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Donald A.

Carson

EMERGING
CHURCH
Abschied von der
biblischen Lehre?

Christliche
Literatur-Verbreitung e. V.
Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld
1. Auflage 2008

© der amerikanischen Ausgabe 2005 by D. A. Carson


erschienen bei: Zondervan Publishing House, Grand Rapids, Michigan, USA
Originaltitel: Becoming Conversant with the Emerging Church

© der deutschen Ausgabe 2008


by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung
Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld
CLV im Internet: www.clv.de

Übersetzung: Joachim Köhler, Heinrich Silber


Satz: CLV
Umschlag: OTTENDESIGN.de, Gummersbach
Druck und Bindung: Druckerei C. H. Beck, Nördlingen

ISBN 978-3-89397-989-9
Vorbemerkung

Der Schlüsselbegriff »Emerging Church« als Synonym für »Kir-


che bzw. Gemeinde der Postmoderne« wurde entsprechend der
Wiedergabe in Werken, die bereits im Deutschen erschienen sind,
im Allgemeinen unverändert gelassen (vgl. z.B. Dan Kimball,
Emerging Church, Die postmoderne Kirche. Spiritualität und Gemeinde
für neue Generationen, Gerth Medien, 2005). Ausnahmen bilden in
der Regel lediglich jene Stellen, wo sich das Attribut »emerging«
auf andere Substantive bezieht (z.B. »Emerging Generation«).
Außerdem ist zu beachten, dass »emergent« mehr auf das »Emer-
gent Village« verweist, während sich »emerging« mehr auf die
»Emerging Church« bezieht. Allerdings werden beide Begriffe in
diversen Veröffentlichungen der Einfachheit halber weithin als
Synonyme gebraucht. Dies entspricht auch der Praxis von D.A.
Carson. Um daher Verwirrung zu vermeiden, ist in der deutschen
Übersetzung in der Regel von »Emerging Church« und nicht von
»Emergent Church« die Rede.
Dieses Buch ist in Dankbarkeit JoyJoy gewidmet
Inhalt

Vorwort 9

Kurzdarstellung der Emerging Church 11

Stärken der Emerging Church im Beurteilen unserer Zeit 60

Emerging Church: Analyse der Gegenwartskultur 77

Persönliche Reflektionen über Beiträge


und Herausforderungen der Postmoderne 120

Emerging Church: Kritik an der Postmoderne 175

Die Schwäche der Emerging Church –


anhand zweier bedeutsamer Bücher dargestellt 220

Einige Bibelstellen als Hilfe zur Bewertung 265

Eine biblische Betrachtung über Wahrheit und Erfahrung 306


Vorwort

Was sich in diesem Buch findet, habe ich in vereinfachter Form in


drei Vorträgen im Rahmen der Staley Lectures an der Cedarville
University im Februar 2004 erstmals angesprochen. Ich möch-
te dem Präsidenten und dem Professorenkollegium für den herz-
lichen Empfang danken sowie den zahlreichen Studenten – dafür,
dass sie sich sehr bemüht haben, sich aufmerksam mit dem Ge-
sagten zu beschäftigen.
Ich versuche, im einleitenden Kapitel zu verdeutlichen, dass
die »Bewegung der Emerging Church« (oder »Bewegung der in
Erscheinung tretenden Kirche«) zwar erst ca. 10 Jahre alt ist, aber
dennoch einen erstaunlich umfassenden Einfluss ausübt. Eine gan-
ze literarische Sparte ist entstanden, wobei die Insider der Bewe-
gung einander in Veröffentlichungen und auf Konferenzen zitie-
ren und unterstützen. Mit anderen Worten: Es hat sich bereits eine
eigene Identität herausgebildet. Dennoch ist es mir aufgrund der
Mannigfaltigkeit sowie ihrer schwer zu ziehenden Grenzen nicht
leicht gefallen, sie angemessen darzustellen. Ich habe versucht, bei
Beschreibungen genau und bei Beurteilungen unvoreingenom-
men zu sein. Weil ich endlose Bewertungen vermeiden wollte, bin
ich mitunter zu Verallgemeinerungen gezwungen gewesen, um
die Diskussion in Gang zu halten. Trotzdem muss ich die Tatsache
unterstreichen, dass man dann fast immer einige Leute in der Be-
wegung finden kann, für die entsprechende Verallgemeinerungen
nicht zutreffen, während es andere gibt, die sich der Emerging-
Church-Bewegung als nicht zugehörig betrachten und dennoch
die meisten ihrer Werte sowie Prioritäten teilen. (Es sei außerdem
festgestellt, dass einige ihrer führenden Vertreter der Meinung
sind, man könne noch nicht von einer Bewegung reden. Sie be-
zeichnen sie lieber als »Gesprächsebene«.)
Ich habe versucht, zu viele fachspezifische Erörterungen zu
vermeiden. Dabei habe ich den Charakter der Vortragsreihe stel-
lenweise beibehalten. In der Praxis bedeutet dies, dass dieses Buch

9
vermutlich manche Leser in gegenteiliger Hinsicht enttäuschen
wird: Einigen wird die Behandlung der Postmoderne als zu ein-
fach erscheinen, während es anderen schwerfallen wird, Teile da-
von zu lesen. Die Anmerkungen werden den Erstgenannten si-
cher Möglichkeiten zur Vertiefung bieten, wohingegen den Letzte-
ren hoffentlich dadurch geholfen ist, dass sie entsprechende Stel-
len nochmals lesen. Doch der Buchumfang übersteigt den Umfang
der Vortragsmanuskripte um ein Mehrfaches. Weil es nötig war,
die Manuskripte knapp zu formulieren, musste ich auf ausführ-
liche Quellenangaben oder die Vorstellung vieler Feinheiten und
Ausnahmen verzichten. Nicht zuletzt infolge der Tatsache, dass
einige führende Vertreter der Emerging Church die Vorträge in
verschiedenen Internet-Einträgen aufgrund solcher Auslassungen
kritisierten, habe ich in diesem Buch versucht, diese Lücke so weit
wie möglich zu schließen.
Wann immer eine christliche Bewegung auftaucht, die einen
Reformanspruch erhebt, sollte man sie nicht kurzerhand ableh-
nen. Selbst wenn man letztendlich zu dem Urteil kommt, dass
die Bewegung eine Vielzahl besorgniserregender Schwachpunkte
aufweist, kann sie auch einige wichtige Lektionen vermitteln, die
man sich in der übrigen Christenheit anhören muss. Daher habe
ich versucht, mit Respekt und Sorgfalt zuzuhören. Meine Hoff-
nung und mein Gebet besteht darin, dass die führenden Persön-
lichkeiten dieser »Bewegung« in gleicher Weise auf meine Aus-
führungen hören werden.
Ferner möchte ich Jonathan Davis und Michael Thate dafür
danken, dass sie die Verzeichnisse zusammengestellt haben.
Soli Deo gloria.
D. A. Carson
Trinity Evangelical Divinity School

10
Kurzdarstellung der Emerging Church

Worüber sprechen wir eigentlich?


Als ich gegenüber einigen Freunden erwähnte, dass ich ein Buch
über die Emerging Church schreiben werde, waren die Reaktionen
recht unterschiedlich.
»Worum geht es dabei eigentlich?«, fragte einer von ihnen und
ließ damit erkennen, dass er beruflich zu sehr eingespannt ist, um
sich mit neueren Bewegungen zu befassen.
»Wirst du dich hauptsächlich auf die Apostelgeschichte kon-
zentrieren oder auch die paulinischen und die anderen Briefe in
deine Arbeit mit einbeziehen?«, erkundigte sich ein anderer, der
davon ausging, dass ich über die Kirche in der Frühzeit ihrer »Ent-
stehung« schreiben würde – weil ich ja Dozent an der neutesta-
mentlichen Fakultät eines theologischen Seminars war.
Ein anderer Kollege, der für seine weltweiten Beziehungen be-
kannt war, fragte: »Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass du
dich für die schwierigen und herausfordernden Fragen im Um-
feld der Entstehung von Gemeinden in der Zwei-Drittel-Welt in-
teressierst?« Immerhin hat es in den letzten einhundert Jahren be-
merkenswerte Berichte über die »Entstehung« von Gemeinden in
Korea, in vielen Gegenden Schwarzafrikas südlich der Sahara, in
Lateinamerika, einigen Ländern Osteuropas (insbesondere in der
Ukraine, Rumänien sowie Moldawien) und anderswo gegeben.1
Diese Reaktionen sind durchaus vernünftig, da »emerging«
und verwandte Begriffe Worte beinhalten, die auf diese und ande-
re Zusammenhänge angewandt worden sind.2 Dazu gehören auch
nur Fachleuten verständliche Diskussionen im Bereich der Wis-

1 Hier sei nur ein Buchtitel erwähnt, der »emergence« oder einen ähnlichen Be-
griff enthält: siehe Mark T. B. Laing, The Indian Church in Context: Her Emergence,
Growth and Mission (Delhi: Indian Centre for Promoting Christian Knowledge/
Pune: Centre for Mission Studies, 2002).
2 So hat beispielsweise Arthur G. Patzia das Wort mit der Kirche der Frühzeit
in Verbindung gebracht, als er The Emergence of the Church Context, Growth, Leader-
ship and Worship schrieb (Downers Grove: InterVarsity Press, 2001).

11
senschaftsphilosophie. Doch in den letzten zwölf Jahren wurde
»emerging« und »emergent« in starkem Maße mit einer bedeut-
samen Bewegung in Verbindung gebracht, die sich in den USA,
Großbritannien und darüber hinaus ausbreitet. Viele, die in dieser
Bewegung mitarbeiten, gebrauchen »emerging« oder »emergent«
(ich verwende beide Begriffe in gleicher Bedeutung) als Bestim-
mungsadjektive für diese Bewegung. Etwa ein Dutzend Bücher
befassen sich mit den Themen »Emerging Church«, »Aufbruchs-
geschichten« und dergleichen.3 Eine Website ermutigt ihre Besu-
cher zu »emergenter Freundschaft«. Dabei geht es letztlich nicht
um Freundschaft, die neu entsteht, sondern um die Bedeutung
der Freundschaft in dieser Bewegung. Damit wird bestätigt, dass
der Ausdruck »emergent« für Anhänger dieser Bewegung ein hin-
reichendes Etikett ist, womit sie sich identifizieren können, sodass
»emergente Freundschaft« formell gesehen mit Begriffen wie z.B.
»hausgemeindlicher Freundschaft« oder »baptistischer Freund-
schaft« verwandt ist.
Im Zentrum der »Bewegung« – bzw. im Zentrum der »Ge-
sprächsebene«, wie manche führenden Leute es lieber nennen –
befindet sich die Überzeugung, dass kulturelle Veränderungen
die »Entstehung« einer neuen Kirche signalisieren würden. Lei-
tende kirchliche Mitarbeiter müssten sich daher dieser Emerging
Church anpassen. Diejenigen, die sich dem verweigern, seien
blind gegenüber kulturellen Wertzuwächsen, die das Evangelium
hinter gedanklichen Formen und Ausdrucksweisen verbergen.
Diese Verweigerer seien nicht mehr imstande, mit der neuen Ge-
neration, der im Aufbruch befindlichen Generation, zu kommuni-
zieren. Der landesweite Pastorenkongress (NPC) und die »Konfe-
renz der Emerging Churches« fanden 2003 zur gleichen Zeit in San
Diego statt. Von den 3000 teilnehmenden Pastoren entschieden
sich 1900 für das eher traditionelle Treffen, den NPC, und 1100 für
die andere Konferenz.
Bevor ich versuche, die Schwerpunkte meiner Ausführungen
zu skizzieren, sollte ich betonen, dass nicht nur die Bewegung

3 Die bibliografischen Angaben werden jeweils im Text angegeben.

12
schwer definierbar ist, sondern auch ihre Grenzen schlecht zu
bestimmen sind. Zweifellos betrachteten sich viele der über ein-
tausend Pastoren (genaue Zahlen fehlen mir) auf der »Emergent-
Konferenz« zu diesem Zeitpunkt und überhaupt als diejenigen,
die nicht zur Emerging Church gehören. Sie waren vielmehr da-
bei, um sich zu informieren. Möglicherweise übernahmen sie ein-
zelne Aspekte der Bewegung, während sie andere verwarfen. An-
dererseits besteht ein Grund für das rasche Anwachsen dieser Be-
wegung darin, dass sie eine Vielzahl unklarer Vorstellungen in
den Brennpunkt rückt, die sich in unserer Kultur bereits weit ver-
breitet haben. Sie bringt treffend und auf polemische Weise zum
Ausdruck, was viele Pastoren und andere bereits gedanklich vor-
bereitet hatten, selbst wenn sie bis zum Auftauchen der führenden
Vertreter dieser Bewegung nicht den Vorteil hatten, irgendwelche
Verfechter ihrer Ideen zu haben, die ihr diffuses Unbehagen ins
rechte Licht rückten.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Verfasser zahlreicher
Bücher und Artikel, die sich nicht als Teil der Emerging-Church-
Bewegung verstehen, dennoch ihre Grundwerte teilen und so-
mit dazugehören, ohne sich mit dem entsprechenden Namen zu
schmücken. Man denke z.B. an Pete Wards Liquid Church4 oder
an eine Abhandlung von Graham Kings, der die evangelikale Be-
wegung in der Kirche von England untersucht.5 Als ich vor eini-
gen Monaten zu mehreren Hundert Pastoren in Australien sprach,
gebrauchte ich die Emerging-Church-Bewegung in den USA, um
dies oder jenes zu veranschaulichen. Keiner der Pastoren, an die
ich mich wandte, hatte von dieser Bewegung gehört, aber ziem-
lich viele von ihnen beschrieben Gemeinden in ihrer näheren Um-
gebung, worin genau die gleichen Werte ihren Niederschlag fan-
den. In Großbritannien betonten Gemeinden, die zum Baptisten-
bund gehören, traditionell die Tatsache, dass »glauben« vor »da-

4 Peabody: Hendrickson, 2002.


5 »Canal, River and Rapids. Contemporary Evangelicalism in the Church of
England«, Anvil 20 (2003): S. 167-184. Nach Kings Analyse lassen sich konservati-
ve Evangelikale mit Kanälen vergleichen, worin alles gebändigt und kanalisiert ist.
Charismatiker sind wie Stromschnellen – unkontrolliert und gefährlich. Der Leser
mag selbst entscheiden, welches die richtigen Wasserläufe sind.

13
zugehören« kommt. Darin zeigen sich ihre historischen Wurzeln
in der Tradition von Gemeinden, deren Glieder Gläubige sind.
Aber gegenwärtig ermutigen die führenden Vertreter des Bap-
tistenbundes ihre Mitgliedsgemeinden dazu, die Prioritäten um-
zukehren, indem sie sagen, dass »dazugehören« vor »glauben«
komme. Dies ist mit den Schwerpunkten der Emerging-Church-
Bewegung vergleichbar, selbst wenn die Bewegung unter diesem
Slogan auf der europäischen Seite des Atlantiks nur geringfügig
Anklang gefunden hat.
Aus diesen unterschiedlichen Tendenzen schließe ich, dass die
Emerging-Church-Bewegung vermutlich etwas kleiner ist, als ei-
nige ihrer führenden Persönlichkeiten denken. Andererseits wird
sie von ihnen wahrscheinlich erheblich unterschätzt. Ja, ein scharf-
sichtiger Beobachter hat vorgebracht, dass das Reden über »die
Emerging Church« bereits überholt ist, da die Emerging Church
ihrerseits bereits »emergent geworden« ist.6

Was charakterisiert die Bewegung?

1. Protest
Es ist schwierig, die spezifischen Merkmale der Bewegung umfas-
send zu verstehen, ohne sich die Lebensgeschichte ihrer führen-
den Vertreter genauer anzusehen. Viele davon kommen aus kon-
servativen, traditionellen, evangelikalen Gemeinden, die manch-
mal einen fundamentalistischen Anstrich haben. Somit bringen
die Reformen, zu der die Bewegung ermutigt, die Protesthaltung
im Leben vieler ihrer führenden Persönlichkeiten zum Ausdruck.
Wahrscheinlich ist es am angemessensten, mit Hinweisen auf
ein Buch unter dem Titel Stories of Emergence (frei übersetzt etwa

6 Rob Moll, »Has the Emergent Church Emerged?« unter LeadershipJour-


nal.net veröffentlicht, unter http://www.christianitytoday.com/leaders/newslet-
ter/2003/cln31230.html abrufbar. Im Blick auf Beispiele für Websites von Gemein-
den der Emerging-Church-Bewegung siehe http://www.emergentYS.com und
http://www.emergentvillage.com. Es gibt jedoch bereits unzählige Internet-Adres-
sen, wobei ich weiter unten im Buch auf einige wenige Bezug nehmen werde.

14
Aufbruchgeschichten) zu beginnen.7 Das Buch beinhaltet fünfzehn
solcher Geschichten, wobei der erste interessante Sachverhalt dar-
in besteht, wer in diesen Geschichten zu finden ist. Natürlich wer-
den viele, die sich mit der Emerging-Church-Bewegung identifi-
zieren, hier erwähnt – Leute wie der inzwischen verstorbene Mike
Yaconelli (der Herausgeber), Spencer Burke und Brian McLaren.
Doch es geht in diesem Buch auch um Menschen, die zwar der Be-
wegung vielleicht wohlwollend gegenüberstehen, sich aber nicht
als ihr zugehörig ansehen. So gehört z.B. Chuck Smith jun. in ge-
wisser Hinsicht einer anderen Generation und einer anderen Be-
wegung an (Anmerkung des Übersetzers: Chuck Smith, der be-
reits 1927 geboren wurde, ist Gründer der sogenannten »Calvary
Chapel«, die konfessionskundlich als kleine freikirchliche Bewe-
gung gilt und nach allgemeiner Auffassung theologisch zwischen
Evangelikalen und Charismatikern steht.). Frederica Mathewes-
Green verließ als Kind den römisch-katholischen Glauben, wäh-
rend sie als junge Erwachsene Feministin und Mitglied der Epi-
skopalkirche war, um dann zur orthodoxen Kirche überzutreten.
Sie ist eine von mehreren Ausnahmen in diesem Buch.
Die meisten dieser »Emergenz-Geschichten« haben ein gemein-
sames Ziel (nämlich die Emerging-Church-Bewegung in Gang
bringen zu wollen) und einen gemeinsamen Ursprung: den tradi-
tionellen (und mitunter fundamentalistischen) Evangelikalismus.
All diese Leute haben gemeinsam, dass sie in eine Richtung zu ar-
beiten begannen, sich aber die entsprechende Bewegung in eine
andere Richtung fortentwickelte. Dies verleiht dem Werk Züge
des Protests und der Ablehnung: Wir haben einst euer gemeind-
liches Erbe geteilt, doch jetzt befinden wir uns im Aufbruch, um
etwas anderes zu erreichen. Der Untertitel des Buches lässt erken-
nen, was der Herausgeber als gemeinsamen Nenner betrachtet:
Der Übergang vom Absoluten zum Authentischen.
Einige Beispiele mögen verdeutlichen, was mit diesem Buch er-
reicht werden soll. Spencer Burkes Bericht über seine »Emergenz«

7 Mike Yaconelli, Hrsg., Stories of Emergence: Moving from Absolute to Authentic


(El Cajon: emergentYS/Grand Rapids: Zondervan, 2003).

15
trägt den Titel »From the Third Floor to the Garage«8 (so viel wie
»Vom dritten Stock in die Garage«). Burke war es gewohnt, in
einem luxuriösen Büro im dritten Stock zu arbeiten. Er war einer
der Pastoren der Mariners Church in Irvine (Kalifornien), »einer
soliden Megagemeinde mit einem ca. 10 ha großen Grundstück
und einem Haushaltsvolumen von 7,8 Millionen Dollar«.9 An je-
dem Wochenende nehmen 4500 Erwachsene die gemeindlichen
Angebote wahr, während wöchentlich 10.000 Menschen betreut
werden. Aber Burke machten Dinge wie der »Parkplatzdienst«
zu schaffen (»Meine Geistesgabe besteht nicht darin, in Gelände-
wagen sitzenden gut gekleideten Familien zu helfen, den nächs-
ten freien Parkplatz zu finden.«).10 Die gleiche Ernüchterung be-
mächtigte sich seiner angesichts von 3-Punkte-Predigten und zehn-
stufigen Jüngerschaftskursen, ganz zu schweigen von der prämil-
lennialistischen Eschatologie im Sinne der Vorentrückungslehre,
in der er ausgebildet worden war.
Nach achtzehnjährigem Dienst brach Burkes Arbeitsphilo-
sophie in sich zusammen. Als der Hauptpastor Burkes Unruhe
spürte, bat er ihn, mit einem Samstagabendgottesdienst zu be-
ginnen, worin er imstande wäre, »neue Ideen einzubringen und
die Botschaft in ein postmodernes Gewand zu kleiden«.11 Zu-
nächst begann dieser Versuch ganz vielversprechend, als bisher
unerreichte Menschen in den Gottesdienst kamen. Trotzdem
fühlte er sich noch unwohler, was teilweise daran lag, dass die
Gottesdienste seiner Meinung nach »verwirrend« waren (einige
Elemente erwiesen sich als sehr modern, während andere über-
aus postmodern waren). Darüber hinaus spürte er, wie sich seine
Arbeit immer weiter vom übrigen Angebot gemeindlicher Ver-
anstaltungen entfernte. Daher kündigte er schließlich, »um nach
Hause zu fahren – in meine gerade mal 63 m2 große Baracke am
Strand. Fünf Jahre danach«, so sagte er, »sitze ich hier in mei-

8 Ebd., S. 27-39.
9 Ebd., S. 28.
10 Ebd.
11 Ebd.

16
ner Garage«12 oder – genauer gesagt – in seiner zum Büro umge-
bauten Garage.
Diese fünf Jahre der Trennung haben Burke verdeutlicht, war-
um er die Mariners-Gemeinde verlassen musste: »Ich habe er-
kannt, dass ich nie mit der Mariners als Gemeinde, sondern mit
dem gegenwärtigen Christentum als Institution unzufrieden
war.«13
Burke fasst die Gründe für seine Unzufriedenheit unter drei
Überschriften zusammen: Erstens lehnt er mittlerweile dasjenige
ab, was er »geistlichen McCarthyismus«14 nennt. Zu dieser Rubrik
zählt er drei Sachverhalte: Er verwirft denjenigen Leitungsstil, der
zu »einer linearen, analytischen Welt«15 gehört und sich durch klar
abgetrennte Zuständigkeitsbereiche sowie einen Pastor auszeich-
net, der nach Art eines Vorstandsvorsitzenden agiert. Geistlicher
McCarthyismus, so bekräftigt Burke, liegt vor, »wenn das Modell
›Pastor als Vorstandsvorsitzender‹ negative Züge annimmt oder
wenn sich wohlmeinende Menschen zu viel Macht aneignen«.16
Ebenso beunruhigt ihn »immer mehr die Tatsache, dass gewisse
evangelikale Persönlichkeiten große Macht haben und damit die
öffentliche Meinung beeinflussen«. Er schreibt dazu: »Sie mögen
mich ja als verrückt bezeichnen, aber es hat den Anschein, dass
sich viele meiner gemeindlichen Freunde eher Wort für Wort an
das halten, was aus dem Munde der weltweit führenden Evangeli-
kalen kommt, statt von jedem Wort zu leben, das aus dem Munde
Gottes kommt.«17 Und schließlich sind diese autoritären Struk-
turen schnell dabei, jeden als »liberal« zu brandmarken, der die
überkommene Tradition infrage stellt.

»Wenn Sie eine anerkannte Glaubensüberzeugung hinterfra-


gen oder sich als Zweifler bekennen, gelten Sie als typischer
Kommunist … Stirnen legen sich in Falten. Augen verengen

12 Ebd., S. 29.
13 Ebd.
14 Ebd.
15 Ebd.
16 Ebd., S. 30.
17 Ebd., S. 31.

17
sich. Lippen werden geschürzt. Wollen Sie sich einen Platz
auf der schwarzen Liste von Colorado Springs … äh, ich mei-
ne natürlich auf derjenigen von Hollywood verdienen? (An-
merkung des Übersetzers: Auf der »schwarzen Liste von Hol-
lywood« standen US-amerikanische Filmschaffende, die in der
Nachkriegszeit der Sympathie für Kommunisten verdächtigt
wurden. Diese Liste ist eng mit dem bereits erwähnten McCar-
thyismus in dessen ursprünglichem Sinne verbunden.) Dann
müssen Sie nur Ihre Zweifel daran äußern, dass Homosexuali-
tät als biblisch verurteilte Sünde gilt. Oder wollen Sie als Verrä-
ter in Ihrer eigenen Gemeinde gebrandmarkt werden? Bringen
Sie nur Ihre zwiespältigen Empfindungen hinsichtlich eines
denominationsspezifischen Sinnbilds, wie etwa der Taufe, zum
Ausdruck.«18

Die Geschichte, so argumentiert Burke, habe erwiesen, dass Chris-


ten bezüglich vieler Angelegenheiten im Irrtum gewesen seien:
Sklaverei, Wahlrecht für Frauen, Frage des Besitzrechts für Frauen
und vieles mehr. »Angesichts einer Erfahrungsgeschichte, die al-
les andere als glanzvoll ist, stellt sich die Frage: Ist die Vorstel-
lung, dass sich die evangelikalen Kirchen möglicherweise auch in
der Frage der Homosexualität irren, wirklich so ketzerisch? Ist es
nicht klug, wenigstens von Zeit zu Zeit die »Was-wäre-wenn-Fra-
ge« zu stellen – und wenn es nur aus dem Grund wäre, unsere
gegenwärtige Anwendung von Schriftstellen zu hinterfragen?«19
Gleiches gelte für das Mahl des Herrn:

»Als ich aufwuchs, hörte ich viel über die Gefahren, ›den Kelch
unwürdig zu trinken«‹ – und darüber, dass das Mahl des Herrn
nur für bekennende Christen bestimmt sei. Die Belegstelle war
natürlich stets 1. Korinther 11,29: ›Denn wer isst und trinkt, isst
und trinkt sich selbst Gericht, wenn er den Leib des Herrn nicht
richtig beurteilt«.‹ Da die meisten Christen davon ausgehen,

18 Ebd., S. 30.
19 Ebd.

18
dass die gesamte Menschheit ohne Christus verloren ist, fragt
man sich: Inwieweit würde es das Schicksal eines sogenann-
ten Ungläubigen beeinflussen, wenn er Brot und Wein zu sich
nimmt? Würde er etwa zweimal in die Hölle kommen? Oder
könnte es nicht eine machtvolle erste Erfahrung mit der Ge-
schichte Christi sein? In einer Subkultur, in der sich der geist-
liche McCarthyismus ausgebreitet hat, sollte man diese Fragen
lieber nicht stellen.«20

»Für mich«, schreibt Burke, »hat geistlicher McCarthyismus mit


Götzendienst zu tun – mit dem Versuch, Gerechtigkeit durch et-
was anderes als durch Christus zu erlangen. Jedes Mal, wenn ich
eine Maske um meines Ansehens oder meiner Karriere willen auf-
setze, bin ich einer Sünde schuldig – und zwar in weitaus stär-
kerem Maße, als wenn ich (wie auch immer geartete) Glaubens-
inhalte nicht annehme, die ich akzeptieren sollte.«21 Da Jesus die
etablierte religiöse Oberschicht seiner Zeit herausforderte, müs-
sen wir das Gleiche tun. »Geistlicher McCarthyismus verfolgt in-
dessen genau das Gegenteil. Er hält Menschen dazu an, ihr Le-
ben so zu gestalten, dass sie nicht kritisiert und entsprechende Ri-
siken verringert werden. Kurz gesagt lehrt er Menschen, in Angst
zu leben – man muss spuren und den Mund halten. Angst, Ein-
schüchterung und Kontrolle sollten keine Erkennungsmerkmale
des christlichen Glaubens sein.«22
Der zweite Grund für Burkes Unzufriedenheit besteht in dem,
was er als »geistliche Abschottung«23 bezeichnet. Unter dieser
Überschrift ordnet er das Verhaltensmuster vieler Gemeinden ein,
die von der Innenstadt in die Randbezirke ziehen. Manchmal ge-
schieht dies unter dem Vorwand, mehr Platz zu brauchen. Den-
noch betont er nachdrücklich, dass es noch andere Motive gibt. »Es
ist für Familien einfacher, in die Gemeinde zu kommen, ohne über
einen Betrunkenen stolpern oder zuschauen zu müssen, wie Dro-

20 Ebd., S. 30-31.
21 Ebd., S. 31.
22 Ebd.
23 Ebd., S. 32.

19
gendealer an der Straßenecke Geschäfte machen. Seien wir ehr-
lich: Es kann unangenehm sein, wenn sich eine Gemeinde in der
Innenstadt befindet. Sich mit einem Obdachlosen zu beschäftigen,
der in den Gottesdienst hereinplatzt und dabei laut flucht, oder
Erbrochenes auf der Hintertreppe aufzuwischen, ist etwas völlig
anderes, als im Gemeindeseminar griechische Verben zu definie-
ren.«24 Ja, Megagemeinden in den Vorstädten errichten manchmal
ganze campusähnliche Welten, in denen es weder an Einkaufs-
möglichkeiten noch an Sporthallen und Aerobic-Zentren fehlt.
Eine andere Form der »geistlichen Abschottung« ist nach Bur-
kes Ansicht diejenige Art von »Absonderung«, deren Befürwor-
ter eine ganze Reihe von Dingen nicht tun, hinsichtlich derer die
meisten Leute keine Bedenken haben. 1977 verließ Burke eine
konservative Baptistengemeinde, um nach Berkeley (Kalifornien)
zu ziehen, wo er sich einer christlichen Lebensgemeinschaft an-
schloss. Er war schockiert, als er den Mann, der ihn jüngerschaft-
lich unterweisen sollte, in einem Restaurant am Ort traf und die-
ser Mann ein Bier bestellte. Ein Jahr später wurde Burke gebe-
ten, Aufnahmen von Chuck Colson zu machen. Dabei bemerkte
er eine Pfeife auf der Frisierkommode des Hotelzimmers von Col-
son. Daraufhin angesprochen, sagte Colson, er habe die Pfeife von
der C.-S.-Lewis-Stiftung bekommen. »Ich war am Boden zerstört«,
schreibt Burke. »An nur einem Nachmittag verlor ich gleich zwei
Pfeiler meines Glaubens.«25 Schließlich wurde dieses Gefühl, dass
die Kultur und die Erwartungen der Evangelikalen so weit aus-
einandergedriftet waren, für ihn zu übermächtig – und dies umso
mehr, da er selbst während seiner Zeit in Mariners der Welt der
Kunst verhaftet blieb.

»Es war so grotesk: Am Samstagabend trank ich Wein in einer


Galerie, als ich meine Fotoausstellung eröffnete. Am Sonntag-
morgen zog ich dann einen Anzug an und predigte. Als meine
Freunde aus der Galerie erfuhren, dass ich Pastor bin, waren

24 Ebd.
25 Ebd., S. 33.

20
sie sprachlos. Gleichermaßen konnten meine gemeindlichen
Freunde nur schwer die Künstlerkreise verstehen, denen ich
angehörte … Beide Seiten hatten sich so lange voneinander ab-
gekapselt, dass sie sich gegenseitig nicht mehr verstanden oder
nicht einmal mehr das Verlangen hatten, miteinander zu kom-
munizieren.«26

Den dritten Grund für seine Unzufriedenheit bezeichnet Burke


als »geistlichen Darwinismus«27, wobei man die Leiter in der An-
nahme erklimme, dass größer eben besser sei. Das Streben nach
Wachstum begünstigte erheblich »eine Art Methodenneid …
Wenn ich zurückblicke, wird mir klar, dass ich einen großen Teil
der 80er- und 90er-Jahre damit verbrachte, von einer Konferenz
zur anderen zu fahren, um zu lernen, wie man auf der Erfolgswel-
le von jemand anderem mitschwimmen kann.«28 Es reichte nicht,
Pastor einer Gemeinde zu sein. Das Ziel bestand vielmehr darin,
die am schnellsten wachsende Gemeinde zu haben. »Es ging um
das Überleben des Erfolgreichsten, das sich unter einer dünnen
geistlichen Fassade verbarg.«29
Während er weiterhin als Pastor in Mariners tätig war, nahm
Burke an einer dreitägigen Einkehrzeit mit dem Autor und Pries-
ter Brennan Manning teil. Er war entsetzt, als man ihm die Anwei-
sung gab, während der Freizeit kein Buch, nicht einmal die Bibel,
zu lesen. Trotz seines Ärgers und seiner Verwirrung erlebte Burke
jedoch eine Art Gottesbegegnung:

»Und dennoch geschah, als ich äußerst aufgebracht dasaß, et-


was Eigenartiges. Mir war, als konnte ich Jesus sehen, wie er
dastand und mich fragte, ob er zu mir kommen und bei mir
bleiben dürfe. In meinem Ärger lehnte ich ab. Es fiel mir sogar
schwer, zu ihm hinzuschauen. Trotzdem blieb er dort stehen.
Als ich schließlich nachgab, setzte er sich neben mich und legte

26 Ebd., S. 33-34.
27 Ebd., S. 34.
28 Ebd.
29 Ebd., S. 35.

21
sanft seine Arme um mich. Er sagte kein Wort. Er hielt mich le-
diglich in meinem Schmerz fest.
In diesem Augenblick wurde mir klar, dass Gott konsequente
Ehrlichkeit wollte. An Echtheit in dem ganzen Durcheinan-
der meines Lebens nahm er keinen Anstoß. Zweifel, Ärger und
Verwirrung haben darin ihren Platz.
Nun durfte ich wirklich ›ich‹ sein.«30

Diese Erfahrung führte Burke zu dem, was er »Die Suche nach ei-
ner authentischen Ausdrucksweise«31 nannte. Außerdem stieß er
dabei auf Autoren, die er neu entdeckte: Thomas Merton, Henri
Nouwen, die Heilige Teresa von Avila. Je mehr er deren Werke las,
umso mehr spürte er, dass er seinen hauptamtlichen Gemeinde-
dienst niederlegen sollte. Wenn er heute in seinem improvisierten
Büro, der einstigen Garage, arbeitet, dann dient er seiner Ansicht
nach weiterhin der Gemeinde, aber auf eine andere Weise: »Da-
durch, dass ich mich entschieden habe, die Fragen meines Her-
zens auszuleben, bin ich in der Lage, mit Menschen zu reden, wie
es früher nicht möglich war. Ich sehe mich nicht mehr als Reiselei-
ter, sondern als Mitreisenden. Um es mit Robert Frost zu sagen:
›Darin liegt der entscheidende Unterschied.‹«32
Im Jahre 1998 begann Burke mit TheOoze.com (»ooze« bedeu-
tet »durchdringen« bzw. »Durchdringung«.). Der Name dieses ak-
tiven Chatrooms (virtueller Gesprächsraum im Internet) ist meta-
phorisch zu verstehen: Nach Burkes Absicht soll dies ein Ort sein,
wo »die verschiedenen Teilbereiche der Gemeinschaft der Glau-
benden wie Quecksilber miteinander umgehen. Manchmal kom-
men wir zusammen und manchmal gehen wir auseinander. Ver-
sucht man, die Flüssigkeit zu berühren oder irgendwie einzu-
zwängen, misslingt der Versuch. Statt jemanden zu zwingen, sich
einzufügen, duldet eine überschäumende Gemeinschaft Mei-
nungsverschiedenheiten und behandelt Menschen, die widerspre-
chende Ansichten vertreten, überaus würdevoll. Hier befindet sich

30 Ebd.
31 Ebd., S. 36.
32 Ebd.

22
für mich das eigentliche Wesen der Emerging Church.«33 Mehre-
re Jahre lang hat The Ooze »eine Gruppe Lernender (betreut), die
sich Soularize nennt«. Dort tauschten sich Mitglieder der »Online-
Gemeinschaft« miteinander aus. Und 2001 ging man sogar so weit,
ein sogenanntes indianisches »Potlatch« auszurichten – d.h. »eine
geistliche Zeremonie, bei der Geschenke gemacht werden und Se-
gen gespendet wird«.34 Dies wurde als Teil einer Konferenz durch-
geführt. »Immer mehr fühle ich mich innerlich getrieben, Freiräu-
me für Führungspersönlichkeiten zu schaffen, wo sie Fragen stel-
len und so voneinander lernen können.«35
Offensichtlich wäre es ziemlich zeitaufwendig, sich mit den an-
deren, die das Buch Stories of Emergence mitverfasst haben, genau-
so lange zu beschäftigen. Trotzdem ist es wichtig festzustellen, was
alle diese Geschichten gemeinsam haben, und zu erkennen, wie
sehr sie dennoch voneinander abweichen. Der Herausgeber Mike
Yaconelli führt die Riege mit einer Einführung in seine eigene Le-
bensgeschichte unter dem Titel »The Illegitimate Church«36 (so
viel wie »Die unrechtmäßige Kirche«) an. »Ich habe die Liebe zu
meiner Kirche nie verloren«, schreibt er, aber soweit es die Kirche
als Institution betreffe, sei er angesichts ihres Zustands »entsetzt,
beschämt, niedergeschlagen, ärgerlich, frustriert und betrübt«.37
Als er noch Pastor einer Ortsgemeinde war, sagte man ihm, dass
er kein richtiger Pastor sei, weil er keinen Seminarabschluss vor-
zuweisen hatte. Er war von zwei Bibelschulen verwiesen worden
und musste erleben, wie seine Gemeinde Mitglieder verlor. Er
sehnte sich nach Ruhe und nach einem Gott, »der sich an Freund-
schaft genügen ließ – einem Gott, der glücklich war, mit mir zu-
sammen zu sein. Mein einziger Wunsch war, dass Gott mich lieb
hatte und davon überzeugt war, dass ich ein rechtmäßiger Die-
ner des Evangeliums sei.«38 Im Alter von 50 Jahren war er müde

33 Ebd., S. 36-37.
34 Ebd., S. 37.
35 Ebd., S. 38.
36 Ebd., S. 12-22.
37 Ebd., S. 14.
38 Ebd., S. 16.

23
und enttäuscht. Nachdem er ein Buch von Henri Nouwen39 gele-
sen hatte, verbrachte er in seiner Verzweiflung einige Zeit in einer
Kommunität namens »L’Arche«. Hier fühlte er sich zu Hause.

»Ich verstand, dass die moderne, institutionelle, denominatio-


nell bestimmte Kirche von Werten durchdrungen war, die dem
Wertesystem der biblisch fundierten Gemeinde widerspra-
chen. Genau jener säkulare Humanismus, den die institutio-
nelle Kirche kritisierte, durchdrang die kirchlichen Strukturen,
ihre Sprache, ihre Methoden, Abläufe, Prioritäten, Werte und
Visionen. Die ›rechtmäßige«‹ Kirche – und zwar diejenige, die
mich von meiner Fehlerhaftigkeit überzeugt hatte –, wurde zur
unrechtmäßigen Kirche, indem sie die Werte der Moderne mit
offenen Armen aufnahm.«40

Zu solchen Werten gehören Effizienz, Anspruchsdenken und Han-


deln. Danach kam er in seine Gemeinde zurück, die nach seinen
Ausführungen zwar immer noch klein, aber gleichzeitig umge-
staltet worden war. Nun begann er zu sehen, wie sich Dinge ver-
änderten. Statt die Gottesdienstgestaltung »aufzubereiten«, lasen
Mitglieder von ihnen geschätzte Texte öffentlich vor, während an-
dere den Gottesdienst unterbrachen, um Fragen zu stellen. Wieder
ein anderer brachte eine bessere Veranschaulichung als die darge-
botene vor, um die Predigt abzuschließen. Man sprach nicht mehr
so oft über Sünde – vielleicht zweimal in zwölf Jahren seit seiner
Rückkehr aus L’Arche, schreibt Yaconelli. Dies geschah nicht, weil
man den Glauben an die menschliche Sündhaftigkeit aufgege-
ben habe. Vielmehr geschah es, weil man bereits alles über Sünde
und Sündengebundenheit wisse. Was man jetzt brauche, sei Gna-
de: »Wir müssen nicht ständig über Sünde reden. Sie beinhaltet
eine gegebene Tatsache. Wonach wir uns alle sehnen, ist die gute
Nachricht.«41 Und sie sprachen nicht mehr in Lehrsätzen, sondern
sie erzählten Geschichten – nicht zuletzt Geschichten, in denen sie

39 In the Name of Jesus (New York: Crossroad, 1993).


40 Ebd.
41 Ebd., S. 18.

24
ihre eigenen Fehler bekannten, und Geschichten, in denen sie ihre
Kommunikation mit Gott bezeugten.
Letztendlich handeln diese Geschichten »nicht von tatsäch-
lichen Ereignissen. Sie betreffen vielmehr das, was sich in uns ab-
spielt. Sie reden von den unergründlichen Zufluchtsorten in uns,
die nicht nur unser Wesen, sondern auch Gottes Fingerabdrücke
in unserem Leben zum Vorschein bringen und erkennen lassen.«42
Und diese Geschichten seien »nie fertig, sondern beinhalten nur
Ausschnitte, sind im Werden – Geschichten, die nie zu Ende
sind.«43 Im Grunde könne man Geschichten leicht behalten, und
was noch wichtiger sei: Sie sind »die effektivste Methode, kom-
plizierte und schwer zu erklärende Wahrheiten zu einfachen und
verständlichen Bausteinen der Realität zusammenzufassen, die
wir begreifen können.«44 Diese Christen verstanden das Evange-
lium als Geschichte und glaubten, »dass Gemeinde ganz einfach
der Ort sei, wo wir unsere Geschichten einander erzählen können.
Sind dies die Geschichten der postmodernen Emerging Church?
Ich hoffe, dass dem nicht so ist. Hoffentlich sind dies stattdessen
die Geschichten von immer mehr Menschen, die versuchen, Ge-
meinde für die gegenwärtige Situation zu sein, und dabei sehr
wohl wissen, dass Gemeinde im nächsten Augenblick wieder ganz
anders aussehen kann.«45
Todd Hunter46 war früher Direktor von Vineyard USA (An-
merkung des Übersetzers: Der US-amerikanische Zweig dieser
1978 von John Wimber [1934-1997] gegründeten und inzwischen
in vielen Ländern aktiven charismatischen Erneuerungs- und Ge-
meindegründungsbewegung heißt offiziell »National Association
of Vineyard Churches«.), wobei er mit jungen christlichen Füh-
rerpersönlichkeiten, insbesondere Gemeindegründern, zusam-
menarbeitete. Allmählich fand er heraus, dass sich die Fragen, die
von Ungläubigen gestellt wurden, änderten: »Gibt es Wahrheit?«,

42 Ebd., S. 20.
43 Ebd.
44 Ebd., S. 21.
45 Ebd., S. 21-22.
46 »Entering the Conversation«, S. 40-54.

25
»Wie kann man sie angesichts unserer menschlichen Fehlerhaftig-
keit erkennen?«, »Inwieweit können wir hinsichtlich der Wahr-
heit sicher sein?«, »Ist alle Wahrheit von Natur aus gut?«, »Gibt es
Möglichkeiten, die Wahrheit außerhalb derjenigen Wege zu erken-
nen, die man uns im Sinne des christlichen Ausschließlichkeits-
anspruchs und des grundlagentheoretischen Fundamentalismus
lehrte? Wenn ja, was bedeutet dies für die Apologetik, Theologie
und Kirchengeschichte?«47
Hunter verließ Vineyard im Jahre 2000, um eine Gemeinde
für postmoderne Menschen zu gründen. »Die Postmoderne«, so
schreibt er, »hat mich zu einem Postreduktionisten gemacht.«48
(Anmerkung des Übersetzers: Wer z.B. eine reduktionistische
Sichtweise der Bibel vertritt, greift einzelne Elemente heraus, um
sie anschließend demgemäß auszulegen. Ein Postreduktionist ist
demnach einer, der meint, er habe diese auf Einzelelemente ausge-
richtete Betrachtungsweise hinter sich gebracht.) Unter dem Ein-
fluss von Stanley J. Grenz und John R. Franke49 kam er zu der Ein-
sicht, wie wichtig es sei, nicht in der falschen »Geschichte« zu le-
ben. Wir alle würden gewissermaßen in irgendeiner Geschichte
leben, wobei das Wichtigste darin bestehe, dass wir in Gottes Ge-
schichte leben und mit unserer Existenz in die biblische Handlung
eingebettet sind.

»Das Evangelium vom Reich Gottes lädt uns zu einer all-


umfassenden Geschichte ein. Die Geschichten von Adam und
Eva, von Israel und von der Gemeinde wurden ausnahmslos
mit der Absicht niedergeschrieben, dass man darin lebt. Wer
darin lebt, ist ungemein bevorrechtet. Wer außerhalb der Ge-
schichte Gottes lebt, setzt sich ernsten Konsequenzen aus (es
kommt einem sofort ein vergeudetes Leben und die Hölle in
den Sinn).«50

47 Ebd., S. 43.
48 Ebd., S. 46.
49 Beyond Foundationalism: Shaping Theology in a Postmodern Context (Louisville:
Westminster John Knox Press, 2000).
50 »Entering the Conversation«, S. 48.

26
Mit anderen Worten: Hunter möchte vermeiden, dass Christen
eine auf einzelne Elemente fixierte Haltung einnehmen, wonach
man nach dem Tod sicher in den Himmel komme, weil man ein-
mal ein Übergabegebet gesprochen habe.51 Er sieht sich nicht als
derjenige, der die neue Position schon völlig angenommen hat,
glaubt aber, »sanft aufsetzen zu können, damit die Landung gut
vonstattengeht«.52 In diesem Zusammenhang will er weder »ein
exzentrischer Befürworter der Postmoderne noch ein gedanken-
loser Kritiker der Moderne sein«.53 Er möchte die Wahrheits-
ansprüche des Evangeliums nicht aufgeben, versteht sich aber als
kritischer Realist: als Realist, weil er daran festhält, dass es eine
Realität außerhalb der menschlichen Sprache gibt (d.h., dass Worte
außertextliche Bezüge haben; sie können sich auf etwas beziehen,
das außerhalb des eigentlichen Sprechaktes liegt). Er ist jedoch
auch ein kritischer Realist, weil sich »der einzige Zugang, den wir
zu dieser Realität haben, auf einer spiralförmigen Bahn zwischen
dem Wissenden und dem Wissen selbst befindet«.54
Es geht noch rasanter: Als Jugendpastor ging Tony Jones von
einer Programm-Mentalität zu einem Dienstkonzept über, das sich
insbesondere auf Seelsorge, theologische Reflektion, kontempla-
tives Gebet und generationsübergreifende Gemeinschaft konzen-
triert.55 Verschiedene Einflüsse veranlassten ihn, in diese Richtung
vorzustoßen. Dazu gehörten Nancey Murphys Vorlesungen über
postmoderne Theologie am Fuller Seminary, ein flüchtiges Ken-
nenlernen der Lakota-Kultur (Anmerkung des Übersetzers: Die-
se Kultur ist nach den Lakota benannt, die zum weitverbreiteten
Indianerstamm der Sioux gehören.) und das Engagement in ei-
ner Gruppe Ende der 90er-Jahre, die sich damals »Young Leaders
Network« (so viel wie »Netzwerk junger Leiterpersönlichkeiten«
(heute »Emergent«) nannte.
Chris Seay betont nachdrücklich, dass sein Großvater ein Er-

51 Ebd., S. 49.
52 Ebd., S. 50.
53 Ebd.
54 Ebd., S. 53.
55 »Toward a Missional Ministry«, S. 56-72.

27
weckungsprediger der 50er-Jahre war, während sein Vater »ein
Pastor à la Swindoll war.«56 (Anmerkung des Übersetzers: Ge-
meint ist Charles Rozell Swindoll [geb. 1934], ein bekannter US-
amerikanischer Pastor, Autor, Pädagoge und Rundfunkprediger.)
Er lehnte zwar die Ausdrucksformen ihres Glaubens, nicht aber
dessen Inhalt ab (»Die wesentlichen Punkte des Glaubens [wie sie
im Apostolischen Glaubensbekenntnis dargelegt sind] haben sich
nicht geändert«).57 Er begehrte auch gegen seine Hauptverant-
wortung als Pastor auf (»die niederträchtigsten Menschen findet
man außerhalb der Hölle«)58 und fand heraus, »wie treffend eini-
ge französische Philosophen und diejenigen, die das Konzept der
generationsspezifischen Merkmale vertreten, Einwände gegen die
Moderne vorbrachten«59 –ganz zu schweigen von Stanley Hauer-
was’ (US-amerikanischer Theologe der Vereinigten Methodisten,
Ethiker und Juraprofessor [geb. 1940]) Schriften. Seay gründete
die University Baptist Church in Waco, Texas. Er sieht sich in der
Rolle des »Geschichten erzählenden Pastors«:

»Moderne … Versuche, jede Bibelstelle mit fein säuberlich auf-


bereiteten, die Wahrheit erfassenden Lehraussagen zu verbin-
den, schlagen fehl, wobei neu hervortretende Generationen die
Tatsache durchschauen, dass unsere modernen Exegeseformen
zur Farce verkommen sind. Wir sind nicht einfach Menschen,
die als autonome Wesen etwas wissen und befähigt sind, die
Wahrheit für andere zu entschlüsseln. Jesus wusste, dass uns
nicht nur die Wahrheit verändert, sondern auch der Weg auf
der Suche nach Wahrheit umgestaltet.«60

Dies liege – so Seay – insbesondere daran, dass sich die Welt »wie-
der östliches Denken wie dasjenige der Israeliten aneignet«61, in
dem es vorrangig um das Erzählen von Geschichten gehe, wie

56 »I Have Inherited the Faith of My Fathers«, S. 74-84, bes. S. 77.


57 Ebd., S. 77.
58 Ebd.
59 Ebd.
60 Ebd., S. 79.
61 Ebd.

28
Jesu Beispiel uns zeige. In der Vergangenheit habe die westliche
Christenheit die Meinung vertreten, dass Wissen Macht sei. »Ob
jemand errettet war, ist zumeist danach beurteilt worden, inwie-
weit er die Lehrsätze im Blick auf Christus und den Glauben her-
sagen konnte. Theologisch gesehen wird dies als Metanoia (Buße)
bezeichnet – bei der gewissermaßen ein kognitiver Schalter in un-
serem Denken umgelegt wird und wir in den Heilszustand eintre-
ten.«62 Das Evangelium sei zu einem System von Lehrsätzen ge-
worden. Doch das wahre Evangelium beinhalte »alles – die ganze
Geschichte Gottes für Menschen als ganzheitliche Wesen«.63 Au-
ßerdem sollten wir das lineare Denken immer stärker zugunsten
des kreisenden Denkens aufgeben, wie es das »hebräische« Mo-
dell des Predigerbuches erkennen lasse. Wir sollten mehr im Stile
des Internets denken, das mittels Verknüpfung arbeite.

»Der internetorientierte Denkstil weist logische Zusammen-


hänge, aber keine voraussehbaren Muster auf. Wie das Buch
Sprüche vermittelt er seine Lektionen auf scheinbar willkür-
liche bzw. ungeordnete Weise. Oft bezeichnen wir so denken-
de und redende Menschen als diejenigen, die so tun, als jagten
sie dem Wind nach. Oder wir sagen scherzhaft, dass die Betref-
fenden an einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leiden. Das
Denken in nicht linearen Strukturen unterliegt keinen funk-
tionellen Störungen. Wenn Sie sich vorstellen, wie Sie im In-
ternet surfen, werden Sie dieses Denkschema erkennen. Jede
von Ihnen geöffnete Seite bietet zahllose Optionen, was eben-
so für die nachfolgende Seite gilt. Nun stellen Sie sich vor, dass
Sie sich nach Art des linearen Denkens, das Ihnen pro Seite nur
eine Option bietet, im Internet bewegen. Diese Erfahrung wäre
für Sie alles andere als überwältigend. Deshalb erleben viele
vom Internet geprägten Denker in unseren Gemeinden nichts
als Langeweile, wobei ihnen jede intellektuelle oder geistliche
Herausforderung fehlt. Geht es beim Wesen des Evangeliums

62 Ebd., S. 80.
63 Ebd., S. 81.

29
nicht darum, den Zuhörern entgegenzukommen und allen
Menschen alles zu werden? Dies ist ein Bereich, der den unmit-
telbaren Wandel in der Emerging Church unabdingbar werden
lässt. Betrachten Sie bitte die Art und Weise, wie Sie mit ande-
ren kommunizieren, und die Gründe, warum Ihre Geschichten
unverständlich sind.«64

Im Jahre 1999 gründete Seay Ecclesia, eine Gemeinde im Künstler-


viertel von Houston. Er folgert:

»Mein eigener Lebensweg hat mich von der baptistischen Er-


weckungsbewegung mit all ihrem Drum und Dran zu einem
geistlichen Mittelpunkt im Künstlerviertel geführt. Ich bin un-
terwegs, aber im Gegensatz zu Abraham hat Gott mich geseg-
net, indem er mir weise und Mut machende Reisegefährten zur
Seite stellte. Emergent ist eine Ansammlung von Menschen auf
dem Weg. Wir suchen eine Heimat in einem Zeitalter schnel-
ler Veränderung. Es ist möglich, dass eine Reihe von Idealen
uns niemals die nötige Standfestigkeit bringen wird. Stattdes-
sen scheint die entsprechende Zusicherung in Gemeinschaft,
Liebe und Beziehungen verwurzelt zu sein. Stellen Sie sich das
vor! Eine Reformation, deren Herzstück Mission sowie Bezie-
hungen und nicht mehr Gedanken, Systeme und Ideale sind.
Danke, Emergent.«65

Die Lebensberichte, die ich bisher zusammengefasst habe, erschei-


nen in Yaconellis Buch unter dem Titel »Stories of Ministry Crisis«
(so viel wie »Mitarbeiter-Krisengeschichten«). Die beiden anderen
Teile sind mit »Stories of Worldview Crisis« (so viel wie »Welt-
anschauungs-Krisengeschichten«) und »Stories of Faith Crisis« (so
viel wie »Glaubens-Krisengeschichten«) überschrieben. Ich kann
nur jedem, der die Emerging-Church-Bewegung verstehen möch-
te, von Herzen dringend raten, das Buch ganz durchzulesen. Ob-

64 Ebd., S. 82.
65 Ebd., S. 84.

30
wohl darin Protesthaltungen gegenüber dem Feminismus (Frede-
rica Mathewes-Green)66, dem Luthertum (Gregory R. Baum)67 und
dem Kommunismus (Parush R. Parushev)68 zu finden sind, ist der
Protest in diesen Lebensberichten doch hauptsächlich gegen die
kulturell konservativen Formen der evangelikalen Bewegung ge-
richtet.
Diese Proteststimmung ist in Dave Tomlinsons Buch The Post-
Evangelical ebenso deutlich zu spüren. Es wurde vor einigen Jah-
ren in Großbritannien veröffentlicht und ist inzwischen auch in
Nordamerika erhältlich.69 Der Autor hat bemerkt, dass die evan-
gelikale Bewegung nicht auf andere kirchliche Traditionen ein-
gegangen ist. Dagegen und gegen die konservative Haltung der
Mittelschicht, womit diese Bewegung oft verbunden wird, rich-
tet sich teilweise sein Protest. Aber die zentrale These von Tom-
linsons Werk besteht darin, dass sich die Post-Evangelikalen an ei-
ner Kultur orientieren, die sich von derjenigen unterscheidet, die
zur Prägung der evangelikalen Bewegung beitrug. Hier befindet
sich der Übergang von der Moderne zur Postmoderne. Evangeli-
kale denken über die Integrität und Glaubwürdigkeit ihrer Über-
zeugungen in der modernen Kultur nach, während Post-Evange-
likale darüber reflektieren, ob ihre Überzeugungen in der Kultur
der Postmoderne standhalten und dort glaubwürdig sind.
Tomlinsons persönliche Entwicklung führte vom Brüdertum
über die Pfingst- und Hausgemeindebewegung (in England weit
verbreitet) bis zur gegenwärtigen Phase, in der er seinen Stand-
punkt als Post-Evangelikaler betont. In seinem Fall gehören Diens-
tagabendtreffen in einer Gemeinde der etwas anderen Art dazu:
der Salon einer Süd-Londoner Kneipe mit der Bezeichnung Holy
Joe’s. Die Atmosphäre ist entspannt: Man kann trinken oder rau-
chen. Inwieweit man an den Anbetungsabenden teilnimmt, in de-
ren Verlauf auf Zeit zur Besinnung, Kerzen, Symbole und Umge-

66 »Twice Liberated: A Personal Journey through Feminism«, S. 132-145.


67 »Emerging from the Water«, S. 192-203.
68 »Faith that Matters in a Culture of Ghosts«, S. 204-218.
69 London: SPCK, 1995; Ausgabe für die USA und Kanada: El Cajon: emergent
YS/Grand Rapids: Zondervan, 2003.

31
bungsmusik großer Wert gelegt wird, kann man selbst entschei-
den. Wem es nicht gefällt, der kann aufstehen, um zur Hauptbar
zu gehen. Außerdem gibt es zahlreiche Bibelstudienabende. Tom-
linson fügt rasch hinzu, dass Holy Joe’s zwar einem von vielen
Gemeinden nicht erfüllten Bedürfnis entgegenkommt, aber nicht
unbedingt den Weg vorgibt, den Post-Evangelikale einschlagen
müssten. Vielmehr sei es lediglich ein Beispiel dafür, wie eine spe-
zielle Gruppe der Post-Evangelikalen ihren Glauben als Gemein-
schaft praktisch umsetze.
Dieser Gedanke liefert uns einen Übergang zu einem zweiten
vorherrschenden Merkmal der Emerging-Church-Bewegung.

2. Protest gegen die Moderne


Die Schwierigkeit, die Emerging Church als Protestbewegung ge-
gen die Moderne zu beschreiben, ist teilweise definitionsbedingt:
Weder Moderne noch Postmoderne lassen sich leicht definieren.
Sogar Fachleute für Geistesgeschichte stimmen im Blick auf ihre
Definitionen nicht überein.
Eine wichtige, wenn auch von einer Minderheit vertretene Mei-
nung besteht darin, dass »Postmoderne« überhaupt keine brauch-
bare Bezeichnung sei, weil die Phänomene als deren Begleit-
erscheinung lediglich von der Spätmoderne hervorgebracht wor-
den seien.70 Teilweise stimme ich damit überein, weil man sich die
Postmoderne nur schwer ohne die Moderne vorstellen kann. Die
Postmoderne beginnt mit vielen jener Annahmen, die von der Mo-
derne vertreten werden (wie ich weiter unten zeigen werde), aber
sie entwickelt sich in eine andere Richtung. Als Reaktion auf die
schlimmsten Missstände der Moderne wendet sie sich ab, um an-
schließend ihre Mutter zu verschlingen, indem sie ihre eigenen

70 Siehe z.B. Thomas C. Oden, After Modernity … What? Agenda for Theology
(Grand Rapids: Zondervan, 1990); Michael Hortons Kapitel »Better Homes and
Gardens«, in The Church in Emerging Culture: Five Perspectives, Hrsg. Leonard Sweet
(El Cajon: emergentYS/Grand Rapids: Zondervan, 2003), S. 105-138; und besonders
die erstklassige Erörterung von Harold Netland, Encountering Religious Pluralism:
The Challenge to Christian Faith and Mission (Downers Grove: InterVarsity Press,
2001), bes. S. 55-91.

32
Ursprünge nicht anerkennen will.71 Darüber hinaus werden so-
wohl Moderne als auch Postmoderne in einer Vielzahl allgemein
verständlicher Diskussionen zu sehr in Schablonen gezwängt. Es
geht nämlich vorrangig um den »Reduktionismus«, d.h. die auf
Einzelelemente ausgerichtete Sichtweise. Indem man die gemein-
samen Entwicklungsstränge aufzeigt, lassen sich die schlimmsten
Reduktionismen vermeiden. Dennoch sind die Veränderungen,
die in der westlichen Kultur in den letzten fünfzig Jahren statt-
fanden, sowohl komplex als auch bedeutsam. Lassen sie sich bes-
ser unter der Bezeichnung »Postmoderne« oder unter dem Etikett
»Spätmoderne« zusammenfassen? Wenn wir verstehen wollen,
dass sich die Zeit im Anschluss an die Moderne organisch aus ihr
entwickelt hat, ist meiner Ansicht nach »Spätmoderne« der bes-
sere Begriff, während in Bezug auf das Verständnis der Verände-
rungen in der Erkenntnistheorie der heutigen Kultur »Postmo-
derne« vorzuziehen ist. Und natürlich kann man beiden Bezeich-
nungen vorwerfen, dass sie in verwirrendem Maße auf einzelne
Aspekte ausgerichtet sind, wie wir sehen werden.
Ein anderer Personenkreis gebraucht die Bezeichnung »Post-
moderne«, um sich auf irgendeine Leitkultur zu konzentrieren,
die durch ungezügeltes Wachstum gesprengt worden ist. Für
Andy Crouch, der keiner Emerging Church angehört, beinhaltet
die postmoderne Kultur ausuferndes Konsumdenken, das sich so-
wohl von Neid als auch vom Ideal eines unkontrollierten Indivi-
dualismus nährt. Wir können uns amüsieren, wie wir wollen, kau-
fen, was wir wollen, und wählen, was wir wollen. Das Ideal be-
steht dabei darin, genug Geld zu haben, um unsere geheimsten
Wünsche befriedigen zu können. Nach seiner Analyse setzt sich
in der Postmoderne die Moderne fort: Die Postmoderne ist dem-
zufolge die »Ultramoderne«. Aber die gleiche Konsumenten-
mentalität, die zum Bau des Vehicle Assembly Building in Cape

71 Daher habe ich die Postmoderne anderenorts als uneheliches Kind der Mo-
derne bezeichnet. Man kann kaum leugnen, dass letztere »genetisch gesehen«
von ersterer abstammt, doch aus Sicht der Mutter handelt es sich um ein Huren-
kind. Im Blick auf die vollständige Erörterung siehe mein Werk The Gagging of God
(Grand Rapids: Zondervan, 1996).

33
Canaveral (Anmerkung des Übersetzers: Damit ist jene riesige
Montagehalle gemeint, worin der Space Shuttle mit dem Außen-
tank und den Feststoffraketen verbunden und für den Start vor-
bereitet wird. Das Gebäude ist das Wahrzeichen des Kennedy
Space Centers und zählt zu den größten Hallenbauten der Erde.
Zum Zeitpunkt seiner Errichtung galt es als das Gebäude mit dem
größten Raumvolumen überhaupt.) inspiriert hat, gab den Anstoß
zur Errichtung der Mall of America in Bloomington, Minnesota
(Anmerkung des Übersetzers: Diese Einkaufsmeile ist mit 40 Mil-
lionen Besuchern jährlich das meistbesuchte Einkaufsparadies der
USA und befindet sich im Ballungsraum Minneapolis/St. Paul).72
Nach Crouchs Argumentation sei eine bestimmte Art des Sakra-
mentalismus dringend notwendig: Die Taufe »bietet den einzigen
Weg zu echtem Postindividualismus, während die Eucharistie den
einzigen Weg zu wahrem Post-Konsumententum ebnet«.73
Die Mehrheitsmeinung besteht allerdings darin, dass die
grundlegende Frage hinsichtlich des Übergangs von der Moderne
zur Postmoderne die Epistemologie (Erkenntnistheorie) ist. Es geht
also darum, wie wir Dinge erkennen oder meinen, Dinge zu er-
kennen. Die Moderne wird oft als Geistesströmung dargestellt,
die nach Wahrheit, dem Absoluten, dem linearen Denken, dem Ra-
tionalismus, der Gewissheit und dem rein Intellektuellen im Ge-
gensatz zum Emotionalen strebt. Dadurch werden im Gegenzug
Überheblichkeit, geistige Unbeweglichkeit, Rechthaberei und das
Verlangen hervorgebracht, alles kontrollieren zu wollen. Die Post-
moderne erkennt dagegen an, dass ein Großteil unserer »Erkennt-
nis« von der Kultur, in der wir leben, geprägt ist. Diese Erkennt-
nis sei von Emotionen, ästhetischem Empfinden und Traditionen
beherrscht – ja, sie könne nur nach eingehender Überlegung
als Teil einer allgemeinen Überlieferung gelten, ohne in anma-
ßender Weise zu behaupten, wahr oder richtig zu sein. Die Mo-

72 Siehe z.B. Crouchs Abhandlung »Life After Postmodernity«, in Sweet, The


Church in Emerging Culture: Five Perspectives, S. 62-95.
73 Ebd., S. 82. Dies liege daran, dass die Getauften zueinandergehören und so-
mit nicht dem Individualismus nachgeben können, während alle, die am Abend-
mahl teilnehmen, »den gleichen Anteil empfangen« (S. 83). Diesbezüglich gebe es
keine Hierarchie des Geldes, keine Bestechung oder keine Selbstvergötzung.

34
derne versucht, unangefochtene Grundlagen zu finden, worauf
das Erkenntnisgebäude errichtet werden kann, um dann mit me-
thodologischer Genauigkeit vorzugehen. Die Postmoderne leug-
net dagegen, dass solche Grundlagen existieren (sie ist »gegen den
grundlagentheoretischen Fundamentalismus gerichtet«), und be-
steht darauf, dass wir letztlich auf vielen Wegen zur »Erkenntnis«
gelangen, denen ebendiese Genauigkeit weithin fehlt. Die Moder-
ne ist klar abgegrenzt, wobei sie sich im Bereich der Religion auf
Wahrheit kontra Irrtum, auf Rechtgläubigkeit und Konfessionalis-
mus konzentriert. Demgegenüber ist die Postmoderne behutsam,
indem sie auf religiösem Gebiet Beziehungen, Liebe, gemeinsame
Traditionen, Wahrhaftigkeit bei Diskussionen in den Mittelpunkt
stellt. Meiner Ansicht nach ist der Nutzen, diesen erkenntnistheo-
retischen Gegensatz zwischen Moderne und Postmoderne zu er-
forschen, überaus groß, da er so viele andere Dinge berührt. Ich
werde im vierten und fünften Kapitel dieses Buches darauf zu-
rückkommen.
Wie denken nun diejenigen, die sich mit der Emerging-
Church-Bewegung identifizieren, über diese Fragen? Obwohl
einige Crouch hinsichtlich der Erkenntnis zustimmen würden,
dass die Konsumhaltung einer der größten Missstände unserer
Zeit ist, würden sie ihr im Gegensatz zu ihm nicht das Attribut
»postmodern« beifügen. Die meisten Leiter der Emerging Church
erkennen einen überaus deutlichen Gegensatz zwischen moder-
ner Kultur sowie postmoderner Kultur und verbinden die ent-
sprechende Trennlinie mit erkenntnistheoretischen Fragen. Man-
che davon sind der Auffassung (darauf deuten die von mir wie-
dergegebenen Zeugnisse hin), dass wir in einer postmodernen
Kultur leben und daher postmoderne Gemeinden bauen sollten.
Einige wenige räumen ein, dass nicht alle Aspekte der Postmoder-
ne anerkennenswert sind. Sie wollen daher eine Art prophetisches
Zeugnis aufrechterhalten, das die Postmoderne an verschiedenen
Punkten eindringlich mahnen soll, während sie sich gleichzeitig
eifrig jene Merkmale der Postmoderne aneignen, die für sie emp-
fehlenswert sind.
Brian McLaren, der vermutlich brillanteste Redner dieser im

35
Entstehen begriffenen Bewegung, hat sowohl in Büchern als auch
in Vorträgen betont, dass Postmoderne nicht Antimoderne umfas-
se. Damit meint er, dass die Moderne in vielfacher Hinsicht nicht
überholt sei und die Vorsilbe »post« »aus der Quelle (der Moder-
ne) strömend« bzw. »auf (die Moderne) folgend« bedeute.74 Rich-
tig verstanden »deutet der Begriff [post-] auf Kontinuität und zu-
gleich auf Diskontinuität hin. Ein junger Erwachsener, der dem
Pubertätsalter entwachsen ist, behält seinen Namen, gehört wei-
terhin zur selben Familie, setzt dieselbe Familientradition fort und
ist im Innersten derselbe wie vor der Pubertät und während dieser
Phase. Ebenso ist derjenige, der nach dem ersten akademischen
Grad weiterstudiert, nicht antiintellektualistisch eingestellt.«75
(Offen gesagt: Für mich ist McLarens Diskussion ein bisschen ver-
wirrend, weil sie sich nicht innerhalb bestimmter Sachbereiche be-
wegt.)76

74 Siehe z.B. seine fundierte Reaktion auf Crouchs Abhandlung in Sweet, The
Church in Emerging Culture: Five Perspectives, S. 66.
75 Ebd.
76 Die Vorsilbe »post-« bedeutet nach »Webster’s Unabridged Dictionary« le-
diglich »(a) zeitlich gesehen danach, später, im Anschluss an, wie z.B. in postgradual
(Anmerkung des Übersetzers: d.h. nach dem ersten akademischen Grad), postgla-
zial (d.h. nacheiszeitlich); (b) räumlich gesehen danach, hinter, wie z.B. in postaxial«
(Anmerkung des Übersetzers: Begriff, der beispielsweise in der Medizin verwen-
det wird. So bezeichnet etwa das Krankheitsbild »postaxiale Hexadactylie« eine
Handfehlbildung, bei der es einen überzähligen Kleinfinger gibt.). Zwar bedeutet
»postglazial« nicht »anstelle der glazialen Merkmale«, doch weil die entsprechen-
de Periode nach der Eiszeit kommt, bezieht sie sich auf eine Phase, die man nicht
mehr als »glazial« bezeichnen kann. Ebenso ist ein »Student im Aufbaustudium«
kein Studienanfänger mehr: Er hat den entsprechenden akademischen Grad be-
reits erworben. Wer sagt, dass der Betreffende jetzt dennoch nicht geistfeindlich
eingestellt ist, bringt irrelevante Sachverhalte hinsichtlich dieses Begriffs ins Spiel
– genauso, als würde man sagen, durch den Ausdruck »postglazial« werde we-
der bestätigt noch in Abrede gestellt, dass der Sauerstoffanteil in der Atmosphä-
re sowohl in der Eiszeit als auch in der Nacheiszeit eventuell gleich gewesen sei.
Ein postpubertäres Kind gehört zweifellos nach wie vor zu derselben Familie und
»setzt die gleiche Familientradition fort«. Dies ist jedoch für den Begriff irrelevant,
der vor allem mit der Pubertät zu tun hat. Dabei gibt es nichts, was in dem Aus-
druck selbst darauf hindeutet, inwieweit die Merkmale außerhalb des Bedeutungs-
felds dieses Ausdrucks fortgeführt oder aber fallen gelassen werden. Somit bezieht
sich »postmodern« auf etwas, das der Epoche der Moderne folgt. Es ist eine Bin-
senweisheit, dass eine gewisse Stetigkeit auf dem umfassenderen kulturellen Hin-
tergrund weiter besteht – aber sie besteht gewiss nicht im Übergang von einer wie
auch immer gearteten »Moderne« zu einer »Postmoderne« fort – ungeachtet des-
sen, wie diese beschaffen sein mag. Anderenfalls hat unsere Aussage, dass wir in

36
Für McLaren und die meisten anderen führenden Vertreter der
Emerging-Church-Bewegung ist ihr Beharren darauf bezeichnend,
dass sie sich nicht mehr im Einklang mit der Moderne sehen, son-
dern damit weitgehend gebrochen haben. Gelegentlich schlüpft
McLaren in die Rolle von Neo, der postmodernen christlichen
Hauptfigur seiner beiden bekanntesten Bücher. Dann gebraucht
er »post-« als allumfassende Kategorie, um hervorzuheben, was
ihm missfällt: »In der postmodernen Welt zeichnen wir uns immer
mehr durch Post-Kolonialismus, post-mechanistische und post-
analytische Züge, Post-Säkularismus und Post-Objektivismus aus.
Wir sind zunehmend post-kritisch, post-strukturell, post-indivi-
dualistisch, post-protestantisch und post-verbraucherorientiert.«77
Wenn man diese Bücher überfliegt, erkennt man: Dasjenige, was
nach McLarens Ansicht heute »eine neue Art des Christseins« aus-
machen sollte, wird in erheblichem Maße von all den neuen Dingen
bestimmt, die seiner Meinung nach mit der Postmoderne verbun-
den sind: Daher kommt »eine neue Art des Christseins«.
Für fast jeden innerhalb der Bewegung verwirklicht sich dies
darin, worauf man Wert legt: auf Emotionen und Gefühle gegen-
über linearem Denken und Rationalität, auf Erfahrung gegenüber
Wahrheit, auf Einbeziehung gegenüber Ausschluss, auf Beteili-
gung gegenüber Individualismus und heldenhaftem Einzelgän-
gertum. Für einige (wie im Untertitel von Yaconellis Buch erkenn-
bar) bedeutet dies eine Abkehr vom Absoluten und eine Hinkehr
zum Authentischen. Es bedeutet, die gegenwärtige Betonung der
Toleranz zu berücksichtigen. Es bedeutet, anderen nicht zu sagen,

der Postmoderne angekommen sind, keinen Wert. Mit anderen Worten: Hinsicht-
lich eines Begriffs wie »im Aufbaustudium befindlich« verlässt McLaren den Sach-
bereich »Studium«, um eine Antithese intellektuell/antiintellektuell zu leugnen,
doch im Blick auf postmodern will er darauf bestehen, dass es Kontinuitäten zwi-
schen der Moderne und der Postmoderne im eigentlichen Bereich des »Modernen«
gibt. Wenn aber Sprache überhaupt eine Bedeutung hat, befinden wir uns natür-
lich nicht in einer postmodernen Situation, sofern die Moderne fortbesteht. Umge-
kehrt gilt: Wenn es stimmt, dass wir in der Zeit der Postmoderne leben, haben wir
die Zeit der Moderne hinter uns gelassen.
77 Brian D. McLaren, A New Kind of Christian: A Tale of Two Friends on a Spiritu-
al Journey (San Francisco: Jossey-Bass, 2001), S. 19. Der Nachfolgeband trägt den Ti-
tel The Story We Find Ourselves In: Further Adventures of a New Kind of Christian (San
Francisco: Jossey-Bass, 2003).

37
dass sie unrecht haben. Es unterstreicht die Wichtigkeit narra-
tiver Elemente (Anmerkung des Übersetzers: d.h. in erzählender
Form dargestellte Elemente. Da »narrativ« als Schlüsselbegriff in
der Emerging-Church-Bewegung gilt, wurde der Begriff hier nicht
umschrieben.) – sowohl von Lebensgeschichten (da Gläubige und
Ungläubige gleichermaßen ihre individuellen Geschichten erzäh-
len) als auch von Bibelstudium und Verkündigung.78
Dennoch hat sich in einigen Kreisen der Emerging-Church-Be-
wegung die Argumentation von Debatten über Erkenntnistheorie
zu Diskussionen über Sozialgeschichte hin verlagert. In einem Se-
minar unter der Bezeichnung »Pluralism Revisited« (so viel wie
»Pluralismus – neu besehen«), der während der 2004 stattfin-
denden Emergent Convention in Nashville vorgestellt wurde79,
sagte McLaren, dass er seine diesbezügliche Ansicht geändert und
dies ihn zu der Erkenntnis von der größeren Bedeutung der Sozi-
algeschichte gegenüber der Geistesgeschichte geführt habe. Nach
dem Ende des Zweiten Weltkriegs begannen viele europäische
Denker, die unter dem Trauma des Krieges litten, bohrende Fra-
gen hinsichtlich der Moderne und der Aufklärung als dem Nähr-
boden der Moderne zu stellen. Nachdem diese Fragen zur Spra-
che gebracht waren, konnten sie nicht mehr auf den Holocaust
oder die Barbareien Stalins beschränkt werden. Sie fragten: Wer
gab den Europäern das Recht, Afrika, Nordamerika sowie Süd-
amerika zu erobern und zu besitzen? Was gibt uns das Recht, die
Erde zu zerstören, um unsere Gier zu befriedigen?
Ihre Folgerung (die nach McLarens Ansicht zwar korrekt, aber
unvollständig ist) bestand darin, dass das sie verbindende Element
eine allumfassende Überzeugung war, die in ihren großen Erzäh-
lungen bzw. Meta-Erzählungen wurzelte (in ihren sogenannten
»großen Geschichten«, die den Deutungsrahmen für all ihre »klei-
nen Geschichten« vorgaben). In den USA war diese Zuversicht in
der Überzeugung von der Vormachtstellung der Weißen und in

78 Siehe z.B. Walter Wangerin jun., »Making Disciples by Sacred Story«, Chris-
tianity Today 48/2 (Februar 2004), S. 66-69.
79 Obwohl ich nicht teilnehmen konnte, übersandte mir ein Kollege freundli-
cherweise eine CD mit Seminarmitschnitten.

38
Visionen von einer klar zutage tretenden Bestimmung verwur-
zelt. In Einklang damit sagt McLaren, dass die Glaubensaussagen
des Christentums und die Überzeugungen des Kolonialismus mit-
einander verwoben gewesen seien.
Unabhängig davon, ob diese Analyse stichhaltig ist oder nicht,
muss man anerkennen, dass zu vielen komplexen Abhandlungen
der Erkenntnistheorie Darstellungen zu sozialgeschichtlichen The-
men gehören, die dort Teil des notwendigen Rahmens der Geistes-
geschichte sind. Man muss sich dem Primat der Erkenntnistheo-
rie an der Schwelle zur Postmoderne stellen. Obwohl die Sozial-
geschichte einen Teil dieser Herausforderung darstellt, wirft sie
selbst (hinsichtlich ihres Einflusses auf die Postmoderne) im We-
sentlichen erkenntnistheoretische Fragen auf.
Vieles vom dem, worauf McLaren in seinen Schriften und Vor-
trägen abzielt, soll die Sicherheiten, die seiner Meinung nach einen
zu großen Teil des Denkens der vom westlichen Christentum ge-
prägten Menschen in der Vergangenheit beherrscht haben, ad ab-
surdum führen. Anders ausgedrückt: Seine Erörterung erfolgt auf
dem Gebiet der Erkenntnistheorie – ungeachtet dessen, ob er sich
diesem Gebiet über die Sozialgeschichte oder auf einem anderen
Weg nähert. Doch damit, dass man die Sicherheiten der Vergan-
genheit fortwährend ad absurdum führt, ist eine Gefahr verbun-
den: Wenn wir nicht achtgeben, haben wir am Ende vielleicht gar
nichts mehr, woran wir uns festhalten können. Indem McLaren
diese Gefahr erkennt, geht er in diesem Vortrag (Anmerkung des
Übersetzers: d.h. im oben erwähnten Vortrag in Nashville) einen
Schritt weiter, indem er uns zwei Definitionen anbietet, die seine
nachfolgende Erörterung bestimmen (wobei diese Definitionen in
seinen Schriften immer wieder auftauchen).
Die erste seiner Definitionen betrifft den Pluralismus. Dabei
konzentriert er sich nicht auf den empirischen Pluralismus, der le-
diglich die tatsächlich bestehende Vielfalt beschreibt – eine Vielfalt,
die gottgewollt ist (vgl. die Vision in Offenbarung 5): Unter den
durch Christus Erlösten findet sich »jeder Stamm und jede Sprache
und jedes Volk und jede Nation« (Offb 5,9; vgl. auch den Pfingst-
tag). Vielmehr geht es ihm vorrangig um den philosophischen Plu-

39
ralismus – um jene Haltung, die geltend macht, dass keine Weltan-
schauung für sich genommen das Erklärungssystem oder die Re-
alitätswahrnehmung umfassen kann, die alle Aspekte des Lebens
deutet. Selbst wenn wir Christen das Gegenteil behaupten wür-
den, so müssten wir uns doch erst einmal den Meinungsverschie-
denheiten unter uns stellen: Sollen wir von einer baptistischen Re-
alitätswahrnehmung sprechen? Von einer presbyterianischen? Ei-
ner anglikanischen? Und welche baptistische Richtung meinen wir
eigentlich? Der philosophische Pluralismus leugnet die Tatsache,
dass irgendein System die vollständige Erklärung bietet.
Die zweite Definition betrifft den Relativismus. Zu einem be-
stimmten Zeitpunkt beeinflusste der Relativismus vor allem das
Gebiet der Ästhetik: Die Theorie der Ästhetik war es, die das Ab-
solute verneinte und darauf bestand, dass Ästhetik immer in Bezie-
hung zu den Menschen gesehen werden muss, die bestimmte Hal-
tungen hinsichtlich dessen einnehmen, was Schönheit ausmacht.
Heutzutage beherrscht der Relativismus auch die Bereiche der Re-
ligion und der Moral. Sie beinhaltet jene Theorie, die das Absolu-
te leugnet und nachdrücklich betont, dass ethische und religiöse
Anschauungen auf die Menschen bezogen sind, die sie vertreten.
Damit Christen nicht denken, dass all dies kein Thema für sie sei,
lenkt McLaren die Aufmerksamkeit auf die im Alten Testament
befohlene Ausrottung der kanaanitischen Urbevölkerung, auf die
vielen Frauen Davids und das Verbot, goldene Ringe zu tragen.
Können sich sowohl der philosophische Pluralismus als auch
der Relativismus frei entfalten, kann man sich nach McLarens
Aussage nur schwer vorstellen, wie man imstande ist, bibeltreu
zu sein. Dennoch kann umgekehrt nicht dem Absoluten die Herr-
schaft überlassen werden: Die Kritik des Absoluten ist zu zerstö-
rerisch, zu tief greifend, als dass sie eine solche Haltung zulassen
würde. Daher bringt McLaren seine Lösung vor: »das emergente
Denken«, vielleicht besser bekannt als »integrales Denken«.80
McLaren benutzt dazu eine Reihe von Illustrationen unterschied-

80 Hier stützt sich McLaren auf Ken Wilber, The Marriage of Sense and Soul: Inte-
grating Science and Religion (New York: Broadway Books, 1998).

40
licher Qualität. Ein Baum wächst nicht einfach nach oben, sondern
bildet jeweils eine Schicht nach der anderen heraus. Dadurch, dass
sich die Schichten ringweise anlagern, ist er imstande zu wachsen.
Jede Schicht umfasst alles zuvor Gewachsene. Es ist etwa so, wie
wenn jemand lesen lernt. Die Fähigkeit entsteht neu, indem sie
bisher Erworbenes aufgreift und sich durch die Aneignung neuer
Aspekte weiterentwickelt.
Daher müsse einer vom Absoluten beschwerten Kultur viel-
leicht in geringem Umfang Relativismus hinzugefügt werden,
um das damit verbundene Falsche zu korrigieren. Dabei gehe es
nicht so sehr um einen Relativismus, der alles Frühere ersetzt,
sondern um einen Relativismus, der in gewisser Hinsicht das Vor-
hergehende umfasst und sich dennoch weiterentwickelt. Wenn
das Krebsgeschwür »das Absolute« heiße, brauche man den Re-
lativismus als Chemotherapie. Selbst wenn diese Chemotherapie
für sich genommen gefährlich sei, so stelle sie doch die notwen-
dige Lösung dar. Unsere Kultur trage also zunehmend post-kolo-
nialistische, post-moderne und post-totalitäre Züge. Wie können
wir uns demnach das Evangelium in einem post-kolonialen, post-
modernen und post-totalitären Kontext vorstellen?
Es ist nach McLarens Aussagen keine Lösung, eine »Meta-Er-
zählung«, nämlich die christliche Meta-Erzählung, vorzuschlagen.
Selbst wenn es nämlich einen Aspekt gibt, der die Einbeziehung
unserer Mitmenschen in die biblische Handlung ermöglicht, ruft
das Wort »Meta-Erzählung« in einer postmodernen Welt alle mit
»Propaganda« verbundenen Assoziationen wach. Für die Men-
schen der Postmoderne riecht dies nach dem Absoluten. Wie sol-
len wir also an diese Herausforderung herangehen?
McLaren greift nun wieder die zentralen Fragen auf, die für
seine Hauptanliegen noch charakteristischer sind – die Überwin-
dung des Absoluten, das für ihn ausschließlich in einem Großteil
des althergebrachten westlichen Konfessionalismus vorkommt.
Damit kommt er zum Thema zurück, indem er eine Seitentür be-
nutzt. Er fordert uns auf, zwei Fragen zu beantworten. Erstens:
Waren die Muslime im Unrecht, als sie die Buddha-Statuen in Af-
ghanistan zerstörten? Die meisten von uns würden mit »Ja« ant-

41
worten. Zweitens: Wären sie im Unrecht gewesen, wenn sie dies
im Namen Jesu getan hätten? Angenommen wir sagen »Ja« – d.h.,
wir sagen, dass wir u.a. aufgrund unseres Glaubens an Jesus zu
der Schlussfolgerung kommen, die Zerstörung sei verkehrt ge-
wesen. Geben wir dann nicht stillschweigend zu, dass das Chris-
tentum nicht die gesamte Realität erklärt? Überdies müsse das
Christentum über seine eigenen entsetzlichen Barbareien Rechen-
schaft ablegen. McLaren erinnert uns an die schweren Verbrechen
gegenüber den eingeborenen Völkern Amerikas – ganz gleich, ob
im Rahmen der Eroberungen durch Pizarro und andere spanische
Konquistadoren oder aber im Zuge jener schrecklichen Ereignisse,
die in Bury My Heart at Wounded Knee beschrieben werden (An-
merkung des Übersetzers: In diesem Buch, auf dessen deutsche
Ausgabe in den bibliografischen Angaben der Anmerkungen hin-
gewiesen wird, geht es um Ausrottung, Unterwerfung und Unter-
gang der nordamerikanischen Indianer sowie deren Kultur. Der
in der deutschen Ausgabe unverändert wiedergegebene Original-
titel bezieht sich auf das letzte Massaker, das weiße Siedler 1890
am Wounded Knee unter Indianern anrichteten. Damit fand der
Freiheitskampf der Indianer sein symbolisches Ende.).81 Von die-
sem Argumentationsstrang ausgehend bekräftigt McLaren, dass
das Absolute einfach nicht die Antwort geben kann.
Wohin sollen wir uns dann wenden? Wenn weder das Abso-
lute noch der absolute Relativismus die Antwort beinhalten, wor-
in besteht dann der zukunftsweisende Weg für Christen? Hier
ist McLaren dem knapp gehaltenen Werk von Jonathan Wilson,
Living Faithfully in a Fragmented World: Lessons for the Church from
MacIntyre’s After Virtue (Die deutsche Ausgabe erschien unter
dem Titel Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegen-
wart, Frankfurt/Main: Suhrkamp, Neuauflage 2007.), sehr zu Dank
verpflichtet.82 Wie sein Untertitel andeutet, verdankt dieses Buch
außerordentlich viel den Ideen des Philosophen Alasdair MacIn-

81 Der Autor ist Dee Alexander Brown (New York: Henry Holt & Co., 1971;
deutsche Ausgabe: Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses, München: Droemer
Knaur, 2005).
82 New York: Morehouse Publishing, 1998.

42
tyre.83 Und gewiss wollen wir genau dies: Wir möchten lernen, in
einer fragmentierten Welt treu zu leben. Das Absolute hält sich an
ein bestimmtes Regelwerk. Der echte Pluralismus gleicht einem
großen Feld, auf dem viele Spiele ausgetragen werden und wo in
jedem Spiel eigene Regeln gelten. Ein derartiger Pluralismus ist in
sich schlüssig. Wir leben jedoch in einer fragmentierten Welt: Wir
spielen Golf mit einem Baseball, Baseball mit einem Fußball usw.
Hier geht es nicht um echten Pluralismus, sondern um Leben unter
fragmentierten Bedingungen.
Zweifellos gibt es einige kleine, in sich geschlossene Gemein-
schaften: Chassidische Juden etwa oder die Amischen – Grup-
pen, denen es gelingt, sich an einen bestimmten Regelkodex zu
halten. Doch wir als die Übrigen stecken im Dilemma der Frag-
mentierung. Infolgedessen gibt es keine Geschlossenheit, keine
Übereinstimmung darüber, wohin wir gehen, kein telos, kein Ziel.
Wenn wir von unserem Verhalten berichten, behalten wir weiter-
hin die frühere Sprache des Absoluten bei, während wir uns nicht
in echtem Pluralismus, sondern in der Fragmentierung befinden.
In Nordamerika erinnern wir uns noch an ein vom Absoluten ge-
prägtes, totalitäres Christentum und erleben die Fragmentierung.
Wir müssen uns daher entscheiden, ob wir zu diesem Erbe des
Absoluten zurückkehren, oder ob wir nach vorn gehen, um ande-
re Aspekte anzuvisieren. Können wir eine Struktur gestalten, die
keine totalitären und absoluten Züge trägt, aber gleichzeitig den
absoluten Relativismus vermeidet? Der erstgenannte Sachverhalt
bringt uns zu den Barbareien der Vergangenheit zurück und ist im
postmodernen Zeitalter nicht überzeugend, während wir im Fal-
le des letzteren den Marktstrategen ausgesetzt sind, weil es keine
einheitliche Abwehrstrategie ihnen gegenüber gibt.
Der zukunftsweisende Weg wird nach McLarens Anregung
in einem umfangreichen Buch von David J. Bosch ungemein hilf-
reich dargestellt.84 Gegen Ende des Buches listet Bosch acht Per-

83 After Virtue: A Study in Moral Theory, 2. Aufl. (Notre Dame: University of


Notre Dame, 1984 [1981]).
84 Transforming Mission: Paradigm Shifts in Theology of Mission (Maryknoll: Orbis,
1991).

43
spektiven auf, die in unsere Situation hineinsprechen und uns ge-
wisse Anhaltspunkte geben:
(1) Nehmen Sie die Tatsache, dass unterschiedliche Glaubens-
richtungen nebeneinander bestehen, freudig und nicht wi-
derwillig an. Es ist nicht deren Schuld, dass sie existieren.
(2) Dialog setzt voraus, dass man sich seiner eigenen Position
verpflichtet weiß. Daher ist es sicher gut, genau hinzuhö-
ren. Der Dialog sollte entsprechend dem Vertrauen auf das
Evangelium geführt werden.
(3) Wir gehen davon aus, dass der Dialog in der Gegenwart
Gottes, der unsichtbar zugegen ist, geführt wird. In einem
solchen Dialog können wir wie Petrus in Apostelgeschichte
10-11 Bestimmtes lernen. Ebenso lernt Jesus während seines
Austauschs mit der syrophönizischen Frau hinzu.
(4) Missionale (Anmerkung des Übersetzers: Der Ausdruck
missional ist von dem Begriff missionarisch abzugrenzen. Un-
ter einer »missionalen Gemeinde« verstehen die Vertreter
der Emerging Church die Tatsache, dass Evangelisation
bzw. Mission nicht mehr nur eine ihrer Aktivitäten ist, son-
dern darin ihr Wesen zum Ausdruck kommt. Sie fordern
die »Ganzheitlichkeit« der Mission. Das Schlagwort lautet:
»Missional heißt Sein und nicht Tun!« Obwohl dieses An-
liegen berechtigt sowie nachvollziehbar ist und sich mit
der Zielstellung einer »missionarischen Gemeinde« deckt,
will man sich durch diese Wortwahl von den »missionari-
schen Aktivitäten der Moderne« abheben, weil sie angeb-
lich zu wenig erreicht haben. Außerdem birgt die prakti-
sche Umsetzung des »missionalen Konzepts in der Postmo-
derne« die Gefahr in sich, die Vorrangstellung der Evange-
liumsverkündigung zugunsten sozialer und diakonischer
Arbeit zu vernachlässigen. Die konkrete Umsetzung die-
ses Konzepts in unserer Zeit bestätigt, dass diese Gefahr
real ist.) Gespräche erfordern Demut und Empfindsam-
keit. Aber dies sollte uns nicht erschrecken, denn wenn wir
schwach sind, dann sind wir stark. Es ist z.B. sicher richtig,
die von Christen früherer Zeiten begangenen Gräueltaten

44
einzuräumen, auch wenn wir immer wieder achtgeben
sollten, von diesen Christen nicht geringschätzig zu reden.
(5) Jede Religion handelt jeweils in ihrer Welt. Auf diese Tatsa-
che müssen Christen verschieden reagieren.
(6) Christliches Zeugnis schließt Dialog nicht aus.
(7) Die »uralte Geschichte« ist unter Umständen nicht die »al-
lein wahre Geschichte«, denn wir wachsen weiterhin er-
kenntnismäßig, wobei sogar unsere Diskussion und unsere
Dialoge zum Wachstum beitragen. Mit anderen Worten: Die
Fragen, die von der Postmoderne aufgeworfen werden, er-
schließen uns neue Dimensionen.
(8) Leben Sie mit Widersprüchen: Wir kennen keinen von Je-
sus Christus losgelösten Heilsweg, aber wir urteilen nicht
vorschnell darüber, wie Gott vielleicht mit anderen handelt.
Wir müssen einfach mit der entsprechenden Spannung le-
ben.
McLaren beendete seinen Vortrag, indem er feststellte, dass Kon-
servative die relativistische Einstellung der Liberalen beklagen.
Dagegen würden Liberale beklagen, dass Konservative vom Ab-
soluten her geprägt sind. Aber die Geschichte lehre uns, dass wir
uns immer dann, wenn wir eine Seite gewähren lassen, in großen
Schwierigkeiten befinden. Den vor uns liegenden Weg, der beide
Extreme umgehe, könnten wir jedenfalls mit einer angemessenen
Überzeugung beschreiten.
Ein kurzes Frage-Antwort-Szenario schloss sich McLarens Se-
minar an. Zwei der betreffenden Fragen sind es wert, hier wieder-
gegeben zu werden (»F« steht für Frage, »A« für Antwort.). (1) F:
Unsere Kultur verbindet weithin Intoleranz mit dem Absoluten
und Toleranz mit Relativismus. Gibt es einen besseren zukunfts-
weisenden Weg? A: Nach McLarens Ansicht wird diese schwie-
rige Frage in Exclusion and Embrace, einem Buch von Miroslav
Volf, am besten behandelt.85 F: Wie sollen wir auf das Problem
der Homosexualität reagieren? A: McLaren macht geltend, dass

85 Ich habe mich anerkennend zu Volfs Werk geäußert, selbst wenn ich zuwei-
len gegenteiliger Meinung bin; vgl. D.A. Carson, Love in Hard Places (Wheaton:
Crossway, 2002).

45
es diesbezüglich keine zufriedenstellende Position gebe, weil alle
Standpunkte irgendjemanden verletzen. Das sei immer schlecht.
Außerdem kann Homosexualität 75 verschiedene Formen anneh-
men. Sehen wir uns zum Vergleich die Schizophrenie an. Obwohl
sie eine komplexe und ziemlich häufig auftretende Krankheit ist,
wird sie in der Bibel nicht erwähnt. Am nächsten kommt ihr in
der Bibel phänomenologisch gesehen die dämonische Besessen-
heit. Aber können wir ohne Weiteres sagen, dass jedes Beispiel für
Schizophrenie als dämonische Besessenheit bezeichnet werden
sollte, um in biblischen Kategorien zu bleiben? Ebenso ist die mo-
derne Homosexualität ein komplexes Phänomen. Dabei ist nicht
völlig klar, ob das, was wir anhand eines speziellen Beispiels unter
Homosexualität verstehen, ganz mit dem übereinstimmt, was die
Bibel darüber sagt. McLaren betont nachdrücklich, dass er durch
eine solch vorsichtige Herangehensweise kein Urteil in der einen
oder anderen Form über die Homosexualität selbst abgibt. Viel-
mehr will er verdeutlichen, wie man diesbezüglich mit Menschen
umgehen kann.
Ich habe der Zusammenfassung eines der neuesten Seminare
von McLaren breiten Raum gewidmet – teilweise deshalb, weil die
meisten Beteiligten zustimmen würden, dass McLaren die Kory-
phäe der Emerging Church ist (oder zumindest zu ihren einfluss-
reichsten Denkern gehört). Teilweise habe ich es auch deshalb ge-
tan, weil dieses Seminar noch etwas anderes erkennen lässt – et-
was, das unter den Denkern der Emerging Church ziemlich neue
Wege beschreitet. Dabei beziehe ich mich nicht auf McLarens Um-
gang mit der Sozialgeschichte und der sozialen Konstruktion von
Wissen. Dieser ist nicht besonders innovativ, selbst wenn ihm eine
angemessene, allgemein verständliche Darstellung dessen gelun-
gen ist, was andere Autoren auf diesem Gebiet geschrieben ha-
ben. Vielmehr geht es mir darum, dass die meisten Führer der
Emerging-Church-Bewegung eine relativ einfache Antithese auf-
stellen – nämlich dahin gehend, dass die Moderne schlecht und
die Postmoderne gut ist. Was dies anbelangt, ist McLaren sorgfäl-
tig bemüht, diese offensichtliche Falle zu umgehen. Im Grunde
genommen führen viele Formen des postmodernen Denkens zu

46
irgendeiner Spielart des religiösen Relativismus, wobei McLaren
weiß, dass dies für Christen keine Option ist. Er will eindeutig
einen Kurs zwischen dem Absoluten und dem Relativismus steuern,
wobei er an dieser Stelle vorsichtiger ist als einige seiner Mitstrei-
ter.
Dennoch ist für McLaren das Absolute mit der Moderne ver-
bunden, sodass jede Bewertung, die er unter diesem Aspekt
der Herausforderung vorbringt, negativ ausfällt. Ja, man kann
sich in den von mir gelesenen Schriften führender Vertreter der
Emerging Church nur schwer einen einzigen Abschnitt vorstellen,
in dem irgendein wesentliches Element der Moderne positiv be-
wertet wird. McLaren unterlässt es jedoch, den Relativismus mit
der Postmoderne zu verbinden. Seiner Ansicht nach umfasst der
Relativismus scheinbar einen noch extremeren Sachverhalt (viel-
leicht eine entartete Form der Postmoderne?), während der Post-
modernismus selbst zu einem unkritisch übernommenen Rahmen
wird, innerhalb dessen wir unsere Theologie umsetzen müssen.
Einerseits lehnt er also absolute Formen des religiösen Relativis-
mus ab (Man kann nicht sagen, dass er ihn kritisiert. Vielmehr er-
kennt er an, dass er als Christ diesem Weg letztlich nicht folgen
kann.). Andererseits habe ich bis heute weder von McLaren noch
von irgendeinem anderen Vertreter der Emerging-Church-Bewe-
gung eine kritische Beurteilung irgendeines substanziellen Ele-
ments des postmodernen Denkens gesehen. An dieser entschei-
denden Stelle will ich als Autor nicht werten, indem ich mich we-
der anerkennend äußere noch anklage. Ich versuche lediglich, das
Denken der Emerging-Church-Bewegung so genau wie möglich
darzustellen.

3. Protest an drei Fronten


Wie wir gesehen haben, ist die Emerging-Church-Bewegung zu
einem erheblichen Teil gekennzeichnet vom Protest gegen die tra-
ditionelle evangelikale Bewegung und im weiteren Sinne gegen
alles, was sie unter »Moderne« versteht. Bei einigen ihrer Vertreter
kommt jedoch noch eine andere Protestfront hinzu – die sucher-

47
orientierte Gemeinde, die Megagemeinde. Obwohl es manchmal
schwierig ist, diese drei Protestarten auseinanderzuhalten, ist die-
ses dritte Element von besonderem Interesse.
Das Ausmaß, in dem dieses Element in Erscheinung tritt, va-
riiert beträchtlich. Sicher ist es z.B. in der Konstruktion von Dan
Kimball enthalten. Eine ganze Reihe von Pastoren in der suchero-
rientierten Tradition hat sein 2003 auch auf Deutsch erschienenes
Buch86 enthusiastisch aufgenommen87 – zweifellos deshalb, weil
Kimball sein Buch teilweise als Wegweiser in die Zukunft konzi-
piert, um eine neue Generation Heranwachsender zu erreichen,
die sich sowohl gegenüber der älteren Generation als auch kul-
turell weiterentwickelt hat. Dieser früheren Generation gehörten
jene an, auf die die sucherorientierte Bewegung vor 30 Jahren be-
sonders abzielte. Obwohl es Unterschiede gibt, besteht das Motiv
führender Persönlichkeiten der Emerging-Church-Bewegung (wie
dasjenige der Leiter des sucherorientierten Konzepts zu ihrer Zeit)
teilweise in dem Verlangen, Menschen zu erreichen, die durch
herkömmliche Ansätze und Einstellungen offenbar nicht angezo-
gen werden. Die sucherorientierte Bewegung ist inzwischen in die
Jahre gekommen, sodass sie mittlerweile als »traditioneller« An-
satz gelten kann. Pastoren in der sucherorientierten Tradition nei-
gen demnach dazu, in den führenden Vertretern der Emerging
Church eine neue Generation von Christen zu sehen, die im Grun-
de das Gleiche tun, was sie selbst eine Generation zuvor getan ha-
ben.
In Kimballs Buch wird dargelegt, wie man die post-sucher-
orientierte Generation erreichen kann. Ein Großteil seiner Aus-
führungen bewegt sich auf bekanntem Boden. Er bietet eine Art
populäre Kurzdarstellung dessen, was sich die Postmoderne sei-
ner Meinung nach angeeignet hat:88 Sie akzeptiert den Pluralis-
mus, macht sich das Erfahrungsmäßige zu eigen, erfreut sich an

86 Emerging Church, Die postmoderne Kirche. Spiritualität und Gemeinde für neue
Generationen, Gerth Medien, 2005, S. 166.
87 Z.B. John Ortberg, früher bei Willow Creek, und Rick Warren von der Saddle-
back Church.
88 Siehe z.B. sein Schaubild in Emerging Church, S. 57.

48
mystischen Erfahrungen, findet Gefallen am Erzählerischen sowie
an dem, was fließenden, globalen und gemeinschaftlichen/loka-
len Charakter hat, usw. Kimball geht dann zu der Frage über, wie
wir Dinge ganz anders in Angriff nehmen sollten. Dazu gehört
ein Anhang, der Anregungen für post-sucherorientierte Gottes-
dienste gibt. Hier müssten wir, so Kimball, viel mehr sinnbildliche
Elemente haben und viel stärker das Visuelle hervorheben. Wir
sollten Kreuze und Kerzen haben. Es könnte sogar einen Abend-
mahlsgottesdienst ganz ohne Predigt geben. Die ganze Raumge-
staltung könne anders werden. So sollte es fortan möglich sein,
dass sich verschiedene Gruppen innerhalb der Gemeinde zur sel-
ben Zeit unterschiedlichen Dingen widmen. Vielleicht geht auch
jemand eine Zeit lang nach draußen, um an einem Tisch in der
Stille Tagebucheintragungen vorzunehmen. Die gottesdienstliche
Erfahrung in ihrer Gesamtheit sollte alle Sinne ansprechen, wobei
man an der Gebetsstation durchaus Weihrauch einsetzen könne.
»Die Gottesdienste der Emerging Church«, schreibt Kimball, »ver-
suchen weniger, innovativ zu sein, sondern vielmehr zu unserer
geistlichen Mitte zurückzukehren, zu Jesus«.89
Kimball bietet uns in antithetischer Form einen Überblick über
die moderne und postmoderne Predigt.90 In der modernen Ge-
meinde ist die Predigt das Kernstück des Gottesdienstes, wäh-
rend der Verkündiger biblische Wahrheiten vermittelt und hilft,
persönliche Probleme des modernen Lebens zu lösen. In den Pre-
digten wird vorrangig erklärt, d.h. erläutert, was Wahrheit ist.
Der Ausgangspunkt ist das jüdisch-christliche Weltbild, wobei bi-
blische Begriffe wie »Evangelium« und »Harmagedon« nicht defi-
niert werden müssen. Der jeweilige Bibeltext wird hauptsächlich
durch Worte vermittelt. Dabei findet diese Predigt innerhalb des
Gemeindehauses während eines Gottesdienstes statt.
Kimball schreibt, dass im Gegensatz dazu in der (postmoder-
nen) Emerging-Church-Bewegung die Predigt nur ein Teil der
gottesdienstlichen Erfahrung während der allsonntäglichen Zu-

89 Ebd., S. 166.
90 Siehe insbesondere sein Schaubild ebd., S. 171. Viele der Thesen in den fol-
genden Ausführungen entstammen Kimballs Buch.

