgendeinem Punkt der Lehre geirrt
haben könnte. In seinem Buch Ellen G. White and her Critics
(„Ellen G. White und ihre Kritiker“) schreibt Francis D. Nichol
sehr weitschweifig, um Ellen G. White vor verschiedenen
Anschuldigungen zu verteidigen, die gegen sie vorgebracht
wurden, aber er zieht auf seinen 703 Seiten an keiner Stelle in
Erwägung, daß Ellen G. White in einer Lehraussage geirrt
haben könnte. In einem Fall räumt er ein, daß sie falsch lag, aber
dies betraf keine Lehraussage; es war, so erklärt Nichol, ein per-
sönliches Urteil. [64] Erscheint es uns wohl glaubwürdig, daß
eine Frau, die so viele Bände von Schriftauslegung und Lehr-
kommentaren geschrieben hat wie Ellen G. White, sich niemals
geirrt hat?

Um diesen Punkt weiter zu erhärten, zitiere ich D. M. Can-


right, der zwanzig Jahre lang Siebenten-Tags-Adventist war,
diese Gemeinschaft jedoch verlassen hat, weil er zu der Über-
zeugung kam, daß er sich getäuscht hatte. Canright, der persön-
lich mit Ellen G. White und ihrem Mann bekannt war und
daher über diese Bewegung Wissen aus erster Hand besaß, hat
seine Einwände gegen die Siebenten-Tags-Adventisten in einem
35
Die Siebenten-Tags-Adventisten

Buch mit dem Titel Seventh-Day Adventism Renounced („Los-


sage vom Siebenten-Tags-Adventismus“) dargelegt. [65] In die-
sem Buch zitiert er eine Aussage Ellen G. Whites, in welcher sie
ihre Schriften mit denen der Apostel und Propheten gleichsetzt:
„In früheren Zeiten sprach Gott durch die Münder der Prophe-
ten und Apostel zu den Menschen. In diesen Tagen spricht er zu
ihnen durch das Zeugnis seines Geistes.“ [66] Canright führt
weiterhin eine Darlegung zu diesem Phänomen aus dem adven-
tistischen Review vom 2. Juli 1889 an: „Wir [die Siebenten-Tags-
Adventisten] werden das Studium der Bibel und der Zeugnisse
nicht vernachlässigen.“ Er fügt folgenden Kommentar an:

Dieses Zitat veranschaulicht, welche Stellung sie ihren [Ellen


G. Whites] Schriften zuweisen, nämlich der eines Anhangs
zur Bibel. Sie steht in dem gleichen Verhältnis zu ihren
Anhängern, wie Mrs. Southcott zu den ihren, Ann Lee zu
den Schäkern und Joseph Smith zu den Mormonen. [67]

Canright fährt fort und sagt, daß jeder in der adventistischen


Bewegung, der die „Zeugnisse“ von Ellen G. White ablehnt
oder ihnen etwas entgegenstellt, als ein gegen Gott kämpfender
Aufrührer gebrandmarkt wird. [68] Er stellt fest:

Es gibt weder eine Lehre, noch einen Brauch der Kirche, von
dem Halten des Sabbats bis zur Fußwaschung, über die sie
nicht geschrieben hätte. Sie bestimmt darüber. In keinem
dieser Punkte können weitere Untersuchungen gemacht
werden, es sei denn, um Bestätigungen zu sammeln und alles
so auszulegen, daß es aufrechterhalten wird. Wie können
dann ihre Geistlichen oder ihre Anhänger die Freiheit haben,
selbständig zu denken und zu forschen? Sie können es nicht,
sie wagen es nicht und sie tun es nicht. [69]

Auf einer vorhergehenden Seite sagt er:

Bei ihnen [den Siebenten-Tags-Adventisten] wird sie [Ellen


G. White] so zitiert, wie Paulus bei uns. Ein Auszug aus
36
Die Quelle der Autorität

ihren Schriften macht allen Kontroversen in der Lehre und


der Zucht ein Ende. Oft hört man sie sagen, daß, wenn sie
ihre Visionen aufgäben, sie die Bibel ebenso aufgeben wür-
den, und oftmals tun sie es auch. [70]

Ist es dann verwunderlich, daß Canright sich gezwungen sieht


zu behaupten:

„Demnach haben sie [die Siebenten-Tags-Adventisten] eine


andere Bibel, genauso wie die Mormonen. Sie müssen unsere
alte Bibel im Lichte dieser neuen Bibel lesen.“ [71]

Man kann natürlich verstehen, daß Canright einer Bewegung,


die er selbst verlassen hat, sehr kritisch gegenübersteht. Selbst
wenn wir einige Übertreibungen in seinen Äußerungen anneh-
men, genügen jedoch die Darlegungen der Siebenten-Tags-
Adventisten in ihrem aktuellen Lehrbuch und ihr Umgang mit
den Schriften von Ellen G. White, um die Schlußfolgerung zu
bestätigen, daß die Siebenten-Tags-Adventisten in Wirklichkeit
die Schriften von Ellen G. White über die Bibel stellen, wenn-
gleich sie auch behaupten, es nicht zu tun. Was ihre theologi-
sche Position wirklich bestimmt, ist nicht das behutsame,
objektive, gelehrte Studium der Schrift, sondern die Lehren und
Visionen von Ellen G. White, welche für sie die höchste Beru-
fungsinstanz darstellen. Was die Frage nach ihrer Autori-
tätsquelle betrifft, müssen wir deshalb, so leid es uns tut, daran
festhalten, daß sich die Siebenten-Tags-Adventisten nicht vor
der Schrift als die letztendliche Autorität in den Fragen der
Lehre und des Lebens beugen. [72]

37
DIE LEHREN

Die Lehre von Gott

Das Wesen Gottes


In der Lehre über das Wesen Gottes unterscheiden sich die Sie-
benten-Tags-Adventisten nicht vom herkömmlichen Christen-
tum. Wir sind dankbar, daß sie in dieser Hinsicht in keinster
Weise mit den Mormonen, Christlichen Wissenschaftlern oder
den Zeugen Jehovas vergleichbar sind, die alle die Lehre der
Dreieinigkeit ablehnen. Die Siebenten-Tags-Adventisten
bestätigen die Lehre der Dreieinigkeit ausdrücklich, wie es
Artikel 2 ihrer Grundlegenden Glaubenssätze zeigt:

Daß die Gottheit, oder Dreieinigkeit, aus dem Ewigen Vater,


einem persönlichen, Geistwesen, allmächtig, allgegenwärtig,
allwissend, unendlich in Weisheit und Liebe, dem Herrn
Jesus Christus, dem Sohn des Ewigen Vaters, durch welchen
alle Dinge geschaffen wurden und durch welchen die Erret-
tung der erlösten Schar vollendet wird, und dem Heiligen
Geist, der dritten Person der Gottheit, die große erneuernde
Kraft im Erlösungswerk, besteht (Mt 28,19).

Aus dieser Darlegung ist ersichtlich, daß die Persönlichkeit und


Unendlichkeit von Gott dem Vater ebenso wie die Persönlich-
keit und volle Göttlichkeit des Heiligen Geistes klar bestätigt
werden. Die Göttlichkeit Jesu Christi, die schon in Artikel 2
implizit genannt wurde, wird schlicht und ergreifend in Artikel
3 geltend gemacht: „Daß Jesus Christus wahrer Gott und glei-
cher Natur und gleichen Wesens wie der Ewige Vater ist.“

Gottes Werke
Ratschlüsse. Die Siebenten-Tags-Adventisten geben zwar vor,
weder eine calvinistische noch eine völlig arminianische (nach
38
Die Lehren

dem niederl. Reformator Arminius; die Arminianer übten hefti-


ge Kritik an der calvinistischen Prädestinationslehre, die sie
zugunsten der menschlichen Freiheit abschwächen; Anm. d.
Übers.) Theologie zu haben [73], aber eine sorgfältige Untersu-
chung ihrer Schriften macht deutlich, daß sie die calvinistische
Sichtweise der Ratschlüsse Gottes klar ablehnen. Sie lehnen
ausdrücklich die Position ab, daß die Menschen „nicht alle mit
dem gleichen Schicksal erschaffen wurden, sondern für einige
das ewige Leben vorherbestimmt ist und für andere die ewige
Verdammnis“. [74] Es scheint, als würde aus ihrer Ablehnung
dieses Standpunktes folgen, daß sie glaubten, alle Menschen sei-
en mit einem ähnlichen Schicksal erschaffen worden, und die
verschiedenen Schicksale der Menschen seien auf keinerlei Wei-
se vorherbestimmt. Wie auf einer anderen Seite ausführlich dar-
gelegt wird, besagt ihre Einstellung zu dieser Frage, daß Gott
von dem Seelenheil der Erretteten zwar vorher gewußt, es aber
nicht vorbestimmt hat:

... weil unser ewiger Allerhöchster Gott allwissend ist. Er


kennt das Ende von Anfang an. Sogar bereits vor der Schöp-
fung wußte Er, daß die Menschen sündigen würden und daß
Er einen Retter brauchen würde. Außerdem wußte Er als
Allerhöchster Gott, wer Seine „große Errettung“ annehmen
und wer sie ablehnen wird. [75]

In einem vorhergehenden Abschnitt des Buches bekräftigen sie


in Einklang hiermit ihren Glauben, „daß es dem Menschen frei
ist, das Rettungsangebot durch Christus zu ergreifen oder abzu-
weisen; wir glauben nicht, daß Gott einige Menschen zur Erret-
tung und andere zum Verlorensein vorherbestimmt hat“. [76]

Diese Position, daß Gott vorhergesehen hat, wer glauben wird,


aber die Entscheidungen der Menschen nicht vorbestimmt hat,
ist exakt die arminianische und nicht die calvinistische Sichtwei-
se. Daher ist es richtiger, in dieser Frage die Siebenten-Tags-
Adventisten den Arminianern zuzuordnen, als sie, wie sie es
selbst tun, irgendwo zwischen dem Calvinismus und dem Armi-
nianismus anzusiedeln.
39
Die Siebenten-Tags-Adventisten

Schöpfung. Die Siebenten-Tags-Adventisten glauben, „daß Gott


die Welt in sechs 24-Stunden-Tagen erschaffen hat“ und merken
an: „wir glauben nicht, daß die Schöpfung in langen Zeitaltern
evolutionärer Prozesse vollzogen wurde.“ [77] Deshalb kämp-
fen sie energisch gegen die verschiedenen Evolutionslehren,
ebenso wie gegen die Vorstellung, der Schöpfungsprozeß hätte
große Zeiträume benötigt. [78]

Vorsehung. Der Glaube an die göttliche Vorsehung wird von


den Siebenten-Tags-Adventisten klar vertreten: „... Gott ist der
über alles erhabene Schöpfer, Erhalter und Gesetzgeber des Uni-
versums, und Er ist ewig, allmächtig und allgegenwärtig.“ [79]

Die Lehre vom Menschen

Der Mensch in seinem ursprünglichen Zustand


Die Erschaffung des Menschen. Die Siebenten-Tags-Adventi-
sten erkennen den Schöpfungsbericht über die Erschaffung des
Menschen vollständig an. Wie es auch in 1. Mose 1,26 geschrie-
ben steht, lehren sie, daß der Mensch in dem Bilde Gottes er-
schaffen wurde. Carlyle B. Haynes, einer ihrer Autoren, erklärt,
was „in dem Bilde Gottes“ bedeutet: Der Mensch hatte einen
freien Willen, die Fähigkeit zu intelligentem Handeln, die Voll-
macht, über die Erde zu herrschen und es war ihm gegeben, sei-
nen Schöpfer zu kennen, zu lieben und ihm zu gehorchen. [80]

Das angeborene Wesen des Menschen. Die Siebenten-Tags-


Adventisten sind der verbreiteten Auffassung, der Mensch
bestünde aus einer Zweiheit, dem materiellen Teil, dem Leib
und dem nichtmateriellen Teil, der Seele oder dem Geist, sehr
kritisch gegenüber eingestellt. Da ihre Ansichten bezüglich die-
ses Themas sich sowohl auf das angeborene Wesen des Men-
schen als auch auf das Leben nach dem Tod beziehen, sollten
wir an dieser Stelle anfangen, ihre Lehren hinsichtlich dieser
Frage zu untersuchen. Wir werden jedoch darauf zurückkom-
men, wenn wir ihre Lehre über die letzten Dinge behandeln.
40
Die Lehren

In Fragen zur Lehre lesen wir auf Seite 23 folgendes: „... Dem
Menschen war von der Schöpfung her bedingte Unsterblichkeit
gegeben. Wir glauben nicht, daß dem Menschen Unsterblich-
keit angeboren war, oder daß er eine unsterbliche Seele hatte.“
Um zu verstehen, was die Siebenten-Tags-Adventisten mit dem
Begriff Seele meinen, müssen wir uns die Antwort zu Frage 40
des o.a. Buches anschauen. Auf Grundlage der Untersuchungen
sowohl des hebräischen Wortes nephesch als auch des griechi-
schen Wortes psyche, die in der Bibel verwendet wurden,
schließen die Autoren dieses Buches, die Anwendung keines
dieser beiden Wörter deute darauf hin, daß es eine bewußte
Wesenheit gibt, die den leiblichen Tod überdauere. [81] Sie
betonen, daß Seele sich in der Bibel mehr auf die Person an sich
bezieht als auf einen besonderen Teil der Person und es deshalb
richtiger sei davon zu sprechen, daß eine bestimmte Person eine
Seele ist und nicht eine Seele hat. [82] „Die Schrift lehrt“, so fas-
sen die Autoren zusammen, „daß die Seele des Menschen den
gesamten Menschen darstellt, und nicht einen einzelnen Teil,
der von den anderen Bestandteilen des Menschen unabhängig
ist. Darüber hinaus kann die Seele nicht getrennt vom Leib exi-
stieren, weil der Mensch eine Einheit ist.“[83]

Worauf diese Autoren hinaus wollen, ist daß es, ihrer Meinung
nach, keine Seele gibt, die nach dem leiblichen Tod weiterlebt.
Diesen Punkt stellt Carlyle Haynes ganz klar heraus. Ausge-
hend von 1. Mose 2,7 („Gott der Herr bildete den Menschen aus
dem Staub vom Erdboden und hauchte in seine Nase Atem des
Lebens, und der Mensch wurde eine lebendige Seele“. Übers. n.
King-James-Version) sagt Haynes:

Die Verbindung zweier Dinge, Erdboden und Atem, diente


dazu, eine dritte Sache entstehen zu lassen, die Seele. Die
Fortdauer der Existenz der Seele hängt gänzlich von der Fort-
dauer der Verbindung von Atem und Leib ab. Wenn diese
Verbindung aufgelöst wird und der Atem sich vom Leib
trennt, wie es beim Tod geschieht, hört die Seele auf zu exi-
stieren. [84]
41
Die Siebenten-Tags-Adventisten

Die Autoren von Fragen zur Lehre erläutern ebenfalls, wie der
Begriff Geist in der Bibel verwendet wird. Nach einer kurzen
Wortstudie des hebräischen Wortes ruach und des griechen
Wortes pneuma folgern sie, daß keines der beiden Worte jemals
eine eigenständige Wesenheit bezeichnet, die imstande wäre,
getrennt vom materiellen Leib bewußt zu existieren. [85] Die
Schlußfolgerung ihrer Untersuchungen zu diesem Thema ist:
„Die Siebenten-Tags-Adventisten glauben nicht, daß dem
ganzen Menschen oder irgendeinem Teil von ihm angeborene
Unsterblichkeit eigen ist.“ [86]

Der Mensch nach dem Sündenfall


Der Sündenfall. Die Siebenten-Tags-Adventisten lehren, „daß
der Mensch frei von Sünde erschaffen wurde, aber durch seinen
Sündenfall in einen Zustand der Entfremdung und Verderbtheit
geriet“. [87]

Die Erbsünde. Die Siebenten-Tags-Adventisten lehren, daß die


Auswirkungen von Adams Sünde an alle nachfolgenden Gene-
rationen weitergegeben wurden.

Sünde ... wird vererbt. Die Menschen werden als Sünder


geboren. Adams Wesen wurde wegen seines Ungehorsams
umgewandelt. Er war nicht mehr länger ein heiliges und
rechtschaffenes Geschöpf, sondern ein sündiges Wesen. Und
dieses sündige Wesen mußte notwendigerweise als Erbe an
seine Kinder weitergegeben werden. [88]

Branson erläutert darüber hinaus, daß Adams Nachkommen


zusätzlich zu dieser vererbten Sünde noch die Schuld ihrer eige-
nen Übertretungen hinzufügten. Deshalb unterscheiden die Sie-
benten-Tags-Adventisten, wie die meisten anderen christlichen
Gruppierungen auch, zwischen der Erbsünde und tatsächlich
begangener Sünde.

Wird die Frage gestellt, welche Auswirkung diese sündige


Natur auf die Möglichkeit des Menschen hat, die Erlösung
42
Die Lehren

durch Christus anzunehmen, ist es schwierig, eine eindeutige


Antwort zu erhalten. Einerseits lehren die Siebenten-Tags-
Adventisten, daß der Mensch in seiner Sünde tot ist und daß
deshalb sogar der auslösende Anreiz für das Trachten nach
einem besseren Leben von Gott kommen muß. [89] Anderer-
seits behaupten sie, „daß der Mensch die freie Entscheidung
hat, das Angebot der Errettung durch Christus anzunehmen ...“
[90] Wenn wir diese beiden Darstellungen zusammen betrach-
ten, kommen wir zu dem Ergebnis, daß der auslösende Anreiz
für das Trachten nach einem besseren Leben irgendwie jedem
Menschen zuteil werden muß, oder zumindest denjenigen, wel-
che die Frohe Botschaft hören, und daß der Mensch daraufhin
seine eigene Wahl treffen muß, wie er auf diesen Anreiz rea-
giert. Das für die Entscheidung darüber, wer gerettet werden
wird, ausschlaggebende Moment ist daher nicht Gottes souve-
räne Gnade, sondern die freie Wahl des Menschen. Der Stand-
punkt der Siebenten-Tags-Adventisten bezüglich dieser Fra-
gestellung ist also einmal mehr in grundlegender Weise der
arminianische. [91]

Die Lehre von Christus

Die Person Christi


Die Gottheit Christi. Wie wir bereits festgestellt haben, beken-
nen die Siebenten-Tags-Adventisten eindeutig die Göttlichkeit
Christi. Ihr Standpunkt in bezug auf Christus ist in Artikel 3
ihrer Grundlegenden Glaubenssätze zusammengefaßt:

Daß Jesus Christus wahrer Gott und gleicher Natur und glei-
chen Wesens wie der Ewige Vater ist. Er bewahrte Sein göttli-
ches Wesen und nahm zugleich Menschengestalt an, lebte auf
Erden wie ein Mensch, setzte uns mit Seinem Leben ein Bei-
spiel in den Prinzipien der Gerechtigkeit, bestätigte durch
viele großartige Wunder Seine Beziehung zu Gott, starb am
Kreuz für unsere Sünden, erstand von dem Tod und stieg auf
zum Vater, wo Er Sich als Fürsprecher für uns verwendet.
43
Die Siebenten-Tags-Adventisten

Wir stellen fest, daß an der Fleischwerdung Christi unmißver-


ständlich festgehalten wird, daß Seine Wundertaten auch als sol-
che angesehen werden und daß Sein stellvertretender Tod, Seine
Auferstehung, Seine Himmelfahrt und Sein Mittleramt allesamt
bestätigt werden. Bis hierher sieht es so aus, als ob es zwischen
ihrer Lehre und der des herkömmlichen Christentums keinen
Unterschied gäbe.

Die Siebenten-Tags-Adventisten sehen in dem biblischen Na-


men Michael nicht einen geschaffenen Engel, sondern den Sohn
Gottes vor Seiner Fleischwerdung; [92] sie unterscheiden sich
jedoch darin von den Mormonen, die Michael als eine Bezeich-
nung für die von ihnen gelehrte Präexistenz Adams interpre-
tieren. Obwohl einige der frühen adventistischen Autoren
behaupteten, der Sohn sei dem Vater nicht völlig gleich und
muß in ferner Vergangenheit einen Anfang gehabt haben (eine
Form des Arianismus), erklärt die Gemeinschaft heute offiziell
Christi völlige Gleichheit mit dem Vater und die ewige Existenz
des Sohnes von allen Zeiten her. [93]

Die menschliche Natur Christi. Viele Autoren behaupten, die


Siebenten-Tags-Adventisten würden lehren, daß Christus mit
Seiner Fleischwerdung eine verdorbene menschliche Natur
annahm. Diese Behauptung wird z.B. von John H. Gerstner in
seinem Buch Theology of the Major Sects („Theologie der größ-
ten Sekten“) (S. 127) vertreten, wo er einige Zitate anführt, um
seinen Standpunkt zu unterstützen. Walter Martin wiederum
führt dagegen an, daß die Siebenten-Tags-Adventisten neuer-
dings diese Sichtweise verwerfen und Fragen zur Lehre zur
aktuellen Beantwortung dieser Fragestellung herangezogen
werden müsse; wenn jemand weiter an dieser Meinung festhal-
te, sei es nicht fair, da er sich auf unzulässige Quellen stütze.
[94] Was sollen wir nun davon halten?

Wenn man die Seiten 53-64 von Fragen zur Lehre aufmerksam
liest, erhält man unweigerlich den Eindruck, daß die Autoren
dieses Buches die Vorstellung ausdrücklich auszumerzen versu-
chen, Christus habe der Lehre der Siebenten-Tags-Adventisten
44
Die Lehren

nach eine verdorbene menschliche Natur angenommen. Sowohl


direkt auf diesen Seiten als auch in den Anmerkungen im Anhang
am Ende des Buches werden in großer Zahl Zitate von Ellen G.
White angeführt. Dadurch soll sichergestellt werden, daß Ellen
G. White auch wirklich sagen wollte, Christus habe nicht eine
sündige menschliche Natur gehabt, sondern die menschliche
Natur angenommen, die als solche durch die Sünde geschwächt
war. Es werden Erklärungen von Ellen G. White zitiert, in denen
sie darlegt, daß Christus, obwohl Er die menschliche Natur in
ihrem gefallenen Zustand annahm, nicht im geringsten an ihrer
Sünde teilnahm, und daß die vollkommene Sündlosigkeit der
menschlichen Natur Christi nicht angezweifelt werden sollte.
[95] Ein weiteres Zitat lautet: „Stellt Ihn [Christus] nicht als
einen Menschen hin, der Neigungen zur Sünde hat ... Er hätte
sündigen können; Er hätte fallen können, aber in keinem einzi-
gen Augenblick gab es bei Ihm eine Tendenz zum Bösen.“ [96]
An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, daß christliche
Theologen gewöhnlich betonen, wir dürften nicht sagen, Chri-
stus habe sündigen können. Wir befinden uns hier bereits bei der
Frage nach der Realität von Christi Versuchung. Wenn ich auch
glaube, daß es angebrachter ist zu sagen, Christus konnte nicht
sündigen, als zu behaupten, Er hätte sündigen können, liegt hier
nicht die eigentliche Problematik der adventistischen Lehre.

Ungeachtet des lobenswerten Versuchs der Autoren von Fragen


zur Lehre, alle Zweideutigkeit bezüglich dieser Fragestellung
auszuräumen, verbleiben einige echte Schwierigkeiten mit der
Frage nach der Sündlosigkeit von Christi menschlicher Natur.
Eine dieser Schwierigkeiten ist, daß Ellen G. Whites Lehren
hierzu in sich widersprüchlich sind. Auf den Seiten 61 und 654
von Fragen zur Lehre werden die folgenden Darlegungen von
ihr mit Zustimmung zitiert: „Er [Christus] nahm unsere sünd-
hafte Natur in Seine sündlose Natur auf.“ [97] Eine nähere
Untersuchung dieser Aussage führt uns zu der Einsicht, daß
Christus, nach Ellen G. Whites Behauptung, zusätzlich zu sei-
nem göttlichen, sündlosen Wesen eine sündige, menschliche
Natur annahm. Aber das ist genau das, wovon man sagt, sie
45
Die Siebenten-Tags-Adventisten

habe es nicht gelehrt. Wäre es für die Siebenten-Tags-Adven-


tisten nicht weitaus besser zuzugeben, daß sich Ellen G. White
geirrt hat, als sie diese Aussage machte?

Eine weitere Schwierigkeit ist, daß es eine Reihe von Darstel-


lungen von adventistischen Autoren gibt, die eindeutig dafür
eintreten, Christus habe eine Veranlagung zum Sündigen ererbt.
Eine der bekanntesten ist die Darlegung von L. A. Wilcox, wel-
che besagt, Christus habe über die Sünde gesiegt „trotz bösen
Blutes und einer ererbten Schlechtigkeit“. [98] Die Diskussion
dieser Problematik in Fragen zur Lehre erweckt zwar den Ein-
druck, daß die Gemeinschaft diese Darstellung nun verwerfen
würde, aber an keiner Stelle dieses Buches wird dies ausdrück-
lich gesagt. Darüber hinaus veröffentlichte William Henry
Branson, der von 1950 bis 1954 Präsident der Generalkonferenz
der Siebenten-Tags-Adventisten war, 1950 ein Buch mit dem
Titel Drama of the Ages („Drama der Zeitalter“). In diesem
Buch, das sicherlich nicht zu den „unzulässigen Quellen“ zählt,
erscheint die folgende Darlegung:

Die katholische Lehre von der „unbefleckten Empfängnis“


besagt, daß Maria, die Mutter unseres Herrn, vor der Erb-
sünde bewahrt blieb. Wenn dieses wahr ist, dann war Jesus
nicht der menschlichen sündigen Natur teilhaftig (S. 101).

Der Autor zeigt deutlich, daß er diese katholische Lehre nicht


für wahr hält. Daraus folgert er, Jesus war doch der sündigen
Natur des Menschen teilhaftig. In Fragen zur Lehre finden wir
kein Anzeichen dafür, daß diese Behauptung von der Gemein-
schaft verworfen wurde. Deshalb können wir anhand dieser
Frage nach der Sündlosigkeit von Christi menschlicher Natur
schließen, daß es in der Lehre der Siebenten-Tags-Adventisten
noch viele Unstimmigkeiten gibt. [99]

Das Werk Christi


Das Versöhnungswerk Christi. Die Siebenten-Tags-Adventisten
lehren das stellvertretende Versöhnungswerk Christi. In Artikel
46
Die Lehren

8 ihrer Grundlegenden Glaubenssätze wird ihre Position wie


folgt dargelegt:

Das Gesetz kann den Übertreter weder von seiner Sünde


erretten, noch ihm Kraft dazu verleihen, nicht zu sündigen. In
unendlicher Liebe und Gnade hat Gott einen Weg der Erret-
tung bereitet. Er gab einen Stellvertreter, Christus, den
Gerechten, der an Stelle des Menschen sterben sollte. „Den,
der Sünde nicht kannte, hat Er für uns zur Sünde gemacht,
damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in Ihm“ (2. Kor 5,21).

In demselben Sinne ist die folgende Darstellung aus Fragen zur


Lehre: „... Der stellvertretende, sühnende Tod Jesu Christi, ein-
mal für alle, ist vollkommen ausreichend für die Erlösung eines
verlorenen Geschlechts“ (S. 22). Das gleiche Buch enthält eine
klare und eindeutige Zusammenfassung (S. 396):

Ohne eine Einschränkung der Aussagen der Evangelien neh-


men wir unseren Standpunkt ein, daß uns allein der Tod Jesu
Christi die Vergebung unserer Sünden ermöglicht; daß es
durch kein anderes Mittel und keinen anderen Mittler Erret-
tung gibt und keinen anderen Namen, in welchem wir erret-
tet werden können, und daß das vergossene Blut Jesu Christi
allein die Vergebung unserer Sünden bewirkt.

Hinsichtlich der Frage nach dem Umfang des Versöhnungswer-


kes ist ihre Position eindeutig die arminianische: Christus starb
nicht nur für die Auserwählten, sondern für alle. „... Wir glau-
ben, daß das Versöhnungswerk am Kreuz für alle Menschen
bereitgestellt wurde, aber daß in dem himmlischen priesterlichen
Dienst Christi, unseres Herrn, dieses Versöhnungswerk nur auf
die Seelen angewandt wird, welche danach trachten.“ [100]

An dieser Stelle müssen wir eine häufig gestellte Frage aufwer-


fen; sie ist wichtig, um die Lehre der Siebenten-Tags-Adven-
tisten genau zu verstehen: Wurde das Versöhnungswerk am
Kreuz vollendet? Wenn man die adventistische Literatur liest,
stößt man häufig auf Darstellungen, die sinngemäß behaupten,
47
Die Siebenten-Tags-Adventisten

daß das Versöhnungswerk am Kreuz nicht vollständig erbracht


wurde, daß das Versöhnungswerk immer noch weitergeht, oder
daß es nach dem Werk Christi am Kreuz noch ein abschließen-
des Versöhnungswerk geben wird. Betrachten wir beispielswei-
se das folgende Zitat von Ellen G. White:

Heute vollbringt er [Christus] vor dem Vater ein Versöh-


nungswerk für uns. [101]

Während unser großer Hoherpriester das Versöhnungswerk


für uns vollbringt, sollten wir nun danach trachten, in Chri-
stus vollkommen zu werden. [102]

Obschon das Blut Christi zur Befreiung der reuigen Sünder


von der Verdammnis des Gesetzes gedacht war, sollte es
nicht die Sünden austilgen; es wird im Heiligtum bis zum
endgültigen Versöhnungswerk aufbewahrt ... [103]

Von Engeln des Himmels begleitet betritt unser Hoherpriester


das Allerheiligste und erscheint dort in der Gegenwart Gottes,
um dort die letzten Handlungen Seines Dienstes zugunsten
des Menschen zu vollbringen, – um das Untersuchungsgericht
auszuführen und Versöhnung zu erwirken für alle, die sich der
Wohltaten dieses Versöhnungswerkes würdig erweisen. [104]

Die Autoren von Fragen zur Lehre führen diese Art und Weise,
über das Versöhnungswerk zu sprechen, auf die Tatsache
zurück, daß frühere adventistische Autoren ein weiter gefaßtes
Verständnis von dem Begriff Versöhnung hatten, als die meisten
christlichen Theologen von heute. Diese früheren Autoren, so
wird gesagt, wollten unter dem Begriff Versöhnung nicht nur
das einmal am Kreuz erbrachte Opfer Christi verstehen, son-
dern darin ebenfalls die Anwendung dieser Versöhnung auf die
Sünder sehen. In gleicher Weise sollen auch wir diesen Aus-
druck verstehen. [105]

Wenn deshalb jemand einen Adventisten sagen hört, oder in


adventistischer Literatur – selbst in den Schriften von Ellen
48
Die Lehren

G. White – liest, daß Christus jetzt Versöhnung vollbringt,


dann soll das so verstanden werden: Wir wollen damit ein-
fach sagen, daß Christus jetzt den durch das Versöhnungs-
opfer am Kreuz bewirkten Segen anwendet, daß Er es für
jeden einzelnen von uns wirksam macht, je nach unseren
Bedürfnissen und Bitten. [106]

Die Schwierigkeit mit der obigen Auslegung besteht jedoch


darin, daß Ellen G. White doch eigentlich die englische Sprache
ausreichend beherrscht, um angemessen von dem „Anwenden
der Versöhnung“ anstelle von „Vollbringen der Versöhnung“
sprechen zu können („applying atonement“ bzw. „making ato-
nement“). Die Siebenten-Tags-Adventisten bringen mit einer
derartigen Auslegung Verwirrung in unsere theologische Ter-
minologie ein. In der Darstellung zur Versöhnung auf Seite 22
von Fragen zur Lehre wird gesagt, daß der stellvertretende, ver-
söhnende Tod Christi ausreichend für die Erlösung eines verlo-
renen Geschlechts ist. Hier bezeichnet das Wort versöhnend
offenbar nicht das, was Christus nach Seinem Tod am Kreuz tat,
sondern bezieht sich auf das, was Er am Kreuz tat. Warum soll-
te diese klare Aussage durch den Vorschlag, dieses Wort habe
noch eine andere Bedeutung, vernebelt werden?

Der wirkliche Grund dafür, weshalb die Siebenten-Tags-


Adventisten Christi derzeitiges Werk als ein Versöhnungswerk
bezeichnen, liegt in ihrer Sichtweise von Christi himmlischem
Dienst begründet. Seit 1844 betrachten sie diesen Dienst als eine
Erfüllung dessen, was zu alttestamentlichen Zeiten am Großen
Versöhnungstag vom Hohenpriester getan wurde. Da die Ver-
richtungen des Priesters an diesem Tag eine Versöhnung waren,
folgern sie, daß sie Christi derzeitiges Werk im himmlischen
Allerheiligsten ebenso als eine Versöhnung bezeichnen können.
Das führt uns nun zu der Frage nach der Lehre der Siebenten-
Tags-Adventisten vom Untersuchungsgericht, auf die wir jetzt
eingehen wollen.

Das Untersuchungsgericht. Wir erinnern uns, daß ich weiter oben


49
Die Siebenten-Tags-Adventisten

bereits auf O. R. L. Crosiers Artikel im Day Star vom 7. Februar


1846 hingewiesen habe. Hierin legte er das Fundament für die
Lehre vom Untersuchungsgericht. [107] Spätere adventistischen
Autoren, und unter ihnen insbesondere Ellen G. White, stellten
auf diesem Fundament die Lehre vom Untersuchungsgericht auf.
Hierin besteht, wie Crosier sagte, „der Vorgang der Austilgung
der Sünden“, welchen, so Crosier, Christus am 22. Oktober 1844
begann, als Er das Allerheiligste des himmlischen Heiligtums
betrat. Spätere adventistische Autoren bezeichneten dieses
als einen Gerichtsprozeß oder als Untersuchungsgericht. Am
Kreuz, so wird gesagt, erbrachte Christus das Opfer, wodurch
Versöhnung bereitgestellt wurde; nach Seiner Himmelfahrt
wandte Er dieses Opfer an. Diese Anwendung teilt sich wie-
derum in zwei Phasen auf. Vom Zeitpunkt Seiner Himmelfahrt
an bis zum 22. Oktober 1844 entsprach Christi Werk dem tägli-
chen Dienst der alttestamentlichen Priester, welcher Vergebung,
aber nicht Tilgung der Sünden bewirkte. An dem genannten Tag
jedoch begann Christus die „Gerichtsphase“ Seines Dienstes,
worin Er die Sünden austilgt – dieses entspricht dem Dienst des
Hohenpriesters am Großen Versöhnungstag. [108]

Die Siebenten-Tags-Adventisten widmen zwei ihrer 22 Grund-


legenden Glaubenssätze dem Untersuchungsgericht. Nachdem
gesagt wurde, daß das wahrhaftige Heiligtum, dessen Abbild
das irdische Heiligtum war, der himmlische Tempel Gottes ist,
und daß Christi priesterlicher Auftrag das Gegenstück (oder die
Erfüllung) des Dienstes der jüdischen Priester im irdischen
Heiligtum ist, fährt Artikel 14 der Grundlegenden Glaubenssät-
ze ergänzend fort:

... dieses himmlische Heiligtum ist es, welches am Ende der


2.300 Tage aus Daniel 8,14 wiederhergestellt werden muß.
Seine Reinigung beginnt mit dem Eintritt Christi als Hoher-
priester in die Gerichtsphase Seines Dienstes im himmli-
schen Heiligtum, wofür der irdische Dienst der Reinigung
des Heiligtums am Versöhnungstag eine schattenhafte Voraus-
schau war.
50
Die Lehren

In Artikel 16 wird das Untersuchungsgericht dann detaillierter


beschrieben:

... Die Zeit der Rechtfertigung des Heiligtums, die parallel zu


der Zeit der Verkündigung der Botschaft aus Offenbarung 14
verlaufen wird, ist eine Zeit des Untersuchungsgerichts;
zuerst in bezug auf die Toten, dann in bezug auf die Leben-
den. Durch dieses Untersuchungsgericht wird bestimmt, wer
von den Myriaden, die im Staub der Erde schlafen, der Teil-
haftigkeit an der ersten Auferstehung würdig ist, und wer aus
der Menge der Lebenden würdig ist, umgewandelt zu werden
(1. Pet 4,17.18; Dan 7,9.10; Off 14,6.7; Lk 20,35). [109]

Was bedeutet nun das Untersuchungsgericht? Während dieser


Zeit des Gerichts, die 1844 begann und immer noch fortdauert,
werden die Namen aller bekennenden Gläubigen angeführt, die
jemals auf dieser Erde lebten, angefangen mit denen, die zuerst
lebten. Ist ein Name ausgewählt worden, wird das Leben der
entsprechenden Person sorgfältig geprüft. Die „Bücher“, die in
Offenbarung 20,12 genannt werden („und Bücher wurden
geöffnet“) werden als Zeugnisbücher gedeutet, in denen sowohl
die guten als auch die schlechten Taten eines jeden Menschen
aufgezeichnet sind. Diese Aufzeichnungen werden genauestens
untersucht. [110]

Christus fungiert nun als der Rechtsanwalt Seines Volkes und


plädiert für die Fälle, die Ihm anvertraut wurden. Wenn im
Gericht der Name eines wahren Kindes Gottes aufgerufen wird,
dann offenbaren die Aufzeichnungen, daß jede Sünde bekannt
und vergeben wurde und daß die betreffende Person bestrebt
war, alle Gebote Gottes zu halten. Eine solche Person wird dann
durch das Gericht „durchkommen“ und dazu bestimmt werden,
daß sie würdig ist, der ersten Auferstehung teilhaftig zu sein.
[111] Selbstverständlich ist zu erwarten, daß nicht alle beken-
nenden Gläubigen diese Prüfung bestehen werden.

Ein wichtiger Punkt, den wir näher betrachten sollten, ist


hier die Unterscheidung der Siebenten-Tags-Adventisten zwi-
51
Die Siebenten-Tags-Adventisten

schen der Vergebung von Sünden und der Austilgung von


Sünden. [112] Dieses, so behaupten sie, ist das, was uns durch
die Bildersprache des Alten Testaments gelehrt wurde: Als die
Priester das Blut des Sündopfers in die heilige Stätte brachten,
übertrugen sie damit lediglich die Schuld des Volkes auf das
Heiligtum. Die Siebenten-Tags-Adventisten lehren, die Verge-
bung kann, nachdem sie jemandem erteilt wurde, wieder aufge-
hoben werden. Dabei berufen sie sich auf das Gleichnis vom
unbarmherzigen Knecht aus Matthäus 18,23-35, bei dem der
Erlaß der Schuld wieder rückgängig gemacht wurde. Beachtens-
wert ist die folgende Darstellung aus Fragen zur Lehre:

Die tatsächliche Tilgung der Sünde kann nicht in dem


Augenblick geschehen, in welchem eine Sünde vergeben
wird, weil nachfolgende Taten und Verhaltensweisen den
endgültigen Entschluß beeinträchtigen können. Vielmehr
verbleibt die Sünde in den Aufzeichnungen, bis das Leben
abgeschlossen ist – tatsächlich zeigen die Schriften, daß sie
bis zum Gericht bestehen bleibt. [113]

Das führt uns zur nächsten Frage: Wenn einem Gläubigen seine
Sünden, wenn er sie bereut, nur vergeben, aber nicht ausgetilgt
werden, wann werden seine Sünden dann ausgetilgt? Auf diese
Frage erhalten wir eine zweideutige Antwort. Einerseits ist es
klar, daß die Sünden der Gläubigen nicht eher getilgt werden,
als bis ihre Namen beim Untersuchungsgericht aufgerufen wur-
den. Dieses geschieht nicht eher, als bis sie ihr Leben zu Ende
gelebt haben, damit alle ihre Taten in die Erwägung mit ein-
bezogen werden können. Die Adventisten lehren sogar, man
könne noch nicht einmal sagen, die Aufzeichnungen eines Men-
schen sind mit dem Ende seiner Tage abgeschlossen:

Er ist für den Einfluß verantwortlich, den er während seines


Lebens ausübt, und er ist nach seinem Tod für seinen
schlechten Einfluß genauso verantwortlich. Mit den Worten
des Dichters gesprochen: „Das Böse, welches die Menschen
tun, lebt nach ihnen fort“. Sie hinterlassen eine Sündenspur,
52
Die Lehren

was ihrer Schuldenliste hinzugerechnet wird. Es hat den


Anschein, daß Gott, um gerecht zu sein, im Gericht all diese
Dinge in Rechnung stellen muß. [114]

Anhand dieser Darstellung könnte man annehmen, daß das


Untersuchungsgericht erst dann stattfinden wird, wenn beträch-
tliche Zeit seit dem Tod eines Menschen verstrichen ist. [115]
Wenn ein Gläubiger im Untersuchungsgericht von Gott ange-
nommen wurde, werden ihm seine Sünden nicht länger vor-
gehalten.

Einige Darstellungen von Siebenten-Tags-Adventisten erwecken


die Vorstellung, die Austilgung der Sünden geschehe dann, wenn
man im Untersuchungsgericht angenommen worden ist. Das ist
die Schlußfolgerung, die man aus folgender Aussage zieht:

Wenn Er [Christus] vor Gott und den heiligen Engeln


bekennt, daß der reuige Sünder mit dem Gewand Seines
eigenen makellosen Charakters bekleidet ist ... kann niemand
im Universum mehr diesem geretteten Menschen den Zutritt
in das ewige Königreich der Gerechtigkeit verweigern. Dann
ist natürlich die Zeit gekommen, daß seine Sünden für immer
ausgetilgt werden. [116]

Satan als Sündenbock. Durch die Aussagen anderer Adventisten


wird jedoch deutlich, daß man nicht wirklich sagen kann, die
Sünden eines Menschen seien, wenn er, wie oben beschrieben,
im Untersuchungsgericht angenommen worden ist, völlig aus-
getilgt. Diese Sünden bestehen auf irgendeine Weise fort. Sie
werden bis zur „endgültigen Ausrottung“ oder „endgültigen
Austilgung“ der Sünden nicht wirklich getilgt sein. Dieses wird
direkt vor Christi Wiederkunft zur Erde geschehen und durch
das Auferlegen aller Sünden, sowohl der Gerechten als auch der
Bösen, auf Satan vollzogen werden. Ellen G. White schreibt
dazu folgendes:

Wenn Christus beim Abschluß Seines Dienstes [dem Unter-


suchungsgericht] durch die Wirksamkeit Seines eigenen Blu-
53
Die Siebenten-Tags-Adventisten

tes alle Sünden Seines Volkes vom himmlischen Heiligtum


entfernt, wird Er sie Satan auferlegen, der, als Vollstreckung
des Urteils, die endgültige Strafe tragen muß. [117]

Wenn das Untersuchungsgericht beendet ist, wird Christus


kommen. Dabei wird Sein Lohn mit ihm kommen, und
jedem Menschen wird nach seinen Werken gegeben werden
... Gleichwie der Priester beim Entfernen der Sünden vom
Heiligtum diese auf den Kopf des Sündenbockes bekannte,
so wird auch Christus alle diese Sünden auf Satan übertra-
gen, der der Urheber und Anstifter der Sünde ist. Der Sün-
denbock, der die Sünden Israels trug, wurde fortgeschickt ...;
ebenso wird Satan, die Schuld aller Sünden tragend, die er
Gottes Volk zu begehen veranlaßte, für tausend Jahre an die
Erde gefesselt sein ... und zuletzt wird er in den Feuern, die
alle Ungerechten vernichten werden, die ganze Strafe für die
Sünden erleiden. So wird der große Erlösungsplan seine
Vollendung in der endgültigen Ausrottung der Sünde erlan-
gen ... [118]

Diese Aussage läßt uns keine andere Wahl, als zu folgern, daß
gemäß der Prophetin der Siebenten-Tags-Adventisten die Sün-
de nicht eher wirklich von dieser Erde verbannt sein wird, bis
sie Satan auferlegt wurde.

Ein weiterer Siebenten-Tags-Adventist bezeichnet diese Über-


tragung auf Satan ganz direkt als „die endgültige Austilgung der
Sünde“:

Die letzten Verrichtungen im zweiten Raum [der Stiftshütte]


am Versöhnungstag symbolisierten die Christi Dienst
abschließende Gerichtsstunde, eine Vorbereitung der end-
gültigen Austilgung der Sünden ... Und der Sündenbock ...
symbolisierte Satan, den Anstifter zur Sünde, der nachdem
die Versöhnung durch das stellvertretende Opfer vollbracht
war, seinen Teil an der Verantwortung für alle Sünden trägt
und zuletzt in den Abgrund der Vergessenheit verbannt
wird. [119]
54
Die Lehren

Diese Darlegung von Froom legt nahe, daß Satan seinen Teil der
Verantwortung, nicht nur für die Sünden der Gläubigen, son-
dern für alle Sünden, tragen wird. Denselben Gedanken finden
wir in Fragen zur Lehre auf Seite 400. Demzufolge werden alle
Sünden, nicht nur die von Gottes Volk verübten, von Christus
auf Satan gelegt. Und nur auf diese Weise wird die Sünde aus
Gottes Universum ausgetilgt werden.

Die Siebenten-Tags-Adventisten leiten diese Lehre her aus ihrer


Deutung des zweiten Ziegenbocks aus 3. Mose 16. In diesem
Kapitel wird das Ritual des Versöhnungstages beschrieben.
Zwei Ziegenböcke mußten zum Hohenpriester gebracht wer-
den; daraufhin mußte er über die Ziegenböcke Lose werfen:
„Ein Los für den Herrn und ein Los für Asasel“ (3 Mo 16,8; die
King-James-Version schreibt: „für den Sündenbock“ anstelle
von „für Asasel“). Nachdem der Hohepriester das Blut vom
geschlachteten ersten Ziegenbock in das Allerheiligste gebracht
hatte, legte er seine beiden Hände auf den zweiten Ziegenbock
und bekannte dann alle Sünden des Volkes Israels auf diesen
Bock. Dann wurde der Ziegenbock in die Wüste fortgeschickt.
Die Siebenten-Tags-Adventisten verstehen das Wort Asasel, das
in diesem Kapitel gebraucht wird, so, als sei es gleichbedeutend
mit Satan. Weiter behaupten sie, diese Zeremonie symbolisiere,
was mit Satan am Ende der Zeit geschehe:

Einer [ein Ziegenbock] steht für unseren Herrn und Erretter


Jesus Christus, der an unserer Stelle getötet wurde und stell-
vertretend unsere Sünden getragen hat, mit aller dazugehö-
renden Schuld und Strafe ... Der andere Bock, so glauben
wir, steht für Satan, dem schließlich alle Schuld auf seinen
eigenen Kopf zurückgewälzt werden muß, nicht nur die
seiner eigenen Sünden, sondern die Verantwortung für alle
Sünden, die er andere zu begehen veranlaßt hat. [120]

Diese Autoren fahren mit dem nachdrücklichen Hinweis darauf


fort, daß der lebende Ziegenbock nicht getötet wurde und
deshalb keinerlei Sühne für die Sünden des Volkes erwirken
konnte. Sie schreiben:
55
Die Siebenten-Tags-Adventisten

Satan erbringt keine Versöhnung für unsere Sünden. Aber


Satan hat letztlich alle vergeltende Strafe zu tragen, dafür,
daß er für alle Sünden verantwortlich ist, sowohl für die der
Gerechten, als auch für die der Ungerechten. [121]

Die Siebenten-Tags-Adventisten weisen deshalb entschieden


die Vorstellung zurück, daß Satan in irgendeiner Weise die Stra-
fe für unsere Sünden trägt oder für unsere Sünden Sühne leisten
könnte. Christus ist, so sagen sie, der einzige, der das Sühnopfer
für unsere Sünden erbracht hat. [122] Trotzdem behaupten sie,
daß die Sünde nicht eher von der Erde ausgerottet sein wird, bis
alle Sünde auf Satan gelegt worden ist.

Zusammenfassend müssen wir sagen, daß die Sichtweise der


Siebenten-Tags-Adventisten von Christi Versöhnungswerk
einige sich widersprechende Aussagen enthält. Sie halten zwar,
genau wie alle evangelikalen Christen, daran fest, daß der stell-
vertretende Tod Christi für die Erlösung eines verlorenen
Geschlechts ausreichte, sie haben jedoch diese zentrale Lehre
des herkömmlichen Christentums um ihre eigenen Lehren des
Untersuchungsgerichts und der Auferlegung der Sünden auf
Satan erweitert. Während sie einerseits weismachen wollen, daß
der Mensch allein aus Gnade errettet wird, haben die Siebenten-
Tags-Adventisten andererseits diese Aussage durch ihre An-
sichten über das Untersuchungsgericht verschleiert, indem sie
erklären, dieses Gericht bestimme mit seiner Untersuchung des
Lebens und der Werke eines Menschen darüber, ob dieser
Mensch gerettet wird oder nicht. Diese Lehre vom Untersu-
chungsgericht greift die Souveränität Gottes an, da sie besagt,
daß weder Gott Vater noch Christus wissen, wer wirklich zu
Gottes Volk gehört, bevor nicht diese Untersuchung stattgefun-
den hat. Die Unterscheidung zwischen der Vergebung und der
Austilgung der Sünden, die die Siebenten-Tags-Adventisten
treffen, stellt die Zuversicht eines Gotteskindes infrage, und
durch sie wird es für einen jeden, selbst in der Stunde seines
Todes, unmöglich, zu wissen, ob er gerettet ist oder nicht. Und
die Vorstellung, daß alle von Menschen begangenen Sünden auf
56
Die Lehren

Satan gelegt werden müssen, schreibt Satan eine unentbehrliche


Rolle für die Tilgung der Sünden zu, wodurch die Vollkom-
menheit Christi geschmälert wird.

Eine detailliertere Bewertung der adventistischen Lehre des


Untersuchungsgerichts und der Lehre von Satan als Sünden-
bock wird im Anhang gegeben. [123]

Die Lehre von der Errettung

Rechtfertigung und Heiligung


Wie wird den Siebenten-Tags-Adventisten nach ein Mensch
gerettet? Auf den ersten Blick scheint ihre Auffassung einwand-
frei zu sein.

... Daß allein die Gnade errettet, durch den Glauben an den
lebendigen Christus. Und in gleicher Weise, daß allein Seine
freie und selige Gnade rechtfertigt. Wir glauben ebenso an
die Werke und an den vollen Gehorsam gegenüber Gottes
Willen und Seinen Geboten. Aber die Werke, an die wir
glauben und die wir zu vollbringen trachten, sind das Ergeb-
nis oder die Frucht der Erlösung und kein Mittel zur Erlö-
sung, weder gänzlich noch teilweise. Und der Gehorsam,
den wir erweisen, ist die liebende Antwort aus einem Leben,
das aus Gnade gerettet wurde. Niemals wird Erlösung ver-
dient; sie ist ein Geschenk Gottes durch Jesus Christus. [124]

Wie sieht es mit der Rechtfertigung aus? Sie wird wie folgt defi-
niert: „Wenn wir Ihn [Christus] annehmen, sind wir gerechtfer-
tigt. Das heißt, Seine Gerechtigkeit wird uns angerechnet, und
wir stehen vor Gott so, als ob wir nie gesündigt hätten.“ [125]
In Artikel 8 der Grundlegenden Glaubenssätze lesen wir: „...
man wird nicht durch den Gehorsam dem Gesetz gegenüber
gerechtfertigt, sondern durch die Gnade, die in Jesus Christus
ist.“ Beachtenswert ist auch die folgende Erklärung: „Wir kön-
57
Die Siebenten-Tags-Adventisten

nen nicht durch irgendwelche Werke gerechtfertigt werden.


Rechtfertigung ist ganz und gar eine Handlung Gottes und wir
sind nur die Empfänger seiner grenzenlosen Gnade.“ [126] Bis
hierher sieht es also so aus, als ob die Rechtfertigungslehre der
Siebenten-Tags-Adventisten dieselbe wie die Calvins und
Luthers ist.

Und die Heiligung? Es ist schwierig, in Fragen zur Lehre eine


einzelne, klare Definition von Heiligung zu finden. Auf Seite 23
wird uns gesagt, „der Mensch wird aufgrund des innewohnen-
den Christus durch den Heiligen Geist geheiligt“. Auf Seite 410
lesen wir, daß so wie das erste Werk der Gnade die Recht-
fertigung ist, so ist das fortgeführte Wirken der Gnade die
Heiligung. Auf Seite 388 steht: „... während Rechtfertigung
zugerechnete Gerechtigkeit ist, ist Heiligung zugeteilte Gerech-
tigkeit.“ Die zitierten Darlegungen vermitteln so weit die
Vorstellung der Heiligung als ein Werk Gottes. Die Eigen-
verantwortung des Menschen wird jedoch auf Seite 387 mit den
folgenden Worten betont:

Wenngleich Christus „uns geworden ist Weisheit von Gott


und Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung“ (1. Kor
1,30), sind jedoch die einzigen, die vervollkommnet oder
geheiligt werden, diejenigen, welche Seine Gnade gänzlich
annehmen ... Wenn wir Ihn annehmen, werden wir gerecht-
fertigt ... Aber nur die, welche Ihm folgen, Ihn als innewoh-
nende Kraft zu verwenden suchen und unaufhörlich Seine
Gnade in Anspruch nehmen, um über ihre sündige Natur zu
siegen, werden auch geheiligt oder vollkommen gemacht.

Daraus wird deutlich, daß ein Mensch, um geheiligt zu sein,


ständig Gottes Gnade in Anspruch nehmen und die innewoh-
nende Kraft Christi ausüben muß.

