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Leseprobe aus Das Fundament 4/2002

War Mose ein Analphabet?


Die Entstehung des Alphabets, der ersten Schriftdokumente
und der Bibel
Vortrag von Dr. Martin Heide, Germering, vom Regionaltreffen Böblingen am 23.2.2
002
(Anmerkung: Den Vortrag einschl. der genannten Abbildungen können Sie beziehen b
eim DCTB)
Schrift entsteht im Gefolge von Hochkulturen . Diese können dort entstehen, wo - zu
mindest wirtschaftlich gesehen - durch die natürlichen Gegebenheiten so viel Mit
tel des natürlichen Lebens ( Lebensmittel , Kleidung etc.) produziert werden, dass m
an dazu übergehen kann, die Arbeit aufzuteilen. Sind zum Beispiel in primitiven
Kulturen alle Menschen mit Ackerbau und Jagd beschäftigt, so braucht dieses in e
iner Hochkultur nur noch ein bestimmter Prozentsatz zu tun, etwa die Hälfte oder
sogar nur ein Drittel. Die Felder bzw. Viehherden werfen jedenfalls auch dann g
enügend Nahrung für alle ab, wenn sich nur ein Teil der Bevölkerung darum kümmer
t.
Die übrigen Arbeitskräfte verdienen dann ihren Lebensunterhalt anders: mit Arbei
ten, die nicht zu den unmittelbar lebensnotwendigen Dingen gehören, aber in jede
r Gesellschaft gern gesehen sind. Aus Zelten werden anspruchsvolle Holz- und Leh
mbauten, aus einfachen Altären große Tempel, die von Ingenieuren entworfen werde
n müssen. Aus einfachen Kleidern werden kostbare, mit Gold- und Purpur durchwirk
te Gewänder (dafür muss der Schneiderberuf geschaffen und erlernt werden). Schli
eßlich hat man auch einen Bedarf an Edelmetallen - welche Dame schmückt sich nic
ht gerne mit Gold, Silber oder Edelsteinen? Und immer nur Haferflocken oder Rogg
enbrot spricht auch nicht gerade für Lebensqualität; zuerst auf Eseln und Kamele
n, dann auch auf Schiffen werden bessere, schönere oder exotischere Nahrungsmitt
el, Kleider, Edelsteine, Baumaterialien und anderes mehr herbeigebracht, um die
materiellen Bedürfnisse einer immer größer werdenden und anspruchsvolleren Gesel
lschaft zu decken. Und Verwaltungsbeamte müssen beschäftigt werden, damit die öf
fentlichen Einrichtungen - Straßenbau, Bewässerungsanlagen und so weiter - funkt
ionieren.
Die ersten Hochkulturen dieser Art finden wir in der Andenregion, in Mittelameri
ka, in Nordchina, im Niltal und im fruchtbaren Halbmond , der Gegend zwischen dem E
uphrat und Tigris bis hin zum damaligen Kanaan, dem heutigen Israel und Palästin
a. Dort, im fruchtbaren Halbmond, entstanden die ersten großen Hochkulturen und
die frühesten und am besten erforschten, etwa um die Zeit 3200 vor Christus. Inz
wischen gibt man die Zeit noch etwas früher an: für Mesopotamien ist 3300 vor Ch
ristus als wahrscheinlich anzusetzen. Nach den Grabungsergebnissen hat sich dort
sehr schnell eine Hochkultur entwickelt.

Schriftentstehung
Es gibt keine Evolution von einer primitiven zu einer Hochkultur. Diese ist plöt
zlich da. Bei archäologischen Grabungen in Ägypten staunt man, dass man bei Ausg
rabungen plötzlich auf die ägyptische Hochkultur mit ihren Tempeln, Pyramiden, P
haraonen und ihrer Hieroglyphenschrift stößt. Niemand kann das erklären. Ebenso
ist es in Mesopotamien. Da kann man ganz plötzlich ab etwa 3000 vor Christus nur
noch die weitere Entwicklung einer Hochkultur verfolgen. Dinge des täglichen Le
bens sind auf einmal selbstverständlich, und man betreibt Welthandel mit den Mit
telmeergebieten.
Aber wozu benötigt eine hochstehende Kultur die Schrift oder, genauer gesagt, di
e schriftliche Fixierung der Sprache? Nehmen wir an, ein Viehhändler erwirbt 100
Schafe in einer benachbarten Siedlung und bezahlt sie mit dem damals noch üblic
hen Zahlungsmittel, nämlich Gerste. Kurze Zeit später erscheint der Verkäufer, v
on dem er die Schafe erworben hatte, und beschuldigt ihn: Du hast mir 100 Schafe
gestohlen . Wie kann er nun beweisen, dass er sie doch gekauft hat? Oder der Bürge
rmeister der Stadt wundert sich plötzlich: Woher hat er denn die 100 Schafe?
Außerdem mussten die Bürger schon sehr früh für die öffentlichen Bauten wie Stad
tmauern, Straßen, Tempel, Polizei und anderes mehr Abgaben zahlen - wie konnten
sie beweisen, dass sie diese Abgaben schon bezahlt hatten? Man benötigte für sol
che Käufe und Verkäufe Zeugen. Das war solange kein Problem, wie die Kultur und
ihr geographischer Bereich relativ klein waren.
Aber Zeugen kann man ja nicht überallhin mitnehmen; sie sind auch nicht ständig
verfügbar und können lügen, bestochen werden oder sterben. Und so kam man zuerst
im alten Mesopotamien, genauer im südlichen Zweistromland, auf die Idee, einen
Verkauf oder Kauf durch eine Urkunde zu dokumentieren. Nach allem, was man aus d
en archäologischen Funden rekonstruieren kann, sahen diese Urkunden um 3200 vor Ch
ristus, also vor etwa 5200 Jahren, zunächst so aus, wie sie die Abbildung 1 zeig
t.
Diese fünf Zählsteine verwendete man als Stellvertreter oder tokens (amerik. Begri
ff) für zu registrierende Güter. Die Steine (2 x 1,5cm) haben kleine Löcher und
waren wahrscheinlich durch eine Schnur verbunden. Der Beamte oder Kaufmann, der
für einen Warentransport zuständig war, trug diese Steine an einer Schnur aufger
eiht bei sich. Die Form der Zählsteine gab über den Gegenstand Aufschluss, ob es
sich etwa um Vieh, Wolle oder Oliven handelte (manchmal schwierig zu identifizi
eren), die eingeritzten Striche bezeichneten die Anzahl der gelieferten Gegenstä
nde. Bei der Übergabe der Handelsware wurden diese Zählsteine sozusagen als Besi
tzurkunde dem Empfänger übergeben.
In der Tonkugel von Abbildung 2 waren Zählsteine ohne Löcher; außen wurde an Han
d von Einkerbungen das angegeben, was drinnen war - eben die Zählsteine. Zusätzl
ich wurde die Tonkugel mit Rollsiegeln versehen, also versiegelt. Dieses System
einer doppelten Urkunde, auf der also sowohl durch die Kerben außen als auch inn
en durch die Zählsteine ablesbar war, um welches Geschäft es ging, wurde bis in
viel spätere Zeiten aufrechterhalten. In unserer Zeit ist dies vergleichbar mit
dem Besitz von Fahrzeugschein und KFZ-Brief.
Auch für das Verschließen aller möglicher Gefäße verwendete man Siegel. Damit ko
nnte der Besitzer den Inhalt geheim halten oder ein unbefugtes Verändern verhind
ern. Man bedeckte zum Beispiel ein Steingefäß mit einer Lehmschicht, auf die man
sogar mehrere Siegelungen aufbringen konnte. In ähnlicher Weise hat man auch di
e abgebildete Kugel mit den Zählsteinen darinnen von außen versiegelt.
Aus dem Steine-in-der-Kugel-und-außen-Kerben -System entwickelte man bald eine vere
infachte Methode. Statt dass man mit Kerben von außen auf den Inhalt der Kugel h
inwies und in ihrem Inneren Zählsteine die Warenmenge angaben, was natürlich seh
r urkundensicher war, hat man einfach eine flache Tontafel genommen, oben auf ih
r die Kerben angebracht und sie dann mit Stempelsiegeln versehen. Da die Kerben
aber nicht die Art der Gegenstände verraten, hat der mesopotamische Händler dies
e Tafel wohl unmittelbar mit der Ware zusammen übergeben.
In dieser Zeit trifft man noch häufiger Tafeln an, auf denen nicht nur die Anzah
l der gehandelten Gegenstände eingekerbt, sondern diese mit feinen Bildzeichen s
elbst dargestellt waren (Abbildung 3). Diese Tontafel sollte einen Verkaufsvorga
ng beschreiben. Zwar war das kein doppeltes Urkundensystem mehr, aber dafür eine
Art Kunstwerk. Man musste zu einem öffentlich anerkannten Schreiber gehen, um e
ine solche Urkunde anfertigen zu lassen, und der Schreiber beziehungsweise das K
unstwerk bürgte für die Echtheit. Es ging im Vorfeld der Schrift um Dokumentatio
n von Tausch- oder Handelsvorgängen.

