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Johannes Tauler Predigt 44

Diese zweite Predigt über Johannes den Täufer spricht von


zweierlei Licht, dem der Gnade und dem der Glorie, und sagt
uns, wie wir das Zeugnis aufnehmen sollen, damit wir die
liebreiche, die schmerzhafte, die entrückende1 Liebe
empfinden.
"ER KAM, ZEUGNIS ZU GEBEN von dem Licht." Unsere Mutter,
die heilige Kirche, begeht diese Woche das Fest des
ehrwürdigen heiligen Johannes des Täufers. Ihn mit (unseren)
Worten zu loben, will nicht .viel bedeuten; denn unser Herr
Jesus Christus hat ihn auf würdige und erhabene Weise gelobt
und gesagt, unter den von einer Frau Geborenen sei keiner so
groß wie er.

Er hat auch gesagt: "Was seid ihr zu sehen gekommen? Einen


Propheten? Hier ist mehr als ein Prophet! Wozu seid ihr
gekommen? Einen Menschen in weichlichen Kleidern zu sehen?
Ein Rohr, das vom Wind hin und her bewegt wird? Dergleichen
werdet ihr hier nicht finden." Und Johannes sagte von sich
selbst, er sei die Stimme eines Rufenden in der Wüste: "Bereitet
den Weg unserem Herrn, und ebnet seine Pfade." Man singt
diese Woche' von ihm, er sei. eine Leuchte, hell brennend.
Sankt Johannes, der Evangelist, schreibt von ihm, daß er "ein
Zeugnis des Lichtes" sei. Und von diesem Wort wollen wir
(heute) sprechen.

Könnten wir diesen Heiligen noch mehr loben? Wir greifen


dieses Wort auf: "ein Zeuge des Lichtes". Das Licht, dessen
Zeuge er war, ist ein seinshaftes2, ein alle Erkenntnis
überschreitendes, ein alles übertreffendes Licht. Dieses Licht
leuchtet in das Allerinnerste, in den tiefen Grund (der Seele)
des Menschen. Aber wenn dieses Licht und dieses Zeugnis auf
den Menschen trifft und ihn berührt, so wendet sich der
Mensch, statt es zu pflegen, da wo es ist, von seinem Grunde
ab, kehrt die Ordnung um3 und will fortlaufen auf Trier zu oder
was weiß ich, wohin sonst, und nimmt das Zeugnis nicht an um
1
Versuch, das von Corin, Sermons, S.248, Anm. 1 gebrauchte Wort „liberateur" zu veranschaulichen: e
sich hier um Liebe, die zur Ekstase führt.

2
Hierzu ist die Erläuterung, die Kunisch in seinem Textbuch zu S. 93 in Anm. 5 gibt,
heranzuziehen, ebenso Anm. 5 bei Corin, Sermons II, 249.
seiner (Neigung zu) sinnenhaften äußeren Werken willen.

Es gibt auch noch andere Leute, die dieses Zeugnis nicht


annehmen: "Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen
ihn nicht auf." Solche leisten dem Licht Widerstand. Sie sind
weltlichen Sinnes, so wie die Pharisäer, die Sankt Johannes
"Natterngezücht" nannte und die sich doch als Kinder Abrahams
bezeichneten. Sie widerstreben allen, die das Licht lieben. Das
ist ein sorgen erregendes, beängstigendes Ding. Diese
Menschen hängen kaum (noch) mit einem Faden an dem Licht
und dem Glauben.

Nun sollen wir bedenken, daß die Natur schwach ist und nichts
vermag; darum hat ihr der barmherzige Gott eine
übernatürliche Hilfe gewährt, eine übernatürliche Kraft
verliehen: das Licht der Gnade, ein erschaffenes Licht: es hebt
die Natur hoch über sich hinaus und bringt alle -Kost mit sich,
deren die Natur nach ihrer Art bedarf. Darüber gibt es noch ein
ungeschaffenes Licht: das Licht der Glorie, ein göttliches Licht,
Gott selber. Denn wenn wir Gott erkennen sollen, so muß das
geschehen durch Gott, mit und in Gott, Gott durch Gott, wie der
Prophet sagt: "Herr, in deinem Licht sehen wir das Licht." Das
ist ein überströmendes Licht, das jeden Menschen erleuchtet,
der in diese Welt kommt. Dieses Licht leuchtet über alle
Menschen, böse und gute, so wie die Sonne scheint auf alle
Geschöpfe: sind sie blind, ihrer ist der Schaden. Wäre ein
Mensch in einem finstern Hause, so wäre er in dem Licht,
könnte er nur soviel Helligkeit haben, um ein offenes Fenster
oder ein Loch zu finden, durch das er seinen Kopf steckte. Ein
solcher Mensch gibt Zeugnis von dem Licht.