49
sammenkünfte ist. Hier lehrt der Verkündiger, wie sich die alte bi-
blische Weisheit auf das Leben im Reich Gottes anwenden lässt. Er
betont und erläutert die Erfahrung im Blick darauf, wer die Wahr-
heit ist. Der Ausgangspunkt ist der Garten Eden, wobei man die
Geschichte von der Schöpfung und dem Ursprung des Menschen
sowie der Sünde immer wieder neu erzählen muss (vgl. Apostel-
geschichte 17,22-34). Biblische Begriffe wie »Evangelium« und
»Harmagedon« müssen »auseinandergenommen und neu de-
finiert« (vgl. ebd., S. 171) werden. Die Botschaft der Schrift wird
durch eine Mischung aus Worten, Bildern, Kunst, Stille, Zeug-
nis und Erzählung vermittelt. Der Prediger motiviert und ermu-
tigt Menschen, im Laufe der Woche aus der Schrift zu lernen. Ein
Großteil der Predigt findet außerhalb des Gemeindehauses in
Gruppen und Beziehungen statt. Eine solche Verkündigung wird
immer wieder Gott und nicht den Menschen in den Mittelpunkt
stellen, wobei der Prediger darauf achtgeben sollte, nicht die Intel-
ligenz der Menschen zu beleidigen.
Eines kann in Kimballs Buch meiner Meinung nach nicht über-
sehen werden: Ein beträchtlicher Teil seiner Analyse ist spezi-
ell gegen Gemeinden in der sucherorientierten Tradition gerich-
tet. Sehen wir uns einige seiner Anregungen an. Dazu gehört z.B.
die nachdrückliche Betonung, dass Predigten Gott und nicht den
Menschen in den Mittelpunkt stellen sollten. Außerdem sollten sie
nicht die Intelligenz der Zuhörer beleidigen. Während der Woche
sollte die Unterweisung im Wort weitergehen, statt sie auf norma-
le Sonntagsgottesdienste zu beschränken. Wir sollten darauf hin-
arbeiten, wie Menschen des Reiches Gottes zu leben. Derartige
Anregungen könnte man genauso mühelos in Ermahnungen kon-
servativer Gemeinden finden.
Andere Aspekte der Ratschläge Kimballs könnten natürlich
nicht so einfach eingeordnet werden. Dennoch bleibt die Tatsa-
che, dass ein erheblicher Teil seiner Ausführungen durchaus mit
vielen ernsthaften (und nicht nur reformierten) Wortmeldungen
innerhalb der traditionellen evangelikalen Bewegung in Einklang
gebracht werden kann. Dies deutet darauf hin, dass der »unter-
schwellig gemeinte Leser« seines Buches nicht einer eher tradi-

50
tionellen evangelikalen Gemeinde, sondern einer der sucherorien-
tierten Gemeinden angehört. Nach Kimballs Ansicht gehen sie au-
ßerdem mit der heutigen Kultur nicht konform und leiden unter
der Geißel des Modernismus. Überdies müssen wir Folgendes sa-
gen: Obwohl – wie wir gesehen haben – mehrere von Kimballs
Einzelvorschlägen im Blick auf den zukunftsweisenden Weg an
Einstellungen erinnern, die in Teilen der traditionellen evangeli-
kalen Bewegung eingenommen werden, ist seine Denkstruktur
aufs Ganze gesehen für die Postmoderne charakteristisch.
Dieses Anliegen, den Protest an mehreren Fronten zugleich
zu bekunden, ist in einem Dokument, das von einer Gemeinde
im Raum Chicago erstellt wurde, sehr deutlich zu erkennen. Die-
se Gemeinde will sich der Emerging-Church-Bewegung anschlie-
ßen. Bei ihrer Suche nach einem »leitenden Pastor« (niemand in
der Emerging-Church-Bewegung redet von einem »Hauptpas-
tor«) ermächtigte diese Gemeinde ein »Forward Development
Team« (frei übersetzt etwa »Gemeindeentwicklungsteam«), lang-
fristige Vorschläge für die gemeindliche Entwicklung zusammen
mit Richtlinien für die Einstellung neuer hauptamtlicher Mitarbei-
ter zu erarbeiten. Die drei Zielsetzungen der Gemeinde beginnen
im Englischen jeweils mit einem »C«: Veranstaltungen durchfüh-
ren (celebrating), Verbinden (connecting) und Verantwortung für
Nachwuchsmitarbeiter übernehmen (coaching). Der leitende Pas-
tor sollte die Kultur der Emerging Church klar verstehen und ent-
sprechende Erfahrungen sammeln.
Das Dokument enthält einschlägige Zitate von Dan Kimball
(dessen Werk ich gerade kurz dargestellt habe) und von anderen
Autoren.91 Es legt das Ziel, die völlig Gemeindedistanzierten zu
erreichen, auf hervorragende Weise dar. Aber für unsere Zielset-
zung ist es eine im Dokument vorgenommene Dreiteilung, die un-
ser Interesse an dieser Stelle auf sich zieht. Das Schriftstück un-
terscheidet zwischen traditionellen Evangelikalen, pragmatischen
Evangelikalen und Evangelikalen der Emerging Church.

91 Z.B. Robert Lewis und Rob Wilkins, The Church of Irresistible Influence (Grand
Rapids: Zondervan, 2001); Brian D. McLaren, The Church on the Other Side (Grand
Rapids: Zondervan, 2000).

51
Die traditionellen Evangelikalen sind »in ihrem Denken und
Dienstverständnis meist traditionsbewusst und ›modern‹. Dazu
gehören eine herkömmliche Bibelauslegung, geistliche Lieder
und ein gewisser Anteil an moderner Musik.« »Sie haben oft tra-
ditionelle Gebäude mit Kirchenbänken, Orgel, Kanzel und got-
tesdienstlichen Symbolen.« »Beispiele auf örtlicher Ebene finden
sich in der Moody Church, der Arlington Heights Evangelical Free
Church, der Harvest Bible Church oder der Trinity Evangelical
Divinity School.« »Diese werden bevorzugt von Menschen mit ge-
meindlichem Hintergrund besucht.«
Die pragmatischen Evangelikalen vertreten »in ihrem Den-
ken und Dienstverständnis zumeist Werte der geburtenstarken
Nachkriegsgeneration. Dazu gehören sucherorientierte Veranstal-
tungen, bis ins Letzte ausgefeilte Gottesdienste und die Betonung
der Tatsache, dass man Menschen dort abholen müsse, wo ihre
Nöte sind.« »Gemeindegebäude sehen eher wie Theater aus und
entbehren aller sichtbaren religiösen Symbole.« »Ein Beispiel auf
örtlicher Ebene ist die Willow Creek Community Church.« »Die-
ser Gemeindetyp wird vorzugsweise von Menschen aufgesucht,
welche die Werte der in der Nachkriegszeit geborenen Jahrgänge
vertreten.«
Im Gegensatz zu beiden Gruppen sind die zur Emerging
Church gehörenden Evangelikalen »in ihrem Denken und Dienst-
verständnis größtenteils nah am Puls unserer Zeit (Anmerkung
des Übersetzers: die zunehmend postmoderne Züge trägt). Dazu
zählen eine Betonung der Anbetung, sowohl traditionelle Lieder
als auch moderne Musik, aktive Mitarbeit, authentische Bezie-
hungen und Evangelisation in ihren Wohngegenden.« »Es gibt
Mehrzweckhallen, die oft als Gemeindezentren dienen, aber rasch
in Räume für Anbetungsgottesdienste umgewandelt werden kön-
nen, wo man Technik, Kunstobjekte und sogar Kerzen sowie litur-
gische Symbole nutzen kann, um ein Gespür für das Geheimnis-
volle und die entsprechende Ehrfurcht hervorzurufen.« »Es gibt
keine diesbezüglichen Beispiele im Raum Palatine (Stadt in Illinois,
im Nordwesten des Ballungsgebiets Chicago gelegen), obwohl die
Chapel im nördlichen Teil von Illinois und Axis (in Willow Creek)

52
dieses Konzept verfolgt. Aber es gibt eine schnell zunehmende
Zahl wachsender Gemeinden der Emerging Church in anderen
Landesteilen.« »Diese Gemeinden werden von Menschen bevor-
zugt, denen es auf Beziehungen, Gemeinschaft und Zurüstung an-
kommt und die auch einen Ort haben wollen, wo sie dienen sowie
Gottesdienste feiern können – allerdings in kleinerem Rahmen. Sie
sind scheinbar am besten geeignet, postmodern geprägte, der Kir-
che misstrauende Menschen zu erreichen.«92
Selbst wenn die Theoretiker der Emerging Church nicht spe-
ziell zwischen sucherorientierten Evangelikalen und eher tradi-
tionellen Evangelikalen unterscheiden, lassen die von ihnen dar-
gelegten Antithesen und Paradigmen erkennen, dass sie sich von
beiden distanzieren wollen. In seinem Buch Post-Modern Pilgrims
behauptet Leonard Sweet, dass der Dienst im 21. Jahrhundert mit
dem Dienst im 1. Jahrhundert mehr gemeinsam habe als mit der
modernen Welt, die überall um uns herum zusammenbreche.93
Zwar warnt uns Sweet davor, eine postmoderne Weltanschauung
zu übernehmen.94 Seine in vier Kapiteln erörterte Lösung besteht
jedoch darin, dass ein Dienst im 21. Jahrhundert auf Erfahrungen
beruhen (experiential), Beteiligung ermöglichen (participatory),
auf Bilder orientiert (image-driven) und gemeinschaftsfördernd
(connected) sein sollte. Im Englischen entsteht somit das Akrosti-
chon (ein sogenannter »Leistenvers«) EPIC, das in gewisser Weise
zu einem Mantra geworden ist.
Manchmal ist die Tatsache, dass man den Kontrast zwischen
Dienst in der Moderne und Dienst in der Postmoderne zu schablo-
nenhaft sieht, mit ziemlich erstaunlichen Extremen überfrachtet –
mit Extremen, welche die Reichweite des Protests erfassen. Sehen
wir uns beispielsweise die folgenden Kapitelüberschriften an, die
einem kürzlich erschienenen Buch entnommen sind:

92 Alle Zitate bis zur nächsten Zwischenüberschrift entstammen internen Un-


terlagen derjenigen Gemeinde, auf die ich mich bezogen habe.
93 Post-Modern Pilgrims: First Century Passion for the 21st Century World (Nash-
ville: Broadman & Holman, 2000).
94 Ebd., S. XVII.

53
(3) Kommunikation: Vom gedruckten Wort zur kulturbezo-
genen Vermittlung
(4) Geschichte: Von der Geschichtslosigkeit zur Tradition
(5) Theologie: Von der lehrsatzbezogenen Weitergabe zur Ver-
mittlung in erzählender Form
(6) Apologetik: Vom Rationalismus zur Verwirklichung christ-
licher Werte
(7) Lehre von der Gemeinde: Vom Unsichtbaren zum Sicht-
baren
(8) Gemeindeidentität: Von Marktstrategien zu missionalen
Zielen
(9) Pastoren: Von Machtstrukturen zur dienenden Leiter-
schaft
(10) Jugendmitarbeiter: Von der event- zur gebetsorientierten
Jugendarbeit
(11) Pädagogen: Von der Informationsvermittlung zum ganz-
heitlichen Lernen
(12) Geistliche Entwicklung: Von der Gesetzlichkeit zur Frei-
heit
(13) Lobpreisleiter: Vom Programm zu erzählerischen Ele-
menten
(14) Künstler: Von der Zurückhaltung zum Ausdruck
(15) Evangelisten: Von der Veranstaltungsevangelisation zur
vernetzten Beziehungsarbeit
(16) Aktivisten: Von der Theorie zur Aktion95
Kurz zusammengefasst: Ein Hauch von Protest ist in der Emer-
ging-Church-Bewegung überall zu finden. Er kann mithilfe drei-
er Leitlinien sinnvoll analysiert werden: Protest gegen das, was
als persönlich einengende konservative Einstellung in kultureller
Hinsicht wahrgenommen wird; Protest gegen die Moderne und
dagegen, wie Glieder moderner Gemeinden diese ausleben;
und Protest dagegen, wie die Moderne in sucherorientierten Ge-
meinden ihren Niederschlag findet.

95 Robert E. Webber, The Younger Evangelicals: Facing the Challenges of the New
World (Grand Rapids: Baker, 2002).

54
Wonach sollten wir fragen?
Ich kann die Emerging-Church-Bewegung hier nur kurz darstel-
len, während man viele weitere Bücher und Artikel nutzbringend
zusammenfassen könnte.96 Zumindest mit einigen von ihnen wer-
de ich mich in den folgenden Kapiteln befassen. Doch bevor wir
weitergehen, erweist es sich als hilfreich, Zwischenbilanz im Blick
darauf zu ziehen, was wir bisher kennengelernt haben, um dann
über die Fragen nachzudenken, die wir stellen sollten.
Auf diesen einleitenden Seiten ging es um die zusammen-
gefassten Lebensgeschichten mehrerer führender Vertreter der
Emerging-Church-Bewegung und um einen Überblick über einige
ihrer Veröffentlichungen. Dabei hebt sich ein Punkt ziemlich deut-
lich ab. Sagen wir es ganz prägnant: Es lohnt sich, die Emerging-
Church-Bewegung mit der Reformation zu vergleichen, denn dies
war immerhin eine weitere Bewegung, die für sich in Anspruch
nahm, die Kirche reformieren zu wollen. Die der Reformation zu-
grunde liegende Triebkraft war die von all ihren führenden Per-
sönlichkeiten geteilte Überzeugung, dass die römisch-katholische
Kirche von der Heiligen Schrift abgewichen war und theologische
Anschauungen sowie Praktiken eingeführt hatte, die dem wah-

96 Neben den bereits erwähnten Büchern siehe u.a. Spencer Burke (mit Colleen
Pepper als Koautorin), Making Sense of Church: Eavesdropping on Emerging Conver-
sations about God, Community, and Culture (El Cajon: emergentYS/Grand Rapids:
Zondervan, 2003); Brian D. McLaren, More Ready Than You Realize: Evangelism as
Dance in the Postmodern Matrix (Grand Rapids: Zondervan, 2002); Joseph R. Myers,
The Search to Belong: Rethinking Intimacy, Community, and Small Groups (El Cajon:
emergentYS/Grand Rapids: Zondervan, 2003). Es gibt darüber hinaus eine gan-
ze Anzahl von Büchern über postmoderne Theologie, die sich mit der eher prag-
matisch orientierten Literatur der eigentlichen Emerging-Church-Bewegung über-
schneiden. Manchmal werden diese innerhalb einer Tradition geschrieben, die eine
gewisse Verbindung zum kirchengeschichtlich allgemein anerkannten Glaubens-
gut zu wahren sucht. Mitunter ist dies jedoch nicht der Fall. Zu den Werken dieser
Sachgebiete, die lesenwert sind, gehören: Robert C. Greer, Mapping Postmodernism:
A Survey of Christian Options (Downers Grove: InterVarsity Press, 2000); Stanley
J. Grenz, Renewing the Center: Evangelical Theology in a Post-Theological Era (Grand
Rapids: Baker, 2000); David J. Lose, Confessing Jesus Christ: Preaching in a Postmodern
World (Grand Rapids: Eerdmans, 2003); John W. Riggs, Postmodern Christianity:
Doing Theology in the Contemporary World (Harrisburg: Trinity Press International,
2003); Kevin J. Vanhoozer, Hrsg., The Cambridge Companion to Postmodern Theology
(Cambridge: Cambridge University Press, 2003).

55
ren christlichen Glauben abträglich waren. Mit anderen Worten:
Die Reformatoren wollten Änderungen herbeiführen – und zwar
nicht, weil sie feststellten, dass neue Entwicklungen im kulturellen
Bereich stattgefunden hatten, sodass die Kirche berufen war, ihre
Einstellung gegenüber dem neuen kulturellen Erscheinungsbild
anzupassen. Vielmehr nahmen sie wahr, dass sich in der Kirche
neue theologische Standpunkte und Praktiken entwickelt hatten,
die der Schrift zuwiderliefen. Deshalb mussten die bestehenden
Verhältnisse auf der Grundlage des Wortes Gottes reformiert wer-
den. Im Gegensatz dazu steht die Emerging-Church-Bewegung:
Sie sagt zwar einigen der Glaubensüberzeugungen und Praktiken
des Evangelikalismus auf biblischer Grundlage den Kampf an, be-
steht aber im Großen und Ganzen darauf, dass sie den traditio-
nellen Konfessionalismus erhalten wolle. Gleichzeitig möchte sie
die Schwerpunkte anders setzen, weil sich die Kultur geändert
habe. Daher sähen diejenigen, die kulturell sensibel seien, die Din-
ge zwangsläufig aus einer neuen Perspektive.97 Mit anderen Wor-

97 In einem Aufsatz, den er in einem Internet-Tagebuch veröffentlicht hat (»The


Emergent Church – Another Perspective. A Critical Response to D.A. Carson´s Sta-
ley Lectures« unter http://kevincole.blogspot.com/2004_04_01_kevincole_archive.
html), moniert David M. Mills, dass diese Analyse eine allzu große Vereinfachung
darstelle. Im Grunde genommen gelte: »Veränderungen in der Philosophie, Wis-
senschaft, Politik, Technik, Kunst, Bildung und in der Geschichtsschreibung bil-
deten den Ansatzpunkt dafür, dass sich die Denkweise der Menschen hinsicht-
lich ihrer Religion wandelte. Luther selbst veranschaulichte diese Veränderung.«
Luthers »Reformforderung ist selbst in eine spezielle Zeit und ein spezielles Um-
feld innerhalb der westlichen Kultur eingebunden, wobei die von ihm eingefor-
derten Veränderungen mit anderen, zu diesem Zeitpunkt stattfindenden Verände-
rungen verknüpft sind. Wer diese Faktoren ignoriert, stellt das Wesen der protes-
tantischen Reformation falsch dar.« Mills’ Einwand trifft einerseits zu und ist an-
dererseits für meine Argumentation irrelevant. Er trifft dahin gehend zu, dass es
bei jeder wichtigen gesellschaftlichen Veränderung unweigerlich parallel ablaufen-
de Prozesse gibt. Er ist aber auch irrelevant, weil dieser Punkt zwischen uns nicht
strittig ist. Die Frage besteht vielmehr darin, was die Reformatoren selbst als das
wichtigste Problem ansahen und worauf sie sich im Kern ihrer Lösung beriefen.
Nach ihrer Sichtweise bestand das Hauptproblem nicht darin, dass sich die Kultur
gewandelt hatte und die Anpassungsbemühungen der (römisch-katholischen) Kir-
che gescheitert waren, die dabei sogar einige ihrer eigenen Schriften bewusst miss-
verstanden hatte. Vielmehr hatte sich die Kirche selbst beklagenswert weit von der
Bibel entfernt, wobei die Lösung in einer Rückkehr zur Schrift lag. Man sucht in
den Schriften eines Vertreters der Emerging Church (sagen wir mal Brian McLa-
ren) vergeblich eine Aussage, die derjenigen ähnelt, welche Luther auf dem Reichs-
tag zu Worms machte: »Weil denn Eure Majestät und die Herrschaften eine einfa-

56
ten: Das Herzstück der neu aufbrechenden Reformation liegt dar-
in, dass man eine wichtige kulturelle Veränderung wahrnimmt.
Dies soll nicht heißen, dass sich die Emerging-Church-Bewe-
gung im Irrtum befindet. Vielmehr soll damit dreierlei ausgesagt
werden:
Erstens: Die Emerging-Church-Bewegung muss danach bewer-
tet werden, wie sie die Gegenwartskultur beurteilt. Die meisten ih-
rer Reformforderungen sind eng mit ihrem Verständnis der Post-
moderne verknüpft. Trotz der Schwierigkeit der entsprechenden
Aufgabe (angesichts der Fülle von Einstellungen gegenüber der
Postmoderne) bleibt uns ein solcher Versuch nicht erspart.
Zweitens: Wie die Leser anhand des in diesem Kapitel gege-
benen Überblicks bereits festgestellt haben, kann man die Bezug-
nahmen auf die Schrift in der Literatur der Emerging Church im
Allgemeinen zwei Kategorien zuordnen: Einerseits behaupten ei-
nige führende Vertreter der Emerging Church, dass in sich wan-
delnden Zeiten neue Fragen an die Schrift gestellt und darauf
neue Antworten gegeben werden müssten. Was als angemessener
Gebrauch der Schrift in der Moderne galt, ist in der Postmoder-
ne einer anderen Schriftanwendung gewichen. Wer die Geschich-
te der evangelikalen Bewegung wohlwollender versteht, beschul-

che Antwort begehren, so will ich eine geben, die weder Hörner noch Zähne hat,
dermaßen: Wenn ich nicht durch Schriftzeugnisse oder helle Gründe [(Anmerkung
des Übersetzers: »vernünftige Gründe« bzw. »klare Vernunftsgründe« nach an-
deren Quellen). Beachten wir: Dies ist eine Bezugnahme auf die Vernunft in vor-
aufklärerischer Zeit.)] würde überwunden werden (denn ich glaube weder dem
Papst noch den Konzilien allein, weil feststeht, dass sie öfter … sich selbst wider-
sprochen haben), so (ist) … mein Gewissen gefangen in Gottes Worten; widerrufen
kann ich nichts und will ich nichts, weil wider das Gewissen zu handeln beschwer-
lich, unsicher und nicht lauter ist … Gott helfe mir, Amen« (siehe Roland Bainton:
Here I Stand: A Life of Martin Luther [Nashville: Abingdon, 1950], S. 183; der deut-
sche Text ist online abrufbar unter http://www.specialtyinterests.net/luthersworte.
html.). Vgl. Mark D. Thompson, A Sure Ground on Which to Stand: The Relation of
Authority and Interpretive Method in Luther’s Approach to Scripture (Carlisle: Pater-
noster, 2004). Ähnliche Sachverhalte kann man im Leben von Johannes Calvin, Ul-
rich Zwingli und anderer führender Reformatoren mühelos darlegen. Damit soll
nicht gesagt werden, dass die Führer der Reformation alles richtig verstanden ha-
ben. Vielmehr will ich lediglich darauf verweisen, dass sich die grundlegende Pro-
blemanalyse und der wichtigste Lösungsansatz in der Reformationszeit von den-
jenigen Veränderungen, die von der Emerging-Church-Bewegung gefordert wer-
den, erheblich unterscheiden.

57
digt traditionelle Evangelikale nicht, schwerwiegende Fehler in
ihrer Zeit begangen zu haben. Vielmehr sagt er damit lediglich,
dass sie nicht mehr auf der Höhe der Zeit sind – nicht zuletzt in
ihrem Umgang mit der Bibel. Andererseits kritisiert die Emerging
Church die Moderne und die evangelikale Bewegung, die in die-
sem zeitgeschichtlichen Umfeld entstanden ist, mitunter (nicht
immer) überaus scharf. Dies kann dazu führen, dass der Umgang
des Evangelikalismus mit der Schrift mit verletzenden Worten ins
Lächerliche gezogen wird. (Erinnern wir uns z.B. daran, wie Spen-
cer Burke mit dem Mahl des Herrn in 1. Korinther 11 umging.)
Damit soll nicht angedeutet werden, dass dies für alle Pastoren
der Emerging Church gilt.
Drittens: Die Emerging-Church-Bewegung wird dadurch mo-
tiviert, dass sie weitreichende kulturelle Veränderungen wahr-
nimmt. Angesichts dessen sollte man ihre eigenen Vorschläge für
den zukunftsweisenden Weg anhand ihrer Treue zur Bibel ein-
schätzen. Mit anderen Worten: Wir müssen nicht nur versuchen
zu beurteilen, inwieweit die Emerging Church unsere Kultur ge-
nau analysiert, sondern auch abwägen, inwieweit ihre Vorschlä-
ge der Schrift entstammen oder zumindest damit in Einklang ge-
bracht werden können. Stellen wir die Angelegenheit anders dar:
Gibt es zumindest eine gewisse Gefahr, dass man weniger eine
neue Art des Christseins in einer neu entstehenden Kirche be-
fürwortet, als vielmehr eine Kirche schaffen will, die sich derart
stark mit der Kultur identifiziert, dass sie riskiert, in hoffnungs-
lose Kompromisse abzugleiten?
Schon allein diese Frage zu stellen, werden einige bestenfalls
als Unverschämtheit und schlimmstenfalls als abgegriffene Beru-
fung auf eine überholte Gemeindepraxis auffassen. Beides wäre
meiner Meinung nach verfehlt. Die meisten Bewegungen enthal-
ten sowohl positive als auch negative Aspekte, wobei das nächs-
te Kapitel einige der Sachverhalte hervorhebt, die meiner Ansicht
nach in der Emerging-Church-Bewegung ermutigend und hilf-
reich sind. Wenn die vier folgenden Kapitel etwas kritischer sind,
dann teilweise deshalb, weil sich meine »Herangehensweise« an
die moderne Kultur von derjenigen der Emerging-Church-Vertre-

58
ter ein wenig unterscheidet. Teilweise liegt es auch daran, dass die
meiner Auffassung nach notwendigen Lösungen weithin anders
sind als ihre Lösungsansätze. Außerdem bin ich darüber besorgt,
dass sie sich (unwissentlich) von der Schrift entfernen. Schließlich
kommt mir das Emerging-Church-Konzept wie die Bewegung
eines schwingenden Pendels vor, bei der das Gesetz der unbeab-
sichtigten Folgen großen Schaden anrichten kann, bevor das Pen-
del in die Ruhestellung gelangt.
Doch zunächst einige Sachverhalte, für die wir dankbar sein
können.

59
Stärken der Emerging Church im
Beurteilen unserer Zeit

Weil die Emerging-Church-Bewegung außergewöhnlich viel-


schichtig ist, erweist sich scharfe Kritik, die für einen Teil zu-
trifft, gegenüber einem anderen Teil gelegentlich als unangemes-
sen. Den gleichen Vorbehalt müssen wir gelten lassen, wenn wir
die Stärken der Bewegung beurteilen. Diejenigen Dinge, die in der
Bewegung meiner Meinung nach ermutigend und hoffnungsvoll
sind, kommen nicht überall in dieser Bewegung vor. Wenn ich zu-
weilen zu stark verallgemeinere, dann gelten meine Verallgemei-
nerungen sowohl für Empfehlungen als auch für Kritiken.

Unsere Zeit beurteilen


Die Bewegung der Emerging Church ist ehrlich bemüht, die Kul-
tur unserer Zeit zu verstehen. Ferner versuchen ihre Vertreter, die
Folgerungen einer solchen Analyse für unser Zeugnis, unser Theo-
logieverständnis, unsere Gemeindezugehörigkeit und schließlich
sogar für unser Selbstverständnis gründlich zu durchdenken.
Da die Welt aus vielen Gründen klein geworden ist, bietet
sie auch eine größere Vielfalt als früher. Konkreter ausgedrückt:
Man kann in immer stärkerem Maße rasch und relativ billig rei-
sen. Die erhöhte Mobilität hat die Migrationsbewegungen (eini-
ge davon in Verbindung mit den Flüchtlingsströmen) völlig ver-
ändert. Die unerhört schnelle Kommunikation weltweit erfordert,
dass wir zumindest einiges über andere Teile der Welt wissen. An-
gesichts dessen erscheint uns die Welt kleiner – aber ebenso sind
wir uns allein schon der kulturellen Vielfalt bewusst geworden,
die es auf ihr gibt. Dies hat im Gegenzug zu einer Prüfung un-
seres Lebensumfelds geführt, weil sich unsere eigene Kultur rasch
wandelt – teilweise aufgrund von Zuwanderung, teilweise infol-
ge der weitreichenden geschichtlichen Trends. Die endlose Sehn-

60
sucht nach »der guten alten Zeit« (häufig eine verdeckte Forde-
rung nach rückschrittlichem Konservativismus in Verbindung mit
intellektueller Trägheit) ist keine Antwort. Obwohl es natürlich
wichtige Sachverhalte gibt, die bewahrenswert sind, treten auch
Veränderungen auf, die wir – ob nun mit guten oder schlechten
Auswirkungen – nicht aufhalten können. Wir sind genauso we-
nig imstande, etwas dagegen auszurichten, wie sich der Kanute
gegen die hereinbrechende Flut stemmen kann. Diese Verände-
rungen müssen wir nicht nur verstehen, sondern auch auf dem
Hintergrund der biblischen Aussagen, im Blick auf das Evange-
lium und im Kontext des Wesens christlicher Jüngerschaft deu-
ten. Die Emerging-Church-Bewegung reagiert auf diese Verände-
rungen und versucht, deren Folgen zu durchdenken.
Das sollte für uns nicht bedrohlich sein. Sogar innerhalb der
Christen der ersten Generation war die Gemeinde emergent (wie-
der dieses Wort): Sie entwickelte sich von einer in Jerusalem wur-
zelnden jüdischen Gemeinschaft zu einer im gesamten Römischen
Reich und darüber hinaus verbreiteten Bewegung, die sich aus
Juden und Heiden zusammensetzte. Natürlich waren einige der
Veränderungen, die solch eine Ausdehnung mit sich brachte, ein-
zigartig. Im Grunde genommen verschob sich der Schwerpunkt
nicht nur von einer jüdisch-christlichen zu einer gemischtrassigen
Prägung, sondern auch von einem Schriftkanon (den wir als Altes
Testament bezeichnen) zu einer neuen Offenbarung, die mit dem
Kommen, dem Dienst, dem Tod, der Auferstehung und der Him-
melfahrt des Herrn Jesus verbunden ist. Dazu gehören auch die
Bücher, die ihn anfänglich bezeugten (als Gesamtwerk unter dem
Namen »Neues Testament« bekannt). Die Arten kultureller Ver-
änderungen, den wir uns heute gegenübersehen, mögen schnell
und weitreichend sein. Im Großen und Ganzen behaupten Chris-
ten nicht, neue Offenbarungen empfangen zu haben, die eine Re-
vision oder Neubewertung früherer Offenbarungen erzwingen
würden. Aus diesem Grund sind die Veränderungen in der neu-
testamentlichen Zeit einzigartig.
Dennoch bedeutet dies nicht, dass es keine Lektionen hin-
sichtlich kultureller Veränderungen gibt, die uns das Neue Testa-

61
ment vermittelt. Wenn der Apostel Paulus als Evangelist in einer
jüdischen Synagoge im pisidischen Antiochia predigt (Apostel-
geschichte 13), dann hört sich dies ganz anders an als seine evan-
gelistische Verkündigung, die er vor intellektuell gebildeten Hei-
den in Athen hält (Apostelgeschichte 17,16-34). Im Falle der zuerst
genannten Gruppe setzt der Apostel voraus, dass seine Zuhörer
mit der alttestamentlichen Geschichte vertraut sind und ihr glau-
ben: Ihr zufolge gibt es einen Gott, der alles geschaffen hat, wäh-
rend der Sündenfall die Menschheit danach in Sünde und Unter-
gang stürzte. Später erfolgte Gottes souveräner Ruf an Abraham
und Sara, die Stammeltern des Volkes Israel. Als die Zeit erfüllt
war, offenbarte Gott Mose das Gesetz auf dem Berg Sinai. Fortan
gab es immer häufigere und konkretere Verheißungen Gottes hin-
sichtlich eines kommenden Erlösers, eines »Messias« (eines »Ge-
salbten«) usw. All dies bewegt sich auf bekanntem Boden, sodass
Paulus den größten Teil seiner Verkündigung dem Nachweis wid-
met, dass Jesus wirklich der verheißene Messias ist. Wenn er je-
doch mit bibelunkundigen Heiden zu tun hat (unabhängig da-
von, wie intellektuell begabt sie sind), befindet sich der Apostel
in einer Stellung, in der er mit seiner Botschaft viel früher anset-
zen muss, wenn er verständlich darlegen will, wer Jesus ist. Er be-
ginnt mit der Tatsache, dass es nur einen Gott gibt und dass die-
ser der Schöpfer aller Dinge ist. Er ist nicht auf seine Schöpfung
angewiesen, während seine gesamte Schöpfung fortwährend von
ihm abhängig ist. Außerdem betont Paulus, dass Gott nicht nur
eine Stammesgottheit ist. Ferner muss Paulus den Begriff Sünde
erläutern, wobei er in seiner Erklärung bei der Götterverehrung
anknüpft.
Natürlich haben viele Autoren diese und andere Unterschiede
zwischen den beiden evangelistischen Reden dargelegt.98 Genau
genommen stellen die verschiedenen Kulturen (die von den Syna-
gogenvorstehern im pisidischen Antiochia und den Philosophen
auf dem Areshügel in Athen verkörperten Kulturen) keine Ver-

98 Mein eigener diesbezüglicher Essay findet sich in D.A. Carson, »Athens Re-
visited«, in Telling the Truth: Evangelizing Postmoderns, Hrsg. D.A. Carson (Grand
Rapids: Zondervan, 2000), S. 384-398.

62
änderung in einer Kultur dar, sondern sind vielmehr Ausdruck
der Unterschiede, die ein Mensch (nämlich der Apostel Paulus)
erlebt, während er von Ort zu Ort zieht. Dem kommt heute mei-
ner Ansicht nach derjenige Christ (oft ein Missionar) am nächsten,
der Kulturgrenzen überschreitet und viel dazulernen muss, um
das Evangelium auf ausgewogene und wirksame Weise innerhalb
der neuen Kultur darbieten zu können. Als Merkmal, das uns al-
len heute begegnet, kommt hinzu, wie schnell der Wandel vor sich
geht: Kulturelle Veränderungen laufen in einem bestimmten Um-
feld mitunter so rasch ab, dass die dort lebenden Menschen das
gleiche Gefühl der Entwurzelung wie der Missionar erleben, der
von einer Kultur in die andere überwechselt. Heutzutage bleiben
wir zu Hause, aber unsere eigene Kultur verändert sich.
Der Apostel verstand also, dass sein Kulturgrenzen über-
schreitendes Wirken Auswirkungen im Blick darauf hatte, wie die
Herangehensweise bei seiner Verkündigung aussehen musste
(selbst wenn er fortwährend entschlossen war, Christus als Ge-
kreuzigten zu predigen, 1. Korinther 2,1-5). Umsichtige Missio-
nare lernen die gleiche Lektion, wenn sie Kulturgrenzen über-
schreiten. Diese Beispiele müssen für die Glieder der Gemeinde
Gottes maßgebend sein, wenn sie zu Hause bleiben und sich die
Kultur, in der sie verwurzelt sind, ändert. Dies ist ein Sachverhalt,
der in der Emerging-Church-Bewegung verstanden wird.
Wir haben nicht immer verstanden, wie intensiv die Kultur, in
der wir verwurzelt sind, unser Verständnis und unsere Einstellung
prägt. Anderenorts habe ich einmal erwähnt, dass in meinem Büro
in der Trinity Evangelical Divinity School die bekannten Worte von
C.S. Lewis über Aslan hängen. Die entsprechende Stickerei meiner
Frau hat einen schönen Rahmen erhalten und ziert nun meine Bü-
rowand. Darauf ist zu lesen: »Er ist kein zahmer Löwe.« Eines Ta-
ges saß ein Koreaner, der kurz zuvor angekommen war, erstma-
lig in meinem Büro, um sich bei seinem Erstkontakt mit unserem
Fachbereich für unser Doktorandenprogramm anzumelden. Da-
bei konnte ich sehen, wie sein Blick von meinem Gesicht zu dem
Wandbehang hinaufhuschte, der sich hinter mir befand, und dann
zu meinem Gesicht zurückschweifte. Plötzlich wurde mir be-

63
wusst, dass zwar die meisten unserer europäischen und ameri-
kanischen Studenten das Zitat und dessen Quelle erkennen wür-
den, man aber von diesem Koreaner verständlicherweise natürlich
nicht erwarten konnte, dass er mit Literatur aus dem englischspra-
chigen Raum vertraut war. Ich habe mich gefragt, was er wohl da-
von halten würde, ohne meine Hilfe anzubieten. Also führten wir
einfach unser Gespräch über Doktorandenseminare und derglei-
chen fort. Schließlich nahm er seinen Mut zusammen, indem er
auf den Wandbehang mit den Worten »Er ist kein zahmer Löwe«
wies und mich direkt fragte: »Sind Sie darauf zu sehen?« Und na-
türlich kam mir schlagartig in den Sinn, dass er als Koreaner von
einer konfuzianischen Bildungsauffassung geprägt war: Der Leh-
rer befand sich dort weit oben, der Student dagegen weit unten in
der Hierarchie. Aufgrund der Unterschiede in Bezug auf unseren
jeweiligen kulturellen Hintergrund deuteten wir beide diese fünf
Worte von C.S. Lewis auf ganz unterschiedliche Weise.
Oder sehen wir uns den folgenden Witz an:
Etliche Schachbegeisterte hatten sich als Gruppe gerade in
einem Hotel angemeldet, standen im Foyer und sprachen über
ihre jüngsten Turniererfolge. Nach ungefähr einer Stunde kam der
Hotelmanager aus seinem Büro und bat sie, auseinanderzugehen.
»Aber warum denn?«, fragten sie beim Hinausgehen.
»Weil ich«, sagte er, »es nicht ertragen kann, wenn Chess Nuts
in einem offenen Foyer herumstehen und mit ihren Erfolgen prah-
len« (Anmerkung des Übersetzers: Bei Chess-Nuts« handelt es sich
um die Bezeichnung eines 1932 gedrehten Kurzfilms über zwei
Schachspieler [Regisseur: Dave Fleischer]. Chess-Nuts erscheint
manchmal in einem Wortspiel mit »chestnuts« [Kastanien], wo-
bei hier ein längeres Wortspiel vorliegt: »Chess nuts boasting in an
open foyer« erinnert an »Chestnuts roasting in an open fire« – an
»Kastanien, die in einem offenen Feuer rösten«. Man denke auch
an unsere deutsche Redewendung »die Kastanien aus dem Feuer
holen«, deren Ursprung auf geröstete Kastanien in einer Fabel von
La Fontaine zurückgeht.).
Stellen Sie sich vor, wie schwierig es für Sie wäre, wenn Sie
versuchen wollten, einem Menschen außerhalb der englischspra-

64
chigen Welt diese Geschichte zu erklären. Der Betreffende mag
zwar als Zweitsprache einigermaßen fließend Englisch sprechen,
ist aber mit der US-amerikanischen Popmusik und mit den ihm
unverständlichen Pointen vielschichtiger englischer Wortspiele
kaum vertraut.
Um die Angelegenheit anders auszudrücken: Um spezielle
Gesprächsformen verstehen zu können, reichen oberflächliche
Kenntnisse in derjenigen Sprache, in der das Gespräch geführt
wird, nicht aus. Man muss vielmehr neben der Sprache selbst
auch die Kultur, in der die betreffende Sprache verwurzelt ist,
in gewisser Weise verstehen. Diejenigen, die mit der Emerging-
Church-Bewegung in Verbindung stehen, versuchen, unsere sich
wandelnde Zeit zu verstehen. Danach wollen sie die notwendigen
Anpassungen vornehmen, um imstande zu sein, das Evangelium
einer Kultur vermitteln zu können, die in erheblichem Maße eine
neue Kultur darstellt. Das postmoderne Ethos tendiert dazu, ge-
gen absolute Sachverhalte gerichtet, Wahrheitsbehauptungen ge-
genüber misstrauisch und für den Relativismus sehr aufgeschlos-
sen zu sein. Es neigt dazu, Ansätze des »Heilwerdens« auf spiri-
tuellem Gebiet zu übernehmen – ob nun trotz oder vielleicht ge-
rade wegen des Individualismus westlicher Tradition – und steht
oft im Bannkreis gemeinschaftlicher Ganzheitlichkeit. Natür-
lich werden oft auch andere Elemente der Gegenwartskultur von
führenden Persönlichkeiten der Emerging Church in den Mittel-
punkt gestellt. Ich habe nur ein paar allgemeine und für sich ste-
hende Merkmale angeführt.99 Mir geht es nämlich um Folgendes:
Unabhängig davon, wie jemand die Gegenwartskultur analysiert,

99 Ich will ein weiteres Werk anführen: Ein kürzlich durchgeführtes D.Min.-
Projekt (Anmerkung des Übersetzers: Projekt für diejenigen, die den akademi-
schen Titel eines »Doctor of Ministry« erwerben wollen. Ein solcher Doktoran-
dentitel wird oft an Mitarbeiter in gemeindlicher Führungsverantwortung verlie-
hen und umfasst häufig den Bereich der angewandten Theologie [z.B. Missiologie,
Evangelisation, Pastoralpsychologie, Gemeindewachstum, Homiletik usw.].) arbei-
tete mit Gymnasiasten in einem bedeutenden Großstadtvorort als Probanden. Es
schlussfolgert, dass sie mit visuellen Hilfsmitteln lernen, erfahrungsorientiert sind,
bedeutungsvolle Beziehungen haben wollen und außerordentlich tolerant gegen-
über anderen sind. Siehe Richard P. Wager, »Hearing with Their Eyes and Seeing
with Their Hearts: Ministry to the Senior High Bridger Generation« (D.Min.-Pro-
jekt, Trinity Evangelical Divinity School, 2001).

65
räumen praktisch alle Beteiligten ein, dass sie sich schnell wan-
delt. Angesichts dieser Realität ist es sicher genauso empfehlens-
wert, die sich wandelnde Kultur als unser Lebensumfeld zu ver-
stehen und angemessene Veränderungen vorzunehmen, wie dies
Missionare tun, die nach der Ankunft in einer neuen Kultur diese
verstehen wollen. Auch Paulus verstand die kulturellen Verände-
rungen, als er verschiedene Schauplätze im gesamten römischen
Reich bereiste. Zweifellos ist diese Haltung weitaus empfehlens-
werter als eine konservative Einstellung gegenüber der Kultur, die
so tut, als sei die Kultur, mit der wir uns am stärksten identifizie-
ren (gewöhnlich diejenige, in der wir aufgewachsen sind), die ein-
zige, die für denkende Christen infrage kommt (und vielleicht so-
gar die einzige gottgewollte).

Auf Authentizität drängen


Im ersten Kapitel haben wir festgestellt, dass Mike Yaconellis Buch
Stories of Emergence mit dem Untertitel Moving from Absolute to Au-
thentic erschienen ist. Ob er eine ausgewogene Antithese umfasst
oder nicht, spielt hier keine Rolle. Der auf Authentizität (Echtheit)
– auf authentischen christlichen Glauben, authentische geistliche
Gesinnung und auf authentischen christlichen Gehorsam – ge-
legte Schwerpunkt ist sicher anerkennenswert.
Wir könnten uns fragen, ob der Gemeindegottesdienst schon
dadurch irgendwie »authentischer« ist, dass es Kerzen oder Räu-
me gibt, wo man Tagebucheintragungen vornehmen kann. Ganz
sicher müssen wir versuchen, solche Fragen angemessen zu
durchdenken. Doch wer von uns kann wohl bestreiten, dass ein
erheblicher Teil der Abläufe in vielen traditionellen evangelikalen
Gemeinden – seien es der Gemeindegottesdienst, Bibelarbeiten
in Kleingruppen und sogar Gebetszeiten – zum Teil in beunruhi-
gender Weise den Eindruck vermitteln, nicht authentisch zu sein?
Wenn ich an »nicht authentisch« denke, wissen Sie sicher, wie
dies aussieht. Wir mögen eine Zusammenkunft nach der anderen
besuchen und dabei zum Glück auf ausschließlich Vertrautes tref-
fen. Doch wir kommen nicht aus einer solchen Zusammenkunft

66
und empfinden: »Wir sind gewiss dem lebendigen Gott begeg-
net!« Wir fangen an, gewohnheitsmäßig Veranstaltungen zu besu-
chen, oder weil es angemessen ist, dies zu tun – vielleicht auch,
weil wir wissen, dass die Gnadenmittel bedeutsam sind. Dies ge-
schieht jedoch nicht deshalb, weil es uns ein Herzensanliegen ist,
mit den anderen Gotteskindern zusammen zu sein und uns von
Gottes Wort nähren zu lassen. In Predigten kommen zig Klischees
vor. Uns fehlt weitgehend die Bekennerkraft, die Freude über die
Sündenvergebung, die Freude am Evangelium, die Dringlichkeit
beim Evangelisieren, das Gespür für unsere Vorrechte, die Dank-
barkeit beim Zeugnis sowie die Leidenschaft im Einsatz für die
Wahrheit, das Mitgefühl für andere, die Demut in unseren Be-
urteilungen, die Liebe in unserem Umgang mit anderen. Eine der-
artige mangelnde Authentizität zu entlarven, ist etwas Gutes. Ein
starkes Verlangen nach Echtheit in unserem ganzen Sein, nicht zu-
letzt in unserem Leben mit Gott und mit anderen Christen, zahlt
sich ebenfalls aus.
Auch ist es nicht nur eine Frage im Blick darauf, was wir von der
Gemeinde halten. Tatsache ist, dass die neue, heranwachsende Ge-
neration eine geringere gemeindliche Bindung als früher hat. Dar-
aus ergibt sich ein sehr geringes Pflichtbewusstsein bzw. Pflicht-
gefühl hinsichtlich des weiteren Besuchs gemeindlicher Zusam-
menkünfte, solange kein brennendes Verlangen für die gemeind-
lichen Anliegen entfacht wird. Dies ist das Thema einiger kürzlich
erschienener Bücher, die von vielen gelesen werden sollten. Ob-
wohl »Vorkämpfer der reinen Lehre« bei diesem oder jenem theo-
logischen Aspekt die Stirn runzeln mögen, vermitteln diese Bücher
etwas, das man zur Kenntnis nehmen sollte. »Führt euren Wandel
unter den Nationen gut«, schreibt der Apostel Petrus, »damit sie,
worin sie gegen euch als Übeltäter reden, aus den guten Werken,
die sie anschauen, Gott verherrlichen am Tage der Heimsuchung«
(1. Petrus 2,12). Das Thema eines dieser Bücher besteht darin, dass
Gemeinden in gewisser Hinsicht bewusst provokativ auftreten
sollten, um in Menschen ein Verlangen nach Gott zu wecken.100

100 Graham Tomlin, The Provocative Church (London: SPCK, 2002).

67
»Eines der Hauptthemen dieses Buches befasst sich mit Fol-
gendem: Solange es im Blick auf Gemeinde, Christen oder
christlichen Glauben nichts gibt, das fasziniert, provoziert oder
lockt, wird alle Evangelisation in der Welt auf taube Ohren sto-
ßen. Wenn Gemeinden keinen »Realitätssinn« vermitteln kön-
nen, dann zählt unsere ganze ›Wahrheit‹ gar nichts … Gemein-
den müssen provokativ werden, indem sie Orte in Beschlag
nehmen, die den Suchenden, den zufälligen Besucher veranlas-
sen wiederzukommen, um mehr zu erfahren.«101

Es geht nicht um Attraktionen oder um Unterhaltungselemente,


die sorgfältig eingesetzt werden, um eine unterhaltungsverses-
sene Menge anzuziehen, sondern um einen tiefgründigen Wirk-
lichkeitssinn, um eine echte Gotteserkenntnis, die in Güte und ei-
ner umgestalteten Lebensführung zum Ausdruck kommt. Wenn
führende Persönlichkeiten der Emerging-Church-Bewegung jene
Art der Authentizität fördern, die zum Bau ansteckender Ge-
meinden beiträgt, sind umsichtige Christen dankbar dafür, dass
sie sich nicht mit Oberflächlichkeit zufriedengeben und sich lei-
denschaftlich für Echtheit einsetzen.

Unsere eigene soziale Verortung erkennen


In den letzten zwanzig oder dreißig Jahren haben viele Menschen
Bücher und Artikel über die sich wandelnde US-amerikanische
Kultur geschrieben, wobei sich die meisten von uns der raschen
Entwicklungen sehr wohl bewusst sind. Viele von uns hegen je-
doch irgendwie weiterhin die Illusion, dass wir Christen außerhalb
dieser kulturellen Veränderungen leben. Wir reagieren daher auf
diese Veränderungen so, als ob wir auf einer Art uneinnehmbaren,
davon unabhängigen Festung lebten. Mit anderen Worten: Wir be-
obachten die kulturellen Veränderungen und entwerfen Strate-
gien, wie wir glaubensvoll darauf reagieren können. Dabei mei-
nen wir jedoch, dass diese Veränderungen ausnahmslos da drau-

101 Ebd., S. 10-11.

68
ßen – in der Kultur – stattfinden, aber nicht in uns vor sich gehen.
Kurz gesagt: Viele Christen haben sich noch nicht ernsthaft mit
der Tatsache beschäftigt, dass wir selbst Teil dieser sich rasch wan-
delnden Kultur sind und nicht verhindern können, dass wir von
ihr beeinflusst werden.
Indem wir den Bibeltext lesen und die Kultur verstehen, sind
wir selbst sozial verortet. Die aus postmoderner Hermeneutik ge-
speisten radikaleren Formen der Rezeptionstheorie (auch als »Re-
zeptionsästhetik« oder »Wirkungsästhetik« bezeichnet) betonen
nachdrücklich, dass die soziale Verortung der Leser der alleinige,
bedeutsamste Faktor ist, wenn es darum geht, deren Schlussfol-
gerungen während des Lesens zu bestimmen. Derart Eingestellte
vertreten die Meinung, dass jede Interpretation – ob eine Textaus-
legung oder eine kulturelle Deutung – mehr über die gesellschaft-
liche Verortung der Leser als über den Text oder die Kultur aus-
sagt. Meine Kritik an dieser ziemlich extremen Einstellung folgt
umgehend, und zwar in Kapitel 4 und 5 dieses Buches. Das Be-
harren der Postmoderne darauf, dass die Leser selbst sozial ver-
ortet sind und dass diese soziale Verortung zur Art und Weise der
entsprechenden Auslegungen mit beiträgt, zeugt dennoch von ei-
ner gewissen Einsicht. Es gibt – wie wir sehen werden – Möglich-
keiten, mit denen dieser Beitrag vermindert bzw. unter Kontrolle
gehalten oder sogar nutzbar gemacht werden kann. Es ist jedoch
nicht möglich, ihn völlig auszuklammern. Wir sind begrenzte We-
sen, wobei unser Wissen stets unvollständig ist. Selbst die Tatsa-
che, dass ich dies auf Englisch schreibe und Sie die deutsche Über-
setzung lesen, verrät einen kleinen Teil unserer sozialen Verortung.
Wir sprechen/schreiben in unserer jeweiligen Landessprache, wo-
bei die Sprache zu unserem kulturellen Hintergrund gehört.
Es gibt natürlich einen Aspekt, den diese Beobachtung mit
sich bringt: Er besteht darin, dass wir der objektiven Wahrheit
des Textes wahrscheinlich dann am nächsten kommen, wenn wir
Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und aus verschie-
denen sozialen Milieus ermutigen, ihre Beiträge zu geben, wenn
die Textbedeutung erörtert wird. Indem wir unser jeweiliges Um-
feld und unsere verschiedenen Grundannahmen in den Text hin-

69
eintragen, ist es eher möglich, dass jede einzelne Gruppe dasjeni-
ge erkennt, was sie hermeneutisch immer wieder übersehen hat.102
Dies bedeutet nicht, dass alle Lesarten gleichermaßen berechtigt
sind – ein Standpunkt, den der radikale Flügel des Postmodernis-
mus mit Nachdruck darlegt (ein Punkt, auf den ich ebenfalls zu-
rückkommen werde). Es bedeutet aber, dass all unsere Auslegung
von Sachverhalten innerhalb eines besonderen Rahmens erfolgt.
Führende Persönlichkeiten in der Emerging-Church-Bewegung
gehören zu denjenigen, die diesen Punkt mit Recht wahrnehmen
und sich immer wieder darauf berufen. Obwohl ihre Bezugnahme
auf die soziale Verortung aller Erkenntnisansprüche einige Risiken
mit sich bringt, vermeiden sie es dennoch, in eine hermeneutische
Falle zu tappen: Sie sind nämlich nicht der Meinung, dass ihr ei-
genes Verständnis dieses oder jenes biblischen Sachverhalts unbe-
dingt mit der ewigen Wahrheit verknüpft ist, nur weil dies nach
ihrem Verständnis die entsprechende biblische Aussage ist.

Evangelisierung der Außenstehenden


Eines der faszinierenden Merkmale in den Lebensgeschichten, die
ich in Kapitel 1 kurz zusammengefasst habe, ist das Interesse dar-
an, Menschen zu evangelisieren, die von Gemeinden oft überse-
hen oder zumindest vom gemeindlichen Zeugnis nicht erreicht
werden. Für Spencer Burke sind dies die Künstler;103 für Dave
Tomlinson Menschen, die am liebsten in einem Londoner Pub zu-
sammenkommen.104 Chris Seay wiederum denkt an das Künstler-
viertel in Houston.105

102 Diese Frage ist in der Literatur ausführlich diskutiert worden. Dabei geht
es um das, was Kevin Vanhoozer gefälligerweise als »pfingstliche Pluralität« be-
zeichnet. »Diese behauptet, dass man der einen wahren Auslegung immer dann am näch-
sten kommt, wenn eine Vielfalt besonderer Methoden und Lesezusammenhänge berücksicht
wird. Das Wort bleibt der Auslegungsmaßstab, wobei keine Kultur bzw. kein Aus-
legungsschema seine Bedeutung, geschweige denn seinen tieferen Sinn, erschöp-
fend erschließen kann« (Is There a Meaning in This Text? [Grand Rapids: Zondervan,
1998], S. 419, Hervorhebung im Original).
103 Siehe S. 13-23.
104 Siehe S. 31-32.
105 Siehe S. 27-30.

70
Dieser Aspekt ist viel umfassender als die entsprechenden Ver-
suche einiger Einzelpersonen innerhalb der Bewegung. Er um-
schließt einen Sachverhalt, welcher der Bewegung eigen ist. Wenn
solche Leute aus den ihrer Meinung nach »frommen Kreisen« des
traditionellen Evangelikalismus ausbrechen wollen, ist ihre Trieb-
kraft zumindest teilweise im evangelistischen Anliegen zu suchen
– insbesondere in den Evangelisationsbemühungen in einer neuen
Generation Heranwachsender, die von postmodernen Annahmen
geprägt werden. Aufgrund dieser postmodernen Annahmen ha-
ben viele unserer Zeitgenossen den Eindruck, dass ihnen die Ge-
meindekultur der traditionellen evangelikalen Bewegung völlig
fremd ist. Dies sind gerade diejenigen Menschen, an die sich die
Emerging-Church-Bewegung besonders wendet.
Diese Stärke lässt sich leicht dokumentieren. Dan Kimball be-
schäftigt sich, wie wir gesehen haben, damit, biblische Begriffe
zu erklären, die sonst vielen unserer Zeitgenossen unverständ-
lich sind. Er setzt sich leidenschaftlich dafür ein, dass die gottes-
dienstlichen Zusammenkünfte authentisch werden.106 Die von
mir erwähnte Gemeinde im Raum Chicago bietet einen durchaus
weitverbreiteten Bevölkerungsquerschnitt an, der aus drei Grup-
pen besteht: Die erste Gruppe umfasst Christen, die sich im Blick
auf all das Drum und Dran traditioneller christlicher Gemein-
den wohlfühlen; zur zweiten Gruppe gehören Menschen, die be-
reits einen gewissen Kontakt zu Christen gehabt haben, sodass
ihre Entfremdung gegenüber dem traditionellen christlichen Bei-
werk nicht zu groß ist, auch wenn sie selbst keine Christen sind.
Zur dritten Gruppe zählen diejenigen, die überhaupt keine Bibel-
kenntnisse besitzen und daher das herkömmliche Christentum
bestenfalls als eigenartig und schlimmstenfalls als ziemlich anstö-
ßig empfinden. Diese dritte Gruppe ist es, die am meisten evan-
gelisiert werden muss. Brian McLaren hat ein Buch geschrieben,
um die Evangelisation unter Angehörigen dieser Gruppe voranzu-
treiben.107

106 Siehe S. 48-51.


107 Brian D. McLaren, More Ready Than You Realize: Evangelism as Dance in the
Postmodern Matrix (Grand Rapids: Zondervan, 2002).

71
In gewisser Hinsicht erinnert dies an die Bewegung der Je-
sus People im Amerika der späten 60er- und der 70er-Jahre. Nur
sehr wenige traditionelle Gemeinden erreichten im großen Stil die
Zehntausende von Hippies mit dem Evangelium, die in die Städ-
te insbesondere an der Westküste strömten und in Kommunen
lebten. Diese Lebensweise stellte gleichzeitig einen Protest gegen
einige der Trends in der Mehrheitskultur und eine schier endlose
Party mit Sex und Drogen dar. Plötzlich gab es Tausende von Be-
kehrten, die sich den Jesus People anschließen wollten, aber (zu-
mindest anfangs) weiterhin in Kommunen lebten. Allerdings rie-
fen sie Menschen zum Glauben an Jesus, studierten die Bibel und
bestanden auf Heiligkeit und Disziplin. Die Bewegung zerfiel
zwangsläufig in verschiedene Strömungen. Ein Teil der Anhän-
ger wurde von exzentrischen Selbstdarstellern geführt, die großen
Schaden anrichteten und dann gewissermaßen ausbrannten. Ein
anderer Teil glitt ins Sektiererische ab und verlor jegliche geist-
liche Substanz. Doch vieles von dem, was in der Bewegung ge-
schah, war geistgewirkt. Die Bekehrungen waren echt, wobei die
Jesus-People-Bewegung nun selbst jene Gemeinschaft wurde, mit-
tels derer sich viele Menschen im Laufe der Zeit noch stärker in
den geschichtlich überlieferten christlichen Glauben einbinden lie-
ßen. So mancher Pastor, der diese Zeilen liest, hat sich durch das
Zeugnis der Jesus People bekehrt.
Ebenso erinnert die Emerging-Church-Bewegung in gewisser
Hinsicht an die frühen Jahre der sucherorientierten Bewegung.
Diese versuchte, Vorstadtbewohner zu erreichen, die sich hinsicht-
lich der Interessen, der Sprache und der Lebensgewohnheiten vom
traditionellen Christentum weithin entfernt hatten. Auch hier ist es
leicht, Fehlentwicklungen anzuführen: Gemeindespaltungen, zu
formelhafte Ansätze, Formen von Götzendienst (»Das Evangelium
muss fortwährend mir und meinen wahrgenommenen Bedürfnis-
sen dienen!«). Man kann aber auch Zehntausende von Männern
und Frauen finden, die unter dem Einfluss der sucherorientierten
Bewegung zum Glauben kamen.
Aufgrund dieser durchwachsenen Ergebnisse muss sich einer-
seits jede derartige Bewegung einer gründlichen Beurteilung un-

72
terziehen lassen. Andererseits dürfen sie nicht dazu dienen, die
ganze jeweilige Bewegung in den untersten Kreis von Dantes
Hölle zu verdammen (Anmerkung des Übersetzers: Nach Vor-
stellung des italienischen Dichters Dante besteht die Hölle aus
verschiedenen konzentrischen Kreisen.). Diese Ergebnisse er-
innern uns daran, dass Bewegungen vielschichtig sowie komplex
sind und häufig (mit allen Vor- und Nachteilen) ins Leben geru-
fen werden, weil die traditionellen Gemeinden in gewisser Wei-
se versagen oder als Versagergemeinden wahrgenommen wer-
den. In jedem Fall ist die Bewegung als solche eine »Gemeinschaft
auf dem Weg«, wobei die Bewegung schwierig zu beurteilen ist,
wenn man ihre sich ändernde Sichtweise nicht berücksichtigt. So
sind die Jesus People als Bewegung letztendlich verschwunden,
wobei die meisten ihrer wirklich bekehrten Anhänger in größe-
ren Konfessionen Aufnahme fanden. Die sucherorientierte Bewe-
gung ist noch immer im Umbruch. Ein Teil der Bewegung hat sich
etablierten Kirchen angeschlossen und trägt mittlerweile sogar
Züge »traditioneller« Gemeinden, während andere Teile fortwäh-
rend versuchen, sich neu zu definieren. Wieder andere Teile sind
gar von der Emerging-Church-Bewegung angezogen worden, wo-
bei sie in dieser letztgenannten Bewegung eine neuere Erschei-
nungsform des eigenen Konzepts sehen.
Die Parallelen zur Emerging-Church-Bewegung liegen auf der
Hand. Der Protest gegen die alteingesessene Kultur und die Über-
zeugung, auf der Höhe der Zeit zu sein, umfassen vielleicht nicht
immer ihre attraktivsten Merkmale, doch selbst diesbezüglich hat
sie nicht ganz unrecht. Ja, noch mehr, sie ist eine Bewegung mit
evangelistischen Anliegen, auch wenn sie von der traditionellen
evangelikalen Bewegung weiter größtenteils beargwöhnt wird.
Und da die meisten derjenigen, die von der Emerging-Church-
Bewegung erreicht werden, zu anderen Gemeinden keinen Kon-
takt haben, kann man Gott für echte Bekehrungen und geistliche
Frucht nur dankbar sein.

73
Tief greifende Verbindungen mit der Tradition
So sehr die Emerging-Church-Bewegung von Protest gekenn-
zeichnet ist, gibt es in ihren Reihen offensichtlich tief greifende
Verbindungen mit vielen Praktiken derjenigen Gemeinden, die
traditioneller eingestellt sind. Wie wir gesehen haben, werden
zahlreiche Aspekte des Dienstes einiger konservativer Vorstadt-
gemeinden von ihr rundweg abgelehnt, wie z.B. hierarchische
Mitarbeiterstrukturen, Parkplatzdienste, die offensichtliche Selbst-
distanzierung von der dominierenden Kultur bzw. das widerwär-
tige Beharren auf absoluten Werten in deren Verbindung zur Mo-
derne. Einige der führenden Persönlichkeiten der Bewegung wer-
fen Fragen bezüglich mehrerer theologischer Haltungen, wie z.B.
die Frage nach dem Abendmahl oder der Homosexualität, auf.
Im Gegensatz dazu experimentieren viele ebendieser Gemein-
den der Emerging Church mit Kerzen, Kreuzen, liturgischen For-
men, schauspielerischen Elementen, Stillefreizeiten und derglei-
chen. Mit anderen Worten: Während sie einerseits einige her-
kömmliche Formen moderner evangelikaler Gemeinden ablegen,
tendieren sie andererseits dazu, manche Praktiken zu überneh-
men, die zu anderen Traditionen gehören.
Es ist demnach offensichtlich, dass die Haltung der Emerging-
Church-Bewegung zu dem eigenartigen Sachverhalt namens »Tra-
dition« ziemlich komplex ist. Sicher kann man infrage stellen, ob
es klug war, bestimmte Entscheidungen zu treffen. Dennoch be-
lebt es einerseits ungemein, nicht traditionsverhaftet zu sein. Soll
nämlich nicht die Schrift selbst letztlich unsere einzige Richtschnur
sein? Andererseits belebt auch der Gedanke, dass wir mit der
Christenheit aller Generationen und nicht nur mit dem Christen-
tum der letzten zwanzig Jahre verbunden sein wollen.

Ich will dieses Kapitel abschließen, indem ich die Geschichte einer
bestimmten Ortsgemeinde erzähle. Wie jede andere örtliche Ge-
meinde ist auch sie nicht über jeglichen Vorwurf erhaben. Aber in
ihr finden sich zahlreiche Merkmale, die in jeder Beziehung aner-
kennenswert sind.

74
Die Anfänge dieser Gemeinde reichen gerade einmal etwas
mehr als zwanzig Jahre zurück, als sich eine kleine Gruppe von
Christen in einer Wohnung traf. Sie lebten hingegeben als diejeni-
gen, die Christus gehorchten und an ihn glaubten. Ihr tiefstes Ver-
langen bestand darin, die Unbekehrten im großstädtischen Bal-
lungsraum ihres Umfelds auf wirksame Weise zu erreichen. Der-
jenige, der sich zum Dienst als Pastor in ihren Reihen bereitfand,
besaß nicht nur ein hervorragendes Verständnis biblischer Theo-
logie, sondern bewies auch ungewöhnlichen Scharfsinn in der Be-
urteilung der großstädtischen, weithin postmodernen Kultur in
ihrer Umgebung. Viele Gottesdienstbesucher waren zutiefst da-
von überzeugt, dass der von diesen Gemeindegliedern ausgelebte
christliche Glaube echt war. Die Botschaft erfasste die Lebens-
wirklichkeit der Zuhörer, die Gottesdienste (die am Sonntagmor-
gen mehr traditionell waren und am Sonntagabend neue Wege be-
schritten) waren voller Dynamik und Ehrlichkeit, in denen echte
Buße und wahrer Lobpreis zum Ausdruck kamen.
Obwohl diese Christen einer besonderen theologischen Tradi-
tion verhaftet waren, traten sie nicht überheblich auf, selbst wenn
sie die Besonderheiten ihrer Konfession stark betonten. Ihre Glau-
bensgemeinschaft war in der Bevölkerungsstruktur ihrer Stadt
nur unzureichend vertreten, sodass das Wachstum, das sie er-
lebten, nicht auf Abwerbung von Gläubigen aus Gemeinden glei-
cher Prägung beruhte, sondern weithin auf Bekehrungen zurück-
zuführen war. Die in sich geschlossene Kultur der Wohnblock-
bewohner und der jungen, karrierebewussten Leute einer Groß-
stadt zu durchdringen, ist nie einfach. Es kamen jedoch Hunderte
und schließlich Tausende zum Glauben, die eine Gemeinde bil-
deten, in der das Durchschnittsalter bei Ende zwanzig bzw. An-
fang dreißig lag: Es waren Angehörige der postmodernen Genera-
tion, die überaus nachhaltig beeinflusst worden waren. Über zwei
Jahrzehnte hinweg gründeten die Glieder dieser Gemeinde in ih-
rem großstädtischen Ballungsraum zahlreiche andere Gemeinden
und waren darüber hinaus evangelistisch aktiv, um die Gründung
von noch anderen Gemeinden in weiteren Ballungsräumen zu un-
terstützen.

75
Auch wenn sich dies wie ein hervorragendes Beispiel aus der
Emerging-Church-Bewegung anhört, so ist diese Gemeinde iro-
nischerweise die Redeemer Presbyterian Church in New York
City. Dieser Gemeinde würde es nie einfallen, sich in die Kandi-
datenliste der Emerging Church einzutragen. Dennoch sollte klar
sein, warum ich über diese Gemeinde rede: Sie lässt alle Stärken
der Emerging-Church-Bewegung erkennen, während sie die meisten ih-
rer Schwächen vermeidet. Mit anderen Worten: Die Bewegung der
Emerging Church besitzt zahlreiche Stärken – Sachverhalte, für
die wir dankbar sein sollten. Allerdings sind sie nicht ihr alleiniges
Gut. Ja, ich könnte eine beträchtliche Anzahl von Ortsgemeinden
aufführen, welche die Stärken dieser Bewegung ebenfalls besitzen,
aber sich nicht damit identifizieren lassen würden. Dies zeigt, dass
diese aufbrechende Bewegung etwas verstanden hat. Es bedeutet,
dass immer mehr Gemeinden die Notwendigkeit einer Verände-
rung spüren, um auf die neue Kultur zu reagieren, selbst wenn es
innerhalb der Gesamtgemeinde Meinungsverschiedenheiten dar-
über gibt, wie diese Veränderung aussehen sollte.
Diese nüchterne Realität legt nahe, dass wir uns auch die
Schwächen der Emerging-Church-Bewegung ansehen müssen,
nachdem wir ihre Stärken betrachtet haben.

76
Emerging Church:
Analyse der Gegenwartskultur

In diesem Kapitel werde ich einen Überblick über einige der


Schwachpunkte geben, die ich erkenne, wenn die Emerging
Church die Gegenwartskultur analysiert. Auch wenn ich Gefahr
laufe, mich zu wiederholen, will ich Sie an drei Sachverhalte er-
innern. Erstens: Diese Vorgehensweise ist wichtig, weil die führen-
den Vertreter der Emerging Church ihren Ruf nach Reformation
auf die kulturellen Veränderungen gründen, die rings um uns her
stattfinden. Zweitens: Weil diese entstehende Bewegung so breit ge-
fächert ist, gelten meine Kritikpunkte nicht für alle ihrer Befürwor-
ter gleichermaßen. Gelegentlich werde ich versuchen, angemes-
sene Einschränkungen vorzunehmen. Da solche Einschränkungen
jedoch leicht ermüden, müssen Sie an einigen entscheidenden Stel-
len dies einfach als gegebene Tatsache hinnehmen. Drittens: Dieses
Kapitel konzentriert sich darauf, wie die Emerging-Church-Bewe-
gung die Gegenwartskultur analysiert, nicht auf die von ihr vorge-
brachten Lösungen. Erst in Kapitel 5 und 6 werden wir ihre vorge-
schlagenen Lösungen einer Prüfung unterziehen.
Dabei werde ich vier Argumentationsstränge verfolgen: 1) Die
Emerging Church neigt dazu, Einzelelemente ohne Berücksichti-
gung des Gesamtzusammenhangs herauszugreifen; 2) sie verur-
teilt das konfessionelle Christentum; 3) es gibt eine gewisse theo-
logische Oberflächlichkeit und intellektuelle Aspekte, denen der
logische Zusammenhang fehlt; 4) ich werde diese drei Punkte
konkretisieren.

Zur Beurteilung der Moderne


Nahezu alle führenden Persönlichkeiten der Emerging-Church-
Bewegung halten das, was der Moderne zugeordnet wird, für eine
Frucht der Aufklärung. Die Moderne strebt nach rationaler Ge-
wissheit und tendiert dadurch zu einer vom Absoluten geprägten

77
Haltung, weil sie es abgelehnt hat, den grundlegenden Relativis-
mus in Bezug auf alle menschliche Erkenntnis einzugestehen. Mit
anderen Worten: Ob der Begriff gebraucht wird oder nicht: Die
Moderne ist im Denken der Emerging Church mit bestimmten er-
kenntnistheoretischen Ansätzen verbunden. (Die Erkenntnistheo-
rie untersucht, wie wir Dinge erkennen oder sie zu erkennen mei-
nen.) Wir dürfen die Erkenntnistheorie nicht als spezielles The-
ma ansehen, das nur für fortgeschrittene Studenten im Fachbe-
reich Religionsphilosophie geeignet ist. Sie ist damit verknüpft,
wie Menschen denken, und damit, was sie gemäß ihren Behaup-
tungen wissen oder nicht wissen. Daher hat sie notwendigerwei-
se zu tun mit Beziehungen, Gefühlen, mit Sozialgeschichte, vie-
len Elementen in jeder Kultur, der Funktion und den Leistungen
unterschiedlicher Sinne (z.B. mit dem Gesichtssinn im Gegensatz
zum Gehörsinn). Sie hat zu tun mit dem linearen Denken im Ge-
gensatz zu Bild und Metapher sowie mit dem Gedankensprung,
verschiedenen Analysen, die sich an der Zuverlässigkeitsachse
orientieren und bis zur Wahrscheinlichkeit bzw. Möglichkeit rei-
chen, und vielen weiteren gleichartigen Aspekten.108
Einige Anhänger der Emerging Church wollen, wie wir in Ka-
pitel 1 gesehen haben, sich auf Wirtschaft und Materialismus kon-
zentrieren, wobei in diese Richtung gehende eindringliche Mah-
nungen gewiss weitergegeben werden müssen. Aber im Großen
und Ganzen richtet sich der Brennpunkt der entstehenden Bewe-
gung auf die wahrgenommenen Veränderungen in der Erkennt-
nistheorie, einschließlich der Auswirkungen dieser Veränderungen
auf das Kräftespiel gesellschaftlicher Gruppen. Wenn z.B. Brian
McLaren über moderne Evangelisation spricht, dann betont er
nachdrücklich, dass viele Evangelisationsformen ausgedient hät-
ten, weil die Moderne vergangen sei. Vorbei sei die Evangelisation
als Verkaufstaktik, als Kreuzzug, als geistliche Kriegsführung, als
Ultimatum, als Drohung, als apologetisches Unterfangen, als Argu-
mentation, als Unterhaltung, als Show, als Monolog, als etwas, das

108 Vor allem damit, dass er nicht erkennt, wie umfassend die Erkenntnistheorie
ist, lässt sich David Mills’ eigenartiges Verhalten erklären: Er berücksichtigt kaum
die Bedeutung des Themas (siehe Kap. 1, Anm. 97).

78
man tut. Evangelisation sei vielmehr Jüngerschaftsschulung und
als solche verbunden mit Gespräch, Freundschaft, Einfluss, Einla-
dung, Gemeinschaft mit Gefährten, Herausforderung, Möglichkeit,
überschäumender Freude und etwas, das man tun dürfe.109
Aber all diese Eigenschaften hängen in erheblichem Maße da-
von ab, wie Menschen unserer Ansicht nach das Evangelium ken-
nenlernen oder erfahren – wie sie nach und nach ihr ganzes Ver-
trauen auf Christus setzen. Hier befinden wir uns im Bereich der
Erkenntnistheorie. Genau das Gleiche gilt für Mike Yaconelli,
wenn er den Übergang vom »Absoluten« zum »Authentischen«
anspricht: Seine Antithese ist auf erkenntnistheoretische Kennzei-
chen gegründet – ungeachtet dessen, ob er sie so bezeichnet oder
nicht.110 Das Gleiche gilt praktisch für alle Antithesen, die Robert
Webber darlegt.111 So ist z.B. der vorgebliche Übergang von der
lehrsatzbezogenen Weitergabe biblischer Inhalte zum Erzähle-
rischen eng damit verbunden, wie jemand den Bibeltext darbie-
tet (und hört). Dazu zitiere ich zwei seiner Kapitelüberschriften:
»Apologetik: Vom Rationalismus zur Verwirklichung christlicher
Werte«. Dieser Untertitel ist zwangsläufig mit erkenntnistheore-
tischen Fragen verbunden. Das gilt auch für »Pädagogen: Von der
Informationsvermittlung zum ganzheitlichen Lernen«.
Dies soll nicht heißen, dass diese Antithesen keinerlei Bedeu-
tung haben. Ob sie aber angemessen und überlegt formuliert sind,
hängt in erster Linie von der Beurteilung der Moderne und dann
natürlich von der Bewertung der Postmoderne selbst ab.

Ein nur Einzelelemente berücksichtigendes und


lebensfremdes Verständnis der Moderne
Damit kommen wir zu meinem ersten Kritikpunkt: Das Ver-
ständnis der Emerging-Church-Bewegung bezüglich der Moder-

109 Siehe insbesondere sein Buch More Ready Than You Realize: Evangelism as
Dance in the Postmodern Matrix (Grand Rapids: Zondervan, 2002).
110 Beachten wir den Untertitel: Mike Yaconelli, Hrsg., Stories of Emergence: Mov-
ing from Absolute to Authentic (Grand Rapids: Zondervan, 2003).
111 Robert E. Webber, The Younger Evangelicals: Facing the Challenges of the New
World (Grand Rapids: Baker, 2002).

79
ne scheint zu sehr auf Einzelelemente fixiert und lebensfremd zu
sein. Die Zeit der Moderne wird so beurteilt, als hätte sie durch-
gehend die gleichen Merkmale besessen und als sei sie durchweg
auf das Rationale, das rein Intellektuelle, das Lineare, das Absolu-
te und Objektive ausgerichtet gewesen. Doch Geschichte ist nicht
so einfach geartet. Inmitten der Moderne findet sich Immanuel
Kant, der vielleicht einflussreichste Philosoph dieser Zeit. Er hob
nachdrücklich hervor, dass der Verstand die von den Sinnen auf-
genommenen Daten in eine Ordnung bringe und ihnen eine Struk-
tur gebe. Aufgrund dessen erfolgt eine weitreichende Trennung
zwischen der phänomenalen Welt und der noumenalen Welt (d.h.
der Welt des bloß Gedachten und objektiv nicht Wirklichen). Au-
ßerdem leugnet er damit indirekt, dass Menschen auf irgendeine
Weise direkten Zugang zu objektiver Erkenntnis haben.
Hier ist auch der Nihilismus von Friedrich Nietzsche zu nen-
nen, der die Wahrheit als Metapher verstand, lange bevor Jacques
Derrida und Richard Rorty ins Blickfeld traten. Und wie sollen
wir die Geistesströmung der Romantik, nicht zuletzt deren Dich-
ter, beurteilen? Als Schulkinder lernten wir die uns aufgegebenen
Gedichte von Wordsworth (Anmerkung des Übersetzers: William
Wordsworth [1770-1850], englischer Dichter der Spätromantik)
und Shelley (Anmerkung des Übersetzers: Percy Bysshe Shelley
[1792-1822], englischer Dichter der Romantik) auswendig. Dabei
ließen wir uns von der Vorstellung faszinieren, dass die Begeiste-
rung für Schönheit und Natur der sicherste Weg zur Wahrheit sei
und dass man Wahrheit letztendlich nicht erkennen könne. In der
Zwischenzeit betonte Arthur Schopenhauer nachdrücklich, dass
die sogenannte »Realität« nichts weiter als eine Vergegenständ-
lichung unserer Triebe und aus unseren (häufig unvernünftigen)
Begierden hervorgegangen sei. Während viele am rechten Glau-
ben festhaltende Christen für die Richtigkeit diverser Glaubens-
bekenntnisse kämpften, nahmen andere Denker wie Friedrich
Schleiermacher und Søren Kierkegaard den Existenzialismus vor-
weg. Im Zentrum der verschiedenen Formen des Existenzialismus
liegt die Überzeugung, dass wir unsere Existenz durch unsere Ta-
ten und Entscheidungen ausgestalten.

80
Dennoch können einige hilfreiche Gegensätze zwischen der
»Moderne« und der »Postmoderne« beschrieben werden. Man
könnte beispielsweise folgendermaßen argumentieren: Während
die von mir soeben erwähnten Geistesgrößen viele Einstellungen
der heutigen Postmoderne vorweggenommen haben, neigten sie
zwar dazu, Kollegen im wissenschaftlichen Bereich und andere
Akademiker zu beeinflussen, fanden aber nie jene öffentliche An-
erkennung, welche die Postmoderne in Fach- und Medienkreisen
heute (besonders in Amerika) genießt. So gesehen entspricht die
Postmoderne nichts als einer allgemein verbreiteten Facette moder-
nen Denkens, die seinerseits eine Reaktion auf andere Richtungen
des modernen Denkens darstellt. Für mich scheint die Analyse der
eigentlichen Moderne innerhalb der Emerging-Church-Bewegung
ohnehin derart auf Einzelelemente ausgerichtet zu sein, dass es zu
weitreichenden historischen Verzerrungen kommt.
Würden wir nur über Geschichtsauffassungen mit geringen
Auswirkungen auf das Denken der Christen reden, würden die
Verzerrungen keine so große Rolle spielen, wenn man einmal von
intellektuell radikal eingestellten Kreisen absieht. Aber die verzerr-
te Darstellung der Moderne erstreckt sich im Falle einiger Denker
der Emerging Church auf ein entstelltes Bild des konfessionellen
Christentums im Rahmen der Moderne. Nach meinem Verständ-
nis der Emerging-Church-Literatur ist das Christentum in der Mo-
derne verstandesmäßig, rein intellektuell und nicht emotional aus-
gerichtet. Auch neige es aufgrund seiner Betonung des Absolu-
ten zur Überheblichkeit. Obwohl man Beispiele für solche Fehl-
haltungen zweifellos finden kann, lasse ich mich auch weiterhin
kaum davon überzeugen, dass die vorherrschende Ursache dafür
jene Variante der Moderne ist, an die die Vertreter der Emerging
Church denken. Im Rahmen der Moderne findet man nämlich
auch ein Christentum, das Gebete wie das folgende formuliert hat:

»Unsere Herzen jubeln, weil sie die beglückende Kunde hören,


dass der Herr regiert. Möge sein Reich über den Menschen-
kindern fest gegründet sein, denn sein Reich muss kommen –
ein Reich, das kein Ende haben wird. Siehe, wir kommen an

81
diesem Morgen vor deinen Thron. Dabei ist unser von Sünde
und Tod gezeichneter Leib Teil unseres Menschseins, sodass
wir schwer sündenbelastet sowie mit Sorgen erfüllt und viel-
leicht voller Schmerz sind. Doch vor deinem Gnadenstuhl wird
uns die Last abgenommen. Im Blick auf unsere Sorgen sind
wir beschämt, dass wir uns damit beschweren, weil wir erken-
nen, dass du für uns sorgst. Wir haben dir bisher viele Jahre
lang vertraut, und deine Treue war über jeden Zweifel erha-
ben, während deine Liebe nie infrage gestanden hat.
Dort am Gnadenstuhl überlassen wir alle Sorgen in Bezug auf
unsere Familien oder uns selbst, unser Geschäftsleben oder un-
sere Seelen völlig unserem Gott. Und was unsere Sünde be-
trifft, so preisen wir dich dafür, dass du das kostbare Blut Jesu
anblickst: Wenn du es siehst, gehst du an uns vorüber. Kein En-
gel der Gerechtigkeit vollbringt sein todbringendes Werk, wo
das Blut gesprengt worden ist. Oh, lass auch uns das Blut Jesu
anschauen und uns ruhen, weil du auf ewig unsere Sünden
weggenommen hast und weil wir an Jesus glauben.
Oh, mögen die Menschen noch scharenweise kommen und
Christus suchen: Mögen auf diese oder jene Weise, unter die-
sen oder jenen Umständen, die Ohren der Menschen erreicht
und dann ihre Herzen angerührt werden! Mögen sie hören, da-
mit ihre Seelen leben! Möge der Herr, der in ewiger Bundes-
treue seinen Sohn kundmacht, ihn inmitten der Nationen ver-
herrlichen! Mögen alle Völker den Christus Gottes erkennen!
Aber Herr, uns beschwert noch eine andere Last – nämlich
jene, dass wir selbst dich nicht gemäß unserer Bestimmung lie-
ben. Oft werden wir lau und verlieren unseren geistlichen Ei-
fer. Dann beschleicht uns Zweifel, während Unglaube unser
Vertrauen trübt. Wir sündigen und vergessen unseren Gott. O
Herr, hilf uns! Wir wollen nicht nur Vergebung, sondern auch
Heiligung. Wir bitten dich inständig: Reiße das Unkraut, das
auf dem Acker unserer Seele wuchert, mit der Wurzel aus! Wir
wollen dir dienen. Uns verlangt danach, dass jeder Gedanke
unseres Geistes und jedes Wort unseres Mundes oder jedes zu
Papier gebrachte Wort ganz dir gehören soll.

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Du allerherrlichster Herr und Gott, in unseren Augen ist es
wunderbar, dass du Mensch geworden bist und dass dein Sohn
Fleisch und Blut angenommen hat. Es erstaunt uns über die
Maßen, dass der Herr des Lebens sich herabgelassen hat, um
zu sterben, und dass der Unverwesliche ins Grab gelegt worden
ist. Wir sind von Liebe und Dankbarkeit erfüllt, wobei wir auch
nur anbetend staunen können. Wir haben am Grab gestanden,
hineingesehen und daran gedacht, dass Jesus dort hingelegt
worden war. Dann haben wir es geöffnet gesehen und wussten,
dass es leer war. Daher preisen wir deinen Namen, und zwar
dafür, dass er starb und begraben wurde. Wir verherrlichen
dich dafür, dass er aus den Toten wiederauferstanden ist.
Diese großen Tatsachen im Blick auf unseren göttlichen Herrn
sind die Grundlage unseres Vertrauens zu ihm. Wir preisen dich,
dass sie durch ein solches vierfaches Zeugnis bestätigt worden
sind. Ja, damit nicht genug: Danach erschien er als Lebender
einer so großen Zahl derer, die ihn kannten, dass die Tatsache
seiner Auferstehung aus den Toten nie wieder in Zweifel gezo-
gen werden kann. Wir stellen sie nicht infrage, sondern unser
Herz schenkt dieser Tatsache aufrichtig Glauben. Dennoch wol-
len wir, Herr, diese Tatsachen durch deinen Geist in ihrer Auf-
erstehungskraft kennenlernen. Wie sehr verlangt uns danach,
Gemeinschaft mit unserem Herrn, der unser Haupt in alledem
ist, zu haben! Oh, dass wir doch erkennen könnten, wie wir mit
ihm in Neuheit des Lebens sterben und auch leben sollen!
Wir beklagen, dass es in diesem todgeweihten Leib vieles gibt,
das uns zuwider ist. Wir befinden uns zuweilen in der Versu-
chung, träge zu sein. Trotz unseres geschäftigen Treibens in
dieser Welt geben wir uns dem geistlichen Müßiggang hin. Au-
ßerdem sind wir versucht, andere zu beneiden, weil sie uns
übertreffen. Wir sind zutiefst bekümmert und bekennen, wie
niederträchtig unser Geist in dieser Angelegenheit ist. Ferner
müssen wir unseren Hochmut beklagen. Wir können auf nichts
stolz sein. Wir verdienen den Platz der tiefsten Erniedrigung,
aber, Herr, wir meinen häufig, etwas zu sein, obwohl wir doch
nichts sind. Wir bitten dich, dass du uns all diese Laster un-

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seres Wesens vergibst, ihnen aber gleichzeitig auch den Todes-
stoß versetzt, denn wir hassen unser Ich, wenn wir daran den-
ken, dass wir solchen Übeln verfallen können. Erbarme dich
unser besonders wegen unseres Unglaubens. Du hast uns ge-
genüber bewiesen, dass du wirklich da bist, dass du uns liebst
und für uns sorgst: Du hast uns insbesondere deinen eingebo-
renen Sohn, das beste Unterpfand deiner Liebe, gegeben. Und
dennoch gestehen wir ein, dass wir zweifeln. Unglauben be-
mächtigt sich unserer Seele. Wir schämen uns abgrundtief da-
für. Wir müssten völlig in den Staub sinken, wenn wir daran
denken, dass es so ist. Herr, habe Erbarmen mit uns, aber hilf
uns auch, damit wir künftig im Glauben erstarken, indem wir
dir, Gott, die Ehre geben.
Wir befehlen uns nun wiederum deiner Obhut, o treuer Schöp-
fer, an – deiner Bewahrung, o Heiland, dessen Hände durch-
bohrt wurden – deinem Schutz, o ewiger Geist, der du imstan-
de bist, uns vor dem Straucheln zu bewahren und uns völlig zu
heiligen, damit wir passend gemacht werden mögen, unter den
Heiligen im Licht zu stehen. O Gott, wir können und werden
dir vertrauen. Unser Glaube ist im Laufe der Jahre erstarkt. Je-
des Mal, wenn wir ein Lebensjahr vollenden, bestärkt uns hof-
fentlich die Tatsache, dass unser Glück und unsere Kraft dar-
in liegen, uns auf Gott zu verlassen. Dies wollen auch wir wei-
terhin tun, mag selbst die Erde weichen und die Berge mitten
ins Meer stürzen. Wir werden uns nicht fürchten, weil Gott auf
ewig treu bleibt und sein Bund nicht hinfällig werden kann.«112

Offensichtlich gehören solche Gebete einer früheren Zeit an. Sie


entstanden in den letzten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts
und wurden entsprechend der Praxis der meisten Pastoren jener
Zeit in einem Stil verfasst, der gegenüber der Sprache im England
zur Zeit von Königin Elisabeth I. (Sie lebte von 1533 bis 1603 und
regierte von 1558 bis 1603.) leicht angeglichen wurde. Offensicht-

112 All diese Zitate sind entnommen aus C.H. Spurgeon, The Pastor in Prayer (Ed-
inburgh: The Banner of Truth Trust, 2004 [1893]): Seiten 14, 17, 29-30, 41-42.

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lich kann auch der hier betende Pastor, C.H. Spurgeon, von »Tat-
sachen« reden und davon, dass etwas »bewiesen« worden ist. Wie
wir aber in Kapitel 7 sehen werden, scheut sich auch das Neue
Testament nicht, auf solche Kategorien zurückzugreifen. Und of-
fenbar kann Spurgeon ebenso zahllose Anspielungen auf Bibel-
stellen machen und von seinen Hörern/Lesern erwarten, dass sie
diese als solche wahrnehmen, denn aufs Ganze gesehen waren die
Christen in jener Zeit viel bibelkundiger als heute.
Doch am auffälligsten im Blick auf diese Gebete ist die Ganz-
heitlichkeit ihrer Texte. Hier finden wir heißes Verlangen, Freude,
Liebe, Zweifel, Furcht, Hoffnung, Vertrauen – und über allem eine
intensive und facettenreiche Beziehung zwischen Christen und
dem dreieinen Gott. Diese Gebete sind von den Klischeevorstel-
lungen, welche die Emerging-Church-Bewegung hinsichtlich des
Christentums der Moderne entwirft, weit entfernt.
»Schön und gut!«, sagen Sie vielleicht, »doch dies war Spur-
geon – und Spurgeon kann man gewiss nicht als Maßstab neh-
men.« Doch obwohl er begabter war als die meisten seiner Mit-
streiter und öfter als sie zitiert worden ist, verkörpert Spurgeon ei-
nen erheblichen Teil der Angehörigen evangelikaler Konfessionen.
Eine Vielzahl von Pastoren, Lehrern und ganz gewöhnlichen Chris-
ten, die ich entweder persönlich kenne oder die mir anhand der
gelesenen Bücher unwillkürlich in den Sinn kommen, umspannen
die Jahrhunderte seit der Aufklärung und damit den Zeitraum der
Moderne. Sie strafen die auf einzelne Aspekte ausgerichtete Be-
trachtungsweise der Emerging-Church-Bewegung Lügen, die das
Christentum in Verbindung mit der Moderne einseitig darstellt.
Ich erinnere mich an ein gemeinsames Mittagessen mit J.I. Packer
vor etwa zwölf Jahren. Dabei fragte ich ihn, wie sein Buch Knowing
God aufgenommen werde. Meiner Ansicht nach ist es eines der we-
nigen, Ende des 20. Jahrhunderts erschienenen Bücher, die – wenn
der Herr noch verzieht – auch in hundert Jahren noch gelesen wer-
den. Er nannte die Verkaufszahlen und fragte dann leise: »Weißt
du, warum es noch immer so guten Absatz findet?«
Daraufhin beantwortete er seine eigene Frage: »Weil es ein
Buch über geistliches Leben ist.«

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Ja, es ist ein Buch über geistliches Leben – obwohl es natürlich
auch ein Buch über die Lehre von Gott ist. Und erneut passt die
garstige, stereotyp vorgebrachte Antithese nicht: Lehre oder geist-
liches Leben, Wahrheit oder Beziehungen. Man braucht nicht lan-
ge zu überlegen, um weitere Namen – aus vielen Ländern und aus
allen Jahrhunderten der Neuzeit – aufzulisten. Hat irgendjemand
von den Kritikern tatsächlich die erbaulichen Schriften von Benja-
min Warfield oder B.F. Westcott gelesen? Zwar haben viele christ-
liche Denker der Spätmoderne die Bedeutung der Wahrheit her-
ausgestellt, doch dies geschah nicht deshalb, weil sie in erkennt-
nistheoretisch absoluten Kategorien dachten, sondern weil sie in
einer Zeit lebten und wirkten, da die Wahrheit des Evangeliums
durch die klassische liberale Theologie zunehmend geleugnet
wurde, die immer mehr dem Diesseits verhaftet war. Natürlich
haben diese führenden Persönlichkeiten in der Rückschau manch-
mal Sachverhalte nicht ausgewogen genug gesehen. Doch statt sie
herablassend zu verurteilen, sollten wir sie in Ehren dafür halten,
dass sie in ihrer Zeit treu waren. Und auf jeden Fall haben sich die
besten von ihnen nach Kräften bemüht, Sachverhalte nicht zu ein-
seitig zu betrachten. Es lohnt sich nach wie vor, all die Schriften
von J. Gresham Machen zu lesen. Selbst wenn man mit diesem
oder jenem Detail nicht übereinstimmt, war sein Denken derart
umfassend, dass es heute mehr Vorbildwirkung entfalten als Ge-
genstand der Kritik sein sollte. Er hat zahlreiche Abhandlungen
über Christentum und Kultur (darunter einen Artikel über christ-
liche und menschliche Beziehungen!), einen anderen mit dem Ti-
tel »Mountains and Why We Love Them« (Anmerkung des Über-
setzers: Diese Veröffentlichung, deren Originaltitel mit »Berge und
warum wir sie lieben« wiedergegeben werden kann, bringt ausge-
hend von der wörtlichen Bedeutung eine Anwendung im übertra-
gen-geistlichen Sinne.) und vieles mehr geschrieben.113

113 Zu dieser letztgenannten Rubrik gehören Themen, die sich in einem kürzlich
erschienenen Sammelband überaus leicht lesen, J. Gresham Machen: Selected Shorter
Writings, Hrsg. D.G. Hart (Phillipsburg: Presbyterian & Reformed, 2004). »Moun-
tains and Why We love Them« kann man im Internet finden unter http://www.opc.
org/books/Mountains.html.

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Eine nahezu allumfassende Verurteilung des
konfessionellen Christentums
Dies führt mich zu meinem zweiten Kritikpunkt. Einige führende
Vertreter der Emerging Church haben ihre auf Einzelelemente aus-
gerichtete Betrachtungsweise hinsichtlich der Moderne und des
konfessionellen Christentums, das seinen Weg durch die Zeit der
Moderne nahm, auf die Spitze getrieben. Doch es geht nicht nur
darum, dass sie die Bedeutung dieses Christentums verkennen.
Sie vermitteln fast allumfassend auch den Eindruck, dass sie es
ablehnen. Bestenfalls könnten sie in aller Bescheidenheit den mo-
dernen Konfessionalismus kritisieren und dankbar anerkennen,
dass viele von uns heute Christen sind, weil unsere Vorfahren als
von der Gnade Getragene dem Evangelium treu waren. Stattdes-
sen neigen sie dazu, sich an den schlechtesten Beispielen zu orien-
tieren, wobei sie diese scheinbar geringschätzig behandeln.
Selbst wenn die gemäßigteren Verfasser der Emerging Church
vorgeben, eine ausgewogene Haltung einzunehmen, finden sich
auch bei ihnen fast immer beißende Bemerkungen in der entspre-
chenden Darbietung. Als Beispiel sei hier dasjenige angeführt, was
Neo ( = Neil Oliver Edward) an Casey schreibt:

»Nach der Bibel leben Menschen nicht nur mithilfe von Sys-
temen und abstrakten Begriffen, sondern auch mittels Ge-
schichten, Poesie, Sprüchen (Sprichwörtern) und Geheimnis-
sen. … Das soll nicht heißen, dass wir keine Theologen brau-
chen, deren Arbeitsgrundlage Worte sind. Damit soll aber ge-
sagt werden, dass wir wie bisher an die Menschwerdung des
Wortes glauben und als solche den Schwerpunkt unserer Worte
auf der Schaffung von Gemeinschaften legen sollen, die unsere
gute Nachricht verkörpern.«114

Man kann nur dankbar dafür sein, dass es in der Argumentation


»nicht nur … sondern auch« heißt. Dennoch liegt Neos Schwer-

114 Brian D. McLaren, A New Kind of Christian: A Tale of Two Friends on a Spiritual
Journey (San Francisco: Jossey-Bass, 2001), S. 159 bzw. 163.

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punkt fast ausschließlich auf Geschichten, Sprüchen und Geheim-
nissen. Selbst dort, wo er den »Systemen« und »abstrakten Begrif-
fen« vielleicht eine gewisse Berechtigung zugesteht, sind sie mit
drei negativen Merkmalen behaftet:
(1) Was Neo betont, hat in unserer Welt einen positiven Bei-
klang: Geschichten, Poesie, Sprüche (Sprichwörter) und Geheim-
nisse. Was Neo nur notgedrungen einräumt, wird in negativer
Form dargestellt: Menschen »leben nicht nur mithilfe von Syste-
men und abstrakten Begriffen«. Ist das wirklich der Fall gewesen,
wer immer dies gesagt haben mag (Anmerkung des Übersetzers:
Hinter dem Kürzel »Neo« verbirgt sich einer der Protagonisten
aus McLarens Buch.)? Warum sollte man nicht sagen, dass Men-
schen »nicht nur mittels der kostbaren Wahrheit und mithilfe ge-
offenbarter Lehrsätze leben« oder etwas in dieser Art? Mit ande-
ren Worten: Selbst wenn hier Ausgewogenheit zur Schau gestellt
wird, kommt man nicht umhin, den Eindruck zu gewinnen, dass
Wahrheit und Lehrsätze bestenfalls gleichgültig abgelehnt wer-
den.
(2) Die angebliche Ausgewogenheit ist stets mit jenen offen-
kundigen Zugeständnissen verbunden, die nur in eine Richtung
weisen. Man stolpert nie über Textstellen, die im Grunde besagen,
dass Menschen nicht nur mittels Geschichten, Poesie, Sprüchen
(Sprichwörtern) und Geheimnissen, sondern auch durch geoffen-
barte Wahrheiten leben, denen wir unseren Glauben, unser Ver-
trauen, unser Verständnis und unseren Gehorsam entgegenbrin-
gen sollen – dennoch hebt die Schrift diesen Punkt an zahllosen
Stellen hervor. Man kann damit beginnen, indem man über Psalm
119 nachsinnt. Oder noch ein anderer Aspekt: Während Neo ein-
räumt, dass wir »Theologen brauchen, deren Arbeitsgrundlage
Worte sind«, behauptet er dennoch, »dass wir wie bisher an die
Menschwerdung des Wortes glauben und als solche den Schwer-
punkt unserer Worte auf der Schaffung von Gemeinschaften le-
gen, die unsere gute Nachricht verkörpern sollen«. Dies scheint ei-
ner unechten Antithese zu gleichen. Während die Arbeitsgrund-
lage von Theologen tatsächlich »Worte« sind, so sind die besten
unserer Theologen zugleich auch Verkündiger, Lehrer und Evan-

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gelisten gewesen. Dabei beinhalten die »Worte«, die ihre Arbeits-
grundlage sind, Gottes Worte, deren verkörperte Botschaft vor
allem mit Jesus Christus zu tun hat. In der Bibel wird (wie wir
später in diesem Buch sehen werden) »Wort« bzw. »Wort Gottes«
viel häufiger mit der in Worten festgehaltenen Botschaft verbun-
den als mit dem menschgewordenen Wort. Damit will ich nicht
die Menschwerdung, deren zentrale Stellung in jeder Beziehung
entscheidend ist, herunterspielen. In der Emerging-Church-Lite-
ratur wird die Existenz der Worte oder Schriftstellen bzw. Lehr-
sätze jedoch bestenfalls notgedrungen zugestanden, während fast
durchweg Christus als das menschgewordene Wort hervorgeho-
ben wird. Nirgends verläuft die Argumentation in der umgekehr-
ten Richtung. Natürlich ist Christus das menschgewordene Wort
– derjenige, der genau im Mittelpunkt steht und an den wir glau-
ben. Doch nie wird uns in diesen Werken gesagt, dass unser Zu-
gang zu ihm und unser Verständnis seiner Identität sowie sei-
nes Werkes für uns zuallererst in Worten festgehalten ist, die Gott
selbst geoffenbart hat.
(3) Trotz der formellen Zugeständnisse ist es schwierig, in ir-
gendeiner Schrift der Emerging Church einen Abschnitt zu fin-
den, der irgendetwas Positives oder irgendeine dankbare Aner-
kennung im Blick auf die Moderne bzw. die christlichen Kirchen
enthält, die sich im Rahmen der Moderne weltweit ausgebreitet
haben. Ich will damit nicht andeuten, dass die Moderne über jede
Kritik erhaben ist. Ich möchte lediglich sagen, dass für die Autoren
der Emerging Church die Moderne schlecht und die Postmoderne
entweder gut ist oder eine fantastische Gelegenheit darstellt. Kurz
gesagt: Ich kann in den Schriften der Apologeten der Emerging-
Church-Bewegung nicht die Ausgewogenheit erkennen, mit der
sie vorgeblich schreiben.
Mitunter ist es recht amüsant, wenn einem dieser Autoren eine
solch unausgewogene Bemerkung herausrutscht. In dieser Hin-
sicht kann man Verfasser der Emerging Church durchaus mit an-
deren modernen Schreibern vergleichen, deren antithetische Kate-
gorien von einem wirklichkeitsfremden Denken zeugen. Zitieren
wir z.B. John Stackhouse:

89
»Die christliche Botschaft beinhaltet im Grunde genommen
eine Einladung, die an Menschen – und nicht nur an mensch-
liche Gehirne – gerichtet ist. Menschen sollen der Person Jesus
Christus begegnen, statt ein lehrmäßiges System oder eine Ide-
ologie zu übernehmen. Daher ist es nur zu offensichtlich, dass
sich derjenige, der die Glaubwürdigkeit und Schlagkraft dieser
Botschaft nachweisen will, auf mehr als auf die intellektuelle
Beweisführung stützen muss. Vielmehr hängt sie vom Heiligen
Geist Gottes ab, der durch das Licht all unserer guten Werke
weithin erstrahlt, die wir zur Ehre unseres Vaters im Himmel
auf den Leuchter stellen können.«115

Hier findet sich erneut diese Antithese: Die christliche Botschaft


beinhaltet eine Einladung, die »an Menschen – und nicht nur an
menschliche Gehirne – gerichtet ist«. Damit könnte ich ohne Wei-
teres leben, wenn er anderswo sagen würde, dass die christliche
Botschaft eine Einladung an Menschen umfasst – nicht nur an ihre
Gefühle und ihren Sinn für das Schöne. Der vorliegende Wort-
laut ist eine indirekte Kritik an der Moderne dahin gehend, dass
sich in jener Zeit Christen lediglich an intellektuellen Sachverhal-
ten interessiert hätten. Doch ist dies je der Fall gewesen? Nehmen
wir Francis Schaeffer (Anmerkung des Übersetzers: Francis Schaef-
fer, 1912-1984, US-amerikanischer Theologe und Apologet, zu-
nächst Pastor einer presbyterianischen Gemeinde, später Gründer
und erster Leiter des evangelikalen Studienzentrums L’Abri in der
Schweiz, Verfasser zahlreicher Bücher), der fortwährend betonte,
wie wichtig es ist, dass die biblische Wahrheit bestätigt wird. Hat
er nicht immer wieder betont, dass die christliche Liebe als Erken-
nungszeichen der Gläubigen eines der biblischen Hauptanliegen
darstellt? Oder George Whitefield und John Wesley, die Zehntau-
senden von Menschen während der Jahrzehnte der Großen Erwe-
ckung (in Großbritannien [im Unterschied zu Nordamerika] als
Evangelikale Erweckung bezeichnet) das Evangelium verkündig-

115 »From Architecture to Argument: Historic Resources for Christian Apologet-


ics«, in Christian Apologetics in the Postmodern World, Hrsg. Timothy R. Phillips und
Dennis L. Okholm (Downers Grove: InterVarsity Press, 1995), S. 55.