Schriftentwicklung
Allmählich wurden die Zahlen durch abstrakte Keile ersetzt. Zuerst waren diese n
och als tokens im Lehm eingedrückt, dann aber machten auch die tokens -Eindrücke völl
ig abstrakten Keilen Platz. Man hat die Keile nicht mehr auf den Ton gemalt, son
dern in den Ton eingedrückt. Schließlich hat man die kunstvollen Keile digitalisi
ert , nämlich immer mehr abstrahiert.
Bei den Babyloniern gab es sehr viel Lehm. Daraus fertigte man Tafeln, und auf d
iese wurden die Keile eingedrückt. Ein geübter Schreiber konnte das sehr schnell
. Anfangs konnte man nur Urkunden fertigen, später aber hat man das immer weiter
verfeinert. Nicht nur Verkaufsvorgänge, sondern auch anderes wurde aufgeschrieb
en. Man kann anhand der archäologischen Funde verfolgen, wie sich die Keilschrif
t innerhalb kürzester Zeit entwickelt hat.
In der neuassyrischen Schrift gibt es zum Beispiel ganze Feldzugsberichte der as
syrischen und babylonischen Könige, auch darüber, wie sie Israel besiegt haben.
Nur wenig bekannt ist: Fast alle jüdischen Könige sind von den Assyrern und Baby
loniern irgendwann erwähnt worden.
Die Abbildung 4 zeigt für die Schriftentwicklung in einem Zeitraum von etwa 2000
Jahren sechs Zeitabschnitte:
um 3000 v.Chr. bestand die piktographische oder bildzeichenhafte Phase.
2800 v.Chr. man verwendet kleinere Tafeln; die Bilder sind leichter in den Ton z
u ritzen, wenn sie um 90° gedreht werden.
2800-2600 v.Chr. zunehmende Abstrahierung findet statt, wie bei Mund oder Fisch .
2600-2200 v.Chr. ist die Zeit des klassischen Sumerisch.
2100-1700 v.Chr. ist die Zeit des Königs Hammurapi; hier die Schrift seiner Gese
tzestexte.
1000-700 v.Chr. hier ist die Zeit der neuassyrischen Schrift.
Einerseits haben sich also die Bilder abstrahiert, andererseits aber auch die Be
deutungen. Anfangs malte man einen Fisch und las auch Fisch = cha . Später schrieb man
nur noch cha und las auch nur noch cha . Das bedeutete nicht mehr Fisch , sondern war n
r noch eine bestimmte Silbe. Wasser hieß früher a , nachher stellte dieses Zeichen nu
r noch der Vokal a dar, den man benutzte, um neue Wörter zu kreieren. Die Keilschr
ift hat sich im zweiten Jahrtausend im ganzen Alten Orient durchgesetzt. Zuerst
haben die Sumerer diese Schrift erfunden und für ihre agglutinierende Sprache ve
rwendet. Dann haben die Babylonier dieselbe Schrift für ihren ganz anderen Sprac
htypus (semitisch) verwendet, ebenfalls die Assyrer. Sogar die Hethiter schriebe
n ihre indogermanische Sprache in Keilschrift. Das lag vor allem an ihren Vortei
len: Durch die Handhabung des Keils funktionierte das Schreiben ähnlich wie eine S
chreibmaschine; sie war schnell einzudrücken - auch Abstraktes konnte festgehalt
en werden; sie war mit billigem Material möglich und trotzdem dokumentenecht und
langlebig.
Etwas problematisch ist bei dieser Silbenschrift, dass man bis an die 500 Zeiche
n für die volle Ausschöpfung der Sprache benötigt; für den Alltags-Sprachgebrauc
h sind etwa 170 Zeichen nötig. Auch ist die Silbenschrift mehrdeutig; einer Silb
e oder einem Wortzeichen können bis zu 20 Bedeutungen unterliegen. Nur ein geübt
er Schreiber hat die Schrift beherrscht. Auch das Entziffern hat sehr viel Mühe
gekostet. Das hat ein Gymnasiallehrer in Deutschland geschafft, dessen Hobby es
war, Kreuzworträtsel zu lösen. Er hat angefangen mit einer Gedenktafel des König
s Darius, die in babylonisch, elamitisch und persisch auf einem Felsen geschrieb
en worden war. Aber nachher brauchte man noch viele Jahre, um alle Feinheiten he
rauszubekommen.

Ein Schritt zurück


Die älteste Hochkultur, die schon im dritten Jahrtausend eine Schriftkultur entw
ickelte, die fast 3000 Jahre andauern sollte, entstand also im Zweistromland, zw
ischen Euphrat und Tigris. Das ist dem Bibelleser nichts Neues, denn er liest: Un
d Kusch zeugte Nimrod; der war der erste Gewaltige auf der Erde. Er war ein gewa
ltiger Jäger vor dem HERRN; darum sagt man: Wie Nimrod, ein gewaltiger Jäger vor
dem HERRN! Und der Anfang seines Königreiches war Babel und Erech und Akkad und
Kalne im Land Schinear. Von diesem Land zog er aus nach Assur und baute Ninive
und Rehobot-Ir und Kelach und Resen zwischen Ninive und Kelach: das ist die groß
e Stadt (1. Mose 10, 8 - 12).
Nimrod baute Städte, und die frühe Hochkultur, in der diese Schrift entstand, wa
r eine Städtezivilisation. Es gab Stadtstaaten, und jeder hatte eine gewisse Eig
enständigkeit. Erst später zur Zeit Hammurapis haben sich diese Städte dann zu g
rößeren Reichen vereinigt. Die Tafel der Abbildung 5 macht deutlich, wie vielfäl
tig die sumerisch-babylonische Schriftkultur war. Die abgebildete Urkunde aus de
r Zeit Hammurapis steckt in einem Umschlag. Mit diesem Brief wurde der Verkauf e
ines Grundstücks geregelt. Der Vertrag wurde auf eine Tafel geschrieben und dana
ch in einen Umschlag gesteckt, auf dem der Vertragstext noch einmal stand. Auf d
er Rückseite (hier sichtbar) wurden mit einem Rollsiegel die Siegelabdrücke der
Zeugen angebracht.
Die Abbildung 6 zeigt eine Tafel in einem geöffneten Umschlag. Auch der Inhalt d
ieser Tontafel, eine Gerichtsurkunde aus dem 14. Jahrhundert vor Christus, wurde
auf dem Umschlag nochmals abgedruckt. Falls eine Partei die andere verdächtigte
, Abmachungen verfälscht zu haben, konnte ein Richter den Umschlag öffnen, um di
e Abkommensklauseln auf der Tafel mit denen auf dem Umschlag zu vergleichen. Das
ist der Sinn dieser doppelten Niederschrift des Vertragstextes. Dieses System b
ei Vertragsabschlüssen kennen wir übrigens auch aus der Bibel:
Da ist von dem Propheten Jeremia die Rede, der von seinem Vetter Hanamel günstig
ein Grundstück erwerben kann: Und ich gab den Kaufbrief Baruch, dem Sohn Nerijas
... vor den Augen meines Vetters Hanamel und vor den Augen der Zeugen, die den K
aufbrief unterschrieben hatten... Und ich befahl Baruch vor ihren Augen: So spri
cht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels: Nimm diese Briefe, diesen Kaufbr
ief, sowohl den versiegelten als auch diesen offenen Brief, und lege sie in ein
Tongefäß, damit sie viele Tage erhalten bleiben! (Jer. 32, 12 - 14).
Neben Urkunden, Briefen, Bierrezepten, ganzen Büchern und Literaturwerken hat ma
n übrigens auch Musiknoten in Keilschrift aufgezeichnet. Das bezeugt eine Tafel,
auf der unterhalb der Musiknoten ein sechszeiliger Text auf Akkadisch die Namen
der Intervalle wiedergibt, gefolgt von einer Zahl. Es herrscht jedoch keine Ein
igkeit über die Interpretation der Zahlen und die Art, wie die Intervalle in ein
Notensystem zu übertragen sind.