Der Begriff vervollkommnet im obigen Zitat verwirrt den nicht


adventistischen Leser. Die Darstellung könnte so verstanden
werden, als ob sie besage, daß Heiligung sündlose Vollkom-
58
Die Lehren

menheit bedeutet und daß man, bevor man diesen Zustand


erreicht hat, nicht wirklich geheiligt sei. Lehren die Siebenten-
Tags-Adventisten dieses tatsächlich? In Fragen zur Lehre findet
man keine klare Antwort auf diese Frage. Einerseits meint man,
aufgrund ihres Festhaltens an der Notwendigkeit des Beken-
nens jeder Sünde und an der Bedeutung dieses Bekennens für
das Untersuchungsgericht, daß sie sündlose Vollkommenheit
auf dieser Erde nicht für möglich halten. Weil sie jedoch die
Worte aus Offenbarung 12,17 – „welche die Gebote Gottes hal-
ten“ – auf sich selbst als Gemeinschaft beziehen, scheinen sie
andererseits vorzugeben, daß sie, im Unterschied zu anderen
Gemeinschaften, tatsächlich Gottes Gebote in vollkommener
Weise einhalten.

Obwohl sie in diesem Punkt keine klare Aussage treffen, sieht


es nicht so aus, als ob die Siebenten-Tags-Adventisten Vertreter
der Vollkommenheitslehre seien. Die Schriften von Ellen G.
White besagen, daß die letzten Überreste der Sünde nicht vor
der Auferstehung der Toten vom Menschen entfernt werden.
Eine höchst auffallende Ausnahme dieser Regel besteht jedoch
in der adventistischen Lehre über die sogenannte „Trübsals-
zeit“. M. L. Andreasen behauptet in seinem Buch Der Dienst
am Heiligtum, daß die letzte Generation von Christen auf der
alten Erde vollständig ohne Sünde leben und so eine letzte
Demonstration davon geben wird, was Gott mit der Mensch-
heit tun kann. [127] Er bezieht sich wiederholt auf Offenbarung
14,12 („Hier ist das Ausharren der Heiligen, welche die Gebote
Gottes und den Glauben Jesu bewahren.“) und gibt vor, diese
letzte Generation seien die 144.000, von denen die Bibel in
Offenbarung 14,1 berichtet (S. 315). Er behauptet sogar, daß
die Menschen in dieser letzten Demonstration Christi eigenem
Vorbild folgen werden und „beweisen, daß das, was Gott in
Christus tat, Er auch in jedem menschlichen Wesen, welches
sich Ihm übergibt, vollbringen kann“ (S. 299). Diesem Autor
nach soll es also mindestens einer Generation von Menschen
möglich sein, ihr Leben so sündlos zu leben, wie es Jesus Chri-
stus tat!
59
Die Siebenten-Tags-Adventisten

An dieser Stelle sollte darüber hinaus darauf hingewiesen wer-


den, daß die Siebenten-Tags-Adventisten die Lehre von der
ewigen Errettung oder Unverlierbarkeit des Heils entschieden
zurückweisen. Diese Lehre besagt, daß jemand, der einmal wie-
dergeboren und gerechtfertigt worden ist, nicht mehr aus der
Gnade herausfallen und deshalb nicht mehr verlorengehen
kann. Wir erinnern uns, daß gemäß Fragen zur Lehre (S. 441)
die tatsächliche Tilgung der Sünde nicht im Augenblick ihrer
Vergebung stattfinden kann, da die nachfolgenden Taten und
Verhaltensweisen die letztendliche Entscheidung beeinflussen
können. Der Begriff „nachfolgende Taten“ verdeutlicht uns,
daß man durch falsches Verhalten die gewährte Vergebung ver-
lieren kann, wobei nach unserem Verständnis Vergebung
gleichbedeutend mit Rechtfertigung ist. In dem gleichen Sinne
ist die folgende Darstellung: Als Kommentar zu Hesekiel
18,20-24 erklären die Autoren von Fragen zur Lehre:

In diesen Versen werden zwei Menschen vorgestellt. Der


Eine ist ein Ungerechter, der von seiner Sünde umkehrt und
Gott gehorsam wird. Ihm wird vergeben, und wenn er wei-
terhin auf dem Weg der Gerechtigkeit wandelt, wird keiner
seiner früheren Sünden jemals wieder gedacht werden. Der
andere ist ein Gerechter, der vom Weg der Gerechtigkeit um-
kehrt und wieder in Sünde fällt. Wenn er in seiner Schlech-
tigkeit verharrt, wird keinem seiner vorigen guten Werke
jemals mehr gedacht werden. Er verliert alle Segnungen des
Heils und geht in den Tod (S. 415).

Der letzte Satz verdeutlicht unmißverständlich, daß dieser


Mensch der Errettung teilhaftig geworden war, aber sie dann
wieder verloren hat.

Obwohl man allein aus Gnade gerechtfertigt wird, durch den


Glauben an Christus und der Teilhaftigkeit Seiner Gerechtig-
keit, lehren die Siebenten-Tags-Adventisten also, daß es für
einen Menschen möglich ist, aufgrund nachfolgender sündiger
Taten und Verhaltensweisen die Rechtfertigung zu verlieren
und auf ewig verloren zu gehen. Demnach ist der einzige Weg,
60
Die Lehren

sich seine Rechtfertigung mit Gewißheit zu bewahren, für den


Rest des Lebens stets die richtigen Taten zu vollbringen und
sich immer richtig zu verhalten. Selbstverständlich kann man
diese Taten und Verhaltensweisen gemäß den Adventisten allein
durch die göttliche Gnade erbringen. Aber hier stellt sich die
Frage: Wenn wir die Erlösung in ihrer Gesamtheit betrachten,
entspricht diese Erlösung für die Siebenten-Tags-Adventisten
allein Gottes Gnade, oder entspricht sie zum Teil Gottes Gnade
und zum Teil der Treue des Menschen zu Gottes Geboten? Die-
sen Punkt müssen wir nun näher untersuchen.

Das Problem der Gesetzlichkeit


Harold Lindsell hat behauptet, daß die Siebenten-Tags-Adven-
tisten des im Galaterbrief verurteilten Irrtums schuldig sind –
der Lehre, daß der Mensch zum einen Teil durch das Werk
Christi gerettet wird und zum anderen Teil durch das Einhalten
des Gesetzes. In seiner Argumentation bezieht er sich dabei ins-
besondere auf ihre Lehre vom Halten des Sabbattages. Er unter-
streicht seine Aussagen durch Anführen des folgenden Zitats
von Seite 449 aus Ellen G. Whites Buch The Great Controversy
(„Der große Konflikt“):

... In den letzten Tagen wird die Sabbatprobe deutlich


werden. Wenn diese Zeit gekommen ist, wird jeder, der den
Sabbat nicht hält, das Malzeichen des Tieres erhalten und
vom Himmelreich ausgeschlossen werden. [128]

Nachdem er weitere Zitate aus adventistischer Literatur, ein-


schließlich Fragen zur Lehre, angeführt hat, faßt Lindsell seine
Ergebnisse wie folgt zusammen: „... Wenn der Mensch jetzt
oder später den Sabbat halten muß, um seine Errettung zu
bezeugen oder sein Verlorensein zu verhindern, dann ist Gnade
keine Gnade mehr. Vielmehr werden wir dann durch Gnade
gerettet, aber durch Werke bewahrt.“ [129]

Demzufolge ist Lindsells Anklagepunkt, daß die Siebenten-


Tags-Adventisten eine Art Gesetzlichkeit begehen – zwar nicht
61
Die Siebenten-Tags-Adventisten

die extreme Art, die besagen würde, daß die ganze Errettung
allein im Halten des Gesetzes bestünde, sondern eine Misch-
form, die lehrt, daß man durch Gnade errettet und durch Werke
bewahrt wird. Den gleichen Vorwurf macht auch Herbert S.
Bird, allerdings stützt er sich dabei auf die Lehre vom Untersu-
chungsgericht. Er zitiert eine Aussage von William Branson:
„Ein Christ, der aus Glauben an Jesus Christus treu die Anfor-
derungen des Gesetzes gehalten hat, wird freigesprochen wer-
den; da ist keine Verdammnis, denn das Gesetz findet in ihm
keine Schuld.“ [130] Bird folgert, daß es für die Siebenten-Tags-
Adventisten das Halten der Gebote ist, daß dem Sünder einen
Anspruch auf den Himmel geltend macht – „sein Halten der
Gebote aus Glauben an Jesus Christus, freilich, aber sein Hal-
ten der Gebote und nichts weniger“. [131] Und auf der letzten
Seite seines Buches betont er seine Meinung, daß die „Heilig-
tums-Position“ dieser Gemeinschaft „die Vorstellung von einem
Weg der Errettung ermöglicht, der wesentlich geringer ist als
allein aus Gnade. Und wir haben Paulus’ Wort darauf, daß,
wenn es so wäre, es überhaupt nicht aus Gnade ist.“ [132]

Meine Überzeugung ist, daß die von Lindsell und Bird aufge-
stellten Beschuldigungen wohlbegründet sind und daß die Sie-
benten-Tags-Adventisten, wenngleich sie auch vorgeben, die
Errettung allein aus Gnade zu lehren, dieser Art von Mischform
von Gesetzlichkeit schuldig sind, auf welche diese Autoren hin-
weisen. Ich begründe diese Überzeugung mit den folgenden
Punkten:

(1) Die Lehre vom Untersuchungsgericht. Wir schätzen die Be-


tonung der Siebenten-Tags-Adventisten der Errettung allein aus
Gnade – eine Betonung, welche sie zumindest theoretisch von
den Mormonen unterscheidet. Aber wir müssen anmerken, daß
ihr Akzeptieren der Lehre vom Untersuchungsgericht, die nicht
biblisch ist, es für sie unmöglich gemacht hat, diese Betonung
wirklich aufrechtzuerhalten. Denn bei einer genauen Betrach-
tung wird deutlich, daß die Adventisten lehren, es sei nicht das
einmal für allemal am Kreuz vollbrachte Werk Jesu Christi
62
Die Lehren

entscheidend für ihre Errettung oder ihr Verlorensein, sondern


ihr treues Bewahren von Gottes Geboten und ihr treues Beken-
nen jeder einzelnen Sünde. Sündige Handlungen, die sie nach
ihrer Annahme Christi begehen, könnten Gott veranlassen, Sei-
ne Vergebung rückgängig zu machen. Wenn sogar der Einfluß
eines Menschen über seinen Tod hinaus zur Entscheidung im
Untersuchungsgericht herangezogen wird, ist er ganz sicher
nicht allein aus Gnade errettet.

(2) Die Lehren über den Sabbat. Die Frage, ob die Siebenten-
Tags-Adventisten mit ihrer Behauptung recht haben, der siebte
Tag sei der eigentliche Tag des Herrn, den wir begehen sollten,
wird im zweiten Teil dieses Buches ausführlich behandelt wer-
den. An dieser Stelle wollen wir die Eigenschaften ihrer Lehren
über den Sabbat untersuchen, die den Vorwurf der Gesetzlich-
keit stützen. Zuerst sei bemerkt, daß die Siebenten-Tags-
Adventisten das vierte Gebot im Grunde genommen über alle
anderen Gebote erheben. Wir erinnern uns, daß Ellen G. White
von einer Vision berichtete, in der sie das vierte Gebot von
einem Glorienschein umgeben sah (siehe oben, S. 23). Ellen G.
White schildert in ihren Schriften den Sabbat als die große
Treueprüfung, welche die Bewohner der Erde unterteilt in die-
jenigen, die Gott gehorchen und diejenigen, die sich selbst der
irdischen Macht unterwerfen und infolgedessen das Malzeichen
des Tieres empfangen. [133] D. M. Canright erinnert sich an sei-
ne eigenen Erfahrungen als Adventist und schreibt:

Ich war lange von der Tatsache durchdrungen, daß wir


Adventisten uns in der Predigt sehr von den Aposteln unter-
scheiden. Beispielsweise predigen und schreiben wir ständig
über den Sabbat, während Paulus in seinen vierzehn Briefen
ihn nur einmal erwähnt, Kolosser 2,16, und hier auch nur,
um ihn zu mißbilligen! [134]

Darüber hinaus ist es bemerkenswert, daß den Siebenten-Tags-


Adventisten zufolge in den letzten Tagen alle, die sich weigern,
den siebten Tag zu halten, das Malzeichen des Tieres erhalten
63
Die Siebenten-Tags-Adventisten

und verloren gehen. Obwohl Joseph Bates lehrte, daß alle, die
jetzt den ersten Tag als Sabbat halten, das Malzeichen des Tieres
erhalten werden, haben die Adventisten eine kleine Verschie-
bung in dieser Denkweise erfahren. Jetzt wird gelehrt, daß
fromme Christen aller Bekenntnisse, die aufrichtig auf Christus
als Heiland vertrauen und Ihm nach ihrem besten Wissen fol-
gen, gerettet werden, obwohl sie den ersten Tag halten. [135]
Unmittelbar vor der Wiederkunft Christi soll jedoch das Ehren
des Sonntags gesetzlich erzwungen werden. [136] Dann soll die
Welt über die Verpflichtung des wahren Sabbats aufgeklärt wer-
den. [137] Jeder, der dann Gottes Gebot, den siebten Tag zu
halten, mißachtet, wird dadurch das Papsttum mehr ehren als
Gott und das Malzeichen des Tieres empfangen. [138]

Daraus folgt, daß die Menschen in den letzten Tagen nicht eher
gerettet sein können, als bis sie den siebten Tag als Sabbat ehren.
Allerdings werden zumindest an dieser Stelle die Menschen
zum Teil durch Werke errettet. Allein der Glaube an Christus
wird dann nicht mehr genügen.

Die Lehre von der Gemeinde und den Sakramenten

Die Lehre von der Gemeinde


Ein kennzeichnendes Merkmal der Gemeindelehre der Sieben-
ten-Tags-Adventisten ist, daß sie sich selbst als die „Gemeinde
des Überrestes“ bezeichnen. Hierauf weist der letzte Satz von
Artikel 19 der Grundlegenden Glaubenssätze hin: „... die Gabe
des Geistes der Weissagung ist eine der kennzeichnenden Merk-
male der Gemeinde des Überrestes.“ Dieses wird auch aus-
drücklich im adventistischen Gemeindehandbuch bestätigt.
Unter den Fragen, die ein Taufkandidat zu bejahen hat, finden
wir die folgende: „Glaubst du, daß die Siebenten-Tags-Adven-
tisten die Überrestgemeinde sind ...?“ [139]

Was bedeutet nun „Gemeinde des Überrestes“? In Offenbarung


12,17 lesen wir: „Und der Drache wurde zornig über die Frau
64
Die Lehren

und ging hin, Krieg zu führen mit den übrigen (engl. remnant,
d.h. Überrest) ihrer Nachkommenschaft, welche die Gebote
Gottes halten und das Zeugnis Jesu haben.“ Die Siebenten-Tags-
Adventisten sagen: Wir sind dieser Überrest oder das letzte Seg-
ment der Nachkommenschaft der Frau, wovon die Bibel hier
berichtet. Wir sind der Überrest, der die Gebote Gottes hält,
weil wir, im Gegensatz zu anderen Christen, den siebten Tag als
Sabbat halten. Wir haben das Zeugnis Jesu Christi: In Offenba-
rung 19,10 wird das Zeugnis Jesu definiert als „der Geist der
Weissagung“, und wir haben den Geist der Weissagung mit Ellen
G. White. Wir sind von Gott dazu auserwählt worden, die Bot-
schaft vom Sabbat am siebten Tag kurz vor dem Ende der Welt
zu verkünden, damit allen kundgetan wird, daß das Halten die-
ses Tages jetzt Gottes Wille für Sein Volk ist. [140]

Dies wirft natürlich sofort die Frage auf, ob die Siebenten-Tags-


Adventisten selbst von sich glauben, das einzige wirkliche
Gottesvolk zu sein und dabei alle anderen, auch die großen
Denominationen der Christenheit, ausschließen. Auf diese Fra-
ge erhalten wir eine zweideutige Antwort. Einerseits geben die
Autoren von Fragen zur Lehre vor, daß sie ihre Gemeinschaft
niemals mit der unsichtbaren Gemeinde gleichsetzen wollten, –
„jene aus jeder Denomination, die dem Worte treu bleiben“
(S. 186). Wie die Autoren herausstellen, glauben die Siebenten-
Tags-Adventisten nicht, daß allein sie die wahren Kinder Gottes
darstellen (S. 187), daß sie die einzigen wirklichen Christen auf
der Welt sind, oder daß sie die einzigen sind, die gerettet werden
(S. 191-192). An anderer Stelle schreiben die Autoren: „Wir
anerkennen die erfreuliche Tatsache, daß eine große Menge
wahrer Jünger Christi in den vielen verschiedenen Kirchen und
Gemeinschaften der Christenheit zerstreut ist, einschließlich
der römisch-katholischen Kirche“ (S. 197).

Andererseits behaupten sie jedoch, die protestantische Reforma-


tion sei unvollständig gewesen, und Gott wünsche, daß jetzt
neue Wahrheiten hervorgehoben werden, die zur Zeit der Re-
formation nicht beachtet wurden (S. 189). Diese neuen Wahr-
65
Die Siebenten-Tags-Adventisten

heiten habe Gott den Siebenten-Tags-Adventisten übergeben.


Das Herzstück dieser neuen Botschaft ist die Verkündigung des
siebten Tages als Sabbat (S. 189). Diese neue Botschaft müsse
nun allen gebracht werden, sogar jenen bibeltreuen Christen,
die den Lehren der Reformation anhängen. Denn nur so kön-
nen sich Christen auf die große Treueprüfung vorbereiten, die
in den letzten Tagen stattfinden wird (S. 195).

Glauben die Siebenten-Tags-Adventisten nun tatsächlich, daß


die große Mehrheit der Christen, die ja den ersten Tag der
Woche anstelle des siebten halten, zu der universalen Gemein-
de, zu Gottes wahrem Volk gehört? Theoretisch tun sie das
schon. Wir schätzen ihre Bereitschaft, dies zuzugestehen, wozu
Mormonen und Jehovas Zeugen nicht bereit sind. Aber wir
sehen, daß ihre Lehren nicht mit dieser Behauptung überein-
stimmen. Denn wenn die Nachkommenschaft der Frau, von der
in Offenbarung 12 die Rede ist, die christliche Kirche ist, und
wenn der Überrest ihrer Nachkommenschaft das letzte Seg-
ment dieser Nachkommenschaft und die Gemeinschaft der Sie-
benten-Tags-Adventisten dieses letzte Segment ist, zu welcher
Schlußfolgerung gelangen wir dann, wenn nicht zu der, daß
andere christliche Gemeinschaften nicht zu der Nachkommen-
schaft der Frau gehören? Und wenn doch, wieso gehören sie
dann nicht zum Überrest?

Wenn überdies die Botschaft vom Sabbat am siebten Tag jetzt so


bedeutend ist, daß Gott ein besonderes Volk für ihre Verkündi-
gung erwählte, und wenn das Halten dieses Tages jetzt Gottes
Wille für Sein ganzes Volk ist, wie können dann Männer und
Frauen, die die Beachtung dieser Botschaft ablehnen, immer
noch zu Gottes wahrem Volk gehören? Wie können die Sieben-
ten-Tags-Adventisten sagen, daß es Menschen gibt „aus jeder
Denomination, die dem Worte treu bleiben“ (S. 186), wenn diese
Menschen doch versäumen, das wichtigste der Zehn Gebote zu
halten? Wie können die Adventisten behaupten, daß diese angeb-
lichen Glieder der wahren Gemeinde außerhalb ihrer Gemein-
schaft „in dem Lichte leben, welches Gott ihnen gab“ (S. 192)?
66
Die Lehren

Sie haben schließlich die Bibel. Wirft die Bibel nicht hinreichend
Licht auf die Frage nach dem siebten Tag? Die Autoren von
Fragen zur Lehre versuchen sich aus diesem Dilemma herauszu-
reden und sagen: „Wir respektieren und lieben unsere Mitchri-
sten, die Gottes Wort nicht so auslegen wie wir“ (S. 193). Diese
Äußerung erweckt den Eindruck, die Frage nach dem ersten
oder siebten Tag sei nicht so schwerwiegend, und Unterschiede
in der Auslegung könnten toleriert werden. Aber auf einer ande-
ren Seite wird uns gesagt, daß die Siebenten-Tags-Adventisten
von Gott gerade mit der Bestimmung auserwählt wurden, der
Welt die Botschaft vom Sabbat am siebten Tag zu verkünden!
Demnach liegen jene Christen, die einen Sabbat am ersten Tag als
schriftgemäß ansehen, absolut falsch! Wie können dann solche
völlig irrenden und fehlgeleiteten Menschen als bibeltreu und der
wahren Gemeinde Jesu Christ angehörend angesehen werden?

Weil dieser Punkt von großer Wichtigkeit ist, sollten wir ihn
noch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. In Fragen zur
Lehre wird uns gesagt, daß jemand, der die Gottheit Jesu Chri-
sti ablehnt, die Erlösung weder gänzlich verstehen, noch sie
erfahren kann. Darauf folgt die Erklärung: „Er ist durch seinen
Unglauben nicht nur für die Mitgliedschaft [in der Gemein-
schaft der Siebenten-Tags-Adventisten] disqualifiziert, sondern
er ist kein Glied des mystischen Leibes Christi, der Gemeinde“
(S. 45). Wir nehmen an, daß die Autoren mit dem „mystischem
Leib Christi, der Gemeinde“ die oben beschriebene unsichtbare
Gemeinde meinen. Mit dieser Annahme ist es dann klar, daß
jemand, der die Gottheit Christi leugnet, nach Auffassung der
Adventisten kein Glied der unsichtbaren Gemeinde sein kann.
Anderen Erklärungen der gleichen Autoren zufolge können
jedoch Christen, die nicht den siebten Tag als Sabbat halten, von
den Adventisten als zur unsichtbaren Gemeinde gehörend
betrachtet werden. Wenn man diese zwei Aussagen zusammen-
bringt, scheint es, als ob für die Siebenten-Tags-Adventisten das
Beobachten des siebten Tages als Sabbat weit weniger wichtig
ist, als das Bekenntnis zur Gottheit Jesu Christi. Trotzdem
behaupten sie gleichzeitig, Gott habe ihre Gemeinschaft zu der
67
Die Siebenten-Tags-Adventisten

besonderen Bestimmung auserwählt, der Welt die Botschaft


vom Sabbat am siebten Tag zu verkünden! Ihre Behauptung in
Fragen zur Lehre (S. 193), die Mitchristen, die die Bibel nicht so
auslegen wie sie, zu respektieren und zu lieben, zeigt, daß der
Unterschied in der Auslegung bezüglich des siebten Tages
weniger bedeutend ist und keinen Anlaß zum Ausschluß aus
der unsichtbaren Gemeinde darstellt. Aber wenn das zutrifft,
welchen Grund haben die Siebenten-Tags-Adventisten dann zu
behaupten, daß sie allein die Überrestgemeinde seien? Wir zie-
hen die Schlußfolgerung, daß die Siebenten-Tags-Adventisten
kein Recht haben zu behaupten, die unsichtbare Gemeinde gehe
über ihre eigene Gemeinschaft hinaus, während sie gleichzei-
tig darauf beharren, daß sie die Überrestgemeinde und Gottes
treuestes Volk seien. Sie sollten entweder ihre Vorstellung von
der Überrestgemeinde oder ihren angeblichen Glauben an die
unsichtbare Gemeinde verwerfen; wenn sie ehrlich sein wollen,
können sie nicht an beiden festhalten.

Wenn die Adventisten behaupten, Christen, die den Sonntag


halten, könnten für ihre Übertretung des vierten Gebots
entschuldigt werden, da sie ja nach ihrer besten Erkenntnis
handeln, fragen wir uns, was sie damit meinen. Würden denn
Leugner der Gottheit Christi entschuldigt werden, nur weil sie
nach ihrer besten Erkenntnis handeln? Wann das nicht der Fall
ist, wie wir ja gesehen haben, weshalb sollten dann diejenigen
entschuldigt werden, die den Sabbat am siebten Tag ablehnen?
Ihre Erkenntnis, nach der sie handeln, haben sie aus der Bibel –
muß nun diese Bibel durch das Urteil „ihre beste Erkenntnis“
verworfen werden? Behaupten die Siebenten-Tags-Adventisten
etwa, daß sie ein besseres Licht zur Erkenntnis haben, als die
Bibel? Kommt dieses bessere Licht vielleicht von den Lehren
von Ellen G. White? Stimmen sie darin noch mit ihrer angebli-
chen alleinigen Abhängigkeit von der Bibel als Maßstab für
Glauben und Leben überein?

Wir ziehen daraus die Schlußfolgerung, daß die adventistischen


Lehren über die Überrestgemeinde nicht mit ihrer Behauptung
68
Die Lehren

in Einklang stehen, daß sie die Existenz einer unsichtbaren oder


universalen Gemeinde Christi anerkennen, die über ihre Ge-
meinschaft hinausgeht. Es soll hier angefügt werden, daß die
Anwendung ihrer Vorstellung von der Überrestgemeinde auf
sich selbst weder exegetisch noch lehrmäßig haltbar ist. Begin-
nen wir mit der exegetischen Betrachtung dieses Punktes. Die
Vorstellung, daß Offenbarung 12,17 auf eine „Überrestgemein-
de“ hinweist, basiert auf einer falschen Übersetzung des grie-
chischen Grundtextes an dieser Stelle. Die King-James-Version
liest hier: „Der Drache ... ging hin, um Krieg zu führen mit dem
Überrest ihrer Nachkommenschaft.“ Der Grundtext verwendet
hier nicht das griechische Wort leimma (in Römer 11,5 mit
Überrest übersetzt) oder hypoleimma (in Römer 9,27 mit
Überrest übersetzt), sondern vielmehr den Pluralausdruck, hoi
loipoi, das heißt wortwörtlich „die Übrigen von ihnen“. In der
American Standard Version wird der Ausdruck hoi loipoi bei
jedem Vorkommen mit „die Übrigen“ übersetzt. Hier, in
Offenbarung 12,17, wird in dieser Bibelübersetzung dieser
Begriff mit „die Übrigen ihres Samens“ wiedergegeben. Sowohl
die Revised Standard Version als auch die New English Bible
lesen „die Übrigen ihrer Nachkommenschaft“ („die Übrigen“
lesen ebenso die gängigen deutschen Übersetzungen; Anm. d.
Übers.). Die übliche Auslegung dieser Textstelle besagt, daß
Satan (durch den Drachen symbolisiert), nachdem er die
Gemeinde (dargestellt durch die Frau) nicht austilgen konnte,
jetzt gegen bestimmte einzelne Gläubige Krieg führt: „die
Übrigen ihres Samens“. [141] Es ist völlig ungerechtfertigt, die-
sen Ausdruck „die Übrigen ihres Samens“ als eine spezielle
Gemeinschaft zu verstehen.

Ebenso unhaltbar ist die Vorstellung der Überrestgemeinde


aus lehrmäßiger Sicht. Die Bibel spricht über den einen Leib
Christi, der aus vielen Gliedern besteht (Eph 4,4-16; 1. Kor
12,12-27), und gibt eine besondere Warnung vor der Sünde, sich
selbst über andere Glieder des Leibes Christi zu erheben (1. Kor
1,12.13; 3,1-7.21.23). Das Neue Testament spricht tatsächlich
von einem Überrest, nämlich in Römer 11,5: „So ist nun auch
69
Die Siebenten-Tags-Adventisten

in der jetzigen Zeit ein Überrest nach der Auswahl der Gnade
entstanden.“ Aber hiermit ist kein Überrest innerhalb der
unsichtbaren Gemeinde gemeint – dieser Überrest ist mit der
unsichtbaren Gemeinde identisch, soweit wie seine jüdischen
Glieder mit einbezogen sind. Der Gedanke, daß die Siebenten-
Tags-Adventisten eine spezielle „Überrestgemeinschaft“ inner-
halb der unsichtbaren oder universalen Gemeinde sind, die vom
Rest des Leibes Christi als die einzige wirklich reine und wahre
Darstellung dieses Leibes unterschieden werden müsse, erinnert
an Bewegungen wie Montanismus, Novatianismus und Dona-
tismus, die ebenfalls behaupteten, sie seien die wahre Gemeinde
innerhalb der Kirche, und an den Pietismus des siebzehnten
Jahrhunderts, der gleichfalls von sich sagte, eine Art ecclesiola in
ecclesia („ein Kirchlein innerhalb der Kirche“) zu sein. Das ist
jedenfalls nicht die schriftgemäße Sichtweise der Gemeinde.
Wenn jemand den Begriff Überrest in Anwendung auf die
Gemeinde benutzen möchte, schreibt die Bibel vor, daß dieser
Begriff nur verwendet werden kann, um die gesamte Gemeinde
zu bezeichnen, die alle wahren Gläubigen umfaßt, wo immer
diese auch sind. [142]

Die Lehre von den Sakramenten


Taufe. Die Siebenten-Tags-Adventisten sind gegen die Säuglings-
taufe und halten daran fest, daß Glaube, Bekehrung und die
Annahme Christi als Retter Voraussetzungen für die Taufe
sind und daß Säuglinge diese Voraussetzungen nicht erfüllen
können. [143] Artikel 5 der Grundlegenden Glaubenssätze führt
aus, daß die Taufe auf die Bekehrung und Sündenvergebung fol-
gen sollte [144], daß bei ihrer Praktizierung der Glaube des
Täuflings an Tod, Begräbnis und Auferstehung Christi gezeigt
wird und daß die eigentliche Form der Taufe das Untertauchen
ist. Fragen zur Lehre gibt darüber hinaus an, daß es ein einmali-
ges und nicht ein dreifaches Untertauchen sein muß (S. 23).

Das Gemeindehandbuch verlangt, daß jedem Täufling zuvor


eine gründliche Unterweisung in den grundlegenden Lehren
70
Die Lehren

der Gemeinschaft gegeben werden muß (S. 46, 48), und daß vor
der Taufe eine öffentliche Prüfung stattfinden muß, die entwe-
der vor der Gemeinde oder einem Ausschuß der Gemeinde
durchgeführt wird (S. 49). Darüber hinaus listet das Handbuch
die dreizehn Fragen des Taufgelöbnisses auf, die der Täufling
bejahen muß (S. 56-58).

Vom Taufkandidat wird erwartet, daß er oder sie zusätzlich


zum Bekenntnis des Glaubens an die Dreieinigkeit, an Jesus
Christus als den Erlöser und an die Bibel als Gottes inspiriertes
Wort sich ebenso zu den speziellen adventistischen Lehren
bekennt, wie den Sabbat am siebten Tag (Frage 6), dem Geist
der Weissagung (Frage 8) und der Überrestgemeinde (Frage 13).
Es wird ebenfalls erwartet, daß er die Gemeinde mit seinem
Zehnten und seinen Opfergaben unterstützt (Frage 10) – von
daher ist es für die Mitgliedschaft in der Gemeinschaft ver-
pflichtend, den Zehnten zu geben. Von besonderem Interesse
und Bedeutung ist Frage 7: „Glaubst du, daß dein Körper der
Tempel des Heiligen Geistes ist und daß du Gott ehren mußt,
indem du für deinen Körper sorgst und dich solcher Dinge ent-
hältst, wie alkoholische Getränke, Tabak in jeder Form und von
unreiner Speise?“

Es ist ersichtlich, daß die Siebenten-Tags-Adventisten dadurch


die völlige Enthaltung von Alkohol und Tabak zu einer Voraus-
setzung für die Mitgliedschaft in ihrer Kirche machen. Das
Gemeindehandbuch führt „unter den schmerzlichen Sünden,
für welche die Mitglieder der Gemeindezucht übergeben wer-
den sollen“, die folgenden auf: „der Gebrauch, die Herstellung
oder der Verkauf von alkoholischen Getränken“ und „der Ge-
brauch von Tabak oder die Neigung zu betäubenden Drogen“
(S. 225-226). Man fragt sich, mit welchen ethischen Maßstäben
die Siebenten-Tags-Adventisten den Gebrauch von Tabak mit
solchen Sünden wie Mord, Unzucht und Diebstahl gleichsetzen
können (vergl. S. 225). Betrachten wir die Worte Paulus’ in
1. Timotheus 4,4 („Jedes Geschöpf Gottes ist gut und nichts
verwerflich, wenn es mit Danksagung genommen wird“); wel-
71
Die Siebenten-Tags-Adventisten

che Berechtigung hat dann diese Gemeinschaft, eine völlige


Enthaltung von jeder Form von alkoholischen Getränken zu
einer Voraussetzung für die Taufe zu machen?

Als „unreine Speisen“, von denen sich zu enthalten der Täufling


geloben muß, werden auch Getränke wie Kaffee oder Tee
bezeichnet, ebenfalls Schweinefleisch, Schinken, Garnelen,
Hummer und Muscheln. Es fällt auf, daß das verbotene Fleisch
genau jenes ist, das im Alten Testament als unrein bezeichnet
wird. Die Siebenten-Tags-Adventisten sagen, sie seien sich wohl
darüber bewußt, daß das Zeremonialgesetz, das diese Verbote
enthält, zur Zeit des Neuen Testaments aufgehoben wurde, aber
sie erklären, daß Gott sowohl zur Zeit Moses als auch schon
davor sein Volk unterwies, sich dieser Dinge zu enthalten, weil
Er wußte, daß sie nicht gut für den menschlichen Gebrauch
sind. [145] Deshalb verfechten die Siebenten-Tags-Adventisten
ihr Verbot dieser Speisen aus gesundheitlichen Gründen.

Niemand kann etwas dagegen sagen, wenn eine Kirche die


Gesundheit ihrer Mitglieder schützen will. Aber wenn man vor
der Taufe einwilligen muß, sich bestimmter Speisen zu enthal-
ten, werden diese Verbote in eine religiöse Kategorie eingereiht,
und sie sind nicht mehr bloße Gesundheitsmittel. Die Absti-
nenz von bestimmten Speisen zu einer Voraussetzung für die
Mitgliedschaft in der Kirche zu machen, heißt, Bedingungen
hinzuzufügen zu denen, die von der Bibel gefordert werden:
Echte Umkehr, ein lebendiger Glaube an Jesus Christus und die
Entschlossenheit, Gottes Willen zu tun. Die Einstellung der
Siebenten-Tags-Adventisten zu diesen sogenannten unreinen
Speisen wird nicht nur in dem oben zitierten Vers aus 1. Timo-
theus 4,4.5 verworfen [146], sondern auch in Kolosser 2,16.17:
„So richte euch nun niemand wegen Speise oder Trank oder
betreffs eines Festes oder Neumondes oder Sabbats, die ein
Schatten der zukünftigen Dinge sind, der Körper selbst aber ist
des Christus.“ [147]

Das Mahl des Herrn. Es ist verwunderlich, daß in den Grundle-


genden Glaubenssätzen an keiner Stelle das Mahl des Herrn
72
Die Lehren

erwähnt wird. Dem Gemeindehandbuch zufolge sollen die Sie-


benten-Tags-Adventisten jedoch alle drei Monate einmal das
Mahl des Herrn feiern (S. 111). Diese Feier wird eine Woche
vorher angekündigt und die Gemeindeglieder werden dazu auf-
gefordert, in dieser Zeit ihre Herzen zu bereiten und sicherzu-
stellen, daß untereinander alles in guter Ordnung ist (S. 111).
Eine ungewöhnliche Besonderheit ihrer Feier des Herrnmahls
ist die Fußwaschung, die stets vor dem Mahl durchgeführt
wird. Ellen G. White lehrte, daß Jesus Seinen Jüngern nicht nur
eine Lektion in Demut erteilte, als Er ihnen vor der Einsetzung
des Herrnmahls die Füße wusch, sondern daß Er ein religiöses
Ritual einführte (S. 115). [148] Branson erklärt dazu, daß dieser
Dienst die „kleine Waschung“ symbolisiere, im Unterschied
zur Taufe, welche die „große Waschung“ sei – die Fußwaschung
stelle deshalb die Vergebung der Sünden dar, die sich seit der
Taufe angesammelt haben. [149] Das Handbuch erklärt weiter,
daß Männer und Frauen für diesen Dienst getrennt werden, und
jeder wäscht dann die Füße dessen, der ihm am nächsten ist
(S. 111-112). [150]

Das Handbuch nennt das Herrnmahl selbst eine Erinnerung an


die Kreuzigung Christi (S. 114). Weil es mehr als ein bloßes
Symbol ist, stärkt es ebenfalls den Glauben: „Die Teilnahme
[am Herrnmahl] der Glieder des Leibes ist für den Christen für
Wachstum und Nachfolge notwendig“ (S. 55). Das Gemeinde-
handbuch führt darüber hinaus an, daß jedes Gemeindeglied
dem Mahl des Herrn beiwohnen sollte (S. 114), und wenn Gäste
der Gemeinde daran teilzunehmen wünschen, soll es ihnen
nicht untersagt werden (S. 113). Die Siebenten-Tags-Adven-
tisten benutzen ungesäuertes Brot und ungegorenen Wein für
das Herrnmahl. Alles übriggebliebene Brot und Wein muß wie
folgt entsorgt werden: Das Brot muß verbrannt und der Wein
weggeschüttet werden (S. 116).

73
Die Siebenten-Tags-Adventisten

Die Lehre von den letzten Dingen

Individuelle Eschatologie
Der Mensch nach dem Tod. Als wir die Lehre der Siebenten-
Tags-Adventisten über den Menschen betrachteten, haben wir
bereits gelernt, daß die Adventisten nicht glauben, der Mensch
sei als Ganzes oder zum Teil an sich unsterblich oder hätte eine
Seele, die den leiblichen Tod überleben könnte. Wir haben auch
festgestellt, daß sie das biblische Wort Seele (nephesch oder psy-
che) so verstehen, als bedeute es vielmehr „der ganze Mensch“
als irgendein unsterblicher Teil des Menschen, und deshalb sei
es besser, davon zu sprechen, der Mensch ist ein Seele anstatt er
habe eine Seele. [151]

Was folgt nun aus dieser Sichtweise für den Zustand des Men-
schen nach seinem Tod? Die Antwort finden wir in den Grund-
legenden Glaubenssätzen in Artikel 10: „Daß der Zustand des
Menschen im Tod wie Bewußtlosigkeit ist. Daß alle Menschen,
gute wie böse, vom Tod bis zur Auferstehung in den Gräbern
bleiben.“ Hier sehen wir, wie ein adventistischer Autor die
Sichtweise zu dieser Problematik erläutert:

Die Lehre der Bibel über den Zwischenzustand des Men-


schen ist einfach. Der Tod ist tatsächlich und wahrhaftig ein
Schlaf, ein tiefer Schlaf, der unbewußt ist und ununterbro-
chen bis zum Erwachen bei der Auferstehung fortdauert. Im
Tod tritt der Mensch in einen Zustand des Schlafes ein. Die
Sprache der Bibel macht klar, daß der ganze Mensch schläft,
nicht bloß ein Teil von ihm. Es wird an keiner Stelle ange-
deutet, daß der Mensch nur als Körper schläft und seine See-
le wach und bei Bewußtsein ist. Dies alles schließt ein, daß
der Mensch im Tod schläft. [152]

Bemerkenswert ist, daß nach C. Haynes nicht die Seele schläft,


sondern der Mensch. Den gleichen Standpunkt nehmen die
Autoren von Fragen zur Lehre ein (S. 511-532). Es ist deshalb
74
Die Lehren

nicht ganz korrekt, davon zu sprechen, die Siebenten-Tags-


Adventisten vertreten die Lehre des Seelenschlafes, denn daraus
würde folgen, daß es eine Seele gibt, die den Tod in einem
bewußtlosen Zustand überdauert. Eine bessere Art und Weise,
ihre Lehre zu diesem Punkt zu bezeichnen, wäre der Ausdruck
Seelenvernichtung. Ihrer Lehre gemäß ist Seele ja einfach eine
andere Bezeichnung für den Menschen als Ganzes, und deshalb
gäbe es keine Seele, die den Tod überlebt. Nach dem Tod lebt
überhaupt nichts weiter; wenn der Mensch stirbt, existiert er
einfach nicht mehr.

Die Siebenten-Tags-Adventisten lehren, daß es eine Auferste-


hung aller Menschen geben werde. Die Autoren von Fragen zur
Lehre schreiben, der Zeitraum zwischen Tod und Auferstehung
sei nebensächlich, da es im sogenannten „Zwischenzustand“
kein Bewußtsein gäbe:

Solange das Gotteskind im Grab schläft, weiß es von nichts.


Die Zeit ist ihm unbedeutend. Wenn es auch tausend Jahre
dort ist, diese Zeit wird ihm wie ein Augenblick sein. Wer
Gott dient, schließt im Tod seine Augen, und ob er nun einen
Tag oder zweitausend Jahre ruht, wenn er das nächste Mal zu
Bewußtsein kommt, wird er seine Augen aufschlagen und
seinen geliebten Herrn erblicken. Zuerst ist es für ihn der
Tod – dann plötzliche Herrlichkeit (S. 523-524).

Bedingte Unsterblichkeit. In Artikel 9 der Grundlegenden Glau-


benssätze wird die adventistische Position zur Unsterblichkeit
fortgesetzt:

Daß „Gott allein Unsterblichkeit hat“ (1. Tim 6,16). Der


sterbliche Mensch besitzt ein Wesen, das an sich sündig und
vergänglich ist. Ewiges Leben ist ein Geschenk Gottes durch
den Glauben an Christus (Rö 6,23) ... Beim Zweiten Kom-
men Christi wird den Gerechten Unsterblichkeit verliehen,
wenn die gerechten Toten aus den Gräbern erstehen und die
lebenden Gerechten verwandelt werden, um dem Herrn zu
75
Die Siebenten-Tags-Adventisten

begegnen. Dann werden jene, die als treu befunden werden,


„Unsterblichkeit anziehen“ (1. Kor 15,51-55).

Die Siebenten-Tags-Adventisten glauben daher an eine bedingte


Unsterblichkeit: Unsterblichkeit wird den Gläubigen beim
Zweiten Kommen Christi verliehen. Der Mensch besitzt keine
angeborene Unsterblichkeit und hat keine unsterbliche Seele.
Nur Gott besitzt Unsterblichkeit im eigentlichen Sinne.
Unsterblichkeit im weiteren Sinne wird nur bestimmten Men-
schen verliehen – nämlich denen, die glauben. Ungläubige wer-
den nach dem Tausendjährigen Reich aus dem Tod erstehen,
aber sie werden keine Unsterblichkeit erhalten. Sie auferstehen
nur, um vernichtet zu werden. [153]

Allgemeine Eschatologie
Die Wiederkunft Christi. Wie der Name ihrer Kirche schon ver-
deutlicht, ist das Zweite Kommen Christi eine der Hauptlehren
des adventistischen Glaubens. Die Siebenten-Tags-Adventisten
glauben an die buchstäbliche, physische, hörbare, sichtbare und
persönliche Wiederkunft Christi. [154] Sie betrachten dieses
Zweite Kommen Christi als „die große Hoffnung der Gemein-
de, der Höhepunkt des Evangeliums und die Erfüllung der
Errettung“. [155] Da nun die Siebenten-Tags-Adventisten ihr
Entstehen dem Versuch William Millers verdanken, ein Datum
für Christi Wiederkunft festzulegen, versuchen die heutigen
Adventisten nicht mehr, ein solches Datum zu ermitteln. In
Fragen zur Lehre betonen sie jetzt: „... Wir glauben, daß die
Wiederkunft unseres Herrn bevorsteht und zu einer Zeit sein
wird, die nahe ist, aber nicht offenbart wurde“ [S. 463].

Es wird deutlich betont, daß die Wiederkunft Christi ein einzel-


nes Kommen und nicht in zwei Etappen aufgeteilt sein wird.
Die Siebenten-Tags-Adventisten unterscheiden sich deshalb
von den dispensationalistischen Prämillennialisten, da sie eine
vorgerichtliche verborgene Entrückung ablehnen (d.h. die Leh-
re ablehnen, daß die Gemeinde vor dem großen Gericht für die
76
Die Lehren

Welt unsichtbar und still von der Erde weggenommen werden


wird; S. 454). Obgleich sie mit den Prämillennialisten darin über-
einstimmen, daß es ein Tausendjähriges Reich geben wird, leug-
nen sie, daß dieses Tausendjährige Reich von einer irdischen
Herrschaft Christi über das bekehrte jüdische Volk gekenn-
zeichnet sein wird. Sie sehen daher in der Errichtung des
modernen Staates Israel in Palästina auch keinen besonderen
Hinweis auf die Prophetien (S. 243-235). Insgesamt zeigen sie
zehn Punkte auf, in denen sie sich von den dispensationalisti-
schen Prämillennialisten unterscheiden (S. 239-240).

Die Schlacht von Harmagedon. Der letzte Kampf zwischen den


Nationen wird die Schlacht von Harmagedon sein. In bezug auf
Offenbarung 16,12-16 erklären die Siebenten-Tags-Adven-
tisten, daß die Geschichte dieser Welt ihr Ende in dieser großen
Schlacht nehmen wird, die in der Schrift „der Krieg jenes
großen Tages Gottes, des Allmächtigen“ genannt wird. [156]
Der Streit zwischen den Völkern, der schon immer die
Geschichte des Menschen gekennzeichnet hat, wird in dieser
großen Schlacht gipfeln, die in der Ebene von Megiddo in Zen-
tralpalästina ausgetragen werden wird. Es wird jedoch nicht
bloß ein Krieg zwischen Völkern sein: „Bei Harmagedon wer-
den in einer Zeit der menschlichen Bestrebungen, die Kontrolle
über diese Erde zu erlangen, wie sie in Offenbarung 19,19
beschrieben sind, der Kampf zwischen Nationen, Rasen und
Religionen zwischen den Armeen der Erde und den Heeren des
Himmels Platz machen für einen Krieg.“ [157] Da die drei sym-
bolischen Wesen aus Offenbarung 16,13 (der Drache, das Tier
und der falsche Prophet) die falschen religiösen Systeme der
Welt darstellen, sowohl Heiden als auch bekennende Christen,
wird die Schlacht von Harmagedon ein „heiliger Krieg“ sein
zwischen Gott und Seinem Volk einerseits und dem Teufel und
seinem Volk (abtrünnige Christen ebenso wie die Anhänger der
falschen Religionen) andererseits. [158]

Dieser Krieg wird durch die leibhaftige und sichtbare Wieder-


kunft Jesu Christi jäh unterbrochen und plötzlich beendet wer-
77
Die Siebenten-Tags-Adventisten

den. [159] Christus wird dann die Nationen mit einem eisernen
Stab zerschmettern und „sie wie ein Gefäß eines Töpfers in
Stücke schlagen“, so restlos wird Er Seine Feinde zunichte
machen. [160] Zu diesem Zeitpunkt wird der Tag der Errettung
vorüber sein. [161] Das Tier und der falsche Prophet werden
nun lebend in den Feuersee geworfen. Alle Ungerechten, die zu
diesem Zeitpunkt noch nicht im Krieg umgebracht worden
sind, werden nun getötet und „durch die Herrlichkeit des sicht-
bar gegenwärtigen Christus vernichtet“. [162]

Bindung Satans. An dieser Stelle wird die Bindung Satans voll-


zogen, von der Offenbarung 20,1-3 spricht. Sie wird so verstan-
den, daß Satan durch göttlichen Befehl der verwüsteten und als
„Abgrund“ oder „bodenlose Grube“ gedeuteten Erde überge-
ben wird. Wie wir ja bereits gesehen haben, sind zu dieser Zeit
alle Bösen und Ungerechten getötet worden. Dadurch sind nur
noch Gläubige auf der Erde übrig geblieben. Diese sollen
jedoch, wie wir gleich sehen werden, in den Himmel überführt
werden. So wird also die Erde während des Tausendjährigen
Reichs, das dann beginnen soll, völlig verödet und ohne
menschlichen Lebensraum sein. Auf diese verödete Erde wird
Satan mit seinen gefallen Engeln für tausend Jahre verbannt
werden. Dann wird er reichlich Zeit haben, über den Ausgang
seiner Rebellion gegen Gott nachzusinnen. [163]

Diese Lehrmeinung muß in ihren Zusammenhang betrachtet


werden mit der adventistischen Lehre von Satan als denjenigen,
dem die Sünden der Welt auferlegt werden. Wie oben bereits
gezeigt, sehen die Adventisten eine Parallele zwischen dem
zweiten Bock des Versöhnungstages und dem, was mit Satan
nach Christi Wiederkunft geschehen wird. Genau wie der soge-
nannte Sündenbock in die Einsamkeit der Wüste weggeschickt
wurde, nachdem die Sünden des Volkes auf ihn übertragen wor-
den waren, so wird auch Satan auf die verlassene Erde verbannt
werden, wenn die Sünden der Welt auf ihn gelegt worden sind,
denn die Erde wird während des Tausendjährigen Reichs eine
öde, verlassene Wüste sein. [164]
78
Die Lehren

Die Besondere Auferstehung. Die Siebenten-Tags-Adventisten


glauben an drei Auferstehungen, eine besondere und zwei allge-
meine. Die zwei allgemeinen Auferstehungen sind die der Gläu-
bigen und die der Ungläubigen, wobei erstere am Anfang und
letztere am Ende des Tausendjährigen Reichs stattfinden wird.
Bevor wir hierauf näher eingehen, müssen wir uns jedoch der
Besonderen Auferstehung widmen, die sich angeblich noch vor
den anderen beiden ereignen wird. Sie wird unmittelbar vor dem
Zweiten Kommen Christi geschehen und es werden dabei sowohl
einige Ungläubige als auch einige Gläubige auferstehen. Wir
unterbrechen also nun an dieser Stelle kurz die chronologische
Darstellung, um diese Besondere Auferstehung zu erläutern.

Die erste der beiden Gruppen, die zu diesem Zeitpunkt aufer-


weckt werden, sind diejenigen, die für die Verurteilung und
Kreuzigung Christi verantwortlich sind. Basierend auf ihren
Kommentar zu Offenbarung 1,7 schreibt Ellen G. White:

„Auch die, welche Ihn durchstochen haben“ (Off 1,7), die


Christus in Seinen Todesqualen verspottet und verhöhnt
haben und die brutalsten Gegner Seiner Wahrheit und Seines
Volkes werden auferweckt, um Ihn in Seiner Herrlichkeit
anzuschauen und die Ehre zu sehen, mit welcher die Treuen
und Gehorsamen überschüttet werden. [165]

Die zweite dieser beiden Gruppen sind die, die „im Glauben an
die Botschaft des dritten Engels starben“. In einem persönli-
chen Brief (vom 4. Juni 1963), den ich von Thomas H. Blincoe
von der Andrew Universität in Berrien Springs in Michigan
(der theologischen Akademie der Siebenten-Tags-Adventisten)
erhalten habe, wird folgendes behauptet:

In Offenbarung 14,13, unmittelbar nach der Botschaft des


dritten Engels aus Offenbarung 14,9-12, steht diese Selig-
preisung: „Glückselig die Toten, die von jetzt an im Herrn
sterben.“ Wir glauben, daß allen, die im Herrn sterben, „im
Glauben an die Botschaft des dritten Engels“, ein einzigar-
79
Die Siebenten-Tags-Adventisten

tiger Segen gewährt wird: Sie werden in der besonderen Auf-


erstehung vor der glorreichen Wiederkunft Christi aufer-
weckt werden und so den Vorzug haben, Ihn kommen zu
sehen. Die Botschaft des dritten Engels wird seit etwa 1846
verkündet.

Diese Behauptung basiert auf den folgenden Worten von Ellen


G. White:

Gräber sind geöffnet, und „viele von denen, die im Staub der
Erde schlafen, ... erwachen: die einen zu ewigem Leben und
die anderen zur Schande, zu ewigem Abscheu“ (Dan 12,2).
Alle, die im Glauben an die Botschaft des dritten Engels
gestorben sind, kommen verherrlicht aus den Gräbern her-
vor, um Gottes Friedensbündnis mit denen, die Seine Gebote
gehalten haben, zu vernehmen. [166]

Wie wir ja bereits gesehen haben [167], verstehen die Siebenten-


Tags-Adventisten die Botschaft des dritten Engels aus Offen-
barung 14 als Aufforderung, den siebten Tag zu beobachten.
Demzufolge müssen diejenigen, die „im Glauben an die Bot-
schaft des dritten Engels starben“, die gläubigen Siebenten-Tags-
Adventisten sein, die seit 1846 verschieden sind (und einige
wenige andere, die sich seit jener Zeit an diese Botschaft gehalten
haben). Es scheint also, daß die treuen und gehorsamen Sieben-
ten-Tags-Adventisten vor dem Zweiten Kommen Christi eine
besondere Auferstehung zugebilligt bekommen und damit den
Vorzug haben, Christus bei Seiner Wiederkunft zu sehen.

