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Johannes Tauler Predigt 46

Diese Predigt aus dem Evangelium des heiligen Lukas auf den zehnten Sonntag nach
Pfingsten1 spricht davon, daß unser Herr über Jerusalem weinte und die Käufer und
Verkäufer aus dem Tempel jagte; sie tadelt streng Weltleute und Geistliche, die leichtsinnig
dem Vergnügen nachgehen, und bedroht sie mit den furchtbaren Strafen der ewigen
Verdammnis.

ALS UNSE'R HERR sich Jerusalem näherte und die Stadt (vor sich liegen) sah,
weinte er über sie und sprach: "Jerusalem, wenn du die Tage kenntest, die dir
bevorstehen, so würdest auch du weinen, denn deine Feinde werden eindringen, dich
zerstören und keinen Stein auf dem anderen lassen." Dann setzte er seinen Weg fort,
trat in den Tempel, trieb die Käufer und Verkäufer mit Schlägen hinaus und sagte:
"Mein Haus ist ein Haus des Gebetes, ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle
gemacht."
Die Stadt, über die unser Herr geweint hat, ist vor allem die heilige Kirche, die heilige
Christenheit. Sodann hat unser Herr über die weltlich gesinnten Menschen geweint,
und in der Tat ist hierzu aller Grund. Alle Menschen könnten und vermöchten nicht
genug über diese weltlichen Menschen weinen; diese nämlich kennen nicht den Tag
ihrer Heimsuchung, und sie wollen ihn auch gar nicht kennen. Und wenn sie ihn
kännten! Das würde ihre Ruhe nicht stören. Auch die Einwohner von Jerusalem
beunruhigte das nicht, daß der Heiland über sie weinte. Was sind das für Leute? Alle
die, welche nach Lust und Begier ihrer äußeren Sinne leben, die bewahren Ruhe.
Wenn sie des Gutes genug haben, Herrschaft, Freunde und Verwandte, Gut und
Ehre, und wonach ihr Herz gelüstet, so haben sie Ruhe nach Herzenslust, nach
Herzens Begehr; sie haben Wonne und Freude, als ob sie ewiglich leben sollten. Sie
gehen wohl zur Beichte, beten auch: es dünkt sie, sie seien gut daran. Sagt man ein
einzig Wort, daß es nicht gut um sie stünde, so ist das in den Wind gesprochen. Sie
ruhen sich in ihrer (Selbst)Gerechtigkeit aus und glauben sich darin vollkommen
sicher.
Aber was kommt nach diesen Freuden, diesem Frieden, dieser Sicherheit? Ihre
Feinde werden über sie kommen und keinen Stein auf dem anderen lassen. Wenn die
Zeit ihrer Heimsuchung kommt, dann, wenn Gott sie heimsuchen wird,

1
Diese Angabe entstammt wie die über den Predigten stehenden Inhaltsangaben zumeist den von K. Schmidt
abgeschriebenen Straßburger Hss. A 89, A 88, A 91, bei Vetter zusammenfassend als Hs. S bezeichnet, oder auch nur einer
von ihnen. -Corin III, 283 gibt an: 2. Pred, auf den 8. Sonntag nach Dreifaltigkeit.
in der Stunde ihres Todes, dann kommt der Feind und schließt sie mit den Gräben
qualvollen Verzweifelns ein; welchen Weg sie dann auch fliehen wollen, sie stürzen
stets hinein und können nicht einen einzigen Gedanken an Gott denken.
Das ist kein Wunder: Gott war nie in ihnen, sie haben nie auf ihn gebaut, nie ihn als
Grundfeste (ihres Lebens) betrachtet, ihm nie Aufmerksamkeit geschenkt, sondern
(nur) ihren sinnlichen, zeitlichen Freuden. Und stürzt der Grund, das Fundament,
dann stürzt auch der Friede, der darauf gebaut war. Und daraus folgt ein qualvoller,
ewiger Unfriede, vor dem alle Menschen 'erbeben, nicht allein Tränen vergießen,
sondern verdorren müßten, außer sich geraten und blutige Tränen darüber weinen.
Christus hat nicht ohne triftigen Grund geweint; es war und ist Grund, zu weinen, zu
klagen, daß sie ihren Zustand nicht erkennen, wie Christus sprach: "Erkenntest du
(was dir bevorsteht), du weintest." Ach, welche Genugtuung, welche Ruhe! Es steht
im ersten Brief des heiligen Johannes geschrieben: "Die ganze Welt kennt nur
Befriedigung der Sinne, Lust des Leibes, Hoffart des Lebens." Wie Gott das richten
wird, wollte Gott, ihr wüßtet das und hättet eine Vorstellung von diesem
schrecklichen Tag des Urteils, von diesem Unfrieden, auf den nie Friede folgen wird.