Das altägyptische Schriftsystem


Die ägyptischen Hieroglyphen zählen ebenfalls zu den ältesten Schriftsystemen de
r Welt. Etwa 200 Jahre später als das Keilschriftsystem - also um 3000 vor Chris
tus - finden wir in Ägypten bereits ein fast vollständig ausgebildetes Hieroglyp
hensystem.
Die Abbildung 7 zeigt einen etwa 60 cm hohen Schild, der mit einer Kombination a
us Bildern, wirklichen Hieroglyphen-Zeichen und Piktogrammen versehen ist, die i
rgendwo zwischen Bildern und Hieroglyphen anzusiedeln sind. Auf der Vorderseite
(links) wird Pharao Narmer (auch unter dem Namen Menes bekannt), der legendäre E
iniger des ägypt. Nord- und Südreiches dargestellt. Er trägt die rote Krone Unte
rägyptens und inspiziert die Leichname seiner zehn geköpften Feinde.
Auf der Rückseite führt der Horus-Falke an einem Nasenring einen Feind, der mit
dem Hieroglyphenzeichen Sha verbunden ist, dem Papyrus-Sumpf, dem Zeichen Unterägy
ptens beziehungsweise des Deltas. Dies wird als erste Hieroglyphen-ähnliche schr
iftliche Darstellung gewertet, etwa in der Bedeutung: Der Horusfalke (der vergött
lichte König) hält den Feind aus dem Papyrus-Sumpf (Unterägypten) gefangen . Ferne
r erscheint jeweils ganz oben in der Mitte zwischen den Thronstühlen die Hierogl
yphe na´ar-mer (na´ar = Fisch, Wels; mer = Meißel), zusammen Narmer , jener Pharao. A
ußerdem erscheinen über den 10 geköpften Feinden die Hieroglyphe einer Schwalbe
= wer in der Bedeutung groß und einer Tür oder eines Türflügels = ach . Es geht hier n
mlich um ein Fest, das den Namen die große Pforte trägt.
Das ägyptische Hieroglyphenalphabet funktioniert ähnlich wie das frühe sumerisch
e Alphabet aus Mesopotamien. Es ist aber bei den Bildern stehen geblieben; abstr
ahiert wurden nicht die Bildzeichen, sondern höchstens deren Bedeutung.
Daneben hat das Ägyptische auch schon eine Art Alphabet mit 24 Konsonanten. Aber
selten werden Worte mit diesem Alphabet alleine geschrieben; die meisten Texte
enthalten Einkonsonantenzeichen aus dem ägyptischen Alphabet, Zweikonsonantenzei
chen wie die Schwalbe hier und Dreikonsonantenzeichen sowie manche Zeichen, die
ein ganzes Wort bezeichnen (ähnlich wie im Chinesischen), dazu dann noch Determi
native, die die Wortklassen angeben. Wenn man zum Beispiel irgendetwas aus Holz
beschreibt, etwa einen Stuhl, steht vorher ein Zeichen, das den Leser darauf hin
weist: Achtung, jetzt kommt etwas aus Holz! Fremdworte oder Orts- und Personenname
n fremdländischer Herkunft wurden allerdings in der Regel nur mit Einkonsonanten
zeichen geschrieben, also dem ägyptischen Alphabet entnommen. Das erst ermöglich
te es auch, die ägyptischen Hieroglyphen zu entschlüsseln.
Der Franzose Champollion wurde auf den Rosetta-Stein (Abbildung 8, Seite 11) aufme
rksam, den die napoleonischen Truppen in Ägypten zuerst entdeckt haben und der s
päter ins British Museum gelangte. Dieser Stein ist 196 vor Christus von ägyptisch
en Priestern geschrieben worden, zur Zeit Ptolemäus V. Epiphanes, und zwar in äg
yptischer Hieroglyphenschrift, demotischer Schrift und Griechisch. Champollion b
egann nun, solche Wörter, die im ägyptischen Text besonders gekennzeichnet waren
und die er korrekterweise für die Königsnamen hielt, mit den entsprechenden ägy
ptischen Königsnamen zu vergleichen. Seine Grundfrage war: Warum setzten die Ägyp
ter manche Namen in einen Rahmen ( Kartusche ) hinein? Er vermutete, dass dies besond
ers bedeutende Personen waren, vielleicht sogar Götter. Und weil diese Annahme s
timmte, konnte er die ägyptischen mit den griechischen Namen vergleichen, und da
mit das ägyptische Alphabet entziffern.
Auf der Abbildung 9 kann man noch deutlicher sehen, wie das ägyptische Alphabet
funktioniert. Wie schreibt man beispielsweise Isis ? Da wird ein Thron geschrieben,
dann ein Brotlaib, dann ein Ei und dann eine sitzende Göttin. Das alles zusamme
n liest man Aset , und das ist der ägyptische Name der Göttin Isis.
Die Abbildung 10 regt zu einem einfachen Lesetest an: Auf diesem Siegel ist der
Name eines Herrschers der sogenannten ägyptischen Hyksosdynastie eingeritzt. Die
ser Name ist mit ägyptischen Einkonsonantenzeichen (also sozusagen aus dem ägypt
ischen Alphabet, nicht aus dem Silbenschatz) geschrieben und ist auch aus der Bi
bel bekannt: Ya qob-Hr. Natürlich ist es nicht der Jakob der Bibel. Aber er hat de
nselben Namen und stammt aus etwa derselben Zeitepoche. Der Name Jakob war nämli
ch nur zu einer bestimmten Zeit im Alten Orient in Mode, etwa zwischen 2000 und
1500 vor Christus. Sogar in der Bibel kommt er außer in der Genesis erst wieder
in neutestamentlicher Zeit vor, nämlich bei dem Vater Josefs, des Mannes der Mar
ia (Mt. 1, 16). Das abgebildete Siegel stammt aus der Zeit um 1500 vor Christus,
nicht lange nachdem Jakob in Ägypten war.
Die Vorteile des ägyptischen Alphabets sind also: Die Zeichen der Monumentalschr
ift sind gut erkennbar, nicht abstrakt, und man kann sich besser an eine bestimm
te Bedeutung erinnern als bei der Keilschrift, die sich ja bewusst von der bildl
ichen Darstellung zur abstrakten Darstellung weiterentwickelt hat, um schneller
schreiben zu können.
Die Nachteile bestehen darin: Auch hier gibt es wie im Akkadischen Mehrfachbedeu
tungen, und wegen der vielen hundert Zwei- und Dreikonsonantenzeichen müssen gel
ehrte Schreiber erst über längere Zeit ausgebildet werden. Vor allem aber ist di
e Hieroglyphenschrift deswegen umständlich, weil diese Figuren ja erst einmal ge
malt werden müssen. Versuchen Sie einmal, diese Zeichen schnell und sauber nachz
uziehen, so dass sie für jeden erkennbar sind! Deswegen haben die Ägypter auch e
ine Kursivschrift entwickelt, die man auf Papyrus schreiben konnte. Manche der ä
gyptischen Papyri haben die Jahrtausende überlebt, weil sie in den ägyptischen G
räbern gleichsam mumifiziert wurden und in dem außerordentlich trockenen Klima k
aum zerfallen sind. Aber man kann unschwer erkennen, dass diese Schrift für den
ägyptischen Bürger noch schwieriger zu entziffern sein musste als die in Fels ge
ritzten, sauberen Hieroglyphenzeichen.
Übrigens hat sich die Hieroglyphenschrift kaum international ausgebreitet - im G
egensatz zur akkadisch-sumerisch-babylonischen Schrift. Beide Schriftsysteme hab
en Ähnlichkeiten: sie sind ursprünglich von Bildzeichen ausgegangen, die teilwei
se Platzhalter für mehrere Bedeutungen waren. Das Akkadische hat allerdings durc
h seine zunehmende Abstrahierung ( Digitalisierung ) und die Möglichkeit, zum Schrei
ben einen einfachen Keil zu benutzen, die Erstellung von Urkunden, Briefen und a
nderem mehr gegenüber dem zwar gut lesbaren, aber schwerfälligen Ägyptischen wes
entlich vereinfacht.

Konnte Mose schreiben?