Nun wollen wir hören, wie der Mensch sich zu Beginn dem
Zeugnis gegenüber verhalten solle, damit er es aufnehmen
könne: er muß sich von allem, was zeitlich und vergänglich ist,
trennen. Denn dieses Zeugnis wird den niederen und den
oberen Kräften (in ihm) gegeben. Die niederste ist die Kraft des
Begehrens und des Zürnens: es ist (also) die (Kraft des)
Begehrens, die das Zeugnis (zuerst) aufnehmen soll: die muß
sich zum ersten trennen von dem natürlichen und sinnlichen
3
Lehmann ist an dieser Stelle Opfer eines Missverständnisses geworden, indem er
schreibt: " ... verläßt seinen Orden": 2,135.
Verlangen da, wo es eine Befriedigung findet, es sei an
Menschen oder an Kleidern oder, kurz gesagt, das, woran die
Sinne ihre Freude finden; was der Mensch braucht, das gönnt
Gott dem Menschen wohl.

Es ist wahrlich eine Einsamkeit, in die Gottes Stimme (den


Menschen auf diese Weise) ruft: das nennt man ein
abgeschiedenes Leben, diese Loslösung von aller Lust des
Geistes und der Natur, der inneren wie der äußeren. Sodann
wird dieses Zeugnis der zürnenden Kraft gegeben: da wird dem
Menschen Stetigkeit und Stärke gelehrt, daß der Mensch
unerschütterlich werde, einem stählernen Berg gleich, wenn er
dieses Zeugnis empfangen hat, und sich nicht mehr
niederwerfen lasse wie ein Rohr.

Wenn unser Herr sagte, Johannes sei kein Mensch, der sich
weichlicher Kleider bediene, so versteht man darunter Leute,
die des Leibes Behagen lieben und suchen. Nun gibt es zwar
solche, die das verschmähen; aber sie gleichen darin dem Rohr,
daß sie durch ein törichtes, dummes, spöttiges oder hartes
Wort hin und her bewegt und umgeworfen werden. Fürwahr,
beglückter Mensch, was kann dir ein Wort schaden? Aber da
kommt der böse Feind und flüstert dir jetzt dies, dann das zu,
und du wirst in ungeordneter Weise traurig: bald froh, bald
unfroh, jetzt so, dann so: ihr seid doch ein Volk, hin und her
bewegt wie das Rohr. Dieses Zeugnis wird auch in die oberen
Kräfte gegeben: in die Vernunft, den Willen und die Liebe. In der
Vernunft wirkt es wie ein Prophet. Dieses Wort bedeutet
jemanden, der weithin sieht: videns. Die Vernunft sieht weit, so
weit, daß es ein Wunder ist, wie weit sie sieht. Wenn ein
erleuchteter Mensch darin noch nicht so weit gelangt ist und er
verborgene, geheimnisvolle Dinge hörte, so gibt ihm sein Grund
davon Zeugnis und spricht: "So ist es recht!" Nun sagt unser
Herr: "Er ist mehr als ein Prophet", das bedeutet: in diesem
Grunde, in den die Vernunft nicht gelangen kann, sieht man das
Licht in dem Licht, das heißt, befindet man sich in dem
inwendigen Licht, das heißt, im Licht der Gnade; so sieht und
versteht man in dem geschaffenen Licht (das heißt mittels der
Vernunft) das Göttliche4.

Das geschieht zuerst in verdeckter Weise; in diesen Grund


4
Eine bei Vetter 330,29 ff. offensichtlich verdorbene Stelle. Die Übersetzung kann dem
Sinn der Stelle nur nachspüren: so auch Kunisch, Textbuch S. 96, Anm. 1; Corin, Sermons
II, 252 Am]'. 1; Lehmann 2, 136-137.
können die Kräfte nicht gelangen, nicht einmal sich ihm bis auf .
tausend Meilen nähern. Die Weite, die sich in dem Grund da
zeigt, besitzt weder die Form eines Bildes noch einer Gestalt,
noch (sonst) eine Art und Weise; es gibt kein Hier noch Dort;
denn es ist ein unergründlicher Abgrund, der in sich selber
schwebt, ohne Grund, so wie die Wasser wogen und wallen;
jetzt sinken sie in einen Abgrund, und es scheint, als sei gar
kein Wasser da; kurz darauf rauscht es daher, als ob es alles
ertränken wolle. (So auch hier.)