Die Auferstehung und Umwandlung der Gläubigen. Nachdem


Christus wiedergekommen und Satan gebunden worden ist,
findet die allgemeine Auferstehung der Gläubigen statt. Die Sie-
benten-Tags-Adventisten halten sich in der Übersetzung von
Offenbarung 20,4 an die Revised Standard Version: „Sie [die
Seelen derer, die enthauptet worden sind] wurden wieder leben-
dig und herrschten mit Christus tausend Jahre.“ [168] Zu die-
sem Zeitpunkt werden alle wahren Gläubigen, die vor 1846
80
Die Lehren

starben und alle, die nach 1846 im Herrn starben, aber „niemals
die Botschaft des dritten Engels hörten und die Gewißheit der
durch sie offenbarten Wahrheit erlangten“ [169], auferweckt.
Wir erinnern uns jedoch daran, daß dieses keine Auferweckung
im eigentlichen Sinne ist, da die Seelen dieser Gläubigen ja zwi-
schen Tod und Auferstehung nicht mehr existieren. Weil nichts
mehr von diesen Gläubigen fortbestanden hat und sie damit
vollständig ausgelöscht waren, ist es in Wirklichkeit treffender,
ihre Wiederherstellung mit Neuschöpfung zu bezeichnen, als
mit Auferweckung. Gott, so könnte man annehmen, erschafft
sie nun auf Grundlage Seiner Erinnerung daran, wie sie einst
gewesen sind, von neuem. [170]

Nach dieser Auferstehung werden alle Gläubigen, die noch


leben (und zu diesem Zeitpunkt leben ausschließlich Gläubige)
umgewandelt und verherrlicht werden. Dann werden sowohl
die auferstandenen als auch die umgewandelten Gläubigen in
die Wolken aufgenommen, um mit Christus dort in der Luft
zusammenzutreffen. Nach diesem werden sie von Ihm in den
Himmel geführt. [171]

Das Tausendjährige Reich. Zu diesem Zeitpunkt beginnt das


Tausendjährige Reich, in welchem die Heiligen mit Christus im
Himmel für tausend Jahre herrschen werden. In diesem Punkt
unterscheiden sich die Siebenten-Tags-Adventisten von den
Prämillenialisten, die das Tausendjährige Reich (Millennium)
als eine irdische Herrschaft Christi in Palästina verstehen, in
einem Königreich, das hauptsächlich aus bekehrten Juden
besteht. Für die Adventisten ist die Herrschaft des Tausend-
jährigen Reichs weder eine irdische noch eine jüdische, sondern
eine himmlische. [172]

Während dieser tausendjährigen Periode werden die Heiligen


das Gericht durchführen. Dieser Gedanke wird aus Offenba-
rung 20,4 abgeleitet, wo es heißt: „Und ich sah Throne, und sie
setzten sich darauf, und das Gericht wurde ihnen übergeben.“
Hier stellt sich die Frage: Was ist das für ein Gericht? Was die
81
Die Siebenten-Tags-Adventisten

Gläubigen betrifft, so wurde das Untersuchungsgericht ja


bereits abgeschlossen. Und hinsichtlich der Ungläubigen sind
noch keine Entscheidungen über ihre Bestrafung beschlossen
worden. Die Siebenten-Tags-Adventisten lehren, daß während
des Tausendjährigen Reichs die Heiligen zusammen mit Chri-
stus ein Gericht ausführen, welches darin besteht „eine sorgfäl-
tige Untersuchung der Aufzeichnungen über die bösen Men-
schen durchzuführen und einen Beschluß über das Strafmaß
eines jeden Sünders zu treffen, gemäß seinem Anteil an der
Rebellion gegen Gott“. [173]

Man fragt sich, wie es denn Unterschiede in dem Maß der


Bestrafung geben kann, die den Gottlosen zugemessen wird,
wenn der adventistischen Lehre gemäß alle Gottlosen vernich-
tet werden. Sie antworten, daß diese Unterschiede für das Maß
der Leiden von Bedeutung sein werden, die der Vernichtung der
Gottlosen vorausgehen. [174]

Die Auferstehung der Ungläubigen. Die King-James-Version


übersetzt Offenbarung 20,5a wie folgt: „Die übrigen der Toten
lebten nicht wieder, bis die tausend Jahre vollendet waren.“
Diesen Vers legen die Siebenten-Tags-Adventisten so aus, als
wenn die Verlorenen am Ende des Tausendjährigen Reichs auf-
erstünden. Zu dieser Zeit wird Christus mit Seinen Heiligen
erneut zur Erde herabsteigen – nur diesmal wird Er nicht in der
Luft bleiben, sondern ganz bis zur Erde herabkommen. Er wird
dann den Befehl zur Auferstehung der Verlorenen geben. Als
Antwort auf Seinen Ruf werden alle ungläubigen Toten zum
Leben erweckt, und diese fangen an, sich über die Erde zu ver-
teilen; getrieben vom selben rebellierenden Geist, der sie schon
zu Lebzeiten beherrschte. [175]

Das Loslassen Satans. Im Zusammenhang mit der Auferstehung


der Verlorenen wird Satan „für kurze Zeit“ (Off 20,3) losgelas-
sen. Seine erzwungene Untätigkeit ist nun vorbei, und wie er
die unzählbar große Schar von auferstandenen Ungläubigen
sieht, beschließt er einen letzten Versuch zu unternehmen,
82
Die Lehren

Gottes Herrschaft zu stürzen. Er täuscht den auferstandenen


Verlorenen vor, Gottes Stadt mit Gewalt einnehmen zu können,
und versammelt seine Anhänger auf dem Schlachtfeld zu einem
letzten, vergeblichen Ansturm auf den „Wohnort der Heili-
gen“ – das neue Jerusalem, das kurz zuvor mit Christus aus dem
Himmel herabgekommen ist. In dieser großen Schlacht wird
sich zum ersten und zum letzten Mal die gesamte Menschheit
Auge in Auge gegenüberstehen. [176]

Satan, die Dämonen und die Verlorenen werden vernichtet.


Diese große Schlacht – die nicht mit der Schlacht von Harmage-
don zu Beginn des Tausendjährigen Reichs verwechselt werden
darf – endet mit Satans endgültiger Niederlage. Feuer kommt
von Gott aus dem Himmel nieder und vernichtet Satan, seine
gefallenen Engel und alle Gottlosen. Diese Vernichtung nennen
die Siebenten-Tags-Adventisten den zweiten Tod. Zuvor wer-
den jedoch, je nach der Schuld der Menschen oder Dämonen,
verschiedene Abstufungen des Leidens stattfinden. Weil Satan
das schuldigste aller Geschöpfe Gottes ist, wird er am längsten
leiden und der letzte sein, der in den Flammen untergeht. [177]
Am Ende dieser Leidenszeit werden alle, die sich gegen Gott
aufgelehnt haben, beseitigt sein:

... Die letzten Unbußfertigen, einschließlich Satan, dem


Urheber der Sünde, werden durch das Feuer des letzten
Tages in einen Zustand der Nichtexistenz versetzt werden,
so als ob sie niemals dagewesen wären, und Gottes Univer-
sum wird von allen Sünden und Sündern gereinigt sein. [178]

Somit lehnen die Siebenten-Tags-Adventisten die Lehre von der


Hölle, wie sie im historischen Christentum immer gelehrt wur-
de, ab. Trotzdem behaupten sie, an die ewige Strafe zu glauben;
sie sagen, die Vernichtung kann als ewig bezeichnet werden,
weil ihr Ergebnis ewig ist. [179]

Die Neue Erde. „In der Feuersbrunst, die Satan und seine An-
hänger vernichtet, wird die Erde selbst erneuert und von den
83
Die Siebenten-Tags-Adventisten

Auswirkungen des Fluchs gereinigt werden.“ [180] So wird aus


den Ruinen der alten Erde eine neue Erde hervorkommen, wel-
che die Erlösten als immerwährende Heimat bewohnen werden.

... Gott wird alles neu machen. Die Erde wird in ihrer
ursprünglichen Schönheit wiederhergestellt werden und
wird für immer der Wohnsitz der Heiligen des Herrn sein.
Die Verheißung an Abraham, daß er und seine Nachkom-
menschaft durch Christus die Erde für die endlosen Zeitalter
der Ewigkeit besitzen sollen, wird erfüllt sein. [181]

Auf dieser neuen Erde wird Christus der höchste Herrscher


sein, und alle Heiligen werden Ihm für immer dienen, Ihm
gehorchen und Ihn verherrlichen. [182]

84
TEIL II

DIE SONDERLEHREN
IM LICHT DER BIBEL
DAS UNTERSUCHUNGSGERICHT UND
DIE LEHRE VOM SÜNDENBOCK

Das Untersuchungsgericht

Nachdem ich nun bereits im ersten Teil dieses Buches beschrie-


ben habe, was die Siebenten-Tags-Adventisten über das Unter-
suchungsgericht und über Satan als das Gegenbild zum alttesta-
mentlichen Sündenbock lehren, möchte ich in diesem zweiten
Teil diese Lehren von der Bibel her bewerten. Als allererstes
sollten wir bedenken, daß diese Lehren die Ergebnisse von
begangenen Fehlern sind. William Millers falsche Auslegung
von Daniel 8,14 war ja die Ursache für die Formulierung dieser
theologischen Deutungen. Miller verstand unter der „Rechtfer-
tigung des Heiligtums“ aus Daniel 8,14 die Wiederkunft Christi
auf die Erde. Darüber hinaus deutete er die 2.300 Abende und
Morgen, die in diesem Vers erwähnt werden, als 2.300 Jahre,
und ausgehend vom Jahr 457 v.Chr. als Anfang dieser 2.300
Jahre sagte er voraus, daß Christus irgendwann zwischen dem
21. März 1843 und dem 21. März 1844 vom Himmel auf die
Erde zurückkehren werde. Später verschob Miller dieses Da-
tum auf eine Anregung Samuel Snows hin auf den 22. Oktober
1844. [1]

Als Christus an diesem Tag dann nicht zur Erde zurückkehrte,


war Miller selbst davon überzeugt, daß er sich geirrt habe. Am
Morgen des folgenden Tages sah jedoch Hiram Edson in einer
Vision angeblich Christus in das Allerheiligste des himmlischen
Heiligtums eintreten. Auf Grundlage dieser Vision machte er
sich nun daran, Millers Vorhersage dahingehend umzudeuten,
daß an diesem Tag Christus von vornherein nicht auf die Erde
hätte zurückkehren sollen, sondern vielmehr in die zweite
Abteilung des himmlischen Heiligtums eingetreten sei, um es
zu reinigen und wiederherzustellen. Diese Umdeutung wurde
von den Führern der Adventisten angenommen und wurde so
87
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

zur Grundlage der adventistischen Lehren über das Untersu-


chungsgericht und über Satan als denjenigen, den der alttesta-
mentliche Sündenbock symbolisiert. [2] Ellen G. White hatte
im Februar 1845 eine Vision, die diese Deutung unterstützte,
und O. R. L. Crosier erweiterte sie in einem Artikel in einer
adventistischen Zeitschrift im Februar 1846 – so befestigte sich
diese Lehre als ein unwiderrufbarer Bestandteil der adventisti-
schen Theologie.

Niemals zuvor jedoch hatte ein Bibelausleger diese Lehre in der


Bibel entdeckt. Keine Gemeinschaft und auch kein einzelner
Mensch hatte diese Lehre jemals vor dieser Zeit gelehrt. Wie wir
noch sehen werden, gibt es für diese Lehre keine biblische
Grundlage. Die unausweichliche Schlußfolgerung ist, daß die
adventistische Lehre vom Untersuchungsgericht lediglich ein
Ausweg aus einer peinlichen und mißlichen Situation ist.
Anstatt, wie es Miller selbst tat, zuzugestehen, daß ein schwer-
wiegender Fehler in der Schriftauslegung unterlaufen war,
klammerten sich die adventistischen Führer verzweifelt an das
Datum, das Miller berechnet hatte, und verliehen diesem Tag
eine Bedeutung, die er selbst nie anerkannt hat. Die Lehre vom
Untersuchungsgericht, eine der wichtigsten Lehren der Sie-
benten-Tags-Adventisten, ist deshalb eine Lehre, die auf einem
Irrtum aufgebaut wurde!

Eine nähere Untersuchung des achten Kapitels von Daniels


Prophetien macht deutlich, daß Vers 14 weder etwas über die
Wiederkunft Christi vom Himmel noch über Seinen Eintritt in
das Allerheiligste des himmlischen Heiligtums aussagt. Das Ka-
pitel selbst macht klar, daß der Widder mit den zwei Hörnern,
den Daniel in seiner Vision sah (Vers 3) für die Könige von
Medien und Persien steht (Vers 20). Der Ziegenbock (Vers 5)
wird durch den Engel gedeutet und symbolisiert den Herrscher
von Griechenland (Vers 21). Offensichtlich steht dann das Nie-
derstoßen des Widders durch den Ziegenbock (Vers 7) für die
Niederlage des medo-persischen Reichs, die das griechische
Reich ihm zufügte. Die meisten Bibelausleger nehmen an, daß
88
Das Untersuchungsgericht und die Lehre vom Sündenbock

das Herauswachsen der vier Hörner anstelle des einen großen


Horns am Kopf des Ziegenbocks die Teilung des griechischen
Reichs nach dem Tod Alexanders des Großen in vier Königrei-
che (siehe Vers 22) symbolisiert.

Was ist nun unter dem kleinen Horn, welches „übermäßig groß
gegen Süden und gegen Osten und gegen das Land der Zierde“
(Vers 9) wurde, zu verstehen? Vers 23 gibt uns die Antwort:
Dieses kleine Horn steht für einen Menschen, „ein König mit
hartem Gesicht“. In dem Licht, das die Verse 11 und 12 darauf
werfen, können wir recht sicher sein, daß hiermit Antiochus
Epiphanes gemeint ist, Herrscher von Syrien von 175-164
v.Chr., der das jüdische Heiligtum zerstörte und entweihte
(Vers 11), und das regelmäßige Brandopfer wegnahm (Vers 11),
indem er alle jüdischen Opfer im Tempel unterband und sie
durch heidnische Opfer ersetzte. Daniel hörte dann einen Heili-
gen zu jemanden sagen: „Bis wann gilt das Gesicht von dem
regelmäßigen Opfer und von dem verwüstenden Abfall, daß
sowohl das Heiligtum als auch das Heer zur Zertretung preis-
gegeben ist?“ [3]

Die Antwort darauf finden wir in Vers 14: „Und er sprach zu


mir: Bis zu zweitausenddreihundert Abende und Morgen; dann
wird das Heiligtum gereinigt werden“ (nach der American
Standard Version). Ich habe bereits darauf aufmerksam ge-
macht, daß das hebräische Wort, das mit gerechtfertigt übersetzt
wurde, tatsächlich das Nif’al des Verbs tsadaq ist, welches im
Qal soviel wie richtig sein oder gerecht sein bedeutet, deswegen
bedeutet das Verb im Nif’al rechtfertigen. [4] Es ist bedauerns-
wert, daß das Wort mit gereinigt übersetzt wurde (engl. clean-
sed), da das hebräische Verb, das normalerweise gereinigt heißt,
hier nirgends verwendet wird. [5] Das Brown-Driver-Briggs
Hebräischwörterbuch schlägt vor, dieser Teil des Verses solle
mit „das Heiligtum wird gerechtfertigt werden“ (S. 842) über-
setzt werden (wie es die Elberfelder Bibel auch tut; Luther
übersetzt: „wieder geweiht werden“; Anm. d. Übers.); die Revi-
sed Standard Version gibt den Vers wie folgt wieder: „Dann
89
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

wird das Heiligtum zu seinem rechtmäßigen Zustand wieder-


hergestellt werden.“ Der Gedanke dieses Verses ist nicht die
Reinigung von den Sünden, sondern seine Wiederherstellung in
seinen rechtmäßigen und für den Gebrauch geziemenden
Zustand.

Der Teil von Vers 14, der den genannten Zeitraum angibt, lautet
wortwörtlich: „Bis Abend Morgen zwei tausend und drei hun-
dert.“ Die Worte für Abend und Morgen stehen im Singular
und ohne weitere Verbindung zueinander. Der vorhergehende
Hinweis auf das regelmäßige Brandopfer – das jeden Morgen
und jeden Abend dargebracht wurde – macht deutlich, daß die-
se Worte im Vers 14 sich auf diese beiden täglichen Opfer bezie-
hen. Aus der Tatsache, daß diese Opfer unterbunden wurden
und daß die Frage „bis wann?“ gestellt wurde, ergibt sich, daß
eine Antwort in Form von der Anzahl dieser täglichen Brand-
opfer gegeben wird. Daher lautet die naheliegende und offen-
sichtliche Übersetzung der Worte „bis Abend Morgen zwei
tausend und drei hundert“ folgendermaßen: bis 2.300 morgens
und abends dargebrachte Opfer. Weil jeden Tag zweimal geop-
fert wird, bedeutet das schließlich 1.150 Tage.

Diese Anzahl von Tagen entspräche gemäß der jüdischen Zeit-


rechnung drei Jahren und 50 oder 60 Tagen. Wenn wir 1. Mak-
kabäer 1,54.59 mit 4,52.53 vergleichen, sehen wir, daß zwischen
dem ersten heidnischen Opfer auf dem Brandopferaltar des
Tempels und der Wiedereinführung des rechtmäßigen Opfers
auf diesem Altar, nachdem der Tempel durch Judas Makkabäus
aus der Hand Antiochus Epiphanes’ zurückerobert worden
war, ein Zeitraum von genau drei Jahren liegt (vom 25. Dezem-
ber 168 v.Chr. bis zum 25. Dezember 165 v.Chr.). Der Befehl,
mit den regelmäßigen Opfern auf diesem Altar am Morgen
und Abend aufzuhören, wurde jedoch einige Tage vor dem
25. Dezember 168 v.Chr. gegeben, so können wir diese für die
zusätzlichen 50 oder 60 Tage berechnen. [6] Ist es in dem Licht
dessen, was wir nun über die Bedeutung des hier verwendeten
Verbs festgestellt haben, nicht offensichtlich und naheliegend,
90
Das Untersuchungsgericht und die Lehre vom Sündenbock

daß Daniel 8,14 die Wiederherstellung des irdischen Heiligtums


für seinen rechtmäßigen Gebrauch nach einer Zeit der Entwei-
hung durch einen heidnischen König vorhersagt? Die 2.300
Abende und Morgen zeigen dann einen Zeitraum von etwas
mehr als drei Jahren an, während derer diese Entweihung statt-
fand, und die „Rechtfertigung“ des Heiligtums weist auf das
Ende dieses Zeitabschnitts der Entweihung am 25. Dezember
165 v.Chr. hin. [7]

Die Lehre vom Untersuchungsgericht, wie sie von den Sieben-


ten-Tags-Adventisten gelehrt wird, sollte deshalb eigentlich von
allen Christen, einschließlich der Adventisten selbst, als nicht
schriftgemäß und falsch abgelehnt werden. Für diese Behaup-
tung gebe ich die folgenden Begründungen an:

(1) Die Lehre vom Untersuchungsgericht basiert auf einer Fehl-


interpretation von Daniel 8,14. Es wurde oben gezeigt, daß die
Siebenten-Tags-Adventisten, sofern sie in Daniel 8,14 eine Vor-
hersage der Reinigung des himmlischen Heiligtums durch
Christus finden, welche am 22. Oktober 1844 beginnen sollte,
etwas in diesen Abschnitt hineinlesen, was dort einfach nicht
steht.

(2) Diese Lehre basiert auf einem falschen Verständnis des alt-
testamentlichen Opferbrauchs. Dieses Mißverständnis enthüllt
sich selbst, zunächst durch die Voraussetzung, daß das Spren-
gen des Blutes der täglichen oder gelegentlichen Opfer durch
die Priester das Heiligtum verunreinigte, wobei das Verspren-
gen des Blutes des Bockes, der am Versöhnungstag geschlachtet
wurde, das Heiligtum reinigen sollte. Ich erwähnte bereits,
daß Crosier diese Auffassung in seinem Artikel im Day-Star
verbreitete, und daß L. E. Froom sie in seiner eigenen Ausar-
beitung der Ideen Crosiers ebenfalls annahm (siehe oben,
S. 18). Dieselbe Vorstellung finden wir in Fragen zur Lehre
(S. 431-432). Weshalb sollte das Versprengen von Opferblut in
dem einen Fall das Heiligtum verunreinigen und es in dem
anderen reinigen? Weshalb sollte das Versprengen dieses Blutes
91
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

einmal bedeuten, daß die Sünden auf das Heiligtum übertragen


werden, ein anderes mal aber, daß die Sünden vom Heiligtum
entfernt werden?

Diesen Punkt sollten wir etwas genauer unter die Lupe nehmen.
Wenn beispielsweise das Blut der Sündopfer, das auf den Brand-
opferaltar gesprengt wurde, dazu diente, die Schuld dessen, der
opferte, auf den Altar zu übertragen und diesen dadurch zu
verunreinigen, warum sollte dann nicht auch das Blut des am
Versöhnungstag geschlachteten Bockes, das auf den Gnaden-
stuhl gesprengt wurde, dazu dienen, die Schuld des Volkes auf
den Gnadenstuhl zu übertragen und diesen dadurch zu verun-
reinigen? Wenn einerseits das Blut, das auf den Gnadenstuhl
gesprengt wurde, dazu diente, Schuld zu entfernen, warum soll-
te dann nicht das Blut, das bei jedem gewöhnlichen Sündopfer
auf den Brandopferaltar gesprengt wurde, dazu dienen, Schuld
zu entfernen?

Wenn die Siebenten-Tags-Adventisten sagen, „Als das Blut


gesprengt wurde, wurde die Sünde auf das Heiligtum über-
tragen“, und hinzufügen, daß nur am Versöhnungstag die im
Laufe des Jahres angehäuften Sünden vom Heiligtum entfernt
wurden, [8] müssen wir darauf entgegnen, daß sie die Bedeu-
tung des Sprengens des Opferblutes auf den Altar völlig
mißverstanden haben. Die Bibel selbst macht recht deutlich,
was die Bedeutung dieses Sprengens war. Nachdem der Herr
das Volk davor gewarnt hatte, Blut zu essen, gab Er durch Mose
den Grund für dieses Verbot an: „Denn das Leben (nephesch)
des Fleisches ist im Blut, und ich selbst habe es euch auf den
Altar gegeben, Sühnung (kapper) für eure Seelen (naphschute-
chem) zu erwirken. Denn das Blut ist es, das Sühnung (yekap-
per) tut durch das Leben (nephesch) in ihm“ (3 Mo 17,11). Das
Verb kipper bedeutet im Pi’el bedecken oder versöhnen. Der
gerade zitierte Vers macht deutlich, daß das Blut auf dem Altar
Versöhnung für die Seelen der Opfernden erwirkte. Es gibt
keinen Hinweis darauf, daß dies nur am Versöhnungstag
geschehen ist. Wenn dieses Blut, das auf den Altar aufgetragen
92
Das Untersuchungsgericht und die Lehre vom Sündenbock

wurde, dem Opfernden Versöhnung erwirkte und seine Sünden


zudeckte, wie können die Adventisten dann behaupten, das
Auftragen des Blutes auf den Altar bedeute, daß die Sünden des
Opfernden jetzt auf das Heiligtum übertragen werden?

Patrick Fairbairn, dessen zweibändige Typologie der Bibel ein


Standardwerk zu diesem Thema ist, erklärt den Symbolismus
des Blutsprengens auf den Altar wie folgt:

Nachdem der Opfernde dem Opfertier eigenhändig die ver-


diente Strafe zugefügt hatte, überreichte er dem Priester als
Stellvertreter Gottes das Blut. Aber dieses Blut hatte durch
den Tod schon die Strafe für die Sünde bezahlt und trug
daher keine Schuld und keine Verunreinigung mehr. Das
Gericht Gottes hatte es schon (symbolisch) getroffen, und
durch die Hände Seines eigenen Stellvertreters konnte Er es
in perfekter Übereinstimmung als rein und makellos anneh-
men, als das wahre Abbild Seiner eigenen Heiligkeit auf Sei-
nem Altar. Wenn es dort angenommen worden war, stellte es
jedoch immer noch das Blut oder die Seele des Opfernden
dar, der so durch die Handlung mit dem Blut seines Opfer-
tieres sich selbst sah, wie er die Gemeinschaft mit Gott wie-
dererlangte und feierlich erkannte, daß er zu Gottes Gnade
und der Verbundenheit mit Ihm zurückgekehrt war. [9]

Man könnte jetzt jedoch immer noch fragen: Wenn doch die
täglichen Opfer dazu dienten, die Sünden zu sühnen, so daß
nichts von diesen Sünden am Heiligtum haften blieb, warum
war dann noch ein Versöhnungstag notwendig? In folgendem
Zitat sehen wir, was die Siebenten-Tags-Adventisten auf diese
Frage antworten:

Wenn am Versöhnungstag das Blut des Bockes auf die ganze


Einrichtung des Heiligtums und auf den Brandopferaltar
gesprengt wurde, wurden die im Laufe des Jahres angesam-
melten Aufzeichnungen der Sünden entfernt ... Die Sünden
der Israeliten, die im Heiligtum durch das vergossene Blut
93
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

der Opfertiere aufgezeichnet waren, wurden am Versöh-


nungstag entfernt und vollständig weggeschafft. [10]

Gemäß 3. Mose 16,33 erwirkte der Hohepriester also am Ver-


söhnungstag Sühnung (kipper) für das Heiligtum, für das Zelt
der Zusammenkunft, für den Brandopferaltar, für die Priester
und für „das ganze Volk der Versammlung“. Wenn nun, wie die
Siebenten-Tags-Adventisten behaupten, der Zweck dieser Zere-
monie darin bestand, angesammelte und aufgezeichnete Sünden
zu entfernen, müssen sie zugestehen, daß diese angesammelten
Sünden nicht allein im Heiligtum, sondern auch beim Volk auf-
gezeichnet waren. Aber das einzige stichhaltige Argument, das
sie bringen, ist, daß durch die täglichen Opfer die Schuld vom
Volk genommen und auf das Heiligtum übertragen wurde. [11]
Bemerkenswert ist ebenfalls, daß sowohl in Vers 16 als auch in
Vers 33 dieses Kapitels das hebräische Wort kipper benutzt
wird, um die Sühnung zu beschreiben, die am Versöhnungstag
für das Heiligtum bewirkt wurde. Den Adventisten zufolge
bedeutet kipper in diesem Kapitel das vollständige Entfernen
der Sünden vom Heiligtum. Warum hat dann aber dieses Wort
in 3. Mose 17,11 nicht dieselbe Bedeutung, wo es sich auf jedes
Auftragen von Blut auf den Altar bezieht?

Wenn jedoch die täglichen Opfer zur Sühnung der Sünden


(natürlich auf der Grundlage des Opfers Jesu Christi, welches
noch in der Zukunft lag) dienen sollte, wozu waren dann noch
die Zeremonien am Versöhnungstag notwendig? Auf diese Fra-
gen könnte eine zweifache Antwort gegeben werden: (i) Diese
allgemeine Tilgung der Sünde würde dazu dienen, jene Sünden
des Volkes und der Priester zu bedecken, für die während
des vorangegangenen Jahres keine Opfer gebracht worden
waren, [12] und (ii) das Eintreten des Hohenpriesters in das
Allerheiligste war eine Vorausschau auf das zukünftige Entfer-
nen des Bösen, das das Volk von Gott trennte, und ein Vorge-
schmack von dem Werk unseres großen Hohenpriesters Jesus
Christus, der „ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen
ist und uns eine ewige Erlösung erworben hat“ (Heb 9,12). [13]
94
Das Untersuchungsgericht und die Lehre vom Sündenbock

Die Behauptung der Siebenten-Tags-Adventisten, die täglichen


Opfer hätten dazu gedient, Sünden auf das Heiligtum zu über-
tragen, und die Opfer am Versöhnungstag dazu, diese Sünden
zu entfernen und dadurch das Heiligtum zu reinigen, steht des-
halb, wie wir schlußfolgern, nicht mit den biblischen Fakten in
Einklang. Da diese Behauptung grundlegend für ihr Konzept
des Untersuchungsgerichts ist, sehen wir an diesem Punkt eine
der Säulen umgestürzt, auf denen diese Lehre ruht.

Eine zweite Fehlinterpretation des alttestamentlichen Opfersy-


stems seitens der Siebenten-Tags-Adventisten ist ihre Ansicht,
daß die regelmäßigen Opfer am Morgen und am Abend eine
bereitgestellte Sühneleistung darstellen, die von den einzelnen
Gläubigen dargebrachten individuellen Opfer hingegen für die
in Anspruch genommene Sühneleistung stehen. [14] Denn das
regelmäßige Brandopfer, das sogenannte tamid, war in erster
Linie kein Sühnopfer, sondern verdeutlichte, wie alle anderen
Brandopfer auch, die Selbsthingabe des Opfernden an Gott.
Demnach war dieses Opfer besser dazu geeignet, die Bereitstel-
lung einer Sühneleistung zu symbolisieren, als die Inanspruch-
nahme einer Sühneleistung. Andererseits zählten zu den indivi-
duellen Opfern auch die Sündopfer, die zur Bereitstellung einer
Sühneleistung dienten und deren Wirkung in erster Linie auf
den Opfernden selbst beschränkt war, und die Schuldopfer, die
Sünden betrafen, mit denen man sich hauptsächlich gegen ande-
re schuldig gemacht hatte. Da die zugrundeliegende Funktion,
die diese beiden Opfern haben sollte, Sühne und Versöhnung
war, stellten diese Opfer sicherlich sehr viel anschaulicher die
Bereitstellung von einer Sühneleistung dar, als die Verwendung
einer Sühneleistung. Daher sehen wir, daß die Unterscheidung,
die die Adventisten zwischen diesen beiden Arten von Opfern
treffen – eine Unterscheidung, die grundlegend für ihre Lehre
vom Untersuchungsgericht ist – ebenfalls nicht mit den bibli-
schen Fakten in Einklang steht.

(3) Ein dritter Grund, aus dem die Lehre vom Untersuchungs-
gericht abgelehnt werden muß, ist, daß dieser Lehre eine falsche
95
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

Übertragung des alttestamentlichen Opfersystems auf Christus


zugrunde liegt. Das resultiert natürlich aus dem vorhergehen-
den Punkt. Wenn die Siebenten-Tags-Adventisten das alttesta-
mentliche Opfersystem falsch verstehen, folgt daraus, daß die
Deutung dieses Opfersystems auf das Werk Christi ebenfalls
falsch vorgenommen wird. Das wollen wir nun detaillierter
untersuchen.

Zunächst übertragen die Adventisten die alttestamentlichen


Opferhandlungen falsch auf Christus, indem sie daran festhal-
ten, daß Christus vor 1844 Sünden nur vergeben, sie aber nicht
ausgetilgt hat. Wir erinnern uns, daß Crosier dieses in seinem
Artikel im Day-Star lehrte (siehe oben, S. 18), und daß die Sie-
benten-Tags-Adventisten das heute immer noch lehren (siehe
oben, S. 50). Diese Ansicht ist mit ihrem Verständnis der
Bedeutung der alttestamentlichen Opfer verbunden, wie das
folgende Zitat zeigt:

Im Heiligtum im Himmel ist die Aufzeichnung der Sünden


das einzige Gegenstück zu der Verunreinigung des irdischen
Heiligtums. Daß die Sünden der Menschen im Himmel
aufgezeichnet sind, zeigen wir im nächsten Abschnitt. Das
Auslöschen oder Tilgen dieser Sünden aus den himmlischen
Aufzeichnungen ist die Erfüllung des durch die Verrichtun-
gen am Versöhnungstag dargestellten Typus. Auf diese Weise
kann das himmlische Heiligtum von aller Verunreinigung
gereinigt werden. [15]

Mit diesen Worten wird also nachdrücklich gesagt, daß vor


1844 die Sünden der reuigen Gläubigen zwar vergeben wurden,
aber im himmlischen Heiligtum aufgezeichnet waren, und daß
erst 1844 die Tilgung dieser Sünden begonnen hat.

Um dies zu widerlegen wiederhole ich noch einmal, daß die


Vorstellung von im Heiligtum aufgezeichneten Sünden auf
einem falschen Verständnis des alttestamentlichen Opfersy-
stems beruht. Des weiteren gibt es für den Gedanken, daß Chri-
96
Das Untersuchungsgericht und die Lehre vom Sündenbock

stus die Sünden vor 1844 nicht austilgte, nicht die Spur einer
biblischen Unterstützung. Im Gegenteil, David ruft in Psalm
103,12 aus: „So fern der Osten ist vom Westen, hat er von uns
entfernt (hirchiq, hiphil Perfekt von rachaq, weist auf eine voll-
endete Handlung hin) unsere Vergehen.“ [16] In Jesaja 44,22
lesen wir: „Ich habe deine Verbrechen ausgelöscht (machiti,
Perfekt, weist auf eine vollständige Handlung hin) wie einen
Nebel und wie eine Wolke deine Sünden ...“ Wenn uns schon
im Alten Testament berichtet wird, daß Gott die Sünden Seines
Volkes ausgelöscht hat, wie kann dann jemand behaupten, daß
Christus, die zweite Person der Dreieinigkeit, in der neutesta-
mentlichen Zeit die Sünden nicht vor 1844 auslöschen konnte?

In Wirklichkeit ist die gesamte Unterscheidung zwischen Verge-


bung von Sünden und Auslöschung von Sünden – die für die
Theologie der Siebenten-Tags-Adventisten grundlegend ist – der
Bibel fremd. Schlägt David etwa eine solche Unterscheidung vor,
wenn er in Psalm 51,1 betet „Sei mir gnädig, o Gott, nach deiner
Gnade, tilge meine Vergehen nach der Größe deiner Barmher-
zigkeit!“? Im Neuen Testament ist das Wort, das durchgehend
für vergeben verwendet wird, aphiemi. Die ursprüngliche
Bedeutung dieses Wortes ist gehen lassen oder wegschicken; spä-
ter hat es eine weitere Bedeutung erhalten: Sünden aufheben,
erlassen oder verzeihen. [17] Gibt es nun irgendeine Rechtferti-
gung für die Ansicht, Sünden könnten vergeben werden, ohne sie
dabei auszulöschen? Als Jesus beispielsweise zu dem Gelähmten
sagte: „Sei guten Mutes, mein Sohn, deine Sünden sind dir verge-
ben.“ (Mt 9,2), meinte Er da: Deine Sünden sind dir jetzt verge-
ben, aber noch nicht getilgt; wenn du dich von nun an nicht an
alle meine Gebote hältst, werden dir diese Sünden wieder vorge-
halten werden? Wie hätte der Gelähmte guten Mutes sein kön-
nen, wenn das die Bedeutung dieser Worte war?

Die Siebenten-Tags-Adventisten versuchen diese Unterschei-


dung durch einen Verweis auf das Gleichnis vom unbarmher-
zigen Knecht aus Matthäus 18,23-35 zu rechtfertigen. Sie
behaupten, daß, so wie im Gleichnis der König die Aufhebung
97
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

der Schuld widerrief, ebenso Gott die einmal gewährte Verge-


bung wieder rückgängig machen kann – weil eben die Verge-
bung von Sünden nicht notwendigerweise mit der Tilgung der
Sünden einhergeht. [18] Der Fehler in diesem Gedanken liegt
darin, daß ein irdischer König nicht in das Herz schauen kann,
Gott jedoch kann und tut dieses. Die zentrale Aussage dieses
Gleichnisses ist nicht, daß Gott einmal erteilte Vergebung
wieder rückgängig machen kann, sondern daß wir anderen
gegenüber zum Vergeben bereit sein müssen, wenn wir von
Gott Vergebung für uns erwarten. Christus selbst hebt diesen
Punkt ganz klar hervor, wenn Er sagt: „Denn wenn ihr den
Menschen ihre Vergehungen vergebt, so wird euer himmlischer
Vater auch euch vergeben“ (Mt 6,14.15). Anders gesagt, ein
Mensch, der dem nicht vergibt, der gegen ihn gesündigt hat,
dem sind seine Sünden in Wirklichkeit von Gott nie vergeben
worden, obwohl er das vielleicht meint.

Wir schließen, daß die Unterscheidung der Siebenten-Tags-


Adventisten zwischen der Vergebung und der Tilgung von
Sünden der Bibel völlig fremd ist und den Gläubigen seiner
Heilsgewißheit beraubt.

Zweitens ist die Vorstellung, daß Christus seit 1844 das Unter-
suchungsgericht im himmlischen Heiligtum durchführt, ohne
jeglichen biblischen Beleg. Denn der Bibel nach ist das gegen-
wärtige Wirken Christi im Himmel das eines Fürsprechers und
nicht eines Richters. In Hebräer 7,25 wird dieses besonders
deutlich herausgestellt: „Daher kann er die auch völlig erretten,
die sich durch ihn Gott nahen, weil er immer lebt, um für sie
einzutreten.“ Die Grundbedeutung des Verbs entynchano, das
hier benutzt wird, ist jemanden verteidigen oder sich für jeman-
den verwenden. [19] Der Gedanke des Richtens, des Untersu-
chens von Aufzeichnungen oder des Bestimmens, ob jemand
der Errettung würdig ist oder nicht, ist diesem Wort völlig
fremd. Das gleiche Wort taucht in Römer 8,34 auf: „Wer ist, der
verdamme? Christus Jesus ist es, der gestorben, ja noch mehr,
der auferweckt, der auch zur Rechten Gottes ist, der sich auch
98
Das Untersuchungsgericht und die Lehre vom Sündenbock

für uns verwendet.“ An beiden Stellen steht das Verb entyncha-


no im Präsens, in der Gegenwartsform, wodurch verdeutlicht
wird, daß dieses Verwenden eine fortdauernde Handlung ist. In
Hebräer 7,25 zeigt der Infinitiv eis to entynchanein vielmehr
noch an, daß dieses Verwenden die eigentliche Absicht ist, mit
der Christus jetzt lebt! Auf welcher biblischen Grundlage kön-
nen die Adventisten dann vorgeben, Christus vollführe nun das
Gericht? [20]

Es ist natürlich wahr, daß es ein Gericht über alle Menschen


geben wird. Aber dieses Gericht wird nach Christi Wiederkunft
stattfinden und nicht vorher. Lesen wir, was uns unser Herr
selbst in Matthäus 25,31.32 sagt: „Wenn aber der Sohn des Men-
schen kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit
ihm, dann wird er auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen;
und vor ihm werden versammelt werden alle Nationen ...“
Christus fährt dann damit fort, die Art dieses Gerichtes und
den Maßstab, nach dem die Menschen beurteilt werden, zu
beschreiben und endet mit den bekannten Worten „Und diese
werden hingehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber in das
ewige Leben“ (Vers 46). Hier lesen wir in der Tat von einem
„Untersuchungsgericht“ – ein Gericht, dem eine Untersuchung
der Leben der vor dem Thron Angeklagten zugrundeliegt; aber
dieses Gericht findet statt, nachdem Christus in Herrlichkeit
zurückgekehrt ist. Im zweiten Brief an die Thessalonicher lesen
wir: „Und zu euch, den Bedrängten, mit Ruhe, zusammen mit
uns bei der Offenbarung des Herrn Jesus vom Himmel her mit
den Engeln seiner Macht, in flammendem Feuer, wobei er Ver-
geltung übt an denen, die Gott nicht kennen, und an denen, die
dem Evangelium unseres Herrn Jesus nicht gehorchen: sie
werden Strafe leiden, ewiges Verderben vom Angesicht des
Herrn ...“ Christus wird also erst nach Seiner Wiederkunft vom
Himmel als Richter auftreten. In Offenbarung 20,11-15 lesen
wir ebenfalls über das Gericht. Es wird hier beschrieben, daß es
vor dem großen weißen Thron stattfinden soll (Vers 11), daß
alle Toten darin gerichtet werden (Verse 12 und 13) – das bedeu-
tet, daß sich die Auferstehung vorher ereignen muß – und daß
99
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

zur Beurteilung die Werke herangezogen werden (Vers 12). Am


Ende dieses Gerichtes, so wird hier gesagt, werden der Tod und
der Hades in den Feuersee geworfen (Vers 14); aus Vers 21,4 ler-
nen wir, daß das Ende des Todes ein Kennzeichen des endgülti-
gen Zustands sein wird. Wir sehen auch, daß jene, die nicht im
Buch des Lebens geschrieben stehen, in den Feuersee geworfen
werden – das ist wiederum ein Ereignis, das auf das Ende der
Zeiten hinweist. Wir können daher aus jedem Detail dieses
Abschnittes schließen, daß das hier geschilderte Gericht nicht
jetzt stattfindet, sondern erst kurz vor dem Ende abgehalten
wird. Aus den anderen angeführten Stellen sehen wir, daß dieses
nach Christi Wiederkunft auf die Erde sein muß.

Welche biblischen Begründungen geben die Siebenten-Tags-


Adventisten nun für ihre Lehre über ein Gericht nach Werken
vor der Wiederkunft Christi an? Die Schriftstellen, auf die am
Ende von Artikel 16 der Grundlegenden Glaubenssätze (ein
Artikel, dessen Thema das Untersuchungsgericht ist) in Klam-
mern hingewiesen wird, unterstützen diese Lehre in keinster
Weise. Die erste ist 1. Petrus 4,17.18: „Denn die Zeit ist gekom-
men, daß das Gericht anfange beim Haus Gottes“. Hierdurch
wird lediglich gesagt, wenn man den Kontext berücksichtigt, daß
Christen in dieser Welt oftmals von Gott zu ihrer eigenen Heili-
gung gezüchtigt werden können; über ein Untersuchungsgericht
im Himmel steht hier nichts. Die zweite Schriftstelle, Daniel
7,9.10, schildert wie sich der Alte an Tagen auf einen Thron setzt
und ein Gericht, in welchem Bücher geöffnet werden. Diese Visi-
on, die im Zusammenhang mit dem übrigen Kapitel verstanden
werden muß, und hier besonders Verse 13 und 14 (die Übergabe
der Herrschaft und der Ehre an den Menschensohn), beschreibt
jedoch kein Untersuchungsgericht im himmlischen Heiligtum,
sondern zeigt in anschaulicher Weise den Sieg über alle gott-
feindlich gesinnte irdische Herrschaft und Macht, und die Auf-
richtung von Christi ewigem Reich. Die dritte Schriftstelle,
Offenbarung 14,6.7, ist die Botschaft des ersten Engels: „Fürch-
tet Gott und gebt ihm Ehre! Denn die Stunde seines Gerichts ist
gekommen.“ Man benötigt schon eine gehörige Portion Phanta-
100
Das Untersuchungsgericht und die Lehre vom Sündenbock

sie, um in diesem Vers einen Hinweis auf ein Untersuchungsge-


richt Christi im himmlischen Heiligtum zu sehen! Der letzte
angeführte Vers ist Lukas 20,35, wo die Worte Jesu überliefert
sind: „Die aber, die für würdig erachtet werden, jener Welt teil-
haftig zu sein und der Auferstehung aus den Toten, heiraten
nicht, noch werden sie verheiratet.“ Jesus sagt lediglich, daß jene,
die das Vorrecht haben, bei der Auferstehung der Gläubigen
dabei zu sein, nicht heiraten werden; Er macht nicht die gering-
ste Andeutung davon, daß diese ihre Würdigkeit durch ein
Untersuchungsgericht im himmlischen Heiligtum festgestellt
werden wird. Jeder, der in den hier betrachteten Versen eine Leh-
re über ein Untersuchungsgericht sieht, liest in diese Verse etwas
hinein, was dort einfach nicht steht!

(4) Ein vierter Grund, aus welchem die Lehre vom Untersu-
chungsgericht abgelehnt werden muß, ist, daß sie die biblische
Lehre von der Souveränität Gottes verletzt. In Artikel 16 der
Grundlegenden Glaubenssätze wird deutlich gesagt, daß „die-
ses Untersuchungsgericht bestimmt, wer von den Myriaden, die
im Staub der Erde schlafen, würdig ist, an der ersten Auferste-
hung teilzuhaben, und wer von den vielen Lebenden würdig ist,
verwandelt zu werden“. Diese Aussage steht jedoch im krassen
Widerspruch zu dem, was in Fragen zur Lehre auf Seite 420
gesagt wird: „... Er als Allerhöchster Gott wußte, wer Seine
‚große Errettung‘ annehmen und wer sie ablehnen wird.“ Wenn
das der Fall ist, warum sollte dann Gott oder Christus Bücher
mit Aufzeichnungen untersuchen müssen, um zu entscheiden,
wer in Herrlichkeit aufgenommen wird? Die Siebenten-Tags-
Adventisten können nicht beides zugleich lehren: Entweder
weiß Gott, wer Seine große Errettung annehmen wird, und in
diesem Fall ist das Untersuchungsgericht überflüssig, – oder
aber Er muß eine Untersuchung durchführen, um festzustellen,
wer gerettet ist, und dann kann von Ihm nicht behauptet wer-
den, Er hätte es vorher gewußt!

Schauen wir, was Ellen G. White, die Prophetin der Siebenten-


Tags-Adventisten zu dieser Problematik sagt:
101
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

... Es muß eine Prüfung der Zeugnisbücher geben, damit


bestimmt werden kann, wer durch Buße über seine Sünden
und Glauben an Christus berechtigt ist, der Segnungen Sei-
ner Versöhnung teilhaftig zu werden. Deshalb macht die
Reinigung des Heiligtums einen Akt der Untersuchung –
einen Akt des Gerichts – notwendig. Dieser Akt muß vor
dem Kommen Christi zur Erlösung Seines Volkes geschehen;
denn wenn Er kommt, wird die Vergeltung mit Ihm kom-
men, um einem jeden Menschen nach seinen Werken zu
geben. [21]

Diese Darstellung vermittelt uns die Vorstellung von einem


Gott, der erst seine Hausaufgaben machen muß, damit er wis-
sen kann, wer für die Segnungen der Erlösung berechtigt ist,
und von einem Christus, der wie ein irdischer Professor in sei-
nen Prüfungsunterlagen Notizen machen muß, um festzulegen,
welche Zensuren er den Studenten gibt! Was haben dieser Gott
und dieser Christus mit dem Gott und dem Christus der Bibel
gemein? Aus Epheser 1,4 lernen wir, daß die Schicksale der
Geretteten nicht nur von Gott vorausgesehen sind, sondern daß
Er sie von Ewigkeit her vorausbestimmt hat: „... wie er uns in
ihm [Christus] auserwählt hat vor Grundlegung der Welt.“
Noch klarer ist dieses in Römer 8,29.30 dargestellt: „Denn die
er vorher erkannt hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bil-
de seines Sohnes gleichförmig zu sein, damit er der Erstgebo-
rene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat,
diese hat er auch berufen; und die er berufen hat, diese hat er
auch gerechtfertigt; die er aber gerechtfertigt hat, diese hat er
auch verherrlicht.“ Warum sollte Gott ein Untersuchungsge-
richt für diejenigen durchführen, die Er von Ewigkeit dazu vor-
herbestimmt hat, gerechtfertigt und verherrlicht zu werden?

Und was ist mit Christus? Die Bibel sagt uns, daß Christus Sei-
ne Schafe kennt und ihnen ewiges Leben gegeben hat, so daß
niemand eines von ihnen aus Seiner Hand entreißen kann
(Joh 10,27.28). Er betete nicht für die Welt, sondern für die, die
der Vater Ihm gegeben hat (Joh 17,9). Es ist der Wille des
102
Das Untersuchungsgericht und die Lehre vom Sündenbock

Vaters, der Christus gesandt hat, daß Er von allem, was der
Vater Ihm gegeben hat, nichts verliere, sondern es auferwecke
am letzten Tag (Joh 6,39). Muß dieser Christus nun ein Unter-
suchungsgericht durchführen, um festzustellen, wer von den
Bewohnern der Erde in Herrlichkeit auferweckt werden wird?

Die Adventisten versuchen, dieser Schwierigkeit auszuweichen,


und sagen:

Was Gott allein betrifft, wäre keine Untersuchung der Le-


benszeugnisse der Menschen in diesem Gericht [dem Unter-
suchungsgericht] notwendig, da unser ewiger Allerhöchster
Gott allwissend ist ... Aber damit die Bewohner des ganzen
Universums Seine Liebe und Seine Gerechtigkeit verstehen
können, die guten und die bösen Engel, und alle, die jemals
auf dieser Erde gelebt haben, sind die Lebensgeschichten
jeder einzelnen Person aufgezeichnet, die irgendwann einmal
auf der Erde gelebt hat, und in dem Gericht [dem Untersu-
chungsgericht] werden diese Aufzeichnungen ans Licht
gebracht. [22]

Aber jetzt ist die Verwirrung erst recht perfekt! Zunächst steht
das obige Zitat nicht im Einklang mit der zuvor angeführten
Aussage, daß es der Zweck des Untersuchungsgerichts sei, zu
bestimmen, wer der Auferstehung in Herrlichkeit und der Ver-
wandlung würdig sei. Desweiteren ergibt das oben Gesagte nur
dann Sinn, wenn wir an das Gericht vor dem Großen Weißen
Thron denken, das öffentlich ist, und in dem allen die Begrün-
dungen für die endgültigen Schicksale der Menschen bekannt-
gemacht werden. Es macht keinen Sinn, wenn es auf das Unter-
suchungsgericht bezogen ist, das nicht öffentlich ist und bei
dem keine menschlichen Zeugen zugegen sind!

(5) Ein fünfter Grund, aus dem die Lehre vom Untersuchungs-
gericht abgelehnt werden muß, ist, daß sie die biblische Lehre
von der Errettung allein aus Gnade in Frage stellt. Diesen
Punkt hatte ich bereits erwähnt (siehe oben, S. 61-64). Wir
103
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

wollen ihn hier ein wenig näher betrachten. Ellen G. White


beschreibt diejenigen, die durch das Untersuchungsgericht
„durchkommen“, folgendermaßen:

Bei den Namen all derer, die über ihre Sünden wahrhaft
Buße getan und durch den Glauben das Blut Christi als ihr
Sühnopfer in Anspruch genommen haben, wird Vergebung
in die himmlischen Büchern eingeschrieben, da sie Teilhaber
der Gerechtigkeit Christi geworden sind. Ihr Charakter wird
als mit dem Gesetz Gottes in Einklang stehend befunden,
ihre Sünden getilgt und sie selbst des ewigen Lebens für wür-
dig erachtet werden. [23]

Die Bedingung, daß der Charakter dieser Personen als mit dem
Gesetz Gottes in Einklang stehend befunden werden muß,
bevor ihre Sünden getilgt werden können, legt nahe, daß sie
eine gewisse eigene gesetzliche Gerechtigkeit erlangt haben
müssen, bevor sie völlig errettet werden.

William Henry Branson schreibt in einem Kapitel über das


Untersuchungsgericht:

Ein Christ, der durch Glauben an Jesus Christus treu die


Forderungen der Gebote eingehalten hat, wird [im Untersu-
chungsgericht] freigesprochen werden; für ihn gibt es keine
Verdammnis, denn das Gesetz findet an ihm keine Schuld.
Wenn aber andererseits festgestellt wird, daß er auch nur ein
einziges Gebot gebrochen hat, und diese Übertretung ist
nicht bekannt worden, wird er so behandelt, als wenn er alle
zehn gebrochen hätte. [24]

In dieser bemerkenswerten Aussage sagt uns also ein bekannter


adventistischer Autor, daß das perfekte Einhalten der Anforde-
rungen der Gebote die Grundlage für einen Freispruch beim
Untersuchungsgericht ist! Das ist sicherlich weit entfernt von
dem, was der Apostel Paulus schreibt: „Denn wir urteilen, daß
der Mensch durch Glauben gerechtfertigt wird, ohne Gesetzes-
104
Das Untersuchungsgericht und die Lehre vom Sündenbock

werke“ (Rö 3,28). An die Galater, die versucht waren, ihre


Hoffnung auf Errettung zum Teil auf eigene Werke zu gründen,
richtete Paulus seine ernste Warnung: „Ihr seid von Christus
abgetrennt, die ihr im Gesetz gerechtfertigt werden wollt; ihr
seid aus der Gnade gefallen“ (Gal 5,4). Wenn der Freispruch
beim Untersuchungsgericht von der Treue abhängt, mit der
man die Anforderungen des Gesetzes erfüllt hat, dann geschieht
die Errettung gewiß nicht mehr allein aus Gnade. Und wenn
das Unterlassen des Bekennens einer einzigen Gebotsübertre-
tung zur Verdammnis führt, fragt man sich, was mit dem Psal-
mist geschehen wird, der ausrief: „Verirrungen – wer bemerkt
sie?“ (Ps 19,13). Wir schließen daraus, daß die adventistische
Lehre vom Untersuchungsgericht den Siebenten-Tags-Adventi-
sten verbietet weiterhin zu behaupten, sie lehrten die Errettung
allein aus Gnade.

Die Lehre vom Sündenbock

Ein weiterer Aspekt der adventistischen Lehre bezüglich des


Untersuchungsgerichts, auf den jetzt noch eingegangen werden
sollte, ist die Ansicht, daß die Sünden der Menschheit direkt vor
der Wiederkunft Christi auf Satan gelegt werden. Nach meiner
Überzeugung entbehrt diese Lehre ebenfalls jeglicher bibli-
schen Belegbarkeit. Dieses Urteil begründe ich mit den folgen-
den vier Punkten:

(1) Es ist keinesfalls sicher, daß das Wort Asasel in 3. Mose 16,8
und den folgenden Versen Satan bedeutet. Die Siebenten-Tags-
Adventisten beharren darauf, daß das Wort diese Bedeutung hat
und führen zur Unterstützung dieser Behauptung einige kom-
petente Experten an. [25] Tatsache ist jedoch schlicht und
ergreifend, daß niemand mit Gewißheit sagen kann, was dieses
seltsame Wort bedeutet. Nach alter Überlieferung bedeutet das
Wort la’asa’sel soviel wie „zur Wegschaffung“. Die Überset-
zung dieses Begriffes in der Septuaginta ist to apopompaio: für
den, der weggeschickt werden muß. Davon wurde die Überset-
105
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

zung in der Vulgata abgeleitet, capro emissario: Aufgrund dieser


Tradition schuf die King-James-Bibel die Übersetzung „scape-
goat“ (Sündenbock), was wortwörtlich „escape-goat“ („Flucht-
Bock“) heißt. Diese alte Überlieferung wird immer noch von
vielen vertreten. Das Brown-Driver-Briggs Hebräischwörter-
buch schlägt vor, das Wort Asasel bedeute „vollständiges Weg-
schaffen“. Ein Artikel in der International Standard Bible
Encyclopedia befürwortet ebenfalls diese Übersetzung. [26]
Andere wiederum wollen aus der Nebeneinanderstellung von
Asasel und Jahwe schließen, daß Asasel ein Eigenname sein
muß. Dieser Deutung nach behaupten einige, der Name müsse
auf Satan hinweisen, andere sagen, er bezeichne einen Dämon
der Wüste. Wir müssen einfach zugeben, daß niemand die Be-
deutung dieses Wortes dogmatisch bestimmen kann, bis nicht
weitere Erkenntnis darüber erlangt wird. Es kann Satan bedeu-
ten, es kann aber auch etwas anderes bedeuten.

(2) Auch wenn für die Argumentation vorausgesetzt wird, daß


Asasel Satan bedeutet, folgt daraus keineswegs, daß der zweite
Bock bei den Zeremonien am Versöhnungstag Satan symboli-
siert. Denn in 3. Mose 16,10 ist ausdrücklich gesagt, daß der
zweite Bock in die Wüste fortgeschickt werden mußte, la’asa’-
sel, d.h. zu oder für Asasel. Wenn Asasel Satan bedeutet, dann
wurde der zweite Bock zu oder für Satan fortgeschickt. Zu
sagen, der zweite Bock stünde für Satan ist eine unberechtigte
Schlußfolgerung zu der Frage, zu wem oder für wen der Bock
selbst geschickt wurde.