Die Israeliten sind ungefähr um 1900 vor Christus nach Ägypten gekommen. Damals
war eine schwere Hungersnot in Ägypten, und Jakob sah sich gezwungen, mit seinem
ganzen Clan nach Ägypten zu ziehen. Dort war inzwischen ein Sohn Jakobs, nämlic
h Joseph, zum Großwesir aufgestiegen und verwaltete die Nahrungsmittelaufteilung
im ägyptischen Großreich. Etwa 400 Jahre später - die Patriarchen (das heißt Ja
kob, Joseph und seine Brüder) sind inzwischen längst verstorben - bahnen sich in
Ägypten ganz neue Machtverhältnisse an. Auch der um diese Zeit regierende Phara
o (wahrscheinlich Thutmosis III, etwa 1500 vor Christus) hat längst die Verdiens
te des ehemaligen Großwesirs Joseph vergessen. Durch verschiedene Missgeschicke
werden die Israeliten schließlich wie ein Sklavenvolk behandelt. In ihrer Not er
innern sie sich an den einzig wahren Gott, den bereits ihre Väter, die Patriarch
en Abraham, Isaak und Jakob, angebetet haben. Gott hört ihre Gebete, er antworte
t ihnen und erweckt ihnen einen Befreier.
Dieser Befreier hieß Mose. Er wurde am Hof des Pharao ausgebildet und kannte sic
herlich die großen Schriftsysteme seiner Zeit, nämlich die ägyptische Hieroglyph
enschrift und die akkadische Keilschrift. Noch bevor die Israeliten unter der Fü
hrung Moses Ägypten verließen, musste Mose vorübergehend aus Ägypten fliehen und
hat sich bei einem Priester in Midian aufgehalten. Von dort aus hat er auch öft
ers als Schafhirte die Halbwüste des Sinaigebietes besucht. Dies alles geschah n
ach der biblischen Chronologie etwa um 1500 vor Christus.
Echte Alphabetschrift
Etwa aus dieser Zeit, vielleicht sogar zwei- bis dreihundert Jahre früher, stamm
en die im Sinai-Gebiet gefundenen ersten echten Alphabet-Buchstaben, die zuerst
in Kanaan, dann in Griechenland, schließlich in Rom und heute auf der ganzen Wel
t verbindlich sind. Dieses Alphabet hat man nach dem akrophonen Prinzip entwickelt
. In der Hieroglyphenschrift gab es zum Beispiel die Buchstaben alef (Stier) oder k
af . Das akrophone System ging dazu über, dass man diese Zeichen sowohl bildlich a
bstrahierte als auch in ihrer Bedeutung. Man las also bei Stier nur noch a ; nicht me
hr kaf für Hand , sondern nur noch k und so weiter. Akrophon heißt also, dass von di
Wörtern nur noch der jeweilige Anfangsbuchstabe genommen wird und nur der - nich
t, wie im Ägyptischen, manchmal einer, zwei oder drei. Auch werden keine umständ
lichen Bildchen mehr verwendet. Die Übersichtstabelle des akrophonischen Prinzip
s (Abbildung 11) zeigt die Schritte von der phönizischen zur hebräischen Kultur
auf bis hin zu unserem Alphabet.
Woher kommt der Name Alphabet ? Von den beiden Zeichen alef = Stier und bet = Haus. Di
Griechen haben das übernommen, und aus dem Altgriechischen ist es auch ins Late
inische gekommen. Also kommt unser heutiges Alphabet aus Kanaan und aus dem Sina
i-Gebiet und ist letzten Endes eine geniale Weiterentwicklung der Hieroglyphensc
hrift. Es erfolgte eine Abstrahierung auf der Bild- und Bedeutungsebene. Die Gen
ialität des kanaanäischen Alphabets ist selbstredend. Demgegenüber ist man in Ch
ina seit alter Zeit bei dem System der Bildzeichen geblieben. Man hat es nie wei
terentwickelt. Es gibt auch viele Theorien darüber, woher die Chinesen ihre Schr
ift haben. Ob Zusammenhänge mit Mesopotamien bestehen, ist möglich, aber man kan
n dies nicht schlüssig beweisen.
Mose kann durchaus schon in Ägypten mit dem ABC, wie wir es heute nennen, vertra
ut gewesen sein. Das geht aus Funden im Wadi el-Hol in Ägypten hervor. Erst vor
wenigen Jahren wurde eine Inschrift entdeckt, die etwa aus der Zeit um 1800 vor
Christus stammt. Dass das Alphabet im Sinaigebiet verwendet wurde, belegt außerd
em eine Felsinschrift in einer Höhle der Türkis-Bergwerke der Ägypter (Abbildung
12). Dort arbeiteten Sklaven semitischer Herkunft. Auch Mose, selbst ein Semit,
hielt sich ja zeitweise im Sinaigebiet auf. Er hat dort mit Leuten, die diese S
chrift verwendeten, Kontakt gehabt. Erst vor kurzer Zeit haben Fachleute die abg
ebildete Inschrift besser als bisher deuten können. Es ging da um Widmungen, wo
jemand in den Türkisbergwerken sowohl seiner Herrin ( Ba´alat ) etwas gewidmet hat a
ls auch für ein gutes Gelingen der Bergwerksarbeit eine Art Glückwunsch niederge
schrieben hat. Hier steht: El, der in Ewigkeit ist oder der ewige Gott . Es gibt auch
längere Texte mit Widmungen.
Noch während des sogenannten Exodus, auf dem Weg von Ägypten nach Kanaan, hat Mo
se dann das alttestamentliche Gesetz so niedergeschrieben, wie Gott es ihm mitge
teilt hat. Unsere heutige Bibel ist letzten Endes eine sehr getreue Abschrift di
eses alttestamentlichen Gesetzes, auch wenn wir leider das Original nicht in Hän
den halten. Die folgenden Ausführungen zeigen, warum wir ziemlich sicher davon a
usgehen können, dass die fünf Bücher Mose letzten Endes wirklich auf diese Zeit
zurückgehen, in der das Alphabet gerade erst entstanden ist.
Das `Izbet Sartha Ostrakon (Abbildung 13) bezeugt die frühe Alphabetschrift (=pr
otosinaitische oder protokanaanäische Schrift). Sie hat sich sehr bald noch etwa
s weiter vereinfacht und sich dann etwa im 12. Jahrhundert vor Christus in ihrer
Form verfestigt. In dieser Form blieb sie mit wenigen Änderungen etwa bis zum 6
. Jahrhundert vor Christus; erst nach dem Exil haben die Hebräer eine neue Schri
ft angenommen, die aber auf dieser alten aufbaut. Letztere ist im ganzen kanaanä
ischen Raum schon vor der Zeit, als die Israeliten ins Land kamen, bekannt gewes
en. Außerdem war diese Schrift auch schon in Ägypten bekannt.
Leichte Erlernbarkeit
Mose wusste, wohin er das Volk führen sollte, und hat sicherlich diese frühe Alp
habetschrift für seine fünf Bücher gewählt, allein schon aus dem Gedanken, dass
diese Schrift die eigentliche Schrift des Landes Kanaan war, also weder die Keil
schrift noch die Hieroglyphenschrift, sondern die revolutionär einfache Alphabet
schrift. Außerdem war sie einfach zu handhaben, praktisch unabhängig vom Materia
l, konnte leicht und schnell erlernt werden und war selbst bei ungeübter Hand im
mer noch lesbar. Eins der am weitverbreitetsten Schreibmaterialien im kanaanäisc
hen Raum waren Tonscherben. Unter ihnen fand man auch solche mit Schreibübungen.
Auf einer besteht die untere Zeile aus dem protokanaanäischen Alphabet, und zwa
r schon in einer etwas vereinfachten Form. Auch die übrigen Zeilen sind teilweis
e Bruchstücke aus einem Alphabet, und manche ergeben gar keinen Sinn; sie stelle
n also praktisch Schülerübungen dar.
Das ganze Alphabet passte auf eine solche Scheibe. Zum Vergleich: die Keilschrif
t hat mindestens 150 Zeichen, zum Teil sehr komplexe Zeichen für den Standardbed
arf, aber bis zu 1200, zum Teil mehrdeutige Zeichen für den gesamten Sprachumfan
g. Die Hieroglyphenschrift umfasst mindestens etwa 250 Zeichen, kann aber, um Fe
inheiten, Schreiberbesonderheiten und anderes mehr auszudrücken, bis zu 3000 ver
schiedene Zeichen haben.
Die zuletzt genannten features (Merkmale) machen plausibel, warum sich diese Alp
habet-Schrift durchgesetzt hat. Mit ihr konnte man in der Bronzezeit zum Beispie
l auch metallische Gegenstände beschriften. Man hat eine Menge Pfeilspitzen gefu
nden, die etwa die Größe eines Zeigefingers haben. Eine davon ist auf der Abbild
ung 14 zu sehen. Sie hatten ganz verschiedene Formen, wurden schon zur Zeit der
Richter erstellt, wobei ihre Herstellung sehr aufwendig war, und jeder Besitzer
wollte sie nach einem Kampf schnell wiederfinden. Die gezeigte Pfeil-Inschrift a
us dem 12.Jahrhundert vor Christus lautet: hes ´abdilabi´at = Pfeilspitze des Abdil
abiat (senkrecht zu lesen).
Dazu passt übrigens der Hinweis in den Samuelbüchern (1. Sa. 13,19ff), dass die
gesamte High-Tech der damaligen Zeit, die Eisenherstellung und der Eisenverkauf,
von den Philistern an der Küste betrieben wurde. Auch Pfeilspitzen aus Bronze w
aren also besonders wertvolle High-Tech -Produkte. Darum hat man sie auch beschrift
et. Pfeilspitzen mit Hieroglyphen- oder Keilschrift hätten nur von besonders ges
chulten Schreibern gelesen werden können - und welcher Schreiber wäre schon gern
e auf dem Schlachtfeld umhergerannt, um mühsam die winzigen Hieroglyphen auf ein
er Pfeilspitze zu entziffern? Die Alphabetschrift dagegen konnte jeder erlernen
und schreiben.