Es geht (wie) in einen Abgrund: darin ist Gottes Wohnung, viel


eigentlicher als im Himmel oder in allen Geschöpfen. Wer
dahinein gelangen könnte, der fände wahrlich Gott darin, und
sich selbst fände er mit Gott vereint5; denn Gott würde sich nie
mehr von ihm trennen; ihm wäre Gott gegenwärtig; und die
Ewigkeit wäre hier zu empfinden und zu verkosten; es gibt da
weder ein Zuvor noch ein Nachher.

In diesen Grund kann kein geschaffenes Licht hineinreichen


oder hineinleuchten; denn hier ist allein Gottes Wohnung und
Statt. Diesen Abgrund können alle Geschöpfe nicht ausfüllen;
sie können seinen Grund nicht erreichen; sie können ihm mit
nichts Genüge tun noch ihn befriedigen; niemand kann das
außer Gott allein in seiner Grenzenlosigkeit. Diesem Abgrund
entspricht, allein der göttliche Abgrund. "Abyssus abyssum
invocat." Dieser Grund --wer darauf fleißig achtete --leuchtet in
die Kräfte unter sich; er neigte und risse die oberen wie die
niederen zu ihrem Beginn, ihrem Ursprung, wenn der Mensch
nur darauf achtete und bei sich selber bliebe und auf die
liebevolle Stimme hörte, die in der Einsamkeit, in diesem
Grunde ruft und alles immer mehr da hineinführt. In dieser
Wüstung herrscht eine solche Einsamkeit, daß ein Gedanke nie
da hineinkommen kann. Wahrlich, nein! All die Gedanken der
Vernunft, die je ein Mensch über die heilige Dreifaltigkeit
gedacht hat -manche machen sich viel damit zu schaffen --,
keiner kann je in diese Einsamkeit gelangen.

Nein, ganz gewiß nicht. Denn (dieses Sein)6 ist so innerlich, so


5
Ich versuche Taulers Sinn -- Vetter 331,10 -unter Vermeidung von Wörtern wie
.einfältig" (Lehmann 2, 137) oder einfältiglich" (Kunisch,. Textbuch S. 96) zu treffen.
6
Um im Hinblick auf Kunisch, Textbuch, S. 97 Anm. 3 den Eindruck des Gemüthaften zu
weit, so weit (drinnen): es hat weder Zeit noch Ort. Es ist
einfach und ohne Unterschied, und wer auf rechte Weise da
hineinkommt, dem ist, als ob er hier ewig gewesen sei und er
eins mit Gott sei, obwohl das (stets) nur für Augenblicke gilt.
Aber diese kurzen Augenblicke werden empfunden und
erscheinen wie eine Ewigkeit. Dies erleuchtet und bezeugt, daß
der Mensch, ehe ,er geschaffen wurde, von aller Ewigkeit her in
Gott war. Als er in ihm war, da war der Mensch Gott in Gott.
Sankt Johannes schreibt: "Alles, was gemacht ist, hatte Leben in
ihm." Dasselbe, was der Mensch jetzt in seiner Geschaffenheit
ist, war er von Anbeginn her in Gott in Ungeschaffenheit, mit
ihm ein seiendes Sein. Und solange der Mensch nicht
zurückkehrt in diesen Zustand der Bildlosigkeit7, mit dem er aus
dem Ursprung herausfloß, aus der Ungeschaffenheit in die
Geschaffenheit, wird er niemals wieder in Gott hineingelangen.

Solange er nicht ganz und gar die Neigungen, die


Anhänglichkeit, die Selbstgefälligkeit ablegt, überhaupt alles,
was den Grund durch irgendein Gefühl des Habenwollens
befleckt hat, was der Mensch je mit Lust sein eigen nannte,
freien Willens, im Geist oder in seiner (menschlichen) Natur,
was je Eingang in ihn fand, in ungeordneter Weise und mit
Wissen und Willen aufgenommen wurde,

kurz, solange das (in ihm) nicht restlos ausgetilgt wird, wie es
war, als der Mensch aus Gott hervorging 8, so lange gelangt er
nicht wieder in seinen Ursprung.