90
ten. Worin bestand ihre Predigt? Nur in Worten oder nicht auch in
beispielhafter Hingabe, oft unter Tränen, indem sie auf einer der-
art umfassenden moralischen Erneuerung bestanden, dass aus die-
ser Bewegung z.B. die Abschaffung der Sklaverei, die Verabschie-
dung von Kinderschutzgesetzen, die Einführung von Gewerk-
schaften, die Fürsorge für die Alten und eine Gefängnisreform er-
wuchsen?
Was Stackhouse schreibt, ist beunruhigend – nicht nur, weil sei-
ne Konzessionen lediglich in eine Richtung gehen, sondern auch,
weil er anstelle des »mehr« ein »stattdessen« gebraucht. Er be-
hauptet zu Recht, dass die Schlagkraft der Botschaft von mehr als
nur der intellektuellen Beweisführung abhängt (und wahrschein-
lich würde weder ein ausdrücklicher Vertreter der Moderne noch
ein erklärter Postmodernist dies infrage stellen). Dann sagt er je-
doch, dass eine solche Schlagkraft stattdessen vom Heiligen Geist
abhängt, der durch das Licht guter Werke weithin erstrahlt. Meint
er damit, dass der Heilige Geist die verkündigte Botschaft nicht
hell erstrahlen lässt?
Selbstverständlich ist die Kritik, welche die Emerging-Church-
Bewegung am Christentum in der Zeit der Moderne übt, in einem
bestimmten Aspekt berechtigt. In der westlichen Welt werden
weitaus mehr Predigten anhand lehrmäßiger Bibeltexte gehalten
als anhand von erzählenden Bibelabschnitten. So sind z.B. ca. 70
Bücher mit Predigten veröffentlicht worden, die D. Martyn Lloyd-
Jones gehalten hat. Darunter legen nur eine oder zwei erzählende
Texte aus. Dennoch muss man selbst hier nachsichtig sein. Lloyd-
Jones benutzte nämlich innerhalb seiner Predigten Erzähltexte der
Schrift und bezog sich fortwährend auf Sprüche, Psalmen, Klagen,
apokalyptische Texte und all die übrigen Schriftgattungen. Dar-
über hinaus wandte sich Lloyd-Jones an Menschen seiner Genera-
tion. Rückblickend lässt sich sagen, dass nur wenige unter uns vor
50 Jahren eine große Auslegungsgabe für erzählende Texte besa-
ßen. Die auf diesem Gebiet erzielten Fortschritte schlagen als Ge-
winn der letzten zwei oder drei Jahrzehnte zu Buche.
Dennoch müssen wir diese Sachverhalte ins rechte Licht rücken:
Ich habe eine ansehnliche Zahl afrikanischer Verkündiger gehört,

91
die im Umgang mit Erzähltexten überaus versiert sind. Mir fal-
len jedoch nur drei oder vier afrikanische Prediger ein, die den Rö-
merbrief sehr gut auslegen können. Die Erzählkultur vieler Afrika-
ner (die sich gegenwärtig allerdings etwas verändert) brachte be-
stimmte Beschränkungen hervor. Das Erbe der westlichen Erkennt-
nistheorie und Kultur hat zu einer Reihe anderer Begrenzungen
geführt. Nur die begabtesten Verkündiger können eigene kultu-
relle Grenzen dieser Art ohne Weiteres überwinden. Somit ergibt
sich die offensichtliche Frage, die führende Vertreter der Emerging
Church stellen sollten: Welche Beschränkungen beschweren post-
moderne Menschen? Mit welchen Bibeltexten tun wir uns selbst
schwer? Was werden wohl unsere Kinder und Enkel über diejeni-
gen Stellen sagen, die wir selbst übersehen? Werden sie uns in ir-
gendeiner Hinsicht nachsichtiger behandeln, als wir mit denjenigen
umgegangen sind, die uns das Evangelium weitergegeben haben?
Überdies entspricht das Bild von der Christenheit der Moderne,
das einige Vertreter der Emerging Church zeichnen, nirgends an-
nähernd meinen Erfahrungen. Mein Vater war ein Gemeindegrün-
der. Obwohl er sein ganzes Leben in der westlichen Welt zubrachte,
musste er sich sprachlich und kulturell völlig umstellen, um die
Menschen zu erreichen, zu denen er sich berufen wusste. Die ers-
ten vier Jahrzehnte seines Dienstes umfassten eine Zeit, da es nir-
gends große evangelistische Durchbrüche gab – ganz gleich, wo-
hin er kam. Damals predigte er selten vor einer Zuhörerschaft, die
über vierzig Leute zählte. Oft waren es auch nur zehn oder zwölf
(die eigene Familie – d.h. die Frau und drei Kinder – schon mitge-
rechnet!). Er war so arm, dass er zu Kommentaren, theologischen
Ausgaben, poetischen Werken, belletristischen Veröffentlichungen,
wissenschaftlichen Publikationen und Büchern über Kultur, die ich
heute lese, selten Zugang hatte. Die Bücher jedoch, die er besaß,
kannte er gut, wobei er bis in die letzten Wochen vor seinem Tod
hinein sein griechisches Neues Testament und in gewissem Um-
fang sein hebräisches Altes Testament eifrig studierte. Bezog er sich
aber nur auf Lehrsätze? Hatte er nichts vom Heiligen Geist ver-
standen, der durch das Licht guter Werke weithin erstrahlt? Tatsa-
che ist: Er ging mit seinen begrenzten finanziellen Möglichkeiten

92
so großzügig um, dass schließlich meine Mutter die Kontrolle über
das Familienkonto übernehmen musste. Wir hätten sonst als Fa-
milie hungern müssen, weil Vater ungemein viel verschenkte. Soll
ich Ihnen von seinem Wirken für ein Waisenhaus erzählen? Soll ich
die merkwürdige Zeit erwähnen, in der er sich nach einem Gottes-
dienst mit einer Verkündigung vor dreißig Leuten in sein Studier-
zimmer zurückzog, auf seine Knie ging und betend für jene Men-
schen Tränen vergoss, zu denen er gepredigt hatte?
In gewisser Hinsicht war mein Vater ein in jeder Beziehung
normaler Pastor. Wenn ich je einige seiner Aufsätze herausgebe
und veröffentliche, wird der Titel Memoirs of an Ordinary Pastor (so
viel wie Lebenserinnerungen eines ganz normalen Pastors) lauten. Ich
könnte Ihnen viel von gewöhnlichen Pastoren aus jener Genera-
tion erzählen. Zwangsläufig waren sie in gewissem Maße Kinder
ihrer Zeit – so wie Burke, Sweet und McLaren. Aber sie neigten
nicht dazu, die vorhergehende Generation zu verurteilen.

Eine Verurteilung, die theologisch oft oberflächlich


und intellektuell zusammenhanglos ist
Meinen dritten Kritikpunkt kann ich kurz darlegen. Die fast all-
umfassende Verurteilung der Moderne und der Christenheit der
Moderne ist nicht nur historisch verzerrt und ethisch undankbar,
sondern auch theologisch oberflächlich und in intellektueller Hin-
sicht zusammenhanglos.
Sie ist theologisch oberflächlich, weil sie die grundlegende Tat-
sache übersieht, dass keine Weltanschauung, kein von uns in einer
gefallenen Welt entwickeltes erkenntnistheoretisches System völ-
lig gut oder ganz und gar schlecht ist. Gottes reiche »allgemeine
Gnade« (Anmerkung des Übersetzers: Insbesondere in der calvinis-
tischen Theologie wird unterschieden zwischen der allgemeinen
und der speziellen Gnade. Die allgemeine Gnade, auch bewahren-
de Gnade genannt, ist etwa in Matthäus 5,45 gemeint. Die Rettung
im geistlichen Sinne, die Ausdruck der speziellen Gnade ist, kommt
dagegen nur denen zugute, die sich durch Christus retten lassen.)
gibt uns die Zusicherung, dass sich selbst Systeme, die zutiefst un-

93
zureichend beschaffen sind, irgendwo ein gewisses Maß an Ein-
sicht bewahren. Demgegenüber führt die Existenz unserer Sün-
de zwangsläufig dazu, dass sogar ein System, das weitgehend mit
der Schrift übereinstimmt, gewissen Verzerrungen unterliegt. Da-
her sollten sich umsichtige Christen weder mit der Moderne noch
mit der Postmoderne umfassend identifizieren und es andererseits
aber auch unterlassen, beide Systeme in Bausch und Bogen zu ver-
urteilen. Die Emerging-Church-Bewegung wird erst dann zu ei-
ner gewissen Reife gelangt sein, wenn sie ein wenig ausgewogener
wird, indem sie die der Moderne innewohnenden Stärken zum
Ausdruck bringt und vor den Gefahren der Postmoderne warnt.
Der Verurteilung der Moderne fehlt intellektuell gesehen auch
der logische Zusammenhang, da sich die meisten Veröffentli-
chungen der Emerging Church im Sinne der postmodernen Tole-
ranz sehr bemühen, positive Sachverhalte in Bezug auf jeden an-
deren »-ismus« zu finden. Dazu zählen z.B. Buddhismus, Islam,
Weltsichten der Indianer im Aztekenreich oder der Animismus di-
verser Stämme. Der eine »-ismus«, hinsichtlich dessen einige Au-
toren scheinbar so gut wie nichts Positives finden können (was
insbesondere für Publikationen führender Vertreter der Emerging
Church gilt), ist (nach ihrem Verständnis) der Modernismus bzw.
die Moderne. Dabei geht es um die intellektuelle Haltung derer,
die aufgeschlossener und weniger vom Absoluten geprägt sein
wollen: Sie bemerken gar nicht, wie sie die Moderne in quasi abso-
lutistischer Manier verurteilen.
Dies ist mit einer weiteren komplexen geschichtlichen Ent-
wicklung verbunden, die ich hier nur erwähnen kann. Allerdings
hoffe ich, ein knapp gehaltenes Buch über dieses Thema zu gege-
bener Zeit veröffentlichen zu können. Toleranz wurde ja immer
als diejenige Tugend verstanden, die jenen, mit denen wir nicht
übereinstimmen, gestattet und sie sogar ermutigt, sich offen zu
äußern und ihren Standpunkt zu verteidigen. Man wird an Vol-
taires berühmten Ausspruch erinnert: »Ich bin vielleicht nicht ein-
verstanden mit dem, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tode
dafür streiten, dass Sie das Recht haben, es zu sagen.« Mit ande-
ren Worten: Erst wenn man mit jemandem oder etwas nicht über-

94
einstimmt, besteht die Möglichkeit, tolerant zu sein. Aber in un-
serer postmodernen Welt wird Toleranz immer mehr als Tugend
verstanden, die nicht die Ansicht vertreten will, dass irgendeine
Meinung schlecht, übel oder töricht ist. Man »toleriert« alles, weil
sich nichts jenseits des Erlaubten befindet – außer der Ansicht, die
diese Toleranzauffassung verwirft. Was dies betrifft, gibt es über-
haupt keine Toleranz.
Dies ist, offen gestanden, intellektuell zusammenhanglos. Ein
Kapitalist mag einen Marxisten tolerieren und umgekehrt. Ein
Muslim toleriert vielleicht einen Christen und umgekehrt. Aber
enthält die Aussage: »Es gibt meiner Ansicht nach hinsichtlich
Ihrer Haltung nichts Verkehrtes – ich toleriere Sie« irgendeinen
logischen Zusammenhang? Man kann erst tolerieren, wenn man
anderer Meinung ist.116 Aber das einzige Gebiet, auf dem die post-
modernen Toleranzbefürworter jedem entschieden widerspre-
chen, ist derjenige Bereich, der ihrer Beurteilung nach der Moder-
ne zuzuordnen ist: In diesem Fall wird der betreffende »-ismus«
als schlecht angesehen und ihm sehr wenig Toleranz entgegen-
gebracht. Wenn jemand argumentiert, dass eine andere Position
oder eine andere Religion falsch wahrgenommen wird, fehler-
haft ist bzw. sich in irgendeinem Punkt sogar verderblich auswirkt
(z.B. Kinderopfer unter den Azteken), erwidern sie: Sind wir be-
rechtigt zu kritisieren, wenn Kinderopfer den Azteken vermutlich
sehr viel bedeutet haben?

116 Die Einstellung, diese grundlegende Realität zu missachten, trat durchaus


schon vor der Zeit der Postmoderne zutage. In einer 1888 erschienenen Rezension
eines von Phillips Brooks verfassten Buches unter dem Titel Tolerance schrieb Benja-
min B. Warfield: »Dr. Brooks verehrt am meisten jene Art der Toleranz, ›die sich in
jedem Menschen herausbildet, der sich bewusst ist, dass die Wahrheit größer ist als
seine Wahrheitsauffassung und dass die scheinbaren Fehler anderer Menschen oft
anderen Teilbereichen der Wahrheit entsprechen, die ihm nur teilweise zugänglich
sind‹. Dies scheint uns überhaupt keine Toleranz, sondern eher eine von Großzü-
gigkeit geprägte universelle Geisteshaltung zu sein. Unsere ›Toleranz‹ erweist sich
nicht gegenüber bekannter oder vermuteter Wahrheit. Wahre Toleranz kommt erst
dann ins Spiel, wenn wir mit dem konfrontiert werden, was wir als Irrtum erken-
nen. Aus diesem Grund kann es – wie Dr. Brooks anerkennenswerterweise folgert –
keine wahre Toleranz im Denken eines Menschen geben, der keine festen Überzeu-
gungen hat und dessen Wahrheitsverständnis nicht fest gegründet ist« (Presbyteri-
an Review 9 [1888], S. 161). Ich bin Fred Zaspel dankbar dafür, dass er mich auf die-
se Stelle aufmerksam gemacht hat.

95
Somit erheben Vertreter der Postmoderne dort, wo sie mit nie-
mandem uneins sind, den Anspruch, tolerant zu sein (was un-
logisch ist). Dagegen erweisen sie sich in dem einen Hauptbereich,
wo sie anderen (nämlich Repräsentanten der Moderne) energisch
widersprechen, als intolerant. Dies zeigt sich nicht zuletzt darin,
dass sie ihre von der Moderne geprägten Gegner als intolerant be-
zeichnen, selbst wenn diese lediglich das Recht einfordern, auf
höfliche Weise ihre Nichtübereinstimmung mit Haltungen zu be-
kunden, die ihrer Ansicht nach völlig verkehrt sind. Dabei wol-
len Vertreter der Moderne ihre Gegner gar nicht zum Schwei-
gen bringen. Wenn wir die Werke einiger führenden Vertreter der
Emerging Church über all die anderen »-ismen« (außer Modernis-
mus bzw. Moderne) lesen und vielleicht ihre Großherzigkeit be-
wundern, uns dann aber ihrer Behandlung dessen zuwenden, was
sie unter Moderne verstehen: Spüren wir da nicht einen Hauch in-
tellektueller Zusammenhanglosigkeit?
Man könnte folgern, dass ein beträchtlicher Teil des sogenann-
ten postmodernen Denkens (einschließlich der Gedankenwelt in-
nerhalb der Emerging-Church-Bewegung) dem erliegt, was Chris-
topher Shannon als »Tradition offenkundiger Kritik« bezeichnet.
Das bedeutet, dass man dem »bedenklichen Vorhaben« frönt, »alle
überkommenen Traditionen auszumerzen«. Soweit diese Kritik zu-
trifft, stellt die Postmoderne unter Beweis, dass sie an dieser ent-
scheidenden Stelle ihre Verwurzelung in der Moderne nicht hinter
sich gelassen hat. Indem man im postmodernen Denken, darunter
auch in der Emerging-Church-Bewegung, häufig auf die Tradition
Bezug nimmt, knüpft man fortwährend an eine ältere Tradition, eine
andere Tradition, eine unbekannte Tradition oder eine vielschich-
tige Tradition an. Alles ist zulässig außer der Tradition der Moderne
– eben weil das Hauptziel in der »bedenklichen Ausmerzung aller
überkommenen Traditionen«117 besteht. Ich werde auf einen Aspekt
dieses Punktes im nächsten Kapitel kurz zurückkommen.

117 Siehe Christopher Shannon, Conspicuous Criticism: Tradition, the Individual,


and Culture in American Social Thought, from Veblen to Mills (Baltimore: John Hopkins
University Press, 1996). Siehe auch Richard Stivers, The Cult of Cynicism (Oxford:
Blackwell, 1994).

96
Was die ersten drei Kritikpunkte im Detail bedeuten
Mit meinem vierten Kritikpunkt gehe ich hinsichtlich der ersten
drei ins Detail – er richtet sich nicht gegen die Emerging-Church-
Bewegung im Allgemeinen, sondern nur gegen einige ihrer Ver-
treter, die innerhalb der Bewegung zunehmend zu den kompe-
tentesten gehören. Ich habe oben erwähnt, dass Brian McLaren
kürzlich ein Seminar veranstaltete.118 Dort arbeitete er die Sozial-
geschichte auf – zumindest so, wie er sie versteht. Dabei gab er
dem Absoluten die Hauptschuld an der langen Liste der wich-
tigsten Missstände in den letzten Jahrhunderten – Nationalsozia-
lismus, Kommunismus, Sklaverei, das Massaker an den Azteken,
Kolonialismus, Imperialismus. Das Absolute, so argumentiert er,
sei aus der Aufklärung hervorgegangen – die Frucht des endlosen
Strebens der Moderne nach Gewissheit. Tatsächlich war die Zeit
nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von durchdachten und so-
gar geistvollen Überlegungen etlicher europäischer (insbesondere
französischer) Denker gekennzeichnet. Sie versuchten zu verste-
hen, was mit dem »Projekt Aufklärung« (Anmerkung des Über-
setzers: Dieser Ausdruck bezieht sich hier und im Folgenden auf
das Anliegen jener geistesgeschichtlich-philosophischen Epoche,
die im 17. und besonders im 18. Jahrhundert vor allem in Groß-
britannien, Frankreich und Deutschland gegen Metaphysik so-
wie Dogmatik kämpfte, den Rationalismus betonte und den stän-
digen Fortschritt des Menschen zum obersten Ziel erhob.) falsch
gelaufen war. Sie erkannten schließlich nicht nur den furchtbaren
Machtmissbrauch durch eine vom Absoluten geprägte Geistes-
haltung, sondern auch deren intellektuelle Unbeständigkeit – ein
Sachverhalt, der wesentlich an der Entstehung der Postmoder-
ne beteiligt war. Somit hat die Moderne zumindest teilweise ent-
scheidend dazu beigetragen, dass alle Missstände globalen Aus-
maßes in den vergangenen Jahrhunderten entstehen konnten. Die
Reaktion darauf heißt Postmoderne.
Wiederum sei gesagt, dass wir eine grob verallgemeinernde
Verurteilung der Moderne vorfinden, deren Lösung die Post-

118 »Pluralism Revisited.« Siehe Kap. 1, S. 38.

97
moderne ist. Wollte man eine ausführliche Analyse vornehmen,
müsste man mehrere Bücher schreiben. Dazu werde ich im nächs-
ten Kapitel dieses Buches einige Anmerkungen machen. Dennoch
will ich hier dieses Verständnis der Moderne und ihrer Missstän-
de in aller Kürze kritisch beurteilen.
(1) Wissenschaftler haben ganz andere Deutungen hinsichtlich
der Geschichte der Moderne vorgelegt, wobei einige einleuchten-
der sind als McLarens Interpretation. So ist z.B. Richard Bauck-
ham der Meinung, dass das charakteristischste Merkmal der Mo-
derne von der Aufklärung bis zur Gegenwart das Streben nach
Freiheit und die Suche nach menschlicher Selbstbestimmung sei.
Die meisten Denker der frühen Aufklärung waren Theisten (Be-
fürworter der Ansicht, dass es einen persönlichen, von außen auf
die Welt einwirkenden Schöpfergott gibt) oder zumindest Deisten
(Vertreter der Auffassung, dass Gott die Welt zwar geschaffen hat,
aber keinen weiteren Einfluss mehr auf sie ausübt), doch im wei-
teren Verlauf der Moderne wurde Gott zunehmend an den Rand
gedrängt. Somit schwand immer mehr das Verständnis dafür, was
Freiheit bedeutet. Dadurch wurde den willkürlichsten Analysen
oder der uneingeschränkt vergnügungsorientierten Selbstbehaup-
tung Tür und Tor geöffnet.119 Dieses Moderne-Verständnis und
nicht das Absolute selbst werden viele von uns als naheliegendere
Ursache der Missstände ansehen.
(2) Es gibt ein ernsthaftes Problem, wenn man das westliche
Denken unter dem Aspekt des Absoluten analysieren will. Es be-
steht darin, dass man dann außerstande ist, dort zu differenzieren,
wo es notwendig ist. Man setzt voraus, dass durch das Absolu-
te verursachte machtpolitische Handlungsweisen alle gleicherma-
ßen schlecht sind. Dies entsprach weitgehend der These von Mi-
chel Foucault (Anmerkung des Übersetzers: französischer Philo-
soph [1926-1984]). Er argumentierte, dass alle Aussagen (darunter
zugegebenermaßen seine eigenen) versuchen, indirekt oder direkt
Überzeugungen zu wecken. Ihnen müsse daher der Vorwurf ge-

119 Siehe insbesondere Richard Bauckham, God and the Crisis of Freedom: Biblical
and Contemporary Reflections (Louisville: Westminster John Knox Press, 2002).

98
macht werden, »alles unter einem Einzelaspekt zusammengefasst
zu betrachten«. Alle Ansprüche auf Wahrheit und Recht seien nur
versteckte Machtbekundungen. Lange bevor Foucault im Trend
lag, machte interessanterweise Virginia Woolf (Anmerkung des
Übersetzers: britische Schriftstellerin [1882-1941]) die berühmte
Aussage, dass sich Großbritannien und Hitler-Deutschland nur
wenig unterscheiden würden. Und dies war ein ziemlich gän-
giger Spruch der Linken während des Kalten Krieges: Moralisch
gesehen, so folgerte man, bestünden zwischen den USA und der
UdSSR nur geringe Unterschiede.
Eine derartige Analyse ist außerstande, Unterscheidungen vor-
zunehmen, die unbedingt gemacht werden müssen. Ich will damit
überhaupt nicht andeuten, dass Großbritannien oder die USA im-
mer im Recht waren. Doch Großbritannien versuchte nicht, alle Zi-
geuner und Juden zu vernichten, es richtete keine Todeslager ein.
Am Ende des Krieges kündigten die Wähler Winston Churchill
die Gefolgschaft auf, weil die Regierungsform noch immer demo-
kratisch war (welche Regierungsform hätte wohl Hitler entmach-
tet?). Großbritanniens größtes moralisches Versagen auf weltpo-
litischem Gebiet unmittelbar vor dem Krieg bestand nicht darin,
dass es brutal und gewaltsam Nachbarstaaten annektierte. Viel-
mehr verfolgte es eine kurzsichtige Beschwichtigungspolitik in
der vergeblichen Hoffnung, dass das zu allem entschlossene Böse
(Anmerkung des Übersetzers: d.h. in Gestalt Hitlers) durch Ent-
gegenkommen und lange Gespräche aufgehalten werden könne –
was grundverkehrt war. Mit anderen Worten: Großbritannien und
Frankreich hatten versagt, als sie sich Hitler nicht entgegenstellten,
während er das Rheinland einverleibte. Vor allem, weil sie nicht
auf absoluten Werten bestanden, trugen die Alliierten zum Aus-
bruch des Zweiten Weltkriegs bei. Lesen Sie hierzu ein gut recher-
chiertes Werk über Stalin120, und vergleichen Sie ihn mit Franklin
Roosevelt.
Auch übersehe ich nicht die Dezimierung der amerikanischen

120 Simon Sebag Montefiore, Stalin: The Court of the Red Tsar (New York: Knopf,
2004; deutsche Ausgabe: Stalin. Am Hof des roten Zaren [Frankfurt am Main: S. Fi-
scher Verlag, 2005]).

99
Ureinwohner – manchmal unter Gewaltanwendung und mitunter
aufgrund der Krankheiten, die weiße Siedler einschleppten. Wir
können ebenso der Sklaverei und deren Erbe nicht ausweichen.
Dennoch gilt: Wer dem Absoluten für all dies die Schuld gibt,
scheint zu sehr auf einzelne Aspekte ausgerichtet zu sein. Wo-
durch wurde der Sklavenhandel über den Atlantik aufgehalten?
Letztlich infolgedessen, dass England eine von absoluten Werten
geprägte Haltung gegen diesen Handel einnahm, nachdem Chris-
ten Gesetze zur Abschaffung der Sklaverei ins Parlament von
Westminster eingebracht hatten und englische Kanonenboote den
Sklavenhandel über den Atlantik und im Persischen Golf größten-
teils zum Erliegen brachten.
(3) Wir müssen die barbarischen Taten der vormodernen Welt
mit den Barbareien der modernen Welt vergleichen. Wir haben
unseren Hitler, Stalin und Pol Pot, während es damals Dschingis
Khan, Nero und Antiochus IV. Epiphanes gab. Wir könnten eben-
so mit anderen weltpolitischen Schauplätzen Vergleiche anstellen
– etwa mit der grausamen Stammespolitik von Idi Amin. Plötzlich
erkennen wir, dass entsetzliche Grausamkeit und Bosheit nicht
ausschließlich auf die Moderne zurückgehen.
(4) Wir sollten uns darüber hinaus an einige positive Sachver-
halte erinnern, die aus der Moderne hervorgegangen sind. Als Ers-
tes kommen uns moderne Medizin, Hygiene, blitzschnelle Ver-
kehrsmittel, unerhört rasche Kommunikation, eine beträchtliche
Erhöhung der Lebenserwartung und ein viel größeres Wissen hin-
sichtlich der physischen Welt in den Sinn. Mit diesen Erfolgen ha-
ben sich natürlich auch entsprechende Missstände eingestellt –
und zwar nicht, weil die Moderne das Böse in höchster Potenz mit
sich gebracht hat, sondern weil wir Menschen von Natur aus und
aufgrund eigenen Entschlusses aufbegehren. Wir können jedes Sys-
tem ins Verderben reißen. Wir können jede erkenntnistheoretische
Struktur auf pervertierte Ziele hin ausrichten. Wir können jede Ide-
ologie verdrehen. Wir können jede Erfindung bzw. Entdeckung
für verderbliche Zwecke missbrauchen. Daher berechtigt uns dies
nicht, allein das Absolute oder die Moderne damit zu verbinden.
(5) Ist Absolutheit das Problem? Gott erklärt: »Du sollst nicht

100
ehebrechen« (vgl. z.B. 2. Mose 20,14). Dies ist eine absolute Aus-
sage. Ist sie Ausdruck des Bösen? Gott ist der absolut souverän
Handelnde: Ist das an sich böse? Besteht das Problem in der Ab-
solutheit oder im menschlichen Verlangen, wie Gott zu wer-
den? Aber regt sich dieses Verlangen nicht im Rahmen jeder Welt-
anschauung, jedes gesellschaftlichen Systems und jeder Erkennt-
nistheorie? Das soll nicht heißen, dass daher jedes System bzw.
jede Erkenntnistheorie oder jede obrigkeitliche Struktur moralisch
gleichwertig ist. Es bedeutet lediglich, dass kein System, keine Er-
kenntnistheorie bzw. keine Staatsform den Entwurf einer idealen
Gesellschaft verwirklichen kann, weil wir Menschen wesensmä-
ßig böse sind. Oft wird Lord Acton zitiert: »Macht korrumpiert,
und absolute Macht korrumpiert absolut.« Das trifft in einer gefal-
lenen und aus den Fugen geratenen Welt natürlich zu. Als Grund-
satz, der für den neuen Himmel und die neue Erde gilt, ergibt dies
jedoch keinen Sinn. Daher ist nicht die Absolutheit der Macht der
springende Punkt, sondern die Frage, wer sie ausübt. Ja, mitunter
entsteht das Böse teilweise dadurch, dass man es unterlässt, sich
ihm entgegenzustellen.121
Edmund Burke sagte: »Die einzige Voraussetzung für den Tri-
umph des Bösen ist, dass gute Menschen nichts tun.« Wenn wir
daher annehmen, dass in einer gefallenen Welt alle Macht kor-
rumpiert, können wir jedoch zwischen den einzelnen Regierungs-
formen unterscheiden – je nachdem, wie die Betreffenden an die
Macht gekommen sind und sie verloren haben, wie die Gewalten
verteilt sind und wie sie kontrolliert werden oder wie man sich
der Machthaber entledigt. Eine Errungenschaft der verschiedenen,
in unserer Welt bestehenden Formen der gesetzlich verankerten
Mehrparteiendemokratie als Institution ist es, dass sie auf fried-
liche Weise dafür sorgen, die jeweiligen Machthaber alle paar Jah-
re ohne Blutvergießen abwählen zu können. Obwohl dies nicht au-
ßerordentlich effektiv sein mag, ist es für sich genommen gewiss

121 Wenn die Bedingungen für einen gerechten Krieg erfüllt sind, besteht nach
der Theorie des »gerechten Krieges« das moralische Versagen demnach darin, nicht
in den Krieg zu ziehen, da es mit mangelnder Nächstenliebe und der fehlenden Be-
reitschaft zu tun hat, für andere Menschen Opfer zu bringen.

101
besser als die betreffenden Alternativen.122 Und auch die Demo-
kratie ist aus der Aufklärung heraus entstanden – und zwar wohl
unter dem Einfluss der christlichen Lehre bezüglich der Trennung
von Kirche und Staat. Doch davon wird in McLarens Schriften oder
in den Werken früherer französischer Vertreter der déconstruction
(Anmerkung des Übersetzers: Neben dem bereits erwähnten Mi-
chel Foucault sind dies insbesondere Jean-François Lyotard [1924-
1998], Jacques Derrida [1930-2004] und Jean Baudrillard [1930-
2007].), auf die er Bezug nimmt, nichts sichtbar. Stattdessen lesen
wir, dass die Moderne das Absolute hervorbringe, das Absolute
eine Hauptursache all unserer Missstände sei und wir somit die
Moderne vollständig verdammen müssten.
(6) Ein anderes unlauteres Element in McLarens Schriften ist
seine Bereitschaft, alle Erscheinungsformen des Christentums
über einen Kamm zu scheren, ohne Überlegungen in Bezug auf
Theologie, Lebendigkeit, Bibeltreue oder Ausnahmen anzustel-
len. Pizarro (d.h. der bereits erwähnte spanische Eroberer des In-
kareiches) wird somit zum Prototyp. Sehen wir uns den Bereich
missionarischer Bemühungen an, in denen viel zu viel mit koloni-
alem Eifer verwechselt wurde oder zumindest damit einherging.
Selbst dort erfordern Ausgewogenheit und Unvoreingenommen-
heit, dass wir uns an William Carey erinnern: Für die East India
Company war er in Indien als Missionar unerwünscht. Sie lehnte
es ab, ihn zu befördern und ihm zu helfen. Ihre Vertreter behandel-
ten ihn im Allgemeinen geringschätzig und erschwerten ihm das
Leben, gerade weil er sich dort nicht aufhielt, um Menschen aus-
zubeuten, sondern um Menschen zu lieben und ihnen das Evange-
lium zu verkündigen. Jonathan Edwards trat den Behörden entge-
gen, als sie die Indianer misshandelten, denen er zu dienen suchte.
J. Hudson Taylor bestand darauf, sich den Chinesen, zu denen er
berufen war, im Blick auf Kleidung, Ernährung und Lebensstil
anzupassen. Und fast ein Jahrhundert vor der Zeit, da man da-
von sprach, dass man Mission »in einem Gesamtzusammenhang

122 Winston Churchill sagte: »Demokratie ist die schlechteste aller Regierungs-
formen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert
worden sind.«

102
sehen müsse«, legte Roland Allen (Anmerkung des Übersetzers:
Dieser Engländer lebte von 1868 bis 1947 und war von 1895 bis
1903 anglikanischer Chinamissionar. Nach seiner Rückkehr wirkte
er im Gemeindedienst.) die Grundsätze der Gründung »einheimi-
scher« Gemeinden dar. Sie sollten über eine eigene Leitung ver-
fügen, selbstständig sein und sich selbst tragen.123 Zwischen 1880
und 1910 starben mehr als ein Drittel aller Missionare, die nach
Zentralafrika gingen, innerhalb ihres ersten Einsatzjahres. Eini-
ge Missionsgesellschaften rieten Missionaren, den eigenen Sarg
mitzunehmen. Dennoch brachen sie auf. Kurz gefragt: Ist es an-
gebracht, die gesamte moderne Missionsbewegung abzuschreiben?
Wirkte das Evangelium nicht gerade deshalb so machtvoll, weil
zahlreiche Missionare an vielen Fronten den kulturellen Einflüs-
sen ihrer Zeit entgegentraten?
Wenn ich überdies heute rund um die Welt reise und verschie-
dene Missionare bei ihrer Arbeit sehe, stelle ich Folgendes fest:
Diejenige Nation, deren Missionare von den Bekehrten vor Ort
in Fragen der Gemeindezugehörigkeit, der geistlichen Lebens-
stile und der Kultur wohl am ehesten Anpassung an die Formen
des sendenden Landes fordern, ist Südkorea. Viele seiner eifrigen
und aufopferungsvoll tätigen Missionare haben meiner Befürch-
tung nach viel zu wenig aus den Fehlern der westlichen Welt ge-
lernt. Doch täuschen wir uns nicht: In diesem Fall ist nicht die Er-
kenntnistheorie der westlichen Moderne der Maßstab, sondern
eine auf dem Konfuzianismus fußende Grundstruktur (was viele
dieser Missionare bereitwillig eingestehen, zumindest im privaten
Bereich!). Wiederum sei gesagt, dass die stark verallgemeinernden
Anklagen, die von einigen Denkern der Emerging Church vorge-
bracht werden, bestenfalls auf einzelne Aspekte ausgerichtet und
oft historisch verzerrt dargestellt sind.

123 Roland Allen, Missionary Methods: St. Paul’s or Ours?, 6. Aufl. (Nachdr.:
Grand Rapids: Eerdmans, 1962). Natürlich ist dieses Werk in erheblichem Maße
überholt. Nachdem wir die Verwurzelung in der eigenen Kultur herausgearbeitet
haben, sind wir dazu übergegangen, den Gesamtzusammenhang hervorzuheben.
Dadurch kommt zu den genannten Merkmalen (Selbstverwaltung, Selbstständig-
keit und Selbstfinanzierung) die Bedeutung der andersgearteten, kontextbezoge-
nen theologischen Arbeit hinzu.

103
So viel demnach zu diesen vier Punkten hinsichtlich der Be-
urteilung der Moderne.

Zur Beurteilung der Postmoderne


Im vorherigen Abschnitt habe ich versucht, das Moderne-Verständ-
nis in der Emerging-Church-Bewegung zu bewerten. So will ich
auch hier verfahren: Ich kritisiere jetzt nicht die Postmoderne bzw.
die Reaktion der Emerging Church auf die Postmoderne (darum
geht es in den nächsten beiden Kapiteln), sondern das Verständnis
der Emerging Church in Bezug auf das Wesen der Postmoderne.
In vielerlei Hinsicht stimme ich mit diesem Verständnis über-
ein. Selbst wenn die Wurzeln der Postmoderne weit zurückreichen,
waren die letzten Jahrzehnte in der westlichen Gesellschaft von
einem beträchtlichen Wandel hinsichtlich des Wahrheitsverständ-
nisses und unserer Fähigkeit zur Erkenntnis der Wahrheit gekenn-
zeichnet. Dies ist mit einem Niedergang des Absoluten und einem
Aufstieg des Relativismus einhergegangen (derjenigen Sichtwei-
se, dass alle Wahrheitsansprüche letztendlich nur verschiedene
Perspektiven sind). Weitere Begleiterscheinungen sind ein ver-
mindertes Vertrauen in die Vernunft und in die Möglichkeit, ir-
gendeine objektive Realität zu erkennen. Außerdem werden stär-
ker andere Tugenden wie Beziehungen, gefühlsbezogene Re-
aktionen sowie die Bedeutung der Gemeinschaft und daher der
Tradition hervorgehoben.
Ob diese Veränderungen am besten als »Postmoderne« oder
als »Spätmoderne« bzw. »Ultramoderne« bezeichnet werden, kön-
nen wir den Experten überlassen. Doch die Veränderungen an
sich sind kaum zu leugnen. Wenn man sich darauf konzentriert,
wie wir bis an diesen Punkt gelangt sind, werden die Kontinuitäts-
linien deutlicher. Von daher sind Bezeichnungen wie »Spätmoder-
ne« und »Ultramoderne« offenbar angemessener. Wenn wir uns
dagegen auf die Veränderungen konzentrieren, die diese Entwick-
lungen in der Gesellschaft mit sich gebracht haben, dann ist der
Ausdruck »Postmoderne« in gewisser Weise berechtigt.
Trotz dieser breiten Übereinstimmung scheint mir das Postmo-

104
derne-Verständnis der Emerging Church jedoch in gewisser Weise
fragwürdig kurzsichtig und (wie vorauszusehen war) vom Abso-
luten her geprägt zu sein. Das ist bedeutsam, weil dasjenige, was
die Bewegung im Rahmen einer Reformation und Erneuerung be-
fürwortet, in großem Maße von der Genauigkeit dieser Deutung
abhängt. Da ein Großteil dieser Deutung mit der Reaktion dieser
Bewegung auf die Postmoderne verbunden ist, lässt sie sich am
besten in den nächsten beiden Kapiteln behandeln, obwohl ich
hier einige entsprechende Bemerkungen machen werde. Dabei be-
schränke ich mich auf vier Punkte.

Sich auf ein Schlagwort berufen


Erstens: Die US-amerikanische Kultur ist sehr breit gefächert, wo-
bei »Postmoderne« innerhalb dieser Vielfalt zum Schlagwort ge-
worden ist, das einige mögen und andere verwerfen. Einer meiner
Kollegen argumentierte kürzlich in einer seiner Vorlesungen fol-
gendermaßen: Trotz all ihrer Stärken gibt es in der Postmoderne
einige Elemente, die in ihrer ausgeprägtesten Form mit dem kon-
fessionellen Christentum offenbar nicht vereinbar sind. Nach der
Vorlesung bekam er eine E-Mail von einer Studentin, die im Grun-
de sagte, dass nach ihrer Einschätzung in ihrer Gemeinde post-
moderne Elemente im Vaterunser, in einer stärker gegliederten Li-
turgie und im apostolischen Glaubensbekenntnis zu finden seien.
Was besagt dies? Die Antwort muss natürlich »Nichts!« lauten.
Gemeinden, die diese Bestandteile jedoch jahrhundertelang be-
nutzt haben, könnten überrascht sein, dass solche Bräuche Aus-
druck der Postmoderne sein sollen. Meiner Ansicht nach wollte
diese Studentin nur ihre Wertschätzung dafür ausdrücken, dass
sie sich irgendeiner längeren Tradition verbunden weiß – was ge-
wiss anerkennenswert ist. Dennoch zeugt ein solcher Gebrauch
des Wortes »Postmoderne« nicht gerade von Scharfsinn. Schlim-
mer noch: Er kann diese Studentin für einige ziemlich gefährliche
Elemente der Postmoderne empfänglich machen – und zwar schon
deshalb, weil das Wort für sie positiv klingt, während sie entspre-
chende gesellschaftliche Entwicklungen nicht wirklich versteht.

105
Es gibt einen Aspekt, unter dem viele Menschen die Zugehö-
rigkeit zur Postmoderne mit dem »Wissen (verbinden), was gera-
de angesagt ist«, selbst wenn dies lediglich bedeutet, eine Art Ver-
bindung zur Tradition wiederherzustellen. Wenn ein Ausdruck
zum Schlagwort wird, dann entspricht der Kontext, in den ihn ein
Denker oder eine Bewegung stellen, nicht unbedingt dem, was je-
mand anders darunter versteht.
Etliche Autoren bekämpfen natürlich verbissen jede Form des
erkenntnistheoretischen Postmodernismus. Viele davon sind Wis-
senschaftler, die davon überzeugt sind, dass man zumindest auf
ihrem Fachgebiet objektive Wahrheit in gewisser Hinsicht erken-
nen kann. Einige davon führen einen erbitterten intellektuellen
Kampf, um die absurden Sachverhalte zu entlarven, die einem
Großteil der sogenannten »Postmoderne« innewohnen.124 Doch es
gibt auch gewisse Kreise in der jüngeren Generation, denen das
Thema »Postmoderne« leid ist. Einem anderen Teil dieser Genera-
tion wiederum ist diese Diskussion gleichgültig. Vor zehn Jahren
fand eine große Weiterbildungsfreizeit von InterVarsity Christian
Fellowship statt (Bezeichnung des US-amerikanischen Zweigs der
»International Fellowship of Evangelical Students« [IFES], einer
weltweiten Vereinigung von ungefähr 160 evangelikalen Studen-
tenbewegungen). Dort wurden die Teilnehmer von den Leitern
nachdrücklich darauf hingewiesen, dass sich ihnen aufgrund ver-
änderter gottesdienstlicher Formen neue Felder geistlichen Wohl-

124 Das vielleicht auffälligste Beispiel ist das sachkundig geschriebene und hu-
morvolle Buch von Paul R. Gross und Norman Levitt, Higher Superstition, The Aca-
demic Left and Its Quarrels with Science (Baltimore: John Hopkins University Press,
1994). Da Gross und Levitt Vertreter der säkularen Moderne sind, verfolgen sie
natürlich eigene Ziele. Dennoch bringen sie einige gute Argumente vor. Ich habe
festgestellt, dass an vielen Universitäten, in deren Umfeld sich stabile Gemeinden
befinden, das Verhältnis von christlichen Studenten und Professoren aus dem Be-
reich Naturwissenschaften, Mathematik, Computertechnik und Wirtschaftswis-
senschaften zu christlichen Studenten und Dozenten aus dem Bereich der schö-
nen Künste, Sozialwissenschaften, der Psychologie und der Literatur zwischen 6:1
und 18:1 variiert. Meiner Vermutung nach ist dies teilweise darauf zurückzufüh-
ren, dass die zuerst genannten Fachbereiche noch immer objektive Wahrheitskate-
gorien beibehalten. Teilweise liegt dies auch daran, dass viele derjenigen, die sich
in der Evangelisation an Universitäten engagieren, sich nur langsam auf Ansätze
einstellen, welche die erkenntnistheoretischen Strukturen der letztgenannten Dis-
ziplinen wirklich verstehen und darauf angemessen reagieren.

106
befindens erschließen würden. Sie glaubten, dass musikalisch teil-
weise ein härtere Rockmusik geboten werden würde, als man es
im christlichen Umfeld bisher gewohnt war. Kürzlich habe ich
eine weitere derartige Zusammenkunft besucht, auf der genau
auf das gleiche Thema – die Ausweitung der geistlichen Erfah-
rungsbereiche – Bezug genommen wurde, und zwar diesmal, um
eine Auswahl klassischer geistlicher Lieder voller altertümlicher
Formulierungen einzuführen. Ein Rezensent eines Buches von
McLaren125 schrieb dazu:

»Die Postmoderne ist ein Sachverhalt, über den wir etwas


nachdenken sollten. In Bezug auf alles bisher Gesagte muss
ich zur Kenntnis nehmen, dass wir uns als Christen an-
gesichts des Anbruchs der Postmoderne scheinbar viel mehr
aufregen, als es die Welt tut. Sehen Sie sich doch nur ein-
mal all die apokalyptische Literatur des Christentums an,
die darüber herausgebracht worden ist. Man könnte den-
ken, dass der Antichrist soeben gekrönt worden ist. Offen
gesagt, finde ich dies langweilig. Die Apokalypse ist nicht
mehr das, was sie einmal war. Ich bin dieser schwülstigen
Sprache überdrüssig. Ich habe es satt, immer wieder erzählt
zu bekommen, dass wir etwas Derartiges noch nie erlebt ha-
ben. Ich habe genug von all diesen Aufregung stiftenden Au-
toren, die einander mit ihren Beschreibungen globaler Ver-
änderungen im Sinne beispielloser Umwälzungen zu über-
bieten suchen. (›Wir leben in einer Zeit, die sich von jeder
anderen Zeit unterscheidet, die je ein Lebender kennen-
gelernt hat. Es geht nicht nur darum, dass sich Dinge ver-
ändern. Der Wandel selbst hat sich gewandelt«.‹ [21]. So ist
es.) Und bei alledem bin ich außerdem dessen überdrüssig,
mir sagen zu lassen, dass sich die Gemeinde kurz vor dem
Aussterben befinde, wenn sie sich nicht völlig neu orien-
tiert, um sich mit diesen ›globalen Erschütterungen«‹ zu be-

125 Brian D. McLaren, The Church on the Other Side (Grand Rapids: Zondervan,
2000). Dieses Buch war zuvor unter dem Titel Reinventing Your Church (Grand Ra-
pids: Zondervan, 1998) erschienen.

107
fassen. Ich glaube dies einfach nicht. Und das kommt nicht
daher, dass ich bereits ergraut bin und mit dieser schönen
neuen Welt nicht mehr zurechtkomme. Ich bin 24 Jahre alt;
ich lebe nach Art dieser schönen neuen Welt. Veränderung
ist kein Problem für mich. Ich liebe Veränderung. Ich freue
mich darauf, in eine neue Stadt zu ziehen, neue Menschen
zu treffen, neue Kulturen zu erleben und neue Dinge zu ler-
nen. Ich finde Gefallen an dem Gedanken, mich in die Welt
zu stürzen und Menschen zu dienen, die in der Wahrheit
nicht fest gegründet oder nicht einmal davon überzeugt
sind. Diesbezüglich sind sich McLaren und ich einig. Ich
mag seine gewagte Art. Doch im Gegensatz zu McLaren bin
ich ebenso davon überzeugt, dass der Dienst an Menschen
der Postmoderne nicht bedeutet, kopfüber in ihren Ozean
der Ungewissheit einzutauchen. Ich will sie nicht bemit-
leiden – nein, ich möchte ihnen etwas anderes anbieten, et-
was wie z.B. Wahrheit!«126

Natürlich ist dies weithin die Stellungnahme einer Minderheit.


Jedenfalls richtet sich der Protest des Autors teilweise gegen Lö-
sungen der Emerging-Church-Bewegung (die in den Kapiteln 5
und 6 dieses Buches thematisiert werden). Doch teilweise richtet
er sich auch gegen einen Rundumschlag sowie gegen zu stark ver-
allgemeinernde Behauptungen und Überbetonungen, die sich im
Laufe der Zeit und angesichts sachlicher Erwägungen von selbst
erledigen. Einsichtige und wohlüberlegte Warnungen sind hilf-
reich, Übertreibungen, die Trennungen bewirken, dagegen nicht.

Alle sozialen Veränderungen in eine Kategorie pressen


Zweitens gibt es einen Aspekt, der die Glaubwürdigkeit der
Emerging-Church-Bewegung bei ihrer Analyse der Postmoderne

126 Die Rezension stammt von Greg Gilbert und ist unter http://www.9marks.
org/cc/article/0,,ptid314526|chid598026|ciid1562286,00.html veröffentlicht wor-
den. Die Worte, die Gilbert aus McLarens Buch anführt (dort auf S. 21), gehen auf
eine Aussage von William Easum zurück, der von McLaren zitiert wird.

108
letztendlich herabsetzt: Sie neigt dazu, jede gesellschaftliche Ver-
änderung unter der Überschrift »Postmoderne« einzuordnen und
Sachverhalte auf irgendeine Weise in Kausalbeziehungen mit-
einander zu verbinden. Kaum hat einer der führenden Vertreter
der Emerging Church die jüngste soziologische Analyse über ei-
nen Gesichtspunkt der westlichen Gesellschaft gelesen, streicht
er diese Angelegenheit in allgemein verständlicher und manch-
mal apokalyptischer Sprache heraus, um sie mit der Postmoder-
ne zu verbinden. Je öfter dies geschieht, desto mehr bedeutet Post-
moderne nichts weiter als kultureller Wandel. Alle Kulturen ver-
ändern sich – dies ist hinreichend bekannt. Mitunter gehen die
Veränderungen sehr langsam vonstatten, manchmal wie im Fal-
le bestimmter Kriege oder größerer Katastrophen erfolgen sie er-
staunlich rasch. Heute laufen die »normalen« Veränderungen
schnell ab, was in erheblichem Maße auf die Geschwindigkeit un-
serer modernen Nachrichtenübermittlung zurückzuführen ist.
Aber wenn jeder Wandel als entscheidender Bestandteil der Post-
moderne ausgegeben wird, dann beschränkt sich die Bedeutung
der Postmoderne lediglich auf Veränderung bzw. auf Geschwin-
digkeit von Veränderungen.
Es ist meiner Meinung nach besser, zwischen Postmoderne
und dem zu unterscheiden, was man als ergänzende Entsprechungen
der Postmoderne bezeichnen könnte. Mit anderen Worten: Es ist
zweckmäßiger, die Postmoderne genau zu definieren. Wenn sich
dann Veränderungen dieser Definition nicht zuordnen lassen, sind
sie demzufolge keine Bestandteile der Postmoderne. Damit kann
man dann eben keine entsprechenden Beweise für die Postmoder-
ne anführen oder irgendwelche besonderen Postmoderne-Thesen
rechtfertigen. Die einzige Alternative besteht, wie bereits gesagt,
in einem solch diffusen Ansatz, dass »postmoderne Kultur« dem-
zufolge nichts anderes als »sich wandelnde Kultur« bedeutet.
Das soll nicht heißen, dass die stattfindenden kulturellen Ver-
änderungen, die nach unseren Beobachtungen nicht zu einer ein-
deutig definierten Postmoderne gehören, überhaupt keine Bezie-
hung zu ihr haben. Zahlreiche dieser kulturellen Entwicklungen
kann man sich sinnvollerweise als ergänzende Entsprechungen der

109
Postmoderne vorstellen – d.h. als Entwicklungen, die durch die
Postmoderne vorangetrieben wurden oder ihrerseits der Postmo-
derne Impulse verleihen. So haben z.B. viele bemerkt, dass es im-
mer mehr biblisch Unkundige in der westlichen Gesellschaft gibt.
Man kann gewiss nicht behaupten, dass die Postmoderne einen
plausiblen Grund für eine solche fehlende Bibelkenntnis bietet.
Betrachten wir jedoch folgendes Szenario: Zunehmend ist man der
Ansicht, dass die Texte alle im Wesentlichen unter einem Einzel-
aspekt zusammengefasst betrachtet werden müssten. Man denkt
inzwischen, dass alle Glaubensrichtungen die gleiche erkenntnis-
theoretische Grundlage hätten, oder glaubt, dass alle religiösen
Ansprüche im Grunde nicht maßgebend seien – außer für diejeni-
gen, die bewusst in einer besonderen Tradition leben. Angesichts
dessen liegt es nicht mehr so nahe, die Bibel in Ehren zu halten,
geschweige denn, sie zu lesen, sofern man viele andere religiöse
Texte nicht ebenso als Lektüre heranzieht und ihnen allen dieselbe
Autorität zuweist. Umgekehrt hat die fehlende Bibelkenntnis die
Postmoderne nicht hervorgebracht. Dennoch ist es für die breite
Masse der Bevölkerung eindeutig einfacher, die postmoderne Er-
kenntnistheorie zu übernehmen, nachdem eine tief gehende Bibel-
kenntnis kein kulturbestimmendes Merkmal mehr ist.
Andere ergänzende Entsprechungen gibt es in Hülle und Fül-
le. Viele haben z.B. auf eine emotionale Heimatlosigkeit oder Ver-
einsamung hingewiesen127, oft in Verbindung mit der großstäd-
tischen Lebensweise und modernen Technologien. Einige wenige
Autoren sind der Meinung, dass diese Entwicklungen die Post-
moderne definieren würden. Doch wiederum finde ich darin kei-
nen Anhaltspunkt hinsichtlich dessen, was Postmoderne wirklich
bedeutet. Vermutlich ist es besser, die Schlussfolgerung zu ziehen,

127 Z.B. Brian J. Walsh, »Homemaking in Exile: Homelessness, Postmoderni-


ty and Theological Reflection«, in Renewing the Mind in Learning, hrsg. von Doug
Blomberg und Ian Lambert (Sydney: Centre for the Study of Australian Christia-
nity, 1998); Steven Bouma-Prediger, »Yearning for Home: The Christian Doctrine of
Creation in a Postmodern Age«, in Postmodern Philosophy and Christian Faith, hrsg.
von Merold Westphal (Bloomington: University of Indiana Press, 1999); Richard
Stivers, Shades of Loneliness: Pathologies of a Technological Society (Lanham: Rowman
& Littlefield, 2004).

110
dass die postmoderne Erkenntnistheorie ohne Weiteres diese Ten-
denz der zwischenmenschlichen Entfremdung verstärkt, da so viel
aus der Sicht einer besonderen Auslegungsgemeinschaft definiert
wird – wobei umgekehrt dieses Gefühl der Entwurzelung die emo-
tionale Grundlage der Postmoderne in gewisser Hinsicht verstärkt.
Somit gilt, was von uns gesagt wird: »In der postmodernen
Welt zeichnen wir uns immer mehr durch Post-Kolonialismus,
post-mechanistische und post-analytische Züge, Post-Säkularis-
mus und Post-Objektivismus aus. Wir sind zunehmend post-kri-
tisch, post-strukturell, post-individualistisch, post-protestantisch
und post-verbraucherorientiert.«128 Angesichts dessen fallen mir
mehrere Ängste ein. Trotz dieser durchaus anerkennenswerten Be-
mühungen um durchdachte Definitionen umfassen einige dieser
Kategorien wenig mehr als Schlagworte, deren Relevanz wir in-
frage stellen müssen.129 Eines oder zwei davon stehen im direkten
Widerspruch zu demjenigen Postmoderne-Verständnis, das an-
dere übernommen haben (siehe z.B. die Anmerkungen von Andy
Crouch in Kapitel 1).130 Ein oder zwei Kategorien, wie etwa »post-
protestantisch«, werfen ferner theologische Fragen von enormer
Tragweite auf, denen wir uns stellen müssen (vgl. Kapitel 5). Aber
fürs Erste sollten wir Folgendes beachten: Wenn Postmoderne le-
diglich »eine Zeit zahlreicher rascher, kultureller Veränderungen«
beinhaltet, dann trägt die Verwendung einer verwirrenden Viel-
falt von Etiketten wenig zum sorgfältigen Nachdenken über das

128 Brian D. McLaren, A New Kind of Christian: A Tale of Two Friends on a Spiritual
Journey (San Francisco: Jossey-Bass, 2001), S. 19.
129 Ebd., S. 16-19. Ist die postmoderne Welt z.B. postverbraucherorientiert? Die
US-Amerikaner häufen weiterhin Kreditkartenschulden auf, und jüngere Ameri-
kaner – diejenigen, die von ihrer Erkenntnistheorie her am ehesten postmodern
eingestellt sind – haben sich bekanntermaßen als weniger freigebig als ihre Eltern
und Großeltern in deren jungen Jahren erwiesen. Trägt die postmoderne Welt post-
mechanistische Züge? Wenn man zum Maschinenzeitalter Computer und die ge-
samte digitale Welt hinzurechnet, sollte man sich nur einmal Menschen der Post-
moderne beim Telefonieren mit ihren Handys anschauen. Ist die postmoderne
Welt postanalytisch geprägt? Alle führenden Vertreter der Emerging Church sind
damit beschäftigt, die Moderne und Postmoderne zu analysieren. Sämtliche Kate-
gorien von McLaren müssen erheblich eingeschränkt oder, in einigen Fällen, revi-
diert werden.
130 S. 33-35.

111
Wesen der postmodernen Kultur bei, wobei sie sich als emotions-
geladene und nicht als exakte Methode erweist.
Kurz gesagt: Ein Großteil der Analyse, welche die Emerging
Church bezüglich der Postmoderne vornimmt, würde uns mehr
überzeugen, wenn sie nicht solch ein Sammelsurium sozialer Ver-
änderungen wäre. Es lohnt sich, über alle diese Veränderungen
nachzudenken, doch bei einer entsprechenden Analyse sollte man
unbedingt genauer vorgehen, als dies gewöhnlich der Fall ist. Man
muss der Emerging-Church-Bewegung zugutehalten, dass sie hin-
sichtlich dieses Schwachpunkts nicht allein dasteht.

Ein Thema von gestern?


Drittens: Auch wenn viele Bücher zum Thema der Postmoderne
– darunter viele von Christen geschriebene – auf den Markt ge-
bracht worden sind, gilt: Die meisten wurden in den USA ver-
öffentlicht. Sogar dort wird das Thema in Akademikerkreisen zu-
nehmend als überholt angesehen. In Europa, wohin viele Analys-
ten als Ursprung der Bewegung schauen, finden sich kaum noch
seriöse Denker, die den Begriff häufig gebrauchen. Im Jahre 2000
wurde eine spezielle Konferenz von etwa zwanzig führenden In-
tellektuellen der Welt an der Sorbonne einberufen, auf der sie
Überlegungen zur gegenwärtigen kulturellen Situation anstellen
sollten. In dem Werk, in dem sich die Ergebnisse dieses Treffens
niederschlugen, wurde in keiner einzigen Abhandlung das Wort
»postmodern« gebraucht.131
In mancher Hinsicht geht dies zu weit. Die Situation in Euro-

131 Das Werk trägt den Titel Christianisme: héritage et destins, Hrsg. Cyrille Mi-
chon (Paris: Librairie Générale française, 2001). Zu den Koryphäen auf der Kon-
ferenz gehörten u.a. Marie Balmary, René Girard, Julia Kristeva, Kardinal Ratzin-
ger (der heutige Papst Benedikt XVI.), George Steiner und Charles Taylor. Interes-
santerweise stand die Konferenz unter dem großspurigen Motto »2000 ans après
quoi?« [frei übersetzt etwa »2000 Jahre danach. Eine Bestandsaufnahme«]. Henri
Blocher schlussfolgert: »Ich werde, offen gestanden, allein schon angesichts des
Wortes ›postmodern‹ immer ungehaltener: Als Etikett passt es ausgezeichnet, es
steigert das Selbstwertgefühl, wobei es hinsichtlich des Buchabsatzes [zumindest
in den USA!] vorteilhaft ist, ›postmodern‹ im Titel zu führen! Tatsächlich handelt
es sich um die Spätmoderne. Meiner Ansicht nach greifen all die seriösen Autoren
nicht auf den Begriff ›postmodern‹ zurück – zumindest die übergroße Mehrheit von
ihnen.« Siehe das Interview mit ihm in Themelios 29/3 (2004), S. 37-42 (bes. S. 42).

112
pa entspricht nicht genau der Lage in Amerika. Dennoch hat man
– zumindest ein wenig – Bedenken, dass wieder einmal eine Be-
wegung, die vor einem halben Jahrhundert den Scheitelpunkt
ihres intellektuellen Strebens erreichte, in Europa vor ca. 40 Jahren
populär war und an US-amerikanischen Universitäten vor etwa 25
Jahren weite Verbreitung fand, heute von viel gelesenen evangeli-
kalen Autoren hofiert wird, die als eindringliche Mahner auftre-
ten wollen. Ich habe nichts dagegen, die Worte »postmodern« und
»Postmoderne« zu gebrauchen, zumindest solange ich Vorträge in
Nordamerika halte. Aber es geht nicht nur darum, dass die da-
mit verbundenen Begriffe und Vorstellungen angesichts fehlender
sorgfältiger Definition sperrig geworden sind. Vielmehr hat man
daraus auch Kapital geschlagen, um eine ganze Bewegung zu
rechtfertigen, die zu genau jener Zeit mit apokalyptischen Unter-
tönen versehen worden ist, da angesehene Denker die Beständig-
keit der Bewegung zunehmend infrage stellen.
Meiner Ansicht nach prägen uns nach wie vor diejenigen Än-
derungen hinsichtlich der praktischen Erkenntnistheorie, die in
den letzten Jahrzehnten in den USA allgemein verständlich dar-
gestellt worden sind – ungeachtet dessen, ob der Begriff »Postmo-
derne« in akademischen Kreisen weiterhin akzeptiert wird oder
nicht. Daher ist es noch immer lohnenswert, ernsthafte Gedanken
und Energie auf den Versuch zu verwenden, das Geschehene zu
verstehen. Außerdem sollte man versuchen zu lernen, wie man
das Evangelium neuen Generationen weitergeben kann. Aber in
einigen Kreisen stellt eine erkenntnistheoretische Gleichgültigkeit
in Verbindung mit einer neu aufgekommenen Erfolgsgier und ei-
ner Entschlossenheit, die Institutionshierarchie zu erklimmen,
wahrscheinlich eine Bedrohung dar, die zumindest ebenso groß
ist wie diejenige der postmodernen Erkenntnistheorie.132 In ande-
ren Kreisen wiederum tauchen verschiedene moderne Formen des

132 Siehe insbesondere die scharfsinnige Abhandlung von David Brooks, »The
Organization Kid«, Atlantic Monthly 287/4 (April 2001), S. 40-54. Sie geht auf Tie-
feninterviews zurück, die Brooks mit vielen Erstsemesterstudenten an der Prince-
ton University führte. Diese neue Generation, so behauptet er, ist eher bereit, Auto-
rität zu akzeptieren.

113
Pantheismus und Synkretismus auf. Die postmoderne Erkenntnis-
theorie kann natürlich mit diesen Entwicklungen (als Ausdruck
ergänzender Entsprechungen?) in Verbindung gebracht werden.
Doch so, wie die Prioritäten von Megagemeinden jetzt in einigen
Zusammenhängen den eigenartigen Eindruck des Überholten er-
wecken, kann man leicht voraussagen, dass die Schwerpunkte der
modernen Emerging-Church-Bewegung in 20 Jahren auf eigen-
artige Weise veraltet sein werden, wenn sie sich nicht ändern.

Authentisches Christsein hervorheben


Viertens: Einige Autoren der Emerging Church sprechen von der
Postmoderne in einer Weise, als sei das Zeitalter des authentischen
Christentums gekommen. Was vorher kam, sei dahin gehend an-
stößig gewesen, dass es vom Absoluten her bestimmt gewesen sei.
Und wenn es etwas Wertvolles in der alten Zeit gegeben habe, sei
es von der Postmoderne vereinnahmt worden (erinnern wir uns an
McLarens Versuch, die Postmoderne als Entfaltung der Moderne
darzustellen, wie wir ihn in Kapitel 1 beschrieben haben). Obwohl
McLaren einräumen kann: »Die Postmoderne ist der letzte Sach-
verhalt in einer langen Reihe von Absurditäten«133, bleibt weithin
unklar, warum er so darauf drängt, dass sich ein Großteil unserer
Einstellung an diese Absurdität anpasst. Was man jedenfalls in der
Literatur der Emerging Church weitgehend vermisst, ist eine un-
voreingenommene Bewertung. Als Beispiel mag Michael Horton
dienen: »Dass sich seit dem Sturm auf die Bastille und der Einfüh-
rung des Fernsehens vieles mit allen Vor- und Nachteilen geändert
hat, daran habe ich keinen Zweifel. Doch mich erfasst keine Be-
geisterung angesichts der Vorstellung, dass wir in ein völlig neues
Zeitalter eintreten – der utopische Gedanke an beispiellose Mög-
lichkeiten kann mich nicht inspirieren … weil ich diesem ganzen
Rummel einfach nicht glaube. Meiner Ansicht nach hat jede Zeit
ihre Vorteile und Nachteile. Wer dagegen Zeiträume stereotyp be-
stimmten Kategorien zuordnet, läuft Gefahr, sie zu dämonisieren

133 The Church on the Other Side, S. 165.

114
oder gleichermaßen leidenschaftlich hochzustilisieren.«134 Doch
dies bringt uns zum Thema des nächsten Kapitels.

Soziale Anziehungskraft besonderer »-ismen«


Offensichtlich gibt es bedeutsame Schwankungen unter den füh-
renden Vertretern und Autoren der Emerging-Church-Bewegung,
was Niveau und Ansatz betrifft. Einerseits sorgen sich Leute wie
Dan Kimball, wenn sie sagen, dass wir angesichts der derzeitigen
fehlenden Bibelkenntnis biblische Begriffe wie »Harmagedon«
und »Evangelium« »auseinandernehmen« und »neu definieren«
müssten.135 Wenn er lediglich meint, dass wir Begriffe in der Bibel
erläutern müssen, die von den bibelunkundigen Mitmenschen un-
serer Zeit wahrscheinlich missverstanden werden, dann hat er na-
türlich recht. Allen, die Menschen mit fehlenden Bibelkenntnissen
evangelisieren, ist dies bekannt – ungeachtet dessen, ob sie sich
als Vertreter der Moderne, der Postmoderne oder einer sonstigen
Zeitströmung sehen. Ich will im Zweifelsfall gern zu Kimballs
Gunsten entscheiden, indem ich hoffe, dass er genau dies meint.
Doch er sollte achtgeben, wenn er Worte wie »neu definieren« und
»auseinandernehmen« gebraucht. Wer einen Begriff »neu defi-
niert«, bestimmt nicht durch sorgfältiges Studium seine gewöhn-
liche Bedeutung in bestimmten Zusammenhängen, sondern legt
ihm einen neuen Sinn bei, um dem entsprechenden Abschnitt
eine neuartige Bedeutung zu geben – eine in einigen literarischen
Übungen der Postmoderne völlig legitime Vorgehensweise, die
sich an die allgemein bekannte Praxis von Humpty Dumpty an-
lehnt (Anmerkung des Übersetzers: Gestalt aus dem Kinderbuch
Alice im Wunderland von Lewis Carroll; vgl. den diesbezüglichen
Text der Anmerkung).136 Wahrscheinlich benutzt Kimball »ausein-

134 Michael Horton, »Better Homes and Gardens«, in The Church in Emerging Cul-
ture: Five Perspectives, Hrsg. Leonard Sweet (El Cajon: emergentYS/Grand Rapids:
Zondervan, 2003), S. 107.
135 Vgl. Kap. 1, S. 49.
136 »›Wenn ich ein Wort gebrauche‹, sagte Humpty Dumpty in einem ziemlich
verletzenden Ton, ›bedeutet es genau das, was ich damit sage – nicht mehr und
nicht weniger.‹« »›Die Frage ist‹, sagte Alice, ›ob du Worten so viele Bedeutungen

115
andernehmen« im Sinne von »zerlegen« oder etwas Derartigem,
doch niemand im Bereich der postmodernen Wissenschaft ge-
braucht es auf diese Weise. Das Wort hat mit einem literarischen
Ansatz im Rahmen der Hermeneutik des Verdachts zu tun. Diese
Methode merzt Spannungen und Widersprüche in einem Text un-
erbittlich aus (diejenigen, die sich der Dekonstruktion bedienen,
betonen, dass sie in allen Texten vorkommen). Dabei will sie die-
se in Gegensatz zueinander stellen und somit den Text dekonstruie-
ren. Dies soll zu neuen Einsichten führen, die möglicherweise dem
widersprechen, was ein Text vorgeblich sagt.
Es hat den Anschein, als sei Kimball jegliche ernsthafte Post-
moderne-Diskussion völlig fremd, obwohl er sich eifrig bemüht,
ihr Wesen zu erklären, und darlegt, was wir angesichts dessen tun
sollten. Nach David Mills’ Ansicht ist eine derartige Kritik unfair,
da gemäß seiner Argumentation die meisten Christen »Dekon-
struktion« nicht genau definieren könnten.137 Das mag schon stim-
men, aber die meisten Christen versuchen nicht, die Postmoder-
ne zu definieren oder uns zu sagen, dass wir uns ihretwegen än-
dern sollten. Zumindest sollte sich Kimball in seiner Rhetorik et-
was mäßigen.
Ein gewisser Teil der Diskussion innerhalb der Emerging-
Church-Bewegung erfolgt auf einer differenzierteren Ebene. Da-
durch gelingt es einigen wenigen unter den strategischen Denkern
unserer Zeit, ihre Gedanken in den öffentlich geführten, intellek-
tuellen Meinungsaustausch einzubringen. Aber abgesehen von
gelegentlichen Zugeständnissen geht die Rhetorik bei diesen Dis-
kussionen nahezu immer zu weit: Die Gemeinde müsse sich an
die postmoderne Welt anpassen, weil sie sonst untergehen wer-
de. Wenn wir nicht auf den in Richtung Emerging-Church-Bewe-
gung fahrenden Zug aufspringen, sind wir als Vertreter der Mo-
derne vermutlich »von gestern« und obendrein Verfechter des Ab-

geben kannst‹« (Lewis Carroll, Alice im Wunderland, online abrufbar unter http://
www.hypies.com).
137 David M. Mills, »The Emergent Church – Another Perspective: A Critical Re-
sponse to D.A. Carson’s Staley Lectures«, abrufbar unter http://kevincole.blogspot.
com/2004_04_01_kevincole_archive.html.

116
soluten. Dabei wird die Argumentation in einer vom Absoluten
gekennzeichneten Sprache vorgetragen.
Darin besteht vielleicht die bittere Ironie, die sich inmitten die-
ser Bewegung bzw. im Zentrum dieser »Gesprächsebene« befin-
det. In ihrem Tonfall und ihrem Ansatz neigt sie dazu, die Welt
zutiefst in Schwarz-Weiß-Kategorien zu sehen. Von allen christ-
lichen Autoren, welche die Postmoderne erkunden, sind keine so
sehr von der Moderne – d.h. vom Absoluten – her geprägt wie die
führenden Vertreter der Emerging-Church-Bewegung bei ihrer
Verteidigung der postmodernen Ansätze.
Der Grund dafür lässt sich leicht verstehen. Die meisten theo-
logischen Abweichungen beziehen sich auf gewisse Kreise des
Christentums im Allgemeinen oder des Evangelikalismus im Be-
sonderen. So ist es z.B. Theologen, die für eine offene Theologie
eintreten, aus offenkundigen Gründen so gut wie nicht gelun-
gen, in der Gemeinschaft reformierter Kirchen Fuß zu fassen; sie
fanden fast ausschließlich unter Arminianern Anklang (Anmer-
kung des Übersetzers: Reformierte in der Tradition Calvins be-
tonen besonders stark die göttliche Souveränität bei der Erwäh-
lung des Menschen, während Arminianer stärker die menschliche
Entscheidungsfreiheit hervorheben. Die letztere Richtung ist nach
dem niederländischen Theologen Jacobus Arminius benannt.).
Obwohl sich die »Neue Perspektive auf Paulus« an einen umfas-
senderen Kreis christlicher Leser richtet, überrascht es nicht, dass
seine begeistertsten Verteidiger in der reformierten Tradition ste-
hen. Sie haben ein ziemlich festgefahrenes Verständnis hinsicht-
lich der theologischen Denkstruktur übernommen (mit der Bevor-
zugung der systematischen Theologie gegenüber der biblischen
Theologie) und ernsthaft über die Beziehungen zwischen Gerech-
tigkeit und eigener Identität sowie zwischen Rechtfertigung und
Heiligung nachgedacht. Die Disciples of Christ (im Deutschen un-
ter dem Namen »Kirche der Jünger Christi« bekannt; aus einer Er-
weckungsbewegung reformierter Tradition hervorgegangene Frei-
kirche, die sich ausgehend von den USA in vielen Ländern verbrei-
tet hat) wiederum bestehen darauf, dass die Taufe genauso heils-
notwendig wie der Glaube ist. Ihre Außenwirkung entfaltet sich

117
wahrscheinlich stärker unter denjenigen, die keine ausgeprägte
Tauftheologie haben oder denen sie ganz fehlt, als unter denen, die
sich in ihrer Tradition auskennen. Diejenigen, die Gottes Gesetz
als verbindliche Norm zwischenmenschlichen Zusammenlebens
einfordern (Anmerkung des Übersetzers: »Theonomisten«. Ange-
hörige dieser Gruppe, auch »Dominionisten« bzw. »Rekonstruk-
tionisten« genannt, fordern die Unterwerfung unter das göttliche
Gesetz. Das Wort leitet sich aus »Theos« [so viel wie »Gott«] und
»nomos« [so viel wie »Gesetz«] ab.), können sich in reformierten
Kirchen etablieren, während ihr Einfluss auf die Arminianer prak-
tisch null ist. Derartige Tendenzen darf man natürlich nicht im ab-
soluten Sinne sehen. Dennoch sind sie so weit verbreitet, dass man
sie kaum übersehen kann.
Und die Emerging-Church-Bewegung? Eine auffallende Ge-
meinsamkeit unter ihren führenden Persönlichkeiten ist die große
Zahl derer, die aus einem stark konservativen bzw. sogar funda-
mentalistischen Umfeld kommen.138 Wenn sie die Arten ihrer Her-
kunftsgemeinden beschreiben, wird deutlich, dass ein sehr hoher
Prozentsatz von ihnen aus einer Tradition hervorgegangen ist, die
sich im Grunde von der Gesellschaft abgesondert hat. Diese Ge-
meinden legen oft großen Wert darauf, lehrmäßig klar dazuste-
hen, was oft in fundamentalistischer Art dargestellt, fein säuber-
lich aufbereitet und in Bekenntnisaussagen formuliert wird. Im
Laufe der Zeit haben sich diese Gemeinden immer weiter von den
sehr unterschiedlichen Richtungen innerhalb der allgemeinen Ge-
sellschaft unserer Zeit fortbewegt. Sensible und besorgte Einzel-
personen innerhalb solcher Traditionen ziehen einen endgültigen
Schlussstrich, nicht zuletzt um des Evangeliums willen. Es wird
zum Zeichen der Freiheit, dass sie ein Glas Wein trinken und sich
einige Filme ansehen können, die unsere früheren Freunde in der

138 Dies soll nicht heißen, dass alle führenden Persönlichkeiten der Emerging
Church aus diesem Umfeld stammen. Das wäre nämlich offensichtlich genauso
falsch, als wollte man sagen, dass all diejenigen, die Gottes Gesetz als maßgebliche
Norm einfordern, von einem reformierten Hintergrund kommen. Dennoch ist die
allgemeine Zuordnung sowohl nachweisbar als auch beachtenswert.

118
Gemeinde nicht gutheißen würden. Verständlicherweise kann das
Pendel auch künftig weit ausschlagen.
Dieses Umfeld soll keineswegs maßgebend dafür sein, ob die
Emerging-Church-Bewegung recht oder unrecht hat, bibeltreu
oder anderweitig orientiert ist. Vielmehr lässt es erkennen, dass
sich ihr Eifer und ihre zu starken Verallgemeinerungen zu einem
erheblichen Teil auf die falsche Annahme zurückführen lassen, der
zufolge der größte Teil der traditionellen evangelikalen Bewegung
genau ihren konservativen Ursprungsgemeinden entspricht. Dies
verrät, wie eng begrenzt das bisherige Umfeld vieler ist. Anhand
dessen kann man u.a. erklären, warum ihre Rhetorik und ihre Be-
rufung auf die postmoderne Empfindsamkeit derart stark vom
Absoluten bestimmt ist: Dies entspricht der Sprache und Rhetorik,
mit der sie aufgewachsen sind.139
Diese kritischen Aussagen wollen keinesfalls die positiven Be-
wertungen der Emerging-Church-Bewegung relativieren, die
ich in Kapitel 2 vorgebracht habe. Wenn wir das Wesen und den
Schwerpunkt der Bewegung betrachten wollen, dürfen wir jedoch
nicht nur einschätzen, inwieweit sie die gegenwärtige Kultur ver-
steht, sondern müssen auch beurteilen, wie weise und bibeltreu
ihre Vorschläge für den zukunftsweisenden Weg sind. Und damit
kommen wir zu den nächsten drei Kapiteln.

139 Zwei oder drei haben – mitunter scharfe – Einwände vorgebracht. Ihrer
Ansicht nach bilde ich mir aufgrund dieser Ausführungen scheinbar ein, dass
ich selbst völlig neutral bin und mich gleichsam außerhalb der Auseinanderset-
zung befinde. Wer das aber behauptet, hat die Beweisführung völlig missverstan-
den. Ich würde am ehesten betonen wollen, dass keiner von uns – ich eingeschlos-
sen – je den Begrenzungen aufgrund unserer Endlichkeit und kulturellen Veror-
tung entkommen kann: siehe das nächste Kapitel. Doch sind wir damit alle zu den
schlimmsten Formen des Relativismus verurteilt? Wenn dem so ist, dann ist nicht
daran zu denken, das Evangelium erhalten zu können; wenn nicht, dann können
wir Lektionen dadurch lernen, dass wir die Geschichte umfassender verstehen,
enge Kontakte zu Christen in anderen Sprachräumen sowie Kulturen knüpfen und
die Grenzen unserer Leitkultur erweitern, innerhalb derer wir uns problemlos be-
wegen können. Wir werden dann viel eher selbstkritisch werden.

119
Persönliche Reflektionen
über Beiträge und Herausforderungen
der Postmoderne

Bevor ich darangehe, den Ansatz der Emerging Church gegenüber


der Postmoderne zu kritisieren, ist es vielleicht hilfreich, meine ei-
gene Einstellung zu diesen Fragen zu beschreiben. Zum größten
Teil geschieht dies, weil ich der Auffassung beipflichte, dass man
die Postmoderne ernst nehmen muss – ganz gleich, wie schwie-
rig sie sich definieren lässt und wie umstritten die Prognosen hin-
sichtlich ihrer künftigen Entwicklung sind. Ich will hier eindeutig
feststellen: Meine Auseinandersetzung mit der Emerging Church
rührt nicht daher, dass sie die Zeit zu verstehen sucht, oder weil
ihrer Meinung nach die Postmoderne – richtig definiert – ernst-
hafte Herausforderungen mit sich bringt, die angesprochen wer-
den müssen. Vielmehr hat sie damit zu tun, dass ihre Reaktion
nicht so tiefgründig ist und nicht jene Bibeltreue aufweist, die er-
forderlich wäre. Damit ich fair bleibe, sollte ich nicht nur darlegen,
wo die Emerging Church meiner Ansicht nach falsch liegt, son-
dern auch meinen eigenen Ansatz zu diesen Fragen in groben Zü-
gen umreißen. Auf diese Weise kann ich vermeiden, der sprich-
wörtliche »Kritiker im Lehnstuhl« zu werden.140
Daher beabsichtige ich, in diesem Kapitel überblicksartig das
Erscheinungsbild der Postmoderne – so, wie sie sich in Nord-
amerika darbietet – und einen Teil meiner eigenen Reaktion dar-
zustellen. Dann werde ich im nächsten Kapitel verdeutlichen, wo
sowohl die Analyse als auch die Reaktion der Emerging-Church-
Bewegung meiner Einschätzung nach bedauerlich schwach und
manchmal irrig sind.

140 Dieses Kapitel umfasst eine vereinfachte und aktualisierte Wiedergabe meh-
rerer Kapitel meines Buches The Gagging of God: Christianity Confronts Pluralism
(Grand Rapids: Zondervan, 1996).

120
Historische Überlegungen
Viele empfinden es als hilfreich, zwischen vormoderner, moder-
ner und postmoderner Erkenntnistheorie zu unterscheiden.

Vormoderne Erkenntnistheorie
Vormoderne Erkenntnistheorie ist bekanntlich ein allgemeiner Be-
griff, mit dem alles, was der jüdisch-christlichen Epistemologie
(Erkenntnistheorie) vor der Aufklärung gemeinsam war, lose zu-
sammengefasst wird. Die bedeutsame Tatsache besteht in der von
den meisten Menschen damals akzeptierten Annahme, dass Gott
existiert und alles weiß. Dies bedeutet, dass alles menschliche Er-
kennen zwangsläufig eine unendlich kleine Teilmenge der Er-
kenntnis Gottes umfasst. Anders ausgedrückt: Unsere Erkenntnis
ist auf Offenbarung angewiesen – d.h. darauf, dass Gott einen Teil
seiner Erkenntnis enthüllt –, ungeachtet dessen, wie diese Offen-
barung erfolgt. An dieser Stelle stimmten ein großer mittelalter-
licher Theologe wie Thomas von Aquin und ein großer Reforma-
tor wie Johannes Calvin überein. Dies bedeutet, dass für die Men-
schen der Vormoderne die Erkenntnistheorie nicht mit dem Ich,
mit mir, sondern mit Gott begann.
Wer sagt, dass die Vertreter der Vormoderne Gott als Aus-
gangspunkt sahen, meint damit nicht, dass Gott ihrer Ansicht
nach Dinge vor uns wissen müsse. Vielmehr ist damit Folgendes
gemeint: Menschen der Vormoderne wurden sich bewusst, dass
sie beim Nachsinnen darüber, wie sie Dinge kennenlernten, über
eine winzig kleine Teilmenge dessen sprachen, was Gott zuvor
bereits wusste (da die meisten von ihnen annahmen, dass es ei-
nen allwissenden Gott gibt). Sie konnten sich nicht vorstellen, wie
sie etwas kennenlernen sollten, ohne zunächst zu erkennen, dass
Gott es zuvor schon wusste. Dabei ging es bei der betreffenden Er-
kenntnis natürlich um ursprüngliches Wissen (d.h., es entsprach
dem, was tatsächlich der Fall ist). Somit konnte ihr Erkenntnispro-
zess nicht von Gottes Allwissenheit gelöst werden. Ja, man konn-
te ihn nicht von Gottes Allwissenheit und daher auch nicht von
der Tatsache trennen, dass Gott im Voraus ihr Leben plante. Man

121
konnte ihn nicht von der Offenbarung Gottes und somit von sei-
ner gnadenreichen Bereitschaft lösen, die Wahrheit bekannt zu
machen. Ferner konnte man ihn nicht von Gottes Wahrhaftigkeit
und damit von der Zuverlässigkeit dessen lösen, was Gott offen-
baren wollte – was auch immer es war. Die menschliche Erkennt-
nistheorie drehte sich um den »gegebenen Sachverhalt« der Exis-
tenz, der Eigenschaften und des Wesens Gottes.
Man darf nicht annehmen, Gott habe in der vormodernen Er-
kenntnistheorie die entsprechende Grundannahme, den »gege-
benen Sachverhalt«, so stark beherrscht, dass keiner je daran dach-
te, »Beweise« für die Existenz Gottes zu erbringen. Genau dies ta-
ten nämlich viele christliche Theologen und Philosophen. Das so-
genannte »ontologische Argument« für die Existenz Gottes gibt
es in vielen Formen, wobei einige davon in die ersten Jahrhun-
derte der christlichen Kirche zurückgehen. Immerhin gab es in je-
ner Zeit auch Atheisten, selbst wenn sie zahlenmäßig nicht über-
mäßig stark waren.141 Jedenfalls hatten christliche Theologen stets
ein Interesse daran, ein Konzept zu erarbeiten, wie man die gege-
benen Sachverhalte biblischer Offenbarung begrifflich in einheit-
liche Systeme bringen konnte.
Anfangs könnte man denken, dass dies ein außerordentlich ge-
nauer Ansatz ist, wenn es darum geht, über die Erkenntnistheorie
nachzudenken. Was hätten Christen an einer Haltung kritisieren
wollen, die den Ausgangspunkt in Gott sieht? In der Praxis gab es
jedoch eine Vielzahl von Stellen in der vormodernen Erkenntnis-
theorie, an denen sie sich als unzureichend erweisen konnte. Al-
lein die Tatsache, dass die meisten Menschen im kulturellen Um-
feld an Gott glauben, bedeutet nicht, dass dies für jeden zutrifft
(siehe den Atheisten Servet, der im calvinisch geprägten Genf ver-
brannt wurde; Anmerkung des Übersetzers: Michael Servet wur-
de als Gegner der Trinität 1553 hingerichtet.). Für unsere Fragen

141 Man denkt z.B. an Lukrez (Titus Lucretius Carus mit vollem Namen [geb.
vermutlich 98/96 v.Chr.; gestorben wahrscheinlich 55 v.Chr.]: römischer Dichter
und Philosoph. Da Lukrez im ersten vorchristlichen Jahrhundert lebte, kann man
davon ausgehen, dass hier sein Atheismus gemeint ist, der sich gegen den jüdischen
Monotheismus und dessen Ausschließlichkeitsanspruch richtete.). Tatsächlich war
es bei recht vielen Epikuräern nur ein kleiner Schritt bis zum Atheismus.

122
noch wichtiger ist diesbezüglich, dass die vormoderne Erkennt-
nistheorie gewöhnlich mit einem weithin »offenen« Universum in
Verbindung gebracht wurde:142 Die Beziehung zwischen dem of-
fenen Universum und dem Wirken Gottes ist in einer Weise »Ein-
griffen ausgesetzt«, dass eine solide, tatsachengestützte, schlüs-
sige und voraussagbare Wissenschaft der physischen Welt weitge-
hend Stückwerk bleiben muss.
Dies wird deutlicher, wenn wir die überzeugendste Alternati-
ve bedenken. Sie besteht in einem »geschlossenen« Universum, in
dem alles nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung in einem
vorgegebenen Rahmen – eben dem Universum – abläuft, ohne
dass irgendein Gott von außen eingreift. In einem geschlossenen
Universum sind die einzig annehmbaren Erklärungen diejenigen,
die mit Materie, Energie, Raum und Zeit zu tun haben. Gott ver-
körpert eine entbehrliche Hypothese oder bestenfalls eine Art Ge-
stalt, welche die geordneten Abläufe in einem geschlossenen Uni-
versum aufrechterhält bzw. in irgendeiner Weise deren Triebfeder
ist. Er greift aber nicht direkt oder fortwährend in die Welt ein.
Anders dagegen ein offenes Universum: Hier mag es unabläs-
sig und aus freien Stücken erfolgende Eingriffe geben – und zwar
im Sinne von Ursache-und-Wirkungs-Ketten, die wir heute als ge-
geben annehmen. Dies geschieht vielleicht so oft, dass dem Aber-
glauben, der Magie und der Angst Tür und Tor geöffnet wird.
Mit anderen Worten: Aus historischer Sicht hatte die Welt der vor-
modernen Erkenntnistheorie ihre eigenen Probleme.
Bis zur Spätzeit der Vormoderne (die wir aus Gründen der Ein-
fachheit auf das Ende des 16. Jahrhunderts datieren) wurde in in-
tellektuellen Kreisen jedoch die Vorstellung von einem anders-
artigen Universum entwickelt, das weder »offen« noch »geschlos-
sen« war. Wir könnten es als »gelenkt« bezeichnen. In einem ge-
lenkten Universum wirkt der souveräne Gott auf gewohnte Art

142 Ich gebrauche das Wort »offen« nicht in dem Sinne, wie es in der modernen
»Theologie des offenen Gottesbildes« verwendet wird. Dort ist Gottes Wissen hin-
sichtlich der Zukunft begrenzt, während die Zukunft andererseits von der freien
Entscheidung fühlender Geschöpfe abhängt. Vielmehr benutze ich es so, wie es
mitunter in der älteren philosophischen Debatte hinsichtlich des Wesens von Ur-
sache und Wirkung in einem materiellen Universum gebraucht wurde.

123
und Weise, sodass Naturwissenschaft nach unserem Wissen-
schaftsverständnis möglich wird – ja, wir nicht umhinkönnen, sie
zu betreiben. Wissenschaft (damals »Naturphilosophie« genannt)
gehört damit zu dem Bestreben, Erkenntnisse über Gott und über
die Art seines Wirkens zu gewinnen. Daher finden wir aufgrund
sorgfältiger Beobachtung des physischen Universums, mithilfe
von Experimenten unter kontrollierten Bedingungen, durch Ver-
such und Irrtum mehr über das All heraus. Somit erschließen sich
uns immer mehr die Grundsätze göttlichen Handelns. Dennoch
bleibt damit die Möglichkeit bestehen, dass Gott auf außerordent-
liche und außergewöhnliche Weise wirken kann. Nennen wir sol-
che Wirkungsgrundsätze Wunder. Angesichts dessen werden Ge-
schehnisse wie die Auferstehung Jesu nicht ausgeklammert.
Es sei nochmals gesagt: Natürlich war es möglich, diese Ein-
sicht in Bezug auf ein gelenktes Universum zu verzerren. Viele
vertraten damals die Ansicht, dass Gott den gesamten Welten-
mechanismus einem riesigen Uhrwerk gleich einmal aufgezogen
habe und nun laufen lasse, während er selbst so groß und weit
entfernt sei, dass er die Einzelheiten wenig oder gar nicht beachte.
Diese Form des Monotheismus ist als Deismus bekannt geworden.
Im Gegensatz dazu verwiesen Vertreter der mehr bibelorientierten
Tradition darauf, dass die biblischen Schreiber regelmäßige Ab-
läufe in der geschaffenen Welt wie den Wasserkreislauf kannten
(in Prediger 1,7 wird als bekannt vorausgesetzt, dass Wasser vom
Himmel fällt, dann in Bäche sowie Flüsse strömt und schließlich
ins Meer läuft, um anschließend als Wasserdampf in den Himmel
aufzusteigen, bevor der Kreislauf von Neuem beginnt). Aber sie
sprachen lieber davon, dass Gott den Regen schickt. Natürlich lie-
fern die Pflanzen die Nahrungsgrundlage für die Pflanzenfresser,
wohingegen Fleischfresser von anderen Tieren (darunter Pflan-
zenfressern) leben. Doch die Bibel spricht davon, dass Gott all die-
sen Geschöpfen Speise gibt (z.B. Psalm 104,21; 136,25; 145,15; 147,9;
Matthäus 6,26). Mit anderen Worten: Umsichtige Christen bevor-
zugten die Vorstellung von einem gelenkten Universum, ohne
dem Deismus zu erliegen.
Aufgrund des Übergangs zur Moderne am Anfang des 17.

124
Jahrhunderts kam eine entscheidende Entwicklung hinzu, der
wir uns sogleich zuwenden wollen. Zunächst ist jedoch die Über-
legung bedenkenswert, wem die Kirche in den ersten Jahrhun-
derten ihres Bestehens entgegentreten musste. Man hätte denken
können, dass es der Welt des polytheistischen Heidentums keine
Schwierigkeiten bereitete, eine weitere Religion aufzunehmen –
und zwar jene Glaubensrichtung, die man letztendlich als Chris-
tentum bezeichnete. Doch das Christentum missfiel den Vertre-
tern des Heidentums, und zwar genau aus dem Grund, weil der
christliche Glaube das Absolute hervorhob.143 Er bestand darauf,
dass die Rettung ausschließlich durch Glauben an Jesus Christus
erfolge – ein Sachverhalt, der Heiden als engstirnig und eben als
Ausdruck des Absoluten vorkam. Ausnahmslos alle heidnischen
Kritiker des Christentums in der Frühzeit beharrten darauf, dass
es mehr als einen Weg zum Göttlichen gebe. Dazu gehören so
wichtige Personen wie Symmachus, Celsus (der als engagierter
Vertreter kultureller Vielfalt von Origenes widerlegt wurde) und
Porphyrius. Der Letztgenannte behauptete, es habe noch keine
Schule die Behauptung, dass sie den allgemeinen Weg zur Befrei-
ung der Seele in sich schließe, in ihr Lehrgebäude herübergenom-
men.144 Mit anderen Worten: Das Christentum bot einen Bezugs-
rahmen, dessen Ausgangspunkt Gott und seine Offenbarung war
und der dann die besondere Geschichte eines besonderen Volkes
beinhaltete sowie schließlich zu dem Einen führte (vgl. Apostel-
geschichte 17,31) und dennoch allumfassende Ausschließlichkeit
beanspruchte. Es ging nicht darum, ob Gott in seiner allgemeinen
Gnade anderen, ihm fernen Menschen bestimmte Einsichten ge-
geben hat, sondern vielmehr darum, wie ein Mensch errettet und
ihm die Sündenvergebung zugeeignet werden konnte. Es ging
darum, wie er mit Gott, dem souveränen Schöpfer und letztend-
lichen Richter, versöhnt werden konnte. Christen behaupteten,

143 Siehe insbesondere die Erörterung von Robert Wilken, Remembering the Chris-
tian Past (Grand Rapids: Eerdmans, 1995), bes. das Kapitel »Religious Pluralism
and Early Christian Thought«, S. 25-46.
144 In indirekter Rede wiedergegeben von Augustinus, Der Gottesstaat 10.32; on-
line abrufbar unter http://www.unifr.ch.

125
dass sie – und zwar nur sie – die entsprechenden Antworten
kannten. Sie stellten dies dadurch unter Beweis, wie sie lebten und
starben.
Das führt uns zu einer ziemlich naheliegenden Feststellung,
die wir hier einfügen können, selbst wenn wir sie in den nachfol-
genden Ausführungen noch weiter entfalten müssen: Einige For-
men des Absoluten sind nicht schlecht, möglicherweise sogar hel-
denhaft. Wenn sich alle Welt darauf beruft, dass der religiöse Plu-
ralismus endgültig (!) ist, steht dies im Gegensatz zum Festhalten
daran, dass es nur einen Heilsweg gibt. Es kann das Zeichen des
treuen Zeugnisses sein – nicht zuletzt dann, wenn die Zeugen be-
reit sind, für ihr Wahrheitsbekenntnis zu leiden und zu sterben.
Dies war in den ersten drei Jahrhunderten der Fall. Mit der kon-
stantinischen Wende (die zu Anfang des 4. Jahrhunderts einsetzte)
erlangte das Christentum erstmalig politische Macht. Bei der Be-
urteilung im Blick darauf, wie gut oder schlecht diese Machtaus-
übung in den nächsten Jahrhunderten erfolgte, gibt es enorme Un-
terschiede. Man kommt jedoch nicht an den verderblichen Aus-
wirkungen etwa der Inquisition vorbei. Damals war die Haltung
des Absoluten nicht mit dem Mut von Bekenntnischristen ver-
knüpft, die bereit waren, angesichts des Pluralismus in der heid-
nischen Vielgötterwelt den Märtyrertod zu erleiden. Vielmehr ver-
band sie sich mit einem Staat, der entschlossen war, das Schwert
einzusetzen, um die Unterwerfung gegenüber der kirchlichen Au-
torität zu erzwingen.
Es hat demnach den Anschein, als sei »Absolutheit« an sich
das falsche Ziel. Alles hängt vom entsprechenden Kontext ab. Hit-
ler forderte absolute Loyalität, wobei meiner Ansicht nach alle Le-
ser dieser Zeilen der Aussage beipflichten werden, dass eine sol-
che Bedingungslosigkeit schlecht war. Christus fordert absolute
Treue, und die meisten Leser werden meiner Meinung nach zu-
stimmen, dass diese Uneingeschränktheit gut ist. Dies gilt auch,
wenn einige Leser versuchen werden, diese Absolutheit mit ver-
schiedenen postmodernen Bezugnahmen abzuschwächen, de-
nen ich noch entgegentreten muss. An dieser entscheidenden Stel-
le will ich verdeutlichen, dass mit dem Begriff des Absoluten das

126
Thema nicht ganz erfasst ist. Christen können formell die unum-
schränkte Autorität Jesu, des Königs, anerkennen, aber einige
grundlegende Sachverhalte aus dem Munde dieses Königs ableh-
nen. Dazu gehören z.B. die Bedeutung der Sanftmut, die Unter-
scheidung zwischen der Aufgabe der Gemeinde und der Funktion
des Staates, die Arglist des menschlichen Herzens in seiner fort-
währenden Machtgier. Demzufolge ist nicht das Absolute an sich
das Problem, sondern die Willkür im Absoluten, sich das jeweils
Passende herauszusuchen.
So weit also zu einigen einleitenden Feststellungen in Bezug
auf die vormoderne Erkenntnistheorie.

Die sechs Elemente der modernen Erkenntnistheorie


Der Begriff moderne Erkenntnistheorie umfasst eine Bezeichnung,
die auf die Erkenntnistheorie der westlichen Welt etwa vom Be-
ginn des 17. Jahrhunderts bis ca. 1970 angewendet wurde. Histo-
rische Bewegungen gehen stets auch Irrwege. Die gesamte Kul-
tur beschreitet eben nicht einen genau vorgezeichneten Weg. Doch
auch wenn ich Gefahr laufe, zu stark zu vereinfachen, will ich den
Beginn der modernen Erkenntnistheorie wie allgemein üblich der
Einfachheit halber mit dem Denken von Rene Descartes verbin-
den.
Descartes (1596-1650) stellte fest, dass eine wachsende Zahl
seiner intellektuellen Freunde der vormodernen Erkenntnistheo-
rie keinen Glauben mehr schenkten. Ja, einige davon waren ins-
geheim Atheisten. Als frommer römisch-katholischer Christ
wollte Descartes imstande sein, sie von der Wahrheit des katho-
lischen Glaubens zu überzeugen. Er fand bald heraus, dass zu we-
nig allgemein übliche »gegebene Sachverhalte« vorhanden wa-
ren, um in Diskussionen mit ihnen entscheidend voranzukom-
men. Daher stellte er sich die Aufgabe, alles zu bezweifeln, und
zwar nicht, weil er tatsächlich alles in Zweifel zog, sondern weil
er versuchte, eine Grundlage zu finden, die ihm und seinen in-
tellektuellen Freunden eine gemeinsame Basis bot. Er entschied
sich für die These, aufgrund derer er berühmt wurde: Cogito, ergo

127
sum (Ich denke, also bin ich).145 Diese Haltung war nach Descartes’
Meinung naheliegend und galt als sichere Grundlage. Sie bildete
das Herzstück eines ziemlich komplexen philosophischen Gebäu-
des (das wir hier nicht erkunden müssen, da es praktisch niemand
als glaubwürdig akzeptiert). Dieses vorgebliche Axiom wurde zur
Grundlage des cartesianischen Denkens (wie die Gedankenwelt
von Descartes häufig bezeichnet wird).
Das cartesianische Denken, die Gedankenwelt der Aufklärung
und die moderne Erkenntnistheorie – allgemein bekannte Autoren
sehen diese Begriffe als Synonyme an. Dies ist nicht ganz angemes-
sen – nicht zuletzt deshalb, weil Descartes’ Axiom nur einen kleinen
Teil seines Denkens umfasste. Außerdem gab es andere komplexe
Strukturen, von denen wir einige in Kapitel 1 erwähnt haben. Aber
eine vielleicht noch zulässige Verallgemeinerung könnte darin be-
stehen, dass wir diese drei in einer Rubrik zusammenfassen. Wir
könnten dann argumentieren, dass die moderne Erkenntnistheorie
im Laufe der Zeit von sechs Elementen gekennzeichnet war:
1. Statt wie die vormoderne Epistemologie mit Gott zu begin-
nen, sah die moderne Erkenntnistheorie ihren Ausgangspunkt in
dem endlichen »ich«. Descartes formulierte das so: »Ich denke,
also bin ich.« Dies bedeutet, dass für den Denker der Moderne die
Existenz Gottes kein »gegebener Sachverhalt«, sondern bestenfalls
die Schlussfolgerung aus seiner Argumentation ist: Vielleicht ler-
nen Menschen Dinge noch immer aufgrund von Offenbarung und
dadurch kennen, dass sie (durch wie auch immer geartete Mit-
tel) irgendeine kleine Teilmenge von dem herausfinden, was Gott
bereits vollkommen und vollständig weiß. Doch dies muss nicht
mehr so sein. Wir sind nicht länger auf Gott angewiesen, was un-
ser gesamtes Wissen angeht. Wir müssen Sachverhalte lernen, wir

145 Es wird oft darauf verwiesen, dass über eintausend Jahre zuvor Augustinus
etwas durchaus Ähnliches sagte: Si fallor, sum (Wenn ich irre, bin ich). Doch Au-
gustinus hat nie versucht, ausgehend von dieser Feststellung einen gesamten er-
kenntnistheoretischen Rahmen zu erarbeiten, wobei er sie nie als unumstößliche
Grundlage betrachtete. Es ist sogar möglich, dass sich Descartes vage an Augusti-
nus erinnerte (da jeder Gebildete in jener Zeit Augustinus las) und unbewusst sei-
ne Gedanken nach einem Schema entwickelte, das von dem großen Denker unter
den Kirchenvätern nie ins Auge gefasst wurde.

128
müssen aus den Beschränkungen unserer Endlichkeit heraus Din-
ge kennenlernen und dabei Hilfsmittel sowie Ansätze verwenden,
zu denen endliche Wesen wie wir Zugang haben.
2. Die moderne Erkenntnistheorie war zutiefst vom grund-
lagentheoretischen Fundamentalismus geprägt. Descartes suchte
eine Grundlage, die ihm und seinen atheistischen Freunden eine
gemeinsame Basis bot und auf der sie zusammen ein gemein-
sames Gedankengebäude errichten konnten. Er glaubte, dass er
sie mit seinem berühmten Cogito, ergo sum gefunden hatte. Dieses
Fundament würde seiner Überzeugung nach neben einem detail-
liert beschriebenen philosophischen Lehrgebäude jeden vernünf-
tigen und logisch denkenden Menschen unweigerlich dahin brin-
gen, Christ – ja, Katholik wie er – zu werden. Diese Suche nach
Fundamenten wurde im grundlegenden Denken der meisten Dis-
ziplinen zum vorherrschenden Merkmal. Einige Sachverhalte, so
wird argumentiert, seien selbstverständlich – d.h., sie sind unum-
stößlich und daher als Fundamente geeignet, auf denen man an-
dere Sachverhalte mithilfe entsprechender Logik und der Bezug-
nahme auf verschiedene Beweisarten gründen könne.
Man darf nicht annehmen, dass Grundlagen auf die Moderne
zurückgehen. Die euklidische Geometrie arbeitete beispielswei-
se Jahrhunderte vor Christus mehrere, sorgfältig formulierte Axi-
ome aus. Ausgehend von diesen Axiomen entwickelte sie Sätze,
die sie zu beweisen gedachte und die im Gegenzug zur Grundlage
für eine weitere Ebene geometrischer Sätze wurde. Die Bezugnah-
me auf eindeutig definierte Grundlagen als Basis allen mensch-
lichen Wissens war jedoch eine für die Moderne charakteristische
Entwicklung, die aufgrund der Tatsache, dass Gott nicht mehr die
Grundlage verkörperte, erforderlich wurde.
3. Der modernen Erkenntnistheorie wurden durch eine genaue
Methodik enge Grenzen gesetzt. Der zugrunde liegende Gedan-
ke bestand darin, mit angemessenen und überzeugenden Grund-
lagen zu beginnen, sorgfältig kontrollierte Methoden hinzuzufü-
gen und dann die ganze Maschinerie in Gang zu setzen, um auf
diese Weise Wahrheit zu erzeugen. Zu den Methoden könnte die
Art und Weise gehören, wie man Daten sammelt und ordnet. Fer-

129
ner zählen dazu klar definierte Hilfsmittel, deren Möglichkeiten
und Grenzen man erkannte (egal, ob die Hilfsmittel bei natur-
wissenschaftlichen oder literarkritischen Untersuchungen einge-
setzt wurden), Vorgehensweisen, Beobachtungen, Messungen,
verschiedene Prüfverfahren und vieles mehr. Die Bedeutung der
methodischen Genauigkeit kann man noch immer in vielen Dis-
sertationen der westlichen Welt erkennen. In den meisten Diszi-
plinen muss eine Dissertation neben der Tatsache, dass sie einen
wissenschaftlichen Beitrag zu erbringen hat, ihre Grundlagen und
Methoden verdeutlichen und dann genau im Rahmen der vorge-
schriebenen Methoden bleiben, weil sie sonst nicht angenommen
wird.
4. Die moderne Erkenntnistheorie stellte selten infrage, dass
man epistemologische Gewissheit erlangen will und erlangen
kann. Diese Haltung stand mit dem vormodernen Denken in Ein-
klang. Dies bedeutet natürlich nicht, dass die besten Denker der
Überzeugung waren, ihre Erkenntnis bzw. ihr vorgebliches Wis-
sen sei vollständig richtig. Doch nur wenige zweifelten daran,
dass Menschen Dinge wirklich erkennen konnten (objektive Er-
kenntnis also möglich war) und dass sie dies voranbrachte (sol-
che Erkenntnis also erstrebenswert war). Insgesamt betrachtet ent-
deckte die Wissenschaft in den Jahrhunderten der Moderne immer
mehr Sachverhalte auf immer mehr Forschungsgebieten. Einige
Gelehrte zogen entsprechende Schlussfolgerungen und konnten
sich eine Zeit vorstellen, in der all ihre Fragen zu diesem oder je-
nem Thema hinreichend beantwortet sein würden. Selbst wenn
sie manchmal herausfanden, dass nach ihrem jetzigen Erkenntnis-
stand ihr früheres Denken falsch gewesen war, wurden sie ermu-
tigt, den Fortschritt anzuerkennen, der sie zu einer solchen Rich-
tigstellung geführt hatte. Nur wenige stellten infrage, dass es si-
cher und möglich war, weitere Fortschritte zu erzielen. Außerdem
bestand kaum Zweifel daran, dass man grundsätzlich hinsichtlich
vieler Dinge Gewissheit erlangen würde.
5. Die moderne Erkenntnistheorie machte sich ein Wahrheits-
verständnis zu eigen, das ihr das Gepräge einer »ahistorischen
Universalität« (so die von einigen gebrauchte Bezeichnung) gab.