(3) Darüber hinaus ist es unmöglich, den zweiten Bock als


Symbol für Satan zu betrachten, da die beiden Böcke nach
3. Mose 16,5 ein Sündopfer darstellten. In diesem Vers lesen
wir: „Und von der Gemeinde der Söhne Israel soll er [der
Hohepriester] zwei Ziegenböcke nehmen für das Sündopfer
(lechatta’t).“ Anders gesagt ist es also nicht nur der geschlachte-
te Bock, der das Sündopfer ausmacht, sondern es sind beide
Böcke zusammen. Das heißt, daß beide Böcke die von Christus
gebrachte Sühne darstellten. Der geschlachtete Bock veran-
106
Das Untersuchungsgericht und die Lehre vom Sündenbock

schaulicht, daß Christus Sein Blut vergießt, um uns von unserer


Sünde zu erlösen, und der Bock, der in die Wüste fortgeschickt
wurde, verdeutlicht, daß Christus durch Sein Erlösungswerk
unsere Sünden von uns entfernt hat. Wenn man wie die Sieben-
ten-Tags-Adventisten behauptet, der zweite Bock stünde für
Satan, schreibt man damit ein Werk Christi dem Fürsten der
Finsternis zu!

Beachtenswert ist, was Patrick Fairbairn über diesen zweiten


Bock schreibt:

Was mit dem lebendigen Bock geschah, war lediglich eine


greifbare und für das leibliche Auge anschauliche Darstel-
lung der Auswirkung des großartigen Versöhnungswerkes.
Die Versöhnung an sich geschah im Verborgenen, wenn der
Hohepriester allein im Heiligtum war. Und doch ... war es
äußerst wichtig, daß eine sichtbare Übertragung stattfand,
wie das Fortschicken des Bockes, das die Auswirkung des
Dienstes sinnfällig verkörperte. Was aus dem Bock wurde,
nachdem er in die Wüste geschickt worden war, war unwich-
tig. Es genügt, daß man ihn in ein dürres und verlassenes
Gebiet schickte, wo ... von ihm nichts mehr gehört und gese-
hen wurde. Mit einer solchen Bestimmung war er offenbar
genau solch ein vom Gericht getroffenes Opfer, wie das, des-
sen Blut bereits ausgeschüttet und dargebracht worden war.
Er ... war ein sehr treffendes Bild von dem immerwährenden
Gnadenerlaß, durch den die Sünden von Gottes Volk wegge-
schafft werden, wenn sie einst mit dem Blut eines wohlan-
nehmlichen Opfers bedeckt werden. [27]

(4) Sicherlich lehrt die Bibel, daß Satan für seine Sünden be-
straft wird, aber daß unsere Sünden oder die Sünden aller Men-
schen auf Satan auferlegt werden, wird nirgendwo in der Bibel
gesagt. Diese Vorstellung beruht, wie wir gerade gesehen haben,
auf einer falschen Deutung der Rolle des zweiten Bockes in den
Zeremonien am Versöhnungstag. Darüber hinaus steht diese
Auffassung in direktem Widerspruch mit 1. Petrus 2,24, wo wir
107
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

über Christus lesen: „Der unsere Sünden in seinem Leib selbst


auf dem Holz getragen hat ...“ Es war also Christus, der unsere
Sünden getragen und sie weggeschafft hat und nicht Satan. Die
Vorstellung, daß Christus am Ende der Zeiten unsere Sünden
immer noch vom himmlischen Heiligtum nehmen muß, um sie
auf Satan zu legen, schließt mit ein, daß Er sie nicht schon vor-
her weggetragen hat und daß Sein Erlösungswerk daher für die
vollständige Tilgung der Sünden nicht ausreichend war. Wenn
Christus überdies die Sünden der Ungläubigen auf Satan legt,
warum müssen diese dann noch dafür leiden? Und wenn sie
andererseits dafür leiden, warum müssen ihre Sünden noch auf
Satan gelegt werden? Wenn es schließlich für die Auslöschung
der Sünden aus dem Universum notwendig ist, daß sie zuvor
auf Satan gelegt werden, dann spielt Satan eine unersetzliche
Rolle bei der Tilgung der Sünde. Auch wenn die Siebenten-
Tags-Adventisten verneinen, daß Satan in irgendeiner Weise
Versöhnung für unsere Sünden erwirkt, sind sie dennoch schul-
dig, etwas Satan zuzuschreiben, was allein Christus zugeschrie-
ben werden sollte: Die Auslöschung unserer Sünden.

Wir ziehen daraus die Schlußfolgerung, daß die Lehren vom


Untersuchungsgericht und vom Auferlegen der Sünden auf
Satan falsche Lehren sind. Sie ermangeln nicht nur jeglicher bi-
blischen Grundlage, sondern, wie gezeigt worden ist, stehen sie
in mancher Hinsicht sogar in direktem Widerspruch zu bibli-
schen Aussagen. Wenn die Siebenten-Tags-Adventisten in ihrer
Lehre wirklich allein der Bibel treu sein wollen, sollten sie diese
beiden Lehren verwerfen. [28]

108
DIE LEHRE DER SIEBENTEN -TAGS -
ADVENTISTEN ÜBER DEN SABBAT

Im ersten Teil dieses Buches haben wir die adventistische Lehre


über den Sabbat bereits dahingehend behandelt, daß sie im
Widerspruch zu ihrer Behauptung steht, an die Errettung allein
aus Gnade zu glauben (siehe oben, S. 63-64). In diesem zweiten
Teil werden wir ihre Lehraussagen bezüglich der Frage nach
dem Tag, den Christen als Ruhetag halten sollten, untersuchen
und bewerten. Haben die Siebenten-Tags-Adventisten Recht
mit ihrem Festhalten an dem siebten Tag der Woche als den
einzigen und eigentlichen Tag des Herrn, den wir in Gehorsam
dem vierten Gebot gegenüber beobachten sollen?

Hier müssen wir uns wiederum zuerst ins Gedächtnis rufen, wie
ihre Lehre über den Sabbat entstand. Ein Kapitän im Ruhestand
(Joseph Bates) wurde durch einen Artikel in einer Zeitschrift
davon überzeugt, daß der siebte Tag der eigentliche zu haltende
Sabbat ist. Nachdem er diese Überzeugung erlangt hatte, nahm
er Kontakt mit einer Gruppe von Adventisten in New Hamp-
shire auf, die durch einen Laien (Rachel Oakes) dazu angehalten
worden war, den Sabbat am siebten Tag zu halten. Als Bates so
in seiner Überzeugung bestärkt wurde, schrieb er zwei Abhand-
lungen über den Sabbat, in denen die noch heute übliche Lehr-
meinung der Siebenten-Tags-Adventisten festgelegt wurde (sie-
he oben, S. 19-21). Ellen G. White hatte dann 1847, zwischen
den Veröffentlichungen von Bates’ erstem und zweitem Artikel,
eine Vision, in der sie in das Allerheiligste des himmlischen Hei-
ligtums geführt wurde und dort die Zehn Gebote mit einem
Glorienschein um das Sabbatgebot sah (siehe oben, S. 22-24).
Wir sehen also, daß die Gemeinschaft nicht durch ernsthaftes
und tiefschürfendes Bibelstudium gelehrter Bibelexperten zu
dieser Ansicht gelangte, sondern durch die Beeinflussung seitens
ungelehrter und laienhafter Mitglieder und durch eine bekräfti-
gende Vision von Ellen G. White. Auf der Grundlage dieser
109
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

Art der „Führung“ haben die Siebenten-Tags-Adventisten den


Sonntag als ersten Tag der Woche verworfen, der von allen Kir-
chen der Christenheit seit dem Anfang des christlichen Zeit-
alters gehalten worden war.

Wir wollen einmal einige der Argumente, die die Adventisten


zur Begründung ihrer Ansicht nennen, näher betrachten.

(1) Sie behaupten, der Sabbat sei eine Erinnerung an die Schöp-
fung. Er habe keine zeremonielle Bedeutung, indem er auf
etwas in der Zukunft liegendes hindeute, sondern habe nur eine
Gedächtnisfunktion, indem er auf die Erschaffung der Welt
zurückweise. [1] Da Gott die Welt in sechs Tagen erschuf und
am siebten Tag ruhte, war die Sabbatruhe am siebten Tag nicht
eine vorläufige Eigenschaft des Tages, die später geändert wer-
den sollte, sondern blieb für immer Teil des Sabbatgebots. [2]

Als Antwort auf dieses Argument sollte genannt werden, daß


die Bibel selbst darauf hinweist, daß der Sabbat sowohl in die
Zukunft als auch in die Vergangenheit weist. Im vierten Kapitel
des Hebräerbriefes wird ein Vergleich zwischen der Sabbatruhe
und der Ruhe in der himmlischen Herrlichkeit gemacht. Der
inspirierte Schreiber verweist in Vers 9 auf die himmlischen
Segnungen, die in der Zukunft liegen, wenn er sagt: „Also bleibt
noch eine Sabbatruhe (sabbatismos) dem Volk Gottes übrig.“
Deshalb ist der Sabbat offensichtlich eine Art himmlischer
Ruhe und hat nicht nur die Funktion der Erinnerung.

Was das Halten des Sabbats am siebten Tag betrifft, so macht


die Tatsache, daß der Tag in neutestamentlicher Zeit auf den
ersten Tag gelegt wurde, deutlich, daß die Zuordnung des sieb-
ten Tages zum Sabbat kein unwiderrufbarer Aspekt des Sabbat-
gebots war. [3] Geerhardus Vos, der den Adventisten darin
recht gibt, daß der Sabbat eher in der Schöpfung wurzelt, als im
mosaischen Gesetz und deshalb für alle Menschen gültig ist,
merkt an, daß das Kommen Christi eine Änderung der Ord-
nung, welcher Tag zu halten sei nach sich gezogen hat:
110
Die Lehre der Siebenten-Tags-Adventisten über den Sabbat

Das allgemeingültige Sabbatgebot hat unter dem Bund der


Gnade eine veränderte Bedeutung erhalten. Die Werke, die
zur Ruhe führen, können nicht mehr des Menschen eigene
Werke sein. Sie werden zu Christi Werk. Das haben Altes
und Neues Testament gemeinsam. Aber sie unterscheiden
sich hinsichtlich des Blickwinkels, aus dem sie jeweils die
Bedeutung von Werken und Ruhe betrachten. Da das Alte
Testament den Blick noch in die Zukunft auf die Erfüllung
des messianischen Erlösungswerkes gerichtet hatte, kommen
natürlich zuerst die Arbeitstage, und der Ruhetag ist am
Ende der Woche. Wir schauen unter dem Neuen Bund auf
das vollbrachte Werk Christi zurück. Deshalb feiern wir
zuerst die von Christus erwirkte Ruhe, obgleich der Sabbat
ein auf die zukünftige endgültige eschatologische Ruhe wei-
sendes Zeichen bleibt. [5]

Der Standpunkt der herkömmlichen christlichen Kirche zu


diesem Punkt wird in der Westminster Confession klar ausge-
drückt:

Wie es dem Gesetz der Natur entspricht, üblicherweise eine


angemessene Zeitspanne für die Verehrung Gottes zu be-
stimmen, so hat er in seinem Wort durch ein gutes, tugend-
haftes und unauflösbares Gebot, das für alle Menschen in
jedem Alter gültig ist, genau einen Tag von sieben als Sabbat
festgesetzt, damit dieser heilig gehalten würde (2. Mo 20,8;
10,11; Jes 56,2.4.6.7). Jener war von Anfang der Welt an bis
zur Auferstehung Christi der letzte Tag der Woche, und ist
seit der Auferstehung Christi in den ersten Tag der Woche
umgeändert worden (1. Mo 2,2.3; 1. Kor 16,1.2; Apg 20,7),
der in der Schrift der Tag des Herrn genannt wird (Off 1,10)
und bis zum Ende der Welt als der christliche Sabbat beibe-
halten werden muß (2. Mo 20,8.10 mit Mt 5,17.18). [6]

(2) Die Siebenten-Tags-Adventisten zitieren Offenbarung 14,


um ihren Standpunkt zum Sabbat zu untermauern: „Wir glau-
ben, daß in Offenbarung 14,9-12 in biblischer Prophetie auf die
111
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

Wiederherstellung des Sabbats hingedeutet wird.“ [7] Auf einer


anderen Seite bekräftigen die Autoren von Fragen zur Lehre,
daß sie die Prophetien aus Daniel 7 und Offenbarung 13 als auf
den Antichrist bezogen verstehen, und hier mit einem besonde-
rem Hinweis auf das Papsttum, und schreiben:

So kamen die adventistischen Verkünder der Wiederherstel-


lung des Sabbats dazu, das Malzeichens des Tieres wiederum
folgerichtig zu deuten, indem sie erklärten, daß es die ver-
suchte Änderung des Sabbatgebots, des vierten von den
Zehn Geboten, durch das Papsttum, dessen Bestreben, diese
Änderung der ganzen Christenheit aufzuerlegen, und die
Annahme dieser päpstlichen Anordnung durch jeden einzel-
nen Christen ist. [8]

Nun wird die Aufmerksamkeit des Lesers auf den Text von
Offenbarung 14,9-12 gelenkt:

Und ein anderer, dritter Engel folgte ihnen und sprach mit
lauter Stimme: Wenn jemand das Tier und sein Bild anbetet
und ein Malzeichen annimmt an seine Stirn oder seine Hand,
so wird auch er trinken vom Wein des Grimmes Gottes, der
unvermischt im Kelch seines Zornes bereitet ist; und er wird
mit Feuer und Schwefel gequält werden vor den heiligen
Engeln und vor dem Lamm. Und der Rauch ihrer Qual steigt
auf von Ewigkeit zu Ewigkeit, und sie haben keine Ruhe Tag
und Nacht, die das Tier und sein Bild anbeten und wenn
jemand das Malzeichen seines Namens annimmt. Hier ist das
Ausharren der Heiligen, welche die Gebote Gottes und den
Glauben Jesu bewahren.

Wo in diesem ganzen Abschnitt sieht man nun irgendeinen


Bezug auf den Sabbat? Einen Kapitän im Ruhestand kann man
vielleicht dafür entschuldigen, wenn er in diesem Text eine
Anklage gegen den Sabbat am ersten Tag sieht, aber es ist eine
weitaus ernstere Angelegenheit, wenn eine ganze Denomina-
tion diese Auslegung annimmt. Mit dieser Art von unverant-
112
Die Lehre der Siebenten-Tags-Adventisten über den Sabbat

wortlicher Bibelauslegung kann man letztlich alles mit der Bibel


belegen, was man belegen möchte.

(3) Die Siebenten-Tags-Adventisten behaupten, daß das Neue


Testament das Halten des siebten Tages als Sabbat ausdrücklich
betont. Als Beweis dafür führen sie an, daß sowohl Jesus [9] als
auch Paulus [10] eher den siebten als den ersten Tag gehalten
haben. Es ist jedoch nicht schwer, diesem Argument entgegen-
zutreten. Unser Herr hielt vor Seiner Auferstehung den siebten
Tag, weil Er sich zu dieser Zeit an das Gesetz des Alten Testa-
ments gehalten hat. Es ist aber ebenso bezeichnend wie bemer-
kenswert, daß Er den Aposteln nach Seiner Auferstehung zwei-
mal nacheinander an einem ersten Tag der Woche erschien. Was
den Apostel Paulus betrifft, so ging er am Sabbat in die Synago-
gen, weil er den Juden ein Zeugnis geben wollte und er sie an
diesem Tag dort antreffen konnte. Manchmal gehen auch Sie-
benten-Tags-Adventisten an einem Sonntag in die Kirchen, um
Konvertiten für ihren Glauben zu gewinnen. Kann man denn
daraus schließen, daß sie glauben, der erste Tag der Woche sei
als Sabbat zu halten? Darüber hinaus sollten wir uns daran erin-
nern, daß Paulus an einem ersten Tag der Woche eine Versamm-
lung von Christen in Troas aufsuchte – auf diesen Punkt werden
wir gleich noch zurückkommen.

Welchen Beweis können wir nun dafür im Neuen Testament


finden, daß der Termin für den Sabbat vom siebten auf den
ersten Tag verlegt wurde? Dazu merken wir uns zunächst die
folgenden biblischen Tatsachen:

(i) Jesus erstand am ersten Tag der Woche von den Toten
(Joh 20,1), und kennzeichnete damit den ersten Tag als den
Tag, der zu begehen ist. [11]

(ii) Jesus erschien am Abend dieses ersten Tages der Woche


zehn Seiner Jünger (Joh 20,19ff).

(iii) Eine Woche später, wieder am ersten Tag der Woche, er-
schien Jesus elf Jüngern (Joh 20,26ff).
113
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

(iv) Das verheißene Kommen des Heiligen Geistes erfüllte sich


an einem ersten Tag der Woche (Apg 2,1ff). Da dieses Ereig-
nis von gleich großer Bedeutung war, wie die Fleischwer-
dung Christi, ist es sehr bezeichnend, daß dieses Ausgießen
an einem Sonntag geschah. [12]

(v) An demselben ersten Tag der Woche hielt Petrus die erste
evangelistische Predigt (Apg 2,14ff), und 3.000 Bekehrte
wurden der Gemeinde hinzugetan (Apg 2,41).

(vi) In Troas versammelten sich die Christen der Stadt am ersten


Wochentag zum Gottesdienst und Paulus predigte vor
ihnen (Apg 20,6.7). In bezug auf diesen Abschnitt schreibt
ein führender Siebenten-Tags-Adventist:

Der erste Tag der Woche beginnt (nach biblischer Zeit)


Samstagabend bei Sonnenuntergang und endet mit dem
Sonnenuntergang am Sonntagabend. Da diese Zusammen-
kunft am ersten Tag der Woche stattfand, und zwar am spä-
ten Abend, muß es nach unser Bezeichnung ein Samstag-
abend gewesen sein, denn der erste Tag hatte bei Sonnenun-
tergang begonnen. [13]

Lickeys Schlußfolgerung setzt voraus, daß Lukas die jüdische


Zeitrechnung benutzte, nach der ein Tag mit Sonnenuntergang
begann. Dementgegen behauptet F. F. Bruce, daß Lukas nicht
die jüdische, sondern die römische Zeitrechnung benutzte, die
einen Tag von Mitternacht bis Mitternacht zählte. [14] Nach
dieser Grundlage bezeichnete Lukas nicht einen Samstagabend,
sondern einen Sonntagabend. Lickey behauptet darüber hinaus,
diese Zusammenkunft sei kein regulärer Gottesdienst gewesen,
sondern lediglich ein Abschiedstreffen mit Paulus. Deshalb
könne diese Begebenheit uns nichts über den Tag sagen, an dem
die Christen üblicherweise zum Gottesdienst zusammenka-
men. [15] Hierzu sollte bemerkt werden, daß Lukas’ Bericht
„als wir zusammen waren, um Brot zu brechen“ stark vermuten
läßt (wenn es auch kein endgültiger Beweis ist), daß es eine
reguläre Zusammenkunft war, bei der sie zusammen aßen und
114
Die Lehre der Siebenten-Tags-Adventisten über den Sabbat

das Mahl des Herrn feierten. [16] Wenn es keine besondere


Bezeichnung für den Tag gab, an dem sich die Christen versam-
melten, warum sollte Lukas sich dann den Umstand gemacht
haben, „am ersten Tag der Woche“ zu schreiben? Diese Infor-
mation hätte ruhig weggelassen werden können, wenn sie ohne
wichtige Bedeutung wäre. Lukas’ Bericht hierüber zeigt, daß
die Christen schon zu dieser Zeit am ersten Tag der Woche zum
Gottesdienst zusammenkamen.

(vii) Paulus wies die Christen in Korinth an, am ersten Tag der
Woche eine Sammlung für die Armen in Jerusalem zu hal-
ten: „An jedem ersten Wochentag lege ein jeder von euch
bei sich zurück und sammle an, je nachdem er Gedeihen
hat, damit nicht erst dann, wenn ich komme, Sammlungen
geschehen“ (1. Kor 16,2). Wir können uns schon denken,
daß die Adventisten auch in diesem Abschnitt keinen
Beweis für das Feiern des Gottesdienstes am ersten Wo-
chentag sehen. M. L. Andreasen behauptet beispielsweise,
dieser Vers beziehe sich nicht auf eine Sammlung in der
Versammlungsstätte, sondern die Christen von Korinth
seien hierdurch angewiesen worden, zuhause je nach Ein-
kommen Geld beiseite zu legen. Damit wäre dann etwas
Buchführung verbunden gewesen, die nicht an einem Sab-
bat getan werden durfte – deshalb wies Paulus sie an, dieses
am Sonntag zu tun. [17] Lickey deutet diesen Vers in ähnli-
cher Weise und sagt unter anderem:

Sagen wir einmal, ein Gemeindeglied betreibt über die


Woche einen kleinen Laden. Am Freitagnachmittag schließt
er früh genug, um den Sabbat noch vorzubereiten. Es bleibt
aber keine Zeit, Geld zu zählen. Aber wenn der Sabbat
vorüber ist, und der erste Tag der Woche kommt, berechnet
er seinen Nettoverdienst und legt eine bestimmte Summe
beiseite, und zwar zuhause und nicht in der Gemeinde. [18]

Wir stimmen zu, daß Paulus hier vermutlich nicht von einer
Opfergabe spricht, die während des Gottesdienstes eingesam-
115
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

melt wird. Der Ausdruck par’heauto titheto ist aller Wahr-


scheinlichkeit nach so zu verstehen: Laßt [ihn] selbst beiseite
legen – und das ist zuhause. [19] Aber es ist wiederum bemer-
kenswert, daß der erste Tag der Woche speziell für diese Samm-
lung genannt wird. Weshalb sollte Paulus dieses sagen, wenn die
Korinther sich normalerweise samstags zum Gottesdienst ver-
sammelten? Die Opfergabe ist Teil unseres Gottesdienstes, und
es sollte erwartet werden, daß wir diesen Dienst an dem Tag
ausführen, an dem wir auch zum gemeinsamen Gebet zusam-
menkommen. Sicherlich war nicht jedes Glied der Gemeinde zu
Korinth ein Ladenbesitzer, der erst einige Berechnungen anstel-
len mußte, bevor er wußte, wieviel er zu geben hatte, und
genauso sicher konnten auch die Ladenbesitzer ihre Buch-
führung am Abend vor dem Gottesdienst oder am Tag darauf
erledigen. Der einzige plausible Grund dafür, den ersten
Wochentag in diesem Vers zu nennen, ist, daß dies der Tag war,
an dem die Christen üblicherweise zum Gottesdienst zusam-
menkamen. [20]

(viii) Der Apostel Johannes schrieb in Offenbarung 1,10: „Ich


war am Tag des Herrn (en te kyriake hemera) im Geist.“
Das griechische Wort kyriake ist ein Adjektiv, das soviel
wie „dem Herrn gehörend“ bedeutet, und deshalb heißt
der Ausdruck wortwörtlich am dem Herrn gehörenden
Tag. Die Siebenten-Tags-Adventisten behaupten, daß der
Ausdruck Tag des Herrn, wie er hier benutzt wird, sich auf
den Samstag bezieht. [21] Mit dieser Ansicht stehen
sie jedoch völlig allein. Nach allgemeinem Verständnis
beziehen sich diese Worte auf den Sonntag, den ersten Tag
der Woche. So werden sie von den maßgebenden Kom-
mentatoren und den maßgebenden Wörterbüchern verstan-
den. [22] Wenn wir darüber hinaus bedenken, daß dieser
Ausdruck schon in solchen frühen christlichen Schriften
wie der Didache und Ignatius’ Brief an die Magnesier für
den Sonntag gebraucht wird, sehen wir auf welch dünnem
Boden die Adventisten stehen, wenn sie diese Worte als
auf den Samstag bezogen deuten wollen. Johannes’ Be-
116
Die Lehre der Siebenten-Tags-Adventisten über den Sabbat

merkung, daß er am Tag des Herrn im Geist war, bestärkt


darüber hinaus noch die Tatsache, daß der erste Tag der
Woche nun allgemein der Tag des Gottesdienstes war. [23]

(4) Die Siebenten-Tags-Adventisten behaupten, daß „der früh-


este authentische Fall in den ersten Gemeindeschriften, wo der
erste Tag der Woche als der Tag des Herrn bezeichnet wird,
Ende des zweiten Jahrhunderts bei Clemens von Alexandria
auftritt.“ [24] Aus den folgenden Zitaten wird deutlich, daß die-
se Behauptung den Tatsachen widerspricht:

(i) Offenbarung 1,10: „Ich war am Tag des Herrn im Geist.“ [25]

(ii) Aus dem Brief des Ignatius an die Magnesier, Abschnitt 9:


„Wenn dann jene, die in alten Gebräuchen gewandelt sind,
eine Erneuerung der Hoffnung erlangen und nicht länger
dem Sabbat dienen, sondern ihr Leben nach dem Tag des
Herrn ausrichten, an welchem unser Leben durch ihn
gleichfalls aufersteht ...“ [26]

(iii) Aus der Didache oder Zwölfapostellehre, Abschnitt 14:


„Und am Tag des Herrn versammelt euch und brecht das
Brot und gebt Dank ...“ [27]

(Wenn die folgenden zwei Zitate auch nicht den Ausdruck „Tag
des Herrn“ verwenden, geben sie doch Hinweise darauf, daß
der erste Tag der Woche schon sehr früh zum Gottesdienst
gebraucht wurde.)

(iv) Aus dem Barnabasbrief, Kapitel 15: „Weshalb wir auch den
achten Tag zur Freude begehen, an welchen auch Jesus von
den Toten auferstand und an welchem er in den Himmel
aufgefahren ist.“ [28]

(v) Aus der Ersten Apologie von Justin dem Märtyrer, Kapitel
67: „Aber der Sonntag ist der Tag, an welchem wir alle
unsere übliche Versammlung halten, denn es ist der erste
117
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

Tag, an dem Gott die Welt machte, indem er einen Wandel


in der Dunkelheit der Welten erwirkte, und Jesus Christus,
unser Erlöser, erstand am selbigen Tage von dem Tod.“ [29]

Die hier angeführten Zitate und die vorher genannten Hinweise


aus dem Neuen Testament machen es recht sicher, daß der
Wechsel vom siebten auf den ersten Tag nicht durch „das Papst-
tum“ geschah, wie es die Siebenten-Tags-Adventisten behaup-
ten [30], sondern vollzogen wurde lange bevor das Papsttum als
mächtige kirchliche Institution aufkam. Wir schließen daraus,
daß der adventistische Standpunkt bezüglich des Sabbats nicht
nur historisch unberechtigt, sondern ebenso ohne biblischen
Beleg ist. [31]

118
DIE LEHRE DER SIEBENTEN -TAGS -
ADVENTISTEN ÜBER DAS LEBEN
NACH DEM TOD

In diesem Abschnitt werden wir uns zwei Aspekten eschatolo-


gischer Lehre widmen: der Seelenauslöschung und der Vernich-
tung der Bösen. Hinsichtlich dieser Punkte stimmt die Lehre
der Siebenten-Tags-Adventisten zu weiten Teilen grundsätzlich
mit der der Zeugen Jehovas überein; deshalb wird sich die
Argumentation zum Teil auf Aussagen der Zeugen Jehovas
beziehen.

Die Seelenauslöschung

Im ersten Teil dieses Buches ist bereits herausgestellt worden,


daß es den Siebenten-Tags-Adventisten gemäß keine Seele gibt,
die nach dem leiblichen Tod weiterlebt, daß nach dem Tod eines
Menschen nichts von ihm weiterlebt und der Mensch deshalb
ab seinem Tod einfach nicht mehr existiert. Obwohl sie lehren,
daß alle Menschen vom Tod auferstehen werden, befindet sich
der Mensch zwischen Tod und Auferstehung nicht in einem
bewußten Zustand, sondern in einem Zustand der Nichtexi-
stenz. Daher sollte ihre Auffassung im Gegensatz zu der Auf-
fassung, die üblicherweise Seelenschlaf genannt wird, besser als
Seelenauslöschung bezeichnet werden. [1]

Was sollen wir nun von dieser Auffassung halten? Zunächst


sollte angemerkt werden, daß diese Sichtweise dessen, was den
Menschen nach seinem Tod und vor der Auferstehung erwartet,
niemals zuvor von einer nennenswerten Gruppierung der
christlichen Kirche gelehrt worden ist. Wenn es auch einzelne
Gruppierungen gegeben hat, die sich ähnliche Ansichten zu
eigen gemacht hatten, und wenn es auch hin und wieder Theo-
119
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

logen gibt, die dahin tendieren, [2] hat der oben geschilderte
Standpunkt doch niemals Eingang in eines der herkömmlichen
christlichen Glaubensbekenntnisse gefunden.

Es darf natürlich nicht verschwiegen werden, daß die Bibel


nicht in großem Umfang über den sogenannten Zwischenzu-
stand berichtet, [3] denn das, was in der biblischen Botschaft
über das Leben nach dem Tod im Mittelpunkt steht, ist die Leh-
re von der Auferstehung des Leibes. Ebenso muß zugestanden
werden, daß uns die Bibel keine theoretische Darlegung über
das Wesen des Zwischenzustands bietet. G. C. Berkouwer
räumt beispielsweise in einem neueren Buch über Eschatologie
ein, daß das Neue Testament an keiner Stelle eine anthropologi-
sche Beschreibung des Menschen im Zwischenzustand gibt und
nirgendwo erklärt, wie ein Mensch bei Bewußtsein sein kann,
wenn er von seinem Körper getrennt ist. [4] Das Neue Testa-
ment, so fährt er fort, befriedigt nicht unsere Neugierde in
bezug auf das „Wie“ dieses Zwischenzustands; es sagt uns ledig-
lich, daß wir bei Christus sein werden – und das sollte eigent-
lich genügen. [5] Berkouwer macht jedoch in Kapitel 2 dieses
Buches klar, daß er an eine bewußte Existenz des Menschen im
Zwischenzustand glaubt, wenn er es auch für unmöglich hält,
das Wesen dieser Existenz zu beschreiben.

Das Wort „psyche“. Wir wollen nun einmal die biblischen Hin-
weise für eine bewußte Existenz des Menschen zwischen Tod
und Auferstehung untersuchen. Wie wir bereits gesehen haben,
behaupten die Siebenten-Tags-Adventisten, in dem Gebrauch
der Wörter nephesh oder psyche (das hebräische bzw. griechi-
sche Wort für Seele) ließe sich nichts finden, was darauf hindeu-
te, daß es im Menschen etwas gibt, das den leiblichen Tod über-
dauern könnte. [6]

Zuerst sollte nochmals herausgestellt werden, daß das griechi-


sche Wort psyche (wir wollen uns auf das neutestamentliche
Wort für Seele beschränken) eine Vielzahl von Bedeutungen
haben kann. Arndt und Gingrich schreiben in ihrem Grie-
120
Die Lehre ... über das Leben nach dem Tod

chisch-Englisch Wörterbuch, daß psyche im Neuen Testament


Leben bedeuten kann, ferner Seele als Mittelpunkt des inwendi-
gen Menschen, Seele als Mittelpunkt des Lebens, das über das
irdische hinausgeht, das, was das Leben beherrscht, ein lebendes
Geschöpf und Seele als das, was den Bereich der Erde und des
Todes verläßt und im Hades weiterlebt. [7]

Im Neuen Testament gibt es mindestens zwei Fälle, in denen


das Wort psyche gebraucht wird, um den Teil des Menschen zu
bezeichnen, der nach dem Tod weiterexistiert. Der erste ist
Matthäus 10,28: „Und fürchtet euch nicht vor denen, die den
Leib töten, die Seele (psyche) aber nicht zu töten vermögen;
fürchtet aber vielmehr den, der sowohl Seele als Leib zu verder-
ben vermag in der Hölle.“ In diesem Vers kann psyche keine
andere Bezeichnung für die gesamte Person sein (das ist die
gemeinsame Behauptung von Siebenten-Tags-Adventisten und
Zeugen Jehovas: Der Mensch hat nicht eine Seele, sondern ist
eine Seele); denn wenn das der Fall wäre, dann wäre die psyche
tot, wenn der Leib getötet worden ist. Was Jesus hier sagt, ist
folgendes: Es gibt etwas in dir, das die, welche dich töten, nicht
anrühren können! Dieses Etwas ist der Teil des Menschen, der
weiterexistiert, nachdem der Körper begraben worden ist.

Der zweite dieser beiden Fälle ist Offenbarung 6,9-10: „Und als
es [das Lamm] das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar
die Seelen (psychas) derer, die geschlachtet worden waren um
des Wortes Gottes und des Zeugnisses willen, das sie hatten.
Und sie riefen mit lauter Stimme und sprachen: Bis wann, heili-
ger und wahrhaftiger Herrscher, richtest und rächst du nicht
unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?“ Seelen kann
hier nicht einfach lebende Geschöpfe oder Personen bedeuten,
denn es wäre unsinnig, zu lesen, „die Menschen derer, die
geschlachtet worden waren“ oder „die lebenden Geschöpfe
derer, die geschlachtet worden waren“. Wenn psychas hier für
Menschen stehen sollte, dann würden wir erwarten, daß der
Kasus des darauf folgenden Partizip Perfekt Passiv, mit dem
von psychas übereinstimmen würde, so daß diese Stelle gelesen
121
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

würde: „die geschlachteten Menschen“ oder „die Menschen, die


geschlachtet worden waren“. Aber statt dessen steht das Parti-
zip im Genitiv (esphagmenon), so daß übersetzt werden muß:
„die Seelen von denen, die geschlachtet worden waren“. Offen-
sichtlich bezieht sich dieser Vers auf die Seelen von Menschen,
die als Märtyrer für ihre Treue zu Gott getötet worden sind – in
anderen Worten auf Seelen, die nach dem Tod immer noch exi-
stieren und bei Bewußtsein sind. Der bewußte Zustand dieser
Seelen ist aus der Tatsache ersichtlich, daß sie laut rufen, und
daß zu ihnen gesprochen wird (Vers 11). Es ist klar, daß diese
Seelen noch nicht vom Tod auferstanden sind, denn (1) ist das
Ende der Zeiten noch nicht gekommen, da sie selbst sagen, ihr
Blut sei noch nicht gerächt worden, und (2) wird ihnen gesagt,
sie sollen noch eine kurze Zeit abwarten, bis auch ihre Mit-
knechte ihren Auftrag erfüllt haben (Vers 11).

So sind uns hier in symbolhafter Weise die Seelen der Menschen


geschildert, die getötet, aber noch nicht von den Toten aufer-
standen sind und die noch auf die letzte Vollendung aller Dinge
warten. Sowohl das, was sie rufen, als auch die an sie gerichteten
Worte machen deutlich, daß ihre Freude noch unvollkommen
ist, daß sie den endgültigen Ausgang freudig erwarten, bei dem
die Gerechtigkeit vollständig vollstreckt und Gott vollkommen
verherrlicht werden wird. [8]

Da die Offenbarung ein Buch voller Symbole ist, könnte nun


die Vorstellung aufkommen, es sei ungerechtfertigt, von solchen
Symbol Lehren über den Zwischenzustand abzuleiten. Der
springende Punkt ist jedoch, wenn es zwischen Tod und Aufer-
stehung keine bewußte Daseinsform gibt, wird der ganze
Abschnitt bedeutungslos. Da sich der Text weder auf Menschen
beziehen kann, die immer noch auf der Erde leben, noch auf
Menschen, die bereits ihren Auferstehungsleib haben, muß er
auf Geschöpfe bezogen sein, die sich einer Art von bewußtem
Dasein zwischen Tod und Auferstehung erfreuen. Die Sieben-
ten-Tags-Adventisten gehen in Fragen zur Lehre leider auf die-
se Bibelstelle gar nicht ein.
122
Die Lehre ... über das Leben nach dem Tod

Das Wort „pneuma“. Die Siebenten-Tags-Adventisten behaup-


ten ferner, weder das hebräische Wort ruach noch das griechi-
sche pneuma (die beiden Wörter, die gewöhnlich mit Geist
übersetzt werden) bezeichneten jemals einen bestimmten Teil
des Menschen, der getrennt vom Körper bewußt existieren
könne. [9]

Wir selbst wollen uns aber auf das griechische Wort pneuma
beschränken und stellen fest, daß an mindestens drei Stellen im
Neuen Testament pneuma sich auf einen Teil des Menschen
beziehen muß, der nach dem Tod weiterexistiert.

(1) Zunächst gibt es da das siebte Wort Jesu am Kreuz


(Lk 23,46): „Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist
(pneuma).“ Nach Arndt und Gingrich kann pneuma die folgen-
den verschiedenen Bedeutungen einnehmen: Wind, Atem,
Lebensgeist, Geist als ein Teil der menschlichen Wesensart, der
Gedankenzustand, Geist als ein unabhängiges Wesen, der Geist
Gottes, der Geist Christi, der Heilige Geist. [10] Den Atem
dem Vater zu übergeben ist ohne Sinn. Ebenso macht eine
Übergabe des Gedankenzustandes wenig Sinn. Durch dieses
Ausschlußverfahren wird uns klar, daß die einzigen Bedeutun-
gen von pneuma, die hier einen Sinn ergeben, Seele oder Geist
als Teil des menschlichen Wesens sind. Jesus übergab oder
anvertraute Seine Seele oder Seinen Geist dem Vater. Da er nicht
unmittelbar danach vom Tod auferstand, schließen wir, daß sein
Geist für die Zeit, in der sein Leib im Grab lag, zum Vater in
den Himmel ging.

(2) Als nächstes wollen wir nun Apostelgeschichte 7,59 be-


trachten, wo der sterbende Stephanus spricht: „Herr Jesus,
nimm meinen Geist (pneuma) auf.“ Dieser Vers ist in gleicher
Weise zu verstehen, wie das siebte Wort Jesu am Kreuz. Bemer-
kenswert ist, daß Jesus Seinen Geist dem Vater übergibt, Ste-
phanus aber Jesus bittet, seinen Geist aufzunehmen. Dadurch
wird Jesus mit dem Vater gleichgestellt und Christi volle Gött-
lichkeit bestätigt. Weshalb sollte Stephanus Jesus bitten, seinen
123
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

Geist aufzunehmen, wenn sein Geist doch beim Tod einfach


aufhörte zu existieren?

(3) Zuletzt wollen wir noch Hebräer 12,22.23 untersuchen:


„... ihr seid gekommen ... zur Stadt des lebendigen Gottes, dem
himmlischen Jerusalem, und zu Myriaden von Engeln, einer
Festversammlung, und zu der Gemeinde der Erstgeborenen, die
in den Himmeln angeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter
aller, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten (pneumasi
dikaion teteleiomenon).“ Du sollst dein geistliches Vorrecht zu
würdigen wissen, daß du zum Neuen Bund gehörst, sagt der
Schreiber des Hebräerbriefes hier zu seinen Lesern. Als du
durch Glauben an Christus ein Kind Gottes wurdest und man
dich in die Gemeinschaft Seines Volkes aufgenommen hat, bist
du da nicht zu einem mit Feuer brennenden Berg gekommen,
den selbst wilde Tiere nicht anrühren können, sondern du bist
zum himmlischen Jerusalem gekommen, in die Gemeinschaft
von „Myriaden von Engeln“ und „den Geistern der vollendeten
Gerechten“.

Pneumasi, Dativ Plural von pneuma, kann hier nicht Engel


bedeuten, denn Engel sind direkt vorher genannt worden.
Ebensowenig kann pneumasi Menschen bezeichnen, die immer
noch auf der Erde sind, denn (1) weshalb sollte der Schreiber
Menschen auf der Erde als Geister bezeichnen? Wenn es seine
Absicht war, auf Menschen auf der Erde hinzudeuten, warum
schreibt er dann nicht einfach dikaiois teteleiomenois (zu den
vollendeten gerechten Menschen)? (2) Kann überhaupt davon
die Rede sein, daß Menschen auf der Erde vollkommen gemacht
worden sind? Paulus teilt uns dementgegen in Philipper 3,12
mit, daß er noch nicht vollendet worden war und gebraucht
dabei die selbe Zeitform des selben Verbs: teteleiomai. In dem
Vers aus Hebräer bezieht sich der Schreiber ganz klar auf die
Geister der gerechten Menschen, von denen hier gesagt wird,
daß sie vollendet wurden, damit sie ihr Ziel (telos) erreichen.
Dem Leser wird gesagt, daß er zu den Geistern solcher vollen-
deter Menschen gekommen ist. Dieser Ausdruck verweist des-
124
Die Lehre ... über das Leben nach dem Tod

halb auf die Geister der vollendeten Heiligen, die nun im Him-
mel sind. Der Schreiber denkt nicht an auferstandene Heilige,
da er seinen Lesern sagt, sie seien bereits zu diesen Geistern
gekommen (proselelythate); d.h., sie haben schon eine Art von
Gemeinschaft mit ihnen, im Sinne ihres Wissens davon, mit
ihnen eins zu sein.

Wenn auch die Art ihrer Existenz nicht beschrieben wird, ent-
hüllt dieser Abschnitt doch, daß die Geister von Gläubigen, die
in den Himmel aufgenommen worden sind, zwischen Tod und
Auferstehung irgendeine Daseinsform haben.

In Christus. Wenn wir uns nun der Frage nach dem Zwischen-
zustand von einem anderen Blickwinkel her zuwenden, müssen
wir als nächstes feststellen, daß das Neue Testament von dem
Gläubigen häufig sagt, er sei „in Christus“. Der Ausdruck „in
Christus“, oder verwandte Bezeichnungen wie „im Herrn“
oder „in ihm“ erscheinen allein 164 mal in den Briefen des Pau-
lus. [11] Der Gedanke, des in-Christus-seins des Gläubigen ist
deshalb im Neuen Testament ein zentraler Begriff. Von Ewig-
keit her waren die Gläubigen in Christus auserwählt (Eph 1,4),
die Gläubigen sind in ihrer Wiederherstellung mit Christus
vereinigt (Eph 2,4.5) und Christus lebt immerfort in ihnen
(Gal 2,20). Von den Gläubigen wird gesagt, daß sie in Christus
sterben (Rö 14,8), sie werden mit Christus auferstehen (1. Kor
15,22) und sie sind zu ewiger Herrlichkeit mit Christus
bestimmt (1. Thess 4,17). Sieht es nun so aus, als ob die Gläubi-
gen, die von Ewigkeit her in Christus auserwählt sind und die
während dieses Lebens in Christus sind, zum Zeitpunkt ihres
Todes aufhören zu existieren, nur um bei der endgültigen Auf-
erstehung wieder neu geschaffen zu werden? Wenn Christus
Gott ist und wenn, wie unser Herr es selbst in Johannes
10,28.29 sagt, niemand die Gläubigen jemals weder aus Christi
Hand noch aus der Hand des Vaters rauben kann, hat es dann
den Anschein, daß der Tod es dennoch kann? Man könnte dem
widersprechen, denn Gott bewahrt diese Gläubigen in Seinem
Gedächtnis, und sie sind dazu bestimmt, aufzuerstehen. Der
125
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

Tod kann sie nicht wirklich aus Christi Hand rauben. Wie
könnte von jemandem gesagt werden, er sei in Christi Hand,
wenn er gar nicht mehr existiert?

In diesem Zusammenhang sollte auch Römer 14,8 beachtet wer-


den: „Denn sei es auch, daß wir leben, wir leben dem Herrn;
und sei es, daß wir sterben, wir sterben dem Herrn. Und sei es
nun, daß wir leben, sei es auch, daß wir sterben, wir sind des
Herrn.“ Dem letzten Teil dieses Verses nach gehören wir also
dem Herrn, ob wir nun leben oder sterben. In welchem Sinne
können wir des Herrn sein, wenn es uns nicht mehr gibt? Wenn
die Siebenten-Tags-Adventisten Recht haben, hätte Paulus
schreiben sollen: „Sei es, daß wir leben, oder sei es, daß wir wie-
der auferstehen, wir sind des Herrn.“ Auf ihrer Grundlage hätte
er niemals schreiben sollen „sei es, daß wir sterben, wir sind des
Herrn“.

Darüber hinaus sollten wir das Zeugnis aus 1. Thessalonicher


4,16 betrachten, „die Toten in Christus werden zuerst auferste-
hen“, und aus 1. Korinther 15,23, „Jeder aber [wird] in seiner
eigenen Ordnung [lebendig gemacht werden]: der Erstling,
Christus; sodann die, welche Christus gehören bei seiner An-
kunft“. Wie kann Paulus von den „Toten in Christus“ sprechen,
wenn der Tod völlige Nichtexistenz bedeutet? Wie kann er von
denen, „die Christus gehören“ sprechen, was auf diejenigen
bezogen ist, die als Gläubige gestorben sind, wenn Tote in keiner
Weise noch existieren? Die Schlußfolgerung aus den gerade
zitierten Bibelstellen ist klar: Wenn wir einmal wirklich in Chri-
stus sind, dann werden wir für immer in Christus bleiben, auch
wenn wir gestorben sind. Diese Tatsache schließt die Möglich-
keit der Nichtexistenz zwischen Tod und Auferstehung aus.

Der Gott der Lebenden. In Verbindung mit dem gerade Gesag-


ten wollen wir nun Lukas 20,27-38 betrachten. Die Geschichte
ist wohlbekannt: Die Sadduzäer kommen mit einem „Gleich-
nis“ über die Auferstehung zu Jesus und fragen Ihn: „Wessen
Frau wird sie sein?“ Jesus zitiert als Antwort die geläufigen
126
Die Lehre ... über das Leben nach dem Tod

Worte: „Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und
der Gott Isaaks.“ Dann fügt Jesus hinzu: „Er ist aber nicht
Gott Toten, sondern der Lebenden; denn für ihn leben alle“
(Vers 38). Dadurch beweist Jesus die Lehre von der Auferste-
hung des Leibes, die die Sadduzäer ablehnten, aus dem Penta-
teuch, den sie als Autorität beanspruchten.

Für unsere Belange ist jedoch etwas anderes von Bedeutung.


Von Josephus erfahren wir, daß die Sadduzäer neben der leibli-
chen Auferstehung auch die fortdauernde Existenz der Seele
nach dem Tod leugneten: „Die Lehre der Sadduzäer ist jedoch
diese: Daß die Seelen mit den Leibern sterben ...“ [12] Es ist
bemerkenswert, daß Jesus in Seiner Antwort sowohl ihre
Ansicht über den Zwischenzustand als auch ihre Ablehnung der
Auferstehung korrigierte. Er sagte tatsächlich: „Obwohl Abra-
ham, Isaak und Jakob vor vielen Jahren gestorben sind, leben sie
jetzt und heute. Denn Gott, der sich selbst der Gott Abrahams,
Isaaks und Jakobs nennt, ist nicht der Gott der Toten, sondern
der Lebenden.“ Sicherlich, wenn diese Patriarchen im ganzen
Sinne dieses Wortes leben sollen, müssen ihre Leiber auferste-
hen. Aber Jesu Worte besagen, daß die Patriarchen auch jetzt
leben, nach ihrem Tod, aber vor ihrer Auferstehung. Dieser
Punkt wird durch die Worte, die nur von Lukas überliefert sind,
deutlich gemacht: „Denn für ihn leben alle.“ Wenn die Toten für
uns auch nicht existent sind, so leben sie, was Gott betrifft, auch
jetzt. Die Zeitform des Wortes für leben ist nicht Futur (was ver-
muten lassen könnte, daß diese Toten bei ihrer Auferstehung
wieder leben würden), sondern Präsens, was uns lehrt, daß sie
jetzt leben. Das trifft nicht nur für die Patriarchen zu, sondern
für alle, die gestorben sind. Die Behauptung, Abraham, Isaak
und Jakob existieren zwischen Tod und Auferstehung nicht,
verletzt die klare Aussage dieser Worte und besagt, Gott sei, im
Hinblick auf diese Patriarchen, für eine lange Zeitspanne eher
der Gott der Toten als der Gott der Lebenden. [13]

Das zweite Wort Jesu am Kreuz. Als nächstes wollen wir die
Worte Jesu betrachten, die Er zu dem reuigen Räuber sprach
127
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

und die in Lukas 23,43 überliefert sind: „Wahrlich, ich sage dir:
Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Um der Lehrmei-
nung auszuweichen, der Mann sei tatsächlich an jenem Tag im
Paradies gewesen, interpunktieren sowohl die Siebenten-Tags-
Adventisten als auch die Zeugen Jehovas diese Worte folgen-
derweise: „Wahrlich, ich sage dir heute: Du wirst mit mir im
Paradies sein.“ [14] Wenn es auch stimmt, daß die ältesten
Handschriften des Neuen Testamentes keine Interpunktion
aufweisen, und daß die oben verwendete Interpunktion gram-
matikalisch möglich ist, so ist sie doch nicht sehr sinnvoll. Denn
wann sonst hätte Jesus diese Worte zu dem Räuber sprechen
können, als an jenem Tag?

Um zu verstehen, weshalb Jesus heute sagte, müssen wir beach-


ten, was der Räuber zuvor fragte: „Jesus, gedenke meiner, wenn
du in dein Reich kommst“ (Vers 42). Dieser Mann glaubte, daß
Jesus am Ende der Welt in Seinem Reich kommen würde, und
bat Ihn deshalb, dann an ihn zu denken. Jesu Antwort verhieß
ihm jedoch weit mehr, als er erbeten hatte: „Heute [nicht nur
am Ende der Welt] wirst du mit mir im Paradies sein.“

Das Wort paradeisos wird nur hier und an zwei weiteren Stellen
im Neuen Testament verwendet: 2. Korinther 12,4 und Offenba-
rung 2,7. In 2. Korinther berichtet Paulus uns, daß er in einer
Vision ins Paradies entrückt wurde, dabei ist der Begriff Paradies
eine Parallele zu dritter Himmel in Vers 2. Daher bedeutet Para-
dies hier soviel wie Himmel, das Reich der seligen Toten und der
besondere Wohnort Gottes. [15] In Offenbarung 2,7 lesen wir
von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist – eine Stel-
le, die uns daran erinnert, daß paradeisos die Übersetzung der
Septuaginta für das hebräische Wort gan („Garten“) in dem Aus-
druck „Garten Eden“ ist. Der Hinweis auf den Baum des Lebens
(vergleiche Kapitel 22,2) zeigt uns, daß es sich hier um ein Bild
vom „wiedererlangten Paradies“ handelt; Paradies bezieht sich
hier wiederum auf den Himmel, jedoch mehr auf den endgülti-
gen als auf den Zwischenzustand. Wir schließen daraus, daß
Jesus dem reuigen Räuber verhieß, mit Ihm an jenem Tag in der
128
Die Lehre ... über das Leben nach dem Tod

himmlischen Seligkeit zu sein. Sicherlich wäre keine klare Aus-


sage in den Worten Jesu, wenn der Räuber bei seinem Tod in
Bewußtlosigkeit oder Nichtexistenz gefallen wäre!

Abscheiden und bei Christus sein. Nun kommen wir zu einer


sehr bedeutsamen Stelle, nämlich Philipper 1,21-23, die (in der
rev. Elberfelder Bibel) folgendermaßen übersetzt wird:

Denn das Leben ist für mich Christus und das Sterben
Gewinn. Wenn aber das Leben im Fleisch mein Los ist, dann
bedeutet das für mich Frucht der Arbeit, und dann weiß ich
nicht, was ich wählen soll. Ich werde aber von beidem
bedrängt: Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christus zu
sein, denn es ist weit besser; ...

Es ist bemerkenswert, daß Paulus Sterben hier als Gewinn


bezeichnet. Wie könnte er das tun, wenn sterben bedeutet, in
Nichtexistenz zu fallen? Vermutlich könnte man argumentie-
ren, Paulus denke hier lediglich an die endgültige Auferstehung,
die entsprechend seiner subjektiven Erfahrung unmittelbar auf
den Tod folgt. Vers 23 wirft jedoch Licht auf das, woran Paulus
hier denkt. Paulus’ Wunsch, abzuscheiden, ist keine krankhafte
Todessehnsucht, sondern ein Verlangen danach, näher bei Chri-
stus zu sein, als er es in seinem weiteren irdischen Leben ist –
und das wäre schließlich, wie er sagt, weit besser.

Der griechische Urtext lautet hier: ten epithumian echon eis to


analysai kai syn Christo einai. Analusai, abzuscheiden, ist ein
Infinitiv Aorist, der den Augenblick des Todes bezeichnet. Das
Infinitiv im Präsens, einai, sein, ist durch einen Artikel im Sin-
gular mit analysai verbunden. Dieser Artikel bindet die beiden
Infinitive aneinander, so daß die durch diese beiden Infinitive
bezeichneten Handlungen als zwei Aspekte ein und derselben
Sache oder als zwei Seiten einer Medaille betrachtet werden
müssen. [16] Deshalb sagt Paulus hier, daß er in dem Augen-
blick, da er abscheidet oder stirbt, auch bei Christus sein wird.
Da das Verb sein eine fortdauernde Existenz beschreibt, sagt
129
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

Paulus damit auch, daß er nicht nur bei Christus sein, sondern
auch ununterbrochen bei Christus sein wird.

Paulus berichtet uns nichts Genaues darüber, in welcher Weise


er bei Christus sein wird, aber er sagt ganz deutlich, daß dieses
bei Christus sein sofort mit dem Tod beginnt. Wenn Paulus hier
lediglich auf die Auferstehung des Leibes hinwiese, hätte er das
einfacher haben können – das sehen wir in seiner unzweideuti-
gen Anspielung in Kapitel 3,20.21 auf die Auferstehung, die bei
Christi parousia stattfinden wird. Hier denkt er jedoch einfach
nur an den Augenblick seines Todes – und er hat keine Garantie
dafür, daß die Auferstehung seines Leibes in jenem Augenblick
geschehen wird. In diesem Augenblick des Todes werde ich, wie
er sagt, bei Christus sein. Diese Möglichkeit, so fügt er hinzu,
wäre „weit besser“ als sein gegenwärtiges Dasein, und damit
lehnt er ganz klar den Gedanken ab, nach dem Tod fiele man in
Nichtexistenz. Wie könnte ein solcher Zustand auch „weit bes-
ser“ sein, als der Zustand Paulus’ während seines weiteren irdi-
schen Lebens, indem er bewußte, wenn auch nicht vollkomme-
ne, Gemeinschaft mit Christus hat?