Aber damit ist der Befreiung (des Menschen) von menschlichen


Bildern und Formen noch nicht Genüge geschehen, es sei denn,
der (menschliche) Geist werde zuvor mit dem Licht der Gnaden
überformt. Wer dieser überformung (seines menschlichen
Wesens) nun völlig folgte und in rechter Ordnung in seinen
inneren Grund eingekehrt wäre, dem könnte wohl (schon) in
diesem Leben ein Anblick der höchsten überformung zuteil

vermeiden, füge ich .dieses Sein" hinzu.


7
Um die irrige Vorstellung zu vermeiden, die sich für uns heute mit dem Worte
.Lauterkeit" verbindet, habe ich im Anschluß an Kunisch, Textbuch, S. 97, Anm. 8 das
Wort .Bildlosigkeit" gewählt.
8
Die Feststellung des Sinnes der Stelle bei Vetter 332,9 führt bei Kunisch, Lehmann und
Corin zu einem voneinander abweichenden Ergebnis.
werden, obwohl sonst niemand in Gott gelangen noch Gott
erkennen kann als in dem ungeschaffenen Licht, das heißt in
Gott selber: "Domine, in lumine tuo videbimus lumen." Wer oft
in seinen Grund sich kehrte und ein vertrautes Verhältnis zu
ihm hätte, der erhielte wohl manchen erhabenen (kurzen) Blick
auf diesen inneren Grund, der ihm noch klarer und deutlicher
zeigte, was Gott ist, deutlicher als seine leiblichen Augen die
Sonne am Himmel zu sehen vermögen.

Mit diesem Grunde waren (schon) die Heiden vertraut; sie


verschmähten vergängliche Dinge ganz und gar und gingen
diesem Grunde nach. Dann aber kamen die großen Meister
Proklos und Platon und gaben denen, die das nicht selbst finden
konnten, eine klare Auslegung. Sankt Augustinus sagt, daß
Platon das Evangelium "Im Anfang war das Wort ..." schon völlig
ausgesprochen habe bis zu der Stelle: "Es ward ein Mensch von
Gott gesandt." Das geschah freilich mit verborgenen,
verdeckten Worten. Aber die Heiden, fanden die Lehre von der
heiligen Dreifaltigkeit. Das, meine Lieben, kam (ihnen) alles aus
diesem inneren Grunde zu: sie lebten für ihn, sie pflegten
seiner.

Es ist doch ein schwerer Schimpf und eine große Schande, daß
wir armen Nachzügler, die wir Christen sind und so große Hilfe
haben -die Gnade Gottes, den heiligen Glauben, das heilige
Sakrament und noch manch andere große Unterstützung -,
recht wie blinde Hühner herumlaufen und unser eigenes Selbst,
das in uns ist, nicht erkennen und gar nichts darüber wissen':
das ist die Wirkung unseres zerteilten und nach außen
gerichteten Wesens, und daß wir zuviel Nachdruck auf die
Sinne legen, wenn wir tätig sind, auf unsere (eigenen)
Vorhaben, (das Beten der) Vigilien, Psalter und ähnlicher
Übungen, die uns so stark beschäftigen, daß wir niemals in uns
selbst kommen können.

Liebe Schwestern, wer seine Fässer nicht mit edlem Zypern


wein füllen kann, der fülle sie doch mit Steinen und Asche,
damit sie nicht ganz leer und ungefüllt bleiben und der Teufel
sich darin niederlasse. Das wäre immer noch besser, als
vielmals Rosenkränze herunterzubeten9.
9
Corin, Sermons Ir, 257 f. und Lehmann 2,139 weichen hier in der Auffassung von
Noch ein anderes Zeugnis findet sich in den oberen Kräften, das
ist die Kraft des Liebens, des Wollens. Wir haben diese Woche
vom heiligen Johannes gesungen: lucerna lucens et ardens: er
ist ein leuchtendes, ein brennendes Licht. Diese Leuchte gibt
Wärme und Licht. Du empfindest die Wärme an der Hand und
siehst doch kein Feuer, es sei denn, daß du oben hinein'
blicktest, und das Licht siehst du nur durch die Hornscheiben
schimmern. Ach, wer doch den Sinn (in diesem Vergleich)
wahrnähme und auf dieses Licht und diese Wärme häufiger
achtete.! Da ist die verwundende Liebe, die dich in diesen
Grund führen wird. Und solange du sie in dir fühlst, sollst du
dich antreiben lind mit ihr voranstürmen und deinen Bogen auf
das aller höchste Ziel hin spannen.