Öffentlicher Gebrauch
Etwa aus der Zeit Salomos, also nur knapp 200 Jahre später, hat man diese Schüle
rübung gefunden (Abbildung 15). Da werden die Monate des Jahres aufgezählt; es h
eißt am Anfang jeweils jarach ... (Monat) - ein Monat Flachsschnitt , ein Monat Gerste
nernte und ein Monat Getreideernte und Abmessen . Die Alphabetschrift hatte also das
ganze öffentliche Leben in Kanaan erfasst. Das bezeugen noch weitere Funde, zum
Beispiel auch Tonscherben, auf denen der Empfang eines Schlauches besonders rei
n gepressten Olivenöls quittiert wird. Dieser Fund stammt aus der Palastregistra
tur in Samaria.
Tonkrüge zerbrechen leicht, und außerdem mussten nach den jüdischen Vorschriften
kultisch verunreinigte Tonkrüge zertrümmert werden. Die Scherben konnte man lei
cht zur Beschriftung nutzen. Mit ihnen hat man Kurznotizen festgehalten. Man kan
n sich das so vorstellen: Leute bringen ihre Abgaben für den Tempel oder für den
König zum Palast. Dort steht ein Mann bereit und schreibt den Wareneingang kurz
auf eine Tonscherbe. Abends nimmt er den Sack voll Tonscherben und geht damit z
u einem Schreiber, der dann noch einmal alles sauber auf einen Papyrus abschreib
t. Diese Tonscherben waren also nur kurze Zeit in Gebrauch. Später wurden die To
nscherben zum Pflastern eines Hofes oder als Füllschutt benutzt.
Das zeigt, dass die Alphabetisierungsrate im Land sehr hoch war. Nicht nur solch
e Quittungen, auch andere Inschriften zeigen, dass die Israeliten eine besonders
Vorliebe zur Schrift, zum Schreiben und Lesen hatten. So ist zum Beispiel die A
nzahl der Siegel, die für alle Urkunden und Kaufverträge notwendig waren, nicht
nur unter angesehenen Leuten mit Titeln besonders hoch, sondern auch unter den e
infachen Bürgern. Herr Jedermann in Israel konnte nicht nur Siegel mit seinem Na
men anfertigen, sondern auch Gegenstände wie Besteck, Becher, Weinkrüge und ande
res mehr beschriften.
In der Bibel lesen wir von großen Wasservorkommen bei Gibeon (1. Sam. 2, 13; Jer
. 41,12). Bei Ausgrabungen hat man bei Gibeon viele Wasser- und Weinkrüge entdec
kt. Der Wein wurde in Krüge abgefüllt, von denen nur noch die Henkel erhalten si
nd, nach dem Herkunftsort etikettiert. Abbildung 16 zeigt eine solche Kruginschr
ift. Insgesamt hat man 62 beschriftete Krughenkel aus dem 7. Jahrhundert vor Chr
istus in Gibeon gefunden, die im Wesentlichen die 2 Typen von Aufschriften haben
: Gibeon-Distrikt: von Amarjahu oder Gibeon-Distrikt: von Ezerjahu .
Manche dieser Kruginschriften zeigen auch Schreibfehler, so etwa die Verwechslun
g von d und r oder ein spiegelbildlich verkehrter Buchstabe. Die hier ihre Namen
eingeritzt haben, waren also keine berufsmäßig ausgebildeten Schreiber, sondern
haben Lesen und Schreiben vielleicht in einer Art Schule gelernt und dann so ge
schrieben, wie sie es für angemessen hielten. Außerdem haben sie die Namen einge
ritzt, nachdem die Krüge gebrannt worden waren, und nicht, wie es bei einem köni
glichen Auftrag zu erwarten wäre, vorher. Auch der König hat seine Weinkrüge säm
tlich beschriftet, was natürlich nur Sinn ergibt, wenn es auch viele lesen könne
n und wissen: Aha, das gehört ins Königshaus - , allerdings vor dem Brennen: er ha
t also sozusagen eine hohe Auflage solcher Krüge in Auftrag gegeben.
Die Alphabetisierung war im Land also ziemlich weit fortgeschritten. Ein relativ
hoher Prozentsatz der Bevölkerung konnte schreiben und lesen. Aber wie sieht es
denn nun mit den Bibelhandschriften aus?

Biblische Einflüsse
Während die ältesten Funde von Bibelteilen aus dem 7. - 8. Jahrhundert vor Chris
tus stammen (vorexilisch) - ältere haben leider nicht überlebt - , können wir je
doch einen frühen Einfluss der Bibel nachweisen:
Von den etwa 1200 hebräischen Personennamen (PN) sind in den vielen gefundenen I
nschriften und Siegeln nur etwa 5-6% mit Gottesnamen heidnischer Herkunft belegt
(zum Beispiel Ischbaal, Meribbaal oder Paschchur). Die übrigen sind größtenteil
s mit dem aus dem Alten Testament bekannten Gottesnamen Jahwe gebildet worden. D
ie Bildung solcher PN fing übrigens nach der Bibel erst etwa mit dem Auszug der
Israeliten aus Ägypten an; vorher hat man seinen Kindern noch keine PN gegeben,
in denen der Gottesname des Gottes Jahwe vergeben wurde. Beispiele solcher Namen
sind Jirmiyahu, Josaphat, Jochanan, Ahazjahu.
Es gibt auch PN, die nicht im Alten Testament vorkommen. Einige dieser PN können
nur erklärt werden, wenn das AT bereits bekannt war und die Leute dieses gelese
n haben; auch kommen diese Namen nicht im Kontext heidnischer Gottheiten vor. Da
s bezeugt etwa der Name Dalatyahu (Abbildung 17). Er heißt übersetzt: Du hast mich
emporgezogen, Jahweh . Dieser Vers steht in einem Psalm: Ich will dich erheben, Jah
we, denn du hast mich emporgezogen ... (Ps. 30, 2). Diesen Namenstyp gibt es im g
anzen Alten Orient nicht, aber in Israel hat man solche Namenstypen gefunden. Au
ch den Namen Yachmolyahu , übersetzt Jahweh hat Mitleid . Das führt zurück auf den Sat
z: Und der HERR eiferte für sein Land, und er hatte Mitleid mit seinem Volk (Joel
2,18).
Als drittes Beispiel soll ein weiblicher Name gelten, der auf einem Siegel steht
. Es gibt nur sehr wenige Siegel von moabitischen, ammonitischen oder Frauen aus
den Nachbarländern Israels. Hier ist ein jüdisches Siegel mit dem Namen Immadiya
hu , der Tochter des Azaryahu (Abbildung 18). Immadiyahu (= Yahweh ist mit mir ) ist ei
hnlicher Name wie Immanuel (= Gott ist mit uns ). Das leitet sich von der Ankündigung
ab: Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird s
chwanger werden und einen Sohn gebären, und wird seinen Namen Immanuel heißen (Je
s. 7, 14).
In diesen PN zeigt sich also eine traditionelle Verehrung Gottes. Denn wir wisse
n aus der Bibel ja auch, wie oft die Leute ihre Götzen angebetet haben. Solche ya
hwistischen PN finden sich auch in den Grußformeln der präexilischen althebräisch
en Briefe (7. Jahrhundert vor Christus). In Lachisch beginnen sieben Briefe so o
der ähnlich: Es möge hören lassen Jahwe meinen Herrn jetzt und heute Nachrichten
des Guten.... . Oder eine andere Inschrift heißt: An meinen Herrn, Elyaschib: Jahwe
sehe nach deinem Wohlergehen.
Solche Briefe zeigen doch, dass nicht nur der wahre Gott des Alten Testamentes,
der sich den Israeliten mit seinem Namen Jahwe kundgetan hatte, im öffentlichen
Leben eine große Rolle spielte, sondern dass dieses Volk als ein Volk gelten mus
s, das Sprache, Schrift, Redewendungen und Begriffe aus dem AT übernommen hat. M
an kann auch sagen: Manche Namen und Redewendungen des AT haben sich verselbstän
digt; man findet sie sogar auf Schülerübungen, um die Briefe in der rechten Weis
e schreiben zu können. Eine schöne Scherbe mit Alphabetübungen aus dem 8. Jahrhu
ndert vor Christus ist die in Abbildung 19 gezeigte. Den oberen Teil hat der Leh
rer, den unteren der Schüler geschrieben.
Das Eigenartige an diesem Alphabet ist, dass seine Reihenfolge an einer Stelle a
nders ist. Hier kommt nämlich p vor o. Diesen Umtausch kannte man bisher nur aus
den Klageliedern 2, 16; 3, 46. 48 und noch aus anderen Stellen. Da ist das Alph
abet enthalten, und zwar beginnt jeder Vers mit einem anderen Buchstaben des Alp
habets. Aber auch da sind o und p vertauscht. Während die einen behaupteten, es
sei falsch überliefert, und andere einen Redaktor verantwortlich machten, findet
man nun auf einmal diese Tonscherben. Damit sind die oben genannten Theorien hi
nfällig geworden. Offenkundig gab es eine bestimmte Zeit oder Gegend in Israel,
in der das o mit dem p vertauscht wurde.
Auch Weihinschriften auf Steintöpfen zeigen den Einfluss der Bibel. Da stehen Se
genswünsche drauf wie Möge Jahwe dich segnen . Eine andere Inschrift auf einem Stei
ntopf lautet: Von Obadyahu, dem Sohn Adnahs: Möge er von Jahwe gesegnet sein!