130
Mit anderen Worten: Was wahr ist, ist allumfassend wahr. Wenn et-
was wahr ist, wird dies nicht dadurch infrage gestellt, dass man
von einem historischen Zeitraum zum anderen, von einer Kul-
tur zur anderen oder von einer Sprache zur anderen überwech-
selt: Wenn es wahr ist, spielen historische Aspekte diesbezüglich kei-
ne Rolle. Wenn es stimmt, dass ein Wassermolekül aus zwei Was-
serstoffatomen und einem Sauerstoffatom besteht, dann muss die-
se Wahrheit in Patagonien und in Paris, in Leicester und in Lima,
in Jerusalem und in Japan zutreffen – während des 21. Jahrhun-
derts oder während der Ming-Dynastie (chinesische Kaiserdynas-
tie zwischen 1368 und 1664 n.Chr.) gelten. Man kann dies auch fol-
gendermaßen formulieren: Diese Wahrheit wurde im Sinne objek-
tiver Wahrheit verstanden.
6. Obwohl die frühesten Hauptvertreter der Aufklärung The-
isten (wie Descartes selbst) oder Deisten waren, übernahmen im
Laufe der Jahrhunderte immer mehr moderne Denker den philo-
sophischen Naturalismus. Diese Ansicht besagt, dass es außer Ma-
terie, Energie, Zeit und Raum nichts gibt. Natürlich ist diese Ent-
wicklung ein langer Prozess und nie allumfassend gewesen. Der
vermutlich stärkste Impuls in diese Richtung wurde im 19. Jahr-
hundert gegeben, als die darwinistische Evolution den Atheis-
mus salonfähig machte. Aufgrund dieser Anschauung kann ein
geschlossenes Universum nicht geleugnet werden. Die angebliche
Erkenntnis hinsichtlich eines persönlich-transzendenten Gottes
außerhalb oder jenseits des Weltalls bleibt angesichts dessen nur
ein Mythos, den Erwachsene längst hinter sich gelassen haben.

Postmoderne Erkenntnistheorie kontra Moderne


Jedes dieser sechs charakteristischen Merkmale der modernen
Erkenntnistheorie wird von der postmodernen Epistemologie ver-
ändert, infrage gestellt oder über Bord geworfen. Ich werde sie in
der gleichen Reihenfolge kurz durchgehen.
1. Vertreter der Postmoderne beginnen genauso wie Reprä-
sentanten der Moderne mit dem endlichen »Ich«. Die Konse-
quenzen, die sie ziehen, sehen jedoch ganz anders aus. Da sich je-

131
des »Ich« von jedem anderen »Ich« unterscheidet, muss der Stand-
punkt jeweils anders sein. Diesbezüglich kann man auch den Ein-
zelnen zurücktreten lassen und mehr die kulturell eigenständige
Volksgruppe betonen: Immerhin gehört jedes einzelne »Ich« ei-
ner abgegrenzten Kultur an, die jeweils über eine spezielle Menge
an Grundannahmen, Werten, Denkstrukturen, Sprachgebräuchen
und dergleichen verfügt. Wenn eine Gruppe oder Kultur bzw. je-
der andere identifizierbare Personenkreis Dinge betrachtet, un-
terscheidet sich dies immer ein wenig von der Anschauungswei-
se der Menschen in anderen Kulturen. Ich kann nicht umhin, Din-
ge aus dem Blickwinkel meiner Wirklichkeit zu betrachten; ich bin
Kanadier, habe weiße Hautfarbe, stehe in den mittleren Jahren, bin
ein Mann, habe diverse Ausbildungsgänge absolviert. Ich habe die
Welt in gewisser Weise kennengelernt und verfüge über einen be-
stimmten Erfahrungsschatz. All das trägt dazu bei, mir mein heu-
tiges Gepräge zu geben, abgesehen von meinen Erbanlagen. Ich
betrachte die Welt nicht mit den Augen einer halbgebildeten, min-
derjährigen Prostituierten auf den Straßen Bangkoks oder mit den
Augen des Präsidenten eines schwarzafrikanischen Staates oder
mit den Augen eines Fußballprofis.
Mit den ausgehend vom endlichen »Ich« gezogenen Schluss-
folgerungen beginnt das Nachdenken der Vertreter der Postmo-
derne über die menschliche Erkenntnis. Die Gründe dafür, war-
um sie im Vergleich zu Menschen der Moderne zu ganz anderen
Schlüssen kommen, sind vielfältig sowie komplex und haben weit
in die Geschichte zurückreichende Wurzeln.146 Was jedoch auf-

146 Dazu gehören Entwicklungen in der Hermeneutik in Deutschland, literarkri-


tische Prozesse in Frankreich (weithin der Poststrukturalismus, der anfangs ange-
sichts der gesellschaftlichen Lage in Westeuropa sehr stark mit der marxistischen
Unzufriedenheit verbunden war) und die Hinwendung zum Subjekt innerhalb vie-
ler Wissenschaftsdisziplinen in der angelsächsischen Welt. Ferner zählen dazu der
indirekte Einfluss der Romantiker, die enorme Wirkung Immanuel Kants und der
Nachhall, den Friedrich Nietzsches Werk fand. Außerdem sind die von Feuerbach
und Schleiermacher aufgeworfenen Probleme sowie in neuerer Zeit die Bedeutung
der verschiedenen Formen des Existenzialismus und der (größtenteils amerikani-
schen) Erkenntnisansätze in der Soziologie zu nennen. Selbst damit sind keines-
wegs alle Einflüsse aufgeführt. Hier ist natürlich nicht der geeignete Ort dafür, jede
einzelne dieser Bewegungen zu analysieren – nicht zuletzt deshalb, weil es heute
viele Untersuchungen gibt, welche die entsprechenden Verbindungen nachweisen.

132
fällt, ist die einfache Tatsache, dass sowohl Vertreter der Moderne
als auch der Postmoderne ihr erkenntnistheoretisches Streben mit
jenem endlichen »Ich« beginnen, auch wenn sie solch völlig ver-
schiedene Denkstrukturen entwickeln. Ja, dass sich sowohl Mo-
derne als auch Postmoderne erkenntnistheoretisch auf das end-
liche »Ich« als den Ausgangspunkt konzentrieren, ist meines Er-
achtens der Hauptgrund dafür, dass einige Denker es vorziehen,
die Postmoderne als Form der Spätmoderne oder sogar als Ultra-
moderne anzusehen. Wenn es hinsichtlich der Analyse vorrangig
um diesen Ausgangspunkt beim endlichen »Ich«, dem Menschen
in seinen Begrenzungen, geht, dann haben sie zweifellos recht. Die
Postmoderne sieht, wie sich die Moderne dem endlichen »Ich« zu-
gewandt hat. Die Auswirkungen dieses Schritts erkennt sie deut-
licher als die Vertreter der Frühmoderne selbst. Aus einer be-
stimmten Sicht stellt die Postmoderne lediglich eine entartete Va-
riante der Moderne dar. Aus einer anderen Sicht wiederum ent-
larvt die Postmoderne die Auswirkungen der ersten Prämisse der
Moderne – unabhängig davon, wie unangenehm dies den Vertre-
tern der Moderne sein mag.
Gleichzeitig unterscheiden sich die von Vertretern der Postmo-
derne anvisierten Richtungen hinreichend von denen, die Men-
schen der Moderne eingeschlagen haben. Sie können genau ausfin-
dig gemacht und bewertet werden. Aufgrund dessen lässt sich ei-
niges zugunsten der Praxis sagen, das Wort »Postmoderne« beizu-
behalten. Mit anderen Worten: Es ist hilfreich, wenn wir sehen, wie
wir infolge der Veränderungen zu einer Form der Erkenntnisthe-
orie gelangen, die nicht mehr das Erscheinungsbild der Moderne
aufweist: Sie ist postmodern, selbst wenn man nicht übersehen darf,
dass die Kontinuität an entscheidenden Punkten gewahrt bleibt.
2. Die postmoderne Erkenntnistheorie beargwöhnt zutiefst jeg-
lichen grundlagentheoretischen Fundamentalismus. Man könnte

Es lohnt sich aber, sie zu erwähnen, weil gelegentlich verschiedene Autoren in der
Emerging-Church-Bewegung dazu neigen, diesen oder jenen Aspekt aufzugreifen,
der dazu beigetragen hat, die Postmoderne zu prägen. Außerdem bringen sie ent-
sprechende Veröffentlichungen unters Volk, die diesen Aspekten mehr Anerken-
nung zollen, als ihnen zusteht.

133
sogar sagen, dass sie diese Art des Fundamentalismus eifrig be-
kämpft. Sie behauptet, alle »Grundlagen« seien unsicher, weil
sie nur innerhalb der vorgegebenen Kultur »selbstverständlich«
seien. Mit anderen Worten: Die Grundlagen selbst seien von end-
lichen Menschen geschaffen worden, sodass alles auf ihnen Er-
baute nicht beständiger sei als die Grundlagen selbst. Es gebe kei-
nen Drehpunkt, an dem die Hebel der Erkenntnis letztendlich an-
setzen könnten.
»Aber zweifellos«, so mögen Sie einwenden, »gibt es doch all-
umfassend gültige, allgemein anerkannte Grundsätze. Können wir
nicht wenigstens Descartes’ These ›Ich denke, also bin ich‹ hervor-
heben?« Aber »denken« Sie nicht manchmal z.B. im Traum, dass
Sie eine bestimmte Rolle übernehmen würden? Ist es nicht so, dass
sie keine wirkliche Beziehung zu irgendeiner äußeren Realität hat?
Die Postmoderne erkennt natürlich an, dass es Methoden gibt.
Sie besteht jedoch darauf, dass viele Methoden existieren würden,
die jeweils alle voneinander unterscheidbare Ergebnisse hervor-
brächten. Die erzielten Resultate besäßen keinen größeren oder
geringeren »Wahrheitsgehalt« als Ergebnisse, die mithilfe anderer
Methoden erzielt worden seien. Dies liege nicht nur daran, dass
die methodischen Grundlagen unsicher seien, sondern auch dar-
an, dass die Methoden selbst von Menschen ersonnen worden
seien – ersonnen von Menschen in bestimmten Kulturen. Die Heil-
methoden der traditionellen chinesischen Medizin unterscheiden
sich sehr von denen, die in der westlichen Medizin weithin an-
gewandt werden. Wie kann man unter Umständen entscheiden,
welches die »richtigen« Methoden sind? Wir könnten uns bemü-
hen, bei der Anwendung der ausgewählten Methoden und der
ihnen zugrunde liegenden Annahmen konsequent zu sein, doch
dies gebe uns kein Recht, das Ergebnis als Ausdruck »objektiver«
Erkenntnis zu bezeichnen.
4. Die Postmoderne hebt demnach hervor, dass objektives Wis-
sen weder erreichbar noch erstrebenswert sei. An dieser Stelle be-
findet sie sich im völligen Gegensatz zur Moderne. Die Postmo-
derne behauptet, dass man aus den bereits angeführten Gründen
Erkenntnis weder gewinnen könne noch danach streben solle. Sie

134
ist jedoch nicht der Meinung, dass dieser Verlust an erkenntnisthe-
oretischer Gewissheit tragisch sei – ganz im Gegenteil: Sie gefällt
sich darin, die Vielfältigkeit der Ergebnisse zu betonen. Ihrer Mei-
nung nach sei erkenntnistheoretische Gewissheit nicht erstrebens-
wert: Abgesehen davon, dass sie vom Wesen her jeweils nur ei-
nen Ausschnitt wiedergebe und sich als langweilig erweise, sei sie
nämlich der Nährboden für das Absolute, das Menschen manipu-
liere und beherrsche. Sie trete die großartige Vielfalt der Bekennt-
nisse, Kulturen und Volksgruppen, aus denen sich die Menschheit
zusammensetzt, mit Füßen. Es lebe die Vielfalt! Möge aber kei-
ner der verschiedenen Stimmen den Anspruch auf »Wahrheit« er-
heben! Oder noch besser: Mögen alle gleichzeitig den Wahrheits-
anspruch erheben, ohne dass einer dies im ausschließlichen bzw.
objektiven Sinne behaupten darf!
5. Daraus geht also hervor, dass Wahrheit im Rahmen des vor-
herrschenden Systems der postmodernen Erkenntnistheorie hin-
sichtlich ihrer Geltung nicht den Anspruch »ahistorischer Univer-
salität« erheben kann. Alle Wahrheitsansprüche gelten lediglich
für einige Menschen, aber eben nicht für alle Menschen zu allen
Zeiten und an allen Orten.
6. Obwohl der philosophische Materialismus weiterhin die
vorherrschende Kraft in vielen intellektuellen Kreisen der west-
lichen Welt ist, hat die Postmoderne doch mancherorts seinen Nie-
dergang begünstigt. Bekanntlich stützt sich die postmoderne Er-
kenntnistheorie nicht so stark auf jene genaue Methodik, die der
Moderne eigen ist, sondern fördert vielmehr die Tatsache, dass es
viele Voraussetzungen, Methoden und Ansätze gibt. Aufgrund
dessen erweist sich die Postmoderne gegenüber Berufungen auf
die Mystik und allerlei religiösen Bezugnahmen gegenüber auf-
geschlossener (sofern sie keine Ausschließlichkeitsansprüche er-
heben und besonders dann, wenn es um östliche Religionen geht,
die in irgendeiner Form des Pantheismus verwurzelt sind). Auch
gegenüber Spielarten des Aberglaubens (aus Sicht von Vertretern
der Moderne) ist die Postmoderne aufgeschlossener.
Kurz gesagt: Wenn wir das Erscheinungsbild der postmoder-
nen Erkenntnistheorie im Abriss dieser sechs Charakterisierungen

135
mit demjenigen der modernen Erkenntnistheorie vergleichen,
sind die Unterschiede groß genug, um zwischen den beiden Ge-
dankengebäuden eindeutig unterscheiden zu können. Noch im-
mer scheint Postmoderne ein hilfreicher Begriff zu sein, selbst
wenn unter dem Blickwinkel der Konzentration auf das end-
liche »Ich« als dem erkenntnistheoretischen Ausgangspunkt viele
Aspekte der Moderne in der Postmoderne weiterbestehen.

Ergänzende Entsprechungen und Konsequenzen


Im vorangegangenen Kapitel habe ich erwähnt, dass viele Ele-
mente in der westlichen Kultur mitunter in die Kategorie »Post-
moderne« gepresst werden. Diesbezüglich habe ich vorgebracht,
dass es zweckmäßiger wäre, sie als ergänzende Entsprechungen
der Postmoderne zu betrachten. Dies liegt teilweise daran, dass
diese Elemente in sehr unterschiedlichen Umgebungen existieren
und an Einfluss gewinnen können. Sie sind keine notwendigen Be-
standteile der Erkenntnistheorie – dem Kernstück dessen, was die
Postmoderne umfasst. Andererseits tendiert die von mir beschrie-
bene Postmoderne dazu, diese Elemente zu verstärken. Wenn die-
se Elemente aus anderen Gründen entstanden sind, neigen sie im
Gegenzug dazu, die Postmoderne zusätzlich zu festigen.

Fünf ergänzende Entsprechungen


Ich werde nur fünf dieser ergänzenden Entsprechungen kurz er-
wähnen.
1. Synkretismus (Religionsvermischung): Heutzutage ver-
suchen Menschen, sich aus Elementen grundverschiedener Reli-
gionen das Beste herauszusuchen, um eine Art religiösen Mix zu
kreieren. Je mehr dies geschieht, desto mehr scheint die Neigung
der Postmoderne gerechtfertigt, die Verbindung zwischen den Er-
kenntnisansprüchen irgendeines Menschen und der Wirklichkeit
als solcher in Abrede zu stellen. Umgekehrt gilt: Je mehr solche
Verbindungen nicht anerkannt werden, umso leichter ist es, Reli-
gionsvermischung gutzuheißen. Ja, wer nicht synkretistisch einge-

136
stellt ist, kann als altmodisch, engstirnig und als derjenige erschei-
nen, der in einer erkenntnistheoretischen Zwangsjacke steckt.
2. Säkularisierung: Wie ich bereits erwähnt habe, sind die
meisten Soziologen nicht der Meinung, dass im Zuge der Säkula-
risierung die Religion abgeschafft wird. Allerdings wird die Reli-
gion dadurch an den Rand des Lebens gedrängt. In der westlichen
Welt wurden die meisten religiösen Begriffe bis in die jüngste Zeit
hinein als konkurrierende Behauptungen formuliert, die durch-
dacht, beurteilt und angenommen bzw. verworfen werden müs-
sen. Wenn diese Religionen an den Rand gedrängt werden, dann
sind ihre Wahrheitsaussagen für die meisten Fragen des wirklichen
Lebens ohnehin kaum von Belang, während kulturelle Zwänge
größere Wirkungsspielräume haben. Umgekehrt gilt: Der Post-
moderne gelingt es zunehmend, viele Menschen zu der Schluss-
folgerung zu veranlassen, dass die Wahrheitsbehauptungen einer
Glaubensrichtung lediglich Ausdruck persönlicher oder gemein-
schaftlicher Entscheidungen seien und nicht der Wirklichkeit, der
Realität Gottes, entsprechen. Angesichts dessen ist es viel leichter,
den Glauben an den Rand zu drängen.
3. Biblisches Analphabetentum: In einer Kultur, in der zahl-
reiche Menschen die Bibel lesen und gute Bibelkenntnisse haben,
verhindern die absoluten biblischen Aussagen in Bezug auf Gott,
Errettung und viele Formen von Recht sowie Unrecht und derglei-
chen die rasche Ausbreitung des postmodernen Relativismus. Ist
dagegen die Bibel weitgehend unbekannt, lässt er sich nicht mehr
so gut aufhalten.147 Dementsprechend gilt: Wenn die Postmoderne

147 Man kann kaum hoch genug einschätzen, wie wichtig es war, dass die Bibel
von den Gläubigen in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche weithin ge-
lesen wurde. In einer Zeit des Niedergangs der Bildung bestand die Kirche darauf,
dass die Schrift in allen Schichten der Gesellschaft sowie geschlechterübergreifend
und in allen Altersgruppen intensiv sowie fortwährend gelesen wurde. Dies trug
mindestens ebenso wie alle anderen Faktoren dazu bei, dass die Kirche als ein-
zige Einrichtung übrig blieb, welche die besten Traditionen der griechisch-römi-
schen Kultur beim Untergang des römischen Reiches als politische Größe bewah-
ren konnte. Als später das Bibellesen den gewöhnlichen Christen immer mehr ver-
wehrt wurde, nahm das Analphabetentum solche Ausmaße an, dass der berühmte
Karl der Große als eine Art Gelehrter angesehen wurde, weil er zumindest halb-
wegs lesen konnte. Damals siechte das geistliche Leben auf theologischer, mora-
lischer und bildungsmäßiger Ebene innerhalb der Kirche – ja, der gesamten west-

137
an Einfluss gewinnt, neigt man weniger dazu, die Bibel fortwäh-
rend zu lesen. Zumindest liest man sie dann nicht als maßgebliche
Offenbarung Gottes. An dieser entscheidenden Stelle werden die
Vertreter dieser neuen Art des Bibellesens sich wahrscheinlich auf
die postkritische Theorie berufen, sodass die Bibel selbst zurecht-
gestutzt wird. Ein kleiner Teil der Bevölkerung wird an einem der-
artigen Bibellesen Freude finden und es als befreiende Erfahrung
ansehen. Doch dadurch lässt sich das weitverbreitete und noch
immer zunehmende biblische Analphabetentum in der Bevölke-
rung im großen Stil sicher nicht ins Gegenteil verkehren.
4. Undeutlich umrissenes geistliches Leben: Heutzutage gibt
es unklare Vorstellungen hinsichtlich einer »Spiritualität«, die teil-
weise davon geprägt sind, dass diverse New-Age-Religionen weit
verbreitet sind. Diese Vorstellungen dienen zwangsläufig dazu (ob
beabsichtigt oder nicht), eine postmoderne Einstellung zu befür-
worten, während sie im Gegenzug von ihr untermauert werden.
Es gibt Religionen, die von Wahrheit bzw. Irrtum in bestimmten
Fragen reden, andere Sichtweisen ausschließende Behauptungen
in irgendeiner Form aufstellen oder strenge Maßstäbe des mo-
ralischen Lebens im Privaten und in der Öffentlichkeit aufrecht-
erhalten. Sie werden als »intolerant« abgetan, selbst wenn sie en-
gagiert das Recht aller Glaubensrichtungen unterstützen, in ihrem
eigenen Einflussbereich tätig sein und darauf hinwirken zu kön-
nen, dass sich weitere Menschen bekehren.

lichen Kultur – in erschreckendem Maße dahin, obwohl es einige hoffnungsvol-


le Ausnahmen gab. Nicht umsonst fiel die Reformation mit der Bibelübersetzung
(Anmerkung des Übersetzers: Diesbezüglich ist natürlich vor allem an die Bibel-
übersetzung Martin Luthers, aber auch an andere Bibelübersetzer wie John Wy-
cliff, einem Vorläufer Luthers, und William Tyndale, einem Zeitgenossen des deut-
schen Reformators, gedacht.), der Verbreitung gedruckter Bibeln und vor allem da-
mit zusammen, dass die Schrift fortan in weiten Kreisen gelesen wurde. Obwohl
dies natürlich im Gegenzug zu uneingeschränktem Individualismus führen kann,
ist damit auch die Möglichkeit gegeben, die Flut irgendwelcher Modetrends ein-
zudämmen. Wer zu diesen Fragen ein allgemein verständliches Werk sucht, soll-
te zu Benjamin B. Warfield, »The Bible the Book of Mankind«, greifen. Dieses noch
immer lesenswerte Buch geht auf einen Vortrag zurück, den er zunächst auf dem
Weltbibelkongress 1915 gehalten hat. Der Text steht jetzt zur Verfügung in Selected
Shorter Writings of Benjamin B. Warfield, 2 Bd., Hrsg. John E. Meeter (Nutley: Presby-
terian and Reformed Publishing, 1970), Bd. 1, S. 3-22.

138
5. Globalisierung: Dieses Verunsicherungen hervorrufen-
de Konzept ist in der Darstellung verschiedener Autoren so un-
terschiedlich behandelt worden, dass es schwierig ist, mit weni-
gen Worten etwas gezielt darüber zu sagen. Für viele hat das Wort
vorwiegend wirtschaftliche Untertöne: Aufgrund der Geschäfts-
tätigkeit internationaler Firmen wird die Welt zum globalen Dorf,
was sowohl positive als auch negative Ergebnisse mit sich bringt.
Nicht weniger wichtig ist die Tatsache, dass eine unerhört schnel-
le Kommunikation mit fast jedem Teil des Erdballs möglich ist.
Sie begünstigt die Erkenntnis, wie klein die Welt ist und wie sehr
miteinander verbunden wir sind, während sie uns paradoxerwei-
se gleichzeitig dazu zwingt, uns unserer Verschiedenartigkeit und
der zwischen uns bestehenden kulturbedingten Trennungen be-
wusst zu werden. Wenn Sie diese Verschiedenartigkeit verinner-
lichen, dann wird es schwieriger, alle Facetten der eigenen Kul-
tur gedankenlos zu übernehmen. Eine derartige Erfahrung kann
die postmoderne Theorie leicht rechtfertigen. Umgekehrt kann
sich die postmoderne Erkenntnistheorie mühelos dazu eignen, die
Globalisierung auf diese besondere Weise zu verstehen.
Manche Menschen gebrauchen den Begriff »Postmoderne«,
um diese und weitere ergänzende Entsprechungen einzubezie-
hen, während andere den Ausdruck im engeren Sinne als ich ge-
brauchen. Meine oben befindlichen Feststellungen zum Nieder-
gang dieses Begriffs in Europa (besonders in Frankreich)148 spie-
gelt meiner Meinung nach teilweise die französische Neigung wi-
der, die Postmoderne ausdrücklich mit den kritischen Theorien
von Jacques Derrida, Jean-François Lyotard, Michel Foucault, Paul
De Man, Jacques Lacan u.a. zu verbinden. Ihre kritischen Theo-
rien sind in Frankreich weitgehend außer Mode gekommen (so-
gar in Amerika, wo sie in vielen akademischen Kreisen noch im-
mer populär sind, haben sie ihre Vorherrschaft verloren). Auf-
grund dessen wird der Ausdruck »postmodern« kaum noch ge-
braucht. Doch ich bin keineswegs davon überzeugt, dass sich die
Hinwendung zum Subjekt, die verschiedenen Formen des Rela-

148 Siehe Kap. 3, S. 112-114.

139
tivismus und die Infragestellung unserer Fähigkeit zur Erkennt-
nis »objektiver« Wahrheit thematisch ausnahmslos erledigt haben.
Wenn man die Postmoderne mit diesem im Grunde erkenntnis-
theoretischen Wandel gleichsetzt, ist sie meiner Ansicht nach so-
gar in Frankreich offenbar nicht vergangen, obwohl die Begriffs-
verwendung in ernsthaften Diskussionen dort keinen Nutzen
mehr bringt.
In Amerika begegnen wir der umgekehrten Gefahr. Natür-
lich verbinden hier wie in Europa einige Akademiker die Postmo-
derne mit bestimmten kritischen Theorien, indem sie dazu nei-
gen, den Begriff in dem Maße fallen zu lassen, wie die entspre-
chenden Theorien allmählich ihr »Verfallsdatum« überschreiten.
Dennoch haben hier weitaus mehr Wissenschaftler den Ausdruck
im Blick auf Erkenntnistheorie und damit zusammenhängende
Fragen gebraucht. Landläufig gebrauchen viele in Amerika den
Begriff, um jede auftretende kulturelle Veränderung damit zu be-
zeichnen. Diese Praxis tendiert natürlich dazu, »Postmoderne« zu
einem rhetorischen Geschütz werden zu lassen, während es im-
mer schwieriger wird, hinsichtlich dieser kulturellen Verände-
rungen klare Gedanken zu fassen.

Fünf Konsequenzen
Es sei erlaubt, dass wir um der Argumentation willen von der An-
nahme ausgehen, der zufolge die Postmoderne und ihre ergän-
zenden Entsprechungen in gewisser Weise mit meinen Beschrei-
bungen übereinstimmen, selbst wenn die Relevanz dieser Sach-
verhalte in einigen akademischen Kreisen angegriffen wird. Dann
ergibt sich die Frage: Was sind einige der Konsequenzen?
Zu einer durchaus unvollständigen Aufzählung könnten fol-
gende Aspekte gehören:
1. Objektive Moralvorstellungen müssten dann mit als Erstes
hinterfragt werden. Im Rahmen der Postmoderne kann persönliche
Moral leicht zu einer sozialen Konstruktion werden. Gewiss ist es
bei Evangelisationsveranstaltungen an Universitäten heute weit-
aus schwerer, biblische Aussagen zum Thema Sünde (ungeachtet

140
des benutzten Wortschatzes) zu vermitteln, als etwa die Dreiein-
heitslehre oder die Bedeutung der Auferstehung zu erklären.
2. Dementsprechend wird Evangelisation – im Sinne der Ab-
werbung von Mitgliedern anderer Glaubensgemeinschaften ver-
standen – oft im umfassenderen kulturellen Kontext als tadelns-
wert an sich betrachtet. Ungeachtet dessen, wie behutsam man da-
bei vorgeht, kann man dabei nämlich nicht den Eindruck vermei-
den, dass Christen meinen, sie besäßen etwas Besseres als andere.
Was sollte andererseits der Versuch bezwecken, andere für die ei-
gene Anhängerschaft zu gewinnen? Angenommen, der christliche
Glaube wird als anderen Religionen überlegen – bzw. als Aus-
druck der Wahrheit! – dargestellt. Dann muss man zwangsläu-
fig sagen, dass dasjenige, an dessen Stelle er treten will, ihm unter-
legen ist. Ja, die Missionierung von Mitgliedern anderer Glaubens-
gemeinschaften kann man dann als intolerant an sich betrachten
(im Rahmen der neuen Definition von Toleranz und Intoleranz).149
Als Reaktion darauf lehnen es einige Christen ab, sich in irgend-
einer Form von öffentlicher Evangelisation zu engagieren. Sie wol-
len Christsein lediglich vorleben, indem sie darauf hoffen, dass
andere sie einfach fragen, was sie bewegt. Dies gibt ihnen dann
die Möglichkeit, ihre Lebensgeschichte zu erzählen und über Je-
sus Christus zu reden. Wenn sich dann jemand dafür entscheidet,
selbst Christ zu werden, ist das in Ordnung. Niemand sagt den
Betreffenden, dass ihre eigene Glaubenspraxis christlichen Maß-
stäben nicht genügt, oder dass sie verloren sind. Vielmehr haben
sie sich einfach dafür entschieden, den Versuch zu wagen, fort-
an als Christen zu leben. Sie tun dies nicht, weil diese christliche
Glaubenspraxis objektiv wahr ist, sondern weil sie zumindest ei-
nigen Leuten attraktiv erscheint – d.h. für sie wahr ist.
3. Menschen lassen sich wahrscheinlich leichter helfen, einen
neuen Standpunkt zu übernehmen, wenn wir sorgfältig ausge-
arbeitete Argumentationen weglassen oder uns zumindest nicht
darauf beschränken. Gefühle, Ästhetik, persönliche Beziehungen,
Mystik, unerklärbare Gedankensprünge, Zufälle und eine ganze

149 Siehe die Diskussion auf S. 93-96.

141
Palette anderer subjektiver Wahrnehmungen sieht man gemeinhin
als entscheidend für das an, was ein Mensch glaubt und was man
zu »wissen« meint – wie also die Struktur unserer Denkgrund-
lagen und Methoden ist.
4. Menschen der Postmoderne sind wahrscheinlich mit per-
sönlichen Berichten zufrieden – d.h. damit, dass ihnen ihre Ge-
sprächspartner die eigene Lebensgeschichte erzählen und ihnen
erklären, wie sie die Dinge sehen. Sie beargwöhnen wohl eher die
sogenannte »Meta-Erzählung«, die große Geschichte, die den An-
spruch erhebt, alle Aspekte des Lebens erklären zu können, oder
die behauptet, für alle Menschen wahr zu sein.
5. Selbst die Disziplinen der exakten Wissenschaft bleiben von
der postmodernen Analyse nicht verschont. Auf dem Gebiet der
Naturwissenschaften ist es möglich, zwischen »radikalem« und
»gemäßigtem« Postmodernismus zu unterscheiden (ich komme
auf diese Unterscheidung zurück). Natürlich räumen Vertreter
der Postmoderne ein, dass es einige besondere wissenschaftlichen
»Fakten« gibt (so dreht sich z.B. die Erde um ihre eigene Achse,
bezogen auf Meeresspiegelhöhe kocht Wasser bei 100° C). Den-
noch besteht der Postmodernismus in all seinen ernsthaften For-
men darauf, dass die großen Theorien, die der Wissenschaft zu
ihrem heutigen Entwicklungsstand verhelfen, in beträchtlichem
Maße gesellschaftlich bestimmte Auslegungen sind. Die gleichen
»Fakten« könnten auch ganz anders hergeleitet werden.
Nachdem ich dargelegt habe, worin die »Postmoderne« nach
meinem Verständnis (besonders im nordamerikanischen Kontext)
besteht und wie der Begriff am zweckmäßigsten gebraucht wer-
den kann, muss ich jetzt einige ihrer Stärken und Schwächen dar-
legen.

Stärken der postmodernen Erkenntnistheorie


Die postmoderne Erkenntnistheorie weist mehrere Stärken auf,
für die wir dankbar sein können.
1. Sie hat sehr wirkungsvoll die Schwächen und Anmaßungen
verschiedener Facetten der Moderne aufgedeckt. Das Denken der

142
Aufklärung ist oft einem munteren und mitunter ungerechtfertig-
ten Optimismus erlegen, dann aber mit ungehinderter Überheb-
lichkeit hervorgebrochen. Die Postmoderne hat nachhaltig die
Achillesferse der modernen Erkenntnistheorie entlarvt: Die End-
lichkeit des »Ich« bedeutet, dass der Weg zur Gewissheit in Bezug
auf fast alle Dinge weitaus schwieriger ist, als viele Denker der
Aufklärung angenommen haben. Die nachträglich anerkannten
Fehler waren in gewisser Weise daran beteiligt, zu dieser Schluss-
folgerung zu kommen. Letztendlich hat sich hinsichtlich vieler
Sachverhalte, die als »wissenschaftlich« bezeichnet wurden, im
Laufe der Zeit und aus einem Abstand heraus das Gegenteil er-
wiesen. Dazu gehören Phrenologie (Anmerkung des Überset-
zers: Anschauung, wonach man anhand der menschlichen Schä-
delformen auf bestimmte geistig-seelische Veranlagungen schlie-
ßen muss), Marxismus, Überlegenheit der arischen Rasse, Phlo-
giston-Theorie der Verbrennung (Anmerkung des Übersetzers:
Mit «Phlogiston« ist nach einer wissenschaftlichen Theorie des 18.
Jahrhunderts jener Stoff gemeint, der allen brennbaren Körpern
beim Verbrennungsvorgang entweichen soll.) und vieles mehr.
Die Rollen, welche die Vernunft und das methodisch kontrollierte
Vorgehen für die menschliche Erkenntnis spielen, sind in der mo-
dernen Welt gelegentlich stark überbetont worden. Vor allem ist
die Grenze zwischen den Wahrnehmungen eines endlichen Men-
schen und dem Verständnis der objektiven Realität zweifellos un-
klarer und schwieriger zu bestimmen, als im Rahmen der Moder-
ne häufig angenommen wurde (obwohl ich weiter unten argu-
mentieren werde, dass diese Grenze keineswegs so undefinierbar
ist, wie die Postmoderne häufig behauptet).
2. Die Postmoderne ist offen dafür, über nicht lineare und me-
thodisch ungenaue Faktoren im menschlichen Erkenntnisprozess
nachzudenken. Sie bemüht sich mehr als das ihr vorangehende er-
kenntnistheoretische System (Anmerkung des Übersetzers: d.h.
die Moderne) darum, die Bedeutung der auf innerer Eingebung
beruhenden Fantasiesprünge hervorzuheben, die mitunter so-
gar in der Wissenschaft eine enorm große Rolle spielen. Dies ver-
anlasst uns dazu, ein wenig mehr über die Funktion der Metapher

143
und darüber nachzudenken, dass persönliche Erfahrungen in un-
geheuer großer Vielfalt unser Urteilsvermögen prägen. Außerdem
denken wir dadurch stärker über den Einfluss der Kultur auf un-
sere Denkweisen und darüber nach, wie diese und andere Fak-
toren in Wechselbeziehung zueinander stehen.
3. Die Postmoderne ist sensibel gegenüber der kulturellen Viel-
falt auf der Welt. Natürlich war sie allzu schnell mit der Behaup-
tung zur Hand, dass bestimmte Kulturen an sich genauso »rich-
tig« bzw. »gut« seien wie alle anderen Kulturen. (Ist eine Kultur,
die Kinderopfer praktiziert, in dieser Beziehung ebenso gut wie
ein Kultur, die diese Praxis verabscheut? Ist in dieser Hinsicht
eine stärker von Rassentrennung geprägte Kultur genauso gut
wie eine Kultur, die Rassenschranken mehr überwindet?) Den-
noch ist die Postmoderne zumindest schnell dabei gewesen, die
leichtfertig vertretene Annahme zurückzuweisen, dass »meine«
bzw. »unsere« Kultur allen anderen zwangsläufig überlegen sei –
eine weitverbreitete, dem Kolonialismus zugrunde liegende Sicht-
weise. Insofern begünstigt die Postmoderne das Anliegen, demü-
tiger hinzuhören und sich mit größerer Achtung vor dem anderen
zu bemühen, ihn zu verstehen, selbst wenn man ihm letztendlich
nicht zustimmt. Dies ist zweifellos ein positiver Sachverhalt.
4. Vor allem fordert die Postmoderne nachdrücklich, dass man
die Auswirkungen der Endlichkeit in Bezug auf alle menschlichen
Erkenntnisansprüche anerkennen muss. Ich werde zu gegebener
Zeit nachweisen, dass die Postmoderne diese Auswirkungen nicht
immer mit gebührender Kompetenz geklärt hat. Sie hat aber we-
nigstens eingeräumt, dass es unanfechtbare Sachverhalte gibt, die
der Tatsache menschlicher Begrenztheit entspringen: Alle mensch-
liche Erkenntnis ist demnach zwangsläufig der Endlichkeit derje-
nigen unterworfen, die darüber verfügen. Ja, auf einer gewissen
Ebene könnten Christen durchaus argumentieren, dass die Post-
moderne an dieser entscheidenden Stelle nicht weit genug gehe.
Christen gehen nicht nur von der menschlichen Endlichkeit, son-
dern auch von der menschlichen Verderbtheit aus. Wir machen
Fehler – und zwar nicht nur, weil wir nicht allwissend sind, son-
dern auch, weil wir uns in Verderbnis befinden sowie in mora-

144
lischer Hinsicht blind, überaus egoistisch und geneigt sind, uns zu
entschuldigen sowie uns selbst zu rechtfertigen.
Die Frage, die wir demnach stellen müssen, geht zunächst vom
unanfechtbaren Eingeständnis aus, dass alle Menschen, die über
Erkenntnis verfügen, endliche Wesen sind. Sie respektiert die kul-
turelle Vielfalt der Menschheit und die Verschiedenartigkeit der
Faktoren, die in das menschliche Erkennen einfließen. Sie berück-
sichtigt das Böse, das im menschlichen Herzen lauert und leicht
Erkenntnisansprüche in den Machtanspruch totalitärer Systeme
und Machtgier verkehrt. Angesichts all dieser Eingeständnisse
lautet die Frage folgendermaßen: Können wir dennoch über das
reden, was wahr oder Ausdruck objektiver Wirklichkeit ist? Ver-
treter des radikalen Postmodernismus bestehen darauf, dass dies
unmöglich ist. Und genau hier liegt das Problem.

Schwächen der postmodernen Erkenntnistheorie


Trotz all ihrer Einsichten lässt die postmoderne Erkenntnistheorie
verschiedene Schwächen auf unterschiedlichen Gebieten erken-
nen – Schwachpunkte, denen man sich stellen und die man an-
sprechen muss. Ich werde vier davon anführen.
1. Viele Verfechter der Postmoderne lassen die Diskussion
auf eine Antithese hinauslaufen, die durch Manipulation herbei-
geführt worden ist. Diese Antithese sieht wie folgt aus: Entweder
können wir Menschen einen Sachverhalt uneingeschränkt, voll-
kommen und vollständig – man könnte auch sagen: als Allwis-
sende – erkennen, oder wir Menschen sind bestenfalls imstande,
irgendetwas aus einer begrenzten Perspektive zu betrachten. Da-
bei haben wir keinerlei Methoden, um herauszufinden, ob unse-
re Perspektive für das Ganze von Bedeutung ist oder nur eine ver-
zerrte Sicht des Ganzen, eine entstellte Sicht des Ganzen usw. be-
inhaltet. Dies ist eben darin begründet, dass wir nicht erkennen
können, worin das Ganze besteht. Diese Antithese soll jeden ver-
anlassen, sich einen postmodernen Wahrheitsansatz anzueignen.
Da man aber leicht zeigen kann, dass kein Mensch oder kein Per-
sonenkreis je eine vollkommene und vollständige Erkenntnis im

145
Blick auf irgendetwas erwerben kann, bleibt laut Antithese nur
eine Alternative übrig: Unser Wissen hat nicht nur Ausschnitt-
charakter, sondern darüber hinaus können wir auch nicht über-
prüfen, inwieweit das, was wir unserer Meinung nach wissen, tat-
sächlich mit dem Ganzem – mit der Wirklichkeit – übereinstimmt.
Der Antithese zufolge müssen wir engagierte Relativisten sein –
d.h. diejenigen, die behaupten, dass menschliche »Erkenntnis« nie
über die Perspektive irgendeiner Einzelperson bzw. irgendeiner
Gruppe in ihrer Endlichkeit hinausgehe, wobei den Betreffenden
jede Möglichkeit fehle, die relative Bedeutung einer Sichtweise
zu erfassen, da keiner von uns die eigene Sichtweise mit der letz-
ten Wirklichkeit vergleichen könne. Letztendlich betrachten ande-
re Menschen das Gleiche aus einer anderen Perspektive: Wer will
da sagen, welche Perspektive der Wirklichkeit des Ganzen näher-
kommt, wenn niemandem der Blick auf das Ganze vergönnt ist?
Kurz gesagt: Wenn die Antithese richtig ist und wenn darüber
nichts weiter zu sagen ist, dann driften wir in Richtung postmo-
derne Erkenntnistheorie ab. Diese Antithese wird nur selten in der
Literatur erörtert, obwohl sie fast überall von postmodernen Auto-
ren vorausgesetzt wird. Dennoch sind darin einige Probleme ver-
borgen, die vielfach nicht erkannt werden, aber unbedingt ange-
sprochen werden müssen. Das wichtigste dieser Probleme besteht
darin, dass damit ein Maßstab gesetzt wird, der unerreichbar hoch
ist. Im Grunde verlangt die Antithese, dass wir gottgleich sind –
und zwar im Blick auf seine Allwissenheit –, weil uns sonst für im-
mer die Möglichkeit verwehrt bleibt, sicher zu wissen, worin ir-
gendwelche objektiven Sachverhalte bestehen. Wenn dieser allein
zulässige Maßstab angelegt wird, können wir objektive Sachver-
halte nur als Allwissende mit letzter Gewissheit erkennen. In die-
sem Fall kommt die Antithese natürlich zur Wirkung: Wir Men-
schen sind nicht allwissend.
Aber ist es nicht auch möglich, auf legitime Weise davon zu re-
den, dass endliche Wesen tatsächlich etwas Objektives erkennen?
Mit anderen Worten: Gemessen an dem Maßstab der Allwissen-
heit trägt zweifellos alles menschliche Erkennen relativistische
Züge. Aber folgt daraus, dass es aufgrund der Beschränkungen,

146
welche die Endlichkeit vom Wesen her mit sich bringt, völlig un-
möglich ist, etwas wahrheitsgemäß zu erkennen? Kann man von
einem eingestandenen Relativismus Schritte in Richtung Erkennt-
nis dessen gehen, was objektiv wahr ist?
Ich werde demnächst etwas ausführlicher auf diese Fragen ein-
gehen. Im Augenblick genügt dazu folgende Feststellung: Wissen-
schaftler, die sich in gewisser Weise als zum postmodernen Lager
gehörig betrachten, neigen an dieser Stelle dazu, sich in zwei Rich-
tungen aufzuteilen (obwohl die Grenze zwischen den beiden Rich-
tungen nicht immer so eindeutig ist): Einerseits gibt es diejenigen,
die diese Antithese sehr ernst nehmen und die Schlussfolgerung
ziehen, dass wir Menschen keinerlei objektive Erkenntnis besitzen
könnten. Alles, was wir als Vernunftwesen je unter »Wahrheit«
verstehen können, umfasse das, was für irgendeine Einzelper-
son oder eine Gruppe »wahr« sei. Bezeichnen wir diese Position
als radikalen oder kompromisslosen Postmodernismus. Andererseits
gibt es jene, die natürlich einräumen, dass menschliche Erkenntnis
zwangsläufig dem Relativismus unterworfen ist (schließlich ge-
hört diese Position zu dem, was sie als Vertreter der Postmoder-
ne auszeichnet). Dennoch behaupten sie, dass wir Menschen uns
in gewisser Hinsicht der Wahrheit im objektiven Sinne annähern
könnten. Wir werden weiter unten darüber nachdenken, wie sie
zu dieser Schlussfolgerung gelangen. Nennen wir diesen Stand-
punkt gemäßigten oder kompromissbereiten Postmodernismus.
Kurz gesagt stützt sich der radikale Postmodernismus auf die
Antithese, die ich soeben beschrieben habe. Er folgert dann, dass
alle menschliche Erkenntnis kein Wissen im Sinne objektiver Wahr-
heit sein könne, weil sie nie den sicheren Standpunkt eines allwis-
senden Wesens habe. Der gemäßigte Postmodernismus gründet
sich auf diese Antithese, um zu bekräftigen, dass alle menschliche
Erkenntnis notwendigerweise vom Relativismus durchdrungen
ist (schließlich können wir unserer Endlichkeit nicht entrinnen).
Er befasst sich damit aber etwas näher, um Möglichkeiten vorzu-
schlagen, anhand derer Menschen einige wahre Sachverhalte er-
kennen können, selbst wenn dieses Wissen nie vollständig ist. Ge-
rade wenn sich Verfechter des radikalen Postmodernismus die-

147
ser Antithese bedienen, führt dies zu Manipulationen von erschre-
ckendem Ausmaß.
2. Die zweite Schwäche der postmodernen Diskussion, ins-
besondere unter den Vertretern des kompromisslosen Postmoder-
nismus, besteht in Folgendem: Ungeachtet dessen, wie groß die
Schwierigkeiten im Erkenntnisprozess und bei der Weitergabe von
Sachverhalten an andere Menschen sind, werden dennoch viele
Sachverhalte erkannt und wirksam weitergegeben. Nehmen wir
an, dass der Maßstab vollkommene Verständigung untereinander ist
– d.h., absolut alles, was die Ausgangsperson denkt und empfin-
det, wird genau in der richtigen Gewichtung mit den richtigen Un-
tertönen sowie im richtigen geschichtlichen und kulturellen Kon-
text mit hundertprozentiger Genauigkeit von demjenigen erfasst,
der die Mitteilung bekommt, hört oder liest. Dann lässt sich wie-
derum leicht nachweisen, dass keine Verständigung untereinander
vollkommen ist. Wenn aber der Maßstab niedriger angelegt wird,
dann können wir einige Aspekte des aristotelischen Denkens, des
paulinischen Denkens und der Gedanken des Thomas von Aquin
ebenso erkennen wie das, was unser Nachbar von nebenan denkt.
Ein Blick auf die derzeitige Debatte unter Wissenschaftsphi-
losophen ist hier vielleicht hilfreich. In der Vergangenheit haben
Wissenschaftsphilosophen besonderen Wert auf verschiedene Ele-
mente gelegt, die Bestandteile jenes Erkenntnisguts sind, das wir
Wissenschaft nennen. Einige haben sich auf die bedeutsame Rol-
le der Vernunft konzentriert (Rationalismus), während andere die
Stellung des Experiments unter kontrollierten Bedingungen betont
haben (Empirismus). Einige verbinden diese und andere Elemente
in dem Versuch miteinander, die sprunghafte, nicht lineare Wis-
senschaftsentwicklung mithilfe empirischer Methoden nachzu-
weisen. Demzufolge werden Theorien vorgebracht und überprüft,
konkurrierende Theorien bis zu ihrer Widerlegung verteidigt und
schwer einzuordnende Daten gesammelt, bevor irgendeine, bis-
lang maßgebliche Theorie notgedrungen durch eine andere er-
setzt werden muss. Alle daran Beteiligten räumen dabei ein, dass
es ein schwieriges Unterfangen ist, die »wissenschaftliche Metho-
de« zu definieren.

148
Nun ist jedoch unter dem Einfluss der postmodernen Erkennt-
nistheorie ein anderer Wissenschaftsansatz in einigen Kreisen in
Mode gekommen, der oft als »Konstruktivismus« bezeichnet wird.
Diese Verfechter des sozialen Konstruktivismus behaupten, dass
die Schlussfolgerungen der Wissenschaft weniger das Ergebnis ver-
nunftbestimmter Bemühungen beim Überprüfen des Beweismate-
rials als vielmehr das Resultat gesellschaftlicher Einflüsse seien.
Es gibt viele Gründe dafür, diese Argumentation zu überneh-
men. Einige berufen sich auf das einflussreiche Werk von Tho-
mas Kuhn.150 Kuhn argumentierte, dass Wissenschaftler nicht ein-
fach fundierte Fakten aneinanderreihen oder nach logischen Ge-
sichtspunkten Anpassungen an bestehende Theorien vornehmen
würden, die erforderlich seien, wenn immer mehr Daten vorge-
legt werden. Vielmehr fänden Wissenschaftler plötzlich irgendein
neues Paradigma, irgendein neues Modell, das Grundlage einer
anderen Weltanschauung sei. Diese Phasen intensiver kreativer
Tätigkeit würden »Paradigmenwechsel« beinhalten. Wenn sie of-
fensichtlich genügend Menschen überzeugen würden, stelle sich
die betreffende wissenschaftliche Gemeinschaft auf die Seite der
neuen Theorie und beginne, im Rahmen des neuen Paradigmas
zu arbeiten. Einige gehen noch weiter. Sie argumentieren, dass
selbst kontrollierte Experimente eine entsprechende Theorie nicht
im endgültigen Sinne überprüfen könnten. Im Grunde genom-
men hänge die zu überprüfende, zutiefst theoretische Voraussa-
ge vom maßgeblichen Paradigma und von verschiedenen Theo-
rien sowie Annahmen ab, die dieses Paradigma untermauern oder
infrage stellen. Dazu kämen Beobachtungen, deren Rahmen selbst
von Wirklichkeitsannahmen vorgegeben werde, die nicht endgül-
tig überprüft worden seien.151 Das Paradigma selbst beeinflusse
dann die Fachwelt, den Arbeitsbereich der Wissenschaftler – ja, es

150 Thomas S. Kuhn, The Structure of Scientific Revolutions, 2. Aufl. (Chicago: Uni-
versity of Chicago Press, 1970; die deutsche Ausgabe erschien unter dem Titel Die
Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt/Main.: Suhrkamp, 1993).
151 Siehe in der diesbezüglich umfangreichen Literatur z.B. H.M. Collins, »The
Meaning of Experiment: Replication and Reasonableness«, in Dismantling Truth:
Reality in the Post-Modern World, Hrsg. Hilary Lawson und Lisa Appignanesi (New
York: St. Martin’s Press, 1989), S. 88.

149
gebe ihr das entscheidende Gepräge. An dieser kritischen Stelle
hat es den Anschein, als umfasse wissenschaftliche Erkenntnis le-
diglich das anerkannte Traditionsgut, das von einer bestimmten
Gemeinschaft Intellektueller, nämlich den Wissenschaftlern, ver-
teidigt werde. Diese würden sich eben der Forschung in dem je-
weiligen Fachgebiet widmen. Damit umfasse es nichts anderes als
das Glaubenssystem dieser Gruppe von Wissenschaftlern an die-
sem Punkt in der Geschichte.
Ein Beispiel mag hilfreich sein. Diejenigen, die sich stark für
diese postmoderne Betrachtungsweise wissenschaftlicher Er-
kenntnis einsetzen, fordern regelmäßig soziologische Erklärungen
für gewisse Fragen. Bei diesen Fragen geht es nicht nur darum,
weshalb ein spezieller Wissenschaftler an einem bestimmten wis-
senschaftlichen Problem interessiert war und wieso er beschlossen
hat, es soundso anzugehen, sondern auch um den Inhalt der wis-
senschaftlichen Theorien selbst.152 In den Jahren der Weimarer Re-
publik wandten sich viele deutsche Denker vom mechanistischen
Weltbild ab, um Anhänger des Mystizismus zu werden. Fortan
wurden Physiker mit wachsendem Argwohn angesehen (Anmer-
kung des Übersetzers: Damit sind neben der Quantenmechanik
allgemein vor allem Albert Einstein mit seiner Relativitätstheo-
rie, Werner Heisenberg mit seiner Unschärferelation und Max
Planck mit seinem Planckschen Wirkungsquantum gemeint. All
diese Neuerungen stellten das bisherige mechanistische Weltbild
infrage.). Dies ist darin begründet, dass gewissen Behauptungen
zufolge Physiker selbst die nicht deterministische, nicht kau-
sale – man kann fast sagen, die mystische – Theorie der Quanten-
mechanik entwickelt haben. Mit ihrer Hilfe konnten sie die hohe
soziale Stellung zurückgewinnen, die sie verloren hatten. Somit
entstand nach diesen Behauptungen – zumindest in der deutschen
Tradition – die Quantenmechanik infolge gesellschaftlicher Ambi-
tionen und nicht aufgrund experimenteller Daten, die zwangsläu-
fig zu ihrer Ausarbeitung führten, oder durch vernünftige Gedan-
kengebäude auf der Grundlage dieser Daten.

152 Siehe z.B. Barry Barnes, David Bloor und John Henry, Scientific Knowledge: A
Sociological Analysis (London: Athlone Press, 1996).

150
Dieser Ansatz des wissenschaftlichen Denkens wird gemein-
hin mit Vertretern des radikalen Postmodernismus verbunden. Im
Grunde genommen ist heute nahezu jeder ein Verfechter des ge-
mäßigten Postmodernismus: Jeder von uns erkennt nämlich an,
dass persönliche und gesellschaftliche Dimensionen eine Rolle
spielen, wenn es darum geht, wie und warum Wissenschaftler an
bestimmte Fragen so herangehen, wie wir dies beobachten kön-
nen. Mehr noch: Genauso, wie das Englische an sich ein kultu-
relles Phänomen ist, ist auch das von englischsprachigen Wissen-
schaftlern genutzte Teilgebiet dieser Sprache ein solches.
Dennoch bringt diese nüchterne postmoderne Analyse wissen-
schaftlicher Erkenntnis Wissenschaftler sehr häufig aus der Fas-
sung. Sie verweisen oft darauf, dass praktisch keiner der radikalen
Postmodernisten Wissenschaftler ist oder sich auf dem von ihm
angesprochenen Gebiet auskennt. Es geht insbesondere um Fol-
gendes:
a. Sehen wir uns nochmals die schleichende Einführung der
widerwärtigen, uneingeschränkt gültigen Antithese an, auf die
ich bereits aufmerksam gemacht habe. Uns wird versichert, dass
Experimente eine Theorie nicht in irgendeinem endgültigen Sinne
überprüfen könnten. Das mag stimmen, wenn mit der Verwen-
dung von »endgültig« stillschweigend der absolute Wirklich-
keitsbezug vorausgesetzt wird, den nur die Allwissenheit gewähr-
leisten kann. Doch sind wir demnach zu der Schlussfolgerung ge-
zwungen, dass alle wissenschaftliche (und sonstige) Erkenntnis
nichts als eine soziale Konstruktion sei?
b. Thomas Kuhn wird von den Vertretern der Postmodernen
regelmäßig falsch wiedergegeben. Genauer gesagt, hat man Fol-
gerungen aus seiner Theorie der Paradigmenwechsel gezogen, die
er selbst vermutlich nicht anerkannt hätte. Es hat jedenfalls vielfäl-
tige bedeutsame Bestrebungen gegeben, die darauf abzielen, den
kuhnschen Vorschlag erheblich abzuändern oder – besser noch –
ihn in eine umfassendere Sicht dessen einzubeziehen, was in das
wissenschaftliche Erkenntnisstreben einfließt.153 Dass Paradigmen-

153 Zu den besten Veröffentlichungen, die Kuhns Werk zeitnah aufgreifen, gehö-

151
wechsel stattfinden, stellt niemand infrage. Sie werden aber oft da-
durch ausgelöst, dass die Sammlung neuer Daten entscheidend
vorankommt. Sie führt zwangsläufig zu dem Eingeständnis, dass
die alte erklärende Theorie Mängel aufweist. Ist die Beweislast der
zusammengetragenen Daten erdrückend groß geworden, ist die
Zeit gekommen, die alte Theorie durch eine bessere Theorie zu
ersetzen, welche die neueren und umfassenderen Daten erklären
kann. Mit anderen Worten: Daten besitzen in der Regel eine ge-
wisse Triebkraft bei der Herausbildung einer neuen Theorie, selbst
wenn die Entstehung einer neuen Theorie teilweise mit einem in-
tuitiven Sprung zu tun hat. Der Grund dafür, dass viele Wissen-
schaftler die neue Theorie so schnell übernehmen (mit anderen
Worten der Grund für den »Paradigmenwechsel«), findet sich im
Erklärungswert der neuen Theorie. Und zumindest in einigen Fäl-
len erweist sich die alte Theorie nicht als falsch, sondern vielmehr
als unzulänglich – d.h., sie wird in einer begrenzten Anzahl von
Fällen weiterhin völlig zu Recht angewandt. Die einsteinsche Rela-
tivität hat die newtonsche Physik weniger über Bord geworfen als
vielmehr eine umfassendere Theorie geliefert. Newtonsche Glei-
chungen funktionieren nach wie vor, solange wir uns nicht mit
Geschwindigkeiten im Bereich der Lichtgeschwindigkeit oder mit
den besonderen Eigenschaften subatomarer Teilchen befassen.
c. Die Vertreter des radikalen Postmodernismus, die den Kon-
struktivismus am stärksten befürworten, sind zutiefst inkonse-
quent. Sie bestehen darauf, dass alle wissenschaftliche Erkennt-
nis (und insofern auch alle andere Erkenntnis) durch soziale Kon-
struktion hervorgebracht worden sei. Doch offensichtlich schlie-
ßen sie die eigene Erkenntnis hinsichtlich dieser Analyse von
dieser Behauptung aus. Mit anderen Worten: Sie sind davon über-
zeugt, dass ihre soziologische Untersuchung Ausdruck der Wahr-
heit ist. Es sei einmal dahingestellt, ob ihre soziologische Analy-
se wissenschaftlicher Erkenntnistheorie selbst eine soziale Kon-

ren Frederic Suppe, Hrsg., The Structure of Scientific Theories, 2. Aufl. (Urbana: Uni-
versity of Illinois Press, 1977), und Gary Gutting, Hrsg., Paradigms and Revolutions:
Applications and Appraisals of Thomas Kuhn’s Philosophy of Science (Notre Dame: Uni-
versity of Notre Dame Press, 1980).

152
struktion ist, die möglicherweise der Wirklichkeit entspricht oder
auch nicht. Wenn dem jedoch so ist, dann kann es sein, dass wis-
senschaftliche Erkenntnis in Wirklichkeit nicht mehr als eine sozi-
ale Konstruktion ist. Im Falle der deutschen Physiker nach dem
Ersten Weltkrieg bedeutet dies: Es kann sein, dass die beharr-
liche Behauptung der Konstruktivisten, wonach diese Deutschen
vom mechanistischen Weltbild zum Mystizismus übergewechselt
seien, nicht der Wahrheit entspricht. Sie könnte auch nur von Sozi-
alwissenschaftlern aufgestellt worden sein, die aus verschiedenen
kulturellen Gründen sie als Wahrheit verstanden wissen wollen.
Oder sie kann Teil der Wahrheit sein, die zusammen mit einigen
Fakten und Zahlen Physiker nachhaltig veranlasste, eine umfas-
sendere Theorie vorzuschlagen.154
d. Die Argumentation der Konstruktivisten wird den Anforde-
rungen der eigentlichen Wissenschaft nicht gerecht. Unter Physi-
kern war bekannt, dass die ältere Quantentheorie von Niels Bohr
einige Mängel hatte: Sie konnte einige entsprechende Daten nicht
erklären. Weil die von dem Physiker Werner Heisenberg vorge-
brachte Revision eine bessere Erklärung der anormalen Daten,
insbesondere des »Zeeman-Effekts«, lieferte, akzeptierten Physi-
ker letztendlich die neue Quantentheorie. Das bedeutet jedoch,
dass Theorien in entscheidendem Maße auf Daten und intellek-
tuelle Tätigkeit angewiesen sind, wobei soziale Ziele keine Rol-
le spielen. Drücken wir es anders aus: Die neuere Theorie erklärt
mehr Daten als die alte Theorie. Dabei stellt sich heraus, dass die
erstgenannte eine größere Vorhersagekraft besitzt. Sie kommt da-
her nach allgemeiner Meinung der Wahrheit – d.h. der tatsäch-
lichen Zustandsbeschreibung des Universums – näher. Doch der-
artige wissenschaftliche Faktoren, die bei der Übernahme einer
neuen Theorie ins Spiel kommen, werden in den Arbeiten der Ver-
treter des radikalen Postmodernismus umgangen oder nicht ein-
mal bewertet. Mit anderen Worten: Die radikalen Konstruktivisten
beziehen einfach zu wenige Daten ein.

154 Im Blick auf dieses Beispiel bin ich James Robert Brown zu Dank verpflichtet;
vgl. sein Werk Who Rules in Science? An Opinionated Guide to the Wars (Cambridge,
USA: Harvard University Press, 2001), S. 256.

153
Es liegt für die meisten Menschen auf der Hand, dass die wis-
senschaftliche Erkenntnis zugenommen hat. Dennoch ist sie nicht
vollständig und nicht allumfassend. Einige Theorien werden im-
mer noch überprüft. Viele Physiker sind z.B. der Ansicht, dass es
eine umfangreiche Überarbeitung der Relativitätstheorie oder der
Quantentheorie bzw. beider Theorien werde geben müssen. Viel-
leicht müsse auch ein umfassenderes Paradigma entstehen, um
den heiligen Gral der »einheitlichen Feldtheorie« ins Leben ru-
fen zu können. Damit könnte man überzeugend nachweisen, dass
alle vier grundlegenden Kräfte zueinander in Beziehung stehen
(Anmerkung des Übersetzers: Physiker sprechen von vier Wech-
selwirkungskräften, denen bestimmte Kopplungskonstanten zu-
geordnet sind, welche die Materie »im Innersten zusammenhal-
ten«: die elektromagnetische, die gravitative, die schwache und
die starke Wechselwirkungskraft. Dabei ist zu beachten, dass die
schwache Wechselwirkungskraft in der Atomhülle wirksam ist,
während sich die starke im Atomkern findet.). Doch vergleichen
wir die derzeitige Sachlage mit dem Kenntnisstand auf dem Ge-
biet der Physik vor einhundert oder vor fünfhundert Jahren. Ver-
folgen wir einen ähnlichen Fortschritt (wobei »Fortschritt« in die-
sem Fall das richtige Wort ist) in den Bereichen Biologie, Chemie,
Insektenkunde oder Astronomie. Wir wissen weitaus mehr über
die physikalischen Realitäten unserer Welt und unseres Univer-
sums als unsere Vorfahren vor fünfhundert Jahren. Es geht dabei
nicht nur darum, dass wir uns jetzt über eine andere, aus sozialen
Gründen konstruierte Theorie freuen, wobei die eine Theorie der
eigentlichen Wirklichkeit des Universums nicht näherkommt als
die andere. Wir wissen mehr über die Aerodynamik als je zuvor.
Deshalb können wir Flugzeuge bauen, die so zuverlässig fliegen.
Wir wissen mehr über den subatomaren Aufbau, sodass dadurch
Ärzte befähigt werden, unseren Körper mit Kernspintomografen
zu untersuchen. Wir wissen mehr über Genetik und Mikrobiolo-
gie sowie Metalllegierungen und Meteorologie.
Zu meiner Überraschung erkennen Vertreter des radikalen
Postmodernismus die Stellung des »kritischen Realismus« nur
sehr widerwillig an. Kritische Realisten sind der Meinung, dass

154
Bedeutungen hinreichend ermittelt werden können – im Gegensatz
zu naiven Realisten, die zu der Auffassung neigen, dass man Be-
deutungen vollständig bestimmen könne. Bleiben noch die Nicht-
Realisten. Sie vertreten die Ansicht, dass man objektive Bedeu-
tungen nicht festlegen könne. Anders ausgedrückt: Im Bereich der
Wissenschaft bestehen kritische Realisten darauf, dass sich wis-
senschaftliche Theorien tatsächlich der natürlichen Welt annähern,
die unabhängig von allen entsprechenden wissenschaftlichen Be-
schreibungen existiert (daher reden sie von »Realismus«). Diese
Theorien müssten aber fortwährend untersucht, einer kritischen
Prüfung unterzogen, verbessert, überarbeitet, ersetzt und beurteilt
werden (daher das Adjektiv »kritisch«). Doch wenn die radi-
kalen Postmodernisten auf den kritischen Realismus Bezug neh-
men, tun sie dies fast immer mit ziemlich geringschätzigen An-
merkungen.155
Obwohl wir jetzt über verschiedene außerwissenschaftliche Be-
reiche ausführlich diskutieren könnten, wählen wir die Geschich-
te als weiteres Beispiel. Wenn der Maßstab »absoluter Gewissheit«

155 Siehe z.B. Stanley J. Grenz, Renewing the Center: Evangelical Theology in a Post-
Theological Era (Grand Rapids: Baker, 2000), S. 242. Er erkennt an, dass kritische
Realisten »diesbezüglich irgendwie recht haben«. Dabei geht es nach seinen Aus-
führungen darum, dass es ein Universum gibt, das der Existenz von Wissenschaft-
lern, von Beobachtern, vorausgeht. Grenz räumt nicht ein, dass Wissenschaft-
ler tatsächlich bestimmte Sachverhalte dieses Universums erkennen können. Ja,
er fügt hinzu: »Wer meint, diese Überlegung [dass ein Universum besteht und es
den Wissenschaftlern selbst vorausgeht] reiche aus, um all das Gerede von sozi-
aler Konstruktion auf den Müllhaufen der Erkenntnistheorie zu werfen, hat jedoch
nicht verstanden, worum es geht.« Dann geht er zur weiteren Verteidigung des
Konstruktivismus über, indem er vor allem wieder darauf besteht, was Kultur ist.
Sie sei ein »kennzeichnendes System, wodurch … eine soziale Ordnung zwangsläu-
fig vermittelt, dargestellt, erfahren und erkundet wird« (S. 243; hier zitiert er Wor-
te von Raymond Williams). Ich behaupte aber, dass Grenz derjenige ist, der nicht
versteht, worum es geht. Die Frage lautet nicht, ob ein Universum existiert und
vor den Wissenschaftlern da war, sondern, ob Wissenschaftler irgendwelche wah-
ren Sachverhalte im Blick auf dieses Universum kennenlernen können, selbst wenn
ihre Erkenntnis begrenzt ist. Nur sehr wenige Wissenschaftler behaupten, dass ihre
fachlichen Entscheidungen keinerlei persönlichen oder sozialen Einflüssen ausge-
setzt sind. Gemäßigte Postmodernisten räumen ohne Weiteres solche Einflüsse ein.
Sie heben aber auch hervor, dass die beobachteten Daten, konkrete Messungen,
wiederholte Experimente und vernünftige gedankliche Konstruktionen bezüglich
dieser Daten uns veranlassen, schlechte Theorien zu verwerfen. Außerdem verhel-
fen sie uns dazu, das Universum entsprechend seiner tatsächlichen Erscheinungs-
form allmählich immer besser zu verstehen.

155
allwissende Erkenntnis erfordert, können wir freilich nie absolut
sicher sein, dass irgendetwas in der Vergangenheit stattgefunden
hat. Außerdem entgeht uns dessen volle Bedeutung. Ich bin au-
ßerstande, absolut zweifelsfrei nachzuweisen, dass ich im letz-
ten Jahr in der Tschechischen Republik war. Ich nehme an, dass
irgendein cleverer Untersuchungsbeamter nachprüfen könnte,
welche Flugverbindung ich laut Computer genommen habe. Er
könnte mit Zeugen reden, die mich dort gesehen haben, sowie die
Pastoren und andere Gemeindeglieder befragen, die mich dort ha-
ben reden hören. Er könnte feststellen, wie mein Name in diesem
oder jenem Freizeitzentrum registriert wurde. Aber Computer-
unterlagen können manipuliert werden, Zeugen kann man beste-
chen, und möglicherweise könnte jemand anders meinen Namen
angenommen und den Pastoren erzählt haben, dass er Don Car-
son sei, während sich in Wirklichkeit der echte Don Carson zum
Bergwandern in den Rocky Mountains aufhielt. Dennoch könnte
man sich auch normal mit gewöhnlichen Leuten unterhalten, die
keine unfehlbare Allwissenheit erwarten – bei solchen Gesprächen
kann man die Tatsache nachweisen, dass ich im letzten Jahr eine
gewisse Zeit in der Tschechischen Republik verbracht habe.
Genau dieselben Methoden gelten, wenn wir feststellen wollen,
was tatsächlich in früheren Zeiten geschah – mit einer Ausnahme:
Wir müssen den Tatbestand berücksichtigen, dass die Zeugen ver-
storben sind und nicht mehr befragt werden können. In manchen
Fällen sind die Aufzeichnungen so mangelhaft, so weit vom Zeit-
punkt des Geschehens entfernt, so verschiedenartig oder so wider-
sprüchlich, dass man praktisch nicht ermitteln kann, was wirklich
passierte. Doch in anderen Fällen sind die Aufzeichnungen zuver-
lässig, die Zahl der Zeugen ist groß, wobei die dokumentarischen
Belege aus der Zeit kurz nach dem Geschehen stammen. Darüber
hinaus sind die Gründe für die Schlussfolgerung, dass es tatsäch-
lich zu dem und dem Vorfall gekommen ist, stichhaltig: Dies ist die
geschichtliche Wahrheit. Diese Wahrheit umfasst nicht alle Aspekte
eines Geschehens, aber sie ist Teil der Wahrheit. Und wir können
sie so erkennen, wie Menschen alles andere ebenso erkennen – in-
dem sie sich Kenntnisse aneignen, die real und fundiert sind, ohne

156
die Züge von Allwissenheit zu tragen. Ja, wie wir in Kapitel 7 se-
hen werden, ist dies ein grundlegendes Element im Blick darauf,
wie Christen wissen, dass die Auferstehung Jesu Christi eine ge-
schichtliche Tatsache ist: Sie stützen sich auf Zeugen, die entspre-
chende Aufzeichnungen hinterließen (1. Korinther 15).
Doch die traurige Situation besteht gegenwärtig darin, dass
viele Vertreter der Postmoderne, insbesondere des radikalen Post-
modernismus, enorme Schwierigkeiten haben, diese Realitäten
anzuerkennen. Viele Studenten im Grundstudium, denen ich be-
gegnet bin, sind durch sympathische Denker der Postmoderne be-
einflusst worden. Diese Studenten verspüren ein sehr großes Un-
behagen, wenn es darum geht, dass es beim Reden über die Wahr-
heit irgendeinen kleinen Hinweis auf die allumfassende Gültig-
keit dieser Wahrheit gibt. Sie sagen nur widerwillig, dass etwas
wahr ist, und behaupten nur ungern, dass sie irgendeinen Aspekt
der Wirklichkeit wahrheitsgemäß beschreiben können. Dies ist
z.T. darin begründet, dass sie den Maßstab der Allwissenheit an-
legen. (Mit anderen Worten: Sie haben sich der widerwärtigen
Antithese gebeugt, die ich einige Seiten zuvor beschrieben habe.)
Teilweise liegt dies auch daran, dass ihrer Meinung nach Realitäts-
beschreibungen verworfen werden müssen, wenn man den Rela-
tivismus in irgendeiner Form akzeptiert. An dieser entscheidenden
Stelle möchte man lautstark protestieren, weil die postmoderne
Erkenntnistheorie nicht nur inkonsequent ist (da deren Vertreter
die Theorie für wahr halten), sondern sich gegenüber ziemlich of-
fenkundigen Phänomenen auch als blind erweist.
3. Die dritte Schwäche hinsichtlich eines Großteils der postmo-
dernen Theorie umfasst ihren Umgang mit moralischen Fragen.
Die radikalsten Postmodernen argumentieren, dass alle Unterschei-
dungen zwischen richtig und falsch nicht absolut zu setzen, son-
dern vielmehr soziale Konstruktionen sind. So gibt es in der ent-
sprechenden Literatur eine Vielzahl von Autoren, die argumentie-
ren, dass man selbst etwas so Schreckliches wie den Holocaust nur
aus einer bestimmten Perspektive als unheilvoll ansehen kann. Dies
sei aber aus anderen Blickwinkeln – z.B. aus der Perspektive der-
jenigen, welche die arische Überlegenheit vertreten – nicht der Fall.

157
Doch obwohl diese Position in einigen Kreisen noch verteidigt
wird, erweist sich – je länger, je mehr – ihre Unglaubwürdigkeit.
Dafür seien mehrere Gründe genannt:
a. Angesichts so vieler Missstände in der Welt ist diese Haltung
nach Ansicht der meisten Menschen, die ein feines Gespür haben,
gescheitert und anstößig.
b. Die Erfahrung zeigt, dass man ohnehin nicht lange damit le-
ben kann. Die französischen Existenzialisten bestanden darauf,
dass es keine letzte Unterscheidung zwischen richtig und falsch
gebe. Trotzdem unterzeichnete Jean-Paul Sartre das Algerische
Manifest (Anmerkung des Übersetzers: Es wurde 1960 veröffent-
licht und ist auch unter dem offiziellen Titel »Deklaration über das
Recht zur Dienstpflichtverweigerung im Algerienkrieg« bzw. als
»Manifest der 121” bekannt.), weil er davon überzeugt war, dass
das Vorgehen der französischen Regierung falsch war. Der größte
Teil der sozial-literarischen Kritik geht auf die französischen Wur-
zeln des Postmodernismus zurück. Diese Kritik wurde von Den-
kern verbreitet, die einer quasimarxistischen Sichtweise in Bezug
auf »gut« und »böse« in jeder beliebigen Gesellschaft zutiefst erge-
ben waren. Und all die postmodernen Denker unserer Zeit, die ich
sowohl persönlich als auch durch Literatur kennengelernt habe,
bestätigen, dass sie genauso viele Meinungen zum Thema »richtig
und falsch« haben wie der einfache Bürger von nebenan. Sobald
Sie z.B. Fragen nach der Irak-Politik von US-Präsident Bush, den
Rechten von Homosexuellen, dem Völkermord in Darfur und der
Bedeutung wirtschaftlicher Gerechtigkeit aufwerfen, zögern Ver-
treter der Postmoderne genauso wenig wie ihre Vorgänger in der
Moderne, zum Ausdruck zu bringen, was ihrer Ansicht nach die
richtigen und falschen situationsbezogenen Entscheidungen sind.
Sie lassen fast immer die eigenen Meinungen nicht nur für sich
gelten.
c. Wer die Situation an US-amerikanischen Universitäten wäh-
rend der letzten 50 Jahre auch nur ein wenig kennengelernt hat,
erkennt: Im Leben der jungen Menschen werden diese Heran-
gehensweisen des radikalen Postmodernismus an ethische Fra-
gen sehr schnell zur intellektuellen Rechtfertigung dafür, dass

158
jeder Einzelne persönlich nach uneingeschränktem Genuss
strebt.156
d. Einmal mehr erweist sich die Theorie als absurd: Die post-
moderne Theorie muss als richtig erhalten bleiben, um jeden letz-
ten Unterschied zwischen richtig und falsch auszutilgen. Wir wol-
len doch nicht etwa, dass etwas ziemlich Belangloses wie Moral
einer guten Theorie im Wege steht, oder? Aber letztendlich hat
sie schlicht den Bogen überspannt. Nach einer Weile zerfasert die
Theorie des radikalen Postmodernismus allmählich – einfach des-
halb, weil sie mit den schwierigsten moralischen Fragen unserer
Zeit nicht verantwortungsvoll umgehen kann.
Es gibt also nach wie vor viele wortgewandte postmoder-
ne Denker – besonders in Amerika –, die Bücher schreiben und
ihre Erkenntnistheorie verteidigen. Dennoch sehen sie sich im-
mer mehr Wissenschaftlern gegenüber, die sie kritisieren – und
diese Fachleute können nicht mehr ignoriert werden. Die Über-
zeugungskraft der detailreichen Theorie der Postmodernisten ist
noch geringer, als es früher der Fall war. Dies hat einen einfluss-
reichen Literaturkritiker, Terry Eagleton, dazu veranlasst, seinem
jüngsten Buch den Titel After Theory157 zu geben. Eagleton ist Mar-
xist, wobei meiner Ansicht nach einige seiner Argumente keines-
wegs überzeugend sind. Dennoch ist seine Kritik an den radi-
kalsten Formen des Relativismus, des liberalen Postmodernismus
und der Aufsplitterung der Gesellschaft in unzählige Gruppen so-
wie Subkulturen sowohl geistreich als auch tiefschürfend. So be-

156 Man denke an das tiefschürfende Buch von Richard Bauckham, God and the Cri-
sis of Freedom: Biblical and Contemporary Reflections (Louisville: Westminster John Knox
Press, 2002). Bauckham argumentiert, dass in der Bibel Freiheit als Befreiung von der
Sklaverei verstanden wird: Die Betreffenden können fortan dem lebendigen Gott die-
nen – ganz gleich, ob dies in den Rahmen des Auszugs aus Ägypten oder jener Frei-
heit von Sünde und ihren Konsequenzen gestellt wird, die durch Jesus verheißen
wurde. Doch im Rahmen der Aufklärung wurde das Streben nach Freiheit zur Su-
che nach menschlicher Selbstbestimmung. Und wir könnten hinzufügen, dass es im
Rahmen der Postmoderne, dem Hurenkind der Aufklärung, noch einfacher wird, die
verbleibenden Beschränkungen abzuschütteln, weil diese keine endgültige, absolu-
te Bedeutung haben. Es dauert nicht lange, bis deutlich wird, dass diese »Freiheit«
nichts als die ausgefallensten Formen der vergnügungsorientierten Selbstbehaup-
tung auf Kosten anderer beinhaltet, wodurch neue Zwänge die Oberhand gewinnen.
157 Terry Eagleton, After Theory (New York: Basic Books, 2003).

159
trifft eine seiner Beweisführungen z.B. den ordnungsgemäßen Ge-
brauch des Prädikats »ist wahr«. Er argumentiert, dass dabei den
Behauptungen, die mit dem Prädikat in Verbindung stehen, weit-
hin allumfassende Geltung zugeschrieben wird. Wenn nach Eagle-
tons Worten die Aussage »der Rassismus ist verwerflich« wahr ist,
dann gilt sie nicht nur für mich oder meine Subkultur, sondern
für jeden Menschen überall – sogar für diejenigen, die sie ableh-
nen (wodurch ihre Ablehnung verwerflich wird). Außerdem ge-
hört es zu unserer Würde als hinreichend vernunftbegabte Wesen,
die Wahrheit erkennen zu können. Nichts davon lässt die Tatsa-
che hinfällig werden, dass unsere Erkenntnis dieser Wahrheit in
den Rahmen einer bestimmten Kultur einzuordnen ist. Außerdem
wird dadurch die Tatsache nicht geleugnet, dass wir unmöglich
alles über Rassismus und seine Missstände wissen können. Damit
soll vielmehr gesagt werden, dass es sogar auf moralischem Ge-
biet möglich ist, einige Dinge wahrheitsgemäß zu erkennen. Ob-
wohl wir natürlich nichts allumfassend erkennen können, ist es
uns – vielleicht besser ausgedrückt – möglich, einige wahre Sach-
verhalte zu erkennen, selbst wenn wir im Blick darauf nicht alles
erkennen werden und erkennen können bzw. sie nicht in all ihren
Einzelheiten und Gewichtungen erfassen.
4. Die vierte Schwäche der postmodernen Theorie besteht dar-
in, dass sie auf eigenartige Weise das Absurde mit Anmaßung ver-
knüpft. Wir haben uns bereits mit dem Absurden befasst. Je weiter
diese Theorie des radikalen Postmodernismus ihren Weg in die Zu-
kunft nimmt, desto weniger einleuchtend wird sie. Dies ist in Fol-
gendem begründet: Je mehr sie darauf besteht, dass alle theoreti-
schen Haltungen soziale Konstruktionen sind und dass keinerlei
theoretisches Gedankengebäude in irgendeiner notwendigen Bezie-
hung zur objektiven Wahrheit steht, umso mehr untergräbt sie die
Wahrhaftigkeit ihrer eigenen Konstruktion. Die einsichtigsten Ver-
treter des radikalen Postmodernismus erkennen diesen absurden
Sachverhalt natürlich an, ohne allerdings deswegen den Rückzug
anzutreten. Sie sagen einfach, dass dies eben nun mal so ist, wobei
es nicht möglich sei, den Konsequenzen der unwiderlegbaren Tatsa-
chen unserer Begrenztheit und sozialen Verortung zu entkommen.

160
An dieser entscheidenden Stelle kommt die Anmaßung ins
Spiel. Die Postmoderne, die so wirksam die Anmaßungen der Mo-
derne entlarvt hat, lässt plötzlich ihre eigenen Anmaßungen er-
kennen. Die Bewegung, welche die Überheblichkeit des Aufklä-
rungserbes verspottete, offenbart damit ihre eigene Arroganz.
Wenn sich die Moderne ihres umfassenden Wirklichkeitsverständ-
nisses rühmt, dann stellt die Postmoderne heraus, dass sie nichts
von der Wirklichkeit versteht. Weder das Absurde ihrer dogma-
tischen Erkenntnistheorie noch die Auswirkungen echter Erkennt-
nisfortschritte werden die Verfechter der radikalen Postmoderne
dazu zwingen können, ihren Standpunkt zu ändern.
Diese vier Schwächen sind – neben vielen anderen – ausnahms-
los mit der Beziehung der Postmoderne zu Wahrheitsansprüchen
verbunden.

Eine ausgewogene Reaktion


Das Thema, das wir bis hierher in diesem Kapitel behandelt
haben, enthielt schon einige Reaktionen auf die verschiedenen
Formen der Postmoderne. Mithilfe der Postmoderne kann man
der Moderne wirkungsvoll begegnen, nicht zuletzt deshalb, weil
die Moderne ihren Ursprung nicht leugnen kann. Die Postmoder-
ne hat deutlicher als die Moderne gezeigt, wie zahlreich und ver-
schiedenartig die persönlichen und gesellschaftlichen Faktoren
sind, die in alles menschliche Erkennen einfließen. Indem sie die
unausweichlichen Konsequenzen menschlicher Endlichkeit her-
vorhob, hat die Postmoderne in angemessener Weise dazu bei-
getragen, den grundlagentheoretischen Fundamentalismus zu be-
seitigen. Infolgedessen betont sie die Bedeutung von Beziehungen
und Ästhetik. Sieht man die mit der Postmoderne einhergehenden
Bewegungen, die sie verstärkt haben (und aus denen sie Nutzen
gezogen hat), in der Gesamtschau, stellt man fest: Sie hat die pein-
liche und widerwärtige Seite des Absoluten entlarvt.
Andererseits ist der radikale Postmodernismus zutiefst
dem moralischen Relativismus verhaftet und von seiner eige-
nen Denkstruktur her unerhört absurd. Er versucht, sich das

161
Argumentationsmonopol anzueignen, indem er eine manipula-
tive und letztendlich törichte Antithese anwendet: Ihr zufolge
müsse es entweder jene uneingeschränkte und vollständige Er-
kenntnis geben, die nur die Allwissenheit auszeichne, oder aber
alle objektiven Erkenntnisansprüche müssten aufgegeben wer-
den.
Obwohl diese Antithese zu weit geht, erinnert uns die Post-
moderne jedoch immer wieder daran, dass wir alle Sachverhalte
jeweils aus unserer eigenen Perspektive sehen. In diesem Sinne
sind wir alle Relativisten. Ich erinnere mich an Carl F.H. Henrys
scharfsinnige Bemerkung über die Apologetik der Grundannah-
men (Anmerkung des Übersetzers: Form der Apologetik, die be-
sagt, dass alle menschliche Erkenntnis auf der Grundlage der Exis-
tenz Gottes, der Gesetze und der Natur beruht. Sie steht im ge-
wissen Gegensatz zu der auf Beweisen beruhenden Apologetik,
die Ungläubigen die Wahrheit des christlichen Glaubens mit dem
Verweis auf dessen Offensichtlichkeit, z.B. anhand der Geschicht-
lichkeit der Auferstehung Jesu Christi, nahebringen will.): »Es gibt
zwei Arten von Apologeten der Grundannahmen: Diejenigen, die
diese Apologetik akzeptieren, und jene, die sie ablehnen.« Ebenso
können wir ohne Weiteres behaupten, dass sich Vertreter des Re-
lativismus in zwei Arten einteilen lassen: Die einen bekennen sich
dazu, die anderen nicht.
Was ich als Nächstes erörtere, gibt dem entsprechenden Gedan-
kengang in zweierlei Hinsicht Impulse. Bevor ich dazu komme,
muss ich den gemäßigten Postmodernismus jedoch noch in ge-
wisser Weise rechtfertigen. Angesichts der Einsichten der Post-
moderne ergibt sich die Frage: Wie kann sie bekräftigen, dass es
Wahrheiten – allumfassende Wahrheiten – gibt, die man in ge-
wisser Weise erkennen und lehren kann? Wie kann man der Ten-
denz zum Relativismus entkommen, der dem radikalen Postmo-
dernismus innewohnt? Stellen wir die Frage anders: Inwieweit
sind wir berechtigt, die absolute Antithese, mit deren Hilfe Ver-
treter der Postmoderne so oft die Diskussion zu beherrschen su-
chen, zu verwerfen? Welche Alternative gibt es zu dieser absolu-
ten Antithese?

162
Denkmodelle als Verständnishilfen
Meiner Ansicht nach ist es möglich und angemessen, davon zu
sprechen, dass endliche Menschen einige Sachverhalte wahrheits-
gemäß – wenn auch nicht vollständig oder als Allwissende – er-
kennen können.158 Es lohnt sich, einige der Modelle zu prüfen, die
man vorgebracht hat, damit uns das Nachdenken über diese Sach-
verhalte leichter fällt.
Die Verschmelzung der Verstehenshorizonte. Nehmen wir
an, wir vergleichen die Gesamteinstellung von Menschen – ihre
Weltanschauung einschließlich ihrer Grundannahmen, ihrer Pri-
oritäten, ihres kulturellen Gepäcks und ihrer Glaubensüberzeu-
gungen – mit dem »Horizont« der Betreffenden, d.h. mit dem,
was sie sehen, wenn sie ihren geistigen Horizont abtasten. Offen-
sichtlich gibt es keine zwei Menschen, die genau den gleichen Ho-
rizont haben. Andererseits besitzen zwei Menschen mit sehr ähn-
lichem kulturellen Hintergrund und sehr ähnlicher Herkunft ähn-
liche Horizonte, während zwei Menschen mit ganz verschiedener
Herkunft unterschiedliche Horizonte haben. Wir könnten sagen,
dass sich dieser Horizont – oder der »Verstehenshorizont«, wie er
manchmal genannt wird – bei Paulus etwa zur Zeit der Abfassung
des Römerbriefs völlig von demjenigen unterscheidet, den ein im
21. Jahrhundert in Manhattan lebender Büroangestellter hat. Ihm,
der noch nie einen Abschnitt aus der Bibel gelesen hat, ist die pau-
linische Ausdrucksweise völlig fremd. Wie kann man von diesem
Angestellten erwarten, dass er das versteht, was Paulus in seinem
Brief an die Gemeinde in Rom schreibt?
Dennoch ist es in gewisser Hinsicht möglich, dass ein säkular
denkender Mensch Paulus versteht. Wenn er erstmalig den Römer-
brief liest, mag ihm dieser ziemlich unverständlich vorkommen.
Aber nehmen wir an, dass sich der Büroangestellte durch unge-
wöhnlich große Entschlossenheit auszeichnet, die Bibel von vorn

158 Diese Position ist in der Literatur ziemlich häufig und wird in jüngster Zeit in
den umfangreichen Schriften von Michael Polanyi vielleicht am deutlichsten dar-
gestellt. Einige Autoren (z.B. Lesslie Newbigin) haben im Gegensatz zu anderen
(z.B. John Frame, Esther Meeks) aus Polanyis Gedankengut relativierende Schluss-
folgerungen gezogen.

163
bis hinten durchliest, Griechisch lernt, sich an Bibelkursen beteiligt,
sich einige Bücher über Kultur und Sprachgebrauch im 1. Jahrhun-
dert vornimmt und alle paulinischen Schriften studiert. Der da-
bei stattfindende Prozess beinhaltet zwei Aspekte: Es geht darum,
den »Abstand« in dem Maße »zu vergrößern«, wie der Angestell-
te – ob Mann oder Frau – versucht, sich von Überzeugungen und
Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts zu entfernen. Zugleich geht es
darum, »Horizonte zu verschmelzen«, wenn er versucht, Dinge aus
der Perspektive des Paulus zu betrachten. Er will lesen, was Paulus
las, dessen Art des Wortgebrauchs verstehen und einige Aspekte
des historischen Umfelds kennenlernen, in dem Paulus sich be-
fand. Natürlich kann der Büroangestellte Sachverhalte nie genauso
wie Paulus sehen. Die Verstehenshorizonte verschmelzen nie voll-
ständig miteinander. Doch die Erfahrung zeigt, dass es ihm mög-
lich ist, sich dem paulinischen Denken viel weiter anzunähern, als
wenn er sich diesbezüglich nicht bemühen würde. Indem er wie-
derholt liest, sich gedanklich immer wieder von zeitgenössischen
Vorstellungen entfernt und den eigenen Horizont dem Blickfeld
des Paulus weitestgehend annähert, kann er dies erreichen.
Dies bedeutet natürlich nicht, dass jeder ein Paulusexperte sein
muss. Manchmal gelingt es den kompetentesten Vertretern eines
Fachgebiets, ihre Erkenntnisse zu vereinfachen und allgemein ver-
ständlich darzustellen, sodass sie ihre Forschungsergebnisse viel
schneller verbreiten, als sie brauchen, um sich entsprechendes
Wissen überhaupt erst anzueignen. Außerdem sind Kenner pau-
linischer Theologie gelegentlich unterschiedlicher Meinung. Ei-
nigen Lesern fehlt einfach teilweise die Auffassungsgabe anderer
Leser (so wie einige Läufer nicht mit anderen Läufern mithalten
können). Aber die ungeheuerlichsten Auslegungen paulinischer
Schriften oder irgendeines anderen literarischen Werkes der An-
tike können sich nicht lange halten, weil zu gegebener Zeit andere
Gelehrte deren Ungereimtheiten und Ungenauigkeiten entlarven.
Sobald irgendein neues Paradigma des Paulusverständnisses auf-
taucht, mag es zwei oder drei Jahrzehnte dauern, bis man es um-
fassend beurteilen und dann qualitativ verbessern oder verwerfen
kann (Anmerkung des Übersetzers: Der Autor vertritt hier nicht

164
die These, dass sich die »Paulusverständnisse« innerhalb der bi-
beltreuen Theologie ständig wandeln können. Vielmehr ist das
Paulusbild entsprechend dem neutestamentlichen Zeugnis klar
definiert. Kleine Veränderungen kann es nur in den Details geben,
wenn z.B. durch Textforschung, Entdeckung neuer Handschriften
aus antiker Zeit, archäologische Funde usw. neues Licht auf einzel-
ne Stellen geworfen wird.). Die Forschung in den Geisteswissen-
schaften braucht immer ihre Zeit. Doch im Laufe der Jahre über-
rascht die Feststellung, wie groß die Übereinstimmung unter Le-
sern mit ganz unterschiedlicher Herkunft im Blick darauf ist, was
der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer tatsächlich sagt.
Radikale Postmodernisten konzentrieren sich weiterhin auf
die Unterschiede, um uns zu der Schlussfolgerung zu bewegen,
dass wir die von Paulus beabsichtigte Bedeutung in Wirklichkeit
überhaupt nicht herausfinden, sondern nur die vom Ausleger be-
fürwortete Bedeutung erschließen könnten. Dabei handelt es sich
eindeutig um ein weiteres Beispiel der erwähnten manipulativen
Antithese: Wenn man den Brief des Paulus an die Römer nicht als
Allwissender verstehe, könne man ihn in Wirklichkeit gar nicht
verstehen – ausgenommen in jenem subjektiven Sinne, wonach
das Verständnis vom sozialen Umfeld des Betreffenden abhänge.
Damit habe es sein Bewenden. Dennoch kann man Paulus immer
besser verstehen, wenn man genügend Zeit und wiederholtes Le-
sen voraussetzt. Einige Aspekte des paulinischen Denkens können
wir durchaus erkennen, selbst wenn wir keinen davon vollkom-
men erkennen können.
Ich möchte hinzufügen, dass die Verschmelzung des eigenen
Verstehenshorizonts mit dem Horizont eines anderen nie aus-
schließlich eine intellektuelle Angelegenheit umfasst. Dabei ist es
belanglos, ob Paulus oder – was diese Sache betrifft – die Vertreter
der Postmoderne gemeint sind, die uns veranlassen wollen, ihre
Gedanken zu verstehen und zu übernehmen. Im Falle des Paulus
gilt: Ob uns letztendlich gefällt, was wir dort finden, spielt viel-
leicht in die Frage hinein, wie viel wir davon verstehen. Wenn uns
nämlich die Position eines anderen Menschen völlig missfällt, ist
die Versuchung sehr groß, sie in gewisser Weise zu karikieren und

165
somit verzerrt wiederzugeben. Im moralischen Bereich ist Gehor-
sam oft genauso grundlegend für unser Verständnis wie die Aus-
legung. Und dabei habe ich bisher noch nichts über das Werk des
Geistes Gottes gesagt. Mir geht es im Augenblick nur darum, dass
das Modell der »Verschmelzung von Verstehenshorizonten« uns
einen Zugang im Blick darauf bietet, wie man das Denken eines
anderen Menschen zwar nicht vollkommen, aber weitgehend ver-
stehen kann.
Die hermeneutische Spirale. Die Hermeneutik ist die Lehre
und Wissenschaft vom Auslegen und Verstehen. Ihre Geschichte ist
äußerst kompliziert. Die Kategorie »hermeneutische Spirale« wur-
de geprägt, nachdem Wissenschaftler (besonders in Deutschland)
eine Zeit lang den Begriff »hermeneutischer Zirkel« gebraucht hat-
ten. Als sie diesen Begriff einführten, versuchten sie damit teilwei-
se, frühere Hermeneutikmodelle der Moderne über Bord zu wer-
fen. Ihnen zufolge musste der Ausleger lediglich die richtigen Fra-
gen an den Text stellen, dann würde dieser automatisch die rich-
tige Antwort geben. Doch viele Wissenschaftler verwiesen darauf,
dass wir als Ausleger statt dieses unmittelbaren und einfachen An-
satzes keinesfalls genaue und völlig neutrale Fragen mitbringen.
Unsere Fragen hängen vielmehr zwangsläufig von unserer Iden-
tität ab. Daher bekommen wir keine neutralen, objektiven und
genauen Antworten, weil sie nun einmal durch unsere voreinge-
nommenen Fragen und die uns auferlegten kulturellen Beschrän-
kungen als räumlich begrenzte Wesen geprägt worden sind. Wenn
uns außerdem diese Antworten im nächsten Zyklus wieder errei-
chen, formen sie uns fast unmerklich um, sodass wir in gewisser
Hinsicht durch den Text geprägt worden sind, wenn wir uns dem
nächsten Fragenzyklus stellen. Zwar befinden wir uns hier als die-
jenigen, die den Text auszulegen suchen, doch in gewisser Weise
hat der Text seinerseits uns »ausgelegt«. Dabei hat er uns weniger
»verstanden«, als vielmehr geprägt. Ebenso sind wir bei unseren
Versuchen, den Text zu »verstehen«, eigentlich damit beschäftigt,
den Text im Nachdenken über unsere Identität umzuformen. Statt
uns daher geradewegs mit der richtigen Frage in den Text zu ver-
tiefen und die richtige Antwort zu erhalten, befinden wir uns in

166
einem hermeneutischen Zirkel, indem wir uns immer wieder im
Kreis drehen.
Doch warten wir einen Augenblick! Räumen wir ein, dass all
unsere Fragen und all unsere Methoden des Textstudiums nie völ-
lig neutral sind und wir keine »zuverlässigen« Antworten einfach
dadurch bekommen, dass wir methodische Sorgfalt walten lassen
und die ganze Maschinerie in Gang setzen. Ist es angesichts des-
sen angemessen, den Eindruck zu erwecken, dass wir in unserem
hermeneutischen Umkreis (der wahren Bedeutung) immer gleich
weit vom Text entfernt bleiben? Hat der hermeneutische Kreis
stets den gleichen Radius? Entspräche es nicht besser unserer Er-
fahrung, wenn wir sagen würden, dass der Radius dieses Kreises
allmählich immer kleiner wird – d.h., dass wir anfangen, uns in ei-
ner Spiralbewegung dem Text zu nähern? Die Spirale verläuft na-
türlich nie völlig gleichmäßig, doch mit der Zeit eignen wir uns
mehr Kenntnisse über Statistik an als zu Beginn unserer dies-
bezüglichen Untersuchung. Wir verbessern unsere Griechisch-
Kenntnisse gegenüber der Zeit, da wir anfingen, uns damit zu be-
schäftigen. Kannten wir vorher den Römerbrief des Paulus kaum,
wissen wir jetzt recht gut Bescheid. Obwohl wir uns nie alle vor-
handenen Statistik-, Griechisch- und Römerbriefkenntnisse wer-
den aneignen können, nähern wir uns in einer Spiralbewegung
dem eigentlichen Textverständnis immer weiter an.
Der asymptotische Ansatz. Dieses mathematische Modell
wurde von Karl Popper entwickelt, um den Wissenserwerb auf
dem Gebiet der Wissenschaft zu erklären. Es wurde jedoch auch
anderswo angewendet. Eine Asymptote ist eine Kurve, die sich ei-
ner (ins Unendliche verlaufenden) Geraden immer weiter nähert,
ohne sie zu berühren. Betrachten wir folgende Grafik, indem wir
den Römerbrief als entsprechendes Beispiel verwenden:
Erkenntnistheoretische
Entfernung von der
Wirklichkeit

x
Zeit
y
167
Auf der x-Achse wird die Zeit gemessen, während auf der y-Ach-
se die erkenntnistheoretische Entfernung von der Wirklichkeit
gemessen wird (d.h., dort ist ablesbar, wie groß bei dem Betref-
fenden der Abstand zwischen dem Wirklichkeitsverständnis ei-
ner bestimmten Sache und der Sache selbst ist). Die Kurve lässt
erkennen, dass sich im Laufe der Zeit derjenige, der etwas weiß,
der Realität annähert, obwohl er nie jene Linie berührt, die voll-
kommenes Wissen markiert: Wir werden nie allwissend sein. So-
mit lernt ein Kind in einem christlichen Elternhaus einiges über
den Römerbrief dadurch, dass zu Hause aus der Familienbibel
vorgelesen wird und auch in der Sonntagsschule davon erzählt
wird. Wenn das Kind aber z.B. 11 Jahre alt ist (d.h. sich noch im-
mer weit links auf der x-Achse befindet), zeigt seine den Römer-
brief betreffende Wissenskurve, dass er von der Wirklichkeit noch
ein ganzes Stück entfernt ist. Doch später wird er in den Dienst als
Prediger berufen. Er studiert die biblischen Sprachen und arbei-
tet unermüdlich daran, die gesamte Bibel einschließlich des Rö-
merbriefs zu studieren. Schließlich schreibt er eine Dissertation
über diesen Brief: Nun kommt sein Römerbriefverständnis der
x-Achse bereits viel näher. Aber sogar in 50 Milliarden Jahren wird
die Asymptote nie die Gerade berühren. Der Betreffende wird nie
über allumfassendes Wissen in Bezug auf den Römerbrief (oder
irgendeinen anderen Sachverhalt bzw. Text) verfügen. Allwissen-
heit ist ausschließlich eine Eigenschaft Gottes.
Natürlich verläuft diese Kurve selten gleichmäßig. Der Prozess
menschlichen Verstehens kennt Höhen und Tiefen – ob im Leben
des Einzelnen oder in der Menschheit im Allgemeinen. Doch mit-
tels dieser Kurve kann man darstellen, dass Verstehens- und Er-
kenntnisfortschritte hinsichtlich eines Sachverhalts möglich sind.
Der Betreffende kann sich immer mehr der Erkenntnis des eigent-
lichen Wesens dieses Sachverhalts annähern.
Andere Ansätze. In mein Buch The Gagging of God habe ich ei-
nen Teil des Belegmaterials für die drei Modelle menschlichen Er-
kennens aufgenommen, das ich hier ausgelassen habe. Darüber
hinaus gibt es viele andere Autoren mit noch ausgeklügelteren
Ansätzen.

168
Seit etwa 1960 hat Paul Ricœur (französischer Philosoph [1913-
2005]) zu den schöpferischsten Denkern gehört, die sich nicht
nur mit der Wirkungsweise der Sprache (und besonders der Me-
tapher), sondern auch mit der Rechtfertigung von Erkenntnis-
ansprüchen auseinandergesetzt haben. Ricœur ist vermutlich die
herausragendste Persönlichkeit, welche die Beschränkungen des
Menschen, der als endliches Wesen etwas weiß, anerkennt und es
dennoch gleichzeitig ablehnt, alle Erkenntnis zu relativieren.159 Es
ist z.B. leicht gesagt, dass wir alle unsere Grundannahmen mit-
bringen. Außerdem räumen wir ohne Weiteres ein, dass wir auf-
grund unserer Begrenztheit alle Relativisten sind, ob wir es zuge-
ben oder nicht – aber wir fragen uns: Welche Perspektiven sind
letztendlich gerechtfertigt? Ist die Perspektive der Apartheid be-
rechtigt – wenn nicht, warum nicht?
Andere Wissenschaftler haben die Sprechakttheorie entwickelt,
sodass im Vergleich zur Vergangenheit viel mehr Interaktion zwi-
schen der Bedeutung eines Textes und seiner Wirkung möglich ist.
Dabei können sie aus der entsprechenden Diskussion mit einer ge-
läuterten Version der noch immer intakten verfasserschaftlichen
Zielsetzung hervorgehen.160

159 Ricœurs literarisches Werk ist umfangreich. Die heutzutage vielleicht hilf-
reichste diesbezügliche Beurteilung stammt von Dan R. Stiver, Theology after Ricœur:
New Directions in Hermeneutical Theology (Louisville: Westminster John Knox Press,
2001). Nicht jeder wird sich in allem von Ricœurs Werk überzeugen lassen. Als er
z.B. zu einer Antwort auf die Frage gedrängt wurde, ob er die Auferstehung Jesu
Christi als tatsächliches geschichtliches Ereignis betrachte, erhob er Einwände. Er
zieht es vor, darin eine Metapher für die Entstehung der Urgemeinde zu sehen: sie-
he sein Werk Critique and Conviction: Conversations with François Azouvi and Marc
de Launay (New York: Columbia University Press, 1998), S. 152-153. Ich bin Kevin
Vanhoozer hinsichtlich dieses letztgenannten Hinweises zu Dank verpflichtet.
160 Kevin J. Vanhoozer, Is There a Meaning in This Text? The Bible, the Reader and
the Morality of Literary Knowledge (Grand Rapids: Zondervan, 1998). Die Sprechakt-
theorie umfasst bestenfalls eine hilfreiche Reaktion auf Karl Barths Anliegen, bei
alledem Gottes Freiheit und Überweltlichkeit zu gewährleisten. »Sprechakte ge-
statten uns, die hinderliche Zweiteilung der Offenbarung in ›Gott sagt‹ und ›Gott
tut‹ zu überwinden, denn auch das Reden ist eine Form des Handelns« (Kevin J.
Vanhoozer, First Theology: God, Scripture and Hermeneutics [Downers Grove: Inter-
Varsity Press, 2002], S. 130). Mit anderen Worten: Dies ist eine Reaktion auf die
ziemlich stereotype Einteilung einiger Autoren der Emerging Church, der zufolge
eine Betonung der Wahrhaftigkeit der Schrift eine »fortwährend gleiche« Offenba-
rung ermögliche, die zurechtgestutzt und »gefriergetrocknet« sei (so McLarens oft
wiederholter Ausdruck).

169
Einige Soziologen haben ebenfalls hilfreiche Unterscheidungen
ins Gespräch gebracht. Bereits in den 60er-Jahren stellte Robert
Merton (1910-2003) die »Theorie mittlerer Reichweite« in der So-
ziologie vor. Zu diesem Zeitpunkt gab es auf soziologischem Ge-
biet zwei Tendenzen: (1) Teilweise neigte man zu abstrakten Groß-
theorien, die alles zu erklären suchten, sich aber kaum auf empi-
rische Forschung stützen konnten. Oder man vertrat (2) Theorien,
die man als »lokale Theorien« bezeichnen könnte. Diese waren
mit bestimmten gesellschaftlichen Phänomenen verbunden, die
durch kontrollierte empirische Forschung nachgewiesen werden
konnten. Allerdings gaben sie wenig her, wenn es um allgemei-
ne Grundsätze und integrierende Theorien ging. Merton konn-
te keiner der beiden Möglichkeiten viel abgewinnen und schlug
die neue Kategorie der »Theorien mittlerer Reichweite« vor. Dies
sind Theorien, die in wesentlichen Punkten mit empirischer For-
schung verknüpft sind und dennoch einen so großen Abstand zu
bestimmten gesellschaftlichen Phänomenen haben, dass sie verall-
gemeinernde und sogar übertragbare Ergebnisse hervorbringen
können. Es liegt auf der Hand, dass sich dies auf andere Wissens-
gebiete anwenden lässt.
1. Kurz gesagt: Meine erste »ausgewogene Reaktion« auf den
Postmodernismus besteht in der Aussage, dass es viele hilfreiche
Modelle um uns herum gibt, mit deren Hilfe wir darüber nachden-
ken können, wie endliche Menschen imstande sind, einige objek-
tiv wahre Sachverhalte zu erkennen. Vertreter der radikalen Post-
moderne befinden sich schlichtweg im Irrtum, wobei ihre Position
in logischer Hinsicht absurd ist. Die einsichtsvollsten unter den
gemäßigten Postmodernisten bewahren die wertvollsten Erkennt-
nisse der Postmoderne – einschließlich der Auswirkungen unserer
Endlichkeit, der Vielschichtigkeiten im Umfeld unserer Lern- und
Erkenntnisprozesse – sowie eine hilfreiche Kritik an der Moder-
ne. Gleichzeitig halten sie weiterhin daran fest, dass es uns mög-
lich ist, einige Sachverhalte wahrheitsgemäß – wenn auch nicht als
Allwissende – zu erkennen. Mit anderen Worten: Sie gestehen der
Wahrheit – der objektiven Wahrheit – weiterhin ihre berechtigte
Stellung zu.