Kommst du aber in diesem verborgenen Abgrund in die


gefangene Liebe, so mußt du dich ihr nach ihrem Willen
überlassen; da hast du nicht mehr Gewalt über dich selbst; du
hast in dir weder einen Gedanken noch eine Übung der Kräfte,
auch kein Werk der Tugend. Aber gewinnst du' so viel Platz und
so viel Freiheit, daß du wieder einen Gedanken fassen kannst
und zurück in die verwundende Liebe fällst, so nimm deine
ganze Kraft zusammen, richte dich auf, und reiße dich (wie) im
Sturm mit der Liebe voran, und begehre und er(bitte) und treibe
sie vorwärts. Kannst du nicht sprechen, so denke und begehre,
wie der heilige Augustinus es ausdrückte: "Herr, du befiehlst
mir, dich zu lieben, gib mir das, was du mir gebietest; du
befiehlst mir, dich zu lieben von ganzem Herzen, aus ganzer
Seele mit allen Kräften, aus meinem ganzen Gemüte. Gib mir,
Herr, daß ich dich vor allem und über alles liebe.“ Und kannst
du das nicht in Gedanken fassen, so sprich es mit dem Mund
aus. Das versäumen die zu tun, die sich ohne Übung
niedersetzen, als ob alles (bereits) getan sei: die lernen diese
Liebe nicht kennen.

Hierauf kommt die quälende Liebe und schließlich, an vierter


Stelle, die entrückte Liebe. Ach, liebe Schwestern, die Liebe ist
(heute) gar sehr untergegangen und die Vernunft recht
aufgestiegen. Die Menschen waren (noch) nie so vernünftig
beim Zahlen und Verkaufen wie heute. Die Liebe der
Entrückung ist gleich der Lampe.

Kunisch ab (Textbuch S. 99). Bei der Stellung Taulers zu äußeren Frömmigkeitsübungen,


zu denen keine entsprechende innere Haltung kommt, ist es wohl denkbar, daß er selbst
ein geringes Maß inneren. Lebens -die Füllung der Fässer mit Asche und Steinen -der
äußerlichen übung des Gebetes vorzieht.
Der Mensch wird ihres Feuers wohl gewahr; sie macht ihn
ungestüm in all seinen Kräften: er seufzt (voll Angst) nach
dieser Liebe und weiß nicht, daß er sie besitzt. Sie verzehrt ihm
Mark und Blut. Hier sieh dich vor, daß du die Natur nicht mit
deinen eigenen äußeren Übungen (der Frömmigkeit) verdirbst.
Wenn die Liebe ihr Werk tun soll, so darfst du dich ihr nicht
entziehen, du mußt ihr in ihren Stürmen und in ihrem
Hinausdrängen folgen. Da sagen etliche, sie wollten sich vor
dem Sturm schützen, um nicht zugrunde zu gehen: das gehöre
nicht zu ihrem Leben. Meine Lieben! Wenn die Liebe der
Entrückung (über einen Menschen) kommt, geht alles
menschliche Werk unter; da kommt unser Herr und spricht
durch diesen Menschen ein Wort: erhabener und
nutzbringender als hunderttausend Wörter, die alle Menschen je
sprechen könnten.

Sankt Dionysius sprach: "Wenn das ewige Wort in den Grund


der Seele gesprochen wird und der Grund so viel Bereitschaft
und Empfänglichkeit zeigt, daß er das Wort aufnehmen kann in
seiner Ganzheit und in erzeugender Weise, nicht (nur) teilweise,
sondern gänzlich: da wird der Grund eins mit dem Wort in
Wesenheit; doch behält der Grund seine Geschaffenheit in
seinem Wesen noch in der Vereinigung. Das bezeugt unser Herr
mit den Worten: ,Vater, laß sie eins werden (mit dir), wie wir
eins sind'; und zu Augustinus: ,Du sollst in mich verwandelt
werden.'« Dazu kommt niemand außer über die Liebe. -Nun
sagte Johannes, er sei die Stimme eines Rufenden 'in der
Wüste: "Bereitet den Weg des Herrn"; damit meint er den Weg
der Tugenden. Dieser Weg ist gar eben. Und er fährt fort:
"Machet gerade, richtet aus seine Pfade." Fußpfade führen
rascher zum. Ziel als Wege. Wer (freilich) jetzt im Korn die
Fußpfade suchen wollte, dem müßte das wohl sauer werden,
und er verliefe sich gar; und doch führen sie auf einem
geraderen und kürzeren Weg zum Ziel als die allgemeinen,
breiten Straßen.