Einfluss auf die Bibel


Die bisher betrachteten Inschriften haben gezeigt, wie die Bibel das öffentliche
Leben in Israel beeinflusst hat, wenn vielleicht auch nur traditionell oder for
mell. Aber auch umgekehrt geschah ein Einfluss damaliger Inschriften auf die Bib
el, so dass diese die Kultur der damaligen Zeit widerspiegelt. Wenn nämlich die
Bibel schon teilweise in vorexilischer Zeit geschrieben worden sein muss, dann m
uss das auch an ihrer Sprache ablesbar sein, also an der Art und Weise, wie Sätz
e formuliert wurden. Jeder von uns kennt sicherlich die Redewendung vom Aufgang d
er Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobt der Name des Herrn (Ps. 113, 3). Dies
e Redewendung - nämlich vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang als eine Bez
eichnung der ganzen Erde - ist nichts Neues, sondern war schon in den Inschrifte
n des 9. Jahrhunderts vor Christus geläufig. Dass wir diese Redewendung noch heu
te haben, zeigt aber, wie im AT uralte Redewendungen korrekt aufgezeichnet und w
iedergegeben wurden.
Zu einem solchen Vergleich benötigen wir also Inschriften aus der Frühzeit Israe
ls. Dazu bieten sich besonders die phönizischen Inschriften aus dem 10. - 8. Jah
rhundert vor Christus . an. Die folgenden kanaanäischen, genauer phönizischen In
schriften zeigen, dass viele biblische Redewendungen uralt sind und seit jeher i
m Nahen Osten beheimatet waren.

Die Kilamuwa-Inschrift
Die Kilamuwa-Inschrift aus dem 8. Jahrhundert vor Christus. (Abbildung 20) zeigt
eine erstaunliche Parallelität zu biblischer Geschichte auf. Die Inschrift wurd
e 1902 in Nordsyrien entdeckt und steht heute in Berlin; sie hat 16 Zeilen, unte
rteilt in zwei Achtzeiler. Links oben steht König Kilamuwa, in assyrischer König
skleidung, der König des Königreichs von Yaudi in Nordsyrien. Er verweist auf vi
er Symbole am oberen Rand der Inschrift, nämlich auf 1. einen gehörnten Helm, 2.
einen Bogen, 3. eine geflügelte Darstellung der Sonne und 4. einen Halbmond. Di
e Inschrift wurde in einem besonderen literarischen Stil verfasst, der damals in
Kanaan üblich war. Die verwendeten Stilmittel sind AT-Lesern geläufig, besonder
s solchen, die eine wörtliche Übersetzung benutzen. Ihr Inhalt lautet wie folgt:
1 Ich bin Kilamuwa, der Sohn des Hayya
2 Gabbar war König über Yaudi, aber er tat nichts;
3
es gab auch Bamah, und er tat nichts, und es gab auch meinen Vater Hayya, und er
tat nichts, und es gab meinen Bruder
4 Saul, und er tat nichts. Aber ich, Kilamuwa, der Sohn Hayyas - was ich tat,
5
taten diejenigen, die vor mir waren, nicht. Das Haus meines Vaters war inmitten
mächtiger Könige.
6
Und jeder streckte seine Hand aus zum Kämpfen, aber ich war in der Hand der Köni
ge wie ein Feuer, das verzehrt
7
den Bart und wie ein Feuer, das die Hand verzehrt. Und der König der Danunäer üb
erwältigte mich,
8
aber ich mietete gegen ihn den Kö nig von Assyrien; da wurde eine Jungfrau für e
in Schaf gegeben und ein Mann für ein Gewand.
9
Ich bin Kilamuwa, der Sohn des Hayya, ich habe mich auf den Thron meines Vaters
gesetzt.
Diese Redewendungen vergleichen wir mit biblischen Berichten:
Der Königssohn Mephiboseth aus dem Haus Sauls sagte zu David: Denn das ganze Haus
meines Vaters war nichts anderes als Männer des Todes vor meinem Herrn (2. Sam.
19, 28).
Oder David rief Abisai zu: Verderbe ihn nicht! Denn wer streckte seine Hand gege
n den Gesalbten Jahwes aus und bliebe schuldlos? (1. Sam. 26, 9).
Mose schärfte seinem Volk ein: Denn Jahwe, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer,
ein eifersüchtiger Gott! (5. Mose 4, 23).
Mehrere Berichte geben über die Kriegstaktik von Ahas Auskunft, als der König de
s Nordreiches, Pekach, und der König von Syrien Jerusalem belagerten: Da sandte A
has Boten an Tiglath-Pileser, den König von Assyrien, und ließ ihm sagen: Ich bi
n dein Knecht und dein Sohn; komm herauf und rette mich aus der Hand des Königs
von Syrien und aus der Hand des Königs von Israel, die sich wider mich erhoben h
aben (2. Kön.16, 7). Ahas hat also genau dasselbe wie jener Kilamuwa getan, nämli
ch einfach eine fremde Macht gemietet. Die Assyrer waren damals die stärkste Mil
itärmacht, ähnlich den heutigen USA, und man konnte sie mieten, allerdings nicht
ganz billig. Diese Supermacht hat Jesaja als ein gemietetes Schermesser bezeichne
t (Jes. 7, 20). Dabei sagte er Ahas voraus, dass dieser sich mit diesem Schermes
ser selbst rasieren (das heißt verletzen) werde.
Auch die Redewendung Ich habe mich auf den Thron meines Vaters gesetzt kommt in de
r Bibel vor, nämlich als Antwort Salomos an Batseba: Und nun, so wahr Jahwe lebt,
der mich befestigt hat und mich hat sitzen lassen auf dem Thron meines Vaters D
avid und der mir ein Haus gemacht, so wie er geredet hat ... (1.Kön. 2, 24).