Die Siebenten-Tags-Adventisten legen diese Stelle so aus, daß


sie sich auf Paulus’ Gemeinschaft mit Christus bei der Auferste-
hung seines Leibes beziehe. [17] Wenn es aber dieses gewesen
wäre, woran Paulus gedacht hat, hätte er keine Qual der Wahl
gehabt. Sein sofortiges Abscheiden hätte keinerlei Vorteil
gehabt, denn dann wäre er keinen einzigen Augenblick eher bei
Christus gewesen, als wenn er weitergelebt hätte. Er schreibt
hier jedoch davon, daß er diese Qual der Wahl hat, denn abzu-
scheiden und jetzt (und nicht viele Jahre später) bei Christus zu
sein, wäre weit besser als auf Erden weiterzuleben. [18]

„Ausheimisch“ vom Leib und einheimisch beim Herrn. Eine


weitere sehr wichtige Textstelle ist in diesem Zusammenhang
2. Korinther 5,6-8. Wir lesen hier:

So sind wir nun allezeit guten Mutes und wissen, daß wir,
während einheimisch im Leib, wir vom Herrn „aushei-
130
Die Lehre ... über das Leben nach dem Tod

misch“ sind – denn wir wandeln durch Glauben, nicht durch


Schauen –; wir sind aber guten Mutes und möchten lieber
„ausheimisch“ vom Leib und einheimisch beim Herrn sein.

Wir wollen einmal sorgfältig die beiden Verben betrachten, die


in diesen Versen verwendet werden: endemeo und ekdemeo.
Diese Verben sind zusammengesetzte, von demos abgeleitete
(was Volk, Leute bedeutet) Formen. Endemeo heißt also soviel
wie „unter den eigenen Leuten“ oder „zuhause sein“, wohinge-
gen ekdemo bedeutet, „von den eigenen Leuten getrennt sein“
oder „von zuhause fort sein“. Moulton und Milligan führen ein
Beispiel an, wo ekdemo „in die Fremde ziehen“ heißt. [19]
Auch die verwendete Zeitform ist bemerkenswert: Präsens in
Vers 6, Aorist in Vers 8.

„Wir sind guten Mutes“, schreibt Paulus in Vers 6, „wie wir wis-
sen, daß wir, während wir noch einheimisch im Leib sind (ende-
mountes, ein Partizip Präsens, das auf eine ununterbrochene
Handlung hinweist), sind wir, was den Herrn betrifft, immer
noch ‚ausheimisch‘ (ekdemoumen, ein Indikativ Präsens, das
wiederum das Fortdauern der Handlung unterstreicht)“. Diese
Worte hören sich seltsam an. Wie kann Paulus davon sprechen,
vom Herrn „ausheimisch“, also getrennt von Ihm zu sein? Hat
er in seinem Leben etwa keine Gemeinschaft mit dem Herrn?
Doch, Paulus bestätigt das in Vers 7, aber die Gemeinschaft, die
wir während des irdischen Lebens mit Christus haben, ist ein
Wandeln durch Glauben, und nicht durch Schauen. Unsere
gegenwärtige Gemeinschaft mit Christus ist gewissermaßen,
wenn auch gut, immer noch unvollkommen, und es verbleibt
noch eine große Sehnsucht nach mehr.

Mit diesem Hintergrundwissen nähern wir uns nun Vers 8, wo


der Gedanke fortgeführt wird. „Wir sind guten Mutes, und ich
erachte es für besser (eudokoumen mallon) ein für allemal das
Haus meines Leibes zu verlassen (ekdemesai ek tou somatos –
ein Infinitiv Aorist, der eine kurzzeitige Handlung bezeichnet),
und ein für allemal beim Herrn zuhause zu sein (endemesai pros
131
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

ton kyrion – ein weiterer Infinitiv Aorist).“ Die Präsens-Zeit-


formen in Vers 6 schildern ein fortdauerndes „zuhause sein“ im
Leib und ein fortdauerndes „außer Hause sein“ vom Herrn, die
Infinitive Aorist in Vers 8 hingegen weisen auf ein einmaliges,
kurzzeitiges Ereignis hin. Was kann das nun sein? Darauf gibt
es nur eine Antwort: Der Tod, der ein unmittelbarer Übergang
vom Wohnen im Leib zum Wohnen außerhalb des Leibes ist.
Der erste Infinitiv Aorist, ekdemesai, sollte sich wahrscheinlich
grammatikalisch als ein eintretender oder beginnender Aorist
erklären lassen, der den auf einen Zeitpunkt beschränkten An-
fang einer Handlung bezeichnet, die daraufhin fortdauert. [20]
Diesem ersten Infinitiv Aorist folgt dann ein zweiter, endeme-
sai. Dieser zweite Aorist sollte sich wahrscheinlich ebenfalls
grammatikalisch als beginnender Infinitiv erklären lassen, paral-
lel zum ersten. In einem Augenblick, so schreibt Paulus, werde
ich damit anfangen, beim Herrn einheimisch zu sein. In wel-
chem Augenblick? Offensichtlich in demselben Augenblick, auf
den ekdemesai bezogen ist, den Augenblick des Todes. Wenn
wir rückblickend noch einmal Vers 6 betrachten, bemerken wir,
daß der Zeitpunkt von endemountes und ekdemoumen der glei-
che ist: während wir einheimisch im Leib sind, sind wir auch
„ausheimisch“ vom Herrn. Dieser Entsprechung folgend
erwarten wir, daß die beiden Infinitive Aorist in Vers 8 ebenfalls
auf einen gleichzeitigen Zeitpunkt hinweisen, nur jetzt auf das
augenblickliche Ereignis, das in einem neuen Zustand resultiert:
Der Augenblick, in dem wir aus dem Leib ausziehen (der
Augenblick des Todes), der auch der Augenblick sein wird, ab
dem wir einheimisch beim Herrn sein werden. Es ist ebenfalls
zu beachten, daß das Wort pros auf eine sehr enge Gemeinschaft
hinweist, eine Gemeinschaft von Angesicht zu Angesicht. Dar-
aus ist ersichtlich, daß die Gemeinschaft mit Christus, die Pau-
lus mit Freuden nach dem Tod erwartete, viel enger sein wird,
als die, die er hier auf Erden erfahren hatte. Deshalb lehrt uns
diese Textstelle, daß der Gläubige im Augenblick seines Todes
nicht in Bewußtlosigkeit oder Nichtexistenz fällt, sondern in
eine Gemeinschaft mit Christus eintritt, die enger ist, als die, die
er auf Erden erlebt hat.
132
Die Lehre ... über das Leben nach dem Tod

Die Siebenten-Tags-Adventisten behaupten, „nichts in diesem


Text rechtfertigt die Schlußfolgerung, daß das ‚beim Herrn sein‘
unmittelbar auf das ‚Abscheiden vom Leib‘ folgt“. [21] Wir
haben jedoch gesehen, daß sowohl die Zeitformen der Infinitive
in Vers 8 und die Parallele zwischen Vers 8 und Vers 6 darauf
hinweisen, daß das „beim Herrn sein“ mit dem Augenblick des
Todes beginnt. Darüber hinaus erklären die Autoren von Fragen
zur Lehre auf Seite 530, der Apostel habe, wenn er von seinem
Wunsch, beim Herrn zu sein, spricht, an den Tag der Auferste-
hung gedacht. Die Problematik dieses Standpunktes besteht
jedoch darin, daß Paulus hier davon spricht, „ausheimisch“ vom
Leib und einheimisch beim Herrn zu sein. Sicherlich ist man
nach Erhalt des Auferstehungsleibes nicht mehr „ausheimisch“
vom Leib! Wenn die Auslegung dieser Textstelle seitens der
Adventisten richtig wäre, dann hätte Paulus etwa folgendes
schreiben müssen: „... wir möchten lieber ‚ausheimisch‘ von die-
sem Leib und einheimisch in dem neuen Leib sein“! [22]

Das Gleichnis von Lazarus und dem reichen Mann. Zum Schluß
sollten wir uns das Gleichnis vom armen Lazarus und dem rei-
chen Mann aus Lukas 16,19-31 anschauen. Wenn wir auch nicht
jedes Detail dieses Gleichnisses wortwörtlich zu verstehen
haben, sollten und müssen wir danach fragen, was die Kernaus-
sage dieser Geschichte ist. Wie aus dem Kontext recht deutlich
wird, ist diese Kernaussage der Kontrast zwischen dem Schick-
sal der ungläubigen Pharisäer (dargestellt durch den reichen
Mann) und das der Zöllner und Sünder, die an Jesus glaubten
(dargestellt durch Lazarus). Auf Erden erfreute sich der reiche
Mann an seinem Wohlstand und Lazarus litt unter seiner
Armut, nach dem Tod findet sich der reiche Mann in der Pein
wieder, Lazarus jedoch wird getröstet. Nun ist es recht augen-
scheinlich, daß dieses Gleichnis jede Aussagekraft verlieren
würde, wenn die Menschen nach dem Tod in Bewußtlosigkeit
oder Nichtexistenz fallen.

Man könnte zwar erwidern, daß das Gleichnis die Verhältnisse


schildert, wie sie nach der Auferstehung des Leibes sein wer-
133
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

den, weil nämlich vom reichen Mann gesagt wird, er habe eine
Zunge, und von Lazarus, er habe Finger. Aber gegen diese Aus-
legung können die folgenden Einwände erhoben werden: (1) In
den Versen 27 und 28 spricht der reiche Mann von seinen fünf
Brüdern, die noch auf der Erde leben und denen er eine War-
nung geben möchte. Diese Situation kann nicht nach der allge-
meinen Auferstehung zustande kommen. (2) Vers 31 besagt,
daß die Auferstehung der Toten zu der Zeit des Gleichnisses
noch nicht stattgefunden hat: „Wenn sie Mose und die Prophe-
ten nicht hören, so werden sie auch nicht überzeugt werden,
wenn jemand aus den Toten aufersteht.“

Die unterschiedlichen bewußten Existenzformen vom reichen


Mann und Lazarus, die in diesem Gleichnis symbolisch geschil-
dert werden, müssen deshalb ein Abbild der Verhältnisse wäh-
rend des Zwischenzustands sein. Das Gleichnis als solches
bestätigt also das, was wir bereits aus anderen neutestamentli-
chen Textstellen gelernt haben, nämlich daß die Gläubigen
unmittelbar nach ihrem Tod zu Christus kommen, um sich
in Seiner Gegenwart einer vorläufigen Seligkeit zu erfreuen
(vorläufig, weil ihre Leiber noch nicht auferstanden sind),
wohingegen die Ungläubigen bei ihrem Tod sofort zu einem
Ort gelangen, an dem sie vorläufige Strafe leiden.

Die Siebenten-Tags-Adventisten behaupten, das Gleichnis schil-


dere allegorisch die Verhältnisse vor der Auferstehung, [23]
beharren dabei aber darauf, daß „die Geschichte von Lazarus
und dem reichen Mann in keinster Weise das Bewußtsein der
Toten beweist ...“ [24] Darüber hinaus erklären sie, Christus
habe, obwohl Er genau wußte, daß es nach dem Tod kein
Bewußtsein gibt, den Pharisäern in dem Gleichnis auf ihrer
eigenen Grundlage entgegnen wollen und Seine Lehren in den
Rahmen ihrer Falschlehren eingearbeitet, um die Falschheit
ihres Standpunktes aufzudecken. [25] Aber diese Auslegung
besagt, daß Jesus eine Lüge dazu verwendet haben könnte,
Wahrheit zu lehren! Wenn es uns auch nicht erlaubt ist, aus die-
sem Gleichnis eine detaillierte Beschreibung des Zwischenzu-
134
Die Lehre ... über das Leben nach dem Tod

stands herzuleiten, so wäre die Geschichte doch gänzlich ohne


Aussage, wenn unmittelbar nach dem Tod die Gläubigen nicht
in einer bewußten Seligkeit sind und die Ungläubigen nicht
bewußt Pein erleiden. Wie hätte Jesus dieses Gleichnis als Mittel
zur göttlichen Offenbarung verwenden können, wenn die
wichtigste Aussage, die damit vermittelt werden sollte, auf einer
falschen Auffassung über das Leben nach dem Tod basierte?

Im Zusammenhang mit dem gerade besprochenen Gleichnis


wird die Aufmerksamkeit des Lesers auf 2. Petrus 2,9 gelenkt,
wo deutlich wird, daß die Gottlosen während des Zwischenzu-
stands bewußte Qualen erleiden werden: „Der Herr weiß die
Gottseligen aus der Versuchung zu erretten, die Ungerechten
aber aufzubewahren für den Tag des Gerichts, wenn sie bestraft
werden.“ Der letzte Teil dieses Verses liest sich im Griechischen
folgendermaßen: „adikous de eis hemeran kriseos kolazomenous
terein.“ Petrus hat zuvor gerade die Schärfe des göttlichen
Gerichts über die gefallenen Engel, über die alte Welt und über
Sodom und Gomorra dargelegt. Vers 9 ist eine zusammenfas-
sende Erklärung, die wiederum dazu dient, eine weitere
Beschreibung der entsetzlichen Schlechtigkeit der Irrlehrer ein-
zuleiten, über die er geschrieben hatte. Zu den in diesem Vers
erwähnten Ungerechten gehören also, anders gesagt, sicherlich
auch die ungerechten Menschen.

Der selbe Gott, der die Gottseligen aus der Versuchung errettet,
so schreibt Petrus, weiß auch, wie die ungerechten Menschen
(und Engel) unter Strafe für den Tag des Gerichts aufzubewah-
ren sind. Kolazomenous ist ein passives oder ein Partizip Prä-
sens von kolazo, strafen. Gott weiß, wie diese Ungerechten
kolazomenous aufzubewahren sind, schreibt Petrus, wortwört-
lich sie bestrafend aufzubewahren für den Tag des Gerichts.
Das Präsens dieses Partizips weist darauf hin, daß die Bestra-
fung ununterbrochen fortdauert. Die Worte eis hemeran kriseos
zeigen uns, daß das, was hier beschrieben wird, nicht die end-
gültige Bestrafung der Verlorenen ist, sondern eine Bestrafung,
die bis zum Tag des Gerichts fortdauert. Die Behauptung, die
135
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

Bestrafung, von der hier die Rede ist, sei lediglich für dieses
Leben bestimmt, kann nicht aufrechterhalten werden, da sich
die Bestrafung durch die Worte „für den Tag des Gerichts“ ganz
klar bis zu diesem bestimmten Tag ausdehnt. Deshalb lernen
wir aus dieser Textstelle, daß die Seelen der Ungerechten nach
dem Tod nicht in Bewußtlosigkeit fallen, sondern bereits vor
ihrer leiblichen Auferstehung einer ununterbrochenen Strafe
ausgeliefert sind.

Wir schließen daraus, daß der Standpunkt der Siebenten-Tags-


Adventisten bezüglich des Zustands des Menschen zwischen
Tod und Auferstehung mit der Bibel nicht in Einklang steht,
und deshalb von ihnen aufgegeben werden sollte. [26]

Die Vernichtung der Bösen


Die Siebenten-Tags-Adventisten lehren die endgültige Vernich-
tung der Bösen und leugnen, daß es einen Ort der ewigen Qual
gibt, der Hölle genannt wird. Wir beschäftigen uns hier also
nicht mehr mit dem sogenannten Zwischenzustand zwischen
Tod und Auferstehung, sondern jetzt geht es uns um einen
Aspekt der Lehre über den Endzustand – den Zustand der
Menschen nach der Auferstehung des Leibes.

Den Siebenten-Tags-Adventisten gemäß wird nach Satans letz-


tem Angriff auf das „Heerlager der Heiligen“ Feuer vom Himmel
fallen und Satan, seine gefallenen Engel und alle Bösen ver-
nichten. Bevor dieses geschieht werden jedoch jene, die vernich-
tet werden sollen, einer Reihe von Qualen unterzogen werden, je
nach der Schuld, die der Mensch oder der Dämon auf sich geladen
hat. Satan selbst wird am längsten gequält werden und wird
deshalb der letzte sein, der in den Flammen untergeht. Am Ende
dieser Zeit der Qualen werden dann jedoch alle, die sich gegen
Gott aufgelehnt haben, in jeder Hinsicht vernichtet sein. [27]

Das Wort apollymi. Die Lehre von der Vernichtung der Bösen
steht jedoch nicht in Einklang mit der Schrift. Um diese Lehre
136
Die Lehre ... über das Leben nach dem Tod

zu widerlegen, müssen wir zuallererst einige gebräuchliche


Wörter im Neuen Testament untersuchen, die die letztendliche
Bestrafung der Verlorenen beschreiben. Das üblicherweise für
diesen Zweck verwendete Wort ist das Verb apollymi, gewöhn-
lich mit verloren gehen oder verderben (in mittlerer oder passi-
ver Form) übersetzt. Auf den Seiten 536 und 537 von Fragen
zur Lehre vermitteln die Siebenten-Tags-Adventisten den Ein-
druck, daß das Wort apollymi vernichten bedeutet, sofern es im
Neuen Testament das Schicksal der Bösen betrifft. Die Zeugen
Jehovas haben die gleiche Vorstellung. In ihrem Buch Let God
Be True („Laß Gott wahr sein“) zitieren sie auf Seite 97 Mat-
thäus 10,28, wo das Wort apollymi verwendet wird, um zu be-
schreiben, was Gott mit Seele und Leib in der Hölle (Gehenna)
tun wird, und schließen daraus: „Da Gott im Gehenna Seele
und Leib zerstören wird, ist dieses der Beweis, daß Gehenna,
oder das Tal des Sohnes Hinnoms, ein Bildnis oder ein Symbol
für die vollständige Vernichtung ist, und nicht für ewige Qua-
len.“ Es ist klar, welchen Rückschluß sie daraus ziehen: apolly-
mi muß vernichten bedeuten.

Wie können wir nun aufzeigen, daß apollymi im Neuen Testa-


ment niemals Vernichtung bedeutet? Als erstes halten wir fest,
daß dieses Wort an keiner Stelle vernichten heißt, bei der es um
andere Dinge geht, als das ewige Schicksal des Menschen. Wir
wollen einmal die Bedeutungen durchgehen, die dieses neute-
stamentliche Wort haben kann:

(1) Manchmal bedeutet apollymi verloren gehen. In dieser


Weise wird es in den drei „Gleichnissen von Verlorenem“ in
Lukas 15 verwendet, einmal um ein verlorenes Schaf zu
bezeichnen, dann eine verlorene Münze und schließlich den
verlorenen Sohn. Im Fall des verlorenen Sohns bedeutet dessen
Verlorensein, daß er die Gemeinschaft mit dem Vater verloren
hatte, da er entgegen den Willen des Vaters fortgegangen war.

(2) Das Wort apollymi kann angewendet werden, um zu


beschreiben, daß etwas unbrauchbar wird. So wird es in Mat-
137
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

thäus 9,17 gebraucht, um zu zeigen, was mit alten Weinschläu-


chen passiert, wenn man sie mit neuem Wein füllt: Die Schläu-
che „verderben“ oder werden unbrauchbar. Und in Matthäus
26,8 wird ein abgeleitetes Wort dafür benutzt, was die Jünger
für eine Geldverschwendung hielten – Salböl auf dem Haupte
Jesu zu vergießen: „Wozu diese Verschwendung?“ (Das Wort
für Verschwendung ist apoleia, ein von apollymi abgeleitetes
Substantiv.) In keinem dieser Fälle könnte dieses Wort oder eine
Ableitung davon möglicherweise Vernichtung bedeuten.

(3) Mitunter bedeutet apollymi töten. Zum Beispiel in Matthäus


2,13: „Denn Herodes wird das Kindlein suchen, um es umzu-
bringen (apolesai).“ Ganz abgesehen davon, daß hier von Jesus
die Rede ist, ist töten denn vernichten? Wie wir bereits aus
Matthäus 10,28 gelernt haben, wird man nicht vernichtet, wenn
man getötet wird. Und strenggenommen wird noch nicht ein-
mal der Leib vernichtet, wenn man getötet wird. Die Bestand-
teile des verwesenden Körpers gehen lediglich in einen anderen
Zustand über.

(4) Es gibt eine besondere Textstelle, in welcher apollymi


unmöglich die Bedeutung von Vernichtung haben kann: Lukas
9,24: „Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer
aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es retten.“
Sein Leben verlieren in der zweiten Hälfte des Verses ist eine
Übersetzung von apolese ten psychen. Man kann psyche nun,
wenn man möchte, mit Seele übersetzen. Jedoch kommt auf
jedem Fall Vernichtung nicht in Frage. Wenn apollymi in der
zweiten Hälfte des Verses Vernichtung bedeutete, dann wäre
der Mensch, der vernichtet würde, ein erretteter Mensch! Sein
Leben oder seine Seele zu verlieren muß etwas anderes bedeu-
ten, als Vernichtung: Gewillt zu sein, seine eigenen Interessen
denen des Reiches Gottes unterzuordnen.

(5) Nun kommen wir zu den Textstellen, in denen apollymi


gebraucht wird, um das zukünftige Schicksal der Bösen zu be-
schreiben. Mit der Erkenntnis, die wir bis hierher erlangt haben,
138
Die Lehre ... über das Leben nach dem Tod

würden wir nicht erwarten, daß das Wort hier die Bedeutung
von Vernichtung haben könnte. Wenn es doch diese Bedeutung
in bezug auf den zukünftigen Zustand des Menschen haben
sollte, dann hätte apollymi einen abrupten Bedeutungswechsel
vollzogen. Nun könnte ja, vorstellungsweise, ein solcher Bedeu-
tungswechsel möglich sein. Aber wenn das der Fall wäre, dann
müßte an den entsprechenden Stellen ein Hinweis darauf zu
finden sein, daß dieser Bedeutungswechsel stattgefunden hat.
Und andere Beschreibungen des letztendlichen Schicksals der
Bösen, in denen das Wort apollymi nicht vorkommt, sollten
diese Vernichtung eindeutig unterstützen.

Die Bedeutung von Gehenna. Einige dieser Beschreibungen


wollen wir näher untersuchen. Zuerst betrachten wir ein Wort,
das zwölf mal im Neuen Testament vorkommt und gewöhnlich
mit Hölle übersetzt wird, das griechische Wort ge-enna. Die
Siebenten-Tags-Adventisten verstehen dieses Wort so, daß es
sich auf das vernichtende Feuer bezieht, das am Ende die Bösen
auslöschen soll. [28] In Matthäus 18,9 steht jedoch der Aus-
druck „die Gehenna (oder die Hölle) des Feuers“ parallel zu
dem Ausdruck „das ewige Feuer“ (to pyr to aionion) aus Vers 8.
Deshalb ist das Feuer von Gehenna nicht nur zeitweise,
sondern ewig oder endlos. [29] Wenn das Feuer von Gehenna
ewig ist, dann müssen wir schlußfolgern, daß die Strafe, die das
Feuer symbolisiert, ebenso ewig ist. Denn wozu sollte das
Feuer von Gehenna weiterbrennen, nachdem das letzte böse
Wesen dadurch vernichtet worden ist? In Markus 9,43 taucht
das Wort ge-enna parallel zu dem Ausdruck „das unauslöschli-
che Feuer“ (to pyr to asbeston) auf. Wenn das Feuer von Gehen-
na unauslöschlich ist, wird es dann nicht ein immerwährendes
Feuer sein? Ebenso bemerkenswert ist, daß in Markus 9,48
Gehenna mit Worten beschrieben wird, die aus Jesaja 66,24
zitiert sind: „wo ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht
erlischt“. Dieser Ausdruck macht klar, daß die Qual von
Gehenna kein Ende hat. Die Zeugen Jehovas entgegnen, daß
hier nur von dem Wurm gesagt wird, daß er nicht sterbe, aber
nicht von dem Menschen. [30] Jesus sagt hier jedenfalls „ihr
139
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

Wurm stirbt nicht“. Da der Wurm die Strafe symbolisiert, die


die Bösen erleiden, sind wir genötigt zu folgern, daß das Bild
des unsterblichen Wurms einfach ein Zeichen für die unendli-
che Strafe ist. [31]

Die Siebenten-Tags-Adventisten stellen die Sinnbildlichkeit der


Beschreibungen von der Bestrafung der Bösen im Neuen Te-
stament groß heraus. Sicherlich, diese Beschreibungen sind
sinnbildlich und symbolisch, aber die Symbole sollen ja eine
Bedeutung vermitteln. Wenn wir auch nicht jedes Detail dieser
Symbole wortwörtlich nehmen können, müssen wir doch die
Aussagen annehmen, die durch sie ausgedrückt werden sollen,
nämlich daß die Bestrafung der Bösen immerwährend sein
wird. Die biblischen Beschreibungen von Gehenna schließen
deshalb Vernichtung aus, denn Wesen, die vernichtet worden
sind, können nicht immerwährend bestraft werden.

Der Rauch ihrer Qual. Wir wollen uns nun einer weiteren
Textstelle widmen, die ebenfalls den Zustand der Bösen
beschreibt: Offenbarung 14,11: „Und der Rauch ihrer Qual
steigt auf von Ewigkeit zu Ewigkeit; und sie haben keine Ruhe
Tag und Nacht, die das Tier und sein Bild anbeten und wenn
jemand das Malzeichen seines Namens annimmt.“ Diese Worte
beziehen sich offensichtlich auf die Bestrafung der Verlore-
nen. [32] Von dem Rauch der Qual dieser Verlorenen wird
gesagt, daß er von Ewigkeit zu Ewigkeit aufsteigt. Wenn wir
hier auch nicht tatsächlichen Rauch annehmen müssen, so wird
die Schilderung doch bedeutungslos, wenn sie nicht in anschau-
licher Weise verdeutlichen soll, daß die Bestrafung niemals auf-
hören wird. Die Worte „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ lauten im
Griechischen folgendermaßen: eis aionas aionon (wortwörtlich
bis Zeitalter von Zeitaltern). In Offenbarung 4,9 wird Gott als
der, „der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (eis tous aionas ton
aionon) beschrieben. Abgesehen von den Artikeln ist dieses
genau derselbe Ausdruck, wie der, der in Kapitel 14,11 für den
aufsteigenden Rauch der gequälten Verlorenen gebraucht wird.
Durch einen Vergleich dieser beiden Textstellen lernen wir also,
140
Die Lehre ... über das Leben nach dem Tod

daß die Qual der Verlorenen genauso ohne Ende ist, wie Gott
selbst! Zudem kann sich das Wort für Qual, basanismos,
unmöglich auf einen ewigen Zustand der Bewußtlosigkeit oder
der Nichtexistenz beziehen. Wenn diese Verlorenen nicht mehr
existieren, wie könnte dann der Rauch ihrer Qual immerfort
aufsteigen? [33]

Darüber hinaus ist es bemerkenswert, daß von den hier


beschriebenen Geschöpfen gesagt wird, sie fänden keine Ruhe
Tag und Nacht. Damit kann keine Vernichtung gemeint sein,
denn Vernichtung wäre ja eine Art der Ruhe. Das Schicksal die-
ser Verlorenen steht im Gegensatz zu dem Schicksal der Erret-
teten in Vers 13: „Glückselig die Toten, die von jetzt an im
Herrn sterben! Ja, spricht der Geist, damit sie ruhen von ihren
Mühen ...“ Die Erretteten werden deshalb nach ihrem Tod
Ruhe finden, wohingegen die Verlorenen Tag und Nacht keine
Ruhe finden werden. Kann dieser letztere Ausdruck möglicher-
weise Bewußtlosigkeit oder Nichtexistenz symbolisieren?

Wir kehren nun zu der Frage nach der Bedeutung des Wortes
apollymi zurück, die es bei seiner Anwendung im Neuen Testa-
ment auf das zukünftige Schicksal der Bösen hat. Durch die
gewonnene Erkenntnis über den Gebrauch dieses Wortes aus
Textstellen, die nicht das endgültige Schicksal der Menschen
betreffen, aus Versen wie Offenbarung 14,11, wo der zukünfti-
ge Zustand der Bösen als endlose Qual beschrieben wird und
aus den biblischen Beschreibungen von Gehenna sind wir zu
der Schlußfolgerung angehalten, daß apollymi im Fall seiner
Anwendung auf die Beschreibung des endgültigen Schicksals
der Bösen nicht Vernichtung bedeuten kann. Wir dürfen uns da
auch nicht durch den Klang von Wörtern wie verderben oder
verloren gehen verwirren lassen, mit denen apollymi wiederge-
geben wird, denn sie besagen nicht, daß die Bösen vernichtet
werden. [34] Wenn apollymi für das Schicksal der Bösen ver-
wendet wird, meint es einen immerwährenden Zeitabschnitt,
eine Zeit ewigen Getrenntseins von Gott, die zugleich ein
Zustand endloser Qualen und Leiden ist.
141
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

Dieses Verständnis von apollymi, das voll mit solchen Aussagen


wie denen aus Markus 9,48 und Offenbarung 14,11 überein-
stimmt, steht im Einklang mit dem zuerst erläuterten Gebrauch
dieses Wortes und ergänzt diesen. Man könnte beispielsweise
sagen, daß „verderben“ im Sinne einer immerwährenden Zeit-
dauer „unbrauchbar werden“ bedeutet (Bedeutung 2), in den
ewigen Tod anstatt in das ewige Leben zu kommen (Bedeu-
tung 3, vergleiche mit dem Ausdruck „der zweite Tod“ aus
Off 20,6) und auf ewig verloren zu bleiben, so wie der Verlo-
rene Sohn für eine Zeit lang verloren war – d.h. fortdauernd
außerhalb der Gemeinschaft mit Gott (Bedeutung 1).

Das Wort olethros. Ein weiteres Wort, das gelegentlich im Neuen


Testament benutzt wird, um die Bestrafung der Bösen zu
beschreiben, ist das Wort olethros. Die Siebenten-Tags-Adven-
tisten führen zwar nicht das griechische Wort an, zitieren aber
2. Thessalonicher 1,9, wo olethron aionion mit „ewigem Verder-
ben“ übersetzt wird, um die Vernichtung der Bösen zu bewei-
sen. [35] Es kann jedoch leicht gezeigt werden, daß olethros
niemals Vernichtung bedeuten kann, wenn es sich auf das Schick-
sal der Bösen bezieht. Dieses Wort kommt vier Mal im Neuen
Testament vor. Ein rätselhafter Gebrauch ist der in 1. Korinther
5,5, wo Paulus der Gemeinde zu Korinth sagt, „einen solchen
[einen Unzüchtigen aus ihrer Mitte] im Namen unseres Herrn
Jesus dem Satan zu überliefern zum Verderben (olethros) des
Fleisches, damit der Geist errettet werde am Tag des Herrn.“
Wenn sich auch die Bibelausleger darüber uneinig sind, was das
Wort olethros in dieser Verwendung bedeutet, [36] ist es doch
klar, daß das Wort an dieser Stelle nicht das endgültige Schicksal
der Bösen beschreibt, da ja die Hoffnung ausgedrückt wird, daß
dieser Mann doch noch errettet wird. In 1. Thessalonicher 5,3
wird olethros benutzt, um zu beschreiben, was mit den Bösen am
„Tag des Herrn“ geschehen wird: „Wenn sie sagen: Friede und
Sicherheit! dann kommt ein plötzliches Verderben (olethros)
über sie, wie die Geburtswehen über die Schwangere ...“ Wenn
das plötzliche olethros, das hier genannt wird, völlige Vernich-
tung bedeuten würde, dann wäre es für diese Menschen unmög-
142
Die Lehre ... über das Leben nach dem Tod

lich, vor dem Richterstuhl Christi zu erscheinen. Aber die Schrift


besagt klar und deutlich, daß alle Menschen, die guten wie auch
die bösen, vor dem Richterstuhl Christ erscheinen werden
(2. Kor 5,10). [37] Wie das Wort olethros hier verwendet wird,
muß es soviel wie plötzlichen Zusammenbruch, plötzlichen „Ver-
lust all dessen, was das Leben lebenswert macht“ bedeuten. [38]

Es gibt zwei Textstellen, an denen olethros dazu benutzt wird,


um den endgültigen Zustand der Bösen zu bezeichnen. Eine die-
ser beiden ist 1. Timotheus 6,9, wo wir lesen: „Die aber reich
werden wollen, fallen in Versuchung und Fallstrick und in viele
unvernünftige und schädliche Begierden, welche die Menschen
in Verderben (olethron) und Untergang (apoleian, das von apol-
lymi abgeleitete Substantiv) versenken.“ Da, wie wir oben bereits
gesehen haben, apoleia und apollymi nicht Vernichtung heißen
können, ist es augenscheinlich, daß olethros, das hier ja als Paral-
lele zu apolleia steht, ebensowenig Vernichtung heißen kann. In
2.Thessalonicher 1,9 kann olethros ebenfalls nicht Vernichtung
bedeuten: „Sie [die Gott nicht kennen und dem Evangelium
unseres Herrn Jesus nicht gehorchen] werden Strafe (diken) lei-
den, ewiges Verderben (olethron aionion) vom Angesicht des
Herrn und von der Herrlichkeit seine Stärke.“ Das Wort, das
hier mit Strafe wiedergegeben ist, dike, kann nicht Vernichtung
bedeuten; es wird nämlich in Judas 7 verwendet, um die ewige
Bestrafung der Bewohner von Sodom und Gomorra zu beschrei-
ben: „... indem sie die Strafe (diken) des ewigen Feuers erleiden.“
Olethros kann hier also auch nicht Vernichtung bedeuten, da es
parallel zu dike verwendet wird. Und außerdem, wie sollte eine
ewige Vernichtung möglich sein? Vernichtung muß definitions-
gemäß in einem Augenblick stattfinden; was für einen Sinn
macht es da, von „ewiger Vernichtung“ zu sprechen? [39] So wie
das Schicksal der Bösen hier geschildert wird, ist es ein Verder-
ben, das immerwährend ist, eine Bestrafung, die niemals endet.

Das Wort kolasis. Ein drittes Wort, das im Neuen Testament


verwendet wird, um den endgültigen Zustand der Bösen zu
bezeichnen, ist kolasis. Dieses Wort wird in Matthäus 25,46
143
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

gebraucht: „Und diese [die auf der linken Seite] werden hinge-
hen zur ewigen Strafe (kolasin aionion), die Gerechten aber
in das ewige Leben (zoen aionion).“ Dieser Vers steht am Ende
des Abschnittes, in dem Jesus das Gericht über die Schafe und
Böcke beschreibt. Das Wort kolasis wird von Thayer, Arndt-
Gingrich und Moulton-Milligan mit „Strafe“ übersetzt.
Josephus, der von 37 bis 100 n.Chr. lebte, berichtet, daß die
Pharisäer zu dieser Zeit an die ewige Bestrafung der Bösen
glaubten. [40] Wenn Jesus es für nötig befunden hätte, sie von
diesem Glauben zu korrigieren, (wie Er es mit den Sadduzäern
getan hat, die nicht an die leibliche Auferstehung glaubten),
dann hätte Er es sicherlich auch getan.

Die Menschen, die zur Zeit Jesu lebten, verstanden jedenfalls


unter kolasis nicht Vernichtung, sondern Bestrafung. Im Ersten
Clemensbrief, der im Jahre 96 oder 97 n.Chr. geschrieben wur-
de, taucht im 11. Kapitel folgender Ausdruck auf: „... Er hat die,
die ihre Hoffnung auf Ihn setzten, nicht im Stich gelassen, aber
denen, die abgewichen sind, hat Er Strafe (kolasin) und Qual
(aikismon) auferlegt.“ [41] Wenn der Schreiber kolasis als Ver-
nichtung verstanden hätte, wie hätte er es dann an erster Stelle
nennen können? Einen vernichteten Menschen kann man
sicherlich nicht mehr quälen! Moulton und Milligan zitieren
einen Abschnitt aus einem nichtkanonischen Evangelium, das
in den ersten Jahrhunderten der christlichen Ära verfaßt wurde,
wo das Wort kolasis parallel mit basanos (Qual oder Pein) ver-
wendet wird. Ein Auszug aus diesem Abschnitt lautet: „Denn
die Vollbringer des Bösen unter den Menschen ... erwartet Stra-
fe (kolasin) und große Pein (pollen basanon).“ Wenn kolasis
Vernichtung bedeuten sollte, würde man aus dem oben genann-
ten Grund erwarten, daß der Schreiber zuerst basanos und dann
kolasis verwendet hätte. [42] Es steht deshalb klar außer Zwei-
fel, daß kolasis zur Zeit des Neuen Testamentes nicht Vernich-
tung, sondern Bestrafung bedeutete. [43]

Darüber hinaus sollten wir festhalten, daß die einzige weitere


Textstelle im Neuen Testament, an der das Wort kolasis auf-
144
Die Lehre ... über das Leben nach dem Tod

taucht, 1. Johannesbrief 4,18 ist. Die Neue-Welt-Übersetzung


der Zeugen Jehovas gibt diese Worte folgenderweise wieder:
„Furcht übt in der Zucht (kolasin echei).“ Um konsequent zu
sein, hätten die Zeugen besser übersetzen sollen: „Furcht hat
Abscheiden“ (was natürlich unsinnig ist). Zucht ist mit Sicher-
heit keine Vernichtung. Die Bedeutung von kolasis können wir
auch anhand der beiden Fälle untersuchen, an denen ein von
kolasis abgeleitetes Verb, kolazo, gebraucht wird: Apostelge-
schichte 4,21 und 2. Petrus 2,9. Im ersten Vers schreibt selbst
die Neue-Welt-Übersetzung: „... sie fanden keinen Grund, sie
zu bestrafen (kolasontai).“ Die zweite Textstelle wird, wie wir
bereits oben gesehen haben, am besten so wiedergegeben: „Der
Herr weiß ... die Ungerechten unter Bestrafung (griech.: kola-
zomenous) aufzubewahren für den Tag des Gerichts.“ Da in
beiden Fällen das Verb kolazo im Sinne von bestrafen gebraucht
wird, und da in 1. Johannes 4,18 kolasis Zucht (NWÜ), Strafe
(LU, rev. Elb.) oder Pein (Elb.) bedeutet, ist es klar, daß auch
unter höchster Vorstellungskraft kolasis in Matthäus 25,46 nicht
Vernichtung bedeuten kann, sondern Bestrafung heißt. Diese
Bestrafung wird dort als immerwährend oder ewig beschrieben.

Das Wort aionios. Dieser Zusammenhang führt uns nun dazu,


die Bedeutung des Wortes aionios zu untersuchen, das in unse-
ren Übersetzungen gewöhnlich mit ewig oder immerwährend
wiedergegeben wird. Wir haben bereits gesehen, daß dieses
Wort in Offenbarung 4,9 für Gott verwendet wird, wo von
Gott gesagt wird, er lebe eis tous aionas ton aionon (wortwört-
lich in die Zeitalter der Zeitalter). In Römer 16,26 schreibt
Paulus vom Befehl tou aioniou Theou, des ewigen Gottes.
Sicherlich würde kein Anhänger der Vernichtungslehre zu leug-
nen wünschen, daß Gott ohne Ende ist!

Wenn aionios benutzt wird, um die Zukunft zu beschreiben,


bezeichnet es überdies eine Zeit ohne Ende. [44] Das Wort wird
deshalb im Neuen Testament häufig dazu verwendet, die Endlo-
sigkeit der zukünftigen Glückseligkeit von Gottes Volk zu
bezeichnen. In dieser Weise wird es z.B. in dem oben zitierten
145
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

Vers Matthäus 25,46 verwendet. Die gleiche Verwendung hat es


in Johannes 10,28: „Und ich geben ihnen ewiges Leben, und sie
gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus mei-
ner Hand rauben.“ Außerdem finden wir in 2. Timotheus 2,10
aionios dazu verwendet, die ewige Herrlichkeit zu bezeichnen,
die die Gläubigen erwartet, ferner in 2. Korinther 4,17 das ewige
Gewicht der Herrlichkeit, in Hebräer 9,15 ein ewiges Erbe und
in 2. Korinther 5,1 eine ewige Wohnung in den Himmeln. In 2.
Korinther 4,18 wird aionios dazu verwendet, den Unterschied
zwischen dem „Unsichtbaren“ und dem „Sichtbaren“, das zeit-
lich (proskaria, für eine Zeit lang) ist, herauszustellen. Wir kön-
nen sicher sein, daß kein Anhänger der Vernichtungslehre die
Endlosigkeit der zukünftigen Glückseligkeit zu bestreiten
pflegt. Weder die Siebenten-Tags-Adventisten noch die Zeugen
Jehovas leugnen, daß die zukünftige Herrlichkeit der Heiligen,
die in der Bibel als aioonios bezeichnet wird, endlos ist.

Wenn jedoch aionios in bezug auf die zukünftige Glückseligkeit


der Gläubigen „ohne Ende“ bedeutet, dann muß, solange nicht
das Gegenteil bewiesen ist, daraus folgen, daß dieses Wort
genauso „ohne Ende“ bedeutet, wenn es die zukünftige Bestra-
fung der Verlorenen bezeichnet. In dieser Weise wird aioonios
in Matthäus 25,46 und in 2. Thessalonicher 1,9 verwendet. Da
das Wort kolasis, das im vorigen Abschnitt untersucht worden
ist, und das Wort olethros, das wir gleich betrachten werden,
wie gezeigt wurde nicht Vernichtung, sondern Bestrafung
bedeuten, können wir folgern, daß die Bestrafung, die die Bösen
nach diesem Leben erleiden werden, genauso endlos ist, wie das
zukünftige Glück der Gläubigen.

Die Siebenten-Tags-Adventisten geben zu, daß das Wort kolasis


in Matthäus 25,46 Bestrafung bedeutet. Da sie ebenso zugeste-
hen, daß aionios, so wie es hier gebraucht wird, endlos heißt,
sollte man meinen, sie würden die Lehre von der ewigen Bestra-
fung der Verlorenen akzeptieren. Sie haben aber dennoch einen
Weg gefunden, dieses zu umgehen. Sie verweisen auf solche
Ausdrücke wie „ewige Erlösung“ (Heb 9,12) und „ewiges
146
Die Lehre ... über das Leben nach dem Tod

Gericht“ (Heb 6,2) und bekräftigen: „Mit dem Ausdruck ‚ewige


Bestrafung‘ meint die Bibel, genau wie mit ‚ewiger Erlösung‘
oder ‚ewigem Gericht‘, für alle Ewigkeit – nicht als einen Pro-
zeß, sondern als ein Resultat. Es ist kein ewiger Prozeß der
Bestrafung, sondern eine wirkungsvolle Bestrafung, die endgül-
tig und für immer (aionios) sein wird.“ [45]

Um diese Behauptung zu widerlegen, muß gesagt werden, daß


in dem parallelen Ausdruck, ewiges Leben (zoen aionion), aioni-
os gebraucht wird, um ein Leben zu bezeichnen, das nicht nur in
seinem Resultat immerwährend ist, sondern immerwährend in
seiner Dauer oder seiner Beständigkeit. Die Siebenten-Tags-
Adventisten geben zu, daß das ewige Leben von seiner Dauer
her immerwährend ist, da sie glauben, daß die Gerechten beim
Zweiten Kommen Christi Unsterblichkeit erlangen, [46] und
daß Abraham und seine Nachkommenschaft während der end-
losen Zeitalter der Ewigkeit über die neue Erde herrschen wer-
den. [47] Wenn im letzten Teil von Matthäus 25,46 aionios soviel
wie endlos in der Dauer heißt, mit welcher Berechtigung
beschränken sie dann die Bedeutung von aionios im ersten Teil
des selben Verses auf die Bedeutung von endlos im Resultat? [48]

Bestrafungsgrade. Ein weiterer wichtiger Punkt gegen die Ver-


nichtungslehre ist die Tatsache, daß das Neue Testament von
unterschiedlichen Graden berichtet, mit denen die Bösen
bestraft werden, z.B. Lukas 12,47.48: „Jener Knecht aber, der
den Willen seines Herrn wußte und sich nicht bereitet, noch
nach seinem Willen getan hat, wird mit vielen Schlägen geschla-
gen werden; wer ihn aber nicht wußte, aber getan hat, was der
Schläge wert ist, wird mit wenigen geschlagen werden.“ Hier
wird also klar gelehrt, daß nicht alle Verlorenen gleich bestraft
werden. Wenn aber die Bösen vernichtet werden, wie kann es
dann unterschiedliche Bestrafungsgrade geben? Könnte es viel-
leicht unterschiedliche Grade in der Vernichtung geben?

Die Siebenten-Tags-Adventisten versuchen diesen Einwand zu


beantworten, indem sie sagen, daß es vor der Vernichtung unter-
147
Die Sonderlehren im Licht der Bibel

schiedliche Maße in der Bestrafung gibt, einige müssen eben


länger leiden als andere. [49] Ellen G. White lehrte, dieses stu-
fenweise Leiden findet statt, wenn Feuer vom Himmel gefallen
ist, um den Teufel, die gefallenen Engel und alle Bösen zu ver-
zehren. [50] Satan, so sagte sie, wird am längsten leiden, und des-
halb wird er der letzte sein, der in den Flammen untergeht. [51]
Wie bereits ausdrücklich gesagt, wird nur im Kontext der Text-
stelle über das Feuer, das vom Himmel fällt (Off 20,9), gesagt,
daß der Teufel gequält werden wird (basanisthesontai), und das
nicht nur für eine lange Zeit, sondern „Tag und Nacht und von
Ewigkeit zu Ewigkeit“ (eis tous aionas ton aionon). [52]

Am Ende unserer Betrachtung sollten wir noch den Kommen-


tar von M. Haldeman über die Worte betrachten, die Christus
über Judas sagte und die in Matthäus 26,24 überliefert sind:
„Wehe aber jenem Menschen, durch den der Sohn des Menschen
überliefert werden wird! Es wäre jenem Menschen gut, wenn er
nicht geboren wäre.“ Als Charles T. Russel, der Begründer der
Zeugen Jehovas, noch lebte, schrieb der damalige Pastor der
Baptistengemeinde von New York M. Haldeman ein Traktat
gegen die „Russeliten“, mit dem Titel Millennial Dawnism
(deutsch etwa: „Bewegung des aufsteigenden Tausendjährigen
Reichs“). Die folgenden Worte, die dieser Broschüre entnom-
men wurden, sind nicht nur eine vernichtende Kritik der
Lehren der heutigen Zeugen Jehovas, sondern auch der Escha-
tologie der Siebenten-Tags-Adventisten:

Wenn der Tod das Ende des Daseins bedeutet, warum sollte
es für ihn [Judas] dann schlechter sein, zu leben, als für
irgendeinen anderen Verräter? Egal, wie groß seine Schuld
auch ist, der Tod wird alles beenden ...

Niemals geboren sein heißt, niemals existiert haben.

Wenn sterben bedeutet, aufhören zu existieren, [53] dann


sind niemals geboren sein und sterben gleichwertige Bedin-
gungen; sie bedeuten das gleiche – Nichtexistenz.
148
Die Lehre ... über das Leben nach dem Tod

Warum hat der Herr dann gesagt, es wäre für ihn gut gewe-
sen, niemals existiert zu haben? Warum hat er nicht gesagt
(weil er sah, daß der Mann geboren war und es unnütz war,
Traurigkeit über seine Geburt zu verschwenden) – warum
hat er da nicht gesagt: „Für diesen Mann wäre es gut, zu ster-
ben, denn wenn er stirbt, wird es für ihn sein, als wäre er nie-
mals geboren – er existiert einfach nicht“?

Wenn der Tod Nichtexistenz bedeutet, dann hätte er dieses


sagen sollen.

Etwas anderes zu sagen wäre völlig sinnlos – wenn der Tod


Nichtexistenz bedeutet.

Aber wenn der Tod nicht das Ende des Daseins ist; wenn der
Tod der Übergang in einen ewigen Zustand ist; wenn Judas
in diesem ewigen Zustand für seinen Verrat gequält wird,
dann können wir verstehen, warum der Sohn Gottes sagte, es
sei für diesen Mann besser gewesen, er wäre niemals gebo-
ren – er hätte niemals existiert.

Auf keiner anderen Grundlage hat dieses „Wehe jenem Men-


schen“ irgendeine sinnvolle Bedeutung. [54]

Wir ziehen die Schlußfolgerung, daß die Lehre sowohl der


Siebenten-Tags-Adventisten als auch der Zeugen Jehovas von
der Vernichtung der Bösen der Schrift entgegengesetzt ist und
die Verkündigung des Evangeliums Christi ihrer tiefsten Ernst-
haftigkeit beraubt.

149
TEIL III

DIE CHARAKTERISTISCHEN
MERKMALE VON SEKTEN
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

In diesem Teil des Buches sollen die charakteristischen Merk-


male oder Kennzeichen von Sekten herausgestellt werden,
damit wir besser verstehen können, was eine Sekte ausmacht
und was sie davon unterscheidet, Teil der Gemeinde Jesu Chri-
sti zu sein. Als Beispiele sollen dabei die Lehren der drei Sekten
Mormonen, Zeugen Jehovas und Christliche Wissenschaft die-
nen. Anschließend soll die bereits zuvor aufgeworfene Frage
behandelt werden, nämlich ob die Siebenten-Tags-Adventisten
den Sekten oder den historischen christlichen Gemeinden
zuzurechnen sind.

Bei dem Versuch die Merkmale einer Sekte zu erkennen, soll


unser Ziel nicht allein darin bestehen, die Fehler der Sekten
aufzuzeigen, um so die Kirchen rein dastehen zu lassen; denn
die Kirchen könnten schließlich vieles von den Sekten lernen.
Außerdem sind, wie wir sehen werden, einige dieser Fehler,
wenn auch in abgeschwächter Form, ebenso in den Kirchen
zu finden. Eine der wichtigsten Lektionen, die Kirchen und
Gemeinden aus der Beschäftigung mit den Sekten lernen kön-
nen, ist, daß sie immer vor der Gefahr auf der Hut sein sollten,
eindeutig unschriftgemäße Gepflogenheiten der Sekten nachzu-
ahmen.

Terminologie. Das Wort Sekte hat eigentlich ein recht breites


Bedeutungsspektrum. Sekte, aus dem lateinischen sequi (folgen)
abgeleitet, kann jede abweichende oder schismatische religiöse
Gruppierung bezeichnen, die durch Trennung von einer länger
etablierten Gemeinschaft hervorgegangen sein kann, aber nicht
muß. [1] Was nun als Sekte bezeichnet wird, hängt von der
Sichtweise ab. Zu neutestamentlicher Zeit wurden Pharisäer
und Sadduzäer als Sekten bezeichnet, obwohl sie sich nicht vom
Judentum getrennt hatten (siehe Apg 5,17 und 15,5). Im Sinne
der obigen Definition könnte das Christentum als eine Sekte
des Judentums, die protestantischen Kirchen als Sekten der
römisch-katholischen Kirche und die Freikirchen als Sekten des
153
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

Protestantismus bezeichnet werden. Ich möchte das Wort Sekte


hier aber mit einer eingeschränkteren Bedeutung verwenden. In
diesem engeren Sinne ist eine Sekte dann „eine Religion, die als
unorthodox oder falsch betrachtet wird; ebenso eine religiöse
Minderheit, die an als unorthodox oder falsch betrachteten
Lehren festhält“. (Eine von vier Definitionen des Wortes cult
(„Sekte“) aus dem Third New International Dictionary von
Webster.) Wir werden im folgenden sehen, daß auch die Sieben-
ten-Tags-Adventisten eine Minderheit sind, auf die diese Defi-
nition paßt.

Ich möchte allerdings nicht versuchen, in einem Satz eine


genaue Definition für Sekte in diesem engeren Sinne zu liefern.
Dies ist aufgrund der großen Unterschiede zwischen den ein-
zelnen Sekten nicht möglich. Die charakteristischen Merkmale
von Sekten werden dennoch im Verlaufe dieses Buches deutlich
werden.

Einige allgemeine Merkmale. Zunächst sollten wir festhalten,


daß aus allen drei Hauptzweigen des Christentums, den ortho-
doxen Kirchen des Ostens, dem römischen Katholizismus und
dem Protestantismus Sekten hervorgegangen sind. Wir wollen
uns aber mit solchen Sekten beschäftigen, die aus dem Pro-
testantismus entstanden sind und hier natürlich speziell den
Siebenten-Tags-Adventisten. Was sind nun die grundlegenden
Merkmale, die eine Sekte von den Kirchen und Gemeinden
unterscheidet?