Das hört nicht als mein Wort, sondern als das des heiligen Gregor in seiner
Erläuterung (zu dieser Stelle der Heiligen Schrift).
Dann ging unser Herr weiter in den Tempel und trieb mit Schlägen alle die hinaus,
die dort verkauften und kauften, und sprach: "Mein Haus soll ein Haus des Gebetes
sein, ihr habt es zu einer Mördergrube gemacht." Ein Mordhaus, eine Mördergrube!
Beachtet, welches der Tempel ist, der so zur Mördergrube geworden ist! Das ist
Seele und Leib des Menschen, im eigentlicheren Sinn ein Tempel Gottes als alle
Tempel, die je gebaut wurden, denn Sankt Paulus sprach: "Der Tempel Gottes ist
heilig, und der seid ihr." Wenn unser Herr diesen Tempel besuchen will, findet er ihn
zum Mordhaus und Kaufhaus· geworden. Was bedeutet "kaufen" und "verkaufen"?
Die Leute geben zum Beispiel Korn (das sie haben) gegen Wein, den sie nicht haben:
das ist ein Kauf.
Wer sind diese Kaufleute? Das sind die, die das, was sie haben, gegen das geben, was
sie nicht haben. Nun hat der Mensch nichts so sehr eigen als seinen freien Willen;
mit dessen .Preisgabe erkauft er die Genugtuung an zeitlichen Dingen, welcher Art
sie immer seien. Sie geben ihren eigenen Willen hin und suchen Befriedigung an
Speisen, an Kleidern, die sie ansammeln, an Schmuck, Gefallen an sich selbst und an
den Leuten, wo immer sie können. "Wahrlich, wir müssen schließlich auch einen
Liebhaber haben, ein Herz, das schadet nichts, es ist eine geistliche Liebe, wir
müssen uns ergötzen, Zeitvertreib haben; darauf wollen wir nicht verzichten." Nun
wisse von mir, solch einen Kauf tust du stets, wenn du deinen freien Willen hingibst;
solange du in solchen Umständen bleibst, wird dir Gott immer fremder und ferner.
Sankt Bernhard sprach: "Göttlicher Trost ist so zart, daß er in keiner Weise sich da
findet, wo man anderen Trost empfängt." -"Aber, Herr, wir sind Ordensleute, wir
gehören einem Orden an." -"Nun, tu alle Mäntel und Gewänder an, die du willst, tust
du nicht das, was du von Rechts wegen tun sollst, so nützt dir das alles nichts."
Ein Mann hatte ein Unrecht begangen; er trat in einen Orden, machte sein Unrecht
aber nicht gut; der Teufel kam, zerriß ihn in hundert Stücke, ließ die Kutte ganz und
nahm den Mann mit Leib und Seele mit sich, daß man es sah. Seid also ferner mehr
auf der Hut! Wie ist doch die Welt solcher Kaufleute voll, unter Priestern und
Weltleuten, Ordensleuten, Männern wie Frauen; ach, das ist ein weitläufiger
Gegenstand (für einen), der das erkunden wollte, wie so voll des Eigenwillens
jeglicher ist, so voll, so voll! Und gerade unter den starken Männern sind wenige die
sich Gott unterwerfen. Die es tun -und wie gering an Zahl sind sie -, sind arme
Frauen; denn .alles wird von der Natur beherrscht, von der Eigensucht: und damit
suchen sie das Ihre in allen Dingen.
Wollten sie mit Gott einen Kauf tun und ihm ihren Willen geben, es wäre ein seliger
Kauf! Was haben sie jetzt davon? Sie haben steten Unfrieden. Und doch sind sie
besser daran als die (von denen wir oben sprachen), sie haben doch Leid und
Schmerzen ; und dadurch werden sie vor dem ewigen Tod bewahrt, was bei jenen
nicht der Fall ist. Diese sind in stetem Unfrieden; denn wie die Schrift sagt, daß ein
jeglicher ungeordneter Geist sich selbst eine Marter und eine Last ist, leben sie in
Unruhe und wissen selbst nicht, was mit ihnen ist: und das heißt, daß ihr Tempel ein
Kaufplatz ist und sie nicht davon lassen wollen. Sankt Bernhard sagt auch: "Wenn der
Mensch Freunde und Verwandte verläßt, Erbe und Eigentum und die ganze Welt,
hat er sich nicht selbst verlassen, so ist das nichts. Er soll seines Eigenen so frei sein,
als er war, da Gott ihn schuf." Nun, der Mensch muß sich selbst genugtun: er muß
essen, trinken, schlafen, sprechen,. hören und dergleichen noch mehr, was alles ihm
bildhafte Vorstellungen bringt.