Die Azatiwada-Inschrift
Die Azatiwada-Inschrift gibt ebenfalls Aufschluss über die Redewendungen im Alte
rtum (Abbildung 21). Sie wurde 1947 bei Ausgrabungen der Universität Istanbul ge
funden. Dort, wo die Stadttore gestanden hatten, wurden verschiedene Monumental-
Inschriften gefunden, darunter die hier vorgestellte Inschrift in Phönizisch, di
e gegen Ende des 8. Jahrhunderts vor Christus aufgerichtet wurde und aus drei Or
thostaten A-C und einem beschrifteten Löwen besteht.
Zu Beginn berichtet Azatiwada aus seinem Leben, danach weist er auf all das Gute
hin, das er für sein Volk getan hat, auf Feldzüge, Bauvorhaben und anderes mehr
. Die Inschrift lautet:
1 Ich bin Azatiwada, der Abarakku des Baal, der Diener
2 Baals, den Urikku, der König der Danunäer, mächtig machte.
3 Baal machte mich den Danunäern zum Vater und zur Mutter.
4 Ich erweiterte das Land der Ebene Adana vom Aufgang der Sonne
5 bis zu ihrem Niedergang. Und in meinen Tagen hatten die Danunäer alles Gute
6 und Sättigung und Wohlfahrt. Und ich füllte die Kornspeicher von Pahar. Und ic
h
7 fügte Pferd auf Pferd, Schild auf Schild, Heer
8 auf Heer, durch die Gnade Baals und der Götter.
9 .....
10
Ich handelte freundlich mit den Nachkommen (wörtlich: der Wurzel ) meines Herrn
11 und ich ließ ihn auf dem Thron seines Vaters sitzen
12 .....
13 ... Und ich baute starke
14 Befestigungen in allen entfernten Gegenden an den Grenzen, überall dort, wo
15 böse Leute waren ...
16 ... Aber ich, Azatiwada, legte sie unter meine Füße
Einige Redewendungen sind Bibellesern bekannt, nämlich: Vom Aufgang der Sonne bis
zu ihrem Niedergang ... (Ps. 50, 1); oder ... der Wurzelspross Isais, nach ihm we
rden die Völker fragen (Jes. 11,10); oder Er hat mich sitzen lassen auf dem Thron
meines Vaters David (1.Kön.2, 24); oder ... bis Jahwe sie unter seine Fußsohlen l
egte (1. Kön. 5, 17 / Ps. 8, 7 / Mal. 4, 3). Alles das sind gängige Begriffe und
Redewendungen im Alten Orient. Wenn man noch mehr Funde macht, werden noch mehr
solcher Dinge ans Licht kommen, die davon reden, wie selbstverständlich die Welt
des Alten Testamentes gewesen ist.
Auf einem weiteren Orthostat (Abbildung 22) spricht Azatiwada einen Fluch über a
lle aus, die seine Stadt und die Stadttore zerstören. Die Inschrift lautet (Umsc
hrift und Übersetzung):
3 ... möge Baal(-Kirnatrysch)
4 Azatiwada segnen mit Leben und Frieden
5
und alle Götter der Stadt mögen Azatiwada Länge der Tage und zahlreiche Jahre ge
ben.
12 Wenn aber ein König unter Königen oder ein Prinz unter Prinzen, oder
13 irgendein Mann, der Mensch heißt, den Namen Azatiwadas auslöscht von diesem
14 Tor und seinen eigenen Namen einsetzt oder mehr als das
15 begehrt und dieses Tor niederreißt, das gemacht hat
16 Azatiwada, und ein anderes stattdessen anfertigt...
... dann werde ihm Schlimmes passieren. Azatiwada warnt also abschließend davor,
die Inschrift auszukratzen. Auch in dieser Inschrift finden wir Redewendungen,
die dem Bibelleser vertraut sein dürften. Begriffe wie Länge der Tage , Jahre des Le
bens und Friedens stehen zum Beispiel in Sprüche 3,2 oder Ich will meinen Namen ei
nsetzen ewiglich in 1. Kön. 21, 7.

Überlieferungsspuren des Alten Testamentes


Es folgen einige Funde, welche die hohe Schreibkultur des damaligen Orients best
ätigen. Zum Beispiel waren im Volk Amulette oder Gebetsriemen verbreitet, von de
nen man in einem Grab in der Nähe Jerusalems eines gefunden hat (Abbildung 23).
Nachdem dieses Silber-Amulett 1980 entdeckt worden war, nahm man sich zweieinhal
b Jahre Zeit, um es zu öffnen; Experten aus aller Welt haben das Israel-Museum d
abei beraten, wie diese Rolle am besten geöffnet werden kann, ohne ihren Inhalt
zu beschädigen. Es wurde zuerst in einer speziellen Alkali-Salzlauge gereinigt,
um das korrodierte Silber abzulösen. Dann wurde die äußere Schicht in einer Emul
sion aus Acryllack gebadet, so dass sie sowohl konserviert wurde als auch nach d
em Erhärten elastisch blieb. Nun konnte das Amulett aufgerollt werden: zuerst di
e äußere Schicht, dann alle weiteren Schichten. Die ausgerollte Länge der Rolle
beträgt insgesamt knapp 10 cm.
Es ist die Knetef Hinnom -Silberrolle (Priestersegen) aus dem Jahre ca. 580 vor Chr
istus. Der Text stimmt vollständig mit dem masoretischen Text überein: Es segne d
ich Jahwe und behüte dich ! Es lasse Jahwe sein Angesicht leuchten über dir und
sei dir gnädig. Es erhebe Jahwe sein Angesicht über dich und setze dir Frieden! (
4. Mose 6, 24 - 26). Ob das eine Art Amulett war oder eher ein Gebetsriemen, dar
über gehen die Ansichten der Gelehrten auseinander. Für diesen Segen wird die ge
naue Befolgung des Gesetzes auf Gebetsriemen angemahnt: Diese Worte, die ich dir
heute gebiete, sollen auf deinem Herzen sein. Und du sollst sie deinen Kindern e
inschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzest, und wenn du auf dem
Wege gehst, und wenn du dich niederlegst, und wenn du aufstehst. Und du sollst
sie zum Zeichen auf deine Hand binden, und sie sollen zu Stirnbändern sein zwisc
hen deinen Augen; und du sollst sie auf die Pfosten deines Hauses und an deine T
ore schreiben (5. Mose 6, 6 - 8).
Man hat diese Gebetsriemen immer weiter miniaturisiert, vor allem in der nachexi
lischen Zeit. Denn manche Könige haben den Juden verboten, diese Tefillin zu trage
n oder dafür Steuern verlangt. Da haben sie die Gebetsriemen so klein gemacht, d
ass man sie nicht mehr sehen konnte. Manche bestehen aus einer Fläche von nur 2
x 2 Zentimetern und tragen in Miniaturschrift fast ein ganzes Kapitel.
Als dann schließlich in der Nachkriegszeit Qumran entdeckt wurde, kam eine Fülle
von Bibelhandschriften zutage, die belegten, dass es eine bestimmte, verbindlic
he Bibeltradition gab, die den als ursprünglich geltenden Text wiedergab. Danebe
n fand man auch verschiedene Bibelhandschriften, die mit den Zeitbedürfnissen an
gepasster Rechtschreibung versehen waren und in der schwierige Stellen geglättet w
orden sind. Vergleichbar ist das mit unserer heutigen Situation, in der wir eine
rseits sehr wörtliche, wenn auch holprige Übersetzungen besitzen (etwa die alte
Elberfelder Übersetzung), andererseits geglättete Übersetzungen, in denen schwieri
ge Stellen so übersetzt werden, als seien sie nie schwierig gewesen (wie etwa di
e Übertragung Hoffnung für alle ).
Der Jerusalem Central Text , wie ihn einige israelische Forscher nennen, ist der Te
xt, den später die Masoreten bis in unsere Zeit hin überliefert haben. Dort in Q
umran fand man solche Handschriften des Jerusalem Central Text , die von heute aus
gesehen 2200 Jahre alt sind, also 500 Jahre jünger als dieser Silberstreifen. Si
e stellen die ersten Handschriften dar, die wir aus dem Altertum haben. Vor weni
gen Jahren wurden übrigens auch die Ausgrabungen in Masada abgeschlossen; die Bi
belhandschriften, die man dort gefunden hat, gehören überwiegend dem Jerusalem Ce
ntral Text an, also dem genauen Normtext der Juden.
Untersuchungen an der Orthographie dieser Masadaschrift im Vergleich mit der Ort
hographie der Knetef-Hinnom Silberrolle und anderen Inschriften aus der frühen Z
eit zeigen, dass um etwa 400 vor Christus also in der Zeit des Schriftgelehrten
Esras, die Bücher des AT aus der Zeit vor dem Exil orthographisch überarbeitet b
zw. angepasst wurden und von da an praktisch nur noch kopiert wurden. Nur die be
reits erwähnten vereinfachten Bibelausgaben, von denen man in Qumran auch Kopien
gefunden hat, sind nach der Zeit Esras nochmals orthographisch überarbeitet und
an einigen Stellen vereinfacht worden.
Die Jesaja-Rolle 1QIsab geht auf eine solche Kopie aus der Zeit Esras zurück. Ei
n Fragment von ihr enthält den Aufruf: Hört doch auf mich und esst das Gute, und
eure Seele labe sich am Fetten! Neigt euer Ohr und kommt zu mir! Hört, und eure
Seele wird leben! Und ich will einen ewigen Bund mit euch schließen, getreu den
unverbrüchlichen Gnadenerweisen an David (Jes. 55, 2 - 5).
Die Abbildung 24 zeigt den 1200 Jahre späteren Kronzeugen der heutigen hebräisch
en Bibelausgabe, der von der hebräischen Universität in Jerusalem vorbereitet wi
rd: Den Codex Aleppo, der von 1478 bis 1947 in der Mustaribah Synagoge in Aleppo
aufbewahrt wurde. Im Verlauf der militanten Aufstände gegen die jüdische Bevölk
erung brach 1947 in dieser Synagoge ein Feuer aus, und der Codex wurde schwer be
schädigt. Aber die Teile, die erhalten sind, etwa der Prophet Jesaja oder Jeremi
a, zeigen ihre hohe Überlieferungstreue und wortwörtliche Übereinstimmung mit de
m Text aus Qumran.
Was geändert wurde, ist erstens die Schrift - sie hat sich noch etwas an den ara
mäischen Schreibstil angepasst - , und zweitens die Vokale. Denn alle hebräische
n Texte bestehen eigentlich nur aus Konsonanten; die Vokale (im Wesentlichen a,e
,i,o,u) haben die Hebräer im Sinne einer Datenreduktion gar nicht erst mitgeschr
ieben, da sowieso jeder wusste, wie ein Wort auszusprechen war, wenn das Konsona
ntengerüst dastand. Nur an schwierigen Stellen hat man Fußnoten hinzugefügt. Ers
t die Masoreten haben, um auch den letzten Zweifel an der Deutung des Textes aus
zuschließen, etwa nach dem 3. Jahrhundert vor Christus begonnen, den hebräischen
Text mit Vokalen zu versehen. Sie haben auch unter die Konsonanten (um diese un
berührt zu lassen) Interpunktionszeichen wie Kommata, Semikolon, Punkte und Beto
nungszeichen gesetzt. Darüber hinaus haben sie schwierige Worte vermerkt und die
Worte oder Buchstaben gezählt.
Dazu sei ein anekdotenhaftes Beispiel gebracht, nämlich die harschen Worte des a
ssyrischen Obermundschenks (Rabschake), eines engen Vertrauten des assyrischen K
önigs. Gegen Ende des 8. Jahrhundert vor Christus war das gewaltige assyrische R
eich zu seiner vollen Größe aufgestiegen, und hatte auch Feldzüge gegen Israel,
Juda und seine Nachbarstaaten unternommen. Dabei wurde Juda weitgehend verschont
mit der Auflage, jährlich soundsoviele Tonnen an Silber und Gold abzuliefern. V
erständlicherweise versuchte nun der jüdische König Hiskia, aus dieser eisernen
Zange zu entkommen und verbündete sich mit Ägypten gegen die assyrische Unterdrü
ckung. Der assyrische König merkte das aber recht bald, unternahm einen Feldzug
gegen Juda, schnitt dem heranrückenden ägyptischen Heer den Weg ab und stand nun
vor den Toren Jerusalems.
Auf der Stadtmauer saßen viele der Jerusalemer Bürger, um nun der Kapitulations-
Aufforderung des assyrischen Befehlshabers zu lauschen. Den hohen jüdischen Beam
ten war aber peinlich, dass der assyrische Gesandte so gut Hebräisch konnte und
ihn alle Bürger der Stadt verstehen konnten. So forderte er ihn auf, doch lieber
Aramäisch zu wählen, die internationale Diplomatensprache der damaligen Zeit, d
ie nur die hohen Regierungsbeamten verstanden. Darauf antwortete der Rabschake i
hnen: Hat mein Herr (ass. König) mich zu deinem Herrn (jüd. König Hiskia) und zu
dir gesandt, um diese Worte zu reden? Nicht zu den Männern, die auf der Mauer si
tzen, um mit euch ihren Kot (Qere: ihren Abfall) zu essen und ihren Urin (Qere:
das Wasser ihrer Beine) zu trinken? (Jes. 36, 12). Mit anderen Worten: Der assyri
sche Gesandte wollte, dass jedermann mitbekam, worum es ging. Wenn der jüdische
König Hiskia sich nämlich nicht freiwillig dem assyrischen Heer unterwerfe, werd
e er die Stadt solange belagern, bis die einfachen Leute in ihrer Verzweiflung K
ot essen und Urin trinken.
Diese harten und wenig höflichen Worte haben nun die Masoreten - die Schreiber d
es hebräischen Textes in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten - etwas gemil
dert. Sie haben an der Stelle, wo der hebräische Text die besagten vulgären Ausd
rücke enthält, zwei Randnotizen gemacht und darauf hingewiesen, dass man hier ni
cht Kot und Urin lesen solle, sondern Abfall und Wasser der Beine . Sie ließen aber
rprünglichen hebräischen Text unberührt stehen. Dieser ursprüngliche hebräische
Text steht aber genauso in den Schriftrollen von Qumran, ist also über 1000 Jahr
e unverändert geblieben; ja selbst, als man meinte, ihn etwas glätten zu müssen
(was man nur an einigen wenigen pikanten Stellen wie dieser hier getan hat), hat
man noch den ursprünglichen, uralten Text stehen gelassen und den neuen beziehu
ngsweise geänderten Text praktisch nur am Rande vermerkt.