Es ist äußerst schwierig, diese Frage zu beantworten, da einige


Merkmale nicht nur in den Sekten, sondern weniger ausgeprägt
auch in den Kirchen und Gemeinden zu finden sind. Wir kön-
nen z.B. bei jeder Sekte einen abrupten Bruch mit dem her-
kömmlichen Christentum und dessen Überzeugungen beobach-
ten. Weil die Sekten glauben, daß die gesamte christliche Kirche
abtrünnig geworden ist und daß Gott den Mitgliedern der Sekte
eine neue Erleuchtung zur Bewahrung der Wahrheit gegeben
hat, hat sie sich von der Kirche getrennt und ist vollständig
154
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

unabhängig geworden. Für die Sekten ist Kirchengeschichte


deshalb eine einfache Sache: Seit der Zeit Christi ist nichts wirk-
lich wichtiges geschehen, bis schließlich der Gründer dieser
Sekte anfing aufzurichten, was jetzt als das einzig wahre Volk
Gottes hochgehalten wird. Obwohl man dieses Merkmal bei
allen Sekten finden kann, ist dieser Punkt kein eindeutiges Cha-
rakteristikum, da dieses in abgeschwächter Weise auch auf viele
Kirchen zutrifft. Schon ein Überfliegen des Inhaltsverzeichnis-
ses des Handbuch der Denominationen in den Vereinigten
Staaten [2] von Frank Mead dürfte genügen, um einen Eindruck
von der großen Anzahl der Splittergruppen zu erhalten, die die
alten etablierten Kirchen verlassen und eigene kirchliche Orga-
nisationen gebildet haben. Nun kann man natürlich einwenden,
daß die verschiedenen kirchlichen Gruppierungen, die Mead
anführt, nicht, wie die Sekten, einen völligen Bruch mit der her-
kömmlichen Christenheit vollzogen haben. Das stimmt zwar,
wenn auch in den kleineren kirchlichen Gruppierungen oft
große Isolation herrscht. Darüber hinaus kann man als einen
Unterschied zwischen einer Sekte und einem Zweig der christli-
chen Kirche beobachten, daß eine solche Denomination die
Trennung vom gesamten Leib Christi bedauert, wohingegen die
Sekte über den Bruch froh und völlig zufrieden mit dem Fort-
bestehen der Trennung ist. Und wir müssen auch ganz ehrlich
zugeben, daß innerhalb der Denominationen große Selbstzu-
friedenheit über die Spaltungen in der protestantischen Chri-
stenheit herrscht.

Weiter sollten wir festhalten, daß Sekten dazu neigen, Neben-


sächlichkeiten überzubewerten. Genauer gesagt, Sekten tendie-
ren dahin, nebensächliche Wahrheiten (oder Lehren, die als
Wahrheiten hingestellt werden) zu nehmen und ihnen eine weit
größere Bedeutung zu verleihen, als ihnen zukommt, wohinge-
gen die wichtigeren Dinge heruntergespielt werden. Dadurch
wird die Theologie der Sekte einseitig und verzerrt. [3] So mes-
sen die Mormonen beispielsweise der himmlischen Hochzeit
und der Taufe auf den Tod eine derart große Bedeutung zu, daß
jemand die höchste Stufe des Heils nicht erreichen kann, bis er
155
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

diese Anforderungen erfüllt hat. In gleicher Weise heben die


Zeugen Jehovas die Wichtigkeit der Tür-zu-Tür Evangelisation
hervor, so daß diese für sie essentiell für den Errettungsweg
geworden ist – wichtiger noch als ein lebendiger Glaube an
Jesus Christus. In der Christlichen Wissenschaft wird die Hei-
lung des Körpers so stark betont, daß diese Lehre schließlich
zur Verleugnung der Realität von Krankheit, Materie, Sünde
und Tod geführt hat. Und bei den Siebenten-Tags-Adventisten
wird die sogenannte „Botschaft des dritten Engels“ – die Auf-
forderung, den siebten Tag als den eigentlichen Sabbat zu hal-
ten – so hochgespielt, daß sie in ihrer theologischen Systematik
bedeutsamer geworden ist als der errettende Glaube an den
Erlöser. [4]

Wir sollten uns jedoch noch einmal vor Augen halten, daß die
hier angeführten Merkmale in extremer Form zwar für Sekten
kennzeichnend sind, daß diese aber nicht allein auf sie zutref-
fen. Ist es nicht so, daß eine Gemeinschaft, die sich von einer
anderen Gemeinschaft abgespalten hat, immer dazu neigt, die
Lehrpunkte unangemessen zu betonen, um derentwillen man
sich getrennt hat? Oder stimmt es beispielsweise nicht, daß die
reformierten Kirchen oftmals derart heftig gegen Rom reagier-
ten, daß daraus eine bestimmte Einseitigkeit erwuchs? Ist bei
der Gemeinde der Nazarener die Lehre der „vollständigen Hei-
ligung“ nicht gerade deshalb so bedeutsam, weil sie vor der
Gründung dieser Gemeinschaft bei den Methodisten abgelehnt
wurde? Stimmt es nicht, daß in den 40er Jahren die sogenannten
Freigemachten Kirchen in den Niederlanden die Lehre vom
Bund der Gnade überbetonten, weil wegen dieser Lehre der
Streit mit der ursprünglichen Kirche ausgebrochen war? Diese
Verzerrungen nehmen in den Kirchen sicherlich nicht solche
Ausmaße an, wie in den Sekten; aber müssen wir nicht zugeste-
hen, daß diese Eigenschaft nur eine eingeschränkte Bedingung
für eine Sekte ist?

Ein weiteres Merkmal, das den Sekten zugeschrieben wird,


ist ihr Hang zur Vollkommenheitslehre. Die Mitglieder einer
156
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

Sekte fühlen sich gegenüber Andersgläubigen überlegen heilig,


besonders gegenüber den Mitgliedern der herkömmlichen Kir-
chen. [5] Ein Gespür für Sünde ist in den Sekten kaum vorhan-
den: Die Überzeugung, daß wir täglich darin straucheln, Gottes
Willen zu tun. Anstatt dessen hören wir die Zeugen Jehovas
behaupten, daß sie Gott mehr gehorchen als Mitglieder gewöhn-
licher Gemeinden, da sie viel mehr Tür-zu-Tür Evangelisation
betreiben als diese. Einen bekannten Autor der Mormonen
hören wir sagen, daß man die höchste Stufe himmlischer Ver-
zückung nur dann erreichen kann, wenn man die Gebote des
Herrn in jeder Hinsicht einhält – wobei er voraussetzt, dies sei
möglich und viele Mormonen täten es. [6] Und uns fällt auf, daß
die Siebenten-Tags-Adventisten die Beschreibung aus Offenba-
rung 12,17 „welche die Gebote Gottes halten“ auf sich selbst als
Gruppe anwenden und behaupten damit, im Unterschied zu
allen anderen, heute Gottes treues Volk zu sein (siehe oben, S.
59 und 64). Sekten nehmen für sich in Anspruch, im Gegensatz
zu den mit Heuchlern und Namenschristen gefüllten Kirchen
hingebungsvolle Heilige zu sein, die aufopferungsvoll den Wil-
len Gottes tun. Wir müssen jedoch wiederum feststellen, daß
dieses Merkmal, wenn es auch für Sekten charakteristisch ist,
nur ein Hinweis aber kein Beweis für das Vorliegen einer Sekte
ist. Denn es gibt ebenfalls Denominationen, deren Mitglieder
behaupten fähig zu sein, fast sündlos zu leben und die andere
Gemeinschaften beschuldigen, moralisch und geistlich viel
nachlässiger zu sein, als sie selbst.

Bis hierher können wir deshalb nicht genau aufzeigen, was nun
das Kriterium für die Unterscheidung zwischen einer Sekte und
einem Zweig der Gemeinde Jesu Christi ist. In diesem Zusam-
menhang möchte ich den Leser auf die gründlichste Studie über
die Phänomenologie von Sekten, die bisher erschienen ist,
aufmerksam machen. Es ist ein Werk des Lutherischen Theolo-
gen Kurt Hutten, welches in der Originalausgabe in Deutsch-
land 1957 unter dem Titel Die Glaubenswelt des Sektierers
erschien. [7] Hutten schrieb dieses Buch aus folgendem Anlaß:
Nachdem er sich mit einem großen Teil seiner theologischen
157
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

Arbeiten der eingehenden Analyse von Sekten gewidmet und


sie auf 700 Seiten veranschaulicht hatte [8], stellte er sich die
Frage: „Was macht denn nun eigentlich eine Sekte zu einer Sek-
te? Was haben die Sekten gemeinsam? Wie kann man sie, trotz
ihrer großen Vielfalt, als ein einheitliches Phänomen betrach-
ten?“ Unzufrieden mit den üblichen Antworten, die ihm alle zu
oberflächlich erschienen, entschied er sich, selbst ein Buch zu
diesem Thema zu schreiben, und so entstand schließlich sein
Werk, Die Glaubenswelt des Sektierers. Hutten versucht in die-
sem Buch zu den Wurzeln des Phänomens Sekte vorzudringen
und die charakteristischen Merkmale von Sekten aufzuzeigen.
Mit meinen nun folgenden Ausführungen bin ich ihm zu großer
Dankbarkeit verpflichtet.

158
DIE CHARAKTERISTISCHEN
MERKMALE VON SEKTEN

Wenn ich nun damit fortfahre aufzuzeigen, was meiner Über-


zeugung nach die charakteristischen Merkmale von Sekten sind,
möchte ich dabei nicht den Eindruck erwecken, in den Kirchen
sei nicht die geringste Spur dieser Merkmale zu finden. Wir
wollen uns nichts vormachen; ansatzweise sind diese Kennzei-
chen auch in den Kirchen zu finden. Ich wage jedoch zu
behaupten, daß die Merkmale, die hier behandelt werden, für
Sekten so einzigartig kennzeichnend sind, daß jede Gruppie-
rung, bei der sie eine große Rolle spielen, nicht mehr länger
als ein Teil der wahren Gemeinde Jesu Christi betrachtet wer-
den kann.

(1) Eine außerbiblische Autoritätsquelle. Als erstes dieser cha-


rakteristischen Kennzeichen nenne ich die Existenz einer außer-
biblischen Autoritätsquelle. Hutten bezeichnet das treffend als
„eine Bibel in der linken Hand“. Er denkt dabei an die Ordina-
tion von theosophischen Predigern, die dabei in ihrer rechten
Hand eine Bibel und in der linken ein Buch von Swedenborg
halten und stellt fest, daß jede Sekte eine solche „Bibel in der
linken Hand“ hat, die die Bibel in der rechten Hand in Wirk-
lichkeit außer Kraft setzt. [9] Die Sekten stecken mit der Frage
nach der Autorität tatsächlich in einer Zwickmühle. Da sie sich
im Gegensatz zu nichtchristlichen Religionen als christliche
Gemeinschaften bezeichnen, müssen sie sich irgendwie auf die
Autorität der Bibel berufen. Doch um ihre Sonderlehren zu
rechtfertigen, müssen sie die Bibel entweder abändern, neu aus-
legen oder eine andere Autoritätsquelle hinzufügen. Ihre Ein-
stellung zur Bibel ist deshalb stets ambivalent: eine Mischung
aus scheinbarer Unterwerfung unter ihre Autorität und eigen-
mächtiger Manipulation ihrer Lehre. [10]

Im Abschnitt „die Quelle der Autorität“ im ersten Teil dieses


159
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

Buches ist bereits dargelegt worden, daß diese Frage nach der
letztendlichen Autorität von entscheidender Bedeutung für die
Bewertung einer Sekte ist. Wie die Siebenten-Tags-Adventisten
verfügen auch die Zeugen Jehovas, die Mormonen und die
Christliche Wissenschaft über außerbiblische Autoritätsquel-
len. Die Mormonen behaupten, die Bibel sei voller Fehler und
benötige unbedingt zusätzliche Offenbarungen; von daher ist
nicht die Bibel ihre grundlegende Autoritätsquelle, sondern das
Buch Mormon und weitere Bücher von ihrem Gründer Joseph
Smith. Wenn es irgendeinen Widerspruch zwischen dem, was in
der Bibel steht und den Lehren dieser Bücher geben sollte, dann
sind die Bücher von Joseph Smith für die „Heiligen der letzten
Tage“ (so nennen sich die Mormonen) ausschlaggebend. Für die
Christlichen Wissenschaftler ist Wissenschaft und Gesundheit
von Mary Baker Eddy die höchste Autoritätsquelle; obwohl bei
ihren sonntäglichen Zusammenkünften aus der Bibel vorgele-
sen wird, gibt Wissenschaft und Gesundheit vor, wie die Bibel
zu verstehen ist. Die Zeugen Jehovas behaupten zwar, die Bibel
sei die alleinige Grundlage ihrer Lehren, aber ihre Neue-Welt-
Übersetzung ist eine manipulierte Wiedergabe der Schriften, in
die sie viele ihrer häretischen Lehren hineingeschmuggelt
haben, und ihre Umgangsweise mit der Bibel ist, Stellen zu fin-
den, die ihre Auffassung unterstützen und solche Stellen, die
ihrer Sichtweise widersprechen, zu ignorieren. Dabei setzen sie
voraus, daß die Bibel nur so ausgelegt werden darf, wie es die
Leiter der Wachturmgesellschaft vorgeben. [11]

Die Bibel verurteilt jedoch selbst derartige Versuche, ihr irgend-


welche zusätzlichen Autoritätsquellen hinzuzutun. Solche
„Bibeln in der linken Hand“ sind in keinem Fall nur harmlose
Zusatzbücher zur Bibel; sie verdrängen und überschatten stets
die Wahrheit der Schrift. Wann immer auch eine Sekte ein Buch
oder eine Reihe von Büchern auf die Stufe der Bibel erhebt, ver-
wirft sie damit das Wort Gottes. Gott wird dadurch nicht länger
gestattet, durch Sein Wort zu reden; Er darf nur noch so reden,
wie die Sekte es für richtig hält. Somit wird Gottes Wort unter
das Joch des Menschen gestellt. [12]
160
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

Die Behauptung der Sekten, sie hätten eine über die Bibel hin-
ausgehende Offenbarungsquelle – denn als solche wird die
„Bibel in der linken Hand“ angesehen – plaziert sie außerhalb
des Bereichs christlicher Kirchen. Als Warnung möchte ich hier
anmerken, daß eine christliche Gemeinschaft ein Kennzeichen
einer Sekte trägt, wann immer sie einem menschlichen Lehrer
(oder einer Gruppe von Lehrern) so viel Achtung und Ehre
erweist, daß er (oder sie) als unfehlbar angesehen wird (wer-
den)! Die Christen in Korinth, die von sich sagten, sie gehörten
zu Paulus, Apollos oder Kephas, wurden von Paulus für ihre
fleischliche Gesinnung zurechtgewiesen. Ihnen wurde gesagt,
daß Paulus, Apollos und Kephas vielmehr zu ihnen gehörten
(1. Kor 3,21-23)! Heutige Christen, die z.B. versucht sind zu
sagen, sie gehören zu Calvin oder zu Luther, sollten hieraus die
Lehre ziehen, daß folgendes die biblische Weise ist, eine Bezie-
hung zu einem menschlichen Führer zu beschreiben: Sie (die
menschlichen Führer) gehören zu uns, aber wir gehören zu
Christus. Wenn diese Führer zu uns gehören, dann werden ihre
Schriften niemals eine höhere Autorität einnehmen, als das
Wort Gottes. Sola scriptura muß das Motto jeder wahrhaft pro-
testantischen Kirche bleiben!

(2) Das Leugnen der Errettung allein aus Gnade. Ein zweites
charakteristisches Merkmal von Sekten ist die Ablehnung der
Lehre von der Errettung allein aus Gnade. Gnade wird nicht
mehr als kostenloses Geschenk Gottes an den unwürdigen Sün-
der betrachtet, sondern als eine Belohnung, die durch treues
Einhalten von verschiedenen Bedingungen und Anforderungen
erworben werden kann. [13] Kurt Hutten nennt dieses Kennzei-
chen sogar den grundlegendsten Charakterzug von Sekten. Die
Reformation machte das Prinzip des sola gratia geltend: Der
Mensch wird allein aus Gnade errettet. Die Errettung, so lehrten
die Reformatoren, ist unabhängig von jedweder menschlichen
oder kirchlichen „Zusammenarbeit“ mit Gott. Der Begriff gra-
tia schließt mit ein, daß die Errettung kostenlos von Gott gege-
ben wird, ohne irgendwelche vom Menschen zu erbringenden
oder von der Kirche zu erwirkenden Voraussetzungen. Selbst
161
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

die Erwiderungen des Menschen auf die Frohe Botschaft, die


durch das Wirken des Heiligen Geistes im Menschen geschehen –
sein Glaube, seine Bekehrung, seine Werke und sein Wandel –
sind keine Verdienste, denn sie alle sind die Früchte der Gnade
Gottes. Gerade weil die Errettung allein aus Gnade geschieht,
kann sie niemals ein Grund für pharisäischen Stolz sein, sondern
sollte uns zu tiefer Demut und Dankbarkeit bewegen. [14]

Diese Forderung nach Demut geht jedoch wider die menschli-


che Natur. Der Mensch möchte gern sein eigener Herr und
Meister sein. Das gilt auch besonders für den Weg seiner Erret-
tung. Er schreckt vor dem Sprung des Glaubens zurück – ein
Sprung, bei dem er völlig auf Gott und die Errettung durch Ihn
vertrauen muß. Er zieht es vor, sein zukünftiges Schicksal in
seine eigenen Hände zu nehmen; er möchte dieses Schicksal
nicht in die Hände einer anderen, unbekannten Macht auslie-
fern. Dieser menschliche Grundtrieb, so fährt Hutten fort, ist
die eigentliche Wurzel des Aufbegehrens der Sekten gegen die
Kirche. Der zugrundeliegende Gegensatz von Sekte und Kirche
ist deshalb die Antipathie der Sekten gegen die zentrale Bot-
schaft der Reformation: die Botschaft von der Rechtfertigung
allein durch Gnade und allein durch Glauben (sola gratia, sola
fide). Wenn es auch Unterschiede in der Heftigkeit gibt, mit der
die verschiedenen Sekten diese Lehre ablehnen, so lehnen sie sie
doch alle ab. In der Tat muß auch die Kirche auf der Hut sein,
erklärt Hutten, damit sie nicht dieser sektiererischen Denk-
weise über die Errettung verfällt. Nur wenn die Kirche diese
sektiererische Tendenz innerhalb ihrer eigenen Grenzen völlig
überwunden hat, wird sie die Kraft finden, den Sekten in die-
sem Punkt entgegentreten zu können. [15]

Es ist nicht schwierig, das oben beschriebene Kennzeichen in


den einzelnen Sekten aufzuzeigen. Die Mormonen lehnen die
Lehre von der Rechtfertigung aus Glauben als verderblich ab
und sagen, sie habe auf die Kirche einen schlechten Einfluß aus-
geübt. Darüber hinaus lehren sie, daß das individuelle Seelen-
heil (der Zugang in einen der drei Mormonenhimmel) vom
162
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

Menschen durch seine eigenen Werke verdient werden muß,


und daß man nur dann die höchste Stufe des Seelenheils erlan-
gen kann, wenn man in allen Dingen stets die Gebote des Herrn
gehalten hat. In der Christlichen Wissenschaft wird die Recht-
fertigung allein durch Glauben ausdrücklich abgelehnt. Hier
wird gelehrt, die Erlösung von den Sünden würde erreicht,
wenn man aufhört zu sündigen oder wenn man aufhört zu glau-
ben, daß es so etwas wie Sünde überhaupt gibt – diesen beiden
Interpretationen nach wird die Erlösung jedenfalls durch
menschliche Werke und nicht durch Gottes Gnade erlangt.
Obwohl die Zeugen Jehovas vorgeben, die Erlösung geschehe
aus Gnade und jeder Verdienst dafür Jehova gehört, zeigt eine
sorgfältige Prüfung ihrer Literatur, daß sie die Rechtfertigung
aus Gnade ebenfalls ablehnen. Bei den 144.000 ist es so, daß sich
der Mensch selbst errettet, dadurch, daß er sich in Treue, Buße
und Hingabe an Christus übt (worin er angeblich nicht von
Gott abhängig ist), dadurch, daß er sich selbst als würdig
erweist, für die Gesalbten auserwählt zu sein, und dadurch, daß
er seine Hingabe an Jehova treu bis zum Tod beibehält. Die
anderen „Schafe“ können, ohne daß ihr Wesen erneuert wurde,
sich in der Treue zu Christus üben, Ihm ihr Leben unterwerfen
und bis zum Ende treu bleiben – diese Treue wird dabei in
erster Linie durch eifriges Zeugnisgeben erwiesen. Wenn das
Tausendjährige Reich begonnen hat, werden diese übrigen
Schafe, entweder als Überlebende von Harmagedon oder als
Auferstandene, auf der Grundlage ihres Gehorsams zu Jehova
während des Tausendjährigen Reichs gerichtet. Wenn sie sogar
während Satans letzter Schlacht immer noch Gott gehorchen,
werden sie „gerechtfertigt“, d.h. ihnen wird das Recht gegeben,
ihr Leben auf der neuen Erde zu vervollkommnen – die „Recht-
fertigung“ beruht jedoch nicht auf Glauben, sondern auf Wer-
ken. [16] Was die anderen betrifft, so werden Milliarden von
denen, die zwar aufrichtig geglaubt haben, denen es aber an
Gelegenheit gefehlt hat, von Gottes Gerechtigkeit zu lernen,
während des Tausendjährigen Reichs auferstehen, in Gottes
Gesetz unterrichtet werden und ewiges Leben auf der neuen
Erde erhalten, sofern sie dann Gottes Gebote befolgen. [17]
163
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

Von daher ist es nun klar, daß diese drei Sekten die Lehre von der
Rechtfertigung allein aus Glauben definitiv und vorsätzlich ab-
lehnen. Wenn sie auch von der Gnade Gottes sprechen, so haben
ihre Theologien für Gnade in der eigentlichen Bedeutung des
Wortes keinen Platz. Denn die Bibel sagt: „Wenn aber [der Über-
rest nach Auswahl der Gnade] durch Gnade [gerettet ist], so
nicht mehr aus Werken; sonst ist die Gnade nicht mehr Gnade“
(Rö 11,6). Bemerkenswert ist auch das Urteil, das Paulus über
diesen Standpunkt in Galater 5,4 fällt: „Ihr seid von Christus ab-
getrennt, die ihr im Gesetz gerechtfertigt werden wollt; ihr seid
aus der Gnade gefallen.“ Auch Titus 3,5 spricht dazu ganz klar:
„... errette er uns, nicht aus Werken, die, in Gerechtigkeit voll-
bracht, wir getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit ...“
Dadurch, daß die Sekten den oben beschriebenen Standpunkt
einnehmen, leugnen sie eine der wichtigsten Lehren der Bibel.

(3) Die Herabwürdigung Christi. An dritter Stelle machen sich


alle Sekten einer Herabwürdigung Christi schuldig. Hutten
stellt heraus, daß die Sekten für sich eine entscheidende Rolle
bei der Zuteilung der Erlösung in Anspruch nehmen und Chri-
stus deshalb unausweichlich in Seiner Stellung als der alleinige
Mittler herabgewürdigt wird. Das bedeutet nicht unbedingt
eine völlige Verleugnung von Christi Auftrag und Werk, son-
dern stellt sich in einer Verlagerung der Schwerpunkte [18] dar.
Diese Tendenz wird auf zweifache Weise sichtbar: Durch eine
Herabwürdigung der Person Christi und einer Abwertung Sei-
nes Werkes. Letzteres ist für Sekten besonders charakteristisch;
da für die Sekte die Erlösung nicht aus Gottes Gnade geschieht,
die am Kreuz Christi offenbar geworden ist, wird das Kreuz
seiner einzigartigen Bedeutung für die Erlösung beraubt.

Wir wollen nun untersuchen, inwiefern dieses Kennzeichen bei


den einzelnen Sekten aufzeigbar ist. Die Mormonen lehren,
Jesus Christus sei der Erstgeborenen der geistlichen Kinder Elo-
hims. Da jedoch alle Menschen auch geistliche Kinder Elohims
sind, ist es bedeutsam, daß der Unterschied zwischen Christus
und den Menschen (sogar zwischen Christus und Satan) nur ein
164
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

gradueller und kein prinzipieller ist. Die Mormonen sehen Chri-


stus nicht als dem Vater gleichwertig an. Er teilte sich mit an-
deren präexistenten Geistern wie Adam und Joseph Smith die
Aufgabe, diese Erde zu „erschaffen“, und seine Fleischwerdung
ist nicht einzigartig, denn andere Götter sind bereits vor ihm in
anderen Welten fleischgeworden. Christi Fleischwerdung war
lediglich eine Veranschaulichung dessen, was mit einem jedem
Menschen geschieht, der alle Verordnungen des Evangeliums in
vollkommener Weise erfüllt. Ein solcher Mensch war einst eben-
so ein präexistenter Geist, ist nun fleischgeworden und wird
eines Tages ein Gott sein. Was das Werk Christi anbetrifft, geben
die Mormonen zu, daß der versöhnende Tod Christi notwendig
war, um alle Menschen vom Tod zu erretten, und daß dadurch
allen das Recht verschafft wurde, von den Toten aufzuerstehen.
Wie wir jedoch gerade festgestellt haben, verschafft Christi Ver-
söhnungswerk dem Menschen nicht das individuelle Seelenheil,
denn dieses muß vom Menschen durch eigene Werke verdient
werden. Von daher errettet der Christus der Mormonen nicht im
eigentlichen Sinne des Wortes, sondern er gibt dem Menschen
nur eine Möglichkeit, sich selbst zu retten.

In der Christlichen Wissenschaft war Jesus nicht Gott, sondern


lediglich ein Mensch, wohingegen Christus der Name für eine
bestimmte göttliche Vorstellung ist: Die Vorstellung, daß
Krankheit und Sünde durch Christliche Wissenschaft geheilt
werden können. Jesus war deshalb einfach ein Mensch, der eine
göttliche Idee vorgeführt hat. Jesus ist in der Christlichen Wis-
senschaft so unbedeutend, daß Mary Baker Eddy sagen konnte,
wenn es niemals einen solchen Menschen wie Jesus gegeben
hätte, würde das für sie auch keinen Unterschied machen!
Bezüglich des Werkes Jesu wird in der Christlichen Wissen-
schaft geleugnet, daß er durch sein Blutvergießen am Kreuz die
Versöhnung für unsere Sünden erwirkt hat. Wenn es Sünde gar
nicht wirklich gibt, wozu sollte dann auch eine Versöhnung
wegen der Sünden nützlich sein? Jesu Werk war demnach eine
Demonstration der Wahrheit der Christlichen Wissenschaft
und das Geben eines Vorbilds von der Art und Weise, wie wir
165
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

leben sollten. Doch auch in seinem Vorbild unterscheidet sich


Jesus nicht sonderlich von dem der Apostel.

Was die Zeugen Jehovas mit der Person Christi tun, ist wohlbe-
kannt: Er war für sie nicht mit Jehova gleichwertig, sondern das
erste Geschöpf Jehovas. In seinem vormenschlichen Zustand
war er ein geschaffener Engel, während seiner Zeit auf Erden
war er nichts mehr als ein Mensch, und nach seiner Erdenzeit
war er wiederum nichts höheres als ein geschaffener Engel,
obgleich ihm von da an Unsterblichkeit verliehen war. In kei-
nem dieser drei Zustände war oder ist Christus Jehova gleich.
Über das Werk Christi lehren die Zeugen, daß Christus sein
menschliches Leben als Lösegeld für sein Volk gegeben hat. Mit
diesem Lösegeld kaufte Christus die Menschen von der inne-
wohnenden Sünde und der Erwartung des ewigen Todes als
Folge der Sünde frei. Sein Lösegeld ermöglicht allen, außer
bestimmten Gruppen von Menschen, die Auferstehung von den
Toten. Für die 144.00 hat Christus jedoch nicht das Recht auf
ewiges Leben im Himmel erwirkt, diese Menschen müssen sich
ihr Anrecht auf das himmlische Leben selbst verdienen, indem
sie ihre Erwartungen vom irdischen Leben aufopfern. Gleich
wie diejenigen, die die Ewigkeit auf der neuen Erden verbringen
werden, werden auch sie diese Segnungen nur dann erhalten,
wenn sie während des Tausendjährigen Reichs Jehovas Gebote
befolgt haben. Deshalb sind weder die 144.000, noch die, die die
neue Erde bewohnen werden, wirklich durch das Werk Christi
erlöst; Christi Lösegeld diente lediglich dazu, sie zu befähigen,
ihre zukünftigen Segnungen, entweder im Himmel oder auf Er-
den, selbst durch ihre eigenen Errungenschaften zu verdienen.

Aus diesen Gründen ist nun klar, daß die Sekten einen Christus
lehren, der nicht der Christus ist. Weder seiner Person noch sei-
nem Werk nach ist der Christus der Sekten der Christus der
Bibel. Für die Sekten ist es in Wirklichkeit nicht Christus, der
errettet, sondern der Mensch muß sich selbst erretten. Dieser
Standpunkt nimmt das eigentliche Herz der Bibel weg: „Denn
so sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen einzigen Sohn
166
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern
ewiges Leben habe“ (Joh 3,16). Die Worte Paulus’ an die Gala-
ter, die an die gerichtet waren, die zu jener Zeit lehrten, daß man
zu einem Teil durch Glauben an Christus und zum anderen Teil
durch Verrichten bestimmter Werke gerettet werde, sind ebenso
auf die heutigen Sekten anwendbar: „Wenn aber auch wir oder
ein Engel aus dem Himmel euch etwas als Evangelium entgegen
dem verkündigten, was wir euch als Evangelium verkündigt
haben: er sei verflucht!“ (Gal 1,8).

(4) Die Gruppe als die exklusive Gemeinschaft der Erretteten.


Ein viertes charakteristisches Merkmal von Sekten ist, daß sie
sich selbst als die absolute und exklusive Gemeinschaft der
Erretteten hinstellen. Hutten stellt heraus, daß die antikirchliche
Polemik, die für Sekten so kennzeichnend ist, nur die Kehrseite
ihrer eigenen Selbstrechtfertigung ist. Da die Sekte davon über-
zeugt ist, daß sie die einzige wirkliche Gemeinschaft von Gottes
Volk ist, muß er versuchen deutlich zu machen, daß die Kirche
entweder eine abtrünnige Institution oder in Wirklichkeit ein
Werkzeug des Teufels ist. [19] Keiner der Sekten beachtet die
biblische Lehre von der „einen heiligen allgemeinen Kirche“ –
d.h. das von der universalen Gemeinde Christi, die sich aus allen
wahren Jüngern Christi jeden Alters und jeder Nation zusam-
mensetzt. Jede Sekte sagt „allein wir sind Gottes Volk“. Die Sek-
te fällt gewissermaßen Gott in den Arm und besteht darauf, daß
Gott die Menschen genau so sieht und beurteilt, wie sie. [20]

Wir wollen dieses Kennzeichen nun in den einzelnen Sekten


aufzeigen. Die Mormonen behaupten, die Gemeinde Jesu Chri-
sti sei abtrünnig gewesen, bis Gott sich 1820 durch Joseph
Smith offenbarte. Als dann Smith und Oliver Cowdery 1829
und 1830 von himmlischen Boten die Priesterschaft Aarons und
Melchisedeks verliehen wurde, fand damit die Wiederherstel-
lung der Gemeinde statt. Demzufolge ist die Gemeinde der
Mormonen die einzig wahre Kirche – denn nur sie hat die Prie-
sterschaft des Allmächtigen, und seit der Zeit Christi hat nur
und wird nur sie göttliche Offenbarungen empfangen. Einer der
167
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

ersten Apostel der Kirche der Mormonen behauptete, alle ande-


ren Kirchen haben kein Recht, sich selbst christliche Kirche zu
nennen, da Christus mit ihnen nichts zu tun habe, und ein aktu-
eller Autor der Mormonen schrieb, daß es außerhalb der Kirche
Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage keine Errettung gäbe.
Es besteht zwar die Möglichkeit, daß auch Menschen, die in
Unwissenheit über die Lehre der Mormonen sterben, gerettet
werden, jedoch wird die hier behandelte Aussage dadurch nur
unterstützt, denn solche Menschen können nur dann gerettet
werden, wenn sich Mormonen für sie haben taufen lassen.

Auch die Christliche Wissenschaft behauptet von sich, die ein-


zig wahre Kirche zu sein. Da Mary Baker Eddy von sich sagte,
sie habe die letztendliche Offenbarung des göttlichen Prinzips
der wissenschaftlichen geistigen Heilung erhalten, und da von
Wissenschaft und Gesundheit gesagt wird, es sei die Stimme der
Wahrheit, ungetrübt durch menschliche Hypothesen, folgern
die Mitglieder, daß keine Gemeinschaft außerhalb der Christli-
chen Wissenschaft die Wahrheit kennt oder über sie verfügt.
Obgleich einzelne Christliche Wissenschaftler auch andere christ-
liche Gemeinschaften anerkennen, ist doch aus dem obigen
Zitat klar erkennbar, daß die Ansichten anderer Kirchen über
die Bibel und den Weg der Errettung offiziell als fundamentale
Irrtümer betrachtet werden müssen, wohingegen die Christli-
che Wissenschaft als fehlerlos und göttlich angesehen wird.

Mit der Kirchenlehre der Zeugen Jehovas kommen wir nun


zum Höhepunkt der Bigotterie. Sie behaupten von sich, daß
allein sie das wahre Volk Gottes und daß alle anderen aus-
nahmslos Jünger des Teufels sind. Die Wachturmgesellschaft ist
derzeitig das einzige Instrument oder der einzige Vermittler,
durch den Jehova Sein Volk auf Erden unterweist. Die „große
Hure“ aus Offenbarung 17 ist die organisierte Religion, die
christliche gleich wie die heidnische. Alle Anhänger christlicher
Religion, sowohl Römische Katholiken als auch Protestanten,
sind sichtbarer Teil der Organisation Satans auf Erden. Der reli-
giöse Klerus ist in Wirklichkeit die direkte Verbindung zwi-
168
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

schen der Menschheit und der Dämonenwelt. In Harmagedon


werden alle Bewohner der Erde, ausgenommen die Zeugen
Jehovas, vernichtet werden. Deshalb werden nur Zeugen Jeho-
vas Harmagedon überleben. Während des Tausendjährigen
Reichs wird Menschen, die nicht zu den Zeugen gehörten, die
aber von den Toten auferstanden sind, die Möglichkeit gegeben,
sich auf die Lehren und Predigten der „Fürsten“ hin selbst zu
erretten; unter diesen werden jene bevorzugt sein, die führende
Positionen in der Neue-Welt-Gesellschaft eingenommen haben.

Wann auch immer eine Gruppe für sich in Anspruch nimmt, die
einzige Gemeinschaft von Erretteten zu sein, verletzt es damit
einen bedeutenden Aspekt biblischer Lehre. Christus selbst
warnte vor dieser Art von Bigotterie, als Seine Jünger zu Ihm
sagten: „Meister, wir sahen jemand Dämonen austreiben in dei-
nem Namen, und wir wehrten ihm, weil er dir nicht mit uns
nachfolgt.“ Jesus antwortete darauf: „Wehrt nicht! Denn wer
nicht gegen euch ist, ist für euch“ (Lk 9,49.50). Deshalb sollten
wir immer, wenn eine Gruppierung in ähnlicher Weise wie oben
beschrieben denkt, uns daran erinnert, daß sie damit eine sektie-
rerische Verhaltensweise zeigt.

(5) Die zentrale Rolle der Gruppe in der Eschatologie. Das letzte
charakteristische Kennzeichen von Sekten, das ich anführen
möchte, ist folgendes: Die Sekte spielt eine zentrale Rolle beim
eschatologischen Ende der Zeiten. Die Sekte ist davon überzeugt,
daß sie von Gott ins Dasein gerufen worden ist, um eine Wahr-
heitslücke auszufüllen, welche von den herkömmlichen Kirchen
mißachtet wurde. Die Geburt der Sekte markiert den letzten
Höhepunkt der Kirchengeschichte, den Anfang der letzten Tage.
[21] Die Eschatologie spielt deshalb in der Theologie der Sekte
eine entscheidende Rolle: Sie wird zum Kampfplatz, auf dem die
Sekte ihre Verherrlichung vollendet. Die Sekte ist daher Sendbote
und Wegbereiter für die bevorstehende Wiederkunft Christi; [22]
sie ist Gottes Partner im endzeitlichen Drama; sie ist die Arche,
die vor der kommenden Flut rettet; sie ist das Werkzeug des gött-
lichen Gerichts über die Ungläubigen, und sie wird letztendlich
169
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

vor dem Angesicht der ganzen Welt triumphieren, da sie als die
von Gott speziell bevorzugte Gruppe bestätigt sein wird. [23]

Kurt Hutten nennt diese Vorgehensweise eine Perversion der


biblischen Eschatologie seitens der Sekten. Wann immer sie eine
Eschatologie entwickelt hat, stellt sie sich in deren Mittelpunkt.
Das Drama um die letzten Ereignisse erhält so seinen Antrieb,
wobei die Sekte glorifiziert wird und alle ihre Gegner überwäl-
tigend besiegt werden. Mag die Sekte nun auch klein und unbe-
deutend sein, wenn der letzte Höhepunkt der Geschichte naht,
wird Gott ihr die würdige Stellung verleihen, die sie als Lohn
für ihre Treue zu Gottes Geboten verdient hat. Der Dualismus
zwischen Gott und Satan, der in den Endereignissen seine Gip-
felung und zugleich Lösung findet, wird umgemünzt in einen
Dualismus zwischen der Sekte und der sonstigen Menschheit,
insbesondere der Kirche. [24]

Wenn wir nun untersuchen wollen, inwiefern dieses Kennzei-


chen in den einzelnen Sekten vertreten ist, müssen wir zuvor
eine wichtige Ausnahme feststellen. Aufgrund des Fehlens einer
echten Heilsgeschichte in der Christlichen Wissenschaft hat die-
se auch keine Eschatologie. Von daher fällt sie aus der Betrach-
tung dieses Kennzeichens heraus. Die Christliche Wissenschaft
bestreitet, daß es ein buchstäbliches Zweites Kommen Christi,
eine allgemeine Auferstehung, ein Endgericht und eine neue
Erde geben wird. Es gibt in diesem System zwar eine Art indivi-
dueller, jedoch keine allgemeine Eschatologie im Sinne eines
letzten dramatischen Höhepunktes der Geschichte. Dennoch
trägt auch die Christliche Wissenschaft den hier aufgezeigten
typischen Charakterzug von Sekten, denn Mary Baker Eddy
behauptete mehr als einmal, daß das, was die Bibel als Zweites
Kommen Jesu Christi bezeichnet, tatsächlich dem Aufkommen
der Christlichen Wissenschaft entspricht. Durch derartige
Bemerkungen stellte Mary Baker Eddy die Christliche Wissen-
schaft in gewissem Sinne in den Mittelpunkt der Eschatologie.

Bei den anderen beiden Sekten ist es kein Problem, dieses Kenn-
zeichen aufzuzeigen. Die Mormonen stellen sich höchst offen-
170
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

sichtlich in den Mittelpunkt des eschatologischen Dramas und


nehmen dabei besondere Privilegien für sich in Anspruch. Die
Mormonen, Gottes „Heilige der letzten Tage“, betrachten sich
selbst als die Überbringer von Gottes erneuertem Evangelium –
das Evangelium, das sie nun der ganzen Welt als Gottes letztes
Wort an die Menschheit verkünden müssen. Bevor Christus
wiederkommt, wird es eine Reihe von Versammlungen von Völ-
kerschaften geben. Ephraim bzw. die Ephraimiter müssen zuerst
versammelt werden, damit der Weg für die übrigen Stämme
Israels vorbereitet wird, die dann zur bestimmten Zeit auf Zion
versammelt werden. Da von den meisten heutigen Mormonen
gesagt wird, sie seien Ephraimiter, ist es klar, daß das Versam-
meln der Ephraimiter gegenwärtig stattfindet. Ephraim wird auf
Zion versammelt, dem Versammlungsort des nordamerikani-
schen Kontinents. [25] Die „zehn verlorenen Stämme“ werden
später nach Zion versammelt, wo sie von Ephraim – d.h. also
von den Mormonen – die „Kronen des Heils“ empfangen wer-
den. Während des Tausendjährigen Reichs wird Christus
sowohl über das Zion der Mormonen als auch über das Jerusa-
lem in Palästina herrschen. In dieser Zeit wird sich eine himmli-
sche Schar, die Stadt Henochs, den Mormonen anschließen. Die
Mormonen werden ebenfalls während des Tausendjährigen
Reichs zu den Menschen predigen, die nicht dieser Gemein-
schaft angehören, aber noch leben, und sie werden sich für die
Toten taufen lassen, die von Anbeginn der Zeiten gelebt haben.
Nach alledem werden die Mormonen, die die Gebote des Evan-
geliums vollständig eingehalten haben, die höchste Heilsstufe im
himmlischen Königreich erlangen, Nichtmormonen können
nur dann ins himmlische Königreich gelangen, wenn sich Mor-
monen für sie haben taufen lassen. Die meisten Nichtmormonen
werden jedoch die Ewigkeit in einem der beiden unteren König-
reiche verbringen.

Die Zeugen Jehovas lehren, das Königreich Gottes sei nicht vor
1914 aufgerichtet worden, dieses Königreich sein nun der herr-
schende Teil Gottes allumfassender Ordnung, und es bestehe
zur Zeit aus Jesus Christus und denen der 144.000, die jetzt im
171
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

Himmel sind. Diese himmlischen Auserwählten (von denen die


meisten auf der Erde Zeugen Jehovas waren) regieren nicht nur
jetzt mit Christus, sondern wurden in Wirklichkeit von mensch-
lichen in göttliche Wesen verwandelt. Zwischen 1918 und der
Schlacht von Harmagedon findet ein Gericht über die Nationen
statt, bei dem alle, die die Botschaft der Zeugen Jehovas nicht
annehmen, und die sich ihren Überbringern gegenüber nicht als
wohlgesinnt erweisen, zur Vernichtung in Harmagedon verur-
teilt werden – eine Vernichtung, aus der es kein Erwachen mehr
geben wird. Die Schlacht von Harmagedon wird deshalb zu
einem ungeheuren Sieg der Zeugen Jehovas, die die einzigen
Überlebenden dieser weltweiten Katastrophe sein werden. Die
Überlebenden von Harmagedon werden während des Tausend-
jährigen Reichs eine bevorzugte Stellung auf der erneuerten
Erde einnehmen; viele von ihnen werden zu Fürsten ernannt.
Die Zeugen Jehovas, die vor Harmagedon gestorben sind, haben
das Privileg, als erste vor den übrigen Menschen von den Toten
aufzuerstehen. Diejenigen, die vor dem Tausendjährigen Reich
in der Neue-Welt-Gesellschaft tätig waren, werden bei der
Unterweisung der neu Auferstandenen in die Gebote Jehovas
eine führende Rolle spielen. Deshalb ist für die Zeugen Jehovas
der Höhepunkt der Gegensätze in der Geschichte die Auseinan-
dersetzung zwischen ihnen, dem wahren Volk Gottes, und allen
anderen, einschließlich der christlichen Kirchen.

Wenn eine religiöse Gruppierung sich selbst in den Mittelpunkt


des endzeitlichen Dramas stellt, macht sie sich damit des geistli-
chen Stolzes schuldig. Sie übersieht ihre eigenen Fehler und
Sünden und bläht die Sünden der anderen auf. Sie setzt in ein-
schmeichelnder Weise voraus, daß sie wegen ihrer eigenen höhe-
ren Würdigkeit Gottes spezieller Liebling geworden ist. Als
Christus bei den jüdischen Führern Seiner Zeit einem ähnlichen
Stolz begegnet ist, tadelte Er mit deutlicher Sprache: „Ich sage
euch aber, daß viele von Osten und Westen kommen und mit
Abraham und Isaak und Jakob zu Tisch liegen werden in dem
Reich der Himmel, aber die Söhne des Reiches werden hinaus-
geworfen werden in die äußere Finsternis ...“ (Mt 8,11.12). [26]
172
SIND DIE SIEBENTEN -TAGS-
ADVENTISTEN EINE SEKTE ?

Nun müssen wir uns der Frage zuwenden, die uns ja eigentlich
am meisten interessiert: Sind die Siebenten-Tags-Adventisten
den Sekten zuzurechnen, oder sind sie eine Denomination der
evangelikalen Kirchen? In einer Artikelserie, die in der Zeit-
schrift Eternity von September 1956 bis Januar 1957 erschien,
vertraten Donald G. Barnhouse und Walter R. Martin die
Ansicht, daß die Siebenten-Tags-Adventisten nicht, wie lange
angenommen, eine Sekte seien, sondern eine Gruppierung der
evangelikalen Christenheit, wenn sie sich auch durch einige spe-
zielle Vorstellungen von anderen Gemeinschaften unterschie-
den. Martin veröffentlichte 1960 sein Buch Die Wahrheit über
die Siebenten-Tags-Adventisten [27], in welchem er seinen
Standpunkt nochmals bekräftigte. Er behandelte und kritisierte
darin adventistische Lehren wie den „Seelenschlaf“ [28], die
Vernichtung der Bösen, den Sabbat am siebten Tag, das Unter-
suchungsgericht, die Lehre vom Sündenbock, der Überrestge-
meinde und der Anerkennung von Ellen G. White als den
„Geist der Weissagung“. Ungeachtet seiner scharfen Kritik an
diesen Lehren erklärt er: „Nicht eine der Abweichungen der
Siebenten-Tags-Adventisten ist eine Abweichung von den
wichtigsten Lehren des christlichen Glaubens, die zur Erret-
tung notwendig sind“ (S. 229). Deshalb bittet Martin die Mit-
glieder evangelikaler Denominationen geistliche Gemeinschaft
mit den Siebenten-Tags-Adventisten zu suchen:

Wir hoffen, daß viele von denen, die die Adventisten bisher
als gefährliche Nichtchristen betrachtet haben, ihre Ansicht
ändern werden. Nach der Vorsehung Gottes in Seiner Gna-
denzeit, vertrauen wir darauf, daß die evangelikale Chri-
stenheit als Ganzes ihre Hand nach der Gemeinschaft mit
einer Gruppe ernsthafter, in der Nachfolge eifriger Christen
ausstrecken wird. Wenn sie sich auch durch einige eigen-
173
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

tümliche Ansichten unterscheiden, so sind sie doch Glieder


des Leibes Christ und haben den errettenden Glauben
(S. 236-237).

Dadurch, daß diese Abhandlung über die Siebenten-Tags-


Adventisten ursprünglich in meinem Buch The Four Major
Cults („Die vier größten Sekten“) veröffentlicht worden ist,
habe ich bereits verdeutlicht, daß ich Barnhouses und Martins
Beurteilung dieser Bewegung nicht vertrete. Ich bestreite zwar
nicht, daß die Adventisten im Unterschied zu den meisten
Sekten in einigen Lehrpunkten mit der evangelikalen prote-
stantischen Kirche übereinstimmen (z.B. in der Lehre von der
Göttlichkeit Jesu Christi), aber ich habe die Überzeugung,
daß die Siebenten-Tags-Adventisten eine Sekte und nicht eine
evangelikale Denomination sind. Um diese Beurteilung zu
erhärten, werde ich nun zeigen, daß die oben angeführten cha-
rakteristischen Merkmale von Sekten auch in dieser Bewegung
zu finden sind.

(1) Eine außerbiblische Autoritätsquelle. Die Siebenten-Tags-


Adventisten haben mit den Schriften von Ellen G. White eine
außerbiblische Autoritätsquelle, die sie als „inspirierte Rat-
schläge vom Herrn“ betrachten (siehe oben, S. 31). Das ist
bereits auf den Seiten 27-37 gezeigt worden; die Argumenta-
tion brauche ich hier nicht noch einmal zu wiederholen. Ich
möchte den Leser darüber hinaus ermuntern, einmal solche
adventistischen Veröffentlichungen wie Bibelkommentar der
Siebenten-Tags-Adventisten, Prinzipien des Lebens aus Gottes
Wort und Fragen zur Lehre durchzublättern, um einen Ein-
druck davon zu erhalten, wie häufig eine Lehrmeinung oder
die Auslegung einer Schriftstelle auf Zitaten von Ellen G. Whi-
te basiert. Wir schließen daraus, daß die Siebenten-Tags-
Adventisten die Bibel im Licht der Schriften Ellen G. Whites
auslegen und daß ihre Bücher und Zeugnisse deshalb eine über
der Bibel stehende Autoritätsquelle darstellen. Diese Vor-
gehensweise ist, wie wir gesehen haben, ein charakteristisches
Merkmal von Sekten.
174
Sind die Siebenten-Tags-Adventisten eine Sekte?

(2) Das Leugnen der Errettung allein aus Gnade. Nun stoßen
wir auf eines der größten Probleme bei der Beurteilung der
Lehre der Siebenten-Tags-Adventisten. Die verwirrende Tatsa-
che, daß die Adventisten oftmals theoretisch einen bestimmten
Standpunkt einnehmen, dann aber in der weiteren Darlegung
ihrer Theologie diesen Standpunkt leugnen. Hinsichtlich des
Lehrpunkts, um den es nun gehen soll, stellen wir fest, daß die
Siebenten-Tags-Adventisten theoretisch der Rechtfertigung
allein aus Gnade zustimmen, und eine Errettung aus Gesetzes-
werken von sich weisen (siehe oben, S. 57). Dennoch lehren
sie auch, die einmal zugeteilte Vergebung könne aufgehoben
werden, und vergebene Sünden würden nicht sofort getilgt,
da nachfolgende Taten und Verhaltensweisen die en gültige
Entscheidung noch beeinflussen könnten (Siehe oben, S. 52).
Darüber hinaus lehren die Adventisten, es sei möglich, daß
ein Mensch die einmal erlangte Rechtfertigung durch sün-
diges Handeln und Verhalten verliert. Aus dieser Lehre folgt,
daß man nur dann seiner Rechtfertigung sicher sein kann,
wenn man den Rest seines Lebens kontinuierlich die richtigen
Taten vollbringt und sich entsprechend verhält (siehe oben,
S. 59 und 61).

(i) Das Untersuchungsgericht. Ich habe bereits gezeigt, daß die


adventistische Lehre vom Untersuchungsgericht (für die es
in der Bibel keine Grundlage gibt) im Widerspruch zu ihrer
Behauptung steht, die Rechtfertigung geschehe allein aus
Gnade (siehe oben, S. 50-53, 62-63, 104-105). Der tatsäch-
liche Standpunkt der Siebenten-Tags-Adventisten ist: (a) Das
Untersuchungsgericht entscheidet, wer von den Myriaden,
die im Staub der Erde schlafen, würdig ist, bei der ersten
Auferstehung dabei zu sein. [29] (b) Beim Untersuchungs-
gericht werden die Leben der Menschen nach folgenden
Gesichtspunkten untersucht: Ihr Glaube an Christus, ihr
Bekenntnis jeder einzelnen Sünde und ihr treues Erfüllen der
Anforderungen des Gesetzes. [30] (c) Deshalb ist der
entscheidende Faktor der Entscheidung darüber, ob ein
Mensch gerettet wird oder nicht, nicht in erster Linie das,
175
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

was Christus für ihn am Kreuz getan hat, sondern in erster


Linie das, was der Mensch in seinem Leben getan hat. Er
muß die Anforderungen des Gesetzes erfüllt haben, muß
beständig die richtigen Taten vollbracht haben, damit die
Vergebung nicht aufgehoben wird und muß jede einzelne
Sünde bekannt haben. Von daher ist nun klar, was über die
Errettung eines Menschen entscheidet, ist seine Lebens-
führung, die das Untersuchungsgericht enthüllt, insbesonde-
re sein tadelloses Erfüllen der Anforderungen des Gesetzes.
Und dieser Standpunkt widerspricht der schriftgemäßen
Aussage, daß man allein aus Gnade gerettet wird.

Wie kann irgend jemand „treu die Anforderungen des Gesetzes


erfüllen“? Straucheln wir nicht allzu häufig dabei, diese Anfor-
derungen zu erfüllen? Sagt nicht der Apostel Johannes: „Wenn
wir sagen, daß wir keine Sünde haben [und Sünde haben bedeu-
tet, die Anforderung des Gesetzes nicht erfüllt haben], betrügen
wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns“ (1. Joh 1,8)?
Der Apostel Paulus macht unmißverständlich klar, daß nie-
mand jemals „treu die Anforderungen des Gesetzes erfüllen“
kann, wenn er in Römer 3,19.20 schreibt:

Wir wissen aber, daß alles, was das Gesetz sagt, es denen sagt,
die unter dem Gesetz sind, damit jeder Mund verstopft
werde und die ganze Welt dem Gericht Gottes verfallen sei.
Darum: aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm
gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz kommt Erkennt-
nis der Sünde.

Dann fährt er fort und schreibt: „Jetzt aber ist ohne Gesetz
Gottes Gerechtigkeit geoffenbart worden, bezeugt durch das
Gesetz und die Propheten: Gottes Gerechtigkeit aber durch
Glauben an Jesus Christus für alle, die glauben ...“ (Verse 21
und 22). Er beendet diese knappe Darlegung des Wegs der
Errettung mit den Worten: „Denn wir urteilen, daß der Mensch
durch Glauben gerechtfertigt wird, ohne Mitwirkung von
Gesetzeswerken“ (Vers 28). An anderer Stelle sagt Paulus uns,
176
Sind die Siebenten-Tags-Adventisten eine Sekte?

daß er alles für Verlust achtet, damit er Christus gewinne, „und


in ihm gefunden werde – indem ich nicht meine Gerechtigkeit
habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die durch den Glauben an
Christus, die Gerechtigkeit aus Gott aufgrund des Glaubens“
(Phil 3,9). Paulus wußte also, daß er nicht auf Grundlage eines
zukünftigen himmlischen Untersuchungsgerichts über seine
Gesetzestreue gerettet ist, oder aufgrund seiner selbst erwirkten
Gerechtigkeit, sondern auf der Grundlage der Gerechtigkeit,
die er durch Glauben von Gott erhalten hat! Wie können die
Siebenten-Tags-Adventisten dann lehren, der Mensch würde
auf Grundlage seines „treuen Erfüllens der Anforderungen des
Gesetzes“ gerettet werden, so wie es das Untersuchungsgericht
offenbart?

Die Lehre von der Rechtfertigung allein durch Gnade besagt,


daß ein Mensch aufgrund dessen gerettet wird, was Christus für
ihn getan hat. Die Lehre vom Untersuchungsgericht besagt hin-
gegen, daß Christus bis zum Untersuchungsgericht nicht weiß,
ob ein bestimmter Mensch gerechtfertigt worden ist. Wenn, wie
die Bibel lehrt, „der Herr kennt, die sein sind“ (2. Tim. 2,19)
und der Gute Hirte die Seinen kennt (Joh 10,14.27), warum
sollte Christus dann nicht unabhängig von diesem Untersu-
chungsgericht wissen, wer bei der Auferstehung der Gerechten
dabei sein wird? Die einzige mögliche Antwort ist: Weil er nicht
genau weiß, wie diese Menschen ihr Leben geführt haben. Aber
wenn das stimmt, dann ist das treue Erfüllen der Anforderun-
gen des Gesetzes das Maßgebliche bei der Entscheidung, ob
jemand gerettet wird. Dieser Standpunkt stößt jedoch die Lehre
von der Rechtfertigung allein aus Gnade um!