Merke: der Mensch soll Gott gänzlich im Sinn haben, er soll ihm nachjagen, ihn in all
seinem Tun suchen; und hat er das getan, so lasse er die Bilder der Dinge ganz und
gar fahren und leere seinen Tempel und halte ihn rein, als wenn es nie anders
gewesen wäre; dann darf er mit der Braut (im Hohenlied) sprechen: "Unser Lager
ist mit Blumen geschmückt"; es ist voll himmlischer Vorstellungen und Gedanken.
Wäre der Tempel entleert und hättest du Käufer, Verkäufer und die Phantasien, die
ihn eingenommen haben, hinausgeworfen, so könntest du ein Gotteshaus werden,
nicht eher, was du auch tust; du hättest den Frieden deines Herzens und Freude, und
dich störte nichts mehr (von dem), was dich jetzt stets stört, dich bedrückt und dich
leiden läßt.
An anderer Stelle heißt es: Unser Herr ließ einen Propheten den Tempel von
Jerusalem schauen und sprach: "Grabe durch die Mauern in den Tempel durch." Als
der Prophet das getan, sprach er: "Herr, hier innen sind furchtbare Bilder zu sehen."
Unser Herr antwortete: "Diese furchtbaren Bilder hat die Tochter Israel sich selbst
geschaffen; die hat sie sich selber gemacht mit manchem nichtigen Bild; davon muß
sie (nun) auch manche ungeordnete Traurigkeit haben."
Und daran wird man den Unterschied zwischen den Erwählten und den
Nichterwählten erkennen: denn die Erwählten finden in ungeordneten Dingen keine
vollkommene Ruhe. Selbst wenn sie zuweilen sich selbst verlieren und ihr Wesen (als
das eines Erwählten) 'abgestreift und alle göttlichen Dinge hinter sich geworfen
haben, so haben sie doch große Furcht, großen Schmerz, den Vorwurf des
Gewissens, sobald sie zu sich selber kommen : das bewirkt der Heilige Geist; wie
denn geschrieben steht, daß der Heilige Geist für uns bitte mit seufzendem Flehen.
Diese Leute bereuen schließlich ihr ungeordnetes Leben; sie weinen darüber, und so
werden sie zuletzt gerettet: aber das dauert zuweilen recht lange. Das ist eine
unermeßliche Gnade Gottes; selig der, dem Gott das gibt, daß er gemahnt und
gewarnt wurde, es sei von innen oder von außen.
Aber es ist leider an dem, daß die Dinge sich ändern werden; in vielen Ländern kann
man nicht mehr lehren, nicht predigen, nicht warnen. Das sage ich euch im voraus,
solange ihr das Wort Gottes noch habt; denn man weiß nicht, wie lange das noch
sein wird: macht es euch zunutze! Laßt das Wort zu eurer Vernunft gelangen, wo
man es verstehen kann. Das edle Gotteswort wird wenig verstanden; das liegt daran,
daß es in den 'Sinnen steckenbleibt und nicht bis ins Innere gelangt. Was trägt Schuld
daran? Das kommt daher, daß der Weg versperrt ist, eingenommen, gestört durch
andere Bilder, daß also das (göttliche) Wort nicht ,zur richtigen Stelle kommen kann,
es sei denn, die Wege würden geräumt, die (gott)fremden Freuden, die Bilder der
Geschöpfe ausgetrieben: sonst wird die Wahrheit nicht verstanden.
Heute predigt man eine Wahrheit, morgen dieselbe, und so oft; und doch soll man
dasselbe stets mit Liebe und Fleiß anhören, denn allerwege ist eine neue Wahrheit
verborgen, die entdeckt werden muß und nie ganz und gar verstanden wird; die vor
allem haben großen Nutzen, die mit freier Seele dahin kommen; aber viel vom Wort
Gottes geht verloren und bleibt unverstanden bei denen, deren Seele noch2 nicht frei
ist; es gelangt bei ihnen in die Sinne, die Phantasie und kommt der Hindernisse
wegen nicht bis an seinen wahren Platz. Wären diese Hindernisse weg, die Kaufleute
ausgetrieben, der Tempel geräumt, so würde der Mensch gänzlich ein Haus des

2
Wörtlich: "die nicht frei sind" ; erläuternd: "deren Seele noch nicht frei ist",
oder: "die in sich noch nicht frei sind" (letzteres Hs. 5).
Gebetes, ein Haus Gottes, in dem Gott wohnte: er wäre ganz und gar ein Haus des
Gebetes.
Welches dieses Gebet und welches dieses Beten sei, davon ein andermal!
Daß wir so die Kaufleute austreiben und von uns tun, damit unser Haus Gott
genehm werde, dazu helfe uns Gott.
AMEN.