Fazit
Somit bleibt das AT ein bis in unsere Zeit äußerst glaubwürdig und sorgfältig üb
erliefertes Dokument, und zwar von den ältesten Büchern, die Mose etwa um 1500 v
or Christus niedergeschrieben hat, bis zu den Büchern Maleachi, Daniel-Esra-Nehe
mia-Chronika, die etwa im 5. Jahrhundert vor Christus verfasst wurden. Das gilt
auch, wenn wir leider aus der Zeit Mose oder aus der Zeit der Propheten selbst k
eine Manuskripte haben: Aber wir haben gesehen:
1) Die Israeliten hatten von Anfang ihrer Geschichte an eine äußerst niedrige An
alphabetenrate, ohne Beispiel im Alten Orient, begünstigt durch die Erfindung de
r phänomenal einfachen Alphabetschrift.
2) Schon vor dem babylonischen Exil, also vor 600 vor Christus, muss die Bibel u
nd ihr Inhalt bekannt gewesen sein, sonst hätte man sich nicht solche Personenna
men ausgedacht und auch nicht kleine Bibelröllchen an Hand und Stirn gebunden od
er ins Grab gelegt oder solche Briefköpfe geschrieben.
3) Die Überlieferung der ältesten Manuskripte von Qumran, ungefähr 200 vor Chris
tus, bis ins Mittelalter, ungefähr 1000 nach Christus, verlief praktisch ohne Fe
hler. Die Bibel, die wir heute haben, ist ohnehin eine exakte Reproduktion des T
extes, der um 1000 nach Christus vorlag. Somit können wir 2200 Jahre Bibelüberli
eferung überschauen. Anhand der Ketef-Hinnom Silberrolle mit dem Priestersegen k
önnen wir sogar, wenn wir wollen, 2600 Jahre Bibelüberlieferung überschauen - oh
ne Veränderung.
4) Das alles geschah trotz des babylonischen Exils, trotz der Eroberung Jerusale
ms durch die Römer und des Endes des jüdischen Staatswesens von 70 nach Christus
bis 1948, als die Juden trotz des Holocausts wieder einen nationalen Staat grün
den konnten. Das ist in der Weltgeschichte ohne Beispiel; selbst die nordamerkan
ischen Indianer sind nicht wie die Juden in aller Herren Länder zerstreut worden
, aber haben trotzdem keinen eigenen Staat.
Somit besteht kein Zweifel daran, dass die Heiligen Schriften des Alten Testamen
tes wortgetreu von Mose und den Propheten an bis in unsere Zeit überliefert wurd
en. Die Bibel ist Menschenwort - und zugleich Gotteswort. Meinen Sie etwa, die J
uden hätten die Bibel allein aus nationalem Interesse so genau überliefert? Wo d
och in dieser Bibel selbst zum Beispiel geweissagt wurde, dass die Juden selbst
in aller Herren Länder zerstreut werden? Nein, hier liegt ein unerklärliches Phä
nomen vor, das nur mit der jüdischen und christlichen Überzeugung einer übernatü
rlichen Eingebung dieses Wortes, eines Verschmelzens des Wortes Gottes und der W
orte der Propheten, erklärt werden kann.
Ich lade Sie ein, dieses uralte, bis auf unsere Zeit bewahrte Wort zu lesen und
es als Gottes Wort auf Ihr Leben anzuwenden. Denn was für die Form dieses Wortes
gilt, gilt umso mehr für den Inhalt: Es ist Gottes Wort, wie ein Hammer, der Fel
sen zerschmeißt (Jer. 23, 29). Dieses Wort, das letzten Endes aus Gottes Mund her
vorgegangen ist, wird nicht leer dorthin zurückkehren, wie der Prophet Jesaja sc
hon vor 2700 Jahren gesagt hat (Jes. 55, 11). Gottes Prophezeiungen werden zusta
nde kommen, und sein Angebot der Errettung gilt allen Menschen, damals wie heute
.