170
2. Meine zweite Reaktion hat mit der Tatsache zu tun, dass die
Postmoderne trotz aller ihrer Erfindungen ein Hurenkind der Mo-
derne bleibt und deren grundlegenden Schwachpunkt teilt: Sie be-
ginnt mit dem »Ich«, dem endlichen Ich. In diesem Sinne sind die
Postmoderne wie die Moderne als ihr Nährboden von den Metho-
den her atheistisch eingestellt. Anders ausgedrückt lassen sie Gott
zu Beginn ihrer Überlegungen außer Acht. Für Descartes war dies
eine taktische Entscheidung, damit er mit Atheisten eine gemein-
same Grundlage finden konnte. Für viele Vertreter der Spätmo-
derne war dies die Folgerung, zu der ihre naturalistische Philo-
sophie sie veranlasste. In einem Großteil der Spätmoderne ver-
körpert Gott bestenfalls die Schlussfolgerung, nicht die Prämisse.
Zwischen Postmodernisten gibt es enorme Unterschiede im Blick
darauf, was sie unter »Gott« verstehen. Keiner unter ihnen beginnt
jedoch mit dem Nachdenken darüber, inwiefern die Existenz und
Allwissenheit eines persönlichen Gottes irgendeine maßgebliche
Bedeutung für die menschliche Erkenntnistheorie haben könnte.
In dieser Hinsicht unterscheiden sich Vertreter der Moderne und
ebenso der Postmoderne (wie wir gesehen haben) erheblich von
Menschen der Vormoderne.
Doch eine Lektion können wir von den Repräsentanten der
Vormoderne lernen. Ja, die Tatsache, dass sie sich auf die Vernunft
zulasten des Experiments und der Beobachtung verließen, setzte
den Wert ihres »naturphilosophischen« (heute »wissenschaftlich«
genannten) Ansatzes beträchtlich herab. Infolgedessen und auf-
grund ihres zu weit gefassten Begriffs von einem »offenen« Uni-
versum waren sie einer Vielzahl abergläubischer Vorstellungen
verhaftet. Zumindest aber erkannten sie an, dass es richtig ist, mit
Gott zu beginnen.
Stellen wir uns vor, es hätte nie einen Sündenfall gegeben. Eine
solche Annahme erfordert, dass wir unsere Fantasie bis zum Äu-
ßersten strapazieren müssen. Dabei können wir allerdings durch-
aus erkennen, dass unser Fixpunkt, unser Orientierungspunkt
in der Erkenntnistheorie wie im Blick auf alle anderen Sachver-
halte, Gott selbst wäre. Wir würden sehen, dass alle menschliche
Erkenntnis tatsächlich eine Teilmenge der Erkenntnis Gottes ist.

171
Es ist unser ungeheuer großes Vorrecht, dass uns als nach Gottes
Ebenbild erschaffenen Geschöpfen ein kleiner Teil dieser Erkennt-
nis zugänglich ist. Wir würden natürlich unsere Endlichkeit an-
erkennen und ohne Weiteres akzeptieren, dass jeder Mensch Din-
ge etwas anders betrachtet. Der letztendliche Maßstab wahrer Er-
kenntnis, die letzte Auflösung aller Perspektiven, würde in Gott
selbst liegen, den allein die Perspektive der Allwissenheit aus-
zeichnet.
Da wir nun aber in Sünde gefallen sind, werden wir jede von
uns geschaffene erkenntnistheoretische Struktur verdrehen. Die
eigentümliche Selbstüberhebung der Moderne bestand in der Vor-
stellung, dass wir trotz unseres Beginns mit dem endlichen »Ich«
zu einer gewissen Erkenntnis gelangen und letztendlich Aussagen
über die Existenz Gottes machen könnten. Etwa so: Wenn Gott
existiert, erbringen wir hiermit die diesbezüglichen Beweise. Oder
wenn Gott nicht existiert, führen wir hiermit die entsprechenden
Gründe an. Es geht nicht darum, dass es keine Beweise oder kei-
ne Gründe gibt, sondern darum, dass man mit dem »Ich« anfängt.
Daher ist die Grundlage so unsicher. Die Postmoderne hat natür-
lich denselben Anfangspunkt, versucht aber, die Moderne ihrer
Gewissheit zu berauben. Und wie steht es mit Gott? Insbesondere
im radikalen Postmodernismus verkörpert er lediglich das Gedan-
kengebäude einer bestimmten sozialen Gruppe. Dabei sei das Ge-
dankengebäude, das jede andere Gruppierung im Blick auf Gott
entworfen habe, genauso richtig oder wahr. Jede religiöse Ansicht
sei ebenso richtig oder falsch wie jede andere religiöse Anschau-
ung. Wenn es wirklich einen Gott da draußen gäbe, hätten wir als
begrenzte Wesen keine Möglichkeit, seine Existenz bzw. ihn mit
beweiskräftiger Gewissheit zu erkennen. Würde jemand etwas
darüber Hinausgehendes behaupten, gäbe er den Postmodernis-
mus auf und würde – was genauso schlecht ist – als intolerant gel-
ten. Beschränken Sie daher Ihr religiöses Leben auf den persön-
lichen Bereich, auf Ihre eigene Geschichte. Gewährleisten Sie, dass
Sie als solcher Gutes tun (selbst wenn die Definition von »gut«
heute bekanntermaßen Veränderungen unterliegt).
Sogar wenn sich jemand für irgendeine Art des gemäßigten

172
Postmodernismus entscheidet, verschwindet jedoch nicht einfach
das Problem, das darin besteht, mit dem endlichen »Ich« zu be-
ginnen. Obwohl gemäßigte Postmodernisten (wenn auch ziem-
lich widerwillig) die Berechtigung der Wahrheit in gewisser Wei-
se anerkennen, ist ihnen dies infolgedessen oft noch immer un-
angenehm. Vertreter der christlichen Postmoderne erkennen im
Allgemeinen an, dass sie der Bibel glauben und für die lehrmäßi-
gen Wahrheiten des kirchengeschichtlich relevanten Bekenntnis-
christentums eintreten wollen. Wann immer jedoch ein Prediger
oder Bibellehrer eine Wahrheit genauso wie die Bibel hervorhebt
oder die Einzigartigkeit Jesu Christi ebenso wie das Neue Testa-
ment betont, werden sie sofort nervös. Sie arbeiten nämlich nach
wie vor mit demjenigen Grundsatz, den sich sowohl die Moder-
ne als auch die Postmoderne zu eigen gemacht haben: Es ist ange-
messen, mit dem endlichen »Ich« zu beginnen.
Dies ist ein grundlegender Irrtum. Mit einem allwissenden, re-
denden Gott ergibt sich ein völlig anderer Ausgangspunkt. Ange-
sichts dessen ändert sich aber nicht die Tatsache, dass ich stets ein
endliches Wesen bin und dass die mir geschenkte Gotteserkenntnis
sowie mein Wissen über ihn immer nur Ausschnittcharakter hat.
Doch nachdem ich erkannt habe, dass er existiert und der Schöp-
fer sowie mein Retter und Richter ist, wäre es unangemessen und
sogar ein Ausdruck des Götzendienstes, würde ich versuchen, ihn
aus meinem Erkenntnisprozess auszuklammern. All mein Wissen
ist – wenn es wirklich der Wahrheit entspricht – zwangsläufig eine
Teilmenge seiner Erkenntnis. Es gibt verschiedene Möglichkeiten,
ihn kennenzulernen (soweit ich das beurteilen kann). Ich kann se-
hen, wie sein Wesen in den guten Werken derer bezeugt wird, die
an ihn glauben. Ich kann ihn durch das Lesen von Texten ken-
nenlernen, die er uns hinterlassen hat. Ich kann es tun, indem ich
mich – als allergrößtes Wunder! – mit seiner Selbstoffenbarung in
einem Menschen befasse. Außerdem kann ich ihn durch das ver-
borgene Werk des Heiligen Geistes kennenlernen, der mir meine
Sünde sowie Rebellion zeigt und mich zu seiner Gnade sowie Ver-
gebung leitet. Worin immer das Mittel besteht – in jedem Fall lerne
ich ihn kennen, weil er sich selbst offenbart hat. Ich bin ein ab-

173
hängiges Wesen, und mein Wissen ist ein abhängiges Wissen. Bei
aller methodischen Genauigkeit der Moderne, bei aller hilfreichen
Anerkennung der Konsequenzen unserer Endlichkeit in der Post-
moderne – der grundlegende Ausgangspunkt dieser Systeme un-
terliegt einem verhängnisvollen Irrtum.161

161 Diejenigen, die sich mit der Geschichte der Apologetik befassen, werden be-
merken, dass ich mich jetzt alten Debatten zuwende. Die zwischen der auf Bewei-
sen beruhenden Apologetik und der Apologetik der Grundannahmen verlaufen-
den Fronten wurden durch die Hinwendung zum »Ich« im modernen Denken ge-
schaffen. Eine der unbeabsichtigten Begleiterscheinungen der Postmoderne besteht
darin, dass die alten Auseinandersetzungen jetzt im neuen Gewand erscheinen.
Ansätzen der beweisgestützten Apologetik stehen Vertreter der Postmoderne of-
fenbar außerordentlich skeptisch gegenüber. Dies liegt teilweise daran, dass sie
Wahrheitsansprüche ohnehin beargwöhnen, und teilweise daran, dass all die Be-
weisstrukturen zwangsläufig von der endlichen menschlichen Erfahrung hervor-
gebracht wurden, die aus erkenntnistheoretischer Perspektive völlig unsicher sei.
Doch den Vertretern der Apologetik der Grundannahmen ergeht es nicht besser.
In einer Hinsicht ist jeder Postmodernist ein engagierter Befürworter dieser Apo-
logetik. Man fragt sich, was einen zu der Behauptung berechtigt, dass die eigenen
Grundannahmen besser, genauer oder überzeugender sind als diejenigen, die ein
anderer vertritt. Wollte man hier auch nur ansatzweise derartige Fragen untersu-
chen, müsste man ein weiteres Buch schreiben. Es ist jedoch nebenbei erwähnens-
wert, dass ein engagierter Befürworter der Apologetik der Grundannahmen wie
John M. Frame das Erbringen von Beweisen für berechtigt hält – vorausgesetzt,
dass damit nicht »gegebene Sachverhalte« des christlichen Glaubens aufgegeben
werden (d.h. die christlichen Grundannahmen), die Gott, seine Offenbarung, die
Schriftautorität usw. betreffen. Siehe seine Apologetics to the Glory of God (Phillips-
burg: Presbyterian and Reformed, 1994). Und seit ca. 1970 hat Alvin Plantinga in
überzeugender Weise argumentiert, dass der erkenntnistheoretische Ansatz, mit
Gott zu beginnen, völlig glaubwürdig ist. (Dies ist eine Art Letztbegründungstheo-
rie im Sinne jener Ansicht, die den grundlagentheoretischen Fundamentalismus
verwirft, obwohl Plantinga diese Bezeichnung ablehnen würde.) Ein Großteil sei-
ner Schriften eignet sich besser zur Verteidigung des allgemeinen Theismus als des
christlichen Theismus. Das vielleicht wichtigste unter seinen zahlreichen Büchern
trägt den Titel Warranted Christian Belief (Oxford: Oxford University Press, 2000).
Ja, ein kleiner, aber überaus kompetenter Kreis früherer Gegner des grundlagen-
theoretischen Fundamentalismus stellt jetzt beeindruckende Argumente zugun-
sten eines geläuterten grundlagentheoretischen Fundamentalismus zusammen,
z.B. Laurence Bonjour auf mehreren Seiten seines Werkes In Defense of Pure Rea-
son (Cambridge: Cambridge University Press, 1998). Bonjour fing 1978 an, in einer
Reihe kritischer Abhandlungen in dieser Richtung zu schreiben. Vgl. das tiefschür-
fende Essay von J. Andrew Kirk, »The Confusion of Epistemology in The West and
Christian Mission«, Tyndale Bulletin 55 (2004), S. 131-156.

174
Emerging Church:
Kritik an der Postmoderne

Weil die Emerging-Church-Bewegung außergewöhnlich viel-


schichtig ist, lässt sie sich besonders schwer beurteilen. So wie eine
uneingeschränkte Empfehlung vielleicht in Bezug auf einen Teil
der Bewegung angebracht ist, mag auch scharfe Kritik für einen
bestimmten Teil dieser Bewegung durchaus berechtigt sein, aber
eben nicht auf sie als Gesamtheit zutreffen. Mit entsprechenden
Vorbehalten habe ich auf einige Gebiete hingewiesen, in denen die
Bewegung der Emerging Church meiner Meinung nach hilfreiche
Impulse gibt (Kapitel 2). Ich habe ebenso argumentiert, dass die
Einschätzung sowohl der Moderne als auch der Postmoderne aus
geschichtlicher und analytischer Sicht zwar nicht völlig falsch ist,
aber doch zu sehr polarisiert, eher auf einzelne Elemente ausge-
richtet und in gewisser Weise überholt ist (Kapitel 3). Wenn ich
solche Kritik übe, muss ich natürlich selbst Farbe bekennen und
überblicksartig darlegen, wie man die Postmoderne meiner An-
sicht nach verstehen sollte (Kapitel 4).
Damit kommen wir zu einem zentralen Problem: der Reaktion
der Emerging Church auf die Postmoderne. Die Autoren und Ver-
kündiger der Emerging Church sind fast fortwährend damit be-
schäftigt, uns zu sagen, wie sehr sich die Kultur gewandelt hat.
Daher beinhaltet ihre Reaktion abgesehen von gelegentlichen
Bemerkungen sehr wenig Kritik an diesen Veränderungen. Sie
brandmarken mit aller Schärfe die Moderne, bieten aber kaum
tiefschürfende Darstellungen, wenn es um die Postmoderne geht.
Insbesondere ihre Auseinandersetzung mit den damit zusammen-
hängenden Fragen der Wahrheit, der Gewissheit sowie des Zeug-
nisses in kirchengeschichtlicher Zeit und sogar mit dem Wesen
des Evangeliums selbst überzeugt keineswegs.
Dies sind schwerwiegende Vorwürfe. Meine Beweisführung
wird von nun an in zwei Schritten erfolgen. In den folgenden
beiden Kapiteln will ich mich damit auseinandersetzen, wie die

175
Emerging-Church-Bewegung in verschiedener Hinsicht mit dem
Begriff Wahrheit umgeht. Dann werde ich in Kapitel 7 einige
der biblischen Belegstellen zusammenfassen, die Autoren der
Emerging Church meiner Ansicht nach herunterspielen oder über-
sehen.
Es erweist sich vielleicht als hilfreich, den Umgang der
Emerging-Church-Bewegung mit wahrheitsbezogenen Fragen in
fünf sich überlappende Themenkomplexe aufzugliedern, die ich
in diesem Kapitel behandeln werde.

Sie schätzt die Bedeutung von Wahrheits-


ansprüchen außerhalb der Kategorie der
Allwissenheit falsch ein
Unter den Autoren der Emerging-Church-Bewegung gibt es eini-
ge, die nach wie vor der Postmoderne Lob zollen und die Moder-
ne uneingeschränkt brandmarken. Dennoch warnen die einsichts-
volleren Denker der Bewegung gelegentlich davor, die Postmoder-
ne absolut zu setzen. Nehmen wir z.B. Leonard Sweet. Er warnt
zwar seine Leser zu Recht davor, postmodernes Denken zu über-
nehmen,162 fordert aber in seiner Argumentation schwerpunkt-
mäßig eine christliche Lebensweise und Verkündigung, die vom
Anagramm EPIC gekennzeichnet ist: Wir müssten uns auf das Er-
fahrungsmäßige (E für experiential), die Beteiligung (P für parti-
cipatory), die Bildorientierung (I für image-driven) und die Ge-
meinschaftsförderung (C für connected) konzentrieren.
Einige dieser Anregungen sind außerordentlich hilfreich. Es ist
aber beunruhigend, dass er nicht sagt, warum wir uns die Denk-
weise der Postmoderne nicht aneignen sollen. Ist dies nicht zu-
mindest teilweise darin begründet, dass der radikale Postmoder-
nismus die Kategorie der objektiven Wahrheit opfert? Dies ist im-
merhin eine Kategorie, auf die (wie wir sehen werden) sowohl die
Christenheit im Laufe der Kirchengeschichte als auch die Bibel

162 Leonard Sweet, Post-Modern Pilgrims: First Century Passion for the 21st Century
World (Nashville: Broadman & Holman, 2000), S. xvii.

176
selbst immer bestanden haben. Es geht ja nicht nur darum, dass
wir auf das reagieren können, was in der Postmoderne gut und
hilfreich oder zumindest neutral ist! Wo also findet sich der Rat,
aufgrund dessen wir erfahren, wie wir das korrigieren und wi-
derlegen sollen, was in der Postmoderne gefährlich und nachläs-
sig ist? Inwieweit setzen die EPIC-Kategorien, wenn sie die wich-
tigsten Prüfsteine des christlichen Glaubens im Rahmen der Postmo-
derne werden, wahrscheinlich zu viel aufs Spiel? Ja, Menschen der
Postmoderne sind gegenüber dem nicht linearen Denken aufge-
schlossener als Vertreter der Moderne. Darüber hinaus schätzen
sie Bilder und Metaphern mehr als Angehörige früherer Genera-
tionen. Infolgedessen habe ich es als sehr hilfreich empfunden, im
Rahmen von Universitätsgottesdiensten anhand der Offenbarung
gelegentlich evangelistisch zu predigen. Ihre anschauliche Bilder-
sprache muss keineswegs abstoßend sein. Vielmehr kann sie tat-
sächlich neue Zugänge ermöglichen und für Studenten des 21.
Jahrhunderts sehr ansprechend sein. Es gibt aber zahlreiche Ge-
fahren in Bezug auf das »bildorientierte« Zeugnis. Während es die
Fantasie beflügeln kann, erweist es sich eventuell als so subjektiv,
dass es Menschen von der eigentlichen Textaussage wegführt.163
Wo also sind die überzeugenden Warnungen, die uns helfen, auf
die postmodernen Irrtümer richtig zu reagieren?
Ebenso kann Brian McLaren schreiben: »Die Postmoderne ist
der letzte Sachverhalt in einer langen Reihe von Absurditäten.«164
Damit meint er scheinbar, dass sich die allumfassende Toleranz des
radikalen Postmodernismus (so meine Bezeichnung) letztendlich
selbst widerlegt. Ein Christ muss dies natürlich erkennen – oder
er hört auf, Christ zu sein. Bedauerlicherweise unterlässt McLaren
es jedoch, dies zu analysieren oder zu erklären, in welcher Hin-
sicht sich der christliche Glaube der Postmoderne aufgrund ihres

163 Es liegt auf der Hand, was ich hier voraussetze: Man kann in gewisser Hinsicht
ermitteln, was ein Text »tatsächlich sagt«: Siehe die Erörterung in Kap. 4. Wenn
man hinter diesem Zugeständnis zurückbleibt, wird der christliche Glaube (auf die
Gefahr einer bildorientierten Darstellung hin) offen gesagt für das Linsengericht
der Postmoderne verkauft.
164 Brian D. McLaren, The Church on the Other Side (Grand Rapids: Zondervan,
2003), S. 165.

177
absurden Zustands aussetzen, ihr entgegentreten oder ihr wider-
sprechen muss. Alle konkreten Ratschläge in seinem Buch sind
auf die Annahme gegründet, dass die Postmoderne eine solch ge-
waltige und unumkehrbare Veränderung in den Denkschemata
der Menschen herbeigeführt hat165, dass sich die Gemeinde einer
grundlegenden Entscheidung gegenübersieht: Entweder sie passt
sich an, um besser auf die Postmoderne reagieren zu können, oder
sie wird in die Bedeutungslosigkeit verwiesen. Alle von ihm ange-
botenen Strategien sollen diese These untermauern, wobei keine
auf den absurden Zustand in der Postmoderne reagiert.
McLaren bietet in seinem Buch zwölf Strategien an:
1. »Sorgen Sie im größtmöglichen Umfang für Abwechslung«
– d.h., wir müssen einige große und nicht nur kleine Verän-
derungen vornehmen.
2. »Definieren Sie Ihren Auftrag neu« – durch Leben in mis-
sionalen Gemeinschaften.
3. »Üben Sie sich darin, systemisch zu denken«, weil die Ge-
meinde weniger ein eindimensionales Gebilde als vielmehr
ein mehrdimensionaler Organismus ist.

165 Dies ist gängige Rhetorik unter Autoren der Emerging Church und anderen,
die postmoderne Zielsetzungen vorantreiben. Selbst wenn wir eingestehen, dass
viele Veränderungen tatsächlich stattgefunden haben, müssen wir an Folgendes
denken: Je mehr man auf diesem Punkt als dogmatische Beschreibung der Wirk-
lichkeit besteht, desto weniger überzeugt er. Betrachten wir folgendes Beispiel aus
Justo L. González, The Changing Shape of Church History (St. Louis: Chalice, 2002),
S. 74: »Die Tatsache, dass ganze Teile der Kirche unserer Zeit die Herausforderung
wahrer Toleranz im Sinne einer allgemeinchristlichen Einstellung missachten, ist
darin begründet, dass das moderne intellektuelle Paradigma (d.h. die entspre-
chende Denkgrundlage) Betreffenden es erschwert, wahrhaft allgemeinchristlich
zu sein. Indem es auf Objektivität besteht, berücksichtigt das moderne Paradigma
nicht die Bedeutung der Perspektive bei aller Erkenntnis – einschließlich aller theo-
logischen und religiösen Erkenntnis. Indem es auf Allgemeingültigkeit besteht,
veranlasst es jede spezielle Perspektive, sich den übrigen Sichtweisen aufzudrän-
gen. Mit anderen Worten: Es begünstigt die Tatsache, dass jede Theologie und jede
Tradition sektiererische Züge annimmt … Doch wenn es eine Szylla der Religions-
vermischung gibt, muss auch die Charybdis des Sektierertums beachtet werden –
eine Gefahr, die viele in der Kirche der westlichen Welt nicht hinreichend beachtet
haben.« Natürlich finden sich hier einige einsichtsvolle Ausführungen, doch man
fragt sich: Wird hier objektiv beschrieben, was in der Kirche vor sich geht? Stimmt
es, dass die Gefahren der Versuche, lokalen Ansichten Allgemeingültigkeit zu ver-
leihen, ausschließlich westlichen Ursprungs sind? Meine Erfahrungen im Ungang
mit Christen in aller Welt besagen etwas anderes!

178
4. »Geben Sie Ihre Traditionen zugunsten der allgemeinchrist-
lichen Tradition auf.« Mit anderen Worten: Nehmen Sie we-
niger an den denominationellen Eigenarten Anstoß. Machen
Sie sich vielmehr die gesamtchristliche Tradition zu eigen.
5. »Lassen Sie Theologie in Kunst und Wissenschaft neu er-
stehen«, weil es in der Theologie weniger darum geht, Ant-
worten parat zu haben, als vielmehr darum, »Schönheit und
Wahrheit zu suchen«.
6. »Entwerfen Sie eine neue Apologetik« – d.h., wir müssen
neue Wege finden, das Evangelium weiterzugeben.
7. »Lernen Sie eine neue Rhetorik« – d.h., achten Sie genau auf
die Ausdrucksformen der Menschen unserer Zeit und fin-
den Sie heraus, wie Sie am besten mit ihnen ins Gespräch
kommen können.
8. »Geben Sie Strukturen in dem Maße auf, wie sie überholt
sind.«
9. »Leiter in Not!« Helfen Sie leitenden christlichen Mitarbei-
tern, die als Missionare an vorderster Front stehen! »Es ist
nämlich keine Schande, an der Front Niederlagen zu erlei-
den.«
10. »Ordnen Sie alle Missionsstrategien dem Gesamtziel Mis-
sion unter.«
11. »Schauen Sie nach vorn, weit nach vorn.«
12. »Treten Sie ein in die postmoderne Welt!« Bemühen Sie sich,
diese zu verstehen und sich nutzbar zu machen! Seien Sie
auf große Umbrüche vorbereitet!166
Obwohl sich hier einige gute Ratschläge finden, gibt es nichts Hilf-
reiches, wenn wir den absurden Zustand in der Postmoderne zu
widerlegen suchen. Dies liegt vor allem daran, dass sich McLaren
unter dem Einfluss seines Postmoderne-Verständnisses in außer-
gewöhnlichem Maße davor scheut, die Wahrheit als Werkzeug
zu gebrauchen: Da wir alle die Welt aus der eigenen Perspekti-
ve betrachten würden, müssten wir – so McLaren – letztendlich
zwangsläufig mit Unterschieden, Änderungen, Ungewissheiten

166 McLaren, The Church on the Other Side, S. 120. Die hier aufgeführten Strate-
gien stellen Kapitelüberschriften in diesem Buch dar.

179
und ungeklärten Fragen rechnen. Statt diesem Aspekt ängstlich
auszuweichen, sollten wir ihn akzeptieren.
»Wenn wir ›Theologie betreiben‹«, sind wir Tongefäße, die über
den Töpfer nachdenken, Kinder, die über ihren Vater nachsin-
nen, Ameisen, die über den Elefanten diskutieren. Wenn es um
Tiefgründigkeit und Genauigkeit auf einer bestimmten Ebene
geht, spüren wir zwangsläufig fortwährend in fast all unseren
Worten und Überlegungen unsere Unzulänglichkeit oder Un-
vollkommenheit. Dabei sind wir uns unserer menschlichen Be-
grenzungen – einschließlich der sprachlichen – und der unend-
lichen Größe Gottes bewusst.167

Unsere Worte werden versuchen, Diener des Geheimnisses zu


sein, statt es wegerklären zu wollen, wie dies im alten Zeitalter
der Fall war. Sie werden eine Botschaft vermitteln, die eindeu-
tig und dennoch geheimnisvoll ist – einfach und doch uner-
klärlich, überzeugend und trotzdem wundersam. Mein Glau-
be hat sich in der alten Zeit vieler Worte herausgebildet, indem
er naiv auf die Kraft vieler Worte vertraute, als könnten die Ge-
heimnisse des Glaubens wie in den klein gedruckten Bedin-
gungen eines rechtsgültigen Dokuments festgehalten und auf
die Ebene sicherer Gleichungen gebracht werden. Geheimnisse
kann man jedoch nicht so genau erfassen. Gefriergetrockne-
ter Kaffee, aufgespießte Schmetterlinge und in Formalin einge-
legte Frösche sind allesamt Beispiele dafür, dass etwas verloren
geht, wenn wir versuchen, Dinge einzufangen, zu definieren,
zu konservieren und ihnen etwas von ihrer Wandelbarkeit, Un-
beständigkeit und Kurzlebigkeit zu nehmen. In der neuen Zeit
werden wir dies ein wenig besser verstehen.«168

Hier ist sie wieder, die absolute Antithese. Entweder wir können
Gott vollständig erkennen, oder wir sind auf das Geheimnisvolle
beschränkt. Natürlich ist die Feststellung, dass wir Gott nicht voll-

167 Ebd., S. 65.


168 Ebd., S. 89.

180
ends erkennen können, immer richtig: Wir sind nicht allwissend.
Gott ist unendlich größer als wir. Außerdem gehörten die besten
Theologen der Moderne in diesem Punkt zu den kompromiss-
losesten. Nicht erst die Postmoderne hat herausgefunden, dass
Gott unendlich größer ist als wir und in dieser Hinsicht auf ewig
geheimnisvoll bleibt. Doch obwohl der Vergleich zwischen Elefant
und Ameisen auf einer bestimmten Ebene hilfreich ist, übersieht er
die Tatsache, dass in unserem Fall die »Ameisen« nach dem Eben-
bild des »Elefanten« geschaffen worden sind. Darüber hinaus hat
dieser »Elefant« nicht nur mit den »Ameisen« in der »Ameisen-
sprache« geredet, sondern in der Person seines Sohnes gleichsam
auch die Gestalt einer »Ameise« angenommen, während er gleich-
zeitig »Elefant« geblieben ist. Gesetzt den Fall, die »Ameisen« wä-
ren sich selbst überlassen, während sie herausfinden wollten, was
der »Elefant« weiß, denkt und empfindet. Angesichts dessen wäre
»Geheimnis« ein zu schwaches Wort dafür. Dennoch gilt im Falle
des sich offenbarenden »Elefanten«, mit dem wir es zu tun haben:
Er hat uns »Ameisen« mitgeteilt, worin sein Wesen besteht, was er
denkt, was er empfindet, was er getan hat und was er tun wird –
nicht vollständig natürlich, aber wahrheitsgemäß.
Wir dürfen freilich nie denken, dass wir Gott auf die Ebene un-
serer Endlichkeit herabziehen könnten, sodass er gleichsam zum
präparierten Exemplar bzw. zum Frosch wird, der in Formalin
hinter Glas eingelegt ist. Doch welcher der großen Theologen der
Moderne hat je mit solchen Formulierungen seine Gedanken über
Gott ausgedrückt? Wenn dieser Gott andererseits eine Vielzahl der
ihn betreffenden Sachverhalte geoffenbart hat, erhebt sich die Fra-
ge: Ist es nicht angemessen, über jene Eigenschaften, die er selbst
in der »Ameisensprache« offenbaren wollte, zu reden, nachzuden-
ken, zu schreiben und zu singen? Ziehen wir Gott dadurch auf die
Ebene des Frosches herab, der in Formalin eingelegt ist? Sicherlich
nicht: Damit halten wir uns lediglich genau an die Selbstoffenba-
rung dieses gnädigen Gottes. Weil wir klein und sündig sind, ge-
schieht es, dass wir seine Offenbarung manchmal falsch verstehen
oder verzerren. Leider sind wir gelegentlich geneigt, mehr Wissen
über Gott zu beanspruchen, als wir tatsächlich besitzen. Aber da

181
er so viel geoffenbart hat, ehrt es ihn wohl kaum, wenn wir sagen:
»Ach! Er ist so groß und alles ist so geheimnisvoll, dass ich keinen
einzigen wahren Sachverhalt über ihn sagen kann.« Nur wenn
man »wahr« als Wahrheit eines Allwissenden (wieder diese Anti-
these!) versteht, lässt sich diese Position halten. Anderenfalls um-
fasst dies nur einen neuen Götzendienst: Wir weigern uns, Gott
beim Wort zu nehmen, indem wir lieber die dogmatische Nicht-
Erkenntnis im Sinne des radikalen Postmodernismus anbeten.
Oder sehen wir uns das folgende Beispiel von Stanley Grenz
(1950-2005) an. An einem bestimmten Punkt stellte er sich die
nachstehenden Fragen: »Kann christliche Theologie überhaupt ir-
gendeinen Anspruch erheben, ›objektive Wahrheit‹ in einem Kon-
text zu formulieren, in dem unterschiedliche Gemeinschaften ver-
schiedenartige Paradigmen anbieten, von denen jedes letztend-
lich theologische Sachverhalte umfasst?« … Bringt der Übergang
zur Gegenposition des grundlagentheoretischen Fundamentalis-
mus einen endgültigen und umfassenden Bruch mit dem meta-
physischen Realismus mit sich?169 Das ist genau die Frage, die wir
stellen müssen. Ein radikaler Postmodernist würde die erste Frage
verneinen und die zweite bejahen; ein gemäßigter Postmodernist
würde viel vorsichtiger sein. Er bestände darauf, dass wir tatsäch-
lich einige Aspekte der objektiven Wahrheit – wenn auch nie voll-
ständig oder als Allwissende – erkennen können. Daneben wür-
de er herausstellen, dass wir niemals einen endgültigen Bruch mit
dem Realismus vollziehen können, wenn wir daran festhalten,
dass es »da draußen« einen Gott gibt, der sich uns gegenüber in
der Geschichte geoffenbart hat.
Wie beantwortet Grenz dann seine eigenen Fragen? Zunächst
macht er geltend, dass solche Fragen »sowohl unangemessen als

169 Stanley J. Grenz, Renewing the Center: Evangelical Theology in a Post-Theological


Era (Grand Rapids: Baker, 2000), S. 245. Ich sollte hinzufügen, dass ich dieses Bei-
spiel zuvor in einer ausführlichen Rezension des Buches benutzt habe, das zuerst
im Internet (Alliance of Confessing Evangelicals) und dann an anderer Stelle ver-
öffentlicht wurde. Dr. Grenz ist so freundlich gewesen, mir eingehend zu antwor-
ten. Als Reaktion auf seine Punkte habe ich den Übersichtsartikel rezensiert, der
anderswo erscheint, und zwar in einem Kapitel unter dem Titel »Domesticating
the Gospel: A Review of Grenz´s Renewing the Center«, in Millard J. Erickson, Paul
Helseth und Justin Taylor, Hrsg., Reclaiming the Center (Wheaton: Crossway, 2004).

182
auch letztlich nutzlos«170 seien. Man sollte lieber fragen: »Wie
kann man aufgrund einer theologischen Methode im Zeitalter des
grundlagentheoretischen Neo-Fundamentalismus zu Aussagen
über eine Welt kommen, die wir nicht beschreiben können?«171
Dies führt ihn im Gegenzug zu seinen von Pannenberg (Wolfhart
Pannenberg, deutscher evangelischer Theologe, geb. 1928. Er ver-
tritt in Abgrenzung zur Wort-Gottes-Theologie sowohl Barth’scher
als auch Bultmann’scher Prägung die Position, dass die Offenba-
rung im Sinne der Selbstoffenbarung Gottes nicht direkt durch
einzelne Offenbarungsereignisse, sondern durch das Gotteshan-
deln als Ganzes in der Geschichte geschehe. Gottes Selbstoffen-
barung könne daher erst von ihrem Ende her, in eschatologischer
Zukunft, voll verstanden werden.) inspirierten Bezugnahmen auf
die eschatologische Welt – die endgültige Welt, die nicht mehr ver-
gehen wird. Diese eschatologische Welt könne Grundlage unserer
Erkenntnistheorie sein.
Doch warten wir einen Moment. Warum sind die eingangs ge-
stellten Fragen entweder unangemessen oder nutzlos? Grenz ist
ihnen einfach ausgewichen, indem er sie durch eine andere, von
ihm bevorzugte Frage ersetzt hat. Wie kann er überhaupt Aussa-
gen »über eine Welt … (machen), die wir nicht beschreiben kön-
nen«? Wenn man den Ausdruck »Welt … die wir nicht beschrei-
ben können« im absoluten Sinne versteht, sind wir außerstande,
irgendetwas über sie zu sagen. Daher können wir auch gleich auf-
hören, es zu versuchen. Aber wenn der Ausdruck von einigen,
nicht absolut verstandenen Begrenzungen ausgeht, dann sind
wir in diesem Fall gezwungen zu sagen, wozu wir imstande sind.
Und wenn wir dies hinsichtlich der eschatologischen Welt tun
können, ergibt sich die Frage: Wieso sollten wir dies nicht auch
bezüglich dieser gegenwärtigen Welt tun können? Im Grunde ge-
nommen gilt: Alles, was wir über die eschatologische Welt wis-
sen, ist in der Schrift offenbart, die selbstverständlich auch eini-
ge Aspekte über unsere Welt enthält. Wenn andererseits Grenz der

170 Grenz, Renewing the Center, S. 245.


171 Ebd.

183
Ansicht ist, dass wir nicht imstande sein werden, irgendwelche
wahren Aussagen über die eschatologische Welt bis zum Eschaton
(Anmerkung des Übersetzers: Dieser aus dem Griechischen kom-
mende Begriff bedeutet so viel wie »alles Letzte«. Auf diesen End-
und Zielpunkt aller zeitlichen Abläufe ist die gesamte Heils- und
Menschheitsgeschichte ausgerichtet.) zu machen, dann gilt Fol-
gendes: a) Man kann kaum erkennen, wie uns eine solche Über-
zeugung irgendeine erkenntnistheoretische Grundlage im Dies-
seits vermittelt. b) Man kann kaum erkennen, wie wir jetzt wis-
sen können, dass wir künftig eine solche Überzeugung haben wer-
den, wenn uns bestimmte Erkenntnisse in der Gegenwart fehlen.
c) Da wir im Übrigen sogar während des endzeitlichen Gesche-
hens endliche Wesen bleiben werden, können wir schwerlich er-
kennen, dass wir die postmodernen Einwände selbst dort über-
winden werden.172
Kurz gesagt: Autoren der Emerging Church fehlt die Kompe-
tenz, angemessen mit den Wahrheitsansprüchen des christlichen
Glaubens umzugehen. Zwar lehnen sie formell die radikalen For-
men der Postmoderne ab, wenn es um ihre eigentlichen Argu-
mente geht. Dennoch geben sie diesen radikalen Formen entweder
nach oder unterlassen es – gelinde gesagt –, irgendwelche Hinwei-
se darauf zu geben, wie von postmodernen Einsichten geprägte
Christen entsprechend der schriftgemäßen Praxis über Wahrheit
reden können (siehe dazu das nächste Kapitel).

Sie stellt sich nicht den schwierigen –


insbesondere nicht den wahrheitsbezogenen –
Fragen
Da sich die kompetentesten Denker der Emerging Church dieser
Probleme natürlich durchaus bewusst sind, ist es bedeutsam, ver-

172 Ein Rezensent merkt zu dieser eschatologischen Bezugnahme ziemlich bis-


sig Folgendes an: »Obwohl sie scheinbar ein Zugeständnis zur Beschwichtigung
der Postmodernisten ist, wird sie selbst hier wohl kaum etwas ausrichten, da Ver-
treter der Postmoderne eschatologische Meta-Erzählungen genauso geringschätzig
behandeln wie jede andere übergeordnete Erzählung« (Randal Rauser in Studies in
Religion / Sciences Religieuses 31 [2002], S. 436).

184
stehen zu wollen, wie wir nach ihren Anregungen den Weg in die
Zukunft beschreiten sollten.
Um uns mit dieser Frage zu befassen, sollten wir vielleicht
am besten feststellen, wie einige Autoren der Emerging Church
mit Weltreligionen umgehen. Immerhin entfaltet die Emerging-
Church-Bewegung ziemlich umfangreiche evangelistische Aktivi-
täten – d.h., sie widmet sich dieser oder jenen Arbeit, um Menschen
evangelistisch zu erreichen. Die Frage lautet daher: »Auf welcher
Grundlage empfehlen führende Persönlichkeiten der Emerging
Church das Evangelium? Auf welcher Basis laden sie andere zur
Mitarbeit ein, wenn sie sich auf den meisten Ebenen mit der Aussa-
ge ziemlich schwertun, dass der christliche Glaube wahr ist?«
Die Antworten sind je nach Autor verschieden. Großen Wert
legt man (zu Recht) auf die Glaubwürdigkeit des christlichen Le-
bensstils und der Jüngerschaft. Christen empfehlen Christus an-
deren gegenüber dadurch, dass sie christusgemäß leben. Dies ge-
hört sicher zu einer Antwort, die schriftgemäß ist. Doch wie steht
es mit den umfassenderen Ansprüchen der Weltreligionen?
Kommen wir einen Augenblick lang auf Grenz zurück. Nach
seinen Ausführungen dürften wir nicht die Frage stellen: »Welche
Religion ist wahr?« Vielmehr müssten wir fragen: »Welches Ziel
ist das höchste, auch wenn viele Ziele reale Sachverhalte beinhal-
ten?«173

»Wir erinnern uns gemeinsam daran, dass das Ziel aller sozi-
alen Traditionen darin besteht, eine geordnete Gesellschaft zu
schaffen (obwohl sich die verschiedenen Volksgemeinschaften
voneinander durchaus im Blick darauf unterscheiden könnten,
was die betreffende Gesellschaft mit sich bringt). Diese Erinne-
rung legt nahe, dass die Wahrheitsfrage besser formuliert wer-
den sollte: Welche Theologie betreibende Gesinnungsgemein-
schaft (Anmerkung des Übersetzers: Grenz unterscheidet hier
bewusst nicht zwischen Christen, Juden, Muslimen usw.!) for-
muliert einen Deutungsrahmen, der imstande ist, eine über-
geordnete Sichtweise für die Gestaltung derjenigen Welt zu

173 Grenz, Renewing the Center, S. 280-281.

185
liefern, welche die betreffende Allgemeinheit tatsächlich an-
strebt? Statt sich daher mit der Förderung irgendeines dif-
fusen Gemeinschaftsbegriffs abzufinden, münden die gemein-
schaftlichen Einsichten der Betreffenden in die Frage: Welche
religiöse Vision besitzt in sich die Grundlage für die gemein-
schaftsstiftende Funktion einer übergeordneten religiösen Per-
spektive? Welche Vision liefert die Basis für Gemeinschaft in
wahrhaft authentischer Ausprägung?«174

Das ist eine schockierende Antwort. Wie sollen wir entscheiden,


welche »religiöse Vision« die Grundlage für die bestmögliche Ge-
meinschaft liefert – besonders dann, wenn nach allgemeinem Ur-
teil das Bestmögliche lediglich »diejenige Welt … (ist), welche
die betreffende Allgemeinheit [Hervorhebung durch den Autor] tat-
sächlich anstrebt«? Wir sehen uns jetzt nicht mehr nur den betref-
fenden Ansprüchen jeder einzelnen Glaubensgemeinschaft (z.B.
Christen, Muslime usw.) gegenüber. Sie sind jeweils der Meinung,
dass ihre diesbezüglichen glaubensmäßigen Sichtweisen die bes-
te Grundlage für diejenige Gemeinschaft bieten, die sie im Blick
haben. Nein, es geht nicht nur um Glaubensrichtungen, sondern
auch um jede ihrer Untergruppen, die alle dieselben Vorrechte
genießen: Taufgesinnte gegen Holländisch-Reformierte, Schiiten
gegen Sunniten usw. Warum nicht die Baptisten dieser oder je-
ner Richtung in einer bestimmten Stadt? Es wird nirgends auf ir-
gendeinen Wahrheitsanspruch hingewiesen, den man beurteilen
müsste – trotz zahlreicher gegenteiliger Schriftzeugnisse (wie wir
sehen werden).
Oder betrachten wir den Ansatz von Brian McLaren. In mehre-
ren seiner Bücher verwirft er sowohl eine vom Absoluten gekenn-
zeichnete Haltung als auch den Relativismus. Worin besteht aber
dann der zukunftsweisende Weg? Er möchte auch nicht als plura-
listischer Relativist gelten, und er lehnt es auch ab, absolute Wahr-
heit als Werkzeug zu benutzen.175 Und worin besteht nun der Weg

174 Ebd., S. 281.


175 Bezüglich seiner neuesten Aussagen in diese Richtung siehe Brian D. McLa-
ren, A Generous Orthodoxy (El Cajon: emergentYS/Grand Rapids: Zondervan, 2004),

186
in die Zukunft? Irgendwie will er mithilfe des Pluralismus den Weg
zu einem Zustand auf der anderen Seite (Anmerkung des Über-
setzers: in Anlehnung an den Titel eines seiner Bücher, The Church
on the Other Side [hier und im Folgenden so viel wie Die Kirche auf
der anderen Seite]) bahnen. Er vertritt die Meinung, dass alle Welt-
religionen bedroht seien – ganz gleich, ob durch den fundamen-
talistischen Islam oder die »kulturelle Vereinheitlichung der Welt
à la McDonald’s«. Die Bedrohungen kämen mehr von Einflüssen,
die in New York und Hollywood und weniger in Arabien sowie
Afghanistan ihren Ursprung hätten. Daher regt McLaren hinsicht-
lich des christlichen Glaubens Folgendes an:

»Er sollte (im Namen Jesu Christi) für andere Weltreligionen ein
gern gesehener Partner und keine Bedrohung sein. Wir sollten
als diejenigen angesehen werden, die deren Erbe gegenüber ge-
meinsamen Feinden schützen, und nicht als einer ihrer Feinde
gelten. Jesus kam ursprünglich nicht, um das Gesetz zugrunde
zu richten, sondern um es zu erfüllen. Er kam nicht, um Men-
schen zu verdammen, sondern um sie zu retten. Meiner An-
sicht nach kommt er heute nicht, um irgendetwas zugrunde zu
richten oder zu verdammen (wenn überhaupt etwas, dann nur
das Böse). Vielmehr kommt er, um dasjenige, das erlöst oder
errettet werden kann, zu erlösen und zu retten.«176

Doch findet sich nicht viel Böses in anderen Religionen? Ja natür-


lich, räumt McLaren ein, kontert jedoch gleichzeitig, dass es im
Christentum genauso viele unheilvolle Zustände gebe wie anders-
wo. Gibt es außerdem nicht auch Gutes in anderen Religionen?
Hier will McLaren auf jeden Fall den Eindruck vermeiden, dass
er in die alte Falle (»Alle Religionen sagen im Grunde dasselbe«)
tappt. Manchmal würden sie nach seinen Worten von ganz unter-

bes. Kap. 19. Siehe z.B. auch A New Kind of Christian (San Francisco: Jossey-Bass,
2001), S. 65-66.
176 A Generous Orthodoxy, S. 254. So enttäuschend McLaren hier gelegentlich ist –
mitunter erreicht er auch Höchstform. Selten habe ich einen Abschnitt gelesen, hin-
sichtlich dessen ich gleichzeitig so viele Übereinstimmungen und Meinungsver-
schiedenheiten festgestellt habe.

187
schiedlichen Sachverhalten reden. Nehmen wir Folgendes als Bei-
spiel:

»Der Zen-Buddhismus … sagt wenig über Geschichte und


Zweckbestimmung des Universums (im Gegensatz zum Ju-
dentum und Christentum sowie zum Theravada-Buddhis-
mus). Das Christentum der westlichen Welt hat (wenigstens
während der letzten Jahrhunderte) relativ wenig über Acht-
samkeit (Anmerkung des Übersetzers: Abgesehen von der
Alltagsbedeutung wird damit ein Konzept der buddhistischen
Tradition bezeichnet.) und meditative Praktiken gesagt. Ganz
anders der Zen-Buddhismus. Wenn man über verschiedene
Dinge redet, bedeutet dies nicht unbedingt, dass man einander
widerspricht. Vielmehr bedeutet es, dass einer dem anderen
– zumindest gelegentlich – viel zu geben hat.«177

An dieser entscheidenden Stelle lässt McLaren wieder jenen Ein-


fluss erkennen, den David J. Bosch auf ihn ausgeübt hat (sie-
he dazu die oben stehenden Ausführungen in Kapitel 1). Er regt
»acht neu hervortretende Verpflichtungen hinsichtlich einer weit-
herzigen Orthodoxie« an.178 Diese hat er den acht Punkten von
Bosch angepasst. An anderer Stelle führt McLaren Folgendes aus:
»Die Kirche darf den christlichen Glauben nicht als eine religiöse
Streitmacht vorstellen, die sich im Kriegszustand mit alle anderen
Scharen religiöser Streiter befindet, sondern als eine unter vielen
Kampftruppen des Glaubens, die gegen das Böse, die Lüge, die
Zerstörung, die Finsternis und Ungerechtigkeit kämpft.«179 Wenn
aber unser Auftrag gemeinsam mit den Aufgaben anderer Reli-
gionen darin besteht, Menschen zum Kampf gegen das Böse zu
bewegen, ist die Frage, welchen Auftrag sich die Betreffenden zu
eigen machen sollen, noch immer angemessen. »Natürlich gibt es
in einer pluralistischen Welt viele Optionen« – doch dies bedeute
nach McLaren nicht, dass eine Religion gegenüber jeder anderen

177 Ebd., S. 255.


178 Ebd., S. 256.
179 McLaren, The Church on the Other Side, S. 83.

188
moralisch gleichwertig sei. Unmittelbar vor dem letzten Schritt in
Richtung Relativismus weicht McLaren zurück: »Entgegen den
Folgerungen des Relativismus ist es von Belang, mit welchem
Auftrag man sich identifiziert.«180
Doch warum spielt dies eine Rolle? Wenn Religionen nicht
gleichwertig sind, wie McLaren zu Recht bekräftigt, fragt man sich:
Worin besteht das Beurteilungskriterium dafür, dass eine Religion
besser oder schlechter ist? An dieser Stelle sagt McLaren nicht,
dass eine Religion der Wahrheit näher komme als andere Glau-
bensrichtungen oder irgendetwas dergleichen. Vielmehr meint er:
»Sehen wir uns diejenige Religion an, die den Stolz der Pharisäer
›in den eigenen Reihen‹ und die Hingabe der Huren ›da draußen‹
erkennt. Sie rechnet damit, dass Satan auch dem vorbildlichsten
Jünger etwas einflüstert. Sie sieht, wie der barmherzige Samariter
anhand seines Verhaltens die Liebe veranschaulicht. Dieser Reli-
gion werden sich die Betreffenden verschreiben.«181 Ein Rezensent
formuliert es jedoch folgendermaßen: »Ist der christliche Glaube
einfach deshalb erstrebenswerter als andere Religionen, weil wir
fetzigere paradoxe Sachverhalte haben, die Menschen innerlich
fesseln?«182 An anderer Stelle zitiert McLaren zustimmend Bosch:
»Wir können auf keinen anderen Heilsweg als auf Jesus Christus
verweisen. Gleichzeitig sind wir aber außerstande, Gottes Retter-
macht zu begrenzen … Wir sind uns dieser Spannung bewusst
und versuchen nicht, sie aufzulösen.«183 McLaren fügt hinzu:
»Dies bedeutet, dass Bannflüche selten, wenn überhaupt, ausge-
rufen werden können und dass man andere kaum oder gar nicht
ächten darf.«184 Ich will gewiss nicht häufiger als die Schrift Bann-
flüche ausrufen sowie andere als ausgeschlossen ansehen – und
wenn, dann auch stets nur unter Tränen, so wie Jesus über Jeru-
salem weinte. Aber ich frage mich, inwiefern ich Gottes Worten

180 Ebd., S. 84.


181 Ebd.
182 Rezension von Greg Gilbert, veröffentlicht unter http://www.christianity.
com/partner/Article_Display_Page/0,,PTID314526|CHID598014|CIID1562286,00.
html, vorletzter Abschnitt.
183 McLaren, A Generous Orthodoxy, S. 262.
184 Ebd.

189
treu bin, falls ich McLarens Position (»selten, wenn überhaupt«)
übernehme. Wie weit hat sich McLarens Haltung von derjenigen
des Paulus entfernt, der die götzenverehrenden Religionen sei-
ner Zeit beurteilte: »Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissen-
heit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie überall
Buße tun sollen« (Apostelgeschichte 17,30)? Und wo – ob nun im
Alten oder im Neuen Testament – schließt sich der in der Schrift
geoffenbarte Glaube mit anderen Religionen zusammen, weil er
eine Schar religiöser Streiter unter vielen zur Bekämpfung des Bö-
sen verkörpert? Ist es nicht viel charakteristischer für die Bibel,
dass sie in anderen Religionen verschiedene Formen des Götzen-
dienstes sieht?
Leider ist meiner Ansicht nach so ziemlich jeder Schritt in
McLarens Beweisführung an dieser Stelle entweder sachlich frag-
würdig oder geradezu manipulativ.
1. Stimmt es wirklich, dass alle Religionen der Welt bedroht
sind? Vielleicht, doch es sind zahlreiche Forschungsergebnisse
veröffentlicht worden, die argumentieren, dass es ein Wiederauf-
leben der Religionen in aller Welt gibt, selbst wenn sich dieses wie-
dererwachte Interesse auf die einzelnen Glaubensrichtungen un-
gleich verteilt.185
2. Wer sich bei seinen Verurteilungen derartiger Slogans be-
dient (die globale Vereinheitlichung à la McDonald’s), kann sicher-
lich bei einigen Leuten punkten, argumentiert aber schwerlich un-
voreingenommen. Ja, McDonald’s gibt es überall auf der Welt. Das
Gleiche gilt für thailändische Restaurants, indische Restaurants,
griechische Restaurants, französische Restaurants, koreanische
Restaurants, chinesische Restaurants, arabische Restaurants, ja-
panische Restaurants, italienische Restaurants usw. Ich finde sie
samt und sonders in fast jeder größeren von mir aufgesuchten
Stadt, und zwar auf sechs Kontinenten. Dies ist auf verbesserte
Transportmöglichkeiten, Wanderungsbewegungen, Kapitalströ-
me und vieles andere zurückzuführen. Ist das alles negativ? Ist es

185 Siehe z.B. Alister McGrath, The Twilight of Atheism: The Rise and Fall of Disbelief
in the Modern World (New York: Doubleday, 2004). McGraths Ansicht ist vorsichtig
optimistisch, während McLaren ein ziemlich düsteres Bild malt.

190
nicht positiv zu bewerten, wenn man andere Lebensweisen, an-
dere Sprachen, andere Gerüche und andere Speisen kennenlernt?
Ja, ich weiß, dass die Globalisierung wie die meisten Sachverhalte
auf der Welt einige positive und einige negative Aspekte hat. 1970
lebten 11% aller Armen auf der Welt in Afrika, während 76% Asi-
aten waren. Bis 1998 vergrößerte sich der Anteil der Afrikaner auf
66%, wohingegen nur 15% in Asien lebten.186 Asien hat dies da-
durch geschafft, dass es das Wirtschaftswachstum einschließlich
des Welthandels ankurbelte, während ein Großteil Afrikas noch
immer von sozialistischen und antikapitalistischen Strukturen ge-
prägt wird. Ist es dennoch nicht gut, wenn man sieht, wie anders-
wo im Rahmen kapitalistischer Verhältnisse die Armut gemin-
dert wird, selbst wenn wir durchaus auch die Gefahren des Wohl-
stands und des Materialismus erkennen?
3. McLaren legt wiederholt dar, dass auch das Christentum sei-
nen Anteil an dem Bösen hat, das in der Welt verübt wird. Wie
kann es da ein Urteil über die Missstände in anderen Religionen
abgeben?187 Obwohl McLaren hier bedeutsame Einsichten erken-
nen lässt, sind seine Vergleichsmaßstäbe meiner Ansicht nach
ziemlich verzerrt (worauf ich weiter unten zurückkommen werde).
Mir geht es hier lediglich um Folgendes: Christen behaupten, dass
die ihnen in der Schrift und vor allem in der Person sowie dem
Werk Christi gegebene Offenbarung uneingeschränkt gut ist. Dass
Christen in ihrem Leben dieser Offenbarung nicht gerecht werden,

186 Siehe Jagdish Bhagwati, In Defense of Globalization (New York: Oxford Univer-
sity Press, 2004).
187 Außer der bereits angeführten Stelle siehe z.B. Neos Bemerkung in A New
Kind of Christian, S. 66: »Schau mal, mein Evangeliumsverständnis sagt mir, dass
Religion stets eine Reihe recht unterschiedlicher Facetten beinhaltet – ob es nun
das Judentum, das Christentum, der Islam oder der Buddhismus ist. Einige As-
pekte spiegeln aufrichtige Versuche der Betreffenden wider, die Wahrheit zu fin-
den, während einige andere Aspekte menschliche Versuche darstellen, der Wahr-
heit mithilfe der Heuchelei auszuweichen. Einige davon lassen schwache Gottes-
ahnungen erkennen, die den Betreffenden durch die Natur und durch Erfahrung
vermittelt werden. Außerdem entdecken sie Gottes Spuren im Bauplan ihres Kör-
pers und in Bezug darauf, wie das Universum erschaffen wurde – worüber Paulus
in Römer 1 oder in Apostelgeschichte 17 sprach. Und einige Aspekte stellen wie-
derum unser eigenes Ego, unseren Stolz, dar, während wir versuchen, die Wahr-
heit zu unterdrücken und uns dabei das Aussehen von Heiligen zu geben.«

191
ist eine außerordentlich große Schande – ein Sachverhalt, für den
wir immer wieder um Vergebung bitten müssen und auf dessen
Überwindung wir fortwährend hinwirken sollten, selbst wenn wir
uns zugleich nach der Vollendung des Reichs sehnen. Doch soweit
andere Religionen der göttlichen Offenbarung im Grunde wider-
sprechen, behaupten wir, dass in diesen Religionen keineswegs die
Wahrheit geoffenbart worden ist. Dabei sehen wir einmal ganz da-
von ab, ob Anhänger irgendeiner anderen Religion nach den eige-
nen Überlieferungen leben oder nicht. Es stellt sich demnach – mit
anderen Worten – die Frage, ob die maßgebenden Schriften jener
Religionen der Wahrheit entsprechen. Angenommen, sie führen
zur Anbetung eines Gottes bzw. vieler Götter, deren Eigenschaften
dem Wesen Gottes, der da ist (um die bekannte Formulierung von
F. Schaeffer zu gebrauchen), ganz bzw. teilweise fremd sind oder
ihm widersprechen. Dann erhebt sich die Frage: Sollte dies nicht
für Christen von Belang sein, die das Verlangen haben, der Offen-
barung entsprechend zu leben? McLaren weicht dieser Frage aus,
indem er davon spricht, wie Angehörige aller Religionen gesün-
digt haben. Wohl wahr, doch man fragt sich: Sind all die angeb-
lichen Offenbarungen in gleicher Weise wahr, genauso richtig und
ebenso gut? Wenn ja, dann haben wir uns in den philosophischen
Pluralismus zurückgezogen. Wenn nicht, warum nicht? Wann ge-
stehen wir endlich ein, dass man Wahrheitsansprüchen nicht aus-
weichen kann, selbst wenn sie keinen Anspruch auf allumfassende
Erkenntnis absoluter Wahrheit erheben?
4. Wenn McLaren über Unterschiede zwischen Religionen
spricht, sollen diese nach seinem Willen mitunter als Zusatz ver-
standen werden. Einige Religionen reden mehr über die Geschich-
te des Universums, während sich die Aussagen anderer (z.B. des
Zen-Buddhismus) eher auf Meditation konzentrieren. Lasst uns
daher von ihnen allen lernen, denn sie tragen – so McLaren –
ausnahmslos zu echtem geistlichen Leben bei! Er geht allerdings
nicht darauf ein, was wir tun müssen, wenn sich die Religionen
einander widersprechen. Doch ganz abgesehen davon bringt die-
se Herangehensweise (Unterschiede sind lediglich Zusätze) einen
verborgenen Problemkomplex mit sich. In diesem Fall wird Medi-

192
tation im Zen-Buddhismus nicht als reine Technik verstanden. Sie
ist vollständig mit dem Gottesverständnis des Zen verbunden, das
demjenigen der Bibel völlig fremd ist. Indessen spricht die Bibel
gelegentlich auch von Meditation bzw. Nachsinnen (sehen Sie sich
dazu Psalm 1,2; Psalm 119 genauer an). Sagt die Bibel irgendetwas
hinsichtlich der verschiedenen meditativen, im Christentum ent-
wickelten Denkweisen, das für unsere Beurteilung relevant wäre?
Erwähnt sie z.B. Praktiken der Puritaner oder der Julian von Nor-
wich (ca. 1342 bis nach 1416, auch Juliana genannt, englische Mys-
tikerin, die ihre »Offenbarungen« niederschrieb)? Und wenn die
Bibel uns zur Verantwortung dafür zieht, wie wir Christen über
bestimmte Sachverhalte meditiert (nachgesonnen) haben, fragt
man sich: Sagt sie nicht möglicherweise auch etwas zu der Art und
Weise, wie im Zen-Buddhismus meditiert wird – einer Religion, in
der Meditation unbestreitbar mit einer völlig anderen Gottesvor-
stellung verbunden ist?
5. Einige Vertreter anderer Weltreligionen würden McLarens
Ansatz jedenfalls als beleidigend empfinden, weil sie daran fest-
halten, dass ihre eigenen religiösen Vorstellungen wahr sind bzw.
nur mithilfe von Wahrheitsansprüchen, die als Beurteilungskrite-
rium dienen, angesprochen werden können. Ich werde jene Indi-
anerin nicht so schnell vergessen, die Vorlesungen ihres Universi-
tätsdozenten folgte, der sich über den Postmodernismus ausließ.
Ihre Erregung nahm immer mehr zu, bis sie sich schließlich nicht
mehr halten konnte und ausrief: »Zuerst habt ihr unser Land weg-
genommen, dann habt ihr uns die Sprache genommen. Schließlich
habt ihr uns auch den Rest unserer Kultur genommen, und jetzt
wollt ihr uns auch unsere Religion nehmen!«
Bedauerlicherweise komme ich zwangsläufig zu der Schluss-
folgerung, dass McLaren weiterhin all den schwierigen Fragen
ausweicht, während er gleichzeitig behauptet, dass er einen bes-
seren Weg gefunden habe. Ich kann nicht erkennen, inwieweit er
mit denjenigen Fragen gerungen hat, die mit der Abscheulichkeit
des Götzendienstes in den Augen des Gottes der Bibel zu tun ha-
ben. Meiner Ansicht nach argumentiert er nicht folgerichtig und
überzeugend, eben weil er nicht beabsichtigt, sich mit den Wahr-

193
heitsansprüchen zu befassen.188 Darüber hinaus setzt er sich nicht
mit der Art und Weise auseinander, wie die Gemeinde sowohl in
neutestamentlicher Zeit als auch in der Zeit der Kirchenväter ih-
ren Weg finden musste: In der damaligen Welt gab es nämlich
viele konkurrierende religiöse Stimmen, die den Christen allesamt

188 Man könnte leicht andere Ansätze mit ähnlichen Problemen anführen. In
Robert C. Greers Werk, Mapping Postmodernism: A Survey of Christian Options
(Downers Grove: InterVarsity Press, 2000), findet sich umfangreiches hilfreich-
es Studienmaterial. Sein eigener Lösungsansatz ist jedoch zutiefst problematisch.
Kurz gesagt schlägt er einen »Neo-Postmodernismus« – so seine Bezeichnung –
vor. Obwohl wir nach seinem Willen die Schrift als Gottes Wort ansehen sollen, las-
se sie in ihrer Darstellung des einen (und daher allumfassenden) Christusgesche-
hens die Möglichkeit offen, dass diesem Christusgeschehen eine Vielzahl von Para-
digmen entspringen würden – verschiedene Paradigmen, die der Geist tatsächlich
lehre. So hätten (beispielsweise) sowohl diejenigen, die an der Kindertaufe festhal-
ten, als auch jene, welche die Glaubenstaufe praktizieren, recht. Calvinisten und
Arminianer (Anmerkung des Übersetzers: Reformierte in der Tradition Calvins be-
tonen besonders stark die göttliche Souveränität bei der Erwählung des Menschen,
während Arminianer stärker die menschliche Entscheidungsfreiheit hervorheben.
Die letztere Richtung ist nach dem niederländischen Theologen Jacobus Arminius
benannt.) würden hinsichtlich ihrer jeweiligen Paradigmen möglicherweise gleicher-
maßen richtig liegen. Paradigmen sowohl der Konservativen als auch der Libera-
len entsprächen in gleicher Weise der Wahrheit usw. Zur eigenen Absicherung sagt
Greer, dass sie alle recht haben können. »Im Neo-Postmodernismus werden unter-
schiedliche religiöse Traditionen mit verschiedenartigen Möglichkeiten zur Syste-
matisierung der Wahrheit als diejenigen anerkannt, die innerhalb des Leibes Chris-
ti berechtigt sind. Dies liegt daran, dass es dem Heiligen Geist freisteht, die Wahr-
heit für verschiedene Gläubige jeweils anders auszugestalten, ohne die grundle-
gende Einheit des Wortes Gottes anzutasten« (S. 201). Greers Buch sollte unbedingt
ausführlich beurteilt werden. Weil es jedoch von der Emerging-Church-Bewegung
offenbar nicht direkt benutzt wird, ist es besser, an dieser Stelle von einer Bewer-
tung abzusehen. Überdies unterlässt es diese Darstellung als solche, auf die Her-
ausforderungen der Weltreligionen einzugehen. Ich kann es mir jedoch nicht ver-
kneifen, hier festzustellen, wie oft Greer überraschend verworrene theologische
Kategorien verwendet, um seine Beweisführung zu untermauern (so ordnet er z.B.
die theologische Debatte in der Heilsfrage [Anmerkung des Übersetzers »Lordship
controversy« im Original. Für diese theologische Auseinandersetzung im englisch-
sprachigen Raum scheint es noch keine prägnante deutsche Entsprechung zu ge-
ben. Es geht um den seit Ende der 80er-Jahre aufgebrochenen Streit zwischen de-
nen, die sagen: »Jesus muss Retter und Herr sein!«, und den Vertretern der Leh-
re von der freien Gnade, deren Grundsatz »Jesus als Retter genügt!« ist. Während
der zuerst genannte Standpunkt vor allem von John MacArthur vertreten wird, ist
Charles Ryrie zumindest in gemäßigter Form ein Verfechter der letzteren Position.]
der Auseinandersetzung in Bezug auf die Frage der Zurechnung der Gerechtigkeit
Christi zu [Anmerkung des Übersetzers: Manche Theologen lehren, dass die Zu-
eignung des Werkes Christi eine Wesensveränderung in dem Betreffenden bewirkt
und die Heiligung darin gewissermaßen schon inbegriffen ist. Andere betonen da-
gegen, dass die Zuordnung lediglich im juristischen Sinne geschieht und die Heili-
gung als zweiter Schritt im Glaubensleben folgen muss.]).

194
Arroganz vorwarfen, weil diese darauf bestanden, dass es nur ei-
nen Weg zum Heil gebe.189

Sie gebraucht die Schrift nicht als maßgebliche


Richtschnur gegenüber einer aus verschiedenen
Quellen schöpfenden Berufung auf die Tradition
Wie wir bereits in den früheren Kapiteln dieses Buches festge-
stellt haben, ist es für viele Denker der Emerging Church charak-
teristisch, dass sie bestrebt sind, viele Traditionen vor Ort zu hin-
terfragen und sich stattdessen auf die gesamtchristliche Tradition,
das ganze christliche Überlieferungsgut, zu berufen. Dies findet in
der Literatur auf dreierlei Weise seinen Niederschlag:
Erstens: Auf einer gefühlsduseligen Ebene berechtigt dies ver-
schiedene Befürworter der Emerging Church, sich jeweils das Bes-
te herauszusuchen: Versuchen wir es doch einmal mit Ikonen,
Räumen mit ausliegenden Tagebüchern, Kerzen, Gewändern,
Weihrauch, weil all dies zur Tradition gehört!
Zweitens: Auf einer mehr inhaltsbezogenen Ebene räumen
von der Postmoderne geprägte führende Persönlichkeiten der
Emerging Church ein, dass unser aller Denken traditionsverhaftet

189 Wir sind auf einem anderen Weg zu unserer früheren Diskussion der mo-
dernen »Toleranz«-Vorstellungen zurückgekehrt. Ihnen zufolge sei es »intolerant«,
wenn man sagt, dass jemand anders im Irrtum ist. Meiner Ansicht nach ist es un-
möglich, die zuvor gegebene Toleranz-Definition (Anmerkung des Übersetzers:
d.h. die vor der postmodernen Toleranz-Definition geltende Begriffsbestimmung)
– die als einzige in sich schlüssig ist und den moralischen Bankrott vermeidet (S.
68-70) – beizubehalten, ohne Wahrheitsansprüche in erheblichem Maße zu berück-
sichtigen. Ebenso sind moderne »Pluralismus«-Vorstellungen mitunter gegenüber
einer Vielfalt von Ansichten bemerkenswert intolerant: Alle Stimmen gehen in der
Aussage konform, dass alle Meinungsäußerungen gleichermaßen richtig seien.
Oder wenn eine einzelne Sichtweise den Überlegenheitsanspruch erhebt (genau
das will McLaren bezüglich des christlichen Glaubens sagen!), sei dies nicht mög-
lich, weil es einen nicht verhandelbaren Wahrheitsanspruch gebe. Man erinnert
sich an die Feststellung von George M. Marsden über »Toleranz« und »Pluralis-
mus« an US-amerikanischen Universitäten: »Der Pluralismus bleibt die Grund-
lage dafür, Gleichförmigkeit zwangsweise einzuführen« (The Soul of the American
University: From Protestant Establishment to Established Nonbelief [New York: Oxford
University Press, 1994], S. 436]. Seine gesamte diesbezügliche Erörterung vermit-
telt lehrreiche Einsichten.

195
ist. Wir sind nicht völlig autonome wissende Wesen. Zumindest
bedeutet dies, dass wir ein viel größeres Erbe besitzen, als viele
Christen anerkennen. Daher sollten wir aus dieser enorm großen
Tradition heraus denken, wirken und leben – Katholiken, Ortho-
doxe der Ostkirchen, Evangelikale, Liberale usw.
Drittens lenkt McLaren die Aufmerksamkeit auf ein überaus
einflussreiches Buch von Alasdair MacIntyre, After Virtue190, wor-
auf wir in Kapitel 1 kurz eingegangen sind. MacIntyre lehnt den
modernen Individualismus – ganz gleich, ob liberaler oder mar-
xistischer Prägung – ab. Dabei behauptet er, dass unser Leben
durch die unsystematischen Erkenntnisansätze fragmentiert wer-
de, die für die Spätmoderne charakteristisch seien. Seine Lösung
besteht darin, sich auf die Tugendtradition des Aristoteles zu be-
rufen, ohne die – so seine Argumentation – beständige Tugenden
letztendlich nicht möglich seien. Man müsse zum aristotelischen
Denken zurückkehren und es in unserer Zeit neu ausgestalten,
oder man sähe sich den zersetzenden Auflösungsbestrebungen
von Nietzsche gegenüber. Dieser hätte zumindest die Unzuläng-
lichkeit des modernen Denkens verstanden, selbst wenn seine ei-
gene Lösung nicht besser wäre. McLaren verweist dann auf ein
Büchlein von Jonathan Wilson191, der – in Anlehnung an MacIn-
tyre – fünf praktische Lektionen für Christen anbietet, die unter
postmodernen Bedingungen leben. Diese Lektionen gehen entwe-
der auf MacIntyre oder auf eine geringfügig überarbeitete Version
der Ethik MacIntyres zurück. Sie sehen folgendermaßen aus:
a. Wenn wir in aller Treue leben, muss sich die Gemeinde zu
ihrer Geschichte stellen. In unserem Kontext heißt dies, dass wir
zwischen Gemeinde, Reich Gottes und Welt unterscheiden müs-
sen, wenn wir der Welt unsere Botschaft überbringen.
b. Wir müssen die Fragmentierung, die wir kaum erkennen,
bekämpfen. Wer treu leben will, darf nicht nur Kleinigkeiten treu

190 After Virtue: A Study in Moral Theory, 2. Aufl. (Notre Dame: University of
Notre Dame, 1984).
191 Jonathan R. Wilson, Living Faithfully in a Fragmented World, Lessons for the
Church from MacIntyre’s After Virtue (Harrisburg: Trinity Press International,
1997).

196
erledigen. Vielmehr muss alles auf das richtige Ziel hin ausgerich-
tet werden.
c. Wir müssen das Versagen des »Projekts Aufklärung« erken-
nen, damit wir uns unmittelbar den vielen Versäumnissen und
Fällen von Untreue in der Christenheit stellen können.
d. Obwohl MacIntyre versuchte, die aristotelische Tradition
wiederherzustellen, möchte Wilson die Tradition im Lichte christ-
licher Maßstäbe erneuern. Das schließt ein intensives Nachden-
ken darüber ein, worin das telos (griechisch für »Ziel« oder »End-
zweck«) des menschlichen Lebens besteht. Insbesondere müssen
wir Sachverhalte innerhalb des Überlieferungsguts umsetzen, die
in unserem Leben, unseren Werten, unseren Methoden und un-
serer Gemeinschaft tief verwurzelt sind.
e. Wir müssen ein neues Leben der inneren Einkehr einführen
– und weniger diejenige mönchische Lebensweise, die MacIntyre
befürwort, sondern eine Art Rückzug aus dem Engagement in den
Bruchstücken unseres kulturellen Lebens als diejenigen, die sich
auf Schritt und Tritt moralisch kompromittieren.
McLarens drei Bezugnahmen auf die gesamtchristliche Tradi-
tion unterscheiden sich deutlich voneinander. Trotzdem scheinen
verschiedene Feststellungen, die für eine oder mehrere dieser Be-
zugnahmen gelten können, vonnöten zu sein.
1. Ironischerweise reden einige führende Vertreter der
Emerging Church immer wieder von der Bedeutung der gesamt-
christlichen Tradition, während ihnen die Verwurzelung in ir-
gendeiner lange bestehenden, lebendigen Tradition fehlt. Indem
sie unablässig auf die »gesamtchristliche Tradition« Bezug neh-
men und sich dann im Grunde aus ihren Angeboten das Pas-
sende heraussuchen, misslingt es ihnen, irgendeine der einzel-
nen Traditionen, die das ganze christliche Überlieferungsgut bil-
den, praktisch umzusetzen. Sie schaffen sich damit lediglich ihre
eigene, vielschichtige, eigens für diesen Zweck entwickelte Ge-
meinde-Identität. Wenn dabei wirklich die Schrift maßgebend
wäre, würden gute Gründe dafür sprechen. Doch allen Beteue-
rungen zum Trotz wird diese Identität in Wirklichkeit nicht von
der Schrift geprägt. Sie wird vielmehr von dem beherrscht, was

197
nach Ansicht dieser Denker der Emerging Church in der postmo-
dernen Welt angemessen ist. Es entbehrt nicht einer gewissen Iro-
nie, dass dies zu einer der eigennützigsten Bezugnahmen auf die
Tradition führt, die ich je erlebt habe: Solange man sich aus einer
so reichhaltigen Fundgrube wie der gesamtchristlichen Tradition
das Beste heraussuchen könne, sei man durch das Regelwerk ir-
gendeiner Tradition nicht wirklich gebunden. Während man sich
für überaus tugendhaft hält, nehmen die selbst getroffenen Ent-
scheidungen höchst eigenartige Züge an.192
2. In Bezug auf diejenigen, die stattdessen argumentieren, dass
die verschiedenen Traditionen alle gleichermaßen berechtigt sind,
gibt es zwei unüberwindbare Schwierigkeiten. Die erste besteht
darin, dass sich diese Traditionen der Christenheit manchmal
grundlegend widersprechen. Unterschiedliche Gemeinschaften
kommen trotz Berufung auf denselben Heiligen Geist zu unter-
schiedlichen Auslegungen des Wortes Gottes. Angesichts dessen
bleiben die schwierigen Fälle, bezüglich derer sich die verschie-
denen Standpunkte einander eindeutig widersprechen, einfach
ungelöst. Die zweite Schwierigkeit besteht darin, dass man die
Schrift nicht als Beurteilungskriterium zulässt. Wo sich die Schrift
hinsichtlich einer gewissen Angelegenheit nicht klar äußert, mö-
gen unterschiedliche Sichtweisen Raum gewinnen. Doch wo die
Schrift hinreichend klar ist193, muss die Schrift Beurteilungskriteri-
um sein, so lange, wie sie entsprechend unserer Anschauung über
den Glaubensbekenntnissen steht.
Die meisten (wenn auch nicht alle Führerpersönlichkeiten der
Emerging Church) wollen an der Vorrangstellung der Schrift fest-
halten. Nehmen wir z.B. McLarens »weitherzige Orthodoxie« …

192 Führende Vertreter der Emerging Church sind sich in dieser Angelegenheit
nicht völlig einig. Robert Greers Ansicht geht – wie bereits erwähnt – in die ent-
gegengesetzte Richtung: Alle Aspekte der einzelnen Traditionen würden gleich-
berechtigte Widerspiegelungen der gesamtchristlichen Tradition beinhalten (siehe
oben Anmerkung 188).
193 Ich gebrauche diesen Ausdruck, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass
uns je diejenige erkenntnismäßige Klarheit zugeeignet wird, die ausschließlich die
Allwissenheit auszeichnet.

198
»… die am Apostolischen und am Nizäischen Glaubensbe-
kenntnis festhält und sie bekräftigt. Sie räumt ebenso (weithin
zu Unrecht) ein, dass eine ganze Reihe von Punkten, die viele
als entscheidend wichtige Elemente des rechten Glaubens an-
sehen, in jenen bahnbrechenden Bekenntnissen nirgends vor-
kommen. Sie fügt (etwas verlegen) hinzu, dass man nie mithilfe
des Knüppels der Glaubensbekenntnisse die Unterwerfung von
Menschen erzwingen sollte, die ehrliche Fragen und Zweifel
haben. Sie bekräftigt auch (in ausgesprochen protestantischer
Manier), dass die Schrift selbst weiterhin über den Glaubens-
bekenntnissen steht und dass der Heilige Geist die Schrift ge-
brauchen kann, um unsere bekenntnismäßigen Verständnisse
und Schwerpunkte gelegentlich ins Lot zu bringen.«194

Eigentlich ist die Bekräftigung der einzigartigen Rolle der Schrift


nicht nur eine »protestantische« Erkenntnis, sondern auch eine
Grundüberzeugung aus der Zeit der Kirchenväter.195 Aber warum
wird der Schrift diese einzigartige Stellung zugeeignet? Liegt es
nur daran, dass die Schriftautorität von mehr Christen anerkannt
wird, als dies im Blick auf dieses oder jenes Bekenntnis der Fall
ist? Wieso habe ich bisher nirgendwo von einem führenden Ver-
treter der Emerging Church die Aussage gehört, dass die Schrift
maßgebender ist, eben weil sie von Gott geoffenbart und wahr ist? Wo
hat ein solcher bislang erklärt, dass man Glaubensbekenntnisse
aus ebendiesem Grund anhand der Schrift überprüfen (und notfalls
revidieren) müsse, statt umgekehrt vorzugehen?
3. Dies führt uns zum Vorschlag von MacIntyre und Wilson zu-
rück. Es ist die Bezugnahme auf eine ganzheitliche Tradition, die
Ursprung unseres Denkens sein sollte, bis es schließlich die Di-
mensionen einer Weltanschauung – so die Bezeichnung durch
viele – annimmt. Diese Bezugnahme ist enorm wichtig und spricht
Bände gegen die Fragmentierung in unserer Zeit. Doch MacIn-

194 McLaren, A Generous Orthodoxy, S. 28.


195 Siehe z.B. das von John D. Woodbridge sorgfältig zusammengestellte Beweis-
material in Biblical Authority: A Critique of the Rogers/McKim Proposal (Grand Rap-
ids: Zondervan, 1982).

199
tyres Werk war nicht so stark gegen Leugnungen der Wahrheit als
vielmehr gegen engstirniges Denken gerichtet, das aufgrund der
wissenschaftlichen Bindungen an hermetisch abgeschlossene Dis-
ziplinen große Schwachstellen aufweise. Nachdem Wilson und
McLaren jedoch MacIntyre für ihre Zwecke umformuliert haben,
wird er zu einem Verfechter der postmodernen Ziele. Das bedeu-
tet, dass Christen selbstbewusst entscheiden, bestimmte Sachver-
halte innerhalb des gesamtchristlichen Traditionsguts umzuset-
zen: Dies sind unsere Überzeugungen, sie bilden unseren Bezugs-
rahmen.
Obwohl dies gut formuliert und sehr bedeutsam ist, sei die Fra-
ge erlaubt: Entsprechen diese Traditionen der Wahrheit? Sind sie
z.B. sogar für gebildete und umsichtige Hindus wahr, die ihnen
keinen Glauben schenken? Oder sind sie unsere Überzeugungen,
weil sich dies einfach so ergeben hat?
Es gibt eine ähnliche Debatte unter Postliberalen. George Lind-
beck, an dem sich Grenz weithin orientierte, besteht darauf, dass
Lehren nicht irgendwelche wahren Sachverhalte vermitteln wol-
len, sondern das Glaubensmosaik der Gemeinschaft der Gläu-
bigen bilden.196 Ich stimme dahin gehend zu, dass sie das Glaubens-
mosaik der Gläubigen in ihrer Gesamtheit beinhalten – doch man
fragt sich: Sind deren Glaubensinhalte wahr? Mit anderen Worten:
Entspricht das, was diese Gemeinschaft glaubt, in beträchtlichem
Maße dem eigentlichen Wesen der diesbezüglichen Sachverhalte?
Insgesamt betrachtet ist uns ja das Heil nicht aufgrund von Ge-
danken über Gott, Jesus, das Kreuz, seine Auferstehung, die Rolle
des Geistes, die Wiedergeburt usw. zugeeignet worden. Vielmehr
werden wir durch Gott selbst errettet – durch Jesus selbst, durch
sein Werk am Kreuz, durch seine Auferstehung, die ein tatsäch-
liches geschichtliches Geschehen umfasst, usw. Die Rettung wird

196 Vgl. die erweiterte Diskussion in meinem Übersichtsartikel, »Domesticating


the Gospel: A Review of Stanley J. Grenz´s Renewing the Center«, Southern Baptist
Journal of Theology (Winter 2002), S. 82 ff. Als Beispiel für Lindbecks Denken könn-
te man aus seinem umfangreichen Werk folgenden Band auswählen: The Nature
of Doctrine: Religion and Theology in a Postliberal Age (Louisville: Westminster John
Knox Press, 1984; deutsche Ausgabe: Christliche Lehre als Grammatik des Glaubens:
Religion und Theologie im postliberalen Zeitalter [Gütersloh: Kaiser [u.a.], 1994]).

200
uns nicht durch Gedanken zuteil, die wir im Text finden, sondern
vielmehr infolge jener Sachverhalte, die der Text bezeugt. Der Text
hat »außertextliche Bezüge« – d.h., er bezieht sich auf Dinge, die
außerhalb der eigentlichen Welt des Textes liegen. Genau diese
außertextlichen Wirklichkeiten sind es, die uns Heil bringen. Post-
liberale sind sehr darauf bedacht, die Bedeutung der uns über-
kommenen Bibel als Vermittler der Gedanken des christlichen
Glaubens zu bekräftigen. Dennoch bejahen sie nur sehr ungern,
dass diese Gedanken der Wahrheit entsprechen, wenn sie über au-
ßertextliche Wirklichkeiten sprechen.197 Zwar vermittle die Bibel
ihrer Ansicht nach eine »kanonisch-sprachliche Welt«, doch dies
werfe die Frage auf: Sagt sie die Wahrheit, wenn sie von diesen
Wirklichkeiten außerhalb des Kanons redet?
John R. Franke geht ähnlich vor wie McLaren: Er, der das Vor-
wort zu A Generous Orthodoxy geschrieben hat, beruft sich auf ein
bedeutsames Werk von Hans Frei.198 Frei argumentiert, dass für
Christen früherer Zeiten der biblische Text der schlichte Maßstab
ihres Verhaltens gewesen sei. Dagegen hätten im 18. Jahrhundert
vom modernen Denken beeinflusste liberale Theologen angefan-
gen, die Frage zu stellen, was wirklich passiert sei. Konservative
hätten in ihrer Reaktion auf die Skepsis der Liberalen nachweisen
wollen, dass das tatsächliche Geschehen mehr oder weniger dem
entspreche, was der Text sage. Daher hätten sich plötzlich beide
Seiten weitaus mehr für die Einzelheiten dessen interessiert, was
»wirklich« geschehen sei, statt weiterhin den Bibeltext als Norm
der eigenen Lebensführung anzusehen. Beide Seiten hätten sich
damit von der Moderne hereinlegen lassen.

197 Grenz hat mir hinsichtlich dieses Punktes geantwortet, indem er sagte, dass
ich ihm vorwerfe, Lindbeck unkritisch gefolgt zu sein. Dagegen wolle er in Wirk-
lichkeit über Lindbeck hinausgehen, um »die Tatsache« zu bekräftigen, »dass
christliche Lehre auch außersprachliche Bezüge habe«. Obwohl ich eine solche
Aussage gern höre, kann ich an keiner Stelle seines Buches feststellen, dass er Lind-
beck hinter sich lässt. Natürlich geht er dadurch über Lindbeck hinaus, dass er die
Bindekraft christlicher Traditionen für Christen hervorhebt. Dies tut er allerdings
nicht, weil sie objektiv wahr sind. Siehe die ausführliche Diskussion in Anm. 13
von »Domesticating the Gospel« und die unten (im nächsten Kapitel) befindliche
Erörterung zu 1. Korinther 15.
198 The Eclipse of Biblical Narrative: A Study in Eighteenth and Nineteenth Century
Hermeneutics (New Haven: Yale University Press, 1974).

201
Doch diese Analyse ist äußerst unausgewogen. Wenn für Chris-
ten früherer Zeiten der Bibeltext ohne Weiteres der Maßstab ihrer
Lebensführung war, dann deshalb, weil sie glaubten, dass der bi-
blische Bericht wahr ist. Als Liberale anfingen, seine Wahrhaftig-
keit in Zweifel zu ziehen, behaupteten Konservative in ihren ähn-
lich ausführlichen Erwiderungen das Gegenteil. Natürlich ist eine
solche Diskussion an und für sich nicht gleichbedeutend damit,
dass man den Bibeltext freudig zur Richtschnur des eigenen Ver-
haltens macht. Doch nehmen wir die Anregung von Frei, Lind-
beck und anderen, die von ihnen beeinflusst wurden. Ihr zufolge
müssten wir einfach wieder anfangen, den Bibeltext als Richtlinie
unserer Lebensführung zu betrachten. Dabei dürften wir nicht dar-
über nachdenken, ob der entsprechende Bericht die Wahrheit sagt, wenn
diesbezügliche Zweifel erst einmal geweckt worden sind. Dies beinhal-
tet einen kurzsichtigen Rat. Es ist der Rat derjenigen, die der Mei-
nung sind, dass wir aufgrund von Gedanken über Gott und über sein
Wirken in der Geschichte und nicht von Gott selbst sowie infolge
seines geschichtlichen Handelns umgestaltet werden. Dieser An-
satz betont den Verstand in unangemessener Weise.
Die diesbezüglichen Fragen sind kompliziert. Für Lindbeck
gleicht der christliche Glaube einer Kultur mit ihrer eigenen Spra-
che. Diese Sprache präge unsere Identität und unser Denken, noch
bevor wir über unsere Erfahrungen oder unsere Gedanken nach-
denken würden. Dies bedeute, dass Lehre, die somit zur Gram-
matik zweiter Ordnung werde, eigentlich »die Regeln für eine an-
gemessene, mit der Kultur vertraute religiöse Sprache erster Ord-
nung setze«.199 In Lindbecks häufig angeführtem Beispiel geht es
um einen Kreuzfahrer, der »Christus est Dominus« (lateinisch für
»Christus ist der Herr!«) ausruft, während er den Schädel eines
Ungläubigen spaltet. Die Frage sei demnach, ob diese Behauptung
wahr oder falsch ist. Lindbeck betont, dass keines von beiden zu-
treffe. Sie entspreche lediglich einer grammatischen Regel, die der

199 Daniel J. Treier, »Canonical Unity and Commensurable Language: On Divine


Action and Doctrine«, in Evangelicals and Scripture: Tradition, Authority and Herme-
neutics, Hrsg. Vincent Bacote, Laura C. Miguélez und Dennis L. Okholm (Downers
Grove: InterVarsity Press, 2004), S. 212.

202
Vorschrift »Subjekte und Verben müssen in der Zahlform des Sub-
stantivs übereinstimmen« ähnele. »Als Bestandteil religiöser Spra-
che würde diese Aussage danach beurteilt werden, inwiefern sie
zum Leben in der christlichen Kultur passte (innersystematische
Wahrheit). Danach würden wir die Frage nach wahr oder falsch
stellen, die das Christentum als gesamte Glaubensgemeinschaft
interessiert (ontologische Wahrheit).«200
Aber sicher lässt sich das Kreuzfahrerbeispiel auch ganz an-
ders analysieren. Die Aussage »Christus ist der Herr« ist wirklich
wahr, objektiv wahr, soweit sie sich auf die außertextlichen Wirk-
lichkeiten bezieht: Christus (als objektive Realität) ist Herr des
Universums, sein Schöpfer und letztendlicher Richter – unabhän-
gig davon, ob man ihn als solchen bekennt oder nicht. Außerdem
ist es belanglos, ob – wie in diesem Beispiel – der Bekennende et-
was tut, das dem völlig widerspricht, was es wirklich und wahr-
haftig bedeutet, Christus als Herrn zu bekennen. Um die Ange-
legenheit noch komplizierter zu machen, sollten wir einmal an-
nehmen, dass der Kreuzfahrer sein Bekenntnis möglicherweise
mit einem reinen Gewissen abgelegt hat, indem er jedes Wort so
meinte, wie er es sagte. Allerdings hatte er ein falsches Verständ-
nis (falsch aus Sicht der neutestamentlichen Lehre) davon, was es
für einen Christen heißt, Christus als Herrn zu bekennen. Im Lich-
te des Neuen Testaments hat der Kreuzfahrer demnach nicht ent-
sprechend seinem eigenen Bekenntnis gelebt. Nehmen wir außer-
dem an, dass sich die Herrscherstellung Christi in vollkommener
Übereinstimmung mit seiner Lehre nicht nur in »guten« bzw. »po-
sitiven« Sachverhalten, sondern auch in dem Geheimnis der Vor-
sehung auswirkt (denn er muss herrschen, bis er alle Feinde unter
seine Füße gelegt hat; vgl. 1. Korinther 15,25). Dann gilt: Sogar an-
gesichts des Bösen, das verübt wird, bleibt Christus der Herr. Mit
anderen Worten: Diese Aussage ist objektiv wahr, wenn man erst
einmal ihren außertextlichen Bezug im Lichte neutestamentlicher

200 Treier bezieht sich auf David K. Clark, »Relativism, Fideism and the Promise
of Postliberalism«, in The Nature of Confession: Evangelicals and Postliberals in Conver-
sation, Hrsg. Timothy R. Phillips und Dennis L. Okholm (Downers Grove: InterVar-
sity Press, 1996), S. 113.

203
Lehre verstanden hat. Lindbeck (und den von ihm Beeinflussten)
ist es schwergefallen, dies zu erkennen. Dies liegt daran, dass er
Probleme damit hat, Texten Bezüge zuzugestehen, die über den
eigentlichen Text hinausgehen.201
Mit anderen Worten: Die schwierigen Wahrheitsfragen ver-
schwinden nicht so einfach. Ja, für uns muss der Bibeltext Maß-
stab unserer Lebensführung sein; ja, wir eignen uns verschiedene
christliche Traditionen an; ja, wir müssen lernen, ganzheitlich zu
denken. Wir halten aber daran fest, dass uns der Bibeltext die
Wahrheit hinsichtlich geschichtlicher Geschehnisse und im Blick
auf Gott sowie sein Wesen und Wirken in Bezug auf uns selbst,
unsere Not usw. sagt. Dies gilt auch angesichts der Einschrän-
kung, dass dies nicht die ganze Wahrheit ist und nie sein kann, die
nur der Allwissende kennt. Die christlichen Traditionen beinhal-
ten Versuche, ein biblisches Verständnis zu erarbeiten. Letztend-
lich müssen sie sich jedoch im Licht der Heiligen Schrift revidieren
lassen, weil nur sie auf Gott selbst zurückgeht. In keiner dieser An-
gelegenheiten bezieht die Emerging-Church-Bewegung eindeutig
Position. Diejenigen, die sich ihr zugehörig fühlen, scheinen nur
sehr ungern ausführlich über Wahrheit zu reden (selbst wenn der
Schrift – wie wir sehen werden – diese Hemmungen fremd sind).
Angesichts dessen gilt: Obwohl Wilson und andere dazu aufrufen,
die Tradition auszuleben, weichen sie weiterhin der schwierigen
Frage aus: Warum sollten wir dieser Tradition entsprechend leben?
Weil wir in sie hineingeboren worden sind? Weil sie unserer An-
sicht nach schlüssiger ist als andere Überlieferungen? Weil die mit
Selbstopferung verbundene Vorstellung anziehend ist? Oder las-
sen wir noch Raum für das apostolische Beharren auf Wahrheit?202

201 Enttäuschenderweise gehen weder Clark noch Treier (siehe vorherige An-
merkung) auf diesen Punkt näher ein.
202 Es gibt noch andere Probleme, die mit Wilsons »Verständnis« von MacIntyres
Gedankengut zusammenhängen, aber den Rahmen dieses Buches sprengen wür-
den. Ich werde nur eines davon kurz erwähnen. Selbst wenn Wilson MacIntyres Be-
zugnahme auf ein »neues Leben der inneren Einkehr« überarbeitet hat, ergibt sich
daraus das Bild einer sich absondernden Gemeinschaft, einer Art Täuferbewegung
im modernen Gewand. Da wir gerade von Tradition reden, sollten wir anmerken,
dass sie nur eines von mehreren möglichen, sich auf die Schrift berufenden Model-
len ist, die ein Beziehungsgeflecht zwischen der Gemeinde und der Kultur ihrer

204
Sie geht mit der Spannung zwischen »werden«
und »dazugehören« nicht auf bibeltreue Art
und Weise um
Im ersten Kapitel habe ich festgestellt, wie die Emerging-Church-
Bewegung fast ständig betont, dass »dazugehören« vor »werden«
komme. Ihre Vertreter wurden von denen abgestoßen, die so ex-
klusiv sind, dass sie anderen nicht gestatten, sie intensiver ken-
nenzulernen. D.h., man muss erst Christ »werden«, bevor man
zur erwählten Schar der Christen »gehören« kann. Vertreter der
Emerging Church haben nun die Reihenfolge umgekehrt: La-
den Sie Menschen zur Mitgliedschaft in Ihrer Gemeinde ein, hei-
ßen Sie diese bei sich willkommen, nehmen Sie diese in Ihre Ge-
schichte (in Ihre individuelle Geschichte und die Geschichte Ihrer
christlichen Gemeinde vor Ort) mit hinein! Dann ist es durchaus
möglich, dass aus den Betreffenden Christen »werden«. Von dem
angezogen, was sie erfahren, wenn sie zunehmend ein gewisses
Zugehörigkeitsgefühl zu der betreffenden christlichen Gemein-
schaft entwickeln, werden diese einstigen Außenstehenden letzt-
lich selbst Christen. Somit haben wir gesehen, dass sich Spencer
Burke darin gefällt, TheOoze nutzen zu können, weil diese Web-
site es Menschen ermöglicht, ihre Meinungen in Worte zu fassen
und miteinander in Beziehung zu treten, ohne dass irgendjemand
»oben« oder »unten« ist bzw. »recht« oder »unrecht« hat. Einige

Umgebung begründen. Der diesbezüglich zweifellos bekannteste Entwurf ist die


fünffache Typologie von H. Richard Niebuhr, Christ and Culture (New York: Harper
& Row, 1956; Anmerkung des Übersetzers: Dabei geht es kurz gesagt um folgende
Positionen und um deren exemplarische Vertreter: 1) Christus steht der Kultur als
Teil der »Welt« diametral feindlich gegenüber [Tertullian, Mennoniten]; als Gegen-
position dazu 2) Er ist der »kulturelle Christus«, die größte Erfüllung jeglicher Kul-
tur schlechthin [Immanuel Kant, Weltkirchenrat]; 3) Christus steht über der Kultur
[Thomas von Aquin]; 4) Christus und die Kultur sind aufgrund der menschlichen
Sünde miteinander nicht in Einklang zu bringen [Martin Luther]; 5) Christus ge-
staltet die Kultur um [Johannes Calvin].). Wilson übernimmt eines dieser Model-
le, ohne sich damit auseinanderzusetzen, ob irgendeines der anderen vier Modelle
von der Bibel her möglicherweise genauso bzw. noch mehr gerechtfertigt ist oder
nicht. Dies ist zweifelsohne durch die Tatsache bedingt, dass er nach seinem Selbst-
zeugnis zunächst gelernt hat, MacIntyre unter Anleitung von Stanley Hauerwas zu
lesen. Was mich betrifft, so neige ich zu der Ansicht, dass alle fünf Modelle in Nie-
buhrs Typologie in der Schrift zu finden sind, wobei jedoch jedes einzelne mit be-
sonderen geschichtlichen Umständen verbunden ist.

205
argumentieren, dass man Ungläubigen gestatten sollte, am Mahl
des Herrn teilzunehmen, weil sie dadurch Christus im Grun-
de vielleicht erstmalig begegnen würden. Im Gegensatz zur gän-
gigen »Tradition der aus Gläubigen bestehenden Gemeinden«, in
der sie nach allgemeiner Auffassung stehen, befürworten heute ei-
nige Baptisten öffentlich, dass man schon dazugehört, bevor man
Christ wird.203 Einer der Gründe dafür, warum Neo204 so anzie-
hend ist, findet sich in seiner freundlichen, warmherzigen Art des
Umgangs mit Menschen, die noch keine Christen sind.
Es sei nochmals gesagt: Dies sind durchaus tiefgründige Ein-
sichten. Dies gilt insbesondere, wenn jemand als Emergenter (wie-
der dieses Wort) von einem ausgesprochen konservativ geprägten
denominationellen Zweig kommt (um McLarens raffinierte Meta-
pher zu gebrauchen). In diesen Kreisen verfügen Christen kaum
über bedeutungsvolle Kontakte zu ihren Mitmenschen in ihrer
Vielfalt. Dort ist es daher außerordentlich wichtig, jene Prioritä-
ten praktisch umzusetzen, damit solche Kontakte unterhalten und
entwickelt werden können. Dies sollte ganz einfach zu verwirkli-
chen sein, weil wir alle Menschen sind. Dies sollte umso mehr gel-
ten, weil uns Christen der Missionsbefehl anvertraut und wir be-
auftragt sind, Salz und Licht in einer untergehenden und dunklen
Welt zu sein. Ich habe viel Verständnis für diejenigen, die sich Ge-
danken darüber machen, dass sich falsch motivierte Christen aus
der Gesellschaft zurückziehen.205

203 Die Quellenangaben finden sich alle in Kapitel 1.


204 Die Hauptfigur der beiden von Brian McLaren geschriebenen Bücher A New
Kind of Christian: A Tale of Two Friends on a Spiritual Journey (San Francisco: Jossey-
Bass, 2001) und The Story We Find Ourselves In: Further Adventures of a New Kind of
Christian (San Francisco: Jossey-Bass, 2003).
205 Ich kenne z.B. in Großstädten tätige Pastoren, die gehaltvolle Bibelarbeiten
mit Homosexuellen durchführen, obwohl die betreffenden Homosexuellen sehr
wohl wissen, dass nach Ansicht dieser Pastoren gleichgeschlechtliche Praktiken bi-
blisch als unzulässig angesehen werden. Alljährlich halte ich an der Trinity Evan-
gelical Divinity School nach denjenigen Absolventen Ausschau, die den akademi-
schen Grad eines M.Div. erwerben wollen (Anmerkung des Übersetzers: Abkür-
zung für »Master of Divinity«. Wer diesen Abschluss macht, absolviert gewöhn-
lich eine dreijährige Ausbildung zum vollzeitlichen Dienst.) und mit Angehörigen
jeder Bevölkerungsgruppe reden können – ganz gleich, wie diese ethnisch einzu-
ordnen, religiös vorgeprägt, wirtschaftlich gestellt oder sexuell orientiert ist. Mein
Wunsch besteht darin, dass diese Absolventen in unseren Großstädten Dienst tun

206
Dennoch wird die Notwendigkeit eines pauschalen Para-
digmenwechsels in der Frage der Reihenfolge (»dazugehören«/
»werden«) durch fünf Feststellungen relativiert.
1. Das Neue Testament liefert eine Fülle von Belegstellen dafür,
dass Christen in gewisser Hinsicht eben doch eine neue und sich
von anderen unterscheidende Gemeinschaft darstellen.

»Irrt euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, noch


Ehebrecher, noch Lustknaben, noch Knabenschänder, noch
Diebe, noch Habsüchtige, noch Trunkenbolde, noch Lästerer,
noch Räuber werden das Reich Gottes erben. Und das sind
manche von euch gewesen; aber ihr seid abgewaschen, aber ihr
seid geheiligt, aber ihr seid gerechtfertigt worden durch den
Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres
Gottes« (1. Korinther 6,9-11; Hervorhebung durch den Autor).

Früher waren wir tot in unseren Vergehungen und Sünden. Wir


waren wie alle übrigen Menschen »von Natur Kinder des Zorns«
(Epheser 2,1-3). Doch all dies hat sich auf herrliche Weise gewan-
delt: Wir sind nicht mehr Fremde und Nichtbürger, »sondern …
Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen … aufgebaut
auf der Grundlage der Apostel und Propheten« (V. 19-20). Am
letzten Tag wird es eine große Scheidung zwischen denen geben,
die das vollendete Reich erben, und denjenigen, denen es entgeht
(Offenbarung 21,6-8). Diese Stellen beinhalten nur eine kleine Aus-
wahl von Texten, die dies thematisieren.
Überdies setzt die neutestamentliche Praxis der Gemeinde-
zucht voraus, dass »drinnen« und »draußen« bedeutungsvolle
Kategorien sind, denn sonst wäre Ausschluss als weitreichendste
Maßnahme206 bedeutungslos. Obwohl man eine solche Gemeinde-

– in unseren Ballungsgebieten, wo die Vielfalt der Kulturen und Volksgruppen


besonders stark ausgeprägt ist. Einige Pastoren eignen sich vom Dienst her nur
für North Dakota, Arkansas oder Südkalifornien, doch für unsere Großstädte su-
che ich fortwährend diejenigen, die unvoreingenommen mit jedem reden können,
ohne gleich apologetische Streitgespräche zu führen.
206 Eine Zuchtmaßnahme war meines Erachtens im Neuen Testament nur auf
drei Arten der Sünde beschränkt. Doch dies umfasst ein anderes Thema.

207
zucht bis zu Jesus selbst zurückverfolgen kann (Matthäus 18),
taucht sie vor allem in anderen Abschnitten des Neuen Testa-
ments auf (z.B. 1. Korinther 5; 2. Korinther 10-13). Christen wer-
den aufgerufen, sich sowohl auf lehrmäßigem (z.B. 1. Johannes
2,22) als auch auf ethischem Gebiet (1. Johannes 3,14-15; Matthä-
us 7,15-20) von Ungläubigen zu unterscheiden. Ja, man kann so-
gar sagen, dass es seltene Fälle gibt, in denen die Gegenwart und
Macht Gottes auf überaus drastische Weise offenbar wird. Dann
wagt es keiner der Außenstehenden, sich der Gemeinschaft der
Gläubigen anzuschließen, obwohl es durchaus möglich ist, dass
sich zahlreiche Ungläubige hereindrängen, um geheilt zu werden
(Apostelgeschichte 5,1-16).
2. Es ist beunruhigend, wie manche mit einigen neutestament-
lichen Abschnitten in dieser Debatte umgehen. Wie wir gesehen
haben207, erweckt Burke den Anschein, dass er diejenigen gering-
schätzig behandelt, welche die Warnung von 1. Korinther 11,29
auf Ungläubige beziehen: »Denn wer isst und trinkt, isst und
trinkt sich selbst Gericht, wenn er den Leib des Herrn nicht richtig
beurteilt.« Wenn sie bereits verurteilt sind, erhebt sich nach seinen
Worten die Frage: Inwiefern sind sie dann zusätzlich gefährdet?
Können sie zweimal verurteilt werden? Warum sollte man ihnen
daher nicht gestatten, am Mahl des Herrn teilzunehmen? Weshalb
könnte das Mahl nicht zu einem Gnadenmittel für sie werden?
Falls wir vom Ernst der Warnung ausgehen, wäre Burke bes-
ser beraten, wenn er uns mitteilen würde, was der Abschnitt sei-
ner Meinung nach wirklich bedeutet, statt zu sagen, was er nicht
bedeutet. Ich stimme zu, dass die Warnung nicht an Ungläubige
gerichtet ist. Der Kontext zeigt, dass die Warnung in erster Linie
Christen gilt, die zum Tisch des Herrn kommen, während sie der
Sünde Raum geben. Sie sollten sich prüfen, bevor sie vom Brot es-
sen und vom Kelch trinken (1. Korinther 11,28).208 Aber wenn sich
die Warnung an gedankenlose Christen richtet, heißt dies dann,
dass es keinen Grund dafür gibt, Nichtchristen vom Tisch des

207 Kap. 1, S. 18-19.


208 Dies gilt unabhängig davon, worin die Bedeutung von »… wenn er den Leib
des Herrn nicht richtig beurteilt« in Vers 29 besteht.