(ii) Das Halten des Sabbats. Im ersten Teil dieses Buches habe
ich ebenfalls bereits gezeigt, daß die adventistische Lehre
über das Halten des Sabbats im Widerspruch zu der Lehre
der Rechtfertigung allein aus Glauben steht (siehe oben,
S. 61-64). Der Standpunkt der Siebenten-Tags-Adventisten
läßt sich kurz und knapp so zusammenfassen: In den letzten
Tagen, wenn die Welt über die Pflicht, den wahren Sabbat
177
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

zu halten, aufgeklärt ist, wird jeder, der sich immer noch


weigert, den siebten Tag als Sabbat zu ehren, das Malzei-
chen des Tieres erhalten und verloren gehen. Es ist klar, daß
die Errettung spätestens zu dieser Zeit nicht mehr allein aus
Glauben an Christi Versöhnungswerk geschieht, sondern
aus Glauben und Werken – insbesondere dem Werk, den
siebten Tag als Sabbat zu beobachten.

Wir wollen nun einmal betrachten, wie Ellen G. White die ent-
scheidende Rolle des Sabbathaltens in den letzten Tagen
beschreibt. Direkt vor Christi Wiederkunft, so schreibt sie,
wird am Himmel eine Hand erscheinen, die zwei zusammenge-
klappte Steintafeln hält. Auf diese Weise „wird dann das heilige
Gesetz, Gottes Gerechtigkeit, das ... am Sinai als der Weg des
Lebens verkündet worden war, den Menschen als die Richt-
schnur des Gerichts geoffenbart werden“. [31] Die Hand öffnet
die Tafeln, deren Worte so deutlich sind, daß sie von allen gele-
sen werden können. Diese öffentliche Schau von Gottes Gesetz
wird die Herzen derer bestürzen, „die Gottes heilige Anforde-
rungen mit Füßen getreten haben“; worauf die Aufmerksamkeit
des Lesers besonders gerichtet werden soll, ist die Verzweiflung
derer, die „danach gestrebt haben, Gottes Volk zu nötigen, Sei-
nen Sabbat zu entweihen“. „Jetzt“, so schreibt sie, „werden sie
durch das Gebot verdammt, welches sie verachtet haben.“ [32]
Das Mißachten des Sabbatsgebots ist deshalb vornehmlich die
unverzeihbare Sünde der letzten Tage!

In demselben Sinne sind die folgenden Worte:

Die Feinde des Gesetzes Gottes, vom Klerus angefangen bis


zu den letzten von ihnen, haben eine neue Auffassung von
Pflicht und Wahrheit. Sie erkennen zu spät, daß der Sabbat,
das vierte Gebot, das Siegel des lebendigen Gottes ist. Sie
erkennen zu spät das wahre Wesen ihres gefälschten Sabbats
und auf welch sandigem Untergrund sie gebaut haben. Sie
werden sehen, daß sie gegen Gott gekämpft haben. Die reli-
giösen Lehrer haben die Seelen in die Verdammnis geführt
178
Sind die Siebenten-Tags-Adventisten eine Sekte?

und dachten dabei, sie leiteten sie zu den Pforten des Para-
dieses. [33]

Eines wird daraus klar: Religiöse Lehrer haben die Seelen in die
Verdammnis geführt, weil sie nicht gelehrt haben, den siebten
Tag als Sabbat zu halten! Sie und ihre Anhänger sind nicht des-
halb zur Verdammnis bestimmt, weil sie nicht an Jesus Christus
als ihren Heiland und Erlöser glaubten, sondern weil sie eines
der Zehn Gebot nicht gehalten haben!

Als nächstes läßt nach Ellen G. White Gott Seine Stimme vom
Himmel erschallen, verkündet den Tag und die Stunde von Jesu
Wiederkunft und macht den ewigen Bund mit Seinem Volk.
„Und wenn der Segen über die ausgesprochen wird, die Gott
durch Heilighalten Seines Sabbats geehrt haben, wird ein lautes
Siegesgeschrei erschallen.“ [34] So wird also Gottes wahres
Volk, hier als „Israel Gottes“ bezeichnet, an erster Stelle nicht
wegen ihres Glaubens an Christus als ihren Heiland, sondern
wegen ihres richtigen Haltens des vierten Gebots gesegnet!

Selbst wenn wir akzeptierten, daß die Siebenten-Tags-Adven-


tisten mit ihrem Halten des siebten Tages als Sabbat Recht
hätten (was wir aber nicht tun), würden wir immer noch ihre
Auffassung, daß eine Sünde gegen ein Gebot Gottes, die von
Menschen begangen wird, die immer an Christus geglaubt und
stets ernsthaft versucht haben, Ihm zu dienen, der Grund für
ihre ewige Verdammnis sein kann, aufs Schärfste zurückwei-
sen – zumal die Sünde in Unwissenheit geschehen ist und verge-
ben wird. [35] Andersherum steht es auch nicht in Einklang mit
der Schrift, zu behaupten, man müsse, um gerettet zu werden,
wenigstens das vierte Gebot perfekt gehalten haben. [36] Denn
die Bibel lehrt, daß wir alle gesündigt haben und nicht die Herr-
lichkeit Gottes erlangen (hysterountai, ein Indikativ Präsens)
(Rö 3,23), und daß niemand die Gebote Gottes perfekt halten
kann (1. Joh 1,8). Wir werden nicht aufgrund unseres treuen
Haltens eines jeden der Gebote Gottes gerettet, sondern auf-
grund dessen, was unser Erlöser für uns getan hat und weil wir
179
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

Teilhaber Seiner perfekten Gerechtigkeit geworden sind! Wir


schließen daraus, daß die Siebenten-Tags-Adventisten zwar
vorgeben, die Rechtfertigung allein aus Gnade zu lehren, ihre
Lehren über das Untersuchungsgericht und das Sabbatgebot
jedoch im Widerspruch zu dieser Behauptung stehen.

(3) Die Herabwürdigung Christi. An dieser Stelle müssen wir


zuerst dankbar anerkennen, daß die Siebenten-Tags-Adventisten
nicht wie Mormonen, Zeugen Jehovas und Christliche Wissen-
schaftler die volle Gottheit Jesu Christi oder die Dreieinigkeit
leugnen. Wenn auch einige frühere adventistische Autoren
erklärt haben, der Sohn sei dem Vater nicht völlig gleich, so
bekräftigen doch die heutigen Siebenten-Tags-Adventisten Chri-
sti völlige Gleichheit mit dem Vater und die ewige Existenz des
Sohnes von allen Zeiten her (siehe oben, S. 43-44). Die Adven-
tisten erkennen darüber hinaus auch die Lehre der Dreieinigkeit
und die Person und volle Göttlichkeit des Heiligen Geistes an
(siehe oben, S. 37-39).

Über das Werk Christi lehren die Siebenten-Tags-Adventisten


die von Christus erwirkte stellvertretende Versöhnung (siehe
oben, S. 46 und 47). Ihre Lehre ist jedoch in der Frage, ob die
Versöhnung am Kreuz vollendet wurde, zweideutig, da Ellen
G. White mehr als einmal schreibt, daß Christus heute Versöh-
nung für uns erwirkt und oftmals auf eine „letzte Versöhnung“
nach der am Kreuz vollbrachten hinweist (siehe oben, S. 47-50).

Wenn wir auch die Lehre der Adventisten über die volle Gött-
lichkeit Christi zu würdigen wissen, so müssen wir jedoch zu
unserem Leidwesen feststellen, daß es in dieser ihren Lehren
Aspekte gibt, die die Herrlichkeit Christi schmälern und
tatsächlich eine Herabwürdigung Christi darstellen:

(i) Es wird gesagt, Christus sei vor 1844 nicht imstande gewe-
sen, Sünden zu tilgen, sondern konnte sie lediglich vergeben
(siehe oben, S. 50). Die Sündenvergebung bedeutet jedoch,
daß diese Sünden immer noch im himmlischen Heiligtum
aufgezeichnet sind; diese Vergebung kann später rückgängig
180
Sind die Siebenten-Tags-Adventisten eine Sekte?

gemacht werden, wenn die nachfolgenden Taten und Ver-


haltensweisen des Menschen sich als unangemessen erwei-
sen (siehe oben, S. 52). Diese Auffassung, die ich bereits
unter dem Punkt A des zweiten Teils dieses Buches erläutert
und kritisiert habe (siehe oben, S. 114-116), beraubt Chri-
stus Seiner göttlichen Vorrechte. Die Pharisäer beschul-
digten Jesus der Gotteslästerung, als Er zu dem Gelähmten
sagte: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Sie sprachen: „Wer
kann Sünden vergeben außer Gott allein?“ (Lk 5,20.21). In
Römer 8,33.34 lesen wir außerdem: „Wer wird gegen Gottes
Auserwählte Anklage erheben? Gott ist es, der rechtfertigt.
Wer ist, der verdamme?“ Die eindeutige Schlußfolgerung
aus diesen Versen ist, daß wenn Gott der Vater einem
Sünder vergeben hat, seine Sünden für immer ausgelöscht
sind; niemand wird ihn jemals wieder anklagen können.
Wenn die Sündenvergebung, die Christus erteilen konnte,
nichts mehr ist als eine Übertragung der Vergehen auf die
Aufzeichnungen im himmlischen Heiligtum, und nicht die
vollständige Tilgung der Sünden, dann wäre Christi Voll-
macht zur Sündenvergebung beträchtlich geringer als die
des Vaters. Deshalb machen sich die Siebenten-Tags-Adven-
tisten mit dieser Lehre einer Herabwürdigung Christi
schuldig.

(ii) Jesus Christus weiß nicht, wer die Seinen sind, da Er ja ein
Untersuchungsgericht durchführen muß, um zu bestim-
men, „wer ... der ersten Auferstehung würdig ist ...“ [37]
Unter Punkt B im zweiten Teil dieses Buches habe ich her-
ausgestellt, daß diese adventistische Lehre uns einen Chri-
stus zeigt, der erst seine Hausaufgaben machen muß, bevor
er entscheiden kann, wer der Segnungen Seiner Erlösung
würdig ist (siehe oben, S. 116). Auch diese Lehre beraubt
Christus Seiner Souveränität und würdigt Ihn herab.

(iii) Das wahre Wesen des Untersuchungsgerichts schließt, wie


wir gesehen haben, mit ein, daß nicht die untrennbare Ver-
bindung mit Christus maßgeblich für die Entscheidung
181
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

über die Errettung ist, sondern die auf Erden vollbrachten


Werke. In der adventistischen Lehre ist deshalb nicht Chri-
sti Werk, sondern der Menschen Werk letztendlich für die
Errettung entscheidend. Diese Lehre würdigt Christus
ebenfalls herab.

(iv) Die entscheidende Wichtigkeit, die dem Halten des vierten


Gebots nach dessen erneuter Verkündigung zugemessen
wird, schmälert gleichfalls die rettende Vollmacht Christi.
Wir wollen Ellen G. White ein weiteres Mal zitieren: „Wenn
der Segen über die ausgesprochen wird, die Gott durch
Heilighalten Seines Sabbats geehrt haben, wird ein lautes
Siegesgeschrei ertönen.“ [38] Hier ist also nicht Christi Ver-
söhnungswerk an unserer Statt für die Errettung von höch-
ster Wichtigkeit und letztlicher Entscheidung, sondern das
Halten des vierten Gebots! Diese Erhöhung des Sabbathal-
tens und Schmälerung des Werkes Christi ist wiederum eine
Herabwürdigung Christi. [39]

(v) Die Siebenten-Tags-Adventisten lehren, daß direkt vor der


Wiederkunft Christi die Sünden aller Menschen auf Satan
gelegt werden und daß die Sünde nur auf diese Weise end-
gültig aus dem Universum „ausgerottet“ oder „ausgetilgt“
werden kann. Auch diese Lehre schmälert die Vollkommen-
heit Christi. Wir begrüßen zwar die Lehre der Adventisten,
daß Satan kein Sündenträger ist, und daß er keine Erlösung
von den Sünden erwirkte, es muß jedoch herausgestellt
werden, daß sie Satan eine unentbehrliche Rolle bei der Til-
gung der Sünden aus dem Universum zuschreiben (siehe
oben, S. 53-56). Aber wie bereits unter Punkt B im zweiten
Teil dieses Buches aufgezeigt wurde (siehe oben, S. 117),
bedeutet dies, Satan etwas zuzuschreiben, was allein Chri-
stus zugeschrieben werden sollte: die Auslöschung unserer
Sünden. Wenn Christus am Holz des Kreuzes unsere Sün-
den vollständig an Seinem Leib getragen hat, wie wir in
1. Petrus 2,24 lesen, warum sollte Satan dann noch helfen
müssen, diese Sünden aus dem Universum auszurotten?
182
Sind die Siebenten-Tags-Adventisten eine Sekte?

Hieraus schließen wir, daß die Siebenten-Tags-Adventisten sich


auf diese verschiedenen Weisen einer Herabwürdigung Christi
schuldig machen, und daß die volle Göttlichkeit, die sie Chri-
stus offiziell zubilligen, von einer Lehre überschattet ist, die
Seine erhabene Majestät schmälert.

(4) Die Gruppe als die exklusive Gemeinschaft der Erretteten.


Hier schätzen wir wiederum den Standpunkt der Autoren von
Fragen zur Lehre; demnach glauben die Siebenten-Tags-Adven-
tisten nicht, daß sie allein die wahren Kinder Gottes, die einzi-
gen wahren Christen der Welt oder die einzigen, die gerettet
werden sind. [40] Gleichzeitig bezeichnen sich die Adventisten
jedoch selbst aus zwei Gründen als Überrestgemeinde: Weil sie
die Gebote Gottes halten, insbesondere begehen sie den Sabbat
am siebten Tag; und weil sie mit Ellen G. White den „Geist der
Weissagung“ haben (siehe oben, S. 64).

An dieser Stelle sollten wir ganz genau danach fragen, was die
Siebenten-Tags-Adventisten mit dem Begriff Überrestgemeinde
meinen. Ich habe im ersten Teil dieses Buches auf den Seiten
64-65 aufgezeigt, daß der adventistischen Lehre nach die Über-
restgemeinde der letzte Teil der wahren Gemeinde ist, der sich
noch auf der Erde befindet. Diese Meinung wird noch durch
eine Erklärung in einem adventistischen Bibel-Studienlehrbuch
unterstützt: „Was soll denn die Überrestgemeinde sein? Die
letzte Gemeinde, die am Ende der Zeit von Gottes Gemeinde
auf der Erde verblieben ist.“ [41] Wenn das stimmt, dann
bedeutet die Behauptung die Siebenten-Tags-Adventisten, daß
sie die wirkliche Überrestgemeinde sind: Wir sind die letzte
wahre Gemeinde, die auf der Erde verblieben ist, und alle ande-
ren Gemeinschaften, die von sich behaupten, Gemeinden
oder Kirchen zu sein, sind keine wahren, sondern falsche
Gemeinden.

Lehren die Siebenten-Tags-Adventisten wirklich, daß sie die


wahre Gemeinde Gottes sind? Die Antwort lautet: Ja! Das wird
aus den folgenden Zitaten aus den Schriften von Ellen G. White
deutlich, ihrer inspirierten Prophetin:
183
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

Die Verordnung, die am Ende gegen den Überrest des Volkes


Gottes gerichtet sein wird, wird der Verordnung des Königs
Ahasveros gegen die Juden sehr ähnlich sein. Heute sehen
die Feinde der wahren Gemeinde in der kleinen Schar derer,
die das Sabbatgebot halten, einen Mordechai im Tor. [42]

Ich sah, daß der heilige Sabbat die trennende Mauer zwi-
schen dem wahren Israel Gottes und den Ungläubigen ist
und sein wird; und daß der Sabbat die große Frage ist, an der
sich die Herzen von Gottes geliebten ausharrenden Heiligen
vereinigen werden. [43]

Wenn die letzte Warnung gegeben wird, wird das die ganze
Aufmerksamkeit dieser führenden Männer fesseln, durch die
der Herr nun wirkt, und einige von ihnen werden sie [die
Botschaft über den Sabbat am siebten Tag] annehmen und
standhaft mit Gottes Volk durch die Trübsalszeit gehen. [44]

Für diejenigen, die Seinen heiligen Tag ehren, ist der Sabbat
ein Zeichen, daß Gott sie als Sein auserwähltes Volk ansieht.
Es ist ein Versprechen, daß Er an ihnen Sein Bündnis erfüllen
wird. [45]

Das Halten des Sabbats ist ein Zeichen der Loyalität zum
wahren Gott. [46]

Wie der Sabbat das Zeichen war, welches Israel auszeichnete,


als es aus Ägypten kam und ins irdische Kanaan einzog, so
ist er auch jetzt das Zeichen, das Gottes Volk auszeichnet, das
aus der Welt ausgezogen ist, um in die himmlische Ruhe ein-
zugehen. Der Sabbat ist ein Zeichen für die Beziehung
zwischen Gott und Seinem Volk, ein Zeichen dafür, daß sie
Sein Gesetz ehren. Es unterscheidet Seine Getreuen von den
Übertretern. [47]

Welche Schlußfolgerungen können wir nun aus diesen Zitaten


im Hinblick auf die anderen Kirchen der Christenheit ziehen?
Wir sind genötigt zu schließen, daß diese anderen Kirchen nach
184
Sind die Siebenten-Tags-Adventisten eine Sekte?

Ellen G. White nicht Teil der wahren Kirche, nicht das wahre
Israel Gottes, nicht Gottes auserwähltes Volk, dem wahren
Gott nicht loyal und nicht Gottes Getreue, sondern Übertreter
sind. Von Christen, die zu Kirchen gehören, die den ersten Tag
als Tag des Herrn begehen, wird gesagt, sie seien Opfer einer
der schlimmsten Kampagnen Satans gegen Gottes Gesetz:
„Satan strebt danach, die Menschen von ihrer Treue zu Gott
und dem Gehorsam zu Seinem Gesetz abzubringen. Deshalb
lenkt er seine Bemühungen besonders gegen das Gebot, das auf
Gott als den Schöpfer hinweist [das vierte].“ [48]

Jetzt fragen wir weiter: Besagt die Lehre der Siebenten-Tags-


Adventisten über die Überrestgemeinde, daß diejenigen, die
nicht Glieder dieser verbliebenen Gruppe sind, nicht gerettet
werden können? Anders gefragt, glauben die Siebenten-Tags-
Adventisten, ihre Gruppierung ist die exklusive Gemeinschaft
der Erretteten?

Im Hinblick auf die Menschen, die auf der Erde leben, nachdem
die große Erleuchtung über den Sabbat gegeben worden ist
(siehe oben, S. 64), wenn die letzte Prüfung des treuen Sabbat-
haltens sein wird, [49] lehren die Adventisten, daß alle, die dann
noch außerhalb ihrer Gemeinschaft bleiben, verloren gehen.
Die Siebenten-Tags-Adventisten behaupten, „vor der letzten
Stunde der Bedrängnis und der Prüfung werden alle wahren
Gotteskinder – die jetzt noch so weit zerstreut sind – mit uns
gemeinsam dieser Botschaft [die durch die Siebenten-Tags-
Adventisten überbracht wird] gehorchen, deren wesentlicher
Teil der Sabbat am siebten Tag ist.“ [50] Dagegen werden alle,
die sich dann weigern, mit der Überrestgemeinde durch das
Halten des Sabbats Gemeinschaft zu haben, das Malzeichen des
Tieres erhalten und verlorengehen:

... Wenn das Halten des Sonntags gesetzlich verordnet und


die Welt über den wahren Sabbat aufgeklärt sein wird, dann
wird jeder, der dieses Gebot Gottes bricht und einer Vor-
schrift gehorcht, die keiner höheren Autorität als der Roms
entspringt, dadurch dem Papsttum mehr Ehre als Gott
185
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

erweisen ... Wenn die Menschen dann die Institution ableh-


nen, die Gott als das Zeichen Seiner Autorität erklärt hat,
und an derer Statt die ehren, die Rom als das Symbol seiner
Überlegenheit erwählt hat, dann nehmen sie dadurch das
Zeichen der Verpflichtung gegenüber Rom an – „das Malzei-
chen des Tieres“. [51]

Von daher ist nun klar, daß sich die Siebenten-Tags-Adventisten


als die exklusive Gemeinschaft der Geretteten der Endzeit
betrachten, da ja alle verlorengehen werden, die dann nicht zu
dieser Gemeinschaft gehören. Wir schließen daraus, daß die
Adventisten in diesem Punkt ein charakteristisches Merkmal
von Sekten aufweisen.

Hinsichtlich der Menschen, die gegenwärtig leben, ist diese Fra-


ge nicht so einfach zu beantworten. Wir erinnern uns daran, daß
nach der adventistischen Lehre diejenigen, die den siebten Tag
nicht als Sabbat halten, damit das wichtigste der Zehn Gebote
übertreten (siehe oben, S. 63). Nun stellt sich die Frage: Können
Christen, die immer wieder dieses allerwichtigste Gebot bre-
chen, noch gerettet werden?

Die Siebenten-Tags-Adventisten antworten: Ja, weil diese Chri-


sten, die Glieder anderer Kirchen der Christenheit, dieses Gebot
unwissentlich brechen. Denn die Autoren von Fragen zur Lehre
schreiben: „Die Siebenten-Tags-Adventisten glauben fest, daß
Gott sich einen kostbaren Überrest ersehen hat, eine Vielzahl
von ernsthaften, eifrigen Gläubigen aus allen Kirchen, auch aus
der römisch-katholischen, die nach ihrer besten Erkenntnis
leben, die Gott ihnen gegeben hat.“ [52] Daraus folgt, daß diese
Christen nicht die volle Erkenntnis über die Sabbatfrage haben,
die Gott den Adventisten gegeben hat, und sie deshalb zur Zeit
eine Entschuldigung dafür haben, daß sie das vierte Gebot nicht
richtig halten. Ellen G. White schreibt dazu:

Niemand aber wird den Zorn Gottes [der diejenigen heim-


sucht, die sich weigern, den Ruhetag des Schöpfers einzuhal-
186
Sind die Siebenten-Tags-Adventisten eine Sekte?

ten] zu spüren bekommen, ehe ihm die Wahrheit in seinem


Herzen und seinem Gewissen klargemacht worden ist, und
er sie abgelehnt hat. In dieser Zeit gibt es noch viele, die nie-
mals eine Möglichkeit gehabt haben, die besondere Wahrheit
zu hören. Die Verpflichtung des vierten Gebots ist ihnen nie-
mals richtig vor Augen geführt worden. [53]

Dieser Darlegung nach kann man nicht dafür bestraft werden,


den Sabbat nicht gehalten zu haben, bis einem die Wahrheit
über dieses Gebot klargemacht worden ist und man sie vorsätz-
lich mißachtet hat.

Das bedeutet also, daß die heutigen Christen außerhalb der


Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten gerettet werden
können, obwohl sie unaufhörlich das vierte Gebot brechen,
weil sie dieses in Unwissenheit über die Wahrheit tun, die von
den Siebenten-Tags-Adventisten erkannt und verkündet wird.
Das stellt jedoch die sogenannte Anerkennung der Universalge-
meinde Christi seitens der Siebenten-Tags-Adventisten in ein
recht wenig schmeichelhaftes Licht: Es gibt zwar sicherlich eine
solche Universalgemeinde, aber sie irrt sich mit ihrem Verständ-
nis des wichtigsten der Zehn Gebote und seinem Gehorsam zu
diesem völlig!

Wenn darüber hinaus die Errettung der Nichtadventisten von


ihrer Unwissenheit über Gottes wirkliches Sabbatgebot abhängig
ist, scheint die Folgerung unvermeidlich, daß diese Menschen,
wenn sie denn gerettet werden wollen, unwissend über das Sab-
batgebot bleiben sollten. Wie wir oben gesehen haben, sagte
Ellen G. White, daß niemand Gottes Zorn zu spüren bekommt,
„ehe ihm nicht die Wahrheit in seinem Herzen und Gewissen
klargemacht worden ist, und er sie abgelehnt hat“. Stellen wir
uns nun vor, ein Christ hat die Botschaft der Siebenten-Tags-
Adventisten über den siebten Tag vernommen, kommt aber zu
dem Schluß, daß diese Lehre falsch ist – könnte er danach noch
behaupten, ein unwissentlicher „Übertreter“ des vierten Gebots
zu sein? Ellen G. White schrieb 1847: „Und wenn jemand
geglaubt und den Sabbat gehalten und die damit verbundenen
187
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

Segnungen erhalten hat und dann damit aufhört und das heilige
Gebot bricht, ein solcher wird die Tore der Heiligen Stadt selbst
vor sich verschließen, so wahr ein Gott im Himmel regiert.“ [54]
Die hier beschriebenen Menschen gehen offensichtlich deshalb
verloren, weil sie gegen besseres Wissen „gesündigt“ haben. Aber
was ist mit den Menschen, die die von den Siebenten-Tags-
Adventisten vorgebrachten Hinweise geprüft und sie dann abge-
lehnt haben? Wäre deren Errettung nicht in Gefahr?

Wenn die Situation so ist, wie sie die Siebenten-Tags-Adven-


tisten schildern, wäre es dann für die Menschen in den gewöhn-
lichen Kirchen der Christenheit nicht weitaus besser, diese
Kirchen zu verlassen und sich den Siebenten-Tags-Adventisten
anzuschließen? Das ist genau das, was uns als das Ziel vor
Augen geführt wird, auf das hin Christus wirkt: „Der Gute
Hirte kennt Seine Schafe [Gottes wahre Kinder, die jetzt noch
Nichtadventisten sind], und Er ruft sie als Vorbereitung auf Sei-
ne Wiederkunft in die eine große Gemeinschaft.“ [55] Wenn das
Christi Absicht ist, dann ist klar, daß die wahren Kinder Gottes,
die jetzt noch Nichtadventisten sind, wenn sie Kontakt zu Sie-
benten-Tags-Adventisten bekommen und immer noch in ihren
Kirchen verbleiben, gegen Christi Willen handeln.

Wir folgern, daß die Siebenten-Tags-Adventisten zwar theore-


tisch zugeben, Menschen außerhalb ihrer Gemeinschaft können
errettet werden, aber in Wirklichkeit unterminieren sie diese
Auffassung durch ihre Lehre von der Überrestgemeinde. Da sie
behaupten, im Unterschied zu allen anderen christlichen Grup-
pierungen die Überrestgemeinde zu sein, zeigen sie das charak-
teristische Kennzeichen von Sekten, um das es hier geht, wenn
auch in nicht ganz eindeutiger Weise.

(5) Die zentrale Rolle der Gruppe in der Eschatologie. Es dürfte


keine Schwierigkeit sein, aufzuzeigen, daß dieses charakteristi-
sche Merkmal von Sekten bei den Siebenten-Tags-Adventisten
im Vordergrund steht und klar erkennbar ist. Gleich wie die
oben als Beispiel angeführten Sekten behaupten die Siebenten-
Tags-Adventisten, ins Dasein gerufen worden zu sein, um eine
188
Sind die Siebenten-Tags-Adventisten eine Sekte?

spezielle Wahrheitslücke auszufüllen. Die Adventisten geben


vor, Gott habe sie dazu bestimmt, „die stockende protestanti-
sche Reformation zu vollenden und die Wahrheit des Evangeli-
ums voll und ganz wieder aufzurichten.“ [56] Gott hat die
adventistische Bewegung ins Leben gerufen, so versichern sie,
damit sie der Menschheit Seine letzte große Botschaft verkün-
den. [57] Der Anfang der Siebenten-Tags-Adventisten markiert
deshalb den Anfang des letzten Höhepunktes der Kirchenge-
schichte. [58] Diese Bewegung ist deshalb entstanden, um die
Kirche der letzten Tage auf das Zusammentreffen mit dem wie-
derkehrenden Herrn vorzubereiten. [59].

Wenn wir uns die Schilderungen der Siebenten-Tags-Adven-


tisten der Ereignisse, die der Wiederkunft Christi vorausgehen
sollen, einmal näher anschauen, stellen wir fest, daß sie ihre
eigene Bewegung in den Mittelpunkt des eschatologischen
Geschehens stellen. Diese Ereignisse werden bis ins kleinste
Detail in den letzten Kapiteln von Ellen G. Whites Buch The
Great Controversy („Der große Konflikt“) geschildert. Der
Verkündigung des Untergangs von Babylon (welches für ver-
schiedene Formen abtrünniger Religion steht) [60] folgt der
Ruf: „Geht aus ihr hinaus, mein Volk“; das ist die letzte War-
nung an die Bewohner der Erde. [61] Die verschiedenen Mächte
der Erde, einschließlich staatlicher Macht, Katholiken und Pro-
testanten, werden dann einen Erlaß verordnen, nach dem sich
alle „durch die Feier des falschen Sabbats nach den Gebräuchen
der Kirchen richten müssen.“ [62] Wenn dieser Erlaß bekannt-
gegeben worden ist, werden alle, die im Gegensatz zu den
Siebenten-Tags-Adventisten fortfahren, „den falschen Sabbat“
[Sonntag] zu feiern, das Malzeichen des Tieres erhalten, wohin-
gegen diejenigen, die in Gehorsam zu Gottes Gesetz den wah-
ren Sabbat halten, das Siegel Gottes bekommen. [63]

Die nun gegen den Sabbat am siebten Tag sind, werden dann
eine grausame Verfolgung gegen die in Gang setzen, die den
wahren Sabbat halten [die Siebenten-Tags-Adventisten und
deren neuen Anhänger]. [64] Dann kommt das „Ende der Prü-
189
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

fungszeit“; Christus stellt Seine Vermittlung im himmlischen


Heiligtum ein und es gibt keine weitere Möglichkeit mehr für
irgend jemanden, Gnade zu erlangen und gerettet zu werden.
[65] Daraufhin folgt die „Trübsalszeit“, die in Daniel 12,1 vor-
ausgesagt ist und während der den Feinden von Gottes Volk
[also denen, die sich weigerten, den siebten Tag zu feiern]
schreckliche Plagen auferlegt werden. [66] Gerade wenn diese
Feinde kurz davor stehen, die Sabbattreuen vom Angesicht der
Erde entfernt zu haben, schickt Gott Befreiung und flößt
Schrecken in die Herzen der Mörder ein. [67]

Dann geschieht die „besondere Auferstehung“, bei der zwei


spezielle Gruppen von den Toten auferweckt werden: Dieje-
nigen, die für die Verurteilung und Kreuzigung Christi verant-
wortlich sind, und die, die im Glauben an die Botschaft des
dritten Engels starben – d.h. die gläubigen Siebenten-Tags-
Adventisten und anderen Menschen, die den siebten Tag gehal-
ten haben und seit 1846 gestorben sind. [68] Es ist bemerkens-
wert, daß den Siebenten-Tags-Adventisten hier ein besonderes
Privileg zugeschrieben wird: Sie sollen eher als andere Gläubige
von den Toten auferstehen, so daß sie Christus bei Seiner
Ankunft auf der Erde sehen können!

Daraufhin wird vom Himmel das Urteil über die Verlorenen


verkündet, was in den Herzen der Übertreter von Gottes Ge-
setz Bestürzung hervorruft. [69] Gottes Getreue jedoch, die
sich für Christus aufgeopfert und Ihm ihre Treue erwiesen
haben, singen dann ein Triumphlied. [70] Die Gegner des wah-
ren Sabbats erkennen zu spät, daß sie sich geirrt haben, wohin-
gegen vom Himmel her Segen über die ausgesprochen wird, die
Gott durch Heilighalten Seines Sabbats geehrt haben. [71]
Dann kommt Christus wieder, [72] und Er ruft die anderen
Gläubigen aus ihren Gräbern. [73] Die lebenden Gerechten
werden nun umgewandelt, [74] die Verlorenen hingegen wer-
den alle dem Tod überliefert. [75] Gottes Volk wird daraufhin
für das folgende Tausendjährige Reich in den Himmel aufge-
nommen (siehe oben, S. 80-82); nach der Vernichtung der Ver-
190
Sind die Siebenten-Tags-Adventisten eine Sekte?

lorenen werden sie dann für immer die neue Erde bewohnen
(siehe oben, S. 84).

Für die Siebenten-Tags-Adventisten ist deshalb die Eschatologie


der Kampfplatz, auf dem die Bewegung ihre eigene Verherrli-
chung vollendet und in der sie sich ihren Feinden gegenüber
rechtfertigt. Da in den letzten Tagen „der Sabbat die große Treue-
prüfung sein wird“, [76] sehen wir, daß der Gegensatz zwischen
Gott und Satan am Ende ein Gegensatz zwischen Siebenten-
Tags-Adventisten und denen, die ihren Sonderlehren nicht fol-
gen, sein wird. Da die Siebenten-Tags-Adventisten sich selbst so
darstellen, als spielten sie eine zentrale Rolle in der Eschatologie,
schließen wir daraus, daß dieses charakteristische Merkmal von
Sekten eindeutigerweise auch auf diese Bewegung anwendbar ist.

Ein Aufruf an die Siebenten-Tags-Adventisten. Ich erkenne


dankbar an, daß es einige gesunde Akzente in der Lehre der
Siebenten-Tags-Adventisten gibt. Wir sind dankbar für die
Bekräftigung der Unfehlbarkeit der Bibel, der Dreieinigkeit
und der vollen Gottheit Jesu Christi seitens der Adventisten.
Wir anerkennen gerne ihre Lehren über Schöpfung und Vorse-
hung, über die Fleischwerdung und Auferstehung Christi, über
die unbedingte Notwendigkeit der Wiedergeburt, über die Hei-
ligung durch den Heiligen Geist und über Christi buchstäbli-
cher Wiederkunft. Es ist jedoch meine Überzeugung, daß die
Adventisten zu diesen biblischen Lehren bestimmte unbiblische
Lehren hinzugefügt haben, die zu ersteren im Widerspruch ste-
hen und ihre volle Aussagekraft unterminieren. Aufgrund ihrer
Aneignung dieser zusätzlichen Lehren ist es ebenfalls meine
Überzeugung, daß die Siebenten-Tags-Adventisten nicht als
eine evangelikale Freikirche, sondern als Sekte eingeordnet wer-
den müssen. Die Begründung für diese Beurteilung ist oben
detailliert dargelegt worden.

Das heißt jedoch nicht, daß unter den Siebenten-Tags-Adventi-


sten keine wahren Kinder Gottes sein können. Ich wäre der
letzte, der das abstreiten wollte. Woran Kritik geübt werden
muß, und zwar deutlich, sind die Lehren dieser Gemeinschaft
191
Die charakteristischen Merkmale von Sekten

und nicht die einzelnen Menschen, die sich an diese Lehren hal-
ten. Die Lehren können und müssen wir im Lichte von Gottes
Wort beurteilen; die Menschen müssen wir der Beurteilung
durch Gott überlassen, der allein in ihre Herzen sehen kann.

Im Geiste christlicher Liebe zu den Mitgliedern der Denomina-


tion der Siebenten-Tags-Adventisten und mit dankbarer Aner-
kennung der gesunden biblischen Elemente in ihrer Lehre bitte
ich deshalb meine Freunde, die Adventisten, die sektiererischen
Eigenheiten und unbiblischen Lehren, die die Gemeinschaft der
Siebenten-Tags-Adventisten verderben, zu verwerfen und zum
gesunden, biblischen Christentum zurückzukehren. Ob die
biblischen Elemente in ihrer Lehre letztlich den Sieg über die
unbiblischen Lehren erlangen werden, oder ob diejenigen in der
Gemeinschaft, die bibeltreu sein möchten, aus ihr austreten
werden, ist eine Frage, auf die nur Gott eine Antwort hat. Aber
falsche Lehren, die einen Schatten auf den Glauben werfen, der
einmal allen Heiligen anvertraut worden ist, müssen von allen
verworfen werden, die den Herrn wahrhaft lieben.

192
ANMERKUNGEN
VORWORT

1: Robert Folkenberg: „Wir glauben noch!“, Advent-Verlag, Hamburg


1994, S. 55.
2: ebd., S. 105.
3: ebd., S. 25.
4: ebd., S. 27.
5: ebd., S. 56.
6: ebd., S. 58.
7: ebd., S. 74.
8: ebd., S. 74.

195
TEIL I

1: Leroy Edwin Froom, The Prophetic Faith of our Fathers (Washing-


ton: Review and Herald, 1954), IV, 463.
2: Francis D. Nichol, The Midnight Cry (Washington: Review and
Herald, 1945), S. 169.
3: Froom, a.a.O., IV, 473.
4: Ibid. Die Siebenten-Tags-Adventisten folgen immer noch Millers
Berechnungsmethode. Siehe Seventh-day Adventists Answer Questi-
ons on Doctrine (Washington: Review and Herald, 1957), S. 268-295.
Wie wir noch sehen werden, ist der einzige Unterschied, daß sie die
Wiederherstellung des Heiligtums anders deuten als Miller.
5: Wenn wir zu dieser Berechnungsweise neigen (was die meisten von
uns wohl nicht tun), sollte man bedenken, daß der Erlaß des Artaxer-
xes aus Esra 7 nichts mit dem Wiederaufbau Jerusalems zu tun hat.
Außerdem sprach Daniel von dem „Befehl“ (wörtlich „Wort“, dabar)
Jerusalem wiederaufzubauen. Es scheint, daß Artaxerxes’ Erlaubnis
für Nehemia, in die Stadt, in der seine Väter begraben lagen, zurück-
zukehren, um sie wieder aufzubauen (Neh 2,5-8), hier viel eher
zutrifft. Aber dies geschah 13 Jahre nach 457 v.Chr., also 444 v.Chr.
Die Siebenten-Tags-Adventisten verteidigen jedoch weiterhin Millers
Wahl von 457 v.Chr.
6: Es ist bemerkenswert, daß das in der KJV mit „gereinigt“ übersetzte
Wort aus Dan 8,14 tatsächlich das Nif’al des hebräischen Verbes
zadaq ist, was soviel bedeutet wie recht oder gerecht. Daher liest die
RSV den letzten Teil des Verses „dann wird das Heiligtum zu seinem
rechtmäßigen Zustand wiederhergestellt sein“, und die Berkeley-Ver-
sion übersetzt „dann werden die Rechte des Heiligtums wiederherge-
stellt sein“. Dementsprechend deuten viele Kommentatoren diesen
Vers als eine Voraussage der Wiederherstellung des Tempels im Jahre
165 v.Chr. unter Antiochus Epiphanes durch Judas Makkabäus.
7: Sylvester Bliss, Memoirs of William Miller, S. 256, zitiert in Nichol,
The Midnight Cry, S. 171.
8: Froom, a.a.O., IV, 799-800.
9: Ibid., S. 818-820.
10: Walter R. Martin, The Truth About Seventh-day Adventism (Grand
Rapids: Zondervan, 1960), S. 29.
11: Arthur W. Spalding gibt auf den S. 91-105 seines Buches Captains of

196
Teil I

the Host (Washington, Review and Herald, 1949) eine kurze Zusam-
menfassung dieser Geschichte und den damit verbundenen Ereig-
nissen.
12: Aus dem Manuskript über sein Leben und seine Erfahrungen, von
Hiram Edson, zitiert in Nichol, The Midnight Cry, S. 458.
13: Band IV, S. 1228-1234. Er nimmt dabei ebenfalls selbst Stellung zu
den Sichtweisen Crosiers und Edsons und erläutert auf den S. 896-900
ein wenig den Artikel Crosiers.
14: Froom legt seine eigene Deutung dieser Handlungen dar und schreibt:
„Da die Sünden des Volkes symbolisch in das Heiligtum vor den Ein-
gang des Allerheiligsten getragen worden waren, wurde das Heilig-
tum somit ‚verunreinigt‘“ (S. 896-897).
15: Dem Leser wird hier ein höchst eigentümlicher Widerspruch auffal-
len: Einerseits wird gesagt, daß das Auftragen des Opferblutes auf den
Altar im Heiligtum dieses verunreinigte (da dadurch die Sünden der
Gläubigen in das Heiligtum hineingetragen wurden), andererseits
wird jedoch vom Auftragen des Blutes auf den Gnadenstuhl im Aller-
heiligsten gesagt, daß es das Heiligtum reinigte. Warum sollte das glei-
che Ritual in dem einen Fall verunreinigen und in dem anderen Fall
reinigen?
16: Die Unterscheidung zwischen Vergebung und Tilgung sollte genau
beachtet werden; sie spielt eine große Rolle für die daraus folgende
Theologie der Siebenten-Tags-Adventisten.
17: Froom fügt hinzu, daß der Artikel von Crosier nicht nur dessen eige-
ne Auffassung, sondern auch die Edsons und Hahns widerspiegelt.
Darüber hinaus erklärt er, der Artikel sei von solch führenden Adven-
tisten wie Joseph Bates und Ellen G. White gutgeheißen worden, von
daher könne er als repräsentativ für das adventistische Denken jener
Zeit angesehen werden.
18: Hier sollte beachtet werden, daß William Miller, der 1849 starb, nie-
mals Crosiers Lehren über Christi Dienst im himmlischen Heiligtum
angenommen hat (Froom, a.a.O., IV, S. 828-829). Es ist ebenfalls
bemerkenswert, daß später Crosier selbst seine früheren Lehren über
das Heiligtum widerrief (ibid., S. 892).
19: Froom, a.a.O., IV, 953-955.
20: Ibid., S. 944-947.
21: Ibid., S. 947-948.
22: Ibid., S. 956-958.
23: Ibid., S. 958. Walter Martin weist jedoch darauf hin, daß diese frühe
Beschränkung des Überrestes auf 144.000 von den Siebenten-Tags-

197
Anmerkungen

Adventisten widerrufen worden ist (The Truth About Seventh-day


Adventism, S. 34).
24: Froom, a.a.O., S. 959.
25: Spalding, a.a.O., S. 62.
26: Froom, a.a.O., IV, 979, 981-982.
27: Ibid., S. 980.
28: Francis D. Nichol, Ellen G. White and her Critics (Washington:
Review and Herald, 1951), S. 36.
29: Ibid., S. 178.
30: Ibid., S. 189.
31: Froom, a.a.O., IV, 985-986.
32: Ellen G. White and her Critics, S. 22.
33: Questions on Doctrine (diese Abkürzung wird von hier an für das
Buch Seventh-day Adventists Answer Questions on Doctrine
benutzt), S. 16.
34: Froom, a.a.O., IV, 845-847.
35: Ibid., S. 848.
36: The Story of our Church, Herausgegeben von der Kommission für
Ausbildung, Generalkonferenz der Siebenten-Tags-Adventisten
(Mountain View, Kalifornien: Pacific Press, 1956), S. 215-220.
37: Ibid., S. 256-261. Die Zeitschrift Review and Herald (vollständiger
Titel: Advent Review and Sabbath Herald) ist das offizielle Organ
der Gemeinschaft.
38: Ibid., S. 267-374.
39: 1961 Yearbook of the Seventh-day Adventist Denomination (Wa-
shington: Review and Herald, 1961), S. 340.
40: Die im Jahrbuch von 1961 veröffentlichten Zahlen gelten für das Jah-
resende von 1959. Das Jahrbuch von 1962, das Zahlen vom Jahresende
1961 anführt, nennt eine weltweite Mitgliederzahl von 1.307.892 und
13.369 Gemeinden. Demzufolge ist die Gemeinschaft innerhalb von
zwei Jahren um 113.822 Mitglieder gewachsen, das entspricht einem
durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 56.900 Mitgliedern.
41: Zum Vergleich: Etwa ein Achtel der Mormonen leben außerhalb der
USA – eine völlig andere Situation als bei den Siebenten-Tags-Adven-
tisten.
42: Walter Martin, The Truth About Seventh-day Adventism, S. 36.
Bewilligte Geistliche können predigen, aber nicht die Sakramente
erteilen oder Eheschließungen vollziehen.
43: Ibid.
44: 1961 Yearbook, S. 346.

198
Teil I

45: Ibid., S. 342.


46: Diese kann im Church Manual, im Yearbook oder auch in Questions
on Doctrine eingesehen werden.
47: Questions on Doctrine, S. 28.
48: Ibid., S. 89.
49: Ibid., S. 89-90. Im selben Sinne sind die Erklärungen des führenden
Apologeten der Siebenten-Tags-Adventisten, Francis D. Nichol, in
Ellen G. White and her Critics, S. 87-90.
50: Early Writings, S. 78, zitiert in Questions on Doctrine, S. 90.
51: Review and Herald, 20. Jan. 1903, zitiert in Questions on Doctrine,
S. 93. Die selbstverständliche Folgerung ist, daß Ellen G. White selbst
das „kleinere Licht“ ist.
52: Siehe oben, S. 24.
53: Questions on Doctrine, S. 95-96.
54: Ibid., S. 90-91. Zu denen, die hier als Beispiel angeführt werden,
gehört auch Johannes der Täufer. Wir wissen jedoch, daß einige seiner
Äußerungen im Kanon der Bibel festgehalten sind: z.B. Mt 3,2 und
7,12.
55: Ibid., S. 93.
56: Ibid., S. 90.
57: Ibid., S. 93.
58: Ibid.
59: Ibid., S. 95-96. Auf die Frage, was sie unter diesem „Überrest der
Gemeinde“ verstehen, wird später ausführlicher eingegangen werden,
wenn wir ihre Lehre über die Kirche behandeln.
60: Ibid., S. 89.
61: The Great Controversy Between Christ and Satan (Mountain View:
Pacific Press, 1911), S. 422 (dt: Der große Konflikt, herausgegeben
von Inter-Euro Publishing, Winterswijk, NL. Diese deutsche Ausga-
be enthält die Seitenangaben der amerikanischen Originalausgabe.).
Diese Diskussion findet sich auf den S. 420-422 von Questions on
Doctrine.
62: Aus einem Brief an Martin, zitiert in dessen Buch Truth About
Seventh-day Adventism, S. 95-96. Zur Zeit dieses Briefes war Smith
Professor für englische Bibelübersetzung am Fuller Theological Semi-
nary.
63: Herausgegeben von der Kommission für Ausbildung, Generalkonfe-
renz der Siebenten-Tags-Adventisten und veröffentlicht von Pacific
Press Publishing Association in Mountain View, Kalif., 1952. Erst
1960 erschien eine Neuauflage.

199
Anmerkungen

64: In der Angelegenheit, den Bau des Battle Creek Health Reform Insti-
tute zu empfehlen (S. 495-504). Martin greift die Behauptung, dieses
sei lediglich ein „persönliches Urteil“ gewesen, an, da sie ihre Emp-
fehlung, Martins Aussage nach, mit der Floskel „Mir wurde gezeigt“
einleitete – das ist die übliche Art und Weise, mit der sie sonst ver-
deutlichte, daß ihr etwas durch den „Geist der Weissagung“ offenbart
worden war.
65: Ursprünglich 1889 von Fleming H. Revell, später von B. C. Goodpa-
sture herausgegeben und 1961 von Baker Book House, Grand Rapids,
als Nachdruck der Ausgabe von 1914 neu aufgelegt.
66: Zeugnis Nr. 33, S. 189, zitiert von Canright auf S. 135. „Testimonies“
(„Zeugnisse“) wurden allgemein die Anweisungen Ellen G. Whites
für die Kirche genannt.
67: Seventh-day Adventism Renounced (Ausgabe von 1961), S. 135.
68: Ibid., S. 135.
69: Ibid., S. 136-137.
70: Ibid., S. 135.
71: Ibid., S. 136.
72: Es erübrigt sich zu sagen, daß das Verhältnis dieser Gemeinschaft zu
Ellen G. White von größter Tragweite für die später ausführlich dis-
kutierte Frage ist, ob die Siebenten-Tags-Adventisten nun als Sekte
oder als eine Kirche der herkömmlichen Christenheit angesehen wer-
den sollte. Daß diese Abhandlung ursprünglich ein Teil des Buches
The Four Major Cults („Die vier größten Sekten“) ist, verdeutlicht
schon die Beantwortung dieser Frage seitens des Autors. Diese Frage
wird ausführlich im dritten Teil des Buches behandelt werden.
73: Questions on Doctrine, S. 405.
74: Calvin, Institutio, III, 21, 5, zitiert in Questions on Doctrine, S. 406.
Ihre Erörterung des Standpunkts Calvins, die sich hier auf zwei kurze
Zitate beschränkt, ist recht unbefriedigend und trägt der Lehre
des Reformatoren über die Verantwortlichkeit des Menschen keine
Rechnung.
75: Questions on Doctrine, S. 420.
76: Ibid., S. 23.
77: Ibid., S. 24.
78: Siehe z.B. Kap. 33 von W. H. Bransons Drama of the Ages (Washing-
ton: Review and Herald, 1950), und S. 467-489 von Francis Nichol
Answers to Objections (Review and Herald, 1952).
79: Questions on Doctrine, S. 21-22, Zitat aus Nichol, Answers to Objec-
tions, S. 457.

200
Teil I

80: Life, Death and Immortality (Nashville: Southern Publishing Asso-


ciation, 1952), S. 49.
81: Questions on Doctrine, S. 512-514.
82: Ibid., S. 513.
83: Ibid., S. 515.
84: A.a.O., S. 54.
85: S. 515-517.
86: Ibid., S. 518.
87: Ibid., S. 22.
88: Branson, a.a.O., S. 43.
89: Questions on Doctrine, S. 107.
90: Ibid., S. 23.
91: Die Arminianer lehren, es gäbe eine allgemeine Gnade, die allen
Menschen zuteil wird, und die sie befähigt, wenn sie wollen, Chri-
stus anzunehmen. Die folgende Erklärung macht deutlich, daß das
auch die Lehre der Siebenten-Tags-Adventisten ist: „Christus ist das
wahre Licht, das ‚in die Welt kommend, jeden Menschen erleuchtet‘
(Joh 1,9). Dieses Licht durchdringt die Finsternis des menschlichen
Herzens, so wie es nur die göttliche Vorsehung weiß, und entzündet
den ersten Funken der Sehnsucht nach Gott. Wenn die Seele anfängt,
Gott zu suchen, dann wird ‚der Vater, der mich [Christus] gesandt
hat, ihn [den Suchenden] ziehen‘ (Joh 6,44).“ (Ibid., S. 107-108).
92: Ibid., S. 71-83.
93: Ibid., S. 46-49.
94: The Truth About Seventh-day Adventism, S. 86-88.
95: Questions on Doctrine, S. 659. Das Zitat stammt aus Signs of the
Times, 9. Juni 1898.
96: Questions on Doctrine, S. 651. Das Zitat stammt aus dem Seventh-
day Adventists Bible Commentary, V, 1128.
97: Aus Medical Ministry, S. 181.
98: Aus Signs of the Times, März 1927, zitiert in Martin, a.a.O., S. 86.
99: Diese Frage wird sorgfältig und fachmännisch in Kap. 4 von Herbert
S. Birds Theology of Seventh-day Adventism (Grand Rapids: Eerd-
mans, 1961) behandelt. Dieses Buch ist auch eine der besten Bewer-
tungen der adventistischen Lehren, die jemals erschienen ist.
100: Questions on Doctrine, S. 348.
101: Manuscript 21, 1895, zitiert in Questions on Doctrine, S. 685.
102: Der große Konflikt, Orig.-S. 623.
103: Patriarchs and Prophets (Mountain View: Pacific Press, 1913), S. 357.
104: Der große Konflikt, Orig.-S. 480.

201
Anmerkungen

105: Questions on Doctrine, S. 341-348.


106: Ibid., S. 354-355.
107: Oben, S. 18.
108: Questions on Doctrine, S. 389.
109: Die Fundamental Beliefs („Grundlegende Glaubenssätze“) können
auf den S. 11-18 von Questions on Doctrine eingesehen werden.
110: Questions on Doctrine, S. 435-438. Es wird jedoch nicht gesagt, wer
diese Aufzeichnungen untersucht. Aus der Tatsache, daß das als die
Gerichtszeit in Christi Dienst bezeichnet wird, könnte man
schließen, es sei Christus, der untersucht. Christus wird jedoch, wie
wir noch sehen werden, als Fürsprecher für Sein Volk bezeichnet.
Wenn Er der Fürsprecher in diesem Untersuchungsgericht ist, war-
um sollte dann dieser Aspekt von Christi Werk die „Gerichtszeit“
Seines Dienstes genannt werden? An diesem Punkt spürt man eine
tiefe Verwirrung in der adventistischen Vorstellung bezüglich des
Wirkens Christi als Priester und Seines Wirkens als Richter.
111: Ibid., S. 441-442.
112: Wir erinnern uns, daß Crosier diese Unterscheidung bereits getrof-
fen hatte, siehe oben, S. 19.
113: S. 441. Siehe auch S. 439-441.
114: Questions on Doctrine, S. 420.
115: Aus Artikel 16 der Fundamental Beliefs, der oben zitiert ist, lernen
wir jedoch, daß das Untersuchungsgericht für diejenigen Gläubigen,
die bei Christi Wiederkunft immer noch leben, vor Seinem Zweiten
Kommen bereits durchgeführt sein wird, so daß sie zu Beginn des
Tausendjährigen Reichs in Herrlichkeit umgewandelt werden können.
116: Questions on Doctrine, S. 442.
117: Der große Konflikt, Orig.-S. 422.
118: Ibid., Orig.-S. 485-86.
119: Froom, Prophetic Faith of our Fathers, IV, 898-899.
120: Questions on Doctrine, S. 399.
121: Ibid., S. 400.
122: Es darf jedoch nicht vergessen werden, daß die Adventisten das Wort
Versöhnungswerk (atonement) nicht auf eindeutige Weise verwen-
den. Ellen G. White sagte ja sogar, daß das Blut Christi die Sünde
des Bereuenden nicht tilgt, sondern daß diese Sünde bis zum endgül-
tigen Versöhnungswerk im Heiligtum aufgezeichnet ist (siehe oben,
S. 48).
123: Gute Abhandlungen über diese Lehre finden sich in Kap. 5 von Birds
Theology of Seventh-day Adventism, und in Kap. 9 von Norman F.