Meine Lieben! Wer die Pfade auffinden könnte, die in den Grund
führen, wie würde der seinen Weg zielgerecht wählen und ihn
so sehr abkürzen, daß er irgend etwas des Grundes wahrnähme
und vor allen Dingen bei sich selbst bliebe und auf die Pfade
aChtete; denn die sind gar wild, (nur) für den Geschickten
geeignet, dunkel, unbekannt und (unserer Natur) fremd. Wer
das beachtete, der träfe auf keine Widerwärtigkeit, auf keine
Drangsal, weder außen noch innen, ja auch nicht auf die
Gebrechen, die den Menschen befallen: alles würde zum
Grunde hinleiten, locken und treiben.

Man ' sollte die Pfade auch im Innern ebnen, auf sie achten und
auf die Wege des (menschlichen) Geistes zu Gott und Gottes zu
uns, denn die sind nur mit Geschick zu begehen und verborgen.
Und das kehren viele Leute um und laufen ihren äußeren
(Frömmigkeits)Übungen und äußerer Wirksamkeit nach; sie
verhalten sich wie jener, der nach Rom reisen wollte, das ist
landaufwärts, und das Land abwärts ging auf Holland zu. Je
mehr er voranging, um so mehr kam er von seinem Ziel ab.
Und wenn diese Menschen (dann) zurückkommen, sind sie alt,
der Kopf schmerzt sie, und sie können dem Werk der Liebe und
ihren Stürmen nicht mehr genügen.

Meine Lieben, wenn der Mensch in diesem Sturm der Liebe


steht, soll er nicht an seine Sünde denken noch an Demut, noch
an irgend etwas anderes, sondern nur daran, daß er der Liebe
in ihrem Werk genugtue. Der Sturm der Liebe kann auch einen
kalten, gelassenen, harten Menschen überkommen. Da soll man
sich der Liebe überlassen, ihr ganze Treue bewahren und sich
frei und ledig halten alles dessen, was nicht Liebe ist; begehre
nach dieser Liebe stets eifrig, habe ein ganz festes Vertrauen zu
ihr, halte dich an ihr fest, und du wirst ebenso stark und
ebensoviel empfinden, als je ein Mensch in dieser Zeitlichkeit
empfand. Wenn deine Treue nicht vollkommen ist, so wird dein
Begehren geschwächt, und deine Liebe verlischt, und aus (all)
dem wird nichts. Und wenn du alle Wahrzeichen hast, die man
haben kann, und empfindest nicht das Zeugnis der Liebe, so ist
alles verloren.

Das mag dich wohl hart bedrücken; der Feind läßt dir gerne alle
anderen Merkmale, wenn dir nur das wahre Zeugnis der Liebe
nicht wird. Die betrogene Liebe überläßt er dir. Manchen
Menschen bedünkt, er besitze die Liebe; sähe er aber tief in
seinen Grund, er fände wohl, wie es um seine Liebe steht. Alles,
woran es euch gebricht, ist: ihr könnt nicht in -den Grund
gelangen; gelangtet ihr dahin, ihr fändet die Gnade, die eud1
ohne Unterlaß antriebe, euch mit erhobenem Geiste über euch
selbst zu erheben. Dieser Mahnung widersteht der Mensch so
sehr und so oft: er macht sich (dadurch) ihrer so unwürdig, daß
sie ihm in alle Ewigkeit nicht mehr zuteil wird; das verdirbt der
Mensch alles durch seine Selbstgefälligkeit. Wäre der Mensch
dem Gnadenblicke (Gottes) gehorsam, er würde ihn zu solch
einer Vereinigung (mit Gott) führen und bringen, daß er in
dieser Zeitlichkeit das empfände, dessen er sich in alle Ewigkeit
erfreuen soll; das hat Erfahrung uns bereits gezeigt.

Daß uns allen dies geschehe, dazu helfe uns Gott.

AMEN.