208
Herrn auszuschließen? Burke geht auf die wichtigste Frage nicht
ein: Der Tisch des Herrn wurde Gläubigen, Christen, als Gedächt-
niszeremonie gegeben. Worin immer die genaue Bedeutung des
»Gedächtnisses« bestehen mag, die Worte »Dies tut zu meinem
Gedächtnis« (vgl. z.B. Lukas 22,19) setzen voraus, dass es einen
Sachverhalt gibt, woran man gedenken sollte. Fügen wir die Tat-
sache hinzu, dass bei einem Mahl im 1. Jahrhundert immer auch
der Aspekt der Gemeinschaft anklang und dass es offenkundige
Parallelen zum Passahfest gab (einer weiteren Zeremonie in Ver-
bindung mit der Gemeinschaft der Erlösten). Angesichts dessen
lässt sich die Anregung, Ungläubige zum Tisch des Herrn zuzu-
lassen, nur sehr schwer rechtfertigen.
3. Das Neue Testament legt einen ungeheuer großen Wert auf
Lehre. Zu dieser Lehre gehören sowohl moralische als auch dog-
matische Fragen – d.h. sowohl Verhaltensweisen als auch Glau-
bensinhalte. Das Johannesevangelium, das deutlich das Liebes-
gebot (Johannes 13,34-35) formuliert, enthält eine Reihe von Lehr-
sätzen, die Menschen glauben müssen, wenn sie Nachfolger Christi
sein wollen.209 Wann immer eine Wahrheitsfrage auftaucht, neigen
einige Autoren der Emerging Church dazu, sich vom Schriftzu-
sammenhang wegzubewegen und sich auf Jesus als Wort Gottes
in Person (Johannes 1,1) und als Wahrheit Gottes in Person (Jo-
hannes 14,6) zu berufen. Dies ist von der Aussage her richtig und
doch gleichzeitig falsch, wenn es als Antithese gebraucht wird.
Die Vorstellung Jesu als die menschgewordene Wahrheit, als das
Wort Gottes, ist von entscheidender Bedeutung und beinhaltet si-
cher etwas, worüber man sich freuen kann. Sie beinhaltet jedoch
ein relativ seltenes Thema, wenn man sie damit vergleicht, wie die
Bibel die Wahrhaftigkeit der Worte Gottes in seinem Reden her-
vorhebt.210 Hebräer 5,11-6,4 setzt voraus, dass die Lehrvermittlung
(ich verwende absichtlich diesen Ausdruck) gegenüber gewöhn-

209 Z.B. Johannes 11,27.42; 14,10.


210 Siehe die sorgfältig zusammengestellte Dokumentation von Wayne Grudem,
»Scripture’s Self-Attestation and the Problem of Formulating a Doctrine of Scrip-
ture«, in Scripture and Truth, Hrsg. D.A. Carson und John D. Woodbridge (Grand
Rapids: Baker, 1983), S. 15-59 und 359-368.

209
lichen Christen im 1. Jahrhundert im Idealfall sehr umfassend war.
Dazu gehörte, dass sie eindeutig verstanden, wie sich der neue
auf den alten Bund bezog, wie sich Melchisedek (in nur drei Bibel-
abschnitten erwähnt; Anmerkung des Übersetzers: Dabei umfasst
der letzte diesbezügliche Abschnitt alle Stellen zwischen Hebräer
5 und 7, die Melchisedek erwähnen.) in die biblische Geschichte
einfügt, und viele weitere derartige Sachverhalte.
Man kann den Stellenwert der Lehrsätze im Leben der Gläu-
bigen in der ersten Generation in einen sehr umfassenden Kon-
text des 1. Jahrhunderts stellen. Es ist allgemein bekannt, dass
das Judentum und Christentum im Gegensatz zu den damaligen
heidnischen Religionen ihrer Umwelt Glauben und Ethik eng mit-
einander verbanden. Doch Fachleute wissen ebenso, dass sich
das Frühchristentum mit seiner Betonung des Glaubens und der
Wahrheit von den Religionen seines Umfelds in entscheidenden
Punkten abkehrte. Die Tatsache, dass sich der christliche Glaube
auf Verkündigung, Lehre und Unterredung, auf Worte, Zuhören
und Überzeugung konzentrierte, wurde von Außenstehenden als
außergewöhnlich angesehen. Dies ging so weit, dass das Christen-
tum in ihren Augen mehr eine philosophische Bewegung als eine
traditionelle Glaubensgemeinschaft darstellte.211 Daher gewannen
auch Glaubensbekenntnisse in der Gemeinde der Frühzeit eine so
große Bedeutung.
Wir müssen etwas mehr über Glaubensbekenntnisse nachden-
ken. Christliche Glaubensbekenntnisse bekräftigen das, was nach
Überzeugung von Christen wahr ist. Dabei ist jedoch die Erkennt-
nis wichtig, dass ausnahmslos alle Glaubensbekenntnisse in erheb-
lichem Maße auf dem Schauplatz ideeller Auseinandersetzungen
entstanden sind. Gerald Bray stellt dazu fest: »Fast jede Wendung
in den Glaubensbekenntnissen entstand, weil irgendjemand ei-
nen gewissen Aspekt des christlichen Glaubens hinterfragt hat,
der dann zum Nutzen der Kirche in ihrer Gesamtheit bekräftigt

211 Die entsprechende Literatur wird von Peter Bolt gut zusammengefasst. Sie-
he sein Werk The Cross from a Distance: Atonement in Mark’s Gospel, NSBT (Leicester/
Downers Grove: InterVarsity Press, 2004/2005), Kap. 1.

210
werden musste.«212 Dies ist bedeutsam, weil die meisten führen-
den Vertreter der Emerging Church – soweit ich dies beurteilen
kann – zumindest am Apostolischen und am Nizäischen Glau-
bensbekenntnis festhalten. Damit bekräftigen sie Wahrheiten, die
infolge lehrmäßiger Auseinandersetzungen entstanden sind, in
deren Verlauf einige Menschen im Licht der Schrift als Vertreter
richtiger Standpunkte und andere anhand des gleichen Maßstabs
als im Irrtum befindlich beurteilt wurden. Die Glaubensbekennt-
nisse vereinigen in sich Fragen der Wahrheit, der Bibeltreue sowie
Fragen nach Richtigkeit und Irrtum.213
Einige Verfasser, die sich durch postmoderne Realitäten sehr
beeindrucken lassen, führen uns in dieser Angelegenheit eindeu-
tig auf Abwege. Wie sollten wir heute verkündigen? Ein Rezen-
sent fasst den Ansatz eines solchen Autors zutreffend zusammen:

»Die These dieses Buches lautet: Wir leben in der postmoder-


nen Welt, in der Unsicherheit Gewissheit ersetzt, Grundlagen
dem Flüchtigen weichen und das Ewige den Anschein des Ver-
gänglichen hat. Angesichts dessen sollte es der christliche Ver-
kündiger lernen, falsche Sicherheiten aufzugeben und allein
aus Glauben zu leben. Predigten sollten von der christlichen

212 Gerald Bray, »I believe: The Value of Creeds in the Christian Life«, The Brief-
ing 310 (Juli 2004), S. 8. Der gesamte Artikel ist lesenwert, siehe auch Luke Timo-
thy Johnson, The Creed: What Christians Believe and Why it Matters (London: Darton,
Longman & Todd, 2003).
213 Da dies für alle Glaubensbekenntnisse gilt, ist es kaum nachvollziehbar, war-
um so viele führende Persönlichkeiten der Emerging Church Glaubensbekenntnis-
se der Reformationszeit so beargwöhnen. Auch diese entstanden im Zuge theo-
logischer Auseinandersetzungen. Wenn man sie infrage stellen will, ist dies nicht
möglich, weil ihnen zufolge bestimmte Sachverhalte richtig und andere falsch sind
(und sie daher die empfindlichste Stelle radikaler Postmodernisten treffen). Dersel-
be Vorwurf könnte nämlich auch dem Apostolischen und dem Nizäischen Glau-
bensbekenntnis gemacht werden. Die einzig angemessene Antwort für diejenigen,
welche die Autorität der Schrift über diejenige der Glaubensbekenntnisse stellen,
ist folgende: Sie sollten versuchen, so demütig, genau und aufmerksam wie mög-
lich zu bewerten, inwieweit die Schrift in einem beliebigen Glaubensbekenntnis
ihren Niederschlag findet. Dieses Argument wird jene nicht überzeugen, die der
Meinung sind, dass die Glaubensbekenntnisse der Frühzeit irrtumslos sind (so
Keith A. Mathison, The Shape of Sola Scriptura [Moscow, USA: Canon Press, 2001],
S. 339. Er folgt darin – mit kleinen Änderungen – seinem Mentor Heiko Oberman.).
Dies würde jedoch den Anstoß zu einer weiteren Diskussion geben – einer Debatte,
die für die Autoren der Emerging Church scheinbar kein Thema ist.

211
Praxis derjenigen geprägt sein, die den Glauben an Jesus Chris-
tus bekennen – eine Praxis, die in der Schrift beispielhaft ver-
anschaulicht wird.«214

Aber Moment mal: Wenn sich allein die Allwissenheit durch die
so geschmähte »Gewissheit« auszeichnet, ist keine Gewissheit
möglich. In diesem Fall kann ein »Bekenntnis« nicht das umfas-
sen, was unserer Ansicht nach bekenntnismäßig wahr ist, son-
dern nur die von uns bevorzugten Sachverhalte. Dies beinhal-
tet die Position des radikalen Postmodernismus – einer Position,
die sich – wie wir gesehen haben – selbst widerlegt. Doch wenn
es für uns als Wesen mit endlichem Wissen angemessen ist, »Ge-
wissheit« zu erlangen, kann man nur schwer erkennen, warum sie
uns verwehrt bleiben soll – wobei diejenigen, welche die Glaubens-
bekenntnisse für sich beanspruchen, dazugehören.215 Aber schlim-
mer noch: Wer behauptet, dass die Aufgabe der Gewissheit zu dem
gehört, was Leben »allein aus Glauben« bedeutet, hat ein völlig
falsches Verständnis des neutestamentlichen »Glaubens«-Begriffs.
Im modernen Sprachgebrauch umfasst »Glauben« oft nur die
persönliche religiöse Vorliebe des Betreffenden. Doch im Neuen
Testament (wie wir in Kapitel 7 dieses Buches sehen werden) ist
die Unanfechtbarkeit des Glaubens mit der Wahrhaftigkeit sei-
nes Objekts verbunden. Erneut kommen wir hier auf Wahrheits-
ansprüche und Lehre zurück. Dabei unterscheiden wir zwischen
denen, die an der Wahrheit festhalten, und denjenigen, die sie ver-
werfen. Gleichzeitig wenden wir uns damit wieder Fragen danach
zu, wer wirklich Christ ist.
4. Wie sollen wir demnach beide Aspekte miteinander verbin-
den? Einerseits gibt es die biblisch vorgeschriebene Verpflichtung,
dass Christen warmherzig mit denen umgehen sollen, die noch
nicht gläubig sind. Andererseits haben wir die biblisch gegebene
Verpflichtung, der zufolge Christen aus lehrmäßigen, erfahrungs-

214 Philip Crowe, in Theology 107 (2004), S. 234, dort rezensiert er David J. Loses
Werk Confessing Jesus Christ: Preaching in a Post-Modern World (Grand Rapids: Eerd-
mans, 2003).
215 Natürlich nur, wenn die Glaubensbekenntnisse keine Bezüge haben, die über
den Text hinausgehen.

212
mäßigen und ethischen Gründen zwischen Christen und denen
unterscheiden müssen, die ungläubig sind. Oder formulieren wir
es mit Worten der derzeitigen Debatte: Worin besteht die geeig-
nete Beziehung zwischen »dazugehören« und »werden«?
Wir sollten vermeiden, die eine oder andere Priorität über Bord
zu werfen. Es gibt Gemeinden, die sehr besorgt darum sind, die
Bereiche des eigenen geistlichen Wohlbefindens zu bewahren und
all ihre lieb gewordenen Traditionen zu bewahren (ungeachtet
dessen, ob sie biblisch wirklich geboten sind oder nicht). Chris-
ten in diesen Gemeinden werden wahrscheinlich nur unter denje-
nigen Menschen evangelisieren, die bereits Kontakt zur Gemeinde
haben oder in einem gewissen Sinne zu einer christlich geprägten
Kultur gehören. Natürlich geschieht es allein schon aufgrund der
Gnade Gottes, dass irgendein Bibelunkundiger von der Straße her-
einkommt und sich bekehrt. Dies wird sich jedoch kaum auf das
Engagement der Gemeinde zurückführen lassen, das Evangelium
unter denen zu verbreiten, die es nie gehört haben. Die Glieder
dieser Gemeinde werden darauf bestehen, dass Menschen erst
gläubig werden müssen, bevor sie tatsächlich zu ihnen gehören kön-
nen. Leider ist es aus Sicht dieser Gläubigen fast völlig unmöglich,
das Evangelium Menschen zu erklären, deren Subkultur von ihrer
eigenen weit entfernt ist.
Wer andererseits die Offenheit der in einem Chatroom des In-
ternets zu findenden Diskussion lobt, als wäre dies ein Selbst-
zweck, befindet sich nicht weniger auf Abwegen – aber eben nur
am anderen Ende des Spektrums. Autoren der Emerging-Church-
Bewegung setzen die Prioritäten weithin so stark bei dazugehören,
dass nur schwer nachvollziehbar ist, wie man die kostbaren Ver-
pflichtungen und Vorrechte derjenigen in Ehren halten kann, die
tatsächlich Christen geworden sind. Dabei umgehen diese Autoren
die biblischen Belegstellen, die ich bereits kurz erörtert habe.
Zweifellos sollten wir darum ringen, dass eine Gemeinde das
ganze Lehrspektrum vermittelt (dogmatisch, ethisch, geschicht-
lich und geistlich) und dass es deren Glieder in ihrer Jüngerschaft
genau nehmen. Die Gemeinde sollte in offenkundiger Treue gott-
gemäße Zucht üben – wobei die Gläubigen gleichzeitig wissen

213
sollten, wie sie mit den Ungläubigen reden können. Es sollte eine
Gemeinde mit öffentlichen Zusammenkünften sein, die umfas-
send Lehre vermittelt und konsequent Gemeindezucht praktiziert.
Dennoch sollten sich ihre Glieder bemühen, in all ihrem Tun au-
thentisch und Fremden gegenüber aufgeschlossen und warmher-
zig zu sein. Sie sollten sorgfältig darauf achten, die Schrift auf alle
Lebensbereiche anzuwenden. Dabei sollte es zeitgemäße Erpro-
bungssituationen jüngerschaftlichen Lebens geben, die bibeltreu
und zugleich kulturrelevant sind. Auf einer gewissen Ebene sagt
diese Gemeinde, dass man erst Christ werden muss, um dazu-
gehören zu können. Auf einer anderen Ebene ist diese Gemeinde
so glaubwürdig in ihrer Botschaft und so warmherzig in ihrer An-
nahme von Menschen – so wie sie sind. Sie ist so wahrhaftig in
ihrem Glauben und Verhalten, dass Außenstehende angezogen
werden. Und in dieser Gemeinde kann es viele Dienstformen ge-
ben – z.B. Bibelkurse für Außenstehende ohne biblisches Vorwis-
sen, die behutsam durchgeführt werden, ohne gleich Bibelkom-
mentare zu benutzen. Es geht also um Formen, die Nichtchristen
zusagen. Obwohl sie vielleicht noch keine Gemeindeglieder sind,
gehören sie eventuell diesem Bibelkreis oder derjenigen Gruppe
Verantwortlicher an, die sich für Projekte von »Habitat for Huma-
nity« (Anmerkung des Übersetzers: Habitat for Humanity Inter-
national [HFHI] ist eine 1976 in den USA gegründete, durch Spen-
den finanzierte, international tätige, humanitäre und gemeinnüt-
zige Organisation, deren Ziel darin besteht, es den Ärmsten der
Welt zu ermöglichen, in menschenwürdigen Wohnungen zu le-
ben) oder für zahllose andere Initiativen engagieren. Christen
in einer solchen Gemeinde werden allmählich lernen, wie sie
allein schon aufgrund der Liebe zu den betreffenden Menschen
versuchen können, biblische Aussagen mit gewinnender Freund-
lichkeit zu verdeutlichen. Gleichzeitig lehnen sie es ab, die Bedeu-
tung der Bibel in irgendeiner Beziehung zu schmälern.216

216 Ein sehr hilfreiches Buch in dieser Beziehung hat Randy Newman verfasst:
Questioning Evangelism: Engaging People’s Hearts the Way Jesus Did (Grand Rapids:
Kregel, 2004). Siehe auch sein neues Buch (2006) Corner Conversations (vom selben
Verlag herausgegeben). Diese Bücher entstanden infolge eines fruchtbaren zwan-

214
Ja, wenn Gemeinden eine derartige Spannung zwischen »dazu-
gehören« und »werden« aufrechterhalten, mag dies unter evange-
listischen Gesichtspunkten erfolgreicher sein, als wenn Gemeinden
von einem Extrem in das andere abgleiten. Ich kenne den Pas-
tor einer großstädtischen Baptistengemeinde, die sich durch soli-
de Lehre und weise Gemeindezucht auszeichnet, sich aber auch
der Evangelisation stark verpflichtet weiß – sowohl innerhalb ih-
rer Räumlichkeiten als auch in der umliegenden Wohngegend.
Er hat mir kürzlich von der recht interessanten Bekehrung eines
unlängst pensionierten Professors der Harvard University er-
zählt. Indem er einige Monate später über seine Bekehrung nach-
sann, erzählte der Professor, dass er sich ein Jahr früher nicht hät-
te vorstellen können, Christ zu werden. Noch viel weniger hätte
er sich denken können, einer konsequent evangelikalen Gemeinde
anzugehören. Doch es gab eines, das nach seinen Worten eine
große Anziehungskraft besaß – die Tatsache, dass diese Christen
ihn viel genauer und eingehender kannten als jene Freunde und
Kollegen, mit denen er Jahrzehnte zusammen gewesen war. Die-
se Christen kannten natürlich seinen Namen, seine Vorlieben und
Abneigungen. Dabei bemühten sie sich sehr, ihn wirklich kennen-
zulernen – ja, noch mehr, sie kannten sein Innerstes. Sie verstanden
wahrhaft, was in ihm vorging, was ihn zum Menschen machte,
was ihn bewegte und was er wertschätzte, selbst wenn sie dabei
eindeutig zwischen einem Christen und einem Nichtchristen un-
terschieden.217 In gewisser Hinsicht spürte dieser Mann demnach
die Verbundenheit mit den Gemeindegliedern, obwohl er in an-
derer Hinsicht wusste, dass er noch nicht zu ihnen gehörte. Gott

zigjährigen Dienstes an einigen derjenigen Ostküsten-Universitäten, die sich hin-


sichtlich der Evangelisation als härtester Boden erwiesen haben. Darin finden sich
Diskussionsformen, die im Vergleich zu Neos Ausführungen weitaus weniger bi-
blische Kompromisse enthalten.
217 Man erinnert sich daran, wie Paulus einen Außenstehenden ohne Bibelkennt-
nisse beschreibt, der das verständliche Evangelium hört und dessen Umsetzung im
Leben von Gläubigen sieht. Infolgedessen wird er von allen überführt, dass er ein
Sünder ist, sodass das Verborgene seines Herzens offenbar wird. Aufgrund dessen
fällt er auf sein Angesicht und betet Gott an, indem er ausruft: »Gott (ist) wirklich
unter euch!« (vgl. 1. Korinther 14,24-25).

215
schenkte es in seiner Barmherzigkeit, dass der Betreffende Christ
wurde und jetzt selbst der Gemeinde angehört.
Es gibt eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten einer
derartigen kreativen Spannung. Ja, es muss Gelegenheiten geben,
bei denen Ungläubige oder unreife Christen, die hinsichtlich der
grundlegenden biblischen Aussagen noch immer eine bemerkens-
werte Unwissenheit erkennen lassen, offene Fragen stellen dürfen.
Diese könnten das Mahl des Herrn, die Homosexualität und alle
anderen interessierenden Fragen betreffen, darunter die Göttlich-
keit Christi, die Frage nach der Bedeutung des Bekenntnisses zu
Gott in seiner Dreieinheit und vieles andere. Es muss aber auch
Situationen geben, in denen man biblisch fundierte Antworten ge-
ben kann, wahrheitsgemäße Antworten. Es müssen Antworten für
Menschen sein, welche die biblischen Aussagen kennen wollen
oder die bereit sind, sich anhand der Bibel korrigieren zu lassen.
Vielleicht sind sie auch der Überzeugung, dass ihnen informa-
tivere und tiefgründigere gemeinsame Bibelstudien helfen kön-
nen, das eigene Bibelstudium zu verbessern.
Wie ich bereits zuvor gesagt habe, bedeutet dies nicht, irgend-
einen Anspruch auf eine Sprache zu erheben, die Züge der All-
wissenheit trägt. Alle bibeltreuen Auslegungen nähern sich in ei-
ner Spiralbewegung oder entsprechend einem Asymptotenverlauf
der Wahrheit (um die begrifflichen Formen zu gebrauchen, die in
Kapitel 4 weiter ausgeführt wurden). Sie werden sie nie in voll-
kommener Weise erfassen. In gewissem Sinne ist mein gesamtes bi-
blisches Wissen vorläufig: Wenn mir jemand anhand der Bibel zei-
gen kann, warum es falsch ist, Jesus als Gott zu bekennen, wür-
de ich meine entsprechenden Ansichten ohne Weiteres ändern.
Aber die Wahrscheinlichkeit, dass dies geschieht, geht gegen null:
Mit dieser Angelegenheit hat man sich in der Kirchengeschichte
immer und immer wieder befasst. Außerdem habe ich vom ers-
ten kindlichen Verständnis an bis heute in vielen Jahren des Bi-
belstudiums zweifelsfrei herausgefunden, was sie zu diesen Fra-
gen sagt. Dies trifft auch für andere Fragen zu (obwohl ich ohne
Weiteres zugestehe, dass es Bereiche gibt, in denen ich noch im-
mer sehr unsicher bin, wenn es darum geht, die entsprechende bi-

216
blische Aussage bestmöglich zusammenzufassen und zu formu-
lieren). Doch keine dieser Einschränkungen verwehrt es mir, an-
gemessen von Glaubensbekenntnissen, absoluten moralischen
Werten und Wahrheiten zu reden, die wir wissen und lehren kön-
nen – solange man dabei versteht, dass wir keine allwissende oder
unfehlbare Erkenntnis beanspruchen.
5. Zum Schluss muss ich noch einiges zum Thema sektie-
rerisches Verhalten sagen. Die führenden Persönlichkeiten der
Emerging-Church-Bewegung sind offensichtlich der Meinung,
dass sie über Sektiererei weit erhaben sind – nicht zuletzt deshalb,
weil sie aus ihrer Perspektive so viele Grenzen überschreiten, die
ihrer Ansicht nach überholt sind und der Moderne angehörten.
Ich nehme an, dass sie sich als diejenigen sehen, die unter allen
christlichen Gruppierungen am wenigsten von Sektiererei gefähr-
det sind. So hat sich z.B. McLaren dahin gehend geäußert, dass
ihm sektiererisches Verhalten absolut fernliege.218
Es gibt jedoch zahlreiche geschichtliche Beispiele dafür, dass
Wiederherstellungs- und Erneuerungsbewegungen zwar gegen
wahrgenommene Missstände protestierten, aber schnell zu denen
gehörten, die am stärksten sektiererisch ausgerichtet waren. Da-
bei bemerkten sie nicht einmal, was mit ihnen geschehen war. Die
meisten Autoren der Emerging Church bemühen sich sehr, immer
wieder zu betonen, dass Christen bereit sein müssten, die von ih-
nen geforderten Anpassungen vorzunehmen – Anpassungen, die
ihrer Ansicht nach infolge der Grundannahmen der Postmoder-
ne zwingend notwendig seien. Anderenfalls würden sich Christen
zunehmend auf ihren frommem Inseln abkapseln und zugleich
ihre Kulturrelevanz verlieren. Solche Erklärungen zielen nicht
darauf ab, den allgemeinchristlichen Konsens zu vergrößern. Viel-
mehr stellen sie die schrillen Rufe von Sektierern dar. In Nordame-
rika (noch viel stärker als in Großbritannien) lassen sich Teile der
Bewegung inzwischen von ihrem eigenen Jargon vereinnahmen.
Dort gilt: Man muss mit den Führern der Emerging Church, mit
der Freundschaft der Emerging Church und den Gottesdiensten

218 A New Kind of Christian, S. 46-47.

217
der Emerging Church konform gehen. Entweder ist man ein Teil
der Emerging-Church-Bewegung, oder man gehört nicht dazu.
Sektiererische Tendenzen werden die bittere Frucht sein, wenn
die herausragendsten Führer der Emerging Church evangelika-
le Überzeugungen hinsichtlich der stellvertretenden Sühnung als
»eine Form des kosmischen Kindesmissbrauchs« karikieren (dar-
auf werde ich im nächsten Kapitel eingehen). Wer gehört demnach
wirklich zur umsichtigen und progressiven Gemeinde von mor-
gen?
Hier die Worte eines namentlich nicht bekannten schottischen
Predigers:

»Du sagst, mein Freund, ich bin nicht drin?


Da hast du recht – ganz ohne Frage!
Doch wenn ich seh, wie’s drinnen steht,
wo es kaum läuft, es schleppend geht,
da bleib ich draußen, wo ich bin,
erspar mir Müh und Plage.«

Sie geht sowohl mit exegetischen als auch mit


historischen Fakten nicht verantwortlich um
Ein sehr schwieriger Aspekt in den Schriften führender Verfechter
der Emerging Church, der beurteilt werden muss, betrifft die Fra-
ge, wie sie mit Fakten, Beweisen, den gegnerischen Argumenten
und dergleichen konkret umgehen. Dies lässt sich schwerer ein-
schätzen – und zwar nicht, weil es an Belegmaterial fehlt, son-
dern weil die Ursache dafür gelegentlich in offenkundiger Unwis-
senheit, mitunter in der unrichtigen Wiedergabe und manchmal
auch in der Übertreibung zu suchen ist, die man so weit ausdehnt,
dass Falschdarstellungen entstehen. Dabei ist nicht immer klar,
um welchen Fehler es sich genau handelt. Dennoch liegt für je-
den, der mit den Quellen vertraut ist, auf der Hand, dass die Ver-
treter der Emerging Church mit dem tatsächlichen Quelleninhalt
– d.h. mit der Wahrheit der Quellen – sehr leichtfertig umgehen.

218
Wir alle machen Fehler, wenn wir Urteile abgeben. Gelegentlich
ordnen wir etwas falsch zu, wobei uns hin und wieder zwangs-
läufig die Ausgewogenheit abhandenkommt. Wird aber die Ver-
zerrung grundsätzlich zum vorherrschenden Merkmal einer Po-
sition, wird einem die Lektüre selbst bei der größten Nachsicht
letztendlich verleidet.
Was ich gerade gesagt habe, mag unfreundlich klingen. Den-
noch bin ich der Meinung, dass ich es sagen musste. Das soll nicht
heißen, dass die führenden Vertreter der Emerging Church in ih-
rem Umgang mit Fakten oder ihrem Schriftgebrauch immer im
Unrecht sind, oder dass sie alle gleichermaßen irren. Vielmehr
soll damit betont werden, dass die Verzerrung grundsätzlich sol-
che Ausmaße annimmt, dass es nach einer Weile mühsam ist, die
entsprechenden Werke zu lesen. Dieser Punkt lässt sich vielleicht
am einfachsten dadurch verdeutlichen, dass wir zwei kürzlich er-
schienene Bücher heranziehen und diesbezüglich jeweils erläu-
tern, was ich meine. Dazu gehen wir zum nächsten Kapitel über.

219
Die Schwäche der Emerging Church –
anhand zweier bedeutsamer Bücher
dargestellt

In vorangegangenen Kapiteln habe ich mich mit einem ziemlich


breiten Spektrum von Veröffentlichungen aus der Feder führen-
der Persönlichkeiten der Emerging-Church-Bewegung und derer
auseinandergesetzt, die ihnen weltanschaulich am nächsten ste-
hen. In diesem Kapitel werde ich mich nur auf zwei Bücher kon-
zentrieren. Diese Verfahrensweise hat den Vorteil, dass ich die Be-
weisführung eines Autors bzw. seine Sicht jeweils schrittweise ver-
folgen und bewerten kann. Einige der bereits genannten Probleme
werden wieder auftauchen: das Widerstreben, sich mit der Wahr-
heitskategorie auseinanderzusetzen, die unfreundliche Charakte-
risierung von Gegnern und ein ziemlich lässiger Umgang mit der
Postmoderne. Die Bewertung dieser zwei Bücher lässt aber insbe-
sondere das fortbestehende Problem erkennen, das ich am Ende
des letzten Kapitels erwähnt habe: Es geht darum, dass Fakten,
Belege, Argumente und Bibelstellen verzerrt werden – ein vor-
herrschendes Merkmal in den Schriften der führenden Vertreter
der Emerging-Church-Bewegung.
Das erste der zwei Bücher (und dasjenige, auf das ich in diesem
Kapitel das Hauptaugenmerk legen werde) trägt den Titel A Gene-
rous Orthodoxy219 – ein Werk, auf das ich bereits kurz Bezug ge-
nommen habe. Es wurde von Brian D. McLaren geschrieben, den
die meisten führenden Persönlichkeiten der Emerging Church als
ihren herausragendsten Vordenker und Autor ansehen. Das zwei-
te Buch, The Lost Message of Jesus220, wurde von Steve Chalke ge-

219 El Cajon: emergentYS/Grand Rapids: Zondervan, 2004. In der anschließen-


den Erörterung werde ich trotz der überwiegenden Konzentration auf dieses Buch
aus weiteren Schriften von McLaren zitieren. Damit will ich sowohl seine Ansich-
ten so ausgewogen wie möglich darstellen als auch zeigen, dass ich nicht dazu nei-
ge, einen möglichst eigenartigen Beispieltext aus seinen Schriften zu beurteilen.
220 Steve Chalke und Alan Mann, The Lost Message of Jesus (Grand Rapids:
Zondervan, 2003).

220
schrieben (Koautor: Alan Mann). Chalke ist die bekannteste Per-
sönlichkeit in der entsprechenden Bewegung in Großbritannien.

Eine Kritik des Buches A Generous Orthodoxy


Obwohl ich ihm nie begegnet bin, ist McLaren meiner Vermutung
nach ein Mensch, der einem kaum unsympathisch sein kann. Ihn
zeichnet offenbar eine humorvolle Dreistigkeit, eine entwaffnende
Selbstverachtung und eine überschäumende Lebensfreude aus.
Nicht zuletzt dann, wenn er am haarsträubendsten argumentiert,
will man ihm zugleich um den Hals fallen, ihn brüderlich umar-
men und sagen: »Ach, komm schon, Brian, sei anständig! Dieses
törichte Argument passt nicht zu dir!« Dabei weiß man sehr wohl,
dass er wahrscheinlich seinerseits einen umarmt und mit einem
Augenzwinkern sagt: »Ich weiß schon. Ich bin doch gar nicht so
dumm, wie du denkst. Aber ich habe dir lediglich den Anstoß ge-
geben, über einige bedeutsame Fragen nachzudenken, denen du
bisher ausgewichen bist!« Was soll man mit einem derartigen Kerl
anfangen?221 Er schreibt (in einem seiner Abschnitte, in dem ich
wesentliche Aussagen finde, mit denen ich übereinstimme):

»Jenseits all dieser Warnungen sollten Sie wissen, dass ich in


diesem Buch über die Maßen unausgewogen bin, indem ich
jede wissenschaftliche Objektivität und Ausgewogenheit ver-
missen lasse. Als ich erzogen wurde, befand ich mich weit
draußen am äußersten Ende eines der konservativsten Zweige,
der wiederum einem der konservativsten Äste des konserva-
tivsten Stammes der christlichen Gemeinde entsprossen ist. Ich
gehe mit konservativen Protestanten, die dieses Erbe ebenfalls
ihr Eigen nennen, weitaus härter ins Gericht als mit sonst ir-
gendjemandem. Es tut mir leid. Fortwährend hege ich über-

221 »Ich habe mich bemüht, provokativ, spitzbübisch und unklar zu sein. Dies
spiegelt meine Überzeugung wider, dass Klarheit mitunter überschätzt wird, und
dass Erschütterung, Unklarheit, Verspieltheit und die (sorgfältig formulierte) Dar-
stellung gewundener Pfade oft mehr zum Denken anregt als pure Klarheit« (A
Generous Orthodoxy, S. 23).

221
große Sympathie für Römisch-Katholische, Orthodoxe der Ost-
kirchen und sogar für gefürchtete Liberale, während ich mei-
ne konservativen Brüder weiterhin in einer überaus unange-
nehmen – manche würden sagen unfreundlichen – Art in die
Rippen stoße. Ich kann nicht einmal vorgeben, objektiv oder
ausgewogen zu sein. Dies ist einfach eine unverzeihliche Un-
zulänglichkeit eines Buches, das nichts Gutes weiter bewir-
ken soll außer der Tatsache, dass es aufgrund irgendeines Zu-
falls großzügigerweise dem Anliegen des folgenden Verses aus
den Sprüchen gerecht wird: ›Treu gemeint sind die Schläge des
Freundes«‹ (Sprüche 27,6; Schlachter 2000). Werde ich aller-
dings dankbar und freundlich sein, wenn mir jemand großzü-
gig vergilt, nachdem ich ihm in wohlwollender Absicht Wun-
den geschlagen habe?«222

Hier zeigt sich McLaren von seiner überragendsten Seite. Nach-


dem er Sie mit seiner übertriebenen Selbstbeschuldigung entwaff-
net hat, liefert er verschmitzt einen Belegtext und gibt damit zu
verstehen, dass er sich letztendlich vielleicht doch an die Schrift
hält. Man könnte sich fast überzeugen lassen, zu ihm überzuwech-
seln. Dennoch ermüdet man als nüchtern Nachdenkender, weil
man nach einer Weile feststellt, dass McLaren das gesamte Spek-
trum der bekenntnisorientierten evangelikalen Bewegung wieder-
holt so eng darstellt wie den konservativsten Zweig ihres konser-
vativsten Astes. Der Schreibstil, der mich an den gewöhnlich sehr
schnell erfolgenden Meinungsumschwung eines »zornigen jun-
gen Mannes« erinnert, soll vermutlich nur einen weiteren unkon-
trollierbaren Sachverhalt hinsichtlich der Gemeindezugehörigkeit
und Theologie einführen. An welcher Stelle sollten christliche Füh-
rungspersönlichkeiten von ihrer Verantwortung her die biblische
Ausgewogenheit und Ganzheitlichkeit erkennen lassen, statt sich
in der eigenen Extremposition zu gefallen? Zwar gilt: »Treu ge-
meint sind die Schläge des Freundes.« Doch bestimmt bemüht
sich ein echter Freund darum, das, was festgelegt werden muss,

222 Ebd., S. 35-36.

222
nicht zu übertreiben, eben weil ein Freund gewinnend sein sowie
Sachverhalte richtigstellen und nicht nur Punkte erzielen will, so
geistreich sie auch sein mögen.
Daher liste ich eine Reihe von Beispielen auf, wobei ich allein
aus diesem Buch zig weitere Punkte anführen könnte.

Die Jesusbilder, die wir kennenlernen können?


Das Kapitel »The Seven Jesuses I Have Known« (so viel wie »Die
sieben Jesusbilder, die ich kennengelernt habe«) legt die entspre-
chende Methode fest. Um es offiziell zu sagen: Die sieben Jesusbil-
der umfassen den konservativ-protestantischen Jesus, den pfingst-
lich/charismatischen Jesus, den römisch-katholischen Jesus, den or-
thodoxen Jesus der Ostkirchen, den liberal-protestantischen Jesus,
den Jesus der Täuferbewegung und den Jesus der Unterdrückten.
Obwohl einige dieser schriftlichen Darstellungen qualitativ über
dem Durchschnitt liegen, werden die meisten davon den Erwar-
tungen nicht gerecht. So entspricht z.B. der römisch-katholische
Jesus nicht demjenigen Jesus, den die römisch-katholische Kir-
che lehrt, etwa in ihrem Katechismus. Auch ist er nicht derjenige
Jesus, der für die meisten Durchschnittskatholiken in der über-
großen Mehrheit katholisch geprägter Länder (in denen ich ei-
nen beträchtlichen Teil meines Lebens verbracht habe) »spirituell
erfahrbar« ist. McLarens römisch-katholischer Jesus »rettet die
Glieder der Gemeinde durch die Auferstehung aus den Toten«223
– d.h., er nimmt auf das Thema Christus ist Sieger Bezug. McLaren
räumt zu Recht ein, dass diese Sichtweise nicht ausschließlich
im katholischen Bereich zu finden ist. Im volkstümlichen Katho-
lizismus wird weitaus mehr das Jesuskind in den Armen Marias
hervorgehoben. Dennoch arbeitet McLaren dieses Thema Chris-
tus ist Sieger in den Aspekt der Fürsorge, des Gebens, des Die-
nens, des Opfers und dergleichen ein, als seien dies ausschließ-
lich katholische Tugenden. Er arbeitet es sogar in die Eucharistie
ein, die »eine unablässige Feier der guten Nachricht, eine fortwäh-

223 Ebd., S. 53.

223
rende Verabredung mit dem auferstandenen Christus und durch
ihn mit Gott (ist). Die unerhört gute Nachricht für jedermann in
der Gemeinde besteht darin, dass eine solche Verabredung mög-
lich ist.«224 Doch nichts davon ist unverwechselbar römisch-katho-
lisch. Welche christliche Tradition würde die Tatsache leugnen,
dass das Abendmahl »eine unablässige Feier der guten Nachricht
… ist?« Soll mit der Wendung »eine fortwährende Verabredung
mit dem auferstandenen Christus« die Transsubstantiation (An-
merkung des Übersetzers: theologischer Fachbegriff, mit dem das
Wesen der Eucharistie im Sinne der katholischen Kirche beschrie-
ben wird, so viel wie »Wesensverwandlung«) bestätigt werden,
oder stellt sie ein bewusst unsicheres Terrain dar, sodass McLaren
den Anschein erwecken kann, das katholische Jesusbild zu be-
fürworten, während er sich gleichzeitig von dem distanziert, was
typisch katholisch ist?
Wie sieht es mit der Darstellung aus, die McLaren bezüglich
des liberalen Jesus entwirft? Er beginnt damit, dass er einen alten
Spruch zitiert: »Kratze die Tünche eines Liberalen ab, und du wirst
darunter jemanden finden, dem der Fundamentalismus fremd ge-
worden ist.« Sicher haben einige Fundamentalisten Menschen ab-
gestoßen und sie veranlasst, liberale Ansichten zu übernehmen.
Doch andererseits darf man annehmen, dass beim Aufkommen des
theologischen Liberalismus kaum ein Liberaler zum Fundamenta-
listen wurde. Vielmehr war der Fundamentalismus sowohl in sei-
nen besten als auch in seinen schlechtesten Ausprägungen eine
Reaktion auf denjenigen Unglauben, der die Göttlichkeit Christi,
die Jungfrauengeburt und die leibhaftige Auferstehung Jesu aus
den Toten leugnete. Dabei sahen sich Liberale nach wie vor durch-
aus als Christen, weil sie noch immer einige Elemente christlicher
Ethik befürworteten (z.B. all die Schlagworte im Blick auf Liebe
und Opfer, aber nichts hinsichtlich der Gemeindezucht).
Nach McLarens Darstellung liberaler Protestanten hinterfra-
gen einige, aber nicht alle, ob manche oder alle der in den Evange-
lien und anderswo überlieferten Wundertaten tatsächlich stattge-

224 Ebd., S. 54.

224
funden hätten.225 Aber die Liberalen würden diese Berichte wenigs-
tens in dem Sinne lesen, dass sie daraus eine moralische Nutz-
anwendung ableiteten. So wolle uns die Geschichte vom Jungen
mit den fünf Broten und zwei Fischen sagen, dass wir alles – auch
das noch so Geringe – weitergeben sollten. Und die Heilung des
Gelähmten ermutige uns, unsere geistliche Lähmung deutlicher
zu erkennen und zu glauben, dass Heilung möglich sei. »Während
ich glaube, dass Wunder wirklich geschehen können und gesche-
hen werden«, schreibt McLaren, »… habe ich Verständnis für jene,
die anderer Überzeugung sind. Dabei begrüße ich ihr Verlangen,
die Bedeutung der Wundergeschichten auszuleben, auch wenn sie
nicht glauben, dass diese Geschichten entsprechend ihrer Nieder-
schrift passiert sind. (Meiner Ansicht nach ist es schwerer, mit de-
nen Verständnis zu haben, die stolz darauf sind, an die Echtheit
der Wunder zu glauben, aber nicht deren Bedeutung praktisch
umzusetzen suchen.)«226 Da ist sie wieder – eine weitere, nebenbei
geübte vernichtende Kritik an »konservativen Protestanten«.
Noch schlimmer ist sein unzureichender Umgang mit der
Schrift. Ist der Bericht von der Speisung der Fünftausend (eines
der wenigen Ereignisse, die in allen vier kanonischen Evangelien
überliefert sind) vorrangig deshalb geschrieben worden, damit
wir unsere Mahlzeit mit anderen teilen? Ich war bisher immer der
Ansicht, dass er uns hauptsächlich sagen will, wer Jesus ist und
was er tat bzw. tun kann. Schlimmer noch: Die in der Tradition
des liberalen Christentums Stehenden erweisen sich nicht als frei-
gebiger, aufopferungsvoller oder einsatzfreudiger als bekenntnis-
orientierte Christen. Obwohl es natürlich gelegentliche Ausnah-
men gibt, haben zahllose Studien nachgewiesen, dass bekennende
Christen gerade aufgrund der Verpflichtung gegenüber ihrem Be-
kenntnis eher bereit sind, freigebig zu sein, in sozialen Brennpunk-
ten Dienst zu tun, Krankenhäuser sowie Schulen zu bauen, Frau-
enhäuser und viele andere derartige Einrichtungen zu betreiben
als Vertreter des liberalen Lagers. Möglicherweise gilt dies nicht

225 Ebd., S. 60.


226 Ebd., S. 60-61.

225
für Christen auf jenem »denominationellen Zweig«, der McLaren
in jungen Jahren geprägt hat. Doch in diesem Fall sollte er davon
absehen, seine früheren denominationellen Erfahrungen auf den
größten Teil des Baumes zu projizieren.
Am allerschlimmsten ist die Tatsache, dass sich diese Darstel-
lung nicht mit der bei Liberalen weitverbreiteten Leugnung jener
unaufgebbaren Elemente des Evangeliums als solchem auseinan-
dersetzt. Dazu gehören der Stellvertretertod Christi Jesu, der für
mich stirbt und mir damit Leben erwirbt sowie wiederaufersteht,
um die Gotteskinder zu rechtfertigen. Ohne diese Auferstehung
ist nach dem Apostel Paulus unser Glaube inhaltslos (1. Korin-
ther 15). Zweifellos gab es einige von merkwürdigem fundamen-
talistischem Gebaren abgestoßene Liberale, die dem Christus des
Neuen Testaments vorbehaltlos vertrauten, sich aber gleichzei-
tig fragten, ob Jesus tatsächlich fünf Brote und zwei Fische ver-
mehrt habe. Dennoch übt der theologische Liberalismus als Bewe-
gung – offen gesagt – einen destruktiven Einfluss aus – indem er
schlicht und einfach eine andere Religion umfasst. Diesbezüglich
sollte man J. Gresham Machens Werke ausführlich beurteilen, weil
es sich noch immer lohnt, sie genau und aufmerksam zu lesen.227
Kurz gesagt: Mit diesen »Jesusbildern« wird Etikettenschwin-
del betrieben. Der römisch-katholische Jesus entspricht nicht dem
Jesusbild der römisch-katholischen Kirche; der liberale Jesus ent-
spricht nicht der Jesusvorstellung des Liberalismus. McLaren
greift sich lediglich irgendwelche Aspekte seines Jesusverständ-
nisses heraus, die er selbst den jeweiligen Traditionen entnommen
hat, obwohl er sie in den meisten Fällen genauso gut anderswo
hätte entnehmen können. Er geht jedoch nicht darauf ein, was für
die betreffende Tradition von entscheidender Bedeutung oder ty-
pisch ist.
Wenn man außerdem die Diskussion darüber, welchem Jesus
wir vertrauen und nachfolgen sollten, auf verschiedenartige Tra-
ditionen aufteilt, passt dies zu den Zielen der Postmoderne: Jeder

227 Christianity and Liberalism (Grand Rapids: Eerdmans, 1923). Dieses Werk ist –
natürlich zeitbedingt – sowohl ein unerschrockener als auch eindringlich mahnen-
der Weckruf.

226
liest die ursprünglichen Bibeltexte anders – je nachdem, welcher
Tradition er angehört. Jeder erlebt auch Gott dementsprechend un-
terschiedlich, wobei wir von allen anderen lernen können. Trotz-
dem wäre es schön, wenn man erkennen könnte, in welcher Weise
diese verschiedenen Traditionen imstande sind, uns bei der Ver-
mittlung ihres Jesusbildes eine genaue und ausgewogene Zusam-
menfassung zu liefern. Die traurige Tatsache besteht darin, dass
McLaren trotz der Kapitelüberschrift den katholischen Jesus oder
den liberalen Jesus (oder einen beliebigen anderen) nicht rich-
tig kennengelernt hat. Vielmehr hat er sein eigenes Jesusbild aus
herumgeisternden, missglückten Vorstellungsfragmenten kon-
struiert, auf die er innerhalb dieser verschiedenen Traditionen zu-
fällig gestoßen ist.
Noch wichtiger ist folgende Feststellung: Wie schön wäre es,
wenn er in irgendeiner Weise die Frage beurteilt hätte, welche die-
ser Traditionen – ob nun in ihren charakteristischsten Ausdrucks-
formen oder in ihren brillantesten Darstellungen – am genauesten
die Stärken der anderen Traditionen in sich aufnehmen, während
sie gleichzeitig deren größte Schwachpunkte oder sogar Unwahr-
heiten vermeiden. Dabei sollte man hoffen dürfen, dass keine Viel-
falt der Jesusbilder, sondern Jesus entsprechend seiner wirklichen
Existenz zum Vorschein kommt. Und das Allerwichtigste dabei:
Zu diesem Zweck wäre es schön, sehen zu können, inwieweit die
verschiedenen Jesusdarstellungen tatsächlich ganz oder teilweise
mit der Schrift selbst übereinstimmen. Dabei müsste natürlich die
Voraussetzung gelten, dass die Schrift wahrhaftig die »maßgeb-
liche Richtschnur« ist, dass sie die Wahrheit sagt, und dass man
ihre Aussagen verstehen kann (wenn auch nie vollständig).
Wie wünschte ich mir, dass ich mich mit den nächsten Kapi-
teln in McLarens Buch auseinandersetzen könnte! Aus Platzgrün-
den wende ich mich aber jetzt dem Hauptteil seiner Beweisfüh-
rung zu. In gesonderten Kapiteln erläutert McLaren sein Anliegen
(um den Untertitel des Buches zu gebrauchen): »Warum ich ein
missionaler + evangelikaler + post/protestantischer + liberal/kon-
servativer + mystisch/poetischer + biblischer + charismatisch/kon-
templativer + fundamentalistisch/calvinistischer + taufgesinnt/an-

227
glikanischer + methodistischer + katholischer + grüner + die in-
karnatorische Theologie vertretender + depressiver und dennoch
hoffnungsvoller + im Aufbruch befindlicher + unfertiger Christ
bin«. Ich habe diese Kapitel mit großer Sorgfalt gelesen und muss
versuchen, ein wenig zu erklären, warum dies ein publikumswirk-
sames + manipulatives + lustiges + trauriges + sachkundiges + von
Unwissenheit zeugendes + sympathisches + unerhörtes + einge-
hendes + viel Falsches enthaltendes + anregendes + törichtes Buch
ist. Und ich habe jedes einzelne dieser Worte präziser gebraucht,
als es McLaren hinsichtlich seiner Worte tat.

Evangelikal – in welchem Sinne?


Warum bezeichnet sich McLaren als evangelikal?228 Er achtet sorg-
sam darauf, sich von den »Evangelikal-Konservativen« – so sei-
ne Bezeichnung – zu distanzieren, die er mit seinen jungen Jah-
ren, mit »der religiösen Rechten« und einer Anzahl anderer, ihm
missfallender Dinge in Verbindung bringt. In welcher Hinsicht
ist McLaren demnach ein Evangelikaler? Was ihm am Evangeli-
kalismus gefällt, ist – um seine Worten zu gebrauchen – dessen
Leidenschaft: »Wenn ich sage, dass ich eine evangelikale Identität
wertschätze, meine ich etwas, das über ein Glaubenssystem, ein
lehrmäßiges Spektrum oder gar eine Praxis hinausgeht. Ich mei-
ne vielmehr eine Haltung – eine Einstellung gegenüber Gott, un-
serem Nächsten und unserem Auftrag, die von Leidenschaft geprägt
ist.«229 Hier verwirft McLaren also eine Definition der evangelika-
len Bewegung, die mit kirchengeschichtlichen Bewegungen ver-
bunden ist (jenen Ansatz, der von David W. Bebbington gut ver-
anschaulicht wurde)230, sowie jede Bezugnahme auf ein Glaubens-
system (denjenigen Ansatz, der von den Autoren der Evangelical

228 A Generous Orthodoxy, Kap. 6.


229 Ebd., S. 117-118.
230 In Bezug auf seine zahlreichen Schriften siehe eventuell seine Beiträge in
Mark A. Noll, David W. Bebbington, George A. Rawlyk, Hrsg., Evangelicalism: Com-
parative Studies of Popular Protestantism in North America, the British Isles, and Beyond,
1700-1990 (New York: Oxford University Press, 1994).

228
Affirmations in ihren Beiträgen treffend verdeutlicht wird)231. Er
lehnt es ebenso ab, »evangel« (d.h. »Evangelium«) entsprechend
seiner neutestamentlichen Bedeutung zu definieren.

Was bedeutet es, biblisch zu sein?


Warum bezeichnet sich McLaren als biblisch eingestellt?232 Einiges,
was er sagt, zeugt von Einsicht, doch anhand seiner bissigen Be-
merkungen wird wieder einmal deutlich, dass er sich auf seinem
eigenen kleinen »denominationellen Zweig« befindet. Mir persön-
lich wurde nie eine Inspirationsauffassung im Sinne eines Diktats
gelehrt noch wurde mir in jungen Jahren ein endzeitliches System
beigebracht, das Voraussagen über demnächst im Nahen Osten
stattfindende Ereignisse machte und sich inzwischen als falsch her-
ausgestellt hat. Doch sein wichtigstes Anliegen besteht darin, den
Nutzen der Bibel hervorzuheben – und zwar all die guten Taten,
das umgestaltete Wesen sowie die veränderten Verhaltensweisen,
die eine Stelle wie 2. Timotheus 3,16-17 voraussetzt. Alle »wirklich
biblischen Christen« (Protestanten, Katholiken, Orthodoxe, Libe-
rale, Konservative, Charismatiker und wer auch immer)«233 hät-
ten diese Taten vollbracht – ein Sachverhalt, der sie zu biblischen
Christen mache. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Bibeltreue
in gewisser Hinsicht mit Wahrheitsfragen verbunden sein kann.
Am wichtigsten sei, die Bibel als Erzählung zu lesen, was in Jesu
neuem Gebot, »das die gesamte Thora erfüllt und darüber hinaus-
geht«234, seinen Höhepunkt erreiche.

»Trotz dieses erzählerischen Ansatzes verspürt man noch im-


mer den qualvollen Schmerz, den man empfindet, wenn man
von der Eroberung Kanaans mit den Augen desjenigen liest,
den Jesus lehrte, alle – auch die Feinde – zu lieben. Doch da-

231 Kenneth S. Kantzer und Carl F.H. Henry, Hrsg., Evangelical Affirmations
(Grand Rapids: Zondervan, 1990).
232 A Generous Orthodoxy, Kap. 10.
233 Ebd., S. 165.
234 Ebd., S. 170.

229
durch kann die Bibel wieder zu dem werden, was sie ist – kein
Nachschlagewerk in Form eines Lexikons zeitloser moralischer
Wahrheiten, sondern die Geschichte Gottes in ihrer Entwick-
lung, die in einer gewalterfüllten, sündigen Welt am Werk ist
und Menschen angefangen mit Abraham auf einen neuen Weg
zum Leben ruft. Damit ist keine vorherbestimmte fortschreiten-
de Entwicklung im Sinne des Marxismus oder Kapitalismus ge-
meint. Vielmehr geht es um das Ringen einfacher Menschen auf
dem Weg des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Und sie
fordert uns heraus: Wer wahrhaft biblisch sein will, darf sich
nicht mit irgendeinem goldenen Zeitalter in der antiken Welt
und dem damals an Menschen ergangenen Wort Gottes beschäf-
tigen. Er muss vielmehr aus der Vergangenheit lernen, damit
Gottes Geschichte, Gottes Wille und Gottes Traum in uns und
unseren Kindern weiterhin Wirklichkeit werden können.«235

Obwohl sich hier natürlich gewisse Einsichten finden, werden hier


auch Scheinargumente angegriffen sowie einige offenkundige Irr-
tümer vorgebracht. Ich kenne keinen umsichtigen Christen (ganz
gleich, welcher Prägung), der eine »biblische« Einstellung damit
verbindet, »sich … mit irgendeinem goldenen Zeitalter in der an-
tiken Welt … (zu) beschäftigen«. Andererseits hat diese Einstellung
ganz gewiss damit zu tun, sich mit »dem damals an Menschen er-
gangenen Wort Gottes« auseinanderzusetzen, eben weil Gottes nie-
dergeschriebene Offenbarung eine geschichtliche Offenbarung ist.236
Zahlreiche christliche Denker haben erkannt, dass die Bibel eine
erzählerische Grundstruktur aufweist, dass sich die Teile der Bi-
bel in diese Struktur einfügen, dass die Bibel auf ihren Seiten viele
einzelne Erzählungen enthält und dass zu vielen Zeiten im Lau-
fe der Jahrhunderte christliche Denker allzu schnell dazu übergin-
gen, zeitlose Schwerpunkte hervorzuheben, die manchmal den Er-
zählstrang außer Acht ließen und dadurch unbewusst die Schrift
verzerrten. Ein großer Teil der Bewegung für biblische Theologie

235 Ebd., S. 171.


236 Einige weitere kurze Ausführungen zu diesem Punkt finden sich im
Schlussteil dieses Kapitels und im nächsten Kapitel.

230
hat an entscheidender Stelle immer wieder versucht, dies zu klä-
ren und von Neuem auf die biblischen Texte zu hören. Doch die
Bibel enthält neben dem Erzählerischen eine Vielzahl anderer Ele-
mente bzw. in das Erzählerische eingebettete Aspekte oder manch-
mal auch Sachverhalte, die dem Erzählerischen einen Rahmen ge-
ben: Gesetz, Klage, Belehrungen, Weisheit, Ermahnungen auf
ethischem Gebiet, Warnungen, apokalyptische Bilder, Briefe, Ver-
heißungen, Lebensgeschichten, Lehrsätze, Zeremonien und vieles
mehr.237 Die bequeme Bezugnahme auf das allumfassende erzähle-
rische Element ist Ausdruck überaus großer Verzerrung.238
Ja, in gewisser Weise verzerrt die Bezugnahme darauf, die »gro-
ße Erzählung« der Bibel praktisch auszuleben, das Bild in zweier-
lei Hinsicht, weil McLaren trotz aller Betonung der fortlaufenden
biblischen Geschichte jede Bezugnahme auf eine »Meta-Erzäh-
lung«, sogar auf die übergeordnete Erzählung der Bibel, zutiefst
beargwöhnt. Meiner Ansicht nach rührt sein Misstrauen nicht nur
von der Tatsache her, dass das Wort »Meta-Erzählung« in vielen
Zusammenhängen des postmodernen Lebens einen schlechten
Ruf hat. Sobald jemand von der biblischen Meta-Erzählung oder
vom »Evangelium« gemäß seiner biblischen Darstellung spricht,
möchte er fragen: Wessen Evangelium? Das Wohlstandsevange-
lium? Das volle Evangelium? Das fundamentalistische Evange-
lium? Das reformierte Evangelium? Darin – so seine Worte – be-
stehe die Gefahr von Meta-Erzählungen.239 Nun werde ich gewiss
keine heftige Auseinandersetzung hinsichtlich des Wortes »Meta-
Erzählung« beginnen. Dennoch will ich um die dadurch vermit-
telte Vorstellung ringen, und zwar aus zwei Gründen:
Erstens erhebt McLaren, wenn er das Wesen des Evangeliums

237 Dieser Punkt wird in vielen kürzlich erschienenen Darstellungen des Erzäh-
lerischen unzureichend behandelt. Siehe z.B. einige der Abhandlungen in Joel B.
Green und Michael Pasquarello III, Hrsg., Narrative Reading, Narrative Preaching:
Reuniting New Testament Interpretation and Proclamation (Grand Rapids: Baker/Bra-
zos, 2003).
238 Siehe beispielsweise die scharfe Erwiderung von Daniel J. Treier, »Response
to Laytham«, Ex Auditu 19 (2003), S. 120-124.
239 Siehe z.B. Leonard Sweet, Brian D. McLaren und Jerry Haselmayer, A Is for
Abductive: The Language of the Emerging Church (Grand Rapids: Zondervan, 2003),
S. 191-193.

231
und die biblische Handlung vorstellt240, selbst immer wieder in-
direkt oder direkt Ansprüche im Blick darauf, wie man die Bibel
verstehen und daher ausleben soll. Nachdem er die ihm misslie-
bigen »Evangelien« in herablassender Weise allesamt verworfen
hat, bietet er uns letztendlich sein eigenes Evangeliumsverständ-
nis an. Er kann auch nicht umhin, dies zu tun; deshalb schreibt
er ja weiterhin Bücher. Sind wir nicht verpflichtet, darüber nach-
zudenken, inwieweit das Wohlstandsevangelium, inwieweit das
fundamentalistische Evangelium und inwieweit das Evangelium
der Emerging Church der Wahrheit entspricht? Ist dies nicht da-
mit verbunden, wie wir immer wieder die uns von Gott gegebene
Schrift lesen – eine Lektüre, die in eine umfassende Handlung ein-
gerahmt ist?
Ein zweiter und noch wichtigerer Punkt: Dies bedeutet, dass
wir wieder bei der Wahrheitsfrage sind sowie einige Bewertungen
vornehmen können (und auch müssen). (McLaren muss dies an-
erkennen, auch wenn er sie genauso geringschätzig behandelt
wie die verschiedenen »Evangelien«, die ihm missfallen.) Wie ich
bereits gesagt habe, heißt dies nicht, dass wir Ansprüche auf un-
fehlbare Auslegungen erheben (weil wir genauso bescheiden wie
McLaren sind). Es bedeutet vielmehr, dass wir einige Aussagen der
Schrift wahrheitsgemäß – wenn auch nie als Allwissende – erken-
nen können. Es bedeutet vielmehr, dass McLaren ehrlich sein und
erkennen sollte: Wie demütig er auch immer ist – er erhebt eben
doch Wahrheitsansprüche in Bezug auf Aussagen der Bibel, auf
ihre Zielsetzung, ihre Forderungen und ihre Richtlinien für un-
ser Leben, wobei dann die biblische Verankerung dieser Themen
nachgewiesen werden muss. Es ist nicht zu verantworten, dass
er den exegetischen Fragen ausweicht und die Positionen ande-
rer auf den Müllhaufen der Geschichte verbannt, während er sich
selbst einer gründlichen Prüfung entzieht, indem er auf die Post-
moderne Bezug nimmt.
Vielleicht sollte ich (unter vielen infrage kommenden) drei wei-

240 Dies erfolgt meiner Meinung nach am besten in seinem Buch The Story We
Find Ourselves In: Further Adventures of a New Kind of Christian (San Francisco:
Jossey-Bass, 2003).

232
tere Gebiete erwähnen, auf denen McLaren nach dem Urteil vieler
Leser keine biblischen Standpunkte bezieht.

Wie sieht es mit der Sühnung aus?


An zahlreichen Stellen seiner Schriften untersucht McLaren ein-
gehend verschiedene Theorien hinsichtlich der Sühnung.241 Eine
Sühnungstheorie ist – so heißt es – »eine mögliche Erklärung da-
für, inwieweit Jesu Leben und Tod bei der Errettung der Mensch-
heit eine Rolle spielen«.242 Doch für McLaren können die verschie-
denen Theorien, die er erörtert, keine Dogmen oder verbindlichen
Lehren sein. Vielmehr seien sie bestenfalls Fenster, die den Blick
zu einem Teil des Himmels, nie aber zum ganzen Himmel, frei-
geben. Es sei hier besser, sie als Geheimnisse und nicht als Lehren
zu sehen.243 Überdies versucht McLaren, im Blick auf fast jede von
ihm aufgeführte Theorie, zu zeigen, welche Schwachpunkte sie je-
weils angeblich aufweist. Daher spreche die stellvertretende Süh-
nung die Warum-Frage nicht an: Wenn Gott uns vergeben will, tue
er es einfach. Wie könne sich dadurch, dass ein Unschuldiger be-
straft wird, etwas bessern? »Das hört sich lediglich wie eine wei-
tere Ungerechtigkeit in der kosmischen Gleichung an. Das hört
sich wie göttlicher Kindesmissbrauch an, nicht wahr?«244 Die Löse-
geldtheorie sieht sich dem Problem gegenüber, dass Gott mit dem
Teufel scheinbar eine Art Vertrag schließt. Die einzigen beiden
Theorien, die ausführlich erläutert, aber dennoch keiner kritischen
Prüfung unterzogen werden, sind die Theorie »Christus sühnt in
seiner Schwachheit«245 – so Neos Bezeichnung – und eine auf ihn

241 Siehe z.B. The Story We Find Ourselves In, Kap. 20, S. 100-108.
242 Ebd., S. 102.
243 Ebd.
244 Ebd. Diese Einwände werden Kerry in den Mund gelegt – einem Ungläubi-
gen, der Erkundigungen über den Glauben einholt. Die Einwände werden jedoch
nie beantwortet, sondern an anderer Stelle von McLaren selbst zur Sprache ge-
bracht. Dabei versucht er nicht, die Antworten, die Befürworter der Lehre von der
stellvertretenden Sühnung auf solche Einwände geben würden, darzulegen. Auch
untersucht er nicht, inwieweit die stellvertretende Sühnung in der Schrift gelehrt
wird.
245 Ebd., S. 105.

233
selbst zurückgehende Theorie. Die Theorie »Christus sühnt in sei-
ner Schwachheit« wird folgendermaßen dargestellt:

»Es funktioniert so: Am Kreuz wird Jesus verletzlich, indem


ihm dort Leiden von allen – Juden wie Römern gleichermaßen –
zugefügt werden. Er übt nicht an allen Vergeltung, indem er sie
leiden lässt, sondern zeigt vielmehr Gottes liebendes Herz, das
Vergebung statt Vergeltung will. Jesus lässt uns erkennen, dass
sich die Weisheit des Reiches Gottes im Opfer und nicht in der
Gewalt erweist. Es geht darum, Leiden anzunehmen und es
umzugestalten, sodass wir Versöhnung weitergeben können.
Wir sollen uns für erlittenes Leid nicht rächen, indem wir an-
deren entsprechend vergelten. Durch dieses Fenster lässt das
Kreuz daher erkennen, dass Gott menschliche Gewalt, Zwangs-
herrschaft und Unterdrückung ablehnt. Diese Merkmale ha-
ben in der Welt einen unheilvollen Kreislauf in Gang gesetzt –
angefangen mit der Geschichte von Kain und Abel bis zu den
Schlagzeilen in einer beliebigen, heute Morgen erscheinenden
Tageszeitung. Ich bin mir nicht sicher … aber diese Theorie,
die vielleicht als unsinnig angesehen wird, enthält möglicher-
weise ein Körnchen Wahrheit. Das Kreuz ruft die Menschheit
auf, den Versuch zu beenden, Gottes Reich mit Zwangsmaß-
nahmen und unter Gewaltanwendung einzuführen. Dies be-
wirkt letztendlich stets das genaue Gegenteil des ursprünglich
Beabsichtigten. Stattdessen sollten wir es willkommen heißen,
indem wir uns selbst aufopfern und verletzlich sind.«246

Was seine selbst entworfene Theorie betrifft, erinnert sich Neo dar-
an, wie furchtbar er litt, als er herausfand, dass seine Frau ihn be-
trogen hatte. Dann sagt er:

»Wenn ich seit diesem Tag an das Kreuz denke, rufe ich mir
stets ins Bewusstsein, dass es in jeder Beziehung von der sicht-
bar gemachten Qual Gottes zeugt – d.h. vom Schmerz dessen,

246 Ebd., S. 105-106.

234
der vergibt – dessen, der den Verrat aushält, auf jede Rache
verzichtet und Gefahr läuft, erneut innerlich verletzt zu wer-
den. Er tut es um der Liebe willen und im allerschlimmsten
Augenblick – nämlich dann, wenn der Geliebte die Vergebung
am wenigsten verdient hat, sie aber am nötigsten braucht. Es
geht hier nicht nur um juristische Begriffe oder intellektuelle
Sachverhalte. Es geht nicht bloß um Worte. Das Ganze muss
leibliche Gestalt annehmen, wobei in meinen Augen nur Nä-
gel und Dornen, Schweiß, Tränen und Blut wahrhaft von Ver-
rat und Vergebung zeugen.«247

Doch sind irgendwelche dieser Theorien »biblisch?« Woher wis-


sen wir dies? Und wenn einige der biblischen Botschaft entspre-
chen, erhebt sich die Frage: In welcher Beziehung stehen sie zu-
einander? Gibt die Bibel darauf eine Antwort? Woher können wir
das wissen? Und wenn die Bibel diesbezüglich schweigt, lautet
die nächste Frage: Welchen Wert haben diese Theorien überhaupt?
Woher weiß McLaren so viel über Sühnungstheorien, die im Lau-
fe der Geschichte entwickelt wurden? Er müsste dann doch zu-
mindest die Geschichte eingehend untersucht haben! Und könnte
er nicht zumindest versuchen, durch das Bibellesen festzustel-
len, inwieweit diese Theorien von der Schrift gelehrt oder als all-
gemein verbindlich erklärt werden, wenn er sie durch die Beschäf-
tigung mit der Geschichte kennenlernen kann? Nehmen wir noch-
mals zur Kenntnis: Meine Anregung besteht nicht darin, dass alle
Christen oder alle Denominationen das Kreuzesgeschehen als All-
wissende verstehen. Ich muss aber erstens feststellen, dass McLaren
nirgends in seinen Schriften (ob in seinen Prosawerken oder sei-
nen Sachbüchern) seinen Umgang mit den Sühnungstheorien der
Bibel zu begründen versucht. Zweitens nutzt er immer wieder die
Gelegenheit, um verbale Seitenhiebe gegen die Stellvertretung
und andere in der Bibel gelehrte Aspekte auszuteilen. Auch ver-
suche ich in diesem Abschnitt nicht, eine Analyse der ethischen
Dimensionen des Kreuzes zu umgehen: Kürzlich habe ich in ver-

247 Ebd., S. 107.

235
schiedenen Situationen Bibelarbeiten über den 1. Petrusbrief ge-
halten. Dieser Brief enthält eine Fülle ethischer Auswirkungen, die
sich aus dem Kreuzesgeschehen ergeben – Folgerungen, die man-
che christliche Gruppen übersehen haben. Dennoch unterschei-
det sich die Beweisführung des Petrus in ethischer Hinsicht von
Neos Argumentation, wobei Petrus sowohl ein Kreuzesbeispiel als
auch eine Stellvertretung des Sündenträgers erwähnt (Sie sollten
1. Petrus 2,21-24 sorgfältig lesen, um die Anspielungen auf Jesa-
ja 53 festzustellen).248 Ich will an dieser Stelle verdeutlichen, dass
McLarens Anspruch auf eine »biblische« Einstellung unglaubwür-
dig klingt, wenn er mit entscheidenden Aspekten dessen, was Je-
sus am Kreuz gemäß der biblischen Lehre vollbracht hat, so läs-
sig umgeht.

Wie sieht es mit der Hölle aus?


Wenn es um das furchtbare und erschreckende Thema »Hölle«
geht, dann wird dieselbe Taktik sichtbar: Er entfernt sich von der
Schrift, ohne offen zu sagen, dass sie unrecht hat. Nachdem er z.B.
in phasenweise bewegenden Worten die himmlische Zukunft vor-
weggenommen hat, legt Neo die Möglichkeit dar, dass jemand
die Gnade Gottes bewusst ablehnt.249 Dan Poole, der fiktive Autor,
wirft leise die Frage auf: »Und was dann? … Was geschieht dann
mit ihnen?« Damit endet das Kapitel. Das neue Kapitel beginnt
so: »›Warum musst du immer diese Frage stellen?‹, fragte Neo be-
stimmt, aber nicht ärgerlich, wobei das von ihm gebrauchte ›im-
mer‹ an unsere Gespräche im Jahre 1999 erinnerte. ›Ist das, was
ich dir gegenüber gerade beschrieben habe, nicht genug?‹«250
Nein, es ist nicht genug, weil Jesus selbst mehr über die Hölle

248 Zu den hilfreicheren diesbezüglichen Darstellungen der letzten Jahrzehnte


gehören folgende Werke: J.I. Packer, »What Did the Cross Achieve? The Logic of
Penal Substitution«, Tyndale Bulletin 25 (1974), S. 3-45; Leon Morris, The Apostolic
Preaching of the Cross (Grand Rapids: Eerdmans, 1965); Charles E. Hill und Frank A.
James III, Hrsg., The Glory of the Atonement: Biblical, Theological and Practical Perspec-
tives (Downers Grove: InterVarsity Press, 2004).
249 The Story We Find Ourselves In, S. 167.
250 Ebd., S. 168.

236
sagt als sonst jemand in der Bibel. Außerdem findet man in ande-
ren Teilen der Bibel durchaus furchterregende endzeitliche Bilder
(z.B. Offenbarung 14,6-20). Wenn jemand Neo an Jesu Worte zu
diesem Thema erinnert, antwortet er, indem er erneut ausweicht:
»Wenn ich dir diese Geschichte erzähle, ist Jesus überall darin zu
finden, mein Freund.«251 Danach läuft er davon, um kurz darauf
in gedrängter Form alles von Neuem zu erzählen, ohne die ihm
gestellte Frage zu beantworten. Dan Poole ist also dafür zurecht-
gewiesen worden, dass er »unbedingt« eine Frage hat stellen müs-
sen, die Jesus selbst anzusprechen wagt. Dies kommt mir wie eine
Art verbaler Seitenhieb eines Lehrers vor: Wenn er eine Frage nicht
beantworten will, dann vermittelt er dem Schüler das Gefühl, als
Fragesteller schuldig zu sein. Vielleicht musste sich McLaren auf
seinem denominationellen Ast mit einem Verkündiger à la Elmer
Gantry auseinandersetzen (Anmerkung des Übersetzers: Dieser
Eigenname geht auf die Hauptfigur des gleichnamigen Romans
von Sinclair Lewis [1885-1951], eines viel gelesenen US-amerika-
nischen Schriftstellers, zurück. Der dem Roman zugrunde liegen-
de Film wurde im deutschsprachigen Raum unter dem Titel »Gott
ist im Geschäft« gezeigt. In Buch und Film geht es um einen Mann,
der aus einem zwielichtigen Milieu kommt und durch die Liebe
zu einer bildhübschen Evangelistin veranlasst wird, seinen Le-
bensunterhalt fortan als Prediger zu verdienen. Hier nimmt D.A.
Carson darauf Bezug, dass er dabei für seine Darstellung der Höl-
lenstrafen bekannt war, um seinen Zuhörern das Geld aus der Ta-
sche zu locken. So heißt es z.B. auf einem US-amerikanischen Pla-
kat zum entsprechenden Film: ›Ihr seid alle Sünder … Ihr werdet
alle Höllenqualen erleiden.‹), der eine geradezu teuflische Freude
daran hatte, die Qualen der Verdammten zu beschreiben. Doch in
der heutigen evangelikalen Bewegung stehen wir insgesamt ge-
sehen in der weitaus größeren Gefahr, viele der Aussagen Jesu zu
diesem Thema wegzulassen, statt zu viel zu sagen.
Inwiefern ist McLaren an dieser Stelle ein »biblischer« Christ?
Es verwundert kaum, worauf zahlreiche führende Vertreter der

251 Ebd.

237
Emerging Church bestehen. Sie betonen, dass sich die gute Nach-
richt darauf konzentriere, wie bedeutsam es sei, die eigene ver-
loren gegangene Beziehung zu Gott wiederherzustellen. Die Er-
rettung vor Gottes Gericht tritt dagegen in den Hintergrund.252
Dennoch wagt es die Bibel, vom Zorn Gottes zu reden, wobei sie
das genauso auf Personen bezieht wie dort, wo sie über die Lie-
be Gottes spricht. Es überrascht nicht, dass McLaren nicht an den
biblischen Aussagen über das Kreuz Christi festhält: Er weicht
nämlich auch von den Wesensbeschreibungen des Gerichts, vor
dem wir errettet werden müssen, ab. Die Art, wie er die biblische
Geschichte liest, entpuppt sich als so selektiv, dass er die unbe-
quemen Einzelheiten stillschweigend weglässt.

Umgehung der Schrift in ethischen Fragen


In Übereinstimmung mit mehreren anderen Emerging-Church-
Autoren ist McLaren auch bereit, die schriftgemäßen Aussagen
zu einigen »heißen Eisen« in ethischer Hinsicht zu umgehen. So
behaupten z.B. Autoren der Emerging Church ziemlich häufig,
dass sie erst einmal selbst imstande sein wollen, die Homosexua-
lität gründlich zu durchdenken, statt sich einfach auf eine lehrmä-
ßige Schlussfolgerung festlegen zu lassen.253 In einem Frage-Ant-
wort-Teil seines Seminars auf der 2004 stattfindenden Emergent
Convention wurde McLaren gefragt, wie er die Frage der Homo-
sexualität beurteile. Damals sagte er, dass er nicht direkt antwor-
ten wolle.254 Er beschloss stattdessen, zwei andere Argumente vor-
zubringen. Erstens sagte er, dass er sich nicht ganz im Klaren dar-
über sei, was die Bibel meine, wenn sie von Homosexualität rede.
Sei dies genau das Gleiche, was wir heute meinen, wenn wir von
Homosexualität sprechen würden? Er wolle daher sehr vorsichtig
sein und nicht das verurteilen, was biblisch nicht verurteilungs-

252 Dies kennzeichnet die betreffende Literatur. Siehe beispielsweise Richard P.


Wager, »Hearing with Their Eyes and Seeing with Their Hearts: Ministry to the
Senior High Bridger Generation« (D.Min.-Projekt, Trinity Evangelical Divinity
School, 2001), S. 122.
253 Siehe z.B. die Erörterung in Kap. 1, S. 18-19.
254 Siehe wiederum Kap. 1, S. 45-46.

238
würdig ist. Zweitens wolle er hervorheben, dass es von entschei-
dender Bedeutung sei, Homosexuelle wie andere Menschen auch
zu behandeln, die ebenso die Gnade brauchen würden.
In dem später erschienenen Werk A Generous Orthodoxy255 lobt
er die Liberalen dafür, dass sie hinsichtlich einer Anzahl ethischer
Fragen eine Vorreiterrolle gespielt haben, und ergänzt dann Fol-
gendes:

»Und obwohl die Debatte schmerzhaft verlaufen ist, haben Li-


berale den Weg dafür geebnet, den Versuch zu unternehmen,
Homosexuelle und Transsexuelle mitleidsvoll zu behandeln.
Wie sie dies auch in anderen Angelegenheiten getan haben, tre-
ten Konservative in dieser Frage vielleicht dereinst in ihre Fuß-
stapfen, wenn erst einmal mehrere Jahrzehnte vergangen sind
und nachdem die Bahnbrecher den Weg geebnet haben (bzw.
die alte Garde der Konservativen verschieden ist).«256

Jeder Schritt in seiner Argumentation ist von Vorurteilen und/oder


Manipulationen gekennzeichnet.
1. Diejenigen, die mit der umfangreichen Literatur zur Homo-
sexualität vertraut sind, wissen sehr wohl, worum es hier geht:
Wer die Frage aufwirft, ob der von der Bibel verurteilte Sachver-
halt der »Homosexualität« unserem heutigen Verständnis ent-
spricht, bedient sich im Grunde eines der wichtigsten auslegungs-
bezogenen Kunstgriffe, um die Schrift hinsichtlich dieses Themas
zurechtzustutzen, damit die Homosexualität als annehmbar gel-
ten kann. Nach Meinung einiger seien bei dem widerlichen Sach-
verhalt z.B. in 1. Mose 19 nicht Homosexualität, sondern in Wirk-
lichkeit pädophile Neigungen gemeint. Dort gehe es darum, dass
die kulturell geforderte Gastfreundschaft nicht beachtet wer-
de, bzw. um moralisch bedenkenlos praktizierte Homosexualität
und nicht um Homosexualität an sich. Diese Argumente halten im

255 Dort auf S. 138.


256 Ebd. Ein Teil der thematischen Ausführungen McLarens an dieser Stelle des
Buches ist aus historischer Sicht verzerrt dargestellt.

239
Grunde einer genauen Prüfung nicht stand.257 Dass McLaren die-
se Ansichten – wenn auch nur beiläufig – unterstützt, beunruhigt
zutiefst.258
Es ist äußerst bedeutsam, Homosexuelle als Menschen, Mus-
lime als Menschen, Bewohner westlicher Länder als Menschen,
Fundamentalisten als Menschen, führende Leute der Emerging
Church als Menschen und jeden erdenklichen Zeitgenossen eben-
so zu behandeln. Der Hass auf Homosexuelle ist unentschuldbar;
er ist Sünde gegenüber Gott. Doch viele, die gleichgeschlechtliche
Liebe praktizieren, bezeichnen jeden als »Homosexuellenhasser«,
der zu argumentieren wagt, dass die Praxis der Homosexualität
falsch ist. Dabei spielt es für sie keine Rolle, wie gründlich, durch-

257 Das diesbezüglich vermutlich kompetenteste Buch ist vom exegetischen


Standpunkt aus gesehen das Werk von Robert A.J. Gagnon, The Bible and Homose-
xual Practice: Texts and Hermeneutics (Nashville: Abingdon Press, 2001). Im Blick auf
eine außerordentlich gründliche und gut dokumentierte Untersuchung des wissen-
schaftlichen Beweismaterials siehe Stanton L. Jones und Mark A. Yarhouse, Homo-
sexuality: The Use Of Scientific Research In the Church’s Moral Debate (Downers Grove:
InterVarsity Press, 2000). Hinsichtlich einer kurz gefassten Darstellung siehe John
Stott, Same-Sex Partnerships? A Christian Perspective (Grand Rapids: Fleming H. Re-
vell, 2000). In Bezug auf ein Buch, das Bibeltreue mit schriftgemäßer seelsorgerlicher
Sensibilität zu verbinden sucht, siehe Christopher Keane, Hrsg., What Some of You
Were: Stories about Christians and Homosexuality (Kingsford, Australien: Matthias Me-
dia, 2001). [Anmerkung des Verlags: Als deutschsprachiges Buch sei hiermit auf
Mike Haley, Homosexualität – Fragen und Antworten (Bielefeld: CLV, 2006) verwiesen.]
258 McLaren versucht, einen Vergleich heranzuziehen: Seiner Ansicht nach
schweigt die Bibel deswegen bezüglich der Schizophrenie, weil er annimmt, dass
zu Jesu Bezugnahmen auf dämonische Besessenheit dasjenige Phänomen gehöre,
das man heute als »Schizophrenie« bezeichnen würde. Dieser Versuch geht nach
hinten los. Wenn dies eine Parallele sein soll, müsste Schizophrenie in der Schrift
erörtert und verurteilt werden (genauso wie die entsprechenden Stellen Homo-
sexualität behandeln und verdammen). Dies bedeutet, dass diese Texte diejenigen
Symptome als Schizophrenie verurteilen müssten, die wir heute dem Krankheitsbild
der Schizophrenie zuordnen würden. Viele (vielleicht die meisten?) Christen unse-
rer Tage haben lange und intensiv darüber nachgedacht und versucht, auf die dies-
bezüglichen Aussagen der Schrift zu hören. Sie räumen ein, dass es so etwas wie
dämonische Besessenheit und verschiedene Formen der Geisteskrankheit – dar-
unter Schizophrenie – gibt, und dass es manchmal sehr schwierig ist, den Unter-
schied zwischen beiden zu erkennen. Doch wenn dämonische Besessenheit/Schi-
zophrenie wirklich ein aufschlussreiches Vergleichspaar wäre, dann würde dies be-
deuten, dass Jesus bei den entsprechenden »Dämonenaustreibungen« Menschen
im Grunde nur von einem bestimmten Zustand der Geisteskrankheit geheilt hätte.
Vielleicht hat McLaren deshalb mit dem Thema »dämonische Besessenheit« Pro-
bleme, weil es ihm schwerfällt, die Existenz des Teufels als Person zu akzeptieren:
siehe unten die entsprechenden Quellen.

240
dacht, teilnahmsvoll und zurückhaltend dessen Beweisführung
ist. Obwohl ich es nicht sicher behaupten kann, vermute ich, dass
heutzutage von der Angst, als »Homosexuellenhasser« bezeich-
net zu werden, eine größere Gefahr ausgeht als von der feind-
seligen Einstellung gegenüber Homosexuellen. Ich kenne acht-
sam und verantwortungsvoll handelnde Pastoren, die Morddro-
hungen, hasserfüllte Zuschriften und fortwährend belästigende
Telefonanrufe und sogar größere Gottesdienststörungen in Kauf
haben nehmen müssen – und zwar nur, weil sie sich in ihren Aus-
sagen an die Schrift halten. Vor ein oder zwei Jahren wurde ich
gebeten, bei einer Zusammenkunft im Anschluss an den Abend-
gottesdienst einer Gemeinde in London über dieses Thema zu
sprechen. Dabei sagte mir der Pastor, dass er das Treffen natürlich
nicht im Voraus ankündigen könne: Er würde einfach nach dem
Abendgottesdienst selbst bekannt geben, dass es unmittelbar da-
nach stattfinden werde. Dadurch war so gut wie ausgeschlossen,
dass es zu größeren Störungen kam.
3. Stimmt es, dass die Liberalen in dieser Angelegenheit Weg-
bereiter des Mitleids sind? Ich stelle dies infrage. Natürlich gehen sie
als diejenigen voran, die darauf bestehen, dass gleichgeschlechtliche
Partnerschaften als Ehen angesehen werden, dass homosexuelle
Männer und Frauen ordiniert werden können und vieles andere
mehr. Und natürlich mag bei ihren eigenen Motiven Mitgefühl eine
Rolle spielen. Doch wenn man das biblische Verbot ernst nimmt,
fällt es sehr schwer, diese Entwicklungen als Ausdrucksformen des
Mitleids zu verstehen. Darin regt sich vielmehr der Unglaube und
die bewusste Missachtung der göttlichen Aussagen.
4. In gewisser Hinsicht ist es höchst bedauerlich, dass Gemein-
den in dieser Angelegenheit Grenzen ziehen, während sie dies in
bedeutsameren Fragen nicht tun. Diesbezüglich geht es etwa um
das Bekenntnis zur Göttlichkeit Christi oder zur geschichtlichen
Wirklichkeit der Auferstehung Jesu Christi.259 Hinsichtlich dieser
Sichtweise ließen sich zahlreiche Argumente vorbringen. Ande-

259 Darin besteht das Argument zahlreicher Denker des bekenntnisorientierten


Christentums unserer Zeit – z.B. dasjenige von Carl Trueman, »Why You Shouldn’t
Buy the Big Issue«, Themelios 29/2 (2004), S. 1-4.

241
rerseits könnte man auch einiges zu einer Ansicht anführen, die
in Folgendem besteht: An irgendeiner entscheidenden Stelle ihrer
Gemeindegeschichte müssen Gläubige entscheiden, ob sie durch
Gottes Gnade versuchen, in Unterordnung unter die Schrift zu le-
ben, oder ob sie die Schrift zurechtstutzen wollen. Ich vermute,
dass in unserer Generation das Problem der Homosexualität (mit
allen Vor- und Nachteilen) zu einer solch entscheidenden Frage
wird. Einer Initialzündung gleich zwingt sie uns (wie die Ablass-
frage zur Reformationszeit) zu einem gründlichen Nachdenken
darüber, ob wir uns der Schrift unterordnen oder nicht. Und bei
dieser Frage wie bei so vielen anderen hat McLaren – offen gesagt
– sehr wenig Beweise dafür erbracht, dass er zu Recht als »biblisch
eingestellter« Christ bezeichnet wird.

Gegen die Protestanten protestieren?


Warum ist McLaren ein »Post-Protestant«?260 Der Protestantismus
umfasst immerhin eine Protestbewegung. In der römisch-katho-
lischen Kirche herrschten zu Beginn des 16. Jahrhunderts – so das
Eingeständnis von McLaren – einige ziemlich schlimme Zustände,
insbesondere in Bezug auf den Ablassverkauf. Doch seitdem sei
die Entwicklung weitergegangen, sagt er: Die Protestanten hätten
ihrerseits recht schnell begonnen, ihren Protest gegeneinander zu
richten, indem sie sich letztendlich einige marktgerechte religiöse
Formen geschaffen hätten, in denen sie sich häuslich einrichteten.
Obwohl sie der Bibel mehr Aufmerksamkeit gezollt hätten als jede
andere Konfession, hätten sie doch ihre meiste Energie auf immer
neue Anstrengungen verschwendet, um die Rechtmäßigkeit eige-
ner Ansichten und den Irrtum der anderen unter Beweis zu stel-
len. Inzwischen hätten in den letzten Jahren römisch-katholische
Christen »mehr oder weniger der Tatsache zugestimmt, dass die
Protestanten der damaligen Zeit in vielen Angelegenheiten recht
hatten. Der römisch-katholische Durchschnittschrist unserer Zeit
betrachtet den Ablass genauso, wie Protestanten dereinst ihre

260 A Generous Orthodoxy, Kap. 7.

242
rührseligen, über Funk und Fernsehen verbreiteten religiösen Pro-
gramme oder die Sühnetheologie im Stile der Popkultur sehen
werden (die Dallas Willard als ›Evangelium des Sündenmanage-
ments‹ bezeichnet): mit Beschämung.«261
Damit stellt sich die Frage: In welchem Sinne sieht sich McLaren
überhaupt noch als Protestant? Nach seinen Worten ist er Protes-
tant in dem Sinne, dass er sich der lateinischen Ursprungsbedeu-
tung von »pro-testari« (Anmerkung des Übersetzers: »für etwas
Zeugnis ablegen«) verpflichtet weiß – etwas, das Katholiken, Pro-
testanten und Orthodoxe der Ostkirchen im Idealfall ausnahmslos
tun. In diesem Sinne ist sein Protestantismus nach seinem Einge-
ständnis eine Art Post-Protestantismus.
Und wieder müssen wir hier eine gewisse Schlitzohrigkeit
konstatieren. Ich habe nach langem Nachdenken viele Jahre ge-
lehrt, was ich von derartigen Praktiken halte: Wer über das christ-
liche Fernsehen in Glasflaschen abgefülltes heiliges Öl oder Jor-
danwasser verkauft, ist genauso blind und niederträchtig wie die
Ablassverkäufer vor 500 Jahren. Doch auch wenn dies einen be-
unruhigend hohen Anteil geschmackloser religiöser Sendungen
kennzeichnet, fragt man sich: Ist dies für den Protestantismus
typisch? Für den bekenntnisorientierten Protestantismus? Für
die am Bekenntnis festhaltende evangelikale Bewegung? Wäh-
rend ich jährlich an vielen Orten unterrichte oder predige, be-
findet nirgendwo – soweit ich weiß – irgendeine Gruppe diese
Praxis für gut. Die meisten haben eindeutig nichts dafür übrig.
Noch wichtiger ist aber die Feststellung, dass man in der Refor-
mationszeit nicht vorrangig um Ablässe stritt. Vielmehr lösten
Ablässe die Reformation aus, wobei es grundsätzlich um Fra-
gen der Lehrautorität, den Ort der Offenbarung, die Genügsam-
keit des Kreuzesopfers Christi und darum ging, was es bedeutet,
aus Gnaden durch Glauben errettet zu sein. Die fünf »solae« (An-
merkung des Übersetzers: Damit sind neben soli Deo gloria [allein
Gott die Ehre] und solus Christus [allein Christus] sola Scriptura
[allein die Schrift], sola gratia [allein die Gnade] sowie sola fide [al-

261 Ebd., S. 126.

243
lein der Glaube] gemeint.) standen für die Reformatoren und ihre
geistlichen Erben an erster Stelle, während die Vertreter der ka-
tholischen Gegenreformation betonten, wie wichtig es sei, dies zu
leugnen bzw. abzuändern.
Zwar schämen sich heute die meisten römisch-katholischen
Christen angesichts der überkommenen Ablasslehre (zumindest in
der westlichen Kirche rund um den Nordatlantik), doch bezahlte
Messen zur Freilassung von Seelen aus dem Fegefeuer sind in vie-
len Teilen der katholischen Welt bekanntlich noch immer weit ver-
breitet. Die grundlegenden Lehrfragen, die Reformatoren und Ka-
tholiken vor einem halben Jahrtausend getrennt haben, sind geblie-
ben, obwohl die Polemik heute zurückhaltender ist. Der verstorbene
Papst Johannes Paul II. bekannte sich genauso zum Tridentinum,
wie dies einflussreiche Stimmen in der Kurie heute tun. Dazu ge-
hört auch der jetzige Papst Benedikt XVI., der frühere Kardinal
Joseph Ratzinger. Lesen Sie z.B., was der aktuelle katholische Kate-
chismus zur Rechtfertigung sagt. McLaren drängt die ganze Debat-
te der Reformationszeit an den Rand, indem er sie herunterspielt.
Er lässt sie zur Diskussion um eine ziemlich verderbliche Praxis
des Christentums werden, statt darin eine Frage der Wahrheit bzw.
der Bibeltreue zu sehen. Ja, Protestanten haben sich in viele Rich-
tungen aufgespalten: Meiner Erfahrung nach gibt es jedoch in der
protestantischen Bewegung vermutlich keine größere Vielfalt als
innerhalb der römisch-katholischen Kirche. Doch nehmen wir die
offizielle Meinungsäußerung Roms im Gegensatz zu den zentralen
Bekenntnissen des Protestantismus (ungeachtet dessen, inwieweit
jede Seite ihren eigenen Maßstäben völlig gerecht wird): Wir se-
hen, dass es dabei natürlich auch um gottesdienstliche und ethische
Fragen, vorrangig aber um sich gegenseitig ausschließende Wahr-
heitsansprüche geht. All dem weicht McLaren aus, sodass er sich
als Protestant oder – wenn es sein muss – als Post-Protestant aus-
geben kann. Es verwundert kaum, dass er den Begriff »Protestant«
neu definieren muss, um sein Argument verdeutlichen zu können.
Betrachten wir das Ganze von der anderen Seite. In welcher
Hinsicht würde McLaren von sich sagen, dass er »katholisch« im
Sinne von »allgemeinchristlich« ist (wobei er auf die ursprüng-

244
liche Bedeutung dieses Wortes anspielt)?262 Er sagt einleitend, dass
er einst eine Asiatin gesehen habe, die vor einer riesigen Marien-
statue in der römisch-katholischen Kirche »Our Lady of Peace«
in Santa Clara (im Großraum San Francisco) kniete. »Als ich dort
saß«, bezeugt McLaren (vielleicht im Sinne seiner neuen Protes-
tantismus-Definition?), »weitete sich ein wenig mein Verständnis
für die römisch-katholische Kirche und auch ein bisschen für die
›allgemeine christliche Kirche‹.«263 Warum dies?
Erneuerungs- und Reformbewegungen, so behauptet McLaren,
führten oft zu exklusiven Haltungen (Anmerkung des Überset-
zers: Hier ist nicht Exklusivität im Sinne der »Alten Versamm-
lung«, sondern die Vorstellung gemeint, dass der eigene Glaube
der einzig wahre und richtige ist und andere Glaubensrichtungen
keinen Anteil an der Wahrheit oder zumindest an heilsentschei-
denden Wahrheiten haben.) und elitärem Denken. Letztlich wür-
den ihre führenden Persönlichkeiten folgende Meinung vertre-
ten: »Wir sind die Einzigen, die es richtig verstanden haben. Je-
der andere, der sich uns nicht anschließt, befindet sich im Irrtum.
Er steht noch außerhalb oder unterhalb des Christentums bzw. ist
noch gar kein Christ.«264 Im Gegensatz dazu bedeute »allgemein-
christlich zu sein« Folgendes: »Der Betreffende findet eine andere
Freude – es bereitet ihm Freude, die Armen, die Blinden, die Strau-
chelnden, die Verkrüppelten, die Schwachen, die Verwirrten, die
Irrenden und die Andersartigen an- und aufzunehmen. Dies be-
deutet nicht, dass wir unsere Maßstäbe für glaubwürdige Jünger-
schaft herabsetzen. Vielmehr setzen wir unsere Maßstäbe christus-
gemäßer Annahme herauf.«265
Erneut sei betont, dass diese Argumentation zutiefst manipula-
tive Züge trägt. Ich habe festgestellt, dass die Arroganz im Katho-
lizismus mindestens genauso groß ist wie anderswo. Dort wird je-
der, der sich nicht im Schoße der Kirche befindet, bestenfalls als

262 Ebd., Kap. 15. Er wechselt begrifflich hin und her, indem er »catholic« (klein-
geschrieben) auf die allgemeinchristliche Kirche und »Catholic« (großgeschrieben)
auf die römisch-katholische Kirche bezieht.
263 Ebd., S. 221.
264 Ebd., S. 225.
265 Ebd.

245
»getrennter Bruder« angesehen. Gewiss gibt es Protestanten, die
sich sehr elitär verhalten (so wie es Katholiken gibt, die gleichfalls
ungemein elitär eingestellt sind) – insbesondere wieder weit drau-
ßen auf jenem »denominationellen Zweig«. Doch wer darauf be-
harrt, dass bestimmte Lehrfragen durchaus von Belang sind, hält
sich an das vom Neuen Testament selbst festgelegte Muster, wie
z.B. Apostelgeschichte 15, Galater 2 und der 1. Johannesbrief ver-
deutlichen. Mit anderen Worten: Selbst in neutestamentlicher Zeit
waren nicht alle Menschen, die sich – ob Männer oder Frauen – als
Christen sahen, wirklich gläubig. Trotz gegenteiliger Sachverhalte
auf ihrem Christsein zu beharren, zeugt demnach nicht von einer
allgemeinchristlichen Einstellung. Bestenfalls ist es fehlendes Un-
terscheidungsvermögen und schlimmstenfalls Missachtung des-
sen, was Gott in der Schrift tatsächlich gesagt hat. Mittlerweile be-
kennen sich die meisten Angehörigen des konfessionellen Protes-
tantismus freudig zu einer heiligen allgemeinen christlichen Kir-
che (Anmerkung des Übersetzers: so der aktuelle Wortlaut im
Apostolischen Glaubensbekenntnis). Damit erkennen sie an, dass
es wiedergeborene, gerechtfertigte, errettete und erlöste Men-
schen (alles biblische Begriffe) gibt, denen dies aufgrund des Evan-
geliums zugeeignet worden ist – unabhängig von der denomina-
tionellen Bezeichnung. Doch über all das scheint McLaren zuguns-
ten einer bestimmten Haltung hinwegzugehen.
Und damit zu dem, was über sein Verständnis in Bezug auf
eine allgemeinchristliche Identität (oder vielleicht sollte ich sa-
gen über sein diesbezügliches »Gefühl« bzw. sein entsprechendes
»Empfinden«) hinausgeht. Er fügt hinzu: »Es gibt sechs Dinge
(ich könnte noch viel mehr nennen) hinsichtlich der katholischen
Christenheit, die mein Leben in Christus bereichert haben und
weiterhin bereichern.«266 Der Katholizismus sei sakramental ein-
gestellt, liturgisch geprägt, achte die Tradition, verehre Maria, sei
für seine Feste bekannt und komme aus seinen Skandalen nicht
heraus. Wiederum geht er raffiniert vor. Sehen Sie sich z.B. den
Sakramentalismus an. Obwohl sich der rechtgläubige Presbyteri-

266 Ebd.

246
anismus und die evangelikale anglikanische Bewegung zum Sa-
kramentalismus bekennen, unterscheidet sich ihr entsprechendes
Verständnis völlig von dem, was Roms offizielle Dokumente mei-
nen. Was also will McLaren sagen?

»Ein Sakrament umfasst ein Objekt oder eine Praxis, wodurch


das Göttliche den Menschen vermittelt wird. Es eignet uns et-
was Göttliches zu, es ist ein Gnadenmittel und spendet Heilig-
keit. Ich mache mir wenig aus den Argumenten im Blick dar-
auf, wie viele Sakramente es gibt (obwohl ich dazu neige, die
ganze Vielfalt der Sakramente und nicht nur eine Auswahl zu
bevorzugen). (Anmerkung des Übersetzers: Hintergrund sei-
ner Ausführungen ist die Tatsache, dass es in der römisch-ka-
tholischen Kirche sieben Sakramente gibt, während anglika-
nische und evangelische Kirchen gewöhnlich nur zwei Sakra-
mente, die Taufe und das Abendmahl, kennen.) Was mir dar-
an, dass der Katholizismus sakramental geprägt ist, wirklich
gefällt, ist Folgendes: Wir können lernen, dass uns durch so
manche Dinge das Heilige zugeeignet werden kann. Dadurch
werden wir offen für die Tatsache, dass alles (alles Gute, al-
les Erschaffene) letztendlich das Heilige vermitteln kann: das
freundliche Lächeln eines am Down-Syndrom leidenden Kin-
des, die enthusiastischen Freudenbezeigungen eines Welpen,
die anmutige Wölbung eines Tänzerrückens, die Kamerafüh-
rung in einem hervorragenden Film, guter Kaffee, erlesener
Wein, nette Freunde, wertvolle Gespräche. Ob Sie mit drei oder
mit sieben Sakramenten beginnen – bald stellen Sie fest: Ziem-
lich schnell kann alles sakramentale Züge annehmen, wie es
allem meiner Ansicht nach auch zugedacht ist.«267

Abgesehen von der Tatsache, dass »Sakrament« und die damit


verwandten Begriffe erstaunlich verwirrende Ausdrücke gewor-
den sind268, gilt auch hier, dass McLaren gleichzeitig recht hat,

267 Ebd., S. 225-226.


268 Ich erörtere das Problem in einem Exkurs zu Kapitel 6 meines Bibelkommen-
tars The Gospel According to John (Grand Rapids: Eerdmans, 1991).

247
falsche Aussagen macht und töricht ist. Er hat dahin gehend recht
(und unzählige Theologen sowie Pastoren haben diesen Punkt un-
terstrichen), dass in Gottes Universum alles zu uns von Gott re-
den, uns zum Nachdenken über Gott veranlassen und uns Gottes
Gnade vermitteln sollte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hob
C.H. Spurgeon (ein Baptist reformierter Tradition) diesen Punkt
besonders stark hervor. McLaren geht fehl in der Annahme, dass
diese begriffliche Ausweitung in irgendeiner Beziehung dem na-
hekommt, worin die Bedeutung von »sakramental« in den wich-
tigsten kirchengeschichtlichen Debatten bestand (Anmerkung des
Übersetzers: z.B. im Abendmahlsstreit zwischen Lutheranern und
Reformierten). Ja, man hat oft gezeigt: Je mehr man alle Dinge im
sakramentalen Sinne verstand, desto stärker wurde die besonde-
re Theologie der sakramentalen Traditionen untergraben. Wenn
alles sakramental zu verstehen ist, gehört nach kirchlichem Ver-
ständnis praktisch nichts mehr zum Bereich heiliger Handlungen
(in dem speziellen Sinn, in dem man sich kirchengeschichtlich mit
dem Sakramentalismus befasste). Und man sollte nicht törichter-
weise annehmen, dass die maßgebliche Einrichtung der römisch-
katholischen Kirche (Anmerkung des Übersetzers: nämlich die
sogenannte Glaubenskongregation dieser Kirche) McLarens An-
spruch, vom römischen Katholizismus lernen zu wollen, anerken-
nen würde. Dabei besteht sein »Erkenntnisfortschritt« darin, die
Zahl der Sakramente grenzenlos zu vermehren. Rom ist dagegen
nicht daran interessiert, sein kirchengeschichtlich gewachsenes
Sakramentsverständnis auf diese Weise aufzuweichen.
Bei jedem der anderen Dinge in der katholischen Christenheit,
die McLaren bereichert haben, gibt es ähnliche Probleme. »Katho-
liken verehren Maria«, schreibt er.269 Natürlich will er sie nicht an-
beten, aber er hat gelernt, sich über die Tatsache zu freuen, »dass
Maria hochbegnadet ist; der Herr ist mit ihr, und sie ist gesegnet
unter den Frauen« (Anmerkung des Übersetzers: Diese Aussage
geht auf Lukas 1,28 zurück. Ihr letzter Teil findet sich allerdings
nur in denjenigen Bibelübersetzungen, deren Grundlage der Tex-

269 A Generous Orthodoxy, S. 228.

248
tus Receptus ist; vgl. Luther ’12 und Schlachter sowie Klam-
merausdruck in der nicht revidierten Elberfelder.). All dies habe
ich auch in meinem Geborgenheit bietenden, baptistischen Eltern-
haus gelernt. Ich kann mich erinnern, wie wir in unserer Familie
die Weihnachtsgeschichte ausgelegt und diese Dinge aus der Sicht
Marias durchdacht haben: Was für eine bemerkenswerte Frau!
Aber je konservativer ein Katholik ist, desto eher wird er dazu
neigen, Maria zumindest als eine Person anzusehen, die man im
Gebet ansprechen sollte, wenn man sich an Christus und an Gott
wendet. Die offizielle katholische Lehre besteht darauf, dass sie
ohne Sünde empfangen wurde, obwohl Maria sagt, dass ihr Geist
in Gott, ihrem Heiland, gejubelt hat (Lukas 1,47). Es gibt ein wei-
teres Mariendogma der katholischen Kirche (d.h. einen Sachver-
halt, den man glauben sollte, um ein angesehenes Mitglied die-
ser Kirche zu sein): Demzufolge sei Maria in leiblicher Gestalt in
den Himmel aufgefahren und habe daher »die Verwesung nicht
geschaut« (Anmerkung des Übersetzers: so die offizielle Formu-
lierung), obgleich keine einzige diesbezügliche Bemerkung in den
frühesten Zeugnissen steht. Aber das ist ja egal: McLaren hat vom
Katholizismus gelernt, Maria zu verehren.
Kurz gesagt: Die lehrmäßigen Fragen, die Wahrheitsfragen,
werden einfach nicht zur Sprache gebracht und untersucht. Was
an Maria nach der Schrift höchst bewundernswert ist, das möchte
ich hier genauso deutlich wie er bekräftigen. In der Tat umfasst es
das, was mir gelehrt wurde und was ich nun weitergebe. Vielleicht
wurde Maria auf seinem »denominationellen Zweig« geringschät-
zig behandelt – ein Sachverhalt, den er möglicherweise nie über-
wunden hat. Natürlich bin ich besorgt um Menschen, die Maria
nicht achten. Doch gleichzeitig bin ich genauso beunruhigt wegen
Menschen, deren Bezugnahme auf Maria die Tatsache gefährdet,
dass Christus allein genügt. Sie finden in ihr eine Mittlerin oder
wenden sich betend an sie, weil es ihnen vorkommt, als sei Chris-
tus selbst zu weit entfernt – Menschen, die sie als Miterlöserin mit
Christus und als Himmelskönigin ansehen. Ich wünschte, dass
McLaren eine gewisse Zeit damit zubringen würde, den Katholi-
zismus z.B. in Polen im Licht der Bibel zu prüfen. Ich habe großes

249
Verständnis für Männer und Frauen, deren glaubensmäßige Pra-
xis mit diesen Dingen verbunden ist und denen man dies ein Le-
ben lang gelehrt hat. Kaum Verständnis habe ich jedoch für die-
jenigen, die solche falschen Lehren weitergeben – und zwar des-
halb, weil sie nicht der Wahrheit entsprechen.