202
Teil I

Doutys Another Look at Seventh-day Adventism (Grand Rapids:


Baker, 1962).
124: Questions on Doctrine, S. 102. Vergl. S. 108.
125: Ibid., S. 387.
126: Ibid., S. 116.
127: S. 302. Ich zitiere aus der 2. Auflage, 1947 herausgegeben von
Review and Herald Pub. Ass. Diese Lehre findet sich aber auch
in den Schriften von Ellen G. White. Siehe Der große Konflikt,
Orig.-S. 425, 613-614 und 623; vergl. Doutys Erläuterung zu diesem
Punkt in a.a.O., S. 74-75.
128: “What of Seventh-day Adventism?“, Christianity Today, 14. April
1958, S. 13.
129: Ibid., S. 15.
130: Drama of the Ages, S. 351, zitiert in Bird, a.a.O., S. 90.
131: Bird, a.a.O., S. 90.
132: Ibid., S. 132.
133: Der große Konflikt, Orig.-S. 605.
134: Seventh-day Adventism Renounced, S. 86.
135: Questions on Doctrine, S. 184.
136: Ibid., Eine solche Situation ist in einer Welt, in der mit dem Sonntag
mehr und mehr umgegangen wird wie mit allen anderen Wochenta-
gen, insbesondere seitens der Regierungen, schwer vorstellbar.
137: Ellen G. White, von der diese Worte zitiert sind, sagt uns nichts dar-
über, wie diese Aufklärung stattfinden soll. Es hat den Anschein, als
ob dann eine Art zusätzlicher Offenbarung gegeben wird. Die ein-
deutige Folgerung ist, daß die Bibel für diesen Punkt nicht maßgeb-
lich ist. Denn wenn doch, wozu dann diese zusätzliche Aufklärung?
138: Ibid. Diese Aussagen stammen aus Ellen G. Whites Der große Kon-
flikt, Orig.-S. 449. Die ungeheure Gottlosigkeit derer, die das Mal-
zeichen des Tieres empfangen, besteht also darin, daß sie Gott am
Sonntag verehren! Hier sehen wir, wohin man kommt, wenn man
einer einmal erlangten Vorstellung freien Lauf gibt.
139: Church Manual, herausgegeben von der Generalkonferenz der Sie-
benten-Tags-Adventisten, 1959, S. 57-58.
140: Questions on Doctrine, S. 186-196, besonders S. 191. Auf dieser Seite
schreiben sie, daß diese Anwendung des Verses aus der Offenbarung
auf sie selbst die logische Schlußfolgerung aus ihrer Auslegungssy-
stematik der Prophetien sei.
141: Die Auslegung findet sich z.B. in R. C. H. Lenski, Interpretation of St.
John’s Revelation (Columbus: Wartburg Press, 1943), W. Hendriksen,

203
Anmerkungen

More Than Conquerors (Grand Rapids: Baker, 1940) und Albert Bar-
nes, Notes on the Book of Revelation (London: Routledge, 1857).
142: Weitere Einzelheiten über die adventistische Lehre über den Über-
rest der Gemeinde weiter unten, S. 183-188.
143: Branson, Drama of the Ages, S. 167-168.
144: Aber wann weiß die Gemeinde, ob einem Menschen seine Sünden
wirklich vergeben sind? Kann denn die Gemeinde in das Herz eines
Menschen sehen? In Artikel 11 des Taufgelöbnisses finden wir eine
genauere Erläuterung dieses Punktes: „... wünscht du, getauft zu
werden als ein Ausdruck deines Glaubens an Christus und der Ver-
gebung deiner Sünden?“ (Church Manual, S. 57).
145: Questions on Doctrine, S. 623.
146: Besonders der vorhergehende Kontext ist zu beachten, wo „gebieten,
sich von Speisen zu enthalten“ (Vers 3) als „Lehre von Dämonen“
(Vers 1) bezeichnet wird.
147: Siehe den exzellenten Kommentar zu diesen Versen von F. F. Bruce
in Commentary on Colossians (Eerdmans, 1957). Eine gute Erläute-
rung der gesamten Fragestellung der „unreinen Speisen“ bei den Sie-
benten-Tags-Adventisten findet sich in Bird, Theology of Seventh-
day Adventism, Kap. 7.
148: Zitiert aus The Desire of Ages, S. 650.
149: A.a.O., S. 183-184. Aus Bransons Erklärung ergibt sich, daß die
Siebenten-Tags-Adventisten keine Verfechter der Vollkommenheits-
lehre sind.
150: Vergleiche Branson, a.a.O., S. 185.
151: Siehe oben, S. 40-42.
152: Carlyle B. Haynes, Life, Death and Immortality, S. 202.
153: Die Zeugen Jehovas nehmen grundsätzlich den gleichen Standpunkt
über den Zwischenzustand ein wie die Siebenten-Tags-Adventisten.
Das Vertreten der Lehre von der bedingten Unsterblichkeit führt zu
einer Verleugnung der ewigen Strafe. Unter Punkt C im zweiten Teil
des Buches werden diese Lehren (Seelenauslöschung, bedingte Un-
sterblichkeit und Vernichtung der Bösen) kritisch bewertet.
154: Questions on Doctrine, S. 449-454, 463.
155: Fundamental Beliefs, Artikel 20.
156: Branson, a.a.O., S. 525. Vergl. Carlyle B. Haynes, The Return of
Jesus (Washington: Review and Herald, 1926), S. 279.
157: Haynes, Return of Jesus, S. 287.
158: Branson, a.a.O., S. 531-533.
159: Haynes, Return of Jesus, S. 287.

204
Teil I

160: Ibid., S. 287, 295.


161: Branson, a.a.O., S. 536. Die Siebenten-Tags-Adventisten lehren nicht
die Möglichkeit einer zweiten Errettungschance nach dem Tod oder
nach diesem Zeitpunkt der Heilsgeschichte. Zu diesem Punkt siehe
auch ibid., S. 211.
162: Questions on Doctrine, S. 491-492. Auf S. 495 wird deutlich, daß
Christus zu dieser Zeit noch nicht ganz bis auf die Erde herab-
kommt, sondern in der Luft bleibt.
163: Ibid., S. 492. Vergl. auch Branson, a.a.O., S. 551-554, und Haynes,
The Return of Jesus, S. 295-303.
164: Questions on Doctrine, S. 498-501, siehe auch Ellen G. White, Der
große Konflikt, Orig.-S. 658.
165: Der große Konflikt, Orig.-S. 637. Da alle Ungerechten, die nicht bei
der Schlacht von Harmagedon getötet wurden, durch den Glanz von
Christi Gegenwart umgebracht werden und da alle Gottlosen am
Ende des Tausendjährigen Reichs auferstehen, hat es den Anschein,
daß alle, die bei dieser besonderen Auferstehung wieder lebendig
werden, zweimal auferstehen: einmal jetzt, und dann ein zweites Mal
am Ende des Tausendjährigen Reichs.
166: Ibid., es wird deutlich gemacht, daß die beiden hier beschriebenen
Gruppen vor Christi wirklicher Wiederkunft auferweckt werden.
Siehe zu diesem Punkt auch Principles of Life from the Word of God,
S. 327-328, 480-481.
167: Siehe oben, S. 20-21.
168: Questions on Doctrine, S. 493. Es sollte jedoch festgehalten werden,
daß das hier benutzte griechische Wort ezesan (Aorist von zao,
leben) auch einfach mit sie lebten übersetzt werden kann, so lesen
sowohl KJV als auch ASV.
169: Brief von Thomas Blincoe zu diesem Thema.
170: Questions on Doctrine, S. 493-494.
171: Ibid., S. 494-496.
172: Ibid., S. 479-480, 495.
173: Ibid., S. 496-498.
174: Ibid., S. 498.
175: Ibid., S. 504. In Anbetracht der Tatsache, daß nach der adventisti-
schen Lehre der Tod die vollständige Vernichtung bedeutet und die
sogenannte Auferstehung vielmehr eine Neuschöpfung ist, ist das
Zurückhalten dieses rebellierenden Geistes schwierig zu verstehen.
176: Ibid., S. 505.
177: Ibid., S. 498, 534; Branson, a.a.O., S. 576.

205
Anmerkungen

178: Fundamental Beliefs, Artikel 12. Wenn das stimmt, fragt man sich,
warum Gott sich überhaupt die Mühe macht und die Toten aufer-
weckt. Würde es nicht einfacher sein, sie in der Nichtexistenz zu las-
sen, in die sie durch den Tod gefallen sind?
179: Questions on Doctrine, S. 539. Unter Punkt C im dritten Teil dieses
Buches werde ich diese Lehren über die zukünftige Bestrafung kri-
tisch beleuchten. Siehe auch die kompetente Widerlegung dieser Leh-
ren in Norman Douty, a.a.O., S. 142-159, und in Bird, a.a.O., S. 53-63.
Hier sollte auch beachtet werden, daß sich die Siebenten-Tags-
Adventisten vom herkömmlichen Christentum dahingehend unter-
scheiden, daß sie die Lehre vom öffentlichen „Gerichtstag“ ablehnen.
Die großen protestantischen Bekenntnisse glauben, daß es nach
Christi Wiederkunft auf die Erde und der Auferstehung sowohl der
Gläubigen als auch der Ungläubigen einen Gerichtstag geben wird.
Alle Menschen, die jemals gelebt haben, sollen dann vor dem Rich-
terstuhl Christi erscheinen, um dann auf Grundlage ihrer persön-
lichen Beziehung zu Christus während ihres Lebens und ihrer Werke
gerichtet zu werden (siehe Augsburger Bekenntnis, Teil I, Art. 17;
Belgisches Bekenntnis, Art. 37; Westminster Bekenntnis, Kap. 33 –
oder, in neueren Ausgaben, Kap. 35).
Die Siebenten-Tags-Adventisten lehnen jedoch die Lehre von einem
solchen öffentlichen Gerichtstag ab. Das Gericht aus Offenbarung
20,12 verstehen sie als das jetzt schon laufende Untersuchungsge-
richt (Questions on Doctrine, S. 421). Sie unterscheiden dabei jedoch
zwischen Untersuchungsgerichten und Vollstreckungsgerichten
(S. 422). Es gibt, so lehren sie, zwei Gerichtsphasen: Das Untersu-
chungsgericht der Gläubigen, das schon jetzt stattfindet und vor
Christi Zweitem Kommen abgeschlossen sein wird, und dem an-
schließenden Vollstreckungsgericht der Gläubigen, das beim Zweiten
Kommen stattfindet, und dem Untersuchungsgericht der Ungläubi-
gen, das während des Tausendjährigen Reichs fortdauert und auf das
nach dem Tausendjährigen Reich das Vollstreckungsgericht der
Ungläubigen folgt. In jedem Fall ist das Vollstreckungsgericht ledig-
lich die Vollstreckung des Gerichtsurteils, das im Untersuchungsge-
richt bestimmt worden ist.
180: Fundamental Beliefs, Artikel 21.
181: Ibid., Artikel 22.
182: Ibid., Vergl. Questions on Doctrine, S. 507-508, und Branson, a.a.O.,
S. 573-582. Weitere Einzelheiten zur Eschatologie der Siebenten-
Tags-Adventisten siehe unten, S. 189-191.

206
TEIL II –
DAS UNTERSUCHUNGSGERICHT
UND DIE LEHRE VOM SÜNDENBOCK

1: Siehe oben, S. 13-16.


2: Siehe oben, S. 16-19.
3: In Anlehnung an den Text der ASV. Der Ausdruck „zur Zertretung
preisgegeben“ ist eine wörtliche Übersetzung des hebräischen Wortes
mirmas („zum Zertreten“). Der Leser sollte diesem Wort besondere
Beachtung schenken, denn es ist offensichtlich, daß das Heiligtum,
von dem hier die Rede ist, kein himmlisches ist. Ein himmlisches Hei-
ligtum kann nicht zur Zertretung preisgegeben sein.
4: Siehe oben, S. 15, Anm. 6.
5: Im Pi’el taher. Es ist bemerkenswert, daß dieses das Verb ist, welches
in 3. Mose 16 – dem Kapitel, in dem die Zeremonien des Versöh-
nungstages beschrieben werden – benutzt wird. Es wird zum einen in
Vers 19 für die Reinigung des Altars verwendet, der vor Jehova ist
(wahrscheinlich der Brandopferaltar), und zum zweiten in Vers 30 für
das Reinigen des Volkes von seinen Sünden. Hätte Daniel auf dieses
Reinigen am Versöhnungstag hinweisen wollen, dann hätte er sicher-
lich taher anstelle von zadaq benutzt.
6: G. Ch. Aalders, Het Boek Daniel (in der Reihe Korte Verklaring, 2.
Aufl. Kampen: Kok, 1951), S. 178-179.
7: Diese Auslegung von Daniel 8,14 ist die, die Aalders, der spätere Pro-
fessor für Altes Testament an der Freien Universität Amsterdam, in
dem oben genannten Buch bevorzugte. Siehe auch J. K. van Baalen,
Chaos of Cults (4. Aufl., Grand Rapids: Eerdmans, 1962), S. 233,
Anm. 9. Sowohl C. F. Keil in seinem Commentary on Daniel (Edin-
burgh: Clark, 1891) als auch Edward J. Young in Prophecy of Daniel
(Grand Rapids: Eerdmans, 1953) sind der Meinung, daß die 2.300
Abende und Morgen nicht als 1.150, sondern als 2.300 Tage verstan-
den werden müssen. Trotzdem verstehen beide die „Reinigung“ bzw.
„Rechtfertigung“ des Heiligtums als seine Wiederherstellung zum
eigentlichen Gebrauch nach seiner Entweihung durch Antiochus Epi-
phanes. Deshalb stimmen beide grundsätzlich mit der oben bevorzug-
ten Interpretation überein (wenn sie sich auch in der dafür angesetz-
ten Zeit unterscheiden) und weisen die Auslegung der Siebenten-
Tags-Adventisten zurück.

207
Anmerkungen

8: Questions on Doctrine, S. 432.


9: Typology of Scripture, II, S. 275. Das Zitat stammt aus der 10. Aufl.
(New York: Tibbals, ohne Jahresangabe). Vergl. Louis Berkhof, Bibli-
cal Archaeology (3. Aufl., Grand Rapids: Smitter, 1928), S. 146, und G.
F. Oehler, Theology of the Old Testament (New York Funk & Wag-
nalls, 1883), S. 276-281. Der letztgenannte Autor fügt den Gedanken
an, das Sprengen des Blutes symbolisiere die Selbsthingabe des
Opfernden an Gott. Siehe auch J. D. Douglas (Hrsg.), The New Bible
Dictonary (Grand Rapids: Eerdmans, 1962), S. 1120-1122.
10: Questions on Doctrine, S. 432.
11: “Dem einzelnen Sünder war vergeben und er war damit von seinen
Sünden befreit, aber in den Blutsflecken am Heiligtum konnte er seine
Missetaten wiedererkennen, die er so gern ausgetilgt und für immer
hinweggetan gesehen hätte“ (Questions on Doctrine, S. 432).
12: C. F. Keil und F. Delitzsch, Commentary on the Pentateuch (Edin-
burgh: Clark, 1891), II, 395.
13: Ibid., S. 402. Wir können die Beziehung dieses öffentlichen Sündop-
fers zu den einzelnen Opfern des Volkes mit der Beziehung eines
allgemeinen Sündenbekenntnisses am Sonntagmorgen zu den einzel-
nen Bekenntnissen der Gemeindeglieder vergleichen. Weder aus den
Zeremonien am Versöhnungstag noch aus dem öffentlichen Sünden-
bekenntnis ergibt sich, daß die einzelnen bekannten Sünden nicht
vorher von Gott vergeben und aus Seinen Aufzeichnungen gelöscht
wurden.
14: Questions on Doctrine, S. 361.
15: Questions on Doctrine, S. 435.
16: Auf Seite 433 von Questions on Doctrine geben die Autoren zu, daß
dieses Bild in der Bibel benutzt wird, um die vollständige Tilgung der
Sünden auszudrücken.
17: Arndt und Gingrich, Greek-English Lexicon of the New Testament
(Chicago: University of Chicago Press, 1957), S. 125.
18: Questions on Doctrine, S. 439-440.
19: Arndt und Gingrich, a.a.O., S. 269.
20: Die Adventisten geben zu, daß Christus unser Fürsprecher ist und Er
Sein Volk beim Untersuchungsgericht vertritt (Questions on Doctrine,
S. 441-442). Da jedoch ihren eigenen Angaben zufolge das Wirken
Christi seit 1844 ein Wirken des Richtens sein soll, können wir nur
schließen, daß ihre Theologie Christi priesterlichen Dienst und Seinen
Dienst als Richter arg durcheinanderwirft. Wie kann Er Sein Volk ver-
treten und es gleichzeitig richten?

208
Teil II – Das Untersuchungsgericht und die Lehre vom Sündenbock

21: Der große Konflikt, Orig.-S. 422.


22: Questions on Doctrine, S. 420-421.
23: Der große Konflikt, Orig.-S. 483, zitiert in Questions on Doctrine,
S. 443.
24: Drama of the Ages, S. 351.
25: Questions on Doctrine, S. 391-395.
26: Hrsg. James Orr (überarbeitete Aufl., Grand Rapids: Eerdmans,
1939), I, 342-344.
27: Typology of Scripture, II, 340-341. Vergl. auch W. Moeller im oben
genannten I.S.B.E.-Artikel: „Die beide Böcke ... stellen zwei Seiten
einer Medaille dar. Der zweite ist notwendig, damit verdeutlicht wird,
was der erste geschlachtete nicht mehr verdeutlichen kann, nämlich
das Entfernen der Sünden ...“ (I, 343).
28: Der Leser sei darüber hinaus auf Herbert Birds Theology of Seventh-
day Adventism, S. 72-92, und auf Norman F. Doutys Another Look at
Seventh-day Adventism, S. 118-129, verwiesen. Beide Titel enthalten
kompetente Bewertungen sowohl der Lehre vom Untersuchungsge-
richt als auch der Lehre vom Sündenbock.

209
TEIL II –
DIE LEHRE DER SIEBENTEN -TAGS -
ADVENTISTEN ÜBER DEN SABBAT

1: Questions on Doctrine, S. 158.


2: Ibid., S. 161-165.
3: Diesen Standpunkt erhärtende Belege werden weiter unten in diesem
Kapitel aufgezeigt.
4: Biblical Theology (Grand Rapids: Eerdmans, 1954), S. 155.
5: Ibid., S. 157-158.
6: Kapitel 21, Abschnitt 7, einzusehen in Schaff, Creeds of Christendom,
4. Aufl. (New York: Harper, 1919), III, 648-649. Die Post Acta der
Synode von Dort von 1618-19 enthalten eine Erklärung zum Sabbat-
dienst, in der zwischen einem zeremoniellen und einem moralischen
Aspekt des vierten Gebots unterschieden wird. Der zeremonielle
Aspekt, der für die neutestamentlichen Christen aufgehoben worden
war, besteht im Halten des siebten Tages. Der moralische Aspekt, der
immer noch gültig ist, besteht im Begehen eines bestimmten Wochen-
tags zur Ruhe und zum Gottesdienst. Diese Erklärung, die die Christ-
lich-Reformierte-Kirche annahm, findet sich in Polity of the Churches
von J. L. Schaver (Chicago: Church Polity Press, 1947), II, 33.
7: Questions on Doctrine, S. 153.
8: Ibid., S. 181.
9: Ibid., S. 151, 161.
10: Arthur E. Lickey, God Speaks to Modern Man (Review and Herald),
S. 424, 430. Auf Seite 430 weist Lickey darauf hin, daß Lukas in der
Apostelgeschichte von 84 Sabbatdiensten gegenüber nur einer Zusam-
menkunft am ersten Tag der Woche berichtet.
11: Sogar die Siebenten-Tags-Adventisten geben zu, daß Christus am
ersten Tag der Woche auferstand (Questions on Doctrine, S. 151). Vos
gibt dazu folgenden Kommentar, indem er Delitzsch zitiert: Da Chri-
stus am siebten Tag im Grab lag, war der jüdische Sabbat in Seinem
Grab begraben (a.a.O., S. 158).
12: Hier könnte die Frage gestellt werden, woher wir denn wissen, daß
der Pfingsttag, von dem in Apostelgeschichte 2 berichtet wird, auf
einen Sonntag fiel. Das Wort pentekoste, das hier verwendet ist,
bedeutet „der fünfzigste“. Es bezeichnete das jüdische Wochenfest, an

210
Teil II – Die Lehre... über den Sabbat

dem zwei Laibe gesäuerten Brots dem Herrn geopfert wurden. In


3. Mose 23,15.16 wird festgesetzt, daß dieses Fest am Tag nach dem
siebten Sabbat nach dem Passahfest gefeiert werden sollte. Die Saddu-
zäer des 1. Jh. n.Chr. deuteten den „Tag nach dem Sabbat“ als einen
ersten Tag der Woche; nach dieser Interpretation würde Pfingsten
immer auf einen Sonntag fallen. Die Pharisäer jener Zeit deuteten
jedoch diese Verse aus 3. Mose so, daß Pfingsten auf verschiedene
Wochentage fallen konnte. F. F. Bruce stellt heraus, daß zwar ab 70
n.Chr. die Interpretation der Pharisäer für das Judentum maßgebend
wurde, aber „solange der Tempel stand, war ihre [der Sadduzäer]
Interpretation für die offizielle Feier des Festes [Pfingsten] maßge-
bend. Die christliche Tradition liegt somit darin richtig, das alljährli-
che Gedenken an das Herabkommen des Heiligen Geistes an einem
Sonntag zu feiern“ (Commentary on the Book of the Acts [Grand
Rapids: Eerdmans, 1955], S. 53, Anm. 3).
13: Lickey. a.a.O., S. 430.
14: A.a.O., S. 408, Anm. 25. Vergl. O. Cullmann, Early Christian Wor-
ship (London, 1953); S. 10ff, 88ff. In beiden Fällen war die Zusam-
menkunft an einem ersten Tag der Woche.
15: A.a.O., S. 431. Vergl. M.L. Andreasen, The Sabbath, Which Day and
Why? (Washington: Review and Herald, 1942), S. 167-170.
16: Bruce, a.a.O., S. 408. Vergl. R. C. H. Lenski; Acts of the Apostles
(Columbus: Wartburg Press: 1944), S. 826; ebenso F. W. Grosheide,
Handelingen, in Korte Verklaring (Kampen: Kok, 1950), S. 107.
17: The Sabbath, S. 172-174.
18: So wird es von Grosheide in seinem Commentary on the First Corin-
thians (Eerdmans, 1955) auf S. 398 verstanden; ebenso von Lenski in
First Corinthians (Columbus: Wartburg Press, 1946), S. 759; und von
Arndt und Gingrich im Greek-English Lexicon, S. 615 (hier jedoch
durch eine Wahrscheinlichkeit eingeschränkt). Charles Hodge ist
jedoch der Meinung, Paulus beziehe sich hier auf eine Opfergabe, die
zur Gemeinde gebracht und dort eingesammelt wurde (First Corinthi-
ans [Eerdmans, Neuaufl. 1956], S. 363-364).
20: Siehe auch Grosheide, Lenski und Hodge in den oben angegebenen
Werken.
21: Lickey, a.a.O., S. 415; und Andreasen, The Sabbath, S. 186.
22: Unter den Wörterbüchern sollten folgende beachtet werden: Moulton
und Milligan, Vocabulary of the Greek Testament (Eerdmans, 1957),
S. 364; Werner Förster, im Theologischen Wörterbuch zum Neuen
Testament von Kittel (Stuttgart: Kohlhammer, 1938), III, 1096; und

211
Anmerkungen

das Greek-English Lexicon von Arndt und Gingrich, S. 459. Die letzt-
genannten Autoren schreiben unter dem Stichwort Tag des Herrn:
„Mit Sicherheit der Sonntag (so in heutigem Griechisch).“
23: Die Offenbarung wurde wahrscheinlich im letzten Jahrzehnt des
ersten Jahrhunderts geschrieben. Von daher haben wir einen Hinweis
darauf, daß der erste Tag der Woche bereits im ersten Jahrhundert von
den Christen als Tag des Gottesdienstes begangen wurde. Wenn das
nun gegen den Willen Gottes gewesen wäre, hätten die Apostel dem
entgegentreten und die Christen davor warnen sollen. Wir finden
jedoch keine solche Warnung, im Gegenteil, wir sehen, daß Paulus
den ersten Tag befürwortet, da er die Christen dazu anhält, an diesem
Tag ihre Opfergaben einzulegen.
24: Questions on Doctrine, S. 166. Den Hinweis gibt Clemens in Miscella-
nea, V, 14.
25: Geschrieben ca. 95 n.Chr. Siehe obige Erläuterung.
26: Geschrieben ca. 107 n.Chr. Text aus The Apostolic Fathers von Light-
foot (Grand Rapids: Baker, 1956), S. 71.
27: Geschrieben Ende des 1. oder Anfang des 2. Jh. Text aus Lightfoot,
a.a.O., S. 128.
28: Geschrieben irgendwann zwischen 70 und 130 n.Chr. Text aus Light-
foot, a.a.O., S. 152.
29: Geschrieben ca. 155 n.Chr. Text aus The Ante-Nicene Fathers (Eerd-
mans, Neuaufl. 1956), I, 186. Die Siebenten-Tags-Adventisten
behaupten dazu, daß das, wovon Justinus hier spricht, ein „Auferste-
hungsfest“ sei, das von der Mitte des 2. Jh. an zusätzlich zum Sabbat
begangen wurde (Questions on Doctrine, S. 152). Das erscheint jedoch
höchst ungewöhnlich. So wie es zuvor in dem Kapitel beschrieben ist,
enthält der Gottesdienst an diesem Tag Schriftlesung, eine kurze Pre-
digt, Gebet, Danksagung, das Feiern des Herrnmahls und eine Opfer-
gabe für die Bedürftigen. Das scheint offensichtlich eine Beschreibung
eines gewöhnlichen Sonntagsgottesdienstes zu sein. Wenn es ein Fest-
gottesdienst gewesen wäre, der zusätzlich zum Sabbat gehalten wur-
de, würde man in diesem Kapitel einen Hinweis darauf erwarten.
Einen solchen Hinweis gibt es jedoch nicht, vielmehr sagt Justinus:
„Der Sonntag ist der Tag, an welchem wir alle unsere übliche Ver-
sammlung halten ...“ Darüber hinaus bestätigt Justinus im Dialog mit
Trypho, der kurze Zeit nach der Ersten Apologie geschrieben wurde,
deutlich, daß die Heidenchristen seiner Zeit nicht den Sabbat hielten:
„Aber die Heiden, die an Ihn [Christus] glauben ... sie werden das
Erbe erlangen ... wenngleich sie weder jemals den Sabbat hielten, noch

212
Teil II – Die Lehre ... über den Sabbat

beschnitten wurden oder die Feste begingen“ (Kap. 26; Text aus The
Ante-Nicene Fathers, I, 207).
30: Questions on Doctrine, S. 181. Uns wird jedoch nirgends genau mitge-
teilt, welcher Papst nun den Tag verlegte.
31: Für eine weitergehende Erörterung und Ausarbeitung der in diesem
Kapitel behandelten Problematik sei der Leser auf Bird, Theology of
Seventh-day Adventism, S. 93-118, verwiesen; ebenso Douty, Another
Look at Seventh-day Adventism, S. 80-91; Martin, The Truth About
Seventh-day Adventism, S. 140-173. Älter, aber dafür sehr gründlich
ist D. M. Canright, The Lord’s Day from Neither Catholics Nor
Pagans, mit dem Untertitel „Eine Antwort für die Siebenten-Tags-
Adventisten auf diese Frage“ (New York: Revell, 1915). Einschlägige
Literatur findet sich ebenfalls in Chaos of Cults von J. K. van Baalen,
4. Aufl. (Eerdmans, 1962), S. 240-247, 249-253.

213
TEIL II –
DIE LEHRE DER SIEBENTEN -TAGS -ADVEN-
TISTEN ÜBER DAS LEBEN NACH DEM TOD

1: Siehe oben, S. 40-42, 76.


2: G. C. Berkouwer in seinem Buch Mens het Beeld Gods (Kampen:
Kok, 1957). Er führt solch aktuelle Theologen an wie G. Vander
Leeuw und Paul Althaus (S. 282). Ein reformierter Pastor in den Nie-
derlanden, B. Telder, nimmt in seinem Buch Sterven ... en Dan?
(Kampen: Kok, 1960) einen ähnlichen Standpunkt ein. Dieses Buch
veranlaßte jedoch einen Proteststurm über die Grenzen der Nieder-
lande hinaus.
3: Der Zustand des Menschen zwischen Tod und Auferstehung.
4: De Wederkomst van Christus (Kampen: Kok, 1961), I, 62.
5: Ibid., I., 64. Vergl. Oscar Cullmann, Christ and Time (Philadelphia:
Westminster Press, 1950), S. 241.
6: Siehe oben, S. 40-42.
7: F. Arndt und F. Wilbur Gingrich, Greek-English Lexicon of the New
Testament (Chicago: University of Chicago Press, 1957), S. 901-902.
8: Siehe die Erläuterung dieser Textstelle von Berkouwer in Wederkomst
van Christus, I, 154-155. Vergl. auch Cullmann, a.a.O., S. 240-241.
9: Siehe oben, S. 42.
10: A.a.O., S. 682-684.
11: B. M. Metzger, The Jehova’s Witnesses and Jesus Christ (in Theology
Today, April 1953, S.65-66), S. 68.
12: Jüdische Altertümer, XVIII, 1, 4. Es hat deshalb den Anschein, daß
die Sadduzäer die ersten Vertreter der Theorie der „Seelenauslö-
schung“ im christlichen Zeitalter waren. Ihr Standpunkt bezüglich
dieser Problematik scheint mit dem der heutigen Siebenten-Tags-
Adventisten und Zeugen Jehovas identisch gewesen zu sein.
13: Zu dieser Textstelle siehe K. J. Popma, Levensbeschouwing (Amster-
dam: Buijten en Schipperheijn, 1958), III, 196, 210.
14: Die Siebenten-Tags-Adventisten rechtfertigen diese Interpunktion
durch ein Zitat aus Ellen G. Whites Desire of Ages (Principles of Live
from the Word of God, S. 323).
15: Siehe die Anmerkung in „Der dritte Himmel“ in Philip E. Hughes,
Paul’s Second Epistle to the Corinthians (Eerdmans, 1962), S. 432-434.

214
Teil II – Die Lehre... über das Leben nach dem Tod

16: Siehe A. T. Robertson, Grammar of the Greek New Testament in the


Light of Historical Research (Nashville: Broadman Press, 1934), S. 787:
„Manchmal werden mehr oder weniger zu unterscheidende Aus-
drücke mit dieser Absicht wie nur einer behandelt und haben deshalb
nur einen Artikel.“ Vergl. F. Blass und A. Debrunner, A Greek Gram-
mar of the New Testament (Chicago: University of Chicago Press,
1961), Abs. 276, (3).
17: Questions on Doctrine, S. 527-528.
18: Siehe zu diesem Punkt Herbert S. Bird, Theology of Seventh-day
Adventism (Eerdmans, 1961), S. 49. Vergl. auch Berkouwer, Weder-
komst van Christus, I, 64-66; und Cullmann, a.a.O., S. 239-240.
19: J. H. Moulton und George Milligan, The Vocabulary of the Greek
Testament Illustrated from the Papyri (Eerdmans, 1957, Originalaus-
gabe 1930), S. 192.
20: Blass-Debrunner, a.a.O., Abs. 331.
21: Questions on Doctrine, S. 528.
22: Das soll nicht abstreiten, daß Paulus immer noch „einheimisch beim
Herrn“ wäre, wenn er seinen neuen Leib erhalten hat. Diese Textstelle
ausschließlich auf die leibliche Auferstehung zu beziehen ist jedoch
unberechtigt. Vergl. hierzu auch Cullman, a.a.O., S. 238-240; Ber-
kouwer, Wederkomst van Christus, I, 68-73; und Hughes, a.a.O.,
S. 175-185. Hughes antwortet kritisch auf den Standpunkt, den E.
Earle Ellis in seinem Buch Paul and His Recent Interpreters (Eerd-
mans, 1961) zu dieser Textstelle einnimmt.
23: Questions on Doctrine, S. 560.
24: Ibid., S. 558.
25: Ibid., S. 564. Diesem Verständnis des Gleichnisses liegt ein Zitat aus
Ellen G. Whites Buch Christ’s Object Lessons (S. 263) zugrunde.
26: Zur gesamten Problematik der Seelenauslöschung siehe, zusätzlich zur
bereits angeführten Literatur, Norman F.Douty, Another Look at
Seventh-day Adventism (Grand Rapids: Baker, 1962), Kap. 2; und
Bird, a.a.O., Kap. III.
27: Siehe oben, S. 83.
28: Questions on Doctrine, S. 558.
29: Daß aionios endlos bedeutet, wird weiter unten gezeigt werden.
30: Nathan Homer Knorr, Let God be True (2. Aufl. 1952), S. 95.
31: Als Ulysses Glass von der Wachturm-Gesellschaft in einem Gespräch
mit dem Autoren am 6. Juni 1962 gefragt wurde, warum die Bibel
sagt, daß dieses Feuer nicht verlöschen wird, antwortete er: „Das Feu-
er wird nicht verlöschen weil es immer einen Bestrafungsort geben

215
Anmerkungen

wird.“ Die Schlußfolgerung aus dieser Antwort ist, daß das Feuer von
Gehenna weiterbrennen wird, nachdem die Bösen vernichtet worden
sind, damit möglicherweise auftretende Aufrührer bestraft werden
können. Vergl. Watchtower, 15. Nov. 1955, S 703; und die Aussage auf
S. 303 von This Means Everlasting Life: „Der zweite Tod kann
während der Ewigkeit jederzeit über jeden verhängt werden, der die
Sünde wählt. Dieses bleibt für immer in Gottes Macht.“ Daß diese
Auslegung des „unauslöschlichen Feuers“ ein vorsätzlicher Versuch
ist, die klaren Aussagen der Schrift zu umgehen, ist aus Jesu Worten
ersichtlich: „Ihr Wurm stirbt nicht.“ Wenn auf diesen Satz die Worte
folgen „das Feuer nicht erlischt“, ist das offensichtlich so, weil das
Feuer weiterbrennt, um sie zu bestrafen.
32: Die Siebenten-Tags-Adventisten beziehen diese Textstelle, wie wir
gesehen haben, auf diejenigen, die sich nach der zukünftigen Auf-
klärung über die Verpflichtung des Sabbatgebots immer noch wei-
gern, den siebten Tag zu ehren (siehe oben S. 63-64). Die Adventisten
stimmen jedoch zu, daß die hier beschriebene Bestrafung die der auf
ewig Verlorenen ist.
33: Die Siebenten-Tags-Adventisten versuchen, der Kernaussage dieser
Textstelle auszuweichen (und der von Off 19,3 und 20,10, wo die glei-
chen Begriffe verwendet werden), indem sie auf Jes 43,10 verweisen,
wo der Ausdruck „ewig (le’olam) steigt sein Rauch empor“ in einem
Kapitel verwendet wird, das das Gericht über Edom beschreibt. Da
dieses unauslöschliche Feuer und dieser ewige Rauch mit der Verwü-
stung von Edom endeten und da dieses Feuer heute offensichtlich
nicht mehr brennt, folgern sie, damit sei klar, daß Off 14 und ähnliche
Textstellen nur anschauliche Darstellungen der vollständigen Vernich-
tung der Bösen sind (Questions on Doctrine, S. 542-543).
Aber noch einmal: Jesaja benutzt in Kap. 34 Edom als Symbol für alle
Mächte, die Feinde der Gemeinde Gottes sind, und von daher kann
die Beschreibung von Gottes Gericht über Edom in einigen Aspekten
nur im Hinblick auf Sein endgültiges Gericht über alle Bösen gedeutet
werden: „Das unauslöschliche Feuer ... und der ewig aufsteigende
Rauch (vergl. Off 19,3) beweisen, daß hier auf das Ende aller Dinge
hingedeutet wird“ (F. Delitzsch, Commentary on Isaiah [Edinburgh:
T. & T. Clark, 1881], II, 72, vergl. S. 70). Wie erklären die Siebenten-
Tags-Adventisten Vers 4 dieses Kapitels, „Und alles Heer der Himmel
zergeht. Und die Himmel werden zusammengerollt wie eine Buch-
rolle ...“? Haben sich diese Worte etwa auch mit der Verwüstung
Edoms erfüllt?

216
Teil II – Die Lehre... über das Leben nach dem Tod

34: Obwohl die Herausgeber der 1951er Ausgabe der New World Trans-
lation of the Christian Greek Scriptures vorgeben, jedes Wort mit
jeweils nur einer Bedeutung zu versehen (S. 9), ist es bemerkenswert,
daß das Wort apollymi verschieden übersetzt wird: verlieren (Lk 15,4),
hinüber sein (Mt 9,17), umkommen (Lk 21,18) und zerstört sein
(Joh 3,16). Deshalb müssen die Wachturm-Übersetzer auf Grundlage
ihres eigenen Neuen Testaments zugeben, daß das Wort apollymi oft
in der Weise verwendet wird, daß es nicht vernichten bedeuten kann.
35: Questions on Doctrine, S. 537 und 539. Im mittleren Abschnitt auf
S. 537 werden vier Texte zitiert, um zu beweisen, daß die Bösen „ver-
nichtet“ werden. Es wird jedoch kein Hinweis darauf gegeben, daß
das hier mit „zerstört“ übersetzte Wort im Original für vier verschie-
dene Wörter steht: ein hebräisches Wort (schamad) und drei griechi-
sche Wörter (apollymi, olethros, katargeo). Ist das verantwortungsbe-
wußte Lehre?
36: Einige meinen, es beziehe sich auf die körperliche Not dieses Mannes,
andere vermuten, es bedeute die schließliche Unterjochung seiner
bösen Natur. In keinem der beiden Fälle könnte das Wort Vernich-
tung bedeuten.
37: Die Siebenten-Tags-Adventisten behaupten, die Bösen werden zwar
bei Christi Wiederkunft vernichtet, aber am Ende des Tausendjähri-
gen Reichs werden sie wieder „auferweckt“. Diese Art von „Vernich-
tung“, die die Bedeutung des Wortes olethros sein soll, ist jedoch dann
nur eine zeitweilige. Wenn olethros in seiner Anwendung auf den end-
gültigen Zustand der Bösen nur diese Art von Vernichtung bedeutet,
woher sollen wir dann wissen, daß Gott sie nicht irgendwann wieder
ins Leben ruft?
38: Moulton und Milligan, a.a.O., S. 445, Zitat von Milligan zu 1. Thessa-
lonicher. Siehe auch Leon Morris, The First and Second Epistles to the
Thessalonians (Eerdmans, 1959), S. 153-154.
39: “Die Tatsache, daß diese ‚Vernichtung‘ ‚immerwährend‘ ist, zeigt,
daß hier nicht ‚Vernichtung‘ oder ‚Verlassen der Existenz‘ gemeint
sein können.“ Zitat von Hendriksen, Exposition of I and II Thessalo-
nians (Grand Rapids: Baker, 1955), S. 160. Siehe auch Morris, a.a.O.,
S. 205-206.
40: Jüdische Altertümer, XVIII, 1, 3; vergl. Jüdische Kriege, II, 8, 14: „Sie
[die Pharisäer] sagen, ... daß die Seelen der bösen Menschen der ewi-
gen Bestrafung übergeben werden.“
41: Übersetzung nach Lightfoot.
42: A.a.O., S. 352. Das Zitat stammt aus Grenfell und Hunt, Oxyrynchus

217
Anmerkungen

Papyri, V, 840, 6. Die Herausgeber dieses Buches zeigen, daß, obwohl


der Papyrus selbst wahrscheinlich im 4. Jh. geschrieben, das ursprüng-
liche Evangelium, von dem er zum Teil abgeschrieben wurde, aus der
zweiten Hälfte des 2. Jh. stammt (S. 1 und 4).
43: Das Matthäusevangelium wird im allgemeinen auf die Zeit zwischen
50 und 70 n.Chr. datiert. Zu weiteren Hinweisen auf kolasis in zeit-
genössischen Schriften zum Neuen Testament siehe Joh. Schneider,
„Kolasis“, in Kittel, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testa-
ment, III, 817.
44: Arndt und Gingrich, a.a.O., S. 28. Vergl. Thayer, a.a.O., S. 20; und H.
Sasse, „Aionios“, in Kittel, a.a.O., I, 209.
45: Questions on Doctrine, S. 540. Vergl. S. 506, Anm.
46: Fundamental Beliefs, Art. 9.
47: Ibid., Art. 22.
48: Zu diesem Punkt siehe auch Bird, a.a.O., S. 58-59.
49: Siehe oben, S. 82-83.
50: Early Writings (1882), S. 294; zitiert in Douty, a.a.O., S. 140.
51: Siehe oben, S. 83.
52: Off 20,10. Der Leser sei daran erinnert, daß genau der selbe Ausdruck
in Off 4,9 benutzt wird, um die Ewigkeit Gottes zu beschreiben. Dem
Versuch der Siebenten-Tags-Adventisten auf S. 542-543 von Questi-
ons on Doctrine die Bedeutung dieses Ausdrucks durch einen Verweis
auf Jes 34,8-10 abzuschwächen ist bereits weiter oben entgegengetre-
ten worden. Siehe zu diesem Punkt auch Douty, a.a.O., S. 157-158.
53: Gemäß der gegenwärtigen Lehre der Zeugen Jehovas wird Judas nicht
wieder auferstehen, weil er mit seinem Tod aufhörte zu existieren.
Den Siebenten-Tags-Adventisten nach wird Judas nach dem Tausend-
jährigen Reich auferweckt und für eine Zeit für seine Sünden bestraft,
danach jedoch vernichtet werden. Ungeachtet der unterschiedlichen
Standpunkte dieser beiden Gemeinschaften läßt sich Haldemans
Kommentar auf beide gleichermaßen anwenden.
54: Millenial Dawnism (New York: Charles C. Cook, ohne Jahresang.),
S. 29-30. Zu einem ähnlichen Gebrauch dieses Abschnittes siehe Dou-
ty, a.a.O., S. 158-159.

218
TEIL III

1: Siehe Webster, Third New International Dictionary (Springfield: G. &


C. Merriam Co., 1961), unter sect.
2: Frank Mead, Handbook of Denominations in the United States (New
York: Abingdon Press, 1961).
3: Siehe zu diesem Punkt F. Boerwinkel, Kerk en Secte (’s-Gravenhage:
Boekencentrum, 1956), S. 26-27.
4: Denn in der Endzeit ist das, was letztendlich für die Errettung ent-
scheidend ist, nicht der errettende Glaube, sondern der Gehorsam zu
der Botschaft des dritten Engels. Siehe oben, S. 63-64.
5: Siehe Boerwinkel, a.a.O., S. 23-24.
6: Dazu ist das folgende Zitat des gleichen Autoren bemerkenswert:
„Wir [die Mormonen] sind, ungeachtet unserer Schwachheit, die
besten Menschen der Welt. Ich sage das nicht, um uns zu rühmen,
denn ich glaube, diese Wahrheit ist für jeden ersichtlich, der bereit ist,
sich selbst kritisch zu beobachten. Wir sind moralisch rein, in jeder
Hinsicht gleichwertig und in vielerlei Hinsicht anderen Menschen
überlegen“ (Joseph Fielding Smith, Doctrines of Salvation, I, 236).
7: Hamburg: Furche-Verlag.
8: Seher, Grübler, Enthusiasten (Stuttgart: Quellverlag, Originalausgabe
1950).
9: Glaubenswelt (diese Abkürzung wird von hier an für Die Glaubens-
welt des Sektierers benutzt), S. 104.
10: Ibid., S. 104-105.
11: Die Frage, ob dieses wie auch die folgenden Merkmale von Sekten
auch bei den Siebenten-Tags-Adventisten vorhanden ist, wird in der
zweiten Hälfte dieses Kapitels behandelt werden.
12: Hutten, Glaubenswelt, S. 110-11.
13: Ibid., S. 34.
14: Ibid., S. 29.
15: Ibid., S. 30-34.
16: Das, was für die Errettung dieser anderen Schafe entscheidend ist, ist
nicht ihr Glaube an Christus während ihres irdischen Lebens, son-
dern ihr Gehorsam zu Jehova während des Tausendjährigen Reichs.
Genauer gesagt können die anderen Schafe keine Heilsgewißheit
haben, wenn sie sterben, sie müssen sich ihre Errettung noch nach
ihrer Auferstehung verdienen.

219
Anmerkungen

17: Die Grundlage für die Errettung dieser Menschen ist also nicht das
Werk Christi, sondern ihre eigenen guten Werke.
18: Glaubenswelt, S. 57-58.
19: Ibid., S. 78.
20: Ibid., S. 52.
21: Beispielsweise nennen sich die Mormonen „Kirche Jesu Christi der
Heiligen der letzten Tage“ und die Zeugen Jehovas bezeichnen ihre
Gemeinschaft als „Neue-Welt-Gesellschaft“.
22: Man könnte zwar meinen, dieses träfe auf die Zeugen Jehovas nicht
zu, da sie glauben, Christus sei bereits wiedergekommen, aber die
Zeugen sprechen auch von einer „Wiederkunft“, die noch in der
Zukunft liegt: Die „Offenbarung“ Christi bei der Schlacht von Har-
magedon.
23: Hutten, Glaubenswelt, S. 97-98.
24: Ibid., S. 99-102.
25: Wenn der Versammlungsort zur Zeit auch Salt Lake City zu sein
scheint, wird es letztendlich aber Independence in Missouri sein.
26: Die fünf hier vorgestellten charakteristischen Merkmale von Sekten
sind zwar von primärer Wichtigkeit, aber keinesfalls die einzigen, die
aufgezeigt werden könnten.
27: Grand Rapids: Zondervan, S. 248ff.
28: Wie bereits herausgestellt wurde, ist das jedoch nicht die saubere Wei-
se, die Lehre der Siebenten-Tags-Adventisten zu beschreiben, die ja
besagt, daß die Seele nach dem Tod nicht schläft, sondern aufhört zu
existieren (siehe oben, S. 74-76).
29: Fundamental Beliefs, Art. 16.
30: Questions on Doctrine, S. 443; Ellen G. White, Der Große Konflikt,
Orig.-S. 482, 490; William H. Branson, Drama of the Ages (Nashville:
Southern Pub. Co., 1950); S. 351. Dazu folgendes Zitat von Branson:
„Ein Christ, der durch den Glauben an Jesus Christus treu die Anfor-
derungen des Gesetzes erfüllt hat, wird freigesprochen werden; für
ihn gibt es keine Verdammnis, denn das Gesetz findet keine Schuld an
ihm. Wenn aber andererseits jemand ein einziges Gebot gebrochen
und er dieses Vergehen nicht bekannt hat, wird er so behandelt wer-
den, als wenn er alle zehn gebrochen hätte.“ Der Leser sei daran erin-
nert, daß Branson von 1950-54 Präsident der Generalkonferenz der
Siebenten-Tags-Adventisten war.
31: Der große Konflikt, Orig.-S. 639.
32: Ibid., Orig.-S. 639-640.
33: Ibid., Orig.-S. 640.

220
Teil III

34: Ibid.
35: Diese beiden Punkte sind in den gerade angegeben Zitaten aus Der
große Konflikt enthalten. Diese Menschen, so wird hier gesagt,
„haben eine neue Auffassung von Wahrheit und Pflicht“, und deshalb
verstanden sie vorher die Wahrheit nicht und kannten ihre Pflicht
nicht. Wenn diese Menschen echte Gläubige sind, dann werden sie
ihre Sünden bereuen, sobald sie ihnen aufgezeigt werden. Da Ellen G.
White herausstellt, daß zu diesen Menschen auch Geistliche und Reli-
gionslehrer gehören werden, sollten wir auch vermuten, daß es Men-
schen sind, die ihr ganzes Leben lang ihren Gottesdienst treu am
ersten Tag der Woche gehalten haben. Wollen die Siebenten-Tags-
Adventisten wirklich behaupten, solche Menschen würden in die Ver-
dammnis geworfen, nur weil sie das vierte Gebot zwar gehalten, es
aber unbeabsichtigt am falschen Tag gehalten haben?
36: Wie können die Siebenten-Tags-Adventisten überhaupt so sicher sein,
daß alle, die den siebten Tag als Sabbat halten, auch wirklich das vierte
Gebot halten? Würden Juden, die Christus als Messias ablehnen, aber
den siebten Tag halten, dadurch gerettet werden, wohingegen Christen,
die Christus als Erlöser angenommen haben, aber den ersten Tag
halten, verloren gehen? Christus Selbst tadelte die Pharisäer für ihre
Fehlinterpretation des Sabbatgebots, obwohl sie den siebten Tag ehr-
ten (Mt 12,1-8 und Parallelstellen; Mt 12,9-14 und Parallelstellen,
Lk 13,10-17; 14,1-6; Joh 5,10-18; 7,22-24; 9,13-16). Deshalb sollte
sicherlich niemand so naiv sein und annehmen, das bloße Halten des
siebten Tags (gesetzt den Fall, die Adventisten hätten mit dem Tag
Recht) würde an sich schon das richtige Halten des vierten Gebots
garantieren!
37: Fundamental Beliefs, Art. 16.
38: Der große Konflikt, Orig.-S. 640.
39: Denn es kann vorausgesetzt werden, daß Tausende von denen, die
dann das Malzeichen des Tieres empfangen, weil sie den siebten Tag
nicht gehalten haben, an Christus als ihren Erlöser glaubten.
40: S. 187, 191-192; (siehe oben, S. 65).
41: Principles of Life from the Word of God (Mountain View: Pacific
Press, 1960), S. 395.
42: Prophets and Kings (Mountain View: Pacific Press, 1917), S. 605
[Hervorhebungen durch den Autor, hier und in den folgenden fünf
Zitaten].
43: Aus einem Brief an Joseph Bates vom 7. April 1847; einzusehen in A
Word to the „Little Flock“ (1847), S. 18-19.

221
Anmerkungen

44: Der große Konflikt, Orig.-S. 611.


45: Testimonies, Bd. VI, S. 350; zitiert in Principles of Life from the Word
of God, S. 131.
46: Der große Konflikt, Orig.-S. 438.
47: Testimonies, Bd. VI, S. 349; zitiert in Principles of Life from the Word
of God, S. 135. Es sollte beachtet werden, daß Aussagen dieser Art
nicht mit dem übereinstimmen, was die Autoren von Questions on
Doctrine schreiben: „Wir glauben nicht, daß wir allein die wirklichen
Kinder Gottes, – daß wir die einzig wahren Christen – heute auf
Erden sind“ (S. 187). Da die obigen Aussagen von Ellen G. White
getroffen wurden, können die Siebenten-Tags-Adventisten sie nicht
mit gutem Gewissen von sich weisen.
48: Der große Konflikt, Orig.-S. 54. Wir anerkennen die Tatsache, daß
die Autoren von Questions on Doctrine nicht wünschen, diese Schluß-
folgerungen zu ziehen. Doch was in dem obigen Abschnitt gesagt
wird, ist schon klar in den zuvor zitierten Aussagen Ellen G. Whites
enthalten. Die Autoren von Questions on Doctrine müssen daher
entweder zugeben, daß sich Ellen G. White in ihren Aussagen geirrt
hat, oder daß die Bedeutung ihrer Worte eine andere ist, als sie schein-
bar beabsichtigt hatte. Zur Frage nach der Haltung der Siebenten-
Tags-Adventisten gegenüber anderen Kirchen siehe N. Douty, Ano-
ther Look at Seventh-day Adventism (Grand Rapids: Baker, 1962),
S. 193-203.
49: Der große Konflikt, Orig.-S. 605.
50: Questions on Doctrine, S. 195-196.
51: Der große Konflikt, Orig.-S. 449, zitiert in Questions on Doctrine,
S. 184. Siehe auch Der große Konflikt, Orig.-S. 605. Da diejenigen, die
das Malzeichen des Tieres empfangen, nach Off 14,9-11 mit Feuer
und Schwefel gequält werden, schließen wir, daß diese Menschen ewig
verloren sein werden.
52: Questions on Doctrine, S. 192.
53: Der große Konflikt, Orig.-S. 605.
54: Brief an Joseph Bates vom 7. April 1847; einzusehen in A Word to the
„Little Flock“, S. 18-19; zitiert in Douty, a.a.O., S. 77.
55: Questions on Doctrine, S. 192.
56: Ibid., S. 615.
57: Ibid., S. 190, 194, 195.
58: Ibid., S. 617.
59: Ibid., S. 615-617.
60: Der große Konflikt, Orig.-S. 381.

222
Teil III

61: Ibid., S. 604. Im Licht des Gesamtkontexts (siehe besonders S. 606-607),


wird deutlich, daß Babylon hier für Kirchen steht, die u.a. weiterhin
lehren, der Sonntag sei der Tag des Herrn.
62: Ibid., S. 604; vergl. S. 606.
63: Ibid., S. 605.
64: Ibid., S. 608-610.
65: Ibid., S. 613-614. Dieses „Ende der Prüfungszeit“ wird mit Off 22,11
gleichgesetzt (S. 613). Vergl. S. 428, 490-491.
66: Ibid., S. 613-634.
67: Ibid., S. 635-636.
68: Ibid., S. 637; siehe oben S. 78-80.
69: Der große Konflikt, Orig.-S. 645.
70: Ibid., S. 638-639.
71: Ibid., S. 640.
72: Ibid., S. 641.
73: Ibid., S. 644; siehe oben S. 80.
74: Der große Konflikt, Orig.-S. 645.
75: Ibid., S. 657.
76: Ibid., S. 605.

223