Was ist fundamentalistisch?


Die nächste Frage lautet: Warum bezeichnet sich McLaren als fun-
damentalistisch/calvinistisch?270 Nach seinen Worten ist er in fol-
gender Hinsicht Fundamentalist: »Für mich laufen die ›Funda-
mente des Glaubens‹ auf diejenigen hinaus, die Jesus gegeben hat:
Es geht darum, Gott und seinen Nächsten zu lieben.«271 Meiner Ansicht
nach gehört dies zu den oberflächlichsten und verzerrtesten Aus-
legungen, die zu Markus 12,28-34 heute angeboten werden. Je-
sus stellt diese Gebote als jene beiden vor, welche die wichtigsten
im Gesetz sind. Dabei geht es ihm nicht um die Fundamente des
Glaubens. Diejenigen, die Jesu Worte anerkennen, sind »nicht fern
vom Reich Gottes« (vgl. V. 34). Was dies bedeutet, habe ich an an-
derer Stelle in allgemein verständlicher Form zu beleuchten ver-
sucht.272 Wer aber behauptet, dass diese beiden Gebote die »Fun-
damente (Grundlagen) des Glaubens« sind, deutet nicht nur den
Zusammenhang der Stelle, in der die Äußerung Jesu zu finden ist,
um. Vielmehr übersieht er auch die zentralen Themen der kanoni-
schen Evangelien – ja, des gesamten Neuen Testaments. Immerhin
sagt Jesus nach dem Bericht des Markus zwei Kapitel zuvor, dass
er »nicht gekommen (ist), um bedient zu werden, sondern um zu
dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele« (Markus 10,45).
Wie die anderen Evangelien hat man das Markusevangelium
treffend als Leidensgeschichte mit ausführlicher Einleitung be-
schrieben: Der Gedankengang ist auf Kreuz und Auferstehung
gerichtet. Der fortlaufende Bericht verdeutlicht, dass Jesus selbst

270 Ebd., Kap. 12.


271 Ebd., S. 184.
272 Siehe die betreffende Predigt auf der Website von www.christwaymedia.
com.

250
das eigentliche Passahlamm ist (14,12). Sein Blut »ist (das) Blut
des Bundes, das für viele vergossen wird« (14,24). Es verwundert
kaum, dass Paulus entschlossen war, sich auf »Jesus Christus und
ihn als gekreuzigt« zu konzentrieren (1. Korinther 2,2). Ihm ging es
ausschließlich darum, sich des Kreuzes seines Herrn Jesus Chris-
tus zu rühmen (Galater 6,14). Diese Hervorhebung bedeutet kei-
neswegs, dass in den neutestamentlichen Schriften nicht auch an-
dere Schwerpunkte – etwa ethischer, kultureller, eschatologischer,
apokalyptischer und gesellschaftlicher Art – zu finden sind. Doch
McLaren betont, dass er »Fundamentalist« ist, weil für ihn das ers-
te und zweite Gebot (d.h. das Gebot der Liebe zu Gott und zum
Nächsten) Ausdruck »der Fundamente des Glaubens«273 sind. Da-
mit hält er sich weder an den historisch sachgemäßen Gebrauch
des Begriffs noch an das Evangelium und an das, was im Neuen
Testament von entscheidender Bedeutung ist.
Kommen wir zu den Reformatoren. McLaren sagt, dass refor-
mierte Christen Calvin und seine reformatorischen Mitstreiter auf
zweierlei Weise ehren könnten: Sie sollten ihre nachmittelalter-
lichen Formulierungen apologetisch untermauern und sich dafür
einsetzen bzw. »ihrem Beispiel folgen und dabei versuchen, Glau-
bensformulierungen zu entwickeln, die für unsere postmoderne
Zeit genauso angemessen sind wie ihre Lehrsätze für ihre nach-
mittelalterliche Zeit«.274 Dies ist etwa so, als würde man sagen,

273 Dieser Ausdruck fand weite Verbreitung, als R.A. Torrey vier Bände unter
dem Titel The Fundamentals: A Testimony to the Truth herausgab. Sie wurden kürzlich
neu aufgelegt (Grand Rapids: Baker, 1988 [1917]). Sie umfassten eine Entgegnung
auf die Leugnungen der damaligen Liberalen, die wesentliche Glaubensinhalte in-
frage stellten. Mit wenigen Ausnahmen stellten die »Fundamente« Sachverhalte
dar, die nach Ansicht praktisch aller Christen wahr waren, bis Liberale sie leugne-
ten. Später wurde der Gebrauch dieses Begriffs jedoch mit kulturellem Rückzug,
einer glaubensmäßig-konservativen Haltung, Ignoranz und in neuerer Zeit sogar
mit Hass verbunden (Anmerkung des Übersetzers: z.B. militantes Vorgehen gegen
Abtreibung bis hin zu Morden an Abtreibungsärzten). Heutzutage schert die Pres-
se hinduistischen Fundamentalismus, islamischen Fundamentalismus und christ-
lichen Fundamentalismus über einen Kamm, ohne dass auch nur ein Rest von dem
übrig bleibt, was Torrey und die anderen Mitverfasser meinten und sich auf das
speziell Christliche konzentrierte. McLaren beansprucht jedenfalls unberechtigter-
weise diesen Begriff, um ihm eine von ihm bevorzugte Bedeutung beizulegen. Dies
führt dazu, dass er sich ebenfalls als »Fundamentalist« bezeichnen kann.
274 A Generous Orthodoxy, S. 189.

251
dass jemand als US-Amerikaner das überkommene amerikanische
Wertesystem (wie verzerrt oder vorsichtig abgewandelt auch im-
mer) nicht übernimmt, sondern einen Ozean überquert, um ein
anderes Land zu suchen.275 Überdies versuchten die Reforma-
toren, die Schrift zu ihrem Formalprinzip und das Evangelium zu
ihrem Materialprinzip zu machen (Anmerkung des Übersetzers:
Grob gesagt kann man vom Formalprinzip als dem maßgebenden
Rahmen – im vorliegenden Fall also von sola Scriptura – und vom
Materialprinzip als dem inhaltlichen Herzstück innerhalb dieses
Rahmens sprechen.).
Zweifellos entsprach all dies den begrifflichen Formen und der
Ausdruckweise der Debatten jener Zeit. Trotzdem sollten die fort-
währenden Reformversuche nach Absicht der Reformatoren un-
ablässige Bemühungen sein, die heilige Schrift besser zu verstehen
– nicht zuletzt deshalb, weil sich die kulturellen Fragen unweiger-
lich verändern würden. All das fehlt bei McLaren. Er sagt ledig-
lich, dass ihre Theologie für die nachmittelalterliche Zeit gegolten
habe, während die postmoderne Theologie für die postmoderne
Zeit relevant sei. Aber wie verträgt sich dies mit den Wahrheits-
ansprüchen der Schrift, mit dem gegebenen Sachverhalt der Of-
fenbarung? Mit anderen Worten: Selbst wenn man von einem Auf-
ruf zu einer fortwährenden Reformation spricht, meint McLaren
etwas ganz anderes als die Reformatoren.276 Falls man kein radika-
ler Postmodernist ist, sollte man dann nicht versuchen zu beurtei-
len, inwieweit sich Calvin und seine Mitstreiter in ihren Formulie-
rungen an ihr Formalprinzip – d.h. an die Schrift selbst – hielten?
Wenn man natürlich ein radikaler Postmodernist ist, muss man

275 Hier stützt sich McLaren auf eine Abhandlung von John R. Franke, »Reform-
ing Theology: Towards a Postmodern Reformed Dogmatics«, Westminster Theolo-
gical Journal 65 (2003), S. 1-26. Sie wird von McLaren als »ausgezeichnet« bezeich-
net (A Generous Orthodoxy, S. 189 Anm. 88). Frankes Beschreibungen reformierter
Theologie enthalten jedoch nichts, was die charakteristischen Beiträge reformierter
Theologie in Erinnerung rufen würde. Die einzige Ausnahme ist die Überzeugung,
dass Reformation eine fortwährende Aufgabe sein muss.
276 Dies hängt mit meinen Feststellungen in Kapitel 1 (S. 55-57) zusammen, wo-
nach die von der Emerging-Church-Bewegung ins Auge gefasste Reformation fast
ausschließlich voraussetzt, dass ein kultureller Wandel stattfinde. Bestenfalls am
Rande beruht sie auch auf der Prämisse, dass man die abweichende Theologie un-
serer Zeit mit der Schriftwahrheit besser in Einklang bringen müsse.

252
sich unweigerlich dem Relativismus stellen. Falls man allerdings
ein gemäßigter Postmodernist ist, kann man solchen Fragen, die
mit Wahrheitsansprüchen zusammenhängen, nicht ausweichen.
Und dann folgt ein Sachverhalt, der offenbar eine bemerkens-
werte theologische Dreistigkeit darstellt: McLaren benutzt un-
berechtigterweise das berühmte TULIP-Anagramm (Anmerkung
des Übersetzers: Da dieses Anagramm im deutschsprachigen Raum
weniger bekannt ist als in den historischen Verbreitungsgebieten
des Calvinismus, sei hier hinzugefügt, dass die fünf Buchstaben des
Anagramms jeweils auf die Anfangsbuchstaben der »fünf Punkte
des Calvinismus« zurückgehen. Dabei steht T für »Total Depravi-
ty« [Völlige Verderbtheit], U für »Unconditional Election« [Bedin-
gungslose Erwählung], L für »Limited Atonement« [Begrenzte Ver-
söhnung], I für »Irresistible Grace« [Unwiderstehliche Gnade] und
P für »Perseverance of the Saints« [Beharrlichkeit der Heiligen]. Mit
»Tulip« ergibt sich ein neues Wort – »Tulpe«.).277 T erinnert dem-
nach an die Liebe des dreieinen Gottes (engl. Triune Love), statt
den für Reformierte typischen Schwerpunkt auf Gottes Souveräni-
tät zu legen. U bedeutet jetzt selbstlose Erwählung (engl. Unselfish
Election), da wir die Erwählung nicht als ausschließlich uns zuste-
hendes Vorrecht annehmen dürfen, sondern als »Berufung zu mis-
sionaler Verantwortung« betrachten müssen (obwohl ich Vorrecht
und Verantwortung selbst in den besten Darstellungen reformierter
Theologie nie als Gegensatzpaar gefunden habe). L beschwört die
unbegrenzte Versöhnung (engl. Limitless Reconciliation). Mit I ist
jetzt die inspirierende Gnade (engl. Inspiring Grace) gemeint, wäh-
rend P nun für den Zustand der Leidenschaftlichkeit und für Aus-
dauer steht (engl. Passionate, Persistent States). Meiner Annahme
nach berechtigt die Verwendung eines TULIP-Anagramms zu der
Feststellung, dass McLaren Calvinist ist – und zwar aus denselben

277 Es geht natürlich nicht auf Calvin zurück, sondern wurde auf der Synode
von Dordrecht geprägt (Anmerkung des Übersetzers: Die »fünf Punkte des Cal-
vinismus« – auch als Die Dordrechter Lehrsätze bekannt – wurden auf der Landes-
synode der Reformierten Kirchen in den Vereinigten Niederlanden 1618/1619 be-
schlossen. Dabei waren auch zahlreiche Theologen aus Großbritannien, Deutsch-
land und Frankreich zugegen, sodass die Synode für die gesamte damalige refor-
mierte Kirche weithin repräsentativ war.).

253
Gründen, die ihm das Recht geben, sich als Fundamentalist zu be-
zeichnen. Doch ich würde zu ihm sagen: »Wenn du glaubst, dass
solche Sachverhalte der biblischen Lehre entsprechen, dann bist du
allemal berechtigt, sie anderen zu lehren sowie zu erklären, sie un-
ter ihnen zu verbreiten und sie davon zu überzeugen. Du bist aber
nicht berechtigt zu behaupten, dass du aufgrund dieser Schwer-
punkte entweder ein Fundamentalist oder ein Calvinist bist. Offen
gesagt: Erweckt eine derartige Beweisführung bei jemandem, der
sich nur ein wenig an die historischen Fakten hält, nicht den An-
schein einer gewissen Inkompetenz?«
Jedes Kapitel dieses Buches lässt sich auf diese grundlegende
Weise analysieren. Alle Kapitel enthalten einige hilfreiche Ein-
sichten, während sie gleichzeitig Argumente übertrieben darstel-
len, die Geschichte verzerren und mit äußerst negativen Begriffen
all jene Sachverhalte beschreiben, die McLaren anders sieht (selbst
wenn sie fast zweitausend Jahre lang zum Erbe der bekenntnis-
orientierten Christenheit gehört haben). Außerdem befragt er dar-
in fast nie die Schrift, es sei denn, dass er gelegentlich einen Be-
legtext braucht. Sogar im letzten Kapitel (»Warum ich unfertig
bin«278) gelingt es ihm, in kurz gefasster Form mehreres zu errei-
chen: In ansprechender Form gibt er sich demütig und stellt falsch
dar, was »Rechtgläubigkeit« (Orthodoxie) in der Vergangenheit
bedeutet hat. Er definiert »Orthodoxie« neu und zitiert einige Bi-
belstellen, die nichts mit dem von ihm angesprochenen Thema zu
tun haben.279 In sehr ernster Weise untertreibt er die Bedeutung
dessen, was Gläubige wissen müssten, wissen sollten und wissen
können, wenn wir solche Angelegenheiten nicht nach erkenntnis-

278 A Generous Orthodoxy, Kap. 20.


279 Das vielleicht bestürzendste Beispiel ist die Art und Weise, wie er 2. Korin-
ther 3,18 zitiert: »… indem wir wie in einem Spiegel die Herrlichkeit des Herrn
sehen« (S. 292). Er tut dies in Anlehnung an die New American Standard Bible
(vgl. Luther ’84, Schlachter 2000 und Anmerkung Menge). Ich bezweifle, dass diese
Übersetzung gerechtfertigt ist. Doch selbst im gegenteiligen Fall geht es in diesem
Vers nicht – wie McLaren meint – um Gottes Selbstoffenbarung in allen Lebens-
bereichen, die man von der Bibel her mithilfe vieler anderer Stellen erhärten kann.
Der Vers hat wenig damit zu tun, dass man anhand des strahlenden Sonnenscheins
über New Mexico einen flüchtigen Eindruck von der Herrlichkeit des Schöpfer-
gottes erhascht.

254
theoretischen Vorlieben der Postmoderne, sondern nach den tat-
sächlichen Aussagen der Schrift beurteilen würden.280 Es ist wich-
tig, sich den Begrenzungen unserer Erkenntnis zu stellen. Es ist
gleichermaßen bedeutsam, die Tatsache zu bejahen, dass es beim
Kommen des Sohnes Gottes auf diese Erde, bei seinem Tod und sei-
ner Auferstehung und beim Evangelium selbst an entscheidender
Stelle auch um Folgendes geht: Diejenigen Dinge, die im Rahmen
früherer Offenbarungen weithin verborgen geblieben sind, sollen
geoffenbart und bekannt gemacht werden (Römer 16,25-27).281
Ich wünschte, diese Probleme wären nur in diesem Buch zu
finden. Dann könnte man sagen, dass dieses Buch für McLarens
Werk in seiner Gesamtheit nicht typisch sei. Aber meines Erach-
tens verliert er das Evangelium in The Church on the Other Side fast
ganz aus dem Blick. In The Story We Find Ourselves In: Further Ad-
ventures of a New Kind of Christian282 bringt Neo eine Reihe eben-
dieser Gedanken zum Ausdruck, die wir gerade untersucht ha-
ben. Neos Stärke besteht darin, gewisse Aspekte der biblischen
Geschichte Ungläubigen in einer gewinnenden Art zu erläutern.
Dennoch entsprechen selbst hier Teile seiner angeblich biblischen
Handlung weder der Schrift noch dem christlichen Glauben. Neos
Schwächen zeigen sich im Umgang mit biblischen Themen wie
Götzendienst und dem Zorn Gottes. Für ihn ist, wie wir gesehen
haben, das Thema des Gerichts nicht auf irgendeine bibeltreue Art
und Weise mit dem Kreuz verbunden. Selbst wenn uns McLaren
zuvor versichert hat, dass die Errettung aus Gnaden und durch
Glauben geschieht, hängt Gottes Endgericht hier nicht von Christi
Kreuzeswerk, sondern davon ab, »inwieweit Einzelne Gottes
Hoffnungen und Träumen hinsichtlich unserer Welt und des Le-
bens auf ihr entsprechen«.283
Ich zögere keinen Augenblick, die sich aus dem Kreuzes-

280 Siehe die kurze Erörterung am Ende dieses Kapitels.


281 Zu dieser Frage siehe D.A. Carson, »Mystery and Fulfillment: Toward a Larg-
er Conception of Paul´s Understanding of the Old and the New«, in Justification
and Variegated Nomism, Vol. 2: The Complexities of Paul, Hrsg. D.A. Carson, Peter T.
O’Brien und Mark A. Seifrid; WUNT (Tübingen: Mohr-Siebeck, 2004), S. 393-436.
282 San Francisco: Jossey-Bass, 2001.
283 The Story We Find Ourselves In, S. 166-167.

255
geschehen ergebenden notwendigen Konsequenzen in Form
guter Werke zu betonen. Wer jedoch das Endgericht so wie hier
beschreibt, hört sich gar nicht als Verkündiger der »guten Nach-
richt« an. Er hört sich vielmehr an, als wollte er eine Version des
sogenannten »Neuen Perspektive auf Paulus« allgemein verständ-
lich darstellen. Satan ist für McLaren keine Person. In den Schriften
von McLaren wird er zu einer Verkörperung des Bösen, zu »einer
überaus realen Metapher für eine über alle Maßen reale Macht im
Universum«.284 Oder nehmen wir Dan Poole, als er die Asche ei-
ner geliebten Frau über dem Wasser in der Nähe der Galapagos-
Inseln verstreut. Dabei bekräftigt er, dass ihre Existenz »nicht
mehr von dieser Asche abhängt«: Ihre Identität, ihr Menschsein
»ist – dem Aufladen einer Software gleich – von der Ebene der
Moleküle auf eine neue Ebene gehoben worden«. Sie ist »in Gottes
Augen bewahrt, gerettet und wertgeschätzt«.285 Ungeachtet des-
sen, dass an früherer Stelle die heilende Wirkung der Schöpfung
betont wird, klingt dieses Ende wie eine gnostische Bemerkung,
die für Auferstehung weder Raum lässt noch sie hervorhebt.

Eine Kritik von The Lost Message of Jesus


Das zweite Buch, auf das ich eingehen will, trägt den Titel The Lost
Message of Jesus und stammt von Steve Chalke.286 Obwohl Chalke
als einflussreiche Leiterpersönlichkeit der Emerging Church in
Großbritannien lebt und wirkt287, ist sein Buch von Brian McLaren
wärmstens empfohlen worden.288 Schon anhand des Titels wird
der Konfrontationscharakter, den ich im ersten Kapitel bemerkt

284 Ebd., S. 103.


285 Ebd., S. 193-194.
286 Grand Rapids: Zondervan, 2003.
287 Chalke ist Gründer der überaus einflussreichen Organisation Oasis (die eng
mit Spring Harvest, Youth for Christ [im deutschsprachigen Raum unter der Be-
zeichnung Jugend für Christus International bekannt], der Heilsarmee und dem
Youthwork Magazine [Anmerkung des Übersetzers: Bezeichnung eines Magazins
der evangelikalen Jugendarbeit in Großbritannien] zusammenarbeitet). Er ist ein
begeisternder Redner, der im Fernsehen genauso überzeugend auftritt wie bei
Live-Veranstaltungen.
288 Auch von anderen, darunter von Tony Campolo und N.T. Wright.

256
habe, sichtbar: The Lost Message of Jesus (so viel wie Die verlorene
Botschaft Jesu) unterstellt, dass andere sie falsch verstanden ha-
ben, während Chalke sie darüber belehren will, wie sie es rich-
tig machen müssen. Wie einige andere in der Emerging-Church-
Bewegung verkündigte er einst das, was er heute rundheraus ab-
lehnt.289
Die positive Stoßrichtung des Buches besteht darin, dass es her-
vorhebt, wie wichtig es ist, die große Wahrheit, »Gott ist Liebe« (1.
Johannes 4,8.16), praktisch umzusetzen. Christen sollten die Unge-
liebten lieben, die Unerreichten aufnehmen, den Hungrigen zu es-
sen geben, den schwer Schuldbeladenen vergeben, die Leiden der
Kranken lindern und die an den Rand Gedrängten willkommen
heißen. Wie viele Prostituierte und Homosexuelle würden das Ge-
fühl haben, in unseren Gemeinden aufgenommen zu sein? Ob-
wohl in Chalkes Buch diese Vision gesellschaftlicher Zustände mit
einer ziemlich beschränkten »Reich-Gottes«-Auslegung eng ver-
bunden ist, sind viele seiner Anregungen überzeugend. Anderer-
seits würde ich ihn gern in eine ganze Reihe mir bekannter Groß-
stadtgemeinden mitnehmen und ihn bekehrten Prostituierten so-
wie Homosexuellen vorstellen, deren Leben durch das Evangeli-
um umgestaltet worden ist.
Doch während Chalke seine Version des Evangeliums vorstellt,
muss er für seine These einen beunruhigend hohen Preis zahlen.
Er definiert Gott jetzt im Sinne einer beherrschenden Eigenschaft,
seiner Liebe: »Es gibt faktisch keine biblische Gottesdefinition …
die von der Liebe losgelöst ist. Aber mehr noch: Die Bibel macht
nie Aussagen über seinen Zorn, seine Macht oder sein Gericht,
ohne dass sie seine Liebe berücksichtigt.«290 Der erste dieser beiden
Sätze ist falsch: Die Bibel definiert ihn sogar im 1. Johannesbrief
anders – und zwar als »Licht«, in dem »gar keine Finsternis … ist«
(1. Johannes 1,5). An anderer Stelle wird er wiederholt als heilig
definiert (z.B. Jesaja 6; Offenbarung 4). Mithilfe des zweiten Satzes
kann man sich der Manipulation bedienen: Man wäre genauso be-

289 The Lost Message of Jesus, S. 184.


290 Ebd., S. 63.

257
rechtigt, davon zu sprechen, dass die Bibel nie über Gottes Liebe
redet, ohne seine Heiligkeit zu berücksichtigen. Für Chalke wird
Gottes Heiligkeit durch Gottes beherrschende Eigenschaft der Lie-
be Grenzen gesetzt. Somit kann er von Gottes Schmerz reden, den
er empfinde, wenn er diese zerrüttete Welt sehe. Chalke nimmt
in seiner Argumentation auf Gottes Worte gegenüber Mose in 2.
Mose 33,20 Bezug (»Kein Mensch kann mich sehen und am Leben
bleiben.«). Dies sei der Fall, weil Gottes Angesicht dort so von Lei-
den entstellt gewesen sei: »Niemand könnte es ertragen, ein von
solch unendlich großem Schmerz verzerrtes Angesicht zu sehen,
und am Leben bleiben.«291 Angesichts dieser Spekulation fällt es
ziemlich schwer, 2. Mose 32,10 zu widersprechen: »Nun lass mich,
damit mein Zorn gegen sie entbrenne und ich sie vernichte.«
Für diejenigen, die mit der biblischen Darstellung der Heilig-
keit Gottes Probleme haben, ist fast zwangsläufig das problema-
tisch, was die Bibel über Sünde sagt.

»Jahrhunderte haben wir damit zugebracht, über die Erbsün-


delehre zu streiten. Während man über die Bibel nachsann und
vielbändige theologische Abhandlungen zum Nachweis der
allen Menschen innewohnenden Sündhaftigkeit schrieb, ha-
ben wir einen erstaunlichen Punkt übersehen: Jesus glaubte
daran, dass der Mensch ursprünglich gut war! Gott erklärte,
dass seine gesamte Schöpfung, die Menschheit eingeschlos-
sen, sehr gut war. Das soll nicht heißen, dass Jesus die Versöh-
nungsbedürftigkeit unserer Beziehung zu Gott in Abrede stellt.
Vielmehr verwirft er jeden Gedanken daran, dass wir es in ir-
gendeiner Weise zu weit getrieben haben.«292

In Wirklichkeit setzt Jesus ausdrücklich voraus, dass Menschen


böse sind (z.B. Matthäus 7,11: »Wenn … ihr, die ihr böse seid …«).
Überdies macht er geltend, dass aus dem menschlichen Herzen
»die bösen Gedanken hervor(kommen): Unzucht, Dieberei, Mord,

291 Ebd., S. 59.


292 Ebd., S. 67 (Hervorhebung im Original).

258
Ehebruch, Habsucht, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Neid, Läs-
terung, Hochmut, Torheit; alle diese bösen Dinge kommen von in-
nen heraus und verunreinigen den Menschen« (Markus 7,21-23).
Jesus kannte – so wie Paulus nach ihm – die Schrift (siehe Römer
3,21-23). Die Aussage, dass Gott die ganze Schöpfung als »sehr
gut« bezeichnete, geht natürlich auf die Zeit vor dem Sündenfall
zurück (1. Mose 1,31). Dennoch geht Chalke über diese Tatsache
hinweg, als wäre sie unbedeutend. Aber die ganze Angelegenheit
reicht noch tiefer. Wenn sich das Alte Testament mit unserer Sün-
de befasst, geht es zentral um Abgötterei: Wir tasten Gottes Stel-
lung an. Gott zürnt im Alten Testament am meisten darüber, dass
wir Götzen verehren, Gott relativieren bzw. das Geschöpf an die
Stelle Gottes setzen (wie Paulus es ausdrückt; vgl. Römer 1,25).
Und genau diesen Schwerpunkt verdeutlicht Paulus, als er mit
den schriftunkundigen Vertretern des Pluralismus zu tun hat, de-
nen er in Athen gegenübertritt (Apostelgeschichte 17,29). Mit an-
deren Worten: In der Bibel wird Gottes Heiligkeit mit dem Pro-
blem unserer Sünde in Verbindung gebracht.
Wenn man erst einmal die tatsächlichen biblischen Aussagen
in dem oben beschriebenen Sinne geändert hat, müssen unweiger-
lich auch andere Dinge neu definiert werden. Chalke ist in mora-
lischer Hinsicht über alles ungehalten, was Menschen ausschließt.
Die Pharisäer hätten die Schwelle zu hoch gesetzt: »Jesus hat die
von den Pharisäern herrührende Schwelle niedriger gesetzt, doch
als er dies tat, hat er gleichzeitig den Türsturz am oberen Ende
des Rahmens gesenkt. Daher muss jeder, der eintreten will, sich
bücken, um hineinzukommen.«293 Diese Metapher könnte mir fast
gefallen, obwohl es wahrheitsgetreuer wäre, wenn man aufhören
würde, vom Absenken zu reden: Auf einer gewissen Ebene betont
Jesus, dass niemand die tatsächliche Schwelle überschreiten kann,
doch bei Gott sind alle Dinge möglich. Aber die Metapher nimmt
entsetzliche Züge an, wenn Chalke im Folgenden die Funktion
des Tempels beschreibt. »Im Zentrum dieses ›Sündentilgungs-
und Vergebungszueignungsmechanismus‹ befand sich der als

293 Ebd.

259
Allerheiligstes bekannte Teil, der nach damaliger Auffassung die
Wohnstätte der Gegenwart Gottes sein sollte.«294 Chalke geht dann
spöttisch auf die gesamte Gottesdienst- und Opferordnung ein,
indem er die Übertreibungen und Entartungen des ersten nach-
christlichen Jahrhunderts (d.h. bis 70 n.Chr., dem Jahr der Tempel-
zerstörung) benennt. Aber Moment mal – das eigentliche Konzept
war göttlichen Ursprungs. Damit sollten uns einige entscheidend
wichtige Sachverhalte im Blick auf seine Heiligkeit und darauf ge-
lehrt werden, was erforderlich war, um in seine Gegenwart treten
zu können: Wir brauchten einen Mittler und ein Opfer. Chalkes
Feststellung (»… der nach damaliger Auffassung die Wohnstät-
te … sein sollte«) umfasst in diesem Zusammenhang eine unver-
zeihlich zynische Formulierung: Gerade dort offenbarte sich ja so-
wohl im Zelt der Begegnung als auch im Tempel die Herrlichkeit
Gottes. Außerdem wird im Neuen Testament Jesus nicht als derje-
nige vorgestellt, der das Gesetz über Bord wirft, sondern als einer,
der es erfüllt. Das Neue Testament hebt wiederholt hervor, dass Je-
sus die alttestamentlichen Grundsätze erfüllt hat und unser Ho-
herpriester ist. Darüber hinaus gilt, dass mit seinem Tod das ei-
gentliche Opfer gebracht wurde, das für unsere Sünde Sühnung
erwirkte (vgl. Hebräerbrief). Doch nachdem er sich bereits so weit
vorgewagt hat, zögert Chalke nicht, den nächsten Schritt zu ge-
hen: Jede Vorstellung von einem stellvertretenden Strafleiden ist
für ihn sowohl anstößig als auch ein ungeheuer großer Wider-
spruch dazu, wie er die Wahrheit von der Liebe Gottes versteht:

»Tatsache ist, dass das Kreuz keine Form eines kosmischen


Kindesmissbrauchs (Anmerkung des Übersetzers: Mit die-
ser Formulierung grenzt sich Chalke wohl gegenüber traditio-
nell-evangelikalen Sichtweisen des Kreuzesgeschehens ab, die
er hier allerdings völlig verzerrt beschreibt.) darstellt, bei dem
ein racheerfüllter Vater seinen Sohn für ein Vergehen straft,
das dieser nicht einmal begangen hat. Verständlicherweise ha-
ben Menschen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kir-

294 Ebd., S. 104.

260
che diese verdrehte Darstellung des Geschehens als moralisch
fragwürdig und als gewaltiges Glaubenshindernis angesehen.
Noch weitreichender ist jedoch die Überlegung, dass eine sol-
che Vorstellung im völligen Gegensatz zu der Aussage »Gott
ist Liebe« steht. Angenommen, das Kreuzesgeschehen umfasst
einen Gewaltakt Gottes, mit dem er die Menschheit strafen
wollte, wofür aber sein Sohn in die Bresche sprang. Dann wird
das, was Jesus selbst gelehrt hat, zum Gespött gemacht. Nach
seinem Willen sollen wir unsere Feinde lieben und nicht Böses
mit Bösem vergelten.«295

Hier klingen McLarens Argumente an. Es verwundert nicht, dass


McLaren Chalkes Buch unterstützt. Das wiederholt in der Schrift
angesprochene Gericht Gottes, der Zorn Gottes, wird hier »zum
Gewaltakt Gottes, mit dem er die Menschheit strafen wollte«: Was
sollte es auch sein, wenn man den biblischen Aussagen über das
Verabscheuungswürdige menschlicher Schuld und Schande, über
die Anstößigkeit des Götzendienstes in den Augen Gottes und
über Gewissheit sowie Rechtmäßigkeit des Gerichts nicht mehr
glaubt? »Jedoch unsere Leiden – er hat sie getragen, und unsere
Schmerzen – er hat sie auf sich geladen. Wir aber, wir hielten ihn
für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt. Doch er war
durchbohrt um unserer Vergehen willen, zerschlagen um unserer
Sünden willen. Die Strafe lag auf ihm zu unserem Frieden, und
durch seine Striemen ist uns Heilung geworden« (Jesaja 53,4-5).
All dies, das dem höchsten Maß göttlicher Liebe uns gegenüber
entspricht, umfasst jetzt nur noch das Werk, »bei dem ein rache-
erfüllter Vater seinen Sohn für ein Vergehen straft, das dieser nicht
einmal begangen hat«. Das, was das Herzstück des Bekenntnis-
christentums bildet, beinhaltet nun eine »Form eines kosmischen
Kindesmissbrauchs«.
Ich bin mir nicht sicher, wer diesen Ausdruck geprägt hat. So-
wohl Chalke als auch McLaren gebrauchen jedoch entsprechen-
de Varianten. Sicher könnte kein umsichtiger Evangelikaler diese

295 Ebd., S. 182-183.

261
Formulierung gebrauchen, um zum Ausdruck zu bringen, was
im Mittelpunkt des evangelikalen Bekenntnischristentums steht.
Keiner, der die tatsächlichen biblischen Aussagen über den Tod
Christi aufgeschlossen durchgearbeitet hat, könnte sich so her-
ablassend äußern. Niemand, der die Evangelikalen wertschätzt,
wird eine solche Sprache benutzen. Ausnahmslos betonen kom-
petente Abhandlungen über das Wesen stellvertretender Sühnung
das Zusammenwirken von Vater und Sohn hinsichtlich des Er-
lösungsplans und die Tatsache, dass sowohl Vater als auch Sohn
auf verschiedene Art und Weise leiden. Außerdem heben sie die
Entschlossenheit des Sohnes hervor, den Willen seines Vaters zu
erfüllen. Eine »Form eines kosmischen Kindesmissbrauchs«?
Der erste Schritt beim Widerlegen eines Arguments besteht dar-
in, es genau darzulegen. Dabei gebraucht man keine Worte, die
in den Augen des Gegners sowohl eine massive Verzerrung als
auch Ausdrucksweisen darstellen, die nur einen Schritt weit von
Gotteslästerung entfernt sind. Richtig verstanden wird Gottes Lie-
be umso mehr wertgeschätzt, wenn man das Wesen der Tatsache,
dass Christus am Kreuz unsere Sünden getragen hat, im biblischen
Sinne erfasst.296 Für Chalke ist das Kreuz jedoch nur »ein Sym-
bol der Liebe. Es lässt einfach erkennen, wie weit Gott als Vater
und Jesus als sein Sohn in dem Bemühen gehen, diese Liebe unter
Beweis zu stellen. Das Kreuz bringt auf anschauliche Weise zum
Ausdruck, wie machtlos Liebe werden kann.«297 Weiter schreibt
er: »Das Kreuz wird oft als Brücke über die Kluft dargestellt, die
Himmel und Erde trennt. Es sei unser Fluchtweg. Aber die Wirk-
lichkeit besteht darin, dass es mitten in unserer untergehenden
Welt steht und in ihren Schmutz hineinragt, um gleichsam zu ver-
künden: ›Gott ist hier!‹«298 Doch in einer Rezension heißt es dazu:
»Mit anderen Worten: Das Kreuz stellt nicht mehr als die Tatsache
dar, dass sich Jesus mit unserem Leiden identifiziert, indem er die
damit verbundenen Gefühlsregungen teilt. Man kann kaum er-

296 Ich habe versucht, mich mit einigen dieser Fragen in einem meiner Bücher zu
befassen. Siehe The Difficult Doctrine of the Love of God (Wheaton: Crossway, 2000).
297 The Lost Message of Jesus, S. 183.
298 Ebd., S. 185.

262
kennen, inwieweit dies für uns von größerem Nutzen ist, als wenn
ich mich mit dem HI-Virus infiziere, um die ernste Lage eines an
AIDS erkrankten Freundes zu verbessern.«299
Angesichts dieser Denkweise muss auch Buße neu definiert
werden. Sie hat nicht länger damit zu tun, dass man das Böse auf-
gibt. Der Ruf zur Buße ist vielmehr der Ruf, unserem natürlichen
Potenzial gerecht zu werden, um uns durch gottgemäßes Handeln
zu vervollkommnen.300
Damit muss ich so freundlich, aber auch so eindringlich wie
irgend möglich abschließend sagen: Wenn Worte noch etwas be-
deuten, haben meiner Meinung nach sowohl McLaren als auch
Chalke das Evangelium zum großen Teil verlassen. Möglicherwei-
se haben ihre Rhetorik und ihr Eifer sie auf Abwege geführt. Viel-
leicht sind sie bereit, ihre in Büchern abgegebenen Urteile zu die-
sen Fragen nochmals zu überdenken und sich biblische Wahrheit
ganzheitlicher zu eigen zu machen, als sie es in ihren jüngst er-
schienenen Werken getan haben. Im gegenteiligen Fall kann ich
nicht erkennen, inwieweit man ihre eigenen Worte anders deuten
kann, als darin eine Tendenz zur Aufgabe des Evangeliums selbst
zu sehen. Chalke äußert sich offener; McLarens Stil ist eleganter,
indem er seine Argumente mit seinem Postmoderne-Verständnis
und der Emerging Church verbindet – ein Wortschatz, den Chalke
weithin vermeidet. Obwohl es einige versucht haben, führt es zu
nichts, darüber zu diskutieren, ob McLaren und Chalke trotz ih-
rer erkennbaren gelegentlichen Schwachpunkte hinsichtlich des
Kreuzesverständnisses den neutestamentlichen Ethikaussagen
näherkommen als traditionelle Evangelikale. Jemand könnte fra-
gen:301 Inwieweit sollte es nutzen oder schaden, wenn man einen

299 Rezension von The Lost Message of Jesus, die Andrew Sach und Mike Ovey
verfasst haben. Sie erschien in Evangelicals Now 19/6 (Juni 2004), S. 27.
300 The Lost Message of Jesus, S. 121.
301 Diesbezüglich wurden mir von einem der Mitarbeiter Chalkes auf dem Flug-
hafen Heathrow einige eindringliche Fragen gestellt. Er argumentierte, dass er
in seiner Jugendzeit in Brüdergemeinden Nordirlands nie irgendeinen ernsthaf-
ten Aufruf zum Frieden in jener unruhigen Region Großbritanniens gehört habe.
Wenn er zwischen dem Friedensaufruf und der stellvertretenden Sühnung wählen
müsste, würde er lieber der erstgenannten Option zustimmen. Hierin kommt of-
fenbar Selbstgerechtigkeit zum Ausdruck: Man ist bereit, den christlichen Glauben

263
Teil des Evangeliums in Abrede stellt, einen anderen aber nicht?
Haben nicht diejenigen, welche die Ethik Jesu aufgegeben haben,
das Evangelium genauso geleugnet wie andere, die das Kreuz zu-
rechtstutzen? Dies entspricht natürlich der typischen Antwort
desjenigen, der das Syndrom des »zornigen jungen Mannes« auf-
weist. Er korrigiert einen Fehler, indem er jedem sagt, wo er sich
im Irrtum befindet. Außerdem lässt er das Pendel so weit in die
andere Richtung ausschlagen, dass ein anderer Fehler verteidigt
wird. Der neue Fehler ist schlimmer dahin gehend, dass jedem
Nichtzustimmenden automatisch das negative Erscheinungsbild
eines speziellen denominationellen Zweigs angelastet wird. Doch
der Weg zu geistlicher Reife – um nicht zu sagen zur Bibeltreue –
besteht gewiss nicht darin, dass man von einem Extrem ins ande-
re verfällt und dabei einzelne Aspekte herausgreift. Vielmehr be-
steht er im ganzen Ratschluss Gottes, den wir – soweit uns mög-
lich – sowohl in theologischer als auch in praktischer Hinsicht um-
setzen.
Aus meiner Sicht sind Brian McLaren und Steve Chalke die
einflussreichsten Leiter der Emerging-Church-Bewegung in ih-
rem jeweiligen Land. Ich wäre weit weniger besorgt über die Rich-
tungen, die von anderen führenden Persönlichkeiten der Emerging
Church eingeschlagen werden, wenn diese Leute aufstehen und
McLaren und Chalke dort zur Rechenschaft ziehen würden, wo
sie die tatsächlichen Aussagen der Bibel eindeutig aufgegeben
haben.302 Doch dies hat natürlich mit Wahrheitsansprüchen zu
tun …

in Bezug darauf zu definieren, wie jemand persönlich auf eine Einzelfrage reagiert.
Doch wenn die Schrift die maßgebliche Richtschnur ist, erhebt sich die Frage: Wie-
so sollte man die Sachverhalte in dieser gegensätzlichen Weise sehen? Warum ist
es klug, wenn man sagt: »Ich halte lieber im Bereich A und nicht im Bereich B an
Irrlehren fest«? Zweifellos gibt es viele Modelle, die zeigen, dass christliche Füh-
rungspersönlichkeiten sowohl das Kreuz im Sinne der Bibel wertschätzen als auch
nach Frieden und Gerechtigkeit streben können.
302 Tatsächlich hat sich die britische Evangelische Allianz nach umfassenden öf-
fentlichen Debatten offiziell von Chalke distanziert. Dies ist traurig, zugleich aber
auch notwendig und anerkennenswert.

264
Einige Bibelstellen als Hilfe zur
Bewertung

In diesem Kapitel beabsichtige ich nicht, eingehende biblische Ar-


gumente darzulegen, um das zu untermauern, was ich in den vor-
angegangenen Kapiteln geschrieben habe. Ich will vielmehr zwei-
erlei tun. Erstens stelle ich einige Listen mit Bibelstellen zusam-
men, die mit den von der Emerging-Church-Bewegung bzw. der
entsprechenden »Gesprächsebene« eingeschlagenen Richtungen
zusammenhängen. Dabei werde ich mich auf einige wenige An-
merkungen beschränken. Zweitens werde ich mich kurz zu einer
Reihe einzelner Bibelstellen äußern, indem ich verdeutliche, in-
wieweit die in diesem Buch dargelegten Beurteilungen relevant
sind. Ich werde darauf verzichten, nochmals all die Positionen der
Emerging-Church-Bewegung zu dokumentieren, weil ich dies bis-
lang immer wieder in diesem Buch getan habe. In diesem Kapi-
tel sehe ich das diesbezüglich zusammengetragene Beweismate-
rial als gegebenen Sachverhalt an. Zweifellos hätte ich im Rah-
men der Einschätzungen, die ich in diesem Buch gegeben habe,
detailliertes biblisches Belegmaterial anführen können. Unter dem
Strich ist es meiner Ansicht nach jedoch hilfreich gewesen, in die
bisherigen Kapitel nur wenige Belegstellen aufgenommen zu ha-
ben. Dabei habe ich auf dieses Kapitel verwiesen, das der Argu-
mentation aufgrund der Fülle der hier aufgelisteten Bibelstellen
zusätzliches Gewicht verleihen kann.

Einige Listen mit Bibelstellen zum Thema


Wahrheit, Erkenntnis und Pluralismus
In diesem Teil werde ich drei Listen zusammenstellen (und dabei
einige Wendungen kursiv hervorheben). Sie sind ausnahmslos mit
Erkenntnisfragen verbunden, die durch Anmaßungen des radi-
kalen Postmodernisten verzerrt worden sind. Für mehrere ande-

265
re Themen, die ich in diesem Buch kurz angesprochen habe, wä-
ren vielleicht ebenfalls hilfreiche Bibelstellenlisten nötig (z.B. mit
Aussagen der Schrift über das Kreuz und die Buße, über den Teu-
fel usw.). Ich habe mich jedoch auf Listen beschränkt, die ganz un-
mittelbar den Umgang der Postmoderne mit Wahrheit, Erkennt-
nis und Pluralismus betreffen. Keine dieser Listen behandelt das
Thema erschöpfend. Was jede Liste verdeutlicht, habe ich in der
kurzen Erläuterung am Ende der jeweiligen Liste in gedrängter
Form analysiert.

Was ist wahr?


Und siehe, ist es die Wahrheit, steht die Sache fest, ist dieser Gräuel
in deiner Mitte verübt worden … (5. Mose 13,15).

Und nun, Herr, HERR, du bist es, der da Gott ist, und deine Worte
sind Wahrheit, und du hast dieses Gute zu deinem Knecht geredet
(2. Samuel 7,28).

[Die Königin von Saba] sagte zum König: »Das Wort ist Wahrheit
gewesen, das ich in meinem Land über deine Taten und über dei-
ne Weisheit gehört habe« (1. Könige 10,6).

Der König aber sagte zu ihm: »Wievielmal muss ich dich beschwö-
ren, dass du im Namen des HERRN nichts zu mir redest als nur
Wahrheit?« (2. Chronik 18,15).

Deine Wege, HERR, tue mir kund, deine Pfade lehre mich! Lei-
te mich in deiner Wahrheit und lehre mich, denn du bist der Gott
meines Heils; auf dich harre ich den ganzen Tag (Psalm 25,4-5).

Entziehe meinem Mund das Wort der Wahrheit nicht allzu sehr!
Denn ich hoffe auf deine Bestimmungen (Psalm 119,43).

Die Summe deines Wortes ist Wahrheit, und jedes Urteil deiner Ge-
rechtigkeit währt ewig (Psalm 119,160).

266
Denn Wahrheit verkündet mein Gaumen, und ein Gräuel ist meinen
Lippen die Gottlosigkeit (Sprüche 8,7).

Wer die Wahrheit spricht, bringt Rechtes vor, ein falscher Zeuge hin-
gegen nur Betrug (Sprüche 12,17).

Habe ich dir nicht dreißig Sprüche aufgeschrieben mit Ratschlä-


gen und Erkenntnis, um dich zu lehren die Wahrheit zuverlässiger
Worte, sodass du denen, die dich gesandt haben, zuverlässige Ant-
wort geben kannst? (Sprüche 22,20-21).

Und sie sagten zu Jeremia: »Der HERR sei ein wahrhaftiger und zu-
verlässiger Zeuge gegen uns, wenn wir nicht nach jedem Wort, mit
dem der HERR, dein Gott, dich zu uns senden wird, so handeln
werden« (Jeremia 42,5).

»Und die Erscheinung von den Abenden und von den Morgen:
was gesagt wurde, ist Wahrheit. Du aber, halte das Gesicht geheim;
denn es sind noch viele Tage bis dahin« (Daniel 8,26).

»Und nun will ich dir die Wahrheit mitteilen: …« (Daniel 11,2).

»Denn hier ist der Spruch wahr: ›Ein anderer ist es, der da sät, und
ein anderer, der da erntet‹« (Johannes 4,37).

»Jetzt aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der ich euch
die Wahrheit gesagt habe, die ich von Gott gehört habe« (Johannes
8,40).

»Weil ich aber die Wahrheit sage, glaubt ihr mir nicht … Wenn
ich die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir nicht?« (Johannes 8,
45-46).

»Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch nützlich, dass ich weg-
gehe« (Johannes 16,7).

267
Paulus aber spricht: »Ich bin nicht von Sinnen, hochedler Festus,
sondern ich rede Worte der Wahrheit und der Besonnenheit« (Apo-
stelgeschichte 26,25).

Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über


alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die
Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten, weil das von Gott Er-
kennbare unter ihnen offenbar ist, denn Gott hat es ihnen offen-
bart (Römer 1,18-19).

… denen jedoch, die von Selbstsucht bestimmt und der Wahrheit


ungehorsam sind, der Ungerechtigkeit aber gehorsam, Zorn und
Grimm. (Römer 2,8).

Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht, wobei mein Gewis-
sen mir Zeugnis gibt im Heiligen Geist (Römer 9,1).

… sondern wir haben den geheimen Dingen, deren man sich schä-
men muss, entsagt und wandeln nicht in Arglist, noch verfälschen
wir das Wort Gottes, sondern durch die Offenbarung der Wahr-
heit empfehlen wir uns jedem Gewissen der Menschen vor Gott
(2. Korinther 4,2).

… sondern wie wir alles in Wahrheit zu euch geredet haben …


(2. Korinther 7,14).

Denen haben wir auch nicht eine Stunde durch Unterwürfigkeit


nachgegeben, damit die Wahrheit des Evangeliums bei euch verblie-
be (Galater 2,5).

Als ich aber sah, dass sie nicht den geraden Weg nach der Wahrheit
des Evangeliums wandelten … (Galater 2,14).

Bin ich also euer Feind geworden, weil ich euch die Wahrheit sage?
(Galater 4,16).

268
Ihr lieft gut. Wer hat euch gehindert, der Wahrheit zu gehorchen?
(Galater 5,7).

Lasst uns aber die Wahrheit reden in Liebe und in allem hinwach-
sen zu ihm, der das Haupt ist, Christus (Epheser 4,15).

… für die, welche verloren gehen, dafür, dass sie die Liebe der
Wahrheit zu ihrer Errettung nicht angenommen haben. Und des-
halb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft des Irrwahns, dass sie
der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit
nicht geglaubt, sondern Wohlgefallen gefunden haben an der Un-
gerechtigkeit (2. Thessalonicher 2,10-12).

Wir aber müssen Gott allezeit für euch danken, vom Herrn ge-
liebte Brüder, dass Gott euch von Anfang an erwählt hat zur Er-
rettung in Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit
(2. Thessalonicher 2,13).

Dies ist gut und angenehm vor unserem Heiland-Gott, welcher


will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der
Wahrheit kommen (1. Timotheus 2,3-4).

Dafür bin ich eingesetzt worden als Herold und Apostel – ich sage
die Wahrheit, ich lüge nicht – als Lehrer der Nationen in Glauben
und Wahrheit (1. Timotheus 2,7).

… und die Widersacher in Sanftmut zurechtweisen und hoffen, ob


ihnen Gott nicht etwa Buße gebe zur Erkenntnis der Wahrheit und
sie wieder aus dem Fallstrick des Teufels heraus nüchtern werden,
nachdem sie von ihm gefangen worden sind für seinen Willen (2.
Timotheus 2,25-26).

… (die) immer lernen und niemals zur Erkenntnis der Wahrheit


kommen können (2. Timotheus 3,7).

Denn es wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertra-

269
gen, sondern nach ihren eigenen Begierden sich selbst Lehrer auf-
häufen werden, weil es ihnen in den Ohren kitzelt; und sie werden
die Ohren von der Wahrheit abkehren und sich zu den Fabeln hin-
wenden. Du aber sei nüchtern in allem, ertrage Leid, tu das Werk
eines Evangelisten, vollbringe deinen Dienst (2. Timotheus 4,3-5).

Paulus, Knecht Gottes, aber Apostel Jesu Christi, nach dem Glau-
ben der Auserwählten Gottes und nach der Erkenntnis der Wahr-
heit, die der Gottseligkeit gemäß ist … (Titus 1,1).

Dieses Zeugnis ist wahr (Titus 1,13).

Denn wenn wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis


der Wahrheit empfangen haben, bleibt kein Schlachtopfer für die
Sünden mehr übrig (Hebräer 10,26).

Es ist ihnen aber nach dem wahren Sprichwort ergangen: »Der


Hund kehrt wieder um zu seinem eigenen Gespei« und die gewa-
schene Sau zum Wälzen im Kot (2. Petrus 2,22).

Ich habe euch nicht geschrieben, weil ihr die Wahrheit nicht kennt,
sondern weil ihr sie kennt und wisst, dass keine Lüge aus der Wahr-
heit ist. Wer ist der Lügner, wenn nicht der, der leugnet, dass Jesus
der Christus ist? (1. Johannes 2,21-22).

Und er spricht zu mir: »Dies sind die wahrhaftigen Worte Gottes«


(Offenbarung 19,9).

Diese Liste enthält nicht alle Bezugnahmen auf Sachverhalte,


deren »Wahrhaftigkeit« bezeugt wird, auf »die Wahrheit« oder
dergleichen. Ich habe die vielen Stellen, in denen es bei »Wahr-
heitsbegriffen« um die Wahrhaftigkeit eines Menschen oder eines
Sachverhalts geht, nicht mit in die Liste aufgenommen. Auch feh-
len jene, die vom »Wahren« als dem »Eigentlichen« reden (so ist
z.B. Jesus der »wahre Weinstock«, Johannes 15). Diese Liste deu-
tet lediglich ansatzweise darauf hin, wie oft die Bibel sagt, dass

270
Worte, Lehrsätze, Berichte, Sprüche, Verheißungen oder bekennt-
nisbezogene Aussagen wahr sind. Menschen können die Wahrheit
sagen und somit wahrhaftige Zeugen sein. Sie sind aber auch im-
stande, zu lügen und dadurch falsches Zeugnis abzulegen. Natür-
lich wird damit nicht angedeutet, dass sie die ganze Wahrheit in
Worte kleiden können, die nur der Allwissenheit zu jedem The-
ma zugänglich ist. Es heißt vielmehr, dass endliche Menschen et-
was sagen können, das der objektiven Realität entspricht, wobei
andere, die als wissende Wesen ebenfalls endlich sind, ihren Aus-
sagen glauben und sie erkennen können. Das Evangelium selbst
kann in Worten formuliert werden: Es ist eine neue, gute Nach-
richt. Ferner ist es eine auf Wahrheit gegründete gute Nachricht, der
man glauben und die man erkennen kann. Ja, man kann ihr sogar
gehorchen, denn diese auf Wahrheit beruhende gute Nachricht
bringt Konsequenzen im Blick darauf mit sich, wie Menschen dar-
auf reagieren sollten. Es ist notwendig, die Wahrheit des Evangeli-
ums zu verteidigen – ganz gleich, ob Menschen die Wahrheit ver-
werfen oder ihr glauben.
Im Gegensatz zu solcher Wahrheit stehen die Lüge, die Falsch-
aussage, Worte, die falsch sind, die falsche Zunge, falsche Verhei-
ßungen, falsche Prophetie, falsche Anschuldigungen, falsche Apo-
stel, falsche Propheten (z.B. 2. Mose 23,1; 2. Könige 9,12; Psalm
119,104.128; Jeremia 14,14; 23,32; Hesekiel 21,28; Sacharja 8,17;
Markus 13,22; 2. Korinther 11,13; 2. Petrus 2,1).
Dass sich diese Bibelstellen auf unsere Erörterung beziehen,
sollte auf der Hand liegen. Der Leser wird sich an die Studenten
erinnern, auf die ich in Kapitel 4 Bezug genommen habe. Sie er-
kannten zwar das Vorhandensein derartiger Texte in der Schrift
an, doch sie gestanden, dass sie ihnen großes Unbehagen berei-
teten. Warum? Dies liegt daran, dass sie einer radikaleren Form
des Postmodernismus Glauben schenken, als es vertretbar ist. Es
gibt keinen Grund dafür, dass wir es unterlassen sollten, von der
Wahrheit gegenüber dem Irrtum bzw. der Wahrheit gegenüber der
Falschheit oder der wahren Lehre gegenüber der falschen Lehre zu
reden. Bedingung ist lediglich, dass wir die Einsichten des gemä-
ßigten Postmodernismus ohne Weiteres gelten lassen. Nur wenn

271
wir der erwähnten widerwärtigen Antithese Glauben schenken,
leuchtet die Behauptung ein, dass wir nicht berechtigt seien, von
irgendetwas als der Wahrheit zu sprechen. Die in Kapitel 4 und
5 erörterte Antithese betont demgegenüber, dass wir etwas nur
dann wahrheitsgemäß erkennen könnten, wenn wir allwissend
seien. Wir könnten uns zu dem betreffenden Sachverhalt beken-
nen, bewusst ihm gemäß leben, für ihn eintreten, von seiner Über-
einstimmung mit anderen Dingen reden, aber nicht davon reden,
dass er wahr sei. Dennoch haben wir gesehen, dass sich die Anti-
these, wenn sie wahr ist, selbst widerlegt. In den vielen biblischen
Bezugnahmen auf Wahrheit wird nie angedeutet, dass Menschen
allwissende Wesen sind – ganz im Gegenteil. Den fortwährenden
biblischen Hinweisen auf Wahrheit kann man wohl kaum die Ver-
absolutierungen einiger Vertreter der Moderne anlasten.
Wenn die Emerging-Church-Bewegung bzw. die entspre-
chende »Gesprächsebene« bibeltreu bleiben will, dann muss sie
über Wahrheit und unsere Fähigkeit zur Wahrheitserkenntnis so
umfassend und überzeugt reden, wie es die Schrift tut. Im gegen-
teiligen Fall bleiben ihre zugrunde liegenden Annahmen hinsicht-
lich der Erkenntnistheorie in grundlegenden Punkten mangelhaft.
Desgleichen gilt: Wenn Christen radikal postmodernistisch einge-
stellten Ungläubigen begegnen, sollen sie als treue Zeugen ihres
Herrn zumindest auch betonen, dass es tatsächlich Wahrheiten
gibt, die wir glauben und befolgen müssen.

Über die Erkenntnis einiger Wahrheiten, die sogar mit


»Gewissheit« verbunden ist
In der folgende Liste fehlen diejenigen vielen Stellen, wo ein
Mensch vielleicht einen anderen »kennt« oder wo Menschen Gott
»erkennen« bzw. von ihm »erkannt sind«. Es geht erst recht nicht
um jene Beispiele, bei denen »erkennen« ein verhüllender Aus-
druck für den Geschlechtsverkehr ist. Alle Eintragungen in die-
se Liste haben damit zu tun, dass man »irgendetwas weiß« oder
»irgendetwas erkennt«. Dabei zeigen jeweils die Satzkonstruktion
und der Textzusammenhang, dass der Inhalt des Erkannten oder

272
des für wahr Gehaltenen eine Aussage umfasst. Selbst angesichts
solcher Einschränkungen umfassen die unten aufgeführten Stel-
len nur einen sehr kleinen Teil aller biblischen Belege.

»Ich weiß, dass du eine Frau von schönem Aussehen bist« (1. Mose
12,11).

Und er sagte: »Herr, HERR, woran soll ich erkennen, dass ich es in
Besitz nehmen werde?« Da sprach er zu ihm: … (1. Mose 15,8-9).

»Ihr selbst wisst ja, dass ich mit all meiner Kraft eurem Vater ge-
dient habe« (1. Mose 31,6).

»Du aber und deine Hofbeamten – das habe ich erkannt, dass ihr
euch immer noch nicht vor Gott, dem HERRN, fürchtet« (2. Mose
9,30).

»Nun habe ich erkannt, dass der HERR größer ist als alle Götter;
denn worin sie vermessen handelten, das kam über sie« (2. Mose
18,11).

Mose nun sagte zum HERRN: »Siehe, du sagst zu mir: ›Führe die-
ses Volk hinauf!‹ – aber du hast mich nicht erkennen lassen, wen
du mit mir senden willst« (2. Mose 33,12).

Und Mose sagte: »Daran sollt ihr erkennen, dass mich der HERR
gesandt hat, um all diese Taten zu tun, dass ich also nicht aus
meinem Herzen gehandelt habe: Wenn diese sterben, wie alle Men-
schen sterben, und mit der Heimsuchung aller Menschen heimge-
sucht werden, dann hat der HERR mich nicht gesandt; wenn aber
der HERR ein Neues schafft und der Erdboden seinen Mund öff-
net und sie verschlingt mit allem, was ihnen angehört, und sie le-
bendig in den Scheol hinabfahren, dann werdet ihr erkennen, dass
diese Männer den HERRN verachtet haben« (4. Mose 16,28-30).

So erkenne [o. wisse; vgl. z.B. Luther ’84 und Schlachter] denn heu-

273
te und nimm dir zu Herzen, dass der HERR der alleinige Gott ist
im Himmel oben und auf der Erde unten, keiner sonst (5. Mose
4,39).

»Denn ich habe erkannt, dass ihr nach meinem Tod ganz und gar
zu eurem Verderben und von dem Weg abweichen werdet, den
ich euch befohlen habe. Dann wird euch das Unheil treffen am
Ende der Tage, weil ihr tun werdet, was böse ist in den Augen des
HERRN, ihn zu reizen durch das Werk eurer Hände« (5. Mose
31,29).

Und er sagte zu den Söhnen Israel: »Wenn eure Söhne künftig ihre
Väter fragen werden: ›Was bedeuten diese Steine?‹ – dann sollt
ihr es euren Söhnen so erklären [o. dann sollt ihr eure Kinder wis-
sen lassen; vgl. z.B. Anmerkung Revidierte Elberfelder]: Trockenen
Fußes hat Israel diesen Jordan überquert« (Josua 4,21-22).

»… dann sollt ihr mit Sicherheit wissen [o. gewiss wissen; vgl.
Schlachter], dass der HERR, euer Gott, nicht fortfahren wird, diese
Nationen vor euch zu vertreiben« (Josua 23,13).

David aber schwor dazu und sprach: »Dein Vater hat wohl erkannt
[o. weiß genau; vgl. z.B. Menge, Jerusalemer und Schlachter 2000],
dass ich Gunst in deinen Augen gefunden habe …« (1. Samuel
20,3).

»Aber mein Herr ist weise, gleich der Weisheit des Engels Gottes,
dass er alles erkennt, was auf Erden geschieht« (2. Samuel 14,20 –
selbst wenn der Betreffende als Schmeichler hier übertreibt).

»Denn dein Knecht hat erkannt: Ich habe gesündigt. Aber siehe,
ich bin heute gekommen, als Erster vom ganzen Haus Joseph, um
hinabzuziehen, meinem Herrn, dem König, entgegen« (2. Samuel
19,21).

»An dem Tag, an dem du hinausgehst und den Bach Kidron über-

274
schreitest – das sollst du genau wissen –, musst du sterben. Dein
Blut wird auf deinem Kopf sein« (1. Könige 2,37).

»Lass ihn doch zu mir kommen! Und er soll erkennen, dass ein Pro-
phet in Israel ist« (2. Könige 5,8).

»Sie haben erkannt, dass wir Hunger leiden; da sind sie aus dem La-
ger abgezogen, um sich im Feld zu verstecken« (2. Könige 7,12).

Da sagte Hasael: »Warum weint mein Herr?« Er sagte: »Weil ich


erkannt habe, was du den Söhnen Israel Böses antun wirst« (2. Kö-
nige 8,12).

»Solltet ihr nicht erkannt haben, dass der HERR, der Gott Israels,
das Königtum über Israel für ewig dem David gegeben hat, ihm
und seinen Söhnen, durch einen Salzbund?« (2. Chronik 13,5).

»Und du wirst in dem Buch der Denkwürdigkeiten finden und er-


kennen, dass diese Stadt eine aufrührerische Stadt gewesen ist, die
Könige und Länder geschädigt hat, und dass man von den Tagen
der Vorzeit her Empörung darin gestiftet hat« (Esra 4,15).

»Erkennt doch, dass der HERR einen Frommen für sich ausgeson-
dert hat! Der HERR hört, wenn ich zu ihm rufe« (Psalm 4,4).

Die Lippen des Gerechten sind bedacht auf Wohlgefälliges (Sprü-


che 10,32; vgl. »Die Lippen des Frommen wissen …«; Zürcher).

»Und alles Fleisch wird erkennen, dass ich, der HERR, dein Retter
bin, und der Mächtige Jakobs, dein Erlöser« (Jesaja 49,26).

»Doch ihr sollt eindeutig wissen [o. bestimmt wissen, vgl. Elber-
felder und Menge], dass ihr, wenn ihr mich tötet, unschuldiges
Blut auf euch bringt und auf diese Stadt und auf ihre Bewohner.
Denn in Wahrheit, der HERR hat mich zu euch gesandt, all diese
Worte vor euren Ohren zu reden« (Jeremia 26,15).

275
»Und meinen Grimm werde ich an ihnen stillen und Rache neh-
men. Und sie werden erkennen, dass ich, der HERR, in meinem Ei-
fer geredet habe« (Hesekiel 5,13).

»Und sie werden euch trösten, wenn ihr ihren Weg und ihre Taten
seht, und ihr werdet erkennen, dass ich nicht ohne Ursache all das
getan habe, was ich an ihm (d.h. an Jerusalem; vgl. Anmerkung
Revidierte Elberfelder) getan (habe), spricht der Herr, HERR (He-
sekiel 14,23).

»Unter all seinen Scharen werden sie durchs Schwert fallen, und
die Übriggebliebenen werden in alle Winde zerstreut. Und ihr wer-
det erkennen, dass ich, der HERR, geredet habe« (Hesekiel 17,21).

»Ein großer Gott lässt den König wissen, was nach diesem gesche-
hen wird; und der Traum ist zuverlässig und seine Deutung zutref-
fend« (Daniel 2,45).

»Und es werden sieben Jahre über dir vergehen, bis du erkennst [o.
weißt], dass der Höchste Macht hat über das Königtum der Men-
schen und es verleiht, wem er will« (Daniel 4,29).

»Daraufhin wollte ich Genaueres wissen über das vierte Tier« (Da-
niel 7,19).

»So sollst du denn erkennen und verstehen …« (Daniel 9,25).

»Und ich werde in deiner Mitte wohnen, und du wirst erkennen,


dass der HERR der Heerscharen mich zu dir gesandt hat« (Sachar-
ja 2,15; vgl. 4,9).

»Weil euch gegeben ist, die Geheimnisse des Reiches der Himmel
zu wissen, jenen aber ist es nicht gegeben« (Matthäus 13,11).

»Lehrer, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und den Weg Gottes
in Wahrheit lehrst« (Matthäus 22,16 – auch wenn der Kontext

276
zeigt, dass sie bei diesen Worten unverfroren logen, so legt doch
der Gesamtzusammenhang nahe, dass sie dies ernsthaft hätten be-
kennen sollen!).

»Ihr irrt, weil ihr die Schriften nicht kennt, noch die Kraft Gottes«
(Matthäus 22,29 – hier verbinden sich in ausgezeichneter Weise
aussagenbezogene und auf Erfahrung beruhende Erkenntnis mit-
einander).

»Das aber erkennt [o. wisst, vgl. z.B. Luther ’84]: Wenn der Haus-
herr gewusst hätte, in welcher Wache der Dieb kommt, so hätte er
wohl gewacht« (Matthäus 24,43).

»… hat es auch mir gut geschienen … es dir, hochedler Theophi-


lus, der Reihe nach zu schreiben, damit du die Zuverlässigkeit der
Dinge erkennst, in denen du unterrichtet worden bist (Lukas 1,3-4).

Und Zacharias sprach zu dem Engel: »Woran soll ich dies erken-
nen?« (Lukas 1,18).

»Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen,
denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, es sei denn
Gott mit ihm« (Johannes 3,2).

Die Frau spricht zu ihm: »Ich weiß, dass der Messias kommt, der
Christus genannt wird; wenn jener kommt, wird er uns alles ver-
kündigen« (Johannes 4,25).

»Wenn jemand seinen Willen tun will, wird er von der Lehre wis-
sen [o. erkennen; vgl. z.B. Zürcher], ob sie aus Gott ist oder ob ich
aus mir selbst rede« (Johannes 7,17).

»Diesen aber kennen wir, woher er ist; wenn aber der Christus
kommt, so weiß niemand, woher er ist« (Johannes 7,27 – ein wei-
teres Beispiel für eine falsche Behauptung, die aber dennoch das
Wesen der vorausgesetzten Erkenntnistheorie offenlegt).

277
»Wenn ihr den Sohn des Menschen erhöht haben werdet, dann
werdet ihr erkennen, dass ich es bin und dass ich nichts von mir
selbst tue, sondern wie der Vater mich gelehrt hat, das rede ich«
(Johannes 8,28).

»Wir wissen, dass dieser unser Sohn ist und dass er blind geboren
wurde; wie er aber jetzt sieht, wissen wir nicht, oder wer seine Au-
gen geöffnet hat, wissen wir nicht« (Johannes 9,20-21).

»Wir wissen, dass Gott zu Mose geredet hat; von diesem aber wis-
sen wir nicht, woher er ist« (Johannes 9,29).

»… damit ihr erkennt und versteht, dass der Vater in mir ist und
ich in dem Vater« (Johannes 10,38).

Das ist der Jünger, der von diesen Dingen zeugt und der dies ge-
schrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist (Jo-
hannes 21,24).

»Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus, den Nazoräer, einen
Mann, der von Gott euch gegenüber erwiesen worden ist durch
Machttaten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer
Mitte tat – wie ihr selbst wisst …« (Apostelgeschichte 2,22).

»Ihr Brüder, ihr wisst, dass Gott mich vor langer Zeit unter euch
auserwählt hat, dass die Nationen durch meinen Mund das Wort
des Evangeliums hören und glauben sollten« (Apostelgeschichte
15,7).

»Können wir erfahren, was diese neue Lehre ist, von der du redest?
Denn du bringst etwas Fremdes vor unsere Ohren. Wir möchten
nun wissen, was das sein mag« (Apostelgeschichte 17,19-20).

»Ihr wisst, wie ich vom ersten Tag an, da ich nach Asien kam, die
ganze Zeit bei euch gewesen bin« (Apostelgeschichte 20,18).

278
Am folgenden Tag aber, da er (d.h. der Oberste Klaudius Lysias)
mit Gewissheit erfahren wollte, weshalb er (d.h. Paulus) von den Ju-
den angeklagt sei … (Apostelgeschichte 22,30).

»Aber wir begehren von dir zu hören, welche Gesinnung du hast;


denn von dieser Sekte ist uns bekannt, dass ihr überall widerspro-
chen wird« (Apostelgeschichte 28,22).

Wir wissen aber, dass alles, was das Gesetz sagt, es denen sagt, die
unter dem Gesetz sind, damit jeder Mund verstopft werde und die
ganze Welt dem Gericht Gottes verfallen sei (Römer 3,19).

Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist (Römer 7,14).

Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung zusammen seufzt und
zusammen in Geburtswehen liegt bis jetzt (Römer 8,22).

Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Gu-
ten mitwirken, denen, die nach seinem Vorsatz berufen sind (Rö-
mer 8,28).

(Wir) wissen … dass wir alle Erkenntnis haben (1. Korinther 8,1).

Wenn jemand meint, er habe etwas erkannt, so hat er noch nicht er-
kannt, wie man erkennen soll (1. Korinther 8,2 – Diese Stelle macht
gleichzeitig die Anmaßungen derer zunichte, die auf ihr bisschen
Erkenntnis stolz sind, und tadelt sie dafür, dass sie nicht mehr
wissen.).

(Wir) wissen … dass »es keinen Götzen in der Welt gibt« und dass
»kein Gott ist als nur einer« (1. Korinther 8,4).

Ich will aber, dass ihr wisst, dass … (1. Korinther 11,3).

Denn wir erkennen stückweise, und wir weissagen stückweise


(1. Korinther 13,9).

279
… allezeit überreich in dem Werk des Herrn, da ihr wisst, dass
eure Mühe im Herrn nicht vergeblich ist (1. Korinther 15,58).

Denn wir wissen, dass, wenn unser irdisches Zelthaus zerstört


wird, wir einen Bau von Gott haben, ein nicht mit Händen ge-
machtes, ewiges Haus in den Himmeln (2. Korinther 5,1).

Erkennt daraus: Die aus Glauben sind, diese sind Abrahams Söh-
ne (Galater 3,7).

Denn dies sollt ihr wissen und erkennen, dass kein Unzüchtiger oder
Unreiner oder Habsüchtiger – er ist ein Götzendiener – ein Erbteil
hat in dem Reich Christi und Gottes (Epheser 5,5).

Und im Vertrauen hierauf weiß ich, dass ich bleiben und bei euch
allen bleiben werde zu eurer Förderung und Freude im Glauben
(Philipper 1,25).

… unser Evangelium erging an euch nicht im Wort allein, son-


dern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in großer Gewissheit
(1. Thessalonicher 1,5 – Hier bedeutet »Gewissheit« nicht »Über-
führung von Sünden«, sondern »Überzeugtsein«.).

… nachdem wir vorher gelitten hatten und misshandelt worden


waren, wie ihr wisst, in Philippi … (1. Thessalonicher 2,2).

Wir wissen aber, dass das Gesetz gut ist, wenn jemand es gesetz-
mäßig gebraucht (1. Timotheus 1,8).

… die verbieten, zu heiraten, und gebieten, sich von Speisen zu


enthalten, die Gott geschaffen hat zur Annahme mit Danksagung
für die, welche glauben und die Wahrheit erkennen (1. Timotheus
4,3).

Dies aber wisse, dass in den letzten Tagen schwere Zeiten eintreten
werden (2. Timotheus 3,1).

280
Denn ihr wisst, dass er auch nachher, als er (d.h. Esau) den Segen
erben wollte, verworfen wurde (Hebräer 12,17).

… so wisst, dass der, welcher einen Sünder von der Verirrung sei-
nes Weges zurückführt, dessen Seele vom Tode erretten und eine
Menge von Sünden bedecken wird (Jakobus 5,20).

Denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichen Dingen, mit Silber
oder Gold, erlöst worden seid von eurem eitlen, von den Vätern
überlieferten Wandel, sondern mit dem kostbaren Blut Christi als
eines Lammes ohne Fehler und ohne Flecken (1. Petrus 1,18-19).

Und hieran erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben, wenn wir
seine Gebote halten (1. Johannes 2,3 – ein unvergleichliches Bei-
spiel aussagenbezogener Erkenntnis, persönlicher Erkenntnis und
der entsprechenden moralischen Begründung).

… so sind auch jetzt viele Antichristen aufgetreten; daher wissen


wir, dass es die letzte Stunde ist (1. Johannes 2,18).

Wir wissen, dass wir, wenn es offenbar werden wird, ihm gleich
sein werden (1. Johannes 3,2).

Hieran erkennen wir, dass wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir
Gott lieben und seine Gebote befolgen (1. Johannes 5,2).

Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges
Leben habt, die ihr an den Namen des Sohnes Gottes glaubt (1. Jo-
hannes 5,13).

Und wenn wir wissen, dass er uns hört, was wir auch bitten, so
wissen wir, dass wir das Erbetene haben, das wir von ihm erbeten
haben (1. Johannes 5,15).

Diese aber lästern alles, was sie nicht kennen; alles, was sie aber
von Natur aus wie die unvernünftigen Tiere verstehen [o. kennen;

281
vgl. z.B. Luther ’84 und Schlachter], darin verderben sie sich (Ju-
das 10).

»Und ihre Kinder werde ich mit dem Tod töten, und alle Ge-
meinden werden erkennen, dass ich es bin, der Nieren und Herzen
erforscht; und ich werde euch einem jeden nach euren Werken ge-
ben« (Offenbarung 2,23).

Dies ist nur ein Bruchteil der einschlägigen biblischen Aussa-


gen. Wir sollten sie nicht zu schnell überspringen. Lesen Sie alle
Stellen, informieren Sie sich über den Kontext, wenn Sie damit
nicht vertraut sind. Beachten Sie die große Vielfalt der Lehrsät-
ze, die man erkennen kann, erkennen sollte und die erkannt wer-
den. Achten Sie außerdem darauf, wie verschiedenartig das, wo-
durch man bestimmte Sachverhalte erkennt, sein kann. Nachdem
man die Stellen mehrmals gelesen und durchdacht hat, kann man
kaum Antworten auf die Frage finden, wo sowohl die Erkenntnis-
theorie als auch die Theologie derer, denen menschliche Erkennt-
nisansprüche fortwährend Unbehagen bereiten, auf Abwege gera-
ten ist. Demgegenüber ermutigt uns die Schrift, vieles zu erken-
nen – ja, sie kann sogar sagen, dass diese Dinge niedergeschrie-
ben worden sind, damit wir wissen (1. Johannes 5,13) und selbst
die Zuverlässigkeit der Evangelienberichte erkennen können (Lu-
kas 1,3-4). Angesichts dessen könnte nur demütige Überheblich-
keit (oder überhebliche Demut?) – beides ein Widerspruch in sich
selbst – uns weiterhin weismachen, dass wir nichts »wissen« kön-
nen. Sie würde ernsthaften Bibellesern Unbehagen im Blick darauf
bereiten, was die Heilige Schrift zu diesen Fragen tatsächlich sagt.

Genug wissen, um Religionen als Götzendienst zu


entlarven
Wir haben festgestellt, dass es einigen führenden Persönlichkeiten
der Emerging-Church-Bewegung widerstrebt, etwas Nachteiliges
über andere Religionen zu sagen. Diese Einstellung scheint sich
aus einer Reihe vorher getroffener Entscheidungen zu speisen.

282
Teilweise geht es um achtsame, vorsichtige und höfliche Zurück-
haltung, damit wir bei Zeitgenossen, die jegliche Kritik an einer
anderen Religion als Zeichen unüberwindlicher Intoleranz verste-
hen können, nicht unnötigerweise Anstoß erregen. Zum Teil re-
sultiert diese Einstellung auch aus der Ansicht, dass es in ande-
ren Religionen eigentlich viel Gutes gebe. Ja, wir haben gesehen,
dass McLaren sogar so weit geht, festzustellen, dass der Buddhis-
mus dem Christentum im Bereich der Meditation vieles beibrin-
gen könne. Teilweise ergibt sich diese Einstellung des Weiteren
aus dem Nachdenken der Postmoderne über die Gefahren des
Absoluten. Und vielleicht ist sie vor allem mit der Annahme ver-
bunden, dass es im Christentum genauso viele Gräuelgeschichten
gebe wie in jeder anderen Religion – ebenso viele Sachverhalte,
derer man sich schämen müsse.
All diese Fragen habe ich bereits zuvor in diesem Buch ange-
sprochen. Hier muss ich nun einen weiteren Grund kurz erwäh-
nen. Obwohl es in der Bibel einige wenige Belegstellen gibt, in de-
nen andere Religionen in irgendeiner ehrenhaften Weise erwähnt
werden, setzt selbst dort der Textzusammenhang ernst zu neh-
mende Grenzen.303 Noch bedeutsamer ist die Feststellung, dass
die biblische Beschreibung derjenigen, die Anhänger anderer Göt-
ter sind, von einem bestimmten Merkmal beherrscht wird. An die-
sem Punkt setzt bei den mir bekannten Autoren der Emerging-
Church-Bewegung scheinbar ein eigenartiges Schweigen ein. Die
Bibel neigt dazu, solche Menschen als Götzendiener und deren
Götter als Götzen zu bezeichnen. Als die Israeliten einige dieser
Götzen in ihre gottesdienstlichen Formen integrierten, wurden
die Angehörigen des Volkes nicht wegen ihrer religiösen Aufge-
schlossenheit gelobt, sondern wegen ihrer Beteiligung am Göt-

303 So heißt es z.B. in Sprüche 14,34: »Gerechtigkeit erhöht eine Nation, aber
Sünde ist die Schande der Völker.« Diese Aussage ist eher in dem Sinne zu ver-
stehen, dass Gott alle Nationen zur Verantwortung zieht, und weniger dahin ge-
hend, dass ihre jeweiligen Religionen alle gleichermaßen anerkennenswert sind. In
Apostelgeschichte 17,22 bescheinigt Paulus den heidnischen Philosophen in Athen,
dass sie »den Göttern sehr ergeben« (heute hätten wir vermutlich gesagt »sehr spiri-
tuell«) sind. Letztendlich bezeichnet er sie als Anhänger der Götterverehrung, aber
dennoch als »unwissend« (V. 23 Luther ’84), und ruft sie zur Buße auf (V. 30).

283
zenkult gebrandmarkt. Dazu einige Belegstellen: 3. Mose 19,4;
26,1.30; 5. Mose 29,16; 1. Samuel 31,9; 1. Könige 15,12-13; 21,26;
2. Könige 17,12; 21,11.21; 23,24; 1. Chronik 10,9; 16,26; 2. Chronik
15,8; 24,18; 34,3-4; Psalm 96,5; 97,7; 106,36.38; 115,4; 135,15; Jesa-
ja 2,8.18.20; 10,10-11; 19,1.3; 31,7; 45,16; 46,1; 48,5; 57,6; 66,3; Jere-
mia 50,38; Hesekiel 6,4-5.13; 8,10; 14,3-7; 16,36; 18,6.12.15; 20,7-
8.16.18.24.31.39; 22,3-4; 23,39.49; 33,25; 36,18; 37,23; 44,10; Hosea
4,17; 8,4-5; 13,2; 14,9; Micha 1,7; Habakuk 2,18; Sacharja 13,2; Apo-
stelgeschichte 7,41; 15,20.29; 21,25; Römer 2,22; 1. Korinther 5,11;
6,9; 8,1.4.10; 10,7.14.19; 12,2; 2. Korinther 6,16; Galater 5,19-20; 1.
Thessalonicher 1,9; 1. Petrus 4,3; Offenbarung 2.14.20; 9,20; 21,8;
22,15. Diese Stellen umfassen nur einen kleinen Teil der entspre-
chenden Aussagen. Viele andere Stellen beschreiben darüber hin-
aus z.B. die Baalim.
Als Antwort überzeugt nicht die Feststellung, dass Habsucht
Götzendienst ist (1. Korinther 5,10; Kolosser 3,5) und wir daher
alle gleichermaßen Götzendiener sind. Somit sollten wir uns da-
vor hüten, andere zu Götzenverehrern zu stempeln, wenn wir uns
nicht selbst so bezeichnen. Natürlich verdrängt jeder, der Gott
nicht mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Verstand sowie
ganzer Kraft liebt und sein Herz stärker an anderes bindet, als
Götzendiener Gott vom ersten Platz in seinem Leben. Daher wird
Habsucht zu Recht als Götzendienst bezeichnet. Doch es gibt ei-
nen grundlegenden Unterschied. Im Falle der Götzenanbeter im
religiösen Sinne gehören die Götzen zu genau jenem religiösen
System, das die Betreffenden in Ehren halten. Mit anderen Wor-
ten: Das religiöse System selbst wird als Götzendienst bezeich-
net. Im Gegensatz dazu steht ein Christ, der manchmal mit einer
überaus starken und lebensbeherrschenden Leidenschaft (z.B. der
Vorliebe für Motorräder) ringt, sodass Gott bei ihm erst an zwei-
ter Stelle kommt. Obwohl folglich diese Sünde genauso Ausdruck
des Götzendienstes ist wie die Praxis der heidnischen Götterver-
ehrer, kann man nicht sagen, dass das glaubensmäßige System des
Christen als solches dem Götzendienst entspricht.
Mit anderen Worten: Wenn einigen führenden Vertretern der
Emerging Church wie McLaren Fragen in Bezug auf andere Reli-

284
gionen gestellt werden, nehmen sie u.a. sogleich zu der Praxis Zu-
flucht, während der Kirchengeschichte begangene Sünden aufzu-
listen und sie mit Sünden zu vergleichen, die im Einflussbereich
anderer Religionen begangen wurden. Ich habe bereits darauf
hingewiesen, dass der Darstellungsart dieser Vergleiche mitunter
die Unvoreingenommenheit fehlt. Doch in jedem Fall vermeidet
es dieser Ansatz, grundlegende Fragen im Blick auf das Wesen
der betreffenden religiösen Systeme selbst zu stellen. Es gibt also
Punkte, die über das Problem der auf mitmenschlicher Ebene be-
gangenen Sünden (so wichtig diese sind) hinausgehen. Sie werfen
grundlegende Fragen nach dem Wesen Gottes auf. Hier ist die Bi-
bel viel eindeutiger. Kann es nennenswerten Zweifel daran geben,
dass Jesaja oder Paulus z.B. im Hinduismus eine Form des Göt-
zendienstes sehen würden, wenn sie ihm begegneten?
Und was sollen wir zu der Tatsache sagen, dass unter allen
Sachverhalten, die nach biblischen Aussagen Gottes Zorn herab-
bringen, der Götzendienst eine herausragende Stellung ein-
nimmt?

Kurze Anmerkungen zu zehn Bibelstellen


Auf einige der unten erwähnten Stellen habe ich in den Kapi-
teln dieses Buches kurz angespielt, andere erscheinen erstmalig.
Im ersten Fall ist es vielleicht hilfreich, deutlich herauszuarbeiten,
welche Beziehung die jeweiligen Stellen zur Emerging-Church-
Bewegung haben. Dies mag deutlicher geschehen, als es mir bis-
her in diesem Buch möglich war. Im zweiten Fall kommen eini-
ge neue biblische Überlegungen ins Spiel. Diese Anmerkungen
dürfen keinesfalls mit einer ausführlichen Auslegung der betref-
fenden Stellen verwechselt werden. Sie verweisen lediglich auf ei-
nige der Richtungen, in die eine solche Auslegung gehen würde,
wenn das Buch doppelt so umfangreich wäre. Außerdem fassen
sie so kurz wie möglich einige bedeutsame Sachverhalte biblischer
Aussagen zusammen, die in Kreisen der Emerging-Church-Bewe-
gung bzw. auf der entsprechenden Gesprächsebene weithin über-
sehen werden.

285
1. Römer 1,8-3,20. Vier Aspekte dieses kapitelübergreifenden
Abschnitts sind für unsere Überlegungen von entscheidender Be-
deutung.
a. Diese Stelle zielt vor allem darauf ab, dass alle Menschen, Ju-
den und Heiden gleichermaßen, vor Gott schuldig sind und damit
seinen Zorn verdient haben (1,18; 3,9). Über die Abfolge alttesta-
mentlicher Zitate (3,10-18), die den Abschnitt beendet, müssen wir
ausführlich nachdenken. Will man Menschen der Postmoderne
biblische Inhalte vermitteln, besteht nach meiner Erfahrung das
größte Problem darin, biblische Aussagen in Bezug auf Sünde,
Übertretung, Böses oder Götzendienst verständlich zu machen.
Ich weiß sehr wohl, dass einige dieser Worte in einigen Kreisen
erst einmal innerhalb des Rahmens der biblischen Handlung sorg-
fältig und genau definiert werden sollten, ehe man sie benutzt.
Dabei bleibt folgende Tatsache bestehen: Wenn wir nicht ein ge-
wisses Maß an Übereinstimmung haben, was das Problem um-
fasst, erzielen wir gewiss keine Einigung darüber, wie die Lösung
aussieht. Nehmen Sie sich die Zeit, um die folgenden Verse zu le-
sen und dann zu fragen: Inwieweit beziehen Sie das, was die Bi-
bel über diese Angelegenheiten sagt, in die vermittelte Lehre ein,
wenn Sie ein führender Gemeindemitarbeiter sind? Oder in wel-
chem Maße sind Sie angesichts dieser Verse tief bekümmert, so-
dass Sie als Schuldiger nur noch schweigen können?

»Was nun? Haben wir [Juden] einen Vorzug? Durchaus nicht!


Denn wir haben sowohl Juden als auch Griechen vorher be-
schuldigt, dass sie alle unter der Sünde seien, wie geschrieben
steht:

›Da ist kein Gerechter, auch nicht einer;


da ist keiner, der verständig ist;
da ist keiner, der Gott sucht.
Alle sind abgewichen,
sie sind allesamt untauglich geworden;
da ist keiner, der Gutes tut,
da ist auch nicht einer.‹

286
›Ihr Schlund ist ein offenes Grab;
mit ihren Zungen handelten sie trügerisch.‹
›Otterngift ist unter ihren Lippen.‹
›Ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit.‹
›Ihre Füße sind schnell, Blut zu vergießen;
Verwüstung und Elend ist auf ihren Wegen,
und den Weg des Friedens haben sie nicht erkannt.‹
›Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen.‹”304

b. Zwar ist die Bedeutung von Römer 2,12-16 umstritten, doch


von entscheidender Bedeutung ist folgende Erkenntnis: Wenn
Paulus davon spricht, dass Angehörige der Nationen von Natur
aus die vom Gesetz geforderten Dinge tun, meint er in diesem Zu-
sammenhang nicht, dass einige Heiden durch ihr Gutestun Gott
zufriedenstellen und folglich errettet werden könnten. Dies ergibt
nämlich keinen Sinn im größeren Textzusammenhang, der einen
von uns bereits wahrgenommenen allumfassenden Höhepunkt
erreicht: »Da ist kein Gerechter, auch nicht einer« (3,10). Paulus
möchte in seinen Aussagen über Angehörige der Nationen, die von
Natur aus dem Gesetz entsprechend handeln, im unmittelbaren
Kontext Folgendes verdeutlichen (2,14): Sogar Nichtjuden, die
das Gesetz (wie Juden) nicht in schriftlicher Form haben, bezeu-
gen, dass sie das Gesetz in wesentlichen Punkten kennen. Sie zei-
gen dies dadurch, dass sie dem in ihr Gewissen geschriebenen Ge-
setz manchmal gehorchen und manchmal ungehorsam sind. »Sie
beweisen, dass das Werk des Gesetzes in ihren Herzen geschrie-
ben ist, indem ihr Gewissen mit Zeugnis gibt und ihre Gedanken
sich untereinander anklagen [d.h., wenn sie Unrechtes tun] oder
auch entschuldigen [d.h., wenn sie das Rechte tun]« (2,15). Dar-
aus ergibt sich, dass derjenige, der kein geschriebenes Gesetz hat,
über keine Entschuldigung verfügt. Wir alle besitzen in gewisser
Hinsicht das Gesetz – entweder in niedergeschriebener Form oder
gleichsam unserem Gewissen aufgeprägt. Gott wird uns für das

304 Römer 3,9-18. In diesem Abschnitt werden folgende Stellen zitiert bzw. dar-
auf angespielt: Psalm 14,1-3; 53,2-4; Prediger 7,20; Psalm 5,10; 140,4; 10,7; Jesaja
59,7-8; Psalm 36,2.

287
zur Verantwortung ziehen, was wir wissen – nicht für das, was
uns unbekannt ist. »Denn so viele ohne Gesetz gesündigt haben,
werden auch ohne Gesetz verloren gehen; und so viele unter Ge-
setz gesündigt haben, werden durch Gesetz gerichtet werden«
(2,12).305 Mit anderen Worten: Wenn Paulus im weiteren Verlauf
seines Briefes von Sünde jedes Menschen schreibt (3,23; vgl. 3,10),
sagt er uns hier, dass das Ergebnis stets das gleiche ist – ob wir das
Gesetz Gottes in schriftlicher Form besitzen oder nicht: Wir wer-
den verloren gehen. Nur die Grundlage für die Verurteilung wird
anders sein.
c. All diese »Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit« ist von Men-
schen verübt worden, »welche die Wahrheit durch Ungerechtig-
keit niederhalten« (1,18). Dies ist zweifellos von entscheidender
Bedeutung. Man kann die Wahrheit verlieren, wobei die nachfol-
genden Verse erkennen lassen, dass die Wahrheit als verloren ge-
gangenes Gut vor allem die Wahrheit im Blick darauf beinhal-
tet, wer Gott ist und was er getan hat: Zunächst einmal ist er der
Schöpfergott, dem wir Dank schuldig sind. Fühlende Geschöpfe
sind verpflichtet, ihre Geschöpflichkeit anzuerkennen, denn alles
andere ist Götzendienst. Und das, was zur Unterdrückung dieser
Wahrheit führt, ist nichts als Gottlosigkeit.
d. Weil die grundlegende Gottlosigkeit und Unterdrückung
der Wahrheit derart stark gegen Gott gerichtet ist, überrascht es
gewiss nicht, dass Gott mit Zorn reagiert (1,18). Dabei geht es
nicht um eine launische schlechte Stimmung verwöhnter Ben-
gel, die jemand vor den Kopf gestoßen hat. Vielmehr ist es so-
wohl in juristischer als auch in persönlicher Hinsicht die Reaktion
eines Gottes, dessen Göttlichkeit verneint wird. Deshalb handelt
er aus seinem Zorn heraus, um diesen aufbegehrenden Menschen
die entsprechenden Konsequenzen zu zeigen: Er überlässt sie ih-
ren eigenen Sünden – wozu unbeherrschte Lust, schändliche Be-
gierden und ein verworfener Sinn gehören (1,24.26.28). In einem
tieferen Sinn ist daher das schwierigste »Problem« der gefallenen

305 Siehe bezüglich dieser Stelle insbesondere Douglas J. Moo, The Epistle to the
Romans, NICNT (Grand Rapids: Eerdmans, 1996), S. 144-157.

288
Menschen Gott selbst, der gerecht und völlig in Übereinstimmung
mit seinem Wesen und seiner Herrlichkeit handelt, wenn er sei-
nen aufbegehrenden Geschöpfen gegenübertritt, denen er Gottes-
ebenbildlichkeit zugeeignet hat. Die offenkundige Tatsache be-
steht darin, dass »es den Menschen bestimmt ist, einmal zu ster-
ben, danach aber das Gericht« (Hebräer 9,27).
Wir befinden uns jetzt auf einem Terrain, das weit von der An-
nahme entfernt ist, Buße bedeute weiter nichts als das Bemühen,
unserem umfassenden Potenzial gerecht zu werden. In einer sehr
unbestimmten Art und Weise trifft der Gedanke dahin gehend zu,
dass wir Menschen unsere Möglichkeiten nicht ausschöpfen, so-
lange wir nicht als sündlose Wesen jene Gottesebenbildlichkeit
besitzen, die uns ursprünglich zugedacht war. Doch eine solche
Allerweltsformulierung stellt sich dem Problem der Sünde eben
nicht mit der in der Bibel erkennbaren Deutlichkeit. Sie lässt außer
Acht, wie abscheulich der Götzendienst ist. Sie will nicht sehen,
dass unser Aufbegehren zu Recht Gottes Zorn heraufbeschworen
hat: »Unter diesen [d.h. den weltlich lebenden Söhnen des Unge-
horsams] hatten auch wir einst alle unseren Verkehr in den Begier-
den unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und der
Gedanken taten und von Natur Kinder des Zorns waren wie auch
die anderen« (Epheser 2,3).
2. Römer 3,21-4,25. Wenn wir die bisherige Beweiskette im Rö-
merbrief voraussetzen, stellt die Frage, welche Antwort als Nächs-
tes kommt, keine Überraschung, aber dennoch etwas überaus
Wunderbares dar. Derjenige Gott, der uns zu Recht in seinem Zorn
aufgrund unserer Sünde gegenübertritt, begegnet uns trotzdem
in Gnade, weil dies seinem Wesen entspricht. Aus Gnade werden
alle, die an Jesus Christus glauben, umsonst gerechtfertigt (3,21-
24). Gott vollbrachte all dies, indem Jesus am Kreuz starb und da-
bei sein Blut vergoss (3,24-25). Alles geschah so, dass Gott seine
eigene Gerechtigkeit verdeutlichen konnte, während er gleichzei-
tig die Schuldigen rechtfertigte.306 Die wie auch immer gearteten

306 Ich habe anderenorts argumentiert, dass die Beweisführung des Textes ge-
nau in diese Richtung geht: siehe »Atonement in Romans 3:21-26«, in The Glory of
the Atonement: Biblical, Theological and Practical Perspectives, Hrsg. Charles Hill und

289
Offenbarungen des Zornes Gottes in der Vergangenheit waren be-
grenzt. Sie gingen mit »Nachsicht« einher, wobei er damalige Sün-
den »ungestraft« ließ (vgl. 3,25 Menge und Zürcher). Nun ist die
Strafe zugemessen worden – und Gott hat dies getan »zum Erweis
seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass er gerecht sei und
den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist« (3,26).
Eigentlich reicht der Grundsatz der unverdienten Gnade in die
früheste Erzväterzeit zurück: »Abraham aber glaubte Gott, und es
wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet« (Römer 4,3; siehe 1. Mose
15,6). Paulus erklärt die Konsequenzen: »Dem aber, der Werke
tut, wird der Lohn nicht zugerechnet nach Gnade, sondern nach
Schuldigkeit. Dem dagegen, der nicht Werke tut, sondern an den
glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerech-
tigkeit gerechnet« (Römer 4,4-5).307 Gott rechnet die Gerechtigkeit
denen zu, die »an den glauben, der Jesus, unseren Herrn, aus den
Toten auferweckt hat, der unserer Übertretungen wegen dahinge-
geben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist«
(4,24-25).

Frank A. James III; Festschrift for Roger Nicole (Downers Grove: InterVarsity Press,
2004), S. 119-139.
307 Heute gibt es (wie zu manch anderen Zeiten) eine Reihe von Debatten im
Umfeld der Auslegung von Römer 4. Ich habe versucht, mein Verständnis der pau-
linischen Aussagen zu begründen, und zwar in »The Vindication of Imputation:
On Fields of Discourse and Semantic Fields«, in Justification: What’s at Stake in the
Current Debates, Hrsg. Mark Husbands und Daniel J. Treier (Downers Grove: Inter-
Varsity Press, 2004), S. 46-78. Ich muss gleich hinzufügen: Weder ein gut informier-
ter Vertreter der Moderne noch ein gebildeter Vertreter des gemäßigten Postmoder-
nismus wird zu viel aus der Tatsache herauslesen wollen, dass die Auslegung be-
stimmter Texte umstritten ist. Es gibt keine wichtige Glaubenslehre, die nicht strittig
gewesen ist. Dazu zählen diejenigen Lehren, die in den altkirchlichen Glaubens-
bekenntnissen formuliert wurden (und denen die meisten Denker der Emerging
Church beipflichten). Doch sowohl der Vertreter der Moderne als auch der gemä-
ßigte Postmodernist werden einsehen, dass es möglich ist, Paulus’ Worte zu ver-
stehen – wenn auch nicht vollkommen und als Allwissender, so doch zumindest
im Wesentlichen und mit immer größerer Annäherung. Dabei geht es um das Rin-
gen mit dem Ziel einer verantwortbaren Exegese, wobei begründet werden muss,
warum man einen Text so oder so verstehen sollte (und natürlich gilt dies für Les-
arten in erzählenden Texten genauso wie für Lesarten jeder anderen literarischen
Gattung: Wenn man dabei jede Willkür oder Subjektivismus vermeiden will, muss
man die Gründe für die jeweiligen Lesarten angeben.). Nur der Vertreter des radi-
kalen Postmodernismus wird ausgehend von diesen Punkten, deren theoretische
Grundlage ich in den vorangegangenen drei Kapiteln in groben Zügen skizziert
habe, Einwände erheben.

290
Für mich ist der beunruhigendste Aspekt der Emerging-
Church-Bewegung die Tatsache, mit welcher scheinbaren Lässig-
keit man dort das Kreuz Christi behandelt. Dies wird im Falle der
bekanntesten und einflussreichsten Leiter dieser Bewegung deut-
lich. Stünde mir in diesem Buch der doppelte Umfang zur Ver-
fügung, hätte ich die Möglichkeit, die Reichweite der biblischen
Aussagen allein zu diesem Thema zu untersuchen. Auf prak-
tisch keine davon nehmen die führenden Vertreter der Emerging
Church in ihren veröffentlichten Themendarstellungen mit einem
Mindestmaß an gebührender Ernsthaftigkeit oder exegetischer
Kompetenz Bezug.
3. Johannes 3,1-21; Johannes 4,1-42 und ähnliche Stellen.
Einer der wundervollen Sachverhalte hinsichtlich des irdischen
Dienstes Jesu ist die Tatsache, dass er mit Menschen ganz ver-
schieden umgeht. Er durchschaut alle Anmaßungen, wobei es ihm
völlig fernliegt, das Evangelium des Reiches lediglich »nach Sche-
ma F« zu behandeln. Dennoch lohnt es sich, darüber nachzuden-
ken, wie Jesus trotz dieser umfassenden Wahrnehmung der spe-
ziellen Bedürfnisse einzelner Menschen nicht die Konfrontation
scheut. Jesus weist Nikodemus – einen in vielerlei Hinsicht auf-
richtig Suchenden – wegen seiner fehlenden Bibelkenntnis be-
hutsam zurecht, obwohl er der Inbegriff eines Theologieprofes-
sors ist, der sich durch große Gelehrsamkeit auszeichnet: »Du bist
der Lehrer Israels und weißt das nicht?« (3,10). So liebevoll Jesus
mit der samaritanischen Frau umgeht, gestattet er ihr doch nicht,
das Durcheinander ihrer Beziehungen zu Männern zu verbergen
(4,16-18), wobei er – gemessen an ihrer Selbsteinschätzung (4,29) –
gewiss den Kern der Sache trifft.
An Belegen für derartige Konfrontationen könnte ein Viel-
faches zusammengetragen werden, und zwar nicht allein aus dem
Dienst Jesu, sondern auch aus dem Dienst von Petrus, Paulus, Jo-
hannes und weiteren neutestamentlichen Gläubigen. Denken wir
z.B. an Judas, den Schreiber des gleichnamigen Briefes! Dersel-
be Paulus, der einen Timotheus oder einen Titus ermahnt, nicht
streitsüchtig zu sein (z.B. 1. Timotheus 5,1-2; 2. Timotheus 2,23-
25), kann auch darauf bestehen, dass sie gelegentlich gewisse wi-

291
derspenstige Menschen zum Schweigen bringen müssen, indem
sie ihnen gebieten, keine falschen Lehren mehr weiterzugeben (1.
Timotheus 1,3; Titus 1,10-11). Wenn es ihnen darum geht, Älteste
einzusetzen, müssen sie solche finden, die nicht nur die erforder-
liche christliche Wesensart erkennen lassen, sondern »die (ebenso)
tüchtig sein werden, auch andere zu lehren« (2. Timotheus 2,2).
Auch Diakone müssen »das Geheimnis des Glaubens in reinem
Gewissen bewahren« (1. Timotheus 3,9). Ein Ältester muss jemand
sein, »der an dem der Lehre gemäßen zuverlässigen Wort festhält,
damit er fähig sei, sowohl mit der gesunden Lehre zu ermahnen
als auch die Widersprechenden zu überführen« (Titus 1,9).
Moralische Gebote haben durchaus ihre Berechtigung (als z.B.
den Reichen geltende Gebote: Sie sollen ihre Hoffnung nicht auf
den Reichtum setzen; 1. Timotheus 6,17). Damit sollen Gläubige
immer wieder an die Grundlagen erinnert werden, wozu die gro-
ßen christologischen Wahrheiten gehören (siehe 2. Timotheus 2,14
und den Kontext dieses Verses). Außerdem soll damit vor falscher
Lehre und unverantwortlichem Schriftgebrauch gewarnt werden
(2. Timotheus 2,15-19; Titus 3,9-11). Ferner zielen sie auf die Pre-
digt (2. Timotheus 4,2) und das Bestreben ab, Verhalten und »ge-
sunde Lehre« miteinander zu verbinden (Titus 2,1-2).
Dies ist nicht alles, was solche leitenden christlichen Mit-
arbeiter tun sollen, doch selbst diese gekürzte Liste geht weit über
den Rahmen derjenigen Diskussion hinaus, in der man alle Mei-
nungen gleichwertig nebeneinanderstellt, oder wo Menschen le-
diglich indirekt eingeladen werden, an unserer Geschichte teil-
zuhaben. »Habe acht auf dich selbst und auf die Lehre«, schreibt
Paulus. »Beharre in diesen Dingen! Denn wenn du dies tust, so
wirst du sowohl dich selbst retten als auch die, die dich hören«
(1. Timotheus 4,16). Paulus bietet keine Alternative – entweder Le-
ben oder Lehre. Wir müssen auf beiden Gebieten ausharren. Wenn
wir dies nicht tun, gefährden wir nicht nur unsere eigene Er-
rettung, sondern auf lange Sicht auch die Menschen in unserem
Einflussbereich, unsere »Hörer«.
4. Galater 1,8-9 und ähnliche Abschnitte. Die Ausdruckswei-
se ist kompromisslos und wird durch Wiederholung verstärkt:

292
»Wenn aber auch wir oder ein Engel aus dem Himmel euch et-
was als Evangelium entgegen dem verkündigten, was wir euch als
Evangelium verkündigt haben: er sei verflucht! Wie wir früher ge-
sagt haben, so sage ich auch jetzt wieder: Wenn jemand euch et-
was als Evangelium verkündigt entgegen dem, was ihr empfan-
gen habt: er sei verflucht!« (Galater 1,8-9). Selbst dann nicht, wenn
jemand ein Apostel oder Engel ist, steht der Betreffende über dem
unwandelbaren Evangelium. Der Sachverhalt, hinsichtlich des-
sen Paulus in diesem Brief argumentiert, umfasst genau diejeni-
ge evangeliumsbezogene Frage, die Menschen in all den Jahrhun-
derten voneinander getrennt hat: Wird die Rechtfertigung schul-
digen Menschen – ob Männern oder Frauen – ausschließlich auf-
grund der am Kreuz erkennbaren Gnade Gottes zugeeignet, oder
gibt es neben dieser Gnade noch etwas anderes, das erforderlich
ist? Offensichtlich werden diejenigen, die gewisse Spielarten der
»weitherzigen Orthodoxie« vertreten, wegen derartiger Fragen
nicht so kleinlich sein wollen, solange wir alle Jesus nachfolgen.
Doch die Schrift sieht dies anders: Ein Apostel kann sogar einen
anderen Apostel zurechtweisen (Galater 2,11-14).
Natürlich ist dies nicht die einzige Lehrfrage, die ähnlich formu-
liert werden muss. Im 1. Johannesbrief ist der lehrmäßige Aspekt
dieser Frage christologischer Art. Im 2. Korintherbrief stellen die
Paulus widersprechenden Führungspersönlichkeiten einen ande-
ren Jesus vor (11,4), den sie offenbar mit einem entsprechenden
Überlegenheitsgefühl sowie mit Macht und nicht mit dem Kreuz
verbinden. Paulus wagt es, diese Menschen als Betrüger zu brand-
marken. »Was ich aber tue, werde ich auch tun, damit ich denen
die Gelegenheit abschneide, die eine Gelegenheit dazu suchen,
dass sie in dem, worin sie sich rühmen, als solche wie wir befun-
den werden. Denn solche sind falsche Apostel, betrügerische Ar-
beiter, die die Gestalt von Aposteln Christi annehmen« (11,12-13).
An welchem Punkt wird »Rechtgläubigkeit« (Orthodoxie), die
»weitherziger« ist als biblischer Glaube, zum Irrglauben (Hetero-
doxie)? Nicht einen Augenblick lang pflichte ich dem Verhalten je-
ner engstirnigen und jammernden Sektierer bei, welche die Chris-
tenheit mit ihrer fortwährenden Kritik und ihren Haarspaltereien

293
gelegentlich heimgesucht haben. Was vielmehr gebraucht wird,
ist Bibeltreue. Man kann die Bibeltreue aufgeben, indem man viel
engherziger als die Bibel ist. Man kann auch dadurch, dass man
die Grenzen viel weiter steckt als die Schrift, ihr untreu werden.
Obwohl beide Seiten ihr Verhalten als »Treue« bezeichnen, unter-
liegen beide einem großen Irrtum. Wie können wir das herausfin-
den? Indem wir immer wieder zur Schrift zurückkehren und es
nicht zulassen, die von Gott selbst gegebenen gedanklichen Kate-
gorien als lästig zu empfinden. Wir sollten versuchen, aus Gottes
Wort zu lernen, es innerlich zu verarbeiten, ihm zu glauben und
entsprechend unserem Verständnis den ganzen Ratschluss Gottes
zu befolgen, ohne zurückzuschrecken und auf jeden Modetrend
versessen zu sein.
5. Jesu warnende Gleichnisse. Viele der Gleichnisse Jesu haben
eine Eigenart: Sie wollen erklären, dass das Reich Gottes entgegen
der vorherrschenden Erwartung nicht mit weltumspannenden,
umwälzenden Ereignissen zu diesem geschichtlichen Zeitpunkt
kommen sollte, sondern ihm vielmehr ein Beginn im Verborgenen
zugedacht war (z.B. das Gleichnis vom Senfkorn und vom Sauer-
teig, Matthäus 13,31-33). Andere Gleichnisse demonstrieren, wie
mächtig das Umkehrprinzip in diesem Reich ist, wodurch die
zahlreichen religiösen und gesellschaftlichen Werte sowohl der
damaligen als auch der heutigen Zeit auf den Kopf gestellt wer-
den (z.B. der barmherzige Samariter, Lukas 10,25-37). Doch wenn
auch einige der Gleichnisse diese beiden Themen behandeln, so
werden darin doch unmissverständlich die Warnungen betont.
Das Gleichnis vom Sämann (Matthäus 13,3-9.18-23; Markus
4,3-9.13-20) erklärt, wie sich das Reich entfaltet – nämlich dadurch,
dass der Betreffende das Wort recht aufnimmt – den guten Samen,
der dann keimt und Frucht bringt. Dessen ungeachtet warnt es ihn
indirekt davor, dem unfruchtbaren Boden zu gleichen. Manchmal
wird der Same weggepickt, manchmal werden die zarten Triebe
erstickt, oder sie verkümmern infolge des Wassermangels, bevor
in irgendeiner Weise Frucht sichtbar wird (trotz eines guten An-
fangs). Überall dort finden wir Leute, die auf die eine oder an-
dere Art unempfänglich sind. Wenn das Reich wie der auf den

294
Acker gesäte Weizen wächst, sprosst zugleich auch viel Unkraut
auf. Beides wird bis zum Ende zusammen wachsen (Matthäus
13,24-30.36-43). Während die guten Fische zusammengelesen wer-
den, wird man die faulen wegwerfen (Matthäus13,47-49). Zuwei-
len beschreiben Gleichnisse das Gericht mit noch ernsteren Wor-
ten: Die fünf törichten Jungfrauen werden vom Hochzeitsmahl
ausgeschlossen (Matthäus 25,1-13). Der unnütze Knecht, der sei-
ne Pflicht nicht treu und ehrenvoll erfüllt, wird entzweigeschnit-
ten und erhält »sein Teil … bei den Heuchlern: da wird das Wei-
nen und Zähneknirschen sein« (Matthäus 24,51). Diese Beispiele
stehen für viele weitere Belege, die man anführen könnte.
Zu den auffälligsten dieser Gleichnisse gehört dasjenige, das
die Scheidung der Schafe und Böcke beschreibt (Matthäus 25,31-
46). In der Lesart einiger Autoren besteht der charakteristische
Unterschied zwischen den Schafen und Böcken im sozialen An-
liegen: Es gehe darum, Hungrige zu speisen, die Leiden der Kran-
ken zu lindern sowie Gefangene zu besuchen – und zwar zusam-
men mit dem eindringlichen Zusatz, den Jesus anfügt: »Wahrlich,
ich sage euch, was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder ge-
tan habt, habt ihr mir getan« (25,40; vgl. V. 45). Aber darum geht
es hier nicht. Sicher legt die Bibel anderenorts auf Mitleid, Gerech-
tigkeit, Taten der Nächstenliebe, Freundlichkeit und vieles mehr
großen Wert – wie wir anhand des Jesaja- und Amosbuches und
des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter erkennen können.
Doch man hat oft dargelegt, dass sich der im Matthäusevangelium
gebrauchte Ausdruck »einer dieser meiner geringsten Brüder« nur
auf die geringsten unter seinen Jüngern beziehen kann. Mit ande-
ren Worten: Das Wesen der Schafe und der Böcke wird anhand
dessen, wie sie die niedergedrückten Jünger Jesu behandeln, her-
ausgestellt.308 Die Situation entspricht genau derjenigen Lage, die
sich in der Apostelgeschichte findet: Wenn Menschen die Jünger
Jesu Christi verfolgen, dann gehen sie damit gegen Jesus Christus

308 Obwohl einige noch immer versuchen, diese exegetische Schlussfolgerung zu


umgehen, kann man dies nur sehr schwer mit einer verantwortlichen Haltung ver-
einbaren. Siehe D.A. Carson, Matthew, EBC 8 (Grand Rapids: Zondervan, 1981), S.
518-523.

295
selbst vor. Dies veranlasste Jesus, sich einem Saulus auf der Straße
nach Damaskus in den Weg zu stellen: »Saul, Saul, was verfolgst
du mich?« (Apostelgeschichte 9,4).
Dennoch geht es in diesen von mir angeführten Gleichnis-
sen hauptsächlich darum, dass viele davon betonen: Jesu Dienst
führt zur Scheidung voneinander. Im Falle der Schafe und der
Böcke werden die Letzteren »hingehen zur ewigen Strafe, die Ge-
rechten [die Erstgenannten] aber in das ewige Leben« (vgl. V. 46)
– wobei der Ausdruck für »ewig« in den beiden Wendungen je-
weils gleich ist. Man spürt, dass man heute weithin bemüht ist,
großmütig zu sein – in vielerlei Hinsicht eine sehr gute Sache. Das
Pendel schlägt also weit nach der einen Seite aus und lässt es fast
nicht zu, dass man irgendeine Position, Einstellung oder Lebens-
gewohnheit brandmarkt. Ich stelle vorsichtig die Frage: Gibt die
Bewegung der Emerging Church bewusst oder unbewusst große
Teile biblischer Inhalte, darunter einige der eindringlichsten Leh-
ren Jesu, auf?
6. Offenbarung 14,6-20. Zuweilen vermittelt uns Johannes in
der Offenbarung Bilder, welche die Nachfolger des Lammes (V. 1-
5) und die Anhänger des Tieres (V. 6-20) im Gegensatz zueinander
zeigen. Nochmals dürfen wir der erschütternden Darstellung des
Zornes und Grimmes Gottes nicht ausweichen. Dieser Zorn wird
jetzt unvermischt (V. 9-11) über alle ausgegossen, die das Tier und
sein Bild anbeten. In der Argumentationskette der Kapitel 12-13
sind es all jene, die nicht dem Lamm folgen: Jeder trägt entweder
das Malzeichen des Tieres oder das Siegel des Lammes. Die Bibel
scheut sich nicht, hier von Qual und Pein zu reden: Der Rauch ih-
rer Qual »steigt auf von Ewigkeit zu Ewigkeit; und sie haben kei-
ne Ruhe Tag und Nacht, die das Tier und sein Bild anbeten, und
wenn jemand das Malzeichen seines Namens annimmt« (V. 11).
Als die letzten Bilder des Kapitels beschrieben werden, ist die Un-
abänderlichkeit der erwähnten Strafe erschreckend (V. 17-20).
Mit keiner dieser grundlegenden Textbeobachtungen sollen
Schroffheit, Hochnäsigkeit, Arroganz, Hochmut oder irgendeine
Form glaubensmäßiger Heuchelei gerechtfertigt werden. Vermut-
lich sollte sich jemand, der angesichts dessen nicht weinen kann,

296
sehr zurückhalten, biblische Lehraussagen über die Hölle weiter-
zugeben. Doch ich habe gelernt, wie ich mich u.a. prüfen kann, ob
ich zutiefst bereit bin, den ganzen Ratschluss Gottes zu verkündi-
gen. Dabei geht es um Folgendes: Ich liste diejenigen Abschnitte
und Themen auf, die mir (angesichts meiner eigenen kulturellen
Verortung) so großes Unbehagen bereiten, dass ich sie umgehe.
Außerdem betone ich fortwährend, was diese Abschnitte nicht be-
deuten können, sodass ich nie dahin komme, ihre tatsächliche Be-
deutung zu erklären und anzuwenden. Ich muss mich wieder-
holt sowie ohne Wenn und Aber dafür entscheiden, weil ich sonst
anfange auszuweichen. Durch diese Übung lässt sich mit am si-
chersten die Unausgewogenheit theologischer Extrempositionen
abmildern. Sie gehört zu den wichtigsten Übungen, die gewähr-
leisten, dass ich mich bestmöglich bemühe, aufgrund der Gna-
de Gottes unter dem Wort zu bleiben, statt es im Dienste des Zeit-
geistes zurechtstutzen zu wollen. Daher gibt es eine ständige Her-
ausforderung: Versuchen Sie ein wenig konsequenter, die Begren-
zungen Ihrer Herkunft zu überwinden und es sich nach Maßgabe
Ihrer Möglichkeiten vorzunehmen, den ganzen Ratschluss Gottes
zu lehren, besonders diejenigen Teile, die Ihnen am meisten Pro-
bleme bereiten.
7. 1. und 2. Korinther. Obwohl ich andere neutestamentliche
Briefe hätte wählen können, habe ich die beiden Korintherbriefe
ausgesucht, um eine Feststellung machen und eine zweite vor-
wegnehmen zu können:
a. Die Art, wie Paulus in diesen Briefen argumentiert, lässt ei-
nen Mann erkennen, der auf hervorragende Weise seelsorgerlich
Anteil nimmt, sich aber genauso der Wahrheit, der gründlichen
Beurteilung und der Ausgewogenheit verpflichtet weiß. Der Apo-
stel stellt fest, dass die Gemeinde in vielen Fragen polarisiert ist. In
einigen Fällen löst er dieses Problem nicht dadurch, dass er sagt,
beide Seiten hätten recht. Auch behauptet er nicht, dass die Mei-
nungsverschiedenheiten eigentlich belanglos seien, solange beide
Seiten einander lieben würden. Ebenso sucht man vergebens die
Feststellung, dass man nicht bestimmen könne, wo die Wahrheit
liege. Vielmehr gebraucht er eine Methode, die man als Argumen-

297
tationsform des »ja, aber« bezeichnen könnte. Jeder der miteinan-
der streitenden Parteien sagt er im Grunde: »Ja freilich, ihr mögt
ganz recht haben – aber dazu ist noch mehr zu sagen.« Einige sind
z.B. der Meinung, dass man am besten ehelos bleiben sollte, wäh-
rend andere die Ehe propagieren. »Ja freilich«, sagt Paulus, »es ist
gut für einen Mann, ledig zu sein. Es ist gut, keine sexuellen Bezie-
hungen zu einer Frau zu unterhalten (vgl. 1. Korinther 7,1.32-35).
Bedenkt jedoch, dass Sexualität innerhalb der Ehe der Unzucht
enge Grenzen setzt. Noch bedeutsamer ist aber, dass sowohl Ehe-
losigkeit als auch Ehe ›Gnadengaben‹ (charismata; 7,7) sind.« Eini-
ge bestehen darauf, dass der Genuss von Fleisch, das Götzen ge-
opfert worden ist, unbedenklich sei. Der Sachkundige weiß näm-
lich, dass Götze Nichtse sind und sein Gewissen daher rein bleibt.
Andere denken, dass sich ein Mensch, wenn er solches Fleisch
verzehrt, auf Götzendienst und Dämonenverehrung einlässt (1.
Korinther 8 und 10). Hier wendet Paulus erneut seine Argumen-
tation des »ja, aber« mit durchschlagender Wirkung an. Dennoch
verweist er auf bestimmte Umstände, unter denen ein derartiger
Fleischgenuss Ausdruck des Götzendienstes wäre. Und natürlich
kann er Gott danken, dass er mehr als alle Korinther in Zungen re-
det, aber hinsichtlich seines Redens in der Gemeinde sagt er: Ich
»will … lieber fünf Worte mit meinem Verstand reden … als zehn-
tausend Worte in einer Sprache« (1. Korinther 14,18-19).309 Man
könnte diese Beispiele beliebig fortführen.
Wo andererseits ein Gemeindeglied mit seiner Stiefmutter ge-

309 Nebenbei enthält dieses Kapitel daher einige Aussagen über die Bedeutung
der Verständlichkeit in unseren christlichen Zusammenkünften. Es ist angemes-
sen, auf das Geheimnisvolle Bezug zu nehmen, wo man berechtigterweise die Grö-
ße Gottes und die Begrenzungen unseres Wissens anerkennt. Dies ist nicht nur in
unserer Endlichkeit und Sündhaftigkeit, sondern auch in der Tatsache begründet,
dass wir nur diejenigen Dinge erkennen können, die Gott selbst geoffenbart hat.
Einige Sachverhalte sind uns verborgen (5. Mose 29,28). Wer aber das »Geheimnis-
volle« in dem Sinne deutet, dass er religiöse Symbole, Kerzen oder Ikonen benutzt,
verweist nicht unbedingt auf das Göttliche. Die Kirchengeschichte hat gezeigt, wie
oft solche Mittel dem Wesen Gottes im Grunde abträglich sind, weil man ihn infol-
gedessen in irgendeinem magischen Sinne als Heilsmittler versteht. Was in 1. Ko-
rinther 14 jedoch verblüfft, ist die Tatsache, wie stark der Apostel die Verständlich-
keit als ein wesentliches Merkmal der Abläufe in öffentlichen christlichen Gottes-
diensten unterstreicht.

298
schlafen hat (1. Korinther 5), findet sich keine Argumentation des
»ja, aber«, kein »einerseits würde ich sagen, dass …, aber anderer-
seits …« Gleiches gilt für jene, die in 2. Korinther 11 einen anderen
Jesus verkündigen. Paulus bezeichnet sie als »falsche Apostel« (V.
13). Hier brandmarkt er sie offen, wobei er entsprechende Grün-
de angibt und die Glaubensgeschwister ermahnt, die notwendige
Gemeindezucht zu üben. Ferner kündigt er an, dass er als Apostel
Strafmaßnahmen ergreifen wird, falls sie dies unterlassen.
Der Unterschied zwischen diesen beiden (und natürlich zwi-
schen vielen weiteren) Ansätzen deutet darauf hin, dass dem Apo-
stel ein wohldurchdachtes System von Grundsätzen vorschwebt,
das ihn befähigt, jeweils zu entscheiden, wann dieses und wann
jenes Argument erforderlich ist. Doch selbst im Falle der erst-
genannten Argumentationsform (in Bezug auf »ja, aber«) hat Pau-
lus die richtige Antwort im Auge – eine Lösung, für die er beide Par-
teien zu gewinnen sucht. Obwohl die beiden Parteien einen Stand-
punkt haben, der in einer Hinsicht der richtigen Position entspricht,
betrachten sie ihn so, als wäre er Ausdruck der gesamten Wahrheit.
Paulus lobt sie, wo sie im Recht sind, versucht aber gleichzeitig, ih-
ren Horizont zu erweitern, damit sie zu einer ausgewogeneren Po-
sition kommen können. Mit anderen Worten: Bei einigen Fragen
besteht der richtige Ansatz, die rechte Antwort, die weise seelsorger-
liche Haltung darin, die Extrempositionen zu einer ausgewogenen
und ausgeglichenen Mitte zu führen. Doch bei einigen Fragen be-
steht der richtige Ansatz, die rechte Antwort, die weise seelsorger-
liche Haltung darin, eine klare Linie zu ziehen und entschlossen
zu sagen: »Diese Anschauung gehört nicht hierher. Diese Praxis ist
hier fehl am Platz. Sie muss beseitigt werden; sie ist eines Christen
unwürdig.« Wie sollen wir wenigstens ansatzweise solche kompli-
zierten Angelegenheiten richtig verstehen, wenn wir die biblischen
Aussagen zu solchen Angelegenheiten nicht durchdenken, indem
wir sie lesen und immer wieder darüber nachsinnen?
b. Besonders wichtig ist Paulus’ Umgang mit der Wahrheit der
Auferstehung Jesu (1. Korinther 15). Doch diese Frage ist so be-
deutsam, dass ich ihr einen eigenen Abschnitt gewidmet habe (sie-
he unten Punkt 10).

299
8. Jesaja 6; Johannes 8; 2. Thessalonicher 2 und damit ver-
bundene Stellen. Vom Propheten Jesaja heißt es, dass sein treuer
Lehrdienst die Herzen seiner Landsleute unempfindlich machen
(vgl. Jesaja 6,10 Anmerkung Revidierte Elberfelder), ihre Ohren
verstopfen und ihre Augen verkleben wird. Es gibt also einen
Aspekt, hinsichtlich dessen Jesaja dies selbst, eben durch seinen
treuen Dienst, an seinem Volk ausführt (Jesaja 6,9-10). Jesaja kann
diese niederdrückende Verantwortung annehmen, wenn auch
nur für eine kurze Zeit. Daher fragt er, wie lange er diesen un-
heilvollen Ausblick ertragen müsse (V. 11). Gottes Antwort besteht
darin, dass Jesaja weiterhin diese Botschaft ausrichten müsse, bis
das Verderben über die Städte Judas hereinbricht, die Häuser ver-
lassen, die Felder verwüstet und verheert sind und der Herr sein
Volk in die Verbannung hat gehen lassen (V. 11-12). Wenn auch
nur ein Zehntel im Land zurückbleibt, soll Jesaja weiterhin das
Gleiche tun. Erst am Ende des Kapitels erscheint ein Hoffnungs-
schimmer: Dereinst wird aus diesem gefällten Stumpf ein Trieb
hervorkommen (V. 13 [vgl. Anmerkung Revidierte Elberfelder];
vgl. Kapitel 11).
Etwas in gewisser Hinsicht Ähnliches kann Jesus einigen sei-
ner Gegner sagen: »Weil ich aber die Wahrheit sage, glaubt ihr
mir nicht!« (Johannes 8,45, Hervorhebung durch den Autor). Es
wäre schon schlimm gewesen, wenn Jesus einen Einräumungs-
satz gebraucht hätte: »Obwohl ich die Wahrheit sage, glaubt ihr
mir nicht.« Doch dies entspricht nicht den Worten Jesu. Vielmehr
glauben einige Menschen nicht an ihn, eben weil er die Wahrheit
gesagt hat. Was also soll er tun? Soll er aufhören, die Wahrheit zu
sagen? Soll er lügen? Soll er seine Botschaft aufweichen, sodass sie
daran keinen Anstoß mehr nehmen? Soll er die Wahrheit aufge-
ben und stattdessen Geschichten erzählen, die nicht stimmen?
Wenn wir darüber nachdenken, wie viele führende Vertreter
der Emerging Church vor dem Gebrauch von Wahrheitskategorien
warnen, stellt sich die Frage: Kann uns da die riesige Kluft zwischen
ihrem Standpunkt und der Position Jesu verborgen bleiben? Der
Grund dafür, warum die Wahrheit für Jesu Zuhörer nicht annehm-
bar war, mag sich vom Grund dafür, weshalb manche Menschen

300
unserer Zeit die Wahrheit nicht akzeptieren wollen, unterscheiden.
Dennoch gilt: Wenn wir Christen uns nach der Schrift richten, dann
bedeutet dies nicht, dass wir es unterlassen, auf die Wahrheit Bezug
zu nehmen. Vielmehr erkennen wir, dass es manchmal die Wahr-
heit selbst ist, die Menschen im Grunde abstößt. Diesbezüglich gibt
es nichts Neues – lediglich die tieferen Gründe dafür, dass sie dar-
an Anstoß nehmen, erwecken den Anschein, neu zu sein. Wenn wir
aber mit der Wahrheit Anstoß erregen und uns daher nicht mehr
darauf berufen, beschreiten wir einen Weg, den uns Jesaja und Je-
sus ausdrücklich verbieten. Vielleicht müssen wir uns bei dem Ver-
such, das Wesen der Wahrheit zu erklären, besonders anstrengen.
Möglicherweise erfordert es zusätzliche Mühe, darauf zu verwei-
sen, dass wir keine Ansprüche auf Allwissenheit erheben. Even-
tuell müssen wir ganz neu auf die letztendliche Offenbarung der
Wahrheit Gottes in der Menschwerdung seines Sohnes und auf
vieles mehr verweisen. Aber wir können nicht aufhören, über die
Wahrheit zu reden, ohne die Schrift, das Evangelium oder das für
uns bedeutungsvolle Beispiel der alttestamentlichen Propheten
und des Herrn Jesus selbst aufzugeben.
Wir haben bereits gesehen, dass jene, welche die Wahrheit un-
terdrücken, von Gott selbst letztlich dahingegeben werden. Sie
häufen dann immer mehr Sünden auf sich und ziehen sich folg-
lich Zorn sowie Gericht zu (Römer 1,18-3,20; siehe oben). Genauso
eindringlich wird diese Angelegenheit in 2. Thessalonicher 2,10-12
dargelegt: Einige Menschen gehen »verloren … dafür, dass sie die
Liebe der Wahrheit zu ihrer Errettung nicht angenommen haben«.
Wenn sie in dieser Haltung verharren wollen, handelt Gott im Ge-
richt an ihnen, indem er sie darin belässt: »Und deshalb sendet ih-
nen Gott eine wirksame Kraft des Irrwahns, dass sie der Lüge glau-
ben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt,
sondern Wohlgefallen gefunden haben an der Ungerechtigkeit.«
Dennoch fragt man sich: Wie viele führende Persönlichkeiten
der Emerging Church wollen uns davon abhalten, über die Wahr-
heit zu reden?
9. Johannes 20,29. Anhand des Kontexts erfahren wir, wie
Jesus sich Thomas nach seiner Auferstehung zeigte und ihn auf-

301
forderte, seine Wundmale in seinen Händen und seiner Seite an-
zurühren. Warum Thomas damals zweifelte und was ihn zu dem
außergewöhnlichen Bekenntnis »Mein Herr und mein Gott!«
(20,28) veranlasste, sollten Sie als Leser genauer untersuchen. Hier
werde ich mich jedoch auf V. 29 konzentrieren: »Jesus spricht zu
ihm: ›Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt. Glückselig
sind, die nicht gesehen und doch geglaubt haben!‹«
Dieser Vers wird oft missverstanden. Er ist dahin gehend ver-
standen worden, dass Glaube ohne äußere Zeichen dem Glau-
ben mit äußeren Zeichen überlegen sei. Für den rechten Glauben
sollten daher Wahrheit, Beweise, Argumente für den Glauben und
dergleichen nicht von Belang sein – der Betreffende müsse einfach
Glauben erkennen lassen – einen Glauben, der von Gott gesegnet
werde. Wer aber diese Stelle so auslegt, versteht sie nicht in ihrem
Kontext. Eine solche Deutung erinnert eher an postkritisches Den-
ken als an Auffassungen des ersten nachchristlichen Jahrhunderts.
Es geht darum, dass die Auferstehung Jesu ein geschichtliches
Ereignis ist. Nur die Zeugen des ursprünglichen Geschehens und
die von ihnen hinterlassenen Aufzeichnungen können uns über
historische Begebenheiten verlässlich Auskunft geben. In seiner
Gnade bot Jesus Thomas einen konkreten Beweis seiner Auf-
erstehung an. Dieser Beleg war so handfest, dass ihn Thomas nicht
außer Acht lassen konnte. Er glaubte und erkannte ansatzweise,
welche Folgen die Auferstehung hatte. Doch viele andere würden
zum Glauben an den auferstandenen Jesus kommen, ohne ihn äu-
ßerlich zu sehen. Der auferstandene Jesus blieb nur noch vierzig
Tage auf Erden, bevor er in den Himmel auffuhr. Er erweist sich
heute nicht mehr auf dieselbe Art und Weise, wie er sich den ers-
ten Aposteln und den Angehörigen des erweiterten Jüngerkreises,
den von Paulus erwähnten »mehr als fünfhundert Brüdern«
(1. Korinther 15,6), offenbarte. Dennoch erhält auch ihr Glau-
be das Prädikat »glückselig« (»Glückselig sind, die nicht gesehen
und doch geglaubt haben« [Johannes 20,29]).
Aber auf welcher Grundlage kommen sie zum Glauben? Stellt
dies nur einen Sprung ins Ungewisse dar? Weit gefehlt! V. 29
ist untrennbar mit V. 30-31 verbunden: »Auch viele andere Zei-

302
chen hat nun zwar Jesus vor den Jüngern getan, die nicht in die-
sem Buch geschrieben sind. Diese aber sind geschrieben, damit ihr
glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr
durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.« Mit anderen
Worten: Angehörige späterer Generationen kommen aufgrund
des geschichtlichen Zeugnisses dieser Vertreter der ersten Genera-
tion – darunter das des Thomas – zum Glauben. Nachdem er ge-
sehen hatte, glaubte er. All dies ist niedergeschrieben worden, da-
mit auch wir glauben. Hier wird demnach nicht nur die Wahrheit
der Auferstehung Jesu, sondern auch die Geschichtlichkeit die-
ser Wahrheit und die Notwendigkeit betont, dass diese Wahrheit
durch zuverlässige Zeugen bestätigt und in schriftlicher Form ge-
nau festgehalten werden muss.
Dieser Aspekt wird noch deutlicher, wenn wir über unsere
letzte Stelle nachdenken.
10. 1. Korinther 15. Unter dem Einfluss ihrer Kultur kam zu-
mindest für einige Christen in Korinth die Auffassung, dass es am
jüngsten Tag eine allgemeine Auferstehung aus den Toten geben
würde, nicht infrage. Sie standen der Unsterblichkeit positiv ge-
genüber, während eine Auferstehung für sie keinen Sinn ergab.
Würde man den Unglauben auf diesem Gebiet dulden, riefe dies
jedoch früher oder später Unglauben in Bezug auf die Auferste-
hung Jesu selbst hervor. Was würde dann mit dem Evangelium
geschehen?
Paulus arbeitet daher einige derjenigen Konsequenzen heraus,
die sich aus der Annahme ergeben, dass Jesus nicht aus den Toten
auferstanden sei (V. 12-19). Aus den von ihm aufgezählten Punk-
ten wählen wir vier aus:
a. Die Apostel und all die anderen Gläubigen der ersten Gene-
ration haben bezeugt, dass sie den auferstandenen Christus sahen
oder betasteten. Sie haben sogar mit ihm gegessen. Wäre dies nicht
der Fall gewesen, hätten sie sich als niederträchtige Schar falscher
Zeugen erwiesen. Entweder wären sie getäuscht worden, oder sie
hätten andere bewusst getäuscht – aber sie hätten sich als nicht
vertrauenswürdig herausgestellt, denn sie wären als »falsche Zeu-
gen Gottes« entlarvt worden (V. 15).

303
b. Das bedeutet, dass das Herzstück der frühchristlichen Pre-
digt falsch und inhaltslos gewesen wäre. Was die ersten Christen
verkündigten, wäre seines Inhalts beraubt worden. Dies würde
heißen, dass die Korinther noch in ihren Sünden wären (V. 17). Mit
anderen Worten: Paulus geht davon aus, dass die biblische Analy-
se des menschlichen Dilemmas weiterhin zutrifft. Weil aber unser
Sündenproblem nur durch Jesu Tod und seine Auferstehung gelöst
werden kann, ist die Feststellung bedeutsam, dass es keine Lösung
gibt, wenn die Auferstehung nicht stattgefunden hat. Dann wären
wir alle verdammt: Wir würden in unseren Sünden bleiben.
c. Weiterhin bedeutet dies, dass der Glaube der Korinther
»nichtig« wäre (V. 17). Anders ausgedrückt: Der Glaube der Ko-
rinther ist nur dann begründet, wenn sein Objekt (d.h. sein Glaubens-
gegenstand) wahr ist. Nirgendwo im Neuen Testament wird ein
Glaube anerkannt, dessen Objekt nicht der Wahrheit entspricht. Ja,
der neutestamentliche Glaube wird gestärkt, wenn die Stichhaltig-
keit des Glaubensgegenstands nachgewiesen und er durch Zeugen
untermauert wird. Außerdem erweist er sich dann als Ausdruck
göttlicher Offenbarung, ist unanfechtbar, echt, wahr. Ein solches
»Glaubensverständnis« steht im völligen Gegensatz zum Gebrauch
des Begriffs »Glauben« im größten Teil der westlichen Kultur.
d. Wir können an falsche Sachverhalte glauben, die zwar zu-
kunftsbezogen sind, aber lediglich für diese Welt gelten – nur so
lange, bis das Ende kommt und deren Unhaltbarkeit erweist. Da-
durch werden wir nicht zu Glaubenshelden, weil wir gegen die
Beweislage geglaubt, entgegen allen Hoffnungen gehofft und statt
ewigen Segnungen nur irdische empfangen haben. Ganz im Ge-
genteil: Ein derartiger kurzlebiger Wahn, fälschlicherweise als
»Glaube« bezeichnet, bedeutet, dass wir »die elendesten von allen
Menschen« sind (V. 19). Nach Ansicht des Paulus gibt es begriff-
lich keinen Spielraum für eine Haltung, der es egal ist, ob das Ob-
jekt ihres Glaubens wahr ist, solange sie unserer Meinung nach in
irgendeiner Weise Nutzen bringt.
Das Evangelium ist zutiefst und fest mit Wahrheiten – mit ver-
schiedenartigen Wahrheiten – verbunden. Unsere Fähigkeit, sol-
che Wahrheiten (wenn auch nie vollständig) zu erkennen und sie

304
zu befolgen, hängt von verschiedenen Faktoren ab: von der unmit-
telbaren Gottesoffenbarung (nicht zuletzt in Fragen, die das We-
sen und den Charakter Gottes betreffen), der Erleuchtung durch
seinen Geist und – für die zwangsläufigen geschichtlichen Aspekte
des Evangeliums – von Zeugen und den von ihnen hinterlassenen
Aufzeichnungen aus dem jeweiligen historischen Zeitraum. Und
wir erschließen einem solchen biblischen Glauben neue Bereiche,
indem wir ganz klar an den überzeugenden Beweisen festhalten,
die uns in Gottes Gnade gegeben wurden. An der gleichen Ver-
kündigung können aber auch einige, die uns hören, einfach An-
stoß nehmen – eben weil es die Wahrheit selbst ist, aufgrund derer
in den Herzen und Sinnen einiger Mitmenschen Unglauben her-
vorgerufen wird.

Überlegungen am Ende dieses Kapitels


Diese ohne viel Nachdenken herausgesuchten Bibelstellen be-
inhalten nur einen kleinen Bruchteil aller entsprechenden Schrift-
aussagen. Dennoch veranlassen schon diese uns dazu, an einen
berühmten Ausspruch von G.K. Chesterton über den Unglauben
unter den Intellektuellen seiner Zeit zu denken. Die Gründe, war-
um Menschen sich von der Wahrheit distanzieren, unterscheiden
sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts möglicherweise ein wenig
von denjenigen am Anfang des 20. Jahrhunderts. Dennoch sind
Chestertons Anmerkungen heute noch genauso relevant wie zu
der Zeit, da er sie niederschrieb:

»Woran wir aber heute kranken, ist Demut am falschen Fleck.


Die Bescheidenheit hat das Selbstbewusstsein freigegeben …
und sich stattdessen der Glaubenskraft bemächtigt, wo sie
doch nie etwas zu suchen hatte. Der Mensch sollte an sich
selbst zweifeln, aber nicht an der Wahrheit; dies hat sich genau
ins Gegenteil verkehrt. Wir sind auf dem Wege, eine Genera-
tion hervorzubringen, die geistig zu bescheiden ist, um an das
Einmaleins zu glauben.«310

310 G.K. Chesterton, Orthodoxy (Garden City: Doubleday, 1957), S. 31-32.

305
Eine biblische Betrachtung über
Wahrheit und Erfahrung

Ein großer Teil des in diesem Buch behandelten Themas könnte


als Debatte zwischen den Wahrheitsansprüchen und den auf Er-
fahrung beruhenden Ansprüchen umgearbeitet werden. Aus Sicht
der Emerging-Church-Bewegung erscheint der traditionelle Evan-
gelikalismus klar abgegrenzt und unnachgiebig zu sein, weil er
fortwährend in Wahrheitskategorien denkt und nicht erkennt, dass
die Erfahrung ihren berechtigten Platz hat – nicht zuletzt die Tat-
sache, dass die persönliche Erfahrung des Wissenden – ob Mann
oder Frau – eine Rolle dahin gehend spielt, was nach seiner An-
sicht Wahrheit ist. Aus der Perspektive des traditionellen Christen
ist der Christ der Emerging Church vielleicht so sehr neuen Erfah-
rungen und subjektiven Beurteilungen verhaftet, dass die Wahr-
heit leicht vernachlässigt werden kann.
Zweifellos eignen sich verschiedenartige Bezugnahmen auf
die Erfahrung dazu, die Wahrheit zu verzerren. Bei vielen Erwe-
ckungen – echten, von Gott ausgehenden Bewegungen – werden
letztendlich Prioritäten durcheinandergebracht, weil Christen an-
fangen, sich nach den damit verbundenen Erfahrungen statt nach
dem Evangelium und dem darin geoffenbarten Christus zu sehnen,
in dem sie allein Halt finden können. Sogar diejenigen Beobachter
der walisischen Erweckungsbewegung von 1904-1905, die sie am
positivsten darstellen, erkennen mit Bedauern an, dass sie leider
ins Stocken geriet, so beeindruckend ihr Anfang auch war.
Dennoch müssen wir sorgfältig vorgehen. Die Bibel selbst
nimmt in verschiedener Hinsicht auf Erfahrung Bezug. In Gala-
ter 3,1-5 tritt der Apostel Paulus Heidenchristen gegenüber, die zu
der Ansicht neigen, dass die Unterwerfung unter das mosaische
Gesetz sie zu besseren Christen werden lasse, ja, man möglicher-
weise gar erst aufgrund dessen ein wahrer Christ sein könne. Pau-
lus stellt ihnen eine Reihe von Fragen, die offensichtlich auf Erfah-
rungen abzielen: »Nur dies will ich von euch wissen: Habt ihr den

306
Geist aus Gesetzeswerken empfangen oder aus der Kunde des
Glaubens? Seid ihr so unverständig? Nachdem ihr im Geist ange-
fangen habt, wollt ihr jetzt im Fleisch vollenden? So Großes habt
ihr vergeblich erfahren? Wenn es wirklich vergeblich ist! Der euch
nun den Geist darreicht und Wunderwerke unter euch wirkt, tut
er es aus Gesetzeswerken oder aus der Kunde des Glaubens?«
Dies ist nicht die einzige Stelle, wo Paulus im Rahmen seiner
Beweisführung auf die Bekehrungserfahrung und die Verände-
rungen, die diese mit sich bringt, Bezug nehmen kann (z.B. 1. Ko-
rinther 6,11). An anderer Stelle betet er dafür, dass die Gläubigen
imstande sein mögen, die ungeheuer weiten Dimensionen der Lie-
be Gottes zu erfassen, ohne die es keine Reife gibt – und was ihm
dabei vorschwebt, ist sicherlich mehr als ein rein intellektuelles
Verständnis lehrmäßiger Formulierungen hinsichtlich der Lie-
be Gottes (Epheser 3,16-19). Und was sollen wir über die Psalmen
mit ihren immer wieder wechselnden Betrachtungen zur ganzen
Bandbreite menschlicher Erfahrung sagen, wozu Hoffnung, Ver-
zweiflung, Todesangst, Freundschaft, Anbetung, Liebe, Zorn, Ver-
rat und Staunen gehören?
Natürlich haben Wahrheit und Erfahrung nicht genau diesel-
be Grundlage. Die Wahrheit an sich kann – richtig verstanden – Er-
fahrung in den richtigen Zusammenhang stellen – nicht anders-
herum. Auf der anderen Seite kann Erfahrung uns veranlassen, un-
ser früheres Wahrheitsverständnis zu revidieren. Wahrheit wird in
der Bibel oft in Form von Lehrsätzen vermittelt (obwohl sie oft dar-
über hinausgeht). Doch wer Wahrheit nur im Sinne reiner Lehrsät-
ze kennt, ist nicht unbedingt errettet: Denken wir nur an den Teu-
fel selbst. Sowohl Wahrheit als auch Erfahrung können – wenn sie
in falscher Weise in unserem Leben wirken – verderblich sein. Die
Erinnerungen an unsere Erfahrungen können leicht zum Götzen
werden, sodass es notwendig ist, einige dieser Erinnerungen hinter
uns zu lassen (Philipper 3,13-14). Erkenntnis kann zu dem werden,
das aufbläht, während die Liebe erbaut (1. Korinther 8,1).
So könnte es hilfreich sein, dieses Buch zu beenden, indem
wir einen bestimmten Abschnitt Schritt für Schritt durchdenken,
in dem der auf Wahrheit und der auf Erfahrung gelegte Schwer-

307
punkt in bemerkenswerter Weise zusammenkommen. Wenn wir
diesen Abschnitt betrachtet haben, werden wir kurz überlegen,
welche Bedeutung der Abschnitt für die Emerging-Church-Bewe-
gung hat.

2. Petrus 1
1
Simon Petrus, Knecht und Apostel Jesu Christi, denen, die ei-
nen gleich kostbaren Glauben mit uns empfangen haben durch
die Gerechtigkeit unseres Gottes und Heilandes Jesus Chris-
tus:
2
Gnade und Friede werde euch immer reichlicher zuteil in der
Erkenntnis Gottes und Jesu, unseres Herrn!
3
Da seine göttliche Kraft uns alles zum Leben und zur Gott-
seligkeit geschenkt hat durch die Erkenntnis dessen, der uns
berufen hat durch seine eigene Herrlichkeit und Tugend,
4
durch die er uns die kostbaren und größten Verheißungen ge-
schenkt hat, damit ihr durch sie Teilhaber der göttlichen Natur
werdet, die ihr dem Verderben, das durch die Begierde in der
Welt ist, entflohen seid:
5
eben deshalb wendet aber auch allen Fleiß auf und reicht in
eurem Glauben die Tugend dar, in der Tugend aber die Er-
kenntnis, 6 in der Erkenntnis aber die Enthaltsamkeit, in der
Enthaltsamkeit aber das Ausharren, in dem Ausharren aber
die Gottseligkeit, 7 in der Gottseligkeit aber die Bruderliebe, in
der Bruderliebe aber die Liebe! 8 Denn wenn diese Dinge bei
euch vorhanden sind und zunehmen, lassen sie euch im Hin-
blick auf die Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus nicht trä-
ge und nicht fruchtleer sein. 9 Denn bei wem diese Dinge nicht
vorhanden sind, der ist blind, kurzsichtig und hat die Reini-
gung von seinen früheren Sünden vergessen.
10
Darum, Brüder, befleißigt euch umso mehr, eure Berufung
und Erwählung fest zu machen! Denn wenn ihr diese Dinge
tut, werdet ihr niemals straucheln. 11 Denn so wird euch reich-
lich gewährt werden der Eingang in das ewige Reich unseres
Herrn und Heilandes Jesus Christus.

308
12
Deshalb will ich Sorge tragen, euch immer an diese Dinge zu
erinnern, obwohl ihr sie wisst und in der bei euch vorhandenen
Wahrheit gestärkt seid. 13 Ich halte es aber für recht, solange ich
in diesem Zelt bin, euch durch Erinnerung aufzuwecken, 14 da
ich weiß, dass das Ablegen meines Zeltes bald geschieht, wie
auch unser Herr Jesus Christus mir kundgetan hat. 15 Ich werde
aber darauf bedacht sein, dass ihr auch nach meinem Abschied
jederzeit imstande seid, euch diese Dinge ins Gedächtnis zu ru-
fen.
16
Denn wir haben euch die Macht und Ankunft unseres Herrn
Jesus Christus kundgetan, nicht indem wir ausgeklügelten Fa-
beln folgten, sondern weil wir Augenzeugen seiner herrlichen
Größe gewesen sind. 17 Denn er empfing von Gott, dem Vater,
Ehre und Herrlichkeit, als von der erhabenen Herrlichkeit eine
solche Stimme an ihn erging: »Dies ist mein geliebter Sohn, an
dem ich Wohlgefallen gefunden habe.« 18 Und diese Stimme
hörten wir vom Himmel her ergehen, als wir mit ihm auf dem
heiligen Berg waren.
19
Und so besitzen wir das prophetische Wort umso fester, und
ihr tut gut, darauf zu achten als auf eine Lampe, die an einem
dunklen Ort leuchtet, bis der Tag anbricht und der Morgen-
stern in euren Herzen aufgeht, 20 indem ihr dies zuerst wisst,
dass keine Weissagung der Schrift aus eigener Deutung ge-
schieht. 21 Denn niemals wurde eine Weissagung durch den
Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern von Gott her
redeten Menschen, getrieben vom Heiligen Geist.

Wie fängt der Apostel an?


Petrus erwähnt nicht, wo die Leser leben, an die er sich wen-
det. Wenn er dieselben Leser im Blick hat, denen er seinen ersten
Brief schrieb (»den [Fremdlingen] von der Zerstreuung von Pon-
tus, Galatien, Kappadozien, Asien und Bithynien, die auserwählt
sind«), dann handelt es sich um diejenigen, die in einem großen
Teil der heutigen Türkei leben. Nach Kapitel 2 und 3 zu urteilen,
stehen sie in der Gefahr, durch Irrlehrer – insbesondere im Blick

309
auf gewisse Lehren bezüglich der Wiederkunft – verführt zu
werden.
Petrus stellt sich zunächst als Bekehrter vor: Er bezeichnet sich
als »Simon Petrus«. Dabei ist es ihm wichtig, sowohl seinen Na-
men vor seiner Begegnung mit Jesus als auch denjenigen Namen
zu nennen, den der Herr Jesus ihm gab. Zweitens stellt er sich als
»Knecht« vor und und bringt dadurch seine Verbundenheit mit
allen anderen Gotteskindern zum Ausdruck. Vielleicht hat es der
Apostel bis zu diesem Zeitpunkt seines Lebens verstanden, auf
dezente Weise sowohl wahrhaftig als auch demütig zu sein. Als er
nämlich die Ältesten anspricht, wendet er sich in ähnlicher Form
als »Mitältester« an sie (1. Petrus 5,1). Drittens stellt er sich als
»Apostel« vor, indem er seine Verbundenheit mit Jesus Christus
selbst bekundet.
Die Art und Weise, wie Petrus seine Leser anspricht, regt eben-
so zum Nachdenken an. Zunächst sind sie diejenigen, »die einen
gleich kostbaren Glauben mit uns empfangen haben durch die Ge-
rechtigkeit unseres Gottes« (2. Petrus 1,1). Die Wortwahl ist erstaun-
lich: Wir hätten vermutlich erwartet, dass Petrus sagt, Christen sei
dieser kostbare Glaube aufgrund der Barmherzigkeit Gottes oder
durch die Gnade Gottes (jeweils zutreffende Sachverhalte) zuge-
eignet worden. Hier sagt er jedoch, dass Christen diesen kostbaren
Glauben »durch die Gerechtigkeit unseres Gottes« empfangen ha-
ben. Dieser Sprachgebrauch erinnert in gewisser Weise an die ein-
leitenden Verse des 1. Johannesbriefs, wo wir erfahren, dass Gott
»treu und gerecht (ist), dass er uns die Sünden vergibt und uns rei-
nigt von jeder Ungerechtigkeit« (1,9). Wenn er uns die Sünden ver-
gibt und uns rettenden Glauben zueignet, dann ist Gott in sei-
ner Reinheit nicht nachlässig oder einfach nur nachsichtig, wie ir-
gendein gutmütiger Opa, der über die Widerspenstigkeit seiner
Enkelkinder ohne Weiteres hinwegsieht. Nein, er ist treu und ge-
recht, indem er ihnen vergibt, eben weil er »Jesus Christus, den Ge-
rechten« als »die Sühnung für unsere Sünden« (2,1-2) gegeben hat.
Zweitens bezeichnet Petrus seine Leser als diejenigen, »die ei-
nen gleich kostbaren Glauben mit uns empfangen haben durch
die Gerechtigkeit unseres Gottes und des Heilandes Jesus Christus«

310
(2. Petrus 1,1). Hier wird auf wunderbare Weise die Göttlichkeit
Jesu bestätigt. Doch darüber hinaus entspricht diese Wendung
dem Kontext des gesamten Briefes, der seine Leser wiederholt vor
Ausschweifung, Unmoral, Gottlosigkeit und Aufbegehren warnt.
Damit unterstreicht diese Wendung die Tatsache, dass Jesus, den
wir als unseren Herrn bekennen (wenn wir denn Christen sind),
Gott ist und sich als gerecht erweist. Gegen ihn gerichtete Rebellion
ist daher in doppelter Hinsicht töricht und gefährlich: Wie soll
man bestehen können, wenn man gegen Gott streitet? Und wie
sollen wir angesichts unserer Ungerechtigkeit ungestraft davon-
kommen, wenn »unser Gott und … Heiland Jesus Christus« ge-
recht ist?
Drittens sind die von Petrus Angesprochenen diejenigen, »die
einen gleich kostbaren Glauben mit uns empfangen haben durch die
Gerechtigkeit unseres Gottes und des Heilandes Jesus Christus«.
Bei diesem »Glauben« ist zweifellos sowohl der subjektive Glau-
bensakt als auch der Glaubensinhalt gemeint (wie in unserem
Ausdruck »der christliche Glaube«). Dabei ist die Art, wie Petrus in
Dankbarkeit und Ehrfurcht von diesem Glauben spricht, ein Vor-
bild für uns. Aber der Schwerpunkt des Ausdrucks liegt auf dem
inbegriffenen Gegensatz zwischen Petrus und seinen Lesern. Sei-
ne Leser haben einen gleich kostbaren Glauben empfangen (»ein
gleich kostbarer Glaube mit uns«): Mit großer Wahrscheinlichkeit
denkt Petrus hier an die Kluft zwischen Heiden und Juden. Als
Petrus seinerzeit zum Gebet auf das Dach eines Hauses in Joppe
hinaufstieg, war er aus innerem Antrieb heraus noch nicht bereit,
die Schranken zwischen den Volksgruppen niederzureißen (Apo-
stelgeschichte 10). Selbst als Petrus in Antiochien in Sichtweite des
Paulus tätig war und dort unter starken Druck der Judaisten ge-
riet, meinte er immer noch, dass es Anlässe gebe, bei denen die
Kluft zwischen Juden und Heiden aufrechterhalten werden müs-
se (Galater 2,11-14). In dieser Haltung hätte er kaum diesen Brief
schreiben können. Doch in der jetzigen Phase seines geistlichen
Reifeprozesses erkennt Petrus umfassend und freudig an, dass
der Glauben seiner (größtenteils nichtjüdischen) Leser genau-
so kostbar wie der seinige ist. Wenn Versöhnung mit dem leben-

311
digen Gott ausschließlich durch Jesus Christus zustande kommt,
dann hat Gott selbst »den Schuldschein gegen uns gelöscht, den
in Satzungen bestehenden … (er hat) ihn auch aus unserer Mit-
te fortgeschafft, indem er ihn ans Kreuz nagelte« (Kolosser 2,14),
wie Paulus es ausdrückte. »Herr Gorbatschow, reißen Sie diese
Mauer nieder«, rief der damalige US-Präsident Reagan aus. Doch
am Kreuz ist eine viel bedeutendere Mauer niedergerissen wor-
den, was dazu führte, dass Petrus in dieser Phase seines Lebens
zusammen mit Paulus sagen konnte: »Da ist weder Grieche noch
Jude, Beschneidung noch Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Skla-
ve, Freier, sondern Christus alles und in allen« (Kolosser 3,11).
»Gnade und Friede werde euch immer reichlicher zuteil«,
grüßt Petrus seine Leser (2. Petrus 1,2). Das Wortpaar »Gnade und
Friede« wurde in christlichen Grüßen oft gebraucht, wobei darin
alttestamentliche Sachverhalte anklingen: Gnade hängt mit Gottes
unverdienter Gunst im Rahmen der Bundesbestimmungen zu-
sammen, während Friede den Zustand ganzheitlichen Wohlbefin-
dens umfasst, der uns aufgrund der Gnade Gottes letztendlich zu-
geeignet wird. Mögen Gnade und Friede »euch immer reichlicher
zuteil[werden]«, schreibt Petrus. Anhand dessen wird deutlich:
Der Apostel betet für seine Leser darum, dass sie diese Segnungen
in vermehrtem Maße erfahren mögen (vgl. Philipper 1,9-11). Mögen
Gnade und Friede euch immer reichlicher zuteilwerden »in der
Erkenntnis Gottes und Jesu, unseres Herrn«. In dieser Formulie-
rung werden Gott und Jesus unterschieden, obwohl sie in V. 1 in-
nerhalb einer Wendung genannt werden. Doch das ist nebensäch-
lich. Alle Segnungen, die Petrus im Blick hat, werden uns von Gott
durch Jesus Christus zugeeignet.
Somit grüßt Petrus seine Leser, indem er andeutungsweise
das unumstößliche Evangelium vorstellt, das sie errettet hat und
dessen Macht sie immer mehr erfahren. Nun wendet er sich den
grundlegenden Ermahnungen zu, die sowohl auf Erfahrung als
auch auf Wahrheit gegründet sind.

312
Erfahrung
1. Unsere Erfahrungswirklichkeit ist auf Gottes umgestaltende
Kraft gegründet (1,3-4).
Es geht darum, dass derjenige, der uns beruft (ob nun Gott oder
Jesus), uns auch befähigt: »Da seine göttliche Kraft uns alles … ge-
schenkt hat« (V. 3). Es ist letztlich Gnade, die es schafft (vgl. Phi-
lipper 1,6). Gott gibt uns vielleicht nicht alles, wonach uns verlangt
oder was wir brauchen, um jedes erdenkliche Ziel zu erreichen. Er
schenkt uns jedoch alles, was wir »zum Leben und zur Gottselig-
keit« benötigen (V. 3). Wenn Sie ein Neurochirurg, ein Discjockey
oder ein Milliardär werden wollen, kann es sein, dass Gott Ihnen
nicht alles dazu Erforderliche gibt. Sie können aber auch alles un-
ter dem Blickwinkel sehen, dass das, was von allergrößter Bedeu-
tung ist, bis in die Ewigkeit hineinragt. Dann ist ewiges Leben und
Gottseligkeit das, was Sie am dringendsten brauchen. Angesichts
dessen wird uns die Zusicherung gegeben, dass Gott uns alles ge-
geben hat, was wir »zum Leben und zur Gottseligkeit« benötigen.
Im Grunde genommen sind diese Dinge mit dem Evangelium
selbst verbunden. Anders ausgedrückt: Sie werden uns zugeeignet
»in der Erkenntnis dessen, der uns berufen hat« (V. 3). Und wie
hat er uns berufen? Er hat uns »durch seine eigene Herrlichkeit
und Tugend« (o. »Güte«; vgl. auch »Neue Evangelistische Über-
setzung«) berufen. Obwohl uns diese Kombination zunächst ein
wenig seltsam vorkommen mag, gibt es in der früheren biblischen
Geschichte herausragende Beispiele dafür. Nach dem Vorfall mit
dem Goldenen Kalb (2. Mose 32) betete Mose, dass Gott ihm sei-
ne Herrlichkeit zeigen möge (2. Mose 33,18). Gott erwiderte: »Ich
werde all meine Güte an deinem Angesicht vorübergehen lassen«
(33,19). Doch damit erfolgt kein Themenwechsel: Im nächsten Ka-
pitel finden wir Mose, wie er vom Felsen aus eine Ahnung von der
vorüberziehenden Herrlichkeit Gottes bekam und neue Gesetzes-
tafeln als Ausdruck der Güte Gottes empfing.
Das Johannesevangelium greift dasselbe, aus zwei Aspekten
bestehende Thema auf. Immer wieder wird uns gesagt, dass Je-
sus gegenüber seinen Jüngern seine Herrlichkeit geoffenbart hat

313
– nicht zuletzt durch seine »Zeichen« (z.B. Johannes 2,11). Doch
letztendlich offenbarte Jesus seine Herrlichkeit in der Verabscheu-
ungswürdigkeit und Schande des Kreuzes, dem größtmöglichen
Erweis der Güte Gottes. In den synoptischen Evangelien lässt Je-
sus bei seiner Verklärung etwas vom unverhüllten Glanz seiner
Herrlichkeit erkennen, verdeutlicht dann aber, dass sein Ziel un-
verrückbar im Kreuzes- und Auferstehungsgeschehen besteht.
Petrus war nur einer unter drei Aposteln, welche die Verklä-
rung miterlebten. Es sollte uns nicht überraschen, dass für ihn
»Herrlichkeit« ein wichtiges Thema blieb: Das Wort wird zehn-
mal im 1. Petrusbrief und viermal im 2. Petrusbrief gebraucht, wo-
bei das vorliegende Kapitel unmittelbar auf die Verklärung an-
spielt (2. Petrus 1,16). Doch Petrus ist ebenso ein unvergleichlicher
Kreuzestheologe, indem er mit besonderem Nachdruck sowohl
die theologischen als auch die ethischen Dimensionen des Todes
Christi erkennen lässt (siehe besonders 1. Petrus 2,19-25). Das hier
mit »Tugend« wiedergegebene Wort erinnert in diesem Zusam-
menhang von der Bedeutung her an »moralische Erhabenheit«.
Dabei betont Petrus, dass wir durch die Herrlichkeit und Tugend
dessen berufen worden sind, dessen Ruf uns galt. (Erneut sei an-
gemerkt: Es ist keineswegs sicher, dass Petrus an diesem Punkt
zwischen Gott und Jesus unterscheiden will.)
Vielleicht waren Sie schon einmal an Bemühungen beteiligt,
das Evangelium Menschen zu bringen, die noch nie davon ge-
hört haben. Dann können Sie bezeugen, was das praktisch bedeu-
tet. Gott hat sich in Christus Jesus in großer Herrlichkeit und mo-
ralischer Vortrefflichkeit geoffenbart: In Bezug auf Christus gibt
es etwas so Anziehendes, dass sich Menschen von dem abwen-
den, was sie zuvor abgehalten hat: Sie werden zu seiner Herrlich-
keit und moralischen Erhabenheit hingezogen. Ich erinnere mich
an einen pakistanischen Muslim, der das Johannesevangelium im-
mer wieder las. Dabei sann er über die ganze Bedeutung dessen
nach, was im Prolog nachdrücklich hervorgehoben wird: Christus
Jesus, das fleischgewordene Wort, war »voller Gnade und Wahr-
heit« (Johannes 1,14). Ich entsinne mich an die Bekehrung eines
Iraners, der zunächst eine Gideon-Bibel aus einem Hotelzimmer

314
gestohlen hatte. Später las er die Evangelien – und zwar immer
wieder, von dieser Person – Jesus – völlig ergriffen. Gott beruft sei-
ne Leute »durch seine eigene Herrlichkeit und Tugend«, die sich
vor allem in der Herrlichkeit und moralischen Erhabenheit seines
Sohnes offenbart.
Ja, dadurch – d.h. durch seine Herrlichkeit und moralische Er-
habenheit – hat »er uns die kostbaren und größten Verheißungen
geschenkt« (2. Petrus 1,4). Worin bestehen diese Verheißungen?
Nach dem Kontext müssen es Evangeliumsverheißungen sein, also
Verheißungen, die ihren Ursprung in der guten Nachricht haben.
Immerhin ist uns ja schon die Gerechtigkeit unseres Gottes und
Heilandes Jesus Christus vorgestellt worden – ein Sachverhalt
also, durch den wir einen kostbaren Glauben empfangen haben
(V. 1). Wir haben bereits erfahren, dass uns alles, was wir zum Le-
ben und zur Gottseligkeit brauchen, geschenkt worden ist – und
zwar durch die Erkenntnis dessen, der uns berufen hat (V. 3). Und
jetzt wird uns die Zusicherung gegeben, dass uns diese »kost-
baren und größten Verheißungen« zugeeignet worden sind, damit
(»auf dass«: vgl. z.B. nicht revidierte Elberfelder und Luther ’56)
wir durch diese Verheißungen »Teilhaber der göttlichen Natur«
werden, die wir »dem Verderben, das durch die Begierde in der
Welt ist, entflohen« sind (V. 4).
Die Versprechen, die in der Welt gegeben werden, sind besten-
falls von vergänglichem Wert. Wenn Sie hart arbeiten, werden Sie
Erfolg haben. Wenn Sie treu sind, wird Ihre Familie Bestand ha-
ben. Wenn Sie sparen, werden Sie im Alter über genügend Rück-
lagen verfügen. Wenn Sie für die entsprechende Aufmerksamkeit
sorgen – ob nun durch Meisterleistungen, edle Taten oder Skan-
dale –, werden Sie berühmt werden. Doch wir alle wissen, dass
diese Versprechen häufig nicht eingehalten werden. Wenn Sie
hart arbeiten, können Sie vielleicht erfolgreich sein. Oder aber Sie
werden entlassen, bekommen Krebs, sterben jung bzw. werden
bei einem Jagdunfall tödlich verletzt. Wenn Sie treu sind, wird
Ihre Familie Bestand haben – solange natürlich Ihr Partner nicht
untreu wird oder Ihre Kinder nicht auf die schiefe Bahn geraten
und Ihnen unaufhörlichen Schmerz bereiten. Oder Sie leben zu-

315
fällig in einer Region der Welt, die durch Kriegshandlungen und
Stammeskonflikte verheert wird. Und selbst wenn diese Ver-
heißungen Wirklichkeit werden, sind sie bestenfalls zeitlich be-
grenzt. Die Reichen und Schönen auf den Fußballplätzen, den
Laufstegen und den Leinwänden unserer Zeit werden allesamt
sterben. Wenn sie nicht vorzeitig aus dem Leben scheiden, ster-
ben sie an Altersschwäche, vielleicht ausgemergelt, unter irgend-
welchen Schmerzen oder unter dem Einfluss von Betäubungsmit-
teln, sodass sie das Geschehen um sie herum kaum noch wahr-
nehmen. Gemessen an der Ewigkeit haben die Versprechungen
der Welt nicht lange Bestand.
Im Gegensatz dazu sind die Verheißungen, die Gott in der
Schrift gibt, inhaltsreich und beständig. Jahrhunderte vor Chris-
tus hat Gott verheißen, einen neuen Bund mit seinem Volk zu
schließen (Jeremia 31,31-34; Hesekiel 36,25-27), und er hielt sei-
ne Zusage. Jesus hat seinen Jüngern »Ruhe« verheißen. Er mein-
te damit nicht nur das Wohlergehen, das Gläubige jetzt genießen,
und die »Ruhe« von ihren Werken (Hebräer 4,1-13), sondern die
endgültige Ruhe des neuen Himmels und der neuen Erde. Jesus
hat verheißen, dass er hingehen werde, um den Seinen eine Stät-
te zu bereiten. Er hat die Zusage gegeben, sie am Ende zu sich zu
nehmen, damit auch sie für immer dort sind, wo er ist (Johannes
14,1-4). Er hat verheißen, dass er seine Gemeinde bauen wür-
de. Dieses Vorhaben verfolgte er mit einem solchen Nachdruck
und einer solchen Bestimmtheit, dass die Pforten des Totenreichs
sie nicht würden überwältigen können (Matthäus 16,17-19). Je-
sus hat die Zusage gegeben, uns seinen Geist zu hinterlassen (Jo-
hannes 14,15-27; 15,26-27), und er hat Wort gehalten. Er verheißt,
bis zur Vollendung des Zeitalters bei uns zu sein (z.B. Matthäus
28,20). Gott verheißt uns, uns in der Versuchung nicht mehr auf-
zuerlegen, als wir tragen können (1. Korinther 10,13). Er sagt uns
das Auferstehungsleben am Jüngsten Tag zu (1. Korinther 15).
Schließlich gibt er die Verheißung, sein Werk in uns zu vollenden
(Philipper 1,6).
Diese und zahlreiche andere Evangeliumsverheißungen sind
euch gegeben worden, sagt Petrus seinen Lesern, damit »ihr durch

316
sie Teilhaber der göttlichen Natur werdet, die ihr dem Verderben,
das durch die Begierde in der Welt ist, entflohen seid« (2. Petrus
1,4). Manche denken, sie würden Teilhaber der göttlichen Natur
dadurch, dass sie Mantras singen, Gesetze befolgen, ganz in der
Natur aufgehen oder mystische Erfahrungen sammeln. Doch Pe-
trus betont nachdrücklich, dass Christen aufgrund der Evangeliums-
verheißungen an der göttlichen Natur Anteil haben. Unsere Hoff-
nung ruht letztlich auf Verheißungen – Verheißungen, die man
verstehen und denen man vertrauen soll, weil Gott sie gegeben
hat und seine Autorität sowie Souveränität ihnen zugrunde liegt.
Wer behauptet, den Inhalt dieser Verheißungen nicht zu kennen,
wäre über alle Maßen töricht. Dies gilt genauso für denjenigen,
der behauptet, sie zu kennen, ihnen aber nicht vertraut, oder (bes-
ser ausgedrückt) der sie zu kennen meint und dem nicht vertraut,
der sie gegeben hat.
An dieser entscheidenden Stelle müssen wir demnach fragen,
was Petrus meint, wenn er von Teilhabe an der göttlichen Natur
spricht. Da ebendiese Wendung nur hier im Neuen Testament
vorkommt, können wir nicht darangehen, eine Liste von Stellen
nachzuschlagen, in denen diese Worte anderenorts auftauchen.
Dies würde es uns ermöglichen, besser zu verstehen, was da-
mit gemeint ist. Sie können unmöglich bedeuten, dass wir Men-
schen zu Göttern werden – mit all den Eigenschaften und Merk-
malen des Gottes der Bibel: Alt- und neutestamentliche Schreiber
gleichermaßen würden bei einer solchen Anregung vor Schrecken
vergehen, weil sie die Einzigartigkeit Gottes so sehr hervorheben.
Auch kann damit nicht gemeint sein, dass wir einfach irgendwie
in Gott aufgehen müssten. Diese Vorstellung passt besser zum
Pantheismus als zu jenem Gottesbild, das in der Bibel dargelegt
wird. Auf diese Stelle wird häufig von den orthodoxen Kirchen
Bezug genommen, denen diese Teilhabe an der göttlichen Natur
sehr wichtig ist, indem sie darin mehr einen Zweck der Mensch-
werdung Jesu als des Kreuzesgeschehens sieht.
Dennoch gibt es mehrere Aspekte, die uns helfen, das von Pe-
trus Beabsichtigte zumindest etwas genauer zu verstehen. Zu-
nächst ist der entsprechende Gedanke eng mit moralischer Um-

317
gestaltung verbunden. Das Ziel heißt, »Teilhaber der göttlichen
Natur« zu werden, nachdem »ihr dem Verderben, das durch die
Begierde in der Welt ist, entflohen seid« (V. 4). Wir müssen uns na-
türlich von Gott umgestalten lassen, um dem Verderben in dieser
Welt zu entrinnen. Genauso richtig ist jedoch die – auch hier ge-
machte – Feststellung, dass wir nur dann an der göttlichen Natur
umfassend Anteil haben, wenn wir dem durch unsere Begierden
verursachten Verderben in der Welt entrinnen.
Obwohl keine andere Stelle im Neuen Testament genau die-
selbe Formulierung aufweist, gibt es zweitens eine ganze Reihe
von Aussagen, die sich mit ähnlichen Themen befassen. Wir wer-
den Kinder Gottes nicht durch einen menschlichen Zeugungs-
akt, sondern durch Wiedergeburt – dadurch, dass wir an Christus
glauben bzw. ihn aufnehmen (Johannes 1,12-13). Diese neue Ge-
burt wird uns später als ein aus zwei Schritten bestehender Vor-
gang erklärt: sowohl als Reinigung als auch als Annahme des Le-
bens aus Gott durch den Geist Gottes (Johannes 3,3.5; mit Wor-
ten, die Hesekiel 36 und anderen Stellen entlehnt sind). In seinem
ersten Brief hat Petrus selbst dankbar und deutlich die Wieder-
geburt herausgestellt (1. Petrus 1,3). In der Nacht, da er verraten
wurde, betete der Herr Jesus zu seinem himmlischen Vater. Da-
bei bat er darum, dass seine Jünger so vollendet würden, dass sie
eins werden – in einer Einheit, die dem Einssein von Vater und
Sohn sehr nahekommt. Was könnte ein stärkeres Zeichen für die
Teilhabe an der göttlichen Natur sein als dieser Sachverhalt (Jo-
hannes 17,20-26)?
Wenn wir drittens anfangen, an der göttlichen Natur teilzuha-
ben, sollten wir uns am besten daran erinnern, dass Jesus Christus
– Gott und Mensch zugleich – uns diese »Teilhabe« an ihm auf vie-
len Ebenen sogar befiehlt. An anderer Stelle erwähnt Petrus selbst
die Folge der Tatsache, dass wir an den Leiden Christi Anteil ha-
ben: »… damit ihr euch auch in der Offenbarung seiner Herrlich-
keit jubelnd freut« (1. Petrus 4,13; vgl. Philipper 3,10-12).
Mit anderen Worten: Hier ist nicht daran gedacht, dem mensch-
lichen Dasein zu entfliehen, sondern daran, sich durch die Kraft
Gottes, das Leben aus Gott, die göttliche, gottgemäße Natur um-

318
gestalten zu lassen. Und in dem Maße, wie wir – aus Gnaden – der
Sünde entrinnen, prägt die Tatsache, dass wir Teilhaber der gött-
lichen Natur sind, umso mehr unser Wesen. Gottes Kraft hat uns
alles gegeben, was wir zum Leben und zur Gottseligkeit brauchen
(2. Petrus 1,3), und tatsächlich sind wir aufgrund der kostbaren
und größten Verheißungen Gottes zu solch einem Leben berufen
worden. Dadurch haben wir Anteil an der göttlichen Natur, nach-
dem wir dem Verderben entflohen sind, das infolge unserer eige-
nen Begierde in der Welt vorherrscht.
Ich könnte Ihnen zur Freude viele wunderbare Bekehrungs-
berichte erzählen. Ich kenne einen Kanadier, der bis Mitte dreißig
mehr Zeit im Gefängnis als außerhalb verbracht hatte, und er ver-
diente jede ihm auferlegte Strafe – und noch einiges mehr. Aber
dann bekehrte er sich und wurde umgestaltet. Nach seiner Entlas-
sung fing er an, die Bibel zu lesen und zu studieren sowie Zeugnis
zu geben und mit anderen Christen geistlich zu wachsen. Schließ-
lich besuchte er ein Bibelseminar. Später wollte er einen Dienst in
Übersee aufnehmen, benötigte dafür aber einen Pass. Daher bat er
die kanadische Regierung um eine Begnadigung durch die Queen
– und bekam sie erstaunlicherweise. Die meiste Zeit seines wei-
teren Lebens verbrachte er im Dienst in Lateinamerika, wobei sich
sein Dienst zum großen Teil auf Insassen der schlimmsten dor-
tigen Gefängnisse konzentrierte.
Ich könnte Ihnen von einem Hockeyspieler erzählen, der un-
ter der Zulassung des Herrn dreimal einen Knöchelbruch erleiden
musste, bevor er vor diesem Herrn seine Knie beugte. Sein Leben
wurde umgestaltet, wobei er ca. 50 Jahre in einem Kulturgrenzen
überschreitenden Dienst tätig war.
Ich könnte Ihnen von den Bergarbeitern in Wales erzählen, die
durch die Kraft des Evangeliums in der Zeit der walisischen Erwe-
ckung (1904-1905) umgestaltet wurden. Daraufhin entledigten sie
sich eines Drittels ihres Wortschatzes, was dazu führte, dass die
Grubenponys die Bergleute nicht mehr verstehen konnten, weil
sie zuvor nur Flüche ausgestoßen und ordinäre Ausdrücke ge-
braucht hatten, als sie die Ponys antrieben.
Das Evangelium ist machtvoll, es gestaltet uns um, weil Gott

319
uns alles gegeben hat, was wir brauchen. Und wenn wir uns von
den Fallstricken der Sünden abwenden, dann haben wir vollen
Anteil an der göttlichen Natur. Hier wird demnach auf Erfah-
rung Bezug genommen, aber ebenso an etwas erinnert: Wenn sich
die Leser des Petrus – und damit auch wir – über solche Erfah-
rungen gefreut haben und erwarten, dass sie noch umfassender
Teilhaber der göttlichen Natur werden, ist dies in Gottes umge-
staltender Kraft begründet. Dies ist das erste Argument, das Pe-
trus vorbringt: Die Realität unserer Erfahrung ist auf Gottes um-
gestaltende Kraft gegründet.
2. Unsere Erfahrungswirklichkeit wird durch geistliches
Wachstum und geistliche Fruchtbarkeit bezeugt (1,5-8).
»Deshalb« – d.h., weil Gott uns alles zu einem gottgefälligen
Leben Erforderliche gegeben hat, sagt Petrus: »Wendet aber auch
allen Fleiß auf«, um eurer Bewährung eine lange Abfolge von Tu-
genden hinzuzufügen (V. 5-7). Verwendet jedes Quäntchen eurer
Kraft darauf (»wendet … allen Fleiß auf«), um in bestimmten, klar
umrissenen, gottgemäßen Verhaltensweisen erfahrungsmäßig zu
wachsen. Aufgrund der Argumentationskette des Petrus müssen
wir dreierlei sagen.
Erstens gehört dieser Vers zu jenen zahlreichen Bibelstellen, in
denen Gottes Werk in uns und für uns ein Anreiz ist, sich nach
Kräften zu bemühen, in der Gottseligkeit und im Gehorsam ge-
genüber Christus zu wachsen. Mit anderen Worten: Der beherr-
schende biblische Grundsatz ist weder »Loslassen und es Gott
überlassen« noch »Gott hat sein Teil getan, jetzt kommt es nur noch
auf dich an«, sondern vielmehr folgendermaßen: »Weil Gott sein
machtvolles Werk in euch vollbringt, müsst ihr euch alle Mühe ge-
ben.« An anderer Stelle ermahnt der Apostel Paulus die Philipper,
ihr »Heil mit Furcht und Zittern (zu bewirken), denn Gott ist es,
der in euch wirkt, sowohl das Wollen als auch das Wirken zu sei-
nem Wohlgefallen« (Philipper 2,12-13). So auch hier: Gott hat uns
alles zu einem gottgefälligen Leben Notwendige zugeeignet (ein-
schließlich der kostbaren Verheißungen und der Teilhabe an der
göttlichen Natur). Aus genau diesem Grund sollen wir allen Fleiß
aufwenden.

320
Zweitens ist die Abfolge von Tugenden, die wir im Glauben
darreichen und mit denen wir die Pilgerschaft als Christen begin-
nen sollen, faszinierend und tiefgründig:
a. Im Glauben müssen wir die Tugend darreichen – d.h. Unbe-
scholtenheit bzw. moralische Vortrefflichkeit.
b. In der Tugend müssen wir die Erkenntnis darreichen – nicht
nur wertfreies, rein intellektuelles Wissen, sondern jenes Erkennt-
nisgut, das moralisches Unterscheidungsvermögen ermöglicht
und dessen Früchte hervorbringt.
c. In der Erkenntnis müssen wir die Enthaltsamkeit darreichen –
nicht nur auf solchen Gebieten wie Sexualität, Essen und Trinken,
sondern auch in jedem anderen Lebensbereich. Dazu gehört unser
Reden, unser Temperament, unser Umgang mit der Zeit und un-
sere Vergötzung der Arbeit. »Denn Gott hat uns nicht einen Geist
der Furchtsamkeit gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und
der Zucht« (2. Timotheus 1,7).
d. In der Enthaltsamkeit müssen wir das Ausharren darreichen
– nicht nur Geduld mit dem Unterton passiven Erduldens, son-
dern auch die Entschlossenheit als aktiv Handelnde, die ständig
vorwärtsschreiten und sich von Schwierigkeiten, Tränen, aufbe-
gehrenden Menschen oder Rückschlägen nicht beeindrucken las-
sen. Im tiefsten Grunde geben Christen nie auf (vgl. Markus 13,13;
Römer 5,1-3; 8,31-39; Kolosser 1,21-23; Hebräer 3,14; Offenbarung
2-3).
e. Im Ausharren müssen wir die Gottseligkeit darreichen. Natür-
lich umfasst sie Ehrfurcht vor Gott, erschöpft sich darin aber nicht.
Sie beinhaltet ein Bewusstsein dafür, dass Gott in allen Lebensbe-
reichen da ist, woraus sich ein Verhalten ergibt, das bewusst mit
der Gegenwart Gottes rechnet. Heute könnten wir von einer Hal-
tung sprechen, die Gott im Mittelpunkt sieht.
f. In der Gottseligkeit müssen wir die Bruderliebe darreichen.
Diese Jüngerschaftsauffassung hat nichts gemeinsam mit dem
Mythos vom »Einzelgänger«, sondern ist in die Familie der Got-
teskinder eingebettet (vgl. Hebräer 13,1; 1. Petrus 1,22; 1. Johannes
4,20).
g. In der Bruderliebe müssen wir die Liebe zu allen Menschen

321
darreichen. Ja, die größte der drei Kardinaltugenden – Glaube,
Hoffnung und Liebe – ist die Liebe (1. Korinther 13,13), denn von
diesen drei Tugenden umfasst nur die Liebe eine grundlegende
Eigenschaft von Gott selbst.
Alle diese »Darreichungen« entspringen dem Glauben am An-
fang unseres neuen Lebens, wobei wir uns bestmöglich bemühen
müssen, damit sie bei uns zu finden sind.
Drittens sind die Darreichungen kein Selbstzweck. »Denn
wenn diese Dinge bei euch vorhanden sind und zunehmen, las-
sen sie euch im Hinblick auf die Erkenntnis unseres Herrn Jesus
Christus nicht träge und nicht fruchtleer sein« (2. Petrus 1,8). Mit
anderen Worten: Je mehr wir diese aufgeführten Tugenden ent-
falten, desto wirksamer und fruchtbarer werden wir im Dienst.
Dadurch wird die Christuserkenntnis des Gläubigen »befruch-
tet«. (Mir gefällt dieses altertümliche Wort, das wir wieder öfter
gebrauchen sollten, weil »befruchten« im übertragenen Sinne mit
»Frucht bringen« zu tun hat.)
Dies also ist die zweite Bezugnahme auf Erfahrung, die Petrus
vorbringt: Unsere Erfahrungswirklichkeit wird durch geistliches
Wachstum und geistliche Fruchtbarkeit bezeugt.
3. Unsere Erfahrungswirklichkeit wird durch unser un-
ermüdliches Durchhalten bestätigt (1,9-11).
Stellen Sie sich vor, dass jemand nicht nach den in den vor-
herigen Versen aufgezählten Eigenschaften strebt. Was bedeutet
das? Petrus sagt uns dazu Folgendes: »Bei wem diese Dinge nicht
vorhanden sind, der ist blind, kurzsichtig und hat die Reinigung
von seinen früheren Sünden vergessen« (V. 9). Wer es ganz ge-
nau nimmt, könnte meiner Ansicht nach fragen: »Was denn nun
– kurzsichtig oder blind?« Doch offensichtlich sind beide Aus-
drücke sinnbildlich gemeint, wobei jeder einzelne einen Aspekt
verdeutlicht, der sich vom jeweils anderen ein wenig unterschei-
det.
Wer in diesem Zusammenhang kurzsichtig ist, strebt nicht nach
diesen Tugenden: Ihm gelingt es nicht, das Evangelium ganz klar
zu sehen. Er hat das Gespür für das rechte Verhältnis verloren. Er
erkennt nicht, wie sich die Dinge in der weiten Vorausschau bzw.

322
in Zukunft mittel- und langfristig gestalten. Er hat sich törichter-
weise auf das unmittelbar vor ihm Liegende konzentriert und da-
bei die ausdrückliche Anweisung des Herrn Jesus Christus miss-
achtet (Matthäus 6,19-21).
Wer blind ist, nimmt die Wirklichkeit überhaupt nicht wahr.
Die Gefahren der Kurzsichtigkeit und moralischen Blindheit
im Blick auf das Evangelium sind handfester Art. Den angemes-
senen Ansatz finden wir im nächsten Vers: »Darum, Brüder, beflei-
ßigt euch umso mehr, eure Berufung und Erwählung fest zu ma-
chen« (2. Petrus 1,10). Gott beruft uns und gibt uns alles, was wir
brauchen (V. 3). Aber Gottes Berufung und Fürsorge werden aufs
Neue zu einem Anreiz, alle Anstrengungen zu unternehmen: In
diesem Fall zielen die Bemühungen darauf ab, die »Berufung und
Erwählung fest zu machen«. Wahre Berufung und wahre Erwäh-
lung wird dadurch fest gemacht, dass der Charakter des Betref-
fenden umgestaltet wird. Sie erweist sich nicht nur im Glauben,
sondern auch in der Tugend, der Erkenntnis, der Enthaltsamkeit,
dem Ausharren, der Gottseligkeit, der Bruderliebe und Liebe zu
allen Menschen (vgl. z.B. Luther ’84). »Denn wenn ihr diese Din-
ge tut, werdet ihr niemals straucheln. Denn so wird euch reichlich
gewährt werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn
und Heilandes Jesus Christus« (V. 10-11). Die Alternative besteht
im Abirren, wodurch wir erkennen lassen, dass wir niemals rich-
tig dem Volk Gottes angehört haben, obwohl es anfangs so schei-
nen mochte (1. Johannes 2,19).
Indem wir also allen Fleiß aufwenden, um in unserem Glauben
die von Petrus beschriebenen Eigenschaften darzureichen, machen
wir unsere Berufung und Erwählung fest – wobei dies zu Wachs-
tum sowie Standfestigkeit des Christen (»ihr … werdet niemals
straucheln«) und dazu führt, dass uns ein reichlicher Eingang in
das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus ge-
währt wird.
Kurz gesagt: Unsere Erfahrungswirklichkeit wird durch unser
unermüdliches Durchhalten bestätigt.
Zusammengefasst sei gesagt, dass die Realität unserer Erfah-
rung als Christen auf Gottes umgestaltende Kraft gegründet ist,

323
durch geistliches Wachstum und geistliche Fruchtbarkeit bezeugt
und durch unser unermüdliches Durchhalten bestätigt wird.
Doch wenn Petrus auf die Erfahrung seiner Leser Bezug nimmt,
bezieht er sich genauso auf die Wahrheit selbst.

Wahrheit
1. Unser Vertrauen in die Wahrheit gewinnt durch fortwährende
Erinnerung eine feste Grundlage (1,12-15).
Die Tatsache, dass Petrus all diese Ermahnungen seinen Lesern
weitergegeben und von der ihnen geltenden, gnadenreichen Be-
rufung sowie Erwählung Gottes gesprochen hat, bedeutet nicht,
dass er seiner Ansicht nach etwas vollkommen Neues sagt. Weit
gefehlt! Er weiß, dass es zu seinem Dienst gehört, Christen daran
zu erinnern, was ihnen bereits bekannt ist. »Deshalb will ich Sorge
tragen, euch immer an diese Dinge zu erinnern«, schreibt er, »ob-
wohl ihr sie wisst und in der bei euch vorhandenen Wahrheit ge-
stärkt seid« (V. 12). Ja, Petrus spürt eine besondere Dringlichkeit,
diese Dinge immer wieder zu wiederholen, denn er weiß, dass ihm
nicht mehr sehr viel Zeit bleibt: »Ich halte es aber für recht, solan-
ge ich in diesem Zelt bin, euch durch Erinnerung aufzuwecken, da
ich weiß, dass das Ablegen meines Zeltes bald geschieht, wie auch
unser Herr Jesus Christus mir kundgetan hat« (V. 13-14). Der letz-
te Satz spielt zweifellos auf die Gespräche an, die in Johannes 21
berichtet werden (vgl. insbesondere V. 18-19). Überdies ist Petrus
der Wichtigkeit des Wiederholens und der Rückschau derart ver-
pflichtet, dass er sogar Vorkehrungen getroffen hat, damit beides
nach seinem Abscheiden weitergeht: »Ich werde aber darauf be-
dacht sein, dass ihr auch nach meinem Abschied jederzeit imstan-
de seid, euch diese Dinge ins Gedächtnis zu rufen« (V. 15).
Aufgrund dieser Schwerpunktsetzung müssen wir zweierlei
feststellen.
a. Es lohnt sich, einige Dinge zu wiederholen; einige Sachver-
halte lernt man erst dann gut, wenn man sie fortwährend wie-
derholt. Das gilt z.B. beim Erlernen einer Sprache, insbesondere
im Anfangsstadium. Daran müssen leitende christliche Mit-

324
arbeiter denken. Wir mögen uns nur ungern mit irgendeinem
grundlegenden christlichen Thema beschäftigen, weil wir viel-
leicht denken, dass dies ein alter Hut sei. Wir stellen vielleicht
fest, dass wir auf der Jagd nach neuartigen oder gar geheimnis-
vollen Dingen sind. Doch die wichtigsten Sachverhalte müssen
wir wiederholen. Hier findet sich auch die Bedeutung des Aus-
wendiglernens (oder, wie die Bibel es ausdrückt, die Bedeutung
dessen, dass man Gottes Wort in seinem Herzen verwahrt – sie-
he Psalm 119,11). Die Stärke des christlichen Festkalenders be-
steht darin, dass positive Sachverhalte mittels regelmäßiger Er-
innerung immer wieder bedacht werden. Heutzutage sind wir so
auf das Neue aus, dass mittlerweile sogar in die Krippenspiele
unserer Kinder Weltraumbesucher und Raumschiffe einbezogen
werden, während immer weniger Menschen wissen, was bei je-
nem ersten Weihnachtsfest vor zweitausend Jahren wirklich ge-
schah. Dies bedeutet natürlich keineswegs, dass wir unsere Leh-
re auf langweilige Art vermitteln sollten. Ein sachkundiger Ver-
kündiger und Lehrer versteht es immer besser, alte Sachverhalte
auf eine Weise zu vermitteln, dass sie den Anschein des Neuen
haben. Doch bei weisen Verkündigern und Lehrern ist Wieder-
holung planmäßig vorgesehen.
b. Es geht um etwas, was die Leser des Petrus bereits kennen
und worin sie gefestigt (vgl. Anmerkung der Revidierten Elber-
felder) werden sollen – etwas, zu dessen Wiederholung sich Petrus
verpflichtet weiß. Es ist »die … Wahrheit« (2. Petrus 1,12). Zur Auf-
gabe jedes christlichen Lehrers – ob im Unterricht an einem theo-
logischen Seminar oder in der Sonntagsschule – gehört es, das We-
sen christlicher Wahrheit zu erfassen und es immer wieder zu ver-
mitteln. Ja, wir gehen davon aus, dass in all den Jahrhunderten die
Hörer der christlichen Botschaft verschiedene Sprachen gespro-
chen, in verschiedenen Kulturkreisen gelebt und jeweils ihr kultu-
relles Gepäck mitgebracht haben, als es darum ging, die Schrift zu
verstehen und anzuwenden. Dennoch gibt es Inhaltliches, das wir
vielleicht in wesentlichen Punkten kennen und zu dessen Wieder-
holung wir verpflichtet sind. Gemessen an der Argumentations-
kette hält Petrus daran fest, dass genau aufgrund solcher Wieder-

325
holungen der Grundlagen des christlichen Glaubens seine Leser
ermutigt werden, »allen Fleiß« aufzuwenden, um bestimmte Ei-
genschaften in ihrem Glauben darzureichen und ihre Berufung
sowie Erwählung fest zu machen (V. 5.10). Ebenso ist er dem An-
liegen verpflichtet, »darauf bedacht (zu) sein«, in dieser Lehre zu
verharren und sie unablässig zu wiederholen (V. 15).
2. Unser Vertrauen in die Wahrheit ist auf das historische
Zeugnis gegründet (1,16-18).
Petrus gibt weitere Gedanken zur Wahrheit des Evangeliums
weiter. Diese Wahrheit wurde den Angehörigen der ersten Chris-
tengeneration nicht als philosophisches System, sondern als Kom-
plex geschichtlicher Ereignisse vorgestellt. Diese Ereignisse haben
tatsächlich stattgefunden; in diesem Sinne sind die Berichte, die
davon handeln, wahr. Das will Petrus verdeutlichen:

»Denn wir haben euch die Macht und Ankunft unseres Herrn
Jesus Christus kundgetan, nicht indem wir ausgeklügelten Fa-
beln folgten, sondern weil wir Augenzeugen seiner herrlichen
Größe gewesen sind. Denn er empfing von Gott, dem Vater,
Ehre und Herrlichkeit, als von der erhabenen Herrlichkeit eine
solche Stimme an ihn erging: ›Dies ist mein geliebter Sohn,
an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.‹ Und diese Stimme
hörten wir vom Himmel her ergehen, als wir mit ihm auf dem
heiligen Berg waren« (V. 16-18).

Offenkundig bezieht sich Petrus auf das, was er sah, als Jesus ver-
klärt wurde. Möglicherweise richtet er seine Aufmerksamkeit auf
jenes besondere Ereignis, weil es in gewisser Hinsicht auf mehrere
Wendepunkte in der Heilsgeschichte verweist.
a. Die Verklärung weist auf die Menschwerdung zurück: In ge-
wisser Weise ermöglichte sie es Petrus, Jakobus und Johannes, an-
satzweise einen Aspekt der wahren Herrlichkeit Christi zu sehen,
die jetzt aufgrund seiner Menschengestalt verhüllt war.
b. Sie weist auf Jesu Tod und Auferstehung voraus. Als Sohn
kommt Jesus, um den Willen seines Vaters auszuführen: Darin be-
steht sein Auftrag. Die auf dem Berg sichtbare Herrlichkeit nimmt

326
die Herrlichkeit des leeren Grabes und der anschließenden Him-
melfahrt vorweg.
c. Sie weist voraus auf die Wiederkunft, die Erscheinung Jesu
ganz am Ende aller Geschichte. Dann wird er in unverhüllter Herr-
lichkeit erscheinen und die Vollendung herbeiführen.
Die entscheidende Feststellung besteht darin, dass die Leser
des Petrus nach dessen Willen verstehen sollen, dass das von ihm
Beobachtete wirklich geschehen ist. Was er sagt, ist die Wahrheit. Pe-
trus möchte, dass Menschen bestimmte Sachverhalte glauben so-
wie sich in einer bestimmten Art und Weise verhalten. Dies ist
nicht einfach darin begründet, dass sie einer Bekenntnisgemein-
schaft angehören, dass dies gut für sie ist oder dass dies zufällig
ihrem speziellen geistlichen Überlieferungsgut entspricht, sondern
weil es die Wahrheit ist. Was wir im 1. Korintherbrief gesehen haben
(im vorherigen Kapitel kurz behandelt), gilt auch hier: Christlicher
Glaube und Lebenswandel ist in der Wahrheit gegründet. Der
Glaube gewinnt seine Festigkeit dadurch, dass Menschen sich von
der Wahrheit überzeugen, die geoffenbart werden soll. Die histo-
rischen Aspekte des christlichen Glaubens hängen von der Wahr-
haftigkeit der ersten Zeugen und ihrer Berichte ab. Somit ist unser
Vertrauen im geschichtlich überlieferten Zeugnis verankert.
3. Unser Vertrauen in die Wahrheit ist auf biblische Offen-
barung gegründet (1,19-21).
Petrus schreibt: »Und so besitzen wir das prophetische Wort
umso fester311, und ihr tut gut, darauf zu achten« (V. 19). Wir wol-
len darauf achtgeben »als auf eine Lampe, die an einem dunklen
Ort leuchtet, bis der Tag anbricht und der Morgenstern in euren

311 In einigen Übersetzungen wird das Original folgendermaßen wiedergege-


ben: »Wir besitzen aber das prophetische Wort als ein völlig zuverlässiges Gut.«
Diese Wiedergabe ist der Variante »wir (besitzen) das prophetische Wort umso fes-
ter« (vgl. Revidierte Elberfelder) vorzuziehen, denn der Kontext zeigt: Dies bedeu-
tet nicht, dass das prophetische Wort von seinem Wesen her ungewiss war und
dann durch die Verklärung sowie andere spätere Offenbarungsereignisse auf ir-
gendeine Weise »gewisser« gemacht wurde. Vielmehr ist daran gedacht, dass das
prophetische Wort in der Schrift gewiss ist, aber all seine späteren, von den Apo-
steln bezeugten Erfüllungen lassen seine Vollmacht und Wahrhaftigkeit umso of-
fenkundiger werden. Wir Christen gewinnen in dem Maße, wie wir die Erfüllung
dieses Wortes miterleben, immer größere Gewissheit bezüglich seiner Wahrhaftig-
keit und Zuverlässigkeit.

327
Herzen aufgeht«. Diese anschauliche Sprache bedeutet in diesem
Kontext vermutlich, dass uns gleichsam ein Licht aufgeht und
die Finsternis verschwindet, wenn wir auf das prophetische Wort
achten (hier ist vor allem an die alttestamentlichen Propheten ge-
dacht). Wenn wir der Schrift Beachtung schenken, erleuchtet sie
uns und vertreibt die Finsternis. Dann verinnerlichen wir die in
ihr vermittelten Wahrheiten und Werte sowie ihre Wegweisung
– kurz gesagt, das darin geoffenbarte Evangelium, das uns um-
gestaltet. Genau darum betete Jesus in der Nacht, da er verraten
wurde (Johannes 17,17).
Wir können darauf vertrauen, dass die Apostel hinsichtlich der
von ihnen bezeugten Dinge die Wahrheit sagten (2. Petrus 1,16-
18). Das Gleiche gilt für die alttestamentlichen Propheten, die ent-
sprechende Sachverhalte nicht einfach durch die kulturelle Brille
ihrer Zeit gesehen haben. Zwar redeten die Propheten im Kontext
derjenigen Sprache und Kultur, in der sie verwurzelt waren. Gott
überwachte jedoch den gesamten Vorgang dahin gehend, dass das,
was sie niederschrieben, letztlich von Gott selbst kam. »… indem
ihr dies zuerst wisst, dass keine Weissagung der Schrift aus eigener
Deutung geschieht. Denn niemals wurde eine Weissagung durch
den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern von Gott her
redeten Menschen, getrieben vom Heiligen Geist« (V. 20-21).
Unser Vertrauen in die Wahrheit ist auf biblische Offenbarung
gegründet.

Abschließende Überlegungen
Wofür also sollen wir uns entscheiden?
Erfahrung oder Wahrheit? Die linke Tragfläche eines Flug-
zeugs oder die rechte? Liebe oder Lauterkeit? Bibelstudium oder
Dienst? Evangelisation oder Jüngerschaft? Die Vorderräder eines
Autos oder sein Heck? Subjektive Erkenntnis oder objektive Er-
kenntnis? Glaube oder Gehorsam?
Mögen alle falschen Antithesen zuschanden werden, weil sie
falsche Gottesbilder erzeugen, an Götzen festhalten sowie unse-
re Seele in die Irre führen und auf Abwege bringen. Infolgedes-

328
sen schlägt das Pendel in der Christenheit derart heftig aus, dass
dies lediglich dazu führt, Brüder und Schwestern in Christus von-
einander zu trennen.
Die Wahrheit besteht darin, dass Jesus Christus der Herr aller
Dinge ist – sowohl der Wahrheit als auch unserer Erfahrung. Die
Bibel betont nachdrücklich, dass wir jeden Gedanken unter den
Gehorsam Christi gefangen nehmen (2. Korinther 10,5).
Möglicherweise wollen führende Vertreter der Emerging
Church auf lange Sicht eindringliche Mahner werden, die blei-
bende Frucht hervorbringen und die nicht in ein fortschreitendes
Sektierertum und schlimmstenfalls gar in die völlige Irrlehre ab-
gleiten. Wenn dem so ist, müssen sie den Kritikern ihrer Bewe-
gung zumindest genauso gut zuhören, wie sie dies offensichtlich
von denen erwarten, die ihnen Gehör schenken. Mehr als bisher
müssen sie sich zum sorgfältigen Studium der Schrift und Theolo-
gie Zeit nehmen, selbst wenn ihnen das einige derjenigen Stunden
kostet, die sie dem Versuch gewidmet haben, die Kultur ihres Um-
felds zu verstehen. Sie müssen sich sehr bemühen, geschichtliche
und theologische Sachverhalte gleichermaßen nicht zu verzerren.
Dabei dürfen sie ihre Gegner nicht karikieren und sich keiner ma-
nipulativen Mittel bedienen. Und vor allem müssen sie sich alle
begrifflichen Formen der Schrift mit der ihr eigenen Ausgewogen-
heit und Stimmigkeit zu eigen machen. Dazu gehören – wie wir
im vorhergehenden Kapitel gesehen haben – die biblischen Aus-
sagen über Wahrheit, menschliche Erkenntnis und damit zusam-
menhängende Fragen.
Hoffentlich gelingt ihnen diese Selbstkorrektur, indem sie sich
weniger Gedanken darüber machen, wer ein »Aufbruchschrist«
ist und wer nicht. Vielmehr sollten sie sich überlegen, wie man
es lernt, bibeltreu zu sein und gleichzeitig auf wirksame Weise die
immer größer werdende Schar der dem Christsein Entfremdeten
in unserer Kultur zu evangelisieren, die keinerlei Bibelkenntnisse
mehr haben. Wenn dies gelingt, können sie letztendlich die Vor-
teile ihrer Bewegung bewahren, während sie zugleich kulturell
konservativer eingestellten Glaubensgeschwistern helfen, einen
erneuten Zugang zu der sie umgebenden Kultur zu finden.

329
Wolfgang Nestvogel
Evangelisation in der Postmoderne

160 Seiten, Paperback


ISBN 978-3-89397-968-4

Jede Generation von Christen ist neu herausgefordert, das ewige


Evangelium zu ihren jeweiligen Zeitgenossen zu bringen. Darum
müssen wir beide Seiten präzise verstehen: Das Evangelium darf
nicht verkürzt werden – und an dem Adressaten soll nicht vorbei-
geredet werden. Wie kann dieser Brückenschlag heute unter den
Bedingungen der sogenannten »Postmoderne« gelingen?
Der Autor belegt, dass manche evangelistische Konzepte – wie
zum Beispiel ProChrist – sich mehr als Produkt denn als Überwin-
dung der Postmoderne erweisen. Aber er bleibt nicht bei der Kri-
tik stehen.
Der letzte Teil beschreibt Perspektiven und Wege, die zu einer
offensiven Evangelisationspraxis ermutigen und verpflichten.
John F. MacArthur
Es ist nicht alles Gold was glänzt

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In einem Zeitalter der Aufgeschlossenheit und Toleranz akzeptie-


ren viele Gläubige immer mehr mit immer weniger Einsicht: Das
Resultat ist ein großes Durcheinander und falsche Kompromisse.
Doch Gottes Wort warnt uns davor, dass nicht alles, was glänzt,
Gold ist. Falsche Meinungen gibt es auf jedem Gebiet, und die
Versuchung, ihnen zu erliegen, ist groß. Wir sind aufgerufen, Tra-
ditionen und Trends anhand der Bibel zu prüfen, um festzustel-
len, was echt und was falsch ist.
John MacArthur und die anderen Autoren dieses Buches defi-
nieren die Grundregeln biblischer Einsicht und verwenden sie,
um einige aktuelle Strömungen in der evangelikalen Welt anzu-
sprechen (z.B. werden einige der christlichen Bestseller wie John
Eldredge, »Der ungezähmte Mann«, oder Rick Warren, »Leben mit
Vision«, behandelt). Es ist die Aufgabe jedes Christen – eben nicht
nur der Prediger oder Ältesten –, dem biblischen Befehl zu folgen
und festzuhalten, was gut ist, sowie abzuweisen, was falsch ist.
Gregory A. Pritchard
Willow Creek – die Kirche der Zukunft?

320 Seiten, Paperback


ISBN 978-3-89397-262-3

Willow Creek – die »Kirche für Distanzierte« – wird als vielleicht


einflussreichste Gemeinde der Welt bezeichnet und findet auch in
Deutschland immer mehr Anklang.
Die hier vorliegende sachlich-nüchterne Analyse dieser neuen
Welle basiert auf einer einjährigen Vor-Ort-Beobachtung, unzäh-
ligen Interviews und ausführlichen Recherchen vonseiten des
Autors.
Die ersten zwei Drittel beschränken sich auf eine beschreibende
Darstellung von Willow Creek und seiner Methode; das letzte
Drittel bietet eine tief gehende biblische Beurteilung. Neben vie-
lem Guten und Vorbildlichen zeigt der Autor auch eine Fülle von
bedenklichen, teils sogar erschreckenden Kritikpunkten auf.
Jacob G. Fijnvandraat / Alexander Seibel
Gefährliche Risiken und Nebenwirkungen

128 Seiten, Paperback


ISBN 978-3-86699-204-7

»Was die (biblische) Lehre betrifft, haben wir gesehen, dass die
Zeit besonderer Zeichen vorbei ist, ja, dass wir in der Endzeit be-
sondere Zeichen von Satan zu erwarten haben, die so listig getarnt
und vorgetragen werden, dass, wenn möglich, selbst viele Gläu-
bige dadurch verführt werden«, warnte der bekannte Autor und
Bibellehrer W.J. Ouweneel in seinem 1978 erschienenen Buch »Het
domein van de slang« (»Der Herrschaftsbereich der Schlange«).
Was ist passiert, dass diese mit Nachdruck vertretenen Überzeu-
gungen ins Wanken gerieten? Wie konnte es geschehen, dass aus
dem, der so eindringlich vor diesen Gefahren warnte, selbst ein
»Wunderheiler« geworden ist? Nun ist es sicher richtig, eigene
Überzeugungen kritisch hinterfragen zu lassen und zu ändern –
vorausgesetzt, es gibt klare und biblische Argumente dafür. Doch
hat W.J. Ouweneel diese wirklich? Und was ist mit den vielen um-
strittenen Wunderheilern, die zu Glaubenshelden erklärt wurden?
Dieser Frage geht A. Seibel im ersten Teil des Buches nach, wäh-
rend J.G. Fijnvandraat – der viele Jahre mit Ouweneel zusammen-
arbeitete – die einzelnen Kapitel des umstrittenen Buches »Heilt
die Kranken!« durchgeht und die theologischen Begründungen
im Licht der Heiligen Schrift beurteilt.
William MacDonald
Kommentar zum Alten Testament

1184 Seiten, Hardcover


ISBN 978-3-89397-657-7

Bei diesem Kommentar geht es dem bekannten Autor vor allem


darum, Zusammenhänge der Schrift zu verdeutlichen, die Gedan-
ken Gottes darzulegen und so Auslegung mit Auferbauung zu
verbinden. Daher sind die Ausführungen stets praxisbezogen und
erfrischend zu lesen.
Schwierige Bibelstellen werden nicht einfach übergangen, sondern
ausführlich erklärt, und wichtige Themen in Exkursen behandelt.
Mit Ausnahme der Psalmen, der Sprüche und des Buches Pre-
diger werden die Bücher des Alten Testaments in der Regel ab-
schnittweise behandelt und nicht Vers für Vers.
Die Kommentare zum Text werden durch praktische Anwen-
dungen geistlicher Wahrheiten und, wo angemessen, durch typo-
logische Studien ergänzt.
Abschnitte, die auf den kommenden Erlöser hinweisen, werden
hervorgehoben und eingehender behandelt.
Die Psalmen, die Sprüche und das Buch Prediger werden Vers für
Vers behandelt, zum einen, weil sie sich nicht leicht zusammen-
fassen lassen, zum anderen, weil die meisten Gläubigen sie einge-
hender studieren möchten.
William MacDonald
Kommentar zum Neuen Testament

1488 Seiten, Paperback


ISBN 978-3-89397-378-1

Bei diesem Vers-für-Vers-Kommentar geht es dem bekannten Au-


tor vor allem darum, die Person Jesu Christi großzumachen, Zu-
sammenhänge der Schrift zu verdeutlichen, die Gedanken Gottes
darzulegen und so Auslegung mit Auferbauung zu verbinden. Da-
her sind die Ausführungen stets praxisbezogen und erfrischend
zu lesen.
Schwierige Bibelstellen werden nicht einfach übergangen, sondern
ausführlich erklärt, und wichtige Themen in Exkursen behandelt.
William MacDonald
Seiner Spur folgen Anleitung zur Jüngerschaft

432 Seiten, Paperback


ISBN 978-3-89397-988-2

»Seiner Spur folgen« ist das Vermächtnis eines Mannes, der mehr
als 50 Jahre lang gelebt und gelehrt hat, was ihm so sehr am Her-
zen lag: Jünger Jesu werden und Ihm nachfolgen!
William MacDonald, der am 25.12.2007 das Ziel seines Lebens er-
reichte, hat in über 80 Publikationen vermittelt, was ihm beim Stu-
dium des Wortes Gottes wichtig wurde. In seinem lebendigen,
aber doch leicht verständlichen Sprach-Stil forderte er unermüd-
lich dazu auf, mit ganzem Herzen und ganzer Hingabe den Fuß-
spuren dessen zu folgen, der sein Leben für uns gab.
In diesem Handbuch, das eine Fülle von hilfreichen Ratschlägen
und Anleitungen enthält, werden alle Aspekte der Jüngerschaft
und Nachfolge beleuchtet. Es geht um Themen wie: »Die revolu-
tionären Lehren Jesu«, »Nur das Beste für Gott«, »Die Herausfor-
derung persönlicher Evangelisation«, »In Reinheit leben«, »Die
tägliche Zeit mit Jesus« …
Ein sehr wertvolles, umfassendes Werk sowohl für solche, die
Jünger werden wollen, als auch für jene, die andere zur Jünger-
schaft anleiten möchten.